V.  St.;  Gehobene  Stellung.  —  Unsichere  Zukunft  70

daß  die  Frage  eng  verquickt  sei  mit  der  Frage  des  deutschen  Zuzugs,
wenn  nicht  gar  abhängig  von  ihr.  D.  h.,  falls  der  deutsche  Zuzug  noch
weiter  sinkt  oder  ganz  aufhört,  so  besorgt  er  eine  weitergehende  Abbröcklung
  des  amerikanischen  Deutschtums,  eine  beschleunigte  Amerikanisierung.
  „Es  kostet  Anstrengungen,“  sagt  er,  „die  deutsche  Sprache  und
den  deutschen  Gottesdienst  vor  der  völligen  Verdrängung  durch  das
Englische  zu  bewahren.  Der  Kampf  ist  vergeblich,  wenn  es  nicht  gelingt,
  neue  Mittel  und  Wege  zur  Stärkung  des  Deutschtums  in  Amerika
  zu  sinden.“  Als  solche  Mittel  nennt  er:  eifrigere  Pflege  der  Verbindung
  des  amerikanischen  Deutschtums  mit  der  alten  Heimat.  Neben
dem  Professoren-,  Lehrer=  und  Studentenaustausch  empfiehlt  Grisebach
den  Austausch  deutscher  und  deutschamerikanischer  Pastoren.  Die  deutschen
  Einwanderer  will  er  nach  Möglichkeit  unzersplittert  in  solche  Gebiete
  gelenkt  wissen,  wo  sie  Anlehnung  an  deutsche  Volksgenossen  finden,
denen  sie  frisches  Blut  zuführen  und  die  andrerseits  den  Ankömmlingen
einen  nationalen  Halt  geben.  Vor  allem  betont  er  die  Notwendigkeit,
der  in  Amerika  geborenen  deutschen  Jugend  das  Studium  deutschen
Wesens  an  der  Quelle  zu  erleichtern.  Er  wünscht  für  befähigte  Söhne
und  Töchter  weniger  bemittelter  deutscher  Eltern  Stipendien,  die  eine
Ergänzung  ihres  Studiums  im  Deutschen  Reiche  möglich  machen  sollen.
Das  ist  cine  ganz  besonders  beachtliche,  sachverständige  Anregung,  die
sich  vollständig  mit  den  gleichgerichteten  Bestrebungen  des  Vereins  für
das  Deutschtum  im  Ausland  deckt.  In  der  Tat  würden  auf  diesem
Wege  geeignete  Kräfte  herangezogen  werden,  die  im  Amerikauertum
wurzeln  und  dort  —  gestärkt  wie  der  Riese  Antäus  durch  die  Berührung
  mit  der  Muttererde  —  als  Sachwalter  deutschen  Wesens  wirken
könnten.

Deutsche  Kirche,  deutsche  Schule,  Zuführung  deutscher  Bildung  und
Kultur,  und  Erziehung  durch  alle  diese  Kräfte  zu  nationalem  Stolz,
das  sind  in  der  Tat  die  Momente,  die  allein  die  Erhaltung  des  deutschen
  Volkstums  verbürgen  können.  Die  deutsche  Kirche,  die  katholische
wie  die  protestantische,  hat  Anerkennenswertes  für  die  Pflege  der  deutschen
Sprache  und  damit  für  die  Erhaltung  des  Deutschtums  geleistet.  Die
katholische  Kirche  entwickelt  dabei  in  Nordamerika  einen  regeren  Eifer
als  die  protestantische.  Es  ist  eine  beachtliche  Tatsache,  daß  der  katholische
  Deutsche  im  allgemeinen  drüben  zuverlässiger  deutsch  bleibt  als
der  deutsche  Protestant.  Bei  dem  deutschen  Katholiken  fällt  das  Moment
  der  Religionsverwandtschaft  mit  den  protestantischen  Anglo-Ameri-