46  Das  Deutschtum  in  der  Zerstreuung.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

magyarische  Scheinliberalismus  ist  über  diese  S  chranken  rückschtslos
hinweggeschritten.  Innerhalb  des  Magyarentums  machen  verschiedene
politische  Strömungen  sich  geltend.  Die  48er  streben  ganz  von  Osterreich
  los,  ihr  äußerster  Flügel  hat  den  Gedanken  einer  ungarischen
Republik  verkündet.  Die  67er  wollen  an  der  Personalunion  festhalten,
aber  unter  Verstärkung  der  ungarischen  Autonomie  und  Mehrung  der
ungarischen  Sondervorteile.  Und  alle  magyarischen  Politiker  erstreben
  ein  national  einheitliches,  d.  h.  ein  magyarisches  Ungarn.  Man
fordert  die  magyarische  Kommandosprache  für  alle  ungarischen  Regimenter
  der  gemeinsamen  Armee,  die  wirtschaftspolitische  Abschließung
gegen  Osterreich  durch  eine  Zollgrenze  wie  gegen  das  Ausland,  die
eigene  Reichsbank.  Nach  außen  richten  sich  die  Wünsche  auf  Machterweiterung.
  Dalmatien  und  Bosnien,  das  Erbe  Osterreichs  im  Orient.
soll  zu  Ungarn  geschlagen  werden,  und  phantastische  Pläne  greifen  noch
weiter  nach  der  Balkanhalbiusel  aus.  Als  Grundlage  für  diese  Großmachtpolitik
  sollen  zunächst  die  10½  Millionen  Nichtmagyaren  eingeschmolzen
  werden.  Dem  überhitzten  Chauvinismus  der  Arpadsöhne
erscheint  dabei  gerade  die  kulturelle  Überlegenheit  des  Deutschtums  als
das  schwerste  Hemmnis  für  die  Herstellung  des  „magyarischen  Globus“.

Unwillkürlich  gestaltet  sich  jede  Erörterung  über  die  Lage  der  Nationalitäten
  in  Ungarn  zu  einer  Anklage  wider  das  Magyarentum,
die  um  so  schärfer  ausfällt,  je  geflissentlicher  das  offizielle  Ungarn
dem  Ausland  gegenüber  den  Tatbestand  verschleiert.  Es  ist  hier  nicht
der  Ort,  die  Lage  der  sonstigen  Nationalitäten  in  Ungarn  zu  erörtern.
Nur  die  Verhältnisse  der  Deutschen  haben  wir  genauer  ins  Auge
zu  fassen.  Ein  kennzeichnender  Vorgang  mag  dabei  als  Präludium
eine  Stelle  finden.  Auf  einem  Festbankett,  das  1908  die  deutsche  Gruppe
des  interparlamentarischen  Friedenskongresses  zu  Berlin  veranstaltete,
hat  der  damalige  ungarische  Kultus=  und  Unterrichtsminister,  Graf
Albert  Apponyi,  erklärt:

„Ich  bitte  Sie,  es  nicht  als  Anmaßung  zu  betrachten,  wenn  ich  als  Angehöriger
  eines  verhältnismäßig  kleinen  östlichen  Volkes  in  Ihrer  unmittelbaren
  Nachbarschaft  über  deutsches  Wesen  zu  Ihnen  spreche.  Wir  studieren
Sie,  wir  glauben  Sie  zu  kennen  und  glauben,  daß  Sie  nirgends  mehr  und
besser  verstanden  werden  als  gerade  bei  uns.  Der  deutsche  Geist  ist  so  beschaffen,
  daß  seine  Eigenheit  von  kräftiger  Art  ist,  daß  er  der  universalste
Geist  ist  unier  denjenigen,  die  den  Völkern  gegeben  worden  sind.  Fiele  einmal
  ein  Mann  aus  dem  Mond  auf  die  Erde  und  würde  er  mich  fragen,

welche  Sprache  er  lernen  solle,  um  das  Kulturleben  der  Menschheit  auf  unterem
  Planeten  zu  begreifen,  so  würden  ich  ihm  unbedingt  das  Studium