66  Das  Deutschtum  in  Ubersee

rechte  Verständnis  für  die  Schicksale  der  deutschen  Uberseer.  Deutschland
gehört  nicht  in  die  Reihe  der  alten  See=  und  Kolonialmächte.  Die  starken
Nationen,  die  seit  dem  Zeitalter  der  Entdeckungen  in  den  Kampf  um  die
Beherrschung  der  lberseegebiete  eintraten,  haben  die  Welt  unter  sich  verteilt.
  Den  Deutscheu  blieb  das  Nachsehen.  Später  als  die  anderen  zogen
die  Deutschen  übers  Meer.  Einceinigermaßen  beachtliche  dentsche  Uberseewanderung
  beginnt  in  bescheidenem  Ausmaß  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts.
  Stoßweise  folgen  im  18.  Jahrhundert  schon  kleinere  Massenauszüge.
  Erst  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  schwillt  die  Bewegung
riesenhaft  an.  —  Anfangs  wirkten  religiöse  Beweggründe  bestimmend
ein.  Konfessionelle  Bedrängung  hat  kleinere  Scharen  veranlaßt,  nach
der  Neuen  Welt  überzusiedeln.  Salzburger  Lutheraner,  Rheinische  Protestanten,
  Mennoniten  und  sonstige  Sektierer  zogen,  in  kleinen  Gruppen,
geschlossen  in  die  Ferne.  Noch  im  19.  Jahrhundert  sind  nach  Einführung
der  Union  in  Preußen  preußische  Altlutheraner  ausgewandert  und  württembergische
  Templer  haben  in  Palästina  sich  niedergelassen.  Imweiteren
Verlauf  ist  als  zweiter  Beweggrund  politische  Unzufriedenheit  zu  erwähnen.
  Die  Verfolgung  der  Burschenschaft  seit  den  20er  Jahren  des
19.  Jahrhunderts  hat  eine  Anzahl  national  begeisterter  junger  Männer
  nach  Amerika  hinübergescheucht.  Dann  wandten  in  den  30  er  Jahren
Tausende  aus  der  Kleinstaatenwelt  des  dentschen  Südwestens  der  Neuen
Welt  sich  zu.  Das  Scheitern  der  48  er  Bewegung  führte  eine  neue  Hochflut
  politisch  Mißvergnügter,  z.  T.  geistig  bedeutende  Männer,  hinüber.
—  Die  Nachwehen  der  konfessionellen  Spallung  und  die  Vorwehen  der
politischen  Wiedergeburt  sind  für  die  Geschich'e  der  deutschen  Auswanderung
  nicht  ohne  Bedentung  geblieben.  Den  eigentlichen  Hintergrund
bilden  doch  wirtschaftliche  und  soziale  Momentr.  Die  gewaltigste  Steigerung
  der  Bewegung  brachten  die  großen  Wirtscha#tskrisen  der  Neuzeit.
  In  den  Notjahren  1816/17  und  1846/47,  in  späteren  wirtschaftlichen
  Krisen  sind  Hunderttausende  über  See  gegangen.  Dabei  verschob
sich  der  Schwerpunkt  der  Auswanderung  vom  Süden  und  Westen  Deutschlands
  allmählich  in  die  ostelbischen.  Gebiete  mit  überwiegendem  Großgrundbesitz.
  Es  ist  in  hohem  Grade  kennzeichnend,  daß  seit  den  80er
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts,  gleichlaufend  mit  dem  wirtschaftlichen
  Aufschwung  daheim,  unsere  Auswandererziffern  stetig  gesunkensind.
Dasdiel  der  neuen  Bölkerwanderung  warhauptsächlich  Nordamerita.
Ubermächtig  zog  die  Neue  Welt  alles  an  sich,  was  aus  unbefriedigenden
Verhällnissen  herausstrebte.  Die  unvergleichlichen  Hilfsquellen  des  Lan-