Ungarn;  Nationalitäten  49

tag  hat  noch  vor  seinem  Zusammentritt  ein  gewaltsames  Ende  erreicht,
man  sagt.  weil  die  Kroaten  den  Plan  hatten,  in  offener  Sitzung  die
Lostrennung  von  Ungarn  zu  verkünden.  Von  allen  Nichtmagyaren
sind  jedenfalls  die  Deutschungarn  die  zuverlässigsten  Staatsbürger.  Hinsichtlich
  der  Siebenbürger  Sachsen  wird  das  heute  seitens  des  Magyarentums
  offen  anerkannt,  nachdem  an  dem  tapferen  Widerstand  des  kleinen
  Völkchens  alle  Versuche  gewaltsamer  Magyarisierung  abgeprallt
sind.  Die  Siebenbürger  Sachsen  sind  dieselben  geblieben  wie  vordem.
Mutig  bekennen  sie  sich  zu  ihrem  deutschen  Volkstum,  ohne  darüber
auch  nur  im  geringsten  ihre  Pflichten  gegen  den  ungarischen  Staat
zu  vergessen.  Auf  den  Vorwurf,  daß  sie  „nach  Deutschland  schielten“,
ist  kürzlich  von  einem  aus  ihrer  Mitte  die  männliche  Erwiderung  erfolgt:
  „Wir  schielen  nicht,  wir  sehen  offenen  Blicks  nach  Deutschland,
der  Wiege  unseres  Volkstums,  nach  dem  Deutschland,  das  auch  heute
die  Quelle  unserer  besten  geistigen  Kraft  ist.“  —  Die  ungarische  Regierung
  hat  den  Siebenbürger  Sachsen  gegenüber  ihre  Haltung  geändert.
  Man  läßt  hier  dem  Deutschtum  neuerdings  Luft  und  Licht,
wie  sonst  an  keiner  Stelle  in  Ungarn.  Die  Gründe  liegen  auf  der  Hand.
In  Siebenbürgen  hat  das  rumänische  Volkstum  die  Mehrheit.  Es
drängt  sichtlich  die  Magyaren  zurück  und  bedroht  auch  die  Deutschen.
Eine  Vernichtung  des  sächsischen  Volksstammes  käme  nicht  den  Magyaren,
  sondern  den  Rumänen  zugute.  Das  Magyarentum  hat  also  gerade
  hier  ein  Interesse  an  der  unversehrten  Erhaltung  des  deutschen
Elements.  Nebenher  kann  man  die  Siebenbürger  Sachsen  als  die  Renommierdeutschen
  Ungarns  ausspielen,  als  lebendigen  Beweis  für  die
Großmut,  die  das  Magyarentum  den  Deutschen  gegenüber  übt.  Jedenfalls
  geht  man  überall  sonst  neuerdings  mit  gesteigerter  Schärfe  gegen
jede  Spur  einer  deutschvölkischen  Regung  vor.  Ist  der  Verdacht  ganz
unbegründet,  das  man  die  Viertelmillion  der  Siebenbürger  Sachsen
auch  aus  dem  Grund  schont,  um  inzwischen  den  mehr  als  zwei  Millionen
  der  übrigen  Deutschen  in  Ungarn  die  nationale  Zukunft  abzuschneiden?
  Das  kleine  Häuflein  der  Deutschen  in  Siebenbürgen  bliebe
danu  als  völlig  belanglose  Minderheit  zurück.  Das  sind  Vermutungen.
Ob  sie  zutreffen  oder  nicht,  dürfte  an  dem  unerbittlichen  Gang  der
Dinge  nichts  ändern.  »

Ungarn  ist  so  wenig  wie  Osterreich  ein  Nationalstaat,  und  es  kann
ein  solcher  nicht  werden.  Ziffernmäßig  ist  das  Verhältnis  der  Magyaren
  zu  der  Gesamtheit  der  übrigen  Volksstämme  in  den  Ländern  der

ANuG  102:  Hoeniger,  Dertschtum  im  Ausland.  2.  Auil.  4