104  Das  Deutschtum  in  Uübersee
brutalen  Härte  vorgegangen,  die  sich  scharf  von  der  Behandlung  der
Polen  in  Preußen  abhebt.

Die  deutsche  Geschäftswelt  in  den  englischen  Kolonien.  Sehr  viel
erfreulicher  steht  es  mit  den  Deutschen,  die  weit  zerstreut  in  den  Zentren  des
überseeischen  britischen  Weltreiches  sitzen.  Der  Welthandelsgeist,  der  neuerdings
  so  kräftig  im  Deutschen  Reiche  sich  regt.  führt  zahllose  deutsche  Geschäftsleute
  hinaus.  Sie  sind  ein  für  den  Handel  steigend  in  Betracht  kommender
  Faktor.  Das  Deutsche  Reich  hat  1910  aus  denwichtigsten  englischen
Kolonien  direkt  Waren  im  Wert  von  rund  944  Millionen  Mark  bezogen,
für  178  Millionen  Mark  mehr  als  Großbritannien  selbst.  Allerdings  hat
das  Deutsche  Reich  nur  für  272  Millionen  dorthin  eingeführt.  1911  ist  die
Ausfuhr  auf  959,3  Millionen,  die  Einfuhr  auf  298,8  Millionen  gestiegen.
  Das  Verhältnis  erklärt  sich  aus  dem  Umstande,  daß  die  englischen
  Kolouien  unentbehrliche  Rohstoffe  liefern.  Die  indische  Ausfuhr
z.  B.  geht  zu  einem  starken  Teil  nach  dem  Deutschen  Reich  (1911  im
Wert  von  440,3  Millionen).  Das  verhindert  im  übrigen  eine  für  das
Deutsche  Reich  ungünstige  Zollpolitik  und  sichert  uns  einen  bescheidenen
  Teil  des  Marktes  dortselbst.  Der  Zahl  nach  ist  das  deutsche  Element
  in  den  kolonialen  Handelsplätzen  nirgends  überwältigend  groß.
Einige  Daten  für  Südafrika  und  Australien  sind  bereits  angegeben.
In  ganz  Britisch-Indien  lebten  1910  1696  Reichsbürtige.  Eine
trockene  Aufzählung  der  über  alle  Erdteile  verstreuten  Umschlagsorte,
die  hier  zu  nennen  wären,  darf  füglich  unterbleiben,  da  die  Darstellung
nicht  unbedingte  Vollständigkeit,  sondern  die  Gewinnung  eines  allgemeinen
  Urteiles  anstrebt.  Dem  englischen  Kaufmann  erscheinen  die  Deutschen
  zuweilen  als  unbequeme  Mitbewerber.  Das  offizielle  England  behandeltsie
  rücksichtsvoll  und  ritterlich.  Das  istan  sich  ganzselbstverständlich.
Ein  englischer  Kaufmann  dürfte  in  Hamburg  oder  Berlin  schwerlich
Gelegenheit  haben,  andere  Erfahrungen  zu  machen.  Immerhin  sei  hier
die  Außerung  eines  englischen  Regierungsvertreters  wiedergegeben.  Lord
Selburne  sagte  bei  der  oben  (S.  99)  berührten  Ansprache:

„Wir  Briten  und  ihr  Deutsche  hier  in  Johannesburg  nehmen  eine  sehr
glückliche  Stellung  ein.  Wir  sind  in  täglicher  Berührung  miteinander.  Wir
treffen  uns  offiziell  und  geschäftlich.  Und  was  ist  die  Folge?  Wir  kennen
einander  und  wir  verstehen  einander.  Nun,  meine  Herren,  die  Patrioten
in  unserem  beiderseitigen  Vaterland  sind  nicht  in  so  günstiger  Lage.  Sie
haben  nicht  die  dauernde  Berührung  miteinander,  die  wir  haben,  und  die
Folge  ist,  daß  sie  einander  nicht  kennen,  und  darum  einander  nicht  ver-