102  Das  Deutschtum  in  Übersee

Kabelmeldungen  angewiesen.  Die  authentische  Richtigstellung  kommt
immer  zu  spät.  Ein  wirksames  Gegengewicht  gegen  die  ungeheuerliche
Irreleitung  der  öffentlichen  Meinung  fehlt  —  England,  das  selbst
die  Kraft  nicht  hat,  seine  weiten  Siedlungskolonien  zu  besetzen,  wünscht
begreiflicherweise  die  tüchtigen  deutschen  Einwanderer  auch  weiter  heranzuziehen.
  Es  rechnet  auf  ihre  endliche  Einschmelzung.  Im  deutschen
Interesse  liegt  es  nicht,  Landsleute  zur  Auswanderung  nach  Australien
aufzumuntern.  Vor  kurzem  empfahl  der  Londoner  Professor  und  Philosoph
  Rev.  Dr.  Alfred  Caldecott  im  Londoner  „Speectator“,  daß  die  westliche
  Hälfte  Australiens  den  Deutschen  abgetreten  werden  möge.  Die
4½  Millionen  Bewohner  wären  nicht  entfernt  als  wirkliche  Besetzung
des  Erdteils  aufzufassen  und  ein  japanischer  oder  chinesischer  Angriff
würde  einen  ernsthaften  Widerstand  nicht  finden.  Ein  weißes  Australien
  würde  gegen  einen  ostasiatischen  Vorstoß  zuverlässiger  zu  halten
sein.  —  Die  australische  Presse  verwahrte  sich  in  einer  geharneschten
Kundgebung  gegen  den  Vorschlag,  „der  letzte  Australier  würde  zu  den
Waffen  greifen!“

Zissernmäßig  ist  im  Bereich  der  englischen  Kolomen  das  Deutschtum
am  stärksten  in  Kanada  vertreten.  —  Die  ziemlich  spärliche  ältere  deutsche
  Einwanderung  ist  verschollen.  Sie  reicht  in  Neuschottland  bis  ins
18.  Jahrhundert  zurück.  Dort  ist  die  Ortschaft  Lunenburg  von  hannoverschen
  Bauern  begründet  worden.  In  der  Provinz  Ontario  gibt  es  ein
„Berlin“  und  ein  „Coburg“.  Aber  in  allen  diesen  Orten  ist  die  Erinnerung
an  den  deutschen  Ur'prung  verwischt.  Nur  in  dem  Außeren  des  Stadtbildes
  finden  sich  noch  Anklänge  an  deutsches  Wesen.  Eine  andere  deutsche
  Gründung  in  Kanada,  „Neu-Thorn“,  hat  nach  Beendigung  des
Burenkrieges  ihren  Namen  in  das  patriotische  „Ladysfmith“  umgewandelt.
  —  Die  neuere  deutsche  Einwanderung  sucht  ihr  Dolke  besser
zu  wahren.  Das  ungeheuere  Gebiet  braucht  Menschen.  Der  billige  und
gute  Boden  führt  dem  Lande  einen  wachsenden  Zuzug  zu,  aus  England,
aus  den  Vereinigten  Staaten,  aus  Italien  und  aus  dem  östlichen  Europa.
Reichsdeutsche  haben  sich  nichti  in  allzu  großer  Zahl  eingefunden.  1901
wurden  27302  Reichsbürtige  gezählt.  Aber  daneben  sind  Deutsch-Amerikaner
  und  Deutschrussen  stattlich  vertreten.  Aus  den  Vereinigten
Staaten  ziehen  Söhne  deutschamerikanischer  Farmer  in  das  zukunftsreiche
  Land.  Aus  Rußland  sind  in  den  Jahren  1900—1909  etwa
70000  Kolonistendeutsche  vom  kurländischen  Hafen  Liban  nach  Kanada