78  Das  Deutschtum  in  Übersee

Deutschland  miteinander.  Bezeichnend  sind  die  Vorgänge  die  bei  der
Anwesenheit  des  deutschen  Besuchsgeschwaders  im  Sommer  1912  sich
abspielten.  Die  deutschen  Kriegsschiffe  wurden  von  amerikanischen  Schiffen
nach  „Fort  Monroe“  geleitet.  Dort  fand  die  erste  Begrüßung  der  deutschen
Marineoffiziere  statt,  höflich,  steif  und  achtungsvoll.  Ob  die  Ortswahl
ein  zarter  Wink  sein  sollte?  Aber  von  Tag  zu  Tag  steigerte  sich  die
Herzlichkeit.  Die  Antwort  des  Bürgermeisters  von  Neuyork  auf  das
Abschiedstelegramm  des  deutschen  Admirals  lautete:  „Wir  werden  Sie
und  alle  Ihre  Offiziere  vermissen,  denn  unsere  Gesühle  Ihnen  gegenüber
  wurden  mit  jeder  Stunde  wärmer."“  Aus  solchen  Erschemungen
spricht  eine  erhöhte  Wertschätzung  auch  des  amerikanischen  Deutschtums.
Heute  würdigt  namentlich  der  gebildete  Amerikaner  in  steigendem  Maße
die  Bedeutung  dieses  deutschen  Elements.  Aber  gerade  darum  begehrt
man  drüben  seine  volle  Einschmelzung  in  die  „neue  Rasse“,  die  aus
dem  transatlantischen  Völkergemisch  hervorgehen  soll.  An  Zwang  und
Nötigung  denkt  man  in  keiner  Weise.  Man  vertraut  auf  die  Macht
der  Umstände,  auf  die  sieghafte  Kraft  des  amerikanischen  Einheitsgedankens.
  Und  so  wird  man  trotz  aller  erfreulichen  Regungen,  die  heute
unter  dem  amerikanischen  Deutschtum  bemertbar  werden,  doch  keine
zuversichtliche  Antwort  auf  die  Frage  geben  können,  was  die  Zukunft
bringt.

Wir  wissen,  daß  von  den  25—30  Millionen,  die  drüben  deutschen
  Blutes  sind,  der  größere  Teil  dem  deutschen  Volkstum  verloren
ist.  Läßt  der  Ubergang  zum  Amerikanertum  sich  aufhalten?  Einen  beachtenswerten
  Bericht  über  das  amerikanische  Deutschtum  hat  soeben
Pfarrer  Grisebach,  der  Geschäftsführer  des  evangelischen  Hauptvereins
für  deutsche  Ansiedler  und  Auswanderer  in  Witzenhaufsen,  erstattet.
Grisebach  hat  1911  eine  ausgedehnte  Erkundungsreise  in  Nordamerika
unternommen.  Er  ist  vom  Präsidenten  Taft  empfangen  worden,  er
hat  mit  einer  Reihe  hervorragender  Persönlichkeiten  verhandelt,  mit
den  Führern  der  größten  Arbeiterorganisation,  mit  dem  Sekretär  der
Einwanderungsaufsichtsbehörde,  mit  den  Gouverneuren  verschiedener
Einzelstaaten.  Überall  ist  er  der  gleichen  Anschauung  begegnet,  daß
der  deutsche  Einwanderer  nach  Ansicht  der  amerikanischen  führenden
Kreise  in  bezug  auf  seine  inneren  Eigenschaften  die  Einwanderer  anderer
  Nationen  überragt  und  darum  gern  gesehen  ist.  Gleichwohl  erscheint
dem  Berichterstatter  die  Erhallung  des  Deutschtums  in  Amerika  als
eine  offene  Frage,  also  keineswegs  als  etwas  Gesichertes.  Er  glaubt,