Aufsteigende  Entwicklung  seit  1871  113

Epoche  angehalten  habe.  Neben  der  Waffeninacht  zu  Lande  ist  die  deutsche
Flottenwehr  erstanden.  Wir  haben  unseren  Kolonialbesitz  erweitert  und
abgerundet.  Unsere  Industrie  ist  in  stetem  Aufstieg  begriffen.  Auf  den
letzten  Weltausstellungen  hat  sie  anerkanntermaßen  ausgezeichnet  abgeschnitten.
  Gleicherweise  haben  unser  Handel  und  unsere  Schiffahrt
Riesenfortschritte  zu  verzeichnen.  Frankreich  ist  längst  überholt  und  wir
kommen  England  immer  näher.  Das  Volk  der  Dichter  und  Denker
hat  endlich  Wert  und  Bedeutung  auch  der  wirtschaftlichen  Machterweiterung
  richtig  einschätzen  gelernt.  Es  sind  heute  nicht  mehr  nur  die
bescheidenen  Haustugenden  und  die  stillen  Ruhmestaten  deutschen  Geistes,
die  dem  Deutschtum  in  der  Welt  erhöhte  Geltung  verschafft  haben,  sondern
  die  stolzen  Siege  deutscher  Waffen,  die  Erfolge  deutschen  Unternehmermutes
  und  deutscher  Arbeit.  An  Stelle  des  „billig  und  schlecht“
als  Kennwort  deutscher  Erzeuguisse  ist  heute  die  deutsche  Fabrikmarke
eine  wirkungsvolle  Empfehlung.  Nicht  nur  die  Vertreter  deutscher
Geisteswissenschaft,  sondern  auch  die  Träger  praktischen  Könnens,  deutsche
Ingenieure,  deutsche  Chemiker,  deutsche  Arzte,  erfreuen  sich  eines
Ehrenvorranges.  Ein  gut  Teil  zur  Hebung  des  deutschen  Ansehens
haben  die  stolzen  Fahrzeuge  unserer  großen  Schiffslinien  beigetragen.
Selbst  Fremde  räumen  ein,  daß  die  deutschen  Ozeandampfer  an  solider
Pracht,  an  Reinlichkeit,  Bequemlichkeit  und  unbedingter  Zuverlässigkeit
  nicht  ihresgleichen  haben.  Auf  deutscher  Seite  vollzieht  sich  der
wirtschaftliche  Fortschritt  in  schnellerem  Schritt  als  der  der  übrigen
Welthandelsmächte.  Mit  mathematischer  Sicherheit  rückt  der  Zeitpunkt
heran,  an  dem  das  Deutsche  Reich  hinter  keinem  Wettbewerber  im  Weltverkehr
  zurücksteht.  Das  ist's,  was  an  verschiedenen  Stellen  so  ernsthafte
  Beklemmungen  wachruft.  Es  ist  richtig,  daß  die  Schärfe  des  deutschen
  Schwertes  nicht  von  neuem  erprobt  worden  ist.  Aber  die  aus
Respekt  und  Grauen  gemischte  Empfindung,  die  das  deutsche  Heer  und
neuerdings  auch  die  deutsche  Flotte  bei  den  offenen  und  heimlichen
Geguern  auslösen,  läßt  nicht  vermuten,  daß  in  deren  Augen  unsere
Wehrmacht  etwas  eingebüßt  hat.  Unsere  Schwarzseher  haben  auf  die
zukunftsfrohe  Beurteilung  der  heutigen  Lage  des  Deutschen  Reiches
Schopenhauers  Wort  vom  „ruchlosen  Optimismus“  anwenden  wollen.
Gerade  dieser  Erzvater  des  Pessimismus  ist  ein  schlechter  Kronzeuge
gegen  mutige  Zuversicht  und  Lebensbejahung.  Darüber  kann  niemand
im  unklaren  sein,  daß  unsere  gehobene  Stellung  in  der  Welt  uns  ein
Heer  von  Neidern  und  Widersachern  erweckt  hat.  Auch  Bismarcksche
Ad#uE  402:  Hoeniger,  Deutschlum  im  Ausland.  2.  Aufl.  8