120  Reichsdeutiche  und  Auslanddeutiche

immer  zusammenhalten.  Wir  können  nach  unseren  Bildungsverhältnissen
  gar  nicht  auseinanderfallen,  nach  unserer  ganzen  Geschichte,  nach
unserer  Dichtkunst,  nach  unserer  Kunst.“  Da  haben  wir  weite  Gebiete
nationaler  Gemeinschaft,  die  auch  ohne  außere  Bindung  den  Gedanken
eines  „Größeren  Deutschland“  lebendig  halten.  Und  hier  finden  wir
die  Brücke,  die  uns  hinüberführt  zu  den  Deutschen  draußen  in  weiter
Ferne,  für  die  keine  Aussicht  auf  eine  unmittelbare,  vertragsmäßig
gesicherte  Lebensgemeinschaft  mit  dem  deutschen  Kernvolk  sich  bietet.

Dieses  Deutschtum  dranßen  haben  wir  nach  Zahl  und  Geltung  in
seinen  versprengten  Teilen  kennen  zu  lernen  versucht.  Es  bietet  unserer
aufstrebenden  wirtschaftlichen  Entwickelung  außerordentlich  wertvolle
Stützen.  Ohne  die  Erträge  unseres  Außenhandels,  unserer  Reedereien,
unserer  im  Ausland  angelegten  Kapitalien  ist  ein  gesundes  wirtschaftliches
  Fortkommen  unseres  Volkes  nicht  mehr  denkbar.  Unter  solchen
Verhältnissen  hat  für  uus  das  Auslanddeutschtum  eine  ganz  neue  Bedeutung
  gewonnen.  In  dem  gewaltigen  Wettbewerb,  der  auf  dem  Weltmarkt
  sich  entspinnt,  entscheidet  im  allgemeinen  die  beste  Leistung  bei
angemessenen  Preisen.  Ein  anderes  aber  spricht  daneben  sehr  gewichtig
mit.  Alle  Erfahrung  lehrt,  daß  der  Handel  mehr  als  der  Flagge,  der
Sprache  und  dem  Volkstum  folgt.  Nationale  Gegnerschaft  versteigt
sich  heute  bis  zu  leidenschaftlicher  Befürwortung  des  wirtschaftlichen
Boykotts,  während  umgekehrt  die  Ausbreitung  unserer  Sprache  und
die  Schätzung  unseres  Volkstums  in  der  Fremde  den  Absatz  deutscher
Erzeugnisse  erleichtert  und  fördert.  In  den  Fremdländern  stehen  Zahl
und  Geltong  des  Auslanddeutschtums  in  deutlich  wahrnehmbarer  Wechselwirkung
  zur  deutschen  Wareneinfuhr,  zum  deutschen  Schiffsverkehr
und  vielfach  auch  zur  Anlage  deutschen  Kapitals.  Der  Deutsche  draußen
ist  der  geborene  Vorkämpfer  und  Bahnbrecher  unserer  Wirtschaftsinteressen
  daheim.  —  Aber  nicht  nur  diese  nüchternen  geschäftlichen  Berechnungen
  kommen  in  dem  großen  Zusammenhang  der  Fragen,  die
hier  auftauchen,  in  Betracht.  Von  der  Haltung  und  Gesinnung  der
Auslanddeutschen  hängt  sehr  wesentlich  die  Kulturstellung  des  deutschen
Volkes  ab,  die  Verbreitung  seiner  Sprache,  die  Wirkung  seiner  Wissenschaft,
  Literatur  und  Kunst.  —  Werte  von  unermeßlicher  Bedeutung
sind  es,  dic  in  den  Millionen  von  Auslanddeutschen  für  uns  aufgespeichert
  sind,  ganz  gleich,  ob  sie  dem  deutschen  Staat  angehören  oder
nicht.  Darum  hat  unser  Verlangen  sein  gutes  Recht,  daß  diese  Deutschen,
  auch  wenn  sie  keine  staatliche  Beziehung  zu  uns  haben,  unbe-