Rußland;  Verdächtigungen.  —  Rassenstandhastigkeit  der  Deutschrussen  57

Auf  den  Trümmern  haben  sie  den  Neuban  begonnen.  Die  autonomen
Rechte  der  Deutschen  in  der  Provinzialverwaltung  boten  dabei  wertvolle
  Stützpunkte.  Auch  der  politische  Einfluß,  den  das  baltische  Deutschtum
  noch  immer  am  Petersburger  Hofe  besitzt,  erwies  sich  als  nützlich.
  Vor  allem  hat  in  Würdigung  der  staatstreuen  Haltung  der
Deutschen  die  russische  Regierung  unmittelbar  nach  der  Revolution
die  schroffen  Maßnahmen  etwas  gemildert.  Von  besonderer  Bedeutung
  ist  es,  daß  seit  1906  die  deutschen  Schulen,  allerdings  nur  als
Privatanstalten,  wieder  zugelassen  sind.  Seitdem  regt  sich  das  deutsche
Element  wieder  mit  frischer  Kraft.  Aber  der  begonnene  Neuaufbau
ist  russischer  Willkür  überantwortet.  Die  deutschen  Rittergutsbesitzer
stehen  vor  der  Gefahr,  den  estischen  und  lettischen  Gemeinden  eingegliedert
  zu  werden.  In  den  Städten  gewinnt  die  lettische  und  estische
niedere  Bevölkerung  an  Zahl.  Die  schwerste  Sorge  für  das  baltische
Deutschtum  bleibt  das  Fehlen  eines  deutschen  Bauernstandes,  der  stets
die  festesten  Wurzeln  in  den  Boden  senkt.

Im  Gegensatz  zu  der  ausgesprochen  aristokratischen  Eigenart  der
deutschen  Balten  bildet  ein  kraftvolles  Bauerntum  den  Kern  des  südrussischen
  Deutschtums.  Die  deutschen  Kolonisten  sitzen  in  breitem  Bogen
in  den  Randgebieten  der  südlichen  Hälfte  Nußlands,  von  der  galizischen
Grenze  bis  nach  Beßarabien,  an  der  Nordküste  des  Schwarzen  Meeres,
am  Kaukafus  und  am  Unterlauf  der  Wolga.  Diese  Deutschen  sind
namentlich  in  dem  mittleren  Teil  des  genannten  Gebietes  auf  ausgedehnten
  Landstrecken  so  erfolgreiche  Bewirtschafter,  daß  sie  einen  erheblichen
  Faktor  des  russischen  Gesamtwirtschaftslebens  darstellen.  Sie
sitzen  in  geschlossenen  Massen  als  selbständige  Bauern  auf  eigner  Scholle
und  sind  schon  darum  von  außen  schwer  zu  beeinflussen.

Über  die  Deutschen  in  Rußland  äußert  sich  im  „Tag“  wiederholt
ein  geistvoller  Schriftsteller,  G.  Prosoroff,  der  Lebensstellung  nach  Großgrundbesitzer
  in  Südrußland  und  dort  in  unmittelbarster  Fühlung  meit
den  kräftigsten  und  leistungsfähigsten  Kolonisten.  Bezüglich  der  Rassenstandhaftigkeit
  des  Deutschrussentums  unterscheidet  Prosoroff  drei  Kategorien:


1,  die  Balten  der  Ostseeprovinzen,

2.  die  Kolonisten  in  der  Südhöälfte,

3.  in  dünner  Saat  über  das  ganze  weite  Reich  zerstreut  und  nur  an
wenigen  Stellen  zu  größeren  Massen  verdichtet:  Reste  von  Nachkommen
  deutscher  Kulturpioniere  und  neu  zugewanderte  Reichs-