114  Die  Weltstellung  des  neuen  Deutschen  Reiches

Staatskunst  hätte  das  nicht  verhütet.  Unsern  Gewinn  verrechnen  die
anderen  als  Verlust.  Das  vor  allem  bestimmt  das  Urteil  des  Auslandes
über  uns.  Gewiß  findet  der  stolze  Aufstieg  des  Deutschen  Reiches  vereinzelt
  auch  bei  den  anderen  Nationen  Anerkennung.  Man  wird,  was
uns  Rühmendes  nachgesagt  wird,  getrost  in  die  zweite  Linie  rücken
dürfen.  Fremder  Tadel  ist  lehrreicher  als  fremdes  Lob.  Unter  allen
Umständen  tritt  die  Gesinnung  der  Urteiler  gegen  uns  im  Tadel  ungeschminkter
  zutage.  Es  gibt  bei  uns  Kreise,  die  geneigt  sind,  jedes
abfällige  Auslandsurteil  über  das  Deutsche  Reich  als  Beweis  dafür
zu  verwerten,  wie  mangelhaft  und  besserungsbedürftig  unsere  heimischen
Zustände  wären.  Die  Unbeliebtheit  der  Deutschen  draußen,  unsere  scheinbare
  politische  Vereinsamung,  die  Gefahren  der  Einkreisungspläne  —
das  alles  meinen  sie  abstellen  zu  können,  wenn  unsere  Verhältnisse  nach
den  freundlichen  Ratschlägen  der  Fremden  zugestutzt  würden.  Das  ist
mehr  als  kindliche  Harmlosigkeit.  Niemand  wird  behaupten,  daß  in
unseren  inneren  Zuständen  nichts  zu  bessern  wäre.  Aber  den  gewissenhaft
  abwägenden  Vergleich  mit  anderen  Nationen  haben  wir  nicht  zu
scheuen.  Letzten  Endes  kommt  doch,  was  dem  Reich  die  Abneigung  des
Auslandes  zuzieht,  und  was  den  einzelnen  Deutschen  draußen  unbeliebt
  macht,  auf  dasselbe  hinaus.  Es  sind  zum  guten  Teil  die  Einrichtungen
  unseres  Staates  und  die  Eigenschaften  unseres  Volkes,  die
unsere  Stärke  daheim  ausmachen  und  die  dem  Deutschen  draußen  seine
Erfolge  sichern.  Man  bekreuzigt  sich  vor  der  harten  Disziplin  unseres
Hceres,  vor  der  straffen  Zucht,  die  uns  Ordnung,  ehrliche  Verwaltung
und  Wehrhaftigkeit  verbürgen.  Auch  der  Deutsche,  der  in  aller  Welt
draußen  als  selbständiger  Unternehmer  wie  als  Angestellter  immer  breiteren
  Raum  gewinnt,  dankt  das  seiner  Pünktlichkeit,  seiner  Zuverlässigkeit,
  seinen  Kenntnissen,  seinem  „büffelhaften  Fleiß“,  wie  man  draußen
gelegentlich  spottet.  Zweifellos  ist  das  unbequem  für  unsere  Mitbewerber.
  Ein  französisch  gesinnter  belgischer  Dichter,  der  von  der  deutschen
  Gefahr  für  Belgien  spricht,  erklärt  das  unaufhaltsame  Vordringen
des  deutschen  Elementes  im  Geschäftsleben  Brüssels  und  Antwerpens:
„Es  gibt  keine  andere  Rasse,  die  mit  ihrem  butterblonden  Haar  und
ihrer  glatten  Haut  ebenso  ausdauernd,  ebenso  mutig  und  ebenso  hartnäckig
  wäre.“  Genau  auf  denselben  Ton  sind  die  englischen  Klagen
über  den  Einbruch  der  Deutschen  in  ihre  indischen  Kolonien  gestimmt.
Die  Engländer  sind  nervös  geworden.  Sie  sagen:  „Früher  konnten
wir  hier  Kulturmenschen  sein.  Vor  Niederlassung  der  deutschen  Kauf-