54  Das  Deutschtum  in  der  Zerstreuung.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

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rußland.  Es  galt,  die  den  Tataren  abgenommenen  fruchtbarena  aber
menschenleeren  Steppengebiete  durch  fleißige  Hände  nutzbar  zu  machen.
An  den  Ufern  der  Wolga,  am  Schwarzen  Meere,  in  Beßarabien,  auf
der  Krim  und  im  Kaukasus  wurden  von  Katharina  deutsche  Siedler
angesetzt.  Glänzend  haben  die  Deutschen  die  ihnen  zugewiesene  Aufgabe
  gelöst.  Sie  haben  auch  hier  als  Kolonisatoren  ersten  Ranges  sich
bewährt.  Wirtschaftlich  sind  sie  trefflich  vorangekommen,  abgesehen  vom
Wolgagebiet,  wo  die  Verhältnisse  sich  in  späterer  Folge  allmählich  ungünstiger
  gestalteten.  Im  allgemeinen  weist  der  kernige,  handfeste  Volksstamm
  eine  ausgesprochene  Familienverwandtschaft  mit  den  deutschen
Siedlern  Südungarns  auf.  Zahllose  Tochtersiedlungen  sind  von  ihnen
begründet  worden.  Von  innen  heraus  ist  ihre  Zahl  gewachsen,  denn  nur
in  verhältnismäßig  geringem  Umfange  sind  nach  der  Masseneinwanderung
  der  60er  bis  70er  Jahre  des  1  8.  Jahrhunderts  bäuerliche  Nachzügler
  bis  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  aus  Deutschland  nach  Süd
rußland  gezogen.  —  Im  Innern  Rußlands  selbst  sind  Verschiebungen
eingetreten,  namentlich  in  den  polnischen  Revolntionszeiten  der  30er
und  60er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  sind  deutsche  Kolonisten
aus  Russisch-Polen  nach  Wolhynien  in  Westrußland  übergesiedelt.  Und
aus  Südrußland  sind  deutsche  Dörfer  weit  ins  asiatische  Rußland  verpflanzt
  worden,  nach  Transkaukasien,  nach  Sibirien  und  Turkestan.
Neben  den  Kolonistendeutschen  beherbergt  Rußland  in  seinen  Städten
deutsche  Unternehmer,  Kaufleute  und  Handwerker.  In  Moskau  sind  die
Deutschen  schon  im  16.  Jahrhundert  heimisch.  In  Petersburg  haben
sie  seit  der  Begründung  der  Stadt  durch  Peter  den  Großen  eine  bedeutende
  Stelle  inne.  Es  ist  kennzeichnend,  daß  die  deutsche  „St.  Petersburger
  Zeitung“  das  älteste  Preßorgan  in  Rußland  ist.  Mit  der  um
1820  einsetzenden  industriellen  Entwicklung  Rußlands  begiuntein  starker
Zuzug  Deutscher  in  die  Grenzbezirke  Russisch-Polens.  Lodz  ist  unter
entscheidender  Mitwirkung  der  Deutschen  zu  einem  hervorragenden  Industrieplatz
  geworden.  Ein  Drittel  seiner  300000  Einwohuer  ist  deutsch.
Die  Summe  der  deutschen  Kulturleistungen  in  Rußland  dürfte  nicht
leicht  zu  hoch  veranschlagt  werden.  Um  so  peinlicher  berührt  die  derzeitige
  Lage  der  Deutschen  im  Zarenreich.  Merkwürdig  widerspruchsvoll
  stellen  die  Verhältnisse  sich  dar.  Alle  Zeichen  deuten  in  Rußland
auf  eine  gründlich  mißgünstige  Stimmung  der  einflußreichen  nationalistischen
  Kreise  gegen  das  Deutschtum.  Während  durch  Fürstenbesuche
  und  offiziöse  Kundgebungen  die  Unwandelbarkeit  der  freundschaft-