Engl.  Siedlungskolonien;  Australien.  Kanada.  —  Ausblick  103
befördert  worden.  1881  lebten  in  Kanada  ungefähr  250000  Deutsche,
1901  veranschlagte  man  die  Deutschsprachigen  auf  rund  300000,  1905
auf  350000.  Heute  ist  die  Summe  mindestens  im  gleichen  Maßstabe
erhöht.  —  Mit  der  wachsenden  Zahl  der  Deutschen  blüht  auch  deutsches
Leben  auf.  Es  erscheinen  deutsche  Zeitungen.  In  Gemeinde=  und  Probinzialvertretungen,
  selbst  im  Staatsparlament  ist  das  Deutschtum  vertreten.
  Aber  mit  den  deutschen  Schulen  steht  es  nicht  glänzend.  Nur
die  Mennoniten  und  die  Katholiken  sind  eifrig  bemüht,  die  Kinder  ihrem
Glauben  zu  erhalten,  und  da  die  religiöse  Versorgung  und  Unterweisung
in  deutscher  Sprache  von  deutschen  Geistlichen  erfolgt,  so  erweist  sich  auch
hier  der  kirchlich-religibse  Sinn  als  ein  Hort  der  deutschen  Sprache.  Die
deutschen  Katholiken  gelten  als  am  besten  organisiert.

Im  übrigen  sind  auch  in  Kanada  von  allen  Fremden  die  Deutschen
am  meisten  willkommen.  Sie  sind  still,  fleißig,  den  Gesetzen  gehorchend.
Die  kanadische  Regierung  legt  der  Pflege  des  Deutschtums  keine  direkten
  Hindernisse  in  den  Weg.  Sie  sorgt  in  ihrer  Weise  dafür,  daß  das
deutsche  Element  kein  üÜbergewicht  erlangt.  Sie  läßt  geschlossene  deutsche
  Ansiedelungen  nicht  zu,  sie  zerstreut  nicht  nur  die  deutschen  Siedler
über  das  Land,  sondern  nötigt  durch  das  Heimstättengesetz  zur  Ansiedelung
  in  Einzelhöfen  unter  englischen  Siedlern.  Vor  allem  bietet
sie  gut  geleitete,  unentgeltliche  englische  Staatsschulen.  Die  meisten  Deutschen
  schicken  ihre  Kinder  in  diese  Staatsschulen.

So  löst  denn  die  Betrachtung  diefer  versprengten  deutschen  Siedelungen
  in  den  britischen  Kolonien  melancholische  Empfindungen  aus.
Man  muß  die  dortigen  Deutschen  nicht  verloren  geben,  aber  eine  unmittelbare
  Einwirkung  auf  ihre  Erhaltung  ist  von  außen  her  kaum
möglich.  Nur  wo  ihre  innere  Kraft  sie  hält  und  stützt,  werden  sie  weiterleben.
  In  Südafrika,  in  Australien,  in  Kanada  ist  diese  Kraft  nicht
entfernt  so  weit  entwickelt  wie  in  dem  unendlich  stärkeren  Deutschtum
der  Vereinigten  Staaten.  Man  kann  nicht  sagen,  daß  die  englische  Regierung
  und  Verwaltung  in  ihren  Kolonien  einen  Druck  auf  anders.
sprachige  Elemente  ausübt.  Nationale  Engherzigkeit  übt  der  Engländer
in  dieser  Richtung  nicht.  Das  ist  ein  überwältigendes  Zengnis  seines
eigenen  nationalen  Kraftgefühls.  Irgendwelche  Mittel  gewaltsamer  Entnationalisierung
  hat  er  —  abgesehen  von  Irland  —  nicht  zur  Anwendung
  gebracht.  In  Irland,  wo  für  England  ein  ähnliches  Problem
vorlag  wie  für  uns  in  der  Polenfrage,  ist  man  allerdings  mit  einer