Das  „Größere  Deutschland“  119

Ob  ÖOsterreich  und  das  Deutsche  Reich  sich  in  Zukunft  noch  näherrücken
  können?  Bismarck  ersehnte  es.  Von  vornherein  wollte  er  das
Bündnis  fester  gestalten,  die  Parlamente  der  beiden  Reiche  sollten  es
bekräftigen  und  in  die  Verfassungen  ihrer  Staaten  aufnehmen.  1885
hat  Bismarck  im  Reichstag  davon  gesprochen,  daß  er  Osterreich-Ungarn
  Vorschläge  gemacht,  oder  doch  Anregungen  gegeben  habe,  durch
zollpolitische  Maßnahmen  die  Lücke  zu  decken,  die  die  Ereignisse  von
1866  in  die  deutschen  Beziehungen  gerissen.  Er  plante  also  eine  Erweiterung
  des  Zollvereins.  Die  entgegenstehenden  Schwierigkeiten  erwiesen
  sich  zu  seiner  Zeit  noch  als  unüberwindlich.  Hinterdrein  ist  der
Gedanke  von  hervorragenden  Männern  hüben  und  drüben  von  neuem
aufgegriffen  und  in  der  Richtung  eines  mitteleuropäischen  Zollbundes
erweitert  worden.  Aller  Voraussicht  nach  könnte  auf  diesem  Boden
nicht  nur  die  festere  Verknüpfung  mit  dem  Habsburgerreich,  sondern
eine  Sicherung  des  gesamten  mitteleuropäischen  Deutschtums  erzielt
werden.  Eine  solche  Verbindung  auf  wirtschaftspolitischer  Grundlage
müßte  notwendig  für  die  beteiligten  Mächte  auch  zu  einer  weiterreichenden
  staatlichen  Annäherung  führen,  in  der  die  nationalen  Reibungen
und  Kämpfe  am  ehesten  zur  Ruhe  kämen.  Dafür  böte  das  starke  übergewicht
  des  deutschen  Elements  eine  Bürgschaft.  Immer  war  es  deutsche
Art,  fremdes  Wesen  neidlos  neben  sich  zu  dulden  und  in  seinem  Rechte
anzuerkennen.  Man  hat  unser  weitgehendes  Entgegenkommen  gegen
alles  Fremde  oft  als  eine  unausrottbare  nationale  Schwäche  getadelt.
In  einer  mitteleuropäischen  Gemeinschaft  müßte  dieses  alte  Erblaster
in  eine  Kardinaltugend  umschlagen.  Unter  deutscher  Führung  bliebe
Luft  und  Licht  den  andern  unverkümmert.  Das  ist  wohl  der  tiefste
Sinn  des  Bismarckschen  Wortes,  daß  eine  deutsche  Hegemonie  in  Europa
nützlicher  und  unparieiischer,  auch  unschädlicher  für  die  Freiheit  anderer
wirken  würde  als  eine  französische,  russische  oder  englische.  Doch  das,
sind  Zukunftsträume.

Unmittelbare  Gegenwart  ist  vorerst  nur  die  ideelle  Einheit,  die  aus
der  Kulturgemeinschaft  allen  Gliedern  des  deutschen  Volkes  erwächst.
Auch  hier  hat  Bismarck  mit  knappen  Sätzen  das  Wesenliche  klar  hervorgehoben.
  Einer  Abordnung  der  deutschen  Künstlerschafthat  der  Achtzigjährige
  gesagt:  „Die  Kunst  und  die  Wissenschaft,  die  Universitäten  und
die  Kunstwerkstätten,  die  sind  immer  deutsch  geblieben,  von  Wien  bis
Amsterdam  —  ich  will  Amsterdam  nicht  neunen,  die  Holländer  könnten
es  übelnehmen  —,  sagen  wir  von  Wien  bis  Kleve.  Das  wird  uns  auch