86  Das  Deutschtum  in  Übersee

Wege  sich  selbst  suchen  lassen“.  In  der  Tat  haben  Hamburg  und  Bremen
ihre  beste  Kraft  daran  gesetzt,  dem  deutschen  Handel  neue  Gebiete  zu
erschließen,  der  deutschen  Industrie  neue  Absatzmöglichkeiten  zu  schaffen.
Ihrer  Regsamkeit  ist  der  Ausbau  der  Schiffsverbindungen  auch  mit
Südamerika  zu  danken,  und  ein  gut  Teil  der  deutschen  Kolonisation,
namentlich  in  Brasilien,  ist  durch  Hamburger  Vermittelung  erfolgt.
Gewiß  fanden  die  Vorgänge  in  Südamerika  allmählich  auch  anderenorts
  in  Deutschland  Beachtung.  Aber  der  hanseatische  Unternehmungsgeist
  ist  mutig  vorangeschritten.  Es  ist  schon  oben  (S.  68)  erwähnt,
daß  in  den  30  r  und  40er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  die  zunehmende
deutsche  Auswanderung  allmählich  nationale  Beklemmungen  weckte.
Man  wünschte,  die  deutschen  Auswanderer  dem  deutschen  Volkstum
erhalten  zu  sehen.  Man  hatte  beretts  zur  Genüge  beobachtet,  wie
leicht  vom  stammverwandten  Anglo-Amerikanertum  das  protestantische
Deutschtum  aufgesaugt  wurde.  In  der  romanisch-katholischen  Umwelt
Mittel=  und  Südamerikas  durfteman  eine  zuverlässigere  nationale  Widerstandskraft
  der  Deutschen  erwarten.  Nicht  nur  national  begeisterte  Gelehrte,
  auch  Berufspolitiker,  hohe  Staatsbeamte  und  Glieder  deutscher
Dynastenfamilien  wandten  sich  in  den  40er  Jahren  kolonialen  Plänen
zu.  Die  mit  unzulänglichen  Kräften  unternommenen  Bemühungen  stießen
auf  englischen  Widerstand  und  blieben  ohne  Ergebnis.  In  aller  Stille
war  inzwischen  doch  ein  Bruchteil  der  deutschen  Auswanderung  nach
Südamerika  abgelenkt  worden.  Einigermaßen  aussichtsreiche  Erfolge
erzlelten  einige  Gesellschaften,  die  Südbrasilien  ins  Auge  gefaßt  hatten,
insbesondere  der  1849  gegründete  Hamburger  Kolonisationsverein  mit
der  Ansiedelung  Donna  Franeisca,  das  Unternehmen  des  Dr.  Blumenau
(1850)  und  die  Kolonie  Santo  Angelo?  (1857).  Die  brasilianische  Regieerung.
  Chile,  Peru  und  andere  südamerikanische  Staaten  bemühlen
sich  selbst  um  Heranziehung  deutscher  Kolonisten.  Einer  der  Gründe,
der  deutsche  Einwanderer  in  besonderem  Maße  erwünscht  erscheinen
ließ,  war,  abgesehen  von  ihrer  unermüdlichen  Tatkraft  und  Arbeitslust,
  der  Umstand,  daß  hinter  ihnen  keine  starke  Staatsmacht  stand.
Engländern,  Franzosen,  Spaniern  mußte  man  stets  rücksichtsvoller  begegnen.
  Kamen  sie  zu  Schaden,  wurden  sie  schlecht  behandelt,  daun  trat
die  heimische  Regierung  für  sie  ein.  Nötigenfalls  erschien  ein  Kanonenboot,
  um  Entschädigungsforderungen  wirksam  zu  unterstützen.  Das  war
bei  deutschen  Kolonisten  nicht  zu  besorgen,  auch  wenn  ihnen  gelegentlich
  übel  mitgespielt  wurde.  Immer  wieder  erhoben  sich  deutsche  Klagen