Rußland:  Balkan.  —  Kolonistendeutsche  59

schrötig,  jeder  Verfeinerung  der  Lebensauffassung  abhold,  und  an  seinem  altväterischen
  Deutsch  kann  man  noch  heute  sofort  feststellen,  ob  die  Wiege  seiner
Ahnen  in  der  Pfalz,  in  Schwaben  oder  Oberbayern  gestanden.  So  unglanblich
breite  Dialekte  sindet  man  in  Deutschland  gar  nicht  mehr:  dort  haben  sie
sich  längst  abgeschliffen.  Und  auch  die  Gerissensten  unter  den  Kolonisten,  die
sich  mit  Güterschlächterci,  Kaufoptionen  und  Schiebungen,  Pachtenschacher
und  ähnlichen  stets  mit  dem  Bodenbesitz  zusammenhängenden  Geschäften  abgeben,
  besitzen  eher  verschmitzte  Bauernschlauheit  als  eigentliche  Geschäftsgewandtheit.
  Es  ist  klar,  daß  von  einem  so  gearteten  Stamme  nur  wenig
Späne  absfallen,  um  in  andere  Berufe  überzugehen,  und  auch  diese  Späne
sind  meist  so  hart  und  harzig,  daß  sie  sich  von  fremden  Stoffen  nicht  durchquellen
  lassen  und  ihre  Eigenart  bewahren.“

Man  wird  nicht  sagen  dürfen,  daß  „Liebe“  diese  Worte  eingegeben  hat.
Es  ist  ein  Beobachter,  der  von  den  nationalistischen  Strömungen  seines
russischen  Vaterlandes  nicht  unbeeinflußt  geblieben  ist,  mit  scharfem  Blick
und  mit  scharfer  Zunge,  aber  unverkennbar  ein  Mann  von  hoher  Bildung,
  dem  auch  die  Verhältnisse  im  Deutschen  Neich  nicht  fremd  sind.
Daß  er  in  dem  für  unsere  Betrachtung  wichtigsten  Punkt,  hinsichtlich  der
zähen  Anhänglichkeit  an  das  deutsche  Volkstum,  richtig  gesehen  hat,
dafür  zeugt  das  Verhalten  dieser  Kolonistendeutschen,  wenn  sie  aus
Rußland  fortziehen,  und  anderwärts  nochmals  eine  neue  Heimat  suchen.
Nur  in  bezug  auf  die  wirtschaftliche  Lage  hat  Prosoroffs  Schilderung
nicht  für  alle  deutschen  Siedelungen  in  Südrußland  uneingeschränkte
Geltung.  Im  Südwesten  und  im  Südosten  sieht  es  leider  etwas  anders
aus.  Daß  in  Wolhynien  die  deutschen  Pächter  von  der  Scholle  verdrängt
  werden,  ist  schon  oben  (S.  55)  erwähnt.  Und  im  Südosten  im
Wolgagebiet  haben  z.  T.  wirtschaftliche'Verfallserscheinungen  sich  eingestellt,
  Verarmung  und  Proletarisierung.  Es  liegen  also  nicht  überall
die  ökonomischen  Verhältnisse  so  günstig  wie  am  Nordufer  des  Schwarzen
Meeres.  Nur  national  sind  diese  deutschen  Bauern  nicht  gefährdet.
Wo  ihnen  das  Dasein  wirtschaftlich  erschwert  oder  unerträglich  ist,
wandern  sie  ab.  Sie  ziehen  nach  Sibirien,  nach  Turkestan,  vor  allem
nach  Amerika;  in  Kanada,  in  den  Vereinigten  Staaten,  in  Brasilien
und  Argentinien  setzen  sie  sich  auf  Neuland  fest.  Und  überallhin  tragen
sie  ihre  deutsche  Art  in  Sitte.  Brauch  und  Glauben.

Endlich  die  dritte  Gruppe.  Im  allgemeinen  erweist  sich  das  versprengte
und  zerstreute  Deutschtum  national  am  haltlosesten,  namentlich  soweit
die  einzelnen  in  Abhängigkeit  von  russischen  Brotgebern  kommen  oder
auf  rusfische  Kunden  angewiesen  sind.  Also  mittlere  Angestellte,  kleine
Beamte,  Agenten,  Handwerker,  kleine  Kanfleute  und  Gasthofbesitzer