Die  deutsche  Geschäftswelt  i.  d.  engl.  Kolonien.  —  Der  nahe  Orient  105
stehen.  Unwissenheit  ist  gefährlich,  und  der  Mangel  an  Achtung,  der  oft
die  Folge  von  Unkenntnis  ist,  ist  noch  gefährlicher.  Möge  ein  jeder  unter
uns,  wenn  er  wieder  in  Europa  lebt,  es  als  seine  Aufgabe  betrachten,  bessere
Bekanntschaft  und  Verständigung  zwischen  diesen  beiden  großen  Völkern  zuwege
zu  bringen.  Es  ist  nicht  wahr,  daß  die  Welt  nicht  groß  genug  für  uns  beide
ist.  Wir  haben  beide  noch  viel  Arbeit  in  der  Welt  zu  leisten,  und  wir  können
sie  am  besten  leisten  bei  gegenseitiger  Achtung  voreinander  und  bei  vollkommener
  gegenseitiger  Gleichstellung.“

Das  ist  vor  der  letzten  scharfen  Zuspitzung  der  englisch-deutschen
Beziehungen  gesprochen.  Es  ist  vielleicht  nützlich,  an  das  Wort  zu  erinnern.
  Es  wäre  ein  Programm,  nach  dem  ein  gedeihliches  Nebeneinanderwirken
  von  Engländern  und  Deutschen  sehr  wohl  möglich  wäre.
An  den  Deutschen  liegt  es  sicherlich  nicht,  wenn  eine  Annäherung  auf
solcher  Grundlage  ausbleibt.

Der  nahe  Orient.  Über  die  Stellung  der  Deutschen  in  der  europäischen
  Türkei  ist  schon  oben  (S.  65)  berichtet.  Ihr  steigender  Einfluß
  macht  sich  auf  allen  Lebensgebieten  bemerkbar,  insbesondere  in
Handel  und  Verkehr.  Das  greist  auch  nach  der  asiatischen  Türkei  hinüber.
  In  der  Levante  wächst  der  Handel  des  Deutschen  Reiches  und
Osterreichs  bedeutend  schneller  als  der  der  übrigen  Weltmächte.  Auch
hier  gewinnt  die  deutsche  Sprache  eine  erfreulich  wachsende  Verbreitung.
  In  Smyrna,  in  Beirut,  in  Jerusalem  gibt  es  gute  deutsche  Schulen
und  wohltätig  wirkende  humanitäre  Anstalten.  Es  sei  noch  der  Bagdadbahn
  gedacht,  die,  unter  Leitung  der  Deutschen  Bank  erbaut,  weite
Strecken  Kleinasiens  durchzieht  und  deren  Weiterführung  bis  zum  Mccre
einer  der  Prüfsteine  für  den  Ernst  einer  englischen  Verständigung  mit
dem  Deutschen  Reiche  werden  soll,  endlich  der  glücklich  gedeihenden
deutschen  Ackerbau=  und  Weinbaukolonien  der  württembergischen  Templer
  in  Palästina.  »

Unter  den  Begriff  des  nahen  Orients  fällt  auch  Agypten.  Wir  sind
gewohnt,  das  Nilland  als  eine  englische  Kolonie  zu  betrachten.  Mag
sein,  daß  es  in  Wirklichkeit  als  solche  anzusehen  ist.  Der  englische  Ein—
fluß  ist  politisch  der  maßgebende.  Aber  staatsrechtlich  ist  noch  immer
der  Sultan  der  nominelle  Oberherr.  Es  ist  etwas  zuviel  Bereitwilligkeit
  gegenüber  der  englischen  Weltmacht,  wenn  auf  den  Karten  Agypten
  als  englisches  Gebiet  verzeichnet  wird.  England  hat  nur  die  Pflegschaft
  Agyptens  übernommen  und  nicht  einmal  ausschließlich.  In
Agypten  ist  die  Staatsschuldenverwaltung  auf  internattonaler  Grund-