Rußland;  geschichtliche  Entwicklung  der  deutschen  Einwanderung  53

ruffischen  Staat  haben  diedeutschen  Balten  außerordentliche  Dienstegeleistet.
  Eine  unverhältnismäßig  große  Zahl  russischer  Staatsmänner,  Feldherren
  und  zuverlässiger  Beamten  ist  aus  ihren  Reihen  hervorgegangen.

In  dem  heute  unker  rusfischer  Herrschaft  stehenden  Teile  Polens
sind  gleichfalls  schon  im  Mittelalter  deutsche  Siedler  eingerückt.  Das
städtische  Leben  Polens  dankt  ihnen  seinen  Ursprung,  und  die  ersten
Musterstätten  landwirtschaftlichen  Betriebes  sind  dort  von  ihnen  geschaffen.
  Aber  in  dem  weitgedehnten  Flachland  waren  die  vereinzelten
Sitze  deutscher  Tätigkeit  zu  spärlich  verteiit,  als  daß  sie  sich  gegenseitig
hätten  stützen  können.  In  dem  drangsalvollen  Verlauf  der  polnischen
Geschichte  hat  die  flawische  Flut  alteingesessenes  deutsches  Volkstum
in  Stadt  und  Land  verschlungen.  In  dürftigen  Resten  ist  an  ganz
wenigen  Stellen  deutsche  Tätigkeit  seit  der  mittelalterlichen  Kolonisation
  ununterbrochen  wirksam  geblieben.  Im  17.  Jahrhundert  fand
sich  neuerdings  deutscher  Zuzug  ein.  Es  waren  Flüchtlinge,  die  in  den
unruhigen  Zeiten  des  Dreißigjährigen  Krieges  namentlich  aus  der
Mark  Brandenburg  abwanderten.  Dann  führten  die  sächsischen  Kurfürsten
  als  Könige  von  Polen  dem  Lande  deutsche  Kräfte  zu.

Vor  allem  war  es  Zar  Peter  der  Große,  der  Ende  des  17.  und
Anfang  des  18.  Jahrhunderts  Rußland  zu  europäisieren  unternahm
und  der  zu  diesem  Zweck  in  besonders  stattlicher  Zahl  Deutsche  als
Lehrmeister  und  Ordner  nach  Rußland  zog.  Seine  besten  Regimenter
waren  von  deutschen  Offizieren  geführt;  die  Akademie  der  Wisfenschaften,
die  Zar  Peter  1724  unter  dem  Beirat  von  Leibniz  in  St.  Petersburg
errichtete,  war  ebenso  wie  die  Universität  Moskau  von  Männern  der
deutschen  Wissenschaft  maßgebend  bestimmt.  An  beiden  Instituten  waren
deutsche  Leiter  und  Lehrer.  —  Noch  immer  aber  fehlte  auf  russischem
Boden  der  deutsche  Bauer;  die  polnischen  Gebiete  kamen  erst  nach  1772
unter  russische  Botmaßigkeit.  Noch  bevor  diese  Ausdehnung  Rußlands
nach  Westen  hin  erfolgte,  beginnt  unter  Katharina  II.  eine  umfassende
deutsche  Einwanderung,  bei  der  das  bäuerliche  Element  in  vorderster
Linie  stand.  Damals  wetteiferten  Preußen,  Osterreich  und  Rußland
in  der  Heranziehung  deutscher  Kolonisten,  die  man  vorzugsweise  im
Bereich  der  deutschen  Kleinstaaterei  anwarb.  Man  machte  dort  geradezu
Jagd  auf  Auswanderungslustige  und  überbot  sich  in  günstigen  Anerbietungen.
  Russische  Agenten  überredeten  selbst  in  Preußen  und  Osterreich
  bereits  angesiedelte  Kolonisten  zum  Weiterziehen.  Die  Hauptmasse
der  neu  zuströmenden  dentschen  Kräfte  lenkte  Katharina  II.  nach  Süd-