64  Tas  Deutschtum  in  der  Zerstreuung.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

je  50000  heranreichen.  Daß  unter  solchen  Massen  entwurzelte  Existenzen,
  fragwürdige  Elemente  zu  finden  sind,  ist  nicht  zu  bezweifeln.
Namentlich  in  dem  internationalen  Gemisch  großstädtischer  Verbrecher
und  Abenteurer  fehlt  auch  der  deutsche  Einschlag  nicht  ganz.  In  Italien
wird  von  unsern  dort  weilenden  Landsleuten  über  deutsche  Stromer
Beschwerde  geführt.  Aber  das  sind  doch  Ausnahmeerscheinungen.  Die
tüchtigen  und  achtenswerten  Kräfte  überwiegen  bei  weitem.  Besonders
zahlreich  sind  in  London  und  Paris  deutsche  Handlungsgehilfen  vertreten.
  Vielfach  suchen  sie  eine  Abrundung  ihrer  kaufmännischen  Bildung.
  Das  veranlaßt  sie,  unter  bescheidenen  Bedingungen  Stellungen
anzunehmen.  Man  hört  von  deutschen  Angestellten  geradezu  die  Klage,
daß  die  zahlreichen  Volontäre  den  Preis  für  die  gar  nicht  zu  entbehrenden
deutschen  Kräfte  drücken.  Durchweg  werden  diese  Deutschen  als  brauchbar
  und  arbeitsam  geschätzt,  und  das  ist's,  was  weit  mehr  als  das
z.  T.  billige  Angebot  ihre  zahlreiche  Verwendung  herbeiführt.  Neben
der  Masse  mittlerer  und  kleiner  Angestellter  gibt  es  gehobene  Existenzen,
deutsche  Großkaufleute  und  sonstige  Vertreter  des  besten  deutschen  Könnens
und  Wissens.  —  Von  besonderem  Gewicht  erscheint  für  uns  das  Deutschtum
  der  Balkanhalbinsel.  Eine  rühmliche  und  für  das  wirtschaftliche
wie  geistige  Leben  des  Landes  wichtige  Stellung  haben  die  Deutschen
in  Rumänien  inne.  In  Rumänien,  Serbien,  Bulgarien  steht  Deutsch
als  Handelssprache  an  erster  Stelle.  Die  englische  Sprache  war  in  den
Balkanstaaten  stets  im  Hintertreffen.  Das  Französische  wurde  und  wird
von  der  schmalen  Oberschicht  gepflegt.  In  Bukarest,  Belgrad,  Sofia
kam  man  längst  mit  Deutsch  überall  glatt  durch;  neuerdings  gewinnt
das  Deutsche  auch  im  Geschäftsleben  der  Türken,  Levantiner  und  Griechen
zusehends  an  Bedeutung.  Namentlich  in  der  Türkei  hat  Ansehen  und
Einfluß  der  Deutschen  sich  sichtlich  gehoben.  In  Konstantinopel  schätzt
man  die  Zahl  der  Deutschen  auf  15000,  Reichsdeutsche,  Deutschösterreicher
  und  Schweizerdeutsche.  Auch  Saloniki  und  Adrianopel  haben
starke  deutsche  Kolonien,  Kaufleute,  Haudwerker,  Angestellte.  Deutsche
Erzieherinnen  sind  vielfach  in  türkischen  Familien  anzutreffen.  Die
Deutsche  Schule  in  Konstantinopel  gilt  als  die  beste  Bildungsstätte  am
Platz,  und  sie  ist  es  auch  ohne  Zweifel.  Soweit  es  ein  modernes  wissenschaftliches
  Leben  in  der  Türkei  gibt,  hat  die  deutsche  Wissenschaft  daran
einen  reichlich  bemessenen  Anteil.  Die  Medizin  stcht  dabei  voran.  Namentlich
  das  heldenhafte  Wirken  Professor  Rieders  in  Konstantinopel,
des  Schöpsers  der  dortigen  medizinischen  Institute,  hat  vorbildlich  ge-