Rußlandtgeschichtl.  Entwicklung  d.  deutschen  Einwanderung.  —  Bedrückung  55

lichen  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  dem  Deutschen  Reich  bekräftigt
wird,  werden  die  eingesessenen  Deutschen  nach  Kräften  eingeengt.  Im
Baltikum  wird  mit  allen  Mitteln  ihre  Russifizierung  betrieben.  In
den  westlichen  Gonvernements  ist  seitens  der  russischen  Regierung
gegen  die  deutschen  Kolonisten  eine  Ausnahmegesetzgebung  in  die  Wege
geleitet  worden,  die  auf  ihre  Verdrängung  von  der  Scholle  abzielt.
Die  Duma  hat  dem  Gesetz  ihre  Zustimmung  versagt.  Aber  in  Wolhynien,
  wo  die  deutschen  Siedler  als  Pachter  angesetzt  sind,  macht  man
sie  durch  Abweisung  der  Pachternenerung  heimatlos.  Sie  haben  dort
in  harter  Arbeit  den  Urwald  gerodet  und  Sümpfe  ausgetrockuet,  eine
Wildnis  in  Kukturland  umgeschaffen.  Aber  rechtlich  haben  sie  sich  nicht
genügend  gesichert.  Im  Mai  1912  ging  die  Nachricht  durch  die  Presse,
daß  die  russische  Regierung  die  Vorlage  auf  Abänderung  der  Bestimmungen
  über  die  Ansiedelung  von  Personen  nichtrussischer  Herkunft
in  Wolhynien  und  in  den  Gouvernements  Kiew  und  Podolien  zurückgezogen
  habe.  Aber  es  verlautet  bislang  nichts  von  einer  Milderung
der  schrossen  Berwaltungsmaßnahmen,  die  in  letzter  Zeit  gegen  die  dortigen
  Deutschen  zur  Anwendung  kamen.  In  Odessa  ist  der  1906  gegründete
  und  behördlich  bestätigte  deutsche  Bildungsverein,  dessen  Bestrebungen
  ausschließlich  auf  Erhaltung  und  Förderung  deutscher  Kultur
in  den  deutschen  Kolonien  Südrußlands  gerichtet  waren,  1911  ausgelöst
  worden,  ohne  daß  ein  stichhaltiger  Vorwurf  gegen  ihn  erhoben
werden  konnte.

So  beobachten  wir  in  der  Behandlung  der  Deutschrussen  ein  unstetes
  Schwanken.  Im  allgemeinen  überwiegt  Mißtrauen  nud  Übelwollen.
  Man  bezeichnet  die  Deutschen  als  eine  Gefahr  für  Rußland.
Man  weist  darauf  hin,  daß  sie  in  dichter  Masse  an  der  Westgrenze
sitzen,  daß  sie  im  Falle  eines  Krieges  mit  dem  Deutschen  Reich  die  geborenen
  Spione  und  eine  zuverlässige  Hilfstruppe  für  den  Feind  wären.
So  wenig  weiß  man,  oder  gibt  sich  den  Anschein,  es  nicht  zu  wissen,
daß  der  Deutsche  zum  Verschwörer  am  schlechtesten  sich  eignet  und  daß
seine  stets  bewährte  Loyalität  auch  heute  sein  Tun  und  Lassen  bestimmt.
Der  harmlosen  Wendung  „Deutsche  Vorposten“,  die  gelegentlich  für
die  Volksgenossen  im  Auslande  gebraucht  worden  ist,  wird  kecklich  eine
militärische  Bedeutung  beigelegt,  obgleich  nichts  zu  der  Annahme  berechtigt,
  daß  das  Wort  je  anders  als  im  Sinne  wirtschaftlich  und  kulturell
bedentsamer  Beziehungen  gemeint  war.  Man  hat  sogar  unmittelbare
deutsche  Eroberungsabsichten  entdeckt.  Deutsche  Karten,  die  nicht  die  poli-