96  Das  Deutschtum  in  Übersec

daß  es  dem  glänzenden  Gesamtbild  nicht  an  Schatten  im  einzelnen  fehlt.
In  den  Republiken  Mittelamerikas  und  des  nördlichen  Südamerika
sind  es  die  politischen  Wirren,  die  allzuoft  das  ruhige  Gedeihen  beeinträchtigen.
  In  den  glücklicher  geordneten  Staaten  der  Südhälfte
Südamerikas  haben  gerade  die  Erfolge  der  Deatschen  bei  einzelnen
Einheimischen  und  mehr  noch  bei  fremden  Konkurrenten  Reid  und  Mißgunst
  geweckt.  In  Brasilien  fabelt  die  nativistische  Presse  von  einer
„deutschen  Gefahr“.  Der  reichsdeutschen  Politik  werden  kolonialpolitische
  Eroberungsabsichten  angedichtet.  Das  bleibt  doch  nicht  ganz  ohne
Wirkung.  Die  brasilianische  Regierung  wünschte  reichsdeutsche  Instrukteure
  für  die  Armee.  An  der  lebhaften  Agitation,  die,  vom  Ausland
geschürt,  in  einflußreichen  Kreisen  dagegen  sich  erhob,  ist  die  Absicht
fürs  erste  gescheitert.  Einzelne  Maßnahmen  der  brasilianischen  Regierung
  deuten  darauf,  daß  man  einer  weiteren  Stärkung  des  deutschen
Elements  durch  Ausdehnung  seiner  geschlossenen  Siedlungen  widerstrebt.
  Als  Gegenmittel  kommt  der  Grundsatz  gemischter  Siedlung  zur
Anwendung,  und  die  Gründung  unentgeltlicher  staatlicher  Konkurrenzschulen
  zielt  auf  eine  Einschmelzung  der  fremdsprachigen  Siedler  ab.  —
Und  ähnliches  wird  neuerdings  aus  Argentinien  berichtet.  Hier  hat
ein  stiller  Kampf  vor  allem  gegen  die  deutsche  Schule  eingesetzt.  Die
Verfassung  sichert  den  eingewanderten  Fremden  das  Recht  der  eigenen
Schulgründung.  Die  Deutschen  haben  von  diesem  Recht  ausgiebigen
Gebrauch  gemacht  Seit  1908  werden  Einwendungen  der  staatlichen
Aussichtsbehörden  gegen  unzulängliche  Schulräume  oder  Lehrkräfte  laut,
die  ost  genug  mit  besserem  Grund  gegen  argentinische  Schulen  erhoben
werden  könnten.  Das  sind  bislang  vereinzelte  Fälle  geblieben.  Es  bleibt
abzuwarten,  ob  sie  sich  mehren.  —  Die  brasilianischen  Versuche  mit
gemischten  Siedlungen  haben  noch  keinen  rechten  Erfolg  gehabt.  Entweder
  gedeihen  diese,  aus  verschiedenartigen  fremden  Bestandteilen  zusammengesetzten
  Kolonien  überhaupt  nicht,  oder  aber  es  überflügelt  die
Arbeit  der  Deutschen  in  solchem  Maße  die  der  Nichtdeutschen,  daß  die
letzteren  allmählich  das  Feld  räumen.

Die  eingewanderten  Deutschen  haben  selbst  keinen  Ankaß  zum  Mißtrauen
  gegeben.  Es  sind  ruhige,  zuverlässige  Bürger,  rührige  Wirtschafter,
  die  dem  Lande  in  jeder  Beziehung  nur  Nutzen  bringen.  Die
brasilianische  Regierung  hat  die  Einwanderer  mit  den  Einheimischen
verfassungsrechtlich  gleichgestellt.  Die  Siedler  sind  seit  1889,  soweit
sie  nicht  Einspruch  dagegen  erhoben,  brasilianische  Staatsbürger.  Der