74  Das  Deutschtum  in  Übersee

ment  in  solche  Gemeinschaft  eintritt?  Wir  sind  in  Amerika  gewohni  ge—
wesen,  von  England  als  von  dem  Mutterlande  zu  sprechen,  aber  in  späteren
Zeiten  wird  für  einen  großen  Teil  der  Bevölkerung,  wahrscheinlich  die  Mehrzahl,
  Deutschland  das  Mutterland  sein  und  zwar  ein  solches,  von  dem  es
weder  Erinnerungen  an  Krieg  noch  an  Unrecht  zu  Wasser  und  zu  Lande  scheiden.“
Das  Wort  ist  in  einem  Augenblick  gesprochen,  da  die  deutsche  Einwanderung
  einen  vorher  nie  erreichten  Umfang  erlangt  hatte.  1880
waren  134040  Deutsche  in  Amerika  gelandet,  1881  und  1882  war
die  Zahl  auf  2409572  und  250630  gestiegen.  Obendrein  hatte  die
Statistik,  gegenüber  einem  Geburtenrückgang  auf  anglozamerikanischer
Seite,  die  stärkere  natürliche  Volkszunahme  der  Deutschen  festgestellt.
So  erklärt  sich  Whites  Annahme  einer  zu  gewärtigenden  deutschen  Mehrheit.
  Aber  das  Jahr  1882  bezeichnet  den  Höhepunkt  der  deutschen  Einwanderung.
  Sie  belief  sich  im  Jahrzehnt  von  1883—92  im  Jahresdurchschnitt
  auf  123000,  sank  von  1893—1902  auf  35000  im  Jahr
und  der  Abstieg  hat  sich  auch  im  letzten  Jahrzehnt  fortgesetzt.  Dafür
flutet  eine  verstärkte  Einwanderung  aus  dem  Süden  und  Osten  Europas
nach  Amerika.  Das  hat  das  Zahlenverhältnis  für  das  deutsche  Element
noch  weiter  ungünstig  verschoben.  Allerdings  nicht  in  dem  Maße,  als
es  nach  der  reichsdeutschen  Statistik  den  Anschein  hat.  Denn  unter  den
russischen  Einwanderern  sind  Deutschrussen  stattlich  vertreten,  und  es
bleiben  die  Dentschen  aus  der  Schweiz  und  aus  Osterreich-Ungarn  zu
berücksichtigen.  Neuerdings  haben  Siebenbürger  Sachsen  in  Amerika
in  festen  Gruppen  sich  zusammengeschlossen.

Heute  machen  die  Deutschamerikaner  etwa  12  v.  H.  der  Gesamtbevölkeaus.
  In  keinem  Staat  erreichen  sie  ein  volles  Drittel.  Ein  politisch
ausschlaggebender  Einfluß  kann  ihnen  also  nirgend  zufallen.  Aber  ihre
nationale  Gesamtlage  hat  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  doch  unverkennbar
  gehoben.  Allerdings  fehlte  und  fehlt  es  nicht  an  Gegenströmungen.
  Es  sind  nativistische  Vorurteile,  die  um  so  schärfer  hervortraten,
  je  mehr  das  Ansehen  des  deutschen  Namens  sich  hob.  Dazu
kommt,  daß  die  englisch  deutsche  Spannung  auf  das  Anglo-Amerikanertum
  zurückwirkt.  Die  englische  Presse  Nordamerikas  wird  sehr  nachhaltig
  zuungunsten  der  Deutschen  von  London  aus  beeinflußt  Das
geht  nun  schon  Jahre  zurück.  Die  Deutschamerikaner  haben  längst  aufgehört,
  die  Angriffe  schweigend  hinzunehmen.  Am  1.  Mai  1898  hat
der  amerikanische  Admiral  Dewey  bei  Manila  die  spanische  Flotte  vernichtet.
  Damals  ankerte  ein  deutsches  Geschwader  in  der  Bucht  von