32  Das  Deutschtum  in  lbersee

F.  Schmidt.  Die  Deutschen  sind  in  diesen  Staaten  vorwiegend  in  Han-7
  und  Handwerk  beschäftigt.  In  den  größeren  Städten,  namentlich
Süd=  und  Ostbrasiliens,  haben  die  Deutschen  einen  starken  Anteil  om
Handelsverkehr.  —  1911  hat  das  Deutsche  Reich  Waren  im  Werte
von  320  Millionen  Mark  aus  Brasilien  bezogen  und  solche  im  Werte
von  152  Millionen  geliefert.  Der  Gesamthandel  stellt  einen  Wert  von
fast  einer  halben  Milliarde  dar.  —  Auch  der  Forschritt  des  geistigen
Lebens  wird  von  dentscher  Seite  reich  befruchtet.  Deutsche  Gelehrte  wirken
  an  den  Hochschulen  und  wissenschaftlichen  Anstalten  des  Landes.  —
Vor  allem  lebt  in  den  Deutschbrasilianern  ein  unverbildetes  gesundes
deutsches  Volksempfinden.  Sie  sind  in  ihrer  großen  Mehrheit  unverfälscht
  deutsch  geblieben.  In  den  aneinandergelehnten  Siedelungen,  die
auf  Urwaldboden  entstanden,  hegen  und  pflegen  sie  in  ihrer  schlichten
Art  deutsches  Wesen.  In  ihren  z.  T.  recht  dürftig  ausgestatteten  Pikadenschulen
  sorgen  sie  treulich  für  die  deutsche  Erziehung  ihrer  Kinder.
Deutsche  Geistliche,  die  mit  dem  deutschen  Glauben  ein  kräftig  ausgeprägtes
  Nationalgefühl  zu  vereinigen  wissen,  sind  dabei  ihre  besten
Helfer.  Allerdings  betonen  Kenner  der  dortigen  Verhältnisse,  daß  diese,
vordem  von  allem  regeren  Verkehr  algelegenen  Urwaldkolonien  die
Probe  auf  ihre  nationale  Standhastigkeit  erst  jetzt  zu  bestehen  haben
werden,  wo  der  Ansbau  des  brasilionischen  Eisenbahnnetzes  sie  in  lebhaftere
  Verbindung  mit  der  Außenwelt  zu  vorstricken  beginut.  Dem
häußg  blutvermischten  niederen  Lufobrasilianer,  dem  sogenannten
Caboeclo,  oder  gar  dem  freigelassenen  Neger  gegenüber  fühlte  sich  der
Deutsche  als  der  Uberlegene  und  Höherstehende.  Da  war  jede  Gefahr
einer  Ablenkung  von  seinem  Volkstum  ansgeschlossen.  In  den  Städten
gewinnt  die  lusobrasilianische  Oberschicht,  die  Bildung  und  Besitz  in
sich  vereinigt  und  die  Politnké  in  Händen  hat,  leichter  einen  Einfluß  auf
einzelne  Deutsche,  zieht  sie  in  ihre  geistigen  und  gesellschaftlichen  Kreise,
führt  sie  durch  Familienrerbindungen  zu  noch  engerem  Anschluß.  Solche
Möglichkeiten  stellen  in  dem  katholischen  Lande  für  den  katholischen
Deutschen  am  ehesten  sich  ein,  genau  umgekehrt  wie  in  den  protestantischen
  Vereinigten  Staaten  von  Nordomerika,  wo  der  protestantische
s  Deutsche  der  Amerikanisierung  zugänglicher  ist.  Als  typisches  Beispiel
für  eine  solche  Entwicklung  kann  pian  den  derzeitigen  Minister  des
Außeren,  Lauro  Müller,  anführen.  Er  ist  Katholik,  in  brasilianischen
Bildungsanstalten  erzogen,  seine  Frau  ist  Brasilianerin.  Die  Muttersprache
  seiner  Kinder  ist  die  portugiesische  Landessprache.  Ganz  ähn-