Ver.  Sta  alen;  Ursachen  des  mangelnden  nationalen  Erfolges  71

tung  und  Gericht,  Kirche  und  Schule  waren  englisch.  In  dieses  festgefügte
  Staatswesen  rückten  die  Deutschen  in  steigender  Zahl  ein,  ohne
den  Anspruch,  ihr  Volkstum  politisch  zur  Geltung  zu  bringen.

Man  muß  den  Gesamtzustand  des  damaligen  Deutschland  und  die
Besonderheit  seiner  Auswanderer  sich  vergegenwärtigen,  um  alles  Weitere
  zu  verstehen.  Deutschland  war  bei  der  Aufteilung  der  überseeischen
  Welt  leer  ausgegangen.  Auch  wirtschaftlich  war  Deutschland
ins  Hintertreffen  gekommen  gegenüber  dem  gewaltigen  Aufschwung
der  großen  See=  und  Handelsmächte.  Die  hohe  geistige  Blüte,  die  seit
der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  in  deutscher  Dichtung  und  Wissenschaft
  sich  entfaltete,  blieb  auf  verhältnismäßig  enge  Kreise  beschränkt.
Das  Volk  war  fromm  und  arbeitfam  und  jedem  Machtwort  gefügig.
Deutschland  war  politisch  krank.  Physisch  blieb  es  trotz  allen  Nöten
gesund.  Das  bezeugt  das  gewaltige  Maß  an  Volkskraft,  das  es  an
die  Fremde  abgab.  Aber  all  die  Tausende  und  aber  Tausende,  denen
daheim  unter  religiösem  und  politischem  Zwang  die  Luft  zu  drückend
geworden,  der  Raum  zu  knapp  in  der  kümmerlichen  Enge  unseres  kleinstaatlichen
  Wirtschaftslebens,  sie  mußten  unter  fremder  Staatshoheit
Unterschlupf  suchen.  Diese  deutschen  Einwanderer  waren  ohne  jeden
politischen  Ehrgeiz.  Sie  kamen  aus  dem  Polizeistaat.  Gedrückte  kleine
Leute,  gewohnt  sich  lenken  zu  lassen  und  für  eigene  Anteilvahme  am
öffentlichen  Leben  völlig  unvorbereitet.  Kein  Wunder,  wenn  sie  gegen
das  in  Selbstverwaltung  erprobte  Anglo-Amerikanertum  polltisch  überhaupt
  nicht  aufkamen.  Schlimmer  noch  war  der  Mangel  an  nationalem
  Stolz.  Es  waren  Pfalzer,  Schwaben,  Hessen,  oder  wie  sie  sonst
nach  ihrer  engeren  Heimat  hießen.  Daß  ihr  „Ländle“  ihnen  in  der
Fremde  hätte  Schutz  gewähren  können,  das  wäre  ein  an  Irrsinn  streifender
  Gedanke  gewesen.  Für  die  richtige  Einschätzung  des  Wertes
deutscher  Sprache  und  Kultur  hatte  die  Heimat  ihnen  wenig  oder
nichts  mit  auf  den  Weg  gegeben,  und  drüben  begegneten  sie  allzuoft
einer  niederdrückenden  Geringschätzung  ihres  heimischen  Wesens.  Es
kommen  die  äußerlichen  Schwierigkeiten  hinzu.  in  fremdsprachiger  Umwelt
  den  Nachgeborenen  die  Muttersprache  zu  sichern.  Wo  nicht  für
deutschen  Gottesdienst  und  deutschen  Schulunterricht  gesorgt  werden
konnte,  da  vollzog  sich  schon  für  die  erste  Geschlechtsfolge  die  Verschmelzung
  mit  dem  rasseverwandten  Angelsachsentum.  —  In  keinem
der  amerikanischen  Staaten  gewannen  die  Deutschen  die  Mehrheit,
selbst  in  Pennsylvanien  nicht.  wo  sie  am  stärksten  vertreten  waren  In