48  Das  Deutschtum  in  der  Zerstreuung.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

Nationalitäten  im  Lande  gelangt,  die  nicht  alle  die  Langmut  der  Deutschen
besitzen.  Namentlich  Rumänen  und  Kroaten  zeigen  sich  zuweilen  recht
aufsässig.  Vor  allem  der  Geduld  der  Krone  wird  eine  allzu  harte  Belastungsprobe
  zugemutet.  Schon  das  Ministerium  Fejervary  hatte  gegen
die  184  8er  Partei  einen  ersten  Vorstoß  unternommen,  dessen  Erfolg  zum
mindesten  so  viel  erkennen  ließ,  daß  hinter  der  damaligen  parlamentarischen
  Mehrheit  keine  unüberwindliche  Macht  stand.  Das  Ministerium
  Khuen-Hedervary  hat  das  noch  klarer  erwiesen.  Nach  Auflösung
des  Parlaments  ergaben  die  Neuwahlen  eine  arbeitswillige  Mehrheit.
Aber  die  obstruierende  Minderheit  setzte  den  Widerstand  gegen  die
Forderungen  der  Krone  hartnäckig  fort,  bis  unter  dem  dergeitigen  Ministerium
  Lukacs  der  Präsident  des  ungarischen  Reichstags,  Stephan  Tisza,
die  parlamentarische  Obstruktion  bewältigt  hat.  Die  Wehrvorlage,  um
die  in  erster  Linie  der  Streit  wogte,  ist  nach  den  Wünschen  der  Krone
gestaltet.  Aber  die  Wahlreform  ist  noch  unerledigt.  In  bezug  auf  die
Geltendmachung  der  national-magyarischen  Ansprüche  gegenüber  den
Nationalitäten  unterscheiden  sich  Tisza  und  Genossen  in  keiner  Weise
von  den  früheren  Machthabern,  und  die  radikale  Opposition  ist  nur
beiseite  geschoben  und  nicht  vernichtet.  Bisher  sind  alle  Bemühungen
vergeblich  gewesen,  zwischen  der  unbegrenzten  Begehrlichkeit  und  dem
zügellosen  magyarischen  Chauvinismus  der  ungarischen  Gentry  und
ihrer  Gefolgschaft  einerseits  und  den  aufgepeitschten  Instinkten  der
Nationalitäten  andererseits  eine  den  Forderungen  des  dualistischen  Gesamtstaates
  dienliche  Verständigung  zu  erzielen.  Der  milde  Sinn  des
greisen  Herrschers  verzichtet  auf  die  rückhaltlose  Anwendung  der  Machtmittel,
  die  in  Ungarn  noch  immer  und,  bei  der  Spannung  des  Magyarentums
  und  der  Nationalitäten,  in  gesteigertem  Maße  der  Dynastie
zu  Verfügung  stehen.  Ob  unter  einem  neuen  Herrscher  die  Krone  die
gleiche  Nachsicht  walten  läßt,  steht  dahin.

In  Ungarn  harren  die  Nationalitäten  dem  Tage  der  Befreiung  entgegen.
  Kommt  sie  nicht  von  der  Krone,  dann  könnten  Slowaken,  Ruthenen,
  Rumänen  und  Serbokroaten  mit  ihren  Volksgenossen  jenseits
der  ungarischen  Grenzen  Gemeinschaft  suchen.  Die  rumänische  und
namentlich  die  füdslawische  Gefahr  werfen  schon  ihre  Schatten  voraus.
Wie  die  Magyaren  von  Osterreich  fortstreben,  so  streben  die  Kroaten
von  Ungarn  los.  In  Kroatien  ist  in  den  letzten  Jahren  der  Landtag
zu  wiederholten  Malen  aufgelöst  worden.  Jede  Neuwahl  hat  eine  der
magyarischen  Herrschaft  feindliche  Mehrheit  ergeben.  Den  letzten  Land-