108  Das  Deutschtum  in  Übersee
dem  Englischen  an  erster  Stelle.  —  Der  ganze  Vorgang  der  Europäisierung
  Japans  erinnert  lebhaft  an  die  Umwälzung  Rußlands  unter
Peter  dem  Großen.  Die  Zuführung  der  fremden  Kultur  war  in  Japan
womsglich  noch  unvermittelter  als  in  dem  Rußland  Peters  des  Großen.
Aber  sie  erfolgte  unter  schonenderer  Rücksichtnahme  auf  heimische  Empfindlichkeiten.
  Peter  der  Große  hat  in  Rußland  die  Fremden  in  die
leitenden  Stellen  geschoben.  Sie  wurden  Minister  und  Feldmarschälle.
In  Japan  hat  man  die  Fremden  als  Lehrmeister  benutzt,  ohne  sich
ihrem  Befehl  unterzuordnen;  und  sie  sind  aus  japanischem  Dienst  entlassen
  worden,  sobald  ihre  Unterweisung  ihren  Zweck  erreicht  hatte.  —
Die  Verminderung,  die  die  Zahl  der  Europäer  in  Japan  dadurch  erfahren
  hat,  ist  durch  den  verstärkten  Zuzug  von  Vertretern  der  Handelswelt
  ersetzt  worden.  Die  Deutschen  zählen  in  Japan  derzeit  gegen
1000  Köpfe,  an  sich  eine  verschwindende  Minderheit.  Aber  ihre  Qualität
  ist  von  Belang:  selbständige  Unternehmer  im  Großhandel,  Vertreter
  unserer  Weltfirmen  wie  Krupp,  Siemens  4  Schuckert,  und  unserer
großen  Schiffslinien.  Im  Handel  haben  Engländer  und  Amerikaner
den  Vortritt  vor  den  Deutschen.  Die  Handelssprache  ist  in  Japan  wie
in  China  die  englische.  Aber  die  Deutschen  sind  mit  Erfolg  bestrebt,
den  Vorsprung  einzuholen,  den  Engländer  und  Amerikaner  gewonnen
haben.  Bis  1907  ist  die  deutsche  Einfuhr  nach  Japan  ständig  gestiegen.
Sie  erreichte  1907  mit  102  Millionen  Wert  einen  Höhepunkt.  1908
und  1909  folgte  ein  Rückgang  bis  auf  77½.  Millionen,  im  Jahr  1910
ein  Aufstieg  auf  annähernd  90  Millionen.  1911  wurde  mit  112¼  Millionen
  der  Höhepunkt  von  1907  beträchtlich  überholt.  Die  Schwankungen
sind  bis  zu  gewissem  Grade  die  Wirkung  der  reichsdentschen  Politik,
die  im  Verein  mit  Rußland  und  Frankreich  im  Chinesisch-Japanischen
Kriege  zugunsten  Chinas  eingriff.  Japan  hat  gerade  den  Deutschen
das  Vergehen  nachgetragen,  nicht  den  Russen  und  Franzosen.  Vielleicht
  noch  nachhaltiger  ist  die  japanische  Verstimmung  gegen  Deutschland
  durch  die  englische  Beeinflussung  der  japanischen  Presse  bestimmt.
Dafür  hob  sich  die  deutsche  Geltung  in  China.  Allerdings  ist  dort
durch  den  Sturz  der  Mandschudynastie  und  die  Aufrichtung  der  Republik
  soeben  wieder  eine  neue  Sachlage  geschaffen,  die  eine  steigende
Einflußnahme  namentlich  des  Amerikanertums  erwarten  läßt.  Auch
in  China  ist  das  deutsche  Element  wenig  zahlreich.  Abgesehen  von  den
Deutschen  des  Pachtgebietes  Kiautschou  und  von  unseren  Besatzungstruppen
  in  Tsingtau,  Tientsin,  Peking  und  Hankau,  die  sich  insgesamt