Hemmungen  und  Begünstigungen  des  völkischen  Eupfindens  123

Stämmen  Südrußlands,  den  Walachen  und  Serben  der  Balkangrenze
gegenüber  erwuchs  ihnen  das  Bewußtsein  des  eigenen  Wertes.  Namentlich
  die  Deutschrussen  verleugnen  in  ihren  neuen  Siedelungen  in  Übersee
nirgends  die  Erziehung  zum  nationalen  Stolz,  die  ihnen  das  Leben
unter  halbzivilisierten  Fremdvölkern  hat  angedeihen  lassen.  —  Neben
diesen  wichtigsten  Hemmungen  und  Begünstigungen  völkischen  Gedeihens
kommt  in  zweiter  Linie  die  Verbindung  mit  dem  Mutterlande  in  Betracht.
  Je  sester  und  enger  die  Fäden  sich  herüber  und  hinüber  spinnen,
um  so  zuverlässiger  bleibt  die  Volkstreue  der  abgesplitterten  Teile  gewahrt.
  Und  in  der  Beziehung  liegen  schwere  Unterlassungssünden  auf
reichsdeutscher  Seite  vor.  —  Alle  diese  Erwägungen  haben  volle  Geltung
nur  für  geschlossene  Siedlergruppen.

Unendlich  viel  schwieriger  wird  es  für  versprengte  Einzelne,  den  Einwirkungen
  der  fremden  Umwelt  zu  widerstehen.  Abhängige  Existenzen,
kleine  Leute  sind  im  Ausland  national  stets  aufs  äußerste  gefährdet.
Ihr  Nachwuchs  ist,  ohne  kirchliche  Versorgung  in  der  Muttersprache,
ohne  die  Stütze  einer  das  Volkstum  hegenden  Schule,  rettungslos  verloren.
  Das  sind  Beobachtungen,  die  man  anstandslos  verallgemeinern
darf.  Ungezählte  Massen  von  Slawen  sind  nicht  nur  im  Mittelalter,
sondern  bis  in  die  Gegenwart  hinein  dem  deutschen  Volksgut  zugeführt
worden,  die  französischen  Refugiés  sind  zu  Tausenden  mit  dem  Deutschtum
  verschmolzen,  und  jeder  von  uns  wird  in  seinem  Bekanntenkreise
Kinder  von  in  Deutschland  heimisch  gewordenen  Ausländern  finden,
die  als  Deutsche  heranwachsen.

Aber  weisen  die  Deutschen  nicht  doch  eine  durchschnittlich  geringere
nationale  Widerstandskrast  auf  als  Angehörige  fremder  Völker?  Spricht
dafür  nicht  die  Tatsache,  daß  in  den  neueren  Jahrhunderten  das  Deutschtum
  so  außerordentlich  große  völkische  Berluste  erlitten  bat?  Die  Frage
ist  mit  Bezug  auf  Amerika  bereits  erörtert.  Hier  sei  nur  noch  angemerkt,
daß  die  Deutschen  lange  Zeit  das  stärkste  Auswanderervolk  waren.  Nur
England  hat  seine  Söhne  in  ähnlichem  Umfange  in  die  Welt  hinausgeschickt.
  —  Man  rühmt  das  sichere  Selbstgefühl  des  Engländers.  In
der  Tat  verdient  die  Selbstverständlichkeit,  mit  der  er  seine  nationale
Eigenart  durchsetzt  und  festhält,  nacheifernde  Bewunderung.  Nur  darf
man  nicht  übersehen,  daß  die  Engländer  zum  größten  Teil  nicht  ins
„Ausland“  gingen,  sondern  in  englische  Kolonien,  und  daß,  soweit  sio
auf  fremden  Boden  übertraten,  sie  überall  seit  alter  Zeit  des  starken
Schutzes  ihres  Staates  gewohnt  waren.  Politisch  ist  im  übrigen  die