56  Das  Deutschtum  in  der  Zerstrenung.  Deutsche  Di  aspor  a  in  Unu  ropo

tische  Staatenabgrenzung,  sondern  die  ethnographische  Besiedelung  und
die  Sprachenverbreitung  darstellen,  haben  als  Beweis  für  schlimme  Absichten
  herhalten  müssen.  Auf  diesen  Karten  ist  für  geschlossene  deutsche
Bauernsiedelungen  in  Rußland,  also  für  deutschsprachige  Gebiersteile,
dieselbe  Farbe  verwendet  wie  für  das  sonstige  deusche  Wohn=  und
Sprachgebiet.  Das  soll  erhärten,  daß  deutsche  Heißsporne  diese  Gebiete
  auf  der  Karte  schon  für  das  Deutsche  Reich  anneitiert  hätten.  Auf
diesen  selben  Karten  sind  natürlich  breite  Striche  unserer  Ostmark  mit
der  gleichen  Farbe  gekennzeichnet,  die  das  benachbarte  Polentum  in  Rußland
  und  Österreich  kenmiüich  macht,  und  Nordschleswig  erscheint  dänisch
und  die  Grenzstriche  Lothringens  frauzösisch  Damit  wäre  also  nach
russischer  Logik  die  Willensmeinung  dargelegt,  daß  wir  diese  Gebiete
den  Polen,  den  Dänen,  den  Franzofen  auszuliefern  bereit  wären.  Uber
solche  kindliche  Possen  braucht  man  wirklich  kein  Wort  zu  verlieren.

Die  Lage  der  Deutschrussen  hat  eine  unverkennbare  Ahnlichkeit  mit
der  der  Deutschungarn.  Ihre  Pflichten  gegen  den  Staat,  dem  sie  angehören,
  erfüllen  sie  in  vollstem  Maße,  aber  sie  begehren  zugleich,  ihre
deutsche  Sprache  und  Sitte  festzuhalten.  Der  verflossene  Ministerpräsident
  Stolypin  hat  —  ohne  die  maßlosen  Verdächtigungen  der  Chauvinistenpresse
  sich  zu  eigen  zu  machen  —  die  geplante  Zurückdrängung
der  deutschen  Kolonisation  in  den  westlichen  Gouvernements  lediglich
mit  dem  Hinweis  darauf  begründet,  daß  die  Deutschen  ihre  nationale
Eigenart  spröde  wahren  und  auch  nach  Generationen  nicht  im  Russentum
  aufsgehen.  —  Es  ist  schwer  vorauszusehen,  was  die  Zukunft  dem
russischen  Deutschtum  bringen  wird.  Unter  allen  Umständen  ist  dieses
Deutschtum  ganz  auf  sich  selbst  angewiesen.  An  zwei  Stellen  verfügt
es  über  ungewöhnliche  Kräfte:  im  Baltikum  und  in  den  südrussischen
Kolonien.

In  den  Ostseeprovinzen  bildet  seit  Jahrhunderten  ein  kernhaftes
Deutschtum  die  Oberschicht  der  Bevölkerung.  Von  zwei  Seiten  her  ist
es  in  den  letzten  Jahrzehnten  hart  bedrängt  worden.  Erstens  von  der
nationalrussischen  Strömung,  die  seitens  der  Regierung  in  jeder  Weise
begünstigt  wurde.  Gleichzeitig  arbeitete  von  unten  her  Sklavenhaß  der
Letten  und  Esten  gegen  die  „deutschen  Herren“.  Das  Russentum  sah
beifällig  zu,  bis  die  Revolution  1905  die  Saat  zur  Reife  brachte.
Mit  mannhafter  Entschlossenheit  sind  die  deutschen  Balten  für  das
eigne  Recht  und  für  die  staatliche  Ordnung  eingetreten.  Die  wüsten
Greuel  und  Zerstörungen  haben  ihren  Mut  nicht  zu  beugen  vermocht.