94  Das  Deutschtum  in  Übersee

Ausdruck  dessen,  was  die  Deutschen  als  ihre  Pflicht  und  Schuldigkeit  empfunden“.


Die  Festschrift  sagt  sicherlich  nicht  zu  viel.  Die  Erschließ  ung  des
Landes  und  die  Urbarmachung  des  Bodens  sind  anerkanntermaßen  von
deutscher  Seite  bedeutsam  gefördert  worden.  Landwirtschaft,  Handel  und
Industrie  haben  durch  sie  die  reichsten  Anregungen  erfahren.  Das  Heer
und  das  gesamte  Bildungswesen  sind  maßgebend  deutsch  beeinflußt,  und
die  wichtigsten  Schiffslinien  sind  für  Chile  die  deutschen.  Jede  Schilderung
  der  Erfolge  deutscher  Arbeit  im  Lande  gestaltet  sich  zu  einem
Ruhmeslied  auf  deutsche  Intelligenz,  deutschen  Wagemut  und  deutschen
Fleiß.  In  dem  trefflichen  Verhältnis,  das  zwischen  den  Deutschchilenen
und  den  Besten  des  chilenischen  Volkes  vorwaltet,  bekundet  sich  deutlich
wahrnehmbar  die  Anerkennung  für  das  deutsche  Element.  Der  deutsche
Einfluß  pflanzt  sich  von  Chile  weiter.  Die  Armee  Columbiens  wird
derzeit  von  chilenischen  Offizieren  nach  deutschem  Muster  geschult.

Nicht  minder  erfreuliche  Eindrücke  weckt  das  Deutschtum  Argentiniens.
  Die  Summe  der  nach  der  Volkszählung  von  1895  im  Deutschen
  Reiche  Geborenen  und  der  von  1896—1910  zugewanderten
Reichsdeutschen  ergibt  23450  Personen.  Die  in  Argentinien  geborenen
  Nachkommen  der  Einwanderer  werden  als  Argentinier  gezählt
und  in  der  offiziellen  Statistik  nicht  gesondert  angeführt,  ebenso  fehlen
die  Angaben  über  die  Zahl  der  Deutschen  aus  Osterr.-Ungarn,  Rußland
  und  der  Schweiz.  Die  zur  Zentenarfeier  1910  herausgegebene
Festnummer  der  deutschen  „Laplata-Zeitung“  schätzt  die  Zahl  der  Deutschsprachigen
  in  Argentinien  auf  über  100000.  Die  frühesten  deutschen
Kolonistenniederlassungen  reichen  nur  bis  in  die  50  er  Jahre  des  vorigen
Jahrhunderts  zurück.  Sie  sind  durchweg  ausgezeichnet  gediehen.  Die
erwähnte  Festnummer  der  „Laplata-Zeitung“  urteilt:  „Wohin  nur
immer  ein  Deutscher  den  Weg  gesunden,  da  findet  man  selbst  in  den
entferntesten  Einöden  ein  bescheidenes,  doch  gemütliches  Hcim,  wo  sorgfam
  die  Hausfrau  ihres  Amtes  waltet,  wo  Bücher  und  Zeitungen  zu
finden,  und  von  wo  aus  auch  ein  Lichtstrahl  deutscher  Kultur  auf  die
manchmal  noch  wilde  oder  halbwilde  Umgebung  fällt.“  Außerlich  glänzender
  als  in  den  Siedlungskolonien  ist  die  Stellung  der  Deutschen
in  Bucnos  Aires,  dem  Paris  von  Südamerika.  In  Argentinien  lebt
die  heimische  Oberschicht,  die  Nachkommenschaft  der  spanischen  Konquistadoren,
  von  den  Einkünften  aus  ihren  ausgedehnten  Ländereien
und  aus  ihren  zahlreichen  Grundstücken  in  den  aufblühenden  Städten.