Deukiche  Überseewanderung.  —  Ursjachen  und  Ziele  6“7

des.  die  lodenden  Aussichten  auf  lohnenden  Erwerb,  dazu  der  Reiz  bürgerlicher
  Freiheit  und  die  Gleichstellung  der  religiösen  Bekenntnissel  Hier
konnte  jeder  ein  glänzendes  Los  erhoffen.  Berichte  vorausgegangener
Landsleute  wirkten  aufmunternd  und  ermutigend.  Wiceinst  im  12.  Jahrhundert
  der  Ruf  zum  Zug  in  die  ostelbischen  Gebiete  erschollen  war,
in  das  Land,  da  Milch  und  Honig  fließt,  und  das  Raum  habe  für  neue
Kräfte,  so  ward  nun  Nordamerika  das  Land  der  Verheißung.  Auch  als
die  südamerikanischen  Staaten  nach  ihrer  Unabhängigkeitserklärung  der
Einwanderung  freier  sich  öffneten  und  die  moderne  Entwickelung  des
Verkehrs  mehr  und  mehr  den  Zutritt  in  alle  Erdteile  ermöglichte,  behauptete
  Nordamerika  seine  überragende  Anziehungskraft.  Seit  1820
liegen  die  Berichte  des  statistischen  Bureaus  in  Washington  über  die
europäische  Einwanderung  vor.  Nach  ihnen  sind  von  1820—1910
etwa  5  ½  Millionen  aus  Deutschland  zugewandert.  In  den  letzten  vier
Jahrzehnten  ist  dabei  unter  „Deutschland“  das  neue  Deutsche  Reich  zu
verstehen.  Etliche  hunderttausend  Deutsche  waren  schon  vor  1820  drüben.
Mit  den  Volksgenossen,  die  aus  den  deutschen  Siedelungen  in  Rußland,
aus  der  Schweiz,  aus  Osterreich-Ungarn,  aus  Luxemburg  kamen,  dürfte
noch  ein  Erkleckliches  jener  Millionenziffer  zuzuschlagen  sein.

Wie  anders  sähe  die  Welt  heute  aus,  wenn  alle  diese  Millionen  unter
dem  Schutz  eines  starken  deutschen  Staates  in  deutschen  Kolonien  eine
neue  Heimat  gesunden  hätten!  An  deutsche  Kolonien  aber  war  nicht  zu
denken,  und  so  ließ  man  lange  Zeit  die  endlosen  Scharen  fortziehen,
sah  sie  womöglich  als  Abtrünnige  und  Überläufer  an.  Jedenfalls  küm—
merte  man  sich  nicht  weiter  um  sie.  Der  Satz,  daß  der  Auswanderer
seiner  Staatsangehörigkeit  verlustig  gehe,  war  Gemeingut  aller  deut—
schen  Teilstaaten.  Die  Vorstellung,  daß  man  verkrachte  Leute,  deren  die
Familie  sich  schämte,  am  besten  nach  Amerika  abschob,  war  noch  vor
wenigen  Jahrzehuten  in  dem  binnenländisch  orientierten  Deutschland
allgemein  verbreitet.  Wohl  regten  sich  bei  klarblickenden  Männern  auch
andere  Gedanken.  In  der  vormärzlichen  Epoche  meckte  die  beängstigend
zunehmende  Auswanderung  das  Gefühl,  daß  auf  diesem  Wege  ein  gar
zu  starker  Aderlaß  für  unser  Volk  sich  ergäbe.  Namentlich  Friedrich  List
predigte  damals  unermüdlich,  daß  das  Riesenmaß  abflutender  Volkskräfte
  einen  Wert  darstelle,  den  man  nicht  achtlos  preisgeben  dürfe.
Aber  seine  Anregungen,  die  überquellenden  Massen  nach  Gebieten  zu
lenken,  wo  sic  nicht  der  Gefahr  ausgesetzt  waren,  in  fremdem  Volkstum
  sich  zu  verlieren,  haben  nicht  durrhgegriffen.  Für  die  auftauchen-5

