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        <title>Unser Preußen.</title>
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          <persName>Hoffmeyer</persName>
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        Auser Preußen. 
Die Entwickelung des Preußischen Staates 
unter der Derrschaft der Dokenzollern. 
Von 
  
I. Bo 
  
  
  
  
meper. 
Mit 167 Mbbildungen, Skizzen u. Hlänen 
im Aexk sowie sieben farbigen Karken. 
Dritte, verbesserte Auflage. 
  
JFerdinand Hirk, 
Königliche Universitäts= und Derlags-Buchhandlung. 
Breslau.
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        Dom Jels zum Mexrr. 
1. Boch ragt empor auf selsenfestem Grund 
Die Bollernburg in alkersgrauen Tagen; 
Sie schaut hinab und siehk in weiker Kund' 
Die Skröme nordwärks ihre Schiffe kragen; 
Sie ziehen hin mik Tafsken reich und schwer 
Vom Fels zum MWeer. 
2. Da wird's zu eng in seinem Lelsenschloß 
Dem Srllerngar, er lüfkek seine Schwingen, 
Und wo hinab mit Schiff und Kahn und Floslkl 
Die Ströme munter durch die Täler springen, 
Da fliegt er mit der Polken dunklem HPeer 
Vom Aels zum Meer. 
3. Und in den Marken zwischen Sumpf und Sand, 
Wo kief in Wäldern rauschen mächt'ge Tühren, 
Die Sern glänzen weik hinein ins Tand, 
Da ist der Kar gekürk zu hohen Ehren; 
Das ZSeptfer führk er, und ex wirft den Speer 
Vom Tels zum Weer. 
4. Und weikfer fork mikt kräft'gem Flügelschlag 
Schwingk sich der Kar, zu höh'rem Siel zu steigen, 
Am Balt'schen Weer erglänzt sein Ehrenkag: 
Die Fahnen vor der Wajelkät sich neigen; 
Die Rönigskrone leuchkek hoch und hehr 
Vom FTels zum Weer. 
5. D BZollernaar, breit’ deine Flügel aus, 
Zu Schun dem Follie und dem Dakerlande! 
Dich schrecht nichk Skurm und wilder Dogen Graus:; 
Du schlägst der Feinde Schar in feste Bande; 
Dn bisk des Deutkschen Reiches Ehr' und Pwehr 
Vom Fels zum Werrr. . 
Jadoifwaeixoch
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        Vorrede. 
Die Geschichte des Königreichs Preußen, das, von der Natur wenig 
begünstigt, fast allein durch das Verdienst seiner Bewohner in der ver— 
spotteten Mark aus kleinen Anfängen zur Vormacht des Deutschen Reichs 
emporgewachsen ist und jetzt auf ein mehr als zweihundertjähriges Be— 
stehen zurückblicken kann, ist nach dem Ausspruche König Friedrich 
Wilhelms IV. eine Geschichte ohnegleichen; kein Land kann sich eines 
ruhmvolleren Herrschergeschlechts rühmen, kein Volk hat aber auch größere 
Opfer an Gut und Blut dargebracht als das preußische. Daher gewährt 
das Studium der preußischen Geschichte einen besonderen Reiz. Sie 
lehrt — wie die Geschichte überhaupt — die Gegenwart verstehen; ihre 
Kenntnis ist deshalb unerläßlich für jeden, der mit Verständnis an der 
Lösung der Aufgaben des Staates mitwirken will, sie ist wünschenswert 
auch für die breiteren Schichten des Volkes. An größeren Werken über 
preußische Geschichte fehlt es ja nicht, und die Zahl der Leitfäden ist 
Legion; aber ein Werk, das wie „Unser Preußen“ für geringen Preis 
nicht nur eine lückenlose, lesbare Geschichte Preußens, sondern auch eine 
Fülle trefflicher Abbildungen bietet, gab es bisher noch nicht. 
„Unser Preußen“ stellt nicht nur das äußere Wachstum des 
Preußischen Staates dar, sondern es sind auch die Entwickelung der 
wichtigsten staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen, wie der Landes- 
verwaltung und Rechtspflege, des Heer= und Steuerwesens, der Schule 
und Kirche sowie die Lage der Bürger und Bauern eingehend berück- 
sichtigt worden. Die einzelnen Abschnitte lassen sich mit Hilfe eines aus- 
führlichen Registers leicht zu einem Gesamtbilde zusammenfassen. Das 
Buch ist für reifere Schüler der gebildeten Stände berechnet, kann aber 
seiner leichtverständlichen Sprache wegen auch von dem einfachsten Manne 
mit Nutzen gelesen werden, und da die preußische Geschichte zum Teil 
Kriegsgeschichte ist, also das Heer und seine Ruhmesthaten eingehende Be- 
rücksichtigung gefunden haben, so dürfte es auch dem Heere dienen können.
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        VI Vorrede. 
Daß bei der Abfassung des Buches die Arbeiten von Ranke, Droysen, 
Treitschke, Pierson, Berner u. a. gewissenhaft berücksichtigt worden sind, 
bedarf wohl keiner Versicherung. 
Dem Herrn Verleger, der das Werk nicht nur mit Karten und 
reichem Bilderschmuck ausgestattet, sondern auch an der Gestaltung des 
Textes lebhaften Anteil genommen hat, sei auch an dieser Stelle mein 
herzlicher Dank ausgesprochen. 
Möge „Unser Preußen“ in Schule, Haus und Heer durch Ver— 
breitung der Kenntnis vaterländischer Geschichte und durch Pflege wahrer 
Vaterlandsliebe reichen Segen stiften. 
Der Verfasser.
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        — 
— 
2. 
7 
Inhalt. 
Erster Zeitraum. Die Mark Brandenburg. 
Die Vorzeit 
Gründung und Erweiterung der Mark durch die 2 
1. Albrecht der Bär; 1134—1110 
2. Die übrigen anhalltinischen Markgrafen. . 
Zerfall der Mark unter den Bayern und Luxemburgern . 
Die Neugründung durch Friedrich von Hohenzollern 
Der innere Ausbau .. 
Ältere Geschichte Preußens .. 
Das äußere Wachstum der Mark unter Johann Sigismund; 608S —1619 
Der Zerfall unter Kurfürst Georg Wilhelm; 1619—1640 . .. 
ZweitergeitraumYasxkönigreütheußem 
.DieNeugründungdesStaatesdurchddnGrofzenKurfürstenz1640—1688. 
1. Seine Jugend und ersten Regierungshandlungen 
2. Des Kurfürsten landesväterliche Fürsorge 
3. Erwerbung der Landeshoheit in Preußgeen 
4. Kampf gegen Franzosen, Schweden und Türken 
5. Spätere Werke des Friedens 
Die Stiftung des Königtums durch Friediich III. Wh ); 1688 —1713. 
1. Auswärtige Verhältnisse . ... 
2. Sorge für des Landes Wohlfahrt 
3. Erwerbung der Königskrone 
4. Preußens Teilnahme am Spanischen Erbfolgekriege 
5. Die letzten Regierungsjahre des Königs 
Die innere Festigung durch Friedrich W J.; 1713—1740. 
1. Jugend und Regierungsantritt 
2. Die Landesverwaltung 
3. Auswärtige Verhältnisse 
4. Friedrich Wilhelms Lebensweise, Familie und Ende 
Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 
1. Friedrichs Regierungsantritt und die beiden ersten Schlesischen Kriege; 
1740 —1745 . .. 
2. Der Siebenjährige Krieg; 1756—1763 ... ... 
Das erste Kriegsjahr. 118. — Das Kriegsjahr 1757. 123. — Das 
Kriegsjahr 1758. 128. — Das Kriegsjahr 1759. 132. — Das Kriegs- 
jahr 1760. 134. — Die letzten Kriegsjahre; 1761—1763. 137. 
3. Friedrich der Große als Landesvater 
4. Auswärtige Verhältnisse nach dem Siebenjährigen Kriege 
5. Friedrichs des Großen Lebensabend. 
Der Niedergang unter Friedrich Wilhelm u- 1786 —1797. 
1. Die inneren Verhältnisse 
2. Die auswärtigen Verhältnisse 
Seite 
11 
15 
22 
35 
43 
45 
48 
53 
57 
62 
69 
76 
80 
83 
86 
88 
89 
90 
103 
106 
110 
118 
140 
153 
155 
157 
160
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        VIII Inhalt. 
bis 1840. 
. Friedrich Wilhelm III. und Luise in den Tagen des Glücks 
2. Die auswärtigen Verhältniss bis zum Kriege von 1806 
3. Die Schlacht bei Jna ........ 
4. Der Feldzug von 1807; Friede . 
5.PreußensW1edergeburt.. 
6. Schwere Friedensjahre unter französischem Druck 
Preußen während der Kriege Napoleons gegen Spanien und gegen Hster= 
reich. 185. — Napoleons Krieg mit Rußland. 192. 
7. Der Befreiungskrieg von 1813 und 1144 
Die Erhebung des deutschen Volkes. 196. — Die Kämpfe vor der 
Schlacht bei Leipzig. 204. — Die Völkerschlacht bei Leipzig; 16., 18. 
und 19. Oktober 1813. 211. — Nach Paris. 214. 
8. Der Befreiungskrieg von 1815 
9. Friedrich Wilhelms III. spätere Regierung; 1815—1840. 
7. Die Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wil- 
helm IV.; 1840—1861. 
1. Bis zum Ausbruch der Revolution. 
2. Die Revolution von 1848. 
3. Auswärtige Verhältnisse 
4. Friedrich Wilhelms IV. Friedensarbeit 
— 
Seite 
6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III.; 1797 
163 
167 
169 
174 
179 
185 
196 
221 
226 
237 
239 
243 
246 
Dritter Zeitraum. Vreußen als Vormacht des Deutschen Kaiserreichs. 
1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen; 
1861—1888. 
1. Jugend und erste Regierungsjahre Wihelms J. 
2. Der Krieg gegen Dänemark 
3. Der Deutsche Krieg von 1866 
4. Der Deutsch-französische Krieg von 1870 und 18771 
Ursache und Ausbruch desselben. 281. — Die Schlachten um Metz am 
14., 16. und 18. August. 290. — Kämpfe gegen die französische Re- 
publik. 298. — Friede. 306. — Wiederaufrichtung des deutschen Kaiser- 
tums. 308. — Einiges aus der Reichsverfassung. 312. 
5. Kaiser Wilhelm der Große 
Auswärtige Verhältnisse. 312. — Die soziale Gesetzgebung. 314. — 
Kaiser Wilhelms Friedensarbeit für Preußen. 317. — Kaiser Wilhelms 
Lebensabend und Heimgang. 323. 
2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser WMilhelm II. 
1. Kaiser Friedrich III., vom 9. März bis 15. Juni 1888. .. 
2. Kaiser Wilhelm II., seit 15. Juni 1888 . 
Allmähliche Vergrößerung des brandenburgisch- reußischen Staates 
Die brandenburgisch-preußischen Regenten aus dem 1Hause Hohenzollern 
Stammtafel des hohenzollernschen Hauses Z 
Verzeichnis der Abbildungen und Karten 
Register . . 
255 
264 
267 
281 
312 
328 
333 
353 
353 
354 
356 
359
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        Erster Zeitraum. 
Die Mark Brandenburg. 
  
I. Die Dorzeit. 
as Kernland des preußischen Staates sind die Gebiete 
an der Havel und Spree. Die ältesten geschichtlich be- 
kannten Bewohner dieses Landes waren die germanischen 
Semnonen, der edelste Zweig des suevischen Stammes, 
der nach Berichten des Römers Tacitus (um 100 n. Chr.) 
den ganzen Nordosten Deutschlands bewohnte und auch 
die Langobarden zwischen Elbe und Harz, die Rugen 
und Burgunder in Pommern sowie die Goten an der 
Warthe und Netze umfaßte. Zur Zeit der großen Völkerwanderung (um 
400 n. Chr.) verließen die Semnonen ihre bisherigen Wohnsitze und wanderten 
nach Süden oder Westen. In die verlassenen Gegenden rückten von Osten her 
die Slaven ein, die sich allmählich von der Ostsee bis zum Adriatischen Meer, 
im Westen (um 600) bis zur Elbe, zur Saale, zum Böhmerwald und Inn aus- 
breiteten und sich in zahlreiche Stämme spalteten. Zwischen Bober und Saale 
ließen sich die Sorben, an der Havel und Peene die Lutizen und Wilzen und 
in Mecklenburg und Vorpommern die Obotriten nieder; von ihren westlichen 
Nachbarn, den Sachsen, wurden sie mit dem gemeinsamen Namen Wenden be- 
zeichnet. Von den Deutschen unterschieden sie sich durch den gedrungenen Körper, 
die braungelbe Haut, die dunklen Augen, das schwarze, schlichte Haar sowie 
durch Religion und Sitte. Als höchste Gottheit verehrten die Slaven Bel- 
bog, den Gott des Himmels, des Lichts und des Feuers; als Urheber der 
Finsternis und alles Bösen betrachteten sie Czernybog. Neben diesen höchsten 
Göttern verehrten die Wenden noch einen Kriegsgott Radegast. einen Sonnen- 
gott Swantewit, sowie Triglaf, den dreiköpfigen Gott des Himmels, der 
Erde und der Unterwelt. Die in heldenhaftem Kampfe Gefallenen hatten 
nach ihrer Meinung im Jenseits die höchste Seligkeit zu erwarten. Die 
Priester standen in hohem Ansehen. Jede Gemeinde wählte sich einen Vor- 
steher (Zupan) und im Kriege einen Führer (Woiwod); aus ihnen bildete 
sich allmählich ein erblicher Adel, dessen Familienhäupter die Knäsen (Fürsten) 
waren. Die Frau nahm schon wegen der bei den Wenden herrschenden Viel- 
weiberei eine niedrigere Stellung ein als bei den Deutschen, sie war die 
Sklavin des Mannes. Doch zeichneten sich die Wenden durch Ausdauer, 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 1
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        2 Erster Zeitraum. 
Genügsamkeit und Fleiß, Wahrheitsliebe und Gastfreundschaft aus. Sie wohnten 
in Dörfern und Stödten, welche von hufeisenförmiger Befestigung mit nur 
einem Eingange umgeben waren. Der Name für solche Befestigung, Gard, 
findet sich noch in mehreren Städtenamen, so in Stargard und Belgard in 
Hinterpommern. Außer Ackerbau und Viehzucht trieben sie regen Handel. 
Mittelpunkt desselben war Julin (Wolin oder Vineta) mit trefflichem, viel- 
besuchtem Hafen, der 300 Schiffe bergen konnte. Nicht nur slavische, sondern 
auch deutsche, nordische und selbst oströmische Kaufleute erschienen dort, um 
gegen Erzeugnisse ihrer Heimat wendische Leinwand, preußischen Bernstein 
und russisches Pelzwerk einzutauschen. Nachdem diese reiche Handelsstadt 1175 
von den Dänen ausgeplündert und fast zerstört worden war, vermochte sie 
sich nicht wieder zu erholen; ihr Handel zog sich mehr und mehr nach Stettin. 
Etwa 200 Jahre lang bestand zwischen den Wenden und ihren west- 
lichen Nachbarn, dem deutschen Stamme der Sachsen, der das Land zwischen 
Unterelbe und Rhein bewohnte, wohl ein friedliches Verhältnis; ja die Wilzen 
leisteten den Sachsen im Kampf gegen den Frankenkönig Karl den Großen 
Beistand, während die Obotriten mit den Franken verbündet waren. Nachdem 
Karl die Sachsen besiegt hatte, richtete er seine Waffen auch gegen die Wenden. 
Ein gegen die Sorben bestimmtes Heer wurde unterwegs von den Sachsen 
vernichtet; aber nach Bestrafung der Sachsen überschritt Karl 789 die Elbe 
und unterwarf mit Hilfe der Sachsen, ja selbst der Obotriten und Sorben 
die Wilzen. Zum Schutze gegen die Wenden errichtete Karl auf dem er- 
oberten Boden starkbefestigte und wohlverteidigte Marken, die von einer 
stehenden Kriegsmannschaft unter dem Oberbefehl von Markgrafen verteidigt 
wurden. Aus den von diesen angelegten Befestigungen sind die Städte Halle 
und Magdeburg erwachsen. 
Trotz wiederholter Empörungen der Wenden hielt Karl der Große seine 
Oberherrschaft über sie aufrecht; aber unter seinen schwachen Nachfolgern schüt- 
telten sie nicht nur die fränkische Herrschaft ab, sondern drangen sogar erobernd 
über die Elbe vor, so daß ihre Westgrenze seitdem durch eine Linie bezeichnet 
wurde, welche von Kiel über Lüneburg an Stendal vorbei bis zur Elbe 
lief, dann diesen Fluß hinauf bis zur Saalemündung und endlich die Saale 
aufwärts sich hinzog. Aber inzwischen hatten die Sachsen sich dem Christentum 
zugewandt, auch erwachte nach der Neugründung des deutschen Reichs durch 
Heinrich I. (919—936) mehr und mehr das deutsche Volksbewußtsein, und 
der dadurch sich verschärfende Gegensatz zwischen Wenden und Deutschen führte 
zu einem jahrhundertlangen Kampfe, der von Geschlecht zu Geschlecht erbitterter 
wurde und endlich mit völliger Unterwerfung der Wenden endete. Anfangs 
übernahmen die Sachsen allein diesen Kampf; die in die heutige Altmark 
eingedrungenen Stämme wurden über die Elbe zurückgedrängt. Als Heinrich 
ein tüchtiges Kriegsheer gegen die Ungarn geschaffen hatte, führte er es zu- 
nächst gegen die Wenden, um es im Kampfe mit ihnen zum Krieg mit dem 
gefährlicheren Feinde tüchtig zu machen. Er wandte sich gegen die Heveller, 
die an beiden Seiten der Havel und an der unteren Spree wohnten, besiegte 
sie wiederholt und zwang ihre Hauptfestung Brennaburg (928) durch 
„Hunger, Eisen und Frost“ zur Unterwerfung. Während er selber dann
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        1. Die Vorzeit. 3 
gegen die südlicher wohnenden wendischen Stämme zog, unterwarfen säch- 
sische Grafen die Wenden nördlich von der Havel. So vernichtete Markgraf 
Bernhard 929 bei Lenzen ein Heer der Redarier, wobei 100000 Wenden 
umgekommen sein sollen. Heinrich selber unterwarf von dem Lande der Dale- 
minzier aus, wo er die Feste Meißen gegründet hatte, die heutige Lausitz. 
Heinrichs Sohn Otto der Große (936—973) führte den Kampf gegen 
die Wenden eifrig fort, die jede Bedrängnis des Königs benutzten, sich frei- 
zumachen. Er setzte an der Unterelbe Hermann Billing, an der mitt- 
leren Elbe Gero als Markgrafen ein; besonders der letztere lag in fast 
beständigem Kriege mit den Wenden. Er war ein erfahrener, aber harter 
Kriegsmann, doch gottesfürchtig im Sinne seiner Zeit und der Kirche ergeben. 
Noch gefahrvoller als der offene Kampf war die List und Treulosigkeit der 
Wenden. Einst machten sie einen Anschlag auf sein Leben; sie wollten sich 
freundlich zu ihm stellen und ihn, wenn er sich sicher dünke, überfallen. Doch 
er war listiger als sie: er lud dreißig ihrer Häuptlinge zur Tafel und ließ 
sie, als sie vom Weine berauscht waren, niedermachen. Diese Blutthat rief 
einen allgemeinen Aufstand der Wenden hervor; doch Gero warf jeden Wider- 
stand zu Boden, und jetzt folgten einige Jahre der Ruhe. Als aber Otto 
gegen seinen eigenen Sohn Ludolf und seinen Schwiegersohn Konrad Krieg 
führen mußte, fielen nicht nur die Ungarn ins Reich ein, sondern auch die 
Wenden erhoben sich wieder. Sobald Otto die Ungarn 955 auf dem Lech- 
felde geschlagen hatte, eilte er über die Elbe und drang bis zur Rekenitz 
im heutigen Mecklenburg vor. Auch später mußte er seinem Markgrafen noch 
oft zur Hilfe eilen. Da er einsah, daß er mit Gewalt nie ein friedliches 
Verhältnis zwischen Slaven und Deutschen erzielen werde, so begann er eine 
umfassende Missionsthätigkeit unter den Wenden. Er errichtete die Bistümer 
Havelberg, Brandenburg, Merseburg, Zeitz und Meißen, die er dem 
ebenfalls von ihm 968 ins Leben gerufenen Erzbistum Magdeburg unter- 
ordnete. Gero, der seine beiden Söhne und seinen Neffen früh verloren 
hatte, war endlich des blutigen Kriegshandwerks müde. Er wanderte als 
Pilger nach Rom, legte seine siegreichen Waffen am Grabe des heiligen Petrus 
nieder und schenkte sein ganzes Vermögen dem von jehm gestifteten Nonnen- 
kloster und der von ihm errichteten Kirche zu Gernrode bei Quedlinburg, 
wo er auch (965) seine Ruhestätte gefunden hat. 
Nach Geros Tode teilte Otto das eroberte Wendenland in drei Marken: 
in die Nordmark (später Altmark) vom Harz bis zur unteren Havel, die 
Gauf itz oder Ostmark und die Mark Meißen und setzte über jede einen 
rafen. 
Aber die Wenden hatten die Taufe nur gezwungen angenommen und 
trugen die deutsche Fremdherrschaft nur mit verbissenem Groll. Daher er- 
hoben sich (983) die Obotriten und Lutizen bei der Nachricht von einer 
Niederlage Ottos II. in Italien. Es gelang ihnen, die deutsche Herrschaft 
abzuschütteln; dann unterdrückten sie auch das Christentum in ihrem Lande 
wieder. Sie ermordeten die Geistlichen, plünderten und verwüsteten die Kirchen 
und drangen mit Feuer und Schwert über die Elbe vor. Zwar gelang es 
den Sachsen, sie zurückzutreiben; aber zwischen Elbe und Oder lebten die 
1•
        <pb n="10" />
        4 Erster Zeitraum. 
Wenden wieder 150 Jahre lang als Heiden. Wiederholt fielen sie auch 
verheerend in das Sachsenland ein und vernichteten in den letzten Lebens- 
tagen Heinrichs III. (1056) ein sächsisches Heer an der Havelmündung; nur 
mit Mühe vermochten die Markgrafen das linke Elbufer zu halten. Der 
Obotritenfürst Gottschalk, der als Gefangener in Deutschland das Christen- 
tum angenommen hatte und sich bemühte, seine Stammesgenossen auf fried- 
lichem Wege zu bekehren, wurde während der Andacht in der Kirche zu 
Lenzen ermordet. 
Schon hatten sich die Böhmen, Sorben, Ungarn, Polen und selbst die 
Russen dem Christentume zugewandt, als die Obotriten, Lutizen und Pommern 
noch am Heidentum festhielten. Als aber der Polenkönig die Pommern 
unterworfen hatte, rief er den Bischof Otto von Bamberg zur Bekehrung 
derselben auf, und der schon bejahrte Geistliche unternahm das mühe= und 
gefahrvolle, aber verheißungsreiche Amt. Er reiste in Begleitung mehrerer 
Geistlicher und unter polnischem Schutz von Gnesen aus zu den Pommern, 
gewann durch seine Predigt, durch sein würde= und glanzvolles Auftreten 
sowie durch reiche Geschenke in kurzer Zeit über 20000 Pommern für das 
Christentum und errichtete Kirchen in Pyritz, Stettin, Kammin und auf 
Wollin (1124 und 1125). Nach seiner Abreise wiegelten zwar die heid- 
nischen Priester das Volk noch einmal gegen Polenherrschaft und Christentum 
auf; aber Bischof Otto brachte auf einer zweiten Missionsreise (1127) das 
Christentum in Pommern dauernd zur Herrschaft. König Friedrich Wilhelm III. 
hat dem verdienten Kirchenfürsten in Pyritz, wo er die erste christliche Ge- 
meinde gegründet hat, ein Denkmal gesetzt. Wenige Jahre nach der Be- 
kehrung der Pommern begann Albrecht der Bär dem Christentum und 
dem Deutschtum im heutigen Brandenburg eine dauernde Stätte zu bereiten. 
2. Gründung und Erweiterung der Alark durch die Anhaltiner. 
. Albrecht der Bär; 1134—1170. 
Graf Albrecht, wegen seiner Tapferkeit der Bär genannt, stammte 
aus dem Hause der Anhaltiner oder Askanier, das in Ballenstädt 
und Aschersleben begütert war. Seine Mutter war die Tochter des letzten 
Billingers, des Herzogs Magnus, ihre ältere Schwester die Großmutter Hein- 
richs des Löwen. Albrecht hoffte für seine Dienste, die er Kaiser Lothar ge- 
leistet hatte, auf die Herzogswürde in Sachsen; Lothar behielt diese zwar für 
sich, übertrug Albrecht aber die Nordmark. Sie umfaßte etwa die heutige 
Altmark und einen kleinen Landstrich zwischen Havelberg und der Elbe. Da 
die benachbarten Wenden damals in mehrere kleine Stämme gespalten waren, 
gelang es Albrecht, ihnen die Prignitz zu entreißen. Noch mehr gewann er 
auf friedlichem Wege dadurch, daß der alte Wendenfürst Pribislaw von 
Brandenburg zum Christentum übertrat und ihn zum Erben seines Reiches 
einsetzte. Seit dieser Zeit (1136) nannte Albrecht sich Markgraf von 
Brandenburg. Konrad III. übertrug ihm den nenen Besitz — die spätere 
Mittelmark — als ein erbliches, von dem Herzogtum Sachsen unabhängiges
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        2. Gründung und Erweiterung der Mark durch die Anhaltiner. 5 
Reichsfürstentum, und Friedrich Barbarossa verband mit demselben 1156 die 
Erzkämmererwürde, die bisher mit Schwaben, seinem eigenen Herzogtum,) 
verknüpft gewesen war. Durch 
mehrere Kreuzzüge suchte Albrecht 
in Verbindung mit anderen 
deutschen Fürsten seine Macht zu 
erweitern. Den größten dieser 
Züge, etwa 60 000 Mann, führte 
1147 Heinrich der Löwe; aber 
er hatte keinen Erfolg, da die mit 
Gewalt bekehrten Wenden bald 
wieder absielen. Als Albrecht 
(1156) kurze Zeit die Mark ver- 
ließ, um Barbarossa zu huldigen, 
erhoben sich die Wenden unter 
einem Verwandten Pribislaws, 
Jaczo von Köpenick, wieder, 
wurden aber rasch besiegt und 
zur Taufe gezwungen. 
An diesen Kampf knünpft sich 
die Sage von dem Schildhorn, 
einer Anhöhe an der Havel bei 
Spandau. Die Wenden — so wird 
erzählt — verloren beim Anblick, des 
Kreuzes auf den Fahnen der Christen 
allen Mut und flohen; auch Jaczo 
wurde in die Flucht mit fortgerissen. 
Plötzlich wird ihm der Weg durch 
die Havel gesperrt; sein Pferd stutzt, 
und der Feind ist ihm auf den 
Fersen. Da ruft er laut: „Gott der 
Christen. wenn du mir jetzt hilfst, 
will ich dir fortan dienen!“" Am 
jenseitigen Ufer sieht er einen Vor- 
sprung weit in den Fluß hinein- 
ragen; um denselben zu erreichen, 
stürzt er sich trotz seiner schweren 
Rüstung mit dem Roß in den Strom 
und erreicht wie durch ein Wunder 
das jenseitige Ufer. Dort sinkt er 
voll Dank gegen Gott auf die Kniee 
und hängt seinen Schild an einen 
Baum, zum Zeichen, daß er fortan 
nicht mehr gegen die Christen käm- 
pfen wolle. Deshalb heißt jener Ort 
Schildhorn. Friedrich Wilhelm IV. 
hat dort eine Säule mit einem Schilde 
errichten lassen, der von einem Kreuze 
überragt wird. 
  
  
  
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JJOZU »J-« 
Marmorstandbild Albrechts des Bären 
an der Siegesallee zu Berlin. 
  
Nachdem Albrecht seine Macht befestigt und die zerstörten christlichen 
Kirchen wiederhergestellt hatte, unternahm er in Begleitung seiner Gemahlin 
eine Wallfahrt nach dem heiligen Lande. Dort lernte er auch den Templer-
        <pb n="12" />
        6 Erster Zeitraum. 
und den Johanniterorden kennen, und auf seine Bitte folgten ihm mehrere 
Ritter nach Brandenburg. Er wies ihnen Kirchen mit reichem Grund- 
besitz an, z. B. den Johannitern Werben, den Templern Müncheberg; 
an die letzteren erinnern noch die Namen Tempelhof und Templin. Auch 
Mönche ließen sich in der Mark nieder; in Jerichow entstand ein Prämon- 
stratenserkloster, und die Bistümer Havelberg und Brandenburg traten wieder 
ins Leben. Um die durch Kriege und Auswanderung stark gelichtete Bevöl- 
kerung wieder zu vermehren, ließ Albrecht deutsche Adlige, Bürger und Bauern 
zur Ansiedelung einladen. Damit begann-eine Rückwanderung der Deutschen, 
die in der Mark Brandenburg zu gänzlicher Wiederverdeutschung des Landes, 
in den weiter östlich liegenden Landschaften zu einem noch nicht beendeten 
Ringen zwischen deutscher und slavischer Art geführt hat. Einen Teil der 
eroberten Länder nahm Albrecht für sich, einen andern ließ er gegen Grund- 
zins den Wenden; aber auch für seine Krieger und die Einwanderer blieb 
noch herrenloses Land genug. Die Adligen erhielten Rittergüter, die gewöhn- 
lichen Krieger kleinere Grundstücke. Die Nittergutsbesitzer mußten dem Mark- 
grafen, so oft er ihrer bedurfte, mit ihren Knechten zu Hilfe eilen. Die 
Angesehensten derselben waren die „Schloßgesessenen“, am zahlreichsten die 
„Zaunjunker“", deren Hof nur mit einem Zaun umgeben war. Auch wurden 
große Flächen Odländereien, besonders sumpfige Niederungen, urbar gemacht, 
indem der Markgraf einem geschickten, unternehmenden Manne etwa 50 Hufen 
von je 30 Morgen oder 7,5 ha zur Anlegung eines Dorfes überließ. Einen 
Teil desselben durfte dieser als erbliches, steuerfreies Lehnsgut für sich nehmen, 
ein Teil wurde für die Kirche ausgesondert und das übrige unter Kolonisten 
verteilt, die dafür dem Markgrafen einen jährlichen Zins zu zahlen und 
Kriegsdienste zu leisten hatten, sonst aber frei waren. Der Unternehmer 
erhielt erblich das Schulzenamt des neuen Dorfes, führte den Vorsitz im 
Dorfgericht, dem außer ihm noch mehrere Gemeindeglieder als Schöffen an- 
gehörten, erhob die Abgaben und mußte den Kriegsdienst zu Pferde leisten; 
dafür erhielt er ein Drittel der gerichtlichen Strafgelder sowie des von den 
Kolonisten zu zahlenden Grundzinses und hatte das Recht, eine Mühle an- 
zulegen. Mehrere Schulzen bildeten unter Vorsitz eines markgräflichen Vogts 
das Landgericht. Das ganze Land zerfiel in etva 30 Vogteien. Der Vogt 
hatte an Stelle des Landesherrn dem Gericht vorzusitzen, den militärischen 
Oberbefehl und die Landesverwaltung zu führen; er mußte für die Sicher- 
heit der Burgen sorgen, die Güter des Landesherrn verwalten und die Ab- 
gaben für ihn einziehen. Die meisten Einwanderer kamen aus Holland, 
Friesland, Westfalen und Flandern; an letztere erinnert noch der Name 
Fläming. Durch sie wurden in der Mark nicht nur wüstliegende Höfe wieder 
bebaut und neuc angelegt, Sümpfe ausgetrocknet und Wälder gelichtet, sondern 
sie brachten auch manche Kunstfertigkeit und manches neue Gewerbe mit. So 
führten sie statt des wendischen Feldsteinbaus den Backsteinbau ein. Die 
Wenden lernten deutsche Sitte und Bildung schätzen und eigneten sich manches 
zu ihrem eigenen Vorteil an. Den wendischen Adel suchte Albrecht dadurch zu 
gewinnen, daß er ihn dem deutschen gleichstellte, so daß durch Wechselheiraten 
die wendischen und deutschen Adligen der Mark miteinander verschmolzen.
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        2. Gründung und Erweiterung der Mark durch die Anhaltiner. 7 
Manche Ansiedelungen entwickelten sich zu Städten; so sollen Tangermünde, 
Werben, Salzwedel, Osterburg und Stendal dem Bären ihren Ursprung 
verdanken. 
2. Die übrigen anhalkinischen Markgrafen. 
Die folgenden anhaltinischen oder askanischen Markgrafen setzten das 
Werk im Geiste ihres Stammvaters fort. 
Albrechts ältester Sohn 
  
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Klosterkirche zu Lehnin. 
Otto I. (1 1184) erbte die Markgrafschaft und erlangte beim Sturze 
Heinrichs des Löwen die Lehnshoheit über Pommern und Mecklenburg, was 
allerdings von den Fürsten dieser Länder bestritten wurde. Albrechts jüngster 
Sohn Bernhard erhielt sogar die Herzogswürde von Sachsen nebst dem 
Gebiete zwischen Elbe und Weser. 
Kurz vor seinem Tode gründete Otto 
das später so berühmt gewordene Cistercienserkloster Lehnin in der Zauche, 
südöstlich von Brandenburg, das er zugleich zum Erbbegräbnis seiner Familie 
bestimmte.
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        8 Erster Zeitraum. 
Otto II. (1 1205) geriet in Streit mit dem Erzbischof von Magdeburg, 
weil er einen Kreuzzug gelobt, aber nicht ausgeführt hatte; deswegen gebannt, 
mußte er, um den grollenden Kirchenfürsten zu versöhnen, alle seine Allode 
oder Familiengüter in der Altmark und im westlichen Havelland vom Erz- 
bischof als Lehen nehmen. Ihm folgte sein Bruder 
Albrecht II. ( 1220). Er hat erfolgreiche Kämpfe mit den Dänen 
geführt, die sich an der pommerschen und mecklenburgischen Küste festsetzen 
wollten und Rügen bereits erobert hatten. 
Johann I. (1 1266) und Otto III. (1 1267), Albrechts II. Söhne, sind 
ein seltenes Beispiel brüderlicher Eintracht: sie bekleideten gemeinschaftlich die 
markgräfliche Würde, und niemals ist ihre Einigkeit durch Neid oder Eifer- 
sucht gestört worden. Nitterlich und siegreich schlugen sie sich mit dem Erz- 
bischof von Magdeburg, dem Markgrafen von Meißen und dem Herzoge von 
Pommern, der die Lehnshoheit Brandenburgs anerkennen, sowie die Ucker- 
mark und Stargard abtreten mußte. Sie nahmen den Wenden Barnim 
und Teltow ab; auch drangen sie über die Oder bis an die Warthe vor 
und sicherten das weite Gebiet, das den Namen Neumark erhielt, durch 
deutsche Ansiedler. In dem von Schlesien erworbenen Lande Lebus und 
Sternberg gründeten sie Frankfurt und Küstrin, und von dem Böhmen- 
könig Ottokar erhielten sie für eine Schuldforderung die Oberlausitz. Sie 
erhoben das deutsche Dorf Kölln am linken (1232) und das wendische Dorf 
Berlin am rechten Spreeufer (1242) zu deutschen Städten, die bald durch 
Handel emporblühten. Nicht weit von Eberswalde gründeten sie das Cister- 
cienserkloster Chorin, dessen fleißige Mönche sich um die Bodenverbesserung 
der Mark hochverdient gemacht haben. Umfangreiche Uberreste von Kloster- 
gebäuden im gotischen Stil sind noch vorhanden. 
Nach dem Tode der beiden Brüder spaltete sich die markgräfliche Familie 
in zwei Linien; die ältere, von Johann abstammend, hatte ihren Sitz in 
Stendal, die jüngere, die Nachkommen Ottos, in Salzwedel. Aber alle hielten 
treu zusammen; der älteste war das Familienhaupt und Erzkämmerer und 
hatte seine Residenz in Brandenburg. Zunächst erbte diese Würde 
Otto IV. mit dem Pfeil (1 1309), der Sohn Ottos III., ein Freund 
der Wissenschaft und Kunst, der sich gern mit gelehrten Männern unterhielt 
und sich als Minnesänger berühmt gemacht hat, aber nicht minder als tapferer 
Krieger gefürchtet war. Obwohl ein frommer Mann, sagte er doch aus 
Arger darüber, daß sein Bruder nicht zum Erzbischof von Magdeburg gewählt 
war, dem Erzbistum die Fehde an. Aber er wurde in der Schlacht bei 
Frohse (1278) geschlagen, gefangen genommen und dann im Triumph nach 
Magdeburg geführt, wo ihn der Erzbischof auf offenem Markte in einen 
Käfig sperrte. Gegen 4000 Mark (Pfund) Silber löste ihn seine Gemahlin 
wieder. Diese Summe erhielt sie, wie die Sage erzählt, von einem treuen 
Diener, Johann von Buch, der das Geld einst von dem Vater des Mark- 
grafen für die Zeit der Not empfangen hatte. Als der befreite Markgraf 
sein Roß wieder bestiegen, fragte er: „Herr Bischof, bin ich los?““ — 
„Ja!“ — „Pah,“ rief Otto, „Ihr wißt doch wahrscheinlich nicht einen 
brandenburgischen Markgrafen zu schätzen! Auf ein Roß hättet Ihr mich setzen
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        2. Gründung und Erweiterung der Mark durch die Anhaltiner. 9 
sollen mit aufgerichteter Lanzenspitze und mich mit Gold und Silber bedecken 
lassen, so hättet Ihr mich recht geschätzt!“ Lachend sprengte er davon und 
erneuerte den Kampf. Bei der Belagerung von Staßfurt erhielt er einen 
Pfeil in den Schädel; das Eisen war so fest eingedrungen, daß man es nicht 
herausziehen konnte. Dadurch ließ sich aber der Markgraf in seiner gewohnten 
Beschäftigung durchaus nicht stören; zuletzt fiel es von selber heraus, und die 
Wunde heilte. Durch Kauf erwarb Otto die Mark Landsberg zwischen 
Mulde und Saale, Sangerhausen und die Niederlausitz. Otto IV. fand 
seine letzte Ruhestätte in Chorin. · 
  
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Kloster Chorin. 
Wie die Sage erzählt, waren 1280 auf dem „Markgrafenberge“" bei 
Rathenow neunzehn askanische Markgrafen versammelt, so daß man fürchtete, 
die Mark werde sie nicht alle standesgemäß ernähren können; inzwischen 
waren aber alle bis auf drei gestorben, so daß die ganze Mark unter Ottos 
Neffen Waldemar wieder vereinigt wurde. 
Waldemar (1 1319) war von ungestümer Thatkraft und nie verzagendem 
Mute, klug im Rat, dabei in seiner Hofhaltung prachtvoll wie ein König, 
so daß er alle anderen deutschen Fürsten seiner Zeit überstrahlte. Er erfaßte 
schon den später von den Hohenzollern ausgeführten Gedanken, die Mark zu 
einem großen Reiche zwischen dem skandinavischen Norden und dem deutschen 
Süden zu erweitern. Den Polen entriß er Pommerellen, das Land zwischen 
Persante und Weichsel mit der Hauptstadt Danzig; den östlichen Teil (Danzig)
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        10 Erster Zeitraum. 
überließ er dem Deutschen Orden, der Anspruch auf dies Gebiet hatte, den 
westlichen vereinigte er mit der Mark. Auch die übrigen Nachbarfürsten 
mußten die Schärfe seines Schwertes oft empfinden. Als der Dänenkönig 
und sein Lehnsmann, der Herzog von Rügen, Stralsund bedrängten, zog 
Waldemar dieser Stadt zu Hilfe; da vereinigten sich mit dem Dänenkönige 
die Könige von Schweden und Norwegen, von Polen und Ungarn, die Herzöge 
und Grafen von Mecklenburg, Lauenburg, Holstein, Meißen sowie der Erz- 
bischof von Magdeburg und fielen mit dreifacher ÜUbermacht in die Mark ein. 
Waldemar stellte sie in der Schlacht bei Grans ee (nordöstlich von Ruppin, 
1316). Zwar konnte er den Sieg nicht erringen; aber seine Feinde mußten 
ihm einen ehrenvollen Frieden (zu Templin, 1317) bewilligen, durch welchen 
ihm der ungeschmälerte Besitz seines ganzen Gebietes zugesichert wurde. Mitten 
in seinen großartigen Plänen raffte ihn der Tod 1319 in dem blühenden 
Alter von 28 Jahren dahin. Jetzt lebte nur noch ein männlicher Sproß 
aus Albrechts des Bären Geschlecht, ein minderjähriger Vetter Waldemars, 
Heinrich von Landsberg. Als auch er im nächsten Jahre starb, war 
das Haus Ballenstädt in der Mark erloschen. 
Brandenburg war beim Tode Waldemars der größte und mächtigste 
Staat Norddeutschlands; denn er umfaßte die Altmark, Mittelmark mit Barnim 
und Teltow, die Prignitz, Uckermark, Lebus und Sternberg, die Neumark, 
Pommerellen und die Lausitz. 
Deutsches Wesen war in diesen Gegenden überall zur Herrschaft gelangt; 
am längsten hielt sich noch die wendische Sprache, doch wurden die wendischen 
Ortsnamen allmählich deutsch. Die Markgrafen besaßen ihr Land zwar 
als Lehen vom Kaiser, aber sie hatten es ohne Widerspruch stets vererbt; sie 
waren in ihrem Lande unumschränkte Kriegsherren und oberste Gerichtsherren, 
Stellvertreter des Kaisers, der nie in die Mark kam. Ihre Hoheit übten 
sie durch Vögte aus, die in Burgen oder Städten inmitten einer größeren 
Landschaft wohnten. Die Einkünfte der Fürsten bestanden in den Erträgen 
ihrer Güter, in Grundzins, Gerichtsgefällen und Judenschutzzoll sowie in den 
Einnahmen von Wäldern, Bergwerken, Gewässern, Zöllen und dem Münzrecht. 
Weil diese Einkünfte aber zur Kriegführung und Hofhaltung selten aus- 
reichten, verlauften die Fürsten oft Gerechtsame und Einkünfte, wodurch sie 
zwar auf einmal eine größere Summe erhielten, aber für die Zukunft ihre 
Einnahmen schmälerten. In Geldverlegenheiten, z. B. bei großen Kriegs- 
unternehmungen, Gefangennahme eines Fürsten, Ausstattung von Töchtern, 
Beschickung des Reichstages, beriefen sie die Stände, d. i. die hohe Geistlich- 
keit, den Adel und die Abgeordneten der Städte, und ließen sich von ihnen 
eine sogenannte Bede (von „bitten") bewilligen. Seit 1280 wurde eine 
regelmäßige jährliche Steuer erhoben; aber trotzdem litten die Markgrafen 
noch oft an Geldmangel. Das Land war unter den Anhaltinern stetig auf- 
geblüht; selbst zu den für das innere Deutschland so verderblichen Zeiten des 
Faustrechts herrschte in Brandenburg eine strenge Rechtspflege. Die Mark- 
grafen schafften die Gottesurteile ab; allmählich fand der Sachsenspiegel, der 
um 1220 von einem sächsischen Schöffen verfaßt worden war und das in 
Sachsen gebräuchliche Recht enthielt, auch in der Mark Eingang. Die Bauern
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        3. Zerfall der Mark unter den Bayern und Luxemburgern. 11 
zahlten nur geringe Abgaben und waren persönlich frei. Die Städte blühten 
hauptsächlich durch den Zwischenhandel; gegen die Kunsterzeugnisse des Westens 
tauschten sie die Naturerzeugnisse des Ostens ein: Getreide, Talg, Honig, 
Wachs, Bernstein, Pelzwerk. Viele märkische Städte schlofsen sich der Hansa 
an; sie bildeten darin mit den mecklenburgischen, 
pommerschen und schlesischen Städten zusammen das 
wendische Quartier, dessen Vorort das mächtige Lübeck 
war. Manche Städte erlangten weitgehende Rechte: 
die Selbstverwaltung und den Blutbann, d. i. das 
Recht der Todesstrafe. Die Gesamtheit dieser Rechte 
stellte man sinnbildlich durch einen Roland dar, den 
man neben dem Rathause errichtete. 
5. Serfall der Mark unter den Bapern 
und Luxemburgern.- 
Mit dem Aussterben der Askanier begann für 
Brandenburg eine trübe Zeit. Vier Jahre blieb es 
herrenlos, und von allen Seiten fielen die Nachbar- 
fürsten darüber her, um Stücke des Landes an sich zu 
reißen: Mecklenburg nahm die Prignitz, Pommern 
die Uckermark, Böhmen die Oberlausitz. Der Kaiser 
konnte sich der Mark nicht annehmen; denn gerade 
damals stritten sich Ludwig IV. von Bayern und 
Friedrich von Österreich um die Kaiserkrone. Nachdem 
aber Ludwig seinen Gegner 1322 bei Mühldorf be- 
siegt hatte, erklärte er die Mark für ein erledigtes 
Reichslehen und belehnte damit 1323 seinen Sohn 
Ludwig den Alteren, verwaltete sie indes während 
dessen Minderjährigkeit selber. Aber der Papst wollte 
Ludwig nicht als Kaiser anerkennen, sondern that ihn 
in den Bann, löste die Brandenburger von dem ihrem 
jungen Kurfürsten geleisteten Eide und rief die Polen 
und die Litauer in die Mark. Wie verheerende Meeres- 
wogen wälzten sich ihre wilden Scharen in die Neu- 
mark, Mord, Brand, Raub und Schändung überall 
hintragend; 150 Dörfer gingen samt ihren Kirchen 
und Klöstern in Flammen auf, und 6000 Menschen 
wurden als Sklaven von dannen geschleppt. Endlich—— « 
ermannten sich die Ritter und Städter der Mark, Roland in Stendal. 
vereinigten sich mit dem Heere des Markgrafen und 
trieben die Feinde aus dem Lande. Dann wandte sich die Wut der Märker 
gegen die Priester, welche es mit dem Papste hielten. In Berlin wurde der 
Propst aus Bernau erschlagen und die Leiche an der Stätte des Hochgerichts 
verbrannt, die Frankfurter verheerten das Gebiet des Bischofs von Lebus 
und hielten ihn selber ein Jahr lang in enger Haft; dafür belegte der Papst
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        12 Erster Zeitraum. 
beide Städte mit dem Interdikt, von dem sie sich erst nach Jahren mit hohen 
Summen loskauften. Die Berliner mußten außerdem in der Marienkirche 
einen Altar errichten, an welchem ein dazu angestellter Priester für die Seele 
des Erschlagenen Messe lesen sollte, und an dem Orte der Blutthat selber 
ein steinernes Kreuz mit einer ewigen Lampe aufstellen, das die Nachkommen 
noch lange an die Strafe der Kirche erinnerte. 
Die Not der Mark nutzten die Nachbarn zu ihrem Vorteil aus. Ludwig 
vermochte nur wenige der verloren gegangenen Gebiete zurückzubringen; er 
mußte sogar auf die Lehnshoheit in Pommern verzichten und sich mit der 
Anwartschaft begnügen. Durch seine Ländergier zog er sich die offene Feind- 
schaft der Luxemburger zu, die schon lange insgeheim gegen ihn gearbeitet 
hatten. Der Böhmenkönig Johann aus dem Hause Luxemburg hatte seinen 
Sohn Johann mit Margarete Maultasch, der reichen Erbin von Kärnten 
und Tirol, vermählt. Da die Ehe nicht glücklich war, trennte sie der Kaiser 
unter Nichtachtung der bestehenden Kirchengesetze auf Margaretes Wunsch und 
genehmigte die Verheiratung der Geschiedenen mit seinem eigenen Sohne 
Ludwig, dem Markgrafen von Brandenburg. Dafür traf ihn abermals der 
Bannstrahl des Papstes. Die Luxemburger verwüsteten die Mark und Tirol und 
bewirkten, daß Ludwig abgesetzt und Karl, der Sohn des Königs von Böhmen, 
als Karl IV. zum Kaiser gewählt wurde. Der Kampf war noch nicht entschieden, 
als Ludwig IV. plötzlich auf der Bärenjagd, vom Schlage getroffen, starb. 
Markgraf Ludwig der Altere hatte nach dem Tode seines Vaters einen 
schweren Stand. Die Liebe der Brandenburger wußte er nicht zu gewinnen: 
er war unfreundlich, verachtete die Mark und ihre Bewohner, hatte für ihre 
Klagen kein Ohr und kam fast nur zu ihnen, um Geld zu fordern. Zu 
Hofbeamten und Vögten nahm er fast nur Bayern oder Tiroler. Weite 
Strecken der Mark waren verwüstet, Naubwesen und Faustrecht im Schwange; 
dazu raffte (134 8) eine entsetzliche Pest, der Schwarze Tod, Tausende von 
Menschen dahin. Voll Sehnsucht gedachten daher die Brandenburger der 
Zeit Waldemars. Plötzlich erscholl die Kunde durch das Land: „Waldemar 
ist wieder dal“ Beim Erzbischof von Magdeburg erschien nämlich 1348 ein 
alter Pilger und sagte: „Ich bin Markgraf Waldemar. Zur Buße für ein 
Vergehen bin ich nach Jerusalem gepilgert und jetzt zurückgekehrt, um mein 
armes Land zu erlösen.“ Der Erzbischof und viele andere Fürsten, namentlich 
die anhaltinischen, die er zu seinen Nachfolgern ernannte, erkannten ihn an; 
auch der Kaiser ließ ihn durch ein Fürstengericht für den echten Waldemar 
erklären, belehnte ihn mit der Mark und unterstützte ihn gegen Ludwig. 
Dafür trat sein Schützling die Lausitz an Böhmen ab. Auch das Volk fiel 
ihm fast überall zu; denn er glich dem geliebten Waldemar nach Gestalt und 
Sinnesart und verschenkte freigebig Rechte und Freiheiten. Doch blieben auch 
manche Städte wie Frankfurt, Spandau, Brietzen (daher seitdem Treuenbrietzen 
genannt), Bärwalde und Mittenwalde Ludwig treu. Als dieser und seine An- 
hänger aber in Günther von Schwarzburg einen Gegenkaiser aufstellten, hielt es 
Karl für geratener, sich die Kaiserkrone zu sichern, und schloß mit dem Mark- 
grafen Ludwig einen Vertrag, in welchem er diesen als rechtmäßigen Herrn 
von Brandenburg anerkannte. Ein neues Fürstengericht erklärte Waldemar für
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        3. Zerfall der Mark unter den Bayern und Luxemburgern. 13 
einen Betrüger, und Ludwig ward von neuem mit der Mark belehnt; doch 
zog er sich bald darauf nach Bayern zurück und übertrug die Mark seinen 
Brüdern Ludwig und Otto. 
Ludwig II., der Römer genannt, weil er in Rom geboren war, ein 
thatkräftiger Mann, verdrängte den „falschen Waldemar“, der sich nach Dessau 
zurückzog, wo er von den anhaltinischen Fürsten wie ein Fürst gehalten und 
demnächst in der Fürstengruft beigesetzt wurde. (Wahrscheinlich ist er ein 
Müller Namens Rehbock gewesen und vom Kaiser zu diesem Gaukelspiel ver- 
leitet worden.) Durch die Goldene Bulle wurden auch die Markgrafen 
von Brandenburg als Erzkämmerer zu Kurfürsten erhoben, nicht aber die 
Herzöge von Bayern, die deshalb sowohl mit dem Kaiser als auch mit ihren 
brandenburgischen Vettern in Zwist gerieten. Diese günstige Gelegenheit be- 
nutzte Karl IV. dazu, mit Ludwig und Otto von Brandenburg einen Vertrag 
zu schließen, durch welchen Brandenburg nach dem Aussterben seines Fürsten- 
hauses an die Luxemburger fallen sollte. Nach Ludwigs Tode überließ Otto 
der Faule dem Kaiser gegen eine Geldentschädigung die Regierung in der 
Mark, und als er sich endlich, von andern Fürsten aufgestachelt, den Schlingen 
des Kaisers entziehen wollte, zwang ihn dieser durch ein starkes böhmisches 
Heer 1373 zu dem Vertrage von Fürstenwalde, in welchem Otto die 
Mark dem Sohne des Kaisers, dem jungen Könige Wenzel von Böhmen, 
förmlich abtrat. 
Für den minderjährigen Wenzel führte der Kaiser selber die Regierung. 
Den Luxemburgern gehörte schon Böhmen, Mähren und Schlesien, die nun 
mit Brandenburg und der Lausitz vereinigt ein großes zusammenhängendes 
Reich bildeten. Ebenso väterlich, wie früher für seine alten Provinzen, sorgte 
Karl IV. jetzt auch für die neue. Solange er lebte, herrschte Ruhe und 
Friede in der Mark; den Raubrittern legte er das Handwerk, und mancher 
Burgherr wurde an den Bäumen der Landstraße aufgeknüpft. Um für die 
Hebung der Landwirtschaft eine sichere Grundlage zu gewinnen, ließ er ein 
noch jetzt vorhandenes „Landbuch der Mark“ anlegen, in welchem alle Ort- 
schaften der Mark, die in denselben wohnenden Besitzer, ihre Grundstücke, 
Einkünfte und Abgaben verzeichnet stehen. Zur Hebung des Handels sicherte 
und erleichterte er die Schiffahrt auf der Oder und Elbe; am liebsten weilte 
er, so oft er sich in der Mark aushielt, in Tangermünde a. d. E., das er 
mit prächtigen Bauten — Schloß, Kirche, Rathaus — schmückte und zur 
Hauptstadt der Mark zu erheben gedachte. Aber mitten in seiner rastlosen, 
für Brandenburg so segensreichen Thätigkeit raffte ihn 1378 der Tod hin- 
weg. Nach des Vaters Bestimmung sollte Wenzel Böhmen und Schlesien, 
der elfjährige Sigismund die Mark und der jüngste Sohn Johann die 
Neumark und die Lausitz erhalten. 
Sigismund (1378—1415) war ein ritterlicher, aber leichtsinniger, 
verschwenderischer Fürst, der sich um die Mark nicht kümmern konnte oder 
mochte; während seiner ganzen Regierungszeit hat er sie nur einmal besucht. 
Meistens hielt er sich an dem Hofe des Königs von Ungarn und Polen auf, 
mit dessen ältester Tochter er sich (1387) vermählte, um die Krone von Ungarn 
zu erlangen. Die Mark ließ er von herzlosen Statthaltern verwalten, die für
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        14 Erster Zeitraum. 
ihn möglichst hohe Abgaben erheben mußten; denn er war fast immer in Geld- 
verlegenheit. 1388 verpfändete er sogar die Mark an seinen Vetter Jost 
von Mähren mit Vorbehalt des Einlösungsrechts, von dem er aber nie 
Gebrauch machte, und als ihm durch den Tod seines Bruders Johann dessen 
Erbe zufiel, verkaufte er die Neumark (1402) an den Deutschen Orden. 
Jost von Mähren benntzte die Mark ebenfalls nur, um sie auszusaugen, 
und kam nur ins Land, um Abgaben in Empfang zu nehmen, oder um Schlösser 
und Freiheiten an Adelige zu verpfänden. Schon die bayrischen Markgrafen 
hatten bei Anleihen Schlösser, Güter, Dörfer und Städte als Pfand hingegeben; 
Jost verpfändete sogar landesherrliche Gefälle, wie Gerichtssporteln, Zölle und 
Steuern, so daß für den Landesherrn kaum noch eine ordnungsmäßige Ein- 
nahme übrig blieb. Für Geld befreite er die Großen von den ordentlichen 
Gerichten und verkaufte sogar den Blutbann. Ohne die erforderlichen Geld- 
mittel vermochte die Obrigkeit weder eine geordnete Verwaltung, noch eine 
strenge Rechtspflege durchzuführen. Daher suchte jeder sich selber Recht zu 
verschaffen, und die Fehden, oft ohne Grund oder gar in gewinnsüchtiger 
Absicht begonnen, nahmen kein Ende. Die Raubritter durften wieder un- 
gestraft ihr schändliches Gewerbe treiben; alle Straßen des Landes waren 
unsicher, Handel und Wandel stockten. Gefürchtet waren besonders die Rochow 
Schulenburg, Alvensleben, Holzendorf, am meisten aber betrieben die Brüder 
Dietrich und Hans von Quitzow das Räuberhandwerk. Sie besaßen im 
Havellande viele Burgen, von denen aus sie das Land verheerten. Selbstl 
der Erzbischof von Magdeburg, der Fürst von Anhalt und die Grafen von 
Ruppin raubten in der Mark im großen. Am meisten litten darunter die 
Bewohner des offenen Landes. Manches bis dahin wohlhabende Dorf ver- 
armte und verödete und wurde eine Bente der benachbarten Adeligen; viele 
freie Bauern verloren damals ihren Wohlstand und ihre Freiheit. Mit der 
Erwerbung von Schulzengütern brachten die Adligen auch die niedere Gerichts- 
barkeit an sich. Verarmte Bauern legten sich, ebenso wie die Raubritter, auf 
Wegelagerei. Besonders die reichen Warenzüge der Städter wurden trotz 
der sie begleitenden Reisigen oft genug eine Beute der „Schnapphähne“ oder 
„Strauchdiebe". Kaum vermochten sich die Städter hinter ihren festen Mauern 
der Räuber zu erwehren; Rathenow wurde von ihnen ausgeplündert, Strauß- 
berg sogar zerstört. Vom Landesherru war keine Hilfe zu erwarten. Als 
einer seiner Statthalter über die Elbe setzen wollte, raubten die Quitzow 
ihm sein Reisegepäck und erschlugen seine Begleiter. Einen anderen Statt- 
halter, Johann von Mecklenburg, setzte Hans von Quitzow auf Plaue ge- 
fangen. Einige Städte erkauften sich durch Feste oder Geldgeschenke Ver- 
schonung. Die bedeutendste Stadt der Mark war schon damals Berlin- 
Kölln, die wegen ihrer günstigen Lage durch Handel reich geworden war 
und durch ihren Reichtum sich wichtige Vorrechte erworben hatte: sie hielt 
eine eigene bewaffnete Macht, besaß die höchste Gerichtsbarkeit, den Blutbann, 
und das Münzrecht; der Landesherr durfte ohne ihre Einwilligung keine 
Truppen in die Stadt bringen und ihr keine Steuern auferlegen. Um zu- 
nächst gegen äußere Feinde sicher zu sein, bot Berlin den Gebrüdern Quitzow 
ein Bündnis gegen Pommern an, das angenommen wurde. Mit Unterstützung
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        4. Die Neugründung durch Friedrich von Hohenzollern. 15 
Berlins, Frankfurts und einiger anderer Städte warb Dietrich von Onitzow 
ein Heer und entriß den Pommern Straußberg und Bötzow wieder, behielt 
sie aber für sich; ja er nahm den Berlinern Köpenick weg und brachte ihnen 
eine Niederlage bei. Die Not war aufs höchste gestiegen, bei Menschen schien 
keine Hilfe mehr zu sein. Da kam die Nachricht, daß Jost gestorben sei (1411). 
Von den Raubrittern wurde auch das Dorf Wilsnack nordwestlich, von Havel- 
berg verbrannt. In einer Vertiefung des steinernen Altars fand nachher der Geistliche 
drei mit roten Flecken bedeckte Hostien. „O Wunder!“ rief er aus, „der Leib des 
Herrn hat in den Qualen Blut geschwitzt!“ Das Wunder wurde von den Bischöfen zu 
Havelberg und Lebus beglaubigt, und bald strömten von allen Seiten Gläubige herbei. 
Das „Heilige Blut“ heilte allerlei Krankheiten und machte selbst Tote wieder lebendig. — 
Erst nach Einführung der Reformation wurde dem Unwesen ein Ende gemacht. 
  
  
  
  
  
  
  
  
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Burg Hohenzollern nach der Wiederherstellung. 
d. Die Tleugründung durch Friedrich von Dohenzollern. 
Bald nach Josts Tode erschienen märkische Abgeordnete unter Führung 
von Kaspar Gans zu Putlitz in Ofen, um König Sigismund, dem die Mark 
jetzt als Erbteil wieder zugefallen war, zu bitten, er möge dem Elend der 
Mark ein Ende machen. Sie „erhoben ein klagendes Geschrei: 
Wir sterben und verderben: bils Kaiser, komm herbeil 
Von Elbe bis zur Oder Schlachtlärm und Kampf und Blut, 
Zerbrochne Städtemauern, Dörfer voll Schutt und Glut; 
Verbrechen ohne Strafe, bie Unschuld ohne Schutz; 
Denn wer im Bühgqel sitzet, beut dem Gesetze Trutz.“ (Wildenbruch.)
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        16 Erster Zeitraum. 
Da Sigismund als Kaiser und als König von Ungarn sich um die Mark nicht 
mehr bekümmern konnte, versprach er, ihr in dem Burggrafen Friedrich VI. 
aus dem Hause Hohenzollern einen tüchtigen Statthalter zu senden. Freudig 
leisteten die Abgeordneten diesem die Huldigung und kehrten hoffnungsvoll in 
die Heimat zurück. 
Die Stammburg der Hohenzollern liegt auf einem Vorberge der Nauhen 
Alp im Herzen Schwabens, nicht weit von dem Hohenstaufen. Die Grafen 
von Zollern treten zum erstenmal 1061 in der Geschichte auf; in diesem 
Jahrce fielen zwei „de Zolorin“ in einer Schlacht. Die Zollern waren schon 
damals begütert und angesehen; ihre Ahnen waren die Burkhartinge, denen 
schon im zehnten Jahrhundert zwei Herzöge von Schwaben angehörten. Gegen 
Ende des 12. Jahrhunderts erwarb Graf Friedrich III. von Zollern durch 
Vermählung mit der Erbtochter des Grafen Konrad III. von Raabs, Burg- 
grafen von Nürnberg, reiche Be- 
sitzungen in Franken, und nach dem 
Tode seines Schwiegervaters erhielt 
er 1192 vom Kaiser auch die Würde 
eines Burggrafen von Nürn- 
berg. Seine beiden Söhne teilten 
den Besitz: Konrad erhielt die frän- 
kischen Besitzungen nebst dem Burg- 
grafenamte, Friedrich die schwä- 
b(ischen; jener wurde der Stamm- 
b(boater der preußischen Könige, von 
ddiesem stammt das hohenzollernsche 
si* Fürstenhaus ab. Der Burggraf stand 
— J. . 82 in seinem Bezirk an Stelle des 
*m #Hyo. u# p2 Kaisers, verwaltete dessen Güter und 
Kurfürst Friedrich I. Einkünfte und war oberster Kriegs- 
herr und Richter. Das keaiserliche 
Landgericht, dem er vorsaß, erstreckte sich über Franken, Schwaben und die 
Nheinlande. Da mit der Stärkung der Reichsmacht auch das Burggrafenamt 
an Bedentung gewann, so hielten es die Burggrafen stets mit dem Kaiser. Nach 
dem Erlöschen des ihnen befreundeten hohenstaufischen Geschlechtes bewirkte es 
hauptsächlich Burggraf Friedrich III. von Nürnberg, daß sein Jugendfreund 
Rudolf von Habsburg zum Könige gewählt wurde; er trug auch des Reiches- 
Sturmfahne im Kampfe gegen Ottokar von Böhmen. Burggraf Friedrich IV. 
nahm in der Schlacht bei Mühldorf Friedrich den Schönen gefangen und 
sicherte dadurch Ludwig von Bayern die Krone. Aber nicht nur ihren Einfluß 
im Reich, sondern auch ihren Besitz — die Markgrasschaften Ansbach und 
Baireuth — wußten die Burggrafen durch Klugheit, Sparsamkeit sowie durch 
die reichen Einnahmen aus ihren Bergwerken stetig zu mehren, so daß Karl IV. 
sie 1363 in den Stand der Reichsfürsten erhob. Am Anfang des nächsten 
Jahrhunderts erwarben die Burggrafen von Nürunberg ein neues Besitztum, 
in welchem der Hohenzollernaar sich zu ungeahnter Höhe emporschwingen 
sollte.
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4. Die Neugründung durch Friedrich von Hohenzollern. 1 
„Gen Norden flog ein kühner Aar 
Vom Felsennest, dem alten; 
Nicht fürchtet er der Neider Schar, 
Nicht feindliche Gewalten.“ 
Kaiser Sigismund verdankte die Kaiserkrone sowie die ungarische Königs- 
krone vor allem dem Burggrafen Friedrich VI., der ihm auch sonst „in Reichs- 
und anderen Sachen die mannigfaltigsten Dienste und Werke“ erwiesen, seine Heere 
geführt und ihm in der Türkenschlacht bei Nikopolis an der unteren Donau 
das Leben gerettet hatte; dafür wollte er sich jetzt dankbar erzeigen, indem 
er ihn zum Statthalter in der Mark ernannte, wobei er die Hoffnung aus- 
sprach, daß Friedrich „mit seiner eifrigen Sorge und Kraft die Mark wieder 
  
  
  
  
     
  
   
     
     
  
               
   
    
  
  
  
     
          
    
   
  
      
  
  
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Die. Burg zu Nürnberg, am Beginn des 15. Jahrhunderts. 
  
aufrichten werde“. Nur die Kur eines jeglichen römischen Königs behielt er 
sich und seinen Erben vor. Damit aber Friedrich die Mark besser aus ihrer 
jammervollen Lage befreien möge, verschrieb Sigismund ihm, zugleich als 
Anerkennung für seine ihm geleisteten Dienste, 100000 ungarische Gulden 
(1 G. etwa 8½ Mk.), welche ihm für den Fall versprochen wurden, daß 
ihm Sigismund oder dessen Erben die Mark wieder abfordern sollten. Diese 
Summe wurde später auf 400000 Gulden erhöht. Zugleich forderte der 
Kaiser alle Einwohner Brandenburgs auf, Friedrich in allen Stücken gehorsam 
und gewärtig zu sein und ihm zu huldigen. 
Friedrich war ein Bild ritterlicher Schönheit, unerschrocken, voll Tapfer- 
teit, dabei klug, besonnen und besaß eine glänzende Bildung; auch fehlte es 
Hoffmeyer, Unser Preusen. 2
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        18 Erster Zeitraum. 
ihm nicht an äußeren Mitteln, sich Ansehen zu verschaffen. 1412 erschien er 
in der Mark und forderte die Stände zur Huldigung auf. Die Abgeordneten 
der Städte, zuerst Berlin, gehorchten, ebenso die Ritter der Lande Teltow, 
Lebus und Sternberg sowie die Bischöfe von Brandenburg und Lebus; die 
Ritter des Havellandes aber, Dietrich und Hans von Quitzow und viele 
andere, erschienen nicht. Sie wollten überhaupt keinen Herrn über sich haben 
und hofften, der Kaiser werde sich um sie nicht kümmern können, mit dem 
„Tand von Nürnberg“ aber würden sie leicht fertig werden. „Und wenn 
es ein ganzes Jahr Burggrafen regnete,“ so prahlten sie, „sollten sie doch 
hier zu Lande nicht aufkommen.“ Gleichzeitig rüsteten sie im stillen. Auch 
Friedrich machte sich zum Kampfe bereit; er versuchte aber zuvor den Weg 
der Güte und brachte dadurch noch manchen vom Adel auf seine Seite. Da 
erstanden ihm neue Feinde in den Herzögen von Pommern, welche die 
Herausgabe der Uckermark verweigerten und sofort in Brandenburg einfielen. 
Friedrich konnte ihnen nur eine kleine Schar entgegenstellen und vermochte 
deshalb in dem Gefecht am Kremmer Damm (1412) den Sieg nicht zu 
erringen, so daß den ungehorsamen Rittern der Mut noch mehr wuchs. Auch 
als Sigismund ihnen mit der Reichsacht drohte, unterwarfen sie sich nur 
zum Schein; denn unter Friedrichs Augen plünderten und verbrannten sie 
magdeburgische Dörfer. « · 
Zuletzt verlor der Markgraf die Geduld. Er schloß mit dem Erzbischof 
von Magdeburg und dem Kurfürsten von Sachsen ein Bündnis, lieh von 
dem Landgrafen von Thüringen ein schweres Geschütz, das der Sage nach 
von den Vorspannbauern „faule Grete“ genannt wurde, weil es, wie alle 
schweren Geschütze damaliger Zeit, nicht auf Rädern ruhte, daher schwer fort- 
zuschaffen war, und ließ sogar aus Kirchenglocken leichtere Donnerbüchsen 
gießen; auch führte ihm seine Gemahlin Elisabeth (die „schöne Else"), eine 
Tochter des Herzogs von Bayern, ein Ritterheer aus Franken zu. Darauf 
belagerte er gleichzeitig vier feste Burgen der Raubritter. Zuerst fiel Friesack, 
nordöstlich von Rathenow, nachdem der Burgherr Dietrich von Quitzow die 
Flucht ergriffen hatte — er ist elend umgekommen. Die stärkste Burg war 
Plaue am gleichnamigen See westlich von Brandenburg; aber auch ihre 4 m 
dicken Mauern hielten den starken Büchsen nicht stand, Hans von Quitzow 
geriet in Gefangenschaft. Schon vorher war Golzow an der Plaue südlich 
von Brandenburg gefallen; jetzt ergab sich auch Beuthen bei Potsdam, und 
dann unterwarf sich der ganze Adel des Havellandes. Friedrich ließ durch 
die einberufenen Landstände die Strafe festsetzen, welche die Friedensbrecher 
treffen sollte; sie war milde, den meisten erließ er sie bald in Gnaden. Ferner 
verkündete der Markgraf mit Zustimmung der Landstände einen Landfrieden, 
der jede Selbsthilfe untersagte; den Städten aber, die ihn kräftig unterstützt 
hatten, gewährte er manche Vergünstigungen. Hierauf übergab er die Statt- 
halterschaft einstweilen seiner Gemahlin und eilte zum Kaiser auf das Konzil 
zu Konstanz. 1 
Dort war Friedrich wieder des Kaisers rechte Hand. Als Papst Johann 
mit Hilfe Friedrichs von Osterreich aus Konstanz entwich, um das Konzil zu 
sprengen, ward der Burggraf beauftragt, beide zurückzuführen, und er löste
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        4. Die Neugründung durch Friedrich von Hohenzollern. 
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        20 Erster Zeitraum. 
diese Aufgabe in kurzer Zeit. Um ihn hierfür sowie für die großen Ver— 
dienste, welche Friedrich sich um Brandenburg erworben hatte, zu belohnen, 
und um auch in Zukunft an ihm eine starke und treue Stütze zu haben, trat 
Sigismund ihm die Mark Brandenburg samt der Kurwürde und 
dem Erzkämmereramte 1415 erblich ab. In Begleitung einer kaiser- 
lichen Gesandtschaft kehrte Friedrich als Kurfürst in die Mark zurück, ließ 
sich in Berlin von den Ständen als Landesherrn huldigen und gewährte 
ihnen ihre alten Freiheiten, Gewohnheiten und Rechte. Die seit zwei Jahren 
gefangen gehaltenen Nitter erhielten die Freiheit und ihre Schlösser zurück und 
huldigten ebenfalls ihrem neuen Landesherrn. Dann machte sich Friedrich 
wieder auf nach Konstanz, wo er am 18. April 1417 vom Kaiser mit 
größter Feierlichkeit und vielem Gepränge öffentlich mit Branden- 
burg belehnt wurde. Im folgenden Jahre ernannte Sigismund den Kur- 
   
  
       
  
   
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Die Mark beim Regierungsantritt Kurfürst Friedrichs I. 
fürsten sogar zu seinem Statthalter in deutschen Landen „mit voller Befugnis 
zu thun und zu lassen“ wie er selber. 
Die Mark Brandenburg zählte damals nur 160 000 Einwohner und 
umfaßte 1) die Altmark, 2) die Mittelmark, 3) die Prignitz, 4) das 
Land Sternberg, 5) einen Teil der Uckermark, deren größter Teil sich 
in den Händen der Pommern befand. Dazu war in den letzten hundert 
Jahren auch der größte Teil der landesherrlichen Güter, Rechte und Ein- 
künfte in fremde Hände geraten, und Kurfürst Friedrich wurde noch durch 
Kämpfe mit den Nachbärn und im Reiche abgehalten, seine volle Kraft der 
Mark zuzuwenden: die Pommernherzöge waren darüber erbittert, daß Sigis- 
mnund die Lehnshoheit Brandenburgs über Pommern anerkannte, und fielen 
deshalb in die Mark ein" aber Friedrich schlug sie bei Angermünde 
und behielt diese Stadt, vermochte indes nicht die ganze Uckermark zurück- 
zugewinnen.
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        4. Die Neugründung durch Friedrich von Hohenzollern. 
  
  
  
  
  
  
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Belehnung des Burggrafen Friedrich von Nürnberg mit der Mark Vrandenburg. Konstanz 1417.
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        22 Erster Zeitraum. 
Inzwischen waren dem Lande in den Husiten noch surchtbarere Feinde 
erstanden. Friedrich hatte den Kaiser vergebens vor zu großer Schärfe gegen die 
Schwärmer, die er dadurch nur erbitterte, gewarnt. Sigismund bot das Reichs— 
heer gegen sie auf, vermochte aber nichts gegen sie auszurichten; deshalb 
wählten die Reichsstände Friedrich zum Feldhauptmann. In der Sebalduskirche 
zu Nürnberg wurde er feierlich zum Streite geweiht. Aber das Reichsheer war 
in schlechter Verfassung und erlitt von den wildbegeisterten Husiten eine Nieder- 
lage nach der andern. Not und Elend brachten die schrecklichen Husitenkriege 
über Böhmen und seine Nachbarländer. Auch die Mark wurde wiederholt 
mit Feuer und Schwert heimgesucht; 1432 gingen hundert märkische Dörfer, 
auch die Städte Lebus, Müncheberg, Straußberg und Altlandsberg in Flammen 
auf, nur Frankfurt und Bernau widerstanden. Endlich gelang es Friedrich, 
den Frieden zu vermitteln. 
Schon früher hatte der Kurfürst den Kaiser dadurch erzürnt, daß er 
durch die Verlobung seines Sohnes Friedrich mit der Erbin Polens dies 
Land, auf welches auch Sigismund sein Augenmerk richtete, an Brandenburg 
zu bringen trachtete; durch Friedrichs Auftreten im Husitenkriege wurden die 
früheren Freunde einander ganz entfremdet. Nicht nur versagte der Kaiser nach 
dem Aussterben der sächsischen Askanier das Herzogtum Sachsen-Wittenberg 
dem Hause Hohenzollern, obwohl Friedrichs Sohn Johann mit der Tochter des 
letzten Herzogs vermählt war, sondern er hob die Lehnshoheit über Pommern 
wieder auf und hemmte den Kurfürsten sogar, die Grenzgebiete, welche der 
Mark entrissen waren, wiederzuerobern. Dennoch wandte dieser bei der nächsten 
Kaiserwahl dem Schwiegersohne Sigismunds, Albrecht II., die Krone zu, ob- 
wohl viele ihn selber zum Kaiser ausersehen hatten. Durch die vielen Ver- 
drießlichkeiten waren ihm die Marken verleidet; auch wurde ihm die Last 
der Geschäfte zu groß. Schon 1426 hatte der Kurfürst seinen ältesten Sohn 
Johann zum Statthalter der Mark ernannt und sich nach seiner schönen, 
fränkischen Heimat zurückgezogen; dort verbrachte er seinen Lebensabend. Als 
der Tod nahte, teilte er seinen Söhnen das Erbe. Der thatkräftige, willens- 
starke Friedrich empfing die Kurmark Brandenburg nebst der Erzkämmerer- 
würde, Johann und Albrecht, der älteste und der dritte Sohn, erhielten 
Franken, Friedrich der Jüngere dagegen einige Anrechte auf die Altmark 
und die Prignitz, was aber für die Mark ohne Folgen blieb. Dann legte 
er seinen Söhnen noch die Verpflichtung auf, den Berlinern das Glockengut 
zu ersetzen, aus dem er in der Not Kanonen hatte gießen lassen. Friedrich I. 
starb 1440 und wurde nach seinem Befehle in dem Kloster Heilsbronn in 
Franken, zwischen Nüruberg und Ausbach, beigesetzt. · 
5. Der innere Ausbau. 
Friedrich II. Eisenzahn (1440—1470) verdankt diesen Beinamen seiner 
zähen Ausdauer. Da weder die fränkischen Lande noch Reichsgeschäfte ihn 
abzogen, konnte er der Mark seine ganze Kraft zuwenden und teils durch 
Unterhandlung und Geld, teils mit dem Schwerte manches Verlorene zurück- 
bringen. Auf friedlichem Wege erlangte er einen Vergleich, in welchem der
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        5. Der innere Ausbau. 23 
Erzbischof von Magdeburg auf die alte Lehnshoheit über die Mark ver— 
zichtete und ihm gegen einige altmärkische Dorfschaften die Grafschaft Stolberg- 
Wernigerode abtrat; 1455 kaufte er von dem Deutschen Orden die Neumark 
zurück (S. 14 u. 41) und rettete sie dadurch vor Entfremdung von Deutsch- 
land und vor Rückfall ins Slaventum. Von der Lausitz erhielt er nur einige 
Städte (Kottbus, Bärwalde rc.) nebst der Anwartschaft auf Beeskow und 
Storkow wieder. Am wenigsten erreichte er Pommern gegenüber. Als die 
Linie Pommern-Stettin 1464 ausstarb, wollte er das Land auf Grund 
früherer Erbverträge in Besitz nehmen. Bei der Beerdigung des verstorbenen 
Herzogs warf der brandenburgisch gesinnte Bürgermeister von Stettin nach 
alter Sitte dem Verstorbenen Schild und Helm ins Grab nach, indem er 
sprach: „Da liegt unsere Herrschaft von Stettin!“ Ein Ritter aber holte- 
beides wieder aus dem Grabe und sprach: „Nicht also! Wir haben noch erb- 
liche, angestammte Herrschaft: die Herzöge von Pommern-Wolgast; denen 
gehört Helm und Schild.“ Vergebens widersprachen die Anhänger Branden- 
burgs, die Wolgaster erbten. Der Kurfürst griff zum Schwerte, aber ohne 
Erfolg. ç 
Wie Friedrich I. mit Hilfe der Städte den märkischen Adel bändigte, 
so unterwarf Friedrich II. mit Hilfe des Adels die märkischen Städte. Diese 
hatten nämlich von den früheren Markgrafen sich so viele Freiheiten und 
Rechte erworben, daß sie fast selbständig waren. Das Haupt der märkischen 
Städte war die Schwesterstadt Berlin-Kölln, die schon Friedrich I. das 
Offnungsrecht, d. i. das Recht, ohne Erlaubnis mit bewaffneten Scharen in 
ihre Thore einzuziehen, verweigert hatte. Als Friedrich II. nun, um den 
Sitz der Regierung in die Mitte der Mark zu verlegen, sich in Berlin eine 
Burg zu erbauen wünschte, wollten ihm die Bürger keinen Bauplatz ein- 
räumen. Um diese Zeit brach in Berlin, wie in vielen anderen deutschen 
Städten, ein Streit zwischen den Geschlechtern und den Zünften aus: diese 
verlangten Teilnahme am Stadtregiment, und es kam zum offenen Aufruhr 
gegen den Rat. Da erschien der von beiden Teilen um Entscheidung an- 
gegangene Kurfürst mit 600 Reitern vor der Stadt und wurde in der all- 
gemeinen Bestürzung eingelassen. Damit war er Herr der Stadt. Die 
Berlin-Köllner mußten ihm die Schlüssel aller Stadtthore ausliefern und einen 
Platz an der Sprec, mitten zwischen den beiden Städten, abtreten, damit er 
sich dort eine Burg erbaue. Die Bürger empörten sich zwar noch einmal 
und rissen die angefangenen Burgmauern nieder; aber Friedrich erzwang aufs 
neue den Gehorsam. Berlin-Kölln zahlte eine Geldstrafe und verlor seine 
bisherigen Gerechtsame, wie die niedere Gerichtsbarkeit und die freie Wahl 
seiner Beamten. Jetzt leisteten auch die anderen Städte Gehorsam. Als 
das Schloß in Berlin vollendet war, machte es der Kurfürst 1451 zum 
Sitz seiner Regierung; so ward Berlin die Hauptstadt Brandenburgs. 
Wie der Kurfürst die kleinen Bürger gegen die übermächtigen Patrizier 
beschützte, so nahm er sich auch der Bauern an, indem er die Sonntagsarbeit 
verbot und den Gutsherren streng untersagte, den Bauern mehr Arbeiten 
und Lasten aufzulegen, als von alters her Gebrauch gewesen sei. Friedrich 
besaß nicht den umfassenden Blick und das freundliche, gewinnende Wesen
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        24 Erster Zeitraum. 
seines Vaters, aber neben einer starken Willenskraft maßvolle Besonnenheit; 
dreimal schlug er eine Königskrone aus, einmal die polnische und zweimal 
die böhmische, um sich nicht in unabsehbare Verwickelungen einzulassen. 
Meistens war er still, in sich gekehrt, leicht zur Schwermut geneigt; seine 
Frömmigkeit bethätigte er durch eine Wallfahrt nach dem heiligen Lande, 
durch Stiftung eines Domes zu Kölln an der Spree und des Schwanen- 
ordens, dem nur Adlige augehörten, die sich zu einem untadeligen, christ- 
lichen Leben verpflichteten. Verstimmt durch den ungünstigen Ausgang des 
Kampfes mit Pommern sowie durch die von den Slaven drohende Gefahr 
und gebrochen durch den Tod seines letzten Sohnes, trat er die Marken 1470 
seinem Bruder Albrecht ab und zog sich nach Franken zurück, wo er schon 
im folgenden Jahre starb. Er ward in Heilsbronn beigesetzt. 
Albrecht Achilles (1470—1486) verdankt diesen Beinamen seiner Helden- 
kraft und ungestümen Tapferkeit. Niemals wurde er im Turnier besiegt. 
Auf einem einzigen Turniere 
streckte er, nur mit einem 
seidenen Hemde bekleidet und 
mit Schild und Schwert 
bewaffnet, siebzehn tapfere 
Gegner in den Sand. Noch 
lieber ritt er zum blutigen 
Ernst. Auf 100 Schlacht- 
feldern soll er gefochten haben, 
allein den Nürnbergern lieferte 
er in einem Jahre neun Treffen. 
Einmal bahnte er sich eine 
blutige Gasse mitten durch 
800 Nürnberger, ergriff mit 
beiden Händen die Fahne der 
,"-·» Feinde, und obgleich die 
—— Schwerthiebe von allen Seiten 
Albrecht Achilles. auf seinen Panzer und Helm 
niederregneten, ließ er nicht 
los, bis die Seinen ihn herausgehauen hatten. Bei der Belagerung einer Stadt 
war er der Erste auf der Mauer, sprang dann von derselben hinab mitten unter 
500 Feinde und wehrte sich so lange, bis die Seinen ihn befreiten. Seine 
Burg war weit und breit berühmt; nirgends gab es so glänzende Feste wie 
dort, nirgends so tapfere Ritter und so schön geschmückte Frauen; die Edel- 
knaben gingen in rotseidenen Kleidern, und selbst die Reitpferde waren mit 
rotem Samt bedeckt. So war Albrecht die Zierde des Ritterstandes und 
schon vor seiner Erhebung zum Kurfürsten das Haupt der deutschen Fürsten. 
Er überragte sie auch durch staatsmännischen Weitblick; denn er war der 
Meinung, daß man das kaiserliche Ansehen stärken müsse, und er handelte 
auch danach, so daß man ihm den damals unerhörten Vorwurf machte, er 
stelle das Wohl des Reiches höher als das seiner eigenen Länder. Jedenfalls 
fand der schwache Kaiser Friedrich III. (1439—1493) an ihm seinen stärksten 
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        5. Der innere Ausbau. · 25 
Rückhalt. Er entschied deshalb auch in dem pommerschen Erbfolgestreit zu 
Gunsten Brandenburgs, und die pommerschen Herzöge beugten sich vorläufig, 
indem sie im Vertrage zu Prenzlau (1472) Brandenburgs Lehnshoheit aner- 
kannten. 
Aber die Pommern waren nicht gewillt, diesen Vertrag auch zu halten, 
und fanden in ihrem Widerstande Unterstützung bei den Märkern selber. Als 
Albrecht zum erstenmal nach Brandenburg kam, boten die Märker alles auf, 
um ihn geziemend zu empfangen. Nach alter Sitte beschenkten ihn die Bürger 
in Salzwedel mit Hafer, Fischen, Hammelkeulen und Bier; doch dies alles 
machte auf ihn einen nur ärmlichen Eindruck. Auch die Fluren der Mark 
wollten ihm nicht gefallen, wenn er an das schöne Franken dachte. An dem 
märkischen Adel vermißte er die feine höfische Sitte der Süddeutschen; gegen 
den Bürgerstand aber war er überhaupt eingenommen, wohl infolge der 
vielen erbitterten Kämpfe, welche er mit den Nürnbergern hatte führen 
müssen. 
Als der Kurfürst nun, um die durch den Streit seines Vaters mit 
Pommern verursachten Schulden zu decken, für vier Jahre eine Abgabe von 
Bier und Wein forderte, widersetzten sich die Städte dieser indirekten Steuer, 
weil sie den Markgrafen von den Ständen unabhängig mache, und bewilligten 
ihm nur ein für allemal 100000 Gulden. Von dieser Summe sollte Albrecht 
für die Domänen ein Drittel selber zahlen; er verschaffte sich dieses Geld, 
indem er einige Waren mit einem geringen Zoll belegte. Obwohl mehrere 
Schiedsgerichte ihm das Recht hierzu ausdrücklich zuerkannten, erregte die 
Maßregel doch große Unzufriedenheit, besonders in den Städten; Havelberg 
verjagte die Zollbeamten, und man hörte sogar die Drohung, im Kriegsfalle 
werde man dem Kurfürsten keine Mannschaften stellen. Hierdurch waren 
diesem die Marken noch mehr verleidet; er übertrug daher die Verwaltung 
derselben seinem Sohne Johann und kehrte nach Franken zurück. 
Johann hatte einen schweren Stand: die Einnahmen waren so gering, 
daß er trotz der größten Sparsamkeit nicht selten Mangel litt; dazu sollte 
er noch Kriege führen. Die Pommern fanden nämlich einen Bundesgenossen 
an dem Könige Matthias von Ungarn, der die Krone von Böhmen zu er- 
langen suchte, während Albrecht Achilles und der Kaiser seinen Gegenkönig 
unterstützten. Als nun um diese Zeit Albrechts Schwiegersohn, Herzog Heinrich 
von Glogau, starb und Albrecht vertragsgemäß dessen Land für seine ver- 
witwete Tochter in Anspruch nahm, machte ein Verwandter des Verstorbenen, 
Hans von Sagan, ihr die Erbschaft streitig und fand die Hilfe des Ungarn- 
königs und der Pommern. Kurprinz Johann geriet in große Bedrängnis; 
Hans von Sagan verbrannte schon die Vorstädte von Frankfurt. Da eilte 
1478 Albrecht wieder aus Franken zur Hilfe herbei, berief einen Landtag 
nach Berlin, und alle Stände stellten willig die geforderten Mannschaften. 
Uber 20000 Mann soll Albrecht zusammengebracht haben. Er zwang zu- 
nächst die Pommern zum Frieden, schlug dann das durch Ungarn verstärkte 
Heer des Hans von Sagan und wandte sich hierauf gegen König Matthias, 
der gleichzeitig von den Türken bedroht wurde und deshalb um Frieden bat. 
Die Tochter Albrechts wurde entschädigt, die Pommern erkannten abermals
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        26 Erster Zeitraum. 
die Lehnshoheit Brandenburgs an, Krossen, Züllichau, Bobersberg und Sommer- 
feld aber wurden 1482 an Brandenburg abgetreten. So hatte auch in dieser 
drohenden Gefahr des Kurfürsten Wahlspruch sich wieder bewährt: 
In Gott's Gewalt Hab' ich's gestalt, 
Er hat's gefügt, Daß mir's genügt. 
Ein noch größeres Verdienst als durch diese Vergrößerung Branden- 
burgs erwarb sich Albrecht Achilles durch sein Hausgesetz (Dispositio Achillea 
1473)0. Durch dasselbe bestimmte er seinem ältesten Sohne die Mark Branden- 
burg und zwei jüngeren die fränkischen Fürstentümer; zugleich setzte er fest, 
daß die Mark stets ungeteilt auf den nächsten männlichen Erben 
übergehen und das Burggrafenamt nur zwei regierende Herren, zu Ans- 
bach und zu Baireuth, haben solle. Dadurch wurden die brandenburgischen 
Länder vor Zersplitterung bewahrt und die Kurfürsten gezwungen, ihren 
dauernden Wohnsitz in der Mark zu nehmen. 
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der alternde Kurfürst in 
Franken. Aber trotz großer Leibesschwäche begab er sich doch nach Frank- 
furt a. M., um an der Wahl des späteren Kaisers Maximilian teilzu- 
nehmen. Er mußte sich auf einem Sessel in die Kirche tragen lassen, in 
welcher die Wahl stattfand. Als der festliche Zug zurückkehrte, trug Albrecht, 
gleichfalls im Lehnstuhl sitzend, dem Kaiser das Scepter voran. Dann be- 
reitete er sich auf den Tod vor und starb in Frankfurt während einer An- 
dacht ebenso still und friedlich, als sein Leben voll Unruhe gewesen war. 
Der Kaiser und sämtliche Reichsfürsten gaben seiner Leiche das Geleit bis 
an den Main, auf welchem dieselbe nach Franken gefahren wurde, um in der 
Gruft der Ahnen zu Heilsbronn ihre Ruhestätte zu finden. 
Johann Cicero (1486—1499) war seit seinem zwölften Jahre in der 
Mark gewesen und hatte daher die Märker genau kennen gelernt, wie diese ihn. 
Gerechtigkeit, Ordnungsliebe und Sparsamkeit waren hervorragende Tugenden 
des Kurfürsten. Als Statthalter der Mark hatte er so geringe Einnahmen, 
daß er acht Jahre lang, obwohl verlobt, wegen Geldmangels nicht heiraten 
konnte. Er selber klagte, daß er „gering mit Bettgewand, Laken, Polstern, 
Tischtüchern und Geld versehen“ sei. Ihm bewilligten die Stände, wenn auch 
mit Widerstreben, die Biersteuer, welche sie seinem Vater versagt hatten, und 
als sich die altmärkischen Städte der Steuer widersetzten, wurden sie zum 
Gehorsam gezwungen. Er ging aber mit dem Gelde auch so sparsam um, 
daß er nicht nur die Herrschaft Zossen (südlich von Berlin) kaufen, sondern 
auch noch die Gründung einer Universität in Frankfurt a. O. in Angriff nehmen 
konnte. Der Kurfürst hatte viel Verständnis für die gerade damals wieder 
aufblühenden Wissenschaften, besonders für das Latein, wie schon sein Zuname 
andentet; soll er doch auf einem Reichstage vier Stunden in fließendem Latein 
geredet haben. Dazu hatte Kaiser Maximilian auf dem Reichstage zu Worms 
(1495) den Wunsch geäußert, es möchte jeder Kurfürst in seinem Lande eine 
Universität haben. Auch war die allgemeine Bildung im übrigen Deutschland 
schon verbreiteter als in der Mark, hatten doch kleinere Nachbarländer bereits 
Universitäten, so Mecklenburg in Rostock seit 1419 und Pommern in Greifs-
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        5. Der innere Ausbau. 27 
wald seit 1456. Leider hinderte ein früher Tod den Kurfürsten an der 
Erfüllung seines Lieblingswunsches. 
Johann Cicero war nicht ein so kriegerischer Fürst wie sein Vater, aber 
eifrig bemüht, die Lage seines Landes zu verbessern. Während der aus- 
wärtigen Kriege und während des Streites mit den Städten hatte sich das 
Fehde-= und Raubwesen wieder hervorgewagt. Um zur Unterdrückung desselben 
von außen Ruhe zu haben, schloß er mit dem unruhigsten Nachbar, dem 
Pommernherzog, Frieden, ja er verzichtete sogar auf das von seinem Vater 
dem Gegner wieder aufgezwungene Lehnsverhältnis, indem er sich mit dem 
Erbrecht begnügte. Aber ihm ist die Unterdrückung des Raubwesens nicht 
gelungen. Er ist der erste hohenzollernsche Kurfürst gewesen, der die Sprache 
der Mark lernte, daselbst seinen dauernden Wohnsitz nahm und dort — im 
Kloster Lehnin — begraben ist. Später wurde ihm im Dom zu Berlin ein 
von dem berühmten Nürnberger Bildhauer Peter Vischer geschaffenes Denk- 
mal errichtet. 
Joachim I. Nestor (1499—1535) war beim Tode seines Vaters Johann 
Cicero erst fünfzehn Jahre alt, aber über seine Jahre hinaus entwickelt; die 
von seinem Oheim in Franken 
gewünschte Vormundschaft lehnte 
er ab. Gern beschäftigte er sich 
mit Geschichte, Mathematik, Astro- 
nomie, als Kind seiner Zeit aller- 
dings auch mit Astrologie, der 
Kunst, aus den Sternen das 
Schicksal der Menschen zu er- 
kennen, und war der lateinischen 
Rede so mächtig, daß die Fürsten 
auf den Reichstagen gewöhnlich 
ihn baten, die übliche Begrüßung 
des päpstlichen Gesandten in la- 
teinischer Sprache zu übernehmen. 
Schon zur Zeit seines Vaters 
hatten viele Adlige teils aus Not, 
hervorgerufen durch Mißwachs 
und die Pest, teils aus Lust am Joachim I. Nestor. 
Raufen und Plündern wieder das 
Wegelagern angefangen und hofften jetzt wohl, bei der Jugend des Kur- 
fürsten straflos zu bleiben. Einzelne Geschlechter waren so sehr der Schrecken 
der Umgegend, daß Bauern und Städter vor Beginn einer Reise beteten: 
„Vor Köckeritze und Lüderitze, vor Krachten und vor Itzenplitze behüt' uns, 
lieber Herre Gott!“ In der Köpenicker Heide geriet der Kurfürst selber mit den 
„Schnapphähnen“ ins Handgemenge; deshalb griff er mit unerbittlicher Strenge 
ein. Einen adeligen Herrn seines Hofes, der einen Bürger nahe vor Berlin 
überfallen und ausgeplündert hatte, ließ er enthaupten. Da schwuren ihm die 
Genossen des Getöteten bittere Rache; einer derselben soll ihm an die Thür 
des Schlafgemachs geschrieben haben: „Jochimke, Jochimke, hüde dy, fangen
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        28 Erster Zeitraum. 
wy dy, so hangen wy dy!“ Aber der Kurfürst sandte bewaffnete Reiter 
durchs Land, ließ überall das Raubgesindel aufgreifen und siebzig derselben, 
darunter vierzig vom Adel, hinrichten. Auch veranlaßte er die Städter und 
Bauern, durch Landreiter die Straßen bewachen zu lassen. Als sich der Adel 
mit Klagen an des Kurfürsten Oheim in Ansbach wandte und dieser seinem 
Neffen darüber Vorstellungen machte, daß er adliges Blut vergossen habe, 
erwiderte Joachim: „Ich habe kein adliges Blut vergossen, sondern nur 
einige Schelme und Mörder nach Verdienst gestraft. Wären diese recht— 
schaffene Edelleute gewesen, sie hätten so etwas nicht gethan.“ Bald darauf 
wurde ein mecklenburgischer Raubritter auf brandenburgischem Gebiet ge— 
fangen und bot hohes Lösegeld; der Kurfürst aber antwortete: „Es geziemt 
sich nicht, daß ein Fürst die Gerechtigkeit feil habe.“ Er schützte am eifrigsten 
den Bürgerstand; soll er doch einst gesagt haben: „Der Adel ist der Kopf 
des Staatskörpers, der Bürgerstand das Herz, die Bauern sind die Füße." 
Aber auch die Bürger durften ihre Rechte nicht überschreiten. Als die Frank- 
furter einen Raubritter fingen und auf eigene Hand hinrichten ließen, be- 
strafte sie der Kurfürst durch Entziehung der Gerichtsbarkeit. Um Bürgern 
und Bauern jeden Vorwand zur Selbsthilfe zu nehmen, that der Kurfürst 
einen weiteren wichtigen Schritt in der Verbesserung der Rechtspflege durch 
Errichtung des Kammergerichts, das auch über Grafen, Ritter, fürstliche 
Räte, über alle, welche bisher keinem Gerichte unterworfen waren, richten 
und zugleich die letzte Entscheidung in den Urteilen der übrigen Gerichte 
treffen sollte. Es bestand aus zwölf Rechtsgelehrten, von denen vier von dem 
Kurfürsten, acht von den Ständen ernannt wurden, und trat jährlich dreimal 
in Berlin, einmal in Tangermünde zusammen. Der Kurfürst verlangte aus- 
drücklich, daß den armen Leuten unentgeltlich Recht gesprochen werden solle. 
Infolge dieser einheitlichen Gerichtsverfassung bildete sich auch ein einheitliches 
Recht aus; an die Stelle des Sachsenspiegels (S. 10) trat — wie auch im 
übrigen Deutschland — das römische Recht. Um Recht und Ordnung im 
städtischen Verkehr und diesen selber zu fördern, erließ der Kurfürst eine 
Städteordnung, durch welche gleiche Maße und Gewichte für das ganze 
Land eingeführt und die städtischen Obrigkeiten beanftragt wurden, streng 
darüber zu wachen, daß Schlächter und Bäcker gute und vollwichtige Ware 
lieferten. „Als gemeiner Landesfürst der Armen und der Reichen“ nahm 
er sich der Bauern an, indem er überall den Versuchen der Gutsherren, 
die freien Bauern zu Hörigen herabzudrücken oder sie auszubenten, entschieden 
entgegentrat. 
Nicht minder wichtig für die Hebung des Landes war die Gründung 
der Universität zu Frankfurt, die Joachim ebenso sehr aus eigener Neigung 
zu den Wissenschaften, als um das Andenken seines Vaters zu ehren, vollendete 
und 1506 feierlich einweihte. Um diese neuen Einrichtungen unterhalten und 
seinen glänzenden Hofhalt führen zu können, bedurfte er weit größerer Ein- 
nahmen, als sein Vater gehabt hatte. Die Städte wagten ihm gegenüber 
keinen Widerspruch mehr, so daß die einträgliche Bierziese wie auch der 
Hufenschoß (Grundsteuer) eine stehende Abgabe wurden. Trotz der in der 
Mark aufgerichteten „Leuchte der Wissenschaft“ stand der Aberglaube dort noch
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        5. Der innere Ausbau. 29 
in voller Blüte. Die blutige Hostie zu Wilsnack bewährte noch immer ihre 
alte Kraft; eine ebenso traurige Verirrung war die Verbrennung von 
36 Juden, die angeklagt wurden und auf der Folter gestanden, mit geweihten 
Hostien allerlei Frevel getrieben, Christenkinder getötet und deren Blut zu 
Arzneimitteln verwandt zu haben (1510). Alle Juden wurden aus Branden— 
burg vertrieben. Im übrigen wurde der Friede im Innern wie nach außen 
unter Joachim nie gestört. 
Durch Aussterben der Herren von Ruppin fiel (1524) diese Herrschaft als 
erledigtes Lehn an Brandenburg zurück. Den ererbten Streit mit Pommern 
um Brandenburgs Lehnshoheit endete Joachim 1529 durch den Vergleich zu 
Grimnitz, indem er auf die Lehnshoheit verzichtete, wogegen die pommerschen 
Herzöge Brandenburgs Erbrecht auf Pommern feierlich anerkannten. Diese 
erhielten ihre Belehnung hinfort unmittelbar vom Kaiser; aber die Kurfürsten 
von Brandenburg wurden durch Berührung der Lehnsfahne mitbelehnt. Auch 
noch andre Besitzungen und besonders ehrenvolle Stellungen erwarb das 
Haus Hohenzollern um diese Zeit, die später zum Teil auch für Brandenburg 
bedeutungsvoll werden sollten. Joachims Bruder Albrecht ward Erzbischof 
von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, Erzbischof und Kurfürst von Mainz 
und erlangte die Kardinalswürde. Ihr Vetter Georg der Fromme von 
Ansbach kaufte das Fürstentum Jägerndorf in Oberschlesien, und dessen 
Bruder Albrecht ward Hochmeister des Deutschen Ordens und führte in 
Preußen, wie sein Bruder Georg in Franken, die Reformation ein. 
Joachim stellte sich der Reformation feindlich gegenüber. Zwar verkannte 
er nicht die in der römischen Kirche vorhandenen Mißbräuche; aber er, der 
so viel zur Unterdrückung des Faustrechts gethan hatte, sah die von einem 
Manne des Volks ausgehende Reformation als eine Auflehnung gegen die 
von Gott eingesetzte geistliche und weltliche Obrigleit an und meinte, eine 
Besserung der Kirche müsse von den Konzilien ausgehen. Auch war er 
persönlich gegen Luther erbittert, weil dieser seinen Bruder, den Erzbischof 
von Magdeburg, der den Ablaßhandel in Deutschland gestattete, wiederholt 
scharf angegriffen hatte. Persönliche Unterredungen mit Luther bestärkten 
den Kurfürsten noch in seiner Ansicht; er ließ Bann und Acht, die über Luther 
verhängt waren, in der Mark verkündigen, verbot die Verbreitung der lutherischen 
Bibelübersetzung und unterschrieb mit das Wormser Edikt (1521), das Luther 
und sein Werk vernichten sollte. Seine Abneigung gegen die Reformation 
wuchs noch durch den Bauernkrieg und das ärgerliche Auftreten der Wieder- 
täufer, die er beide als Folgen der Reformation ansah; seine drohenden 
Reden auf dem Reichstage zu Augsburg veranlaßten die Evangelischen zur 
Bildung des Schmalkaldischen Bundes, und von dem zwischen Katholiken und 
Evangelischen abgeschlossenen Nürnberger Religionsfrieden sagte er: „Lieber 
will ich Land und Leute verlieren, sterben und verderben, als in diesen 
Frieden willigen.“ Dennoch konnte er nicht verhindern, daß sich die neue 
Lehre in seinem eigenen Lande unter Hohen und Geringen immer weiter aus- 
breitete; selbst des Kurfürsten Gemahlin Elisabeth war ihr von Herzen zu- 
gethan und ließ sich heimlich das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt 
reichen. Als der Kurfürst dies erfuhr, drohte er ihr mit den härtesten
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        30 Erster Zeitraum. 
Strafen, selbst mit Einmauern, wofern sie nicht von ihrem Irrtume abließe. 
Deshalb floh sie zu ihrem Oheim, dem Kurfürsten Johann dem Beständigen 
von Sachsen, der ihr ein Schloß in der Nähe Wittenbergs anwies, wo sie, 
in regem Verkehr mit Luther, ungestört ihrem evangelischen Glauben leben 
durfte. Erst lange nach dem Tode ihres Gemahls, der vergeblich ihre Aus- 
lieferung verlangt hatte, kehrte sie (1545) nach Brandenburg zurück. 
Joachim II. Hektor (1535—1571) mußte nach der Bestimmung seines 
Vaters seinem Bruder Johann die Neumark und Kottbus überlassen. Beide 
Brüder hatten eine sehr sorgfältige Erziehung empfangen; besonders erregte 
Joachims Bildung die Bewunderung seiner Zeitgenossen. Dabei war er 
wohlwollend und freigebig, ein Freund des Vergnügens und äußeren Glanzes. 
Johann von Küstrin dagegen war streng, genau und sehr sparsam. Als 
einst ein Rat am Wochentage in neumodischen seidenen Strümpfen vor 
ihm erschien, sagte Johann: „Ei, ei, Herr Rat, habe auch solche Dinger, 
trage sie aber nur sonntags.“ Im einfachen Rock und meistens zu Juß 
war er fast immer unterwegs, sah alles selber nach, baute Landstraßen und 
Brücken, Wasserleitungen sowie die Festungen Küstrin und Peiz, kaufte noch 
zwei neue Herrschaften — Storkow und Beeskow — und hinterließ trotzdem 
etwa 14 Millionen Mark. Wegen seiner vielen wohlthätigen Einrichtungen 
nannte man ihn wohl Vater der Armen, wegen seiner Sparsamkeit Johann 
Okonomus. In der Sorge für die Armen wetteiferte seine Gemahlin mit 
ihm; sie hat in Küstrin die erste Apotheke der Neumark errichtet, der sie die 
Verpflichtung auferlegte, den Armen Arzeneien unentgeltlich zu liefern. 
Beiden Brüdern hatte der Vater vor seinem Abscheiden geboten, der 
katholischen Lehre treu zu bleiben, aber beide waren schon damals, wie ihre 
Mutter, evangelisch gesinnt. Johann führte mit Luthers Beirat die Re- 
sormation schon 1537 ein und trat dem Schmalkaldischen Bunde bei. Joachim 
zögerte noch. Die Verwandten seiner zweiten Gemahlin, Hedwig von Polen, 
waren streng katholisch; er aber hoffte, von Polen die Mitbelehnung im Her- 
zogtum Preußen zu erlangen. Auch suchte er noch zwischen den beiden 
kirchlichen Parteien zu vermitteln und erwartete eine Beilegung der religiösen 
Streitigkeiten durch ein Konzil. Aber in der Mark „dürstete das Volk 
wunderbar nach der neuen Lehre“, die bei den Städtern schon weite Ver- 
breitung gefunden hatte; auch viele Prediger und vor allem der Bischof 
von Brandenburg, Matthias von Jagow, waren ihr zugethan. Deshalb 
führte Joachim II. gleichfalls die Reformation in Brandenburg ein, 
indem er (1. Nov. 1539) in Spandau zuerst eine lutherische Predigt hörte 
und dann nebst seiner Familie, vielen Hof= und Staatsbeamten, Edelleuten 
und allen, welche sonst Verlangen danach trugen, das heilige Abendmahl in 
beiderlei Gestalt aus der Hand jenes Bischofs nahm. Zugleich erließ er eine 
Verordnung, in welcher er den Gemeinden anheimgab, ihren Gottesdienst 
gleichfalls nach evangelischer Weise einzurichten. Der größte Teil des Adels 
und die meisten Städte machten sogleich davon Gebrauch. Nur wenige hielten 
am alten Glauben fest. Viele Mönche der alsbald aufgehobenen Klöster 
gingen heimlich davon und nahmen an Klostergut, soviel sie vermochten; die, 
welche in denselben zurückblieben, erhielten dort ihren Unterhalt bis an ihr
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        5. Der innere Ausbau. 31 
Lebensende. Nach dem Vorbilde anderer evangelischer Landesfürsten betrachtete 
sich der Kurfürst als obersten Bischof der evangelischen Kirche seines Landes. 
Als solcher erließ er im folgenden Jahre eine neue Kirchenordnung, die 
unter Luthers und Melanchthons Beirat ausgearbeitet und von den Ständen 
gebilligt war. Dann ordnete er eine Kirchenvisitation an, ernannte einen 
  
  
    
  
   
   
  
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Joachim II. empfängt das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt. 
(Relief von Eucke am Denkmal Joachims II. in Spandau.) 
Generalsuperintendenten für die Mark und setzte ein Konsistorium ein. Da den 
Evangelischen an einer Verbreitung religiöser Erkenntnis unter dem Volke 
gelegen sein mußte, so hatte die Einführung der Reformation auch eine Ver- 
mehrung und Hebung der Schulen im Gefolge. Das Vermögen der Klöster 
und Stifter wurde meistens von dem Landesherrn eingezogen und zum Teil 
zur Unterstützung der Kirchen und Schulen verwandt. Auch im Erzstifte 
Magdeburg, wo nach dem Tode des Erzbischofs Albrecht zwei Söhne
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        32 Erster Zeitraum. 
Joachims II. zu Erzbischöfen gewählt wurden, führten die Hohenzollern 
die Reformation durch. Zwar vor thatkräftigem Eingreifen schrak Joachim 
noch zurück; dem Schmalkaldischen Bunde trat er nicht bei. Insofern ent— 
sprach er nicht seinem Beinamen Hektor, den er sich als Kronprinz in den 
Türkenkriegen erworben hatte. Doch als der Kurfürst von Sachsen nach 
seiner Niederlage bei Mühlberg 1547 von Kaiser Karl V. zum Tode verurteilt 
worden war, eilte Joachim sofort in Karls Lager und erwirkte die Zurück— 
nahme des Todesurteils. Bald sollte die Zeit kommen, wo die evangelische 
Kirche an den brandenburgisch-preußischen Hohenzollern die kräftigsten Be— 
schützer fand; andererseits ist Brandenburg durch den Protestantismus groß 
geworden. 
Ebenso nicht durch Krieg, sondern auf dem Wege der Verhandlung hat 
Joachim II. den Grund zu zweien der wichtigsten Vergrößerungen des Staates 
gelegt, indem er die Anwartschaft auf Schlesien und Preußen erwarb. 
Er schloß 1537 mit dem Herzog Friedrich von Liegnitz, Brieg und Wohlau, 
der seine Länder vor einem katholischen Herrn bewahren wollte, eine Erb— 
verbrüderung, nach welcher beim Aussterben des herzoglichen Hauses 
dessen Länder an Brandenburg, dagegen, wenn das Haus Hohenzollern— 
Brandenburg vor jenem erlöschen sollte, die „böhmischen Lehen“, nämlich 
Kottbus, Krossen, Züllichau und einige andere Herrschaften, dem Hause Liegnitz 
zufallen sollten. Später bekräftigten beide Fürsten diesen. Vertrag durch eine 
Doppelheirat zwischen ihren Kindern. König Ferdinand erklärte als König 
von Böhmen und Lehnsherr von Schlesien die Erbverbrüderung für ungültig, 
obgleich dem Herzog von Liegnitz vom Könige Wladislaus von Böhmen 1511 
das Verfügungsrecht über alle seine Länder ausdrücklich zugestanden worden 
war, und erzwang von den Söhnen des Herzogs die Herausgabe der Urkunde; 
ja er versuchte dasselbe auch bei Joachim, jedoch ohne Erfolg. — Die zweite 
Vergrößerung wurde dadurch angebahnt, daß Joachim II., wenn auch durch 
große Geldopfer, vom Könige von Polen 1569 die Mitbelehnung in Preußen 
erlangte. 
Der Kurfürst war ein großer Freund von glänzenden Nitterspielen, 
Tierhetzen, Jagden, Wettrennen und Volksspielen; aber er freute sich am 
meisten, wenn das Volk an denselben teilnahm, und mischte sich wohl selbst 
in das Spiel. Er ließ das Berliner Schloß umbauen, das Schloß zu Köpenick 
neu errichten und begann den Bau der Festung Spandau. Geschickte Maler, 
Bildhauer, Baumeister und Musiker halfen, den Glanz des kurfürstlichen Hofes 
zu erhöhen. Die Ausgaben des Kurfürsten überstiegen allerdings seine Ein- 
nahmen; deshalb mußte er die Stände wiederholt um Geldbewilligungen 
angehen. Die Stände übernahmen zwar die Landesschulden, ließen sich dafür 
aber die wichtigsten landesherrlichen Vorrechte abtreten: der Kurfürst durfte 
ohne ihre Einwilligung „keine wichtige Sache, daran der Lande Gedeih und 
Verderb gelegen“, vornehmen, nicht einmal ein Bündnis schließen; sie über- 
wachten ferner die Schuldenverwaltung und ließen durch eigene Beamte die 
Steuern einziehen und verwalten. Aber auch jetzt wollten die Einnahmen 
nie reichen; die Einführung indirekter Steuern, die der Kanzler Distelmeyer 
empfahl, scheiterte an dem Widerspruch der Städte. Die Juden wurden
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        5. Der innere Ausbau. 33 
wegen des zu zahlenden Schutzgeldes wieder in das Land aufgenommen; einer 
derselben, Lippold, der besonders findig war, des Kurfürsten Einnahmen 
zu vermehren, erlangte sogar die Würde eines kurfürstlichen Münzmeisters 
und wurde in wenigen Jahren aus einem armen ein steinreicher Mann. In 
der Mark herrschte überall Wohlstand, wovon die vielen Verordnungen des 
Kurfürsten gegen den Luxus zeugen. Namentlich blühten damals die Gewerbe. 
In Stendal allein gab es 800 Tuchmachermeister; auch Eisenwerke, Kupfer- 
hämmer und Papiermühlen fehlten der Mark nicht mehr. 
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Ende des Jahres 1570 empfing Joachim die Nachricht von der schweren 
Erkrankung seines Bruders Johann. Von diesem Augenblicke an war der sonst 
so lebensfrohe Fürst wie umgewandelt; er beschäftigte sich nur noch mit den 
Gedanken an Gott, Tod und Ewigkeit und starb schon am 3. Januar 1571 
im Schlosse Köpenick noch vor seinem Bruder, der ihm nach elf Tagen folgte. 
Da dieser keinen Sohn hinterließ, so wurden die Marken wieder vereinigt 
und sind seitdem nicht wieder getrennt worden. 
Durch ein seltsames Ereignis wurde 1540 das Ende des Fehdewesens bezeichnet, 
seltsam deswegen, weil der Landfriedensbrecher nicht ein Fürst oder Ritter, sondern 
ein Kaufmann war. Weil der Kaufmann Kohlhase in Berlin von einem sächsischen 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 3
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        34 Erster Zeitraum. 
Edelmann Unbill erlitten, dafür aber von dessen Obrigkeit nicht Genugthuung er— 
halten hatte, schickte er dem Kurfürsten von Sachsen einen Fehdebrief, bewaffnete 
seine Knechte und fiel in sächsisches Gebiet ein. Mehrere Jahre trieb er sein Räuber- 
wesen mit Glück, wegelagerte auch in Brandenburg und bot seinem eigenen Landes- 
berrn Troß, bis es endlich gelang, ihn zu ergreifen; er wurde 1540 in Berlin hin- 
gerichtet. 
Johann Georg (1571—1597) war bei seinem Regierungsantritt 
45 Jahre alt und hatte schon lange mit Ingrimm beobachtet, wie Schmeichler 
seines Vaters Gutmütigkeit in schnöder Weise mißbrauchten. Er entließ so- 
fort sämtliche Räte seines Vaters mit Ausnahme des redlichen Kanzlers Distel- 
meyer und verhängte über die Schuldigen schwere Strafen. Der allgemein 
verhaßte Lippold wurde gerädert; alle übrigen Juden wurden aus dem Lande 
gejagt. Durch große Sparsamkeit gelang es dem Kurfürsten, die über- 
nommenen Schulden zu tilgen. Gewerbe und Ackerbau wurden aufs neue 
durch Einwanderung von Niederländern gefördert, welche vor der Glaubens- 
tyrannei Philipps II. ihre Heimat verließen. Um das Schulwesen machte 
sich der Kurfürst, der selber die Universität Frankfurt besucht hatte, verdient; 
er unterstützte diese Hochschule sehr freigebig und sorgte für eine bessere Vor- 
bildung der Studierenden durch Errichtung eines Gymnasiums „Zum grauen 
Kloster“ in Berlin. Sein Leibarzt Leonhard Thurneysser, der aller- 
dings auch alchimistische Studien trieb, wandte durch Anlegung einer Buch- 
druckerei und durch Pflege der Formschneidekunst der Mark erheblichen Ge- 
winn zu. Die Verbindung zwischen Brandenburg und Preußen befestigte der 
Kurfürst dadurch, daß er seinen Enkel Johann Sigismund mit Anna, der 
ältesten Tochter des Herzogs Albrecht II. Friedrich von Preußen, vermählte. 
Joachim Friedrich (1597—1608) hatte schon 23 Jahre das Erzbistum 
Magdeburg verwaltet, wobei er sich eine große Umsicht und Festigkeit in 
Verwaltungssachen sowie eine genaue Kenntnis der auswärtigen Staats- 
verhältnisse erworben hatte. Sein Vater hatte einem jüngeren Sohne die 
Neumark vermacht, Joachim Friedrich wollte das Testament nicht anerkennen 
und berief sich auf das Hausgesetz von Albrecht Achilles. Glücklicherweise 
trat sein Schwager, der hochbetagte und kinderlose Markgraf Georg Friedrich 
von Ansbach, das Haupt und der letzte Sproß der fränkischen Hohenzollern- 
linie, vermittelud ein, und in dem Hausvertrage zu Gera (1598) wurde 
zunächst das Hausgesetz des Albrecht Achilles, also die Unteilbarkeit des Kur- 
fürstentums und die Vererbung desselben nach dem Recht der Erstgeburt, 
abermals anerkannt und ferner bestimmt, daß zwei jüngere Brüder Joachim 
Friedrichs nach dem Tode Georg Friedrichs Ansbach und Bairenth erben 
sollten; der Kurfürst sollte von dem Erbe des Oheims nur das von Georg 
Friedrichs Vater angekaufte Jägerndorf in Oberschlesien erhalten. Joachim 
Friedrich gab dies Herzogtum später (1607) seinem Sohne Johann Georg; 
doch sollte es, falls dessen Linie ausstürbe, an Brandenburg zurückfallen. 
Damit die preußische Erbschaft unwidersprechlich an Brandenburg falle, heiratete 
der Kurfürst, als er Witwer wurde, die jüngere Tochter des Herzogs von 
Preußen, der keine Söhne hatte, und bewog durch reiche Geschenke den König 
und den Reichsrat von Polen, ihn zum Statthalter in Preußen und zum 
Vormund des gemütskranken Herzogs einzusetzen. Damit wuchs aber auch
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        6. Ältere Geschichte Preußens. 35 
die Arbeit des Kurfürsten. Auch die Staatsgeschäfte im eigenen Lande, das 
sich durch die erst jetzt vollständig eingezogenen Landesbistümer Brandenburg, 
Havelberg und Lebus vergrößert hatte, wurden von Jahr zu Jahr verwickelter. 
Deshalb setzte Joachim Friedrich (1605) ein „Geheimrats-Kollegium“ 
ein, das die auswärtige Politik und die Finanzen verwaltete, für die Handels- 
und Verkehrsinteressen sowie für die Landesverteidigung sorgte. Es bildet 
den ersten Anfang zu dem preußischen Staatsministerium. Freilich 
wurden diese Reformen, die das Ansehen und den Einfluß der Stände hätten 
beseitigen können, wieder unterbrochen, so daß der Große Kurfürst später 
von vorn anfangen mußte. Um tüchtige Beamte zu erziehen, gründete der 
Kurfürst zu Joachimsthal bei dem Jagdschlosse Grimnitz in der Uckermark 
ein Gymnasium und stattete es mit Einkünften so reichlich aus, daß es 
130 teils adelige, teils bürgerliche Schüler unentgeltlich erziehen konnte. — 
Ebenso segensreich wie der Kurfürst waltete auch seine erste Gemahlin 
Katharina, eine Tochter Johanns von Küstrin. Sparsam und wirtschaftlich 
wie ihr Vater, betrieb sie in der köllnischen Vorstadt eine Molkerei, deren 
Milch auf dem „Molkenmarkte"“ verkauft wurde. Den dabei erzielten Gewinn 
sowie ihre sonstigen Ersparnisse benutzte sie, die Not der Armen zu lindern; 
auch gründete sie die Schloßapotheke, die den Armen die Arzeneien un- 
entgeltlich lieferte. Wie Vater und Mutter waltete das kurfürstliche Paar 
unter seinem Volke. 
6. Altere Geschichte Hreußens. 
Das Land der heutigen Provinzen Ost= und Westpreußen mit seiner 
Bernsteinküste war schon den alten Phöniziern bekannt; aber in das Licht 
der Geschichte tritt es doch erst ums Jahr 1000 n. Chr. Die Römer 
nannten die Bewohner der baltischen Küste Astier, d. i. Ostleute; später kam 
für sie der noch nicht genügend erklärte Name Prussen oder Preußen in 
Gebrauch, während jener Name auf das im heutigen Esthland wohnende 
Volk der Finnen übertragen wurde. Die Preußen gehören zu dem großen 
litauischen Stamm, der in Körpergestalt und Sitte vielfach an die alten 
Deutschen erinnert; die Küstenbevölkerung war mit normannischem Blute 
durchsetzt. Die Religion der Preußen war wie die aller Heiden Verehrung 
der Naturkräfte: Sonne, Mond, Sterne, Blitz, Donner, Bäume, Seen und 
viele Tiere waren ihnen heilig; doch beteten sie auch persönliche Götter in 
heiligen Hainen an. Als höchste Opfergabe galten Menschen und weiße 
Pferde. Die Preußen wohnten an den lichten Stellen der Wälder, an den 
Ufern der Seen und Flüsse auf einzelnen Höfen oder in offenen Dörfern; 
Städte gab es in ihrem Lande nicht. Sie bildeten auch nicht einen gemein- 
samen Staat; die einzelnen Landschaften, wie Kulm, Pomesanien, Ermland 
und Samland, standen unter Häuptlingen; dennoch hat das tapfere Volk, 
unterstützt durch die Sümpfe, Seen und Wälder des Landes, seine Freiheit 
und seine Religion lange siegreich verteidigt. 
Den ersten Versuch, die Preußen zum Christentum zu bekehren, machte 
(997) Bischof Adalbert von Prag. Zuerst predigte er, durch den König 
. 3*
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        36 Erster Zeitraum. 
von Polen ermutigt, bei Danzig, dann im Samland, wo man ihn freundlich 
aufnahm; als er sich aber gegen die Götter der Preußen wandte, ward er 
verjagt. Auf der Rückfahrt zur Weichselmündung stieg er noch einmal ans 
Land und kam ohne sein Wissen in einen heiligen Hain; sofort stürzten die 
Eingeborenen herbei, und als er ihrer Aufforderung, den heiligen Ort zu 
verlassen, nicht folgte, stürmten sie auf ihn ein und durchbohrten ihn. Der 
König von Polen löste die Leiche aus und bereitete ihr in Gnesen die letzte 
Ruhestätte. Wenige Jahre später nahm ein sächsischer Edelmann, der vom 
Papst zum Erzbischof unter den östlichen Heiden geweihte Brun von Quer- 
furt, das Werk Adalberts wieder auf; aber auch er wurde samt seinen Be- 
gleitern von den Preußen erschlagen (1009). Zweihundert Jahre später 
(1209) versuchte der Mönch Christian aus dem Kloster Oliva bei Danzig 
das Bekehrungswerk von neuem und gewann in kurzer Zeit einc beträchtliche 
Zahl heidnischer Preußen für das Christentum, so daß der Papst ihn schon 
zum Bischof von Preußen ernannte; sowie aber die Preußen merkten, daß 
ihnen mit der neuen Lehre auch die Herrschaft der Polen gebracht werde, 
überfielen sie die Getauften und die christlichen Sendboten, von denen nur 
wenige mit dem Leben davonkamen. Damit noch nicht zufrieden, verheerten 
sie auch noch das schon halb bekehrte Kulmer Land und das polnische Masovien, 
wo über 300 Kirchen und Kapellen in Asche sanken. Da bot Christian mit des 
Papstes Unterstützung einen Kreuzzug der Nachbarvölker gegen die Preußen 
auf; als die Kreuzfahrer aber wieder abzogen, ging das Gewonnene bald wieder 
verloren. Die Preußen fielen racheschnaubend in Pommern ein, verbrannten 
das Kloster Oliva und verheerten Masovien noch ärger als das erste Mal. 
Ein von dem Herzog von Masovien gegen sie gestifteter Ritterorden hatte 
ebensowenig Erfolg: in mörderischem Kampfe fielen alle Ritter bis auf fünf. 
Da wandten sich Herzog Konrad von Masovien und Bischof Christian 
mit der Bitte um Hilfe an Hermann von Salza, den Hochmeister des 
Deutschen Ordens. Dieser Orden war 1190 auf dem dritten Kreuzzuge 
zur Pflege deutscher Verwundeter gestiftet und einige Jahre später nach dem 
Vorbilde des Johanniter= und des Templerordens als Ritterorden eingerichtet 
worden. Die Mitglieder zerfielen in Ritter, Geistliche und dienende Brüder; 
sie nahmen die Mönchsgelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des strengsten 
Gehorsams gegen die Vorgesetzten auf sich, die Ritter verpflichteten sich außer- 
dem zur Beschützung der Pilger und zur Bekämpfung der Ungläubigen. An 
der Spitze des Ordens stand der Großmeister. Weil der Ordensmeister 
Hermann von Salza Kaiser Friedrich II. auf seinem Kreuzzuge unterstützt 
hatte, wurde er in den Stand der deutschen Reichsfürsten erhoben und nannte 
sich seitdem Hochmeister. Er nahm den Ruf nach Preußen an und eröffnete 
dadurch seinem Orden statt des aussichtslosen Kampfes um das heilige Land 
eine erfolgreiche Aufgabe. Das Kulmer und Löbauer Land wurde dem 
Orden zur ersten Niederlassung angeboten, Kaiser und Papst aber versprachen 
ihm alles Land, das er erobern werde. Die erste kleine Kriegerschar führte 
der Landmeister Hermann Balk (1230) nach Preußen; es waren ihrer nur 
wenige, und niemals sind mehr denn 150 Ordensritter gleichzeitig ins Feld 
gezogen; aber sie waren auch nur die Feldherren, ihnen folgte ein ganzes
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        6. Ältere Geschichte Preußens. 37 
Heer Krieger und Ansiedler des deutschen Volkes. Denn kaum hatten sich 
die Ritter im südwestlichen Winkel Preußens festgesetzt und die Burgen Thorn 
und Kulm angelegt, so erschien auch schon ein Kreuzheer, und dem Kreuze 
  
  
  
  
  
  
und dem Schwerte folgte der Pflug. Aus vielen Kreuzfahrern wurden An- 
siedler, die unter dem Schutze des Ordens das Land anbauten. Innerhalb 
eines Jahres hatten sich um die neu errichteten Burgen die Städte Kulm 
und Thorn erhoben. Eine schwere Zeit kam indes über die Ritter und 
Kolonisten, sobald das Kreuzheer wieder abgezogen war; nur mit änußerster
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        38 Erster Zeitraum. 
Anstrengung vermochten sie sich in Burgen, Blockhäusern, Sümpfen, auf 
Inseln und selbst auf Bäumen so lange zu halten, bis ein neues Kreuzheer. 
ihrer Not ein Ende machte. Aber sie hielten aus und überstanden den Sturm. 
Und ob der Pole spöttisch höhnt, 
Daß sie wie Vögel sind gewöhnt, 
Die auf den Bäumen bann ihr Nest: 
Baut ihr nur weiter still und fest! 
Bald wird's den Feinden schrecklich klar, 
Von welcher Art der Vogel war: 
Der Vogel auf der Preußen-Eiche, · 
Er baut den Adlerhorst dem Reiche. Gelix Dahn.) 
Vom Kulmer Lande aus drangen die Eroberer am rechten Weichselufer ab- 
wärts und zugleich nach Osten vor, immer Burgen bauend und Städte 
gründend, indem die Hansa ihnen von der Seeseite her zu Hilfe kam und um 
die Burg Elbing eine Stadt errichtete. Da fiel ihnen der neidische 
Pommernherzog in den Rücken, und die bereits unterworfenen Stämmc er- 
hoben sich; jahrelang mußten die Deutschen nun nach zwei Seiten sich wehren, 
sie behielten aber den Sieg. Mit Hilfe eines großen Kreuzheeres, welches 
König Ottokar von Böhmen heranführte, ward Samland bezwungen, und 
am Pregel erhob sich 1255 Burg und Stadt Königsberg, Ottokar zu 
Ehren so genannt. Als der Orden (1260) durch die Litauer eine große 
Niederlage erlitt, erhob sich ganz Preußen noch einmal zu einem letzten, ver- 
zweifelten Kampfe; wohl fielen Tausende unter dem Ordensbanner, aber sie 
wurden immer wieder durch neue Kreuzfahrer ersetzt, und 1283 war auch 
der letzte Aufstand unterdrückt. Viele der unterworfenen Preußen ließen sich 
taufen, die Mehrzahl aber wanderte nach Litauen aus, um der Fremdherrschaft 
und dem Christentum zu entgehen. In fünfzigjähriger Blutarbeit ward 
somit Preußen unterworfen. » 
Um die Zahl der deutschen Einwanderer noch zu vergrößern, gewährte 
der Orden ihnen durch die sogenannte „kulmische Handfeste“ große Freiheiten: 
sie durften ihre Obrigkeiten selber wählen und brauchten dem Orden nur 
geringe Abgaben zu zahlen. Nun strömte die überschüssige Kraft, besonders 
aus Niedersachsen, herbei. Neue Dörfer wurden von den Unternehmern unter 
Gewährung derselben Vergünstigungen wie früher in Brandenburg angelegt. 
Niederländische und deutsche Einwanderer, welche mit dem Wasserbau vertraut 
waren, deichten die untere Weichsel und Nogat ein und verwandelten dadurch 
die bis dahin sumpfigen Gegenden in fruchtbares Marschland. Die aus 
Deutschland einwandernden Adeligen erhielten erblichen Grundbesitz, wofür 
sie Kriegsdienste leisten mußten. Auch die zahlreichen deutschen Städte er- 
freuten sich großer Freiheiten und blühten durch Handel und Gewerbe bald 
auf; mehrere, wie Danzig, Elbing, Braunsberg, Thorn, Kulm und Königs- 
berg, traten frühzeitig in den Hansabund.“) Nachdem 1291 die letzte christ- 
liche Besitzung in Palästina, Akkon, an die Türken verloren gegangen war, 
gab der Deutsche Orden den Kampf um das heilige Land auf und widmete 
  
*) Vgl. Die, deutsche Hanse, ihre Geschichte und Bedeutung. Von Prof. Dr. 
Th. Lindner. Mit zahlreichen Abbild. u. Karte. 2. Aufl. Leipzig, Ferd. Hirt &amp; Sohn.
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        6. Altere Geschichte Preußens. 39 
sich ganz der Verwaltung und Erweiterung Preußens. Deshalb verlegte 
der Ordensmeister Siegfried von Feuchtwangen 1309 seinen Sitz nach 
Marienburg an der Nogat, wo für ihn des Ordens Haupthaus prachtvoll 
wie ein Königsschloß erbaut war. In demselben Jahre erwarb der Orden 
erst durch Kampf mit Waldemar dem Großen (S. 9), dann durch Vertrag 
die von den flavischen Kassuben bewohnten Gebiete zwischen der unteren 
Weichsel und der Persante, die seitdem den Namen Pommerellen führten. 
An der Spitze des Ordenslandes stand der Hochmeister. Seine höchsten 
Beamten und Ratgeber waren die Großgebietiger; jede Provinz, wie 
Preußen, Livland, wurde von einem Landmeister verwaltet. Ihm waren 
  
  
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*) 4 7 2 
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Das Hochschloß der Marienburg von Südosten. 
die Gebietiger untergeordnet, denen für ihre Provinz dieselben Ver— 
pflichtungen oblagen, wie den Großgebietigern für den ganzen Orden. Der 
Marschall befehligte das Ordensheer, der Spittler hatte die Aufsicht über 
die Spitäler, der Treßler (trésor — Schatz) hatte die Schatzkammern und der 
uTrapirer (chap = Stoff, Tuch) die Kleidung und Waffen unter sich. Die 
Ordensritter waren über das ganze Land zerstreut und wohnten ctwa je 
dreißig zusammen in Konventen, denen ein Komtur vorstand. Speise 
und Trank der Brüder waren sehr mäßig, oft kärglich; alle schliefen in einem 
Raume, ein Strohsack war ihr Lager, eine leichte Decke ihr Schutz im un- 
geheizten Zimmer, ihre Kleidung ein schwarzer Mantel und darüber ein weißer 
mit schwarzem Krenz. Wohl dreimal mußten sie jede Nacht ihren Schlaf
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        40 Erster Zeitraum. 
unterbrechen, um zu gemeinsamem Gottesdienste zusammenzutreten, den Tag 
aber am Krankenbett oder im Sattel zubringen. Da der Orden stets kand 
bereit sein mußte, vermittelte eine wohleingerichtete Post, die vollkommenste des 
Mittelalters, den Verkehr zwischen dem Ordensmeister und den Ordenshäusern. 
Der blühende und mächtige Orden machte indes an der Grenze Preußens 
nicht Halt, sondern richtete nun sein Schwert gegen die weiter nach Osten 
wohnenden Heiden, zunächst gegen die Litauer, und wurde dabei noch häufig 
durch Kreuzfahrer unterstützt, die nicht nur aus Deutschland, sondern sogar 
aus Frankreich, England und den Niederlanden kamen. Mit den Waffen 
wurde die Insel Gotland, durch Kauf Esthland von den Dänen und die 
Neumark (1402) von dem Hause Luxemburg erworben, so daß der Ordens- 
staat damals von der Oder bis zur Düna reichte und etwa eine Million 
Einwohner zählte. Und wie blühte dieses Land! Nirgends gab es einen 
so zahlreichen, freien und wohlhabenden Mittelstand, nirgends waren die Ab- 
gaben niedriger, Bürger und Bauern sicherer vor inneren und äußeren 
Feinden sowie vor dem Druck eines bevorzugten Adels, als im Ordenslande. 
Die Handelsstädte, namentlich Danzig, das Haupt des Weichsellandes und der 
Vorort des „preußischen Quartiers“ der Hansa, führten die reichen Erträge des 
Landes an Getreide, Wachs, Honig, Bernstein und Holz nach England und den 
Niederlanden und brachten gewerbliche Erzeugnisse sowie Wein und Salz zurück. 
Der Kampf hatte die Kraft der Ritter gestählt; als aber Jagiello 
von Litauen, um die Hand der Königin von Polen zu gewinnen, zum Christen- 
tum übertrat und auch seine Litauer bewog, sich taufen zu lassen, fiel die 
Hauptaufgabe des Ordens, Kampf gegen die Ungläubigen, fort, und die 
Kreuzfahrer blieben aus. Die Ordensritter verfielen dem Müßiggang, dem 
Wohlleben; ihre Bedürfnisse wuchsen und mit ihnen die willkürlich aufer- 
legten Steuern. Darüber murrten die Unterthanen; namentlich der Land- 
adel und die reichen Städter wollten dem Orden nicht länger scweigend 
gehorchen, der sich fortwährend durch junge Adelige aus dem „Reich“ er- 
gänzte, die sich um das Land nicht das geringste Verdienst erworben hatten 
sondern den Orden nur als eine bequeme Versorgungsanstalt betrachteten. 
Jene verlangten als „Landstände“ Anteil an der Landesverwaltung, wie es 
in Deutschland Sitte war, und als der Orden dies hochfahrend zurückwies, 
traten sie zu Bündnissen zusammen, um den Orden zum Nachgeben zu 
zwingen. Am bekanntesten ist der von den westpreußischen Rittergutsbesitzern 
geschlossene „Eidechsenbund“. 
Auf diese Zwietracht bauend, fiel Jagiello mit einem großen Heere von 
Litauern und Polen, die schon längst das blühende Ordensland neidisch und 
gierig betrachtet hatten, sowie mit vielen fremden Söldnern ins Land ein. 
Auch der Orden bot alle seine Kräfte auf; aber bei Tannenberg (56. v. Löbau) 
erlag er 1410 der Ubermacht: der Hochmeister selber, Ulrich von Jungingen, 
fiel und mit ihm die meisten Gebietiger und Ordensbrüder. Die Polen ver- 
wüsteten alles Land; der Orden schien verloren. Da warf sich der Komtur 
Heinrich von Plauen mit dem Reste des Heeres in die Marienburg und 
verteidigte sie heldenmütig, bis die Polen abzogen. Zum Hochmeister ge- 
wählt, erlangte er einen Frieden, in welchem der Orden zwar große Geld-
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        6. Ältere Geschichte Preußens. 41 
opfer bringen, aber nur geringe Grenzgebiete abtreten mußte. Dann wies 
er den Brüdern das einzige Mittel, den Orden zu retten: Erneuerung der 
strengen Sittenzucht für die Ordensritter, Anteil an der Regierung für die 
Stände. Um das Land, das nun schwer besteuert werden mußte, zu besänftigen, 
bildete er aus Adeligen und Bürgern einen „Landesrat“, dem er landständische 
Rechte verlieh. Hierdurch sowie durch das strenge Vorgehen Heinrichs gegen 
unwürdige Ordensmitglieder erbittert, setzte ihn das Ordenskapitel ab. 
Nun ging es mit dem Orden rasch zu Ende; seine Zuchtlosigkeit und 
Willkürherrschaft wurden immer größer; in demselben Maße wuchs aber auch 
die Unzufriedenheit der Unterthanen. Ritterschaft und Städte schlossen zur 
Verteidigung ihrer Gerechtsame den „Preußischen Bund“. Vergebens wandte 
sich der Hochmeister an den ohnmächtigen Kaiser Friedrich III. Zwar befahl 
dieser dem Bunde sich aufzulösen; der aber kehrte sich nicht daran, sondern 
erklärte dem Orden den Krieg und rief die Polen ins Land. Vom Kaiser 
im Stich gelassen, verlor der Orden ein Stück Landes nach dem andern; um 
Geld für Söldner zu erlangen, verpfändete er sogar die Neumark (1455) 
an Brandenburg. Als auch dieses nicht mehr reichte, verkauften die Söldner 
die Marienburg, und weinend verließ (1457) der Ordensmeister das glänzende 
Haupthaus für immer. In Ostpreußen waren viele Lehnsleute und Städte 
dem Orden treu geblieben, und so kämpfte ein Teil der preußischen Stände 
wider den andern. Durch den Verlust der Neumark und Westpreußens von 
Deutschland abgeschnitten, erhielt der Orden auch dorther keine Unterstützung 
mehr und mußte endlich 1466 in den schimpflichen Frieden zu Thorn 
willigen, in welchem er nur Ostpreußen als polnisches Lehen behauptete, 
Westpreußen, das Bistum Ermeland sowie Elbing und Thorn aber 
an Polen abtreten mußte. Dazu sollte künftig die Hälfte der Ordensritter 
Polen sein. Der Hauptsitz des Ordens ward nach Königsberg verlegt. 
Preußen war stark verheert, und auf dem platten Lande nistete sich 
jetzt das Slaventum ein; in den wohlhabenden Städten dagegen hielt sich 
das deutsche Wesen, und namentlich Danzig erlangte als wichtigste polnische 
Hafenstadt erst unter Polen seine höchste Blüte. Gegen Ende des fünfzehnten 
Jahrhunderts ward es der wichtigste Hafenplatz des nordöstlichen Europa. 
Aus den weiten Gebieten von Polen, Galizien und Ungarn führte es be- 
sonders Holz und Korn aus und brachte Heringe, Salz und Kunsterzeug- 
nisse dorthin. In einem Jahre sandte es 1100 Schiffe mit Korn nach Hol- 
land. Die Danziger Schiffswerfte lieferte Schiffe selbst bis nach Portugal. 
Die Macht des Ordens war gebrochen; vergebens machte er den Versuch, 
wenigstens Ostpreußen von der polnischen Lehnshoheit zu befreien. Um mehr 
Teilnahme im Reich zu finden, wählte er seine Hochmeister aus berühmten 
und mächtigen deutschen Fürstenhäusern, zunächst Friedrich von Meißen aus 
dem Hause der Wettiner; aber vergebens bemühte dieser sich bei Kaiser und 
Papst um Hilfe. Nach seinem Tode stellte der Orden 1511 Albrecht von 
Brandenburg-Ansbach, den Schwestersohn des polnischen Königs, an seine 
Spitze. Als dieser von seinem Oheim den Verzicht auf die Lehnshoheit durch 
Güte nicht erlangen konnte, griff er zum Schwerte, doch ohne Erfolg. Dann 
eilte er nach Deutschland und klopfte überall um Hilfe an, aber umsonst.
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        42 
Ersier Zeitraum. 
Da rieten ihm Luther und Melanchthon, den Orden aufzuheben und Preußen 
in ein weltliches Herzogtum zu verwandeln. 
  
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Denkmal Albrechts von Brandenburg 
am Schlosse zu Königsberg. 
der 
  
Preußen war schon durchweg 
lutherisch gesinut, der Bischof von 
Samland und viele Ordensritter 
hingen bereits der neuen Lehre an; 
deshalb schloß Albrecht 1525 den 
Vertrag zu Krakan, in welchem 
er den König von Polen als Lehns- 
herrn, dieser ihn als erblichen 
Herzog in Preußen anerkannte. 
Darauf löste er unter Zustimmung 
meisten Ordensbrüder den 
Orden auf, trat samt ihnen zur 
lutherischen Lehre über und ver- 
heiratete sich. Außerhalb Preußens 
bestand der Deutsche Orden weiter; 
der neugewählte Hochmeister nahm 
seinen Sitz in Mergentheim in 
Schwaben. Dem Beispiele Ost- 
preußens folgten auch Kurland und 
Livland; der Landmeister Kettler 
übergab das Land dem Könige von 
Polen und wurde von diesem mit 
Kurland als einem erblichen Her- 
zogtum belehnt. Auch Westpreußen 
nahm bald die Reformation an, 
die ein Hebel des Deutschtums 
wurde. Unter ihrem belebenden 
Schein erwachte überall in den 
Ostseeprovinzen ein regeres Geistes- 
leben; zur Stütze desselben gründete 
Albrecht 1543 die Universität 
Königsberg. In demselben Jahre 
starb der berühmte ostpreußische Ge- 
lehrte Nikolaus Kopernikus, Dom- 
propst zu Frauenburg, der die Ent- 
deckung machte, daß die Erde nicht 
still steht, sondern als Wandelstern 
die Sonne umkreist. 1 
Doch auch als Herzog hatte 
Albrecht den Adeligen gegenüber, 
die ihre Macht nach oben wie nach 
unten auszudehnen strebten und an dem Könige von Polen meistens Rückhalt 
fanden, einen schweren Stand. Er starb 1568. Nach seinem Tode erklärten 
sie zwar seinen fünfzehnjährigen Sohn Albrecht II. Friedrich für mündig, 
schüchterten ihn aber so ein, daß er in eine Gemütskrankheit verfiel, deren
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        7. Das äußere Wachstum der Mark unter Johann Sigismund. 43 
Keime er von seiner Mutter geerbt hatte. Dennoch verheiratete man ihn, 
und seine Gemahlin, die älteste Tochter des Herzogs von Kleve, gebar ihm 
mehrere Kinder. Von seinem Tiessinn genas er nicht, so daß der herrsch- 
süchtige Adel leichtes Spiel hatte, bis (1605) Joachim Friedrich von Branden- 
burg und (1609) Sigismund sich des Landes annahmen. 
. Das äußere Wachstum der Mark unter Johann Sigismund. 
1608—1610. 
Kurprinz Joham Sigismund befand sich eben auf der Reise nach Königs- 
berg, als ihn die Nachricht von dem Tode seines Vaters Joachim Friedrich 
creilte; er setzte dennoch die Reise 
nach Preußen fort, wo seine Gegen- 
wart dringend erforderlich war, und 
erlangte trotz des ihm widerstre- 
benden preußischen Adels die Vor- 
mundschaft über seinen geisteskranken 
Schwiegervater und die Mitbelhe.“ 
    
    
nung in Preußcn. Gleichzeitig starbe *75*l%. ½ · “ 
auch der Herzog von Kleve; weim.— 
Johann Sigismund auf dessen Nach- 5 
laß Anspruch machte, wurde Branden- 
burg in eine gefährliche curopäische 
Verwickelung hineingezogen. 
Der Nachlaß des Herzogs Johann 
Wilhelm von Kleve umfaßte 1. das Her- 
zogtum Kleve zn. beiden Seiten des 
heins von Duisburg bis Emmecrich; □u * 
2. in Westfalen die Grafschaften Mark Johann Sigismund. 
an der mittlern Ruhr und Ravens- 4 —#„ Z 
berg am Teutoburger Walde; 3. die Herzogtümer Jülich links vom Rhein und 
Berg zwischen Ruhr und Lippe; 4. die Herrschaft Ravenstein an der Maas. Es 
waren alles Gebiete von berühmter geschichtlicher Vergangenheit, reich an Schätzen des 
Vodens und der Kunst. Am Unterrhein hatten jahrhundertelang die Römer geherrscht, 
bis während der Völkerwanderung auch auf dem linken Ufer germanisches Wesen zur 
Herrschaft gelangte. Beim Zerfall der Herzogtümer zur Zeit der Hohenstaufen lösten 
sich Mark und Ravensberg von Westfalen, die übrigen vier Landschaften von Loth- 
ringen ab; durch Erbschaft wurden 1521 alle sechs in der Hand des Herzogs von 
Kleve vereinigt. Kaiser Karl V. verlieh ihm (1546) das Recht, daß seine Länder 
beim Aussterben des herzoglichen Mannesstammes auch in weiblicher Linie vererben 
dürften. Daher behielt sich seine älteste Tochter Marie Eleonore bei ihrer Vermäh- 
lung mit dem Herzog Albrecht II. Friedrich von Preußen ihre Erbansprüche an Kleve 
vor. Ihrer jüngeren Schwester Anna, die mit dem Grafen von Pfalz-Neuburg 
vermählt war, wurde die Erbfolge in Kleve für den Fall zugesichert, daß ihre älterc 
Schwester ohne Leibeserben sterben sollte. Ahnliche Ansprüche wurden auch der 
dritten und vierten Schwester zugestanden. 
Sowie der Herzog von Kleve gestorben war, begann der Streit um 
sein Erbe. Kurfürst Johann Sigismund wollte im Namen seiner Gemahlin 
das ganze Land in Besitz nehmen. Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Nenuburg 
glaubte noch größere Ansprüche zu haben, da seine Mutter noch lebe und 
— 
—
        <pb n="50" />
        44 Erster Zeitraum. 
Marie Eleonore nur Töchter hinterlassen habe. Beide ließen an ver- 
schiedenen Orten des Landes ihre Wappen und die Besitzergreifungsurkunde 
anschlagen. Auch der Herzog von Sachsen machte alte Erbrechte geltend und 
drohte in Brandenburg einzufallen. Der Kaiser wollte das wichtige Land 
nicht einem evangelischen Fürsten überlassen; er gedachte es selber in Ver- 
waltung zu nehmen und verbot deshalb die Besitznahme desselben, belehnte 
aber den Herzog von Sachsen mit Kleve. Der drohende Kampf konnte leicht 
einen ungeahnten Umfang annehmen und die Veranlassung zum Ausbruch 
eines schon lange drohenden Religionskrieges geben: soeben (1608) hatten 
evangelische deutsche Fürsten zu gegenseitigem Schutze die Union geschlossen, 
zu gleichem Zweck waren dann die katholischen Fürsten in der Liga zusammen- 
getreten. Deshalb vereinigten sich der Kurfürst und der Pfalzgraf vorläufig 
in dem Vertrage zu Dortmund (1609):; sie wollten das Land bis zur 
endgültigen Lösung gemeinsam regieren, beide aber sahen sich nach Hilfe um. 
Der Kaiser drohte den Kurfürsten zu ächten, die Spanier, die damals mit 
den Niederländern im Kampfe lagen, sollten die Rheinlande besetzen. Auch 
Heinrich IV. von Frankreich rüstete, um gemeinsam mit den Niederländern 
den Kampf gegen den Kaiser und die Spanier aufzunehmen. Seine Er- 
mordung (1610) verschob zwar den Ausbruch des allgemeinen Kampfes; der 
klevische Streit aber verschärfte sich noch. Ein willkommenes Mittel der Ver- 
söhnung zwischen beiden Bewerbern schien eine Vermählung des jungen Pfalz- 
grafen mit der ältesten Tochter des Kurfürsten zu bieten; da Wolfgang 
Wilhelm aber als Mitgift ganz Kleve forderte, so kam es zwischen beiden 
Parteien zum vollständigen Bruch. Um die Unterstützung der Liga zu ge- 
winnen, deren Oberhaupt Herzog Maximilian von Bayern war, heiratete der 
Pfalzgraf eine bayrische Prinzessin und trat zur katholischen Kirche über. 
Johann Sigismund war schon seit neun Jahren heimlich der reformierten 
Kirche zugethan; am Weihnachtstage 1613 bekannte er sich öffentlich zu ihr. 
Obwohl er erklärte, er sei nicht eitler Ehre oder zeitlichen Gewinnes halber, 
sondern aus voller Uberzeugung übergetreten, rief dennoch dieser Schritt in 
Brandenburg große Erbitterung, in Berlin sogar einen Aufstand hervor, in 
welchem die Häuser der reformierten Prediger und Räte zerstört wurden; 
selbst das Schloß kam in Gefahr, und der Kurfürst mußte geloben, daß er 
niemand zum Ulbertritt drängen, auch keine reformierten Geistlichen anstellen 
  
Zum Kleveschen Erbfolgestreit. 
  
Wilhelm, Herzog von Klebe. Sibylla, seine Schwester. 
4 1 Gem. Johann Friedrich von Sachsen. 
Johann Wilhelm, Marin Elconore. Anna. Zwei unver- 
Herzog. 7 1609. Gem. Albrecht II. Gem. Philipp Ludw., mählte 
Friedrich v. Preußen. Pfalzgraf v. Neuburg. Schwestern. 
— — — 
  
Annna. Leonora. Magdalena. Wolfgang Wilb eim. 
Gem. Kurfürst Gem. Kurfürst Gem. Kurfürst # 
Johann Sigis= Joachim Joh. Georg 
mund v. Friedrich v. v. Sachsen. 
Brandenburg. Brandenburg.
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        8. Der Zerfall unter Kurfürst Georg Wilhelm. 45 
wolle. Die Preußen beschwerten sich sogar beim Könige von Polen, der 
dieserhalb einen Landtag berief; der Kurfürst mußte zugestehen, daß in Preußen 
nur die katholische und die lutherische Religion geduldet werden sollten. So 
von seinem eigenen Volk im Stich gelassen, von den Holländern schlecht 
unterstützt, dagegen von den Spaniern am Rhein hart bedrängt, schloß der 
Kurfürst 1614 mit dem Pfalzgrafen den Vertrag zu Kanten, nach welchem 
Jülich und Berg an Pfalz-Neuburg, dagegen Kleve, Mark, Ravensberg und 
Ravenstein an Brandenburg fielen. — Beim Tode seines Schwiegervaters 
(1618) konnte der Kurfürst auch Ostpreußen als Erbteil seiner Gemahlin 
mit Brandenburg vereinigen. Dadurch hatte Brandenburg fern im Westen 
und im Osten, am Rhein und an der Memel wichtige Länder gewonnen, 
die den Anfang zu weiteren Erwerbungen bilden sollten. 
8. Der Serfall unter Kurfürst Georg Wilhelm. 
1019—1640. 
Georg Wilhelm folgte seinem Vater in einer schweren Zeit: hatte 
doch vor einem Jahre der Dreißigjährige Krieg begonnen! Spanier und 
Kaiserliche suchten Brandenburg die kleveschen Länder zu entreißen, und die 
Belehnung und Huldigung in Preußen konnte der junge Kurfürst wieder nur 
mit großen Opfern erlangen. Auch für einen tüchtigen Fürsten wäre es 
schwer gewesen, Brandenburg in jener Zeit vor Zerrüttung zu bewahren; 
wieviel weniger vermochte es Georg Wilhelm, der nicht Festigkeit genug be- 
saß, um sich zwischen den streitenden Parteien eine bestimmte Stellung zu 
wählen und mit Würde zu behaupten. Da er als Reformierter bei den 
lutherisch gesiunten Ständen noch weniger als seine Vorfahren auf thatkräftige 
Unterstützung rechnen konnte, so war es ihm auch schon aus diesem 
Grunde unmöglich, mit Nachdruck für die evangelische Sache einzutreten. Dazu 
wählte er den katholischen Grafen von Schwarzenberg zu seinem vor- 
nehmsten Ratgeber, der Brandenburg stets auf der Seite des Kaisers zu er- 
halten suchte. Die religiöse Spaltung trennte sogar die Glieder des kurfürst- 
lichen Hauses. Die Kurfürstin-Witwe war lutherisch geblieben. In des 
Kurfürsten Abwesenheit ließ sie einen tüchtigen lutherischen Prediger aus 
Wittenberg kommen und in der Schloßkirche predigen; auch verlobte sie ohne 
Vorwissen des Kurfürsten ihre Tochter mit dem streng lutherischen Gustav 
Adolf von Schweden, und Georg Wilhelm hatte nicht den Mut, die Ver- 
mählung zu verhindern, obwohl er seine Einwilligung zu derselben versagte. 
Vom Dreißigjährigen Kriege wollte der Kurfürst sich fern halten; doch 
fehlte ihm die Macht, sein Land vor Feinden zu schützen, weil die Stände 
ihm fast jede Beihilfe zur Anwerbung von Söldnern verweigerten. Daher 
achteten weder die evangelischen noch die katholischen Heere Brandenburgs 
Neutralität. Gleich bei Beginn des Krieges zog ein für den „Winterkönig“ an- 
geworbenes englisches Hilfsheer, das zügelloseste Gesindel, von der Elbe her 
durch die Mark. Als es sich Berlin näherte, griffen die Bürger zu den Waffen, 
weil sie fürchteten, dies Heer wolle der Kurfürst benutzen, um sie zum refor- 
mierten Bekenntnis zu zwingen. Aus Rücksicht auf den Kaiser versagte der
        <pb n="52" />
        46 Erster Zeitraum. 
Kurfürst dem in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag besiegten Könige 
Friedrich V. von Böhmen, seinem Schwager, den längeren Aufenthalt in der 
Mark. Trotzdem ächtete der Kaiser den Markgrafen Johann von Jägern— 
dorf (S. 34), der Friedrich V. unterstützt hatte, und gab dessen Land nicht 
dem erbberechtigten Kurfürsten, sondern behielt es für sich. Nicht einmal 
kleine feindliche Abteilungen vermochte der Kurfürst von dem Lande fern- 
zuhalten. Eine Schar Kosaken, welche der König von Polen Tilly zu Hilfe 
schickte, zog unter schrecklichen Verwüstungen mitten durch die Mark. Des- 
gleichen nahmen däuische Söldner ihren Weg nach Schlesien über Branden- 
burg, hausten dort wie Räuber und legten die Stadt Nauen in Asche. Alt- 
mark und Prignitz wurden von dem Söldnerführer Mansfeld schamlos aus- 
gesogen; trotzdem bewilligten die Stände nur 3000 Mann auf drei Monate, 
womit nichts genützt war. Auf Mansfeld folgte Wallenstein, der es noch 
ärger trieb als jener. Gustav Adolf von Schweden rückte im Kriege mit 
Polen ohne Erlaubnis durch Preußen und eroberte Pillau; ein ihm entgegen- 
gesandtes brandenburgisches Heer von 2000 Mann streckte die Waffen. Die 
klleveschen Länder waren teils von den Holländern, teils von den Spaniern 
besetzt. Hierdurch sowie durch das Auftreten der Dänen während ihres 
Durchzuges nach Schlesien verletzt, schloß sich Georg Wilhelm dem. Kaiser an, 
um mit dessen Hilfe die Dänen zu vertreiben. Aber die neuen Freunde, 
Wallensteins Truppen, drückten das Land ärger dem zuvor und verlangten 
nicht nur Kost, sondern auch Sold. Wer sich weigerte, den rohen Soldaten 
Kleidung, Nahrung oder Geld zu geben, wurde erschlagen. Schon damals 
sah man niedergebrannte, ausgeplünderte oder verlassene Dörfer; selbst in 
den Städten standen bereits viele Häuser leer. « 
Durch das Restitutionsedikt von 1629, das die Reformierten. vom 
Religionsfrieden ausschloß und alle seit dem Passauer Vertrage (1552) ein— 
gezogenen geistlichen Güter für die katholische Kirche zurückforderte, wurde 
auch Georg Wilhelm bedroht; denn nicht nur die Bistümer Brandenburg, 
Lebus und Havelberg, sondern auch das Erzbistum Magdeburg, wo sein 
Oheim Bistumsverwalter war, gehörten zu den einzuziehenden Gütern. Jetzt 
bedauerte er, aber zu spät, die evangelische Sache nicht besser unterstützt zu 
haben; dennoch schloß er sich dem Retter des Protestantismus, dem Schweden- 
könig Gustav Adolf, aus Besorgnis für Pommern nicht an; vielmehr gingen 
Brandenburg und Sachsen mit mehreren anderen Fürsten in Leipzig einen 
Neutralitätsvertrag ein. Gustav Adolf besetzte Pommern, vertrieb die Kaiser- 
lichen aus Brandenburg und eilte, um die von Tilly hart bedrängte wichtige 
Festung Magdeburg zu entsetzen. Damit seiue Rückzugslinie nicht bedroht 
werde, zwang er den Kurfürsten, ihm Spandau einzuräumen; aber bevor 
die Schweden die Elbe erreichten, siel Magdeburg (20. Mai 1631). Weder 
Alter noch Geschlecht wurde geschont; die mit Brennstoffen reichlich versehenen 
Häuser wurden — wohl von den Bürgern selber — in Brand gesteckt, und 
bald war die eben noch so volk= und gewerbreiche Stadt ein Aschenhaufen. 
Von 36000 Menschen kamen nur 10000 lebend davon; außer dem Dome 
und dem Liebfrauenkloster blieben nur wenige Häuser erhalten. Statt dem 
nach Sachsen zurückweichenden Tilly zu folgen, besetzte Gustav Adolf auch
        <pb n="53" />
        8. Der Zerfall unter Kurfürst Georg Wilhelm. 47 
Berlin, Brandenburg und Küstrin und zwang die brandenburgischen Stände, 
ihm monatlich 90000 Mark Hilfsgelder zu zahlen und dem Kurfürsten ein 
Heer von 5000 Mann zu bewilligen, das mit den Schweden vereint die 
Mark gänzlich vom Feinde säuberte. Tilly suchte unterdes durch furchtbare 
Verheerung Sachsens dessen Kurfürsten zu einem Bündnis mit dem Kaiser 
zu zwingen, trieb ihn aber dadurch zu einem Bunde mit Gustav Adolf, der 
herbeieilte, Tilly bei Breitenfeld unweit Leipzig (1631) vollständig be— 
siegte und dann seinen Siegeszug durch Franken, Schwaben und Bayern hielt. 
Aber in der blutigen Schlacht bei Lützen (16. November 1632) bezahlte 
er den Sieg über Wallenstein mit seinem Leben. Vorläufig hielt Georg 
Wilhelm noch an dem Bündnis mit Schweden fest; nachdem jedoch Sachsen 
1635 durch den Separatfrieden zu Prag die evangelische Sache im Stich 
gelassen hatte, schwankte er wieder, und Schwarzenberg bestimmte ihn leicht, 
sich dem Prager Frieden anzuschließen, wofür dem Kurfürsten Pömmern zu- 
gesichert ward. Doch wurde dadurch die Lage Brandenburgs nicht gebessert. 
Nach seinem Siege bei Wittstock in der Prignitz (1636) folgte der schwe- 
dische General Baner den zurückweichenden Kaiserlichen durch die Mark, und 
die Brandenburger mußten jetzt für den Abfall ihres Fürsten von der evan- 
gelischen Sache schwer büßen. Zu dem namenlosen Elend, welches die un- 
menschlichen Soldaten anrichteten, gesellte sich noch die Pest; die Leichen blieben 
oft unbegraben liegen und dienten den umherstreifenden Hunden zum Fraße. 
Die Stadt Berlin wurde ebenfalls hart bedrängt und gebrandschatzt; der 
Kurfürst und der Hof flüchteten nach der Festung Peitz. Um diese Zeit 
(1637) starb Herzog Bogislaw von Pommern, aber die Schweden ver- 
weigerten die Herausgabe dieses Landes an Brandenburg. Georg Wilhelm 
warb mit Unterstützung des Kaisers ein Heer, das „dem Kaiser und an des 
Kaisers Statt dem Kurfürsten“ Gehorsam schwören mußte, und verdrängte die 
Schweden aus der Mark; Pommern aber hielten sie besetzt. Als sie im 
folgenden Jahre Verstärkung erhielten, mußten die Kaiserlichen wieder weichen, 
und ihr Rückzug brachte der Mark mehr Elend als je. Ihnen folgten dann 
die Schweden, die das noch raubten und zerstörten, was jene etwa übrig ge- 
lassen hatten. Die unglücklichen Einwohner irrten ohne Obdach, ohne Klei- 
dung und Nahrung in den Wäldern umher, viele erlagen dem Hunger. Der 
Magistrat von Prenzlau schrieb: „Es ist eine große Teurung entstanden, daß 
die Leute nicht allein Hunde, Katzen, Aser auf den Gassen essen, sondern 
einander selbst anfallen, kochen, braten und verzehren.“ Ein schwedischer 
Offizier berichtete, zwischen Oder und Elbe sei alles so verwüstet, „daß daselbst 
weder Hunde und Katzen, geschweige denn Menschen und Pferde sich auf- 
halten können; durch solche Lande, welche der Feind wegen Hungers und 
Jammers hat verlassen müssen, kann ich mein Heer nicht führen.“ In dieser 
Not verließ der Kurfürst das unglückliche Land und begab sich nach Preußen, 
wo er 1640 starb. Brandenburg stand am Rande des Abgrundes.
        <pb n="54" />
        Zweiter Zeitraum. 
Das Königreich Breußen. 
I. Die Mengründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 
1640—1688. 
„Man fraget nach dem Quelle des mächtig flutenden Stroms, 
Man fragt nach dem Erbauer des riesenhaften Doms; 
So höret, wer zum Vaue den festen Grund gelegt, 
In dessen Höh'’ und Tiefe sich Licht und Leben regt.“ 
(K. Wagner.) 
1. Seine Jugend und ersten Regierungs- 
handlungen. 
riedrich Wilhelm, der einzige Sohn Georg Wilhelms, 
war 1620 auf dem Schlosse zu Berlin geboren. Schon seine 
Wiege war von Kriegslärm umgeben; der Sicherheit wegen 
mußte der Prinz einen Teil seiner Jugendjahre in der Festung 
Küstrin zubringen. Einen tiefen Eindruck machte es auf ihn, 
als er der Leiche Gustav Adolfs, den er erst vor einem Jahre 
in der Fülle der Gesundheit und Macht gesehen, das Geleit 
zur Ostseeküste gab. Auf der Rückreise blieb er an dem Hofe 
des Pommernherzogs Bogislaw in Stettin, damit er die 
Sitten des Landes, das nach Bogislaws Tode an Brandenburg fallen sollte, 
kennen lerne. Von edlen Männern still erzogen, aber durch den Ernst der 
Zeit über seine Jahre hinaus gereift, ward der Kurprinz 1634 nach Holland 
auf die Universität Leyden gesandt, und sein vierjähriger Aufenthalt daselbst. 
sollte für sein ganzes Leben von entscheidender Bedeutung werden; denn nicht 
nur erweiterte er dort in fleißiger Arbeit seine Kenntnisse, sondern er fand 
auch für seine zukünftige Wirksamkeit als Landesvater und als Feldherr die- 
besten Vorbilder. Schon siebzig Jahre leistete das kleine Holland dem damals 
noch großen und mächtigen spanischen Reiche erfolgreichen Widerstand, und 
Friedrich Wilhelm konnte sein Feldherrntalent in dem Feldlager Heinrichs 
von Oranien aufs beste entwickeln. Eine treffliche Flotte verschaffte dem 
Lande auch in den ferusten Erdteilen Achtung; es besaß Kolonien in Amerika, 
Asien und Afrika, große Handelsgesellschaften führten die Reichtümer aller 
dieser Länder nach Europa. Gewerbe, Acker= und Gartenbau standen in Blüte, 
während damals in Deutschland alles daniederlag; die berühmte Universität 
Leyden zog Jünglinge und Männer aus allen Ländern an. Zu den meisten
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 49 
Staatseinrichtungen, welche Friedrich Wilhelm später traf, hat er in Holland 
die Anregung empfangen. 
Aber auch die Willenskraft des Prinzen wurde im Kampfe gegen jugend— 
liche Leidenschaft gestählt. Im Haag zogen ihn junge Edelleute und Fürsten— 
söhne in ihr leichtfertiges Treiben. Eines Abends war er zu einem Mahle 
geladen, das bis in die Nacht währte. Als lose Dirnen in den Saal traten, 
erhob sich der Kurprinz, um sich zu entfernen. Seine Freunde umringten 
ihn und baten, er möge doch bleiben. Er aber erwiderte: „Ich weiß, was 
ich meinen Eltern, meinem Lande und meiner Ehre schuldig bin!“ — 
und ging. Gleich am folgenden Morgen verließ er den Haag und eilte in 
das Kriegslager zum Prinzen von Oranien, der eben Breda (n. ö. v. Ant- 
werpen) belagerte. Als dieser den Grund seiner plötzlichen Entfernung aus 
dem Haag erfuhr, klopfte er ihm auf die Schulter und sprach: „Eure Flucht 
beweist mehr Heldenmut, als wenn ich Breda eroberte. Vetter, Ihr habt 
das gethan, Ihr werdet mehr thun; wer sich selbst besiegen kann, der ist zu 
großen Unternehmungen fähig.“ Der Kurprinz wäre gern noch länger in 
Holland geblieben; aber Schwarzenberg betrieb seine Rückberufung. Er hätte 
ihn gern die Rückreise über Wien nehmen lassen, wahrscheinlich, um ihn mit 
einer Kaisertochter zu verloben — hatte sich doch der Kaiser erboten, einen 
Teil der Reisekosten zu tragen! —, allein der Prinz kehrte (1638) auf dem 
Seewege über Hamburg zurück. Welchen Eindruck mußte der gereifte Prinz 
gewinnen, wenn er die verwüstete Mark mit dem blühenden Holland verglich, 
das er soeben verlassen hatte! 
Eine traurige Erbschaft hinterließ Georg Wilhelm seinem noch nicht 
21 Jahre alten Sohne. Die Mark war bis aufs Blut ausgesogen. Alle 
Geschäfte standen still; auf viele Meilen fand man weder Vieh noch Menschen. 
Pommern, die Lausitz und mehrere märkische Festungen waren von den 
Schweden, Kleve und Mark von den Holländern besetzt. Das einzige Land, 
welches dem Kurfürsten noch einige Mittel geboten hätte, Preußen, mußte 
als Lehen ihm erst übertragen werden. Alle Landesteile erwarteten Hilfe 
von dem Landesherrn, und doch wollte keiner für den andern etwas thun. 
Dem Kurfürsten aber fehlte fast jedes Hilfsmittel. Das von seinem Vater 
gegen Schweden gesammelte Heer war gleich nach dessen Abreise nach Preußen 
„zerschmolzen wie Schaum auf dem Wasser“; die noch vorhandenen Truppen 
waren auch dem Kaiser, als dem Bundesgenossen Georg Wilhelms, vereidigt, 
und ihre Fahnen zeigten auf der einen Seite das brandenburgische, auf der 
andern das kaiserliche Wappen. Aber die das Land schützen sollten, waren 
demselben nur zum Verderben: vor den kurfürstlichen Reitern war kein Stück 
Vieh, kein Mensch sicher. An eine geordnete Rechtspflege war nicht zu denken; 
man fand „im Lande nichts Gemeineres als Lamentieren über Ungerechtigkeit, 
Verderbtheit und Unbilligkeit der Richter und Beamten.“ Dabei mußte 
der Kurfürst sich überhaupt fürchten, einen entscheidenden Schritt zu thun. 
„Auf der einen Seite,“ so schrieb er, „hab' ich die Krone Schweden, auf der 
andern den Kaiser; ich sitze zwischen ihnen und erwarte, was sie mit mir 
anfangen, ob sic mir das Meinige lassen oder nehmen.“ Aber der Kurfürst 
zeigte sich trotz seiner Jugend der Lage gewachsen. Er besaß neben großer 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 4
        <pb n="56" />
        50 Zweiter Zeitraum. 
Klugheit einen festen Willen und trat mit äußerster Behutsamkeit, aber — 
wo es sein mußte — auch mit der größten Verwegenheit auf. „Er glich 
einem Künstler, dem seine Aufgabe sich entwickelt, indem er sie löst“; mit 
welchem Geiste er sie aber erfaßte, zeigen seine eigenen Worte: „Ich will 
in meinem fürstlichen Regimente stets eingedenk bleiben, daß es 
nicht meine, sondern des Volkes Sache ist, die ich führe." 
  
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Um den Kaiser nicht argwöhnisch zu machen, entließ der Kurfürst den 
Grafen Schwarzenberg zunächst nicht, fragte ihn aber selten um Rat. Zum 
Glück erlöste ihn der Tod bald von diesem lästigen Ratgeber. Friedrich 
Wilhelm wollte vor allem Herr im eigenen Lande sein; deshalb befahl er, 
die Truppen, die ihm bislang nur mittels Handschlags verpflichtet waren, zu 
vereidigen. Nur der Kommandant von Küstrin, Konrad von Burgsdorf, 
folgte dem Befehle; die übrigen weigerten sich, da sie dem Kaiser vereidigt
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 51 
seien, und wurden deshalb samt ihren Regimentern entlassen. Aus den tren 
gebliebenen Truppen bildete er statt der bisher üblichen Söldnerscharen ein 
kleines stehendes Heer von 3000 Mann — der erste Kern der heutigen 
preußischen Armee. Ausgebildete Soldaten wurden unter der Verpflichtung 
im Lande angesiedelt, sich auf Befehl des Kurfürsten zu stellen. Darauf 
schloß er mit Schweden einen Waffenstillstand, und als der Kaiser sich darüber 
  
  
  
  
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Kurfürstin Luise Henriette. 
unwillig zeigte, erwiderte Friedrich Wilhelm, die Not seines Landes habe 
ihn dazu gezwungen, er bleibe dem Kaiser trotzdem ergeben. Allmählich ver- 
größerte er das Heer und vermochte dadurch nicht nur die Streifbanden und 
kleineren Abteilungen feindlicher Heere aus seinem Lande fernzuhalten, so daß 
es anfing aufzuatmen, sondern auch beim Friedensschluß mit größerem Nach- 
druck aufzutreten, als sein Vater je gekonnt hätte. 
Große Schwierigkeiten bereiteten ihm die Verhandlungen wegen der 
4-
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        52 Zweiter Zeitraum. 
Belehnung mit Preußen. Die preußischen Stände schienen von dem refor- 
mierten Herrn nichts wissen zu wollen und bestritten ihm das Recht, vor 
seiner Belehnung Regierungshandlungen vorzunehmen und mit ihnen zu ver- 
handeln. Dem Kurfürsten brannte der Boden unter den Füßen; denn seine 
Anwesenheit in der Mark war dringend erforderlich. Daher beschloß er, 
alles aufzubieten, um die Belehnung — wenn auch unter harten Be- 
dingungen — bald zu erlangen. Die höchsten polnischen Würdenträger, selbst 
der König und die Königin, zeigten sich für Geld dem Kurfürsten geneigt. 
Die Königin suchte den jungen, ausehnlichen Fürsten, dessen Verbindung mit 
der Königin von Schweden die Katholiken damals fürchteten, auf ihre Seite 
zu ziehen, und der König ließ ihm eine Verlobung mit seiner Schwester 
nahe legen; aber der Kurfürst wich allen Anträgen geschickt aus und erhielt 
doch endlich die Belehnung. Von den ihm auferlegten Verpflichtungen war 
dem reformierten Fürsten gewiß die härteste, daß er im Herzogtum außer 
den Lutheranern keine von der römischen Kirche abweichende Konfession 
dulden dürfe. 
Gustav Adolf hatte einst die Absicht gehabt, seine Tochter Christine, 
seine einzige Erbin, mit dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm zu vermählen, 
um durch die Verbindung von Schweden und Brandenburg im Norden ein 
großes evangelisches Reich zu gründen, das der katholischen habsburgischen 
Macht das Gleichgewicht halten könne; Friedrich Wilhelm schickte deshalb 
schon von Preußen aus eine Gesandtschaft nach Schweden, aber ohne Erfolg. 
Denn Christine war einer Verheiratung überhaupt abgeneigt; noch mehr aber 
traten die wenigen großen Familien. Schwedens, welche damals unter dem 
Scheine der Monarchie die Herrschaft in Händen hatten, dem Wunsche des 
Kurfürsten entgegen, weil er reformiert war, und sie fürchteten, daß er ihnen 
ihre angemaßten Rechte entziehen werde. Friedrich Wilhelm wollte sich auch 
nicht so weit herablassen, um die Hand der Königin zu bitten, sondern ver- 
zichtete auf den Glanz der Königskrone. Bald nach seiner Rückkehr in die 
Mark ließ er um die Hand der schönen und frommen Luise Henriette, 
der Tochter jenes Heinrich von Oranien werben, der einst sein Lehrer 
in der Kriegskunst gewesen war; im Jahre 1646 fand im Haag die Ver- 
mählung statt. 
Bisher hatten die schwedischen Abgeordneten bei den Friedensverhand- 
lungen in Osnabrück einen Streit mit Brandenburg zu vermeiden gesucht; von 
jetzt ab aber traten sie mit ihren Forderungen rücksichtslos hervor. Sie be- 
anspruchten ganz Pommern, und der Kaiser wollte es lieber ihnen als dem 
Kurfürsten überlassen. Wieviel Blut und Geld hatten die brandenburgischen 
Fürsten um dies Land geopfert, wie oft war ihnen die Erbfolge zu- 
gesichert! Auch jetzt wurde Brandenburgs Recht von niemand bezweifelt; 
aber die Schweden beriefen sich darauf, daß sie das Land erobert hätten, 
und weigerten sich, es herauszugeben. Nach langem Feilschen wurde endlich 
am 24. Oktober 1648 der zu Münster und Osnabrück beratene Westfälische 
Friede unterzeichnet. Pommern wurde geteilt; Brandenburg erhielt nur 
Hinterpommern, als Entschädigung für Vorpommern aber Magdeburg, 
Halberstadt, Minden und das Bistum Kammin. Mit dem Besitze
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 53 
Vorpommerns hätte der Kurfürst erhalten, was er so sehnlichst wünschte: den 
Weg ins Meer, während er jetzt nur den unbedeutenden Hafen von Kolberg 
bekam. Von größerem Erfolge waren des Kurfürsten Bemühungen für seine 
Glaubensgenossen, die Reformierten, denen man nicht die gleiche Religions- 
freiheit gewähren wollte wie den Lutheranern, die aber durch den Einfluß 
Friedrich Wilhelms mit diesen gleiches Recht erhielten. Allein es fehlte noch 
viel, daß der Kurfürst das ihm zugesprochene Gebiet hätte in ungestörten 
Besitz nehmen können. Magdeburg sollte ihm erst nach dem Tode des da- 
maligen Bistumsverwesers zufallen, der erst 1680 starb; aber selbst Hinter- 
pommern hielten die Schweden zunächst als Pfand für die ihnen zu zahlende 
Kriegsentschädigung, dann unter dem Vorwande besetzt, die Grenze müsse erst 
genau bestimmt werden. Als sie sich hierzu endlich herbeiließen, behielten 
sie auf dem rechten Oderufer noch einen bedeutenden Landstrich mit den 
Städten Gollnow, Kammin und Greifenhagen und räumten dann (1653) das 
übrige Land. » . 
Brandenburg war jetzt nächst Osterreich der mächtigste Staat Deutsch- 
lands mit einer ganz evangelischen Bevölkerung; aber seine Provinzen lagen 
weit zerstreut, ohne Zusammenhang und waren verschieden in Sitte und Ver- 
fassung. Friedrich Wilhelms Verdienst ist es, sie zu einem Staate ver- 
schmolzen zu haben. Der Westfälische Friede erleichterte dies; denn da er 
den einzelnen Landesfürsten volle Landeshoheit und selbst das Recht verlieh, 
untereinander und mit fremden Fürsten Bündnisse zu schließen, so konnte auch 
Friedrich Wilhelm sich jetzt freier bewegen. Während Osterreich nach dem 
Verlust seiner Länder am Oberrhein auf den Osten verwiesen war, hatte 
Brandenburg, das bis 1609 ganz auf den Nordosten Deutschlands beschränkt 
war, jetzt auch in West= und in Mitteldeutschland wertvolle Gebiete, so daß 
seine Interessen mit denen von ganz Deutschland innig verwachsen waren, 
und wurde dadurch auf seinen Beruf hingewiesen, ein fester Halt zu werden, 
an dem das übrige Deutschland sich wieder sammeln und erheben konnte. 
2. Des Nurfürsten landesväkerliche Fürfsorge. 
Als Friedrich Wilhelm (1643) zum erstenmal als Kurfürst in die Mark 
kam, fand er sie in einem. noch traurigeren Zustande, als er geglaubt hatte. 
Schon unterwegs waren ihm Auswanderer entgegengekommen, die ihre Heimat 
vor Hunger und Elend verlassen hatten. Von Preußen aus hatte er bereits 
einsichtsvolle Männer in die Mark gesandt, die ihm von dem Zustande der- 
selben Bericht erstatten sollten; jetzt sah er das Elend mit eigenen Augen. 
Seine nächste Sorge wandte er dem Landbau zu. Er brachte gleich 
mehrere hundert Fuder Getreide zur Aussaat mit und lud Fremde zur Ein- 
wanderung nach Brandenburg ein. Denjenigen, welche sich auf den Domänen 
niederließen, gewährte er zu den verlassenen Hufen und Häusern auf sechs 
Jahre Befreiung von der Pacht und allen öffentlichen Lasten; Tausende, 
namentlich Evangelische, welche in ihrer Heimat der Glaubensfreiheit entbehrten, 
machten von diesem Anerbieten Gebrauch. Schwerer war den einheimischen 
Bauern zu helfen, denen es an Saatkorn und Geräten zur Bestellung des 
Ackers sehlte; denn der Kurfürst mußte, um seinen Hofhalt standesgemäß führen
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        54 Zweiter Zeitraum. 
zu können, trotz der größten Sparsamkeit selber Geld leihen. Aber als das 
Land nur erst wieder von den fremden Kriegerscharen befreit war, erwachte 
auch die Arbeitslust wieder. Den jüngeren Banernsöhnen wies der Kurfürst 
wüst liegende Höfe an, und er gebot den Bauern, die mit Gebüsch be- 
wachsenen Acker wieder urbar zu machen und bei ihren Wohnungen Gärten 
anzulegen; kein Bauer sollte heiraten, der nicht vorher wenigstens sechs Obst- 
bäume veredelt und sechs Waldbäume gepflanzt habe. Er ging seinen Unter- 
thanen mit dem besten Beispiele voran. Er ließ an den Landstraßen Bäume 
pflanzen und beschäftigte sich in seinen Erholungsstunden gern mit Garten- 
bau: er beschnitt und veredelte Obstbäume und Nosen, fischte eigenhändig 
seinen Karpfenteich aus und hat den ersten Blumenkohl in der Mark gebaut. 
Hierbei wurde er von seiner edlen Gemahlin Luise Henriette aufs beste 
unterstützt. Auf ihre Bitte erhielt sie von ihrem Gemahle die Domäne 
Bötzow, auf der sie eine holländische Musterwirtschaft anlegte. Sie berief 
aus ihrer Heimat geschickte Gärtner und Landwirte und pflanzte die ersten 
Kartoffeln in der Mark; auch zog sie holländische Kolonisten unter günstigen 
Bedingungen herbei. Nach ihren eigenen Angaben wurde eine Milchwirtschaft, 
ein Park, ein Gemüse= und Blumengarten angelegt, sowie ein Landhaus ge- 
baut, das ihr zu Ehren den Namen Oranienburg erhielt. Später hat 
auch das Dorf Bötzow, das sich allmählich erweiterte und Stadtgerechtsame 
erlangte, diesen Namen angenommen. Aber die Kurfürstin kümmerte sich 
nicht nur um Gartenbau und Viehzucht, sondern noch eifriger um Unterricht 
und Erziehung der Jugend, um Armen= und Krankenpflege; dafür hing aber 
auch das Volk mit ganzem Herzen an der lieben Landesmutter, und der 
Name „Luise“ ward sein Lieblingsname. Das von ihr in Oranienburg ge- 
stiftete Waisenhaus erhält ihr Andenken im Volke noch heutce lebendig. 
Ein anderes gutes Vorbild sollten die Domänen sein. Bisher wurden 
dieselben durch Amtsschreiber verwaltet, und die gewonnenen Erzeugnisse teils 
für den Haushalt des Landesherrn, teils zur Besoldung der Staatsdiener 
verwandt; an Gewinn war nicht zu denken, nicht selten mußte noch etwas 
Hinzugekauft werden. Friedrich Wilhelm verließ diese Naturalwirtschaft 
und ging zur reinen Geldwirtschaft über, indem er seine Diener größtenteils 
auf ein bestimmtes Jahrgeld setzte und die Domänen verpachten lich. 
Wüsteneien wurden jetzt in blühende Kornfelder, Sümpfe in lachende Wiesen 
umgeschaffen, wodurch die Einnahmen des Landesherrn vergrößert wurden. 
Für die Hebung der Städte, für Handel und Gewerbe war der 
Kurfürst nicht weniger thätig. Er gewährte denen, welche sich an den ver- 
lassenen Stellen in der Stadt anbauten, das Bürgerrecht und erleichterte 
ihre Aufnahme in die Zünfte, zog geschickte Glasschleifer, Maler und Ver- 
golder aus Böhmen ins Land, legte Glashütten, Glasschleifereien und Eisen- 
hämmer an und unterstützte die Errichtung von Webereien. Der Zoll auf 
ausländische Waren wurde bedeutend erhöht, die Ausfuhr von Rohstoffen da- 
gegen erschwert, die der Wolle verboten. Schon in den ersten Jahren seiner 
Regierung errichtete der Kurfürst einc ostindische Handelsgesellschaft und 
unterhandelte mit den Dänen über Abtretung einer Kolonie an Brandenburg, 
damals allerdings noch ohne Erfolg. Dagegen vervollkommnete er das von
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Ansicht von Berlin-Kölln zur Zeit des Großen Kurfürsten. 
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1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 
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        56 Zweiter Zeitraum. 
seinen Vorfahren eingerichtete Postwesen bedeutend. Neben der Botenpost 
bestand damals schon eine Reitpost zwischen Berlin und Königsberg; Friedrich 
Wilhelm richtete eine solche auch zwischen Berlin und Kleve ein sowie eine 
Fahrpost, welche westwärts bis Utrecht, ostwärts bis Königsberg fuhr und 
außer Briefen auch Personen beförderte. Die Post erleichterte nicht nur den 
Verkehr, sondern bildete auch ein Band, das die weit zerstreut liegenden 
brandenburgischen Gebiete verknüpfte. Das wichtigste Mittel zur Hebung 
des Binnenverkehrs war der Bau des Friedrich Wilhelms-Kanals bei 
Müllrose, der in einem Lauf von drei Meilen Oder und Sprec verbindet. 
An der Ausführung dieses Unternehmens hatte der Kurfürst solche Freude, 
daß er in dem vollendeten Kanal öffentlich speiste, bevor er die Schleusen öffnen 
ließ. Auch sorgte der Kurfürst dafür, daß zur Erleichterung des Verkehrs 
Brücken und Wege ausgebessert und an den Straßen Wirtshäuser angelegt 
wurden. Die Einwohnerzahl Berlins hob sich unter ihm von etwa 6000 
auf 20 000. 
Daneben vernachlässigte er die Sorge für die geistigen Bedürfnisse 
seiner Unterthanen keineswegs. Die halb verfallene Universität Frankfurt 
stattete er mit reichlichen Mitteln und Freiheiten aus und gründete auf 
Wunsch der kleveschen Stände eine neue (reformierte) zu Duisburg. Er 
berief den berühmten Geschichtsschreiber Samnel von Pufendorf, der mit 
freier Benutzung aller Akten die Geschichte der kurfürstlichen Regierung 
schreiben sollte. Das Joachimsthalsche Gymnasium (S. 35) verlegte er nach 
Berlin, unterstützte das „Zum grauen Kloster“ reichlicher als bisher und 
stiftete das Werdersche Gymnasium. Auch legte er den Grund zu der König- 
lichen Bibliothek und zu der Gemäldegalerie, setzte sogar schon eine Behörde 
zur Beaufsichtigung des Arzeneiwesens ein und gab (1659) die Genehmigung 
zur Errichtung der ersten Buchhandlung in Berlin. 
Das Hauptaugenmerk aber richtete der Kurfürst stets auf das Heer; 
denn er wußte wohl, daß Brandenburg wegen seiner Lage leicht in Krieg 
verwickelt und nur durch eine tüchtige Armce sicher gestellt werden konnte. 
Er vergrößerte daher das Heer von Jahr zu Jahr; 1655 konnte er schon 
mit 26000 Mann und 72 Geschützen ins Feld ziehen. Friedrich Wilhelm 
führte auch als einer der ersten Fürsten in seinem Heere die Uniform ein. 
Treffliche Gehilfen bei der Gründung und Führung des Heeres waren der 
General Otto v. Sparr, früher kaiserlicher Generalfeldzeugmeister, der sich besonders 
um das Geschützwesen verdient gemacht, aber auch die brandenburgischen Truppen 
oft geführt hat, und der Feldmarschall Georg Derfflinger. Dieser war von 
evangelischen Eltern in Osterreich geboren, wegen religiöser Bedrückung mit ihnen 
nach Böhmen ausgewandert, hatte im böhmischen, dann im sächsischen und darauf 
bis 1648 im schwedischen Heere gedient. Nach dem Friedensschluß ließ er sich auf 
den Gütern seiner Gemahlin, der Schwester seines Waffengefährten, bei Küstrin 
nieder. Bei Beginn des schwedisch-polnischen Krieges trat er auf Wunsch des Kur- 
fürsten als ältester Generalwachtmeister in brandenburgische Dienste und wurde der 
Schöpfer der brandenburgischen Reiterei. 
Zur Erhaltung des Heeres sowie zur Hebung des Landes bedurfte 
Friedrich Wilhelm bedeutender Geldmittel; aber die Stenern waren in allen 
Landesteilen verschieden, mußten von den Ständen bewilligt werden und
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 57 
wurden von diesen erhoben und verwaltet. Es bestand damals eine Grund— 
und eine Vermögenssteuer; doch waren die Adligen, Geistlichen und Schulzen 
steuerfrei. Auch die Städter, besonders die herrschenden Familien, wußten 
sich meistens zu befreien, so daß mancher Bauer ebensoviele Steuern zahlte 
als eine ganze Stadt. Dabei hatten die Stände ihre Gerechtsame nicht nur 
dem Landesherrn, sondern auch dem Volke gegenüber stets weiter ausgedehnt. 
In den Städten führten meistens wenige patrizische Familien das Regiment 
und bereicherten sich auf Kosten der ärmeren. Die Rittergutsbesitzer hatten 
vielfach die in den Kriegen verarmten Bauern „ausgekauft“ oder wüste 
Flächen an sich gebracht und mit Hörigen besetzt; die ihnen zustehende niedere 
Gerichtsbarkeit (Patrimonialgerichtsbarkeit) mißbrauchten sie nicht selten zur 
Unterdrückung der Bauern. Aus dieser unfreien Lage konnte der Kurfürst 
die Bauern nicht befreien; aber die Steuer- 
last hat er den niederen Ständen erleichtert. 
Vor allem wollte er die Stener gerechter 
verteilen, sie in eine regelmäßig fließende 
umwandeln und durch seine Beamten er- 
heben und verwalten lassen. Als gerechteste 
Steuer betrachtete er die Accise, d. i. eine 
indirekte Abgabe von in= und ausländischen 
Waren, die also von jedem gezahlt werden 
mußte, der solche Waren kaufte. Der erste 
Versuch des Kurfürsten, die Accise ein- 
zuführen, scheiterte an dem Widerspruch 
der Stände; später führte er sie in einigen 
märkischen Städten ein, und da sie sich f 
bewährte, nach und nach im ganzen Lande. # 
Auch nahm der Kurfürst das Münzrecht. 
sowie den Alleinhandel (Monopol) mit W 
Salz und Mühlsteinen für sich in Anspruch. Derfflinger. 
Die Stände schrieen über Vergewaltigung, 
klagten über harten Druck und baten um Erleichterung der Militärlast; der 
Kurfürst ließ sich aber weder erweichen, noch einschüchtern, und die Ver— 
ständigen mußten schließlich doch bekennen, daß er nur das Beste des Landes 
im Auge gehabt habe. Für sich selber brauchte er wenig; nur bei fürstlichen 
Besuchen oder auf Fürstenversammlungen ließ er es an Glanz nicht fehlen. 
So hat der Große Kurfürst die beiden Hauptstützen des branden- 
burgisch-preußischen Staates geschaffen: ein starkes Heer und sichere 
Staatseinnahmen. 
3. Erwerbung der Tandeaohoheik in Preußen. 
Gustav Adolfs Tochter, die Königin Christine von Schweden, legte 1654 
die Regierung nieder; ihr Nachfolger wurde ihr Vetter Karl X. Gustav 
von Pfalz-Zweibrücken. Aber König Kasimir von Polen glaubte als Haupt 
der älteren Linic des Hauses Wasa nähere Ansprüche auf die Krone Schwedens 
zu haben als Karl X. Gustav und verweigerte ihm die Anerkennung. Karl,
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        58 Zweiter Zeitraum. 
nach Kriegsruhm begierig, fiel deshalb mit seinen ebenso kriegslustigen als 
beutegierigen Schweden in Polen ein (1655). Kurfürst Friedrich Wilhelm saß 
zwischen beiden kriegführenden Mächten und konnte nicht neutral bleiben; doch 
ließ sich bei geschickter und starker Beteiligung vielleicht eine Milderung der 
Lehnsabhängigkeit erreichen, die der Kurfürst als ein hartes Joch empfinden 
mußte. Dem Lehnsvertrage zufolge durfte er in den Festungen Memel und 
Pillau nur solche Befehlshaber einsetzen, welche dem Könige von Polen ge— 
fielen, mußte polnischen Gesandten gestatten, sich über den Zustand der Festungs- 
werke zu unterrichten, und dem Adel das Recht zugestehen, beim Könige von 
Polen Berufung einzulegen. Am härtesten war es für den Kurfürsten, daß 
er den Reformierten, seinen eigenen Glaubensgenossen, in Preußen weder öffent- 
lichen Gottesdienst gestatten, noch Amter übertragen durfte. 
Zu Anfang des Krieges mußte Friedrich Wilhelm alles über sich ergehen 
lassen, was den übermütigen Gegnern beliebte. Weil seine Bitte um Schutz 
weder bei dem Kaiser, noch bei den Engländern, Holländern und Dänen Gehör 
fand, so schwieg er, als Karl Gustav mit seinem ganzen Heer durch Pommern 
zog und sechs Tage auf brandenburgischem Gebiete verweilte. Da der Schweden- 
könig in Polen anfänglich geringen Widerstand fand, zwang er den Kurfürsten 
im Vertrage zu Königsberg, ihm Hilfe zu leisten und statt der polnischen 
die schwedische Lehnshoheit über Preußen anzuerkennen. Damit hatte der 
Kurfürst seine Lage verschlechtert und seine Lehnspflicht verletzt; aber er hatte 
nur der bitteren Notwendigkeit gehorcht und hoffte, bald von dieser ihm lästigen 
Fessel frei zu werden. Er suchte mit dem Könige von Polen zu unterhandeln; 
der aber nannte ihn einen Verräter, wollte ihm kaum verzeihen, „wenn sich 
der Kurfürst ihm auch zu Füßen würfe“. In Polen war nämlich ein großer 
Volksaufstand gegen die Schweden ausgebrochen; Johann Kasimir hatte seine 
Hauptstadt Warschau zurückerobert und erwartete an der Spitze von mehr als 
40000 Mann in einer verschanzten Stellung das schwedisch-brandenburgische 
Heer. Die Schweden, so prahlte er jetzt, wolle er „den Tataren zum Frühstück 
vorsetzen“; dem Kurfürsten sandte er den Befehl, binnen drei Tagen ihm zur 
Hilfe zu ziehen, sonst wolle er ihn in einen Kerker sperren, wo ihn weder 
Sonne noch Mond bescheinen solle. Demgegenüber lag es Karl daran, in 
dem Kurfürsten einen willigen Verbündeten zu haben; deshalb versprach er 
ihm im Vertrage zu Marienburg große Strecken des zu erobernden polnischen 
Gebiets, und vereint lieferten beide vom 28. bis 30. Juli 1656 den Polen 
die Schlacht bei Warschau. Karl führte den rechten Flügel, Friedrich 
Wilhelm den linken; unter diesem befehligten Sparr und Derfflinger. Mit 
dem Losungsworte „Mit Gott!“ stürmten die Brandenburger in die Schlacht. 
Drei Tage währte das Ringen; König und Kurfürst setzten sich der größten 
Gefahr aus, auch die Polen wehrten sich verzweifelt; zuletzt aber flohen sie 
in größter Verwirrung davon. Die Sieger zogen in Warschau ein. Das 
war die erste Waffenthat der brandenburgischen Armee! 
Karl Gustav wollte den Feind weiter verfolgen; Friedrich Wilhelm aber 
wollte nicht Polen vernichten helfen, um ein übermächtiges Schweden zum 
Nachbarn und Herrn zu erhalten, sondern zog nach Preußen zurück, wo seine 
Gegenwart dringend nötig war. Denn ein polnisches Heer bedrohte Preußen;
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 59 
  
  
  
  
  
  
Musketier. OÖssizier mit Sponton. Schalmeipfeifer. 
  
  
  
  
  
Grenadier, die Handgranate werfend. Pikenier, den Feind erwartend. 
  
  
  
Soldaten des Großen Kurfürsten. 
Aus Höcker, Kadett und Feldmarschall. Der Große Kurfürst und seine Paladine. Mit viclen 
Bildern von C. Nömer u. R. Knötel. 4. Aufl. Leipzig, Ferdinand Kirt &amp; Sohn.
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        60 Zweiter Zeitraum. 
holländische und dänische Schiffe erschienen in der Ostsee, die ein schwedisches 
Meer zu werden drohte; die Russen, die damals ganz von der Ostsee ab- 
gedrängt waren, fielen in Livland ein; dazu rüstete auch der Kaiser gegen 
Schweden. Die Polen sammelten sich wieder und eroberten Warschau aber- 
mals zurück; die Tataren verheerten Preußen und bedrohten sogar Berlin. 
Der Kurfürst wünschte daher, von dem gefährlichen, ihm aufgedrungenen 
Bündnis loszukommen, Karl Gustav aber bot alles auf, ihn festzuhalten, und 
erkannte ihn 1656 in dem Vertrage zu Labian als unabhängigen 
Herzog von Preußen an. Als nun der Kaiser ein Heer in Schlesien ein- 
rücken ließ und die Dänen in das Herzogtum Bremen sowie in Holstein ein- 
fielen, mußte der Schwedenkönig Polen aufgeben und an die Weser eilen. 
Gegen den Kurfürsten war er längst mißtrauisch geworden, und auf seinem 
Durchzuge durch die Mark hauste er dort wie im Feindeslande. Friedrich 
Wilhelm war weder geneigt noch imstande, den Kampf gegen Schwedens 
Feinde im Osten allein auf sich zu nehmen, sondern stand schon in Unter- 
handlung mit den Polen, von denen die Neumark hart bedrängt wurde. Er 
verlangte die Anerkennung seiner Unabhängigkeit in Preußen; Johann Kasimir 
fürchtete die Uberlegenheit der schwedisch- brandenburgischen Waffen, dazu trat 
der Kaiser für den Kurfürsten ein, dessen Stimme er für die nächste Kaiser-- 
wahl gewinnen wollte, und so kam es 1657 zu dem Vertrage zu Wehlau, 
in welchem auch Polen den Kurfürsten als unabhängigen Herzog von Preußen 
anerkannte. Inzwischen errang Karl Gustav Sieg auf Sieg, er vertrieb die 
Dänen aus dem Herzogtum Bremen, gewann im Fluge Holstein, Schleswig 
und Jütland, setzte über die gefrorenen Belte, rückte gegen Kopenhagen vor 
und gewährte den Dänen den Frieden nur gegen Abtretung mehrerer Gebiete. 
Dem Kurfürsten schwur er bittere Rache und begann sofort zu rüsten. Friedrich 
Wilhelm versuchte, auch andere deutsche Fürsten gegen die Schweden aufzurufen, 
um diese aus ihren deutschen Besitzungen zu verdrängen. In einer Denk- 
schrift an die „Christlichen Deutschen“ schrieb er: „Wir sind mit dem 
letzten Kriege schier Dienstknechte fremder Nationen geworden; was sind Rhein, 
Weser, Elbe, Oderstrom anders als fremder Nationen Gefangene? Was ist 
unsere Freiheit mehr, als daß andere damit spielen? Gedenke ein jeder, der 
kein schwedisches Brot essen will, was er für die Ehre des deutschen Namens 
zu thun habe, um sich gegen sein eigenes Blut und sein einst vor allen 
Nationen berühmtes Vaterland nicht zu versündigen! Gedenke, daß du ein 
Deutscher bist!“ Vergebens! Mehrere deutsche Fürsten schlossen sich sogar 
Frankreich an; drei Kurfürsten wollten nach dem Tode Kaiser Ferdinands I. 
(1637—1657) den unter französischem Einfluß stehenden Kurfürsten von 
Bayern wählen, drei waren für die Wahl eines Habsburgers, die Stimme 
Friedrich Wilhelms gab den Ausschlag. Um seine Stimme zu gewinnen, 
schloß Osterreich daher mit ihm ein Bündnis, und Ferdinands Sohn, Leopold 1. 
(1658 —1705), wurde gewählt. 
Plötzlich fiel Karl Gustav wieder Dänemark an und belagerte Kopen- 
hagen. Allein diese Stadt schlug alle Angriffe heldenmütig ab; Osterreicher 
und Brandenburger rückten bis Jütland vor; das Kriegsglück schien die 
Schweden verlassen zu haben. Da nahmen sich ihrer die Holländer und
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 61 
Franzosen an und drängten zum Frieden. Der plötzliche Tod Karl Gustavs 
erleichterte die Verhandlungen; schon nach wenigen Monaten wurde 1660 der 
Friede zu Oliva unterzeichnet. Dem Kurfürsten wurde die volle Landes— 
hoheit in Preußen bestätigt; zwar war seine Hoffnung auf Vorpommern 
abermals gescheitert, aber sein Ansehen als Staatsmann und Feldherr ver- 
schaffte ihm fortan in allen europäischen Angelegenheiten bedeutsamen Einfluß, 
und in Preußen hatte er hinfort niemand über sich. Dazu war ein deutsches 
Land von slavischer Oberherrschaft befreit: die erste Wiedereroberung der 
vielen verlorenen deutschen Grenzländer. 
  
  
  
  
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Oliva bei Danzig. 
Zunächst aber brachte die neue Erwerbung dem Kurfürsten nur neue, 
erbitterte Kämpfe. Die preußischen Stände hatten sich unter polnischer 
Herrschaft große Vorrechte erworben; der Adel beanspruchte fast gleiches Recht 
mit der Regierung, während er die Bauern aussog und unterdrückte. Die 
Stände sahen ihre Freiheit durch das stehende Heer bedroht und beschwerten 
sich, daß es nach dem Frieden von Oliva nicht entlassen, sondern vielmehr 
durch Steuern unterhalten werde, die von ihnen nicht bewilligt seien. Die 
von dem Kurfürsten mit Polen und Schweden geschlossenen Verträge erklärten 
sie für ungültig und drohten, den König von Polen, der sie im geheimen in 
ihrem Widerstande bestärkte, um Schutz anrufen zu wollen. Das reformierte 
Bekenntnis des Kurfürsten gab seinen Feinden eine willkommene Handhabe, 
die streng lutherischen Preußen gegen ihn aufzuhetzen. Die Seele des Wider- 
standes war der Königsberger Schöppenmeister Roth (Rode). Er reizte offen
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        62 Zweiter Zeitraum. 
das Volk zum Widerstande auf, eilte nach Warschau und bat den König von 
Polen um bewaffnetes Einschreiten. Da erschien der Kurfürst mit Truppen 
in Königsberg. Nachdem ein Versuch, Roth gefangen zu nehmen, an dem 
Widerstande der Bürger gescheitert war, ließ der Kurfürst die Bürger zu 
einer Besprechung auf das Rathaus laden, während dieser Zeit Roth in seiner 
Wohnung verhaften und im Schloß bewachen. Alles blieb ruhig. Roth wurde 
nach Peitz gebracht und blieb dort, weil er nicht um Verzeihung bitten wollte, 
trotz der Fürsprache seiner Mitbürger und des Königs von Polen bis zu 
seinem Tode in Haft. Nach Roths Entfernung unterwarfen sich allmählich 
die Stände. Der Kurfürst versprach, ohne ihre Bewilligung weder neue 
Steuern auflegen, noch Krieg anfangen zu wollen; doch mußten sie ihm das 
Recht der Landesverteidigung unter Beirat der Stände überlassen und ge- 
statten, daß auch reformierte Beamte in der Verwaltung und Rechtspflege 
angestellt werden durften. Darauf leisteten ihm die Stände als ihrem souve- 
ränen Herzog die Huldigung (1663). Seitdem regierte der Kurfürst in 
Preußen unumschränkt und ließ die ständischen Vorrechte nur dann gelten, 
wenn sie dem Wohle des Landes nicht schadeten. Die hierüber Unzufriedenen 
fanden aufs neue einen Führer in dem Obersten von Kalckstein. Er war, 
wegen Mißbrauchs seiner Amtsgewalt von Friedrich Wilhelm entlassen, in 
polnische Dienste getreten und prahlte, mit polnischen Truppen in Preußen 
einfallen und den Kurfürsten sowie dessen Kinder erschießen zu wollen. Bei 
einem Besuche in Königsberg fiel er den ihm auflauernden kurfürstlichen 
Reitern in die Hände. Er ward zum Tode verurteilt, aber begnadigt und 
auf sein Ehrenwort entlassen. Dessenungeachtet begann er seine Umtriebe 
sofort von neuem, hetzte offen die Polen auf und überhäufte den Kurfürsten 
mit Schmähungen. Trotzdem verweigerte Polen seine Auslieferung. Da ließ 
ihn der Kurfürst durch seinen Gesandten in Warschau festnehmen und in 
Memel enthaupten (1672). Damit war aller Widerstand der Stände ge- 
brochen, und der Kurfürst regierte in Preußen sowie in Kleve, wo er kurz 
zuvor ebenfalls die übergroßen Vorrechte der Stände beschränkt hatte, ebenso 
unumschränkt wie in Brandenburg, zum Segen des gesamten Staates. 
4. Rampf gegen Franzosen, Schweden und Türken. 
Der gewissenlose und ruhmsüchtige französische König Ludwig XIV. 
benutzte die hilflose Lage seiner Nachbarn zu einer Reihe von Eroberungs- 
kriegen. In dem ersten, gegen die spanischen Niederlande gerichteten, traten 
ihm die Holländer entgegen, die mit England und Schweden gegen ihn einen 
Dreibund schlossen. Um nun an Holland Rache zu nehmen, brachte Ludwig 
(1672) durch Geld die Könige von England und Schweden auf seine Seite; 
selbst der Kaiser ließ sich durch Bestechung und den Einfluß der Jesuiten zu 
dem Versprechen herbei, die ketzerischen Holländer nicht unterstützen zu wollen; 
der Erzbischof von Köln und der Bischof von Münster traten offen auf Frank- 
reichs Seite. Ludwig suchte auch den Kurfürsten von Brandenburg zu sich 
herüberzuziehen oder doch zu bewegen, neutral zu bleiben; dieser aber fühlte 
sich „durch Bande des Bluts, der Religion und der Freundschaft“ zu den 
Holländern hingezogen und verbündete sich mit ihnen. Statt aber ihnen un-
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 63 
mittelbare Hilfe zu bringen, ließ er sich von dem kaiserlichen Feldherrn be- 
wegen, mit ihm an den Oberrhein zu ziehen. Obwohl auch hierdurch ein 
französisches Heer von den Holländern abgezogen wurde, verweigerten diese 
dennoch die Zahlung der versprochenen Hilfsgelder. Da Friedrich Wilhelm 
sah, wie der Kaiser den Krieg nur zum Schein führte, wie Kleve verwüstet 
und Brandenburg von den Schweden bedroht wurde, und da er wußte, daß 
Holland schon längere Zeit mit Frankreich über den Frieden unterhandelte, 
schloß er 1673 mit Frankreich den Frieden zu Vossem (bei Brüssel), in 
welchem er außer einer Geldentschädigung seine verlorenen Gebiete zurück- 
erhielt und versprach, den Feinden Frankreichs so lange keinen Beistand leisten 
zu wollen, als das deutsche Reich nicht angegriffen werde. 
Als das deutsche Reich den Franzosen (1674) den Krieg erklärte, weil 
sie in Franken und Hessen eindrangen sowie die Pfalz besetzten, mußte auch 
Friedrich Wilhelm wieder das Schwert ziehen; aber er stellte nicht nur seine 
pflichtmäßige Truppenzahl, sondern schloß mit dem Kaiser, mit Holland und 
Spanien ein Schutz= und Trutzbündnis, in welchem er sich verpflichtete, gegen 
Hilfsgelder 16000 Mann zu stellen. Dabei wurde auch festgesetzt, daß keiner 
ohne den andern Frieden schließen dürfe. Auch in diesem Feldzuge richteten 
die Verbündeten durch Schuld des kaiserlichen Feldherrn nichts aus; der Kur- 
fürst erhielt dem Vertrage entgegen nicht den Oberbefehl über das Heer, dem 
seine Truppen angehörten; trotz seiner wiederholten Aufforderung griff der 
kaiserliche Feldderr das nur halb so starke französische Heer nicht an. Zu 
diesem Arger traf den Kurfürsten noch der Schmerz, daß er seinen hoffnungs- 
vollen Sohn Karl Emil im Feldlager — wie er glaubte, an Gift — verlor. 
Auch die Holländer kämpften unglücklich, so daß der ganze Feldzug mißglückte. 
Dennoch wollte Ludwig sich den Großen Kurfürsten, seinen thätigsten Gegner, 
gern vom Halse schaffen und bewog deshalb die Schweden, Ende des Jahres 
1674 von Vorpommern aus plündernd, sengend und brennend in Hinter- 
pommern und die Neumark, in die Uckermark, Prignitz und ins Havelland 
einzufallen. Die Hannoveraner und Bayern waren mit Schweden verbündet, 
und die Polen, von Frankreich aufgestachelt, bereit, in Preußen einzufallen. 
Der Kurfürst hatte bei Schweinfurt in Franken Winterquartiere bezogen. 
Als er die Nachricht von dem Einfall der Schweden erhielt, rief er: „Die 
Schweden sind in die Mark eingefallen; auf die Art könnte ich ganz Pommern 
erhalten.“ Er beschloß sofort, den Kampf mit Schweden zu Wasser und zu 
Lande aufzunehmen, und eilte nach dem Haag, um Bundesgenossen zu werben. 
Holland, der Kaiser, Spanien und Dänemark erklärten zwar den Schweden 
den Krieg; aber Friedrich Wilhelm wußte wohl, daß er auf ihre Hilfe nicht 
viel rechnen dürfe. Er schloß einen Vertrag mit dem Holländer Benjamin 
Raule, der brandenburgische Kriegsschiffe ausrüsten mußte, und ließ See- 
soldaten werben. Inzwischen hatten sich die gequälten Bauern der Marken 
schon hier und da erhoben und, mit Heugabeln und Senusen bewaffnet, zer- 
streute Haufen der Schweden erfolgreich überfallen. Eine ihrer Fahnen, die 
noch aufbewahrt wird, trägt die Inschrift: 
„Wihr Bauern von geringem Guth 
Dienen unsern gnädigen Kurfürsten und Herru mit unsern Blut.“
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        64 Zweiter Zeitraum. 
Von seinen Verbündeten im Stich gelassen, eilte der Kurfürst mit einem 
nur kleinen Heere nach Magdeburg, das er aus Besorgnis vor einem schwe— 
dischen Überfall im Einverständnis mit dem Bistumsverweser schon seit 1666 
militärisch besetzt hielt. Dort erfuhr er, daß die Schweden 20000 Mann 
stark unter dem berühmten Feldmarschall Karl Gustav Wrangel am rechten 
Havelufer standen und im Begriff waren, Magdeburg zu erobern. Er hatte 
außer der Reiterei nur 1200 Mann Fußvolk bei sich; dennoch beschloß er, 
den Feind, der die drei Havelpässe bei Brandenburg, Rathenow und Havel- 
berg stark besetzt hatte, in der Mitte so rasch anzugreifen, daß ihm nicht Zeit 
bliebe, sich zu sammeln. Der Kurfürst gönnte seinen Truppen einen Tag 
Ruhe und ließ die Stadtthore schließen sowie die Elbfähre bewachen, damit 
die Nachricht von seiner Ankunft ihm nicht vorauslaufe; dann eilte er weiter, 
indem er das Fußvolk und Böte auf Wagen weiterschaffen ließ. Der strö- 
mende Regen erschwerte den Marsch. Am 15. Juni überfiel der Kurfürst 
Rathenow, das von sechs Schwadronen schwedischer Dragoner besetzt war; 
nach kurzem Kampfe wurde fast die ganze Mannschaft niedergehauen oder 
gefangen genommen. Damit hatte er sich wie ein Keil zwischen das schwedische 
Heer geschoben. Der linke Flügel desselben unter General Waldemar Wrangel, 
dem Bruder des Feldmarschalls, suchte sich nun eiligst aus den Sümpfen des 
havelländischen Luchs zurückzuziehen und über Nauen zu entkommen. Der 
Prinz von Homburg wurde mit 1500 Reitern dem Feinde nachgeschickt, hatte 
ihn bald erreicht und ließ wiederholt um Erlaubnis bitten, ihn angreifen zu 
dürfen, um ihn zum Stehen zu zwingen. Selbst Derfflinger widerriet; aber 
der Prinz war bereits in ein Gefecht verwickelt, deshalb sandte der Kurfürst 
ihm schleunigst Dragoner zu Hilfe und folgte mit den übrigen Truppen so 
schnell als möglich. Er hatte nur 5600 Reiter und 13 Geschütze — seine 
wenigen Fußtruppen hatten ihm nicht zu folgen vermocht —; das feindliche 
Heer aber zählte 4000 Reiter, 7000 Fußsoldaten und 38 Geschütze. 
Ein nicht breiter Sandrucken, an beiden Seiten von weiten Mooren ein- 
geengt, bildete bei Fehrbellin eine der wenigen brauchbaren Ubergangsstellen 
über den Rhin. Zu seiner Linken bemerkte der Kurfürst einen von den Feinden 
nicht beachteten, teilweise mit Kiefern bewachsenen Höhenzug, den er sofort 
mit Kanonen besetzen ließ. Wrangel sah sich dadurch in der Flanke bedroht 
und bot alles auf, die Brandenburger zu vertreiben; hier entbrannte daher 
der hitzigste Kampf. Aber die Dragoner riefen: „Lieber lassen wir uns in 
Stücke hauen, als daß wir die Geschütze lassen!“ Der Kurfürst und der fast 
siebzigjährige Derfflinger stürzten sich in das dichteste Handgemenge. „Getrost, 
tapfere Brandenburger,“ rief der Fürst seinen Dragonern zu, „ich, euer Fürst 
und nunmehriger Kapitän, will siegen oder ritterlich mit euch sterben.“ Damit 
sprengt er den Seinen voran, Führer und Kämpfer zugleich. Bald ist er 
rings von Schweden umzingelt; doch die Seinen bemerken die Gefahr: neun 
Dragoner bahnen sich eine blutige Gasse und befreien ihren geliebten Landes- 
herrn. Bald war der rechte Flügel der Schweden gebrochen und zog sich, 
von dem noch unbesiegten linken gedeckt, auf Fehrbellin zurück (18. Juni 1675). 
Fast der fünfte Mann der Schweden war gefallen; nur wenige waren zu 
Gefangenen gemacht. Doch es war dem Kurfürsten unmöglich, ohne Fußvolk
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 
   
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Hosfmeyer, Unser Preußen. 
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        66 Zweiter Zeitraum. 
und mit den bis zur äußersten Erschöpfung angestrengten Menschen und 
Pferden gegen Fehrbellin noch etwas zu unternehmen. Am folgenden Morgen 
nahm er die Stadt ein; die Schweden flohen eiligst davon, auch der Feld- 
marschall Wrangel hatte inzwischen Havelberg verlassen und zog sich nach 
Norden zurück. 
Unter den Gefallenen befand sich auch der Stallmeister des Kurfürsten, Ema- 
nuel von Froben. Den Obersten Hennigs (Henniges), eines Bauern Sohn aus 
der Mark, erhob der Kurfürst gleich auf dem Schlachtfelde für bewiesene Tapferkeit 
unter dem Namen von Treffenfeld in den Adelstand. Die Schlacht. von Fehr- 
bellin, die erste, welche die Brandenburger allein gewannen, ist eine der ruhmvollsten 
der ganzen brandenburgischen Geschichte; die Nachricht von derselben setzte Freund 
und Feind in Erstaunen, und damals zuerst wurde Friedrich Wilhelm (in einem 
elsässischen Volksliede) der Ehremame „der Große“ beigelegt. 
Die Niederlage der Schweden hatte weitreichende Folgen. Ihre deutschen 
Bundesgenossen zogen sich zurück, der Reichskrieg gegen Schweden wurde er- 
klärt, und Dänemark, gierig nach Schwedens deutschen Besitzungen Bremen 
und Verden, schloß mit dem Großen Kurfürsten ein Bündnis. Sobald das 
brandenburgische Fußvolk über Magdeburg nachgekommen war, brach der Kur- 
fürst wieder auf und eroberte noch 1676 fast ganz Vorpommern, Ende 1677 
nach harter Belagerung die Festung Stettin und 1678 mit Unterstützung der 
dänischen und einer kleinen brandenburgischen Flotte selbst Stralsund und 
Greifswald. Somit besaß Schweden in Pommern keinen Fuß breit Landes 
mehr. Der Kurfürst ging nach Westfalen, um seine dortigen Besitzungen 
gegen die anrückenden Franzosen zu decken; dort erhielt er die Vachricht, daß 
(November 1678) die Schweden von Livland aus mit 16000 Mann in Preußen 
eingefallen seien und der König von Polen die Absicht hege, sich mit ihnen zu 
vereinigen. Dazu waren viele in Preußen mit den Feinden in geheimer Ver- 
bindung. Dennoch verzagte der Kurfürst nicht. Sofort erteilte er seinen in 
Pommern stehenden Regimentern Befehl zum Aufbruch nach Preußen; er selber 
eilte, sobald seinc heftigen Brustbeschwerden es ihm gestatteten, im. Januar 
1679 ihnen nach. Sowie die Schweden von der Annäherung des Kurfürsten 
Kunde erhielten, zogen sie sich zurück; um ihnen den Rückzug abzuschneiden, 
eilte der Kurfürst bei der grimmigsten Kälte mit 1200 eiligst zusammen- 
gebrachten Schlitten, auf denen er sein Fußvolk fortschaffen ließ, über das 
gefrorene Frische und Kurische Haff, traf aber nur noch Trümmer des schwe- 
dischen Heeres, die er dann durch Gencral Schöning mit nur 1500 Reitern 
durch das öde, fast dorflose Land bis vor Riga verfolgen ließ. Infolge der 
eisigen Kälte — die Reiter mußten oft neben den Pferden herlaufen, um 
nicht zu erfrieren — und der heftigen Verfolgung der Brandenburger rettete 
sich von dem schwedischen Heere kaum der zehnte Teil. So hatte der Kurfürst 
in zwölf Wochen bei ungewöhnlicher Winterkälte einen Marsch von 100 Meilen 
gemacht, den Feind in zwei Tagen aus dem Lande gejagt, noch 40 Meilen 
in dessen eigenem Lande verfolgen lassen und dadurch fast die ganze feind- 
liche Armec aufgerieben. 
Schon in Königsberg erfuhr der Kurfürst, daß seine Verbündeten ohne ihn 
mit Ludwig XIV. in Nymwegen Frieden geschlossen hatten. Weder der Kaiser, 
noch die übrigen deutschen Fürsten wünschten eine Vergrößerung Brandenburgs;
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Der Große Kurfürst überschreitet das Kurische Haff. 
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1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 
  
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        68 Zweiter Zeitraum. 
offen sagte man in Wien, „es gefalle Kaiserlicher Majestät nicht, daß sich ein 
neues Vandalenreich an der Ostsee hervorthue“. Deshalb wurde der Kurfürst 
treulos im Stich gelassen; allein aber vermochte er Ludwig XIV. nicht ent- 
gegenzutreten, der die Herausgabe aller schwedischen Besitzungen forderte und, um 
dies zu erzwingen, Kleve, Mark und Ravensberg besetzte und Minden be- 
lagerte. Trotz aller Anstrengungen, durch Fortsetzung des Kampfes und durch 
Unterhandlungen günstigere Bedingungen zu erlangen, mußte der Kurfürst 
1679 in den Frieden von St. Germain (bei Paris) willigen, in welchem 
er den Schweden alles ihnen abgenommene Land bis auf einen kleinen Land- 
strich am rechten Oderufer zurückgab. Im Groll über diese Treulosigkeit und 
in vorahnendem Geiste ließ er eine Münze prägen, deren lateinische Inschrift 
in deutscher Übersetzung lautet: „Möchte dereinst aus meinen Gebeinen ein 
Rächer erstehen!“ 
Auch sonst hatte der Kurfürst Ursache, dem Kaiser zu zürnen. Schon 
31642, bein Aussterben der hohenzollernschen Linie in Jägerndorf (S. 34), 
hätte dieses Fürstentum an Brandenburg fallen müssen, der Kaiser aber hatte 
es für sich genommen. 1675 war das Herzogshaus von Liegnitz, Brieg 
und Wohlau ausgestorben, und der Kaiser hatte auch dessen Besitzungen trotz 
des Erbvertrages von 1537 (S. 32) eingezogen. Von allen verlassen, dazu 
noch von der Nache Schwedens bedroht, näherte sich der Kurfürst, wenn auch 
mit innerem Widerstreben, Ludwig XIV., dem dadurch der Länderraub am 
Rhein erleichtert wurde. Er zog mitten im Frieden mehrere Landstriche und 
Städte (z. B. Saarlouis, Saarbrücken, Mömpelgard, Luxemburg) und über 
500 Flecken, Dörfer, Schlösser und Mühlen, zuletzt auch die freie Reichsstadt 
Straßburg ein (1681) und behauptete seinen Raub. Das aus Not mit Lud- 
wig XIV. geschlossene Bündnis löste der Kurfürst bald wieder; als der Kaiser 
durch die Türken in große Bedrängnis geriet, bot ihm Friedrich Wilhelm 
gegen Rückgabe von Jägerndorf und Gewährung von Glaubensfreiheit für die 
Evangelischen Osterreich-Ungarns ein Hilfsheer an. Der Kaiser lehnte dies 
ab; die Türken belagerten Wien, der Kaiser flüchtete; die Bürger aber ver- 
teidigten sich unter dem entschlossenen Rüdiger von Starhemb erg 60 Tage 
lang, bis ein deutsches Heer unter Karl von Lothringen und ein polnisches 
unter dem Könige Johann Sobieski der Stadt zu Hilfe eilte und das 
türkische Heer vor den Thoren Wiens besiegte (1683). Zur weiteren Bekämpfung 
der Türken nahm der Kaiser dann das Angebot des Kurfürsten unter fol— 
genden Bedingungen an: der Kurfürst stellte dem Kaiser ein Hilfsheer von 
8000 Mann und verzichtete auf Jägerndorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau, erhielt 
dafür den Kreis Schwiebus, sowie eine Schuldforderung auf Ostfriesland, 
wodurch Brandenburg die Aussicht auf den Pfandbesitz dieses Landes erwarb. 
Mit Hilfe der brandenburgischen T Truppen, die unter den Generalen Schöning 
und Barfus mit allerseits bewunderter Tapferkeit fochten, setzte der Kaiser 
den Türkenkrieg erfolgreich fort. Die brandenburgischen „Feuermänner“ 
thaten sich besonders bei der Zurückeroberung Ofens hervor, indem sie 
als die ersten die Mauer erstiegen und dadurch Ungarns Hauptstadt, die 
150 Jahre in der Gewalt der Ungläubigen gewesen war, dem Kaiserhause 
zurückbrachten.
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 69 
5. Spätere Werke den Friedens. 
Friedrich Wilhelm hatte sich in Holland davon überzengt, wie wichtig 
eine Handels= und Kriegsflotte für ein Land ist; deshalb strebte er seit 
dem Beginn seiner Regierung danach, sein Volk an dem Seehandel teilnehmen 
zu lassen. Schon 1647 gründete er eine überseeische Handelsgesellschaft, die 
sich aber bald wieder auflöste. Wie schmerzte es ihn, als er 1648 das für 
die Schiffahrt so günstig gelegene Stettin den Schweden lassen und 1679 es 
ihnen wieder abtreten mußte! Dadurch ließ er sich aber in seinem Vorhaben 
nicht irremachen. Bereits im Kampfe um Pommern (1676), besonders bei 
der Belagerung von Stettin, konnte er sich auf eine kleine Flotte stützen, die 
  
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riegsschiffe des Großen Kurfürsten. 
  
er sich mit Hilfe des Holländers Raule geschaffen hatte (S. 63), und die 1681 
schon 30 Schiffe zählte. Als die Spanier dem Kurfürsten versprochene Hilfs— 
gelder nicht zahlen wollten, brachten brandenburgische Fregatten zwei spanische 
Schiffe nach Pillau, die für Rechnung des Kurfürsten verkauft wurden. Auf 
Raules Rat schloß der Kurfürst 1681 mit Negerhäuptlingen an der Küste von 
Guinea Verträge, in denen sie den Kurfürsten als ihren Herrn anerkannten, 
die Erlaubnis zur Erbauung einer Festung an ihrer Küste erteilten und ge- 
lobten, nur mit Brandenburgern Handel treiben zu wollen. Darauf errichtete 
der Kurfürst eine „Afrikanische Handelsgesellschaft" und sandte 1682 den 
Major von der Gröben mit zwei Schiffen und einer Kompanie Soldaten 
ab, der an der Goldküste beim Vorgebirge der drei Spitzen die Festung
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Zweiter Zeitraum.
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 71 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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Der Große Kurfürst nimmt die Huldigung der Afrikaner entgegen.
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        72 Zweiter Zeitraum. 
Großfriedrichsburg und noch zwei andere feste Plätze anlegte und südlich 
vom Vorgebirge St. Blanko das Kastell Arguin erbaute. Ein glücklicher 
Zufall schien das Unternehmen noch begünstigen zu wollen. Bei einem Streite 
der Fürstin von Ostfriesland mit ihren Ständen wandten sich diese mit der 
Bitte um Schutz ihrer Rechte an den Kaiser, der den Großen Kurfürsten, den 
Bischof zu Münster und den Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg beauftragte, die 
Stände zu schützen. Infolgedessen besetzte der Kurfürst im Einverständnis mit 
den Ständen Emden mit seinem damals noch vorzüglichen Hafen, das nun 
der Standort der brandenburgischen Flotte und der Sitz der Afrikanischen 
Kompanie ward. Mit Staunen sahen die Berliner (1684) in ihrer Stadt 
eine Gesandtschaft von Negerhäuptlingen, die gekommen waren, dem Kurfürsten 
zu huldigen und ihm Erzeugnisse ihrer Heimat als Geschenke darzubringen. 
Bislang hatte der Kurfürst die Kriegsschiffe nach Bedürfnis von Raule ge- 
mietet; jetzt nahm er diesen ganz in seinen Dienst und kaufte ihm 9 Kriegs- 
schiffe ab. Voll Neid blickten Franzosen, Engländer und Holländer auf den 
emporstrebenden Nebenbuhler; namentlich die letzteren legten der Handels- 
gesellschaft so viele Schwierigkeiten in den Weg, daß sie in Schulden geriet. 
Da setzte der Kurfürst den Handel auf eigene Kosten, wenn auch mit Verlust, 
fort. Seine Nachfolger haben dies Unternehmen als verfehlt aufgegeben, und 
lange hat's gewährt, bis das deutsche Volk dies Werk des Großen Kurfürsten 
wieder aufgenommen hat: 
O Kurfürst Friedrich Wilhelm, zu Land und Meer ein Held, 
Du hast den Weg gewiesen und uns das Ziel gestellt! 
Die Berge haben Tannen, wir haben hohen Mut; 
Auch uns gehört die große, wogende Meeresflut. (O. Fr. Gruppe.) 
Friedrich Wilhelm war ein gläubiger evangelischer Christ. Das Gebet war 
ihm Bedürfnis; dem Herrn schrieb er alle seine Erfolge zu. Deus fortitudo 
mea, Gott meine Stärke, das war sein Wahlspruch. Als ihm die Krone 
Polens unter der Bedingung des Ubertritts zur katholischen Kirche angeboten 
wurde, sagte er: „Meine Religion, darin ich meiner Seligkeit versichert bin, 
um einer Krone willen verlassen, werde ich in Ewigkeit nicht thun.“ Gegen 
Andersgläubige war er sehr duldsam; sein Staat war der erste in Europa, 
in welchem die Anhänger der verschiedensten Religionsgemein- 
schaften unbehelligt nebeneinander wohnen durften. Aber sie 
mußten untereinander Frieden halten. Den lutherischen und reformierten 
Geistlichen verbot er das gegenseitige Verketzern auf den Kanzeln und ver- 
anstaltete, um Lutheraner und Reformierte zu einer Kirche zu vereinigen, 
1664 die Liebesgespräche zwischen Geistlichen beider Bekenntnisse, aber 
ohne Erfolg. Da verlangte er von den Geistlichen ein schriftliches Ver- 
sprechen, daß sie obigem Befehle gegenseitiger Duldung nachkommen wollten; 
einige, die ihre Unterschrift verweigerten, wurden ihres Amtes entsetzt. Zu 
ihnen gehörte auch Paul Gerhardt, der bekannte Dichter herrlicher geist- 
licher Lieder, der zu Lübben im Spreewalde wieder eine Anstellung fand. 
Als mächtigster evangelischer Fürst Deutschlands hielt es der Große 
Kurfürst für seine Pflicht, die Evangelischen auch in anderen Ländern zu 
schützen. Schon wiederholt hatte er für sie beim Kaiser und bei Ludwig XIV.
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 73 
Fürsprache eingelegt. König Heinrich IV. von Frankreich hatte seinen reformierten 
Glaubensgenossen, den Hugenotten, durch das Edikt von Nantes 1598 
Glaubensfreiheit gewährt. Sie bildeten nicht nur eine in sich festgeschlossene 
Kirche, sondern gleichsam einen besonderen Staat, der mit der Regierung mehr- 
mals zur Verteidigung der Glaubensfreiheit Kriege führte und Verträge schloß. 
Ludwig XIV. sah ihre Unterwerfung als Vorbedingung für die Macht Frank- 
reichs an; in seinem Lande sollte nur ein Wille und nur ein Glaube herrschen. 
Manche hochgestellte Männer ließen sich durch Ehren, ärmere durch Gold zum 
Ubertritt zur katholischen Kirche bewegen; die übrigen suchte man durch Belästi- 
gung und Quälereien dazu zu zwingen. Das gefürchtetste Mittel waren die 
Dragonaden: den Re- 
formierten wurden Sol- 
daten, meistens Dragoner, 
ins Haus gelegt, die sich 
ungestraft alles erlauben 
durften. Trotz des Ver- 
bots der Auswanderung 
gelang es doch Tausenden 
zu entkommen; viele ang. —————— 
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Kurfürst die Hugenotten 
durch das Potsdamer 
Edikt ein, in seinen 
Staaten sich niederzu- 
lassen. Er versprach ihnen - . 
freie Reise, zollfreie Ein- Paul Gerhardt. 
fuhr ihrer Sachen, freie 
Wahl ihres Wohnortes und gleiche bürgerliche Rechte mit seinen bisherigen 
Unterthanen. Verlassene Häuser, geeignete Bauplätze, Odländereien zum Ur- 
barmachen, sowie Baumaterial sollten ihnen unentgeltlich überlassen, auch 
Geld zur Anlage von Fabriken und mehrjährige Befreiung von allen Lasten 
und Abgaben gewährt werden. Mit der größten Herzlichkeit empfing der 
Kurfürst die Ankömmlinge in Berlin; er ließ sie aufs beste bewirten und 
bei ihrer Niederlassung unterstützen. So gewann Brandenburg über 15000 
fleißige und geschickte Einwohner, die namentlich das Gewerbe in den 
Marken hoben. An vielen Orten bildeten sich französische Kolonien, 
die größten in Berlin und Magdeburg. Die Seiden-, Hut-, Strumpf- 
und Samtmannfakturen sowie der Tabaksbau in der Uckermark wurden 
durch sie neu eingeführt, andere Gewerbe durch sie verbessert. Auch unter 
den brandenburgischen Offizieren, Beamten und Gelehrten fanden sich bald 
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        1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 75 
berühmte französische Namen. — Ebenso folgten mehrere hundert um ihres 
Glaubens willen vertriebene Waldenser, von denen sich trotz aller Verfolgung 
noch einige Gemeinden in den Alpenthälern gehalten hatten, einer Einladung 
des Kurfürsten und siedelten sich in der Altmark an, kehrten aber später, von 
Heimweh gequält, in ihre sonnige und bergige Heimat zurück. Aus Rücksicht 
auf seine evangelischen Glaubensgenossen in England wollte der Kurfürst 
auch den holländischen Statthalter Wilhelm III. von Oranien bei der Ver- 
treibung seines katholischen Schwiegervaters, des Königs Jakob II. von England, 
unterstützen; er erlebte die Ausführung dieses wichtigen Unternehmens nicht 
mehr; wie sehr es ihm aber am Herzen lag, zeigen die beiden Losungsworte, 
welche er an den beiden letzten Tagen vor seinem Tode wählte: „London“, 
„Amsterdam“. 
Die väterliche Fürsorge, welche Friedrich Wilhelm seinen Unterthanen 
widmete, sowie die verwickelten auswärtigen Verhältnisse erforderten unaus- 
gesetzte, angestrengte Arbeit. Alle wichtigen Sachen entschied der Kurfürst 
selber; auf Reisen und in den Feldzügen ließ er sich die Schriftstücke nach- 
schicken, und unter den heftigsten Gichtschmerzen konnte er stundenlang sitzen, 
um sie mit seinen Räten durchzuarbeiten. Bei schwierigen Fragen zog er 
sich wohl, nachdem er die Ansicht seiner Räte gehört hatte, zurück, um in 
stillem Gebet oder im Gespräch mit seiner Gemahlin Luise Henriette die beste 
Entscheidung zu finden. Nach dem Tode seiner Gemahlin bekannte er, daß 
ihm nie etwas mißlungen sei, was er nach ihrem Rat begonnen habe. Oft 
soll er später vor ihrem Bilde gestanden und geklagt haben: „O Luise, wie 
sehr vermisse ich deinen Rat!“ Die angenehmste Erholung gewährte ihm 
der Aufenthalt in seiner Familie, die Gesellschaft seiner frommen Gemahlin. 
Von den sechs Kindern, welche sie ihm geboren, starben drei in zartem 
Alter, Karl Emil und Ludwig als blühende Jünglinge, so daß nur der 
Kronprinz Friedrich den Vater überlebte. Ein Jahr nach dem Tode seiner 
ersten Gemahlin vermählte sich der Kurfürst mit Dorothea, der Witwe des 
Herzogs von Braunschweig-Lüneburg. Auch sie begleitete ihren Gemahl auf 
allen seinen Feldzügen und war ihm im Alter eine unermüdliche Pflegerin; 
die nach ihr benannte Dorotheenstadt in Berlin ist auf ihre Veranlassung 
gebaut worden. Aber sie wußte das Herz ihrer Stiefkinder und der Branden- 
burger nicht zu gewinnen. Besonders wurde es ihr verdacht, daß sie ihren 
Gemahl bewog, für seine Kinder aus zweiter Ehe durch ein Testament ebenso 
zu sorgen, wie er es früher für die nachgeborenen Söhne aus erster Ehe 
gethan hatte. Der Kurfürst vermachte nämlich seinen jüngern Söhnen, 
damit sic standesgemäß leben könnten und sich nicht etwa aus Geldverlegenheit 
zum Ubertritt zur katholischen Kirche verleiten ließen, Minden, Navensberg, 
Halberstadt und Lauenburg-Bütow, doch ohne Militärhoheit und Regierungs- 
rechte, so daß die Einheit des Staates dadurch nicht zerrissen und den Söhnen 
nicht viel mehr als die jährlichen Einkünfte aus diesen Ländern überlassen 
wurde. Dies Testament sandte der Kurfürst an den Kaiser mit der Bitte um 
demnächstige Vollstreckung desselben; dieser aber benutzte es, dem Kurprinzen, 
der ohnehin für eine Verbindung Brandenburgs mit Osterreich war, hinter 
dem Rücken des Kurfürsten gegen das Versprechen, es nicht ausführen zu wollen,
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        76 Zweiter Zeitraum. 
die schriftliche Verpflichtung abzulocken, daß er demnächst den Kreis Schwiebus 
wieder an Osterreich abtreten wolle. Als der Kurfürst sein Ende nahe fühlte, 
übertrug er dem Kurprinzen die Regierung; die wichtigsten Grundzüge derselben 
hatte er ihm schon zwanzig Jahre zuvor in einer „VBäterlichen Ermahnung“, 
gleichsam seinem politischen Testamente, niedergeschrieben Dann nahm er 
herzlichen Abschied von seiner Familie und den Räten und starb mit den Worten: 
„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“ (29. April 1688). 
Der Große Kurfürst hat den zerrütteten und von Feinden besetzten 
brandenburgischen Staat befreit, zur Blüte und Macht erhoben, fast um die 
Hälfte vergrößert und das Heer neu geschaffen. Er hat die bis dahin ohne 
inneren und zum Teil auch ohne äußeren Zusammenhang zerstreuten Pro- 
vinzen zu einem Staatswesen verschmolzen, die bisherige Abhängigkeit vom 
Hause Osterreich gelöst. Deshalb ist er auch der eigentliche Begründer des 
preußischen Staates, und alle seine Nachfolger sind nur auf dem Wege fort- 
geschritten, den er zuerst einschlug. 
2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 
1088—1715. 
1. Ruswärkige DPerkzälinisse. 
Friedrich III., der dritte Sohn des Großen Kurfürsten, war gutmütig, 
wohlwollend und von aufrichtiger Frömmigkeit, besaß aber weder den kräftigen 
Körper, noch die feste Willenskraft seines Vaters. Ein hervorragender Zug 
seines Wesens war eine große Vorliebe für äußeren Glanz. Seine Erziehung 
leitete der kluge und ehrenwerte Eberhard von Dan ckelmann in trefflicher 
Weise; der Kurprinz hing ihm mit großer Liebe an und machte ihn als König 
zu seinem vornehmsten Ratgeber. Friedrich war in zweiter Ehe vermählt 
mit Sophie Charlotte, der Tochter des Herzogs und späteren Kurfürsten 
Ernst August von Hannover. Das Testament seines Vaters beschloß er 
nicht auszuführen, weil es gegen ältere brandenburgische Hausgesetze sowie 
gegen die Goldene Bulle verstieß, und weil sein Vater auf dem Sterbelager 
ihn allein zu seinem Nachfolger eingesetzt habe; seine Stiefmutter und Stief- 
brüder ließen sich durch Jahrgelder, Güter und Amter zum Verzicht auf ihre 
Ansprüche bewegen. Nur der älteste Stiefbruder, Markgraf Philipp, erhielt 
die Herrschaft Schwedt, wo er eine Nebenlinie des Hauses Brandenburg 
begründete, die 1788 erlosch. Damit war dem Kaiser eine für Brandenburg 
gefährliche Wasse entwunden; aber er hatte eine weit gefährlichere noch in 
Händen, den von dem Kurprinzen ausgestellten Revers. Endlich (1695) entschloß 
sich der Kurfürst, dem Drängen des Kaisers nachzugeben, um freie Hand zu 
haben; er gab den Kreis Schwiebus dem Kaiser zurück und erhielt außer 
einer Geldentschädigung von 300000 Mark die Auwartschaft auf Ost- 
friesland sowie auf einige fränkische Gebiete (Grasschaft Limburg). Dagegen 
weigerte er sich entschieden, auf Schlesien förmlich Verzicht zu leisten, indem 
er sprach: „Ich will mein Wort halten; aber unsere Rechte an Schlesien 
geltend zu machen, überlasse ich meinen Nachkommen, die ich bei diesen wider-
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        2. Die Stiflung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 77 
rechtlichen Umständen weder binden kann noch will.“ Die zum großen Teil 
evangelischen Einwohner des Kreises Schwiebus, die unter Brandenburg eine 
kurze Zeit der Ruhe genossen hatten, beklagten die Abtretung am meisten. 
Fehlten Friedrich III. auch die Gaben eines großen Feldherrn, so war 
er doch persönlich tapfer und unerschrocken, suchte das Heer auch stetig zu 
vergrößern und zu bessern. Während seiner Regierung kämpften branden- 
burgische Truppen in Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich und den 
Niederlanden, überall mit gleicher Tapferkeit, aber fast immer nur für fremde 
Interessen. Sie unterstützten 1688 Wilhelm III. von Oranien (S. 75) bei 
der Erwerbung der englischen Krone. In demselben Jahre begann der länder- 
gierige Ludwig XIV. einen neuen Raubkrieg. Als Grund zu demselben gab 
er die pfälzische Erbschaftssache und die Kölner Erzbischofswahl 
an. Als nämlich Kurfürst Karl aus dem Hause Pfalz-Simmern ohne 
männliche Erben starb, fiel die Pfalz nach deutschem Recht an die katholische 
Seitenlinie Pfalz-Neuburg. Ludwig aber beanspruchte bedeutende Teile der 
Pfalz für die Gemahlin seines Bruders, Elisabeth Charlotte, die eine Schwester. 
des verstorbenen Kurfürsten war, aber bei ihrer Verheiratung ausdrücklich 
auf die Erbfolge verzichtet hatte. Ferner wünschte Ludwig XIV. den Bruder 
des Verräters von Straßburg, Wilhelm von Fürstenberg, zum Erz- 
bischof von Köln gewählt zu sehen; alle deutschdenkenden Männer aber, auch 
der Kaiser und der Papst, waren gegen diesen französischen Söldling. Die 
Franzosen bedrohten Köln; aber die schnelle Besetzung dieser Stadt durch 
brandenburgische Truppen bewahrte sie vor dem Schicksale Straßburgs. 
Ludwig XIV. ließ jetzt die Pfalz und die Gegend am Mittelrhein in eine 
Wüste verwandeln. Heidelberg ging zum Teil in Flammen auf. Dann 
folgten die blühenden Städte und Dörfer an der Bergstraße. Die armen 
Einwohner, welche ihr Eigentum in Sicherheit bringen wollten, wurden er- 
schlagen oder verjagt; Worms wurde bis auf den Dom in einen Aschenhaufen 
verwandelt; in Speyer verjagten die Mordbrenner die Einwohner, zündeten 
die ausgeplünderte Stadt und den Dom an und trieben mit den Gebeinen 
der alten deutschen Kaiser ihren Spott. Jetzt erst zog auch der Kaiser das 
Schwert. Brandenburgische Truppen schützten Holland sowie den Niederrhein 
und eroberten unter des Kurfürsten eigener Leitung Bonn zurück. Auch 
später setzte Friedrich den Krieg mit Eifer fort; aber er erntete dafür keinen 
Dank. Der Kaiser führte den Krieg nur lau; er sowie Wilhelm III. von 
Oranien, der dem Kurfürsten doch zu großem Dank verpflichtet war, wünschten 
ein Emporkommen Brandenburgs nicht. Der Friede zu Ryswick, der den 
Krieg 1697 beendete, wurde ohne Brandenburgs Mitwirkung geschlossen; die 
brandenburgischen Gesandten wurden zu den Friedensverhandlungen nicht 
einmal zugelassen. Nicht minder hat Friedrich dem Kaiser in den Türken- 
kriegen beigestanden. An allen bedeutenden Türkenschlachten dieser Zeit hatten 
Brandenburger ruhmvollen Anteil. Nach der Schlacht bei Zenta a. d. Theiß 
umarmte der kaiserliche Feldöderr Prinz Engen den brandenburgischen Be- 
fehlshaber mit den Worten: „Nächst Gott verdanke ich Euch und der Tapferkeit 
Eurer braven Truppen den Sieg.“ Aber alle in diesen Kriegen gebrachten 
DOpfer hatten für Brandenburg keinen andern Gewinn als erhöhtes Ansehen.
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        78 Zweiter Zeitraum. 
Dieser geringe Erfolg erbitterte den Kurfürsten und verstimmte ihn 
gegen Dauckelmann, der seit 1695 das höchste Staatsamt, das eines Ober- 
präsidenten, innehatte und die auswärtigen Angelegenheiten leitete. Selbst 
für die häufigen Geldverlegenheiten des Hofes wollte man ihn verantwortlich 
    
  
   
   
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machen, obgleich gerade er nach Kräften zu sparen suchte. Den alten adeligen 
Familien des Landes war Danckelmann ein Emporkömmling; die Höflinge 
haßten ihn, weil er ihnen zu scharf auf die Finger sah, die Geheimräte, weil 
sie jetzt so geringen Einfluß besaßen. Sein schroffes Auftreten verletzte leicht; 
besonders empfand dies die Kurfürstin, die es ihm überdies nicht verzeihen
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        2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich 1II. (I.) 79 
konnte, daß er ihrem Heimatlande Hannover so wenig freundlich entgegenkam. 
Selbst der Kurfürst sah sich von ihm mitunter fast wic ein Schüler behandelt. 
Sobald die Höflinge merkten, daß der Kurfürst sich zugäuglich zeigte, ließen 
sic es an Verdächtigungen und Verleumdungen nicht fehlen. Danckelmann 
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erbat und erhielt seine Entlassung (1697); doch damit noch nicht genug, der 
verdiente Mann, dem man trotz aller Anstrengung kein Vergehen nachweisen 
konnte, wurde gefangen gesetzt und erhielt erst nach zehn Jahren einen Teil 
seiner Güter sowie seine Freiheit mit der Beschränkung zurück, daß er nur 
in Kottbus wohnen durfte. -
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        80 Zweiter Zeitraum. 
2. Sorge für den Tandes Wohlfahrk. 
Trotz der bedeutenden Ausgaben für das Heer verwandte Friedrich doch noch 
große Summen auf die Erbauung prächtiger Schlösser, die er mit reichem 
Bildwerk schmücken und aufs glänzendste einrichten ließ. Damals entstanden 
in Berlin die Prachtbauten Andreas Schlüters: das berühmte Reiterbild 
des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke, ein Teil des Schlosses, das 
von Nehring erbaute Zeughaus sowie das Schloß in Charlottenburg. Die 
Großen des Hofes wetteiferten miteinander in prächtigen Bauten. Die alte 
Doppelstadt Berlin-Kölln, die schon unter dem Großen Kurfürsten durch den 
Friedrichswerder und die Dorotheenstadt erweitert war, erhielt jetzt einen 
neuen Stadtteil, die Friedrichsstadt, und die später so prächtige Straße „Unter 
den Linden“. Der große Aufwand des Hofes kam den heimischen Gewerben 
zu gute; die von Danckelmann trefflich verwaltete Post erleichterte den inländischen 
Verkehr. In der Pflege von Kunst 
und Wissenschaft wetteiferte mit 
dem Kurfürsten seine feingebildete, 
geistreiche Gemahlin Sophie Char- 
lotte (71 1705), eine Schülerin und 
Freundin des großen Gelehrten 
Leibniz, die in dem nach ihr be- 
——. nannten Lustschloß Charlottenburg 
gddig größten Künstler und Gelehrten 
———Kuusich sammelte. Sie hat nach dem 
Urteil ihres großen Enkels „wahre 
und gesellschaftliche Feinheit und die 
Liebe zu Künsten und Wissenschaft 
1. nach Brandenburg gebracht“. Durch 
“ ihren Einfluß ward in Berlin eine 
Gottfried Wilhelm Leibniz. Akademie der Künste und nach 
— Leibniz' Plane auch eine Akademie 
der Wissenschaften errichtet, deren Aufgabe in der Sammlung und Er- 
weiterung wissenschaftlicher Kenntnisse und deren Verbreitung durch faß- 
liche Schriften, in der Pflege der deutschen Sprache und der Herausgabe 
eines Kalenders bestand. Erst 1700 nahmen die protestantischen Länder den 
schon 1582 vom Papst Gregor XIII. verbesserten. Kalender, den „neuen Stil“, 
an. Einer freigebigen Unterstützung erfreute sich Pufendorf (S. 56), der 
die „Geschichte des Großen Kurfürsten“ vollendete, das erste Geschichtswerk 
Deutschlands, das sich über die chronikartige Fürsten= und Familiengeschichte 
zu einer pragmatischen, wahrheitsgetreuen Darstellung erhob. Segensreich 
war auch die Errichtung eines Oberappellationsgerichts in Berlin, das 
seine Thätigkeit allmählich über alle Provinzen ausdehnte. 
Auch für die evangelische Kirche ist Friedrichs Regierung von Segen 
gewesen. Er war, wie sein Vater, ebenfalls ein Beschützer seiner Glaubens- 
genossen, indem er viele Reformierte aus Frankreich und der Pfalz aufnahm. 
Gegenüber der Richtung, die auf Reinheit der Lehre größeres Gewicht legt 
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        2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 81 
  
  
  
  
  
  
  
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        2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 83 
als auf Reinheit des Herzens und des Lebens, trat Phil. Jak. Spener, 
damals Oberhofprediger in Dresden, auf, indem er einen Glauben forderte, 
der in der Liebe thätig ist. Seine Anhänger nannte man Pietisten. Von 
seinen Gegnern, den Orthodoxen, verdrängt, ging er nach Berlin; ihm folgte 
bald Aug. Herm. Francke, der aus Leipzig weichen mußte und in Erfurt 
eine Predigerstelle annahm. Auch der Rechtslehrer Thomasius, der uner- 
müdlich gegen Aberglauben, Hexenverfolgung und Folter eiferte und — da- 
mals etwas ganz Unerhörtes — sich bei seinen Vorträgen der deutschen 
Sprache bediente, wurde, weil er alles Ubernatürliche, auch die Wunder 
leugnete, aus Leipzig vertrieben. Friedrich III. nahm ihn auf und beschloß, 
den schon von seinem Vater gehegten Plan, in Halle eine Universität zu 
gründen, jetzt auszufüh- 
ren. Unter den Gelehr- 
ten, welche er außer 
Thomasius dorthin be- 
rief, befand sich auch 
Francke, der hier (seit 
1692) eine großartige, 
segensreiche Thätigkeit 
entfaltete. 1698 legte er 
den Grund zudemberühm- 
ten Halleschen Waisen 
hause, das mit Unterr 
stützung Friedrichs II. 
und anderer frommer 
Leute in drei Jahren 
fertig wurde; er errich- 
tete eine Armenschule, 
Bürgerschule, ein Päda- 
gogium, ein Seminar, .—-·»· 
eine Buchhandlung, Buch- ·""-« 
druckerei Apotheke. August Hermann Francke. 
Der Freiherr von Canstein fügte noch eine Bibelanstalt zur Verbreitung 
billiger Bibeln unter die Armen hinzu. Das Hallesche Waisenhaus bildete bald 
auch Missionare aus, und in dem Pädagogium ist der Graf Zinzendorf, 
der Stifter der Herrnhuter Brüdergemeinde, erzogen. « 
  
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3. Erwerbung der Rönigakrone. 
Der Große Kurfürst hinterließ seinem Sohne einen Staat, größer als das 
heutige Bayern, Württemberg und Baden zusammen, und ein starkes Kriegsheer, 
so daß zu einem Königreiche nur noch der Name fehlte. Diesen Namen seinem 
Lande zu erwerben, war Friedrichs eifrigstes Bestreben. Hierzu wurde er noch 
mehr gedrängt durch das damals an allen Höfen herrschende Streben nach Rang 
und äußerem Glanze, durch die Zurücksetzung, welche seine Gesandten in Ryswick 
erfahren hatten, und durch den von anderen Fürsten bereits errungenen Erfolg. 
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        84 Zweiter Zeitraum. 
Wilhelm III. war König von England geworden, und nach dem Tode seiner 
Schwägerin Anna, die ihm in der Regierung gefolgt war, sollte das hannoversche 
Haus dort auf den Thron gelangen, denn der damalige Kurfürst von Hannover, 
Ernst August, hatte eine Tochter des Winterkönigs, also eine Enkelin Jakobs I., 
zur Gemahlin; sein Sohn bestieg 1714 als Georg I. den englischen Thron. Auch 
die Wettiner erfuhren eine Standeserhöhung. Nach Johann Sobieskis Tode 
(1697) erkaufte der Kurfürst August II., der Starke, von Sachsen durch unge- 
heure Geldsummen und durch seinen Ubertritt zur römischen Kirche die Krone des 
polnischen Wahlkönigtums. Dies 
alles war für Friedrich III. ein 
Antrieb, ebenfalls nach der Königs- 
krone zu streben, um so mehr, als 
die Gelegenheit jetzt günstig war. 
Der Kaiser bedurfte nämlich des 
Kurfürsten, da soeben der Nor- 
dische Krieg und der Spa- 
nische Erbfolgekrieg (S. 103 
u. 86) ausgebrochen waren. Des- 
halb schloß er 1700 mit dem 
Kurfürsten den Kronvertrag, 
durch welchen er sich verpflichtete, 
den Kurfürsten von Brandenburg, 
falls sich derselbe wegen seines 
Herzogtums Preußen als König 
AndNe ausrufen und krönen lasse, für 
1 einen König in Preußen ehren, 
4 würdigen und erkennen, auch ver— 
E anlassen zu wollen, daß solches 
# C von anderen Mächten geschehe. 
Der Kurfürst dagegen verzichtete 
auf die noch rückständigen Hilfs- 
gelder und verpflichtete sich, dem 
Kaiser in dem bevorstehenden 
Insignien des Schwarzen Adlerordens. Kriege auf eigene Kosten ein 
Hilfsheer von 8000 Mann zu 
stellen und bei Wahlen und auf Reichstagen auf der Seite Österreichs zu 
stehen. Er wollte nur die Einwilligung des Kaisers haben, sich aber weder 
vom Kaiser, noch vom Papste zum Könige ernennen oder krönen lassen. Der 
König von Polen hatte ebenfalls schon seine Einwilligung gegeben. 
Sofort nach Abschluß des Vertrages brach der Hof nach Königsberg 
auf. Zwei Geistliche, ein reformierter und ein lutherischer, waren zu Bi- 
schöfen ernannt, um die Salbung zu vollziehen. Am 17. Januar 1701 
ward der Schwarze Adlerorden, der höchste Orden Preußens, gestiftet, 
den der König mit seinem Wahlspruch „Inmm cuique“, „Jedem das 
Seine", versah, womit er anzeigen wollte, daß in Preußen jedem sein Recht 
widerfahren solle. Am 18. Jamar wurde die Krönung mit großer Pracht
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Friedrich I. setzt sich im Schlosse zu Königsberg die Krone auf. 
nach einem Kupferstichwerke von Johann Gceorg Wolsfsgang, Hofkupferstecher König Friedrichs I., aus dem Jahre 1712. 
von einzelnen Seenen der Krönungsfeier ist enthalten in der im gleichen Verlage erschienenen 
"a6 « — tischer Darstellungen 
Eine Anzahl demselben Werke entnommener authentisch stellung uen len, Crpsiere ensgabe. (Siden Anzeigencnhang= 
Festschrift: Preußen unter der Kö 
  
2. Die Stifstung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 
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        86 Zweiter Zeitraum. 
vollzogen. Am Morgen setzte Friedrich in Gegenwart der hohen Staats— 
beamten zunächst sich selber, dann seiner Gemahlin im Schlosse zu Königs— 
berg die Krone auf; hierauf empfing das Königliche Paar die Huldigung und 
begab sich dann in die Schloßkirche, wo nach der Predigt die Salbung 
stattfand. Dann folgten die Krönungsmahlzeit für den Hof und die öffent— 
lichen Belustigungen für das Volk. Zur dauernden Erinnerung an die 
Krönung stiftete der König in Königsberg ein Waisenhaus und in Berlin 
ein Armenhaus. Noch in demselben Jahre wurde die Königswürde von den 
meisten Staaten anerkannt; nur der Papst protestierte. 
„Kein Papst und auch kein Kaiser gab ihm das Königsamt, 
Von Gott, dem Herrn, alleine die Königskrone stammt.“ 
Friedrich nannte sich jetzt Friedrich L., König in Preußen; der 
Titel beschränkte sich also zunächst auf das Herzogtum Preußen; aber die 
Krone wurde bald ein Ring, der sämtliche brandenburgische Staaten umschloß. 
Das Heer hieß das Königlich preußische und führte in seinen Fahnen den 
preußischen Adler; die Einwohner des Gesamtstaates gewöhnten sich schnell 
daran, sich nach dem Namen ihres Königs „Preußen“ zu nennen. Durch 
diesen wichtigen Schritt hat Friedrich I. nach dem Urteil Friedrichs des 
Großen seinen Nachfolgern gleichsam die Mahnung hinterlassen: „Ich habe 
euch einen Titel erworben, macht euch dessen würdig; ich habe den Grund 
zu eurer Größe gelegt, ihr müßt das Werk vollenden!“ Nicht nur bei der 
Krönung, sondern auch bei seinen großartigen Bauten hatte der König, wie 
uns der Dichter erzählt, mehr die zukünftige als die damalige Größe des 
Staates im Auge. 
„Den Vater stellt er auf ein Roß In Erz dort auf der Brücke; 
Der schaut so stolz nach seinem Schloß, Kost't aber Gold's viel Stücke. 
Ein Zeughaus baut er auch fürwahr, Daran in Stein viel Waffen. 
Was soll das für die kleine Schar? 78 ist traun ein eitel Schaffen! 
Und gar wie für ein Kaisertum Will er ein Schloß erbauen. 
Verschwenden ist kein großer Ruhm; Laßt, wo das endet, schauen! 
Der König hört es wohl und spricht: Nicht mir, für die da kommen — 
Ich hatte so ein Traumgesicht — Hab' ich das Maß genommen.“ 
(O. F. Gruppe.) 
4. Preußens Teilnahme am Spanischen Erbfolgekriege. 
Im Jahre 1700 starb König Karl II. von Spanien, und nach seinem 
Testamente, dessen Rechtmäßigkeit aber bestritten wurde, mußte ihm Philipp W., 
ein Enkel Ludwigs XIV., folgen. Kaiser Leopold I. (1658—1705), der 
ebenso wie Ludwig XIV. Vetter und Schwager Karls II. und dazu wie 
dieser ein Habsburger war, wollte das reiche spanische Erbe seinem zweiten 
Sohne Karl zuwenden. Für Philipp traten Frankreich, Spanien und fast 
ganz Italien ein, auf des Kaisers Seite standen England, Holland, Portugal 
und das Deutsche Reich. Das kaiserliche Heer rückte im Frühjahre 1701 
unter dem Prinzen Eugen von Savoyen in Italien ein, und damit begann 
der Spanische Erbfolgekrieg (1701—1713). Preußen stellte nicht nur,
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        2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 87 
wie es übernommen, 8000 Mann auf eigene Kosten, sondern auch noch 
15000 gegen holländisch-englische Hilfsgelder; auf den Ausfall der wichtigsten 
Schlachten haben sie einen entscheidenden Einfluß ausgeübt. Ihr Führer 
war der junge Leopold von Anhalt-Dessau, ein Vetter des Königs: 
seine Mutter war eine Schwester der Kurfürstin Luise Henriette. Obwohl 
ohne höhere geistige Bildung und von rauher Außenseite, war er doch der 
geborene Feldherr und ein Liebling der Soldaten; denn er war zwar im 
Dienst unnachsichtlich streng, aber selber mit Leib und Seele Soldat, ertrug 
willig alle Beschwerden, besaß eine ungestüme Tapferkeit und eine unerschütter- 
liche Kaltblütigkeit. Er hat drei preußischen Königen gedient und sich um 
die Vervollkommnung des preußischen Heeres unsterbliche Verdienste erworben 
(S. 91 u. 118). 
  
             
      
   
    
  
  
  
  
  
  
  
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Musketier. Offizier. 
Typen aus dem Heere Friedrichs I. 
Anfänglich war Ludwig XIV. im Vorteil; nachdem sich aber Prinz 
Eugen und der englische Oberfeldherr Marlborough vereinigt hatten, be- 
siegten sie das feindliche Heer bei Höchstedt (unweit Donauwörth, 1704), 
hauptsächlich durch die heldenmütige Tapferkeit der Preußen, wie Prinz Eugen 
in einem Schreiben an König Friedrich willig anerkannte. Dasselbe Lob 
erwarben sich die Preußen unter Leopold von Dessau auf den Schlacht- 
feldern Oberitaliens. Als bei Cassano (1705) den Grenadieren eines Re- 
giments beim Durchwaten eines Kanals das Pulver verdorben war, trieben
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        88 Zweiter Zeitraum. 
sie allein mit dem Seitengewehr französische Kavallerie in die Flucht. In 
dieser Schlacht hörten die preußischen Truppen zum erstenmal den Dessauer 
Marsch, dessen Töne ihnen seitdem oft im Kampfe erklungen sind. Nach 
dem Siege bei Turin, durch welchen Eugen die Franzosen zur Räumung 
Oberitaliens zwang, schrieb er nach Wien: „Der Fürst von Anhalt hat mit 
seinen Truppen abermals Wunder gewirkt; es ist kein Preis zu hoch, wodurch 
ich ihr Ausharren erkaufen kann.“ Auch an den blutigen, für die Franzosen 
verhängnisvollen Schlachten in den Niederlanden, bei Oudenarde a. d. Schelde 
(1708) und bei Malplaquet a. d. Sambre (1709), haben preußische Truppen 
mit Auszeichnung teilgenommen. Das Ende des Krieges erlebte Friedrich J. 
nicht mehr. An dem 1700 ausgebrochenen Nordischen Kriege (S. 103) 
beteiligte er sich nicht. Auf friedlichem Wege hat er aber den Staat doch 
vergrößert. Von August II., der zur Gewinmung der polnischen Krone viel 
Geld gebrauchte, kanfte Friedrich (1697) das Stift Quedlinburg, die Stadt 
Nordhausen und das Amt Petersberg bei Halle. Noch mehr hoffte er 
aus der „vranischen Erbschaft“ zu erhalten, da er der nächste männliche 
Verwandte des kinderlosen Wilhelm III. und nach dem Recht dessen Haupt- 
erbe war; der schlaue Oranier hatte ihn auch immer in dieser Hoffnung 
bestärkt, um ihn an sich zu fesseln, während er in seinem Testamente schon 
längst einen entfernteren Verwandten zum Haupterben eingesetzt hatte. Als 
er nun 1702 starb, entstand über sein Erbe ein langwieriger Streit; Friedrich 
aber griff rasch zu und besetzte die Herrschaft Lingen, sowie die Stadt und 
Grasschaft Mörs. Durch Kauf erwarb er (1707) Tecklenburg in West- 
falen, und die Grasschaft Geyern in Franken vermachte ihm als dem Haupte 
der Evangelischen der letzte Besitzer derselben, um sie nicht in die Hände 
eines Katholiken kommen zu lassen. 
5. Die lehten Regierungsjahre des Königs. 
Dic vielen Kriege, die Schloßbauten, die Pflege der Künste und Wissen- 
schaften, der glanzvolle Hofhalt, besonders die prunkvollen Hoffeste — Bälle, 
Maskenfeste, Kahnfahrten und Jagden — kosteten viel, so daß die Einnahmen 
des Staates kaum die Hälfte seiner Ausgaben deckten; dazu wurden von den 
Räten des Königs noch große Summen vernntreut. Nach Danckelmanns 
Sturze besaß ein Herr v. Kolbe, ein eingewanderter Pfälzer, das Vertrauen 
Friedrichs, und er benutzte es, seine Habsucht zu befriedigen. Vom Kaiser 
wurde er unter dem Namen v. Wartenberg in den Reichsgrafenstand er- 
hoben, und von seinem Herrn ließ er sich urkundlich versprechen, daß er 
wegen seiner Amtsführung niemals zur Rechenschaft gezogen werden solle. 
Nun betrogen er und seine Anhänger, unter denen namentlich v. Wartens- 
leben und v. Wittgenstein zu nennen sind, noch schamloser. Seitdem es 
Wartenberg gelungen war, dem Kurfürsten zur Königskrone zu verhelfen, 
leitete er die äußeren wie die inneren Staatsverhältnisse und hatte die wich- 
tigsten und einflußreichsten Staatsämter inne. Den Neigungen des Königs 
wußte er stets entgegenzukommen und die hohen Ausgaben der Hof= und 
Staatskasse durch harte Steuern zu decken; es wurden außer den bisherigen 
Steuern Schloßbau= und Gesandtengelder, eine Kron-, Perücken- und Kutsch-
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm J. 89 
wagensteuer erhoben. Selbst die Schweineborsten mußten an die Regierung 
abgeliefert werden, die sie verkaufte. Als auch diese Mittelchen sowie das 
Verschleudern von Domänen der Geldnot noch kein Ende machten, gab man 
sich sogar einem Betrüger in die Hände, der unter dem Versprechen, Gold 
machen zu wollen, dem Könige viel Geld ablockte, bis dieser ihn zuletzt hängen 
ließ. Der arglose König ahnte nichts von den Betrügereien Wartenbergs 
und seiner Helfershelfer. Dazu wurden in den Jahren 1709— 1711 die 
preußischen Gebiete östlich von der Elbe von der aus Polen eingeschleppten 
Pest heimgesucht, wozu sich noch Mißwachs gesellte. Ostpreußen allein verlor 
250000 Menschen, ein Drittel der Bevölkerung. Hilfeflehend wandten sich 
die Uberlebenden an die Regierung; der König sagte die erbetene Hilfe zu; 
Wartenberg aber lehnte alle Gesuche schroff ab. Da öffnete Kronprinz 
Friedrich Wilhelm seinem Vater die Augen und bat um Einleitung einer 
Untersuchung, die dann ergab, daß in allen Akten Unordnung, in allen Kassen 
Unterschleife der ärgsten Art sich fanden. Wartenberg, Wartensleben und 
Wittgenstein — das dreifache Weh — wurden (1710) bestraft und entlassen, 
aber v. Wartenberg erhielt noch eine hohe Pension und durfte ungehindert 
sein unrechtmäßig erworbenes großes Vermögen mit ins Ausland nehmen. 
Dazu nahm der Nordische Krieg (S. 103) immermehr eine die preußischen 
Länder bedrohende Wendung, während die preußischen Truppen außer Landes 
und die Kassen leer waren. Russische und polnische Truppen marschierten 
mitten durch die Mark, nahe an Berlin vorbei. Noch mehr erschütterte die 
schon siechen Kräfte des Königs ein Vorgang in seiner Familie: seine dritte 
Gemahlin, Sophie Luise von Mecklenburg, verfiel in Schwermut, die dann 
in Wahnsinn überging. In diesem Zustande überraschte sie den schon kranken 
König eines Tages in seinem Zimmer. Er erschrak heftig; denn er glaubte 
„die weiße Frau“ zu sehen, eine sagenhafte Erscheinung, die sich immer nahe 
vor einem Unglück im Hohenzollernhause zeigen soll. Infolgedessen ver- 
schlimmerte sich des Königs Krankheit, und schneller, als man erwartet, starb 
„der gütige Herr“, wie ihn das Volk nannte (1713). Hat er den Staat 
auch nicht wesentlich vergrößert, so hat er doch durch die Erwerbung der 
Königskrone und durch seine großherzigen Bemühungen um Volksbildung einen 
bedeutenden Schritt vorwärts auf der Bahn zur Größe Preußens gethan. 
5. Die innere Festigung durch Friedrich Willfelm I. 
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1. Jugend und NRegierungsankrikt. 
Friedrich I. hinterließ nur ein Kind, den ihm von seiner Gemahlin 
Sophie Charlotte geborenen Prinzen Friedrich Wilhelm. Derselbe besaß 
weder die Vorliebe des Vaters für äußeren Glanz, noch den feinen Sinn der 
Mutter für Kunst und Wissenschaft, sondern schätzte nur das unmittelbar 
Nützliche. Urdeutsch in seiner ganzen derben Art und gründlichen Arbeit, 
haßte er die Franzosen und ihre Liederlichkeit; um sie den Berlinern zu ver- 
leiden, ließ er die Prügelknechte nach der neuesten französischen Mode kleiden.
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        90 Zweiter Zeitraum. 
Dennoch sprach er nur das Französische, die damalige Hofsprache, leicht und 
geläufig; die Muttersprache hörte er nur von niederen Leuten, weshalb er 
sie weder richtig zu schreiben noch zu sprechen vermochte. Im Reiten, 
Schießen und Fechten that er es allen Altersgenossen zuvor; am liebsten war 
er auf dem Exerzierplatze. Schon früh zeigte der Prinz Frömmigkeit, 
Ordnungsliebe und Sparsamkeit; in seinem noch erhaltenen Ausgabenbuche, 
„Rechnung über meine Dukaten“, steht jeder ausgegebene Pfennig verzeichnet. 
Einst meinte er, das klügste Wort des ganzen Altertums sei ein Wort des 
Cyrus, nämlich: „Die sichersten Mittel, einem Lande ein dauerndes Glück zu 
bereiten, sind ein Heer auserwählter Krieger und eine gute Haushaltung.“ 
Der Prinz vermählte sich mit Sophie Dorothea, der Tochter des Kur- 
fürsten von Hannover, der 1714 als Georg I. König von England wurde. 
Vor und nach seiner Vermählung nahm er in der Umgebung der beiden 
großen Feldherren Prinz Engen und 
Marlborough an dem Spanischen Erb- 
folgekriege teil und war Zeuge der 
blutigen Schlacht bei Malplagquet. 
Gleich am Todestage seines Vaters 
ließ sich Friedrich Wilhelm I. das 
Verzeichnis der Hofbeamten und ihrer 
Gehälter vorlegen, strich dasselbe durch 
und sagte: „Hiermit sind alle entlassen; 
doch bis zur Beisetzung der Leiche des 
Königs bleibt alles im Dienst.“ Bei 
der Leichenfeier erschien der Hof noch 
einmal in dem bisherigen Gepränge; 
dann richtete der junge König seinen 
Heohhalt ganz einfach bürgerlich ein. 
MI, Von den hundert Kammerherren behielt 
Friedrich Wilhelm IE. er nur einen, die übrigen, sowie alle 
» Kammerjunker, Pagen, die Schweizer- 
garde und die Hofkapelle wurden entlassen, die Gehälter der Hof= und 
Staatsbeamten auf ein Fünftel erniedrigt, über hundert Luxuspferde, viele 
feine Kutschen, Sänften, Möbel und die kostbaren Weine im Schloßkeller 
wurden verkauft, aus den silbernen Leuchtern und Geschirren der Jagdschlösser 
Münzen geprägt, diese Schlösser verpachtet. Der König gab dem verdienten 
Danckelmann seine volle Freiheit wieder und fragte ihn oft um Rat. Von 
allen Unterthanen forderte er rastlose Thätigkeit, Ordnung in den Geschäften, 
Ehrbarkeit und Mäßigkeit, und er war ihnen in allem ein Muster. Alles 
sah er, um alles kümmerte er sich. Eine neue Zeit brach an. 
2. Die Tandesverwalkung. 
Friedrich Wilhelm wollte nach seinem eigenen Worte der Finanz- 
minister und Feldmarschall des Königs von Preußen sein; die Mehrung 
des Heeres und der Staatseinnahmen, deren er für das Heer be- 
durfte, war auch seine Hauptsorge. Er wußte wohl, daß das damals noch kleine
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I. 91 
und zerstückelte Preußen der Eifersucht neidischer Nachbarn gegenüber seine 
Selbständigkeit nur behaupten könne, wenn es seine Wehrkraft aufs höchste 
anspannte. Deshalb errichtete er schon im ersten Jahre seiner Regierung 
sieben neue Regimenter und vergrößerte das Heer nach und nach auf 83000 
Mann; er führte auch als neue Truppe die Husaren ein, hob aber die 
Landmiliz auf. Zur Hebung der Pferdezucht richtete er das berühmte Landes- 
gestüt zu Trakehnen in Ostpreußen ein. Alle Truppen waren gut be- 
waffnet und sauber gekleidet. Die bisherige Einrichtung, daß die Befehls- 
haber gegen Entschädigung für Beschaffung der Mannschaften sorgen mußten, 
wurde beibehalten; die Relruten wurden im In= und Auslande angeworben. 
Später (1733) führte der König das Kantonsystem ein und stellte damit 
den Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht auf. Jedem Regimente 
wurde ein Bezirk (Kanton) des Königreichs angewiesen, aus dem es seine 
Rekruten nehmen sollte; doch waren die gewerbetreibenden Bürger, die einzigen 
Söhne, sowie die Söhne der Beamten, Gelehrten und Reichen von der Dienst- 
pflicht befreit. Die in die Stammrolle eingetragenen („enrollierten“) Knaben 
und Jünglinge trugen eine rote Binde und einen Büschel an der Mütze und 
waren darauf so stolz, daß ein Lehrer einen Obersten bat, er möge ihn eben- 
falls in die Stammrolle eintragen und als Korporal entlassen, weil er anders 
mit den eingetragenen „Bauernlümmels“ nicht fertig werden könne. Etwa 
die Hälfte der Rekruten waren Landeskinder; die übrigen wurden außerhalb 
des Landes geworben. Die eingestellten Landeskinder blieben dienstpflichtig, 
solange sie diensttüchtig waren, wurden aber nach ihrer Ausbildung in 
Friedenszeiten fast das ganze Jahr beurlaubt. Die Offiziere nahm der König 
aus dem Adel des Landes; doch waren Birgerliche nicht ausgeschlossen. 
Während in den übrigen europäischen Heeren die höheren Offiziersstellen 
verkauft oder an Günstlinge verschenkt, die unteren von den Befehlshabern 
besetzt wurden, ernannte Friedrich Wilhelm alle Offiziere selber, ließ aber 
keinen Unwürdigen zu. Alle Prinzen seines Hauses mußten Offizier werden, 
und er selber trug fast immer (seit 1725 stets) die Offiziersuniform. Dadurch 
gelang es ihm, bei den Offizieren ein lebhaftes Gefühl der Standesehre zu 
erwecken. Für eine bessere Vorbildung derselben sorgte er durch Errichtung 
des Kadettenkorps in Berlin, für die der Unteroffiziere durch Begründung 
des Militär-Waisenhauses in Potsdam. An militärischer Durchbildung über- 
traf das preußische Heer alle anderen Truppen Europas; der beste Gehilfe 
des Königs war hierbei der alte Dessauer. Er hat das Bajonett und den 
eisernen Ladestock, die Aufstellung in drei Gliedern und den Gleichschritt in 
die preußische Armee eingeführt. Seit jener Zeit zeichnet sich das preußische 
Heer durch die bekannte Genauigkeit in der Ausführung der Ubungen aus, 
so daß in der ganzen Reihe nur ein Griff gesehen, nur ein Schuß gehört 
wird. Freilich glaubte man dies Ziel nur durch eine sehr strenge Zucht, 
durch Prügel und Spießrutenlaufen erreichen zu können. Zu den Handgriffen 
des schnellen Feuerns und der Wucht des Angriffs hielt der König die Leute 
für desto geeigneter, je größer sie waren, daher seine Vorliebe für „lange 
Kerls“, aus denen er sich in Potsdam ein Leibregiment bildete. Für sie 
schente der sonst so sparsame König kein Geld. Die Werber wandten List,
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92 Zweiter Zeilraum. 
  
    
   
  
   
  
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm J. 93 
Betrug und Gewalt an, um große Kerle in ihre Gewalt zu bekommen. Als 
die Universität Halle sich darüber beschwerte, daß der alte Dessauer einen 
Studenten auf offener Straße hatte aufheben und zum Soldaten machen 
lassen, erwiderte der König: „Sollen nicht räsonnieren, ist mein Unterthan.“ 
Magister Gottsched, der sich eines stattlichen Körpers erfreute, flüchtete vor 
den Werbern von Königsberg nach Leipzig. Das Leibregiment in Potsdam, 
das der König als Oberst selber kommandierte, bestand nur aus ungewöhnlich 
großen Leuten. August II. von Sachsen, der durch seine Größe berühmt 
war, vermochte dem Flügelmann mit ausgestrecktem Arm nur bis an die 
Nasenspitze zu reichen. Durch hohe Blechhauben wurden die Riesen noch um 
vier Handbreiten höher. Der König sorgte für seine „lieben blauen Kinder“, 
wie er seine Gardisten meistens nannte, väterlich; dadurch milderte er bei 
manchem etwas das harte Los, von den Seinigen weggerissen und mit Gewalt 
einem verhaßten Leben unterworfen zu sein. Sie erhielten auskömmliche 
Löhnung, waren gut gekleidet und wohnten bei den Bürgern. Die Ver- 
heirateten bewohnten ein kleines Haus für sich und durften Handel treiben. 
Als der neuerbaute Petriturm kurz vor seiner Vollendung einstürzte, wurde 
die Meldung beim König mit den Worten eingeleitet: es habe sich ein großes 
Unglück ereignet. „Was denn?“ — „Der Petriturm ist eingestürzt!“ — 
„So,“ erwiderte der König gelassen, „ich dachte schon, der Flügelmann sei 
tot!“ —38) . 
Friedrich Wilhelm I. hat auch der Verwaltung und den Finanzen 
Preußens die Ordnung und Gestalt gegeben, deren Grundformen sich bis auf 
unsere Tage erhalten und bewährt haben. Die gesamten Staatseinnahmen 
zersielen damals in Kriegsgefälle, d. i. die Leistungen des Landes für die 
Unterhaltung des Heeres, und in Domänengefälle. Jede dieser beiden Staats- 
einnahmen wurde von einer besonderen Behörde verwaltet. Da diese Behörden 
oft miteinander in Streitigkeiten, ja in Prozeß gerieten, hob der König 
sie auf und setzte an ihre Stelle (1723) eine neue, das Generalober- 
finanz-, Kriegs= und Domänendirektorium, gewöhnlich kurzweg General- 
direktorium genannt, das sich unter dem Vorsitz des Königs in fünf 
Abteilungen unter je einem Minister gliederte und die gesamte innere Ver- 
waltung umfassen sollte. Die „Instruktion“ für diese neue Behörde hat der 
König ganz allein erdacht und ausgearbeitet; sie ist aber auch ein ruhmvolles 
Denkmal seiner großen Einsicht, gleich bewundernswert wegen ihrer Zweck- 
mäßigkeit im ganzen, als auch wegen ihrer Klarheit und Sorgfalt, womit sie 
das Kleinste wie das Größte ordnet. Der ursprünglich von den Ständen 
eingesetzte Landrat, ein adliger Gutsbesitzer, wurde unter Friedrich Wilhelm 
zugleich Vertreter der Regierung, ohne doch das Vertrauen seiner Standes- 
genossen zu verlieren. Von allen Beamten forderte der König Pünktlichkeit, 
Pflichttreue, Genügsamkeit; auch unter ihnen herrschte eine militärische Zucht. 
Das Auge und die Faust des Königs waren überall. Den Potsdamer Post- 
  
*) Der Leser sei hingewiesen auf die in dieser Zeit spielende Schrift Oskar 
Höckers Zwei Riesen von der Garde. Kulturgeschichtliche Erzählung aus der 
Zeit des Zopfes und der Wachtparade. Mit vielen Abbildungen von Carl Römer. 
8. Auflage. Leipzig, Ferdinand Hirt &amp; Sohn. «
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        94 Zweiter Zeitraum. 
meister, der die mit der Nachtpost angekommenen Reisenden vergebens pochen 
und auf der Straße warten ließ, prügelte er eigenhändig aus dem Bett, 
jagte ihn aus dem Amt und bat die Reisenden um Entschuldigung, daß ein 
preußischer Beamter so pflichtvergessen sei. Wenn ein Minister ohne genügende 
Entschuldigung nicht pünktlich ( im Sommer um 7, im Winter um 8 Uhr 
morgens) zu den Sitzungen erschien, zahlte er hundert Dukaten Strafe; wer 
zweimal ganz fehlte, wurde entlassen. Sie durften nicht eher auseinander 
gehen, als bis alle Sachen erledigt waren. War dies bis zwölf Uhr nicht 
Mmöglich, so erhielten sie aus der Hofküche ein gutes Mittagessen. Besonders 
scharf beaufsichtigte der König das Rechnungswesen. Alle Ausgaben waren 
auf das knappste bemessen; ohne vorherige Bewilligung durfte nichts ausge- 
geben werden; es durfte weder Überschüsse noch Nachschüsse geben; alles 
mußte „auf Heller und Pfennig“ stimmen. Die Oberrechnungskammer 
hatte die Aufgabe, die Rechnungen zu prüfen, und sie ist — wie die preußischen 
Rechnungsbeamten überhaupt — wegen ihrer Genauigkeit sprichwörtlich 
geworden. 
Fast noch größeres Gewicht als auf eine gewissenhafte Verwaltung der 
Staatseinkünfte legte der König auf eine Vermehrung derselben. Die Steuer- 
freiheit, welche die Adligen bis dahin für sich und ihre Güter genossen 
hatten, hob er auf. Die Ritter= und Bauerngüter hatten bisher im Fall 
eines Krieges ein „Lehnpferd“ liefern müssen; Friedrich Wilhelm wandelte 
diese Leistung in eine jährlich zu zahlende Geldsteuer von 120 Mark um 
und verlangte außerdem von den Bauern — auch von denen des Adels — 
den Hufenschoß und von dem ganzen platten Lande das Kavalleriegeld als 
Entgelt dafür, daß die Reiterei, deren Einquartierung und Verpflegung bis 
dahin dem Lande zur Last fiel, jetzt in die Städte verlegt wurde. Der Adel, 
besonders im Magdeburgischen und in Preußen, widersetzte sich zwar, jener 
beschwerte sich sogar beim Kaiser, dieser protestierte dagegen beim Könige 
selber; aber Friedrich Wilhelm setzte seinen Willen durch, zum Wohle des 
ganzen Landes. Die Städte mußten durch die Accise zu den Lasten des 
Staates beitragen. Diese Steuer war von allen die ergiebigste; sie wurde 
trotz heftigsten Widerspruchs auch in Kleve eingeführt. Um jedem Unterschleif 
vorzubeugen, befahl Friedrich Wilhelm, daß auch das Königliche Haus die 
Accise zahle. In die Rekrutenkasse mußte jeder, der ein Amt, eine Be- 
förderung, einen Titel, eine Gnade oder Vollmacht erhielt, eine bestimmte Summe 
zahlen. Die meisten unteren Stellen wurden damals für Geld den Meist- 
bietenden überlassen. Auch manche Strafgelder sowie die Abgaben der Juden 
für die Erlaubnis zur Heirat flossen in diese Kasse, deren Einnahmen der 
König hauptsächlich für seine „langen Kerle“ verwandte. Aus den Domänen= 
gefällen, zu denen auch die Einkünfte von Salz, Zöllen, Stempeln, dem 
Berg-, Hütten= und Postwesen gehörten, wurden sämtliche Staatsausgaben 
mit Ausnahme derjenigen für das Heer bestritten. 
Friedrich Wilhelm wollte aber nicht nur ernten, sondern sorgte dafür, 
daß seine Unterthanen auch zahlen konnten. Alljährlich besuchte er, wenn 
irgend möglich, jede Provinz. Da bot sich in den ersten Jahren seinem Auge 
manch trauriger Anblick dar. Fast überall war der Anban des Landes
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I1. 95 
weit zurück; ganze Strecken, namentlich in Preußen und Litauen, lagen infolge 
der Pest und der Verheerungen des Nordischen Krieges (S. 103) völlig 
verödet; in Preußen wohnten auf 1 qkm nur zwölf Menschen. Das Land- 
volk war gänzlich verroht, lebte von der widerlichsten Nahrung, baute weder 
Obst noch Gemüse; der deutsche Pflug, Wind= und Wassermühlen waren ver- 
schwunden, die Wälder voller Wölfe. Auch der Adel war gänzlich verarmt; 
in den Städten fehlte es an Handwerkern, der Handel des Ostens lag völlig 
danieder; die einst so reichen Königsberger Kaufleute besaßen kein Schiss 
mehr. Dazu lastete auf dem Lande der harte Druck der ständischen Steuer- 
verwaltung. In diesem Punkte griff der König zunächst ein, indem er eine 
nach der Ertragsfähigkeit des Bodens gewissenhaft festgesetzte Hufensteuer ein- 
führte. Viele Adlige erkannten die Notwendigkeit und Wohlthat dieser Maß- 
regel auch an; als aber die ostpreußischen Stände dem Könige Schwierigkeiten 
machen wollten, schrieb er: „Ich stabiliere die Souverainité wie ein 
Rocher de Bronze.“ An diesem Bronzefelsen der staatlichen Souveränität 
zerschellten die angemaßten ständischen Vorrechte, aber der kleine Mann 
atmete auf. 
Die größte Sorgfalt wendete der König den Domänen zu, die den 
Bauern als Muster dienen sollten. Er erklärte sie in hochherziger Weise 
sämtlich für Staatseigentum und bestimmte, daß sie weder geteilt, noch ein 
Stück von denselben veräußert werden dürfe; die in Erbpacht gegebenen 
Güter zog er wieder ein und verpachtete sie nur auf sechs Jahre. Die 
Pächter sollten genau beaufsichtigt werden, „ob in die Kuhställe fleißig Stroh 
eingestreut, ob neben den Misthaufen auch Mistpfützen angelegt und der Mist 
zu gehöriger Zeit aufs Feld gefahren würde". Unablässig war der König 
bemüht, die Domänen durch Kauf oder Austrocknen von Sümpfen zu ver- 
größern, durch bessere Bewirtschaftung zu heben, und die Musterwirtschaft der 
Domänen wirkte vorteilhaft auf die Hebung der ganzen Landwirtschaft ein. 
In der Nähe von Friesack wurde das rhin= und havelländische Luch ent- 
wässert und daselbst eine Musterwirtschaft eingerichtet. Auch in den Warthe- 
brüchen wurden einige Kolonien angelegt; als die Forstbeamten nachher 
klagten, daß infolgedessen das Wild, namentlich die wilden Schweine, dort 
sehr abgenommen hätte, schrieb der König auf den Rand der Beschwerde: 
„Besser Menschen als Schweine."“ 
Durch die Einführung des Hufenschosses war auch die Last des Bauern 
etwas erleichtert; dennoch war seine Lage noch traurig genug. Denn er 
war — namentlich in den früher slavischen Gebieten — seinem Gutsherrn 
fast leibeigen geworden, mußte ihm Hand= und Spanndienste leisten, so daß 
er auf seinem eigenen Acker nur morgens früh und abends spät oder wohl 
gar nur am Sonntag arbeiten konnte. Dabei durften er wie auch seine 
Kinder ohne Erlaubnis des Herrn weder fortziehen, noch ein Handwerk er- 
greifen oder eine Ehe schließen. Auch war sein Gutsherr sein Richter, der 
ihn durch Schläge zur Arbeit antreiben oder vom Hofe jagen durfte, falls er 
diesen anders verwerten wollte. Auf den königlichen Domänen standen die 
Bauern unter den oft harten königlichen Beamten. Schon Friedrich I. hatte 
vergeblich versucht, diese „Erbunterthänigkeit“ aufzuheben. Friedrich Wilhelm
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        96 Zweiter Zeitraum. 
erkannte die Gefahr, welche dem Staate durch das Abnehmen, ja Verkommen 
des Bauernstandes drohte. Zuerst schritt er gegen das „Bauernlegen“, d. i. 
die Zusammenlegung des bäuerlichen Besitzes mit dem adligen Gute, ein und 
verlangte, daß die seit 1624 eingezogenen Bauerngüter wieder mit Bauern 
besetzt würden. Dann gebot er, kein Pächter oder Beamter solle sich unter— 
stehen, die Unterthanen bei den Hofdiensten auf dem platten Lande mit 
Peitschen- oder Stockschlägen zu mißhandeln oder zur Arbeit anzutreiben. 
Jeder Ubertreter ward das erstemal mit sechswöchigem Karrenschieben, das 
zweitemal mit dem Strange bestraft. Auch verordnete er, daß die Bauern 
in der Regel wöchentlich nur einen Tag Spanndienste leisten sollten. Ebenso 
schaffte er das von den Beamten oft mißbrauchte Vorspannrecht ab, indem er 
schrieb: „Ich will nicht, daß die Herren Beamten mit meiner Bauern Pferden 
spazieren fahren.“ Auf seinen Domänen — diese umfaßten mehr als ein 
Drittel des ganzen Grundbesitzes — hob er die Hörigkeit auf; zwar scheiterte 
sein Versuch, auch den übrigen Bauern die Freiheit zu geben, an dem Wider- 
stande aller Beteiligten; aber es wurden doch in einzelnen Gegenden auch auf 
den Gütern der Edelleute die Hofdiensttage eingeschränkt, und ein königlicher 
Befehl untersagte es streng, die Bauern ohne rechtlichen Grund vom Gute 
zu jagen. Damit war der Anfang gemacht zu der Befreiung des 
Bauernstandes, der an der Hand des Königtums sich aufzurichten 
begann, aber durch den Unterricht zunächst für die Freiheit fähig 
gemacht werden mußte. 
„Menschen halte ich für den größten Reichtum,“ schrieb der König 
einmal. Um Bauern und Handwerker ins Land zu ziehen, scheute er weder 
Mühe noch Kosten. Die nach Preußen eingewanderten erhielten außer den 
Ländereien freies Brennholz und neun Jahre Befreiung von allen Lasten und 
Abgaben, minder begüterte auch noch bares Geld zur Anschaffung von Vieh, 
Ackergeräten und Saatkorn. Aus Schwaben, der Pfalz, sowie den rheinischen 
und fränkischen Bistümern zogen Evangelische, um ihres Glaubens willen in 
der Heimat bedrängt, mehr und mehr nach Preußen; einwandernde Polen 
wurden zurückgewiesen. Bis 1728 waren 20000 Familien eingewandert, für 
deren Ansiedelung der König fünfzehn Millionen Mark aufwandte. Als um 
diese Zeit der Erzbischof von Salzburg von seinen evangelischen Unterthanen 
verlangte, sie sollten katholisch werden oder auswandern, wobei ihn sogar der 
Kaiser mit Militär unterstützte, nahm sich Friedrich Wilhelm der Bedrängten 
an und erklärte sie für preußische Unterthanen, so daß der Bischof ihnen 
gestatten mußte — was er anfänglich verweigert hatte —, ihre Kinder 
mitzunehmen und ihre Güter zu verkaufen. Preußische Gesandte nahmen sie 
an der Grenze Salzburgs in Empfang und geleiteten sie nach Preußen, wo 
sie überall wie Brüder ausgenommen wurden (1732). Sie wurden Unter den 
Linden in Berlin festlich bewirtet; der König war selber zugegen und rief 
ihnen wiederholt zu: „Ihr sollt es bei mir gut haben, Kinder.“ Zur Unter- 
bringung der Salzburger gab er achtzehn Millionen Mark her; er ordnete 
nicht nur alles selber an, sondern überwachte auch die Ausführung bis ins 
kleinste. „Die Manufakturisten nach der Neumark, die Ackerleute nach Preußen!“ 
so bestimmte er. Für etwa 6000 Kolonisten hatte er Fürsorge getroffen;
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        8. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I 
  
  
  
  
  
  
  
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König Friedrich Wilhelm I. begrüßt die vertriebenen Salzburger. 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 7
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        98 Zweiter Zeitraum. 
als er hörte, daß ihrer viel mehr seien, schrieb er: „Sehr gut! Gottlob! Was 
thut Gott dem brandenburgischen Hause für Gnade! Denn dieses gewiß von 
Gott kommt!“ Im ganzen kamen 20000 Salzburger, von denen 15500 
nach Preußen zogen und 12000 auf Staatskosten angesiedelt wurden. Den 
Gewerbetreibenden wurden in Gumbinnen, Darkehmen und anderen litanischen 
Städten auf Staatskosten Häuser erbaut; die Bauern erhielten Acker, Häuser, 
Vieh, Geräte und Korn. Es empfing z. B B. der Vollbauer außer Haus und 
Hof: vier Pferde, vier Ochsen, drei Kühe, Wagen, Pflug und Egge, Pferde- 
geschirr, eine Sense, sechzig Scheffel Roggen, achtzehn Scheffel Gerste, vierzig 
Scheffel Hafer und zwei Scheffel Erbsen zur Aussaat. So wurde Litauen 
in ein blühendes Land verwandelt; sechs Städte (Stallupönen, Darkehmen, 
Ragnit, Gumbinnen, Pillkallen und Schirwindt) wurden neu gegründet, sechs 
andere fast ganz wieder aufgebaut, 49 Domänengüter und 332 Dörfer neu 
angelegt, 60000 Hufen neu besiedelt. Als der Kronprinz, der spätere Friedrich 
der Große, 1739 als Stellvertreter des erkrankten Königs dies Land besuchte 
und mit Erstaunen wahrnahm, wie sein Vater eine fast menschenleere Wüste 
in eine blühende Provinz umgeschaffen hatte, erkannte er die großen Verdienste 
desselben. In Gumbinnen, inmitten seiner großartigen Schöpfungen, ist 
Friedrich Wilhelm mit Recht ein Denkmal gesetzt, dessen Sockel die Inschrift 
trägt: „Friedrich Wilhelm I., Litauens Wiederhersteller, Gumbinnens Gründer.“ 
Die Städte hatten nicht nur an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges 
noch schwer zu tragen, sondern auch unter einer schlechten Verwaltung zu 
leiden. Wenige patrizische Familien hatten die städtischen Amter in ihre Ge- 
walt gebracht und suchten jeden anderen davon fern zu halten; durch Aus- 
nutzung städtischer Gerechtsame, wie Jagd, Fischerei, Holzung und Weide, 
ja selbst durch grobe Unterschleife bereicherten sie sich. Um möglichst vielen 
diesen Vorteil zuzuwenden, errichteten sie immer neue Amter; so hatte Berlin 
1705 bei 55000 Einwohnern 75 Bürgermeister und Natsherren. Trotzdem 
wurden die Geschäfte von Jahr zu Jahr verschleppt, die Rechnungen nicht 
abgenommen, die Rechtspflege, besonders die Straßen= und Feuerpolizei, 
mangelhaft verwaltet. Fast alle Städte waren tief verschuldet; Handel und 
Gewerbe stockte, selbst die Leinen= und Eisenindustrie in den westlichen Provinzen 
krankte. In Stendal lagen 1721 noch 365, in Salzwedel 191 wüste Stellen. 
Friedrich Wilhelm griff auch hier rücksichtslos ein. Er ließ durch strenge 
Untersuchung das ÜUbel aufdecken, dann traf er Maßregeln zur Besserung. 
Die Städte wurden unter die Aufsicht der Provinzialverwaltung gestellt; 
die Zahl der Natsmitglieder wurde auf das Notwendige beschränkt, neue Mit- 
glieder ernannte der König auf Vorschlag des Rats, aber aus allen Ständen. 
Neben dem Rat wurde wieder ein Bürgerausschuß eingesetzt. Jährlich mußte 
ein städtischer Etat, d. i. ein Voranschlag über Einnahmen und Ausgaben, 
aufgesetzt und die Jahresrechnung genau geprüft werden. Die ständische Steuer- 
verwaltung (S. 50) wurde aufgehoben und das gesamte Polizeiwesen neu ge- 
ordnet. Weil der König zu den Soldaten das größte Vertrauen hatte, zwang 
er die Städte, viele ihrer Amter mit Soldaten zu besetzen. 
Um die Einwohnerzahl der Städte zu mehren, gewährte der König 
einwandernden Handwerkern Ersatz der Reisekosten, Steuer-Freijahre sowie
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm J. 99 
unentgeltliches Bürger= und Meisterrecht. Demjenigen, welcher eine wüste 
Stätte bebante, schenkte er das Bauholz, ½ bis ¼ der Baukosten und sechs 
bis acht Jahre Befreiung von allen Lasten. Infolgedessen wurden viele ganz 
oder teilweise zerstörte Städte, wie Krossen, Köslin, Stettin, Wittstock, Stendal, 
Iserlohn und Unna, neu und schöner wieder ausgebaut. Am meisten that 
Friedrich Wilhelm für Berlin, indem er wohlhabenden Beamten und Bürgern 
befahl, dort Häuser zu errichten. Auf Bittschriften um Erlaß des Baues 
schrieb er wohl: „Der Kerl hat Geld, soll bauen.“ Der neue Stadtteil, die 
Friedrichstadt (S. 80), wurde damals fertig, und die Einwohnerzahl Berlins 
hob sich unter seiner Regierung auf 100000. Des Königs Lieblingssitz war 
Potsdam, wo sein Leibregiment lag; in keiner anderen Stadt hat er so viel 
gebant und so viele Bauten unterstützt wie dort. Die Einwohnerzahl stieg 
unter ihm von 2000 auf 20000. 
Bisher hatte der Aufwand des Hofes dem Gewerbe mancherlei Nahrung 
gegeben; von jetzt ab sollte dies durch das Heer geschehen. Schon am 
Tage nach der feierlichen Beisetzung seines Vaters befahl Friedrich Wilhelm, 
den ganzen Bedarf für die Ausrüstung des Heeres im Lande zu kaufen. Da 
sah man erst, wie tief das heimische Gewerbe gesunken war: alle im Inlande 
gefertigten Waren waren schlechter und teurer, als die vom Auslande be- 
zogenen; aber der König ließ sich nicht irre machen. Er erließ Handwerker- 
ordnungen, um den abgestorbenen Zünften neues Leben einzuhauchen, Industrie- 
und Handelsvorschriften und setzte Fabrikinspektoren und Schaumeister ein, 
welche die genaue Ausführung derselben überwachen mußten. In Berlin 
errichtete er durch den Kaufmann Kraut das „Lagerhaus“, eine große Woll- 
spinnerei und Weberei. Er schenkte dem Unternehmer dazu ein Gebände 
sowie große Geldsummen und unterstützte ihn durch verschiedene Verordnungen, 
ganz besonders aber durch Abnahme der Tuche. Sämtliche inländische Wolle 
mußte dem Lagerhause verkauft werden, und damit es das erforderliche 
Garn erhielt, sollten die auf den Straßen und Märkten sitzenden Hökerinnen 
und andere Händlerinnen „nicht Maulaffen feil halten, sondern Wolle und 
Flachs spinnen, stricken und nähen". Nach zwei Jahren konnten die Tücher 
des Lagerhauses nicht nur an Güte und Preis mit den fremden wetteifern, 
sondern gingen sogar schon ins Ausland, nach Schweden und Rußland. Noch 
größer war der Nutzen, daß so viele kleine Leute Berlins im Lagerhause 
Verdienst fanden und daß das Geld für die Bekleidung der Armce im Lande 
blieb. „Kein Geld außer Landes!“ war nach des Königs Ansicht „der Stein 
der Weisen“; deshalb vermehrte er die Einfuhrverbote und duldete bei den 
Bürgern, Beamten, Offizieren und am Hofe keine fremdländischen Waren. 
Für den auswärtigen Handel bildete sich in Berlin eine Handelsgesellschaft, 
die einen einträglichen Handel mit Rußland betrieb und fünfzehn Jahre lang 
die Tuche für die Bekleidung der russischen Armee lieferte. Berlin zählte 1740 
über 2000 Tuchmachermeister. Der Förderung des Handels diente auch die 
große Sorgfalt, welche der König auf die Land= und Wasserstraßen, die 
pünktliche Innehaltung der Postfahrten (S. 93) und die Einrichtung neuer 
Postlinien, besonders in Pommern und Preußen, verwandte. Dagegen erschienen 
dem auf das unmittelbar Nützliche gerichteten Sinne des Königs die von dem 
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        100 Zweiter Zeitraum. 
Großen Kurfürsten in Westafrika angelegten Kolonien um so mehr wertlos, 
da sie, von seinem Vater nicht unterstützt, einen jährlichen Zuschuß erforderten 
und sich nur mit Mühe den Anfeindungen Hollands, Englands und Spaniens 
gegenüber behaupten konnten. Friedrich Wilhelm verkaufte sie deshalb an 
die Niederländer, die sie allerdings den treuen Negern erst mit Gewalt ab— 
nehmen mußten. 
Die Rechtspflege litt damals nicht nur in den Städten (S. 57), sondern 
auch in den staatlichen Gerichtshöfen an der Unfähigkeit der Richter und 
der Unlauterkeit der Advokaten, an einer Weitschweifigkeit und Kostspieligkeit 
des Verfahrens sowie an einer großen Verschiedenheit und Unsicherheit der 
Gesetze. Deshalb beauftragte Friedrich Wilhelm gleich beim Antritt seiner 
Regierung einen seiner Geheimräte, einen Vorschlag zur Besserung der Rechts— 
pflege auszuarbeiten. „Es ist mein Wille,“ schrieb er, „daß die Justiz in 
allen meinen Landen schnell, unparteiisch, mit reinen Händen, gleich für arm 
und reich, hoch und niedrig administriert werde.“ Als der Beamte seine 
Aufgabe aber nicht schnell genug löste, drohte ihm der König mit Strafen 
und schrieb: „Ich muß leider so streng sprechen, weil die schlimme Justiz gen 
Himmel schreit und, wenn ich es nicht remediere, ich selbst die Verantwortung 
auf mich lade.“ Bald nachher erschienen auch einige Erlasse zur „Ordnung 
und Besserung des Justizwesens“. Der Gang der Prozesse ward beschleunigt, 
der Gebrauch der Folter eingeschränkt, die Hexenprozesse wurden verboten; 
aus dem Richter= und Advokatenstande wurden die unwürdigen Glieder ent- 
fernt, die Gerichtssporteln ermäßigt. Aber die Hoffnung, ein preußisches Land- 
recht zu schaffen, sollte dem Könige nicht erfüllt werden. Als er (1737) 
den berühmten Rechtsgelehrten Samuel v. Cocceji an die Spitze der Justiz- 
verwaltung stellte, beauftragte er ihn, auch dafür zu sorgen, daß ein be- 
ständiges und ewiges Landrecht verfertigt, das römische Recht aber abgeschafft 
werde. Die Arbeit wurde zwar aufgenommen, doch erst unter dem folgenden 
Könige beendet. 
Friedrich Wilhelm wollte, daß jedem möglichst schnell, am liebsten gleich 
auf der Stelle sein Recht geschehe; deshalb griff er auch häufig in den 
Gang der Prozesse ein und entschied nach seiner Uberzeugung. Auch ver- 
langte er, daß alle Urteile über Vergehen und Verbrechen, die Leib und 
Leben, Ehre und Gut angingen, ihm zur Bestätigung vorgelegt würden. Er 
milderte diese Urteile nie, verschärfte sie meistens. Totschläger begnadigte 
er niemals. Hausdiebe, welche über 150 Mark gestohlen und durch Einbruch 
oder Einsteigen einen Diebstahl verübt hatten, wurden vor der Thür des 
Bestohlenen aufgehängt. Dabei richtete der König aber ohne Ansehen der 
Personen und ließ z. B. einen adligen Nat, der bei der Unterbringung der 
Salzburger Geld unterschlagen hatte, aufhängen. Die Rechtsanwälte mochte 
er nicht leiden, weil die nach seiner Meinung das Unrecht in Recht verdrehten. 
In Minden wohnte er einst einer Gerichtssitzung bei. Als der Rechtsanwalt 
der ersten Partei geendet hatte, rief der König: „Der Kerl hat recht!“ Darauf 
redete der Rechtsanwalt der Gegenpartei so geschickt, daß der König mit den 
Worten: „Der Kerl hat auch recht!“ aufsprang und ärgerlich den Saal 
verließ.
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I. 101 
Alle Unordnung, Tagedieberei und liederliches Wesen waren dem König 
ein Greuel. Deshalb verbesserte er die Polizei, besonders in den Städten; 
in Berlin spielte er auch selber den Polizeimeister. Nichts entging seinen 
Augen, wenn er durch die Straßen wanderte oder fuhr: er achtete darauf, 
ob die Straßen sauber, ob Brunnen und Löschwerkzeuge in Ordnung waren; 
jeder wurde scharf gemustert und, falls etwas an ihm mißfiel, verhört oder 
vom Könige wohl gar eigenhändig gestraft. Deshalb gingen ihm alle, welche 
kein gutes Gewissen hatten, aus dem Wege. Als der König einst einen solchen 
Flüchtling fragte: „Warum läufst du davon?“ erhielt er die Antwort: „Weil 
ich mich vor Ew. Majestät fürchte.“ Da rief der König zornig: „Ihr sollt 
mich nicht fürchten, lieben sollt ihr mich!“ und dabei bleuete er dem Menschen 
den Rücken. Aber die Berliner gewöhnten sich an Ordnung und Reinlich- 
keit auf den Straßen, die von Müßiggängern und Bettlern allmählich ge- 
säubert wurden. Taugenichtse wurden auf scharfkantige Esel gesetzt oder in 
spanischem Mantel an den Pranger gestellt, Trunkenbolde, leichtsinnige Banke- 
rottmacher, Verschwender und liederliches Gesindel in die Zuchthäuser gesteckt. 
Gegen die Verfälschung von Wein, Bier und Tabak wurden strenge Gesetze 
erlassen und die Preise für Fleisch, Brot und Bier alljährlich festgesetzt, wo- 
durch besonders der kleine Mann vor Uberteuerung geschützt wurde. Aus 
demselben Grunde ließ der König auch in wohlfeilen Zeiten Getreide in großer 
Menge aufkaufen und in Zeiten der Teuerung den ärmeren Leuten zu billigem 
Preise wieder austeilen. I 
Schon 1717 führte Friedrich Wilhelm die allgemeine Schulpflicht 
in Preußen ein, indem er durch ein General-Edikt verordnete, „daß hinkünftig 
an denen Orten, wo Schulen seien, die Eltern bei nachdrücklicher Strafe ge- 
halten sein sollen, ihre Kinder gen Zwey Dreyer wöchentliches Schulgeld von 
einem jeden Kinde im Winter täglich und im Sommer, wenn die Eltern die 
Kinder bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein= oder zweimal 
die Woche, damit sie dasjenige, was im Winter erlernt worden, nicht gänz- 
lich vergessen mögen, in die Schule zu schicken“. Doch in den meisten Dörfern 
gab es weder Lehrer noch Schulhäuser; auch Seminare für Volksschullehrer 
waren nicht vorhanden. Aber sehr viele Pfarrer Preußens waren Schüler 
Franuckes und hatten in dessen Anstalten das Unterrichten gelernt. Sie waren 
also befähigt, „die Aufsicht über die Schulmeister in allen das Lehramt und 
Leben angehenden Fällen zu führen und die Weise, zu informieren, ihnen 
vorzuschreiben“. Die Superintendenten und Pröpste wurden angewiesen, „sich 
der Präparation tüchtiger Schulmeister anzunehmen“", und in Stettin (1735) 
sowie im Kloster Bergen bei Magdeburg begann man mit der Einrichtung 
eines Seminars. In den königlichen Dörfern stattete der König die nen 
zu errichtenden Schulstellen mit Grund und Boden aus; die Gutsherren aber 
hatten selten Lust, zu den kirchlichen auch noch Schullasten zu übernehmen. 
Als der König 1718 nach Ostpreußen kam, fand er „das Landvolk in einem 
höchst deplorablen Zustande in Ansehung alles Wissens und Thuns“. Aber 
er ließ nicht nach. „Wenn ich baue,“ so schrieb er, „und verbessere das 
Land und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts.“ Die Säumigen 
und Widerstrebenden zwang er, zur Unterstützung bedürftiger Gemeinden
        <pb n="108" />
        102 Zweiter Zeitraum. 
stiftete er einen Schulfonds (mons pietatis) von 150000 Mark; in Berlin 
und Potsdam legte er großartige Waisenhänser an und schenkte für die Schulen 
der Salzburger Vertriebenen 450 000 Mark. Durch die Principia Regulativa. 
von 1736 gab er Anweisung, wie die Mittel zum Bau und zur Einrichtung 
einer Schule, sowie zum Unterhalt des Lehrers aufzubringen seien. Allein 
in Ostpreußen wurden unter Friedrich Wilhelm (bis 1738) 1130 neue Schulen 
eingerichtet. Wenn es nur irgend die Zeit gestattete, besuchte er auf seinen 
vielen Reisen in den Dörfern, durch welche ihn sein Weg führte, auch die 
Schulen; ja er wußte um den Unterricht so gut Bescheid, daß er einst an der 
Tafel seinen Gästen auseinandersetzte, wie die Kinder nach neuer Methode 
das Lesen ohne Buchstabieren lernen könnten. Bei allen Regimentern mußten 
die Feldprediger Schule halten und dafür sorgen, daß die Rekruten im Lesen, 
Schreiben und im Christentum unterrichtet wurden. 
Für Kunst und Wissenschaft hatte der König dagegen nur geringes 
Interesse. Von den Wissenschaften schätzte er nur die, welche für das prak- 
tische Leben von handgreiflichem Nutzen waren, die Theologie und die Medizin. 
Der Akademie übertrug er die Ausbildung der Militärärzte. An den Uni- 
versitäten Halle, Frankfurt a. d. O. und Königsberg errichtete er neue Pro- 
fessnren für alle Zweige der Verwaltung, für Ingenieurwesen und Mechanik. 
Unter den Künsten stand die Malerei bei ihm einigermaßen in Ansehen; wenn 
er, von Gichtschmerzen geplagt, daheim sitzen mußte, versuchte er sich sogar selber 
in dieser Kunst, und manches von ihm gemalte Bild mit der Unterschrift 
„In tormentis pingit F. W.“ (Unter Schmerzen gemalt) ist noch erhalten. 
Von den Künstlern ließ er fast nur Bildnisse seiner Familie und seiner 
„lieben blauen Kinder“ anfertigen. Er hat auch viel gebaut, aber keine 
prunkvollen Schlösser, sondern Festungen, Kasernen, Schulen, Kirchen, Armen- 
und Krankenhäuser, alles dauerhaft und ohne Schmuck. Während er der 
Akademie nur einmal eine kleine Summe schenkte, stiftete er aus Mitleid 
mit den Kranken und Armen in Berlin ein großes Krankenhaus, die Charité. 
Friedrich Wilhelm war dem Glauben seiner Kirche aufrichtig zugethan. 
Er besuchte regelmäßig den Gottesdienst und verlangte dasselbe von seiner 
Familie, seinen Beamten und Offizieren; auch für die Soldaten richtete er 
einen geordneten Gottesdienst ein und ließ unter sie, wie auch unter Arme, 
Erbaunngsschriften verteilen. Alle Kopfhängerei und Zänkerei über Religion 
war ihm zuwider; Francke und andere werkthätige Geistliche waren Männer 
nach seinem Herzen. Er selbst hat werkthätiges Christentum bewiesen durch 
seine unermüdliche Arbeit für alle Stände und als Vorkämpfer des Evan- 
geliums durch seine mutige und standhafte Beschützung seiner Glaubensbrüder. 
Auch er bemühte sich, aber vergebens, die beiden evangelischen Bekenntnisse 
zu vereinigen; er hielt die Gegensätze der beiden für Predigergezänk, duldete 
nicht das gegenseitige Verketzern und behandelte beide unpartetisch, gestattete 
seiner Gemahlin, lutherisch zu bleiben, und ließ seine Kinder von Geistlichen 
beider Bekenntnisse prüfen. Die katholischen Unterthanen ließ der König 
unbehelligt; doch wollte er die Jesuiten nicht im Lande haben. Wie er sich 
der lutherischen Salzburger annahm, legte er auch wiederholt beim Kaiser 
Fürsprache für dessen cvangelische Unterthanen in Ungarn und Schlesien ein,
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        3. Die innere Festigung. durch Friedrich Wilhelm I. 103 
doch meistens ohne Erfolg. Am meisten schmerzte ihn das Blutbad, welches 
die Polen 1724 in Thorn unter den Evangelischen anrichteten. Diese Stadt 
war evangelisch, doch fand sich dort ein Jesuitenkloster. Als bei einer Pro- 
zession die Zöglinge desselben einige zuschauende Bürger gröblich mißhandelten, 
stürmten die erbitterten Bürger das Kloster und zerstörten einiges Hausgerät. 
Dafür mußten die Evangelischen nicht nur harte Geldbuße zahlen, sondern 
verloren auch die einzige ihnen noch gebliebene Kirche, und zehn der ange- 
sehensten evangelischen Bürger wurden mit dem Tode bestraft. 
3. Muswärtige Derhälknisse. 
Auf die auswärtigen Verhältnisse verstand sich Friedrich Wilhelm 
nicht so gut wie auf die inneren; er war zu offen und ehrlich, um zu heucheln, 
daher wurde er von den fremden Diplomaten leicht und oft hintergangen. 
Er selber sagte über die Beschäftigung mit der äußeren Politik: „Ich wollte, 
ich wärc dieser Teufelsgeschichten frei, weil sie mich von den Dingen abziehen, 
die mir nützlicher sind.“ Da ihm alle Ausländerei verhaßt war, hatte es 
der kaiserliche Gesandte, Graf Seckendorf, und der vom Kaiser bestochene 
Gencral Grumbkow leicht, ihn fast immer auf habsburgischer Seite festzu- 
halten, um so mehr, da der Kaiser ihn stets mit der Aussicht auf Jülich und 
Berg lockte, das infolge des Kleveschen Erbvergleichs von 1666 nach dem 
Aussterben des Hauses Pfalz-Neuburg an Preußen fallen mußte. Beim 
Begiun der Regierung Friedrich Wilhelms war der Spanische Erbfolgekrieg 
noch nicht beendet; im Frieden zu Utrecht erhielt Preußen trotz aller Opfer 
nur Obergeldern und zwar als Ersatz für die in Frankreich liegenden Teile 
der oranischen Erbschaft. Einen besseren Gewinn machte Friedrich Wilhelm 
im Nordischen Kriege (1700—1721). Nachdem der jugendliche Schweden- 
könig seine Gegner, den Dänenkönig, Peter den Großen von Rußland und 
August den Starken von Polen und Sachsen, besiegt hatte, erlitt er bei Pultawa 
in der Ukraine eine schwere Niederlage und flüchtete nach der Türkei. Während 
er dort in fruchtlosem Trotz fünf Jahre vergeudete, fielen seine Feinde über 
sein Land her; zu ihnen gesellten sich jetzt auch noch Preußen und Hannover. 
Friedrich Wilhelm I. hatte nämlich 1713 mit Peter dem Großen und 
dessen Verbündeten den Vertrag zu Schwedt geschlossen, in welchem diese 
ihm gegen Ersatz der Kriegskosten das von ihnen eroberte Stettin in Ver- 
wahrung gaben. Als nun Karl XII. endlich aus der Türkei zurückkehrte, 
forderte er die wichtige Festung zurück; von einer Entschädigung für Friedrich 
Wilhelm wollte er aber nichts wissen. Da griffen auch die Preußen unter 
Führung Leopolds von Dessau zu den Waffen und eroberten im Bunde 
mit den Dänen Rügen und Stralsund; nur mit genauer Not entkam Karl 
nach Schweden. Im Frieden erhielt Hannover 1719 die Gebiete der früheren 
Bistümer Bremen und Verden, Preußen 1720 Stettin und alles Land 
zwischen Oder und Peene nebst den Inseln Usedom und Wollin, so daß es jetzt 
„einen Fuß am Meere hatte und am Commercio der Welt Anteil nehmen konnte“. 
Pommern (po more d. i. am Meere), ursprünglich von der Recknitz bis zur 
Weichsel reichend, war wie Brandenburg einst von Wenden bewohnt und wurde durch 
die Predigt des Bischofs Otto von Bamberg (1124) und das Schwert Heinrichs des
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        104 Zweiter Zeitraum. 
Löwen für das Christentum und das Deutschtum gewonnen. Das erste Bistum des 
Landes war Julin, das später nach Kammin verlegt wurde. Zahlreiche deutsche An- 
iedler, meistens aus Niedersachsen, ließen sich im Lande nieder und besetzten es um 
o dichter, je näher es der Heimat lag; im Osten kämpft das Deutschtum noch heute 
mit dem Polentum. Die Deutschen fanden ihren besten Halt in den befestigten Städten, 
z. B. in Stettin, Stralsund, Stargard und Greifswald, die entweder von vornherein 
von Deutschen gegründet wurden oder doch ihr slavisches Gewand bald ablegten, 
und in den Klöstern, deren wichtigstes die Cisterzienser-Abtei Eldena bei Greifswald 
war. Die eingeborenen Fürsten ließen sich schon 1181 als deutsche Reichsfürsten in 
den Reichsverband aufnehmen. Die von Heinrich dem Löwen beanspruchte Lehns- 
hoheit über Pommern erbten mit seinem Sturze die Askanier, nach ihnen die Hohen- 
  
  
  
  
  
Einnahme von Rügen. 
zollern; aber die zähen, kriegstüchtigen Pommern behaupteten im ganzen allen An- 
grisfen der Nachbarn gegenüber ihre Selbständigkeit, und im Vertrage zu Grimnitz 
(1529) mußte Joachim I. sich mit dem Erbrecht begnügen (S. 29). Fast 200 Jahre 
war das herzogliche Haus in zwei Linien, Wolgast und Stettin, gespalten, bis 
Bogislaw X. (1478—1523) das ganze Land wieder vereinigte. Früh des Vaters 
beraubt und von seiner Mutter vernachlässigt, wurde er von einem Bauern erzogen. 
Er unterdrückte die Wegelagerei und das grausame Strandrecht und verschaffte den 
Gesetzen wieder Gehorsam. Der Reformation war er abgeneigt; um so rascher breitete 
sie sich nach seinem Tode unter der vorsichtigen Leitung Dr. Bugenhagens aus. Schon 
seit 1456 besaß das Land in Greifswald eine Universität. Bald nach Bogislaws 
Tode spaltete sich das Herzogshaus wieder in zwei Linien, die aber während des 
Dreißigjährigen Krieges beide ausstarben; doch vermochte der Große Kurfürst damals 
nur Hinterpommern zu gewinnen (S. 52).
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm J. 105 
Obwohl Preußen eine der besten Armeen der Welt besaß, hütete der 
König sich soviel wie möglich vor einem Kriege; aber kaum war der Nordische 
beendet, so drohte ein neuer, größerer. Kaiser Karl VI. hatte keinen Sohn 
und suchte deshalb durch ein Hausgesetz, die pragmatische Sanktion, 
seiner Tochter Maria Theresia die Nachfolge in allen österreichischen Ländern 
zu sichern. Spanien hatte er bereits gewonnen; denn es war eine Verlobung 
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wobei diese beiden 
versprachen, dahin 
wirken zu wollen, Das Mühlenthor in Stargard. 
daß Jülich und 
Berg beim Aussterben der Linie Pfalz-Neuburg an Preußen käme. Die Anhänger 
der kaiserlichen Partei, Leopold von Dessan und Grumbkow, redeten dem König 
ein, daß das Herrenhäuser Bündnis auf einen Angriff berechnet sei, dessen Kosten 
er vornehmlich zu tragen haben werde. Dem kaiserlichen Gesandten Seckendorf 
fiel es dann nicht schwer, ihn wieder auf die Seite des Kaisers zu ziehen. Beide 
schlossen 1726 den Vertrag zu Wusterhausen, in welchem sie sich gegenseitig 
ihren Besitzstand gewährleisteten, wobei Friedrich Wilhelm die pragmatische 
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        106 Zweiter Zeitraum. 
Sanktion anerkannte, während der Kaiser ihm versprach, ihm bei der Erwerbung 
von Berg helfen zu wollen, obwohl er dasselbe kurz zuvor auch dem Pfalzgrafen 
von Sulzbach versprochen hatte. Die Engländer und Franzosen schwuren 
Preußen Rache; Friedrich Wilhelm aber fürchtete sich nicht. „Kein Engländer 
und Franzose,“ sagte er, „soll über uns Deutsche gebieten, und meinen Kindern 
will ich Pistolen und Degen in die Wiege geben, daß sie die fremden Nationen 
aus Deutschland helfen abhalten. Wenn die Franzosen ein Dorf in Deutschland 
attaquierten, so müßte das ein Conjon von einem deutschen Fürsten sein, welcher 
nicht den letzten Blutstropfen daran wagte, sich dagegen zu setzen.“ Im 
Polnischen Erbfolgekriege, in welchem die Kaiser von Deutschland und 
von Rußland August III., dem Sohne des 1733 verstorbenen August II., 
des Starken, die polnische Krone sicherten, mußte Friedrich Wilhelm für den 
Kaiser auch noch das Schwert ziehen; aber trotzdem hinterging ihn dieser, 
indem er sogar mit Frankreich einen Vertrag schloß, wonach Jülich und Berg 
demnächst an Pfalz-Sulzbach fallen sollte. Entrüstet rief Friedrich Wilhelm 
aus: „Der Kaiser traktiert mich und alle Reichsfürsten wie Schubjaks, was 
ich gewiß nicht verdient habe,“ und, indem er auf den Kronprinzen zeigte: 
„Da steht einer, der mich rächen wird.“ Der Kaiser hatte selber den mit 
Preußen geschlossenen Vertrag gebrochen; Friedrich Wilhelm und sein Nachfolger 
hatten daher freic Hand. 
4. Jriedrich Willzelms Tebensweise, Jamilie und Ende. 
Da der König sich um alles kümmerte — selbst die Küchenrechnungen 
seines Haushaltes sah er durch —, so mußte er die Zeit aufs sorgfältigste 
ausnutzen. Im Sommer stand er um 4, im Winter um 5 Uhr auf, las 
seinen Morgensegen und ging an die Arbeit. Eine Stunde später traten 
seine Räte mit ihren Sekretären herein, öffneten die über Nacht eingegangenen 
Schreiben und lasen sie dem König vor, der dann bestimmte, was auf jedes 
derselben geantwortet werden sollte, oft auch wohl ein paar kurze Worte auf 
den Rand schrieb. Darauf arbeitete der König mit den Ministern und 
Generalen; um 10 Uhr ging er zur Parade und in den Marstall. Schlag 
12 Uhr begann die Mittagsmahlzeit, bei der es einfache, aber kräftige Haus- 
mannskost gab; nur bei fürstlichen Besuchen mußte der Küchenzettel reich- 
haltiger sein. Auf seinen Jagdausflügen speiste der König oft und mit Vorliebe 
an der einfachen Tafel des Landmanns. Nach aufgehobener Tafel machte er 
gern einen Spaziergang oder eine Spazierfahrt durch die Stadt, besah Neu- 
bauten, Straßenanlagen, Gärten und Felder, wobei er sich auch von dem 
einfachsten Manne sprechen ließ. Nach seiner Rückkehr erledigte er wieder 
Regierungsgeschäfte und begab sich dann am liebsten in das Tabaks- 
kollegium, eine kleine Gesellschaft von Generalen, Ministern, Räten, in der 
jede Förmlichkeit beiseite gesetzt war, die Unterhaltung bei einem Glase Bier 
und einer Pfeife Tabak sich in zwanglosester Weise bewegte, aber auch der 
Scherz in seiner derbsten Art gestattet war. Den Abend widmete der König 
seiner Familie. 
Friedrich Wilhelm war ein Muster ehelicher Treue; mit Strenge hielt 
er an seinem Hofe und in seinem Lande auf Zucht und gute Sitte; die unter
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Der König. Der Kronprinz. Fllst Leopotd von 
Friedrich Wilhelm I. im Tabakskollegium. Anhalt-Dessau. 
3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I. 
107
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        108 Zweiter Zeitraum. 
dem Einflusse Ludwigs XIV. auch an deutschen Fürstenhöfen immer mehr 
überhand nehmende Sittenlosigkeit war ihm ein Greuel. Alle Sinnenlust 
mied er, den Besuch der Komödie hielt er für Sünde, und selbst das Jagd- 
vergnügen, dem er sich gern hingab, verursachte ihm oft Gewissensbisse. Von 
Kunstgenüssen und Festlichkeiten anderer Höfe war bei Friedrich Wilhelm nicht 
die Rede; sein Haushalt war schlicht und knapp. 
Mit besonderer Sorgfalt überwachte der K König die Erziehung des Kron- 
prinzen Friedrich (geb. 24. Jan. 1712). Seine erste Lehrerin wurde neben 
der fein gebildeten Königin die Frau von Rocoulle, die auch den König er- 
zogen hatte; später erhielt er Duhan de Jandun, den Sohn eines französischen 
Emigranten, zum Erzieher und Lehrer, während die militärische Ausbildung 
von zwei Offizieren geleitet wurde. Fritz sollte ein frommer Christ, ein 
sparsamer Hausvater und ein tüchtiger Soldat werden, die Furcht Gottes und 
die Ehrfurcht vor den Eltern sich unverlierbar aneignen, von den Wissenschaften 
aber nur das Notwendigste lernen: deutsche und französische Sprache, aber 
nicht die lateinische, die ältere Geschichte nur oberflächlich, die neuere, namentlich 
die brandenburgische, die Mathematik, Okonomie und die Arlillerie aber aus 
dem Grunde. „Die Geschichte der Griechen und Römer,“ meinte der König, 
„muß wegbleiben, sie taugt gar nichts.“ Daneben suchte der König die Ge— 
sundheit Friedrichs durch Reiten, Fechten, Jagen und Exerzieren zu stärken 
und die Liebe für das Militär in ihm zu wecken. Am liebsten wäre es ihm 
gewesen, wenn Friedrich in allen Stücken ihm nachgeartet wäre. 
Der Kronprinz war aber ganz anders veranlagt als sein Vater: auf ihn 
schien etwas von dem Geiste seiner Großmutter, der für Kunst und Wissenschaft 
so empfänglichen Sophie Charlotte, vererbt zu sein. Gegen das nüchterne, 
strenge Wesen seines Vaters, die bürgerliche Einfachheit und die spartanische 
Zucht des Hofes empfand er Abneigung, die von seiner älteren Schwester 
Wilhelmine, auch wohl von der Königin selber genährt wurde. Weder das 
Drillen der Soldaten, noch die Jagd, die er ein rohes Vergnügen nannte, 
noch auch die Unterhaltung im Tabakskollegium gefielen ihm; viel lieber zog 
er den Soldatenrock, den er seinen Sterbekittel nannte, aus, legte französische 
Kleidung an und beschäftigte sich mit Büchern oder blies die Flöte. „Fritz 
ist ein Querpfeifer und Poet,“ klagte der König; „er macht sich nichts aus 
den Soldaten und wird mir meine ganze Arbeit verderben.“ Noch mehr 
schmerzte es den König, daß der Kronprinz auf unsittliche Abwege geriet und 
seinen Vater darüber zu täuschen suchte. Verschlimmert wurde die Miß- 
stimmung des Königs durch die von der Königin so sehr gewünschte 
englische Heirat. Friedrich Wilhelm hatte anfänglich dagegen nichts ein- 
zuwenden, verlangte aber, daß die Politik dabei ganz aus dem Spiele bleiben 
solle, weil er fürchtete, Preußen werde durch die Vermählung seines zukünftigen 
Königs mit einer englischen Prinzessin zu sehr von England abhängig werden. 
Der Kaiserhof suchte diese Heirat zu hintertreiben. UÜberdies meinte der König, 
Friedrich sei für eine Eheschließung noch zu jung und unselbständig; deshalb 
lehnte er den englischen Antrag ab, die Königin aber und ihre beiden ältesten 
Kinder suchten hinter seinem Rücken die Verbindung mit dem englischen Hofe 
aufrecht zu erhalten. Das erbitterte den König. Auch wurde ihm hinter-
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        3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm I. 109 
bracht, daß Friedrich sich über des Königs Regierung mißbilligend ausgesprochen 
habe, leichtsinnig Schulden mache und selbst die Grundlehren der Religion 
nicht anerkenne. Er war untröstlich und suchte durch verschärfte Strenge den 
Sohn auf den rechten Weg zurückzubringen, war aber in seinen Zornes- 
ausbrüchen oft maßlos, so daß er den bereits volljährigen Prinzen bei gering- 
fügigem Anlaß beschimpfte und schlug. Dieser unwürdigen Behandlung beschloß 
Friedrich sich mit Hilfe seiner Vertrauten Keith und Katte durch die Flucht 
nach England zu entziehen. Als er 1730 seinen Vater auf einer Reise nach 
Süddeutschland begleiten mußte, versuchte er in der Nähe von Mannheim 
auf französisches Gebiet zu entkommen. Doch der Fluchtversuch mißlang. 
Friedrich wurde als Gefangener nach Küstrin gebracht, wo Katte wegen Hoch- 
verrats hingerichtet wurde, während Keith rechtzeitig entkommen war. Auch 
Friedrich wurde vor ein Kriegsgericht gestellt; doch dieses erklärte sich nicht 
für berechtigt, über den Kronprinzen zu urteilen. Als nun mehrere Fürsten 
für ihn um Gnade baten, ließ der König Gnade für Recht ergehen. Der 
Kronprinz wurde aus dem strengen Arrest entlassen, durfte in der Stadt frei 
umhergehen, mußte aber täglich sieben Stunden auf der Domänenkammer 
arbeiten und abends sich von dem Präsidenten der Kammer über Verwaltungs- 
sachen belehren lassen; er beschäftigte sich hauptsächlich mit Finanzwesen, Land- 
wirtschaft und Handelslehre, entwarf Berichte und machte Anschläge über 
Verbesserung und Ausnutzung von Grund und Boden. So wurde das Jahr 
in Küstrin für ihn von großem Segen. Der König freute sich darüber, daß 
Friedrich seine Lehrzeit mit solchem Ernste ausnutzte, noch mehr aber darüber, 
daß er sich auch für geistlichen Zuspruch empfänglich zeigte. Deshalb beschloß 
er, ihn auf einer Reise nach Königsberg in Küstrin zu sehen. Er hielt ihm 
sein Unrecht in ernsten Worten vor; als dann Friedrich ihm weinend zu 
Füßen sank, erhielt er Verzeihung und die Erlaubnis, von jetzt an in Be- 
gleitung erfahrener Männer Ausflüge in die Umgegend von Küstrin zu unter- 
nehmen, um sich über Ackerbau, Viehzucht und Brauwesen zu unterrichten. 
Seine volle Freiheit erhielt er erst zurück, nachdem er sich nach schweren 
inneren Kämpfen bereit erklärt hatte, die ihm von seinem Vater unter dem 
Einflusse des Kaiserhofes bestimmte Braut, Elisabeth Christine von Braun- 
schweig-Bevern, eine Nichte der Kaiserin, zu heiraten. Er durfte nun nach 
Berlin zurückkehren, arbeitete im Generaldirektorium und wurde Oberst eines 
Regiments, das in Ruppin lag; dort lebte er sich zu des Vaters Freude ganz 
in das militärische Wesen ein. Nachdem er sich (1733) vermählt hatte, schenkte 
ihm der Vater das in der Nähe von Ruppin gelegene Schloß Rheinsberg, 
wo der Kronprinz mit seiner Gemahlin die schönsten Jahre seines Lebens 
verbrachte. Im Kreise einiger gleichgesinnter Freunde widmete er sich in 
der dienstfreien Zeit ganz den Wissenschaften, der Kunst und der heiteren 
Geselligkeit; er knüpfte mit dem Franzosen Voltaire einen Briefwechsel an 
und schrieb seinen „Antimachchiavell“, in welchem er einen wahren Fürsten 
schildert und den später von ihm auch befolgten Grundsatz ausspricht: „Der 
Fürst soll der erste Diener des Staates sein.“ 
Mit seinem Vater stand Friedrich jetzt in dem besten Einvernehmen; je 
mehr er sich mit der Staats= und Heereseinrichtung vertraut machte, desto
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        110 Zweiter Zeitraum. 
mehr lernte er dessen unsterbliche Verdienste um Preußen schätzen. Da traf 
ihn im Mai 1740 unerwartet die Nachricht von einer schweren Erkrankung 
seines Vaters. Friedrich Wilhelm war von sehr kräftigem Körperbau; aber 
bei seiner rastlosen Arbeit wurden seine Kräfte frühzeitig verzehrt. Gicht 
und Wassersucht quälten ihn; aber obschon todkrank, ließ er sich in einem 
Rollstuhle hinausfahren, um den Bau des Marstalles zu besichtigen; viel 
Volks umgab ihn; da traf der schleunigst herbeigeeilte Kronprinz ein und 
umarmte seinen Vater unter heftigem Schluchzen. Dankbaren Herzens rief 
der König: „Thut mir Gott nicht viele Gnade, daß er mir einen so würdigen 
Sohn zum Nachfolger gegeben hat!“ Noch einmal versammelte der König 
die königlichen Prinzen, die Minister und Generale, um in ihrer Gegenwart 
dem Kronprinzen die Regierung zu übergeben, segnete die Seinen und be- 
obachtete durch Bewegung der einzelnen Glieder, wie weit der Tod schon 
von seinem Leibe Besitz genommen hatte. Mit dem Gebet: „Herr Jesu, du 
bist mein Gewinn im Leben und im Sterben“ entschlief er. „Er starb,“ 
schrieb später Friedrich der Große, „mit der Festigkeit eines Philosophen und 
mit der Ergebung eines Christen. Er bewahrte eine wunderbare Geistes- 
gegenwart bis zum letzten Augenblicke seines Lebens, indem er seine Ge- 
schäfte leitete wie ein Staatsmann, die Fortschritte seiner Krankheit prüfte 
wie ein Naturforscher und über den Tod triumphierte wie ein Held. Diesem 
Fürsten verdankt Preußen die Gründung seines Heeres und da- 
mit sein ganzes Ansehen.“ Friedrich Wilhelm hinterließ seinem Nach- 
folger einen blühenden Staat von 2145 Quadratmeilen mit etwa 2 ½ Millionen 
Einwohnern, ein schlagfertiges Heer von 83000 Mann und einen Staats- 
schatz von dreißig Millionen Mark; außerdem hatte er dreißig Millionen auf 
die Verbesserung des Landes verwandt. Mit Recht sagt man von Friedrich 
Wilhelm: „Er hat ein faules Volk fleißig, ein üppiges sparsam, einen ver- 
schuldeten Staat reich gemacht.“ Er ist „Preußens größter innerer 
König“. - 
4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich 
den Großen. 
1. Iriedrichs Regierungsantritt und die beiden ersten 
ZSchlesiscken KRriege. 1740 - 1745. 
Voller Spannung hatten die europäischen Höfe und das deutsche Volk 
dem Thronwechsel in Preußen entgegengesehen; aber fast alle wurden ent— 
tänscht, am meisten diejenigen, welche erwartet hatten, Friedrich werde in 
Ruhe und Frieden ein goldenes Zeitalter der Kunst und Wissenschaft herauf- 
  
*) Das Leben und die Zeit Friedrichs des Großen werden ausführlicher be— 
handelt in folgenden Schriften Oskar Höckers: Friedrich der Große. Ein 
Lebensbild des Heldenkönigs, dem Vaterland und der deutschen Jugend gewidmet. 
3. Auflage, ergänzt durch 2 Anhänge: Das Heer und die bedeutendsten Generale. 
Friedrichs des Großen. — Husarenkönig und Kürassiergeneral. Kultur- 
geschichtliche Erzählung aus der Zeit des „Alten Fritz.“ 4. Auflage. Leipzig, Ferdinand 
Hirt &amp; Sohn.
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 111 
führen; nur wenige wußten, daß er vor Begierde nach Kriegsruhm brannte. 
Seine ersten Maßnahmen zeugten allerdings von großer Menschenfreundlichkeit. 
Zu den Generalen sprach er: „Sie werden in mir einen Herrn finden, der 
die Armec nicht weniger liebt und pflegt als der verstorbene König. Gegen 
einige von Ihnen liegen Klagen vor über Härte, Ubermut und Habsucht; 
stellen Sie dieselben ab. Ein guter Soldat muß ebensowohl menschlich und 
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Friedrich der Große. (Nach einem Gemälde von Chodowierki.) 
  
vernünftig sein als herzhaft und brav.“ Seinen Ministern sagte er: „Ich 
denke, das Interesse des Landes wird auch mein eigenes sein; sollten beide 
miteinander in Widerspruch geraten, so soll das Wohl des Landes stets den 
Vorzug haben.“ Da ein harter Winter Not und Hunger im Gefolge hatte, 
ließ Friedrich das von seinem Vater gesammelte Getreide zu billigem Preise 
an die Armen abgeben. Die Folter wurde abgeschafft, die Unabhängigkeit 
der Richter anerkannt, und die Presse erhielt größere Freiheit als bisher- 
Den wegen seines Freisinns von Friedrich Wilhelm I. aus Halle vertriebenen 
Professor Wolf rief Friedrich zurück, und dem Konsistorium, das wegen des
        <pb n="118" />
        112 Zweiter Zeitraum. 
Fortbestehens katholischer Soldatenschulen Bedenken geäußert hatte, erwiderte 
er: „Die Religionen müssen alle tolerieret werden, und muß der Fiscal nur 
das Auge darauf haben, daß keine der anderen Abbruch thue; denn hier 
muß jeder nach seiner Fagon selig werden.“ Die Riesengarde hob Friedrich 
auf, verteilte die langen Kerle auf die anderen Regimenter und vermehrte 
dafür das Heer bald um 20000 Mann. An der von seinem Vater ein- 
gerichteten Staatsverwaltung änderte er nichts, da er wußte, daß sie auf wohl 
überlegten Grundsätzen echter Staatsklugheit beruhte, und wenn er bei seiner 
Hofhaltung auch eine größere Pracht entfaltete und die Akademie reichlicher 
unterstützte als sein Vater, so war er dennoch sparsam. In den ersten 
Jahren seiner Regierung blieb ihm allerdings zu Werken des Friedens wenig 
Zeit; denn schon 1740 
mußte er das Schwert 
ziehen, um die alten 
Ansprüche seines Hau- 
ses an Schlesien gel- 
tend zu machen. 
Schlesien, ein 
fruchtbares Land mit 
reichen Mineralschätzen, 
wurde im 6. Jahr- 
hundert ebenfalls von 
den Slaven und zwar 
von den Polen über- 
schwemmt und bildete 
dann jahrhundertelang 
einen Teil des großen 
Polenreichs, das von 
Herzögen aus dem Hause 
des sagenhaften Bauern 
Piast beherrscht wurde. 
Um die Mitte des 10. 
Jahrhunderts wandte 
sich das Land dem Chri- 
stentum ju und erhielt 
in Breslau sein erstes 
Bistum. Infolge von 
Erbstreitigkeiten löste sich 
Das Rathaus in Breslau. 1163 Schlesien unter 
einem Zweige der Pia- 
sten von Polen ab. Ihre Herzöge erkannten bald, daß sie nur durch engen An- 
schluß an Deutschland ihre Selbständigkeit bewahren und das Wohl ihres Volkes 
am besten fördern könnten; deshalb nahmen sie deutsche Fürstentöchter zu Gemah- 
linnen und luden deutsche Ritter, Bürger, Bauern und Mönche zur Einwanderung 
ein. Diese folgten dem Rufe so zahlreich, daß in einem Jahrhundert in dem 
Lande links von der Oder das Slaventum überwunden wurde. Schon im 14. Jahr- 
bundert war in Schlesien die deutsche Sprache die herrschende. Unter den Mönchen 
zeichneten sich wieder die Cistercienser aus, deren erstes und wichtigstes Kloster 
Leubus noch heute steht. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, der Zeit deutscher 
Ohnmacht, sträubten sich die polnischen Geistlichen gegen die deutsche Einwanderung, 
und die dadurch gehemmte Germanisierung Schlesiens ist noch heute nicht vollendet. 
Der Hauptschaden des Landes waren die fortwährenden Länderteilungen und die 
daraus entspringenden häufigen Verwandtenkriege; gab es doch zeitweise allein in 
  
  
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 113 
Viederschlesien zwölf selbständige Herrschaften! Der hervorragendste Held unter diesen 
Fürsten ist Heinrich II. von Breslau, der 1241 auf der Walstatt sich sowie sein 
Häuflein Reisige, Bürger und Bergknappen im Kampf mit den furchtbaren Mongolen 
opferte und dadurch Deutschland vor diesen wilden Horden bewahrte. Die Zer- 
splitterung des Landes erleichterte es dem Könige Karl IV. von Böhmen, 1355 ganz 
Schlesien zu einem böhmischen Lehen herabzudrücken. Doch auch die böhmischen 
Könige vermochten dem Lande Ruhe und Frieden nicht zu geben; besonders schwer 
litt es in dem Husitenkriege. Breslau stand unmittelbar unter der Krone Böhmen 
und entwickelte sich zu einem mächtigen deutschen Handelsplatz; sein prächtiges Rat- 
haus im spätgotischen Stil sowie seine großen Kirchen wurden im 15. Jahrhundert 
vollendet. Mit Böhmen kam Schlesien dann 1526 an das Haus Habsburg und 
nahm früh die lutherische Lehre an; aber der Dreißigjährige Krieg vernichtete nicht 
nur das aufblühende kirchliche Leben, sondern jede Wohlfahrt und Bildung. 
Friedrich lag an einem hitzigen Fieber danieder, als die wichtige Kunde 
eintraf, daß Kaiser Karl VI. (1740) gestorben sei. Diese Nachricht machte 
ihn gesund. „Ich habe dem Fieber den Laufpaß gegeben,“ schrieb er, „denn 
ich habe meine Maschine nötig.“ Er war sofort entschlossen, die sich 
voraussichtlich bietende günstige Gelegenheit auszunutzen, um die alten An- 
sprüche seines Hauses an Schlesien (S. 76) geltend zu machen. Kurfürst 
Karl Albert von Bayern erhob nämlich als Gemahl einer Tochter Josephs I. 
Erbansprüche auf sämtliche habsburgische Erbländer und stützte sich auf Frank- 
reich. Friedrich erklärte Maria Theresia, er wolle die von seinem Vater 
anerkannte pragmatische Sanktion (S. 105) für die österreichischen Erb- 
lande ebenfalls anerkennen, aber nicht für Schlesien; zugleich begann er seine 
Rüstungen. Da Maria Theresia entgegen dem Rat ihrer verzagten Minister 
alle seine Anerbietungen zurückwies, so rückte er schon im Dezember 1740 
in Schlesien ein und besetzte ohne Schwertstreich fast das ganze Land; nur 
Glogau, Neiße und Brieg leisteten Widerstand und wurden eingeschlossen. 
Damit begann der erste Schlesische Krieg (1740—1742). Die evangelische 
Bevölkerung Schlesiens begrüßte Friedrich als ihren Befreier von religiöser 
Bedrückung; auch die katholische beruhigte sich bald infolge der guten Manns- 
zucht und des freundlichen Entgegenkommens der Preußen. Breslau war 
von altersher frei von österreichischer Besatzung; auch Friedrich ehrte vor- 
läufig dies Vorrecht der Stadt, besuchte sie aber und wurde mit Jubel 
empfangen. — 
Noch einmal bot Friedrich die Hand zum Frieden; er wollte Maria 
Theresia gegen alle ihre Feinde unterstützen, ihrem Gemahl Franz, mit dem 
das Haus Lothringen den österreichisch= ungarischen Thron bestieg, bei der 
Kaiserwahl seine Stimme geben und zwei Millionen Gulden zahlen, wenn 
sie ihm sofort auch nur Niederschlesien abtreten wollte, erhielt aber eine ab- 
lehnende Antwort. Das Schwert mußte also entscheiden. Der alte Dessauer 
mußte sich zum Schutze der Mark gegen Sachsen und Hannover mit einem 
Hcere in der Zauche aufstellen; der König selber eilte beim Beginn des 
Frühlings wieder nach Schlesien. Der Erbprinz Leopold von Dessau über- 
rumpelte mittels eines kühnen Handstreichs die Festung Glogau; bald nachher 
rückte der österreichische Feldmarschall Neipperg von Mähren gegen Neiße 
heran. Friedrich eilte ihm entgegen und gewann (am 10. April 1741) bei 
Mollwitz (unweit Brieg) seine erste Schlacht. 4 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 8
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        114 Zweiter Zeitraum. 
Die Preußen waren durch Infanterie und Artillerie dem Gegner überlegen; 
die österreichische Kavallerie aber jagte die preußische des rechten Flügels in die 
Flucht und warf sich auf den linken Flügel. Vergebens versuchte der König, die 
Reiter, die ihn mit fortrissen, wieder in Ordnung zu bringen, wobei er sich der. 
größten Gefahr aussetzte. Da bat ihn Feldmarschall Schwerin, er möge das Schlacht- 
seld verlassen, um sich dem Staate zu erhalten und Verstärkungen herbeizuholen. 
Mit schwerem Herzen gab der König den Bitten nach, Schwerin übernasm den 
Oberbefehl. Die preußische Infanterie stand wie eine Mauer. Vermöge des 
eisernen Ladestockes konnte sie fast dreimal so schnell schießen als die Osterreicher 
— neunzig Schüsse zählten die Osterreicher während der Zeit eines Vaterunsers —; 
ein fünfmaliger Angriff der österreichischen Reiterei wurde von ihr zurückgewiesen. 
Da nahm Schwerin sein ganzes Fußvolk zu einem entscheidenden Stoße zusammen; 
wie auf dem Paradeplatze, in schnurgeraden Linien, mit klingendem Spiel und 
wehenden Fahnen gingen sie vor und warfen den Feind aus allen Stellungen. Der 
eiserne Ladestock und die eiserne Zucht des wegen seiner Drillkünste so oft verspotteten 
Königs Friedrich Wilhelm hatten sich herrlich bewährt. » 
Der Sieg der preußischen Waffen bei Mollwitz machte Osterreichs Feinde 
mutig. Frankreich versprach dem Kurfürsten von Bayern Geld und Truppen 
zur Erlangung der Kaiserwürde und eines Teils der österreichischen Erb- 
länder; Spanien, Sardinien und Sachsen, dessen Kurfürst August III. als 
Gemahl einer Tochter Josephs I. sich ebenfalls Hoffnung auf das habs- 
burgische Erbe machte, traten dem Vertrage bei, während England und 
Holland, um das Gleichgewicht zwischen Frankreich und Osterreich zu er- 
halten, Maria Theresia ihre Hilfe zusagten. Friedrich arbeitete unterdessen 
unablässig an der Verbesserung seines Heeres, besonders der Reiterei, zwang 
Brieg zur Ergebung, und da Maria Theresia sich immer noch nicht zu 
nennenswerten Zugeständnissen bequemen wollte, schloß er mit Frankreich den 
Vertrag zu Nymphenburg. Er versprach, Karl Albert als Kaiser und als 
König von Böhmen anzuerkennen. Vereint wollten die Verbündeten auf 
Wien vorgehen; Friedrich fiel in Mähren ein. Aber seine Bundesgenossen 
unterstützten ihn schlecht; das österreichische Heer, das Neipperg inzwischen 
wieder gesammelt und besonders durch Zulauf aus Ungarn verstärkt hatte, 
jagte die Bayern und Franzosen aus dem Lande, verwüstete Bayern und 
besetzte sogar München. Nur Friedrich schien dem habsburgischen Hause noch 
gefährlich zu sein, schweisten doch seine Husaren schon bis auf wenige Meilen 
vor Wien! Deshalb wurde Maria Theresia von ihren Bundesgenossen be- 
stürmt, diesen gefährlichen Gegner zu befriedigen; sie aber wollte noch einmal 
das Glück der Waffen versuchen und sandte ihren Schwager, Karl von 
Lothringen, gegen ihn. Friedrich zog sich vor der Ubermacht nach Böhmen 
zurück; aber zwischen Chotusitz und Czaslau besiegte er, wenn auch erst 
nach heißem Kampfe, das österreichische Heer (17. Mai 1742). 
Unter Englands Vermittelung schloß Maria Theresia 1742 mit Friedrich 
den Frieden zu Breslau, in welchem sie Ober= und Niederschlesien 
samt der Grafschaft Glatz, ein Gebiet von 40 000 Quadratkilometern mit 
1200000 Einwohnern, an Preußen abtrat. (Troppau und Jägerndorf 
sowie das Land südlich der Oppa blieben bei Osterreich.) Unter dem Jubel 
der Bevölkerung kehrte Friedrich nach Berlin zurück, bewundert zugleich als 
Feldherr wie als Staatsmann. 
Bald nach der Eroberung Schlesiens vergrößerte Friedrich sein Land
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 115 
ohne Blutvergießen. Schon der Große Kurfürst hatte Emden besetzt und 
Friedrich III. vom Kaiser die Anwartschaft auf Östfriesland erhalten 
(S. 76); als nun das ostfriesische Fürstenhaus ausstarb, ließ Friedrich das 
Land unter Widerspruch Hannovers, aber unter Zustimmung des von ihm 
unterstützten Kaisers Karl VII. 1744 rasch besetzen. 
Der Friede zu Breslau war für Frankreich und Bayern ein schwerer 
Schlag. Maria Theresia hatte noch England-Hannover und Sachsen-Polen 
als Bundesgenossen gewonnen; sie eroberte Bayern, drängte ihre Gegner 
über den Rhein und nahm den Kaiser in Frankfurt sogar gefangen. Friedrich 
zweifelte nicht, daß sie nach Beendigung des Bayrischen Erbfolgekrieges alles 
aufbieten werde, um Schlesien zurückzuerobern. Deshalb war er auf seiner 
Hut, übte unablässig sein Heer und vergrößerte es auf 140000 Mann. 
Dann schloß er insgeheim einen Vertrag mit Frankreich, sowie ein Schutz- 
und Trutzbündnis mit Karl VII., Kurpfalz und Hessen-Kassel, fiel 1744 
rasch in Böhmen ein und eroberte Prag. Damit war der zweite Schle- 
sische Krieg (1744 bis 1745) eröffnet. Aber die von Frankreich erwartete 
Hilfe blieb aus; das preußische Heer hatte unter der Feindseligkeit der 
böhmischen Bevölkerung sowie durch die Ungunst des Wetters und den 
Mangel an Lebensmitteln schwer zu leiden und wurde dazu noch von einem 
sächsischen und einem österreichischen Heere bedrängt. Mit schwerem Herzen 
entschloß sich daher der König trotz der Winterkälte zum Rückzuge nach 
Schlesien; der Feldzug war mißglückt, scharenweise liefen die preußischen 
Söldner davon. Maria Theresia forderte schon die Schlesier zum Abfall 
von Preußen auf. Im Jannuar 1745 starb Karl VII., und sein Sohn Max 
Joseph vertrug sich mit Maria Theresia dahin, daß er allen Ansprüchen auf 
das habsburgische Erbe entsagte und dafür Bayern zurückerhielt. Maria 
Theresia einigte sich bereits mit August III. von Sachsen und Polen darüber, 
wie sie sich mit preußischen Provinzen bereichern wollten. 
Aber Friedrich verzagte nicht, obwohl er schon damals wegen Geld- 
mangels silberne Geräte zu Münzen ausprägen lassen mußte. Er schrieb: 
„Es ist keiner unter uns, der sich nicht lieber das Rückgrat brechen ließe, 
als einen Fuß breit Landes abzutreten.“ Die Osterreicher überschritten unter 
Karl von Lothringen das Riesengebirge in der Richtung auf Schweidnitz. 
Der König lagerte mit der Hauptmacht bei dem Kloster Kamenz, wo er eines 
Tages umherschwärmenden Kroaten fast in die Hände gefallen wäre; der Abt 
rettete ihn nur dadurch, daß er ihn im Mönchsgewand mit in die Kirche 
nahm. Um ein unter dem Markgrafen Karl von Schwedt in Oberschlesien 
stehendes, durch die Osterreicher vom Hauptheer abgeschnittenes Korps an 
sich zu ziehen, sandte der König den Generalmajor von Zieten mit 
fünfhundert Husaren ab. Wegen der Ahrnlichkeit ihrer Uniform mit der 
der Osterreicher gelangten sie fast unangefochten in die Nähe des Markgrafen; 
als sie dort von einer Ubermacht angegriffen wurden, kamen ihnen die 
Kameraden zu Hilfe, und wohlbehalten trafen der Markgraf und Zieten beim 
Könige ein. Jetzt ging dieser dem Feinde entgegen und bezog zwischen 
Striegan und Jauernik ein durch Höhen gedecktes Lager. Sorglos kamen 
die Osterreicher und Sachsen aus den Gebirgspässen und lagerten sich zwischen 
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        116 Zweiter Zeitraum. 
Hohenfriedberg und Striegau. „Jetzt habe ich sie,“ rief Friedrich, „wo 
ich sie haben wollte!“ Sobald es dunkel war, führte er sein Heer in aller 
Stille bis nahe an die feindliche Stellung. Lautlos, ohne Wachtfeuer, ver- 
brachten die Soldaten die wenigen Stunden bis zum Morgengrauen unterm 
Gewehr; um vier Uhr (4. Juni 1745) begann die Schlacht bei Hohen- 
friedberg. Alle preußischen Truppen thaten Wunder der Tapferkeit; aber 
der größte Ruhm gebührt doch dem Dragonerregiment Baireuth. In einer 
halben Stunde zersprengte es sechs Regimenter, machte 2500 zu Gefangenen, 
erbeutete 66 Fahnen und fünf Kanonen, „eine Kriegsthat, die nicht ihres- 
gleichen hat". Soweit man den Donner der Geschütze vernahm, beteten die 
Evangelischen um den Sieg der preußischen Waffen. Die Tapferkeit seiner 
Truppen erkannte der König durch das Wort an: „Die Welt ruht nicht 
sicherer auf den Schultern des Atlas, als Preußen auf einer solchen Armee." 
Die Österreicher waren schnell übers Gebirge nach Böhmen zurückgekehrt. 
  
Silberne Medaille zur Erinnerung an die Schlacht bei Hohenfriedberg. 
Deem Dragonerregiment Baireuth hatte der König kurz vor dem Kriege bei 
einer Musterung den Vorwurf gemacht, daß die meisten Leute betrunken seien. Nach- 
dem der Befehlshaber desselben, Oberst von Schwerin, wiederholt, aber vergeblich 
versucht hatte, es gegen diesen ungerechten Vorwurf zu verteidigen, rief er: „Der 
Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal den Degen ziehe!“ Bei Beginn des 
zweiten Schlesischen Krieges erklärte er dem Könige, daß er wegen seines Gelübdes 
nicht mitziehen könnte. „Dann kommandiere Er mit der Reitpeitsche!“ erwiderte der 
König. Schwerin gehorchte. Als seine Leute nach ihrer herrlichen Waffenthat bei 
Hohenfriedberg mit den erbeuteten 66 Fahnen an dem Könige vorüberzogen, riefen. 
sie ihm zu: „Na, wat seggt he nu tau siene Süpers?“ Der König entblößte sein 
Haupt und verneigte sich. 
Maria Theresia wollte auch jetzt noch nichts von einem Frieden wissen, 
um so weniger, als ihr Gemahl bald darauf als Franz I. (1745—1765) 
zum deutschen Kaiser gewählt wurde. Friedrich war den Osterreichern nach 
Böhmen gefolgt; aber Mangel an Lebensmitteln zwang ihn bald zur Rückkehr. 
Als ihn aber Karl von Lothringen mit einem größeren Heere überfallen 
wollte, kam Friedrich ihm zuvor, errang bei Soor unweit Trautenau einen 
neuen Sieg und führte seine Truppen nach Schlesien zurück. Die Feinde 
hielten ihn für so geschwächt, daß zwei österreichische Heere in die Marken 
einzudringen suchten; aber Friedrich schob sein Heer zwischen die beiden feind- 
lichen Heeressäulen und zwang sie durch das Gefecht bei Katholisch-
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 117 
  
  
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Nach der Schlacht bei Hohenfriedberg.
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        118 Zweiter Zeitraum. 
Hennersdorf in der Lausitz zur Umkehr. Der alte Fürst von Dessan 
rückte ebenfalls gegen die Sachsen vor, die in der Nähe von Dresden auf 
den steilen, mit Eis und Schnee bedeckten Höhen bei Kesselsdorf eine fast 
uneinnehmbare Stellung innehatten. Vor Beginn des Kampfes stellte er sich 
vor die Front und betete mit emporgehobenen Händen: „Lieber Herrgott! 
Hilf mir heute streiten; willst du aber mir 
nicht helfen, so hilf wenigstens dem Hunds- 
fott von Feinde nicht, sondern halte dich 
—— bnteutral und sieh zu, wie's kommt.“ Unter 
einen Hagel der feindlichen Geschosse er- 
·." kletterten die preußischen Bataillone die 
steilen, schlüpfrigen Anhöhen und vertrieben 
den Feind (15. Dezember). Es war die letzte 
«--. ««-k.·-·.·,....·zz,«·,Schlachtdesaltanessauer(1-1747);er 
»ski-hatfünfzigJahreimpreußifchenHeere 
« "·«7"-’ , gedient und seine Truppen stets zum Siege 
geführt. Mit ihm dienten vier seiner Söhne 
E——unter Friedrich. Für den Sieg bei Kessels- 
— —doff ehrte ihn der König dadurch, daß er 
« ·-HihnvordemganzenHeereumarmte.Schon 
zwei Tage nach diesem Siege zogen die 
» Preußen in Dresden ein; damit war der 
Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Widerstand der Feinde gebrochen. Der 
Friede zu Dresden (25. Dezember 1745) 
bestätigte den Breslauer Frieden; außerdem erkannte Friedrich Franz I. als 
Kaiser an, und Sachsen zahlte an Preußen drei Millionen Mark Kriegskosten. 
2. Der HSiebenjährige RKrieg. 1756—1763. 
Das erste Kriegsjahr. 
Friedrich, den man schon damals den Großen nannte, wandte seine 
Sorgfalt vor allem Schlesien zu. Den Epvangelischen gewährte er Glaubens- 
freiheit, ohne aber die Katholiken im mindesten zu behelligen. Die Ver- 
waltung wurde derjenigen in den alten Provinzen entsprechend eingerichtet; 
Adel und Geistlichkeit mußten auf die bisher genossene Steuerfreiheit ver- 
zichten. Bald hob sich durch des Königs Fürsorge der Ackerbau; Webereien 
und Spinnereien entstanden. 
Aber je mehr Schlesien aufblühte, desto größer wurde auch der Schmerz 
Maria Theresias über den Verlust des schönen Landes. Schon 1746 hatte 
sie mit Elisabeth von Nußland ein Bündnis geschlossen, in welchem diese 
sich verpflichtete, die Rückgabe Schlesiens an Osterreich erkämpfen zu helfen, 
sobald Friedrich Rußland oder Polen angreifen werde. Seit Beendigung 
des Osterreichischen Erbfolgekrieges suchte sie Bundesgenossen zu einem An- 
griffskricege und wurde dabei von ihrem Minister, dem Fürsten Kaunitz, und 
dem sächsischen Minister Grafen Brühl, die Friedrich aus persönlichen Gründen 
haßten, aufs eifrigste unterstützt. Jener als Nachkomme einer ostfriesischen 
  
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 119 
Fürstentochter grollte Friedrich wegen der Einverleibung Ostfrieslands, auf 
das er Erbansprüche erhob, dieser, der Günstling und allmächtige Minister 
Augusts III., bereicherte sich auf Kosten des Staates, fühlte sich aber von 
Friedrich verletzt, der über ihn geschrieben hatte: „Er ist feige, falsch und ein 
Verräter. Kein Mensch des Jahrhunderts hat eine so große Sammlung von 
Porzellan, Uhren, Kleidern und Stiefeln wie er.“ Auch unter den regie- 
renden Fürsten hatte Friedrich wenige Freunde: die einen beneideten ihn 
wegen seiner Erfolge, die anderen fühlten sich durch seine uneigennützige, 
landesväterliche Fürsorge beschämt; diese fürchteten seine geistige Uberlegenheit 
und seinen Ehrgeiz, jene haßten ihn wegen seiner oft bissigen, aber stets 
treffenden Bemerkungen über sie, oder wegen seiner freisinnigen Grundsätze, 
besonders auf religiösem Gebiete. Am leichtesten gewann Maria Theresia 
die sittenlose Kaiserin Elisabeth von Rußland, die Friedrich ebenfalls haßte 
und Ostpreußen zu gewinnen hoffte; aber am meisten lag ihr an einem 
Bündnis mit Frankreich. 1756 lief das Bündnis ab, welches Friedrich bei 
Beginn des Bayrischen Erbfolgekrieges mit Frankreich geschlossen hatte; Maria 
Theresia bot nun alles auf, um die Erneuerung desselben zu verhindern. 
Die stolze Kaiserin, die sittenreine Frau, ließ sich sogar herbei, der Buhlerin 
Ludwigs XV., der Marquise von Pompadour, Geschenke zu machen und 
andere Artigkeiten zu erweisen, während Friedrich seinem Gesandten in Paris 
verbot, die Pompadour zu besuchen. Im Jahre 1755 brachen zwischen Eng- 
ländern und Franzosen Feindseligkeiten in Nordamerika und zur See aus. 
Georg II. (1727—1760) suchte vor allem sein Heimatland Hannover vor 
einem französischen Uberfall zu bewahren und wandte sich deshalb an seinen 
Neffen Friedrich. Dieser war von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet 
und nahm deshalb die dargebotene Hand um so lieber an, als England auch 
schon mit Rußland ein Bündnis geschlossen hatte. Dadurch wurde es Maria 
Theresia leicht, Frankreich auf ihre Seite zu ziehen, und so wurden die beiden 
großen Mächte, welche seit 300 Jahren Feinde gewesen waren, Bundes- 
genossen. Durch Frankreich wurde auch Schweden gewonnen; ebenso schloß 
sich Kaiserin Elisabeth dem Bündnis an, nachdem sie aus Haß gegen Friedrich 
ihre Verbindung mit England wieder gelöst hatte. August III. von Sachsen 
und Polen förderte, ebenso wie sein Minister Brühl, die Verschwörung gegen 
Friedrich, wollte derselben aber zu seiner Sicherheit erst nach Eröffnung 
des Krieges beitreten. So war halb Europa gegen Preußen verbündet, 
das wieder auf den Umfang und den Rang eines Kurfürstentums herab- 
gedrückt werden sollte. 
Friedrich war durch Verräter bei der sächsischen Kanzlei und bei der 
österreichischen Gesandtschaft in Berlin von allem unterrichtet; da er nun 
wußte, daß Osterreichs und Rußlands Rüstungen noch unvollendet waren, 
beschloß er, seinen Feinden zuvorzukommen. Außer England-Hannover standen 
auf seiner Seite Braunschweig, Hessen-Kassel und Gotha, deren Truppen 
England in Sold genommen hatte; am meisten aber vertraute er auf sein 
eigenes Heer, das er in den Friedensjahren auf 150000 Mann erhöht und 
nnablässig geübt hatte. Auf Englands Wunsch fragte er in Wien noch einmal 
über den Zweck der Rüstungen an, erhielt aber zunächst eine ausweichende,
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        120 Zweiter Zeitraum. 
  
  
  
  
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Musketler. Fllsilier. 1. Bat. Garde. Musket.-Korporal. Relt. Feldjäger. 
  
Typen aus dem Heere Friedrichs des Großen.
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 121 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
       
      
   
   
   
    
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Regimentöartillerie auf dem Marsche. 
Grenadiere. Stülckknecht. Regimentdartilleristen. Zimmerlenute. 
  
  
  
  
  
  
Typen aus dem Heere Friedrichs des Großen.
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        122 Zweiter Zeitraum. 
dann eine hochfahrende Antwort. Sofort zog er das Schwert. Damit hatte 
Maria Theresia erreicht, daß Friedrich in den Augen der Welt als An- 
greifer dastand; er aber schriebö: „Wer in solchem Falle seinem Gegner 
zuvorkommt, der begeht allerdings die erste Feindseligkeit; aber er ist nicht 
der Angreifer." 
Friedrich ließ durch Schwerin Schlesien schützen, während er selber in 
Sachsen blieb, das er wegen seiner geographischen Lage, besonders wegen 
des Zuganges nach Böhmen nicht unbesetzt lassen konnte. Er überschritt deshalb 
(29. August 1756) mit 70000 Mann die sächsische Grenze. König August 
floh mit Brühl auf den festen Königstein, die sächsischen Truppen, etwa 
17000 Mann, zogen sich in ein verschanztes Lager bei Pirna zurück, wo es 
Friedrich, der inzwischen das ganze Land besetzte und unter seine Verwallung 
nahm, hart bedrängte. Zum Entsatze der eingeschlossenen Sachsen rückte der 
österreichische Feldmarschall Graf Brown heran; da ließ Friedrich den größten 
Teil seines Heeres bei Pirna zurück, zog mit dem kleineren Brown nach 
Böhmen entgegen, traf ihn (1. Oktober) bei Lobositz a. d. Elbe und errang 
den Sieg. Brown zog auf dem rechten Elbufer unverfolgt weiter nach Sachsen, 
in der Hoffnung, die Sachsen würden sich zu ihm durchschlagen; diese ver- 
suchten auch einen Durchbruch, aber ohne Erfolg. Von Hunger, Nässe und 
Kälte geschwächt, blieb ihnen weiter nichts übrig, als die Waffen zu strecken 
(16. Oktober). Friedrich ließ den sächsischen Soldaten, welche seit 72 Stunden 
nichts genossen hatten, sofort Brot austeilen. Die Offiziere wurden auf ihr 
Ehrenwort entlassen, die Mannschaften in das preußische Heer gesteckt; sie liefen 
aber bei nächster Gelegenheit größtenteils davon. König August nebst seinem 
Hofstaat ging mit Friedrichs Erlaubnis nach Warschau; die Königin blieb 
mit zwei Prinzen in Dresden, und obwohl Friedrich sie mit der größten 
Artigkeit behandelte, unterhielt sie doch einen geheimen Briefwechsel mit 
seinen Feinden, der ihm großen Schaden brachte. 
Die preußischen Truppen bezogen in Sachsen Winterauartiere; das Haupt- 
quartier war in Dresden. Dort lebte der König in gewohnter Weise, sorgte väter- 
lich für sein Land und Heer, das er noch durch Aushebung sächsischer Rekruten 
verstärkte, und erquickte sich in seinen Mußestunden an Kunst und Wissenschaft. Von 
Friedrichs königlicher Gesinnung zeugt die geheime Weisung, welche er seinem 
inister, dem Grafen Finckenstein, zugehen ließ: „Im Falle, daß ich getötet werde, 
sollen die Angelegenheiten ohne die geringste Anderung ihren Lauf behalten. Wenn 
ich das Unglück hätte, vom Feinde gefangen genommen zu werden, so verbiete ich, 
daß man auf meine Person die geringste Rücksicht nehme, oder daß man im aller- 
geringsten darauf achte, was ich etwa aus der Gefangenschaft schreibe. Wenn mir 
ein solches Unglück begegnet, so will ich mich für den Staat opfern, und man soll 
alsdann meinem Bruder Gehorsam leisten, welchen ich, ebenso wie die Minister und 
die Generale mit ihrem Kopfe dafür verantwortlich mache, daß man für meine Be- 
freiung weder Lösegeld, noch eine Provinz anbiete, daß man vielmehr den Krieg 
fortsetze und alle Vorteile benutze, ganz so, als hätte ich niemals existiert.“ — Kaiser 
Franz erließ ein Abmahnungsschreiben, worin er Friedrich aufforderte, von seiner 
„Empörung“ abzustehen, und dessen Offiziere, ihren König zu verlassen, natürlich 
beides ohne Erfolg. Der deutsche Reichstag beschloß die Reichsexekution gegen den 
„Friedensstörer", und der Kaiser lud den „Kurfürsten zu Brandenburg“ unter Be- 
drohung mit der Acht zur Verantwortung vor den Reichstag. Da zeigte Friedrich 
durch den Abdruck der Akten des geheimen sächsischen Staatsarchivs, dessen er sich 
bemächtigt hatte, daß sein Angriff nur aus Notwehr erfolgt sei. «
        <pb n="129" />
        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 123 
Das Kriegsjahr 1757. 
Von beiden Seiten wurde während des Winters aufs eifrigste gerüstet; 
Frankreich und Osterreich schlossen einen förmlichen Teilungsvertrag: dem 
„Markgrafen von Brandenburg“ wollte man großmütig die Mark und Hinter— 
pommern lassen, die übrigen preußischen Gebiete sollten an Frankreich, Osterreich, 
Rußland, Schweden und Sachsen verteilt werden. Friedrich konnte den mehr 
als 400000 Mann seiner Gegner kaum die Hälfte entgegenstellen. Aber 
sein Heer war voller Begeisterung, er besaß ein vorzügliches Offizierkorps, 
gebildet aus dem Adel seines Landes, und gegenüber dem vielköpfigen Ober- 
befehl der Gegner hielt er die ganze Kriegsleitung allein in der Hand. Das 
beste Mittel der Verteidigung sah er darin, den Feinden zuvorzukommen, sie 
anzugreifen und ihre Vereinigung zu ver- 
hüten. Die entlegenen Provinzen — Ost- 
preußen, Ostfriesland und Kleve — ver 
mochte er nicht zu schützen; das englische 6 
Hilfsheer sollte Hannover decken, gegen 
die Schweden und Russen sandte er nur 
kleine Abteilungen, 14000 Mann, er 
selber übernahm die Verteidigung Sachsens, 
Schlesiens und der Mark. 
Schon im April brach Friedrich mit 
vier Heersäulen in Böhmen ein; die 
OSsterreicher unter dem Prinzen Karl von 
Lothringen verschanzten sich auf den 
Höhen bei Prag, wohin die Preußen erst , 
über sumpfige Wiesen gelangen konnte. - 
TrotzdembeschloßFriedrichdensofortigen's-«z· -- 
Angriff (6. Mai). Die Streitkräfte be— 4 
trugen auf jeder Seite etwa 60 000 Mann. Schwerin. 
Reihenweise wurde die preußische Infanterie 
von den österreichischen Feuerschlünden niedergestreckt; schon wankten einzelne 
Bataillone. Da ergriff der 73 jährige Feldmarschall Schwerin die Fahne 
mit den Worten: „Heran, meine Kinder!“ und führte sie vorwärts; doch 
alsbald sank der Held tot zu Boden. Fast alle preußischen Generale sprangen 
vom Pferde und führten ihre Truppen mit dem Degen in der Hand. Endlich 
durchbrach Friedrich den Feind, und nun wurden die Höhen erstiegen. Aber 
teuer war der Sieg erkauft worden! An 10000 Preußen bedeckten das 
Schlachtfeld; am meisten aber schmerzte den König der Tod Schwerins. 
Voll Schmerz schrieb er: „Schwerin allein war mehr wert als 10000 Mann.“ 
Doch die ÖOsterreicher hatten noch mehr verloren; auch Feldmarschall Brown 
starb schon nach wenigen Wochen an den bei Prag empfangenen Wunden. 
Das geschlagene österreichische Heer hatte sich nach Prag geworfen, und 
Friedrich schloß die weit ausgedehnte, feste Stadt ein; zu einer wirksamen 
Belagerung fehlte es ihm an Geschütz, und bevor dies herbeigeschafft werden 
konnte, rückte Feldmarschall Graf Daun zum Entsatz heran. Er hatte 
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        124 Zweiter Zeitraum. 
sich um die Neugestaltung des österreichischen Heeres große Verdienste erworben 
und war ganz der geeignete Mann, Osterreich gegen Friedrich zu verteidigen. 
Da das Kaiserreich mit seinen reichen Hilfsmitteln und vielen Verbündeten 
den Krieg länger aushalten konnte als Preußen, suchte Daun denselben in 
die Länge zu ziehen. Vorsichtig wählte er stets unangreifbare Stellungen, 
ließ sich durch nichts hervorlocken, setzte nichts aufs Spiel, gab sich aber auch 
nie eine Blöße. Friedrich eilte mit einem Teile seines Heeres Daun ent- 
gegen, der sich auf den Höhen bei Kollin links der oberen Elbe verschanzte. 
Voll Siegeszuversicht griffen die Preußen das österreichische Heer mit solchem 
Erfolge an, daß Daun schon an einen Rückzug dachte; aber durch verschiedene 
Mißgriffe — die Reiterei unterstützte die Infanterie nicht genügend, und 
diese selbst hatte keine Reserve mehr, weil ein Teil derselben voreilig ange- 
griffen hatte — geriet die Schlacht ins Stocken, die Osterreicher drangen 
wieder vor. Vergebens bemühte sich der König, seine Truppen wieder zum 
Stehen zu bringen; die überlegene österreichische Artillerie und der Ungestüm 
der sächsischen Kavallerie vollendeten seine Niederlage. Fast die Hälfte seines 
Heeres lag auf dem Schlachtfelde (18. Juni). 
MWeäährend Friedrich gehofft hatte, nach erfochtenem Siege Prag zur 
Ubergabe zu zwingen, rasch auf Wien vorzudringen und die Kaiserin zum 
Frieden zu bewegen, mußte er jetzt auf Rettung seines Heeres bedacht sein. 
Mit Thränen in den Augen sah er, auf einer Brunnenröhre sitzend und 
Figuren in den Sand malend, die Reste seiner vor kurzem noch so stolzen 
Garde an sich vorüberziehen. Da bot ihm ein Dragoner einen frischen Trunk, 
indem er sagte: „Trinken Ew. Majestät und lassen Sie Bataille Bataille sein! 
Nur gut, daß Sie noch leben; unser Herrgott giebt uns schon einen Sieg 
wieder.“ Seine Feinde jubelten; Maria Theresia belohnte ihr Heer mit 
reichlichen Geschenken und stiftete zum Andenken an diesen ersten Sieg über 
den verhaßten Emporkömmling den Theresienorden. Durch diese Niederlage 
wurde Friedrich in die Verteidigung gedrängt. Dazu traf ihn noch wenige 
Tage nach der Schlacht die Nachricht von dem Tode seiner geliebten Mutter. 
Doch Friedrich gewann seine Fassung bald wieder. Die Einschließung Prags 
hob er auf und führte den kleineren Teil seines Heeres nach Sachsen; mit 
dem größeren sollte sein Bruder August Wilhelm das nördliche Böhmen 
halten. Dieser ließ sich aber hinausdrängen und erlitt auf dem Rückzuge 
nach der Lausitz beträchtliche Verluste. Der König machte ihm dieserhalb vor 
den versammelten Generalen heftige Vorwürfe; der Prinz legte sofort den 
Oberbefehl nieder und starb schon nach einem Jahre. Die Verbindung mit 
Schlesien war jetzt abgeschnitten, der Weg nach Berlin stand dem Feinde 
offen. Wirklich überfiel der kaiserliche General Hadik im Oktober Preußens 
Hauptstadt, zog aber nach Erpressung einer Kriegssteuer bald wieder ab. 
Nun rückten die Russen mit 100000 Mann in Ostpreußen ein, alles 
vor sich her verwüstend. Der greise Feldmarschall Lewald griff sie mit 
seiner geringen Macht bei Großjägerndorf (zwischen Wehlau und Inster- 
burg) an, wurde aber geschlagen (30. August). Die Russen zogen indes bald 
zurück, da man den Tod der Kaiserin Elisabeth erwartete. Lewald konnte 
sich nun gegen die Schweden wenden, die ohne große Mühe aus Pommern
        <pb n="131" />
        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 125 
vertrieben wurden. Unterdessen war Daun in Schlesien eingefallen, und die 
Franzosen überschritten mit zwei Armeen den Rhein. Die eine derselben unter 
dem Marschall d'Estrées verwüstete die preußischen Besitzungen am Rhein 
und in Westfalen und drang gegen die Weser vor. Ihr gegenüber stand 
das englisch-hannoversche Heer unter dem unfähigen Herzog von Cumber- 
land, dem zweiten Sohne des Königs Georg II. von England. Er ver- 
teidigte weder den Tentoburger Wald, noch die Porta, sondern setzte sich erst 
rechts von der Weser, nahe der Festung Hameln bei dem Dorfe Hastenbeck fest. 
Nach einem anfänglichen Verluste befahl er vorzeitig den Rückzug und über- 
ließ den erstaunten Franzosen das Schlachtfeld. Das hannoversche Ministerium, 
das im Auftrag des in Eng- 
land thronenden Königs das 
Kurfürstentum regierte, über- 
lieferte durch einen schimpf- 
lichen Vertrag den Fran- 
zosen das ganze Land, und 
der Herzog von Cumberland 
hatte sich, ohne weiteren 
Widerstand zu wagen, zwi- 
schen Weser und Elbe so in 
die Enge treiben lassen, dast 
er in der Ubereinkunft im 
Kloster Zeven nordöstlich 
von Bremen sein Heer aus 
zulösen versprach. Friedrichs 
ganze rechte Flanke war da. .) 
mit entblößt, Norddeutschland.. 
     
    
        
bis zur Elbe den Franzosen ] 8 BAA 
preisgegeben, die es nun in «·;·z:;-«" 8 S ö "6l 
aller Ruhe aussogen. INSMWE2 
Ein zweites franzö- Seydlitz. 
sisches Heer unter Soubise 
hatte sich inzwischen mit deutschen Reichstruppen vereinigt. Die Franzosen 
plünderten so entsetzlich, daß einer ihrer Offiziere schrieb: „Hundert Meilen in 
der Runde ist das Land verheert, als sei Feuer vom Himmel gefallen“, und 
daß selbst in den gegen Preußen verbündeten Ländern die Prediger um den 
Sieg der preußischen Waffen beteten. Trotz seiner großen Ubermacht zog sich 
das gegen Leipzig vordringende französisch-deutsche Heer vor den anrückenden 
Preusen zurück. Friedrich besetzte Erfurt, und Seydlitz, der mit 1500 Reitern 
die Vorhut bildete, jagte den Franzosen, die 8000 Mann stark in Gotha ein- 
gerückt waren, einen solchen Schrecken ein, daß Soubise ohne Widerstand die 
Stadt räumte und die Offiziere sogar ihr Gepäck im Stich ließen. Friedrich 
konnte dem zurückweichenden verbündeten Heere nicht weiter folgen, sondern 
ging nach Leipzig zurück. Was er gehofft hatte, geschah; das feindliche Heer 
rückte nach, wenn auch zögernd. Das deutsche Reichsheer, das von den vielen 
deutschen Ländern und Ländchen, Reichsstädten und Klöstern zusammengebracht
        <pb n="132" />
        126 Zweiter Zeitraum. 
war, bestand zum großen Teil aus, dem verworfensten Gesindel, das man 
hatte einfangen können, war ohne Ubung, schlecht gekleidet und mangelhaft 
verpflegt. Viele der Besseren weigerten sich auch, mit den Franzosen gegen 
die Preußen zu kämpfen, liefen davon oder gingen zu den Preußen über. Von 
32000 für das Reichsheer bestimmten Truppen blieben nur 400 beisammen. 
Etwa 10000 Reichstruppen unter dem Prinzen von Hildburghausen 
vereinigten sich mit 33000 Franzosen unter Soubise; Friedrich griff sie am 
5. November mit nur 21000 Mann bei Noßbach südlich von Merseburg 
an. Vormittags verhielt er sich ganz ruhig, ließ aber den Feind vom Schlosse 
in Roßbach aus genau beobachten; er setzte sich mit seinen Offizieren zur 
Tafel und ließ auch seine Truppen erst zu Mittag essen. Die Franzosen 
hielten dies für Verzweiflung und schickten sich an, ihn samt seinem Heere 
gefangen zu nehmen. Erst gegen drei Uhr gab der König den Befehl, die Zelte 
abzubrechen und in Schlachtordnung, zu treten. Im Nu war dies geschehen. 
Da ging das kleine Heer zum Angriff vor, Seydlitz mit der Reiterei voran. 
Sowie er an den Feind kam, gab er das Zeichen zum Angriff, indem er seine 
kurze Pfeife in die Luft schleuderte. Wie ein Wetter brauste die Reiterei 
unter Seydlitz in den Feind und sprengte ihn wie Spren auseinander; in 
einer Viertelstunde war auch die feindliche Infanterie geworfen. „Unser Glück 
war," schrieb der Prinz von Hildburghausen an den Kaiser, „daß es Nacht 
wurde, sonst wäre nichts davongekommen.“ Soubise beklagte sich später, der 
König habe ihm gar keine Zeit gelassen, „seine sehr guten Dispositionen aus- 
zuführen". Als ein preußischer Husar einen Franzosen gefangen nehmen 
wollte, eilte diesem ein Osterreicher zu Hilfe. „Bruder Deutscher,“ sprach der 
Preuße, „laß mir den Franzosen“! — „Na, so nimm ihn hin!“ rief jener 
und sprengte davon. Von dem preußischen Heere war nicht die Hälfte zum 
Schlagen gekommen. Diese Züchtigung der hochmütigen Franzosen erfreute 
alle Deutschen; in einem Volksliede aus damaliger Zeit heißt es: 
„Und wenn der große Friedrich kommt und klopft nur auf die Hosen, 
So läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen.“ 
Aber das schwierigste Werk dieses Jahres hatte der König noch vor sich; 
es galt, Schlesien wieder vom Feinde zu befreien. Vor dem überlegenen 
österreichischen Heere war das von Friedrich in Böhmen zurückgelassene Heer 
unter dem Herzog von Braunschweig-Bevern, dem Schwager des Königs, 
nach Schlesien zurückgewichen; in einer unglücklichen Schlacht bei Moys unweit 
Görlitz war General Winterfeldt, ein Liebling des Königs, gefallen. Die 
Osterreicher hatten die wichtige Festung Schweidnitz erobert, den Herzog 
von Bevern bei Breslau geschlagen und tags darauf gefangen genommen; 
gleich darauf fiel auch die Hauptstadt der Provinz in ihre Hände. Maria 
Theresia ordnete in allen Kirchen Dankgebete an und nahm die Beamten 
Schlesiens in Eid und Pflicht. Da eilte Friedrich mit 14000 Mann herbei, 
und Zieten führte ihm die Reste des schlesischen Heeres, etwa 18000 Mann, 
zu. Durch freundlichen Zuspruch und gute Verpflegung wußte der König den 
Mut der geschlagenen Truppen wieder zu beleben, so daß sie bald vor Be- 
gierde brannten, die erlittene Scharte wieder auszuwetzen und es den Siegern
        <pb n="133" />
        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 127 
von Roßbach gleichzuthun. Friedrich mußte alles aufbieten, um den Feind 
noch vor Einbruch des Winters aus Schlesien zu vertreiben. Aber ein ge— 
fährliches Wagstück war es; denn das dreifach überlegene österreichische Heer 
stand in einer festen Stellung in der Nähe von Breslau. Vor dem Abmarsche 
zum Schlachtfelde richtete Friedrich — entgegen seiner sonstigen Gewohnheit — 
an seine höheren Offiziere eine ergreifende Ansprache. Er schilderte ihnen 
die Gefahr, in welcher das Vaterland schwebte, und wie es nur von ihrer 
Tapferkeit Rettung erwarten könne. Dann sprach er: „Ich werde gegen alle 
Regeln der Kriegskunst die dreimal so starke österreichische Armee angreifen. 
Wir müssen den Feind schlagen, oder uns vor seinen Batterien begraben lassen. 
Wer sich fürchtet, kann sofort 
ohne den geringsten Vorwurf 
seinen Abschied erhalten.“ 
Aber niemand meldete sich. 
„Das müßte ja ein infamer 
Hundsfott sein!“ rief Major 
von Billerbeck. Die Offiziere 
bereiteten die gemeinen Sol- 
daten auf den verhängnis- 
vollen Tag vor, und im ganzen 
Lager herrschte eine ernste, 
aber siegesgewisse Stimmung. 
Unter dem Gesange des Lie- 
des: „Gieb, daß ich thu' mit 
Fleiß“ rückte das prenßische 
Heer am Morgen des 5. De- 
zember in die Schlacht bei 
Leuthen. Daun riet dem 
kaiserlichen Oberfeldherrn Karl ·.»..». 
von Lothringen, seine feste ««««"«--«« 
Stellung nicht zu verlassen; Winterfeldt. 
dieser aber und die meisten » 
anderen Generale hielten es für entehrend, mit einer solchen Ubermacht der 
„Berliner Wachparade“ gegenüber sich noch zu verschanzen. Sie zogen also 
dem Könige entgegen; als Friedrich dies bemerkte, rief er aus: „Der Fuchs 
ist aus dem Loch, nun will ich seinen Ubermut auch bestrafen.“ 
Die Osterreicher hatten sich in einer langen dünnen Linie aufgestellt, deren 
Schlüssel Leuthen war. Friedrich traf die feindliche Vorhut des rechten Flügels 
und warf sie zurück. Daher glaubte Rrinz Karl, seinem rechten Flügel gelte der 
Angriff, und sandte alle verfügbaren Regimenter, selbst die Reserve dorthin. Der 
König aber ließ dort nur einige Regimenter zurück, marschierte mit dem übrigen 
Heer nach Süden und stellte es hinter Higeln in Schlachtordnung auf. Als Daun 
diesen Abmarsch bemerkte, sagte er zu dem Prinzen: „Die Leute ziehen ab, lassen 
wir sie!“ Friedrich ließ um ein Uhr — er war mit seinem Heere seit fünf Uhr auf 
dem Marsche — in schiefer Schlachtordnung oder Sprossenstellung zum Angriff 
auf den linken feindlichen Flügel vorgehen; das Heer war in vielen kleinen Abteilungen 
so aufgestellt, daß der rechte Flügelmann der zweiten und jeder folgenden Abteilung 
etwa hinter dem linken der vorhergehenden marschierte. Der König richtete also
        <pb n="134" />
        128 Zweiter Zeitraum. 
seinen Angriff mit immer frischen Truppen auf einen Punkt und hinderte seine 
eserve an vorzeitigem Eingreifen. Bald begann der angegriffene Flügel zu wanken; 
er erhielt zwar Hilfe vom rechten Flügel, aber die Regimenter kamen teils zu spät, 
teils vereinzelt an und wurden geworfen. Nach etwa zwei Stunden stand die öster- 
reichische Schlachtreihe nördlich, die preußische südlich von Leuthen, das hart um- 
stritten wurde; aber mit Beginn der Dämmerung ergriff das österreichische Heer die 
Flucht. Die Österreicher hatten 21000 Mann verloren, mehr als die Hälfte derselben 
war gefangen. Doch auch von den Preußen war der fünfie Mann geblieben. Als 
am Abend das siegreiche Heer auf dem blutgetränkten Felde lagert, stimmt ein Grenadier 
das Lied an: „Nun danket alle Gott!“ Die Feldmusik fällt ein, 
„Und stärker noch und lauter noch, es schwillt der Strom zum Meer, 
Am Ende wie aus einem Mund singt rings das ganze Heer; 
D# Echo donnernd wiederhallt's das aufgeweckte Thal: 
Wie hundert Orgeln braust hinan zum Himmel der Choral.“ (H. Besser.) 
Das preußische Völk aber sang: 
„Es lebe durch des Höchsten Gnade der König, der uns retten kann, 
So schlägt er mit der Wachtparade noch einmal 90 000 Mannl“ 
Napoleon I. nannte die Schlacht bei Leuthen „ein Meisterstück von Bewegungen, 
Manövern und Entschlossenheit“ Friedrichs des Großen; dieser aber wußte wohl 
und erkannte gern an, was er seinen braven Truppen verdankte: noch auf dem 
Schlachtfelde ernannte er den Prinzen Moritz von Dessau zum Feldmarschall. Am 
Abend kam der König mit einigen Bataillonen nach Lissa, das voll von Oster- 
reichern lag; er begab sich mit nur wenigen Begleitern aufs Schloß, wo er viele 
feindliche Offiziere traf, so daß seine Freiheit gefährdet, war. Aber voll Geistesgegen- 
wart rief er den Ersiaunten zu: „Guten Abend, meine Herren! Sie haben mich 
hier wohl nicht vermutet; kann man hier auch noch unterkommen?“ Durch diesen 
sicheren Ton irregeleitet, verneigten sich die Offiziere; bald darauf kam das Gefolge 
des Königs und nahm sie gefangen. — In den nächsten Tagen schon kapitulierten 
Liegnitz und Breslau, Schweidnitz wurde eingeschlossen. Mit Ausnahme dieser 
Festung war ganz Schlesien zu Ende des. Jahres wieder in Friedrichs Händen. 
Von dem österreichischen Heere, das etwa 90000 Mann stark nach Schlesien gezogen 
war, kehrte nicht die Hälfte nach Böhmen zurück. Karl von Lothringen legte den 
Oberbefehl nieder. 
Das Kriegsjahr 1758. 
Kaum hatte Friedrich im Januar seine Truppen in Wintergquartiere 
gelegt, als er die Nachricht erhielt, daß die Russen unter Fermor in 
Königsberg eingerückt seien und die Ostpreußen gezwungen hätten, der 
Kaiserin von Rußland zu huldigen. Bessere Nachrichten kamen von dem 
westlichen Kriegsschauplatze. Der große englische Minister Pitt war ein 
begeisterter Verehrer Friedrichs; er zeigte im englischen Parlamente, daß der 
König von Preußen Englands bester Bundesgenosse im Kampfe gegen Frankreich 
sei, daß „Amerika in Deutschland erobert werden müsse", und er wußte es 
durchzusetzen, daß Georg II. den schimpflichen Vertrag zu Zeven nicht be- 
stätigte, sondern mit Friedrich von neuem einen Vertrag schloß, wonach England 
ihm Hilfsgelder zahlte und außerdem das englisch-hannoversche Heer unter- 
hielt. Dieses wurde verstärkt; zugleich erbat sich Georg II. für dasselbe von 
Friedrich einen anderen Feldherrn, der ihnen beiden nahe verwandt war, 
Herzog Ferdinand von Braunschweig, einen Bruder der Gemahlin 
Friedrichs. Ihm war nur die Aufgabe gestellt, Hannover zu decken; aber er
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 129 
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Friedrich der Große in Lissa. „Bou soir, Messieurskl 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 9
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        130 Zweiter Zeitraum. 
leistete mehr. Schon im Februar überfiel er die Franzosen in ihren Winter- 
quartieren, die von Goslar bis an die Ems sich ausdehnten. Ohne ernsten 
Widerstand zu leisten, zogen sich die Franzosen unter großen Verlusten über 
den Rhein zurück; dort schlug Ferdinand sie bei Krefeld. Westfalen, Nieder- 
sachsen und Hessen bis zur Lahn waren nun vor den Franzosen sicher. Ein 
großer Anteil an Ferdinands Verdiensten gebührt seinem Privatsekretär Philipp 
Westfalen, einem Manne von angeborenem Feldherrngeschick, der aber aus 
seiner bescheidenen Stellung nicht hervortreten wollte. 
Der König hatte im April Schweidnitz zurückerobert und war dann 
in Mähren eingefallen, um Olmütz zu belagern. Aber er vermochte mit 
seinen geringen Mitteln diese 
starke Festung nicht zu neh- 
men, und die österreichische 
Armee unter Daun und 
Loudon fand Zeit, das 
preußische Lager fast ganz 
zu. umstellen und die Zu- 
fuhr aus Oberschlesien ab- 
zuschneiden. Als es Loudon. 
gelang, einen von Neiße 
kommenden großen Zug mit 
Zunfuhr wegzunehmen, mußte 
Friedrich die Belagerung 
aaufdeben. Ohne Schießbedarf 
nund Lebensmittel sollte er 
sich jetzt durch einen an 
Zahl weit überlegenen Feind 
schlagen, der alle Pässe nach 
Oberschlesien besetzt hatte. 
Da änderte der König plötz- 
lich seinen Marsch und zog 
Herzog Ferdinand von Braunschweig. nach Böhmen. Dadurch ge- 
wann er einen Vorsprung 
und wußte auch, als Daun und London ihn einholten, durch geschickte An- 
ordnungen über Königgrätz nach Landshut zu entkommen; alle Wagen, Ge- 
schütze, selbst die Krauken und Verwundeten brachte er wohlbehalten heim —— 
auch ein Meisterstück der Kriegskunst. 
Inzwischen waren die Russen durch Westpreußen herangezogen und in 
die Neumark eingefallen, wo sie wie einst die wildesten Horden der Völker- 
wanderung hausten; sie verbrannten eine große Anzahl Dörfer und selbst 
die Stadt Küstrin, während die Festung standhielt. Voll Ingrimm eilte 
Friedrich aus Schlesien herbei. Die Thränen traten ihm in die Augen, als 
er die Verwüstung gewahrte, und er wies sofort 600 000 Mark zur Ver- 
teilung an die Unglücklichen an; dann befahl er seinen Truppen, den Russen 
keinen Pardon zu geben, und griff Fermor, der sein Heer nördlich von 
der Warthemündung bei Zorndorf aufgestellt hatte, an (25. August). Doch
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 131 
so leicht, wie Friedrich wohl gehofft hatte, ward der Sieg nicht errungen; 
anfänglich wichen einige preußische Bataillone sogar zurück, so daß selbst 
Seydlitz meinte: „Die Bataille geht verloren!“ Aber Oberst v. Wackenitz, 
Befehlshaber der Garde du Corps, rief: „Ich gebe keine Bataille verloren, 
bevor die Garde attaquierte: ich attaquiere!“ Wie ein Sturmwind warf er 
sich mit seinen Reitern auf die Russen, Seydlitz, obschon blutend, hinter ihm 
her! So trieben sie die russische Kavallerie und dann auch die Infanterie 
des rechten russischen Flügels zurück, und als auf dem anderen Flügel die 
Russen siegreich vordrangen, eilte die preußische Kavallerie auch dorthin und 
warf die russische auf ihr eigenes Fußvolk. Doch die Russen waren noch 
leichter zu besiegen als zu vertreiben; sie standen wie die Mauern und mußten 
reihenweise niedergemacht werden. Erst die Nacht und die vollständige Er- 
schöpfung der Preußen machte 
    
    
        
pommern nach Polen zurück; 
Friedrich konnte ihm nicht fol- 
gen, weil ihn sein Bruder 
Heinrich um Hilfe anrief. 
Prinz Heinrich besaß 
zwar nicht den kühnen Wage- 
mut seines königlichen Bruders, 
aber große Umsicht und Be- 
sonnenheit und hatte daher die 
ihm gestellte Aufgabe, Sachsen 
gegen einen überlegenen Feind 
zu decken, während des ganzen 
Sommers glücklich gelöst; jetzt # 
aber bedrohten ihn Daun und — — nind 
ein neues Reichsheer von vorn -··., »·s.--«-- -,«"·T 
und im Rücken. Friedrich eilte — « " 
ihm deshalb zu Hilfe. Sofort Prinz Heinrich von Preußen. 
wich Daun zurück und ließ sich 
auch nicht zur Schlacht verlocken, folgte aber dem Könige in stets unangreif- 
baren Stellungen. Da bezog Friedrich in zu großem Vertrauen auf Dauns 
läängstliche Vorsicht bei Hochkirch unweit Bautzen in sehr gefährdeter Stellung, 
ganz nahe dem doppelt überlegenen Feinde, ein offenes Lager — für 
die Osterreicher eine beschämende Herausforderung. Der König wollte hier 
nur zwei Tage stehen bleiben, um eine Brotzufuhr abzuwarten; da wurde 
er in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober von Daun überfallen. 
Um fünf Uhr morgens wurden die schlaftrunkenen Preußen von ihren eigenen 
Kanonen, die den Osterreichern bereits in die Hände gefallen waren, geweckt. In 
der Finsternis halfen Mut und Tapferkeit nichts, aber die unübertreffliche Mannszucht 
rettete das Heer; in der allgemeinen Verwirrung war jeder auf sich selber angewiesen. 
Mann kämpfte gegen Mann, in der Dunkelheit siel mancher von Freundeshand. 
Feldmarschall von Keith machte einen fünfmaligen Angriff, um die große Batterie 
inmitten des Lagers zurückzuerobern, bis er fiel. Major von Langen hielt mit seinem 
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dem Kampfe ein Ende. Fermor mW 
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        132 Zweiter Zeitraum. 
Bataillon stundenlang den Kirchhof gegen eine siebenfache Übermacht. Aber trotz 
der heldenmütigen Tapferkeit mußten die Preußen das brennende Dorf Hochkirch 
räumen; in größter Ordnung zogen sie ab und stellten sich in Schlachtordnung. 
Daun hütete sch wohl, mit dem gereizten Löwen am hellen Tage den Gang zu 
wagen; er verschanzte sich und ließ den ambrosianischen Lobgesang anstimmen. Der 
Papst schenkte ihm für diesen Sieg einen geweihten Hut und Degen. Und in der 
That hatte das preußische Heer einen schweren Verlust erlitten: es hatte 9000 Mann 
an Toten und Verwundeten sowie 101 Kanonen verloren; Prinz Franz von Braun- 
zibahese uen Feldmarschall Keith waren gefallen, Moritz von Dessau schwer verwundet. 
+ . 
Doch die Früchte dieses Sieges sollte Daun nicht ernten. Friedrich 
umging ihn durch Gewaltmärsche in weitem Bogen, ließ seinen Bruder Heinrich 
gegen ihn zurück und gelangte glücklich nach Schlesien. Sofort hoben 
die Osterreicher die Belagerung von 
Neiße auf und räumten Schlesien. 
Friedrich eilte nach Sachsen zurück, 
und Daun zog nach Böhmen. So 
endete das Jahr 1758 für Friedrich 
doch günstig: Schlesien und Sachsen 
waren in seinen Händen, die Schweden 
waren nach Pommern zurückgedrängt, 
und die Russen hatten sich nach ver- 
geblicher Belagerung Kolbergs nach 
Polen begeben. 
Das Kriegsjahr 1759. 
Wieder wurde auf beiden Seiten 
aufs eifrigste gerüstet. Friedrichs 
Feinde brachten wieder ein fast doppelt 
so großes Heer zusammen als er; 
noch schlimmer war, daß es ihm an 
tüchtigen Offizieren und alten Sol- 
Keith. daten fehlte. Von den nenu ausge- 
hobenen Rekruten war nur ein Drittel 
aus seinen Staaten. Da die englischen Hilfsgelder und die Steuern der 
preußischen Provinzen den für den Feldzug erforderlichen Geldbedarf nicht 
deckten, so sah sich der König genötigt, den von ihm besetzten Ländern, 
namentlich Sachsen, hohe Kriegsschatzungen aufzulegen und, als auch diese 
noch nicht reichten, große Summen bei den Münzpächtern zu erheben, die sich 
dafür durch Ausprägung immer schlechterer Münzen — nach dem Münzjuden 
Ephraim Ephraimiten genannt — entschädigen durften. Bisher hatte Friedrich 
den Feldzug stets mit einem Angriff begonnen; bei dem mangelhaften 
Zustande seines jetzigen Heeres beschloß er aber, vorläufig den Krieg ver- 
teidigungsweise zu führen. " 
Den Feldzug eröffnete auch diesmal Ferdinand von Braunschweig. Er 
wollte den Franzosen das während des Winters von ihnen besetzte Frankfurt a. M. 
wieder entreißen, wurde aber in der Nähe der Stadt bei Bergen zurück-
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 133 
geschlagen und wich, als hätte er seine frühere Siegeszuversicht verloren, vor 
dem nachrückenden Feinde bis Osnabrück zurück, so daß selbst Minden ver— 
loren ging. Dann rückte er aber wieder vor und trug am 1. August in der 
Schlacht bei Minden über die Franzosen einen glänzenden Sieg davon; 
dadurch bewahrte er Westfalen und Niedersachsen für dieses Jahr vor der 
ihnen zugedachten Verwüstung. » 
Friedrich hatte bisher mit Erfolg eine Vereinigung der Osterreicher und 
Russen verhindert. Als nun ein starkes russisches Heer unter Soltikow durch 
Polen heranzog, sandte er ihm General Wedel mit unbeschränktem Oberbefehl 
entgegen. Aber dieser wegen seiner ungestümen Tapferkeit beim Könige sehr 
beliebte Führer bewies sich als einen wenig einsichtsvollen Oberfeldherrn. Er 
griff das fast dreimal so starke russische Heer in fester Stellung bei Kay 
unweit Züllichan an, wurde aber unter schwerem Verluste zurückgeschlagen. 
Sofort zog ein österreichisches Heer unter Loudon durch die Lausitz, und die 
von Friedrich so lange gefürchtete Vereinigung der beiden feindlichen Heere 
kam nun doch zustande. Das verbündete Heer, 80000 Mann stark, ver- 
schanzte sich am rechten Oderufer bei Frankfurt. Der König gab Sachsen bis 
auf Dresden preis, übertrug seinem Bruder Heinrich die Wacht in Schlesien 
und eilte mit dem Kerne seines Heeres (etwa 50000 Mann) nach der Neu- 
mark. Unterwegs brachte ihm ein Offizier Ferdinands von Braunschweig die 
Nachricht von dem glänzenden Siege bei Minden; Friedrich behielt ihn bei sich 
in der Hoffnung, ihn bald mit einer Siegesnachricht zurücksenden zu können. 
Er setzte über die Oder und griff den Feind am 12. August bei Kuners- 
dorf an, erlitt aber die furchtbarste Niederlage seines ganzen 
Lebens. 
Um zwei Uhr morgens brach der König mit seinem Heere auf, um den Feind, 
der die Höhen bei Kunersdorf, den Mühlberg und den südlich davon gelegenen 
Spitzberg, besetzt hatte, im Osten zu umgehen. Aber in dem Walde östlich von 
Kunersdorf stieß er unvermutet auf Teiche und sumpfige Wiesen, die ihn zwangen, 
einen Umweg zu machen. Erst nach neunstündigem Marsche kam der eine preußische 
Flügel an den Feind. Trotz ihrer Ermüdung jagten die Truppen in zehn Minuten 
den ganzen östlichen Flügel vom Mühlenberge und eroberten 70 Kanonen; aber zur 
Verfolgung fehlte ihnen die noch nicht eingetroffene Kavallerie und Artilkerie. Die 
Russen sammelten sich im Kuhgrunde, und Loudon zog ihnen zu Hilfe. Um auch 
diesen Grund und den dahinter liegenden, mit Kanonen besetzten Spitzberg zu erobern, 
befahl Friedrich einen allgemeinen Angriff. Da erlahmte die Kraft seiner durch den 
langen Marsch und den mehrstündigen Kampf in der Sonnenglut ermüdeten Truppen. 
Bei diesem Angriff fiel an der Spitze seiner Grenadiere auch der Major Ewald 
von Kleist, der begeisterte Sänger des „Frühlings“. Auch die preußische Reiterei 
mußte dem russischen Kartätschenhagel weichen, Seydlitz ward schwer verwundet. Immer 
neue Scharen führte der König herbei, aber alles war vergebens. Zwei Pferde 
wurden ihm unterm Leibe erschossen, er selber ward verwundet. „Kann mich denn 
keine verwünschte Kugel treffen?" rief er voller Verzweiflung. In der Verwirrung 
verloren ihn seine Begleiter aus den Augen; wie betäubt stand er einsam auf einem 
kleinen Hügel, und nur mit Mühe gelang es dem Rittmeister von Prittwitz, ihn aus 
dem Gewühl zu entfernen und vor der Gefangenschaft zu bewahren. Der König 
verbrachte die folgende Nacht in einer elenden, ausgeplünderten Fährhütte; er selber 
lag auf Stroh, seine Adjutanten auf bloßer Erde. In seiner Verzweiflung schrieb 
er dem Minister Grafen Finckenstein: „Alles ist verloren! Retten Sie die königliche 
Familie! Ich bin mit meinen Hilfsmitteln zu Ende. Den Untergang des Vater- 
andes überlebe ich nicht! Adien für immerl"
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        134 Zweiter Zeitraum. 
Dem Feinde stand der Weg nach Berlin offen; aber so schlimm, wie 
Friedrich gefürchtet hatte, waren die Folgen der Schlacht nicht. Schnell 
sammelte er die Trümmer seines Heeres. „Ich will mich töten lassen," 
schrieb er, „um meine Hauptstadt zu retten. Wenn ich mehr als ein Leben 
hätte, ich würde es für mein Vaterland opfern.“ Doch die Feinde rückten 
nicht vor. Soltikow schrieb an seine Kaiserin: „Noch ein solcher Sieg, und 
ich werde allein mit dem Stabe in der Hand die Botschaft nach Petersburg 
bringen müssen.“ Deshalb lehnte er auch den Angriff auf Berlin, den Daun 
und London wünschten, ab und zog nach Niederschlesien; die Osterreicher 
folgten. Friedrich hatte Zeit gewonnen, sein Heer wieder zu sammeln und 
zu verstärken. Obwohl an der Gicht leidend, so daß er sich in einer Sänfte 
tragen lassen mußte, folgte er dem Feinde, hielt ihn durch meisterhafte Züge 
in Schach, bis Soltikow nach Polen, Loudon nach Mähren zog. So war 
die drohende Gefahr beschworen, und Friedrich konnte nun nach Sachsen eilen, 
wo seine Sache ebenfalls schlecht stand. 
Unter dem Eindruck der Niederlage bei Kunersdorf hatte Friedrich dem 
Befehlshaber von Dresden, Grafen Schmettau, gestattet, die von Osterreichern 
und Reichstruppen hart bedrängte Stadt nach Wegführung der Vorräte und 
der Kriegskasse gegen ehrenvollen Abzug der Besatzung zu räumen. Graf 
Schmettau hatte dies gethan; aber der König, dessen Lage sich inzwischen 
günstiger gestaltet hatte, war darüber sehr ungehalten und beschloß, diese 
wichtige Stadt zurückzuerobern. Daun zog zur Deckung derselben herbei. Um 
ihn zum Rückzuge aus Sachsen zu zwingen, schickte Friedrich ihm General 
Fink mit 13.500 Mann in den Rücken. Vergebens machte Fink Vorstellungen 
gegen ein so gefährliches Unternehmen: er wurde bei Maxen umzingelt und 
mußte die Waffen strecken. Friedrich war von diesem unerwarteten und in 
der preußischen Armee bis dahin unerhörten Vorfall aufs heftigste erschüttert; 
die Feinde jubelten über den „Finkenfang". Dresden mit seiner Umgebung 
konnte der König jetzt nicht wieder erobern; vergebens bezog er Dauns Heere 
gegenüber bei strenger Winterkälte ein Lager: er hat Dresden nie wieder 
zurückgewonnen. So endete das Jahr 1759, für Friedrich das an Miß- 
erfolgen reichste des ganzen Krieges; dennoch hatte er noch Schlesien und die 
größere Hälfte Sachsens in Händen. 
Das Kriegsjahr 1760. 
Voll Besorgnis sah Friedrich dem neuen Feldzuge entgegen. Seine 
Feinde stellten gegen 300000 Mann auf; er konnte mit äußerster Kraft— 
anstrengung nur 90000 zusammenbringen, und diese waren zum größten 
Teil aus aller Herren Ländern durch List oder Gewalt zum Soldaten gepreßt 
worden, blutjunge Kadetten mußten zu Offizieren ernannt werden. Der König 
mußte sich daher auf die Verteidigung beschränken. Er selber wollte Sachsen 
gegen Daun decken; Fouquc sollte Schlesien schützen, und Prinz Heinrich in 
der Lausitz sich bereit halten, gegen die Russen zu marschieren oder Sachsen 
Hilfe zu bringen. Loudon eröffnete den Feldzug durch einen Einfall in 
Schlesien. Auf Friedrichs Befehl rückte Fonqué dem dreifach überlegenen 
Feinde entgegen, wurde aber bei Landshut nach sechsstündigem, ver-
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 135 
zweifeltem Kampfe überwältigt und gefangen genommen. Nur ein kleiner 
Teil des Heeres rettete sich, der Feldherr selber entging dem Tode unter den 
Säbelhieben der Feinde nur durch die aufopferungsvolle Treue seines Reit- 
knechts. Nun fiel Glatz, und Loudon belagerte Breslau. 
Friedrich hatte unterdes vergeblich versucht, Daun zu einer Schlacht zu 
bewegen und Dresden zurückzuerobern; als er erfuhr, daß auch die Russen 
nach Schlesien zogen, brach er gleichfalls dorthin auf: vorauf zog Daun, 
bemüht, vor Friedrich Schlesien zu erreichen und sich mit Loudon und Soltikow 
zu vereinigen; dem König folgte ein anderes österreichisches Heer unter Lach. 
Zwar gelangte Friedrich trotzdem unangefochten nach Schlesien; aber bei Jauer 
vereinigten sich sämtliche österreichischen Truppen, nicht weit von ihnen standen 
die Russen und zwischen beiden Heeren bei Liegnitz das kleine preußische 
Heer. „Der Sack ist offen,“ jubelten die Osterreicher, „jetzt muß er hinein!“ 
Aber Friedrich verstand ihnen doch „ein Loch hineinzuschneiden“. In der 
Nacht zum 15. August sollte er, wie einst bei Hochkirch, überfallen werden. 
Doch Friedrich war gewarnt. Er verlicß nachts sein Lager, setzte über das 
Schwarzwasser, das sich unterhalb Liegnitz in die Katzbach ergießt, und stellte 
sein Heer nahe demjenigen Loudons in Schlachtordnung auf, während Zieten 
zurückblieb, um Daun am Überschreiten des Schwarzwassers zu bindern. Die 
Soldaten lagerten in der sternhellen Nacht mit dem Gewehr im Arm, die 
Offiziere wandelten auf und ab. Und der König? 
„Auf einer Trommel saß der Held 
Und dachte seine Schlacht, 
Den Himmel über sich als Zelt 
Und um sich her die Nacht.“ (Gleim.) 
Mit dem Morgengrauen brach der Feind auf. London war erstaunt, 
so bald schon auf die Preußen zu stoßen, die ihn mit mörderischem Feuer 
empfingen. Er nahm aber die Schlacht in der Hoffnung auf, daß Daun und 
Lacy ihm bald zu Hilfe eilen würden; doch diese wurden von Zieten so 
lange festgehalten, bis der König den doppelt so starken Feind nach zwei- 
stündigem Kampfe geschlagen hatte. Hierbei hatte sich das Regiment Bernburg 
besonders ausgezcichnet, das der König während der Belagerung Dresdens 
wegen geringer Leistungen mit dem Verlust der Borten und des Seiten- 
gewehrs bestraft hatte. Nach erfochtenem Siege traten alte Soldaten dieses 
Regiments an den König heran, umfaßten seine Kuiee und baten um Rück- 
gabe der Ehrenzeichen. Gerührt erwiderte der König: „Ja, Kinder, alles 
soll vergeben und vergessen sein; aber den heutigen Tag werde ich euch nicht 
vergessen.“ 
Der Sieg bei Liegnitz gab den Preußen wieder frischen Mut; die Russen 
räumten Schlesien, und die Osterreicher wagten einen ferneren Angriff nicht. 
Um diese Zeit schlug auch Kolberg einen russischen Angriff von der Land- 
und Seeseite glücklich ab; besser glückte den Feinden ein Anschlag auf 
Berlin. Ein russisches Heer unter Tottleben und ein österreichisches unter 
Lacy fielen in die Mark ein. Anfänglich wehrte sich die kleine Besatzung der 
unbefestigten Hauptstadt, mußte sich aber vor der Übermacht zurückziehen. 
Berlin ergab sich dem General Tottleben, einem edelmütigen Sieger; er
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        136 Zweiter Zeitraum. 
hielt gute Mannszucht und sicherte den Einwohnern Eigentum und Leben sowie 
Befreiung von Einquartierung zu, doch mußten sie eine Kriegssteuer zahlen. 
Diese billigen Bedingungen erlangte die Stadt durch Vermittelung des Groß- 
kaufmanns Gotzkowsky, der durch große persönliche Geldopfer auch öffent- 
liche Anstalten, wie das Lagerhaus, rettete. Nicht so schonend wie die Russen 
verfuhren die Osterreicher und besonders die Sachsen, die das königliche Schloß 
zu Charlottenburg ausplünderten und verwüsteten. Aber auf die Nachricht: 
„Der König kommt!"“ stoben die Feinde auseinander, die Russen nach Polen, 
Lacy wandte sich nach Sachsen. Dorthin zog auch Daun, fest entschlossen, 
dies wichtige Land zu behaupten. 
Sobald Friedrich auf seinem Marsche nach der Mark erfahren hatte, 
daß Berlin bereits befreit sei, wandte er sich ebenfalls nach der Elbe, um 
Sachsen, seine beste Vorratskammer, vor Anbruch des Winters zurückzuerobern. 
Nachdem Daun Lach an sich gezogen hatte, verschanzte er sich auf den Höhen 
nordwestlich von Torgau bei Süptitz mit 63000 Mann und 360 Kanonen. 
Friedrich hatte nur 44000 Mann und 130 Geschütze; dennoch beschloß er 
den Angriff, weil er mußte. 
Er überschritt nördlich von Torgau die Elbe und zog westlich an dem öster- 
reichischen Lager vorbei, um Daun hervorzulocken, aber vergebens. Da teilte er am 
3. November sein ohnehin schon kleines Heer. Er ließ Zieten mit dem kleineren 
rechten Flügel im Süden der Süptitzer Berge stehen, während er selber mit dem 
linken Flügel durch den Torgauer Wald zurückmarschierte, um den Feind in der Front 
anzugreifen. Mit der Infanterie kaum am Waldesrande angelangt, hörte er Kanonen- 
donner, und in der Meinung, Zieten sei schon im Gefecht, griff er ohne Reiterei und 
Geschütz sofort an. Aber reihenweise wurden die Truppen von einem Geschützfeuer, 
wie man es bis dahin noch nicht gehört hatte, dahingestreckt; auch die später ein- 
treffende Artillerie und Kavallerie vermochte nichts auszurichten. Der König war im 
dichtesten Kampfgewühl; drei Pferde wurden ihm unterm Leibe getötet, eine Kugel 
traf ihn auf die Brust, so daß er ohnmächtig vom Pferde fiel. Kaum war er wieder 
zu sich gekommen, als er ausrief: „An meinem Leben liegt mir heute nichts; laßt 
uns unsere Pflicht thun, und wehe dem, der sie nicht thut!“ Doch mußte er den 
Oberbefehl abgeben. Die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Daun glaubte 
den Sieg sicher in den Händen zu haben und fertigte Eilboten nach Wien und Warschau 
ab; allein er hatte zu früh triumphiert. Zieten hatte stundenlang auf den Befehl 
zum Angriff gewartet; endlich um vier Uhr wagte er, die Süptitzer Höhen zu stürmen. 
Gleichzeitig griffen noch einmal einige Truppen des linken preußischen Flügels an, 
und nach ununterbrochenem Ringen war um halb zehn Uhr der Sieg der preußischen 
Waffen entschieden. Unter dem Schutze der Nacht setzte Daun über die Elbe. Friedrich 
verbrachte die Nacht in einer Kirche, da alle anderen Häuser mit Verwundeten über- 
füllt waren; mitten in der Nacht brachte ihm Zieten die frohe Botschaft von dem 
erfochtenen Siege, und der König war darüber so erfreut, daß er den Sieger voll 
Dank in seine Arme schloß. 
Die Schlacht hatte auf beiden Seiten große Opfer gefordert; dennoch 
brachte sie den ersehnten Frieden nicht. Maria Theresias Hoffnung auf den 
endlichen Sieg war durch den wenige Tage vor der Schlacht erfolgten Tod 
Georgs II. aufs neue belebt worden, da sie hoffen durfte, daß Georg III. 
den Vertrag mit Friedrich nicht erneuern werde. Friedrichs Lage wurde 
mit jedem Jahre bedenklicher; die Kräfte seiner Erbländer und der von ihm 
besetzten Staaten waren erschöpft. Auch im übrigen Deutschland sah es schlimm 
genug aus: Bürger und Bauern verarmten; in Mitteldeutschland waren Getreide,
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 137 
Rindvieh und Pferde kaum noch zu finden, und dennoch lagen mit Bewilligung 
des Kaisers gegen 100000 Franzosen bei deutschen Bauern und Bürgern 
im Quartier. 
Die letzten Kriegsjahre; 1761—1763. 
Den Winter 1760/61 verlebte Friedrich in Leipzig, wo er auch Gellert 
kennen lernte. In dem neuen Feldzuge sollte Ferdinand von Braunschweig 
wie bisher die Franzosen in Schach halten, Prinz Heinrich Sachsen gegen 
Daun und das Reichsheer verteidigen; Friedrich eilte wieder nach Schlesien, 
um eine Vereinigung der Russen mit den Osterreichern unter Loudon zu ver- 
hüten. Als sie doch zustande kam, bezog er 1761 bei Bunzelwitz unweit 
Schweidnitz ein festes Lager, 
in welchem er drei Wochen 
lang dem weit überlegenen 
Feinde Trotz bot. Seine ganze 
Armce brachte jede Nacht unter 
dem Gewehre zu. Als daun 
Mangel an Nahrungsmitteln 
die Russen zum Abzuge zwang, 
bedrohte London Schweid- 
nitz; um ihn von dieser Festuung.13 
abzuziehen, verließ Friedrih # 
sein Lager. Aber London folgt. 
ihm nicht, sondern nahm dass. 
mangelhaft befestigte und. 
schlecht verteidigte Schweidnitz 
mit Sturm. Bald nachher fiel 
Kolberg in die Hände der 
Russen; diese bezogen nun in 
Hinterpommern, die Oster- 
reicher in Schlesien Winter- 
quartiere. So ungünstig hatte 
für Friedrich noch kein Jahr geendet; außer der Hälfte Sachsens war nun 
auch ein Teil von Pommern und von Schlesien verloren, dazu war Pitt aus 
dem Ministerium entlassen worden, und Georg III. hatte den Vertrag mit 
Friedrich gekündigt, so daß seitdem die englischen Hilfsgelder ausblieben. 
Fast wärc der König durch Verrat des schlesischen Barons von Warkotsch, der 
dem König manche Wohlthaten verdankte, in die Hände der Osterreicher gefallen. Er 
hatte sein Hauptquartier in Woiselwitz bei Strehlen, nur wenige Mann seiner Leib- 
wache waren bei ihm. Das teilte der benachbarte Gutsbesitzer von Warkotsch durch 
Vermittelung eines katholischen Pfarrers einem in der Nähe stehenden Kroatenhaupt- 
mann mit. Schon war die Nacht für den Uberfall bestimmt; aber der Jäger des 
Barons, der den Briefwechsel vermittelte, schöpfte Verdacht und brachte den letzten 
Brief dem lutherischen Ortspfarrer, der ihn damit zum Könige sandte. Dadurch 
wurde der König gerettet. Warkotsch flüchtete nach Wien, wo er von einem Gnaden- 
Hechait Maria Theresias lebte; sein Jäger erhielt von Friedrich eine einträgliche 
örstorsielle. . 
Trotz aller Gefahr und Bedrängnis verlor der König den Mut nicht. „Läßt
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        138 Zweiter Zeitraum. 
man mir nur meine Regimenter,“ pflegte er zu sagen, „so gebe ich nichts verloren.“ 
Gerade um diese Zeit führte er eine von ihm erfundene Truppe, die reitende 
Artillerie, in sein Heer ein, was seine Feinde aus Geldmangel ihm nicht nach- 
machen konnten. Auch das englisch-hannoversche Heer unter Ferdinand von Braun- 
schweig führte bis Ende 1762 den Krieg gegen die Franzosen fort. Großen Trost 
und immer neue Hoffnung schöpfte der König aus der Systesecudigkei seines Volkes. 
Die Stände der Marken rüsteten freiwillig auf ihre Kosten Landmilizen und berittene 
Jäger aus, die bei der Verteidigung der Landesfestungen und im kleinen Kriege 
gegen die Schweden und Russen treffliche Dienste leisteten. Alte Edelleute, die schon 
seit Jahren auf ihren Gütern zurückgezogen lebten, nahmen die Schwerter wieder 
von der Wand und traten als Ofliziere bei diesen Milizen ein. Die pommerschen 
Seeleute vereinigten sich, um mit ihrer kleinen Flotte die Odermündung gegen die 
Schweden zu halten. Sechs Jahre lang gupsigen die Beamten keinen Gehalt, 
thaten aber ruhig ihren Dienst, als verstünde sich das von selber. Während Ost- 
preußen von den Russen besetzt war, sammelten die dortigen Beamten Geld und Ge- 
treide für ihren König; verkleidet und mit Lebensgefahr brachten sie es durch die 
russischen Heere. Ein siebzigjähriger Schäfer im Halberstädtischen, der schon sechs 
Söhne bei der Fahne hatte, gab dem Werbehauptmann seinen siebenten Sohn, weil 
er hörte, daß es dem Könige „auf dem Nagel brenne“. Als die Franzosen das 
Ravensbergische besetzten, fanden sich dort fünfzig Bauerburschen ein, welche die 
preußischen Fahnen verlassen hatten, weil sie meinten, sie brauchten dem Könige jetzt 
nicht mehr zu dienen. Aber die Bauern schlossen sie von jedem Verkehr aus, die 
Kirche versagte ihnen Beichte und Abendmahl und das elterliche Haus die Aufnahme. 
Den Fahnenflüchtigen blieb nichts anderes übrig, als zu den Regimentern zurückzu- 
kehren. — Aus der Grasfschaft Mark machten sich wiederholt Bürger= und Bauer- 
söhne auf in das preußische Lager. Als sie zum erstenmal vor Friedrich erschienen, 
fragte er sie: „Was wollt ihr?“ — „Dienen.“ — „Wer hat euch hergeschickt?“ — 
„Unsere Väter.“ — „Wie viele sind unterwegs entlaufen?" — „Niemand! Könnten 
wir das, dann wären wir ja nicht gekommen.“ — Des Königs Auge glänzte vor 
Freude. „Seid mir willkommen, brave Markaner,“ rief er aus; „auf euch kann ich 
auen.“ 
Der König teilte mit seinen Soldaten alle Gefahren und Entbehrungen. Einst 
hatte ein Pandur schon auf ihn angelegt. Drohend erhob der König seinen Krück- 
stock und rief: „Er hat ja kein Pulver auf der Pfanne!“ Der verdutzte Soldat sah 
nach; aber ehe er wieder anlegen konnte, war Friedrich davon. Eines Nachts saßen 
der König und Zieten auf einem Reisigbündel neben dem Wachtfeuer. Als Zieten 
einschlummerte und von dem Bündel herunterrutschte, legte ihm ein Grenadier ein 
anderes unter. „Bravo!“ sagte der König leise; „der alte Mann ist müde.“ Bald 
nachher wollte ein anderer Grenadier sich am Feuer die Pieife anzünden, stieß aber 
unvorsichtigerweise Zieten an den Fuß. Da erhob der König drohend den Finger 
und rief: „PstI Grenadier, wecke er mir den Zieten nicht; er ist sehr müde!“ 
Diese Standhaftigkeit des Königs und seines Volkes ward herrlich be- 
lohnt. Im Januar 1762 starb Elisabeth von Nußland, und ihr Nachfolger 
Peter III. von Holstein-Gottorp, ein leidenschaftlicher Verehrer Friedrichs, 
schloß sofort Frieden mit ihm, räumte die von den Russen besetzten preußischen 
Gebiete und ließ sogar das in Schlesien lagernde russische Heer unter Tscherni- 
tschew zu Friedrich stoßen. Diesem Frieden traten bald Schweden und Mecklen- 
burg bei. 
Die Schweden hatten während des ganzen Krieges so wenig ausgerichtet, 
daß Friedrich auf ihren Friedensantrag wegwerfend erwiderte: „Ja so, ich 
habe davon gehört, daß General Belling mit den Schweden allerlei Händel 
gehabt hat.“ Die Vermittelung übernahm die Königin von Schweden, Friedrichs 
Schwester, und dieser erklärte ausdrücklich, daß er nur aus Rücksicht auf seine 
Schwester die Sache auf dem alten Fuße belassen wolle.
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 139 
Friedrich konnte jetzt seine ganze Kraft gegen die sterreicher und Reichs- 
truppen wenden. Er ließ seinen Bruder Heinrich in Sachsen, während er selber 
nach Schlesien ging, um vor allem Schweidnitz wieder zu erobern. Aber die 
Festung hatte eine starke Besatzung; dazu deckte Daun sie mit einem dem 
preußischen überlegenen Heere, das er auf den Bergen bei Reichenbach hinter 
starken Verschanzungen aufgestellt hatte. Alle Versuche, ihn hervorzulocken, 
blieben erfolglos; da entschloß sich der König zum Angriff. Schon war alles 
zur Schlacht vorbereitet, als Tschernitschew die Nachricht erhielt, Peter III. 
sei von seiner Gemahlin Katharina entthront, und diese befehle ihm, sofort 
das preußische Heer zu verlassen. Friedrich wußte den russischen Feldherrn 
indes zu überreden, den Befehl noch drei Tage zu verheimlichen und mit 
seinem Heere der bevorstehenden Schlacht, wenn auch nur als Zuschauer, bei- 
zuwohnen, um dadurch einen Teil des österreichischen Heeres in Schach zu 
halten. Dann befahl er den sofortigen Angriff. Den Schlüssel der feindlichen 
Stellung bildeten die Höhen von Burkersdorf. „Heute muß es biegen oder 
brechen!“ rief der König, und so ging es auch. Weder die steilen Abhänge, 
noch die Verschanzungen, noch auch die feindlichen Kanonen vermochten die 
Preußen zurückzuhalten. In vier Stunden war der Kampf entschieden; Daun 
rückte ab und verlor damit seine Verbindung mit Schweidnitz. Die Russen 
verließen Schlesien und zogen sich völlig vom Kriege zurück. Friedrich belagerte 
Schweidnitz; doch gewann er die tapfer verteidigte Festung erst im Oktober. 
Damit hatte er Schlesien bis auf die Grafschaft Glatz und einen Teil Ober- 
schlesiens wieder in seiner Gewalt. In demselben Monate gewann Prinz Heinrich 
1762 über die Österreicher und Reichstruppen bei Freiberg in Sachsen den 
letzten Sieg in diesem Kriege. Bald nachher kam Friedrich selber nach Sachsen, 
das nun bis auf Dresden vom Feinde gesäubert ward. Dann sandte er, um 
die kleinen deutschen Fürsten zu zwingen, vom Kriege zurückzutreten, 10 000 
Mann ins Reich. Sie brachen verheerend in Franken ein und erhoben überall. 
schwere Kriegssteuern, besetzten sogar Bamberg und Nürnberg und jagten dem 
Regensburger Reichstag einen gewaltigen Schrecken ein. Im Westen hatte 
Ferdinand von Braunschweig gleichfalls glücklich gefochten und die Franzosen 
aus Hessen verdrängt. 
Da die Franzosen den Seekrieg gegen England ebenfalls unglücklich ge- 
führt hatten, schlossen sie (3. November 1762) mit England den Vertrag 
zu Fontainebleau; beide Staaten gaben damit den Krieg in Deutschland auf. 
Getrosten Mutes sah Friedrich nun in die Zukunft: hatte er es jetzt doch mit 
Osterreich allein zu thun. Er rüstete eifrig, nahm einen Teil der aufgelösten 
Armee Ferdinands in Dienst und stand so Maria Theresia furchtbarer gegen- 
über denn je. Deshalb entschloß diese sich zum Frieden. Nach kurzer Verhandlung 
zwischen den Bevollmächtigten Preußens, Osterreichs und Sachsens auf dem 
sächsischen Jagdschlosse Hubertusburg (zwischen Meißen und Leipzig) wurde am 
15. Februar 1763 der Hubertusburger Friede unterzeichnet. Man ging 
einfach auf den Zustand vor dem Kriege zurück; ferner versprach Friedrich, 
bei der nächsten Kaiserwahl dem Sohne Maria Theresias, Erzherzog Joseph, 
seine Stimme zu geben. 
Vor seiner Rückkehr nach Berlin schrieb der König: „Jeder gute Bürger
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        140 Zweiter Zeitraum. 
mag sich des Friedens freuen. Ich armer Greis kehre in eine Stadt zurück, 
in der ich nur die Mauern kenne, wo ich von meinen Freunden keinen mehr 
antreffe, wo eine unermeßliche Arbeit meiner wartet.“ Von den Bürgern 
wurde er mit nicht enden wollendem Jubel empfangen; er aber entzog sich 
bald dem lärmenden Festgepränge. In der Kapelle des Charlottenburger 
Schlosses, das er bewohnte, ließ er für sich allein einen Dankgottesdienst ab- 
halten; als die Musiker das Tedeum anstimmten, neigte er das Haupt und 
brach in Thränen aus. Im ganzen Lande aber wurde ein Friedensfest ge- 
feiert und dabei über das Bibelwort gepredigt: „Sie haben mich oft gedränget 
von meiner Jugend auf; aber sie haben mich nicht übermocht.“ — Der Krieg 
war beendet; aber welche Opfer hatte er gekostet! Uber eine Million Menschen 
war in demselben umgekommen; Nord= und Mitteldentschland waren verheert, 
am schlimmsten da, wo die Russen und Franzosen gehaust hatten. Ein Offizier 
schrieb 1762, er sei durch sieben hessische Dörfer geritten, habe in allen aber 
nur einen Menschen getroffen: einen Pfarrer, der sich Bohnen kochte. Und 
trotz aller Opfer hatten die Feinde Preußens ihr Ziel nicht erreicht. Friedrich 
hatte sein Land mit kaum mehr als fünf Millionen Einwohnern gegen fast 
ganz Europa verteidigt und Deutschland vor dem abermaligen Abreißen von 
Grenzländern (Ostpreußen, Pommern, Rheinland) bewahrt; Preußen war 
in die Reihe der Großmächte eingetreten und hatte sich abermals als Hort 
der evangelischen Kirche bewährt. Das Selbstbewußtsein des preußischen Volkes 
war bedeutend gewachsen; aber in Friedrich dem Großen, der die Bewunderung 
von ganz Europa erregte, mußte sich jeder Deutsche gehoben fühlen. 
3. Iriedrickk der Große als Tandesvaker. 
Preußen hatte in dem Kriege schwer gelitten; es hatte eine halbe Million 
Menschen, allein 180000 Soldaten verloren. An vielen Orten lagen die 
Felder brach, weil es an Arbeitern fehlte, an anderen bestellten Frauen 
und Greise den Acker. Am meisten hatte der Adel gelitten, und manche 
Edelfrau beklagte den Verlust von Vater, Gemahl, Brüdern und Söhnen; 
waren doch allein 54 des Geschlechtes von Kleist gefallen! Städte und Dörfer, 
über 13000 Häuser waren abgebrannt, viele Bauern von ihrer Scholle ver- 
trieben, die kleinen Leute gänzlich verarmt; ein Drittel der Bevölkerung 
Berlins lebte von Armenunterstützung. Als der König dann nach dem Kriege 
das schlechte Geld (S. 132) auf den wahren Wert herabsetzte, verarmten aber- 
mals Hunderte von wohlhabenden Leuten. Die Ordnung der Polizei, der guten 
Sitte und des Gehorsams war vielfach gelockert, ja geschwunden. Da that 
schnelle Abhilfe not! 
«· Den Arbeitern schaffte der König lohnenden Verdienst bei dem Wieder— 
aufbau der Städte und Dörfer und bei dem Neubau der Schlösser Sanssouci 
und Neues Palais, die er in der Nähe Potsdams aufführen ließ. Den 
kleinen Landwirten schenkte er 40000 Scheffel Getreide zur Aussaat, 
60000 Armeepferde und 70000 Schafe; den am schwersten heimgesuchten 
Gegenden erließ er nicht nur zeitweilig die Stenern — Schlesien auf sechs 
Monate, Pommern und der Neumark auf zwei Jahre —, sondern schenkte 
ihnen auch noch sechzig Millionen Mark bares Geld. Zur Hebung des
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 141 
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        142 Zweiter Zeitraum. 
Ackerbaues entließ er 30000 Invaliden aus dem Heer. 15000 Häuser 
wurden zum großen Teil auf Staatskosten errichtet; schon nach einem Jahre 
war Küstrin aus der Asche wieder erstanden, und nach wenigen Jahren waren 
allein in Schlesien fünfzehn ansehnliche Städte wieder aufgebaut und 250 neue 
Dörfer entstanden, deren Häuser nicht mehr, wie früher zum Teil, aus 
Baumstämmen erbaut, sondern mit Steinen aufgemauert waren. Am meisten 
that der König für den Adel. Er besetzte die höheren Staatsämter und 
Offizierstellen fast nur mit Adligen. Auf die Verbesserung adliger Güter 
verwandte er große Summen, die er teils zinslos, teils gegen sehr geringe 
Zinsen darlieh. Auch beförderte er durch einen Zuschuß die Gründung 
landschaftlicher Kreditvereine, der sogenannten „Landschaften“, die sich durch 
Gewährung von Darlehen sehr segensreich erwiesen. Um den adligen Familien 
die Rittergüter zu erhalten, verordnete er, daß diese nur an Adlige verkauft 
werden sollten; ein bürgerlicher Besitzer eines Rittergutes erhielt die mit dem- 
selben verbundenen Ehrenrechte, wie niedere Gerichtsbarkeit, Patronat über 
Kirche und Schule sowie Jagdrecht, nicht. — Alle Welt staunte über die 
scheinbar unversiegliche Geldquelle des Königs: hatte er doch während des 
ganzen Krieges keine Anleihe aufgenommen und in Preußen die Stenern 
nicht erhöht! 
Wie sein Vater sah auch Friedrich der Große den Ackerbau als die 
Grundlage des Wohlstandes im Staate an; deshalb suchte er fortwährend 
neues Ackerland zu gewinnen und mit fleißigen Kolonisten zu besetzen. Schon 
nach dem zweiten Schlesischen Kriege legte er in siebenjähriger Arbeit das 
Oderbruch zwischen Frankfurt und Oderberg trocken, indem er die Oder 
eindeichte und das Binnenwasser ableitete; dadurch wurde eine Fläche gewonnen, 
auf der 1200 Familien Wohnung und Unterhalt fanden. Mit gerechtem 
Stolze konnte der König später im Hinblick auf diese blühende Ansiedelung 
sagen: „Hier habe ich eine Provinz im Frieden gewonnen!“ Gleich nach dem 
Siebenjährigen Kriege wurde die Trockenlegung des Warthe= und des Netze- 
bruchs in Angriff genommen. An der ostfriesischen Küste ließ der König 
einen Teil des Dollarts eindeichen, wodurch der Landschaftspolder gewonnen 
wurde, noch heute eine der üppigsten und reichsten Gegenden Deutschlands. 
Ebenso ließ er den Finerbruch bei Ziesar südwestlich von Brandenburg und 
den Drömling in der Altmark anbauen. Durch unentgeltliche Uberweisung 
von Grundbesitz, durch Gewährung von Geldunterstützung und Werbefreiheit 
sowie durch mehrjährige Befreiung von Abgaben suchte der König Ansiedler 
aus allen Teilen Deutschlands herbeizuziehen. Dabei wußte er jeden in die 
für ihn geeignete Gegend zu bringen; Holländer und Ostfriesen bestimmte er 
gern für die Viehzucht, Pfälzer für Garten-, Italiener für Seidenbau. 
Während seiner ganzen Regierungszeit siedelte er etwa 300000 Kolonisten an. 
Unermüdlich war der König ferner, die Landleute mit gutem Rat zu unter- 
stützen. Er ermahnte sie, alle leeren Plätze mit Obstbäumen zu bepflanzen, 
Gemüse= und Hopfengärten anzulegen und nicht nur, wie bisher meistens, 
Getreide, sondern auch andere Feldgewächse, wie Buchweizen, Flachs, Luzerne, 
Kartoffeln, Klee und Lupinen, zu bauen, um durch Einführung des Frucht- 
wechsels die Ertragsfähigkeit des Bodens zu erhöhen. Den Kartoffelbau
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 143 
  
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        144 Zweiter Zeitraum. 
ließ er sogar von den Kanzeln herab empfehlen, verschenkte ganze Wagen— 
ladungen von Pflanzkartoffeln und erreichte es so teils durch Güte, teils durch 
Zwang, daß diese wichtige Kulturpflanze in seinem Staate bald allgemein 
angebaut wurde und in den Jahren 1771 und 1772, als das Korn mißriet, 
viele vor dem Hungertode bewahren half. Um die Baumzucht zu heben, 
richtete er in der Kurmark Kreisgärtnereien ein; auch suchte er den Seidenbau 
durch Belohnungen zu fördern. Zur Verbesserung der Schafzucht ließ er 
Merinowidder aus Spanien kommen. Ein wichtiger Schritt zur Hebung 
des Ackerbaues war auch der Beginn der Gemeinheitsteilung und Zu- 
sammenlegung der Ländereien. Im ganzen ging das Volk schwer auf die vom 
Könige beabsichtigten Verbesserungen ein, so daß er (1768) unwillig schrieb: 
„Diese Nation ist schwerfällig und faul. Die Menschen bewegen sich, wenn 
man sie antreibt, und halten still, wenn man einen Augenblick aufhört, sie 
zu stoßen; jeder erachtet nur die Gebräuche seiner Bäter für gut."“ 
Die Bauern würden der vom Könige ihnen gegebenen Anregung leichter 
gefolgt sein, wenn ihr Eifer ihnen selber zu gute gekommen wäre; aber ihr 
Land und fast ihre ganze Arbeitskraft gehörte dem Gutsherrn. Friedrich 
konnte hierin wenig ändern. Er versuchte zwar die Erbunterthänigkeit auf- 
zuheben; aber die Stände widersprachen einmütig. Woher sollte der König 
auch die Mittel nehmen, um den Adel für die ihm zugemuteten Opfer zu 
entschädigen! Auf einigen Domänen in Litauen und der Neumark befreite 
er die Bauern; da gingen sie vielfach davon nach besseren Gegenden, andere 
verkauften sogar den ihnen als Eigentum überwiesenen Hof und entwichen 
mit dem Gelde. Konnte also der König die Bauern auch nicht frei machen, 
so suchte er doch ihre Lage zu erleichtern. Er befahl, jeden Amtmann 
(d. i. Domänenpächter), der einen Bauern mit dem Stocke geschlagen habe, 
sechs Jahre auf die Festung zu bringen, wenn er sonst auch gut wirtschafte 
und seine Pacht im voraus zahle. Die Bauern sollten fortan wöchentlich 
nur drei Tage für den Gutsherrn frönen. Als der König einst durchs 
Feld fuhr, stellten sich die Bauern, welche dort mit Roggenmähen beschäftigt 
waren, zu beiden Seiten des Weges auf und strichen grüßend ihre Sensen, 
während ihr König durch ihre Reihen dahinfuhr: es war der Dank der ein- 
fachen Leute. Auf diesen Fahrten mußten die Amtleute neben dem Wagen 
des Königs reiten und über alles Auskunft geben. 
Dem Ackerbau und dem Binnenhandel zugleich suchte der König durch 
den Bau von Kanälen zu dienen. Bereits 1743—1745 ließ er den 
Plaueschen Kanal zwischen Havel und Elbe, 1744—1746 den Finow- 
Kanal zwischen Havel und Oder anlegen. Schon 1740 wurde der Swine- 
kanal und 1746 die Stadt Swinemünde erbaut. Die Oderschiffe konnten 
seitdem auf dem kürzesten Wege ins Meer gelangen und brauchten nicht mehr 
in Wolgast den Schweden Zoll zu entrichten. Stettin wurde dadurch für 
Preußen der wichtigste Einfuhrhafen für fremde Waren und blühte rasch auf. 
Gleich nach dem Siebenjährigen Kriege wurde der Johannisburger Kanal 
gebaut, der die masurischen Seen in einer Länge von zwölf Meilen ver- 
bindet; nach der ersten Teilung Polens wurde zwischen Brahe und Netze der 
Bromberger Kanal, zur Verbesserung der Memelschiffahrt (1778) der
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 145 
Gilgekanal angelegt und (1783) durch den Kraffohlkanal eine schiffbare 
Verbindung Elbings mit der Nogat hergestellt. Zur Unterstützung des Handels 
gründete Friedrich der Große in Berlin (1765) die „Königliche Bank“ 
mit Zweigbanken in den Provinzen, die den Geschäftsleuten Geld zu billigen 
Zinsen lieh, sowie (1772) die Seehandlungsgesellschaft, die den aus- 
wärtigen Handel unterstützen sollte. Emden ward für einen Freihafen erklärt, 
und der König errichtete dort eine asiatische und eine bengalische Handels- 
gesellschaft und rief die dortige Heringsfischerei wieder ins Leben, leider ohne 
dauernden Erfolg. Im ganzen aber war der preußische auswärtige Handel 
einträglich: die Ausfuhr betrug jährlich etwa fünfzehn Millionen Mark mehr 
als die Einfuhr. Damit den armen Leuten das Brot nicht verteuert werde, 
gestattete der König die Getreideausfuhr nur, wenn der Scheffel Roggen in 
Berlin nicht über drei Mark kostete; „denn,“ sagte er, „ich bin von 
Amts wegen der Sachwalter der Armen.“ Deshalb errichtete er 
außer den Vorratshäusern für das Heer, in welchen stets das für einen 
Feldzug erforderliche Korn aufgespeichert lag, auch noch Speicher, in welchen 
er das Korn der billigen Jahre sammelte. Durch diese Einrichtung hielt er 
die Kornpreise zum Wohle der Landwirtschaft und besonders der ärmeren 
Bevölkerung stets in bestimmten Schranken. 
Als ergiebigste Geldquelle des Staates betrachtete der König die Gewerb- 
thätigkeit; deshalb war er auch auf die Förderung derselben eifrig bedacht. 
Was man im Lande brauchte, sollte man dort möglichst auch erzeugen, dem 
Auslande wenige Waren, aber viel Geld abnehmen. Er ließ zu diesem Zwecke 
fremde Handwerker und Fabrikanten ins Land kommen, welche die Ein- 
heimischen unterrichten und so die bisher in Preußen unbekannten Gewerbe 
einführen sollten, und schützte die einheimische Industrie durch hohe Eingangs- 
zölle und durch das Verbot fremder Waren. Auf seinen Reisen hatte er auch 
dafür ein scharfes Auge, ob es hier oder da an gewerblichen Anlagen fehle; 
er ermunterte nicht nur zur Einrichtung derselben, sondern legte auch einige 
auf Staatskosten an. Durch ihn wurde die Zuckersiederei, Papierbereitung, 
Kattundruckerei, Seidenweberei, Baumwollspinnerei und -weberei sowie die 
erste Spinnmaschine mit Dampfbetrieb in Preußen eingeführt. Thüringische 
Arbeiter verpflanzten das heimische Stahlgewerbe nach Neustadt-Eberswalde. 
Um Schlesiens Leinenindustrie zu heben, legte er dort Spinnschulen an; 
schlesische Leinwand war schon damals so berühmt, daß sie nach Amerika ver- 
schickt wurde. Auch die Königliche Porzellanfabrik in Berlin verdankt dem 
Könige ihre Blüte; sie war von Gotzkowski angelegt, wurde aber vom Könige 
übernommen und beschäftigte bald 500 Arbeiter; ihr Porzellan konnte mit 
dem der berühmten Fabriken in Meißen und Sevres bei Paris wetteifern. Im 
Fürstentum Minden und in der Grasschaft Mark wurden neue Salzquellen entdeckt 
und ausgebentet; um billigeres Heizmaterial zu erhalten, ließ der König die 
Steinkohlenbergwerke in Oberschlesien eifrig abbauen, wobei schon eine Dampf- 
pumpe verwendet wurde, und bewilligte, um den Gewerbfleiß anzuspornen, 
den bei gewerblichen Unternehmungen beschäftigten Arbeitern sogar Freiheit 
vom Militärdienst. « 
Infolge der Hebung von Ackerbau, Handel und Gewerbe vermochte das 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 10
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        146 Zweiter Zeitraum. 
Land die Lasten zu tragen, welche der König ihm auferlegen mußte, wenn 
Preußen seine errungene Großmachtstellung den neidischen Nachbarn gegen— 
über behaupten wollte. Während der ersten Hälfte seiner Regierung hatte 
er an dem von seinem Vater überkommenen Steuerwesen nichts geändert; 
nach dem Siebenjährigen Kriege aber beschloß er, die Accise, die schon der 
Große Kurfürst zur Erhaltung des stehenden Heeres eingeführt hatte, stärker 
heranzuziehen. Die notwendigsten Lebensmittel, wie Getreide, Mehl und 
Schweinefleisch, blieben als die gewöhnlichste Nahrung der Armen von jeder 
Steuer frei; dagegen wurden die Luxusgegenstände mit einer hohen Steuer 
belegt. Die ganze Steuerverwaltung wurde der sogenannten „Regie“ über- 
tragen, an deren Spitze etwa 200 französische Beamte standen, die durch die 
gehässige Art der Eintreibung die ohnehin schon drückenden Steuern noch 
verhaßter machten und sich selber die Taschen füllten. Als die Zölle und 
Accisen nicht die gehofften Einnahmen lieferten, führte der König das in 
Frankreich damals schon bestehende Tabaks= und Kaffeemonopol ein. 
Tabak und Kaffee konnten die Kaufleute fortan nur von der Regierung zu 
einem bestimmten, hohen Preise erhalten, und die Steuerbeamten hatten das 
Recht, die Häuser nach steuerpflichtigen Waren, besonders nach eingeschmuggeltem 
Kaffee zu durchsuchen. Auf die Klage des Volkes über die hohe Kaffee- 
steuer erwiderte der König: „Die Leute mögen sich doch wieder an das Bier 
gewöhnen, ich bin in meiner Jugend auch mit Biersuppe erzogen; Bier ist 
viel gesunder als Kaffee.“ Auch durch den Spott des Volkes ließ er sich 
nicht beirren. Einst betrachtete die Menge ein angeschlagenes Bild, auf 
welchem der König abgebildet war, wie er, auf einem Schemel sitzend, die 
Kaffeemühle drehte. Als Friedrich es sah, rief er: „Hängt es doch niedriger, 
damit die Leute sich nicht den Hals auszurecken brauchen!“ Sofort brach 
die Menge in lauten Jubel aus und zerriß das Bild. Zur Freude seines 
Volkes entließ er übrigens die französischen Beamten wieder, die er selber 
als „lauter Schurkenzeug“ erkannt hatte. 
Uber die Hälfte sämtlicher Staatseinnahmen verwandte Friedrich der 
Große auf das Heer, das er auf 200000 Mann brachte. Die Soldaten 
wurden teils im Lande ausgehoben, teils im Auslande geworben; die Aus- 
länder blieben während des ganzen Jahres bei der Fahne, während die In- 
länder nur einige Monate dienten. Die größeren Städte, auch einzelne 
Länder, wie Ostfriesland, Mörs, Geldern und Kleve, und ganze Bevölkerungs- 
schichten, wie Beamte, Kaufleute, Fabrikanten und größere Handwerker, waren 
von dem Militärdienst befreit. Für die Bildung der Offiziere sorgten mehrere 
Kadettenanstalten; alljährlich überzeugte sich der König durch Besichtigungen 
und Manöver von der Schlagfertigkeit des Heeres. 
Trotz der großen Ausgaben für das Heer hatte Friedrich der Große 
für alle nützlichen Unternehmungen stets Geld; denn er gebrauchte für seinen 
eigenen Haushalt sehr wenig. Je älter er wurde, desto mehr schränkte er 
sich ein; er gab keine glänzenden Feste, kaufte sich keine prächtigen Kleider 
und behalf sich zuletzt mit nur sechs Dienern, während andere Fürsten deren 
Hunderte hatten. „Da Preußen arm ist.“ sagte er, „so muß der König 
dieses Landes sparsam sein. Giebt er das Beispiel der Verschwendung, so
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 
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Truppenbesichtigung unter Friedrich dem Großen.
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        148 Zweiter Zeitraum. 
werden seine Unterthanen, die arm sind, ihm nachzuahmen suchen und sich 
ruinieren.“ Zur Förderung des Ackerbaus, des Handels und der Gewerbe 
hat Friedrich der Große 140 Millionen Mark aufgewandt. Mit Recht konnte 
er im Alter sagen: „Der Staat ist reich, ich aber bin arm.“ 
Friedrich der Große verdankt seine große Volkstümlichkeit neben seinen 
großen Kriegsthaten vor allem seiner unparteilichen Rechtspflege. Auf dem 
Lande lag sie meistens in den Händen von rechtsunkundigen Amtleuten, die 
sie als eine Einnahmequelle ansahen. Auch die schlecht besoldeten Räte der 
höheren Gerichte waren auf Nebeneinnahmen angewiesen, die Rechtsanwälte 
meistens unwissend. „Das Volk hatte sich" nach des Königs eigenen Worten 
„gewöhnt, die Gesetze zu umgehen; schamlos trieben die Advokaten ihren 
Handel mit Treu und Glauben. Allezeit gewann der Reiche seinen Prozeß 
gegen den Armen“; ja diesem war wegen der Langwierigkeit und Kost- 
spieligkeit der Prozesse die Beschreitung des Rechtsweges kaum möglich. 
Friedrich Wilhelm I. hatte in einzelnen Fällen wohl in den Gang der Rechts- 
pflege eingegriffen, aber dadurch dauernd nichts gebessert. 
Friedrich hat bis zu seinem Tode an der Besserung der Rechtspflege 
in Preußen gearbeitet. Nach den Vorschlägen des Justizministers Coccejie 
wurde gleich nach dem Dresdener Frieden eine Reform des Richterstandes, 
des Gerichtsverfahrens und der Gesetzgebung in Angriff genommen. Schon 
1747 erschien der Codex Fridericianus, ein Gesetzbuch, das eine neue Gerichts- 
ordnung enthielt. Die Rechtspflege wurde von der Verwaltung ge- 
trennt und nur rechtskundigen Leuten übertragen; die Richter an den Ober- 
gerichten wurden so besoldet, daß sie sich ganz ihrem Amte widmen konnten. 
Die Gerichte erhielten volle Unabhängigkeit. „Ich habe mich entschlossen,“ 
sprach der König, „den Gang der Prozesse niemals zu stören. Die Gesetze 
müssen sprechen und der König schweigen.“" Dadurch wurde Preußen, das 
bislang ein Militärstaat gewesen war, auch zu einem Rechtsstaate. Die 
Gebühren wurden ermäßigt und der Gang der Prozesse durch Einführung 
des mündlichen Verfahrens beschleunigt. Die Bestätigung schwerer Strafen, 
besonders der Todesurteile, behielt sich der König vor, und er milderte nicht 
selten die Strase, welche einem Armen auferlegt worden war. „Ich will 
ein rechter König der armen Leute sein,“ sagte er und war stets geneigt, dem 
Geringen gegen den Großen beizustehen. Dies zeigte sich deutlich in dem 
Prozeß des Müllers Arnold. Dieser wollte die Pacht nicht zahlen, weil ihm 
durch Anlegung eines Karpfenteiches das Wasser entzogen sei; dafür wurde 
ihm nach gerichtlichem Urteil die Mühle verkauft. Auf seine Beschwerde ließ 
der König die Sache durch einen Offizier untersuchen, gab dem Milller recht 
und bestrafte die Richter. In dem Protokoll über diesen Fall sagt der König: 
„Die Justizkollegia müssen nur wissen, daß der geringste Bauer, ja der Bettler 
ebensowohl ein Mensch ist, wie Se. Majestät, und dem alle Justiz wider- 
fahren muß, indem vor der Justiz alle Leute gleich sind, es mag sein ein 
Prinz, der wider einen Bauer klagt, oder auch umgekehrt. Ein Justizkollegium, 
das Ungerechtigkeit ausübt, ist gefährlicher und schlimmer als eine Diebes- 
bande.“" Dieser Erlaß erregte im In= und Auslande die freudigste Be- 
geisterung, die auch dann nicht schwand, als man erfuhr, daß der König sich
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 149 
  
  
  
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        150 Zweiter Zeitraum. 
vergriffen und der Müller Unrecht gehabt hatte. Welches Rechtsbewußtsein 
jetzt wieder im Volke lebte, zeigt die Erzählung von dem Windmüller in 
Sanssouci, der dem Könige, als dieser ihm seine Mühle gegen eine reichliche 
Entschädigung mit Gewalt nehmen wollte, erwidert haben soll: „Ja, wenn 
in Berlin kein Kammergericht wäre!“ Ein bleibendes Denkmal hat sich der 
König um die Rechtspflege dadurch erworben, daß er besonders durch den 
Großkanzler und Justizminister Carmer und durch dessen Gehilfen Suarez 
gegen Ende seines Lebens ein neues Gesetzbuch ausarbeiten ließ, das All- 
gemeine preußische Landrecht, das erste Gesetzbuch in deutscher Sprache, 
das „durch die Klarheit der aufgestellten Bestimmungen und die Reinheit 
des Ausdruckes alles übertraf, was früher in Deutschland in der Gesetz- 
gebung geleistet worden“. Der Franzose Mirabeau urteilte über dies Gesetz- 
buch: „Mit diesem Werke ist Preußen dem übrigen Europa um ein Jahr- 
hundert voraus!“ Den fertigen Gesetzentwurf ließ der König veröffent- 
lichen und setzte für Verbesserungen desselben Preise aus; 1794 trat es in 
Kraft und hat bis 1900 die Hauptgrundlage des in Preußen geltenden Rechts 
gebildet. 
Vor dem Ende des Siebenjährigen Krieges fand Friedrich weder Zeit 
noch Mittel, sich des Schulwesens thatkräftig anzunehmen; aber er widmete 
ihm doch seine stete Aufmerksamkeit und schärfte gleich in den ersten 
Jahren seiner Regierung die Verordnungen seines Vaters über das Schul- 
wesen wiederholt ein, besonders den Adligen, dic sich der Last, in ihren Guts- 
dörfern Schulen einzurichten, zu entziehen suchten. Mit Genehmigung und 
Unterstützung des Königs errichtete der Prediger Hecker in Berlin 1747 die 
erste Realschule und verband mit dieser 1748 ein Lehrerseminar, das 
Getzt in Köpenick) vom Staate unterstützt wurde, und der König bestimmte, 
daß alle zur Erledigung kommenden königlichen Lehrer= und Küsterstellen 
möglichst mit den Zöglingen dieses Seminars besetzt werden sollten. Noch 
vor Abschluß des Hubertusburger Friedens sandte Friedrich der Große von 
Leipzig acht sächsische „Schulhalter“ nach Berlin und ließ sie auf den könig- 
lichen Amtern anstellen; zugleich verordnete er, daß in der Kurmark nur 
solche als Lehrer angestellt werden sollten, welche Hecker, der als königlicher 
Rat an die Spitze des Volksschulwesens gestellt wurde, dazu vorgeschlagen 
oder wenigstens für tüchtig befunden habe. In demselben Jahre (17683) erschien 
das von Hecker ausgearbeitete „Generallandschulreglement für die ge- 
samte Monarchic“, das als Grundlage des gesamten neueren Schulwesens 
angesehen werden kann und in mancher Beziehung noch heute gesetzliche Kraft 
besitzt. Neue Seminare wurden gegründet in Pr.-Eylau, Minden und Halber- 
stadt; damit war ein wichtiger Schritt gethan, einen Lehrerstand zu schaffen. 
Das Allgemeine Landrecht erklärte dann die Schulen für Staatsanstalten. 
Wie Hecker für das evangelische, so wirkte Abt von Felbiger segensreich 
für das katholische Schulwesen Schlesiens, dessen Leitung ihm der König 
übertrug; er arbeitete für diese Schulen ein Landschulreglement aus, und 
durch seinen Einfluß entstanden in Schlesien die katholischen Seminare Breslau 
und Habelschwerdt. Von den Adligen kam keiner der Aufforderung des 
Königs, sich der Schulen anzunehmen, in so segensreicher Weise nach wie
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 151 
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Der alte Fritz in Sanssouci.
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        152 Zweiter Zeitraum. 
Eberhard von Rochow, der auf seinem Gute Reckahn eine Musterschule 
einrichtete und das erste Volksschullesebuch, den Kinderfreund, schrieb. Im 
ganzen unterstützte der Adel den König nicht genügend, und die Bauern 
schickten ihre Kinder zum Teil nur gezwungen zur Schule; selbst königliche 
Behörden ließen es oft an dem nötigen Interesse fehlen. Deshalb erlahmte 
zuletzt des Königs Eifer, und während er früher die Invaliden vom Lehrer— 
beruf ausgeschlossen hatte, ließ er sie später wieder zu, falls sie sich dazu 
eigneten. · · 
Die Kirche erfreute sich unter Friedrich dem Großen einer weitgehenden 
Selbständigkeit; er sah nur darauf, daß keine Konfession auf das Gebiet der 
anderen oder des Staates übergriff (S. 112). Doch wußte er den Wert 
der Religion wohl zu schätzen und ermahnte wiederholt, die Jugend zu wahrer 
Gottesfurcht zu erziehen. Wenn ihm die besonderen Lehrmeinungen der christ- 
lichen Bekenntnisse auch bedeutungslos erschienen, so hielt er doch die Grund- 
wahrheiten des Christentums fest. Auf seinen Befehl hieß es fortan im 
Kirchengebet: „Laß dir, o Gott, empfohlen sein deinen Knecht, unsern König!“ 
Um die Arbeitszeit zu verlängern, hob er den dritten Feiertag der drei 
hohen Feste sowie von den vier Bußtagen drei auf und strich ebenso den 
Katholiken siebzehn Feiertage. Weil die Jesuiten sich um den Jugend- 
unterricht verdient machten, behielt er sie im Lande, obwohl der Papst (1773) 
den Orden aufhob. 
Kunst und Wissenschaft förderte Friedrich durch Erbauung des Opern- 
hauses, des heutigen Universitätsgebäudes und der Bibliothek sowie durch 
die Standbilder seiner Helden Schwerin, Seydlitz, Keith und Winterfeldt; bei 
Potsdam entstanden Saussouci, das Neue Palais und schöne Garten= und 
Parkanlagen. Schauspiel und Oper unterstützte er freigebig, in den im 
Schloß abgehaltenen Konzerten blies er wohl selber die Flöte. Dieselbe 
Fürsorge erfuhr die Akademie; leider waren die Gelehrten derselben sowie 
die Schauspieler meistens Franzosen. Von Franzosen erzogen, hatte der 
König schon frühzeitig Vorliebe für ihre Sprache und Litteratur sowie für 
einige geistreiche Franzosen gewonnen; doch war er nicht ein Bewunderer 
des Franzosentums überhaupt, wie sein Wort bezeugt: „Die Franzosen sind 
gar zu liederlich und machen lauter liederliche Sachen.“ Aber er schrieb 
und sprach am liebsten französisch. Die deutsche Litteratur seiner Jugend 
vermochte ihn allerdings nicht zu fesseln; mit den späteren Werken seiner 
Zeitgenossen sich eingehend zu beschäftigen, dazu fehlte ihm Muße und Neigung. 
Klopstocks, Gleims, Kleists Werke beachtete er nicht; selbst die Bedeutung 
Lessings und Goethes blieb ihm verborgen. Dennoch dachte er echt deutsch, 
und „der erste wahre und höhere Lebensgehalt,“ sagt Goethe, „kam durch 
Friedrich den Großen und die Thaten des Siebenjährigen Krieges in die 
deutsche Poesie.“ Auch als Schriftsteller hat sich Friedrich der Große einen 
Namen gemacht. Außer Gedichten, vielen Briefen, philosophischen und staats- 
wissenschaftlichen Schriften hat er eine „Geschichte des Siebenjährigen Krieges" 
und eine „Geschichte meiner Zeit“ hinterlassen. Uber die deutsche Sprache 
und Litteratur urteilte er: „Was ist rühmlicher für einen Deutschen, als rein 
deutsch zu schreiben und zu sprechen. Wir werden unsere klassischen Schrift-
        <pb n="159" />
        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 153 
steller haben, jeder wird sie lesen und sich daran bilden, unsere Nachbarn 
werden deutsch lernen, an den Höfen wird man es mit Lust sprechen.“ 
„Er spricht's und ahnet nicht, daß jene Morgenröte 
Den Horizont schon küßt, daß schon der junge Goethe 
Mit seiner Rechten fast den vollen Kranz berührt, 
Er, der das scheue Kind, noch rot von süßem Schrecken, 
Die deutsche Poesie, aus welschen Taxushecken 
Zum freien Dichterwalde führt.“ (Geibel.) 
4. Ruswärtige Derhälkunisse nach dem Siebenjährigen 
Rriege. 
Friedrich der Große stand nach dem Kriege unter den europäischen 
Großmächten vereinsamt. Er erkannte die Gefahr, welche ihm daraus er- 
wachsen konnte; deshalb suchte er sich Rußland zu nähern und schloß mit 
Katharina II. ein Bündnis, in welchem sie sich gegenseitig ihren Länderbesitz 
verbürgten. Die nächste Veranlassung zu gemeinsamem Handeln gab Polen. 
Dieses große Land — fast viermal so groß als Preußen — war gänzlich 
heruntergekommen durch die maßlosen Vorrechte des Adels, der den König 
ganz von sich abhängig gemacht, die Gesetzgebung und Landesverwaltung 
in seine Gewalt gebracht, die freien Bürger verdrängt hatte und die ver- 
armten Bauern in stklavischer Unterwürfigkeit hielt. Die russische Regierung 
besaß durch Geld großen Einfluß im Lande, und Katharina war entschlossen, 
dasselbe ganz in ihre Gewalt zu bringen. Welche Gefahr lag darin für 
Preußen! Jedenfalls durfte es Westpreußen nicht in russische Hände fallen 
lassen. Nach Augusts III. Tode (1764) setzte es Katharina durch, daß einer 
ihrer Günstlinge, der polnische Edelmann Stanislaus Poniatowski, zum 
Könige von Polen gewählt wurde. Weil dieser aber auf Verlangen der 
fremden Mächte den evangelischen und griechisch-katholischen Christen Religions- 
freiheit gewährte, brach in'’ Polen der Bürgerkrieg aus. Sofort rückten 
russische Truppen ein und besiegten die Aufständischen. Hierüber wurde auch 
Osterreich besorgt; daher kam eine Annäherung Friedrichs II. an Kaiser 
Joseph II. zustande, die in einer persönlichen Zusammenkunft in Neiße sich 
dahin einigten, den Ubergriffen Rußlands in Polen gemeinsam entgegentreten 
zu wollen. Jetzt war Katharina willig, auf einen von Friedrich schon früher 
gemachten, aber von ihr nicht angenommenen Vorschlag einer Teilung Polens 
einzugehen. Bei der 1772 vorgenommenen ersten Teilung Polens erhielt 
Osterreich Galizien und Lodomirien, Rußland Litauen, Preußen das 
frühere deutsche Ordensland (S. 41) Westpreußen, das Bistum Ermeland 
und den Netzedistrikt, doch ohne Danzig und Thorn, die noch polnisch blieben. 
Preußens Anteil betrug etwa nur ein Sechstel des verteilten Gebiets, aber 
er war wegen seiner Lage und seiner der Herkunft nach fast ganz deutschen 
Bevölkerung sehr wertvoll. 
Die neue Provinz erhielt den Namen Westpreußen, und Friedrich 
naunte sich, weil er jetzt ganz Preußen besaß, seitdem nicht mehr König in, 
sondern von Preußen. Wie früher Schlesien, so wandte er jetzt Westpreußen 
seine besondere Pflege zu. Es war ein ödes, verkommenes Land mit einem
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        154 Zweiter Zeitraum. 
zuchtlosen, armen, aber übermütigen Adel und einem vertierten Bauernstande. 
Auf 1 ckm wohnten nur 15 Menschen, drei Fünftel der Bevölkerung 
schmachteten in drückender Leibeigenschaft. Außer den Juden, die den Handel 
und das Handwerk in Händen hatten, gab es kaum Bürger. Im ganzen 
Lande war weder Post noch Apotheke; auch das Spinnrad war unbekannt. 
Selbst viele Adlige konnten weder lesen noch schreiben; Männer und Frauen 
erlagen dem Branntwein. Friedrich sandte in diese Wildnis seine zuverläs- 
sigsten und tüchtigsten Beamten, allein 187 Lehrer. Das Land wurde in 
Kreise geteilt; jeder Kreis erhielt einen Landrat, Gericht, Post und Sanitäts- 
polizei; Kirchen= und Schulgemeinden wurden ins Leben gerufen, die Jesuiten-= 
kollegien in Gymnasien umgewandelt; die Evangelischen erhielten Glaubens- 
freiheit. Die Leibeigenschaft hob der König auf; an die Stelle der bis- 
herigen Willkür des Adels trat das Gesetz, und durch Einführung des Schul- 
zwanges wurde allmählich auch das niedere Volk der Stumpfbeit entrissen. 
Aber dauernd konnte nur durch umfassende Ansiedelung deutscher Einwanderer 
geholfen werden. Den Anfang machten die Tausende fremder Arbeiter, welche 
an dem Bromberger Kanal arbeiteten (S. 144). Im ganzen siedelte der 
König hier 11.000 Deutsche an; die meisten derselben waren Württemberger. 
Unablässig trieb der König, lobte und schalt; wie eifrig seine Beamten auch 
waren, sie thaten ihm selten genug. Aber auch an Geld ließ er's nicht 
fehlen; im ganzen hat er für Westpreußen über 20 Millionen Mark auf- 
gewandt. Dafür hatte er aber auch die Freude, daß das Land allmählich 
sich erholte und deutsches Wesen in demselben die Oberhand gewann. 
Die rastlose Thätigkeit Friedrichs des Großen reizte andere deutsche 
Fürsten zur Nacheiferung an, besonders Joseph II. Nachdem er vergeblich 
versucht hatte, die verrotteten Zustände des Reichs zu bessern, richtete er seinen 
Eifer auf die Erweiterung der österreichischen Hausmacht, um einen Ersatz 
für Schlesien zu gewinnen. Im Jahre 1777 starb die Bayrische Linie des 
Hauses Wittelsbach aus, und es mußte Karl Theodor aus dem Hause Pfalz- 
Sulzbach, Landesherr von Pfalz, Jülich und Berg, folgen, der aber keine 
erbberechtigten Nachkommen hatte und deshalb nur geringen Wert darauf 
legte, Bayern zu erlangen. Joseph II. erhob nun ganz unberechtigte Erb- 
ansprüche auf Bayern, besetzte das Land und bewog den verschwenderischen 
Karl Theodor leicht, ihm gegen eine große Geldentschädigung zwei Dritteile 
desselben abzutreten. Frankreichs Zustimmung wollte man durch die Ab- 
tretung Luxemburgs gewinnen. 
Da protestierte der Erbe Karl Theodors, Karl von Pfalz-Zweibrücken, 
auf Friedrichs Veranlassung gegen diesen Handel und rief Friedrich um Hilfe 
an; als Joseph den Raub noch nicht fahren lassen wollte, zog der schon 
alternde König noch einmal das Schwert und fiel mit zwei Heeren in 
Böhmen ein. Damit begann der Bayrische Erbfolgekrieg (1778). Aber 
weder Friedrich noch Maria Theresia hatten rechte Lust zum Kriege; deshalb 
schlossen sie, ohne daß es zu großen Schlachten kam, schon im folgenden 
Jahre den Frieden zu Teschen, in welchem nur das Innviertel an Öster- 
reich abgetreten wurde. Zwar hatte dieser „Kartoffelkrieg" Preußen nicht 
unbedentende Opfer an Geld und wegen mangelhafter Verpflegung auch an
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        4. Erhebung Preußens zur Großmacht durch Friedrich den Großen. 155 
Menschenleben gekostet, dafür hatte es aber auch die Zuneigung vieler kleiner 
deutscher Fürsten gewonnen, die der vergrößerungssüchtigen habsburgischen 
Macht gegenüber in ihm einen Beschützer erkennen mußten. 
Beim Friedensschluß hatte Friedrich die Vermittelung der Kaiserin 
Katharina angerufen, die auch entschieden für ihn eingetreten war. Hierdurch 
belehrt, bemühte sich seitdem Joseph II. eifrig, die Gunst der russischen 
Kaiserin zu gewinnen, und es gelang ihm, ihre Zustimmung zu seinen Ver- 
größerungsplänen in Deutschland zu erlangen, wofür er sie in ihren An- 
schlägen auf das türkische Reich zu unterstützen versprach. Dann wusßte er 
Karl Theodor zu bewegen, ihm Bayern abzutreten, wofür dieser die öster- 
reichischen Niederlande als Königreich Burgund erhalten sollte. Karl von 
Pfalz-Zweibrücken wandte sich sofort mit der Bitte um Hilfe an Friedrich, 
und dieser erhob nicht nur Einsprache gegen den beabsichtigten Länder- 
tausch, wodurch er diesen vereitelte, sondern benutzte auch die Verstimmung 
der übrigen deutschen Fürsten gegen Osterreich, indem er Hannover, Sachsen, 
Braunschweig, Mainz, Baden, Weimar, Hessen-Kassel u. a. bewog, mit Preußen 
einen deutschen Fürstenbund zu schließen. 
5. Jriedrichs des Großen Tebensabend. 
Friedrich der Große wußte sich die Liebe seines Volkes und die Achtung 
Europas bis zu seinem Tode zu bewahren. Aber immer einsamer wurde 
das Leben um ihn; einer nach dem andern von seinen Freunden starb dahin, 
Seydlitz und Quanz schon im Jahre 1773; Prinz Heinrich lebte meistens 
auf dem ihm vom Könige geschenkten Schloß Rheinsberg. Obwohl der König 
seine Gemahlin hochschätzte, konnte er sich doch nicht entschließen, mit ihr zu- 
sammen zu wohnen. Da er wegen fehlender Vorderzähne die Flöte nicht 
mehr blasen konnte, hörten auch die Konzerte in Sanssouci auf; er suchte 
fortan Erholung im Lesen, im Gespräch mit den ihm gebliebenen Freunden 
und auf Spaziergängen, auf denen ihn seine Windspiele begleiteten. 
. Ein herzliches Verhältnis bestand zwischen dem Könige und Zieten. Einst schlum— 
merte der alte Held an der königlichen Tafel ein; als aber die Höflinge ihn wecken 
wollten, sprach der König: „Laßt ihn schlafen! Er hat oft genug für uns gewacht.“ 
Noch ein Jahr vor seinem Tode erschien der greise Zieten mit den übrigen Generalen 
bei der Parole im Schloß. Der König reichte ihm die Hand, bedauerte, daß er die 
Treppen habe heraufsteigen müssen, und fragte ihn nach seiner Gesundheit. Zieten 
erwiderte: „Die ist gut; aber ich fühle doch, daß die Kräfte schwinden." — „Das 
Stehen muß Ihm schwer fallen,“ sprach der König, „geschwind einen Sessel für Vater 
Zieten!“ Als der alte Held sich durchaus nicht setzen wollte, während sein König 
sich mühsam auf seinen Krückstock stützte, erklärte Friedrich bestimmt: „Setz' Er sich, 
alter Vater, sonst gehe ich! Ich will Ihm durchaus nicht lästig werden.“ Die alten 
Kriegskameraden durften sich dem Könige gegenüber auch wohl ein freies Wort er- 
lauben. Als der König einst den französischen Witz sehr rühmte, sprach General 
von Lettow: „Wir haben viel bessere Witze als die Franzosen “ und als der König 
das nicht zugeben wollte, fuhr der General fort: „Da ist zuerst Mollwitz, wo Eure 
Majestät die erste Bataille gewann. Ferner haben wir Bunzelwitz, wo Eure Majestät 
so sicher saßen wie in Abrahams Schoß. Dort sitzt mein Freund Prittwitz, der Eure 
Majestät bei Kunersdorf das Leben rettete, und hier Lestwitz, der mit seinen Grena- 
dieren stets den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Das sind preußische Witze; mit 
den französischen kann man keinen Lund vom Ofen locken.“ Der König verstand 
ihn und sagte: „Er hat recht, lieber Lettowl!“
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        156 Zweiter Zeitraum. 
Nach Berlin kam der König in den letzten Jahren selten; aber wenn er kam, 
war's für die Stadt ein Festtag. Die Einwohner standen ehrfurchtsvoll grüßend vor 
ihren Häusern und zeigten den kleinen Kindern den geliebten Landesvater; die Schul- 
jugend aber drängte sich oft so nahe an den König, daß sein Pferd kaum durchkommen 
konnte. Als er aber einst am Mittwochnachmittag drohend den Krückstock erhob und 
sagte: „Ihr Buben, wollt ihr wohl in die Schule!“ riefen sie: „Der will König sein 
und weiß noch nicht,daß heute nachmittag keine Schule ist!“ 
Daheim und auf Reisen ließ sich der König von jedermann sprechen, 
und er hatte für Bedürftige sowie für nützliche Einrichtungen stets eine offene 
und gefüllte Hand; damit that er nach seiner Meinung nur seine Schuldigkeit. 
Als ihm einst die Greiffenberger aus Schlesien, denen er ihre abgebrannte 
Stadt hatte wieder aufbauen helfen, dafür danken wollten, 
Da stand er mit der Krücke, so hager und gebückte 
Was hat in seinem Blicke so demanthell gezückt? · 
Er sprach — es klang wie Zanken das kurze Wort beinah: 
„Ihr habt mir nicht zu danken, denn davor bin ich dal“ 
(H. v. Vlomberg.) 
Der Körper des „alten Fritz“ war bereits gebengt; nur sein großes, 
klares Auge verriet noch seinen feurigen Geist. Doch mit eiserner Willenskraft 
überwand er die Schwächen des Leibes. Als ihm vier Jahre vor seinem 
Tode die rechte Hand den Dienst versagte, lernte er noch mit der linken 
schreiben. Die Arbeit, seine größte Freude, setzte der greise König noch bis 
zum letzten Atemzuge fort. „Ich bin der erste Diener meines Staates,“ 
sprach er; „ich arbeite, um zu leben; denn nichts hat mehr Ahnlichkeit mit 
dem Tode als der Müßiggang.“ Noch 1785 besuchte der 73 jährige Held die 
Musterung in Schlesien, wobei er trotz des Regens sechs Stunden lang zu 
Pferde saß. Es war seine letzte Parade. Neben den großen politischen Fragen 
vergaß er auch die kleinsten Verhältnisse seiner Unterthanen nicht. Er sorgte 
für die Verbesserung der Pferde= und Schafzucht, erkundigte sich, ob die Bauern 
auch Mistgruben anlegten und zur rechten Zeit düngten, ob in jedem Dorfe 
ein Nachtwächter sei, ob Sperlingsköpfe abgeliefert würden, und gab selbst 
den Lumpensammlern eine Anweisung zum Sortieren der Lumpen. Schon 
seit Jahren litt der König an der Gicht; dazu trat in den letzten Monaten 
noch die Wassersucht. Er konnte nun nicht mehr liegen, sondern mußte Tag 
und Nacht auf einem Stuhle sitzen. Als ihm im Januar 1786 das Ableben 
des alten Zieten gemeldet wurde, schwieg er nachdenklich eine Weile; dann 
sagte er: „Im Kriege kommandierte er stets die Avantgarde, ich die Haupt- 
armee; auch im Tode ist er mir vorangegangen: ich werde ihm bald folgen." 
Noch am zweiten Tage vor seinem Tode erledigte er seine Regierungsgeschäfte; 
am 17. August 1786 nahm ihm der Tod das Scepter aus der müden Hand. 
In der Garnisonkirche zu Potsdam, an der Seite seines Vaters fand der 
große König seine letzte Ruhestätte; der Entschlafene hatte sich zwar neben 
dem Schlosse eine Grabstätte bereiten lassen, aber sein Nachfolger fand sie 
des großen Toten nicht würdig. Die Nachricht von seinem Tode ging er- 
schütternd durch die Welt. Selbst Friedrichs Feind, Fürst Kaunitz in Wien, 
rief aus: „Wann wird wieder ein so großer König das Scepter führen!“ 
und ein Bäuerlein in Schwaben meinte: „Wer wird nun die Welt regieren?“
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        5. Der Niedergang unter Friedrich Wilhelm II. 157 
Friedrich der Große hat Preußen von 2200 Quadratmeilen mit zwei- 
einhalb Millionen Einwohnern auf 3500 Quadratmeilen mit fast sechs Mil- 
lionen Einwohnern und das Heer von 83000 auf 200000 Mann gebracht. 
Preußen war durch ihn eine Großmacht geworden. Die Staats- 
einnahmen waren verdreifacht, und der Staatsschatz enthielt 150 Millionen 
Mark. Im ganzen Lande herrschte unparteiliche Rechtspflege und Gewissens- 
freiheit, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe blühten. Mit folgenden Worten 
schließt Friedrichs Testament: „Meine letzten Wünsche in dem Augenblicke, 
wo ich den letzten Hauch von mir gebe, werden der Wohlfahrt dieses Reichs 
gelten. Möge es stets mit Gerechtigkeit, Weisheit und Nachdruck regiert 
werden; möge es durch die Milde seiner Gesetze der glücklichste, möge es in 
Rücksicht auf die Finanzen der am besten verwaltete, möge es durch ein Heer, 
das nur nach Ehre und edlem Ruhme strebt, der am tapfersten verteidigte 
Staat sein! Omöge Preußen in höchster Blüte bis an das Ende der 
Zeiten fortdauern!“ 
5. Der Aliedergang unter Friedrich ilhelm II. 
1286—1797. 
1. Die inneren DPerkhälknisse. 
Da Friedrichs des Großen Ehe kinderlos und sein ältester Bruder August 
Wilhelm (S. 124) bereits verstorben war, so folgte ihm dessen ältester Sohn als 
König Friedrich Wilhelm II. 
Er war einer der stattlichsten —* 
Männer seines Landes, sehr milde "-"—"I"·«-"«-— 
und liebenswürdig; daher besaß er 
als Prinz die Liebe des Volkes in 
hohem Grade; auch seine ersten 
Regierungshandlungen zeugten von 
großem Wohlwollen und bezweckten, 
manche Härten der früheren Re- 
gierung zu mildern. Die in dem — 
Arnoldschen Prozeß verurteilteer 
Richter wurden für unschuldig er- 
klärt, die Regie, das Tabaks= und 
Kaffeemonopol wurden aufgehoben, 
die noch dabei beschäftigten Fran- 
zosen entlassen. Die barbarische ... 
Bestrafung der Soldaten wurde Friedrich Wilhelm II. 
streng verboten; für die Soldaten- 
kinder wurde in Potsdam eine Garnisonschule errichtet, den Invaliden Ver- 
pflegung auf Staatskosten zugesichert. Die durch eine Feuersbrunst eingeäscherte 
Stadt Küstrin ließ der König auf Staatskosten wieder aufbauen. Deutsche 
Sprache, deutsche Gelehrte, Dichter und Künstler kamen am Hofe wieder zu 
Ehren; scharenweise strömten Beamte und Bürger wieder zu den Hoffesten.
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        158 Zweiter Zeitraum. 
Das nach dem Muster der athenischen Propyläen erbaute Brandenburger 
Thor in Berlin mit dem berühmten, von Schadow 'modellierten Vier— 
gespann, ein Denkmal deutscher Bildhauer- und Baukunst, wurde (1793) 
vollendet. Der durch seine Radierungen und Kupferstiche berühmte Chodo— 
wiecki, der viele Bücher seiner Zeit mit hübschen Bildern geschmückt hat, 
wurde Direktor der Akademie in Berlin. Auf Vorschlag des verdienten 
Ministers von Zedlitz errichtete der König das Oberschulkollegium, das 
sämtliche Schulen des Landes beaufsichtigen, jede nach ihrer besonderen Auf- 
gabe einrichten und die Bildung und Prüfung der Lehrer überwachen sollte. 
Von jetzt ab sollte kein Lehrer mehr angestellt oder befördert werden, der 
nicht seine Fähigkeit durch Zeugnisse nachweisen könne. Die Zöglinge der 
höheren Schulen sollten fortan in einer besonderen Prüfung ihre Reife für 
den Besuch einer Universität darlegen; 1789 fand in Preußen die erste Ma- 
turitätsprüfung statt. Der Jesuitenorden wurde für Preußen aufgehoben; 
seine liegenden Gründe fielen teils katholischen Schulen, teils der Universität 
Halle zu. Das Allgemeine Landrecht (S. 150) wurde unter Friedrich 
Wilhelm II. 1794 eingeführt. Zur Hebung der Landwirtschaft und zur. 
Förderung des Verkehrs ließ der König den Ruppiner Kanal graben; 1787 
wurde in der Grafsschaft Mark durch Steins (S. 180) Bemühen die erste Chaussee 
in Preußen, 1792 diejenige zwischen Berlin und Potsdam erbaut. 
Es fehlte dem König aber die weise Sparsamkeit, die eiserne Willens- 
und die unermüdliche Arbeitskraft. Von seinem Oheim nur wenig in die 
Staatsgeschäfte eingeführt, gewährte er seinen Räten eine zu große Selb- 
ständigkeit. Augendiener wurden seine Günstlinge; sie brachten ihn bald um 
die Gunst des Volkes auch in solchen Dingen, bei denen der König die besten 
Absichten hegte. Zur evangelischen Kirche z. B. stellte er sich viel freundlicher 
als sein königlicher Oheim: er nahm nebst den Gliedern des königlichen Hauses 
wieder regelmäßig am Gottesdienste teil; deshalb hofften viele von ihm auch 
eine Besserung der religiösen und sittlichen Verhältnisse im Lande. 
Die von England ausgegangene, aber in Frankreich, besonders von Voltaire 
und Rousseau, weiter entwickelte Aufklärung hatte auch in Preußen nicht 
nur Gleichgültigkeit gegen alles Kirchliche, sondern sogar freche Religions- 
spötterei und Gottlosigkeit im Handeln erzeugt. Am verrufensten waren die 
Berliner; „die Gebildeten schämten sich,“ wie Hamann erzählt, „den Namen 
Jesu in den Mund zu nehmen.“ Schon Friedrich der Große sagte in seinen 
alten Tagen: „Ich wollte einen Finger darum geben, wenn die Berliner 
wieder so sittenrein wären, wie in den Tagen meines Vaters.“ Friedrich 
Wilhelm II. suchte das Übel durch Machtgebote zu heilen, indem er auf den 
Rat des Ministers Wöllner (1788) ein Religionsedikt erließ: allen Geist- 
lichen und Lehrern wurde bei Strafe der Amtsentsetzung geboten, sich streng 
an die Lehren der orthodoxen Kirche zu halten; sie wurden fortan scharf über- 
wacht und nur Kandidaten der strenggläubigen Richtung angestellt. Aber eine 
Besserung wurde nicht erreicht, nur die Heuchelei befördert. Ebensowenig wirkte 
das Censuredikt, durch welches man die leichtfertige Presse zu unterdrücken 
hoffte. Beides blieb ohne nachhaltige Frucht, weil die höheren und gebildeten 
Stände sich dadurch nicht gebunden fühlten und das übelste Vorbild gaben.
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        5. Der Niedergang unter Friedrich Wilhelm II. 
  
  
  
    
       
  
       
       
  
  
  
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159 
Das Brandenburger Thor zu Berlin.
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        160 Zweiter Zeitraum. 
2. Die auswärkigen Derkzälktnisse. 
Die Armee schätzte Friedrich Wilhelm, der selber ein unerschrockener 
Soldat war, hoch; er erkannte auch, daß sie nicht mehr auf der Höhe der 
Zeit stand, was sich auch schon im Bayrischen Erbfolgekriege gezeigt hatte; 
aber zu einer gründlichen Wandlung kam es nicht, weil die alten Befehls- 
haber zu fest an den von Friedrich dem Großen überkommenen Formen 
klebten. Und scheinbar war dazu auch keine Veranlassung. Denn als des 
Königs Schwester, die Gemahlin des Erbstatthalters Wilhelm V. der Nieder- 
lande, von der republikanischen Partei der „Patrioten“ auf einer Reise be- 
leidigt worden war, ließ Friedrich Wilhelm, nachdem er vergeblich Genug- 
thuung verlangt hatte, ein Heer in Holland einrücken, das in wenigen Tagen 
die Bürgerwehren und Freischaren zur Ruhe brachte. Doch gereichte dieser 
Feldzug Preußen nur zum Schaden, da der König großmütig auf Ersatz der 
Kriegskosten verzichtete und der Wahn von der Unüberwindlichkeit des preu- 
Pischen Heeres sich noch vergrößerte. 
Bald drohte ein weit gefährlicherer Krieg. Preußen hatte mit der von 
Rußland und Österreich stetig bedrohten Türkei ein Bündnis geschlossen und 
sich verpflichtet, jenen beiden den Krieg zu erklären, um rechtzeitig einen weiteren 
Machtzuwachs derselben zu verhüten. Da starb (1790) Joseph II., und sein 
gewandter Bruder und Nachfolger Leopold II. (1790—1792) wußte Friedrich 
Wilhelm nicht nur zum Frieden zu bewegen, sondern bald nachher sogar zu 
seinem Bundesgenossen zu machen. Minister von Hertzberg, der bis dahin 
die äußere Politik nach den Uberlieferungen Friedrichs des Großen geleitet 
hattet, wurde entlassen; an seine Stelle trat Haugwitz, ein unfähiger, charakter- 
loser Mann, was um so verhängnisvoller war, als man unmittelbar vor dem 
Ausbruch gewaltiger Kriege stand, die das ganze Abendland erschütterten. 
Als die Revolution in Frankreich alle bestehenden Verhältnisse 
umgeworfen, das Königshaus ins Gefängnis, Tausende von Edelleuten, 
Priestern und Bürgern aufs Schafott gebracht und auch in vielen Deutschen 
das Verlangen nath ähnlichen Umwälzungen geweckt hatte, wurden die deutschen 
Fürsten um ihre Throne besorgt. Zudem reizten die vielen in Deutschland 
lebenden Emigranten zum Kriege und begannen sich zu rüsten; auch fühlte 
Kaiser Leopold sich verpflichtet, das Interesse deutscher Fürsten zu schützen, 
die seit alter Zeit in Frankreich Güter besaßen, welche durch Aufhebung der 
Feudallasten an Wert verloren hatten; endlich wollte er auch seiner Schwester 
Marie Antoinette, Ludwigs XVI. Gemahlin, Hilfe bringen. Er schloß des- 
halb mit Preußen zu Pillnitz bei Dresden 1791 einen Bundesvertrag, starb 
aber vor Ausbruch des Krieges (1792). Seinem Sohne und Nachfolger 
Franz II. erklärten die Franzosen den Krieg, weil die Emigranten ungehindert 
ihre Umtriebe gegen Frankreich fortsetzen durften; dadurch war auch Preußen 
zum Kriege gezwungen. Teils aus Besorgnis wegen eines von Rußland 
drohenden Angriffs, teils weil die Verbündeten nach den Schilderungen der 
Emigranten die Kriegstüchtigkeit der Franzosen unterschätzten, führten sie ein 
nur kleines Heer über den Rhein. Dennoch hätte das schlecht ausgerüstete 
und ausgebildete französische Heer unter Dumouriez einem raschen Angriffe
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        5. Der Niedergang unter Friedrich Wilhelm II. 161 
kaum zu widerstehen vermocht; aber der Befehlshaber des preußischen Heeres, 
Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, ein Neffe des berühmten 
Siegers bei Minden (S. 130), war für ein langsames, bedächtiges Vorgehen. 
Dazu erließ er ein von einem Emigranten abgefaßtes Manifest an die Fran- 
zosen, in welchem angedroht wurde, daß jede Stadt, die sich widersetzen werde, 
zerstört und Paris in einen Trümmerhaufen verwandelt werden solle, wenn 
Ludwig XVI. ein Haar gekrümmt würde. Diese leere Drohung verletzte die 
Franzosen und entflammte nur ihre Begeisterung. 
Die Preußen rückten von Koblenz aus langsam gegen die Champagne 
vor, die durch den schluchtenreichen Argonnerwald gedeckt war. Mit Leichtig- 
keit wurden die Engpässe desselben genommen und Dumouriez aus seiner 
Stellung vertrieben; den König, die Offiziere und Gemeinen verlangte da- 
nach, die unter Kellermanns Befehl auf den Höbhen stehenden Franzosen 
anzugreifen; aber der Herzog von Braunschweig begnügte sich mit einer zehn- 
tägigen nutzlosen Kanonade bei Valmy. Den Franzosen wuchs der Mut; 
die Preußen aber litten sehr unter mangelhafter Verpflegung, furchtbare 
Regengüsse weichten den Boden auf, und die Ruhr begann ihre Reihen zu 
lichten. Nach fruchtlosen Verhandlungen entschloß man sich zur Umkehr; auf 
fast grundlosen Wegen und in fortwährendem Regen kehrte das Heer miß- 
mutig an den Rhein zurück. Dumouriez warf sich jetzt auf die Osterreicher 
in Belgien. Eine andere französische Armee unter Custine bemächtigte sich 
des von den Verbündeten preisgegebenen linken Rheinufers. Sie rückte in 
Worms und Speier ein und wurde dort wie überall von dem Volke mit 
Jubel empfangen, das so lange von seinen weltlichen und geistlichen Herren 
gequält worden war. Selbst Mainz öffnete den Franzosen die Thore „und 
pflanzte mit Lust die munteren Bäume der Freiheit“. Freilich kühlten die 
schamlosen Erpressungen der Befreier rasch die Begeisterung, und die Vor- 
gänge in Paris öffneten ihren Freunden die Augen. Ludwig XVI. wurde 
zum Tode verurteilt und am 21. Januar 1793 mittels der damals erfundenen 
Guillotine öffentlich enthauptet. Im Oktober desselben Jahres fiel auch das 
Haupt der Königin, während der Kronprinz bei einem Schuhmacher in Schmutz 
und Elend umkam. In Frankreich herrschte der Pöbel, dem nichts mehr 
heilig war; die Kirchen wurden geplündert, das Christentum abgeschafft. 
Diese Greuel veranlaßten England, Holland, Preußen, ÖOsterreich, das 
deutsche Reich, Spanien, Sardinien und Neapel, 1793 einen Bund, die 
erste Kvalition, gegen Frankreich zu schließen. Katharina II. von Ruß- 
land hielt sich fern, um, während Westeuropa in Krieg verwickelt war, 
desto ungestörter ihre Vergrößerungsplänc im Osten zu verfolgen. Deshalb 
mußten auch Osterreich und Preußen einen Teil ihres Heeres zurückbehalten. 
Frankreich war um diese Zeit in blutige Bürgerkriege verwickelt, dazu waren 
seine Heere den Verbündeten weder an Zahl noch an Tüchtigkeit gewachsen; 
dennoch ging es hauptsächlich infolge der Uneinigkeit und Zaghaftigkeit seiner 
Gegner siegreich aus dem Kampfe hervor. Zwar eroberten die Osterreicher 
Belgien und die Preußen Mainz zurück, gewannen auch einzelne Siege; aber 
diese wurden nicht ausgenutzt. Als dann Friedrich Wilhelm zu seinem Heere 
in Polen eilte, schwand jede Hoffnung auf ein entschiedenes Vorgehen der 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 11
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        162 Zweiter Zeitraum. 
verbündeten Heere. Obwohl Osterreicher und Preußen gemeinsam die 
Weißenburger Linien eroberten, rückte der Herzog von Braunschweig 
nicht vor, sondern beschränkte sich auf die Verteidigung. Bei Kaisers— 
lautern zeigten sich die preußischen Truppen in einer dreitägigen Ver- 
teidigung einem doppelt so großen Heere gegenüber noch einmal ihres alten 
Ruhmes würdig, doch alles ohne Erfolg. Durch den Konvent war fast die 
ganze kampffähige Mannschaft Frankreichs unter die Waffen gerufen, jeder 
der Verbündeten schob dem anderen die Schuld der geringen Erfolge zu; 
mißmutig legte der Herzog von Braunschweig den Oberbefehl nieder, und 
Möllendorf trat an seine Stelle. 
In dem neuen Feldzuge waren die Franzosen den Verbündeten an Zahl 
weit überlegen; auch ihre Kriegstüchtigkeit hatte sich gehoben. Sie besiegten 
die Osterreicher bei Fleurus, westlich von Namur, und der Koaiser entschloß 
sich, die Niederlande aufzugeben, um sich durch Anschluß an Rußland im 
Osten zu entschädigen. Preußen vermochte den Krieg nur mit englischen 
Hilfsgeldern weiterzuführen. Möllendorf gewann bei Kaiserslautern im 
Mai und im September 1794 glänzende Siege; aber infolge des Rückzuges 
der OÖsterreicher aus den Niederlanden mußte auch er sich über den Rhein 
zurückziehen. Die Engländer weigerten sich, weitere Hilfsgelder zu zahlen, 
weil der preußische Oberfeldherr sich den von London ihm zugehenden Be- 
fehlen nicht fügen wollte; König Friedrich Wilhelm wünschte sein Heer für 
einen im Osten drohenden Krieg zur Hand zu haben, und da er seinem 
Bundesgenossen, dem Kaiser, der ihn bei der dritten Teilung Polens so 
treulos behandelt hatte (S. 163), mißtraute und nicht mit Unrecht fürchtete, 
derselbe unterhandle bereits mit den Franzosen, so nahm auch er die von 
Frankreich ihm dargebotene Hand an. Im Frieden zu Basel (1795) gab 
Preußen das linke Rheinufer preis; in einem allgemeinen Frieden sollte über 
dasselbe endgültig entschieden und Preußen für den Verlust von Mörs, 
Geldern und Kleve entschädigt werden. Den norddeutschen Staaten, welche 
sich diesem Frieden anschlossen, ward Neutralität gewährt. In Österreich 
und Süddeutschland war man entrüstet über diesen „Verrat“ Preußens an 
der deutschen Sache; das Ansehen Preußens war dahin, und der so teuer 
erkaufte Friede war trotz der preußischen Siege geschlossen worden und währte 
nur so lange, als es den Franzosen beliebte. 
An Flächeninhalt ist Preußen unter Friedrich Wilhelm II. trotz des Ver- 
lustes am Rhein noch gewachsen. Der kinderlose Markgraf von Ansbach 
und Bairenth trat diese Länder, 116 Quadratmeilen groß, gegen ein 
Jahrgeld an Preußen ab, das sie Anfang 1792 in Besitz nahm. Der in 
diesem Ländchen bestehende Rote Adlerorden, der als Inschrift des Königs 
Wahlspruch: Sincere ct constanter (Aufrichtig und beständig) führt, wurde 
zum zweiten Hausorden des Königreichs Preußen erklärt. — Noch umfang- 
reicher war die Erwerbung im Osten. 
Polen hatte mit Preußen ein Schutzbündnis geschlossen und eine neue 
Verfassung eingeführt, durch welche die schlimmsten Übelstände abgestellt 
waren. Aber Katharina II. wußte die vornehmsten Polen, die durch die 
Einführung der Verfassung viel von ihrem Einfluß eingebüßt hatten, zu be-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 163 
wegen, gegen die Beschränkung ihrer Rechte zu protestieren und die Hilfe der 
Russen anzurufen, die auch sofort erschienen. Preußen hatte für die von 
ihm erbetene Hilfe auf die Abtretung von Danzig und Thorn gerechnet; da 
die Polen aber hiervon nichts wissen wollten und selber die Feinde ins Land 
riefen, versagte es seine Hilfe. Die polnischen Vaterlandsfreunde brachten 
zwar ein Heer zusammen, das unter Kosciuskos Führung tapfer focht, aber 
der Ubermacht erlag. König Stanislaus selber ging zu den Russen über, 
und der polnische Reichstag führte die alte Verfassung wieder ein. Um den 
Russen das Land nicht allein zu lassen, ließ auch Friedrich Wilhelm seine 
Truppen in Polen einrücken und einigte sich dann mit Katharina (ohne Oster- 
reich) zu einer zweiten Teilung Polens (1793). Preußen erhielt außer 
Danzig und Thorn Großpolen oder Südpreußen, etwa die heutige Provinz 
Posen, ungefähr 1000 Quadratmeilen mit 1,1 Millionen Einwohnern. Voll 
Ingrimm erhoben sich die Polen unter Kosciuskos Führung abermals. Die 
Preußen rückten in Polen ein, schlugen Kosciusko, eroberten Krakau und 
belagerten Warschan, das dann von den Russen erstürmt wurde. Darauf 
ließ Rußland seinen bisherigen Bundesgenossen plötzlich im Stich und schloß 
mit Osterreich, das für die Unterwerfung des Landes nichts gethan hatte, 
1795 einen Vertrag zur dritten Teilung Polens, wonach Rußland wieder 
den Löwenanteil, Osterreich Westgalizien mit Krakau, Preußen den Rest mit 
Warschau erhalten sollte. Gezwungen gab Friedrich Wilhelm sich endlich mit 
dem ihm überlassenen Anteil zufrieden. Die neue Erwerbung erhielt den 
Namen Neuostpreußen und Neuschlesien. « 
Preußen war unter Friedrich Wilhelm II. um 2000 Quadratmeilen 
und drei Millionen Einwohner gewachsen; aber der Zuwachs war, von Ans- 
bach-Baireuth, Danzig und Thorn abgesehen, ein ungesunder und gereichte 
dem preußischen Staate nicht zum Vorteil. Dazu war der Staat mit Schulden 
belastet, sein Ansehen gesunken. Friedrich Wilhelm II. starb schon im Alter 
von 53 Jahren. Ihm folgte sein Sohn Friedrich Wilhelm III. 
6. Dreußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich 
Wilhelm III.) 
1797 - 1840. 
1. Friedric Wilhelm III. und Tuise in den Tagen des Glücka. 
Die Jugend Friedrich Wilhelms (geb. am 3. August 1770) fällt noch 
in die Tage Friedrichs des Großen, der den Großneffen wie einen Sohn 
  
*) Man vergleiche hierzu: Oskar Höcker, Deutsche Treue, welsche Tücke, 
kulturgeschichtliche Erzählung aus der Zeit der großen Revolution, der Knechtschaft 
und der Befreiung. 4. Auflage. Oskar Höcker, Mit Gott für König und 
Vaterland! Aus den Tagen der Unterdrückung und der Befreiung. 5. Auflage. 
M. Hübner, Unter der Geißel des Korsen-. Bilder aus der Zeit der Ernied- 
rigung und der Erhebung Deutschlands Nach den Erinnerungen seines Großvaters 
erzählt. 2. Auflage. Leipzig, Ferdinand - Hirt &amp; Sohn. — Alle drei Werke sind 
reich illustriert. „ . — .. 
117
        <pb n="170" />
        164 Zuweiter Zeitraum. 
liebte. Schon früh zeigten sich bei dem Prinzen strenge Wahrheitsliebe und 
Einfachheit. Einst traf ihn der König im Garten von Sanssouci, erkundigte 
sich nach seinen Fortschritten in der französischen Sprache und forderte ihn 
auf, eine französische Fabel zu übersetzen. Als dies trefflich gelang, lobte ihn 
der König; der Prinz aber erzählte, daß er gerade diese Fabel erst vor 
kurzem bei seinem Lehrer übersetzt habe. Da streichelte ihm der König die 
Wangen und sprach: „So ist's recht, lieber Fritz! Wolle nie scheinen, was 
Du nicht bist; sei stets mehr, als Du scheinst.“ Im Weitergehen fuhr er 
fort: „Fritz, werde etwas Tüchtiges! Es wartet Großes auf Dich; Du 
wirst einmal einen schweren Stand haben. Wache über unsere Ehre und 
unseren Ruhm; begehe keine Ungerechtigkeiten, dulde aber auch keine!“ Der 
    
5 « . 
) *7* 
w. #. 
Königin Luise. Friedrich Wilhelm III. 
(Nach Kügelgens Orig. im Besitz der Stadt Memel.) 
Prinz erwuchs zu einem stattlichen Jüngling; seine treuen blauen Augen er- 
weckten sofort Zutrauen. Seine Mutter lebte in den letzten Jahren von 
ihrem Gemahl getrennt; auch der Prinz zog sich schen von dem üppigen 
Hofleben zurück und bewahrte sich dadurch sein einfaches, sparsames Wesen 
sowie sein kindlich frommes Gemüt. Einst wies er ein Körbchen mit Erd- 
beeren, das ihm im Winter angeboten wurde, des hohen Preises wegen 
zurück, gleich darauf schenkte er aber einem durch lange Krankheit verarmten 
Schuhmacher zwanzig Thaler. Sein Adjutant wurde Major von Köckeritz, 
ein Mann von häöchst ehrenwertem Charakter, aber ohne tiefere Bildung, der 
nie im Kriege gefochten hatte und nichts so sehr wünschte als Ruhe und 
Frieden. Dieselbe Gesinnung beherrschte auch den Kronprinzen. Zwar hatte 
er sich in den Kriegen gegen Frankreich und Polen als furchtloser Offizier 
bewährt; aber der Anblick der blutigen Schlachtfelder flößte ihm eine unüber-
        <pb n="171" />
        Einzug der Prinzessin Luise in Berlin. 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 
165
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        166 Zweiter Zeitraum. 
windliche Abneigung gegen den Krieg ein. Weihnachten 1793 vermählte er 
sich mit der bildschönen Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz (geb. am 
10. März 1770). 
Die Berliner bereiteten der fürstlichen Braut einen festlichen Empfang. Als 
ein kleines Mädchen der Prinzeß Luise unter einem Willkommensgruß einen Myrten- 
kranz überreichte, umarmte und küßte diese das Kind. Entsetzt rief die Oberhofmeisterin 
Gräfin Voß: „Was haben Königliche Hoheit gethan? Das ist gegen allen An- 
stand!“— „Wie,“ erwiderte Luise ganz betroffen, „darf ich denn das nicht mehr thun?“ 
Dies Wort, sowie ihr menschenfreundliches Wesen und ihre liebliche Erscheinung ge- 
wannen ihr im Fluge die Herzen des Volkes. Der Kronprinz und seine Gemahlin 
führten ein Leben voll innigster Zuneigung, voll Sittenstrenge und ehrbarer Zucht, 
wie es damals auf Thronen unerhört war; sie wurden dadurch zum Vorbild und 
Segen für alle Stände. Der König hatte ihnen das prachtvoll ausgestattete Schloß 
Oranienburg geschenkt; sie aber lebten am liebsten in dem einfachen Herrenhause des 
Landgutes Paretz bei Potsdam, fern von allem Prunk und Hofzwange. Als der 
König seinen Sohn einst darüber zur Rede stellte, daß er seine Gemahlin nach 
Bürgerart mit „Du“ auredete, erwiderte dieser: „Mit dem Du weiß man doch, 
woran man ist. Dagegen bei dem Sie ist immer das Bedenken, ob es mit einem 
großen S oder mit einem kleinen geschrieben wird.“ Nach einer Hoffestlichkeit sagte 
einst der Kronprinz zu seiner Gemahlin: „Gottlob, daß Du nun wieder meine Frau# 
bist!“ In Paretz wollten beide nichts weiter sein als die Gutsherrschaft. Sie ließen 
sich von jedermann sprechen, besuchten die Leute bei der Arbeit, machten Ausfahrten 
auf einfachem Leiterwagen und mischten sich am Erntefeste wohl unter die tanzenden 
Paare. Luise hörte es gern, wenn sie nicht als „Königliche Hoheit“, sondern wie 
die Gemahlin eines einfachen Gutsbesitzers als „Gnädige Frau“ angeredet wurde. 
Ihr eheliches Glück wurde noch erhöht durch die Geburt mehrerer Kinder (s. Stammtafel 
am Schluß). Da der Kronprinz sich von dem Hofe immer mehr zurückzog, entfremdete 
er sich seinem Vater und wurde in die Regierungsgeschäfte nicht eingeführt. 
Deshalb besaß er beim Anfange seiner Regierung zu wenig Selbstvertrauen, und 
infolge seiner ersten, pedantischen Erziehung haftete ihm stets eine gewisse Schüchtern- 
heit und Ungewandtheit an. Er trat ungern in die Offentlichkeit; selbst seine Sprache 
war abgebrochen und schwerfällig, mit Vorliebe gebrauchte er den Infinitiv. 
Friedrich Wilhelm III. war von der Vorzüglichkeit der von Friedrich 
dem Grosßen hinterlassenen Staats= und Heereseinrichtung so fest überzeugt, 
daß er fast nichts daran änderte, sondern nur einige Mißstände der vorigen 
Regierung abstellte. Durch große Sparsamkeit in allen Zweigen der Ver- 
waltung wurde es ihm möglich, nicht nur die überkommene Staatsschuld 
nach und nach abzutragen, sondern auch das unter seinem Vater wieder ein- 
geführte, verhaßte Tabaksmonopol abermals abzuschaffen. Bei seiner aufrichtigen 
Frömmigkeit war ihm alle Heuchelei und jeder Gewissenszwang verhaßt. An 
Wöllner schrieb er: „Ich selber verehre die Religion und möchte nicht über 
ein Volk herrschen, das keine Religion hätte; aber ich weiß auch, daß sie 
Sache des Herzens, des Gefühls und der eigenen Uberzeugung sein muß. 
Früher ist kein Religionsedikt im Lande gewesen, aber gewiß mehr Religion 
und weniger Heuchelei.“ Als der Minister nicht freiwillig ging, wurde er 
entlassen, und das Religionsedikt aufgehoben. Am wenigsten wurde in der 
äußeren Politik und im Heerwesen geändert. Jene leitete noch immer der 
unfähige Haugwitz. Durchgreifende Anderungen im Heere unterblieben schon 
aus Sparsamkeitsrücksichten. Der schon zu Friedrichs Zeit knappe Sold war 
jetzt ganz ungenügend; die Uniformen waren zu eng und von schlechtem 
Tuch, weil sich betrügerische Lieferanten daran bereicherten, und die alten
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm II. 167 
Gewehre kaum brauchbar. Die Zopf= und Puderquälerei ging ins unendliche; 
genaues Gleichmaß der Zöpfe war ein Hauptziel der Kriegskunst. Außerdem 
konnte bei den gemeinen Soldaten, die zum Teil alte Familienväter und 
Söldner waren, von Begeisterung keine Rede sein. Die Offiziere waren 
größtenteils bejahrt, die Befehlshaber meistens über siebzig Jahre alt. Es 
lam vor, daß sämtliche höhere Offiziere eines Reiterregiments vom Oberst- 
leutnant aufwärts wegen zu großer Beleibtheit oder Krankheit nicht reiten 
konnten. Die gemeinen Soldaten waren mit Gepäck überladen, die Offiziere 
führten einen ungeheneren Troß mit sich. Selbst der jüngste Infanterieleut- 
nant war beritten; „denn,“ sagte General von Rüchel, „ein preußischer Edel- 
mann geht nicht zu Fuß.“ Die französischen Heerführer wandten eine 
neuc, von Carnot ausgesonnene Truppenaufstellung und Kampfweise an: sie 
lösten die großen, dichtgedrängten Truppenmassen in kleinere, aus verschiedenen 
Waffengattungen bestehende Abteilungen, sogenannte Halbbrigaden, auf, die 
durch vereinzelte Angriffe den Gegner mürbe zu machen suchten, um ihn dann 
durch vereinte Kraft über den Haufen zu werfen. Die preußischen Generale 
hielten ihre ruhmreich bewährte Kampfweise für unübertrefflich und machten 
sich anheischig, mit ihren enggeschlossenen, schnurgerade vorgehenden Linien 
die Franzosen „zum Frühstück“ zu schlagen. Gelegenheit dazu sollte ihnen 
bald geboten werden. 
2. Die auswärkigen Perkälknisse bis zum Rriege von 1806. 
Nachdem Preußen 1795 vom Kriege gegen Frankreich zurückgetreten 
war, setzten die übrigen Verbündeten, namentlich Osterreich, ihn mit Eifer 
fort. Aber das Kriegsglück neigte sich mehr und mehr auf die Seite der 
Franzosen, besonders seitdem der General Napoleon Bonaparte an ihre 
Spitze getreten war. Er war 1769 auf Korsika geboren, in den französischen 
Kriegsschulen zu Brienne und Paris zum Offizier gebildet und hatte sich 
zuerst durch die Niederwerfung der königstreuen Bevölkerung in Südfrank- 
reich einen Namen gemacht. Er vermählte sich mit Josephine, der Witwe 
des hingerichteten Generals Beauharnais, und erhielt den Oberbefehl über 
die französische Armee in Italien. Bonaparte war von kurzer, gedrungener 
Gestalt, voll Mut und eiserner Willenskraft, um die Wahl seiner Mittel 
nie verlegen, da er weder göttliches noch menschliches Recht achtete. Er be- 
siegte Osterreich und Italien, besetzte 1798 Agypten, um von hier aus Eng- 
land in Indien anzugreifen, mußte aber unverrichteter Sache umkehren. Im 
Vertrauen auf das ihm ergebene Heer machte er sich zum ersten Konsul und 
brachte damit die gesamte Staatsgewalt in seine Hand; dann besiegte er den 
Kaiser abermals und zwang ihn, den Rhein und die Etsch als Frankreichs 
Grenze anzuerkennen. Die deutschen Fürsten, welche durch diese Abtretungen 
an Frankreich Schaden erlitten, sollten durch Säkularisation geistlicher 
Gebiete und durch aufgehobene Reichsstädte entschädigt werden. Dies geschal 
durch den sogenannten Reichsdeputationshauptschluß, durch welchen 
112 deutsche Staaten beseitigt (mediatisiert) wurden. Preußen bekam für die 
43 Quadratmeilen, welche es am linken Rheinufer verloren hatte, 178 wieder, 
nämlich die Stifter Hildesheim und Paderborn, den größten Teil von
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        168 Zweiter Zeitraum. 
Münster, serner Erfurt und das Eichsfeld sowie die Reichsstädte Nordhausen, 
Mühlhausen und Goslar. Hannover erhielt das Bistum Osnabrück. 
In demselben Jahre brach wieder ein Krieg zwischen England und 
Frankreich ans. Da dieses seinem Gegner zur See nicht gewachsen war, 
drang ein französisches Heer in das dem englischen Könige, aber nicht Eng- 
land gehörende Hannover ein. Preußen war bereit, den Nachbarstaat zu 
schützen, wenn es auf Rußlands Unterstützung rechnen könne, erhielt aber eine 
ablehnende Antwort; auch Hannover wünschte eine preußische Besatzung nicht. 
Es verfügte selber über reiche Hilfsmittel und ein schlagfertiges Heer; aber 
die Regierung verbot jeden Widerstand und „alles, was Ombrage machen 
könne“. Durch die Kapitulation von Sulingen (südlich v. Bremen) wurde 
das ganze Land mit seinen Festungen und Kriegsvorräten dem Feinde über- 
geben, das Heer fast ohne Schwertstreich hinter die Elbe geführt, entwaffnet 
und aufgelöst. Das Land wurde bis aufs Blut ausgesogen, das Privat- 
vermögen des Königs, sowie der reiche Inhalt der Zeughäuser nach Paris 
geschleppt. Die hannoverschen Soldaten entkamen zum großen Teil nach 
England, traten dort in die „deutsche Legion“ und erwarben sich in Spanien 
im Kampfe gegen Frankreich unvergeßliche Lorbeeren. Bonaparte aber ließ 
sich 1804 als Napoleon I. zum Kaiser der Franzosen ernennen. 
Den fortgesetzten Bemühungen des englischen Ministers Pitt gelang es, 
Rußland, OÖsterreich und England zu einer dritten Koalition gegen 
Frankreich zu vereinigen, der sich auch Neapel und Schweden anschlossen. 
Beide Parteien rechneten auf Preußens Beitritt; aber Friedrich Wilhelm III. 
widerstand sowohl den Lockungen Napoleons, als auch dem Drängen Kaiser 
Alexanders I. von Rußland. Als russische Truppen durch Preußen zu 
marschieren drohten, stellte Friedrich Wilhelm einen großen Teil seines Heeres 
an der Grenze auf und verhinderte dadurch eine Verletzung seiner Neutralität. 
Napoleon aber ließ, unbekümmert um Preußens Neutralität, Bernadotte durch 
das Ansbachische marschieren. Dadurch vermochte er ein österreichisches Heer 
bei Ulm gefangen zu nehmen, Wien ohne Gegenwehr zu besetzen und bis 
nach Mähren vorzudringen, wo er die Entscheidungsschlacht erwartete. König 
Friedrich Wilhelm war über die Verletzung der Neutralität empört; deshalb 
kam Kaiser Alexander selber nach Berlin, um ihn zum Beitritt zu der Koa- 
lition zu bewegen. Der König befahl die Mobilmachung der Armee, ge- 
stattete den Russen den Durchmarsch durch Schlesien und perpflichtete sich, 
falls nicht Napoleon bis zum 15. Dezember den früher übernommenen Be- 
dingungen nachkäme, dem russisch-österreichischen Bündnisse mit 180 000 Mann 
beizutreten. In mitternächtiger Stunde schlossen beide Herrscher über dem 
Sarge Friedrichs des Großen einen engen Freundschaftsbund. Haugwitz 
wurde mit den preußischen Forderungen zu Napoleon geschickt; aber dieser 
wußte sich zu helfen. Der Gesandte ließ sich, ohne seine Forderungen auch nur 
vorgebracht zu haben, aus dem unsicheren Feldlager vorläufig zu Napoleons 
Minister Talleyrand nach Wien schicken und Alexander, statt die Ankunft 
der österreichischen und preußischen Truppen abzuwarten, von dem sich ängstlich 
stellenden Napoleon zum Angriff sich verlocken. Am Jahrestage seiner Kaiser- 
krönung gewann Napoleon in der Drei kaiserschlacht bei Austerlitz seinen
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 169 
glänzendsten Sieg (2. Dezember 1805); das russische Heer war vollständig 
aufgelöst. Kaiser Franz war durch die unerwartete Niederlage so bestürzt, 
daß er schon zwei Tage nach derselben um Frieden bat. Haugwitz, der 
ohnehin vom Könige die Weisung erhalten hatte, auf jeden Fall den Frieden 
mit Frankreich zu erhalten, und in übertriebener Angst sogar ein Bündnis 
Osterreichs mit Frankreich fürchtete, wagte nicht mehr von Bedingungen oder 
gar Drohungen zu sprechen, sondern schloß (15. Dezember) eigenmächtig zu 
Schönbrunn ein Schutz= und Trutzbündnis mit Frankreich: Preußen trat 
Kleve und Neuenburg an Frankreich, Ansbach an Bayern ab und sollte 
außer einer von Bayern zu zahlenden Entschädigung Hannover erhalten. 
Jetzt mußte auch Osterreich die ihm vorgeschriebenen Bedingungen annehmen; 
es verlor Venetien, Tirol und Vorarlberg. Bayern und Wirttemberg 
wurden zu Königreichen, Baden zu einem Großherzogtum erhoben. 
Kaiser Alexander gab den Krieg noch nicht auf, sondern stellte seine in 
Schlesien und Polen stehenden Heere unter den Oberbefehl des Königs von 
Preußen, der jetzt über 300000 Mann kriegsbereiter Truppen gebot, aber 
trotzdem auch jetzt noch den Krieg zu vermeiden suchte. 
Z. Die Schlacht bei Aena. 
Den Schönbrunner Vertrag wollte Friedrich Wilhelm III. schon deshalb 
nicht anerkennen, weil derselbe Preußen in einen Krieg mit England ver- 
wickeln mußte; er wagte ihn aber nicht einfach abzulehnen, sondern sandte 
Haugwitz zu neuer Verhandlung nach Paris, während das Heer abrüstete. 
Napoleon ließ in aller Stille seine Heere gegen die preußische Westgrenze 
vorrücken, erklärte dann den Schönbrunner Vertrag für nicht mehr bindend 
und zwang Preußen zur Annahme eines noch schimpflicheren: von einer Ent- 
schädigung für Ansbach war keine Rede mehr, Preußen mußte Hannover 
seinen Staaten einverleiben und den Engländern die hannoverschen Flüsse 
sperren. England erwiderte diese Feindseligkeit damit, daß es alle 
preußischen, besonders viele ostfriesische Handelsschiffe wegkaperte. Dadurch, 
daß Preußen sich von seinem Feinde auf Kosten einer bisher befreundeten 
Macht beschenken ließ, verlor es bei allen Staaten an Achtung und Vertrauen. 
So hatte Napoleon Preußen von seinen bisherigen Freunden getrennt, es ver- 
ächtlich gemacht; jetzt suchte er es zum Kampfe zu zwingen, um es auch mit 
Waffen niederzuschlagen. Bayern, Württemberg, Baden, Mainz, Darmstadt, 
Nassau, das von Napoleons Schwager Murat regierte Großherzogtum Berg 
und andere, im ganzen sechzehn, Staaten vereinigten sich 1806 zu einem 
Rheinbunde unter Napoleons Protektorat; sie verpflichteten sich, Frankreich 
für jeden Festlandskrieg 63000 Mann Hilfstruppen zu stellen, und erhielten 
dafür Vergrößerung ihres Gebiets durch Unterordnung bisher selbständiger 
Herrschaften und freier Städte, sowie vollständige Souveränität. Von Napoleon 
gezwungen, legte Franz II. die deutsche Kaiserkrone nieder. Damit endete 
das heilige römische Reich deutscher Nation! (6. August 1806.) 
Napoleon besaß jetzt auf dem Festlande eine erdrückende lbermacht, allein 
150000 deutsche Soldaten standen ihm zur Verfügung. Als Preußen, das 
jetzt von ihm am meisten zu befürchten hatte, sich darüber beschwerte, daß
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        170 Zweiter Zeitraum. 
im deutschen Reiche die wichtigsten Neuerungen geschähen, ohne daß ihm auch 
nur Mitteilung davon gemacht würde, riet Napoleon ihm arglistig, da er es 
inhalten wollte, bis er vollständig gerüstet sei, es möge dem Rheinbund 
entsprechend einen norddeutschen Bund bilden, zugleich drohte er aber den 
norddeutschen Staaten für den Fall, daß sie solchem Bunde beitreten würden. 
Schon damals sahen patriotisch gesinnte Männer Preußens nur noch im 
Kriege Rettung, und mehrere königliche Prinzen sowie General Blücher und 
der Minister Freiherr vom Stein beschworen den König, Haugwitz und 
dessen Gesinnungsgenossen, die den König von jedem entschiedenen Schritte 
zurückzuhalten suchten, zu entlassen. Stein bat den König, er möge die 
Kabinettsräte — Vertraute des Königs, die sich zwischen diesen und die 
Minister gedrängt hatten und nicht selten die Absichten der Minister vereitelten — 
abschaffen. Aber alles war vergebens, bis eine neue Verräterei Napolcons 
den Ausbruch des Krieges herbeiführte. Um England zu gewinnen, bot Napo- 
leon ihm nämlich die Zurückgabe Hannovers an, ohne. Preußen zu fragen. 
Aber nur schweren Herzens entschloß sich Friedrich Wilhelm zum Kriege; 
denn das Heer war durchaus nicht in gutem Zustande, und die Kassen waren 
leer: hatte sich doch soeben die preußische Regierung zum erstenmal zur Aus- 
gabe von Papiergeld (Tresorscheinen) entschließen müssen! Auf Bundesgenossen 
aber konnte der König kaum rechnen; denn Osterreich hielt sich zurück, Kaiser 
Alexander versprach Hilfe, konnte aber wenig Truppen entbehren, weil Napoleon 
ihm die Türken auf den Hals hetzte. Fast der einzige, aber höchst unsichere 
Bundesgenosse war Sachsen. Noch einmal suchte der König, wenn auch ohne 
Hoffnung, den Krieg zu vermeiden, indem er von Napoleon verlangte, er solle 
zum Zeichen friedlicher Gesinnung seine Truppen aus Deutschland zurück- 
ziechen und der Bildung des norddentschen Bundes kein Hindernis in den 
Weg legen. 
Während man in Berlin noch auf Antwort wartete, stand Napoleon 
schon mit 160000 Mann zum Teil deutscher Truppen in Franken. Das 
preußische Heer, 1038000 Mann stark, führte der 71jährige Herzog Karl 
Wilhelm Ferdinand von Braunschweig (S. 161). Er beabsichtigte, 
dem Feinde die Saalpässe zu sperren und nahm mit der einen Halfte des 
Heeres Aufstellung bei Weimar, während Fürst Hohenlohe mit der anderen 
Hälfte bei Jena stand. Der König war im Hauptgquartier, getraute sich aber 
nicht, den Oberbefehl zu übernehmen. Die Königin kehrte kurz vor Beginn 
der Schlacht nach Berlin zurück. Als man erfuhr, daß Napoleon auf der 
Nürnberg-Leipziger Straße heraneile und die linke preußische Flanke zu um- 
gehen drohe, befahl der Herzog den Rückmarsch zur Elbe, wurde aber auf 
dem Rückzuge von Süden und Osten her angegriffen. Napoleon selber zog 
das Saalthal hinab und traf am 10. Oktober auf das schwache Korps des 
Prinzen Louis Ferdinand. Fünf Stunden hielt der tapfere Prinz gegen 
die Ubermacht stand; da brach sein Pferd unter ihm zusammen. „Ergebt 
Euch, General!“ rief ihm ein französischer Wachtmeister zu. „Sieg oder 
Tod!" entgegnete der Prinz und kämpfte zu Fuße weiter, bis er zu Boden 
gestreckt wurde. Sein Tod galt vielen als eine unheilvolle Vorbedeutung 
und vermehrte die Ratlosigkeit der Führer. Fürst Hohenlohe zog sich über
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 171 
Jena auf die Hochebene des linken Saalufers zurück, und da ihm verboten 
war, sich in ein ernstes Gefecht einzulassen, besetzte er weder die Flußüber- 
gänge, noch die das Thal und die Hochfläche beherrschenden Höhen. Napoleon 
bemerkte dies und führte nachts mit der Fackel in der Hand selber sein Ge- 
schütz auf den steilen Landgrafenberg; bei Anbruch des folgenden, für Preußen 
so verhängnisvollen Tages — des 14. Oktober — hatte er schon den sicheren 
Sieg in Händen. Wohl fochten die preußischen Truppen ihres alten Ruhmes 
würdig, besonders ihre Reiterei zeigte sich der französischen überlegen; aber 
ihr schwerfälliges Fußvolk war dem beweglichen französischen nicht gewachsen. 
In kurzer Zeit war das preußische Heer vollständig geschlagen; selbst die 
Reserve wurde mit in die Niederlage verwickelt; wie ein wirrer Knäuel wälzte 
sich alles auf Weimar zu. Jedes Hornsignal der Franzosen vermehrte die Angst 
und Verwirrung. „Tausendmal lieber sterben,“ sagte später Gneisenau, 
„als das noch einmal erleben.“ 
Gleichzeitig kämpfte das preußische Hauptheer unter dem Herzog von 
Braunschweig bei Auerstädt, einige Meilen unterhalb Jenas, gegen ein anderes, 
an Zahl weit schwächeres französisches Korps unter Davoust und Bernadotte, 
das abgeschickt war, dem Hohenloheschen Korps in den Rücken zu fallen. 
Beide Heere waren überrascht, hier im dichten Nebel so unerwartet auf den 
Feind zu sioßen; unglücklicherweise wurde der Herzog gleich nach Beginn der 
Schlacht durch eine Kugel tödlich geblendet, und da der König den Oberbefehl 
nicht übernahm, auch einen anderen Oberfeldherrn nicht ernannte, so fehlte 
jede einheitliche Leitung. Vergebens versuchten der Bruder des Königs, Prinz 
Wilhelm, sowie General Blücher und Oberst Scharnhorst den Sieg zu 
erringen; nach hartem Streit und mit Aufbietung aller Kräfte brachte das 
französische Heer das preußische zum Weichen. Der Rückzug erfolgte anfangs 
in ziemlicher Ordnung; da stieß das Hauptheer mit den flüchtigen Haufen 
des Hohenloheschen Korps zusammen, geriet in Unordnung und löste sich 
ebenfalls auf. An einem Tage war das einst so herrliche und bisher so 
gefürchtete Heer zertrümmert. 
Gleich am Tage nach der Schlacht legte Napoleon den preußischen Pro- 
vinzen westlich von der Weichsel, die er bereits als erobert betrachtete, eine hohe 
Kriegssteuer auf; Sachsen fiel von dem erzwungenen Bündnis mit Preußen 
ab. Das geschlagene preußische Heer floh der Elbe zu, viele gemeine Sol- 
daten verließen ihre Fahnen, als gäbe es kein Preußen mehr. Keine der 
preußischen Festungen war gerüstet, da niemand einen Einfall des Feindes 
in das Herz des Landes für möglich gehalten hatte. Erfurt, das dem ge- 
schlagenen Heere zuerst einen Halt hätte bieten können, kapitulierte unter 
Möllendorf schon am Tage nach der Schlacht. Blücher hatte einen Teil des 
flüchtigen Heeres zusammengerafft, den Harz überschritten und war durch die 
Altmark über die Elbe gelangt; den größeren Teil suchte Hohenlohe unter dem 
Schutze der Festung Magdeburg zu sammeln. Während diese Truppen den Um- 
weg durch den Harz genommen hatten, war Napoleon geradeswegs über Halle, 
wo er noch ein preußisches Reservekorps schlug, auf Berlin marschiert und näherte 
sich bereits Potsdam. Deshalb beschloß Hohenlohe, sich auf Stettin zurück- 
zuziehen; sogleich ward Murat abgeschickt, ihm den Weg zu verlegen. An
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        172 Zweiter Zeitraum. 
fernerem Widerstande verzweifelnd, da Murat ihm vorlog, er habe ihn mit 
100000 Mann unmsstellt, kapitulierte Hohenlohe bei Prenzlau mit etwa 
12000 Mann (28. Oktober). Die Soldaten fluchten und schäumten vor Wut, 
aber sie gehorchten. Blücher wandte sich auf diese Nachricht hin nach Mecklen— 
burg, schlug sich bis Lübeck durch, mußte aber nach tapferem Kampfe bei 
Ratkau die Waffen strecken, weil er, wie er ausdrücklich unter den Vertrag 
schrieb, keine Munition und kein Brot mehr hatte (7. November). 
Schon am 24. Oktober waren die Franzosen und zwar ohne Widerstand 
in Berlin eingezogen. Der Stadtkommandant Schulenburg hatte schon vorher 
ermahnt: „Die erste Bürgerpflicht ist Ruhe“ und dann die Stadt verlassen, 
ohne die reichen Kriegsvorräte in Sicherheit zu bringen. Nach drei Tagen 
kam Napoleon selber, nachdem er zuvor in Potsdam das Grab des großen 
Friedrich besucht hatte. Durch das Brandenburger Thor ritt er, vielfach 
von gesinnungslosem Pöbel mit dem Rufe: „Vive Uempereur!“ begrüßt, die 
Linden hinab und nahm seinen Wohnsitz in dem altehrwürdigen Schlosse der 
preußischen Könige. Nur der greise Prediger Ermann bekannte Napoleon 
gegenüber offen: „Sire, ich wäre des Kleides nicht wert, das ich trage, und 
des Königs, dem ich diene, wenn ich nicht den tiefsten Schmerz darüber 
empfände, Ew. Majestät an dieser Stelle zu sehen.“ Auf alle Verdächtigungen, 
welche der unedle Sieger über die Königin Luise äußerte, hatte Ermann nur 
die eine Antwort: „Das ist nicht wahr, Sire.“ Mancher Gesinnungslose bot 
dem Feinde kriechend seine Dienste an und verriet sogar die königlichen Kassen 
und Vorräte. In Berlin erließ Napoleon das Gesetz der Festlandssperre, 
durch welches er den von ihm beherrschten Völkern jeden Handel mit England 
verbot. Der Siegeswagen des Brandenburger Thores, sowie Degen, Orden 
und Schärpe Friedrichs des Großen wanderten nebst vielen Kunstschätzen, 
Fahnen und Ehrenzeichen nach Paris; die preußische Garde in Berlin wurde 
entwaffnet, das Tragen preußischer Uniformen verboten, der Obelisk auf dem 
Schlachtfelde von Roßbach zertrümmert. Dazu liefen immer neue Nachrichten 
ein von dem Fall der Festungen; es kapitulierte Spandau ohne Schwertstreich 
schon am 25., das feste Stettin am 29. Oktober, das damals fast unbezwing- 
liche Küstrin unter Ingersleben (1. November) und (8. November) das starke 
Magdeburg mit unermeßlichen Vorräten und 24000 Mann Besatzung, unter 
ihnen neunzehn Generale, die zusammen 1300 Jahre zählten. Somit waren 
die Elb= und die Oderlinie den Franzosen preisgegeben. Am schmachvollsten war 
die Kapitulation von Hameln, das wohlbefestigt war und von 10000 Mann 
verteidigt wurde. Als nur 6000 Franzosen ohne Geschütz heranrückten, über- 
lieferte der Kommandant die Festung ohne jede Verteidigung und ließ die 
ganze Besatzung in Kriegsgefangenschaft abführen. Unter den Offizieren war 
auch Adalbert von Chamisso; er erzählt: die Soldaten schossen dem feigen 
Kommandanten in die Fenster und zerschlugen ihre Gewehre; die beiden Ge- 
brüder Warnawa setzten einander das Gewehr auf die Brust und sanken gleich- 
zeitig als Leichen nieder. Napoleon ließ durch seine Generale die Marken und 
Pommern besetzen, die Rheinbundstruppen mußten gegen Schlesien marschieren. 
Dort lagen die stärksten Festungen; aber die meisten derselben ergaben sich 
ehrlos. Der Befehlshaber von Glogau fuhr einen Bürger, der zur Ver-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 173 
  
  
  
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Königin Luise auf der Flucht nach Memel.
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        174 Zweiter Zeitraum. 
teidigung aufforderte, mit den Worten an: „Herr, Sie wissen nicht, was dem 
Könige ein Schuß kostet!“ und der Kommandant von Schweidnitz sah selber 
der Schleifung der ohne Schwertstreich überlieferten uneinnehmbaren Festungs- 
werke zu. Napoleon nahm dem tödlich verwundeten Herzog von Braunschweig 
sein Land und gestattete ihm nicht einmal, ruhig in seiner Hauptstadt zu 
sterben; ebenso nötigte er den Kurfürsten von Hessen zur Flucht, der sich zwar 
mit Preußen nicht verbündet, aber seine Truppen im Rücken der Franzosen 
kriegsbereit gehalten hatte. Der Kurfürst von Sachsen dagegen erhielt die 
Königswürde, trat dem Rheinbunde bei und stellte sofort ein Heer für Napoleon. 
4. Der Aeldzug von 1807; Frirde. 
Friedrich Wilhelm hatte gleich nach dem Unglückstage von Jena mit 
Napoleon Verhandlungen angeknüpft, aber bei dessen maßlosen Forderungen 
bald wieder abgebrochen. Da traf ihn neues Unglück: die Polen erhoben 
sich in der Hoffnung, beim Zerfall Preußens ihre Selbständigkeit wiederzu— 
erlangen, und wurden von Napoleon, der sein Hauptquartier nach Posen ver- 
legte, dabei ermuntert und unterstützt. Das bewog Kaiser Alexander, der 
gleich auf die erste Nachricht von dem Unglück Preußens dem Könige Hilfe 
versprochen hatte, sein Heer in Ostpreußen einrücken zu lassen. Doch schien 
es kaum eine andere Aufgabe zu haben, als die russische Grenze zu schützen, 
und drückte das befreundete Land mehr als die Franzosen. In Preußen 
begann aber schon damals ein neuer Geist zu erwachen. Der König entließ 
Haugwitz und verhängte über das Heer eine ernste Züchtigung; die feigen 
Festungskommandanten wurden entlassen, der von Küstrin mit dem Tode be- 
straft. Je länger die Einquartierung währte, je höher die Kriegssteuer wurde, 
je mehr Handel und Verkehr stockten und die Armut wuchs, desto mehr gingen 
selbst dem gewöhnlichen Manne die Augen auf und wuchs der Grimm gegen 
die Unterdrücker. Mit Spannung lauschten alle auf die Nachrichten vom Kriegs- 
schauplatze. Das kleine preußische Heer, kaum 6000 Mann stark, stand unter 
dem General Lestocq, dem General Scharnhorst beigegeben war, an der 
Weichsel, mußte sich aber vor dem überlegenen französischen Heere weiter nach 
Osten zurückziehen. Die königliche Familie fühlte sich in Königsberg nicht 
mehr sicher und flüchtete nach Memel. Als der Leibarzt Dr. Hufeland 
der am Typhus erkrankten Königin vorstellte, welche schlimmen Folgen die 
Reise für sie haben könne, erwiderte sie: „Ich will lieber in die Hände Gottes 
als dieses Menschen fallen.“" Bei Sturm und Schneegestöber wurde sie An- 
fang Januar 1807 über die Kurische Nehrung gefahren. In der ersten Nacht 
wehte ihr der Schnee durch die zerbrochenen Fensterscheiben aufs Bett; dennoch 
besserte sich ihr Befinden auf der Reise. In jenen trüben Tagen schrieb die 
Königin in ihr Tagebuch das Goethesche Wort: 
Wer nie sein Brot mit Thränen aß,. 
Wer nie die kummervollen Nächte 
Auf seinem Bette weinend saß, 
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. 
Napoleon rückte von Polen her gegen die Russen vor, und es kam am 
7. und 8. Februar 1807 bei Preußisch-Eylau, südlich von Königsberg, zu
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 175 
  
  
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Nettelbeck, der Verteidiger Kolbergs.
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        176 Zweiter Zeitraum. 
einer blutigen Schlacht; am zweiten Tage griff auch das preußische Heer mit 
in den Kampf ein und drang siegreich vor, aber am Abend befahl der russische 
Befehlshaber von Bennigsen den Rückzug. So war der Sieg zwar nicht 
errungen, aber auch Napoleons Hoffnung, Russen und Preußen mit einem 
Schlage zu vernichten, nicht in Erfüllung gegangen. Er stutzte; wollte das 
Schlachtenglück ihm ungetreu werden? Unter dem Eindruck dieses ersten Miß— 
erfolges bot er König Friedrich Wilhelm die Hand zum Frieden: er wollte 
ihm alle Länder westlich von der Elbe zurückgeben. Aber der König merkte die 
ihm von dem Arglistigen gelegte Schlinge, der ihn zuerst von seinem Bundes-ü 
genossen trennen wollte, um ihn später zu zermalmen, und wankte keinen 
Augenblick. Er wurde zum Ausharren ermutigt durch die Nachrichten von 
der ruhmvollen Verteidigung einzelner Festungen. Danzig hielt sich bis 
Mai, Neiße und Kosel bis zum Juni, 
Graudenz, Kolberg, Glatz und 
Silberberg blieben unbezwungen. Als 
die Franzosen den greisen Courbieêre 
aufforderten, Grandenz zu übergeben, 
weil es keinen König von Preußen 
mehr gebe, antwortete er gelassen: 
„Dann giebt es doch noch einen König 
von Grandenz“, und die Festung hielt 
sich. Am hellsten leuchtete Kolbergs 
Ruhm. Die Bürgerschaft, an ihrer 
Spitze der fast 70 jährige Nettelbeck, 
ein alter Seemann, griff selber zu den 
Waffen und erhielt in Gneisenau einen 
Führer von schöpferischer Thatkraft; 
Rittmeister von Schill, der dort 
Genesung von Wunden suchte, brachte 
Schill. mit seinen Husaren den Belagerern 
« « manchen Verlust bei. So hielt sich 
Kolberg. Scharnhorst übte das kleine prenßische Heer in der neuen Kampfes- 
weise; dagegen konnte der König sich noch nicht entschließen, die Kabinctts- 
regierung abzuschaffen, und als Stein darauf drang, ward er in Ungnaden 
entlassen. 
Von beiden Seiten ward für den neuen Feldzug eifrig gerüstet; Napoleon 
ließ sogar die dienstpflichtige Mannschaft des folgenden Jahrganges schon jetzt. 
ausheben. Friedrich Wilhelm schloß mit England Frieden und verzichtete auf- 
alle Ansprüche auf Hannover. Kaiser Alexander kam im Frühjahr 1807 
selber nach Preußen; bei einer Heerschan umarmte er den König und rief 
unter Thränen: „Nicht wahr, keiner von uns beiden fällt allein? Entweder 
beide zusammen oder keiner!“ Zu Bartenstein a. d. Alle schlossen beide 
(26. April) einen neuen Vertrag, deren Ziel war: Wiederherstellung der 
früheren Ordnung Europas, gemeinsame Verwaltung Deutschlands durch 
Österreich und Preußen. Auf den Beitritt Englands, Schwedens und Oster- 
reichs rechnete man. Doch sollte auch dieser mit so großen Hoffnungen
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Preusien. 
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Zusammenkunst der Königin Luise mit Napolcon. 
  
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6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilh 
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        178 Zweiter Zeitraum. 
geschlossene Vertrag kläglich enden. Nach vier Wochen (27. Mai) fiel trotz tapferer 
Verteidigung durch General Kalckreuth das so wichtige, aber von den Russen 
nicht genügend unterstützte Danzig; jetzt begann Napoleon den Sommerfeldzug 
mit einem trefflich gerüsteten, überlegenen Heere. Zwar scheiterte sein erster 
Angriff bei Heilsberg a. d. Alle (10. Juni); aber vier Tage später erlag 
das russische Heer in der furchtbaren Schlacht bei Friedland und zog sich 
zurück. Lestocq hatte sich in Königsberg hineingeworfen, mußte es aber 
wieder räumen, und die Franzosen besetzten auch diese letzte Hauptstadt Preußens. 
Nun verlor Alexander den Mut, dazu mißbilligten sein Bruder und die 
meisten Generale diesen „Krieg für Preußen“; deshalb bot er, ohne seinen 
ihm unerschütterlich vertrauenden königlichen Freund zu benachrichtigen, Napoleon 
einen Waffenstillstand an. Napoleon griff mit beiden Händen zu. Die 
Königin Luise schrieb an ihren Vater: „Wir stehen auf dem Punkte, das 
Königreich zu verlassen. Bedenken Sie, wie mir dabei ist; doch glauben Sie 
nicht, daß Kleinmut mein Haupt beugt! Zwei Hauptgründe habe ich, die 
mich über alles erheben; der erste ist der Gedanke: wir sind kein Spiel des 
blinden Zufalls, sondern stehen in Gottes Hand; der zweite: wir gehen in 
Ehren unter. Der König hat der Welt bewiesen, daß er nicht Schande, 
sondern Ehre will. Preußen wollte nicht freiwillig Sklavenketten tragen." 
Bei einer persönlichen Zusammenkunft auf einem Floße in der Memel zu 
Tilsit wußte Napoleon den wankelmütigen Alexander durch Schmeichelei und 
glänzende Aussichten auf eine Teilung Europas nicht allein zum Frieden zu be- 
wegen, sondern sogar zum Bundesgenossen in einem Kriege gegen England zu 
gewinnen. An der nächsten Zusammenkunft durfte auch Friedrich Wilhelm teil- 
nehmen, aber nicht um zu verhandeln, sondern nur um zu erfahren, was 
Napoleon ihm in Rücksicht auf Alexgander von den vollständig eroberten preu- 
hßiischen Staaten zurückgeben wollte. Aber trotz seines Unglücks blieb der König 
stolz, zurückhaltend und wortkarg; Schmeichelworte waren ihm unmöglich. Auf 
Wunsch Napoleons gestattete er auch, daß die von dem Sieger so oft geschmähte 
Königin Luise von Memel nach Tilsit käme; die edle Frau vergaß das ihr 
angethane Unrecht und erschien vor dem ihr so verhaßten Manne in der 
Hoffnung, für Preußen noch günstigere Bedingungen zu erwirken. Aber ver- 
gebens! Die Bitten glitten von ihm ab, „wie das Wasser vom Wachstuche“. 
Als er seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß der König bei allem 
Unglück sich solche Seelenstärke bewahrt habe, antwortete dieser: „Die Stärke 
und Ruhe der Seele giebt nur die Kraft eines guten Gewissens.“ Verletzt 
fuhr Napoleon fort: „Wie konnten Sie überhaupt mit mir Krieg anfangen!“ 
Der König sah ihn fest an; die Königin aber erwiderte: „Dem Ruhme Friedrichs 
war es erlaubt, uns über unsere Kräfte zu täuschen, wenn anders wir uns 
getäuscht haben!“ · 
Im Frieden zu Tilsit, den Alexander am 7., Friedrich Wilhelm am 
9. Juli mit Napoleon schloß, verlor Rußland nichts, es erhielt sogar noch 
ein Stück von Neuostpreußen, trat aber der Festlandssperre bei. Preußen 
verlor alles Land westlich von der Elbe mit Magdeburg, dazu sämtliche in der 
zweiten und dritten polnischen Teilung erworbenen Länder. Diese wurden 
als Herzogtum Warschau dem König von Sachsen übergeben, Danzig wurde
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 179 
dem Namen nach eine freie Stadt unter sächsisch-polnischem Schutze, in Wahr- 
heit aber eine französische Festung. Aus dem größten Teile der abgetretenen 
preußischen Gebiete westlich von der Elbe, aus Braunschweig, Kurhessen und 
der Südspitze Hannovers bildete Napoleon ein neues Königreich Westfalen 
und gab es seinem jüngsten, mit einer württembergischen Prinzessin vermählten 
Bruder Hieronymus, der seinen Wohnsitz in Kassel nahm und dem Rhein- 
bunde beitrat. Preußen hatte mehr als die Hälfte seines Umfanges und 
seiner Einwohnerzahl verloren; dazu sollte das schon ausgesogene Land bis 
zur völligen Abzahlung einer Kriegsschuld, deren Höhe noch nicht einmal 
bestimmt war, eine französische Besatzungsarmee von 160000 Mann ernähren. 
Nicht ohne Schadenfreude sahen manche deutsche Kleinstaaten die einst so 
mächtige Monarchie Friedrichs des Großen schon zwei Jahrzehnte nach dessen 
Tode zerbröckeln. 
Iln ergreifenden, würdigen Worten entließ König Friedrich Wilhelm seine bis- 
herigen Unterthanen. „Der Friede mußte abgeschlossen werden. Was Jahrhunderte, 
biedere Vorfahren, was Liebe und Vertrauen verbunden hatten, mußte Netrennt 
werden. Das Schicksal gebietet, der Vater scheidet von seinen Kindern.“ Rührend 
waren die Antworten, welche ihm von allen Seiten zugingen; die Bauern der Graf- 
schaft Mark schrieben in ihrem derben Platt: „Das Herz wollte uns brechen, als 
wir Deinen Abschied lasen; so wahr wir leben, es ist nicht Deine Schuld.“ Solche 
und viele andere Beweise der Unterthanenliebe erquickten das wunde Herz des Königs; 
noch größeren Trost fand das Königspaar in dieser schweren Zeit in seinem festen 
Gottvertrauen. Damals erwählte der König die Inschrift von einem Grabdenkmal 
im Königsberger Dom: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung in Gott“ 
zu seinem Wahlspruche. 
5. Preutens Wiedergeburk. 
Der Friede zu Tilsit bezeichnet die tiefste Erniedrigung Deutsch- 
lands, wenn auch viele der Unterworfenen kaum die Schmach der Fremd- 
herrschaft cmpfanden, sondern sich durch geringe, ihnen von der neuen 
Herrschaft gebrachte Vorteile blenden ließen. So wurde im Königreich 
Westfalen der Code Napoléon eingeführt, der mit der allgemeinen Rechts- 
gleichheit Aufhebung der Frondienste und durch die Einführung von Schwur- 
gerichten den Laien wieder Teilnahme an der Rechtspflege gewährte. Aber 
allmählich gingen auch ihnen die Augen auf, als sie sahen, wie Napoleon den 
Rheinbund nur in seinem Interesse benutzte, wie die Blüte deutscher Jugend 
für ihn auf den Schlachtfeldern geopfert und wie das deutsche Volk durch 
französische Lasterhaftigkeit, am schlimmsten durch den Hof Jeromes in Kassel, 
vergiftet wurde. Auch die Länder des Rheinbundes litten unter dem stetig 
wachsenden Steuerdruck und der durch die Festlandssperre verursachten Handels- 
stockung. Am meisten aber litt Preußen. Das so verkleinerte und aus- 
gesogene Land mußte ein französisches Besatzungsheer von 160000 Mann 
löhnen und aufs beste verpflegen. In dem so schwer heimgesuchten Ostpreußen 
lagen weite Landstriche wie ausgestorben, so daß die Prediger von den Kanzeln 
ermahnten, wer wolle, möge ernten, damit nicht das Korn auf dem Halme 
verdorre. Der Handel stand fast vollständig still, besonders der Seehandel, 
da die Engländer und später auch die Franzosen die preußische Handelsflotte 
fast ganz vernichtet hatten. Die Seehandlung und die Preußische Bank 
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        180 Zweiter Zeitraum. 
mußten ihre Zahlungen einstellen; eine Staatsanleihe von nur drei Millionen 
Mark war nach drei Jahren noch nicht vergriffen. Gold- und Silbergeld 
war selten, goldene und silberne Geräte mußten eingeschmolzen werden; selbst 
die königliche Familie litt Mangel. Die Gräfin Voß schreibt in ihrem Tage- 
buche: „Es giebt viele Offizierc, die auch nicht das Allergeringste an Sold 
mehr nehmen. Man weiß, daß manche Holz hauen, um ihr Brot zu ver- 
dienen, andere bei den Bauern arbeiten, um nur leben zu können." Die 
Königin gab ihre Schmucksachen hin, nur eine Perlenkette behielt sie; „denn 
Perlen,“ sagte siec, „bedenten Thränen, und ich habe ihrer so viele geweint.“ 
Sic erfuhr wie wenige die Wahrheit des Wortes: „Kronen schützen nicht 
vor Thränen, aber sie verbergen sic.“ Und dabei war das Ende dieses 
Elends noch gar nicht abzusehen. Die französischen Truppen sollten zwar 
zum 1. Oktober 1807 das Land räumen, aber nur, wenn bis dahin die 
Kriegsschuld abgetragen wäre; die 
Höhe derselben aber hatte Napoleon 
absichtlich noch nicht bestimmt, um 
Preußen in der Hand zu haben. 
Aber das Unglück bewies sich 
als den besten Arzt: es deckte die 
Schäden im Staats= und Volksleben 
*Wi auf und wurde so als Quell der 
oee: Wiedergeburt Preußens zum Segen. 
. dv Auf Hardenbergs Empfehlung, den 
6 der König auf Napoleons Verlangen 
entlassen mußte, weil er den Vertrag 
» .,.«zuBartensteinabgeschlofscnhattc,und 
, ,·-««. »-««,s,«-«««,»"».», »aufBittcnderKöniginLuiscberief 
«--,-—».-«-«’«-"""""FriedrichWilhelmdenReichsfrei.- 
· herrn vom Stein zu seinem ersten 
Stein. Minister; ihn bezeichnete das allge— 
« meine Urteil als den Mann, bon dem 
allein Hilfe zu erwarten sei. „Stein kommt!“ schrieb die Königin. „Mit 
ihm kehrt meine Hoffnung wieder!“ 
  
« 7 5. 
s " 
*% b! : 
Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein war 1757 auf der väterlichen 
Burg zum Stein an der Lahn geboren. Von dem Namen Friedrichs des Großen 
angelockt, entschied er sich für den preußischen Dienst; schon als Bergrat und später 
als Oberpräsident von Westlfalen zeigte er seine große Tüchtigkeit und wurde 1804 
als Finanzminister in das Generaldirektorium berufen. Erst im Januar 1807 entlassen 
(S. 176), kehrte er im September desselben Jahres auf den Ruf des Königs und die 
Bilte der Königin zurück. Stein war von mittlerer Größe, aber kräftigem Körper- 
bau; zwischen den breiten Schultern saß ein stattliches Haupt; „aus der Stirn sprach 
nichts als Macht, Mut und Verstand nebst Redlichkeit, Wahrheit und Treuc.“ (Arndt.) 
Fromm und gottesfürchtig, kannte er keine Menschenfurcht. „Gradaus, graddurch!“ 
war sein Wahlspruch. 
Stein lag krank, als ihn des Königs Ruf erreichte; aber in drei Tagen 
überwand er das Fieber, eilte nach Memel und griff sein schweres Werk mit 
wahrem Feuereifer an. Zunächst galt es, das Land möglichst bald von der
        <pb n="187" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 181 
französischen Besatzung zu befreien. Aber Napoleon zog alle Verhandlungen 
absichtlich in die Länge, um Preußen bis aufs Blut auszusaugen. Vergebens 
versuchte des Königs Bruder, Prinz Wilhelm, von Napoleon mildere Be- 
dingungen zu erlangen, indem er nebst seiner Gemahlin so lange in französischer 
Gefangenschaft zu bleiben versprach, bis die ganze Kriegsschuld abgetragen 
wäre. Erst im Herbst 1808, als Napoleon seiner Truppen im Kampfe gegen 
Spanien bedurfte, bot er selber eine Räumung Preußens, wenn auch unter 
harten Bedingungen, an. In denselben Tagen wurde er dann durch einen 
aufgefangenen Brief Steins (S. 186) aufs heftigste gereizt, und unter Drohungen 
erzwang er den Pariser Vertrag (8. September). Preußen sollte als rück- 
ständige Schuld noch 140 Millionen Franken zahlen, innerhalb der nächsten 
zehn Jahre nicht mehr als 42000 Soldaten halten, keine Landwehr aus- 
bilden und keine Volksbewaffnung dulden. Bis zur völligen Abtragung der 
Kriegsschuld mußten Napoleon Stettin, Küstrin und Glogau, sowie fieben 
Etappenstraßen quer durch das preußische Gebiet eingeräumt werden. In 
Erfurt (S. 186) setzte er auf Alexanders Fürsprache die Kriegsschuld auf 
120 Millionen herab; auch diese Summe vermochte das ausgesogene Land 
trotz aller Ersparnisse, Anleihen und Domänenverkäufe nie abzutragen, in 
Wirklichkeit haben ihm aber die Franzosen allein während der beiden Be- 
satzungsjahre 1¼ Milliarden Franken abgepreßt. Ende 1808 zog das fran- 
zösische Heer mit Ausnahme der Besatzung der drei Festungen ab; aber trotz- 
dem blieb das Land noch in Napoleous Gewalt. 
Nicht weniger wichtig als die Befreiung des Landes war die Aufgabe, 
das ganze Staatswesen umzugestalten und in dem Volke einen 
sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist zu wecken. König Friedrich 
Wilhelm III. hatte sich schon seit seinem Regierungsantritt mit dem Gedanken 
getragen, den Bauern und Bürgern eine größere Freiheit zu gewähren, auf 
seinen Befehl hatten die Minister schon vor Steins Ankunft einen Entwurf 
über die Aufhebung der Erbunterthänigkeit in Ost= und Westpreußen 
ausgearbeitet. Stein hatte die Unfreiheit des Landvolks stets als einen großen 
Schaden für das Land anugesehen und befürwortete die Ausdehnung dieses 
Gesetzes auf den ganzen Staat. Der König stimmte freudig zu. So erschien 
am 9. Oktober 1807 das „Edikt, den erleichterten Besitz und den 
freien Gebrauch des Grundeigentums, sowie die perfsönlichen 
Verhältnisse der Landbewohner betreffend“. Fortan konnte der 
Adlige bürgerliche Güter erwerben und bürgerliches Gewerbe treiben, der 
Bürger und Bauer auch in den Besitz adliger Grundstücke gelangen, der 
Bürger in den Bauernstand, der Bauer in den Bürgerstand treten. Hinfort 
durfte kein Unterthänigkeitsverhältnis mehr entstehen, die bisherigen Unter- 
thänigkeitsverhältnisse wurden aufgehoben; nach dem Martinitage 1810 sollte 
es in Preußen nur noch freie Leute geben. Damit gewannen etwa 
zwei Drittel der Einwohner des Staates die unbeschränkte per- 
sönliche Freiheit; die kastenartige Trennung der Stände war 
gefallen. Viele Adlige waren mit diesen Neuerungen natürlich unzufrieden 
und suchten Stein zu verdrängen, in der Prignitz tobten selbst die Bauern 
gegen „die neue Freiheit“; aber der König ließ sich nicht irre machen. Auf
        <pb n="188" />
        182 Zweiter Zeitraum. 
den meisten königlichen Domänen war die Erbunterthänigkeit schon im 18. Jahr— 
hundert aufgehoben; wo sie noch bestand, sollte sie am 1. Juni 1808 auf— 
hören. Durch eine weitere Verordnung (vom 27. Juli 1808) verlieh der 
König den Einsassen der königlichen Domänen in Ost- und Westpreußen, etwa 
47000 bäuerlichen Familien, das volle Eigentum ihrer Grundstücke: ein 
wahrhaft königliches Geschenk! 
Auch die städtischen Verhältnisse wurden umgestaltet. Nur wenige 
deutsche Städte — die freien Reichsstädte, einzelne Bischofsstädte — hatten 
ihre selbständige Verwaltung gerettet; die meisten waren unter die Bevor- 
mundung der Fürsten geraten. Die städtischen Angelegenheiten wurden von 
Staatsbeamten verwaltet, die von dem Willen der Gemeinde ganz unabhängig 
waren. Die Bürger hatten deshalb für das öffentliche Leben auch wenig 
Interesse; die städtischen Beamten aber, oft invalide Offiziere, betrachteten ihr 
Amt meistens als bequemen Ruheposten. Auch hier wurde Wandel geschafft. 
Am 19. November 1808 erließ der König die „Ordnung für sämtliche 
Städte der preußischen Monarchie“, welche den Bürgern die Verwaltung 
der städtischen Angelegenheiten durch selbstgewählte Beamte zurückgab und 
noch jetzt die Grundlage der preußischen Städtcordnung bildet. 
Die Staatsverwaltung wurde 1808 unter Steins Einfluß ebenfalls 
neu geordnet. Das Generaldirektorium wurde beseitigt. An die Stelle der 
Provinzialminister traten fünf Fachminister: für das Innere, die Finanzen, 
das Auswärtige, den Krieg und die Justiz; jede Provinz wurde unter einen 
Oberpräsidenten gestellt, die bisherigen Kriegs= und Domänenkammern in 
Regierungen umgewandelt. Ebenso wurden damals Rechtspflege und 
Verwaltung vollständig getrennt (S. 148). Um die Macht der 
Minister zu beschränken, wollte Stein ihnen einen Staatsrat zur Seite stellen, 
der alle hervorragenden Staatsdiener, auch die Minister selbst, in sich ver- 
einigen und die Gesetzentwürfe beraten sollte. Ebenso sollte neben dem Landrat 
der Kreistag, neben dem Oberpräsidenten der Provinziallandtag und über 
diesem sollten die preußischen Reichsstände stehen. Manche dieser weit aus- 
blickenden Gedanken sind erst in unsern Tagen verwirklicht; auch die Neu- 
gestaltung des Unterrichtswesens, die Stein in Angriff nehmen wollte, blieb 
wegen seiner so baldigen Entlassung unausgeführt. 
Hand in Hand mit der Neuordnung der Verwaltung ging die Neu- 
gestaltung des Heeres. Der König selber gab hierzu den Anstoß, indem 
er gleich nach dem Tilsiter Frieden Scharnhorst an die Spitze einer Kom- 
mission berief und ihr eine eigenhändige Denkschrift vorlegte, worin er alle 
Mängel des Heeres bezeichnete und die Mittel zur Abhilfe angab. 
Gerhard Joh. David Scharnhorst wurde am 12. November 1755 zu 
Bordenau bei Wunstorf in der Provinz Hannover als Sohn eines freien Bauern 
geboren, der früher Unteroffizier gewesen, erlangte Aufnahme in die vom Fürsten 
von Bückeburg auf der kleinen Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer errichtete 
Kriegsschule, trat später in hannoversche Dienste und lernte in dem ersten Koalitions- 
kriege die neue Kampfweise der Franzosen kennen. 1801 trat er in preußische 
Dienste, focht ehrenvoll bei Jena und machte mit Blücher den Zug nach Lübeck mit, 
wurde nach seiner Gefangennahme bald ausgelöst und beteiligte sich ruhmvoll an 
den Kämpfen von 1807. Scharnhorst war aber nicht nur als tüchtiger eerführer 
voll praktischer Erfahrungen, der in allen Waffengattungen, im Generalstabe und
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 183 
als Lehrer der Militärbildungsanstalten gedient hatte, sondern auch als erster Militär- 
schriftsteller bekannt, und durch diese allseitige Tüchtigkeit gelang es ihm, alle Vor- 
urteile, welche man in Hannover gegen den „Bürgerlichen“, in Preußen gegen den 
„Nichtadligen“ und „Ausländer“ hegte, zu überwinden. Die stramme Haltung eines 
preußischen Offiziers fehlte ihm; in unscheinbarer, fast nachlässiger Kleidung ging er 
einher, den Kopf gesenkt; das Haar fiel ungeordnet über die Stirn herab; seine 
Sprache war leise und langsam. Aber welches Feuer sprühte aus den tiefliegenden, 
meistens etwas verschleierten Augen, wenn er das Schlachtfeld betrat! Dann war er 
ein Held vom Scheitel bis zur Sohle. — Scharnhorsts Gehilfen bei der Neugestaltung 
des Heeres waren vor allem Gneisenau und Grolman, die sich als tüchtige 
Heerführer hervorgethan haben, 
Boyen, der nach den Freiheits- 
kriegen dem preußischen Heere seine 
dauernde Verfassung gegeben, und 
Clausewitz, der klassische Militär= 
       
    
schriftsteller. 
Mit Hilfe dieser Männer R 
begann der König die Neugestal— 4** 
tung des Heeres. Schon vor der. in 
Schlacht bei Friedland hatte er een. rn 
1# - *7. 
2 
strenges Gericht über die feigen. 
Festungskommandanten gehalttn 
jetzt untersuchte eine Kommissio 
das Verhalten eines jeden Offi- 0 
ziers während des Krieges: alle 
Schuldigen und Verdächtigen 
wurden unerbittlich entfernt. Die «··« 
Zöpfe und Gamaschen waren —— 
schon im letzten Feldzuge ent- Scharnhorst. 
fernt, jetzt wurde die ganze 
Kleidung bequemer gemacht; es wurden bessere Gewehre angeschafft, neue 
Kanonen gegossen, die Festungen wiederhergestellt. Die Künste des Parade- 
platzes traten hinter die Felddienstübungen zurück. Die wichtigste Anderung 
aber, welche das Heer damals und überhaupt erfahren hat, ist die Einführung 
der allgemeinen Wehrpflicht. Man kehrte damit zu der altdeutschen An- 
schauung zurück, daß jeder Bewohner eines Landes auch dessen 
natürlicher Verteidiger, daß die Waffenpflicht eine Ehrenpflicht 
sei. Das Söldnerwesen mit seinen Werbungen hörte auf; jeder Wehrfähige 
war auch wehrpflichtig, Stellvertretung war nicht gestattet. Das preußische Heer 
wurde das Volk in Waffen. Da ihm fortan auch die jungen Leute der 
ersten, gebildetsten Familien angehörten, durfte man entehrende Strafen, wie 
Stockprügel und Gassenlaufen, nicht mehr anwenden; auch mußten die Offi- 
ziere sich eine größere wissenschaftliche Bildung aneignen als bisher und durften, 
da die Bevorzugung des Adels auch im bürgerlichen Leben gefallen war, nicht 
mehr allein dem Adelstande entnommen werden. Deshalb wurde bestimmt: 
„Einen Anspruch auf Offizierstellen können im Frieden nur Kenntnisse und 
Bildung gewähren, im Kriege ausgezeichnete Tapferkeit, Tüchtigkeit und 
Uberblick.“ Um die gefährliche Bestimmung des Pariser Vertrages zu um- 
gehen, hob man 42000 Rekruten aus, übte sie rasch ein und beurlaubte
        <pb n="190" />
        184 Zweiter Zeitraum. 
sie nach einigen Monaten wieder, um andere für sie einzuziehen. Durch dieses 
„Krümpersystem“ bildete Scharnhorst nach und nach 150 000 Mann notdürftig 
aus; für alle lag auch die erforderliche Ausrüstung bereit. 
Auch ein sittlicher, religiöser, vaterländischer Geist erwachte in 
jenen Tagen wieder. Die Not drückte schwer; „ein tiefer Ernst lagerte auf 
den Gemütern; es war, als ob die Menschen reiner und besser würden, als 
ob der Zorn über den Untergang des Vaterlandes alle gemeinen und niedrigen 
Regungen des Herzens ganz aufsöge.“ Gelehrte, Geistliche und Dichter suchten 
diese Regung noch zu vertiefen. Professor Fichte hielt im Winter 1807/8 
in Berlin unter den Augen der französischen Machthaber seine „Reden an 
die deutsche Nation“. Mit kühnem Freimut schilderte er, während draußen 
französische Trommeln wirbelten und drinnen französische Aufpasser lauerten, 
die fremden Gewalthaber, die Schande der Gegenwart, aber auch die hohen 
  
Arndt. 
  
Vorzüge des deutschen Volkes. „Die Deutschen allein sind noch ursprüngliche 
Menschen,“ so rief er, „wenn sie versinken, so versinkt das ganze menschliche 
Geschlecht mit. Soll der Menschheit noch eine Hoffnung bleiben, so muß ein 
neues deutsches Geschlecht erzogen werden." Dabei wies er auf Pestalozzi 
(S. 232) hin, zu dem bald deutsche Lehrer und Staatsmänner pilgerten. 
Auch das Wort der Prediger fand jetzt wieder willigere Ohren, selbst in dem 
bisher so freigeistigen Berlin füllten sich die Kirchen wieder. Die gebildete 
Welt lauschte den Worten Schleiermachers, der ähnlich wie Fichte den 
Grundgedanken der nenen Zeit verkündete, daß aller Wert des Menschen in 
der Kraft und Reinheit des Willens, in der freien Hingabe an das Ganze 
liege. Ernst Moritz Arndt eiferte wider alles Undentsche, wider die über- 
zärtliche Bildung und erfüllte durch Gedichte und seinen „Geist der Zeit“ die 
Gemüter mit grimmigem Haß gegen die fremden Bedrücker, mußte aber vor 
der Rache Napoleons nach Schweden flüchten. Turnvater Jahn suchte die
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 185 
Jugend durch Turnübungen körperlich und sittlich zu stählen. Die Gebrüder 
Grimm zeigten dem deutschen Volke die Schönheit seiner Sprache und seiner 
Märchen, und die Romantiker, wie Arnim und Brentano, führten ihm 
die Herrlichkeit des Mittelalters mit seinen Ritterburgen und Klöstern, seiner 
Tapferkeit, Treue und Frömmigkeit vor Augen. Schiller rief dem deutschen 
Volke in seinem „Tell“ so manches Trostwort, aber auch manches Wort der 
Mahnung und Strafe zu. Da Napoleon überall Spione unterhielt, traten 
die Vaterlandsfreunde heimlich zusammen, um die Gesinnungsgenossen zu 
sammeln, die Lauen anzufeuern, den Franzosenhaß zu schüren. Der bekannteste 
dieser Geheimbünde war der Königsberger „Tugendbund“; und wenn 
derselbe auf Befehl des Königs schon 1809 wieder aufgehoben wurde, so 
wurde doch sein Ziel auch ohne eine förmliche Vereinigung weiter verfolgt: 
alle vaterländisch gesinnten Einwohner bildeten gleichsam einen Tugendbund. 
ç Im Frühjahr 1808 schrieb die Königin Luise an ihren Vater: „Es wird mir 
immer klarer, daß alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Wir sind ein- 
geschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahr- 
hunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb 
überflügelt sie uns. Das siehet niemand klarer ein als der König. Der französische 
Kaiser ist schlauer und listiger. Von ihm können wir vieles lernen, und es wird 
nicht verloren sein, was er gethan und ausgerichtet hat. Es wäre Lästerung, zu 
sagen, Gott sei mit ihm; aber offenbar ist er ein Werlzeug in des Allmächtigen 
Hand, um das Alte, welches kein Leben mehr hat, zu begraben. Gewiß wird es 
besser werden. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Des- 
halb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher sitzt 
auf seinem jetzt freilich glänzenden Throne. Er meint es nicht redlich mit der guten 
Sache und mit den Menschen.“ 
6. S#zwerr Friedensjahre unker franzöliliem Druck. 
Preußen während der Kriege Napolcons gegen Spanien und gegen Osterreich. 
„Ich weiß, daß alle Preußen mich hassen,“ sagte Napoleon, und mit 
Recht. Auch die königliche Familie traute ihm nicht; deshalb blieb sie nach 
dem Abzuge der französischen Besatzung aus Berlin noch ein volles Jahr in 
Königsberg. War doch niemand vor Napoleons Gewaltthaten sicher. Er riß 
Ostfriesland von Deutschland ab und vereinigte es mit Holland, entthronte 
das portugiesische Königshaus, zwang den König und den Kronprinzen von 
Spanien zum Verzicht und schenkte dies Land seinem Bruder Joseph. Hier- 
durch veranlaßte er einen gefährlichen Aufstand der Spanier; die Eng- 
länder unterstützten sie durch britische und deutsche Regimenter, und die 
Hannoveraner der deutschen Legion durften nun endlich die Schande von 
Sulingen (S. 168) sühnen. 
Auch in Osterreich hatte sich in der Gesinnung des Volkes ein ähn- 
licher Umschwung vollzogen wie in Preußen; die Nachrichten aus Spanien 
beschlennigten die österreichischen Rüstungen; österreichische und preußische 
Staatsmänner unterhandelten bereits über ein gemeinsames Vorgehen. Be- 
sonders rieten Stein und Scharnhorst zum Kriege; der König indes wollte 
nur im Bunde mit Rußland losschlagen, Kaiser Alegander aber wollte mit 
Napolcon nicht eher brechen, als bis er mit dessen Hilfe die Walachei und
        <pb n="192" />
        186 Zweiter Zeitraum. 
Moldau erworben hätte. In dieser Zeit fingen die französischen Behörden 
den (S. 181) schon erwähnten Brief auf, in welchem Stein aufgefordert hatte, 
die Erbitterung gegen die Fremdherrschaft auch in Hessen und Westfalen zu 
schüren. Napoleon ließ ihn im Pariser Moniteur und in einem von ihm 
bezahlten Berliner Blatte mit der Bemerkung abdrucken, daß die preußischen 
Minister „ebenso ungeschickt wie verderbt“ seien, und erzwang unter dem 
Eindrucke dieser Veröffentlichung den Pariser Vertrag (S. 181). Um sich 
ungestörter der Unterwerfung Spaniens hingeben zu können, beschloß er, das 
russische Bündnis von neuem zu befestigen, und traf dieserhalb (Oktober 1808) 
mit Kaiser Alexander in Erfurt zusammen. Auch hier dienten die deutschen 
Fürsten und VBölker dem fremden Tyrannen durch entehrende Schmeichelei, 
während dieser ihnen jeden Hohn anthat. So veranstaltete er am 14. Oktober 
auf dem Schlachtfelde von Jena eine Hasenjagd, auf der Prinz Wilhelm von 
Preußen ihn begleiten mußte. 
König Friedrich Wilhelm hatte Stein solange als möglich gehalten; 
aber drohend verlangte Napoleon dessen Entlassung. Deshalb legte Stein 
(24. November 1808) sein Amt nieder zu großem Schmerze des Königs und 
aller Vaterlandsfreunde; verfolgt von einem Achtungsbefehle Napoleons ging 
er nach ÖOsterreich, seine Güter wurden eingezogen. Napoleon hatte inzwischen 
in raschem Siegeslauf die spanisch-englischen Heere besiegt und Madrid ein- 
genommen; von dort aus befahl er schon dem Rheinbunde, seine Truppen 
marschbereit zu halten, und drängte Osterreich zum Kriege, um es für 
seine Rüstungen zu bestrafen. Kaiser Franz hoffte, das übrige Deutschland, 
jedenfalls Preußen in den Kampf mit sortzureißen; aber Friedrich Wilhelm 
wollte ohne NRußland nicht vorgehen. Er reiste in Begleitung der Königin 
nach Petersburg; sie wurden auch mit größter Liebenswürdigkeit ausgenommen, 
erreichten aber nichts. Kaiser Alegander riet dringend zum Frieden und stellte 
sogar als Napoleons Bundesgenosse ein Hilfskorps an der ostpreußischen 
Grenze auf. 
Rasch eilte Napoleon herbei und zwang das unter Erzherzog Karl 
stehende Heer, von Bayern nach Böhmen zurückzugehen, während er selber 
auf dem rechten Donauufer hinabzog und nach drei Wochen in Wien stand. 
Als er aber unterhalb Wiens die Donau überschreiten wollte, wurde er von 
Erzherzog Karl (am 21. und 22. Mai) bei Aspern zum erstenmal vollständig 
geschlagen. Der Jubel über diesen Sieg durcheilte ganz Deutschland. Friedrich 
Wilhelm vermochte dem ungestümen Drängen seiner bewährtesten Ratgeber 
kaum zu widerstehen. Die Stimmung seines Heeres war so franzosenfeindlich, 
daß Napoleon gar nicht wagte, die von Preußen vertragsmäßig zu stellenden 
Hilfstruppen zu fordern. Der alte Blücher meinte, warum die Preußen sich 
nicht den Spaniern und Tirolern (S. 188) gleich achten sollten; er bat den König, 
mit einem Heere über die Elbe setzen zu dürfen, auch Scharnhorst, Gneisenau 
und aus der Ferne Stein rieten zu einem entscheidenden Schritt. Aber 
Friedrich Wilhelm blieb fest, ob man ihm auch in weiten Kreisen deswegen 
grollte. Viele meinten, das ganze Volk werde aufstehen, wenn sich nur ein 
Führer fände, und der Dichter Heinrich von Kleist forderte zu allgemeiner 
Rache gegen die Franzosen mit den Worten auf:
        <pb n="193" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 187 
Alle Triften, alle Stätter 
Närbt mit ihren Knochen weiß! 
elchen Rab' und Fuchs verschmähten, 
Gebet ihn den Fischen preis! 
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht 
Fragt euch nach den Gründen nicht. 
In der That fanden einzelne Aufstände statt; sie mißglückten aber, weil 
sie nicht genügend vorbereitet waren und nicht miteinander im Einvernehmen 
standen. In Westfalen rief der Oberst Dörnberg im April 1809 eine 
Empörung hervor, um den Kurfürsten von Hessen wieder zurückzuführen. Da 
er die Soldaten nicht zum Abfall bewegen konnte, rückte er mit einem Haufen 
Bauern, die über den Mißhandlungen der Fremden das Sklavenleben der 
„Luten alten Zeit“ vergessen hatten, gegen Kassel vor. Sie wurden aber leicht 
auseinandergetrieben; Dörnberg selber entkam nach Böhmen zum Herzog von 
Braunschweig. Zur selben Zeit suchte der Husarenmajor v. Schill (S. 1760) 
in Berlin, der sich in Kolberg ausgezeichnet hatte und dafür vom Königspaar 
geehrt war, durch einen Einfall in Westfalen den Aufstand in Norddeutsch- 
land zu entfachen. Um seinen Plan unbeachtet ausführen zu können, ließ 
er sein Regiment täglich mit vollem Gepäck zum Exerzieren ausrücken. Am 
28. April hielt er auf dem Exerzierplatze an seine Husaren eine begeisternde 
Ansprache, in der er sie zur Befreiung des Vaterlandes aufforderte und ihnen 
mitteilte, daß er sich mit Dörnberg verbinden wolle; er schloß mit den 
Worten: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ 
Alle ohne Ausnahme erklärten sich zu dem Zuge bereit. Einige Tage später 
folgten ihm auch einige Hundert Mann Fußvolks aus Berlin nach, und auf 
dem Marsche über Wittenberg, Dessau und Köthen wuchs sein Heer auf einige 
Tausend an. Aber seine Hoffnung, daß sich ganze preußische Regimenter ihm 
anschließen würden und er dadurch den König zum Kriege fortreißen könne, 
erfüllte sich nicht. Das norddeutsche Volk blieb ruhig; dazu erfuhr Schill, 
daß Dörnbergs Aufstand bereits unterdrückt sei. Deshalb entschloß er sich, 
über Mecklenburg und Pommern nach England zu gehen. Bei Magdeburg 
bestand er ein siegreiches Gefecht; auch gelang es ihm, die kleine Festung 
Dömitz a. d. E. zu überrumpeln. Napoleon erklärte ihn für einen Räuber, 
der König von Westfalen für vogelfrei; auch Friedrich Wilhelm mußte seinen 
Schritt öffentlich mißbilligen. Schon zogen von allen Seiten westfälische, 
dänische und holländische Truppen gegen Schill heran, mit Mühe erzwang er 
sich den Weg nach Stralsund; aber hier wurde er eingeschlossen und über- 
wältigt. Er fand in einem Straßenkampfe einen ehrlichen Reitertod. Man 
schnitt ihm das Haupt ab und bestattete dann den so verstümmelten Leichnam; 
elf Offiziere wurden auf Napoleons Befehl in Wesel, vierzehn Mann, meist 
aus dem Königreich Westfalen gebürtig, in Braunschweig erschossen; die übrigen 
Gefangenen wurden auf französische Galeeren geschleppt. Die Standhaftigkeit 
der „Opfer zu Wesel“ preist Martin Schmidt wie folgt: 
Die GOpfer zu Wesel. 
Generalmarsch wird geschlagen zu Wesel in der Stadt, 
Und alle fragen ängstlich, was das zu deuten hat?
        <pb n="194" />
        188 Zweiter Zeitraum. 
Da führen sie zum Thore hinaus, still, ohne Laut, 
Die kleine Schar, die heiter dem Tod entgegenschaut. 
Sie hatten kühn gefochten mit Schill am Ostseestrand 
Und gehn nun kühn entgegen dem Tod fürs Vaterland. 
Sie drücken sich wie Brüder die Hand zum letztenmal, 
Dann stehn sie ernst und ruhig, die elfe an der Zahl. 
Und hoch wirft Hans von Flemming die. Mütze in die Luft, 
„Es lebe Preußens König!“ die Schar einstimmig ruft. 
Da knattern die Gewehre, es stürzt der Braven Reih', 
Zehn treue Preußen liegen zerrissen von dem Bilei. 
Nur einer, Albert Wedell, trotzt jenem Blutgericht, 
Verwundet nur am Arme steht er und wanket nicht. 
Da treten neue Schergen, auch ihn zu morden, vor., 
Und: „Gebet Achtung! fertig!“ schallt's schrecklich ihm ins Ohr. 
„O zielet,“ ruft er, „besser, hier sitzt das deutsche Herzl 
Die Brüder überleben, ist mir der größte Schmerz! 
Kaum hat er ausgesprochen, die Mörder schlagen an, 
Durchbohrt von ihren Kugeln liegt auch der letzte Mann. 
So starben tapfre Preußen, durch Schande nie befleckt, 
Die nun zu ew'gem Ruhme ein Stein zu Wesel deckt. 
Am bedeutendsten war der Zug der „schwarzen Schar“ des Herzogs 
Friedrich Wilhelm von Braunschweig, eines Sohnes des bei Auerstädt tödlich 
verwundeten preußischen Feldmarschalls. Er hatte in Schlesien und Böhmen 
auf eigene Kosten ein Freikorps geworben, um damit, während Napoleon in 
Osterreich kämpfte, den Krieg in Norddeutschland zu entfachen. Aber nach 
der für Osterreich ungünstigen Schlacht bei Wagram schloß Kaiser Franz 
Frieden, in den der Herzog von Braunschweig nur unter der Bedingung auf- 
genommen werden sollte, daß er auf sein Herzogtum verzichte. Friedrich 
Wilhelm lehnte dies ab; er schlug sich mit seinen Tapferen mitten durch Deutsch- 
land und gelangte über Halberstadt, Braunschweig, Hannover und Nienburg an 
die Unterweser, wo er in Elsfleth englische Schiffe bestieg, um in die „deutsche 
Legion“ einzutreten und in Spanien den Kampf gegen Europas Unterdrücker 
fortzusetzen. Auch die Tiroler hatten sich für Osterreich erhoben, waren aber in 
den Frieden nicht eingeschlossen worden. Napoleon unterdrückte sie durch große 
Ubermacht und ließ ihren Führer Andreas Hofer erschießen. Kaiser Franz 
aber, der sein treues Volk im Stich gelassen, vermählte wenige Wochen nachher 
seine Tochter dem stolzen Sieger, der sich im Widerspruch mit der Lehre 
seiner Kirche von seiner Gemahlin getrennt hatte, um durch die Verheiratung 
mit einer Tochter aus altem fürstlichen Hause seine bürgerliche Abkunft ver- 
gessen zu machen. 
So hatte Napoleon seine Feinde abermals zu Boden geschlagen. In 
Osterreich schien die Begeisterung wieder vollständig verraucht zu sein, und 
seine Minister, voran der geschmeidige Metternich, sahen das Heil Osterreichs 
in dem engen Anschluß an Frankreich. Der Rheinbund gehorchte Napoleon 
wie eine französische Provinz; in einer schlimmen Lage befand sich jetzt 
Preußen. Napoleon wußte genau, daß es nur durch die Not gezwungen 
die Waffen gegen ihn nicht erhoben hatte, und warum hatte es die Abzahlung 
der Kriegsschuld unterbrochen?! An die völlige Erschöpfung der preußischen 
Geldmittel wollte er nicht glauben, sondern verlangte drohend Abzahlung des
        <pb n="195" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 189 
  
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Erschießung der Schillschen Offiziere bei Wesel.
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        190 Zweiter Zeitraum. 
Rückstandes. Um den Zürnenden durch ein Zeichen des Vertrauens zu be- 
schwichtigen, verlegte der König zu Weihnacht 1809 seinen Hof wieder nach 
Berlin, mitten unter die französischen Besatzungen. Die Bürger ließen es 
sich auch jetzt nicht nehmen, dem schwer geprüften Königspaare durch einen 
festlichen Empfang ihre Liebe zu bekunden — die Häuser, waren trotz der 
Winterzeit mit Grün bekleidet, alle Glocken läuteten, die Bürger und Truppen 
waren in langen Reihen aufgestellt —; aber tiefer Ernst lag auf den Zügen 
des Königs, und die Königin Luise saß weinend in dem Wagen, welchen die 
verarmte Stadt ihr zum Einzug geschenkt hatte. Die königliche Familie war 
in Berlin in Napoleons Gewalt; um so ungestümer drang er daher auf 
Abtragung der Kriegsschuld und drohte, das Land wieder zu besetzen; doch wollte 
er auf weitere Zahlung verzichten, wenn man ihm Schlesien abtreten wollel 
Das Ministerium Altenstein riet, darauf einzugehen; aber entrüstet wies der 
König solchen Antrag zurück, ent- 
ließ das Ministerium und berief 
mit Napoleons Zustimmung, der 
gern zu seinem Gelde kommen 
wollte, Hardenberg mit dem 
Titel eines Staatskanzlers. 
In diesen Tagen wurde das 
königliche Haus und mit ihm das 
ganze Land von einem schweren 
. Schlage heimgesucht. Die Königin 
LTLAiuise hatte voll Gottvertrauen die 
Hoffnung auf eine bessere Zukunft, 
auf den endlichen Sieg der guten 
Sache nie verloren und war durch 
diese ihre Zuversicht und ihr opfer- 
8EENN(Q* mütiges Entsagen dem ganzen Volke 
Hardenberg. ein hehres Vorbild. Aber ihr Kör- 
per war allen den Stürmen nicht 
gewachsen. Als sie ihren Vater und ihre hochbetagte Großmutter in Hohen- 
zieritz in Mecklenburg-Strelitz besuchte, wurde sie dort von einer heftigen 
Brustkrankheit befallen. Der König eilte mit seinen beiden ältesten Söhnen 
zu ihr, fand sic aber bereits im Sterben. Schon nach wenigen Stunden ent- 
schlief sie (19. Juli 1810). Die teure Leiche wurde nach Berlin gebracht und 
später in dem neu errichteten Mausoleum zu Charlottenburg beigesetzt, 
wo der König ihr von Rauchs Künstlerhand ein herrliches Denkmal errichten 
ließ. Das ganze Land klagte mit Schenkendorf: 
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Nose, schöne Königsrose, Herr und König, schau nach oben, 
83 auch dich der Sturm getroffen? o sie leuchtet gleich den Sternen, 
ilt kein Beten mehr, kein Hoffen Wo in Himmels weiten Fernen 
Bei dem schreckenvollen Lose? Alle Heilige sie loben! 
Gerade in diesen trüben Tagen wurde dem Könige ein lange gehegter 
Wunsch erfüllt. Bald nach dem Unglückstage von Tilsit schrieb er: „Der 
Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat.“
        <pb n="197" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 191 
Hauptsächlich durch die Bemühungen Wilhelm von Humboldts, der damals 
das Unterrichtswesen leitete, wurde 1810 die Universität Berlin eröffnet; 
als Heim schenkte ihr der König das dem Königsschloß gegenüberliegende 
stattliche Prinzenschloß. 
Auch die von Stein begonnenen Reformen wurden nicht unterbrochen. 
Die Berufung Hardenbergs hatte die Königin Luise noch erlebt und als 
neuen Hoffnungsstrahl begrüßt; war er doch am besten geeignet, Steins Werk 
fortzusetzen. Freiherr von Hardenberg war wie Scharnhorst Hannoveraner, 
hatte in hannoverschen und braunschweigischen Staatsdiensten gestanden, war 
dann nach Ansbach-Baireuth gegangen und hatte die übernahme dieses Landes 
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Grabdenkmal der Königin Luise im Mausoleum zu Charlottenburg. 
in den preußischen Staatsverband eingeleitet. In den Unglücksjahren hatte 
er dem Könige treu zur Seite gestanden (S. 180). Er war besonders ein 
tüchtiger Diplomat und daher wohl geeignet, das Staatsschiff glücklich durch 
Brandung und Klippen hindurchzuführen. Seine nächste Sorge war, die Kriegs- 
schuld abzutragen. Es wurde deshalb eine Luxussteuer, eine Abgabe von 
Lebensmitteln wie Mehl, Fleisch und Bier, eine Gewerbesteuer und, als dies 
noch nicht genügte, eine Einkommen= und Vermögenssteuer eingeführt. Jede 
Steuerbefreiung sollte fortan aufgehoben sein. Daneben wurde der Verkauf 
von Domänen fortgesetzt und das Vermögen der geistlichen Stifter für 
Staatszwecke eingezogen. Aber trotzdem gelang es dem völlig verarmten 
Lande nicht, die Kriegsschuld zu tilgen und die drei Festungen von der fran- 
zösischen Besatzung zu befreien. Schon Stein hatte den Mühlenzwang, wonach
        <pb n="198" />
        192 Zweiter Zeitraum. 
jeder auf eine bestimmte Mühle angewiesen war, aufgehoben, Hardenberg führte 
1811 vollständige Gewerbefreiheit ein: wer einen Gewerbeschein löste, konnte 
treiben, was er wollte, Gesellen und Lehrlinge halten, brauchte auch nicht 
zu einer Innung zu gehören. Die Lage der Dienstboten wurde durch eine 
neue Gesindeordnung wesentlich gebessert; noch wichtiger war das Edikt 
(von 1811) über Regelung der gutsherrlichen und bäuerlichen Ver— 
hältnisse. Wer ein Gut in Zeitpacht hatte, konnte gegen Abtretung der 
Hälfte an den Gutsherrn die andere Hälfte als freies Eigentum erwerben; 
wer es in Erbpacht besaß, brauchte nur ein Drittel abzutreten oder eine ent- 
sprechende Rente zu zahlen. Auch wurde die freie Veräußerung, Teilung und 
Zusammenlegung der Güter gestattet. Hardenberg machte auch ganz im Sinne 
Steins den Aufang zu einer Volksvertretung: er berief „Landesdeputierte“ 
— Beamte, Rittergutsbesitzer, Städter und Bauern — nach Berlin, um durch 
sic die Wünsche des Landes zu erfahren und mit ihnen neue Maßregeln zu 
beraten. Doch hörte diese Einrichtung infolge des erlahmenden Eifers der 
Abgecordneten selber wieder auf. Nach außen suchte Hardenberg noch einige 
Jahre Frieden zu halten, um inzwischen die Kräfte des Landes zu sammeln; 
selbst Scharnhorst, dem Napoleon schon längst mißtraute, trat scheinbar von 
der Leitung des Kriegswesens zurück, obgleich er sie in Wahrheit stets in 
der Hand behielt. 
Napoleon hatte inzwischen fortgefahren, nach Willkür ganze Staaten von 
der Karte Europas zu streichen, diese zu verkleinern, andere zu vergrößern; 
nur England gegenüber war er ohnmächtig. Der Schleichhandel stand in 
voller Blüte; denn vielfach ließen sich die Zollbeamten bestechen, oder die 
Schmuggler bildeten bewaffnete Banden und durchbrachen mit Gewalt die 
Zolllinice. Deshalb gestattete Napoleon die Einfuhr der Kolonialwaren, be- 
legte diese aber mit einem Zoll bis zur Hälfte des Wertes; englische Zeuge 
aber sollten weggenommen und verbrannt werden. Napoleons Bruder Louis 
wollte zur Durchführung dieser Maßregel in Rücksicht auf das Wohl seines 
Volkes die Hand nicht bieten, sondern legte seine Krone nieder; da vereinigte 
Napoleon 1810 ganz Holland, das ja doch nur „ein Erzeugnis französischer 
Gewässer“ sei, ebenso die ganze deutsche Nordseeküste mit Frankreich. Sein 
Gebiet erstreckte sich jetzt im Süden über Rom hinaus, im Norden bis an 
die Ostsee bei Lübeck. Aber das Glück der Völker war dahin; Handel und 
Gewerbe stockten; auch der Geringste fühlte den Druck der Fremdherrschaft 
durch das Fehlen der gewohnten Nahrungs= und Genußmittel; kostete doch 
z. B. 1 kg Zucker über 10 Markl Überall, auch in Preußen, unterhielt 
Napoleon seine Spionc, die sich bis in den Schoß der Familie, ja selbst in 
das Gefängnis drängten, um den Gefangenen ein Geständnis zu entlocken. 
Das Gesetz über die Festlandssperre führte er mit blutiger Strenge durch, 
und doch umging er selber es durch den Verkauf von Licenzen (Erlaubnis= 
scheinen), durch die er sich bereicherte. 
Napoleons Krieg mit Rußland. 
Napoleons Begierde nach Macht und Ruhm war unersättlich. Kaum 
hatte er mit Hilfe Rußlands Osterreich gebengt, so begann er schon die Vor-
        <pb n="199" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 193 
bereitung zu einer Demütigung des Zaren mit Unterstützung ÖOsterreichs. War 
Nußland unterworfen, so konnte er den Engländern alle Küsten des Fest- 
landes verschließen, und von Moskau aus bot der Weg nach Indien keine 
unübersteigbaren Schwierigkeiten mehr. 
Der Zar hatte den mit Napoleon geschlossenen Bundesvertrag längst 
bereut. Mit Besorgnis betrachtete er das Wachsen Polens und Frankreichs; 
er fühlte sich dadurch verletzt, daß der Großherzog von Oldenburg, sein naher 
Verwandter, bei der Einverleibung der Nordseeküste seines Erblandes beraubt 
war. Napoleon grollte Alexander, weil er kurz vor der Verlobung mit der 
Habsburgerin ohne Erfolg um eine russische Prinzessin geworben hatte; als 
nun auf sein Ansinnen, Rußland möge die Festlandssperre strenger durchführen, 
eine russische Verordnung erschien, nach welcher gerade die Einfuhr französischer 
Erzeugnisse erschwert wurde, rüstete er eifrig zum Kriege. Im Großherzogtum 
Warschau hatte er bereits ungeheure Waffenvorräte aufgehäuft, die Besatzungen 
in Danzig und den Oderfestungen wurden verdoppelt; die Rheinbundfürsten 
erhielten Befehl, ihre Truppen marschbereit zu halten. Kaiser Alexander sah 
sich nach Bundesgenossen um; aber England konnte ihm wenig helfen; Österreich 
zürnte noch wegen des lehten Krieges, hoffte auch, durch engen Anschluß an 
Frankreich im Osten wiederzugewinnen, was es im Westen verloren hatte, 
und verpflichtete sich sogar, in dem bevorstehenden Kriege Napoleon ein Heer 
von 30000 Mann unter eigenem Führer zu Hilfe zu schicken. 
Preußen befand sich in einer furchtbaren Lage. Es konnte schon des- 
halb nicht teilnahmlos bleiben, weil Napoleon seinen Heereszug durch Preußen 
führen mußte. Die Freundschaft mit dem Zaren, der Haß gegen den Unter- 
drücker drängten den König, sich Rußland anzuschließen; aber wenn Rußland 
besiegt wurde, oder der Zar Frieden schloß und — wie in Tilsit — Preußen 
preisgab, so war dieses verloren. Sollten aber die Preußen gegen Rußland 
kämpfen als Bundesgenossen des Mannes, der längst beschlossen hatte, ihren 
Staat gänzlich von der Karte zu tilgen? Kaiser Alexander erklärte, er könne 
eine Überflutung Preußens durch die Franzosen nicht verhindern und wolle 
den Feind im eigenen Lande erwarten auch von Österreich und von England 
war keine Hilfe zu erlangen. In dieser Not rieten Scharnhorst, Gneisenau, 
selbst Hardenberg zu einer allgemeinen Volkserhebung, deren Stützpunkt das 
feste Lager bei Kolberg bilden sollte, wo Blücher befehligte. Auch der K König 
war zum Außersten eIntschlossen, schon waren in der Stille die Reserven ein- 
berufen; aber er hielt einen Kampf ohne Bundesgenossen für aussichtslos. 
Konnte doch Napoleon das kleine preußische Heer sofort bei Beginn des Krieges 
mit einer siebenfachen Übermacht, die teils im Lande, teils an den Grenzen 
stand, überfallen. Noch einmal eilte Scharnhorst nach Petersburg und Wien, 
um Rußland zum Vormarsch nach Preußen und Österreich zum Kriege gegen 
Frankreich zu bewegen; alles vergeblich. Nun blieb dem Könige nichts weiter 
übrig, als mit Napoleon ein Bündnis zu schließen. Dieser hielt es für vorteil- 
haft, sich vorläufig mit der friedlichen Unterwerfung Preußens zu begnügen, 
und legte einen Vertrag vor, den Friedrich Wilhelm notgedrungen unter- 
schreiben mußte. 
Preußen stellte ein Hilfskorps von 20000 Mann; das ganze Land außer 
Hoffmeyer, Unser Preusen. 13
        <pb n="200" />
        194 Zweiter Zeitraum. 
Oberschlesien, Breslan und Potsdam, wo die königliche Familie wohnte, stand 
den französischen Heeren zum Durchmarsch offen und mußte für ihre Verpflegung 
sorgen. Auch Berlin wurde wieder besetzt. Der französische Befehlshaber hatte 
das Recht, die für das Heer erforderlichen Lebensmittel sowie Wagen, Pferde 
und jeden anderen Kriegsbedarf zu nehmen; die Kommandanten von Kolberg 
und Grandenz waren den französischen Befehlen unterworfen. Allein in Ost- 
preußen nahmen die Franzosen 78000 Pferde weg. Es fielen den Franzosen 
jetzt alle Kriegsvorräte in die Hände, welche in den letzten Jahren neu an— 
geschafft waren; Preußen sollte ganz unschädlich gemacht werden. War doch 
auch der König ganz in Napoleons Gewalt. Preusßen verlor durch den Durch- 
marsch der französischen Armee etwa 400 Millionen Franken mehr, als der Rest 
der an Frankreich noch zu zahlenden Kriegsschuld betrug. Wie lähmend wirkte 
die Nachricht von dem Abschluß dieses Vertrages auf alle Vaterlandsfreunde! 
Blücher hatte auf Napoleons Forderung schon vorher entlassen werden müssen, 
jetzt mußten auch Scharnhorst und Gneisenau ihren Abschied nehmen; 21 Offi- 
ziere, unter ihnen Boyen und Clausewitz, baten freiwillig um ihre Entlassung, 
um nicht unter französischen Fahnen dienen zu müssen; die meisten gingen 
nach Rußland, England oder Spanien. Auch Stein eilte damals mit dem 
ebenfalls geächteten E. M. Arndt nach Rußland, um den wankelmütigen Zaren 
zu stützen. 
Im Frühjahr 1812 brach das gewaltige Heer nach dem Osten auf. 
Napoleon hielt im Mai in Dresden einen noch glänzenderen Fürstentag ab 
als einst in Erfurt. Auch Kaiser Franz und König Friedrich Wilhelm hatten 
dazu erscheinen müssen. Dort richtete der Mann, welcher der Königin Luise 
das Herz gebrochen hatte, an ihren trauernden Gemahl die taktlose Frage: 
„Sie sind Witwer?“ Napoleon selber drang auf dem Wege über Wilna 
und Smolensk gegen Moskau vor; das preußische Hilfsheer gehörte dem 
linken, das österreichische dem rechten Flügel an. Scharnhorst hatte dem 
Zaren geraten, sich ohne Schlacht zurückzuziehen und dadurch den Feind immer 
tiefer in das Innere des Reiches zu locken. Alexander wollte zwar sein 
Land nicht ganz ohne Schwertstreich preisgeben, wurde aber zweimal — bei 
Smolensk und bei Borodino — geschlagen, und Napoleon konnte in Moskau 
einziehen. Vergebens knüpfte er Friedensunterhandlungen an; die Russen 
hielten ihn absichtlich hin, ließen dann ihre eigene Hauptstadt in Flammen 
aufgehen und nötigten ihn dadurch zum Rückzuge. Von den Russen ge- 
zwungen, mußte er wieder durch dieselbe Gegend ziehen, die auf dem Hin- 
wege schon vollständig ausgeplündert war. Damit war der Untergang des 
Heeres besiegelt. Bald stellte sich auch der gefürchtete russische Winter ein; 
vor Kälte zitternd, ohne Obdach, ohne Nahrung, verfolgt von den Kosaken 
und russischen Bauern, so wankten die armen Krieger über die russischen 
Schneefelder. Nach dem grauenvollen Ubergange über die Beresina (26. bis 
29. Nov.) löste sich jede Ordnung des Heeres; in unordentlichen Haufen 
schleppten sich die letzten Trümmer der „großen Armee“ dahin, hohlwangige, 
leichenähnliche Jammergestalten mit erfrorenen Gliedern, andere vor Kälte 
blind und taub, in Lumpen und Stroh gehüllt. Napoleon hatte das Heer 
längst verlassen; über Dresden war er nach Paris geeilt und ließ jetzt der
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 195 
Welt verkünden, daß die große Armee vernichtet, daß aber die Gesundheit 
Sr. Majestät niemals besser gewesen sei als jetzt. Das deutsche Volk be— 
trachtete dieses Unglück Napoleons als ein Gottesgericht und sang damals: 
Mit Mann und Roß und Wagen, Trommler ohne Trommelstock, 
So hat sie Gott geschlagen! Kürassier im Weiberrock, 
Es irrt durch Schnee und Wald umher Ritter ohne Schwert, Reiter ohne Pferd. 
Das große, mächt'ge Franzenheer; Speicher ohne Brot, allerorten Not, 
Der Kaiser auf der Flucht, Wagen ohne Rad, alles müd und matt. 
Soldaten ohne Zucht. Kranke ohne Wagen, 
Jäger ohne Gewehr, Kaiser ohne Heer, So hat sie Gott geschlagen. 
Heer ohne Kaiser, Wildnis ohne Weiser. (Ferd. August.) 
Daß Kaiser Alexander alle Anerbietungen Napoleons zurückwies, war 
vor allem Steins Werk; er brachte den Zaren auch leicht zu dem Entschluß, 
den Krieg über die deutsche 
Grenze zu tragen und dadurch 
Preußen mit fortzureißen. 
Dann eilte er selber mit Arndt 
nach Preußen. Dort hielten 
alle die Zeit für gekommen, 
das verhaßte Joch abzuwerfen; 
der König war zum Kriege 
entschlossen und unterhandelte 
eifrig mit Osterreich und Nuß- 
land. Daß Napoleon neue 
Hilfstruppen verlangte, gab 
die Möglichkeit, die Reserven 
einzuziehen, ohne den Arg- 
wohn der Franzosen zu er- 
regen; denn ein offener Abfall 
war bei der in den Elb-, 
Oder= und Weichselfestungen 
liegenden französischen Be- 
satzung unmöglich. Das preu- 
-hische Volk braunte vor Kampfbegierde und wartete mit wachsender Ungeduld 
auf den Ruf des Königs; da machte die kühne That des Generals Dork dem 
Harren ein Ende. 
Hans David Ludwig von York war 1759 als Sohn eines preußischen 
Offiziers in Potsdam geboren und schon mit 13 Jahren als Junker ius Heer ein- 
getreten, dann aber, weil er seinem Hauptmann wegen Plünderung im Feldzuge 
Vorwürfe gemacht hatte, von Friedrich dem Großen entlassen worden. In holländischen 
Diensten hatte er sich am Kap und auf Ceylon ehrenhaft geschlagen, war unter 
Friedrich Wilhelm II. in den preußischen Dienst zurüickyekehr. jatte mit Auszeichnung 
an der Schlacht bei Jena und au Blüchers Zu e nach Lübeck teilgenommen und 
beim Uberschreiten der Elbe bei Altenzaun durch geschickte Kämpfe die weit über- 
legene französische Ubermacht stundenlang aufgehalten. Dork war von unerbittlicher 
Strenge und eisernem Willen, wortkarg, „scharf wie gehacktes Eisen“, der Blick des 
„alten Isegrim“ durchbohrend, nie freundlich. Dennoch hing die Mannschaft an 
ihm; denn sie kannte seinen Gerechtigkeitssinn, seinc große praktische Tüchtigkeit und 
seine Fürsorge für sie. 
  
13
        <pb n="202" />
        196 Zweiter Zeitraum. 
York befehligte jetzt das preußische Hilfsheer, das als Teil des 
Macdonaldschen Korps die Aufgabe erhielt, die Trümmer der großen Armee 
im Rücken zu decken. Da geriet der in Ehren ergraute General in einen 
schweren Kampf. Das russische Heer war ihm hart auf den Fersen; die 
Führer desselben, zum Teil frühere preußische Offiziere, ermahnten ihn, von 
dem gemeinsamen Feinde abzufallen. Sollte er seine Truppen für den Tod- 
feind opfern? Sollte er seinem Könige den Gehorsam versagen? Er fragte 
wiederholt in Berlin an, erhielt aber nur die Antwort, er möge den Um- 
ständen nach handeln. Als er danm ein Schreiben Kaiser Alexanders empfing, 
worin dieser versicherte, er wolle mit dem Könige ein Bündnis schließen und 
die Waffen nicht eher niederlegen, als bis Preußen in dem Umfange von 1805 
wiederhergestellt sei, da schloß er in der Poscheruner Mühle bei Tauroggen 
(30. Dez. 1812) mit den russischen Unterhändlern einen Vertrag ab, nach 
welchem sein Korps, um weitere Befehle zu erwarten, in die Gegend zwischen 
Memel und Teilsit zurückgehen und, falls der König die Ubereinkunft 
nicht bestätigen werde, zwei Monate lang am Kampfe gegen Rußland nicht 
teilnehmen sollte. Darauf kündigte YDork den Franzosen den Gehorsam; 
seinem Könige aber schrieb er: „Ew. Majestät lege ich willig meinen Kopf 
zu Füßen, wenn ich gefehlt haben sollte. Jetzt oder nie ist der Zeitpunkt, 
wo Ew. Majestät sich von den hochmütigen Forderungen eines Alliierten 
losreißen können, dessen Pläne mit Preußen in ein mit Recht Besorgnis 
erregendes Dunkel gehüllt waren ... In dem Ausspruche Ew. Mazjestät 
liegt das Schicksal der Welt.“ 
7. Der Befreiungskrieg von 1813 und 1814. 
Die Erhebung des deutschen Volkes. 
„Jetzt oder nie!“ so dachten damals alle; dennoch konnten die jammer- 
vollen Trümmer der großen Armee unangefochten durch Deutschland heim- 
kehren: deutsche Gutmütigkeit rettete dem Feinde Tausende von Kriegern, 
unter ihnen die große Mehrzahl der Offiziere. Preußen befand sich noch 
immer in einer gefährlichen Lage. Es war von französischen Truppen stark 
besetzt und hatte selber nur geringe Streitkräfte zur Verfügung; Osterreich 
konnte ein Wiedererstarken Preußens nicht wünschen und hielt sich noch zurück, 
beide Mächte aber fürchteten die Ubermacht Rußlands, das sich sofort zur 
Eroberung Warschaus anschickte. Der König lebte in Potsdam von Fran- 
zosen umgeben; er mußte daher Borks That vor der Welt verurteilen und 
sandte einen Adjutanten ab, der Yorks Absetzung Murat und Vork selber 
anzeigen sollte. Wie zu erwarten, ließen die Russen ihn nicht durch, und 
er ging nun mit geheimen Aufträgen zu Alexander, um ihm Preußens Hilfe 
in Aussicht zu stellen, sobald die Russen die Weichsel überschritten. Inzwischen 
suchte Hardenberg durch Feste und Versprechungen äußerlich die Freundschaft 
mit Frankreich aufrecht zu erhalten. Die Russen rückten in Königsberg ein, 
York folgte ihnen und übernahm den Oberbefehl über die Provinz, den er 
vor dem Kriege geführt hatte. Als er aus den Zeitungen seine Absetzung 
erfuhr, legte er sein Kommando nicht nieder, weil sie ihm amtlich nicht mit-
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Ansprache des Generals York auf dem Landtage zu Königsberg. 
  
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(Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) 
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6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 
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        198 Zweiter Zeitraum. 
  
  
  
  
  
  
  
  
RXKnvtel. 
Infanterie-(Musketier-) Musketier, Grenadicr, Freiwill. Jäger, Garde-Jäger. 
Offizier zur Parade. seldmäßig. zur Parade. vom Detachement 
eines Inf.-Regts. 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
Landwehr-Infanterie- Landwehr-Infanterie. Landwehr-Kavallerie. 
Ofsizier. Wehrleute. Unteroffizier. 
  
  
  
Tynen aus dem preußischen Heere des Befreiungskrieges.
        <pb n="205" />
        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 199 
  
  
  
  
  
  
K.MN#e0 
Dragoner-Unterofsizicr, Kürassier im blauen Rock Kürassier -Ofsizier im weißen 
feldmäßig. (Litewla), seldmäßig. Frack, zur Parade. 
  
  
  
      
* — — — 
— — 
XK · — — —. 
Husar im Pelz. Husaren-Offizier zur Parade. Ulau zur Parade. 
  
  
  
  
  
  
Typen aus dem preußischen Heere des Befreiungskrieges.
        <pb n="206" />
        200 Zweiter Zeitraum. 
geteilt war, vielmehr verstärkte er sein Heer durch Werbungen. Dann er— 
schien Stein als Bevollmächtigter Alexanders, mit ihm E. M. Arndt. So- 
fort wurden die preußischen Häfen wieder geöffnet, die Festlandssperre auf- 
gehoben und ein Landtag einberufen, der sich zwar ohne Ruf, aber doch im 
Namen des Königs versammelte und nach einer begeisternden Ansprache 
Vorks beschloß, das Volk zu den Waffen zu rufen. Das ausgesogene Land 
bildete eine Landwehr und stellte ein Kavallerieregiment sowie den Ersatz für 
das VYorksche Korps, insgesamt 30000 Mann. Alle wurden unter Vorks 
Oberbefehl gestellt. 
Der König hatte, um in seinen Entschließungen frei zu sein, sein Hof- 
lager (22. Januar 1813) von Potsdam, wo er jeden Augenblick aufgehoben 
werden konnte, nach Breslau verlegt; hier sammelten sich um ihn Scharn- 
horst, der wieder Kriegsminister wurde, Blücher, 
Gneisenau und andere treffliche Männer. Schon 
am 3. Februar erließ er einen Aufruf zur Bil- 
dung freiwilliger Jägerkorps, und am folgenden 
Tage wurden alle bisherigen Befreiungen von der 
Dienstpflicht aufgehoben. Gegen wen die Rüstungen 
gerichtet waren, sagte der Aufruf nicht; aber das 
Volk verstand seinen König wohl. Von allen Seiten 
strömten gebildete junge Leute herbei; die Hörsäle 
der Universitäten und die oberen Klassen der Gym- 
nasien leerten sich; aus Berlin allein trafen in den 
ersten drei Wochen 1200 Freiwillige in Breslau 
ein. Frendenthränen traten dem Könige in die 
Augen, als ihm die jugendliche Schar entgegen- 
jubelte. Zur Aufnahme der nicht preußischen 
Jünglinge bildeten sich Freikorps, von denen 
das Lützowsche durch Theodor Körner am be- 
rühmtesten geworden ist; ihm gehörten auch der 
Turnvater Jahn und der edle Friesen an. In 
Das Eiserne Kreuz. Breslau erschienen auch Stein und Arndt, und 
GOriginalgröße.) am 28. Februar wurde zwischen Rußland und 
Preußen der Vertrag zu Kalisch abgeschlossen, 
durch welchen Kaiser Alexander sich verpflichtete, die Waffen nicht eher nieder- 
zulegen, als bis Preußen in dem Umfange von 1805 wiederhergestellt sei; 
dafür mußte Preußen schon jetzt zugestehen, daß Rußland Polen, selbst ehemals 
preußische Teile desselben, in Besitz nahm. Rußland sollte 150 000, Preußen 
80000 Mann stellen; aber von Anfang an war das preußische Heer größer, 
das russische kleiner. Noch immer hatte der König den Krieg an Frankreich nicht 
erklärt, der Kalischer Vertrag wurde noch geheim gehalten. Da brachen Ende 
Februar York und Bülow auf eigene Hand gegen die Hauptstadt auf, die bald 
von den Franzosen geräumt wurde. Am 10. März, dem Geburtstage der Königin 
Luise, stiftete der König das Eiserne Kreuz, am 16. erklärte er an Frank- 
reich den Krieg und erließ am 17. den berühmten Aufruf „An Mein Volk“, 
sowie die Verordnung über die Errichtung der Landwehr für ganz Preußen. 
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Breslau, den 13. Kebrnar 1813. 
Drei Söhne, Majestät, von Gott gegeben, So sind, ob jung, ob alt, wir jederzeit, 
Sie weih'n mit mir dem Vaterland ihr Leben; Wenn unser König ruft, zum Kampf bereit!
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        202 Zweiter Zeitraum. 
An Mein Volk. 
So wenig für Mein treues Volk als für Deutsche bedarf es einer Rechenschaft 
über die Ursachen des Krieges, welcher jetzt beginnt. Klax liegen sie dem un- 
verblendeten Europa vor Augen. Wir erlagen unter der Ubermacht Frankreichs. 
Der Friede, der die Hälfte Meiner Unterthanen Mir entriß, gab uns seine Seg- 
nungen nicht; denn er schlug uns tiefere Wunden als selbst der Krieg. Branden- 
burger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer! Ihr wißt, was Ihr seit fast sieben 
Jahren erduldet habt, Ihr wißt, was Euer trauriges Los ist, wenn wir den be- 
ginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den 
Großen Kurfürsten, den großen Friedrich! Große Opfer werden von allen Ständen 
gefordert werden:; denn unser Beginnen ist groß und nicht geringe die Zahl und die 
Mittel unserer Feinde. Aber welche Opfer auch von einzelnen gefordert werden 
mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir sie hingeben, für die 
wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und 
Deutsche zu sein. Es ist der letzte entscheidende Kampf, den wir bestehen für unsere 
Existenz, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand; keinen anderen Ausweg giebt 
es, als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem 
würdet Ihr getrost entgegengehen um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und 
der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen: 
Gott und unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit 
ihm einen sicheren, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit. 
Hatte der König am 3. Februar sich vornehmlich an die gebildete 
Jugend gewandt, so richtete sich der letzte Aufruf an die breiten Massen des 
Volkes und erweckte hier dieselbe Begeisterung. „Durch den Wetteifer aller 
Stände wurde die größte kriegerische Leistung möglich, welche die Geschichte 
von gesitteten Nationen kennt.“ Das verarmte Land mit nur 5 Millionen 
Einwohnern stellte 271000 Streiter, also von 18 Seelen einen Mann. 
„Von Memel bis Demmin, von Kolberg bis Glatz war in dem unvergeß- 
lichen Frühling und Sommer von 1813 unter den Preußen nur eine Stimme, 
ein Zorn und ein Streben: das Vaterland zu retten und Deutschland zu 
befreien. Krieg wollten die Preußen, Gefahr und Tod wollten sie, den 
Frieden fürchteten sie, weil sie von Napoleon keinen ehrenvollen Frieden 
erhoffen konnten. Jünglinge, die kaum wehrhaft waren, Männer mit grauen 
Haaren und wankenden Knieen, Offiziere, die wegen Wunden und Ver- 
stümmelungen längst ehrenvoll entlassen waren, reiche Gutsbesitzer und Beamte, 
Väter zahlreicher Familien und Verwalter weitläufiger Geschäfte, in Hinsicht 
jedes Kriegsdienstes entschuldigt, wollten sich selbst nicht entschuldigen.“ (Arndt.) 
Selbst Frauen, wie Eleonore Prochaska aus Potsdam und Auguste Krüger 
aus Mecklenburg, drängten sich zu den Waffen. Ein Graf trat mit drei 
Söhnen ein und schenkte außerdem all sein Korn, alle seine Pferde und Kühe. 
Mit dem Könige eilten auch sämtliche wehrfähige Prinzen ins Feldlager. Aus 
den nicht militärisch ausgebildeten Männern vom 17. bis zum 40. Jahre wurde 
eine Landwehr gebildet, die bald in offener Feldschlacht mit Linientruppen um 
den Ruhm der Tapferkeit stritt. Und wer dazu nicht mehr brauchbar war, der 
trat, wie Professor Fichte, in den später errichteten Landsturm, der Knaben 
vom 15. Jahre ab und Männer bis zum 50. umfaßte und im Lande selber Ver- 
wendung finden sollte. Wer nicht selber mitziehen konnte, der spendete Gaben: 
Pferde, Lebensmittel, Kleidungsstücke, Geld. Ein Bauer brachte ein Pferd mit 
den Worten: „Fünf haben mir die Franzosen gestohlen, das sechste will ich ihnen
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 203 
nachschicken.“ Eine Soldatenwitwe sandte ein Paar wollene Socken „als ihr 
letztes bißchen Armut“, ein Invalide seinen einzigen Besitz: seine goldene 
Medaille. Wie sonst für wohlthätige Zwecke, so wurde jetzt für das Vater- 
land öffentlich gesammelt; da es an Geld fehlte, gaben viele ihr Silber= und 
Goldgerät. Ehelente opferten ihre goldenen Trauringe und erhielten dafür 
eiserne mit der Inschrift: „Gold gab ich für Eisen“; manches Mädchen, wie 
Ferdinande von Schmettau aus Breslau, brachte ihren Haarschmuck als Gabe 
dar, und arme Arbeiter ihren ganzen 
Verdienst von vielen Wochen. Die 
edle Prinzeß Wilhelm von Preußen, 
Marianne von Hessen-Homburgstellte 
sich mit anderen Prinzessinnen an die 
Spitze der Frauenvereinec, die sich zur 
Unterstützung der Kämpfenden und 
zur Pflege der Verwundeten bildeten. 
Auch ein neues sittliches und religiöses 
Leben erwachte in jenen Tagen. Voll 
Vertrauen blickte man wieder zu dem 
alten Gott empor. „Mit Gott für 
König und Vaterland“, so lautete die 
Inschrift des Eisernen Krenzes und 
der Wahlspruch der Landwehr. Vom 
Sammelplatze zogen die Wehrmänner -·-- 
zur Einsegnung in die Kirche; ganze Theodor Körner. 
Regimenter nahmen vor ihrem Aus- 
zuge das heilige Abendmahl. Denn es war „ein Krenzzug“", war „ein 
heil'ger Krieg!“ « 
Ernst Moritz Arndt, der mit Stein zurückgekehrt war, rief mahnend: 
Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte, 
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß dem Mann in seine Rechte, 
Drum gab er ihm den kühnen Mut, den Zorn der freien Rede, 
Daß er bestände bis aufs Blut, bis in den Tod die Fehde. 
Max von Schenkendorf, der trotz seiner gelähmten Rechten mit ins Feld 
zog, legte im Namen des Landsturms das Gelübde ab: 
Nun gilt es um das Leben, es gilt ums höchste Gut; 
Wir setzen dran, wir geben mit Freuden unser Blut. 
Den Franzosen aber rief er drohend zu: 
Hie Wagen Gottes, Gottes Streiter, 
Hie Schwert des Herrn und Gideon! 
  
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2* . AMAM “ "*. 7*“% *. 
Leider beschränkte sich die Begeisterung fast nur auf Preußen. Im 
rheinländischen Deutschland, dessen Söhne zu Napoleons Ehren auf allen 
Schlachtfeldern Europas geblutet hatten, verstand man die Stimme des 
Bruderstammes nicht. Nur wenige fühlten sich so deutsch wie der jugendliche 
Dichter Theodor Körner; er verließ seine Braut und seine glänzende 
Stellung in Wien, eilte nach Schlesien und trat in das Lützowsche Frei-
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        204 Zweiter Zeitraum. 
korps, das sich in der Kirche zu Rogan einsegnen ließ, wobei das von Körner 
gedichtete Weihelied gesungen wurde: 
Wir treten hier im Gotteshaus mit frommem Mut zusammen, 
Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus, und alle Herzen flammen. 
Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht. 
Hat Gott ja selber, angefacht. Dem Herrn allein die Ehrel! 
Wie der König, so erließ auch Körner einen „Aufruf"“: 
Frisch auf, mein Volkt Die Flammenzeichen rauchen, 
Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht! 
Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwertel! 
Drück dir den Speer ins treue Herz hinein! 
Der Freiheit eine Gasse! —. Wasch die Erde, 
Dein deutsches Land mit deinem Blute rein! 
Die Kämpfe vor der Schlacht bei Leipzig. 
Schon im Januar hatten die Franzosen die Weichsellinie mit Ausnahme 
einiger Festungen, wie Danzig und Thorn, aufgegeben und sich vor dem heran- 
rückenden russischen Heere unter General Wittgenstein, dem auch York und 
Bülow unterstellt waren, über die Oder zurückzogen; Anfang März räumten 
sie Berlin, und unter dem Jubel der Bevölkerung zogen die Kosaken, dann 
auch York ein. Vor dem Weitermarsch ließ auch er sein Korps feierlich ein- 
segnen; zum Leibregiment sprach er: „Das schwöre ich euch, ein unglückliches 
Vaterland sieht mich nicht wiederl" — „Das soll ein Wort sein!“ erscholl 
es aus den Reihen der Soldaten. Dann ging's weiter zur Elbe. Schon 
am 18. März besetzte Tettenborn mit seinen Kosaken Hamburg, und an 
vielen Orten der Nordseeküste zwischen Elbe und Ems erhoben sich die er- 
bitterten Bewohner. Aber sie blieben ohne Hilfe. Die Verbündeten zogen 
zu langsam heran und versäumten dadurch, den Krieg sofort über die Elbe 
zu tragen. Zwar eroberte Dörnberg (2. April) mit russischen und preußischen 
Truppen das von Morand besetzte Lüneburg, wobei das Dienstmädchen Johanna 
Stegen im heftigen Kugelregen ihren kämpfenden Brüdern neuen Schießbedarf 
zutrug; aber bald rückten überlegene französische Streitkräfte heran. 
Napoleon hatte sofort nach seiner Rückkehr neue große Aushebungen in 
allen von ihm abhängigen Ländern angeordnet. Am erbittertsten war er auf 
Preußen: nach Wien sandte er schon einen Vorschlag, wie dieses Land unter 
die Sieger verteilt werden sollte. Er schickte Davoust und Vandamme 
sofort nach Norddeutschland, die alle freiheitlichen Regungen mit blutiger 
Strenge niederschlugen. Am 5. April suchte Napoleons Stiefsohn Eugen, 
Vicekönig von Italien, von Magdeburg aus Berlin zu überfallen, er wurde aber 
bei Möckern durch York und Bülow blutig zurückgewiesen. Napoleon führte 
unterdes das Hauptheer auf der Frankfurt-Leipziger Straße heran, bei Naum- 
burg vereinigte sich Eugen mit ihm. Auch die russisch-preußischen Truppen 
unter Wittgenstein überschritten die Elbe und zogen gegen Leipzig. Blücher 
befehligte das preußische Hauptheer. Er war gleich am Tage nach des Königs 
Aufruf aus Schlesien aufgebrochen, hatte die Elbe überschritten und ganz 
Sachsen bis auf die Festungen besetzt. Scharnhorst hatte gehofft, vor der
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 205 
Ankunft Napoleons einen großen Teil Westdeutschlands zu besetzen und das 
Heer Eugens zu schlagen; aber das russische Hauptheer hielt sich zu lange in 
Polen auf, erst Ende April zogen die beiden verbündeten Monarchen mit 
dem russischen Hauptheere in Dresden ein, das Blücher schon einen Monat 
zuvor erobert hatte. König Friedrich August war entflohen, um sich ihnen 
nicht anschließen zu müssen. 
Sobald die Heere der Verbündeten sich vereinigt hatten, wurden sie unter 
den Oberbefehl des russischen Generals Wittgenstein gestellt. Zwar waren 
sie an Zahl dem französischen nicht gewachsen, übertrafen dasselbe aber an 
Kanonen und Reiterei; deshalb riet Scharnhorst, den Kampf in der großen 
Leipziger Ebene anzunehmen. Wittgenstein aber beschloß, dem nach Leipzig 
marschierenden Feinde in der von Hecken und Gräben zerschnittenen sumpfigen 
Ebene von Lützen in die rechte Flanke zu fallen. Am 2. Mai begann der An- 
griff der Preußen auf Großgörschen und drei andere Dörfer, die von Ney 
besetzt waren. Noch nie waren die Franzosen einer solchen kriegerischen Be- 
geisterung begegnet wie hier; auch die jungen Freiwilligen, welche zum erstenmal 
ins Feuer kamen, kämpften mit demselben zornigen Mute wie die geschulten 
Krieger. Wären jetzt die russischen Reserven zur Stelle gewesen, so wäre der 
Sieg errungen worden; doch die blieben aus, ja selbst die Reiterei der Ver- 
bündeten gelangte nicht einmal zum entscheidenden Eingreifen. Scharnhorst 
führte selber mit gezogenem Degen die Truppen zum Sturm, bis ihn ein 
Granatsplitter verwundete, so daß er das Schlachtfeld verlassen mußte. Als 
die Nacht kam, behaupteten die Preußen nur noch Großgörschen. Vergebens 
machte Blücher im Dunkeln noch einen letzten verzweifelten Reiterangriff. Am 
nächsten Morgen erwarteten die Preußen bestimmt die Wiederaufnahme des 
Kampfes; aber Napoleon hatte während der Nacht seine Übermacht noch mehr 
verstärkt, deshalb zogen die Verbündeten sich nach der Elbe zurück, die preu- 
ßischen Truppen in dem Bewußtsein, daß sie die Ehre ihrer Fahnen wieder- 
hergestellt hatten. 
Die Schlacht von Großgörschen kostete den Verbündeten über 10000 
Mann, das schmerzlichste Opfer derselben war Scharnhorst. Er wollte seine 
leichte Wunde nicht ruhig heilen lassen, sondern beschloß trotz der Warnungen der 
Arzte, nach Wien zu gehen, um Osterreich zum Anschluß an die Verbündeten 
zu bewegen; aber in Prag ereilte ihn der Tod. Für Napoleon hatte der 
unentschiedene. Kampf die Folgen eines Sieges: von den Rheinbundsstaaten 
dachte nun keiner mehr an einen Abfall, Napoleon zog in Dresden ein und 
zwang durch eine Drohung den König, zurückzukehren und sich ihm an- 
zuschließen. Dadurch vergrößerte sich die Ubermacht Napoleons noch mehr. 
Die Verbündeten gingen hinter die Elbe zurück; bei Bautzen kam es am 20. 
und 21. Mai abermals zu einem blutigen Ringen. Mit äußerster Hartnäckig- 
keit stritten 80000 Verbündete gegen 170000 Feinde; dennoch verloren sie 
keine Fahne, keine Kanone und konnten sich geordnet nach Schlesien zurück- 
ziehen. Napoleon hatte mehr verloren als seine Gegner, in einem Reiter- 
gefecht bei Hainau brachte Blücher ihm abermals empfindliche Verluste bei; 
dazu fehlte es ihm noch an Reiterei und Geschütz, er bot daher selber einen 
Waffenstillstand an. Auch den Verbündeten war Zeit zur besseren Aus-
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        206 Zweiter Zeitraum. 
rüstung und zur Verhandlung mit Osterreich erwünscht; wollten sich doch die 
Russen über die Oder, ja nach Polen zurückziehen. Sie nahmen also den 
Waffenstillstand an, der vorläufig auf sieben Wochen festgesetzt wurde. Als 
die Nachricht am zweiten Pfingsttage nach Berlin kam, waren „alle Gesichter 
blaß, alle Herzen wie vom Donner getroffen; bei dem Gedanken der Möglich- 
keit des Friedens waren alle wie versteint und verdonnert.“ — Krieg! Krieg! 
schallte es von den Karpaten bis zur Nordsee, vom Niemen bis zur Elbe. 
Aber der König versicherte, die Verhandlungen sollten nicht zu einem faulen 
Frieden führen. 
Schon vor Abschluß des Waffenstillstandes war Hamburg den Franzosen 
wieder in die Hände gefallen. Die Stadt wurde seit vier Wochen von 
Vandamme bedroht, aber von Tettenborn und wenigen Dänen verteidigt. Als 
letztere zu den Franzosen übergingen, räumte auch Tettenborn die Stadt; der 
in der Nähe stehende schwedische Kronprinz Bernadotte, ein von dem kinder- 
losen König von Schweden an Kindes Statt angenommener französischer 
General, that nichts zum Entsatz der Stadt, die Bürger waren der Waffen 
entwöhnt; so fiel sie (30. Mai), und damit hatte Napoleon die ganze Elblinie 
wieder in Händen. Davoust bestrafte Hamburg mit grausamer Härte, be- 
festigte es, wobei die Bürger selber Schanzarbeiten verrichten mußten, und 
trieb bei Beginn des Winters, um eine Belagerung länger aushalten zu 
können, 25000 ärmere Einwohner aus der Stadt hinaus, von denen gegen 
1200 vor Mangel und Kälte umkamen. 
Die rufen „Weh“ zum Himmel 
Aus ihrer stillen Gruft 
Und werden's rufen zum Himmel, 
Wenn die Drommet einst ruft. (Fr. Rückert.) 
Während des Waffenstillstandes wurden auch die Lützower fast ver- 
nichtet. Sie standen bei Beginn desselben bei Hof und konnten sich nicht, 
wie bestimmt war, vor dem 12. Juni auf das rechte Elbufer zurückziehen. 
Bei Kitzen unweit Leipzig wurden sie von 4000 Franzosen und Rheinbündlern 
überfallen. Lützow selber entkam mit nur 21 Mam, unter ihnen der schwer 
verwundete Theodor Körner, der dem Tode nahe im Walde aufgefunden und 
von einer Gärtnersfrau gepflegt wurde. Nach seiner Genesung kehrte er zu 
den Lützowern zurück. " 
Die Verbündeten benutzten den Waffenstillstand eifrig zur Verstärkung 
und besseren Ausrüstung des Heeres, besonders der Landwehr. Auch der 
Landsturm übte fleißig, wenn auch ohne Uniform und mit den verschiedensten 
Waffen ausgerüstet. Fichte hatte einen mächtigen Reitersäbel umgeschnallt, 
und aus dem Gurt schauten die Schäfte zweier Reiterpistolen hervor; Schleier- 
macher war mit einer Pike bewaffnet. Auch aus Rußland kamen neue Ver- 
stärkungen. Noch eifriger arbeiteten die Diplomaten. Schweden ward durch 
die Aussicht auf Norwegen gewonnen; England trat im Vertrage zu Reichen- 
bach ebenfalls den Verbündeten bei, doch mußte Preußen dafür Hildesheim 
und Ostfriesland an Hannaver abtreten. Am meisten war ÖOsterreich um- 
worben. Das österreichische Volk war zwar deutsch gesinnt, aber weit entfernt 
von jener Begeisterung von 1809. Ocbgleich Kaiser Franz sich durch die
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 207 
Verwandtschaft mit Napoleon nicht bestimmen ließ, scheute er doch den Krieg, 
ihm graute vor der Begeisterung der norddeutschen Jugend; sein Minister 
Metternich, ein kalter, berechnender Selbstling, wollte nur die Stellung 
OÖsterreichs zwischen zwei gleichstarken Parteien möglichst ausbeuten. In 
Dresden unterhandelte er mit Napoleon, ohne etwas zu erreichen; doch einigte 
man sich, daß in Prag ein Friedenskongreß zusammentrete und der Waffen- 
stillstand bis zum 10. August verlängert werde. Aber auch jetzt noch verharrte 
Napoleon in seinem hochmütigen Trotz; selbst auf die bescheidensten Forderungen 
der Verbündeten wollte er nicht eingehen, so daß diese erklärten, sie würden 
den Krieg auch ohne Osterreich fortsetzen. Das entschied. Napoleon war 
längst zur Fortführung des Krieges entschlossen. „Ich bin im Felde auf- 
gewachsen,“ sprach er. „Ein Mann wie ich macht sich nichts aus dem Leben 
einer Million Menschen. Vielleicht kostet es mir den Thron; aber ich werde 
die Welt unter seinen Trümmern begraben.“ Sein Trotz trieb Osterreich 
ins Lager der Verbündeten. In der Nacht zum 11. August trugen die ver- 
abredeten Fenerzeichen von Prag her über die Spitzen der Berge nach Schlesien 
dem aufjubelnden preußischen Heere die Nachricht zu, daß der Krieg von neuem 
beginne. 
Die Heere der Verbündeten zählten zusammen 480000 Mann; Napoleon 
hatte es nur auf 440000 gebracht, dafür besaß er aber den Vorteil des 
einheitlichen Oberbefehls, die günstige Elblinie und die überelbischen Festungen, 
deren Einschließung einen großen Teil der verbündeten Truppen erforderte. 
Die Verbündeten stellten ihre Streitkräfte in drei Heeren auf, deren jedes aus 
Truppen aller verbündeten Völker gemischt sein sollte, während Blücher ge- 
wünscht hatte, die Preußen allein unter seinem Befehle zu haben. Bernadotte 
befehligte die Nordarmee, die (etwa 150000 Mann) in den Marken und 
an der Unterelbe stand; unter ihm kommandierten die preußischen Feldherren 
Bülow und Tauentzien. Blücher führte die schlesische Armee (95000 
Mann); unter ihm standen York und die russischen Korpsführer Sacken und 
Langeron, sein Generalstabschef war Gneisenau. Die Hauptarmee 
(235000 Mann) stand in Böhmen unter Fürst Schwarzenberg, der zu- 
gleich Oberbefehlshaber über sämtliche verbündete Truppen war; unter ihm 
befehligte Fürst Wittgenstein und der preußische General Kleist. 
Gebhard Leberecht von Blücher, geboren 1742 zu Rostock aus einer alten 
pommerschen Familie, war während des Siebenjährigen Krieyes als junger schwedischer 
Offizier von preußischen Husaren gefangen genommen und dann in preußische Dienste 
getreten. Weil er sich wegen einer Ubereilung die Ungnade seines Königs zugezogen 
und deshalb bei der Beförderung übergangen wurde, forderte er trotzig seinen Abschied, 
worauf Friedrich der Große entschied: „Der Rittmeister von Blücher kann sich zum 
Teufel scheren!“ Er lebte darauf als Landmann, trat aber unter Friedrich Wilhelm II. 
wieder in das Heer. Schon während der Kriege in Frankreich, besonders aber 1806 
hatte er sich hervorgethan (S. 172); der Schmerz über das Unglück des Vaterlandes 
umnachtete sein Gemüt so, daß seine Umgebung zu Zeiten Irrsinn an ihm zu be- 
merken glaubte. Jetzt fühlte er sich wieder jung. Wem er durch die Reihen seiner 
Krieger dahinsprengte, ihnen einen Scherz, ein Kraftwort oder auch einen derben 
Fluch zuwerfend, so war die Wirkung unwiderstehlich, und der alte „Marschall 
Vorwärts“ wurde bald der Abgott seiner Soldaten. Auf Gneisenau, den er wohl 
seinen Kopf nannte, hielt er große Stücke. Als dieser während des Waffenstillstandes 
so eifrig mit der Einrichtung der schlesischen Landwehr beschäftigt war, schrieb Blücher
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        208 Zweiter Zeitraum. 
ihm: „Landwehren Sie man druff, aber wenn die Fehde wieder beginnt, dann ge— 
sellen Sie Sich wieder zu mich!“ « 
Sobald der Waffenstillstand abgelaufen war, begannen die Feindfeligkeiten 
wieder. Napoleon suchte zunächst die preußische Macht zu vernichten; während 
er Oudinot zur Eroberung Berlins absandte, zog er selber gegen Blücher 
nach Schlesien. Bernadotte meinte, von den französischen Besatzungen in 
Hamburg, Magdeburg, Wittenberg und Torgau bedroht, besonders vorsichtig 
sein zu müssen; auch wollte er seine Schweden möglichst schonen und den 
Franzosen nicht wehe thun, da er sich mit der Hoffnung trug, nach Napoleons 
Fall selber auf den französischen Thron berufen zu werden. Er war deshalb 
für den Freiheitskampf ein Hemmnis. Oudinot führte 70 000 Mann, größten- 
teils Deutsche, gegen Berlin; er hatte Befehl, die verhaßte Stadt in Brand 
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Gneisenau. x Blücher. 
zu schießen. Bernadotte wollte Berlin preisgeben und hatte Tauentzien schon 
Befehl zum Rückzuge erteilt. „Was ist Berlin?“ sagte er, „eine Stadt, 
weiter nichts.“ Aber Bülow erwiderte: „Berlin ist den Preußen mehr wert, 
als Ew. Königliche Hoheit meinen." Und zu seinen Generalen sagte er: 
„Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen; nicht rückwärts!“ Tauentzien blieb 
stehen, und Bülow griff das im Centrum marschierende Reyniersche Korps 
bei Großbeeren an. Seinen Pommern rief er zu: „Soldaten! Schweden 
und Russen sehen auf uns. Hinter uns liegt Berlin! Vergeßt nicht, daß ihr 
Pommern seid!“ Und sie vergaßen es nicht. Die pommerschen Landwehr- 
männer drehten die Gewehre, die bei dem Regenwetter versagten, um und 
draschen mit den Kolben wie mit Dreschflegeln unter dem Rufe „so fluscht 
et bäter!“ auf Franzosen und Sachsen ein (23. August). Oudinots Hilfe kam 
zu spät, Reynier mußte sich unter großen Verlusten zurückziehen; daß sein
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 209 
Korps nicht vollständig aufgerieben wurde, war Bernadottes Schuld, der fast 
nichts that, Bülow zu unterstützen. Berlin war gerettet, Ondinot ging auf 
Wittenberg zurück. Auch Davoust war von Hamburg aus gegen Berlin auf- 
gebrochen, kehrte jetzt aber schleunigst um. Mit einer kleinen Abteilung seines 
Heeres bestanden die Lützower ein Gefecht bei Gadebusch in Mecklenburg, in 
welchem Theodor Körner den Heldentod starb (26. August). Ein anderes 
Korps, das von Magdeburg aus der Nordarmee in die Flanke fallen sollte, 
trat jetzt ebenfalls den Rückzug an, wurde aber bei Hagelberg (27. August) 
von der kurmärkischen Landwehr mit dem Kolben zusammengehauen. 
Napoleon bemühte sich, Blücher zu einer Schlacht zu verleiten; doch dieser 
wich immer weiter nach Osten aus, um den Gegner möglichst weit von Dresden 
abzuziehen. Als der Kaiser hörte, daß Schwarzenberg Dresden bedrohe, 
ließ er Macdonald in Schlesien zurück und eilte mit einem Teile seines 
Heeres wieder nach Sachsen. Macdonald meinte, Blücher sei noch im Rück- 
zuge, und setzte über die hoch angeschwollenen Gebirgswässer der Katzbach 
und der Wütenden Neiße; arglos stiegen seine Truppen die steilen Ränder 
der Hochebene empor, welche sich oberhalb des Zusammenflusses dieser beiden 
Gewässer erhebt. „Nun, Kinder,“ rief der alte Blücher, „habe ich Franzosen 
genug herüber!“ York warf sich auf das Centrum des überraschten Feindes, 
und eine mörderische Schlacht begann. Auch hier geschah des nassen Wetters 
wegen die Hauptarbeit mit Kolben und Bajonett, und der Ingrimm und die 
körperliche Stärke der preußischen Truppen errang den Sieg. In wirrem 
Durcheinander wälzten sich Kanonen, Reiter und Fußvolk zu dem steilen 
Bergabfall längs der Wütenden Neiße, in deren wilden Fluten Tausende ihren 
Tod fanden. Macdonald schrieb Napoleon: „Sire, Ihre Bober-Armee 
existiert nicht mehr!“ Die Schlacht an der Katzbach (26. August) wurde 
in der Nähe der alten Wahlstatt geschlagen; davon erhielt Blücher später 
seinen Ehrennamen „Fürst Blücher von Wahlstatt“. Der Erfolg dieses ersten 
großen Sieges war bedeutend. Er reinigte Schlesien von Franzosen, hob 
die Siegeszuversicht der verbündeten Truppen und stellte zwischen den 
vorher manchmal uneinigen Feldherren der schlesischen Armee ein besseres 
Einvernehmen her. 
Noch bevor Napoleon aus Schlesien zurückgekehrt war, hatte die Haupt- 
armee auf mehreren Straßen das Erzgebirge überstiegen. Schon am 25. August 
war ein Teil derselben in der durch die Elbe und die Ausläufer des Gebirges 
eingeschlossenen Ebene südlich von Dresden angekommen und hätte durch einen 
raschen Angriff die schwach besetzte Stadt nehmen können; doch das Haupt- 
duartier beschloß, den Angriff bis auf die Ankunft der übrigen Armee zu 
verschieben. Am folgenden Morgen kehrte auch Napoleon mit seinen Truppen 
aus Schlesien zurück. Kleinmütig wollten jetzt die Verbündeten trotz ihrer 
Ubermacht wieder abziehen, nur Friedrich Wilhelms entschiedener Widerspruch 
zwang sie, am 27. August den Angriff zu wagen, der aber blutig abgeschlagen 
wurde. Am folgenden Tage wurde sogar der linke Flügel besiegt, der rechte 
aber von der Elbe und der Hauptstraße bei Pirna abgedrängt; dazu erfuhr 
man, daß Vandamme bereits auf dem Marsche sei, um auf dem rechten Elb- 
ufer das Gebirge und unter dem Schutze des Königsteins den Fluß zu über- 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 14
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        210 Zweiter Zeitraum. 
schreiten; deshalb trat die Armee am Nachmittage den Rückzug an. Aber 
nur eine Landstraße stand ihr offen; daher mußten die meisten Truppen auf 
Umwegen das Gebirge zu erreichen suchen, bald waren auch diese vollgepfropft 
und nirgends ein Durchkommen mehr. Glücklicherweise kehrte Napoleon, der 
den Feind für verloren hielt, nach Dresden zurück; Vandamme aber eilte 
weiter, um vor den Verbündeten im Teplitzer Thale anzukommen und ihnen 
den Rückzug abzuschneiden. Schon hatte er die Elbe überschritten und die 
Straße Pirna-Teplitz erreicht, da kamen ihm in dem Ausgange des Passes 
bei Kulm (29. August) 15000 Russen entgegen, die den Kampf anfangs gegen 
die mehr als doppelte Ubermacht nicht aufzunehmen wagten, aber von 
Friedrich Wilhelm ermutigt den ganzen Tag tapfer aushielten; erst gegen 
Abend bekamen sie Verstärkung durch österreichische Truppen. Der König 
von Preußen sandte dem General Kleist den Befehl, er solle quer über den 
Kamm des Gebirges die Teplitzer Straße zu erreichen suchen und den Fran- 
zosen in den Rücken fallen. Mit großer Kühnheit führte Kleist diesen 
Befehl aus. Vandamme wußte nichts von Napoleons Umkehr und griff am 
folgenden Morgen im Vertrauen auf die ihm nachrückenden Korps wieder 
an, wurde aber zurückgeworfen und war ganz überrascht, bei Nollendorf 
auf das Kleistsche Korps zu treffen. Nach verzweiflungsvollem Kampfe wurde 
er mit 9000 Mann gefangen genommen. Nur mit Mühe rettete man den 
Peiniger Norddeutschlands vor den Fäusten preußischer Soldaten. So war 
die Niederlage von Dresden wieder wettgemacht, der Mut auch der Haupt- 
armee wieder gehoben. Kleist aber erhielt später von seinem Könige den 
Ehrennamen von Nollendorf. 
Napoleon hatte die Absicht, selber gegen Berlin zu ziehen; als er aber 
Macdonalds Niederlage erfuhr, sandte er Ney, „den Tapfersten der Tapferen“, 
gegen die Hauptstadt ab und zog selber nach der Lausitz, um Blücher zur 
Schlacht herauszufordern. Ney brach von Wittenberg auf. In der Ebene 
von Jüterbog griff ihn Tauentzien mit seinen Preußen am 6. September 
an, gleichzeitig faßte ihn Bülow bei Dennewis in der linken Flanke, und 
beide vereint schlugen ohne Bernadottes Hilfe, ja gegen dessen Wunsch, den 
an Zahl überlegenen Feind zurück. Auch hier wetteiferte die Landwehr 
mit den Linientruppen, aber auch hier kämpften Deutsche gegen Deutsche. 
Besonders die Sachsen hatten sich tapfer geschlagen; zum Dank dafür bezichtigte 
sie Napoleon der Feigheit und erbitterte dadurch dies Volk gegen sich. Schon 
gleich nach der Schlacht ging ein sächsisches Bataillon zu den Preußen über. 
Nach diesen aufreibenden Kämpfen ruhten die Schwerter der Krieger 
einige Tage; desto eifriger arbeiteten die Federn der Diplomaten. Noch 
einmal versprachen die verbündeten Fürsten in Teplitz einander, sich mit 
Napoleon nicht in Verhandlungen einzulassen und die Waffen nicht eher 
niederzulegen, bis Preußen und Osterreich in dem Umfange von 1805 wieder 
hergestellt seien. Im Widerspruch damit benutzte Fürst Metternich die ihm 
erteilte Vollmacht dazu, mit dem Königreich Bayern (10. Oktober) den Vertrag 
zu Ried abzuschließen, durch den er dieser Napoleonischen Schöpfung ihren 
Besitzstand mit Enischluß der uralten hohenzollernschen Besitzungen Ansbach und 
Baireuth zusicherte, wofür Osterreich Salzburg und Tirol zurück erhielt. Na-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 211 
poleon verbrachte die Zeit mit nutzlosem Hin= und Herziehen: zweimal wandte 
er sich gegen die schlesische, einmal gegen die böhmische Armee; aber Blücher 
wich aus, und Schwarzenberg rührte sich nicht. Dazu trafen ihn neue Hiobs- 
posten. Eine Abteilung, welche Davoust zur Verstärkung der Magdeburger 
Besatzung abgeschickt hatte, wurde (16. September) in dem Gefecht bei der 
Göhrde, in welchem Eleonore Prochaska fiel, geschlagen, und am 1. Oktober 
wurde sein Bruder Hieronymus aus Kassel verjagt. Aber auf dem Haupt- 
kriegsschauplatze schien die Entscheidung sich verzögern zu wollen, bis endlich 
die kleinste der verbündeten Armeen die Kugel wieder ins Rollen brachte. 
Die Völkerschlacht bei Leipzig; 16., 18. und 19. Oktober 1813. 
Blücher hatte bisher vergeblich auf entschlossenes Handeln im Haupt- 
quartier gewartet; endlich rief er aus: „Die diplomatischen Narrenspossen und 
das Notenschreiben haben ein Ende. Ich werde den Takt ohne Noten schlagen.“ 
Er marschierte auf eigene Verantwortung rechts ab, zog die Schwarze Elster 
abwärts und überschritt am 3. Oktober bei Wartenburg die Elbe. Aber 
jenseits standen hinter hohen Dämmen und im Weidendickicht versteckt Fran- 
zosen, Italiener und Deutsche; wieder wurde erbittert gekämpft, doch die un- 
vergleichliche Tapferkeit und Zähigkeit des Yorkschen Korps errang hier den 
Sieg. Der höchste Preis gebührt dem Kolberger Leibregiment unter General 
Horn. Als es nach dem Siege an Vork vorübermarschierte, eutblößte er sein 
Haupt und stand unbedeckten Kopfes so lange, bis der letzte Mann vorüber 
war. Dieser Ehrentag trug ihm selber später den Namen NYNork von 
Wartenburg ein. Nun mußte auch der zögernde Bernadotte die Elbe über- 
schreiten, und die böhmische Armee brach gegen Leipzig auf. Napoleon sah 
sich dadurch in seinem Rücken bedroht; er ließ in Dresden eine starke Be- 
satzung zurück und eilte nordwestwärts gegen Düben, um die beiden vereinigten 
Armeen zu treffen. Aber Blücher stellte sich nicht. Die Rückzugslinie zum 
Rhein stand Napoleon noch offen; doch er war zu stolz und siegesbewußt, 
einen Rückzug anzutreten, und wandte sich in die weite Ebene von Leipzig. 
Seine Truppen standen in weitem Bogen südöstlich um Leipzig, ihr Mittel- 
punkt war Wachau; ihm gegenüber stand Schwarzenberg, während das VYorksche 
Korps vor dem vom Feinde besetzten Dorfe Möckern, n. w. von Leipzig, sich 
aufgestellt hatte; im Osten klaffte zwischen den beiden verbündeten Heeren eine 
große Lücke, die durch Bernadotte ausgefüllt werden sollte. Napoleon glaubte 
Blücher noch fern und hoffte die böhmische Armee vor dem Eintreffen der 
beiden Nordarmeen schlagen zu können. Dies schien um so leichter zu sein, 
als er dort eine geringe Ubermacht besaß. 
Schwarzenberg hatte am 16. Oktober ein österreichisches Korps seines 
linken Flügels in das sumpfige Buschland, zwischen Elster und Pleiße ge- 
worfen, um Napoleons rechtem Flügel in den Rücken zu gelangen; aber es 
vermochte in dem buschigen Gelände dem von dem Polenfürsten Poniatowski 
tapfer verteidigten Connewitz gegenüber nichts auszurichten, General Merveldt 
geriet sogar mit einem Teile seines Korps in Gefangenschaft. Im Centrum 
bei Wachau wurde mit äußerster Erbitterung gekämpft. Fast scheinen die 
Preußen und Russen der erdrückenden Ubermacht und dem Feuer der 300 
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        212 Zweiter Zeitraum. 
Kanonen zu erliegen, schon befiehlt Napoleon, in Leipzig seinen Sieg durch 
Glockenläuten verkünden zu lassen, und sendet unter Murat 9000 Reiter, die 
auch den letzten Widerstand über den Haufen werfen sollen; da treffen in 
der äußersten Not österreichische Reserven ein, der Reiterangriff erlahmt, und 
die Verbündeten besetzen die eben verlorenen Dörfer wieder. Daß Napoleon 
den erhofften Sieg nicht errungen, war Blüchers Verdienst, der das Marmontsche 
Korps bei Möckern festgehalten hatte. Auf dem Marsche nach Leipzig 
hatten Yorksche Truppen Marmont in Möckern angetroffen, das in eine kleine 
Festung umgeschaffen war. Bei Beginn des Kampfes redete Blücher seine 
Truppen an: „Na, Kinder, heute haut mal auf gut preußisch! Das sage ich 
euch: wer heute abend nicht tot oder vor Freuden duselig ist, der hat sich 
geschlagen wie ein infamer Hundsfott!“ VNork erhielt den Befehl zum Angriff 
beim Frühstück. Ernst erhob er sein Glas und sprach: „Den Anfang, Mitt' 
und Ende, Herr Gott, zum Besten wende!“ — Sechsmal erstürmten die 
Preußen das Dorf, und sechsmal verloren sie es wieder; da gegen Abend 
gelang es ihnen, den Kampfplatz zu behaupten. Wie einst bei Leuthen, 
erklang auch hier bei den Wachtfeuern durch die stille Nacht das „Nun 
danket alle Gott!“; aber fast die Hälfte des Korps war gefallen. Wäre 
Bernadotte rechtzeitig eingetroffen, so wäre wohl schon am 16. Leipzig ge- 
nommen und weiteres Blutvergießen verhütet worden. 
Am 17. Oktober, einem Sonntag, griff Napoleon nicht wieder an, sondern 
knüpfte durch den gefangenen General Merveldt, wenn auch vergebens, Unter- 
handlungen an und ließ dadurch den Verbündeten Zeit, alle ihre Truppen 
heranzuziehen, so daß sie ihm am 18. Oktober, dem entscheidenden Tage der 
Völkerschlacht bei Leipzig, bedeutend überlegen waren (mit 225000 gegen 
160000 Mann). Er hatte seine Truppen näher an Leipzig herangezogen, 
den Mittelpunkt seiner Stellung, Probstheida, verteidigte er selber mit seinen 
Garden. Er stand neben einer zerschossenen Tabaksmühle; ihm gegenüber 
hielten auf einem Hügel die drei verbündeten Monarchen. Die Verbündeten 
eröffneten den Angriff auf allen Seiten, am schärfsten wurde aber um Probst- 
heida gestritten, das Napoleon ebenfalls in eine kleine Festung umgeschaffen 
hatte. Sechsmal schlug er den Angriff ab, die Entscheidung mußte an anderer 
Stelle, im Norden, herbeigeführt werden. Bernadotte war noch immer nicht 
auf dem Schlachtfelde eingetroffen; von den Verbündeten endlich gedrängt, 
verlangte er von der kleinen schlesischen Armee noch 30000 Mann Ver- 
stärkung. Da gab Blücher in edler Selbstverleugnung das verlangte Korps 
hin und verzichtete damit auf den Ruhm eines neuen Sieges. Erst nach- 
mittags griff die Nordarmee mit in den Kampf ein, Bülow führte das 
Vordertreffen. Nun war der Ausgang nicht mehr zweifelhaft. Schon gingen 
Sachsen und Württemberger zu den Verbündeten über und wurden mit Freuden 
aufgenommen; nur den württembergischen General Normann, der jüngst bei 
Kitzen auf Napoleons Befehl die Lützower überfallen hatte, wies Gneisenau 
zurück. Als es zu dämmern begann, waren die Verbündeten im Osten und 
Norden bis nahe an die Thore Leipzigs vorgedrungen; da befahl Napoleon 
den Rückzug seines ganzen Heeres, und nun drängte sich alles nach der Stadt 
und durch die engen Gassen nach der einzigen noch freien Straße über Lindenau.
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 213 
Voll Dank gegen Gott, den Lenker der Schlachten, sanken die verbündeten 
Monarchen auf ihre Kniee. Die Nacht brach herein. Auf dem von zwölf 
  
  
  
  
  
  
  
  
       
    
   
Stelluns der Verblindeten am 18.Ociober der ranzoscn 
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Plan der Völkerschlacht bei Leipzig. 
brennenden Dörfern unheimlich beleuchteten Schlachtfelde lagen die vielen 
Tausende der Toten und Sterbenden, welche alle dem Ehrgeiz eines Einzigen 
geopfert waren. Heute war er gerichtet, das begriff auch der einfachste Mann:
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        214 Zweiter Zeitraum. 
über die weite Ebene stiegen in allen Zungen der Völker Europas Dank— 
gesänge zum Himmel empor. 
Schwarzenberg weigerte sich, den nach seiner Meinung immer noch zu 
fürchtenden Feind zu verfolgen; so konnte Napoleon ein Heer von 90000 
Mann — meistens Franzosen — ungehindert abführen, während seine Ver- 
bündeten, Italiener, Polen und Deutsche, zur Verteidigung Leipzigs zurück- 
blieben. Am Morgen des 19. begann der Angriff auf die Stadt, die noch 
hartnäckig verteidigt wurde. Aber immer weiter drangen Blücher im Norden, 
Bülow im Osten vor; gegen Mittag erstürmte Major Friccius mit der Königs- 
berger Landwehr das Grimmaische Thor. Noch war die Stadt von Feinden 
überfüllt; in den durch zahllose Wagen und Geschütze gesperrten Straßen 
drängten sich die Flüchtigen. Erst vor zwei Stunden (um elf Uhr) hatte 
man dem Kaiser mit Mühe einen Ausweg aus diesem Knäuel gebahnt. Durch 
die Geschosse der eindringenden Sieger stieg die Verwirrung aufs höchste; 
da wurde auch noch die Elsterbrücke zu früh in die Luft gesprengt. Ent- 
setzen packte die Zurückgebliebenen; einige kamen schwimmend hinüber, andere 
ertranken im Fluß, unter ihnen auch Poniatowski, der erst eben auf dem 
Schlachtfelde zum Marschall ernannt war; die übrigen, 30000 Mann, wurden 
gefangen genommen. Um ein Uhr zogen die verbündeten Monarchen in die 
croberte Stadt ein. Blücher wurde von seinem dankbaren Könige zum General- 
feldmarschall ernannt, der König von Sachsen als Gefangener nach Berlin 
geschickt. Große, schmerzliche Opfer hatte der Krieg gekostet. Von den Tau- 
senden der Verwundeten wurden wenige gerettet; denn wo waren die Hände 
für so viele?! Dennoch ging ein Siegesjubel durch Deutschland: Begeistert 
sang Arndt: 
Die Welschen hat Gott verweht wie den Sand; 
Viel Tausende decken den grünen Rasen 
Die übrig blieben, entflohn wie Hasen, Napoleon mit. 
Laß Witwen und Bräute die Toten klagen, 
Wir singen noch fröhlich in spätesten Tagen 
Die Leipziger Schlacht. 
Nach Paris. 
Fast ungehindert erreichte Napoleon den Rhein; nur bei Hanau trat 
ihm General Wrede mit Bayern, die bei Leipzig nicht mitgefochten hatten, 
und Osterreichern entgegen, gab ihm aber dadurch nur die Möglichkeit, mit 
einem Siege aus Deutschland zu scheiden. Der Rheinbund löste sich auf, 
die ehemals preußischen, hannoverschen, oldenburgischen Gebiete kehrten unter 
ihr früheres Herrscherhaus zurück; der wiederzurückgekehrte Hieronymus ver- 
ließ Kassel zum zweitenmal. In den befreiten norddeutschen Gebieten er- 
wachte jetzt eine ähnliche Begeisterung, wie zu Anfang des Jahres im Osten, 
der Süden aber blieb ruhig; ja mehrere Rheinbundfürsten stellten ihre Truppen 
nur gezwungen zum Kampfe gegen Frankreich, und dennoch gewährleistete 
ihnen Osterreich die volle Sonveränität und ihren uneingeschränkten Besitz! 
Napoleons Heer war jenseit des Rheins zusammengebrochen, Frankreich war 
wehrlos, aber die Verbündeten nutzten diesen Vorteil nicht aus. Bernadotte
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 215 
  
  
  
  
  
  
  
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Die Königsberger Landwehr unter Major F
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        216 Zweiter Zeitraum. 
hatte sich gleich nach der Leipziger Schlacht von ihnen getrennt und gegen 
den König von Dänemark gewandt, den er zwang, ihm Norwegen gegen 
Vorpommern und Rügen abzutreten. Bülow ward dadurch von einem ihm 
verhaßten Oberfeldherrn befreit und vertrieb in raschem Siegeslaufe die 
Franzosen aus Holland. Auf Osterreichs Betreiben trat in Frankfurt sogar 
ein Friedenskongreß zusammen, der das ganze linke Rheinufer preisgeben 
wollte. Wütend schalt Blücher auf die „Federfuchser" und „Schufte“, die 
den Galgen verdient hätten. Arndt zeigte auf Steins Veranlassung in einer 
besonderen Schrift, daß „der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands 
Grenze“ sei. Zum Glück war Napoleon auch jetzt noch von Hochmut ge- 
blendet, so daß die Verbündeten hauptsächlich auf Steins und Blüchers Be- 
treiben beschlossen, den Krieg fortzusetzen. Gneisenau riet, geradeswegs auf 
Paris loszugehen. Wie Blücher dachte, erzählt der Dichter A. Kopisch: 
Die Heere blieben am Rheine stehn. 
Soll man hinein nach Frankreich gehn? 
Man dachte hin und wieder nach, 
Allein der alte Blücher sprach: 
„Generalkarte herk 
Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer. 
Wo steht der Feind?“ — „Der Feind dahier!“ 
„Den Finger drauf, den schlagen wir! 
Wo liegt Paris?" — „Paris dahier!“ 
„Den Finger drauf, das nehmen wirl! 
Nnun schlagt die Brücken übern Rhein! 
Ich denke, der Champagnerwein 
Wird, wo er wächst, am besten sein!“ 
In der Neujahrsnacht von 1813 auf 1814 setzte er bei Kaub über 
den Rhein, ging über den Hunsrück die Mosel hinauf und wandte sich dann 
westwärts. Endlich langte auch die Hauptarmee, die durch das Elsaß ge- 
zogen war, dort an und vereinigte sich mit der Blücherschen. Aber zu einem 
kräftigen Vorstoß kam es noch nicht. Wahre Begeisterung für den Be- 
freiungskampf lebte nur im preußischen Heere, Metternich hielt es sogar für 
bedenklich, den Kampf weiter fortzusetzen: sollte man für Preußen das linke 
Rheinufer erkämpfen? Das Feilschen um Mein und Dein hatte schon seit 
dem Tage von Leipzig begonnen und drohte mehr als einmal, die ganze 
Koalition zu sprengen. Kaiser Franz verlangte nach Frieden, Alexander und 
Friedrich Wilhelm aber wollten den Krieg nötigenfalls auf eigene Hand fort- 
setzen; endlich einigte man sich dahin, daß der Krieg seinen Fortgang nehmen, 
gleichzeitig aber Verhandlungen über den Frieden geführt werden sollten. 
Blücher schrieb: „Der Tiran hat alle Hauptstädte besucht, geplündert und 
bestohlen; wihr wollen uns sowas nicht schuldig machen, aber unsere Ehre 
fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem neste zu besuchen.“ 
Napoleon hatte die ihm durch die Unentschlossenheit der Verbündeten 
gegönnte Frist zur Ausrüstung eines neuen Heeres benutzt; aber seine Truppen 
waren denen der Verbündeten weder an Zahl noch an Ubung gewachsen. Er 
warf sich zunächst (29. Jan.) bei Brienne auf Blücher, aber der Kampf 
blieb unentschieden. Auf Alexanders Bitten trat dann Schwarzenberg ein
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 217 
  
  
   
   
      
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Der Marschall Vorwärts überschreitet den Rhein am 1. Januar 1814. 
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        218 Zweiter Zeitraum. 
Drittel seines Heeres an Blücher ab, und dieser schlug (1. Febr.) Napoleon 
bei La Rothiere vollständig aufs Haupt. Wieder stand den Verbündeten 
der Weg nach Paris offen, aber wieder begann das Zaudern und Bedenken; 
doch erhielt Blücher die Erlaubnis, die Marne abwärts gegen Paris vorzu- 
brechen, während das Hauptheer stehen blieb. Blücher ließ sein Heer in vier 
voneinander getrennten Korps vorrücken; seine linke Flanke war nicht gedeckt, 
weil Schwarzenberg sein Versprechen, dort durch das Wittgensteinsche Korps die 
Verbindung zwischen beiden Heeren aufrecht zu erhalten, nicht erfüllte. Rasch 
warf sich deshalb Napoleon dem Blücherschen Heere in die Flanke und brachte 
jedem der vier Korps nacheinander empfindliche Verluste bei. Dann stürmte er 
gegen die Hauptarmee und erfocht abermals einen Sieg, so daß Schwarzenberg 
nach Troyes zurückwich und auch Blücher bewog, dort zu ihm zu stoßen; 
ja der Oberfeldherr wollte sogar bis zum Rhein zurückgehen. Eifriger denn 
je bemühten sich jetzt die österreichischen Diplomaten auf dem Friedenskongreßt 
zu Chatillon a. d. Seine um den Abschluß eines Waffenstillstandes; aber zum 
Glück war Napoleons Hochmut durch die jüngsten Erfolge nur noch gesteigert, 
so daß die Verhandlungen ohne Erfolg blieben. Blücher bat um die Erlaubnis, 
sein Heer wieder von dem Hauptheer trennen, das Korps unter Bülow und 
ein russisches Korps, die beide aus Belgien heranrückten, an sich ziehen und 
geradeswegs auf Paris marschieren zu dürfen. Der Zar und König Friedrich 
Wilhelm setzten im Hauptquartier die Gewährung dieser Bitte durch, und 
damit war die Entscheidung des Krieges zunächst in Blüchers Hand gelegt. 
Napoleon war überrascht, als er hörte, Blüchers Heer, das er vernichtet 
geglaubt hatte, ziehe nach Paris, und eilte ihm sofort nach. Das von ihm 
zurückgelassene Korps Oudinots wurde von Schwarzenberg bei Bar a. d. Aube 
(27. Febr.) leicht zurückgeworfen, wobei der junge Prinz Wilhelm von 
Preußen sich das Eiserne Kreuz erwarb. Blücher ging indes die Marne 
hinab und vereinigte sich (4. März) bei Soissons mit Bülow, der nicht wenig 
erstaunte über die schwachen Bataillone Vorks, über diese abgemagerten, ver- 
wahrlosten Truppen, während seine Leute in den wohlhabenden Gegenden 
Hollands und Belgiens wohlgenährt und gut gekleidet waren. Nach langer 
Trennung schüttelten die Sieger von Dennewitz und von der Katzbach ein- 
ander wieder die Hand, alle begierig, sobald als möglich gegen den Feind 
geführt zu werden. Ihr Wunsch sollte sich bald erfüllen. Schon am 9. März 
griff Napoleon den Stützpunkt des Blücherschen Heeres, die Felsenfestung Laon, 
an. Der Tag blieb ohne Entscheidung; am Abend aber warfen sich York 
und Kleist auf den Feind und zersprengten ein ganzes französisches Korps. 
Darauf wandte sich Napoleon wieder gegen die Hauptarmee, erlitt aber bei 
Arcis a. d. Aube eine neue Niederlage; nur das Unterlassen der Verfolgung 
rettete ihn. Trotzdem stellte er bei den Friedensunterhandlungen die hoch- 
mütigsten Forderungen, so daß auch sein Schwiegervater ihn aufgab. Schwarzen= 
berg und Blücher brachen nun gemeinsam gegen Paris auf. Da machte 
Napoleon noch einen verzweifelten Versuch: er umging den rechten Flügel 
der Verbündeten, um ihnen in den Rücken zu gelangen; dadurch hoffte 
er sie von Paris abzuziehen. Aber die verbündeten Armeen ließen sich da- 
durch in ihrem Vormarsch nicht irre machen. Ohne großen Widerstand ge-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 219 
langten sie vor Paris; dort gab's noch einen kurzen, aber erbitterten Kampf, 
bei dem auch der erkrankte Blücher nicht fehlen wollte, obschon er seine Augen 
durch einen Damenhut mit Schleier schützen mußte. Die Stadt ergab sich 
am 31. März 1814. Große Freude herrschte darüber in den Reihen der 
Krieger. Eines Morgens traf York ein litauisches Dragonerregiment, das 
unter schmetterndem Trompetenschall den Montmartre hinaufritt. Auf die 
Frage, was dies zu bedenten habe, antwortete der Oberst: „Das habe ich 
meinen Leuten schon in Tilsit versprochen, daß sie Paris sehen sollten!“ Was 
die Kühnsten gehofft hatten, war erfüllt; auch der einfachste Soldat sah den 
Fall dieser Stadt, von der in letzter Zeit so viel Unheil ausgegangen war, 
als eine notwendige Sühne an. Napoleons Gemahlin hatte mit ihrem Sohne 
Paris bereits verlassen; ihr Vater war mit Metternich in Burgund zurück- 
geblieben, um nicht der Entthronung seines Schwiegersohnes beiwohnen 
zu müssen. An der Spitze des siegreichen Heeres hielten der Zar, König 
Friedrich Wilhelm und Schwarzenberg am 31. März 1814 ihren Einzug 
in die gedemütigte Stadt, die sofort von Napoleon abfiel und den Verbündeten 
als ihren Befreiern zujubelte. 
Auf die Nachricht von dem Fall der Hauptstadt eilte Napoleon nach 
Fontainebleau und erklärte sich bereit, zu Gunsten seines Sohnes dem Throne 
zu entsagen; aber die Verbündeten lehnten es ab, mit ihm noch weiter zu 
verhandeln, und zwangen ihn, seine unbedingte Entsagung zu unterzeichnen. 
Großmütig ließen sie ihm den Kaisertitel und wiesen ihm die Insel Elba 
als Aufenthaltsort an. Mit Zustimmung der verbündeten Fürsten bestieg 
jetzt der Bruder des enthaupteten Königs als Ludwig XVIII. den fran- 
zösischen Thron, und mit ihm schlossen die Verbündeten am 30. Mai den 
ersten Pariser Frieden. Frankreich erhielt die Grenzen von 1792, durfte 
also noch kleine Gebiete von Belgien und von Deutschland (Saarbrücken, 
Saarlouis und Landau) behalten, zahlte keine Kriegskosten und brauchte nicht 
einmal die vielen geraubten Kunstschätze wieder herauszugeben; nur die Preußen 
nahmen ihre Viktoria wieder mit. Diese milde Behandlung verdankten die 
Franzosen dem Kaiser Alexander, der sich darin gefiel, ihnen gegenüber den 
Großmütigen zu spielen. Die preußischen Generale und Staatsmänner konnten 
diesen Frieden unmöglich als das Ende eines Krieges ansehen, der so blutige 
Opfer gefordert hatte, und Blücher sagte offen: „Wir dürfen nur Rasttag 
halten!“ — Die von den Franzosen besetzten deutschen Festungen hatten sich 
zum Teil bis zum Frühjahr behauptet. 
Bei seinem Aufbruch von Paris dankte Friedrich Wilhelm seinen braven 
Truppen für bewiesene Tapferkeit. Er ernannte Blücher zum Fürsten von 
Wahlstatt, YDork, Bülow, Kleist und Tauentzien zu Grafen von Wartenburg, 
Dennewitz, Nollendorf und Wittenberg und befahl, daß die Kriegsdenkmünzen 
aus dem Metall der eroberten Kanonen geprägt, die Namen der Gefallenen 
einer jeden Kirchengemeinde auf eine Tafel geschrieben und diese in den 
Gotteshäusern aufgehängt werden sollten. Während die Truppen den Weg 
in die Heimat zurücklegten, begaben sich die Fürsten mit den Prinzen und 
Feldherren zum Besuche nach London, wo ihnen, besonders Blücher, groß- 
artige Huldigungen entgegengebracht wurden.
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220 Zweiter Zeitraum. 
  
  
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 221 
Die deutschen Truppen kehrten zu ihrer friedlichen Beschäftigung zurück. Recht 
wie aus der Seele gesprochen war ihnen Schenkendorfs „Frühlingsgruß an das 
Vaterland", in welchem es heißt: „Vaterland, in tausend Jahren kam dir solch ein 
Frühling kaum!“ In England war der alte Blücher der Held des Tages. Das Volk 
spannte ihm die Pferde aus und zog selber seinen Wagen; Reiche und Vornehme 
bestachen seine Dienerschaft, um ihm als Diener aufwarten zu dürfen. Als die Uni- 
versität Oxford ihm die Doktorwürde verlieh, meinte er: „Wenn ihr mich zum Doktor 
macht, müßt ihr Gneisenau mindestens zu meinem Apotheker machen, denn er hat mir 
die Pillen gedreht.“ Auch in Deutschland wurde der Held auf den Händen getragen; 
fast in jeder Stadt, wo er sich sehen ließ, mußte er zum Volke reden. Groß war 
überall der Jubel beim Einzuge der Truppen. In Berlin ließ sich das Volk nicht 
halten. „Die Bataillone brachen auseinander, die Frauen stürzten den Gatten in 
die Arme, die Jungen trugen den Vätern die Flinten, und so wogte der lange Zug 
dahin, die Wehrmänner ganz mit Kränzen überdeckt, Soldaten und Bürger, Männer 
und Frauen in krausem Durcheinander — recht eigentlich ein Volk in Waffen.“ 
(H. v. Treitschke.) An demselben Tage (7. August) wurde auch die Viktoria auf dem 
Brandenburger Thore wieder enthüllt: sie trug auf ihrem Stabe das Eiserne Kreuz. 
Überall feierte man Friedensfeste; die meisten ahnten nicht, daß um den Frieden 
abermals viel Blut vergossen werden mußte. « 
8.DerBefreittngxkliriegvon1815. 
Im Herbst 1814 reisten die Fürsten mit ihren Staatsmännern und 
Feldherren nach Wien, um auf dem Wiener Kongreß die Staatsverhältnisse 
Europas neu zu ordnen. Preußen war durch den Staatskanzler von Harden— 
berg und Wilhelm von Humboldt vertreten; auch Stein war zugegen. Hier 
trat die Uneinigkeit und Eifersucht, die schon die Unternehmungen des Feld— 
zuges so oft gelähmt hatten, noch nackter zu Tage, als es sich um den neuen 
Besitzstand der einzelnen Staaten handelte. Napoleon beobachtete gespannt 
die zunehmende Entzweiung seiner bisherigen Gegner; noch mehr wuchs seine 
Hoffnung auf eine baldige Wendung seines Schicksals, als er vernahm, daß 
Ludwig XVIII. sich in kurzer Zeit bei den Franzosen sehr unbeliebt gemacht 
habe, und daß die aus den deutschen Festungen oder aus der Gefangenschaft 
zurückgekehrten alten Krieger offen ihren gestürzten Kaiser zurückwünschten. 
Deshalb verließ er plötzlich Elba und landete, von den englischen und fran- 
zösischen Krenzern nicht bemerkt, am 1. März 1815 an der französischen 
Küste. Durch unwahre Versprechungen suchte er das Volk zu gewinnen, und 
das Heer fiel ihm auch sofort zu; Marschall Ney, den der König gegen ihn 
gesandt hatte, ging mit seinem Heere zu ihm über. Ludwig floh, und Napoleon 
zog wieder in Paris ein. Aber umsonst beteuerte er, seine Absicht sei nicht, 
zu erobern, er wolle vielmehr Frankreich in Frieden regieren: niemand glaubte 
ihm, schleunigst rüsteten sich die Truppen zu neuem Kampfe. Jubelnd rief 
Blücher: „Das ist das größte Glück für uns, nun kann die Armee wieder 
gut machen, was die Diplomaten verdorben haben.“ Aufs neue ging ein 
Sturm der Begeisterung durchs Land; von allen Seiten strömten die Frei- 
willigen zu ihren Fahnen. Blücher übernahm wieder die Führung des 
preußischen Heeres. „Hei, wie der weiße Jüngling in den Sattel sich schwang!“ 
Zuerst erschienen die Engländer auf dem Kampfplatze; sie ließen von 
Antwerpen aus ein Heer unter Wellington gegen die französische Grenze 
marschieren. Auch Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (S. 188)
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        222 Zweiter Zeitraum. 
hatte sich ihm mit 6000 Mann angeschlossen. Die Preußen vereinigten sich, 
150000 Mann stark, an der Maas und Sambre; aber es waren meist junge 
Truppen, die in dem nicht freundlich gesinnten Lande recht schlecht verpflegt 
wurden. Die größeren Heere der Verbündeten waren noch zurück. Doch der 
alte Blücher hatte guten Mut. Aus Lüttich schrieb er: „Die Franzosen habe 
ich vor mich, die Russen hinter mich, bald wird es knallen.“ Napoleon hatte 
rasch aus altgedienten Soldaten ein Heer von 130000 Mann gesammelt, das 
beste, das er je ins Feld geführt hat; dennoch konnte er nur einen Sieg er- 
ringen, wenn es ihm gelang, die Heere einzeln, vor ihrer Vereinigung zu 
schlagen. Deshalb rückte er mit seinen Truppen so rasch wie möglich vor; 
seine Garde ließ er auf Wagen von Paris bis an die Grenze bringen. 
Wellingtons Heer lagerte um Brüssel; seine Vorposten standen in 
Quatrebras, wo sich die beiden Straßen nach Brüssel und nach Namur 
schneiden. Südlich von ihm in Charleroi stand Blücher, doch war Bülow 
noch bei Lüttich und Namur zurück. Schon am 14. Juni erkannten die 
preußischen Vorposten an dem Scheine der Wachtfeuer die Nähe der fran- 
zösischen Armee und benachrichtigten darüber Wellington, der aber die Richtig- 
keit der Nachricht bezweifelte. Doch am 15. griff Napoleon die Preußen an, 
die zurückwichen und auch Charleroi nach heftigem Kampfe räumten. Dann 
teilte er sein Heer; mit 75000 Mann zog er gegen Blücher, der sich bei 
Ligny in Schlachtordnung stellte, die anderen Truppen unter Ney erhielten 
Befehl, auf der Brüsseler Straße abzumarschieren und Blücher in die rechte 
Flanke zu fallen. Aber bei Quatrebras stießen sie am 16. Juni unver- 
mutet auf englische, schottische und hannoversche Regimenter, die erst nach und 
nach auf dem Kampfplatze eintrafen, aber hartnäckig widerstanden und den 
Durchbruch Neys verhinderten. Hier fand auch der tapfere Herzog Friedrich 
Wilhelm von Braunschweig einen ehrenvollen Soldatentod. Blücher 
hatte die Schlacht bei Ligny trotz der ungünstigen Stellung nur ange- 
nommen, weil Wellington ihm noch mittags bei einer persönlichen Zusammen- 
kunft versprochen hatte, spätestens um vier Uhr in das Gefecht mit einzu- 
greifen. Mit großer Erbitterung auf beiden Seiten wurde bei drückender 
Hitze den ganzen Nachmittag um La Haye und Ligny gestritten. Nur zwei 
preußische Korps hatten die ganze Wucht des französischen Angriffs auszu- 
halten, das dritte wurde durch einen Scheinangriff Napoleons in Schach ge- 
halten; dennoch war Ligny um acht Uhr noch von Preußen besetzt, und 
Wellingtons Eintreffen hätte sofort den Sieg herbeigeführt. Aber er kam 
nicht, weil er selber im Kampfe war. Gegen Sonnenuntergang führte 
Napoleon seine wohlgeschonte Reserve, die alte Garde, ins Gefecht und durch- 
brach damit das preußische Centrum. Vergebens stellte sich Blücher selber 
mit gezogenem Säbel an die Spitze seiner ihm zujubelnden Reiter; aller 
Widerstand war nutzlos. Das Pferd ward dem alten Helden unter dem 
Leibe getötet und bedeckte ihn im Fallen. „Nostiz,“ rief er seinem Adjutanten 
zu, „nun bin ich verloren!“ Dieser stellte sich mit gezogener Pistole neben 
seinen Herrn. Die Franzosen sprengten vorüber, ohne ihn zu beachten, preu- 
hische Landwehrreiter hinter ihnen her. Da gelang es Nostiz, einige herbei- 
zuwinken, die den greisen Helden befreiten und wieder aufs Pferd setzten.
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 223 
Es war die höchste Zeit, denn schon stürmten die Franzosen wieder daher. 
Der Sieg und 12000 Mann waren verloren, aber von Entmutigung war 
im Heere keine Spur; Feldherren und Soldaten sehnten sich nach einer neuen 
Schlacht, um die Scharte wieder auszuwetzen. Deshalb verzichtete Gneisenau, 
auf dessen Schultern allein jetzt die Führung des Heeres lag, auf den sicheren 
Rückzugsweg zum Rheine; schon beim Morgengrauen waren die Regimenter 
wieder in guter Ordnung auf dem Marsche nach dem Norden, nach Wavre, 
um sich mit dem noch frischen Bülowschen Korps und dem verbündeten Heere 
zu vereinigen. Erst um Mitternacht fanden die Generalstabsoffiziere den alten 
Blücher: er lag in einem Bauernhause auf der Streu und rauchte seine 
pre Zwar schmerzten ihn alle Glieder, aber sein Mut war nicht ge— 
rochen. 
Napoleon hielt das preußische Heer für vernichtet und ließ es deshalb 
nur lässig, aber auf der Straße nach Namur, verfolgen, ohne zu ahnen, daß 
es sich nach dem Norden gewandt hatte. Er selber ging (am 17.) nach 
Quatrebras zurück, zog das Korps Neys an sich und folgte auf der Brüsseler 
Straße den Engländern, die bei der Nachricht von Napoleons Erfolge bei 
Ligny etwas zurückgegangen waren. Am Abend standen die beiden Heere 
nahe dem Pachthofe Belle-Alliance in Schlachtordnung einander gegen- 
über: das englische auf einem von Westen nach Osten streichenden niederen 
Höhenzuge, der etwa in der Mitte bei dem Dorfe Mont St. Jean von der 
Brüsseler Landstraße durchschnitten wird, eine halbe Stunde südlich davon, 
auf den Höhen bei Belle-Alliance, das französische; die zwischen ihnen liegende 
Mulde bildete das Schlachtfeld. Das englische Heer zählte 68000 Mann, 
darunter nur 24000 Engländer, aber über 30000 Deutsche; Napoleon gebot 
über 72000 Mann. Wellington hatte, bevor er sich Napoleon stellte, bei 
Blücher angefragt, ob er ihm ein Korps zu Hilfe senden könne, worauf dieser 
ihm geantwortet, er hoffe mit seinem ganzen Heere rechtzeitig zur Stelle 
zu sein. · 
Blücher hatte Bülows Korps an sich gezogen und beschloß, seine Truppen gleich 
am 18., also am zweiten Tag nach ihrer Niederlage, wieder in den Kampf zu führen — 
das einzige Beispiel in der Kriegsgeschichte. Schon am frühen Morgen brach er 
auf. Ihn quälten noch die heftigsten Schmerzen; aber er wollte lieber auf dem Pferde 
sich festbinden lassen, als zur Schlacht zu spät kommen. Die von dem Arzte ange- 
ordnete Einreibung der wunden Stellen wies er mit den Worten ab: „Ob ich heute 
balsamiert oder unbalsamiert in die andere Welt gehe, wird wohl auf eins hinaus- 
kommen.“ In der Nacht hatte es fortwährend geregnet, daher waren die Wege in 
dem schweren thonigen Boden schlammig und schlüpfrig. Als es wieder zu regnen 
begann, sprach der alte Blücher: „Das ist unser Alliierter von der Katzbach!“ Müh- 
sam schleppten die Truppen sich weiter, noch schwerer waren die Kanonen fortzu- 
bringen; aber wo der Marschall Vorwärts sich sehen ließ, da jubelten ihm seine Leute 
zu. „Kinder,“ rief er, „ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen, daß wir 
kommen; ihr werdet mich doch nicht wortbrüchig werden lassen!“ Und so ging's unauf- 
haltsam vorwärts. Wellington hatte nur gebeten, die Preußen möchten seinen linken 
Flügel verstärken; Gneisenau aber entwarf einen kühneren Plan: er wollte die Fran- 
zosen im Rücken und in der rechten Flanke fassen, um durch eine Schlacht den Feld- 
zug zu beenden. Napoleon war seinem Gegner besonders durch die Zahl der Ge- 
schütze überlegen; um so sicherer rechnete er auf einen raschen Sieg und begann den 
Angriff erst gegen Mittag, nachdem die Sonne den Boden etwas abgetrocknet hatte. 
Durch gewaltige, auf einen Punkt gerichtete Massen suchte er immer wieder die
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        224 Zweiter Zeitraum. 
Reihen Wellingtons zu durchbrechen, besonders dessen schwachen linken Flügel, der 
noch durch die sehnlichst erwarteten Preußen verstärkt werden sollte. Schon um ein 
Uhr erfuhr er durch einen aufgefangenen Brief, daß diese heranzögen; nicht lange, 
da sah man auch schon die Spitzen derselben, und er mußte seine rechte Flanke gegen 
sie decken. Noch einmal versuchte er, das englische Centrum zu durchbrechen, bevor 
die Preußen in den Kampf mit eingreifen könnten, allein vergebens! Aber die eng- 
lische Reserve war bis auf den letzten Mann verbraucht. Besorgt sprach Wellington: 
„Blücher, oder die Nacht!“ und sandte Boten auf Boten mit der dringenden Bitte 
um Hilfe an den treuen Waffengefährten. Um halb fünf Uhr hatten die Preußen 
den Kampf auf der rechten Seite und im Rücken der Franzosen eröffnet, Wellington 
konnte also von seinem linken Flügel Verstärkungen ins Centrum ziehen. Um sieben 
Uhr erstürmte Bülow Plancenoit, auf der ganzen Linie rückten die Preußen vor; 
bald war das französische Heer von drei Seiten fest umschlossen und löste sich auf. Kein 
Befehl fand mehr Gehör, in wirrem Durcheinander flohen Fußvolk und Reiter davon. 
Das englische Heer war zum Verfolgen zu müde; Gneisenau aber sprach: „Wir 
haben gezeigt, wie man siegt, nun wollen wir auch zeigen, wie man verfolgt!““ Mit 
den sofort verfügbaren Truppen eilte er den Flüchtigen nach; wo sie sich setzen wollten, 
wurden sie wieder aufgescheucht. Als die Jußsoldaten nicht mehr weiter konnten, 
setzte er einen Trommler aufs Pferd und ließ ihn fortwährend trommeln: wie viele 
französische Scharen sind vor dieser einzigen preußischen Trommel auseinander ge- 
laufen! So ging die Jagd bis zum Morgengrauen. Napoleon war zu Pferde davon 
geeilt, sein Wachn nebst Hut, Degen und vielen Schäten fiel den Preußen in die 
Hände. Die Sitzkasten waren ganz mit Gold, Silber und Diamanten gefüllt. — 
Blücher nannte die Schlacht nach dem Gute, wo er mit Wellington am Abend zu- 
sammengekommen war, Belle-Alliance; Wellington erkannte diesen Namen nicht 
an: die Schlacht sollte als sein Sieg erscheinen, daher nannte er sie nach seinem 
letzten Hauptquartier Waterloo, obgleich dort gar nicht gekämpft worden war. 
Blücher dankte seinem tapferen, unübertrefflichen Heere im einem Armeebefehl, 
in welchem es heißt: „Solange es Geschichte giebt, wird sie Euer gedenken. Auf 
Euch, Ihr unerschütterlichen Säulen der preußischen Monarchie, ruht mit Sicherheit 
das Glück des Königs und seines Hauses. Nie wird Preußen untergehn, wenn 
Eure Söhne und Enkel Euch gleichen!“ 
Schon elf Tage nach der Schlacht bei Belle-Alliance standen Preußen 
und Engländer zum zweitenmal vor Paris. Napoleon konnte kein Heer mehr 
zusammenbringen; er wurde vom Senate für abgesetzt erklärt und bot ver- 
gebens der neu eingesetzten Regierung seine Dienste als einfacher General an. 
Vor den anrückenden Preußen, die den Engländern weit voraus waren, floh 
er auf ein englisches Kriegsschiff in Rochefort. Nach kurzem Widerstande 
kapitulierte Paris. Blücher rückte ein und führte ein scharfes Regiment. Er 
verlangte zweimonatigen Sold für seine Truppen und sofort eine Kriegsstener 
von zwei Millionen Frank, ließ auch die aus Preußen geraubten Kunstwerke 
aufspüren und zurücknehmen. Die „Brücke von Jena“ wollte er in die Luft 
sprengen lassen. Als Talleyrand ihm vorstellte, er könne doch solches Kunst- 
werk nicht zerstören wollen, erwiderte der alte Haudegen: wenn er es nicht 
glauben wolle, möge er sich hinaufstellen, dann würden zwei Kunstwerke zu- 
gleich in die Luft fliegen. Aber an der Ausführung hinderten ihn die ver- 
bündeten Monarchen, welche drei Tage nach ihm einzogen. Schon vor ihnen 
war Ludwig XVIII. unter Wellingtons Schutze, aber gegen Blüchers Wunsch 
zurückgekehrt; mit ihm schlossen die Verbündeten am 20. November 1815 den 
zweiten Pariser Frieden. Blücher hatte seinen König gebeten, „die 
Diplomatiker anzuweisen, daß sie nicht wieder verlieren, was der Soldat mit 
seinem Blute errungen hat“. Deutsche Fürsten, Staatsmänner und Feld-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 225 
herren forderten einmütig die Rückgabe Elsaß-Lothringens; aber England und 
Rußland überboten einander an Großmut gegen Frankreich und wünschten 
nicht eine Erstarkung Deutschlands. Ihnen stimmte dann auch Osterreich zu, 
das Preußens Wachstum fürchtete. Schließlich brauchte Frankreich nur Sa- 
voyen und Nizza an Sardinien, Landau an Bayern, Saarlouis und Saar- 
brücken an Preußen sowie einen Landstrich an der belgischen Grenze abzu- 
treten. Die ihm auferlegten 700 Millionen Frank Kriegskosten betrugen viel- 
leicht ein Fünfzehntel von dem, was die Franzosen in den Jahren 1806 bis 
1812 allein in Preußen erhoben hatten. — Napoleon wurde als Gefangener 
der Verbündeten nach St. Helena gebracht, wo er als „General Bonaparte“ 
unter scharfer Bewachung lebte (F 5. Mai 1821). 
Der Wiener Kongreß hatte seine Arbeiten schon wenige Tage vor der 
Schlacht bei Belle-Alliance geschlossen; die Bestimmungen desselben wurden 
grundlegend für den europäischen Rechtszustand während der nächsten fünfzig 
Jahre., OÖsterreich erhielt Tirol und Salzburg zurück, verlor aber seine 
niederländischen Provinzen sowie seine alten Besitzungen am Oberrhein (Breis- 
gau) und am Bodensee, die schon Napoleon an Baden und Württemberg ge- 
geben hatte. Dafür erhielt es Dalmatien, sowie Lombardei-Venedig und er- 
langte dadurch in Italien eine vorherrschende Stellung. Bayern bekam für 
das abgetretene Tirol die Rheinpfalz, Hannover ward infolge der mächtigen 
Fürsprache Englands zum Königreich erhoben und erwarb Ostfriesland, Hildes- 
heim, Goslar, Lingen, Meppen und die Grafschaft Bentheim. 
Preußen, das für den Krieg die größten Opfer gebracht und zu dessen 
günstiger Entscheidung am meisten beigetragen hatte, erhielt keine entsprechende 
Entschädigung. Man wollte ihm zwar den Umfang von 1805 wiedergeben; 
da nun aber Rußland die polnischen Besitzungen nicht wieder ausliefern 
wollte, so sollte Preußen durch Sachsen entschädigt werden. Aber Osterreich 
und England wünschten nicht eine Vergrößerung Rußlands, jenes auch nicht 
eine Abrundung Preußens, aber die Erhaltung Sachsens, und es kam über 
diese Frage zu ernster Verwickelung. Der französische Gesandte Talleyrand, 
dem man leider den Zutritt gestattet hatte, schürte den Streit, so daß es fast 
zu einem neuen Kriege zwischen Österreich, England und Frankreich einer- 
seits und Rußland und Preußen andererseits gekommen wäre. Endlich einigte 
man sich noch vor Napoleons Rückkehr dahin, daß Polen und Sachsen ge- 
teilt wurden. Preußen verlor Ostfriesland, Hildesheim, Goslar 
und Lingen an Hannover; Ansbach und Baireuth an Bayern; den größten 
Teil der polnischen Besitzungen an Rußland, nur Danzig, Thorn und 
die heutige Provinz Posen erhielt es zurück. Dazu erwarb es neu: 
1. Das Herzogtum Westfalen, das bisher zu Köln gehörte, mit der 
Grafschaft Arusberg. 
2. Am Rhein: Jülich und Berg, dazu das Siegener Land, daun 
die Länder der geistlichen Kurfürstentüimer Köln und Trier und die 
freien Reichsstädte Köln und Aachen. 
3. Die größere, aber dünner bevölkerte nördliche Hälfte des Königreichs 
Sachsen; die kleinere Hälfte mit Dresden und Leipzig blieb als König- 
reich bestehen. 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 15
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        226 Zweiter Zeitraum. 
4. Für Hannover hatte Preußen Lauenburg erhalten; dies Land gab es 
an Dänemark und erhielt dafür Vorpommern mit der Insel Rügen 
(S. 216). So gelangte es endlich nach Jahrhunderten in den Besitz 
von ganz Pommern (S. 52 u. 103). 
Preußen zerfiel jetzt in zwei große, durch Hannover und Hessen von- 
einander getrennte Ländermassen; seine Grenzen, die es gegen Osterreich, Ruß- 
land und Frankreich zu verteidigen hatte, reichten von Memel bis Saar- 
brücken; mit Ostfriesland hatte es auch den unmittelbaren Zutritt zur Nord- 
see verloren, und sein Gebiet war nicht mehr so groß wie 1805; aber es 
hatte nach Abtretung der slavischen Gebiete vor Osterreich den Vorteil einer 
fast ganz deutschen Bevölkerung, es stand als Wächter Deutschlands am Rhein 
wie an der Weichsel. 
Das deutsche Volk wünschte die Herstellung einer Reichsverfassung, welche 
Einigkeit und Freiheit im Innern sowie starken Schutz nach außen hätte ge- 
währen können. Aber der Wiederherstellung des Kaisertums unter dem Hause 
Osterreich widersprach Friedrich Wilhelm ganz entschieden, Osterreich und die 
Mittelstaaten wollten sich dagegen nicht unter einen Hohenzollernkaiser beugen. 
Deshalb nahm man schließlich Metternichs Vorschlag an, obwohl dessen Unzu- 
länglichkeit schon damals jeder Einsichtige erkannte. Deutschlands 35 Fürsten 
und 4 freien Reichsstädte (Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt a. M.) 
bildeten als unabhängige, gleichberechtigte Souveräne einen völkerrechtlichen 
Staatenbund unter Osterreichs Führung. Dieser Deutsche Bund hatte zum 
Zweck die „Bewahrung der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der im Bunde 
befindlichen Staaten und Erhaltung der inneren und äußeren Sicherheit 
Deutschlands“. Selbständige Kriegsführung und Bündnisse gegen die Inter- 
essen des Bundes waren den Mitgliedern desselben untersagt. In allen 
Bundesstaaten sollte Freizügigkeit und Gleichberechtigung der Bekenntnisse 
herrschen sowie eine ständische Verfassung eingeführt werden. Das Organ 
des Bundes war der Bundestag zu Frankfurt a. M., d. h. eine ständige 
Versammlung der Gesandten aller Bundesstaaten. Eine oberste Kriegsleitung, 
gemeinsame Vertretung im Auslande, ein Reichsgericht, gleiches Recht, einheit- 
liche Münzen, Maße und Gewichte, alle diese Bande fehlten dem deutschen 
Volke noch immer; aber dennoch fühlte es sich als eine Nation in dem 
Bewußtsein der gemeinsam vollbrachten Befreiung und in der Hoffnung, daß 
dereiust das deutsche Kaiserreich doch wieder zu neuer Herrlichkeit erstarken 
werde. 
9. Jriedrich Willzelme III. spätere Regierung:; 1815—1840. 
Friedrich Wilhelms schönste Zeit beginnt erst 1815, seitdem er in Frieden 
wie ein Vater für sein Volk sorgen konnte, und in diesen Jahren hat er eine 
schwere Aufgabe gelöst. Zunächst galt es, die neu erworbenen Gebiete dem 
preußischen Staatsverbande einzugliedern und deren Bewohner zu gewinnen. 
Die einverleibten sächsischen Unterthanen waren fast ohne Ausnahme gegen 
Preußen erbittert, in Vorpommern war besonders der Adel widerwillig; die 
katholischen Rheinländer und Westfalen hatten Abneigung gegen die evangelische 
Herrschaft, am schwersten jedoch waren die Polen zu gewinnen. Aber die
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 227 
einnehmende Persönlichkeit des Königs — seine Einfachheit, Frömmigkeit und 
sein Wohlwollen —, die gewissenhafte Arbeit preußischer Beamten und die 
allgemeine Wehrpflicht haben allmählich die Verschmelzung der neuen Gebiete 
mit Preußen erreicht. Das gesamte Staatsgebiet ward in acht Provinzen, 
jede Provinz in Regierungsbezirke und diese wieder in Kreise geteilt. 
An der Spitze der Staatsverwaltung stand das Ministerium, dessen Vor— 
sitzender der Staatskanzler war. Daneben richtete der König den Staats- 
rat neu ein, der noch heute besteht und die Aufgabe hat, unter Vorsitz des 
Königs oder seines Stellvertreters die obersten Verwaltungsgrundsätze und die 
Gesetzesvorlagen zu begutachten sowie überhaupt in schwierigen Fragen Rat 
zu erteilen. Er besteht aus den volljährigen Prinzen des Königlichen Hauses, 
aus Staatsdienern, welche durch ihr Amt dazu berufen sind (die aktiven Staats- 
minister, Feldmarschälle u. a.) und aus (etwa 50) Staatsbürgern, welche durch 
besonderes Vertrauen des Königs dazu berufen werden. Der Staatsrat ver- 
sammelt sich auf den Ruf des Königs, nicht regelmäßig. 
Schon durch Gesetz vom 3. September 1814 hatte der König die in der 
Not eingeführte allgemeine Wehrpflicht zu einer dauernden Einrichtung 
des preußischen Staates erhoben. Jeder diensttüchtige Preuße ohne Aus- 
nahme war seitdem zum Kriegsdienst verpflichtet. Die Einrichtung und Ver- 
waltung des Heeres wurde dem Kriegsminister, die Führung desselben dem 
neu eingerichteten Generalstabe übertragen. 
Schwierig war die Regelung des Finanzwesens. In den Jahren 
1806—1815 waren Staat und Gemeinden tief in Schulden geraten; dazu 
sollten jetzt Kriegsbedürfnisse neu angeschafft, Festungen verstärkt, Vorrats- 
kammern gefüllt, Straßen gebaut und besonders in den neuen Provinzen 
manche neue Einrichtung getroffen werden. Aber gerade hier zeigte sich des 
Königs Wirtschaftlichkeit und Edelmut im glänzendsten Lichte. Den Anteil 
Preußens an der von Frankreich gezahlten Kriegssteuer überließ er den am 
meisten geschädigten Provinzen und Gemeinden; großmütig verzichtete er auf 
die ihm zustehenden Domäneneinkünfte und begnügte sich mit einem be- 
stimmten Einkommen, das noch nicht ein Drittel derselben betrug. Gleiche 
Sparsamkeit herrschte in allen Zweigen der Staatsverwaltung; sofort begann 
der König mit der Abtragung der Schulden und bestimmte die Höhe der 
Staatsausgaben, die keinesfalls überschritten werden durfte. Noch folgen- 
reicher war die Stenerreform. Bis dahin waren sowohl die Steuern als 
auch die Geldsorten in den einzelnen Landesteilen verschieden. Da die Thor- 
accise den Verkehr hemmte, wurde sie hinfort nur noch von Salz, Tabak, Wein, 
Bier und Branntwein erhoben, dafür aber in den größeren (126) Städten 
eine Mahl= und Schlachtsteuer, für das übrige Land eine einheitliche 
direkte Steuer, die Klassenstener, eingeführt. 
Noch mehr als durch die Thoraccise litten Handel und Gewerbe durch 
die vielen Zölle, die nicht nur an der Grenze der verschiedenen Staaten, 
sondern selbst der einzelnen Provinzen erhoben wurden. Innerhalb Preußens 
gab es über 60 Zölle und Tarife; der Weserschiffer passierte von Bremen 
bis Minden 22 Zollstätten. Preußen hob 1818 mit der Thoraccise auch 
sämtliche Binnenzölle. auf und bildete also dem übrigen Deutschland und dem 
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        228 Zweiter Zeitraum. 
Auslande gegenüber nur ein Zollgebiet. Aber seine weit ausgedehnten Grenzen 
waren schwer zu überwachen; deshalb bemühte es sich, die Nachbarstaaten zum 
Anschluß zu bewegen. Doch diese fürchteten dadurch etwas von ihrer Selb- 
ständigkeit zu verlieren und verhielten sich lange ablehnend, sie wandten sich 
sogar, wenn auch ohne Erfolg, um Schutz gegen das preußische Zollgesetz an 
den Deutschen Bund und an Osterreich; aber den unablässigen Bemühungen 
der preußischen Regierung, besonders den beiden Finanzministern von Motz 
und Maaßen gelang es endlich, das schwierige Werk zustande zu bringen. 
Zuerst schlossen sich, durch ihre Lage gezwungen, die vom preußischen Staats- 
gebiet umschlossenen Ländchen, wie Sondershausen (1819), an; 1828 trat 
Darmstadt bei, dann Kurhessen (1831), 1833 folgten Bayern, Württemberg, 
Sachsen und die thüringischen Staaten. Am 1. Januar 1834 trat der 
preußisch-deutsche Zollverein ins Leben; in den nächstfolgenden Jahren 
schlossen sich auch die übrigen Staaten an, nur Osterreich, Hannover, Braun- 
schweig, Oldenburg, Mecklenburg und die Hansestädte hielten sich fern. Durch 
den Zollverein waren 8250 Quadratmeilen mit 29 Millionen Bewohnern 
wenigstens wirtschaftlich unter Preußens Führung geeinigt, und damit war 
der erste Schritt zur Einigung Deutschlands gethan. Alle Zollschranken 
zwischen und in den zum Zollverein gehörenden Ländern fielen, nur an der 
Grenze desselben wurden noch Zölle erhoben. Die Zolleinnahmen flossen in 
eine gemeinsame Kasse und wurden an die Einzelstaaten nach dem Verhältnis 
ihrer Einwohnerzahl verteilt. Die Verschiedenheit in Münzen und Maßen 
blieb leider noch bestehen; doch gelang es meistens, ein gemeinsames Zoll- 
gewicht zu schaffen. Der Binnenhandel konnte sich jetzt frei entwickeln; aber 
auch nach außen konnte der Verein mit größerem Nachdruck auftreten und 
vorteilhaftere Verträge abschließen als früher die Einzelstaaten. Deshalb 
stiegen auch die Zolleinnahmen schon in den ersten zehn Jahren auf das 
Doppelte; noch wichtiger war es, daß die kleineren Staaten einsahen, wie 
innig ihre Interessen mit denen Preußen verknüpft waren, und dadurch all- 
mählich auch die Abneigung, welche sie noch immer gegen Preußen hegten, 
überwinden lernten. Mit Neid betrachtete Osterreich den wachsenden Einfluß 
Preußens und erkannte den Zollverein als „den ersten Riß in das Werk 
von 1815“. « 
Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken, Und ihr andern deutschen Sachen, 
Kühe, Käse, Krepp, Papier, Tausend Dank sei euch gebracht! 
Schinken, Scheren, Stiefel, Wicken, Was kein Geist je konnte machen, 
Wolle, Seife, Garn und Bier; Ei, das habet ihr gemacht! 
fefferkuchen, Lumpen,, Trichter, Denn ihr habt ein Band gewunden 
üsse, Tabak, Gläser, VMachs, Z Um das deutsche Vaterland, 
Leder, Salz, Schmalz, Puppen, Lichter, Und die Herzen hat verbunden 
Rettich, Rips, Raps, Schnaps, Lachs, Mehr, als unser Bund, dies Band. 
Wachs! (Hoffmann v. Fallersleben.) 
Dem Aufblühen des Handels und Verkehrs diente ferner die Ver- 
besserung der Verkehrsmittel. Preußen vermehrte seine Chausseen (1817 bis 
1828) von 4000 auf 8000 km; der Lauf der Flüsse wurde besser schiffbar 
gemacht. Die wichtigste Veränderung brachte die Erfindung der Dampf- 
maschine. Das größte Verdienst um die Vervollkommnung derselben ge-
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 229 
bührt dem Schotten James Watt, der um 1770 im wesentlichen unsere 
heutige Dampfmaschine herstellte. Der Engländer Stephenson erbaute die 
erste Lokomotive. Die erste Eisenbahn Deutschlands, Nürnberg-Fürth, 
wurde 1835, die erste Eisenbahn in Preußen, Berlin-Potsdam, 1838 er- 
öffnet. Der Amerikaner Fulton erbaute 1807 das erste Dampfschiff, und 
schon 1816 befuhr das erste derartige Fahrzeug den Rhein. Zu einer raschen 
Beförderung von Nachrichten bediente man sich früher des Zeigertelegraphen 
(wie noch jetzt an den Eisenbahnen); 1833 erfanden die Professoren Gauß 
und Weber in Göttingen den elektromagnetischen Telegraphen. Am 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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Ausfahrt des ersten preußischen Einreln aus dem Potsdamer Bahnhof 
zu Berlin. 
1. Januar 1849 durchflog die erste telegraphische Depesche auf dem elektrischen 
Draht Deutschland, und 1866 legte man das erste transatlantische Kabel 
zwischen England und Amerika. Das von dem Deutschen Reis um 1860 
erfundene und von dem Nordamerikaner Bell verbesserte Telephon er- 
möglicht sogar das Sprechen nach einem mehrere hundert Kilometer ent- 
fernten Orte. Auch der Briefverkehr hat seit Einführung des niedrigen 
Portos und der Briefmarke (in England 1840, in Preußen 1850) einen 
riesenhaften Umfang angenommen. Die Benutzung der Dampfkraft zur Ver- 
richtung gewerblicher Arbeiten führte zur Entstehung zahlreicher Fabriken. 
Viele Orte, besonders Berlin, Essen, Hannover-Linden, Barmen und Breslau 
erlebten einen ungeahnten Aufschwung. Auch die künstliche Beleuchtung
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        230 Zweiter Zeitraum. 
machte in dieser Zeit große Fortschritte. Noch gegen Ende des 18. Jahr— 
hunderts waren die Straßen vieler Städte nachts dunkel, andere wurden 
durch Ollampen spärlich erleuchtet. Das in England erfundene Gaslicht 
wurde seit 1826 auch bei uns zur Beleuchtung der Fabriken, bald auch der 
Straßen und Wohnräume verwandt. 
Die Landleute gewannen durch die Verbesserung der Verkehrsmittel 
für ihre Erzeugnisse größeres Absatzgebiet; da die Bauern persönlich frei und 
Eigentümer ihres Bodens waren, arbeiteten sie mit größerer Lust. Dieser 
Segen der Steinschen Reform wurde (1820) durch ein Edikt, betreffend die 
Ablösung der bäuerlichen Lasten, auch den preußischen Bauern zwischen Elbe 
und Rhein zu teil, und im folgenden Jahre wurde allen Gemeinden des ganzen 
Staates gestattet, ihre Gemeindeländereien zu teilen, ihre Ländereien 
zusammenzulegen (zu verkoppeln) und den Flurzwang aufzuheben. Anfangs 
sträubten sich die Bauern gegen diese wohlthätige Maßregel, aber bald sahen 
sie den großen Nutzen derselben ein. Manche Bauern steigerten den Ertrag 
ihrer Ernte bald auf das Doppelte und Dreifache, besonders seitdem ihnen 
Thaer und Liebig gezeigt hatten, wie man durch Anwendung der Natur— 
wissenschaft auf die Landwirtschaft, vor allem durch geeigneten Fruchtwechsel, 
dem Lande größere Erträge abgewinnen könne. Thaer, anfänglich Arzt in 
seiner Vaterstadt Celle, errichtete in Möglin bei Neustadt-Eberswalde die erste 
Vandwirtschaftliche Lehranstalt (1806). 
In Paris hatten König Friedrich Wilhelm, Zar Alexander und 
Kaiser Franz (1815) die heilige Allianz geschlossen, durch welche sie 
sich verpflichteten, ihre Unterthanen nach den Vorschriften der christlichen 
Religion zu regieren; später traten die meisten europäischen Staaten diesem 
Bunde bei und durften sich vieler Jahre des Friedens erfreuen. Der 
Deutsche Bund zeigte sich je länger desto mehr als verfehlt. Da die ge— 
meinsame diplomatische Vertretung und der einheitliche militärische Oberbefehl 
mangelte, so war er nach außen ebenso schwerfällig und ohne Ansehen wie das 
alte Deutsche Reich; aber auch nach innen wurde seine Wirksamkeit dadurch 
abgeschwächt, daß zu den wichtigen Beschlüssen, z. B. über Verfassungsänderung, 
Einstimmigkeit erforderlich war, und daß den größeren Staaten nicht ein 
ihrer Macht entsprechendes Stimmrecht eingeräumt wurde. Jeder, auch der 
kleinste Staat hatte wenigstens eine Stimme, sterreich und die fünf König— 
reiche hatten je vier Stimmen, Sachsen also soviel wie Preußen; ja es 
konnte der Fall eintreten, daß Preußen von solchen Staaten überstimmt 
wurde, die zusammen nicht so viele Einwohner hatten wie ein preußischer 
Regierungsbezirk. Noch unhaltbarer wurde der Bund dadurch, daß beide 
deutsche Großmächte zu demselben gehörten: sobald Preußen sich Osterreich 
nicht mehr willig unterordnete, mußte es zum Bruch kommen. 
Auch die Hoffnung des Volkes auf Einführung einer ständischen Ver- 
fassung in den einzelnen Bundesstaaten, die ihm in der Wiener Bundesakte 
versprochen war, erfüllte sich nur zum Teil. Friedrich Wilhelm III. hatte 
im Mai 1815 seinem Volke ebenfalls eine Versammlung von Landesreprä- 
sentanten versprochen, und Stein, Hardenberg, Blücher, Schleiermacher, Arndt, 
die verdientesten Männer, freuten sich dessen; aber die Gegner solcher Neuerung,
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 231 
die Beamten, welche sich ihre unbeschränkte Herrschaft, die Adligen, welche sich 
ihre Vorrechte nicht nehmen lassen wollten, suchten den König davon zurück- 
zuhalten. Ja es wurden von ihnen die besten Vaterlandsfreunde, königs- 
treue Männer, ohne Grund revolutionärer Umtriebe bezichtigt. Der König 
hatte außerdem noch das Bedenken, ob die Abgeordneten der neuen Provinzen, 
die sich doch nur widerwillig dem preußischen Staate hatten einfügen lassen, 
wohl für das Beste desselben wirken würden. Als die beiden Großmächte 
und andere deutsche Fürsten mit der Einberufung der Volksvertreter zögerten, 
wuchs die Unzufriedenheit, besonders unter der studierenden Jugend; sie hoffte 
erreichen zu können, was den Staatsmännern unmöglich gewesen war. Zu- 
nächst in Jena, dann auch an anderen Universitäten traten die Studenten zu 
einer deutschen Burschenschaft zusammen, und am 18. Oktober 1817 er- 
schienen ihrer sechshundert auf der Wartburg, um dort den Jahrestag der 
Schlacht bei Leipzig, in der viele von ihnen mitgekämpft hatten, und das 
Jubelfest der Reformation zu feiern. Man hielt patriotische Reden, sang 
Freiheitslieder und pflanzte die schwarzrotgoldene Fahne der Lützower auf. 
Am Abend zündeten einige ein Feuer an und verbrannten in Erinnerung an 
Luthers Verbrennung der Bannbulle mehrere Sinnbilder des Rückschritts 
— einen Korporalstock, einen Ulanenschnürleib und einen Haarzopf — sowie 
altes Papier als Sinnbild einiger verhaßter Schriften. Feinde der Volks- 
freiheit benutzten dies, die Fürsten noch weiter gegen jene einzunehmen; als 
nun 1819 der schwärmerische Student Sand den für einen russischen Spion 
gehaltenen Dichter Kotzebne ermordete, wurde es Metternich leicht, die Fürsten 
zu einer ausgedehnten Demagogenverfolgung zu bewegen. Die Turnplätze 
Preußens wurden geschlossen, Jahn als Gefangener nach Küstrin gebracht, 
Schleiermacher auf Ehrenwort verpflichtet, Berlin nicht zu verlassen, Arndt 
seines Amtes als Professor in Bonn enthoben. Durch die von Österreich 
und Preußen in Gemeinschaft mit anderen deutschen Regierungen 1819 ge- 
faßten Karlsbader Beschlüsse wurden die Burschenschaften und die Preß- 
freiheit aufgehoben, die Überwachung der Professoren und Studenten sowie 
die Censur für alle Schriften unter zwanzig Bogen angeordnet und eine 
Kommission eingesetzt, welche die demagogischen Umtriebe verfolgen sollte. Nun 
begann eine Zeit oft recht kleinlicher Verfolgungen; aber nach zwei Jahren 
erklärte die Untersuchungskommission, eine Verschwörung bestehe nicht. Doch 
war Friedrich Wilhelm zu der Überzeugung gekommen, daß eine eigentliche 
Volksvertretung noch nicht ratsam sei; um aber sein Wort soweit als möglich 
einzulösen, führte er 1823 Provinzialstände ein. Gewöhnlich jedes dritte 
Jahr sollten die lediglich aus Grundbesitzern gewählten Abgeordneten, zur 
Hälfte Rittergutsbesitzer, zur Hälfte Städter und Bauern, zu einem Provinzial- 
landtage zusammentreten und Gesetzentwürfe, welche ihre Provinz angingen, 
begutachten. Das war der erste Schritt, Preußen in einen Ver- 
fassungsstaat umzuwandelnz; er befriedigte aber nur wenige. 
Als 1830 die Franzosen durch die Julirevolution ihren König 
Karl X., einen Bruder Ludwigs XVIII., vertrieben und dessen Vetter Louis 
Philipp, Herzog von Orleans, auf den Thron erhoben, traten auch die Un- 
zufriedenen in Deutschland mit ihren Forderungen wieder hervor; in Braun-
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        232 Zweiter Zeitraum. 
schweig, Kassel, Göttingen, Dresden kam es zu Volksaufständen. Die Belgier 
rissen sich von Holland los, und plötzlich brach ein Aufstand im ganzen 
russischen Polen aus. Zum Schutz der Grenze stellte Preußen am Rhein 
drei und an der russisch-polnischen Grenze unter Gneisenau vier Armeekorps 
auf. Dadurch wurde der Aufstand auf seinen ursprünglichen Herd beschränkt. 
Aber das preußische Heer wurde von der aus Rußland eingeschleppten Cholera 
befallen, der auch Gneisenau zum Opfer fiel. Ihre rasche Verbreitung und 
die Nutzlosigkeit, aller Heilmittel erzeugte in den ungebildeten Leuten den 
Argwohn, die Arzte seien beauftragt, das Volk zu vergiften. Infolgedessen 
entstanden mehrere Pöbelaufstände, z. B. in Königsberg, Stettin und Breslau; 
die heftigste Gärung erzeugte die allgemeine Unzufriedenheit in Süddeutsch- 
land. Auf dem Hambacher Fest in der Rheinpfalz hielten (1832) deutsche, 
französische und polnische Abgeordnete aufregende Reden, und im folgenden 
Jahre überrumpelte sogar eine Schar irregeleiteter Männer die Hauptwache 
in Frankfurt a. M., um den Bundestag zu sprengen. Auch in Braunschweig, 
Hessen und Sachsen kam es zu Unruhen. Dies alles gab Metternich, der 
jede freiheitliche Regung für staatsgefährlich hielt, willkommene Gelegenheit, 
eine neue Demagogenverfolgung durch den Bundestag ins Werk zu setzen, 
von der besonders auch die Studenten betroffen wurden. In Preußen wurden 
39 Burschenschafter zum Tode verurteilt, aber vom Könige zu Freiheitsstrafen 
begnadigt; unter diesen befanden sich auch Fritz Reuter und der Geschichts- 
schreiber Max Duncker. 
Das geistige Wohl seines Volkes hat König Friedrich Wilhelm eben- 
falls sorgfältig gepflegt. Bereits in den schweren Tagen nach dem Tilsiter 
Frieden sprach er: „Es ist mein ernstlicher Wille, daß dem Volksunter- 
richte die größte Sorgfalt gewidmet werde.“ Schon vorher war der König 
auf Pestalozzi aufmerksam geworden; zu ihm wurden jetzt auf Staatskosten 
tüchtige Lehrer, wie Kawerau, Dreist, Hennig, Hänel und Preuß, gesandt; 
andere, wie Karl Ritter, Karl v. Raumer, v. Türk und Fröbel, gingen aus 
eigenem Antriebe dorthin; tüchtige auswärtige Schulmänner, wie Zeller und 
Dinter, wurden nach Preußen berufen. Zunächst kam diese Fürsorge den 
Seminaren, durch diese aber der Volksschule zu gute; im ganzen wurden 
während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. 29 Volksschullehrerseminare 
gegründet oder umgestaltet, z. B. in Breslau ev. 1812, Bunzlau 1816, Neu- 
zelle 1817, Neuwied 1819, Erfurt 1820, Mörs (durch Diesterweg) 1820, 
Gardelegen (Osterburg) 1821, Magdeburg (Barby) 1823, Eisleben 1826, 
Berlin 1831, Kammin 1838. An ihnen wirkten ausgezeichnete Lehrer, wie 
Harnisch und Diesterweg, in allen aber herrschte ein bis dahin nie geahnter, 
heiliger Eifer, tüchtige, für ihren Beruf begeisterte Lehrer des Volkes zu 
erziehen. 
Die größere Zahl der ausgebildeten Lehrer ermöglichte es, neue Schul- 
stellen einzurichten und die Vorschriften über die Schulpflicht der Kinder zu 
verschärfen. Neben die allgemeine Wehrpflicht trat jetzt die allgemeine 
Schulpflicht: jedes Kind mußte fortan vom sechsten Jahre bis zur Konfir- 
mation regelmäßig die Schule besuchen, und keins durfte konfirmiert werden, 
das sich nicht wenigstens die notwendigsten Schulkenntnisse erworben hatte.
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        6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 233 
Auch das höhere Schulwesen erfuhr sorgsame Pflege; die Prüfungs— 
ordnungen wurden verschärft und siebzig neue Gymnasien sowie Real— 
und Gewerbeschulen errichtet. Die allzunahe gelegenen Universitäten 
Halle und Wittenberg wurden 1817 zu einer in Halle vereinigt und 1818 
für die Rheinprovinz eine eigene Universität in Bonn errichtet. An dem 
Aufblühen der deutschen Wissenschaft waren preußische Gelehrte in hervor— 
ragendem Maße beteiligt. Unter den Philosophen hatte nach Kants und 
Fichtes Tode Hegel in Berlin einen berühmten Namen. An der Erforschung 
des Altertums arbeiteten die Berliner Gelehrten Böckh und Lachmann. 
Bopp begründete die vergleichende Sprachwissenschaft, die nicht nur 
über die Verwandtschaft der Sprachen, sondern der Völker selber und über 
deren Lebensweise neue Aufschlüsse gab. Aus der langen Reihe der berühmten 
deutschen Geschichtschreiber ragen hervor die Berliner Gelehrten: Fr. v. Raumer 
(Geschichte der Hohenstaufen), Duncker (Geschichte des Altertums), Curtius 
(Griechische Geschichte), Mommsen (Römische Geschichte), Giesebrecht (Geschichte 
der deutschen Kaiserzeit), v. Treitschke (Deutsche Geschichte im neunzehnten 
Jahrhundert), v. Sybel (Revolutionszeit 1789—1800, die Begründung des 
Deutschen Reiches durch Wilhelm I.) und vor allem Leop. v. Ranke (Deutsche 
Geschichte im Zeitalter der Reformation, Wallenstein u. a.). Die Theologie 
hatte glänzende Vertreter in Schleiermacher, Neander und Hengstenberg. Auf 
dem Gebiete der geographischen und naturwissenschaftlichen Forschung 
nahm Alexander v. Humboldt („Kosmos") die erste Stelle ein; von ihm an- 
geregt, schrieb Karl Ritter seine, die geographische Wissenschaft umgestaltenden 
Werke. Die bildenden Künste erfreuten sich vielfach der Unterstützung des 
sonst so sparsamen Königs. Er ließ durch Schinkel das Schauspielhaus und 
das Alte Museum in Berlin erbauen und schenkte zur ersten Einrichtung 
desselben viele Bildsäulen und Gemälde aus seinen Schlössern. Mit des 
Königs Unterstützung bildete sich der Bildhauer Rauch aus, der unter anderen 
herrlichen Werken das berühmte Grabdenkmal der Königin Luise in Char- 
lottenburg schuf (S 190). 
Der König war von Jugend auf ein frommer Christ. Sein inniges 
Gottvertrauen war durch die Tage der Trübsal und dann der herrlichen 
Siege, in denen er die Hand Gottes erkannte, noch gewachsen. Auch im 
ganzen Volke war durch die Befreiungskriege an die Stelle der rationalistischen 
Aufklärung und der ihr folgenden Sittenverderbnis ein tief religiöser, sittlicher 
Geist getreten; mit Ernst bereitete es sich auf das dritte Jubelfest der Refor- 
mation am 31. Oktober 1817 vor. Diesen Tag beschloß der König durch 
eine Union der lutherischen und der reformierten Kirche zu einer evan- 
gelischen Landeskirche zu verherrlichen und dadurch zu vollenden, was 
seine Vorfahren seit zwei Jahrhunderten erstrebt hatten. Am Reformations- 
feste nahm der König mit seinem Hause und zahlreichen Mitgliedern beider 
Kirchen in der Garnisonkirche zu Potsdam das heilige Abendmahl; ebenso 
gingen in der Nikolaikirche in Berlin die Geistlichen beider Konfessionen, der 
Magistrat, die Bürgervorsteher, die Mitglieder der Konsistorien und der 
Universität, Direktoren und Lehrer der Gymnasien, viele Staatsbeamte ge- 
meinsam zum Tisch des Herrn. Am folgenden Tage legte der König in
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        234 Zweiter Zeitraum. 
Wittenberg den Grundstein zu einem Lutherdenkmal. Auf der Freiheit der 
Uberzeugung sollte die Union beruhen, Zwang nicht angewandt werden; aber 
fast in allen Gemeinden des Landes und dann auch in anderen deutschen 
Staaten, wie in der bayrischen Pfalz, fand das Beispiel des Königs frei- 
willige Nachfolge. Erst als der König 1822 seiner unierten Landes- 
kirche statt der vielen, in den einzelnen Landesteilen bestehenden gottesdienst- 
lichen Ordnungen eine gemeinsame Agende empfahl, erhob sich lebhafter 
Widerspruch, und es bildeten sich neben der unierten Landeskirche mehrere 
altlutherische Gemeinden. Auch darin folgte Friedrich Wilhelm dem 
Vorbilde seiner Ahnen, daß er verfolgte Protestanten schützte; den bedrängten 
  
  
  
  
  
  
  
  
    
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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Das Schauspielhaus in Berlin. 
Waldensern Sardiniens verschaffte er Erleichterung, 500 Tiroler aus dem 
Zillerthale, die wegen religiöser Bedrückung ihre Heimat verlassen mußten, 
siedelte er bei Erdmannsdorf in Schlesien an. So bewährte sich Preußen 
abermals als Hort des Protestantismus. 
Der wichtigen Stellung, welche Kirche und Schule im Staate einnahmen, 
entsprach es, daß der König (1817) die Abteilung des Ministeriums des 
Innern, welche bis dahin die geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten bear- 
beitet hatte, zu einem selbständigen (sechsten) Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts= und Medizinalangelegenheiten erhob. Als diesem unter- 
geordnete Behörden verwalteten die Konsistorien die inneren, die Regierungen 
die äußeren Schulangelegenheiten ihres Bezirks; später (1825) wurde die
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Das Alte Musseum in Berlin. 
6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 
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        236 Zweiter Zeitraum. 
Leitung des Gelehrtenschulweseus und der Seminare den neugeschaffenen 
Provinzialschulkollegien, das gesamte niedere Schulwesen aber den Re— 
gierungen übertragen. 
Über vierzig Jahre teilte Friedrich Wilhelm Freud' und Leid mit seinem 
Volke. In schmucklosem, bis oben zugeknöpftem Infanterierock und der Land- 
wehrmütze, fast immer ohne Begleitung, bewegte sich der König unter den 
Spaziergängern, jeden Gruß dankend erwidernd. Seit dem Tode seiner ge- 
liebten Gemahlin mischte sich in sein sonst so heiteres Wesen ein Zug von 
Wehmut, und gern weilte er in Paretz und auf der Pfaueninsel, wo er mit 
der Verewigten so glückliche Stunden verlebt hatte, oder er lenkte seine Schritte 
durch die düsteren Baumgänge nach dem Mausoleum in Charlottenburg. Am 
liebsten war er unter seinen Kindern; als diese sich aber vermählt hatten 
— seine älteste Tochter, Charlotte, war mit dem Kaiser Nikolaus I. von Rußland 
verheiratet —, fühlte er sich vereinsamt und beschloß, durch eine zweite Ehe 
sein häusliches Glück aufs neue zu gründen. Nach vierzehnjähriger Witwer- 
zeit ließ er sich die zur Fürstin von Liegnitz erhobene Gräfin von Harrach 
zur linken Hand antrauen, und sie ist ihm eine treue Lebensgefährtin ge- 
worden. 
Die meisten jener großen Männer, die ihm einst so treu zur Seite ge- 
standen hatten, wie Bülow, Stein, Hardenberg, Kleist, Bork und Gneisenau, 
waren ihm im Tode bereits vorangegangen. Der alte Marschall Vor- 
wärts lebte nach dem Kriege während des Sommers meistens auf seinem 
Landgute Krieblowitz in Schlesien. Im Spätsommer 1819 erfuhr der König, 
daß der alte Held im Sterben liege; da eilte er noch einmal zu ihm, worüber 
der Sterbende bis zu Thränen gerührt war. Am 12. September entschlief er 
unter dem Donner der Geschütze, der von dem nahen Manöbverfelde herüber- 
tönte. — Stein hatte noch an dem Wiener Kongreß teilgenommen, sich 
dann aber vom politischen Leben zurückgezogen. Er wohnte meist auf seinem 
Gute Cappenberg in Westfalen. Das Studium der Geschichte, das er trotz 
der Erblindung des einen Auges eifrig fortsetzte, erweckte in ihm den Wunsch, 
eine kritische Sammlung deutscher Geschichtsquellen zu besitzen. So entstand 
auf seine Anregung die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichte, und er 
erlebte noch das Erscheinen der ersten Bände der Monumenta Germaniae 
historica. 1831 entschlief er, der letzte seines Geschlechts; er hinterließ nur 
zwei Töchter. Friedrich Wilhelm konnte noch bis zum Anfange des Jahres 
1840 in seltener Frische seine Herrscherpflichten erfüllen, dann erkrankte er. 
Zum letztenmal warf er einen Blick aus seinem Fenster, als (am 1. Juni) der 
Grundstein zu dem Denkmal Friedrichs des Großen gelegt wurde; als 
am 7. Juni die königliche Flagge am Fahnenmast des Schlosses sich senkte, 
da trauerten nicht nur die Berliner, sondern die große Mehrzahl des ge- 
samten Volkes. Seine letzte Ruhestätte fand der Entschlafene an der Seite 
der Königin Luise im Mausoleum zu Charlottenburg. 
Friedrich Wilhelm III. ist zwar der erste Hohenzollernkönig, der sein 
Land kleiner hinterließ, als er es empfangen hatte; dennoch war seine Re- 
gierung höchst segensreich. Er hatte die weiten polnischen Gebiete abgetreten 
und dafür blühende Provinzen mit kerndeutscher Bevölkerung erworben; die
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 237 
Einwohnerzahl war von neun auf fünfzehn Millionen, die Staatseinnahme 
auf das Dreifache gestiegen. „In keinem Lande der Welt gab es eine so mensch- 
liche, so sorgsame, so gerechte Verwaltung, in keinem eine so volkstümliche, 
so ganz unerschöpfliche Wehrbarkeit.“ Preußen konnte schon damals ein Heer 
von 500000 Mann ins Feld stellen. Dazu stand das Schulwesen in Blüte; 
besonders die preußischen Seminare und Volksschulen konnten denen anderer 
Länder als Muster dienen. 
(4. Die Erhebung Dreußens zu einem Derfassungsstaate unter 
Friedrich Wilhelm IV. 
1840—1861. 
1. Bis zum Ausbruch der Nevplukion. 
Als Kind berechtigte Friedrich Wilhelm IV. (geb. 15. Oktober 1795) 
durch ungewöhnliche Begabung und Wißbegierde zu den größten Hoffnungen. 
Seine Mutter, die Königin 
Luise, erweckte in seinem em- 
pfänglichen Gemüte den Sinn 
für alles Schöne und Edle und » 
legte in ihm den Grund zur »J« 
Gottesfurcht. Tüchtige Lehrer, «- 
wie Scharnhorst und der Staats- 
mann und Gelehrte Niebuhr, 
  
  
  
  
  
  
  
führten ihn in lie Kriegs- “ 4 
und Staatswissenschaft ein. As. —— ZX 
Knabe sah er Preußen in ““ ’““ § 1 # 
seiner tiefsten Erniedrigung, als. * 
Jüngling nahm er an den Be411| . . 
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tiefe Abneigung gegen die Re- » 4 * 
volution sowie eine wahre W 1 I 
Frömmigkeit, gepaart mit großer n Mun 28 "I 
Sittenstrenge, war die Frucht ENNN“]PöPIll 
dieser bewegten Jahre. Die Friedrich Wilhelm IV. 
Kunstschätze von Paris und 
Rom, der Umgang mit bedeutenden Künstlern und eigene Ubung bildeten 
seinen edlen Kunstgeschmack. Gelehrte bewunderten sein reiches Wissen; am 
meisten zogen ihn Theologie, Geschichte, Musik und Baukunst an. Dabei war 
er ein Meister der Rede. Auf dem Schlachtfelde hatte er sich zwar stets 
unerschrocken gezeigt; aber er schätzte die Friedensarbeit höher als das Kriegs- 
handwerk, das Einerlei des Militärdienstes ermüdete ihn; auch war er schon 
in seinem Außern weniger ein Muster streng soldatischer Zucht als sein Vater 
und sein Bruder Wilhelm. Im Jahre 1823 vermählte sich Kronprinz 
Friedrich Wilhelm mit der ihm geistig verwandten Prinzessin Elisabeth 
von Bayern.
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        238 Zweiter Zeitraum. 
In voller Manneskraft und für sein schweres Amt so wohl vorbereitet 
wie wenige Herrscher bestieg Friedrich Wilhelm IV. den Thron; selten 
wurde aber auch ein neuer Herrscher mit größeren Hoffnungen empfangen. 
Volksfreiheit und ein Deutsches Reich erwartete man von ihm. Die erste 
Hoffnung schien sich schon bald erfüllen zu sollen: der König setzte Arndt 
wieder in sein Amt ein, gab Jahn die Freiheit zurück und erließ eine all- 
gemeine Amnestie für politische Verbrecher. Als er in Königsberg zur Hul- 
digung erschien, baten ihn die Stände von Posen, Ost= und Westpreußen, 
indem sie an das Versprechen Friedrich Wilhelms III. erinnerten, er möge 
dem Lande eine Verfassung gewähren. Der König erwiderte, die Provinzial- 
stände wolle er sorgfältig pflegen, eine allgemeine Landesvertretung halte er 
wie auch sein Vater für unverträglich mit dem Glücke des preußischen Volkes. 
Dennoch jubelte das Volk ihm zu, als er bei der Huldigung, den Arm zum 
Schwur erhebend, rief: „Ich gelobe, ein gerechter Nichter, ein treuer, sorg- 
fältiger, barmherziger Fürst, ein christlicher König sein zu wollen." Wie 
zündete auch das Wort, welches er bei der Huldigung in Berlin dem nach 
Tausenden zählenden, im Lustgarten um ihn versammelten Volke zurief: „Ich 
will vor allem dahin trachten, dem Vaterlande die Stelle zu sichern, auf 
welche es die göttliche Vorsehung durch eine Geschichte ohne Beispiel erhoben 
hat, auf welcher Preußen zum Schilde geworden ist für die Sicherheit und 
Ruhe Deutschlands.“ Selbst das außerpreußische Deutschland richtete seine 
Blicke voller Hoffnung auf den für Deutschlands frühere Herrlichkeit so be- 
geisterten König, und als um diese Zeit die Franzosen wieder Gelüste nach 
dem linken Rheinufer verrieten, da sang in kurzem ganz Deutschland Nikolaus 
Beckers Lied: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein.“ Max 
Schneckenburger dichtete damals seine „Wacht am Rhein“", und Arndt rief: 
„All Deutschland in Frankreich hinein!" Das Ausland stutzte über dieses 
plötzlich erwachte Nationalgefühl, Frankreich rüstete ab. Begeistert für die 
altdeutsche Kunst, stellte sich Friedrich Wilhelm an die Spitze des Dombau— 
vereins, der es sich zur Aufgabe machte, den schon 1248 begonnenen, aber 
nicht beendeten Riesenbau des Kölner Domes mit Unterstützung aller 
deutschen Fürsten und Stämme sowie aller Konfessionen zu vollenden. Bei 
der Grundsteinlegung zum Weiterbau sprach er: „Hier sollen sich die schönsten 
Thore der ganzen Welt erheben. Mögen sie für Deutschland Thore einer 
neuen, großen, guten Zeit werden!“ · 
Das Ziel aber, welches ihm vorschwebte — Wiederherstellung des alten 
Lehnstaates mit einem Kaiser aus dem Hause Osterreich —, hielten die 
Liberalen für verfehlt; auch des Königs beharrliche Weigerung, seinem eigenen 
Volke eine Verfassung zu geben, erregte manche Verstimmung, und die der 
Presse gewährte größere Freiheit gab die Möglichkeit, die Unzufriedenheit 
desto offener zu schüren. Der erste Versuch des Königs, den Deutschen Bund 
einheitlicher zu gestalten, scheiterte an der geringen Opferwilligkeit seiner Mit- 
ürsten. 
fürf Der König beabsichtigte die Provinzialstände zu einem Ganzen zusammen- 
zufassen. Zunächst berief er (1842) einen „Vereinigten Ausschuß der 
einzelnen. Provinziallandtage nach Berlin; doch er überzeugte sich bald selber
        <pb n="245" />
        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 239 
von der Unzulänglichkeit einer solchen Volksvertretung. Die Unzufriedenheit 
ergriff jetzt auch die unteren Stände. Die Fabriken (S. 229) nahmen manchen 
Handwerkern die Arbeit; nicht minder wurde der Bauernstand seit dem freien 
Gebrauch des Grundeigentums durch Teilungen, Länderverkäufe und noch mehr 
durch Wucher gefährdet. Es bildete sich in Stadt und Land das in Preußen 
bisher noch unbekannte Proletariat. Eine Mißernte (1846) vergrößerte die 
Not, von der besonders die gewerbreichen Gegenden der schlesischen und säch- 
sischen Gebirge sowie des Wupperthales zu leiden hatten. Demokratische und 
zum Teil religionslose Schriftsteller und Dichter, wie Heine, reizten die Un- 
zufriedenen noch mehr auf und suchten ihnen jede Achtung vor der göttlichen 
und menschlichen Autorität zu nehmen. Um das Volk — soweit es ihm 
möglich war — zufrieden zu stellen und das Wort seines Vaters einzulösen, 
entschloß sich der König trotz der Abmahnungen Rußlands und Osterreichs, 
am 3. Februar 1847 den „Vereinigten Landtag“ einzuberufen. Er that 
damit den ersten Schritt von der absoluten zu einer verfassungsmäßigen 
Monarchie. Des Königs Bruder, Prinz Wilhelm, erkannte die Wichtigkeit 
dieses Schrittes, indem er sprach: „Ein neues Preußen bildet sich; das alte 
geht mit der Veröffentlichung dieses Gesetzes zu Grabe. Mäöge das neue 
so erhaben und groß werden, wie es das alte mit Ehre und Ruhm ge- 
worden ist!“ 
Der Vereinigte Landtag war aus Abgeoördneten aller Provinzen in ähn- 
licher Weise zusammengesetzt wie die Provinziallandtage, erhielt aber außer 
dem Petitionsrecht und dem Recht, über ihm vorgelegte Gesetzentwürfe sich 
gutachtlich zu äußern, das neue, sehr wichtige Recht, die Genehmigung zu 
Staatsanleihen, zur Einführung neuer Steuern und zur Erhöhung alter zu 
erteilen oder zu versagen. Weiter glaubte der König nicht gehen zu dürfen. 
Bei der Eröffnung des Vereinigten Landtages erklärte er: „Preußens Ge- 
schicke können nur von einem Willen geleitet werden, und dieser muß der 
königliche sein.“ Dem überhandnehmenden Unglauben gegenüber aber bezeugte 
er laut: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“ Aber 
weder dem Landtage, noch dem größeren Teile des Volkes genügte das Ge- 
währte; sie verlangten vielmehr: der Landtag solle nicht nach der veralteten 
ständischen Gliederung zusammengesetzt sein, er solle alljährlich und nicht, wie 
der König wollte, nach Bedürfnis einberufen werden, vor allem aber das Recht 
haben, den Staatshaushalt zu genehmigen. Ohne daß hierüber eine Ver- 
ständigung erreicht wurde, schloß der König den Landtag: er schien sein großes 
Opfer umsonst gebracht zu haben. 
2. Die Rerpplukion von 1848. 
Die Franzosen vertrieben in der Februarrevolution 1848 ihren König 
Louis Philipp wieder, führten zum zweitenmal die Republik ein und wählten 
zum Präsidenten Louis Napoleon, den Sohn Louis Napoleons von Holland 
(S. 192). Da er des Heeres sicher war, nahm er 1852 auf Grund einer 
Volksabstimmung als Napoleon III. den Kaisertitel an. Die Vorgänge in 
Paris ermutigten das deutsche Volk, die Regierungen von neuem um Ge- 
währung größerer Freiheiten und Rechte zu bitten. Die wichtigsten For-
        <pb n="246" />
        240 Zweiter Zeitraum. 
derungen waren: Preßfreiheit, Versammlungsrecht, Verfassung, Schwurgerichte 
und die Einberufung einer Nationalversammlung zur Errichtung eines Bundes- 
staates. Zunächst versammelten sich 500 liberale Männer in Frankfurt a. M. 
und beschlossen, eine aus freien Wahlen hervorgegangene Deutsche National- 
versammlung solle über die künftige deutsche Verfassung beraten und ent- 
scheiden. Die Regierungen gestatteten die Wahlen, und so wurde am 18. Mai 
1848 die Deutsche Nationalversammlung unter Glockengeläute und Kanonen- 
donner in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. eröffnet. Aber welche Unzahl 
von Parteien und Ansichten! Es bedurfte der Ausbietung aller Kräfte des 
tüchtigen Präsidenten Heinrich von Gagern, um die oft stürmischen Debatten 
zu leiten. Nach langen Verhandlungen über die Verfassung des Reiches, das 
noch nicht vorhanden war, einigte man sich, die Frage wegen eines Ober- 
hauptes zu vertagen und vorläufig den als Volksfreund bekannten Erzherzog 
Johann von Osterreich zum „Reichsverweser“ zu erwählen. Die Re- 
gierungen billigten diese Wahl, der Bundestag legte seine Befugnisse in die 
Hand des Reichsverwesers und löste sich auf. Aber bald zeigte sich, daß das 
neue Oberhaupt ohne Macht war: die Bundestruppen sollten ihm huldigen, 
aber selbst Osterreich beachtete diese Aufforderung nicht. 
Inzwischen war auch in Berlin der Aufstand ausgebrochen. Bald 
nach Ausbruch der Revolution in Paris erschienen dort nämlich deutsche, fran- 
zösische und polnische Flüchtlinge, die im Wühlen und im Barrikadenbau geübt 
waren, und sammelten allerlei verdächtiges Gesindel um sich. Um den ehr- 
samen Arbeiter= und Handwerkerstand zu gewinnen, verbreiteten sie eine Schrift, 
in welcher sie den König um ein aus Arbeitgebern und Arbeitern gebildetes 
Ministerium der Arbeiter baten. Als auch Abgeordnete preußischer Städte 
dem Könige die „Forderungen des Volkes“ vortrugen, beschloß er, durch recht- 
zeitiges Nachgeben die Aufregung zu beschwichtigen, und erließ am 18. März 
1848 ein Patent, worin er eine freisinnige Verfassung für Preußen und eine 
gründliche Besserung des Deutschen Bundes verhieß. Zu Tausenden strömte 
das Volk nach dem Schlosse, um dem Könige zu danken. Noch einmal wieder- 
holte er sein Versprechen, und freudiges Hurra war die Antwort. Ein solch 
friedlicher Verlauf war aber den Volksaufwieglern höchst unerwünscht, hatten sie 
doch schon alle Vorbereitungen zu einem Volksaufstande getroffenl! 
Als um zwei Uhr die Menge noch immer dicht gedrängt vor dem Schlosse 
stand und einige sogar in das Schloß einzudringen suchten, ließ der König 
den Schloßplatz durch Militär säubern. Dabei entluden sich durch unglück- 
lichen Zufall zwei Gewehre, und sofort verbreitete sich wie ein Lauffeuer der 
Ruf: „Verrat! Zu den Waffen!“ Wie durch einen Zauberschlag wuchsen in 
allen Stadtvierteln die Barrikaden aus der Erde, zu deren Verteidigung Ar- 
beiter und Bürger, Beamte und Studenten, Straßenjungen und Lumpen ge- 
waffnet herbeieilten. Um vier Uhr griffen die Soldaten an; von den Dächern 
und aus den Fenstern wurden sie mit Steinen und Kugeln bekämpft, dennoch 
rückten sie stetig vor und nahmen eine Straße nach der anderen. Gegen Mitter- 
nacht befahl der König, dem Blutvergießen Einhalt zu thun, aber die ge- 
wonnene Stellung zu behaupten. Auch erließ er eine Ansprache „An meine 
lieben Berliner", worin er diese aufforderte, die noch stehenden Barrikaden
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 241 
wegzuräumen und ihm vertrauensvoll ihre Wünsche vorzutragen, dann sollten 
die Truppen sofort Straßen und Plätze verlassen. Die Volksführer beant- 
worteten diese Ansprache mit Hohn; dagegen betenerte eine Abordnung Ber- 
liner Bürger, die Ruhe würde von ihnen sogleich wieder hergestellt werden, 
sobald das Militär zurückgezogen würde. Nach langem Sträuben gab der 
König trotz des entschiedenen Widerspruchs seines Bruders Wilhelm und des 
kommandierenden Generals den Befehl, die Truppen zurückzuziehen, erließ 
eine allgemeine Amnestie, genehmigte die Bildung einer Bürgerwehr und berief 
ein freisinniges Ministerium. Die abziehenden Truppen wurden von be- 
waffneten Volkshaufen begleitet und verhöhnt, sogar in ihren zerstreut liegenden 
Kasernen ernstlich bedroht; deshalb führte ihr Befehlshaber sie ganz aus der 
Stadt hinweg. Mit verhüllten Fahnen, stumm und unzufrieden, aber treu, 
so zogen sie ab. Damit war in Berlin die Revolution zur Herrschaft ge- 
langt. Der König stand jetzt unter dem Schutze der Bürgerwehr, Prinz 
Wilhelm aber, dem man mit Unrecht Schuld gab, am 18. den Befehl zum 
Blutvergießen gegeben zu haben, mußte seiner eigenen Sicherheit halber Berlin 
verlassen und sich eine Zeitlang in England aufhalten; sein Schloß wurde 
nur durch die Aufschrift „Nationaleigentum“ gerettet. Schon am 19. wurden 
die Leichen der 187 gefallenen Barrikadenhelden wie zur Parade vor das 
Schloß getragen; dennoch erließ der König (am 21.) eine neue Ansprache „An 
mein Volk und an die deutsche Nation“, worin er beteuerte: „Preußen geht 
fortan in Deutschland auf“; Deutschlands Heil liege in der innigen Vereinigung 
seiner Fürsten und Völker unter einer Führung, und diese übernehme er. 
An demselben Tage ritt er dann, von Ministern, Generalen, Bürgern und 
Studenten umgeben, alle mit schwarz-rot-goldenen Binden geschmückt, durch 
die Straßen und verkündete dem Volke in mehreren Ansprachen die neue 
Zeit. Am folgenden Tage wurden die gefallenen Barrikadenkämpfer mit großem 
Aufwand bestattet; während die Leichen am Schlosse vorübergetragen wurden, 
stand der König mit entblößtem Haupte auf dem Balkon. 
In Berlin wurde das gewöhnliche Volk immer mehr gegen die Re- 
gierung und selbst gegen die Bürger aufgehetzt. Diese Aufregung benutzten 
die Polen in Posen zu einem Aufstande, und sie wurden dabei von Deutschen 
selber unterstützt, welche glaubten, durch die Errichtung einer polnischen Re- 
publik das alte Unrecht der Polenteilungen zu fühnen und sich dadurch einen 
dankbaren Nachbarstaat zu schaffen. Der König ließ sofort bedentende Truppen- 
massen in Posen einrücken und stellte die Ruhe bald wieder her. Am 22. Mai 
trat in Berlin die aus freien Wahlen hervorgegangene Preußische National- 
versammlung zusammen. Sic verwarf den von der Regierung ihr vor- 
gelegten Gesetzentwurf, da sie dem Volke die Herrschaft übergeben, den König 
aber zu einem gehorsamen Beamten herabdrücken wollte; auch die zur Wieder- 
herstellung der Ordnung vorgeschlagenen Maßregeln billigte sie nicht, so daß 
der Pöbel seine Herrschaft ungestört fortsetzen durfte. Er plünderte das Zeug- 
haus, wobei die ehrwürdigen Zeichen preußischen Ruhms teils entwendet, teils 
beschimpft wurden; er lieferte der Bürgerwehr förmliche Gefechte und bedrohte 
die Nationalversammlung, um sie zu einem demokratischen Entschlusse zu zwingen. 
Da beschloß der König, Gewalt zu gebrauchen. Er berief auf Veranlassung 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 16
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        242 Zweiter Zeitraum. 
des Abgeordneten Otto von Bismarck-Schönhausen ein neues, thatkräftiges 
Ministerium, an dessen Spitze der Graf Brandenburg stand; die National— 
versammlung wurde vertagt und nach Brandenburg, verlegt, und der aus dem: 
dänischen Kriege heimkehrende Feldmarschall Wrangel rückte (10. November) 
mit genügender Truppenmacht in Berlin ein. Die Berliner, ja das ganze 
Land atmete auf. Er hielt trotz der Berliner Bürgerwehr Unter den Linden 
eine Parade ab, und als die Bevölkerung ihm zujauchzte, besetzte er am fol- 
genden Tage die Hauptstadt wieder, schickte die Volksvertreter samt der Bürger- 
wehr nach Hause und war in kurzer Zeit ohne Blutvergießen Herr der Stadt. 
Damit war die Revolution in Berlin überwunden. 
Die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt a. M. geriet mehr 
und mehr unter die Herrschaft der Demokraten, die, erbittert über den Ver- 
lauf des Kampfes in Schleswig-Holstein (S. 244), besonders den Haß gegen 
Preußen und seinen König schürten; die beiden preußischen Abgeordneten Fürst 
Lichnowski und General von Auerswald wurden (18. Sept.) sogar ermordet. 
Voll Abscheu wandte sich das Volk von solchen Mordthaten ab; zudem verlor 
es allmählich die Teilnahme für die Nationalversammlung, weil sie uneins 
war und über vielem Reden nicht zum Handeln kam. Eine Minderheit 
des Frankfurter Parlaments wollte Deutschland in eine Republik ver- 
wandeln, doch die Mehrheit war für Herstellung eines Deutschen Reichs; 
die einen wollten Osterreich an die Spitze stellen, die anderen Preußen unter 
Ausschluß Osterreichs. Endlich siegte die letztere, die klein deutsche Partei. 
Mit knapper Mehrheit wurde (27. März 1849) die neue Verfassung an- 
genommen, welche die Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten einem erb- 
lichen „Kaiser der Deutschen“ übertrug, der aber durch einen aus Ver- 
tretern der Regierungen und vom Volk gewählten Abgeordneten bestehenden 
Reichstag beschränkt sein sollte. Am folgenden Tage wurde Friedrich 
Wilhelm IV. von Preußen mit geringer Majorität zum Kaiser gewählt, und 
eine Deputation unter Führung des damaligen Präsidenten Simson über- 
brachte diesen Beschluß nach Berlin. Ein bedeutungsvoller Augenblick für 
Preußen und das Haus Hohenzollern! Die besten Freunde des Königs, die 
Vertreter seines Volkes rieten, dem Ruf zu folgen; andere, wie der Abge- 
ordnete von Bismarck und vor allem der Thronerbe Prinz Wilhelm, 
rieten entschieden ab. Der König sah ein, daß er die ihm angebotene Krone 
erst durch einen Kampf mit den übrigen deutschen Staaten, wahrscheinlich 
auch mit Rußland, werde erobern müssen. Er dankte daher den Abgeordneten 
für das ihm entgegengebrachte Vertrauen, wollte aber die angebotene Krone- 
nur im Einverständnis mit den übrigen deutschen Fürsten annehmen. In 
einem Briefe an Arndt sagte er, das ihm angebotene Kaisertum sei nur 
eine Schattenherrschaft gewesen, dafür wolle er sein starkes preußisches König- 
tum nicht hingeben; ebenso äußerte er: „Eine Kaiserkrone kann nur auf 
dem Schlachtfelde errungen werden.“ Viele der Besten unseres Volkes 
bedauerten diese Ablehnung; aber die Folgezeit hat dem Könige recht gegeben. 
Denn die kleineren Fürsten stimmten der Wahl zwar zu, aber Bayern, Sachsen, 
Hannover und ÖOsterreich erhoben Einsprache dagegen. Damit waren die Ar- 
beiten der Nationalversammlung bedeutungslos geworden; die österreichischen
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 243. 
und preußischen Abgeordneten wurden abgerufen; seitdem hatten die Demo- 
kraten die Oberhand. An mehreren Orten trieben sie das Volk zum Auf- 
stande, um dadurch die Regierungen zur Annahme der Reichsverfassung zu 
zwingen; aber preußische Truppen stellten überall die Ordnung bald wieder 
her. Die württembergische Regierung löste das „Rumpfparlament“ zu 
Stuttgart — den letzten demokratischen Rest der Frankfurter Versammlung — 
auf; der Reichsverweser legte sein Amt nieder. Durch Bewilligung der 
Nationalversammlung und aus freiwilligen Gaben war auch eine deutsche 
Flotte beschafft worden, die aber infolge Geldmangels gänzlich verfiel und 
(1852) im Auftrage des Deutschen Bundes versteigert wurdel 
3. Ruswärkige Derkältnisse. 
Die Revolutionsstürme erschütterten Preußen nicht nur im Innern aufs 
heftigste, sondern brachten ihm auch durch Verwickelung in auswärtige Ver- 
hältnisse eine tiefe Demütigung, zunächst in der schleswig-holsteinischen 
Frage. · 
Das Grenzland Schleswig-Holstein hat in eigentümlicher Weise jahrhunderte- 
lang sowohl zu Deutschland wie zu Pänemark gehört. Nachdem während der Völker- 
wanderung Angeln und Sachsen von hier nach England gezogen waren, rückten vom 
Norden die Dänen, vom Südosten die wendischen Obotriten und Wagrier in die 
verlassenen Wohnsitze ein, während im Westen die Friesen sich behaupteten. Karl 
der Große gewann das Land bis zur Eider zurück und errichtete an der Elbe die 
feste Hammaburg. Ansgar predigte hier die christliche Lehre, doch nur mit geringem 
Erfolge; das für ihn gegründete Erzbistum Hamburg mußte wieder aufgegeben 
werden. Heinrich 1. erweiterte das deutsche Gebiet durch Einrichtung der Mark 
Schleswig zwischen Eider und Schlei, infolgedessen die Dänen sich durch Aufwerfen 
eines starken Grenzwalles, des späteren Danewerks, gegen das weitere Vordringen 
der Deutschen zu schützen suchten. Unter den fränkischen Kaisern ging die Mark 
Schleswig wieder verloren; das Land südlich von der Eider aber blieb deutsch und 
umfaßte Stormarn an der Elbe, Dithmarsen an der Nordsee und das Gebiet der 
Holsten (Holtsaten d. i. Waldbewohner). Das Deutschtum machte erst wieder Fort- 
schritte, als Kaiser Lothar 1110 dem Grafen Adolf von Schaumburg Holstein nebst 
Stormarn als Lehen übertrug. Die Schaumburger haben Lübeck gegründet, Wagrien 
mit Holstein vereinigt und in ihrem Gebiete dem Christentum und dem Deutschtum 
zur Herrschaft verholfen. Als der Dänenkönig Waldemar II. das neue Leben im 
Keime zu ersticken suchte, besiegten ihn die vereinigten Sachsen, Rellsteiner, Mecklen- 
burger und Lübecker 1227 bei Bornhöved (südlich von Plön) vollständig. Schleswig 
stand unter einem besonderen Herzog aus dem dänischen Königshause; als das her- 
zogliche Haus ausstarb, belehnte der dänische König 1440 den Grafen Adolf VIII. 
von Holstein mit Schleswig. Mit Adolf erlosch das Schaumburger Haus; die 
schleswig-holsteinischen Stände wählten deshalb 1460 seinen Schwestersohn, den Grafen 
Christian von Oldenburg, der auch König von Dänemark war, zu ihrem Herzog und 
zwar unter der Bedingung, daß Schleswig und Holstein nie getrennt und zu Beamten 
nur Landeskinder genommen werden sollten. Der König von Dänemark suchte auch 
die Dithmarsen zu unterwerfen; die freien Bauern vernichteten zwar, unterstützt durch 
die Natur ihres Landes, die Blüte des dänischen und schleswig holsteinischen Adels 
bei Hemmingstedt (1500), auf die Dauer aber vermochten sie der erstarkenden Königs- 
und Fürstenmacht nicht zu widerstehen: 1559 wurden sie unterworfen. Die Refor- 
mation fand unter Bugenhagens Mitwirkung leicht und rasch Eingang; sie vermittelte 
aufs neue den geistigen Zusammenhang mit Deutschland. Der Dreißigjährige, der 
schwedisch-volnische und der Nordische Krieg haben Schleswig-Holstein in Mitleiden- 
schaft gezogen; dazu wurde die Westküste wiederholt von heftigen Sturmfluten heim- 
gesucht, 1634 die Insel Nordstrand fast ganz von den Fluten verschlungen. Weil der 
16“
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        244. Zweiter Zeitraum. 
König von Dänemark mit Napoleon ein Bündnis schloß, hatten die Elbherzogtümer 
von den Engländern viel zu leiden, die damals Helgoland an sich rissen, das sie nach 
den Befreiungskriegen auch behielten. Holstein, das bis 1806 dem deutschen Reiche 
angehört hatte, wurde auch in den Deutschen Bund ausgenommen. Durch die Be- 
freiungskriege war auch in Schleswig-Holstein das deutsche Bewußtsein reger ge- 
worden; die Dänen aber, die Norwegen verloren hatten, waren jetzt um so eifriger 
bemüht, die für sie so wichtigen Herzogtümer nicht nur festzuhalten, sondern ganz 
dänisch zu machen. Da nun der Mannesstamm des dänischen Königshauses dem 
Aussterben nahe war, in Dänemark die weibliche Linie, in Schleswig eine männliche 
Nebenlinie folgen mußte, so erklärte Christian VIII. durch den „offenen Brief“ (1846), 
daß Schleswig-Holstein stets unzertrennlich mit Dänemark verbunden bleiben, also 
auch in weiblicher Linie forterben solle, während die Schleswig-Holsteiner das be- 
vorstehende Erlöschen der älteren Linie ihres Herrscherhauses zu benutzen gedachten, 
um von Dänemark loszukommen. Herzog Christian, das Haupt der Augustenburger 
Familie, die nach salischem Gesetz zur Erbfolge in Schleswig-Holstein berechtigt 
war, protestierte samt seinem ganzen Hause gegen den „offenen Brief“ und verlangte 
namens der schleswig-holsteinischen Stände eine gemeinsame neue Verfassung für die 
Herzogtümer. 
Christians VIII. Nachfolger Friedrich VII. brachte die Empörung zum 
Ausbruch, indem er Schleswig einverleibte und Holstein eine freie Verfassung 
versprach. Sofort erhoben sich die Schleswig-Holsteiner, und deutsche Turner 
und Studenten eilten ihnen zu Hilfe. Der König von Preußen sandte den 
greisen Feldmarschall Wrangel, der das Danewerk zerstörte und die Dänen 
nach einem Siege bei Düppel aus dem Lande trieb. Als aber preußische 
Truppen auch in Jütland einrückten, um sich für den Schaden zu rächen, 
den die dänische Flotte dem preußischen Handel zufügte, traten die europäischen 
Großmächte dazwischen, die den dänischen Gesamtstaat zu erhalten wünschten; be- 
sonders Rußland nahm eine so drohende Haltung an, daß Friedrich Wilhelm IV., 
der ohnehin die Erhebung der Herzogtümer als eine Art Revolution ansah, 
zu Malmö einen Waffenstillstand auf sieben Monate schloß. Aber die Ver- 
handlungen mit Dänemark zerschlugen sich; im Frühjahr griffen die Bewohner 
der Herzogtümer abermals zu den Waffen, unterstützt von deutschen Bundes- 
truppen. Wieder wurden die Dänen geschlagen, und die schleswig-holsteinische 
Armec verfolgte den Feind bis unter die Thore von Fridericia; die Bundes- 
truppen folgten nur zögernd. Zum zweitenmal ward unter dem Druck aus- 
wärtiger Mächte ein Waffenstillstand geschlossen; die übrigen deutschen Bundes- 
truppen kehrten heim, nur die Preußen hielten noch Schleswig besetzt. Ein 
ganzes Jahr ruhte nun der Krieg; dann schloß Preußen mit Dänemark Frieden 
und überließ die Schleswig-Holsteiner ihrem Schicksal. Aber unverzagt setzten 
diese, obwohl sie vor Fridericia durch die ausfallenden Dänen schon eine em- 
pfindliche Niederlage erlitten hatten, den Krieg gegen den ihnen jetzt weit 
überlegenen Gegner fort. Nachdem sie auch noch bei Idstedt (Juli 1850) 
geschlagen waren, vermochten sie sich nur mit Mühe noch kurze Zeit zu halten. 
Inzwischen hatte sich Preußen auf dem Tage zu Olmütz (S. 246) vor Ruß- 
land und Osterreich gebeugt; Preußen und Osterreich forderten nun von den 
Schleswig-Holsteinern die Einstellung der Feindseligkeiten und sandten Truppen 
ab, um sich Gehorsam zu#erzwingen. In dem Londoner Protokoll (8. Mai 
1852) bestimmten dann die europäischen Großmächte, daß der dänische Ge- 
samtstagt ungeteilt auf den Prinzen Christian von Glücksburg übergehen solle.
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 245 
Unterdes war auch in den außerpreußischen Ländern Deutschlands die 
Revolution unterdrückt worden, zum Teil mit preußischer Hilfe; dem Könige 
von Sachsen eroberte preußische Garde seine Hauptstadt zurück. Nach dem 
Scheitern der Frankfurter Nationalversammlung hatten sich viele Aufrührer 
in Baden und in der Pfalz gesammelt, und ein Teil der badischen Truppen 
war zu ihnen übergegangen. Deshalb baten die badische und die bayrische 
Regierung den König von Preußen um Hilfe, und dieser sandte zwei Armee- 
korps unter dem Oberbefehl seines Bruders Wilhelm, der die Aufständischen 
bald zu Paaren trieb. Sie räumten die Pfalz; in dem Gefecht bei Wag- 
häusel, in welchem des Königs Neffe Prinz Friedrich Karl seine ersten 
Kriegslorbeeren pflückte, wurden sie abermals besiegt und zerstreuten sich. 
Damit war auch in Süddeutschland Nuhe und Ordnung wieder hergestellt. 
Die Pläne Friedrich Wilhelms IV., die deutschen Staaten mit Ausnahme 
OSsterreichs unter Preußens Führung zu einigen, scheiterten. Zwar schloß er 
mit den Königen von Sachsen und Hannover den „Dreikönigsbund“, der 
sich durch Hinzutritt einiger kleinerer Staaten zu der „Union“ erweiterte; 
aber Bayern und Wirttemberg wollten sich nicht unter Preußens Führung 
stellen und fanden einen Halt an Osterreich, das sich jetzt wieder stark fühlte, 
nachdem es mit russischer Hilfe auch in Ungarn die Revolution unterdrückt 
hatte. Zunächst zog Österreich die beiden süddeutschen Königreiche an sich, 
mit des Zaren Hilfe wurden dann auch Sachsen und Hannover der Union 
wieder abtrünnig gemacht. Wohl berief Friedrich Wilhelm ein aus Abge- 
ordneten der Unionsstaaten gebildetes Parlament nach Erfurt, das die von 
Preußen vorgeschlagene Reichsverfassung auch annahm; da er aber keinen 
Zwang anwenden wollte, verringerte sich die Zahl der Bundesglieder immer 
mehr, so daß Osterreich im Bunde mit den deutschen Mittelstaaten es unter- 
nehmen konnte, im Mai 1850 den verhaßten Bundestag in Frankfurt wieder 
ins Leben zu rufen. So war Deutschland in zwei Lager gespalten. 
Auch Kurhessen gehörte der Union an, und seine Verfassung war von 
derselben gewährleistet worden. Als der Kurfürst nun unter dem Einfluß 
seines Ministers Hassenpflug die Union verließ und wiederholt die Verfassung 
verletzte, verweigerten ihm die Beamten, Offiziere, Städter und Landbewohner 
den Gehorsam; deshalb flüchtete er mit seinem Minister nach Frankfurt und 
rief den Deutschen Bund um Hilfe an, der sie auch bereitwilligst gewährte. 
In dessen Auftrage rückten bayrische Truppen in Kurhessen ein, und da man 
Preußens Einschreiten fürchtete, so rüsteten auch sterreich, Sachsen und Württem- 
berg. Preußen fühlte sich schon als Haupt der Union zum Schutze der hessischen 
Verfassung verpflichtet und durfte auch deshalb eine Besetzung Hessens durch 
fremde Truppen nicht dulden, weil dadurch die Verbindung zwischen seinen 
östlichen und seinen westlichen Provinzen zerrissen worden wäre. So schien 
der Krieg unvermeidlich. Da trat auch noch Zar Nikolaus I. auf Österreichs 
Seite, und Preußen war damit vor die Entscheidung gestellt, zurückzuweichen, 
oder den Kampf mit Osterreich, Rußland und vielleicht auch England auf- 
zunehmen. Hierzu war es bei seiner damaligen Heeresverfassung nicht im- 
stande. Vergebens sandte der König seinen Minister Grafen Brandenburg 
nach Warschau zum Zaren, um diesen für die preußischen Bestrebungen in
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        246 Zweiter Zeitraum. 
Deutschland zu gewinnen; der Zar verlangte, Preußen solle die „aufrühre— 
rischen“ Schleswig-Holsteiner und die „eidbrüchigen“ Kurhessen nicht gegen 
ihren rechtmäßigen Landesherrn unterstützen. Das preußische Volk war über 
diese russische Einmischung erbittert und wünschte den Krieg, der König aber 
hielt ihn für aussichtslos. Er berief die Truppen, die schon in Hessen ein— 
gerückt waren, wieder zurück, ließ abrüsten und unterwarf sich in Olmütz 
allen Forderungen Osterreichs und Rußlands (29. November 1850). Preußen 
gab die Union auf, erklärte sich damit einverstanden, daß die Schleswig- 
Holsteiner und Kurhessen zur Ruhe gebracht wurden, und erkannte später 
sogar den Bundestag wieder an. 
4. Jriedrich Wilhelms IV. FJriedensarbeit. 
Friedrich Wilhelm war nicht ein Held des Schwertes; seine Verdienste 
liegen auf dem Gebiete der Friedensthätigkeit. Nachdem er die nach Branden- 
burg verlegte, aber bedeutungslos gewordene Preußische Nationalversammlung 
aufgelöst hatte, gewährte er dem Lande (5. Dezember 1848) eine freisinnige 
Verfassung. Diese „oktroyierte Verfassung“ wurde dann von den auf Grund 
eines gleichzeitig erlassenen Wahlgesetzes erwählten Abgeordneten beraten und 
teilweise geändert, die so „Revidierte Verfassung“ vom Könige beschworen 
und am 31. Januar 1850 eingeführt. Damit war Preußen in die Reihe 
der Verfassungsstaaten eingetreten.= 
Der Hauptinhalt der Verfassung ist folgenderr Z Z 
An der Spitze des Staates steht der König. Die Königswürde vererbt im 
Mannesstamme des Hohenzollernschen Königshauses nach dem Recht der Erstgeburt. 
Der König ernennt und entläßt die Minister, die übrigen Staatsbeamten und die 
Offiziere; er hat das Recht der Strafmilderung und Begnadigung, beruft, eröffnet 
und schließt den Landtag, bestätigt durch seine Unterschrift die von demselben ange- 
nommenen Gesetze, läßt sie veröffentlichen und wacht über deren Ausführung. Er 
ist auch der oberste Bischof der evangelischen Landeskirche. . 
Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich. Die pvernliche Freiheit ist gewähr- 
leistet, die Wohnung und das Eigentum unverletzlich. Niemand darf seinem gesetz- 
lichen Richter entzogen werden. Die Freiheit des religiösen Bekenntnisses wird ge- 
währleistet; der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist von dem 
religiösen Bekenntnis unabhängig. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Eltern 
dürfen ihre Kinder nicht ohne den Unterricht lassen, welcher für die öffentlichen Volks- 
schulen vorgeschrieben ist. Alle öffentlichen und Privat-Unterrichts= und Erziehungs- 
anstalten stehen unter der Aufsicht vom Staate ernannter Behörden. In der 
öffentlichen Volksschule wird der Unterricht unentgeltlich erteilt. Alle Preußen 
haben das Recht, ihre Meinung durch Wort, Schrift und Bild frei zu äußern, sich 
ohne vorgängige obrigkeitliche Erlaubnis friedlich und ohne Waffen in geschlossenen 
Räumen zu versammeln, in Gesellschaften sich zu vereinigen, an Behörden und an 
den König Bittschriften zu richten. Alle Preußen sind wehrpflichtig. Das Brief- 
geheimnis ist unverletzlich. 1 
Die Gesetzgebung in Preußen wird ausgeübt durch den König und den 
Landtagj letzterer besteht aus dem Herrenhause und dem Abgeordnetenhause. 
Die Ubereinstimmmg des Königs und beider Häuser des Landtags ist zu jedem Gesetz 
erforderlich. Dem Könige sowie beiden Häusern des Landtags steht das Recht zu, 
Gesetze vorzuschlagen. # 
Das Herrenhaus besteht aus Prinzen des Königlichen Hauses, sobald sie 
vom Könige dazu berufen werden, aus Mitgliedern mit erblicher Berechtigung und 
aus Mitgliedern, welche auf Lebenszeit berufen werden. Die Bab## der Herrenhaus- 
mitglieder ist nicht beschränkt.
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm TV. 247 
Das Abgeordnetenhaus besteht aus 433 Mitgliedern: die vom Volke in 
offener, indirekter Wahl gewählt werden. Die Legislaturperiode währt 5 Jahre. 
Jeder Preuße, welcher das 25. Lebensijahr vollendet hat und in der Gemeinde, in 
welcher er seinen Wohnsitz hat, die Befähigung zu den Gemeindewahlen besitzt, ist 
stimmberechtigter Urwähler. Wählbar ist jeder mindestens 30 Jahre alte Preuße, der 
im Vollbesitz der bürgerlichen Ehrenrechte ist und mindestens ein Jahr in Preußen 
gewohnt hat. (Aktives, passives Wahlrecht.) 
Auf je 250 Einwohner ist ein Wahlmann zu wählen. Die Urwähler eines 
Wahlbezirks werden nach der Höhe der von ihnen zu entrichtenden direkten Staats- 
steuer in drei Abteilungen gebracht, so daß auf jede Abteilung ein Drittel der Ge- 
samtsumme der Steuerbeträge aller Urwähler entfällt. Die erste Abteilung besteht 
aus denjenigen Urwählern, welche die höchsten Steuern zahlen. Die Wahlmänner 
des ganzen Bezirks wählen den " 
Abgeordneten. Der Landtag wird 
vom Könige regelmäßig alljähr- 
lich und außerdem, so ast es die 
Umstände erheischen, einberufen. 
Der König kann den Landtag 
auch vertagen und das Abge— 
ordnetenhaus auflösen; in letz- 
terem Falle muß eine Neuwahl 
stattfinden. Beide Häuser des 
Landtags beraten getrennt. Die 
Zustimmung des Landtags ist 
erforderlich zu jedem Gessetze, 
zur Feststellung des jährlichen 
Staatshaushalts, zur Aufnahme 
von Staatsanleihen, zur Ein- 
führung neuer und Erhöhung 
bisher schon erhobener Steuern, 
zum Abschluß von Verträgen, 
welche dem Staate neue Lasten 
auferlegen oder das Staats- 
gebiet ändern. Außerdem steht 
dem Landtage die Aufsicht über „ 
alle Zweige der Staatsverwal- Prinz Adalbert. 
tung zu. 
Das preußische Volk empfand den Tag von Olmütz wie ein zweites 
Jena. Osterreich aber triumphierte und suchte Preußen noch den Einfluß zu 
entreißen, welchen es als Vormacht des Zollvereins ausübte. Da die unter 
den Zollvereinsstaaten abgeschlossenen Verträge mit dem Jahre 1853 ab- 
liefen, bot Osterreich alles auf, um selber in den Zollverein aufgenommen zu 
werden und dadurch Preußens Ubergewicht unschädlich zu machen, oder mit 
den süddentschen Staaten einen neuen Zollverein zu schließen. Aber Preußen 
blieb fest, zudem waren die übrigen deutschen Staaten durch ihre Lage oder 
ihre wirtschaftlichen Verhältnisse auf Preußen angewiesen; deshalb erneuerten 
sie die alten Verträge abermals auf zwölf Jahre (bis Ende 1865), auch 
Hannover und Oldenburg traten jetzt bei. Zum Schutze des Handels über- 
nahm Preußen für die übrigen Staaten des Zollvereins die Last der See- 
wehr, erwarb Kriegsschiffe und kaufte 1853 von Oldenburg am Jadebusen 
ein Stück Landes zur Erbauung eines Kriegshafens, der 1869 unter dem 
Namen Wilhelmshaven eröffnet wurde. Die kleine Flotte vergrößerte 
sich unter der Leitung des Prinzen Adalbert allmählich und konnte
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 240 
schon 1856 einen Angriff auf die an der nordafrikanischen Küste hausenden 
„Riffpiraten“ wagen. — Eine kleine Vergrößerung erfuhr Preußen dadurch, 
daß ihm die hohenzollernschen Fürsten von Hechingen und von Sig- 
maringen 1850 ihre Länder (1142 qklm mit 65000 Bewohnern) gegen 
ein Jahresgehalt abtraten. Dagegen verzichtete Preußen (1857) auf die 
ihm aus der oranischen Erbschaft zustehende Landeshoheit in Neuenburg 
(S. 88), der sich dieses Ländchen schon 1848 entzogen hatte. 
Die Friedenszeit kam zunächst den Landbewohnern zu gute, die auch 
von den Unruhen der Revolution fast ganz unberührt blieben. Noch mehr 
als schon unter Friedrich Wilhelm III. zeigten sich jetzt die Früchte der Bauern- 
befreiung, der Gemeinheitsteilung und des Schulzwanges. Der Bauer war 
fortan mehr befähigt und bestrebt, die Neuerungen im landwirtschaftlichen 
Betriebe zu benutzen: er rundete seinen Besitz ab und vergrößerte ihn durch 
Neukultur. Allein in drei Jahren (1849— 552) wurden in Preußen über 
10000 qkm urbar gemacht. Noch auffälliger hob sich besonders infolge der 
Benutzung der Dampfkraft die Industrie. Schon die erste Industrieaus- 
stellung in Berlin (1844) zeigte, welch hohen Aufschwung das deutsche Ge- 
werbe genommen; auf der Weltausstellung in London (1851) und noch 
mehr auf der in Paris (1855) mußten Engländer und Franzosen zugestehen, 
daß sie von den Deutschen in mehreren Industriezweigen bereits übertroffen 
seien. Elberfeld -Barmen konnte in Geweben mit Manchester, Solingen in 
Stahlwaren mit Lüttich erfolgreich wetteifern. Krupps Gußstahlwerk in Essen 
erhob sich zum ersten Stahlwerk und zur größten Geschützfabrik der Erde. 
Borsig in Berlin, der (1841) die erste Lokomotive auf deutschem Boden er- 
baute, überflügelte im Maschinenbau die Engländer. Mit dem Gewerbe hob 
sich auch der Handel, der seinerseits wieder das Gewerbe förderte, während 
beide durch das stetig sich erweiternde Netz der Eisenbahnen die größte 
Unterstützung fanden. Der König stand diesen freundlicher gegenüber als 
sein Vater, gewährte den Eisenbahngesellschaften manche Vergünstigungen und 
ließ auch einige Strecken auf Staatskosten erbauen; die Eisenbahnbrücke bei 
Dirschau gehörte lange Zeit zu den großartigsten Brückenbauten der Welt. 
Gegen Ende der Regierung Friedrich Wilhelms gab es in Preußen gegen 
5000 km Eisenbahnen, und das ganze Königreich wurde von mehreren 
Leitungen des elektrischen Telegraphen durchzogen. Diesem Aufschwunge 
des Landes entsprechend errichtete der König 1848 das (7.) landwirt- 
schaftliche Ministerium und das (8.) Ministerium für Handel, Ge- 
werbe und öffentliche Arbeiten. 1 
Mit noch größerer Vorliebe pflegte der König das geistige Wohl seines 
Volkes. Um der Volksschule einen streng religiösen Charakter zu wahren, 
erließ er „die drei preußischen Regulative vom 1., 2. und 3. Ok- 
tober 1854 über Einrichtung des evangelischen Seminar-, Präparanden= und 
Elementarschulunterrichts“, durch welche er diesen Anstalten bestimmte, wenn 
auch niedrig bemessene Ziele steckte. Die Wissenschaft fand damals nirgends 
bessere Pflege als in Preußen (S. 233). Hier wirkten die Sprachforscher 
Jakob und Wilhelm Grimm, der Geograph Karl Ritter, die Geschicht- 
schreiber Mommsen, Giesebrecht, Max Duncker, Curtius, von Sybel
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        Der Dom zu Köln. 
          
                 
      
    
  
  
  
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        7. Erhebun Preußegns zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 251 
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Reiterstandbild- Friedrichs des Großen in Berlin von Rauch.
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        252 Zweiter Zeitraum. 
und Leopold von Ranke; ferner die Brüder Alexander und Wilhelm 
von Humboldt, Helmholtz, der Erfinder des Augenspiegels, Ehrenberg, 
der Erforscher der Infusorien, Dove, der Begründer der Meteorologie, und 
der berühmte Augenarzt Gräfe. Auch Dichter wie Tieck, Wilhelm von 
Schlegel und Rückert wußte der König nach Berlin zu ziehen; andere wie 
Geibel und R. Löwenstein erfreuten sich seiner Freigebigkeit. Von den Künsten 
schätzte der König besonders die Baukunst. Er verschönerte das Königliche 
Schloß in Berlin durch Erbauung der Schloßkapelle mit der majestätischen 
Kuppel, errichtete das Neue Museum, dessen Treppenhaus Kaulbach mit 
kulturgeschichtlichen Wandgemälden schmückte, und baute das vom Feuer zer- 
störte Opernhaus wieder auf. In der Stille des Parkes von Sanssouci ließ 
der König die Friedenskirche erbauen, in der er einst ruhen wollte; die 
  
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Alexander von Humboldt. Wilhelm von Humboldt. 
Marienburg (S. 15), das Schloß Stolzenfels bei Koblenz, die Burg Hohen— 
zollern (S. 39), das Münster zu Aachen, der Kölner Dom, im ganzen 130 Kirchen 
wurden durch den König wiederhergestellt und 300 neu gebaut. Der Bildhauer 
Rauch (S. 233) schuf das herrliche Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 
Drake das Marmorbild Friedrich Wilhelms III. im Tiergarten. Auch der 
Musik wandte er seine Teilnahme zu; vor allem erfreuten sich Mehyerbeer 
und Mendelssohn-Bartholdy des königlichen Wohlwollens. 
« Schon als Kronprinz hatte Friedrich Wilhelm die Stammburg seines Geschlechts 
besucht und für deren Ausbesserung Sorge getragen; als König, und nachdem das 
Ländchen Hohenzollern an Preußen abgetreten war, hat er sie in alter Herrlichkeit 
wieder aufbauen lassen. Hoch oben auf dem Adlerthor, dem Haupteingange zur 
Burg, steht der mächtige preußische Adler mit dem Zollernschild auf der Brust und 
darunter der von Friedrich Wilhelm IV. geschaffene Wahlspruch des königlichen 
Hausordens von Hohenzollern: Vom Fels zum Meer. Was der König damit 
andeuten wollte, sagt der Dichter O. F. Gruppe mit folgenden Worten: 
Vom Fels zum Meer! Vom Hohenzollern 
Stiegt ihr herab in breites Land, 
Ein Strom mit Wogen, immer vollern, 
Der niemals sich verläuft im Sand.
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        7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 253 
Vom Fels zum Meer sei ganz vollendet 
Der Hohenzollern große Bahn, 
Von ihren Höhen uns gesendet! 
Vom Fels zum Mecer! Zum Ozean! 
  
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Die Friedenskirche bei Potsdam. 
Friedrich Wilhelm hat aber nicht nur durch Kirchenbauten sein Interesse 
für die Kirche bezeugt. Mit Betrübnis bemerkte er das Uberhandnehmen des 
Unglaubens und der Jagd nach irdischem Glück. Um der cvangelischen Kirche 
eine freiere Wirksamkeit zu ermöglichen, stellte er sie (1850) unter eine eigene
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        254 Zweiter Zeitraum. 
Behörde, den „Evangelischen Oberkirchenrat“, und beabsichtigte schon 
durch Gewährung einer Synodalordnung eine größere Beteiligung der Laien 
am Kirchenwesen. Noch erfolgreicher war das Bestreben, dem kirchlichen Leben 
durch die innere Mission aufzuhelfen. Der edle Wichern hatte das Rauhe 
Haus bei Hamburg, ein Rettungs= und Brüderhaus, Pastor Fliedner das 
Diakonissenhaus zu Kaiserswerth gegründet; beide Anstalten wurden ein Vor- 
bild für ganz Deutschland. Alle solche Bemühungen, durch werkthätige christ- 
liche Liebe den Glauben des Volkes zu befruchten, fanden bei dem frommen 
Königspaar thatkräftige Unterstützung; z als Heimstätte für freiwillige Kranken- 
pflege errichtete der König in Berlin das Krankenhaus Bethanien. — Im 
Verein mit England stiftete er ein evangelisches Bistum in Jerusalem. 
Die Aufregungen der unruhigen Jahre 1848—1852 hatten den leb- 
haften, aber sehr reizbaren Geist des Königs hart angegriffen; schon seit Jahren 
bemerkte man eine Veränderung in seinem Wesen, dann trat die Krankheit, 
ein schweres Gehirnleiden, offen zu Tage. Zunächst übernahm 1857 der Prinz 
von Preußen die Stellvertretung seines Königlichen Bruders, dann aber, 
als sich herausstellte, daß der König von einer unheilbaren Geistesstörung 
befallen sei, 1858 die Neg entschaft, also die selbständige Leitung der Staats- 
geschäfte. Erst am 2. Januar 1861 wurde der schwer heimgesuchte König 
von seinem mit Ergebung getragenen Leiden, das dic edle Königin auf jede 
Weise zu mildern suchte, erlöst. Seine irdischen Überreste wurden in der 
Friedenskirche bei Potsdam bestattet, sein Herz aber in einer Metallkapsel zu 
den Füßen seiner Eltern beigesetzt. Sein Bruder und Nachfolger König 
Wilhelm sagte von dem Entschlafenen: „Niemals hat eines Königs Herz treuer 
für seines Volkes Wohl geschlagen. Dem Könige, der so Großes zu be- 
gründen wußte, und dessen unvergeßliches Wort: Ich und mein Haus, 
wir wollen dem Herrn dienens, auch Meine Seele erfüllt, gebührt 
ein hervorragender Platz in der glorreichen Reihe der Monarchen, welchen 
Preußen seine Größe verdankt, welche es zum Träger des deutschen Geistes 
machten.“
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        Dritter Zeitraum. 
Breußen als Vormacht des Deutschen Kaiserreichs. 
I. Die Errichtung des Deutschen Reichs 
durch Kaiser Wilbelm den Großen. 
1861-1888. 
1. Jugend und erlke Regierungsjahre 
1 Willelms I. 
rinz Wilhelm, der zweite Sohn Friedrich Wil- 
helms III., war am 22. März 1797 geboren. Da er 
als Kind oft krank war, erfreute er sich in besonderem 
Maße der sorgsamen Pflege seiner Mutter, der Königin 
Luise. Als mit dem Tage von Jena die schwere Heim- 
suchung über das Königliche Haus und das ganze Land 
hereinbrach, war der Prinz schon alt genug, den Schmerz 
mitzuempfinden, und unauslöschlich prägte sich ihm das 
V## Bild der weinenden Mutter ein, die auf der Flucht in Schwedt 
190 zu ihren Söhnen sprach: „Ihr seht mich in Thränen, ich beweine 
den Untergang der Armee. Handelt, entwickelt eure Kräftel! 
Vielleicht läßt Preußens Schutzgeist sich auf euch her- 
nieder!“ Schon nach wenigen Jahren mußte er an dem Sterbe- 
lager der geliebten Mutter stehen. Der Kronprinz war lebhaft, voll geist- 
reicher Einfälle, Prinz Wilhelm dagegen wie der Vater, mit dem er auch 
äußerlich die meiste Ahnlichkeit hatte, einfach, bieder und verständig; schon 
früh zeigte sich seine große militärische Begabung. Wegen seiner nicht festen 
Gesundheit durfte er 1813 nicht sofort mit ins Feld ziehen; wie freute er 
sich daher, als sein Vater ihn bald nach der Schlacht bei Leipzig abholte. 
In dem Gefecht bei Bar fur Aube (S. 218) erwarb er sich durch seine 
Unerschrockenheit den russischen Georgsorden und das Eiserne Kreuz; auch 
zog er zweimal mit in Paris ein. Nach dem Kriege widmete er sich ganz 
der militärischen Laufbahn und wurde durch Pünktlichkeit, praktischen Blick 
und reiche Kenntnisse das Vorbild des ganzen Heeres. 
Da die Ehe des Kronprinzen kinderlos blieb, so wurde Prinz Wilhelm 
nach des Vaters Tode zum Thronerben ausersehen und erhielt den Namen 
Prinz von Preußen; er stand seitdem seinem Königlichen Bruder treu zur 
Seite und ordnete die militärischen Angelegenheiten fast selbständig. In den 
Revolutionstagen (1848) riet er dem Könige, nicht nachzugeben, und mußte 
    
   
   
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        256 Dritter Zeitraum. 
deswegen vor der Wut des Volkes das Land verlassen; als er hörte, daß 
man an sein Palais das Wort „Nationaleigentum“ geschrieben habe, sagte er: 
„Nicht mein Palais, wohl aber mein Herz gehört der Nation.“ Mit der 
Ablehnung der Kaiserkrone war er durchaus einverstanden. Er schrieb damals: 
  
  
„Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern. Daß 
Preußen bestimmt ist, an die Spitze von Deutschland zu kommen, 
liegt in unserer ganzen Geschichte.“ Im Juni 1849 zum Ober- 
befehlshaber der Armee in Baden und in der Pfalz ernannt, offenbarte er 
zum erstenmal sein Feldherrntalent: in weniger als einem Monat trieb er 
alle Aufständischen auseinander oder über die schweizerische Grenze. — Seit
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 257 
dem 11. Juni 1829 war der Prinz mit der Prinzessin Augusta von 
Sachsen-Weimar vermählt, die ihren Gemahl am 18. Oktober 1831 mit 
einem Sohne, dem Prinzen Friedrich Wilhelm, und 1838 mit einer Tochter, 
der Prinzessin Luise, beschenkte. Am liebsten weilte der Prinz von Preußen 
  
  
auf Schloß Babelsberg, das er sich an den lieblichen Havelseen bei Potsdam 
hatte erbauen lassen; doch wohnte er in den letzten Jahren als Militär- 
gouverneur von Rheinland und Westfalen meistens in Koblenz, wo seine Ge- 
mahlin die berühmten Rheinanlagen schuf. 
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 250 
Als Stellvertreter des Königs (seit 1857) hatte der Prinz die Regierung 
mit Selbstverleugnung ganz im Sinne seines Bruders geführt; als Prinz- 
regent (seit 1858) aber war er selber verantwortlich und durfte nach eigener 
Uberzeugung handeln. Vor versammeltem Landtage schwur er, die Verfassung 
des Landes unvperbrüchlich zu halten, berief ein liberales. Ministerium und 
legte ihm in klaren, entschiedenen Worten die Grundsätze dar, nach denen er 
die Regierung zu führen gedenke. Das Wohl der Krone und das des Landes, 
sagte er, sei unzertrennlich. Die Armee, die Preußens Größe geschaffen, müsse 
mächtig und angesehen sein; nach außen müsse Preußen seine Unabhängigkeit 
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wahren, in Deutschland nur moralische Eroberungen machen. Die Welt müsse 
wissen, daß es überall das Recht zu schützen bereit sei. Bald sollte Europa 
erfahren, daß in Preußen das Staatsruder in fester Hand ruhte. 
In dem Kriege, den 1859 Sardinien mit französischer Hilfe gegen 
Osterreich um die Vorherrschaft in Italien und um die Einigung dieses 
Landes führte und in dem Osterreich die Lombardei verlor, sah sich Preußen 
genötigt, zur Verhütung eines französischen Ubergriffs einen Teil seines Heeres 
kriegsbereit zu machen. Dabei wurden empfindliche Mängel des preußischen 
Heerwesens bloßgelegt. Obwohl nämlich seit 1814 jeder Preuße wehrpflichtig war, 
wurden trotz der stetigen Zunahme der Bevölkerung von 11 auf 18 Millionen 
doch jährlich nur 40 000 Rekruten eingezogen; da sie drei Jahre in der Linie 
177
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        260 Dritter Zeitraum. 
und nur zwei Jahre in der Reserve, dann je sieben Jahre in der Landwehr 
ersten und zweiten Aufgebots dienten, so mußte man bei einer Mobilmachung, 
um ein hinreichend großes Heer aufstellen zu können, sofort die Landwehr 
ersten Aufgebots mit einziehen, wodurch viele Familienväter ihren Familien 
entzogen wurden, während viele junge, aber nicht dienstpflichtige Leute zu Hause 
blieben. Sobald daher der Prinzregent am 2. Januar 1861 den Thron 
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Moltke. 
bestiegen hatte, nahm er die Heeresorganisation sofort in Angriff. Nach 
seinem Wunsche sollte die Zahl der jährlich auszuhebenden Rekruten um die 
Hälfte erhöht, die Dienstzeit in der Reserve um drei Jahre verlängert, die 
in der Landwehr um dieselbe Zeit verkürzt werden. Der Grundgedanke dieser 
Heeresreform ist König Wilhelms „eigenstes Werk“, zu ihrer Ausführung berief 
er 1859 vor allem den General von Roon zum Kriegsminister, der den 
Entwurf im einzelnen durcharbeiten und vor dem Landtage vertreten sollte. 
An der Spitze des Generalstabes stand seit 1858 der General von Moltke
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 
261 
Albrecht von Roon, als Sohn eines Rittergutsbesitzers bei Kolberg geboren, 
war dem Prinzen Wilhelm während des Feldzuges in Baden bekannt geworden und 
wurde später von ihm beauftragt, 
einen Plan über die Umgestaltung 
des Heeres auszuarbeiten. Den glän- 
zendsten Beweis für seine Tüchngkeit 
legte Roon 1870 durch die Mobil- 
machung des Norddeutschen Heeres ab. 
Hellmuth von Moltke wurde 
1800 als Sohn eines dänischen Offiziers 
in der mecklenburgischen Stadt Parchim 
geboren, war zuerst dänischer Offizier, 
trat dann aber in preußische Dienste. 
Durch eine vorzügliche Arbeit gewann 
er das Wohlwollen des Prinzen Wilhelm 
und ward zum großen Generalstabe 
kommandiert. Vier Jahre hielt er sich 
im Morgenlande auf und beteiligte sich 
an der Neugestaltung des türkischen 
Heeres. Bald nach seiner Rückkehr 
wurde er Adjutant des späteren Kaisers 
Friedrich, den er auf dessen weiten 
eisen begleitete. Die Pläne für die 
Feldzüge des preußischen und deutschen 
Heeres von 1864, 1866 und 1870 sind 
Moltkes Werk. 
Dem Landtage, der die 
Heeresreform genehmigen und vor 
allem das für die Einstellung einer 
größeren Zahl von Rekruten er- 
forderliche Geld bewilligen mußte, 
wollte der Nutzen der Heeres- 
verbesserung nicht einleuchten; die 
einen fürchteten eine Uberbürdung 
des Volkes, die andern tadelten die 
Zurücksetzung der Landwehr, die 
sich doch 1813 so unsterbliche Ver- 
dienste erworben habe. Trotz der 
klaren und sachlichen Verteidigung 
Roons bewilligte der Landtag die 
geforderten Geldmittel nur auf ein 
Jahr, lehnte aber die übrigen neuen 
Bestimmungen des Wehrgesetzes ab. 
Der König war fest entschlossen, 
die von ihm als notwendig erkannte 
Heeresreform nicht aufzugeben, und 
verlieh den neugebildeten Regimen- 
     
  
    
  
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Standbild Wilhelms I. im Krönungsornat 
vor dem Schlosse zu Königsberg. 
tern Fahnen und Standarten. Das Herrenhaus stand auf seiner Seite; das 
Abgeordnetenhaus aber gewährte die Mittel wieder nur auf ein Jahr. 
Das Volk war von Aufwieglern bereits so verhetzt, daß der Student Becker, 
ein geborener Deutsch-Russe, den König während seines Sommeraufenthaltes
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        262 Dritter Zeitraum. 
in Baden-Baden als einen Feind des Volkes zu ermorden versuchte. Zum 
Glück wurde der König nur leicht verwundet; er ließ sich dadurch auch nicht 
erbittern, beschränkte die Volksfreiheit nicht, fand vielmehr Trost in dem Ge— 
danken, daß Gott ihn sichtbarlich beschützt habe, und stellte sich fortan noch 
entschiedener unter seine Führung. Um sich vor ihm in Demut zu beugen 
und vor aller Welt zu bekunden, daß er die Krone nur Gott verdanke, ließ 
er sich am 18. Oktober 1861 zu Königsberg feierlich krönen. Indem er wie 
einst sein Ahnherr selber die Krone sich aufsetzte, sprach er: „Ich empfange 
diese Krone von Gottes Hand.“ Dies Wort war nicht nach dem Herzen der 
Demokraten, die ihre Wühlercien jetzt um so eifriger fortsetzten. 
  
Bismarck. 
Bei der Neuwahl zum Abgeordnetenhause erlangte die sogenannte „deutsche 
Fortschrittspartei" die Oberhand; wieder wurde die Militärvorlage abgelehnt, 
aber um so entschiedener bestand der König auf deren Durchführung und 
berief dazu in Otto von Bismarck den geeigneten Mann (1862). 
Otto von Bismarck, am 1. April 1815 auf Schönhausen in der Altmark 
geboren, entstammt einem alten brandenburgischen Adelsgeschlechte. Er studierte 
Rechtswissenschaft. Nach bestandenem Examen war er ein Jahr Referendar und 
arbeitete noch zwei Jahre in der Verwaltung, dann kehrte er auf sein väterliches Gut 
zurück. In dem Vereinigten Landtage focht er mit seltener Unerschrockenheit,
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 263 
schneidender Schärfe und unübertrefflicher Schlagfertigkeit den Kampf für Monarchie 
und Christentum, und ebenso lernte ihn der König in den Revolutionstagen als einen 
unerschrocknen, königstreuen Mann schätzen. 1851 zum preußischen Gesandten beim 
Deutschen Bunde ernannt, verteidigte Bismarck acht Jahre lang Preußens Macht 
und Ehre gegen Osterreichs Uberhebung; von 1859 bis 1862 war er in gleicher 
Eigenschaft in Petersburg und darauf noch ein halbes Jahr in Paris. Im Sep- 
tember 1862 ward Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen; diese einflußreiche 
Stellung hat er neben der eines Reichskanzlers (seit 1871) bis 1890 bekleidet. Für 
seine großen Verdienste um Preußen und Deutschland ist er 1865 in den Grafen- 
stand, 1871 in den Fürstenstand und 1890 beim Austritt aus dem Staatsdienst zum 
Herzog von Lauenburg erhoben worden. Die Dankbarkeit des deutschen Volkes 
zeigte sich am deutlichsten durch die allgemeine Ehrenfeier seines 70. und seines 80. Ge- 
burtstages sowie durch die zahlreichen Huldigungen, welche dem Altreichskanzler in 
seinem Ruhesitze Friedrichsruh dargebracht wurden. In Friedrichsruh ist er am 
30. Juli 1898 gestorben; dort hat er auch nach seinem Wunsche im Schatten des 
7 
Sachsenwaldes seine letzte Ruhestätte gesunden. 
In Preußen war Bismarck als der „bestgehaßte Junker“ bekannt, deshalb 
empfing ihn die Mehrheit des Abgeordnetenhauses mit Mißtrauen. Er trat 
den Abgeordneten zuerst mit versöhnlichen Worten entgegen und erklärte, er 
wolle dasselbe wie sie: die ungünstigen Grenzen Preußens und die deutschen 
Bundesverhältnisse verbessern; „aber,“ fuhr er fort, „nicht durch Reden 
und Mehrheitsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit ent- 
schieden, sondern durch Blut und Eisen.“ Deshalb müßten sie auch 
die für die Heeresreform erforderlichen Mittel bewilligen. Aber wieder ver- 
weigerte das Abgeordnetenhaus diese Mittel, während das Herrenhaus sie 
genehmigte. Da schloß Bismarck im Auftrage des Königs den Landtag und 
erklärte, die Regierung werde die notwendigen Ausgaben auch ohne die Ge- 
nehmigung des Landtages bestreiten, hoffe aber auf nachträgliche Genehmigung. 
Der König litt schwer unter diesem Verfassungskonflikt. „Ich schlafe 
keine Nacht!“ klagte er und war bereit, zu Gunsten seines Sohnes abzudanken, 
wenn es zum Wohle des Landes beitragen könne; der Kronprinz aber erklärte, 
er halte die Heeresreform ebenfalls für unbedingt notwendig. Auch die aus- 
wärtigen Verhältnisse trugen noch dazu bei, den Zwist zwischen der Regierung 
und dem Abgeordnetenhause zu verschärfen. Ende 1862 brach nämlich im 
russischen Polen ein Aufstand aus; sofort sperrte der König trotz des Wider- 
spruchs der Fortschrittspartei die russisch-deutsche Grenze, verhinderte dadurch 
das Hinübergreifen des Aufstandes nach Posen und erleichterte Rußland die 
Unterdrückung desselben, wodurch er sich Kaiser Alexander zu Dank ver- 
pflichtete. Von der Unbeliebtheit der preußischen Regierung glaubte der 
Kaiser von Osterreich Nutzen ziehen zu können. Er berief 1863 einen 
Fürstentag nach Frankfurt a. M. und legte diesem einen Reformplan vor, 
nach welchem hinfort an Deutschlands Spitze ein Direktorium mit Osterreich 
als Vorsitzenden und Preußen und Bayern als Beisitzern stehen sollte. 
König Wilhelm erschien trotz wiederholter Einladung nicht, verwarf auch den 
österreichischen Reformplan und verlangte „eine aus direkter Beteiligung der 
ganzen Nation hervorgehende Nationalversammlung“. Deshalb zerfiel das 
ganze Vorhaben des Kaisers in sich selber. Bald sollten andere auswärtige 
Verhältnisse Preußen nicht nur den inneren Frieden wiedergeben, sondern 
ihm auch Ruhm und Vergrößerung bringen.
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        264 Dritter Zeitraum. 
2. Der RKrieg gegen Dänemark.?) 
Im November 1863 starb Friedrich VII., der letzte König aus der 
männlichen Linie des dänischen Herrscherhauses; ihm folgte nach dem Londoner 
Protokoll Christian IX., der, durch revolutionäre Drohungen seiner Haupt- 
stadt gedrängt, eine neue Verfassung unterschrieb, nach welcher Schleswig dem 
dänischen Staate völlig einverleibt werden sollte. Damit überschritt er die 
ihm durch das Londoner Protokoll gewährte Befugnis und gab selbst den 
beiden deutschen Großmächten eine Handhabe, gegen ihn vorzugehen; die 
meisten deutschen Klein= und Mittelstaaten, die das Londoner Protokoll nicht 
unterschrieben hatten, bestritten ihm überhaupt das Recht der Erbfolge, und 
der Herzog Friedrich von Augustenburg, ein Sohn des Herzogs Christian, 
der 1846 gegen den „offenen Brief“ Verwahrung eingelegt hatte, machte 
Erbansprüche auf Schleswig-Holstein geltend. Zwar hatte sein Vater (1852) 
gegen eine Geldentschädigung für sich und seine Familie auf dieses Erbrecht 
verzichtet, aber nicht freiwillig, und der Sohn hatte dagegen protestiert. Die 
Holsteiner jubelten ihm zu, auch in Deutschland verlangte man stürmisch seine 
Anerkennung. Preußen war entschlossen zu helfen; auch der Kaiser durfte 
sich schon in Rücksicht auf die öffentliche Meinung Deutschlands dem Kampfe 
nicht entziehen, außerdem wollte er verhüten, daß Preußen durch denselben 
Vorteil gewönne, und erklärte sich zum Kriege bereit. Das deutsche Volk 
forderte, Friedrich von Augustenburg solle als Herzog von Schleswig-Holstein 
anerkannt werden; Bismarck wollte vor allem ein Eingreifen der europäischen 
Großmächte verhüten und erklärte, Preußen sei an das Londoner Protokoll 
gebunden. Was er zu thun gedachte, durfte er nicht sagen; doch erklärte 
er offen: „Der erste Kanonenschuß zerreißt das Londoner Protokoll.“ Er 
setzte es auch durch, daß der Deutsche Bund die Exekution gegen Däne- 
mark nur zu dem Zwecke beschloß, die Einverleibung Schleswigs wieder 
rückgängig zu machen. Hannoveraner und Sachsen sollten die Vorhut, Preußen 
und Osterreicher den eigentlichen Kern des Heeres bilden. 
Die Dänen wichen vor den Hannoveranern und Sachsen hinter die 
Eider zurück. Nachdem die dänische Regierung noch einmal die Forderung 
der beiden deutschen Großmächte, die neue Verfassung wieder aufzuheben, ab- 
gelehnt hatte, beschlossen diese den Angriff. Das preußische Abgeordneten- 
haus lehnte zwar die geforderte Kriegsanleihe ab, aber König Wilhelm ließ 
sich dadurch nicht irre machen: am 1. Februar überschritten die preußischen 
Truppen — Brandenburger, Westfalen und Garde — unter dem Prinzen 
Friedrich Karl und die österreichischen unter dem Feldmarschall-Leutnant 
v. Gablenz die Eider, den Oberbefehl führte der achtzigjährige General- 
feldmarschall v. Wrangel. Im Hauptquartier befand sich auch Kronprinz 
Friedrich Wilhelm. Die dänischen Truppen unter dem General de Meza 
standen hinter dem Danewerk, einer an Stelle des alten Grenzwalles 
(S. 243) errichteten, etwa zehn Meilen langen Verschanzung, die in Verbindung 
  
*) Die Kriege von 1864 bis 1871 werden behandelt in der kulturgeschichtlichen 
Erzählung Oskar Höckers: Im Rock des Königs. 4. Auflage. Mit vielen 
Abbildungen von A. von Roeßler. Leipzig, Ferdinand Hirt &amp; Sohn.
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 265 
mit der Schlei und den das südwestliche Schleswig erfüllenden Sümpfen die Halb— 
insel absperrte. Nach einem erfolglosen Angriff bei Missunde überschritt 
Prinz Friedrich Karl die Schlei weiter östlich; da räumte der dänische Ober— 
befehlshaber in der Uberzeugung, daß er die weit ausgedehnten Schanzen 
doch nicht werde halten können, das Danewerk ohne Schwertschlag, um sich 
über Flensburg auf die Düppeler Schanzen zurückzuziehen. Die Preußen 
und Osterreicher setzten ihm nach, ereilten ihn und lieferten ihm bei Obersee 
ein siegreiches Gefecht; doch entkamen die Dänen nach Düppel. Auf der 
Halbinsel Sundewitt westlich von Alsen erhoben sich auf einem natürlichen 
Höhenrücken zehn durch Natur und Kunst stark befestigte Schanzen; zwei 
durch starke Brückenköpfe gedeckte Schiffsbrücken führten nach der Insel Alsen 
hinüber, deren Westseite ebenfalls 
befestigt war; in den nahen Ge- 
wässern kreuzte die dänische Flotte, 
das Gelände vor den Schanzen war 
durch Wolfsgruben, Eggen und Juß- 
angeln geschützt. Den Preußen 
wurde die Aufgabe, die Schanzen 
zu erobern; nach einer förmlichen 
Belagerung von fünf Wochen wurde 
der Sturm beschlossen. Die Mann- 
schaften für die Sturmkolonnen 
wurden durchs Los bestimmt, doch 
meldeten sich auch viele Freiwillige. 
Schon nachts rückten sie in die Lauf- 
gräben; früh morgens am 18. April 
1864 begann ein stundenlanger Ge- 
schützdonner, plötzlich um zehn Uhr 
verstummte er, und sofort brachen 
die Stürmenden mit lautem Hurra 
aus den Laufgräben hervor. Schon 
nach einer Viertelstunde waren sechs Schanzen erobert. Als vor Schanze 2 
die Pallisadenreihe den Stürmenden großen Widerstand leistete, rief der 
Pionier Klinke: „Rein müßt ihr, Kameraden, ich werde mich opfern!“ 
Damit wirft er seinen Pulversack nebst einer Sprengpetarde gegen die Pfähle: 
ein Aufblitzen, ein furchtbarer Krach erfolgt, und der treue Klinke liegt zer- 
rissen am Boden; durch die in der Pallisadenreihe entstandene Lücke aber 
dringen seine Kameraden ein und erobern die Schanze. Um zwölf Uhr sind 
alle Schanzen in den Händen der Preußen. 
Dieser Sieg erregte in Berlin großen Jubel; König Wilhelm eilte 
selber auf das Schlachtfeld, um seinen Kriegern zu danken. Die österreichischen 
und ein Teil der preußischen Truppen hatten die Festung Fridericia ein- 
geschlossen; nach dem Fall von Düppel räumten die Dänen auch diese und 
besaßen außer ihren Inseln nur noch Nordjütland. Inzwischen hatten auch die 
österreichische und die kleine preußische Flotte ehrenvoll gegen die dänische 
gekämpft. Die Dänen blockierten, ihre Ubermacht zur See ausnutzend, unsere
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        266 Dritter Zeitraum. 
  
    
    
    
   
  
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 267 
Ostseehäfen, und wir konnten nicht daran denken, ihnen auf offenem Meer ent- 
gegenzutreten. Doch bestand am 17. März Kapitän Jachmann bei Jasmund 
mit drei Schiffen gegen sechs dänische stundenlang einen ehrenvollen Kampf. 
Ebenso ruhmvoll focht am 9. Mai der österreichische Kapitän Tegetthof mit 
seinem Geschwader und einigen preußischen Schiffen bei Helgoland. 
Während des Krieges waren lebhafte diplomatische Verhandlungen ge- 
pflogen worden, und im Mai trat in London eine Konferenz zur Schlichtung 
der schleswig-holsteinischen Frage zusammen. Preußen trat dort ganz entschieden 
für die dauernde Befreiung ein und sagte sich offen von dem Londoner 
Protokoll los. Dänemark trotzte noch auf seine Seemacht und wollte von 
Nachgeben nichts wissen; deshalb verlief die Konferenz erfolglos, und der 
Krieg begann von neuem. Den Oberbefehl über das verbündete Heer führte 
jetzt Prinz Friedrich Karl. Vor allem kam es darauf an, den Dänen auf 
seinen Inseln zu fassen. Ein offener Angriff mit der Flotte war unmöglich; 
deshalb wagten am 29. Juni (ein Uhr morgens) die Preußen unter General 
Herwarth von Bittenfeld auf 160 Booten bei starkem Nebel und günstigem 
Winde den Ubergang nach Alsen. Schon auf dem Wasser werden sie beschossen; 
die Preußen antworten mit lautem Hurra, über ihnen sausen und bersten 
die preußischen und dänischen Granaten. Sobald die kühnen Brandenburger 
nur Grund fassen können, springen sie ins Wasser, waten ans Ufer und 
greifen die Dänen in ihren Verschanzungen an; die leeren Boote holen eiligst 
Verstärkung, und um neun Uhr morgeus ist Alsen in den Händen der Preußen. 
Europa staunte über dieses Wagestück, das deutsche Volk jubelte, die Dänen 
waren wie vom Schrecken gelähmt: ihre Flotte hatte ihnen nichts genützt. 
Bald nachher wurde auch die Nordspitze Jütlands besetzt, und sogar ein Teil 
der dänischen Flotte fiel den Verbündeten in die Hände. Da baten die 
Dänen um Waffenstillstand, der gewährt wurde. Im Frieden zu Wien 
(30. Oktober) trat dann Dänemark Schleswig-Holstein nebst Lauen- 
burg und den dazu gehörigen Inseln an den Kaiser von Öster- 
reich und den König von Preußen ab, die das Erworbene zunächst 
unter ihre gemeinsame Verwaltung stellten. Unter dem Jubel des Volkes kehrten 
die siegreichen Truppen heim. König Wilhelm hatte die Genugthuung, daß 
die neuen Heereseinrichtungen sich glänzend bewährt hatten. # 
3. Der deufsche Rrieg von 1866. 
Jetzt entstand die Frage: „Wem soll Schleswig-Holstein fortan gehören?“" 
Die Bewohner der beiden Herzogtümer wünschten, unter dem Prinzen von 
Augustenburg selbständig zu werden, die Mehrzahl des deutschen Volkes, selbst 
die liberale Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses, auch die dentschen 
Mittel= und Kleinstaaten forderten die Gewährung dieses Wunsches. Für 
Osterreich hatten die Herzogtümer ihrer Lage wegen geringen Wert; es 
wollte sie aber nicht oder doch nur gegen eine entsprechende Entschädigung in 
Schlesien Preußen überlassen; da jedoch sein Angebot vom König Wilhelm ent- 
schieden zurückgewiesen wurde, begünstigte es die Ansprüche des Prinzen, der 
sofort beim Ausbruch des Krieges nach Holstein gekommen war und in Kiel 
Hof hielt. Preußen war mit der Errichtung des Herzogtums Schleswig-
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        Dritter Zeitraum. 
  
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 269 
Holstein ebenfalls einverstanden, nur verlangte es Bürgschaft dafür, daß im 
Norden nicht ein neuer Mittelstaat entstände, der zu schwach wäre „zu 
Deutschlands Schutz und Trutz zu Lande und zur See,“ aber stark genug, 
im Anschluß etwa an Osterreich Preußen empfindlich zu schaden. Seine 
Forderung lautete deshalb: Rendsburg wird Bundesfestung, die Militärmacht 
und die Vertretung Schleswig-Holsteins gehen an Preußen über, ebenso 
werden ihm der Kieler Hafen und der noch zu erbauende Nordostsee-Kanal 
überlassen, die Herzogtümer treten dem Zollverein bei und stellen ihr Post= und 
Telegraphenwesen unter preußische Verwaltung. Der Prinz von Augustenburg 
lehnte im Vertrauen auf Osterreich diese Forderungen ab, und der deutsche 
Bundestag beschloß, der Prinz solle sofort ohne jede Bedingung als Herzog 
eingesetzt werden, worauf Preußen diesem sein Erbrecht überhaupt bestritt. 
Osterreich begünstigte fortan den „Herzog“ in Kiel ganz offen. König 
Wilhelm hätte die Angelegenheit gern auf friedlichem Wege geordnet; es 
schwebte zwischen Preußen und Osterreich auch noch der Streit um die 
Bundesreform, und Bismarck wünschte, zugleich mit der schleswig-holsteinischen 
Frage die deutsche Frage überhaupt zu lösen. Schon als Gesandter am 
Deutschen Bunde schrieb er: „Nach der Wiener Politik ist Deutschland zu 
eng für uns beide; wir pflügen beide denselben streitigen Acker. Ich will 
nur meine Uberzeugung aussprechen, daß wir in nicht zu langer Zeit für 
unsere Existenz gegen Osterreich werden fechten müssen, und daß es nicht in 
unserer Macht liegt, dem vorzubeugen.“ Die für diesen Kampf erforderlichen 
Vorbereitungen waren aber noch nicht beendet; deshalb kam es vorläufig nicht 
zum Kriege, sondern König Wilhelm schloß mit dem Kaiser von Osterreich 1865 
den Vertrag zu Gastein, der folgendes festsetzte: Osterreich und Preußen 
behalten, wie bisher, ihre Rechte an der Gesamtheit beider Herzogtümer, 
aber die Verwaltung derselben soll getrennt, nämlich Holstein von Osterreich, 
Schleswig von Preußen verwaltet werden. Außerdem trat Osterreich seinen 
Anteil an Lauenburg, dessen Landtag sich für den Anschluß an Preußen 
erklärt hatte, gegen eine Geldentschädigung (von 5⅝⅜ Millionen Mark) au 
Preußen ab, überließ ihm den Kieler Hafen und gestattete den Bau eines 
Nordostseekanals. — König Wilhelm belohnte Bismarcks Verdienst um das 
Zustandekommen dieses Vertrages mit dem Grafentitel. 
Aber dieser Vertrag brachte weder den inneren noch den äußeren 
Frieden. Unter Hinweis auf die hauptsächlich infolge der Heeresreform er- 
rungenen Vorteile im Felde bat der König um nachträgliche Genehmigung 
der dafür verausgabten Gelder und um Bewilligung der noch erforderlichen; 
aber das Abgeordnetenhaus forderte als Gegenleistung die zweijährige Dienst- 
zeit, und da der König darauf nicht eingehen konnte, lehnte es von neuem 
alle Forderungen für die Heeresumgestaltung ab. Auch das Verhältnis zu 
Osterreich war nicht besser als früher; „der Friede war nur geflickt und der 
Riß im Bau verklebt.“ Während der preußische Statthalter von Manteuffel 
in Schleswig keine Umtriebe zu Gunsten des Prinzen von Augustenburg 
duldete, gewährte Osterreich ihm und seiner Partei weitgehende Freiheit, und 
als Bismarck sich darüber beschwerte, erklärte Osterreich die Beschwerde für 
grundlos, und es beganu zu rüsten. Preußens Heer war schlagfertig, aber
        <pb n="276" />
        270 Dritter Zeitraum. 
zur größeren Sicherheit schloß König Wilhelm noch mit Italien, das ebenfalls 
nach Einigung rang, ein Schutz= und Trutzbündnis. Um die Mehrheit 
des deutschen Volkes auf Preußens Seite zu ziehen, stellte der König durch 
seinen Gesandten beim Deutschen Bunde den Antrag, es möge eine aus all- 
gemeiner, unmittelbarer Wahl hervorgehende Versammlung zur Beratung einer 
Bundesreform einberufen werden. Die übrigen Staaten gingen auf diesen 
Antrag nicht ein: auch die Mehrheit des deutschen Volkes, selbst die Liberalen, 
« nahmen Stellung gegen 
« Preußen, da sie dessen An- 
trag nicht als ehrlich ge- 
meint ansahen. Am meisten 
wandte sich der Haß gegen 
Bismarck; ein überreizter 
Student, Cohen, feuerte 
sogar aus nächster Nähe 
fünf Kugeln auf ihn ab, 
ohne ihn indes erheblich 
zu verletzen. Inzwischen 
wurde hüben und drüben 
— auch in den deutschen 
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NNNC¾C2K2AMMNbRAiistet; Ssterreich legte die 
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dem Bunde zur Entschei- 
dung vor und berief die 
holsteinischen Stände ein. 
Da erklärte Preußen den 
Gasteiner Vertrag für ge- 
brochen; Manteuffel rückte 
Vogel von Falckenstein. in Holstein ein, und Gab- 
lenz zog mit den öster- 
reichischen Truppen ab. Dadurch wurde der Haß gegen Preußen noch ver- 
größert. Vergebens legte der preußische Gesandte am 10. Juni dem Bunde 
die Grundzüge einer neuen Bundesverfassung mit Ausschluß Osterreichs vor, 
wie sie später im Norddeutschen Bunde verwirklicht ist, Osterreich stellte 
dagegen den Antrag auf Bundesexekution gegen Preußen. Am 14. Juni 
1866 wurde darüber abgestimmt und mit 9 gegen 6 Stimmen der Krieg 
gegen Preußen beschlossen. Sofort erklärte der preußische Gesandte, seine 
Regierung sehe damit den Deutschen Bund für gebrochen an, und verließ 
den Saal. Preußen schlossen sich nur wenige kleine Staaten (Mecklenburg, 
Oldenburg, Braunschweig, Weimar, Koburg-Gotha, Altenburg) an, während 
Bayern, Württemberg, Baden (gezwungen), Sachsen und Hannover auf 
Osterreichs Seite traten. . 
Am 15. Juni bot Preußen seinen drei Nachbarstaaten Hannover, 
Sachsen und Kurhessen noch einmal die Hand zum Frieden; sie sollten ihre 
Selbständigkeit behalten, wenn sie sich neutral verhalten und den preußischen
        <pb n="277" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 271 
Vorschlägen vom 10. Juni zustimmen wollten. Alle drei lehnten ab, und 
schon am 16. rückten preußische Truppen in jene Staaten ein. Der König 
von Sachsen führte sein Heer rechtzeitig nach Böhmen, der Kurfürst von 
Hessen wurde in Kassel gefangen genommen, seine Truppen jedoch ent- 
kamen. König Georg V. von Hannover eilte mit den schleunigst zusammen- 
gerafften Truppen über Göttingen nach Thüringen, um sich mit den Bayern 
zu vereinigen; aber bei Langensalza verlegte ihm General v. Flies den 
Weg. Auf beiden Seiten wurde (27. Juni) mit großer Tapferkeit gestritten, doch 
mußten die 9000 Preußen sich 
vor dem doppelt so starken Gegner 
zurückziehen. In der Nacht aber 
erhielt das preußische Korps so 
große Verstärkung, daß den 
Hannoveranern nichts anderes 
übrig blieb, als die Waffen zu 
strecken. Die Truppen wurden 
nach Ablieferung ihrer Waffen 
in die Heimat entlassen; König 
Georg ging mit dem Kronprinzen 
nach Wien. « 
Die Osterreicher hatten ihre 
Hauptmacht in Böhmen auf- 
gestellt, im ganzen etwa 240000 
Mann, zu denen noch 25000 
Sachsen kamen. Den Oberbefehl 
führte der General-Feldzenug- 
meister Benedek, Osterreichs 
bester Feldherr. Ein kleines 
österreichisches Heer unter Erz- Herwarth von Bittenfeld. 
herzog Albrecht stand in Vene- 
tien. König Wilhelm bestimmte nur 48000 Mann unter dem Oberbefehl 
des Generals Vogel von Falckenstein zum Kampf gegen die mehr als 
doppelt so starke Armee der Mittelstaaten; die übrigen 255000 Mann 
sollten den Kampf gegen Osterreich aufnehmen und waren in drei Heeren 
aufgestellt. Die I. Armee (100000 Mann) stand unter Prinz Friedrich 
Karl in der Lausitz, die II. (116000 Mann) unter dem Kronprinzen 
Friedrich Wilhelm in Schlesien, die III., die „Elbarmee“ (40000 Mann), 
unter Herwarth v. Bittenfeld an der Nordgrenze Sachsens; alle drei 
sollten sich bei Gitschin in Böhmen vereinigen. Sachsen ward von der ersten 
und von der Elbarmee rasch besetzt, und beide drangen dann in Böhmen 
ein; denn die Osterreicher hatten die Gebirgspässe nicht gesperrt, sondern sich 
an der Iser aufgestellt. Nach kurzen erfolgreichen Gefechten der Elbarmee 
bei Hühnerwasser sowie der ersten Armee bei Liebenau und Podol ver- 
einigten sich beide Armeen und kämpften dann unter dem Oberbefehle des 
Prinzen Friedrich Karl siegreich bei Münchengrätz und Gitschin (29. Juni). 
Sie hatten damit vorläufig ihr Ziel erreicht und konnten nach der großen
        <pb n="278" />
        272. Dritter Zeitraum. 
Anstrengung und Entbehrung dieser ersten Kriegswoche sich einige Tage er- 
holen. — Die zweite Armee suchte (am 28. Juni) in drei Abteilungen das 
Gebirge zu überschreiten: der rechte Flügel durch den Paß von Trautenau, 
das Centrum (die Garde) durch den Paß von Braunau (Eipel), der linke 
unter General von Steinmetz durch den Paß von Nachod. Die Pässe selber 
waren unbesetzt, die Osterreicher hatten sich vor denselben aufgestellt. Steinmetz 
warf in einem glänzenden Gefecht bei Nachod die Osterreicher zurück, nahm 
nach blutigem Kampfe Skalitz und drang unter weiteren Kämpfen bis ins 
Elbthal. Nicht so glücklich focht der rechte Flügel. Er hatte zwar Trautenan 
  
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genommen, auch den Feind von den die Stadt umragenden Höhen vertrieben; 
als aber Gablenz mit Verstärkungen zurückkehrte, zogen sich die Preußen 
sogar bis über die Grenze zurück. Dieser Unfall hätte leicht dem ganzen 
Heere verderblich werden können; deshalb erhielt die Garde, die ohne Wider- 
stand bis Eipel, eine Meile südlich von Trautenau, gekommen war, den 
Befehl, Gablenz in die rechte Flanke zu fallen. Es geschah; der Feind 
wurde bei Soor mit großem Verlust zurückgeschlagen und Trautenau von 
der Garde wieder besetzt. Jetzt standen alle drei Armeen in Böhmen. 
Am 1. Juli traf König Wilhelm, begleitet von Bismarck, Roon und 
Moltke, bei seiner böhmischen Armee ein, übernahm den Oberbefehl und führte 
selber seine Truppen schon am dritten Tage in die Entscheidungsschlacht
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 273 
  
  
  
  
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Der Kronprinz erstürmt die Höhen von Chlum. 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 18
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        274 Dritter Zeitraum. 
bei Königgrätz. Voller Erwartung schauten die Augen von ganz Europa 
nach Böhmen, voller Siegeszuversicht blickte das preußische Heer zu seinem 
greisen Feldherrn empor; niemals hatte ein preußischer Feldherr eine so 
große, aus allen Volksschichten bestehende und durch Bildung so ausgezeichnete 
Armee geführt; dazu hatte sich in den bisherigen Schlachten das von dem 
Schlosser Dreyse in Sömmerda erfundene Zündnadelgewehr der preußischen 
Truppen der österreichischen Waffe bedeutend überlegen gezeigt. Auch Benedek 
hatte seine Truppen jetzt auf dem rechten Ufer der oberen Elbe vereinigt; 
aber ein Sechstel der Gesamtzahl war durch die Kämpfe der letzten Tage 
bereits aufgerieben, sein Heer an militärischer Durchbildung dem preußischen 
längst nicht gewachsen. Er verlor daher schon vor der Entscheidungsschlacht 
den Mut und bat den Kaiser, er möge um jeden Preis Frieden schließen; 
als dieser darauf nicht einging, beschloß Benedek in der Erwartung, daß er 
es nur mit dem Prinzen Friedrich Karl zu thun haben werde, die Schlacht 
zwischen der Elbe und dem ihr gleichlaufenden Bache Bistritz und gestützt auf 
die beiden Festungen Königgrätz und Josefstadt anzunehmen. 
König Wilhelm hatte seinen Truppen für den 3. Juli einen Ruhetag bestimmt; 
als aber Prinz Friedrich Karl am 2. erfuhr, daß ein großes österreichisches Heer un- 
mittelbar vor seiner Front lag, beschloß er, dasselbe am folgenden Tage anzugreifen, 
sandte sofort Nachricht an den Kronprinzen, den er um Beistand bat, und schickte 
General von Voigts-Rhetz noch abends spät zum Könige nach Gitschin, um dessen 
Genehmigung zu erbitten. Der General ging zunächst zu Moltke, der mit einem 
„Gott sei Dank!“ vom Lager sich erhob und zum Könige eilte. Auch dieser war nach 
kurzer Besprechung mit Moltke für den Angriff; nur war es bedenklich, ob der 
Kronprinz, der noch 30 km entfernt stand, rechtzeitig in den Kampf werde eingreifen 
können. Um 12 Uhr sprengte ein an ihn gesandter Adiutant in die dunkle, regnerische 
Nacht und die ihm unbekamne Gegend hinaus, schon um 5 Uhr brach die II. Armee 
auf. Um dieselbe Zeit verließ auch der König sein Hauptquartier, die Truppen der 
I. und III. Armee waren schon seit drei Stunden auf dem Marsche. 
Die Osterreicher waren vor ihrer Front durch die Bistritz mit ihren zum Teil 
sumpfigen Ufern gedeckt und hatten sich auf einem von wellenförmigen Höhen und 
tiefen Schluchten durchzogenen Gelände, das hin und wieder von kleinen Dörfern und 
Wäldern bedeckt war, verschanzt; sie waren bis zur Ankunft des Kronprinzen an 
Zahl dem Gegner fast um das Doppelte überlegen. Um 8 Uhr stieg der König zu 
Pferde und befahl den Angriff. Er selber leitete die Schlacht von einer dem Orte 
Sadowa gegenüberliegenden Höhe. Mutig gingen die Preußen gegen die fast un- 
einnehmbare Stellung vor, überschritten an mehreren Stellen die Bistritz; aber den 
Feind von den Höhen zu vertreiben, war unmöglich, zumal die gezogenen öster- 
reichischen Geschütze die glatten preußischen weit übertrafen. Die Schlacht kam zum 
Stehen, und nun hatten die Preußen einen schweren Stand, besonders die Division 
Fransecky (Altmärker und Magdeburger), die den Wald von Benatek viele Stunden 
lang gegen eine vierfache Ubermacht behauptete. Es lag dem Könige alles daran, den 
Feind so lange festzuhalten, bis der Kronprinz ihn in der Flanke fassen könne; aber 
auch dies schien kaum möglich. Schon hatten die Truppen sich vielfach verschsen, 
schon mußte die Reserve aufgeboten werden, und noch immer zeigte sich von der An- 
näherung der kronprinzlichen Armee keine Spur. Selbst das Hauptquartier ward 
besorgt; aber Moltke erwiderte auf eine Anfrage des Königs: „Ew. Majestät werden 
heute nicht nur die Schlacht, sondern den Feldzug gewinnen.“ Endlich gegen 11 Uhr 
durchflog die Reihen der erschöpften Krieger die frohe Kunde: Der Kronprinz 
kommtt und stärkte sie zu neuem Kampfe. 
Die II. Armee hatte größtenteils erst die Elbe überschreiten und einen zwei bis 
vier Meilen weiten Weg in strömendem Regen zurücklegen müssen. Aber die Mann- 
schaften brannten vor Kampfbegier und marschierten im Gewaltschritt. Da die
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 275 
beiden österreichischen Korps, welche Benedek zum Schutz gegen den Kronprinzen auf— 
gestellt hatte, von der heldenmütigen Division Fransecky in den Kampf gezogen und 
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zum Teil vernichtet waren, so konnte die zweite Armee sofort bis in das Herz des 
Feindes dringen und den Schlüssel der feindlichen Stellungen, die Höhen von Chlum, 
erstürmen. Vergebens bemühte sich Benedek, diese wichtige Stellung zurückzuerobern, 
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        276 Dritter Zeitraum. 
bald war sein ganzer rechter Flügel vollständig zertrümmert. Schon überschritten 
einzelne feindliche Abteilungen die Elbe, deshalb befahl der König allgemeines Vor- 
gehen auch der ersten Armee. Die Schlacht war gewonnen, Benedek kämpfte nur 
noch für den Rückzug; aber nun zeigte sich, wie gefährlich seine Stellung mit der 
Elbe im Rücken gewesen war. ätte der menschenfreundliche König nicht die Ver- 
folgung eingestellt und besonders dem mörderischen Artilleriefeuer auf die zusammen- 
geballten Massen Einhalt gethan, das österreichische Heer wäre vernichtet worden. 
  
  
  
  
  
  
Auf dem Schlachtfelde von Königgrätz. 
Der fast siebzigjährige König hatte seit 8 Uhr im Sattel gesessen und sich während 
des Tages nur einmal aus der Tasche eines Soldaten erquickt. Wiederholt begab 
er sich trotz Bismarcks eindringlicher Warnung in Gefahr. „Wohin soll ich denn 
ehen,“ erwiderte er, „wenn meine braven Truppen im Feuer sind?“ Wo er sich den 
Truppen näherte, um sie anzufeuern oder Verwundete zu trösten, empfing ihn lautes 
Hurra, Offiziere stürzten herbei, um ihm die Hand zu küssen. Erst um 8 Uhr traf 
er den Kronprinzen. Welch ein Wiedersehen! Es machte auf alle Anwesenden einen 
ergreifenden Eindruck, als Vater und Sohn einander umarmten und der Heldengreis 
dem ruhmgekrönten Sohne den höchsten Kriegsorden Preußens, Pour le mörite, um- 
hängte, den er bis dahin selber geltragen hatte. Die Schlacht von Königgrätz 
(„Dem König gerät's“), wie sie der König nannte, oder Sadowa, wie sie das Aus- 
land nennt, ist nach Umfang und Folgen eine der größten Schlachten aller Zeiten.
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 277 
Dem entsprachen auch die großen Opfer. Der Sieger verlor an Toten und Ver- 
wundeten 9000 Mann, der Besiegte aber 44000, unter diesen 20000 Gefangene. 
Die Siegesnachricht erregte in Preußen großen Jubel, im Auslande 
Bestürzung, in Paris besonders Neid. Schon am Tage nach der Schlacht 
erschien Gablenz beim Könige, um einen Waffenstillstand anzubieten; dann 
meldete ein Telegramm Napoleons, daß der Kaiser von Osterreich ihm 
Venetien abgetreten habe. Erzherzog Albrecht hatte zwar gegen die Italiener 
siegreich gefochten; trotzdem hatte der Kaiser sich zu der Abtretung Venetiens 
an Napoleon entschlossen, um sein gegen Italien kämpfendes Heer zum Schutze 
Wiens zu verwenden und vielleicht sogar von Napoleon Hilfe zu erlangen. 
Deshalb galt es für Preußen, rasch zu handeln. Zwar wies König Wilhekm 
die von Napolcon angebotene Ver- 
mittelung nicht zurück, lehnte indes 
den Waffenstillstand ab und setzte 
(am 6.) die Verfolgung fort. Der 
Kronprinz marschierte auf Olmütz, 
wo Benedek die Trümmer seines 
Heeres sammelte, die erste Armee 
und mit ihr der König zog auf 
Brünn, die Elbarmee auf Wien zu, 
während die soeben eingetroffene 
Landwehr Böhmen, auch Prag, 
besetzt hielt. Benedek wich vor dem 
Kronprinzen in der Richtung auf 
Wien zurück, aber Prinz Friedrich 
Karl verlegte ihm den Weg und 
drängte ihn nach Ungarn. Schon 
hatte der linke preußische Flügel 
einen Teil des österreichischen 
Heeres bei Preßburg abgeschnitten, 
um dann die Donau zu über- 
schreiten und Wien im Süden an- Manteuffel. 
zugreifen; schon sah das übrige 
prenßische Heer die Hauptstadt vor sich liegen und war jeden Augenblick zum 
Angriff bereit: da wurde durch Napoleons Vermittelung ein Waffenstill- 
stand auf fünf Tage geschlossen, dem am 26. Juli die vorläufigen Friedens- 
bestimmungen folgten. Osterreich verzweifelte an fernerem Widerstande, Na- 
poleon schente sich, mit seinem unfertigen Heere in den Krieg einzugreifen, und 
von seinen deutschen Bundesgenossen konnte Osterreich keine Hilfe erwarten. 
Auf dem westlichen Kriegsschauplatze hatte das kleine preußische 
Heer unter dem Oberbefehl Vogel v. Falckensteins das bayrische Korps 
und das achte Bundes-Armeekorps (Württemberger, Badenser, Kurhessen, 
Hessen-Darmstädter, Nassauer und Frankfurter) geschickt auseinandergehalten 
und — jenes bei Kissingen, dieses bei Aschaffenburg — geschlagen; schon 
am 16. Juli konnte es Frankfurt besetzen. Dann wurde v. Falckenstein zum 
Statthalter von Böhmen ernannt, und v. Manteuffel trat an seine Stelle,
        <pb n="284" />
        278 Dritter Zeitraum. 
der die ihm an Zahl weit überlegenen Gegner, denen die einheitliche Leitung 
fehlte, trotz ihrer Tapferkeit (23. bis 26. Juli) einzeln schlug (die Badenser 
bei Hundheim, die Hessen bei Wertheim, die Württemberger bei Tauber— 
bischofsheim) und sie bis Würzburg zurückdrängte. Als nun auch von Osten 
her über Baireuth ein preußisches Hilfsheer unter dem Großherzog von 
Mecklenburg den Bayern in den Rücken zu fallen drohte und bereits Nürn— 
berg besetzt hatte, trat (am 1. August) auch hier der Waffenstillstand ein. 
Zwar hatte Preußen infolge seiner vorzüglichen Wehrverfassung trotz 
der Verluste noch ebensoviele Mannschaften unter den Waffen als beim 
Ausbruch des Krieges; dennoch wünschte der König den Frieden, weil in 
seinem Heere die Cholera ausgebrochen war. Auch wollte er die Gegner, 
um sie später desto leichter als Bundesgenossen gewinnen zu können, nicht 
mehr als durchaus notwendig demütigen und Frankreich nicht zum Kampfe 
treiben; daher verzichtete er auch gegen den Wunsch des Heeres, aber auf 
dringendes Anraten Bismarcks auf eine Besetzung Wiens. Als sich aber 
Napoleon für seine, Preußen sehr lästige Vermittelung eine Entschädigung am 
Rhein erbat, erwiderte König Wilhelm entschieden: „Keine Scholle deutschen 
Bodens!“ und als der französische Gesandte Benedetti solche Entschädigung 
unter Kriegsdrohung zu fordern wagte, erwiderte ihm Bismarck: „Lieber den 
Krieg!“ Napoleon zog darauf seine Hand zurück, aber „Rache für Sadowa" 
war schon damals in Paris beschlossene Sache. “ 
In dem am 23. August geschlossenen Frieden zu Prag willigte Oster- 
reich in die Auflösung des Deutschen Bundes und in die Bildung eines 
norddeutschen Bundes unter Preußens Führung, verzichtete auf seine 
Rechte an Schleswig-Holstein zu Gunsten Preußens und zahlte 60 Millionen 
Mark Kriegskosten, brauchte aber kein deutsches Gebiet abzutreten. Italien 
erhielt trotz seiner Niederlagen Venetien, aber nicht, wie es verlangte, Welsch- 
Tirol. Sachsen blieb durch Osterreichs Verwendung in seinem bisherigen 
Umfange erhalten. Gleiche Milde erfuhren die süddentschen Staaten. Sie 
brauchten nur geringe Beiträge zu den Kriegskosten zu zahlen; außerdem 
mußte Hessen-Darmstadt die Landgrafschaft Hessen-Homburg und andere kleine 
Grenzstriche, ebenso Bayern die Grenzgebiete von Orb und Gersfeld abtreten. 
Gleichzeitig schlossen Bayern, Württemberg, Baden und Hessen ein zunächst 
noch geheim gehaltenes Schutz= und Trutzbündnis mit Preußen, in welchem 
sie sich verpflichteten, beim Ausbruch eines Krieges ihre Truppen unter dessen 
Führung zu stellen. Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt a. M. 
und Schleswig-Holstein wurden als drei neue Provinzen mit 5 Millionen 
fast ganz ecvangelischen Bewohnern dem preußischen Staate einverleibt; sein 
Gebiet ist jetzt abgerundet und umfaßt beinahe die ganze norddeutsche Tief- 
ebene sowie die deutsche Ost= und Nordseeküste. 
annover bildete einen wichtigen Bestandteil des alten Herzogtums Sachsen, 
das mit dem Sturz Heinrichs des Löwen zerstückelt wurde. Die welfischen Familien= 
güter wurden 1235 zu einem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg erhoben, das sich 
aber durch vielfache Teilungen schwächte. Heog Ernst August, der in Kalenberg, 
Göttingen und Grubenhagen herrschte, erwarb durch Erbschaft das Lüneburgische 
und bestimmte durch ein Hausgesetz, daß seine Länder, der Kern der jetzigen Provinz 
Hannover, stets ungeteilt nach dem Recht der Erstgeburt in männlicher Linie ver-
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 279 
erben sollten. Kür die treue Unterstützung des Kaisers im Kampf gegen Türken und 
Franzosen wurde sein Land 1692 zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg er- 
hoben, nach seiner Hauptstadt gewöhnlich Hannover genannt; daneben bestand das 
Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel. Ernst Auguste Gemahlin war eine Groß- 
tochter Aakob I. von England; daher bestieg sein Sohn als Georg I. 1714 den eng- 
lischen Thron. Seinem Stammlande Hannover gereichte diese Personalunton mit 
England nicht zum Segen. Es mußte die Wandlungen der englischen Politik mit- 
machen und die Rache der Feinde Englands erdulden; seine Söhne bluteten im 
englischen Interesse in allen Erdteilen. Die englischen Könige fühlten sich als Eng- 
länder und ließen ihr deutsches „Nebenland“ von wenigen bevorzugten Familien ver- 
walten. Doch errichteten sie 1737 in Göttingen eine Universität, vergrößerten das 
Kurfürstentum 1719 um die bis dahin schwedischen Stifter Bremen und Verden, 
1803 um das Bistum Osnabrück, 1814 um Ostfriesland, Meppen, Lingen, Bentheim 
und Hildesheim und erhoben das so vergrößerte Kurfürstentum zu einem Königreich. 
Als 1837 der kinderlose König Wilhelm IV. starb, folgte ihm in England die Tochter 
des nächstältesten Bruders, Viktoria, in Hannover, wo nur männliche Erbfolge gilt, 
sein jüngster Bruder Ernst August. 
Hessen, früher ein Teil des Herzogtums Franken, kam an den Prinzen 
Heinrich von Brabant, den Stammvater des hessischen Fürstenhauses. Er erlangte 
1292 vom Kaiser die Erhebung Hessens als Landgrafschaft zu einem erblichen Reichs- 
fürstentum und erbaute sich in Kassel eine Residenz. Seine Nachkommen dehnten 
ihren Besitz über ganz Hessen aus; der tüchtigste von ihnen war Philipp der Groß- 
mütige. Er führte die Reformation ein, gründete in Marburg die erste evangelische 
Universität und war der Urheber und das eifrigste Mitglied des Schmalkaldischen 
Bundes. Nach seinem Tode wurde das Land geteilt; es bestehen seitdem essen- 
Kassel und Hessen -Darmstadt nebeneinander. Während des Dreißigjährigen Krieges 
war Hessen Schwedens treuester Bundesgenosse; dafür wurde es von den Kaiserlichen 
furchtbar verheert. Im Siebenjährigen Kriege stand es auf seiten Preußens. Zur Zeit 
des nordamerikanischen Freiheitskrieges erlangte Landgraf Friedrich dadurch eine 
traurige Berühmtheit, daß er den Engländern Tausende seiner Landeskinder gegen 
hohe Summen zum Kriegführen lieh. 1802 wurde Hessen-Kassel zum Kurfürstentum 
erhoben und gehörte dann jahrelang zum Königreich Westfalen. Nach den Befreiungs- 
kriegen hatte das Land von der Willkürherrschaft seiner Kurfürsten viel zu leiden, 
so daß es die Einverleibung in Preußen als eine Erlösung ansehen mußte. 
Nassau an der unteren Lahn erhielt seinen Namen von einem Schlosse. Durch 
Erbteilungen der Brüder Walram und Otto spaltete sich das gräfliche Haus in zwei 
Linien; jenem gehörte Kaiser Adolf an (f 1298), diese erwarb durch Heirat große 
Besitzungen in Luxemburg und in den Niederlanden, in Südfrankreich Oranien. 
Wilhelm I. von Nassau-Oranien erwarb die Erbstatthalterwürde in den Niederlanden, 
Wilhelm III. den englischen Thron und Wilhelm IV. den neugeschaffenen Königsthron 
der Niederlande. Herzog Adolf von Nassau verlor 1866 sein Land an Preußen; er 
gelangte aber 1890 in Luxemburg zur Regierung, nachdem der Mannesstamm von 
Nassau-Oranien in den Niederlanden ausgestorben war. Frankfurt, die alte freie 
deutsche Reichsstadt, in der seit dem Ende des Mittelalters die deutschen Kaiser ge- 
wählt und später auch gekrönt wurden, die seit 1815 Sitz des deutschen Bundestages 
war, wurde mit Hessen und Nassau zu einer Provinz Hessen-Nassau vereinigt. 
Auch auf die innere Entwickelung Preußens übten die Erfolge der 
letzten Wochen vorteilhaften Einfluß aus. Der König und seine großen Rat- 
geber wurden bei ihrer Rückkehr in Berlin mit begeistertem Jubel empfangen; 
in immer weitere Kreise drang die Erkenntnis, daß die militärischen Erfolge 
doch vor allem der vom Könige eingeführten neuen Wehrverfassung und der 
vorzüglichen Heeresleitung Moltkes, die diplomatischen aber dem Scharfblick 
und dem eisernen Willen Bismarcks zu danken seien, und bald wurde dieser 
jüngst noch so verhaßte Mann der Liebling des Volkes. Als dann die Ver- 
treter der siegreichen Armee unter dem Donner der Geschütze und dem Ge-
        <pb n="286" />
        280 « Dritter Zeitraum. 
läute der Glocken durch das Brandenburger Thor einzogen, da kam in dem 
nicht enden wollenden Jubel „die wahre Stimme des Volkes zum Ausdruck“, 
der auch die Volksvertreter Rechenschaft tragen mußten. Schon bei den 
Neuwahlen zum Landtage hatten die Freunde der Regierung die Mehrheit 
erlangt; als nun der König in hochherziger Weise den Landtag um In— 
demnität, d. i. um nachträgliche Genehmigung der in den letzten Jahren 
gemachten Staatsausgaben, bat, da nahm das Abgeordnetenhaus die darge- 
botene Friedenshand gern an. Ja, es fügte den Namen der verdienten Heer- 
führer, welche durch eine Dotation belohnt werden sollten, aus eigenem An- 
triebe den Namen des Grafen Bismarck hinzu. Um so freudiger konnte der 
König jetzt die Aufgabe in Angriff nehmen, die norddeutschen Staaten in 
einem Bunde zu vereinigen. Diese hatten schon durch besondere Verträge 
dem Könige von Preußen die Militärhoheit abgetreten, im Februar 1867 
wurde nun der aus allgemeinen, direkten Wahlen des Volkes hervorgegangene 
Reichstag durch eine Thronrede des Königs Wilhelm eröffnet, die dem 
Wunsche Ausdruck gab: „Möge durch unser gemeinsames Werk der 
Traum von Jahrhunderten, das Sehnen und Ringen der jüngsten 
Geschlechter der Erfüllung entgegengeführt werden!“ Graf Bismarck 
drängte immer wieder zur Eilec. „Meine Herren,“ rief er den Abgeordneten 
zu, „arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel! 
Reiten wird es schon können!“ Diesem Wunsche entsprechend wurde denn 
auch in wenigen Wochen die Verfassung des Norddeutschen Bundes fertig 
gestellt. Alle 21 Staaten nördlich des Mains, auch Sachsen und der nördlich 
vom Main gelegene Teil des Großherzogtums Hessen, fast dreißig Millionen 
Deutsche, waren jetzt unter Preußens Führung vereinigt. Erbliches Oberhaupt 
des Bundes war der König von Preußen. Er führte den Oberbefehl über 
die gesamte Wehrkraft des Bundes und konnte in dessen Namen Krieg erklären 
und Frieden schließen. Die Vertreter der Regierungen bildeten den Bundes- 
rat, der die Gesetze vorzubereiten und zu genehmigen hatte; das Volk hatte 
Anteil an der Gesetzgebung durch den aus allgemeinen, direkten Wahlen 
hervorgegangenen Reichstag. Graf Bismarck wurde Bundeskanzler. Die 
Vertretung nach außen, das Münz= und Zollwesen, Post und Telegraphie, 
Heimats-, Handels= und Strafrecht war allen Bundesstaaten gemeinsam; die 
allgemeine Wehrpflicht wurde auf das ganze Bundesgebiet ausgedehnt. 
Die meisten europäischen Völker mißgönnten Deutschland diese Erstarkung, 
am meisten die Franzosen, die es ihrem Kaiser nicht verzeihen konnten, daß 
er Preußen auf seiner Siegesbahn nicht rechtzeitig gehemmt oder doch wenig- 
stens auch für Frankreich einen Ländergewinn erworben hatte. Ihr Arger 
wuchs noch, als um diese Zeit die von König Wilhelm mit den süddeutschen 
Staaten abgeschlossenen Verträge zu Schutz und Trutz bekannt wurden. 
Napoleon hatte 1863 ein Heer nach Mexiko gesandt, um dort ein von 
Frankreich abhängiges Reich zu gründen, und 1864 den Erzherzog Maxi- 
milian von Osterreich zum Kaiser von Mexiko wählen lassen. Als er aber 
seine Truppen aus Mexiko zurückzog, wurde Maximilian von den Republi- 
kanern besiegt, gefangen genommen und erschossen. Dieser Ausgang ver- 
schlimmerte Napoleons Lage noch mehr, und unruhig sah er sich nach elnem
        <pb n="287" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 281 
Mittel um, sie zu bessern. Ein solches schien ihm Luxemburg zu bieten. 
Dies Land war 1815 dem Könige von Holland als Entschädigung für den 
Verlust seiner nassauischen Besitzungen überlassen worden und durch Personal- 
union mit Holland vereinigt. Als sich nun 1830 infolge der französischen 
Revolution Belgien von Holland trennte, vereinigte man den wallonischen 
Teil Luxemburgs mit Belgien, während der deutsche bei Holland verblieb, 
aber seine eigene Verwaltung hatte und zum Deutschen Bunde sowie zum 
Zollverein gehörte. Die Stadt Luxemburg war eine deutsche Bundesfestung, 
in ihr lag eine preußische Besatzung, die auch nach der Auflösung des Bundes 
nicht abgezogen war. Auf Napoleons Drängen war der König von Holland 
bereit, das seit alten Zeiten deutsche Land an Frankreich abzutreten, und 
dieses verlangte die Räumung der angeblich Frankreich bedrohenden Festung. 
Schon schien der Krieg unvermeidlich zu sein; da gab Preußen, das noch der 
Ruhe bedurfte, seine Einwilligung dazu, daß die Luxemburger Frage einer 
europäischen Konferenz vorgelegt werde. Nach deren Entscheidung wurde die 
Festung Luxemburg von den Preußen geräumt, dann geschleift, das Land 
verblieb dem holländischen Herrscherhause, wurde für neutral erklärt und 
unter den Schutz der europäischen Großmächte gestellt (1867), doch blieb es 
im deutschen Zollverein. Die dadurch gewonnene Friedenszeit benutzte der 
korddeutsche Bund, seine einzelnen Glieder enger miteinander zu verbinden. 
Auch die Verbindung mit Süddeutschland wurde dadurch noch enger geknüpft, 
daß der Zollverein, dem der Norddeutsche Bund als einheitliches Gebiet 
beitrat, auf festerer Grundlage mit den süddeutschen Staaten wieder geschlossen 
wurde, und im Frühjahr 1868 trat in Berlin das erste deutsche Zoll- 
parlament zusammen, das auch süddeutsche Abgeordnete umfaßte und somit 
der Vorbote einer noch innigeren Vereinigung des deutschen Volkes wurde. 
E. v. Geibel, der schon ungeduldig gefragt hatte: 
Wann doch, wann erscheint der Meister, 
Der, o Deutschland, dich erbaut? 
begrüßte 1867 König Wilhelm in Lübeck mit den Worten: 
Und sei's als letzter Wunsch gesprochen, 
Daß noch dereinst dein Aug' es sieht, 
Wie übers Reich ununterbrochen 
Vom Fels zum Meer dein Abdler zieht! 
Dieser Wunsch sollte schneller in Erfüllung gehen, als wir zu hoffen 
wagten: von jetzt an ist die prenßische Geschichte zugleich deutsche 
Geschichte. · « 
4.Derdenk1’Ux-fra11xif1i1UZVKriegvvn1870und1871.««) 
Ursache und Ausbrnch desselben. 
Die Luxemburger Angelegenheit hatte Napoleon nur eine neue Nieder- 
lage gebracht; mit allem Eifer rüstete er jetzt zum Kriege. Nach preußischem 
S— 
  
Den Lesern, die sich über die Geschichte des preußisch-deutschen Heeres von 
seinen Anfängen bis auf die neuste Zeit näher unterrichten wollen, sei folgendes
        <pb n="288" />
        282 Dritter Zeitraum. 
Vorbilde wurde eine Reserve und eine der Landwehr entsprechende Mobil- 
garde eingerichtet und das ganze Heer mit Chassepotgewehren und den 
neu erfundenen Mitrailleusen ausgestattet. So glaubten die Franzosen dem 
deutschen Heere weit überlegen zu sein, und die Presse hetzte zum Kriege. 
Napoleon schätzte die Macht des Norddeutschen Bundes richtiger und suchte 
einen Krieg noch zu vermeiden, um so mehr, als er selber körperlich gebrochen 
war. Deshalb versuchte er, durch innere Reformen das Volk zu befriedigen: 
er berief ein liberales Ministerium und führte eine parlamentarische Regierung 
ein; doch das Volk drängte so sehr auf eine Demütigung Preußens und stellte 
sich zu der eigenen Regierung so feindselig, daß Napoleon nichts weiter übrig 
blieb als der Versuch, den Frieden im Innern durch einen glücklichen Krieg 
wiederherzustellen. Er verabredete mit dem Kaiser von Osterreich und dem 
König von Italien ein Kriegsbündnis; nach den ersten Siegen über Preußen 
sollten die Franzosen in Süddeutschland einfallen und dann gemeinsam mit 
ihren Bundesgenossen gegen Norden vorbrechen. Die preußische Staatsver- 
waltung hatte diese Entwickelung in Frankreich mit gespannter Aufmerksamkeit 
verfolgt und alles aufs sorgfältigste für den erwarteten Krieg vorbereitet, den 
sie nicht wünschte, aber auch nicht fürchtete. Das Jahre 1870 schien fried- 
lich verlaufen zu wollen. König Wilhelm ging deshalb wie sonst zu seiner 
Erholung nach Ems, Bismarck weilte auf seinem Landgute Varzin, wo er 
indes alle politischen Vorgänge mit scharfem Auge verfolgte. Da erscholl 
plötzlich die Kriegstrompetel! 
Die Spanier hatten 1868 ihre Königin Isabella vertrieben und unter 
den Marschällen Serrano und Prim eine Regentschaft eingerichtet; doch diese 
sowie die Mehrheit des spanischen Volkes wünschte die Wiederherstellung des 
Königtums. Schon hatten mehrere Prinzen die einst weltbeherrschende Krone 
Spaniens ausgeschlagen; auch dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollern- 
Sigmaringen war sie angeboten worden, weil er katholisch, ein Glied des 
berühmten Hohenzollernhauses und mit dem französischen sowie mit anderen 
Herrscherhäusern verwandt war. (Sein jüngerer Bruder Karl hatte 1866 
hauptsächlich durch Napoleons Einfluß die Krone von Rumänien erlangt.) 
Dreimal lehnte der Prinz unter Zustimmung des Königs Wilhelm ab, zum 
viertenmal nahm er sie (Juni 1870) ohne dessen Vorwissen an. Sowie dies 
bekannt wurde, loderte der Zorn der Franzosen heftig auf; Gramont, der 
französische Minister des Außeren, erklärte in der Kammer, Frankreich könne 
die Besetzung des Thrones Karls V. durch einen „preußischen“ Prinzen nicht 
dulden. Durch den französischen Botschafter in Berlin, Benedetti, stellte 
er an König Wilhelm in Ems das Ansinnen, er möge dem Prinzen die 
Annahme der Krone verbieten. Der König erklärte, dazu sei er nicht be- 
rechtigt. Als dann der Vater des Prinzen für seinen abwesenden Sohn auf 
  
Werk angelegentlich empfohlen: Jederzeit kampfbereit! Geschichtliche und mili- 
tärische Bilder von der Entwickelung der deutschen Wehrkraft. Der deutschen Jugend, 
dem deutschen Volke und dem deutschen Heere gewidmet und unter Mitwirkung 
militärischer Fachmänner geschildert von Oskar Höcker und. Arnold Ludwig. 
Mit vielen Abbildungen und Schlachtplänen, sowie mit einem Anhang von Armee- 
märschen. 2. Auflage. Leipzig, Ferdinand Hirt &amp; Sohn. .
        <pb n="289" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 283 
die Krone verzichtete, verlangte Benedetti „auf zuletzt sehr zudringliche Art“, 
König Wilhelm solle an Napoleon ein Entschuldigungsschreiben richten und 
darin versprechen, daß er dem Prinzen niemals die Erlaubnis zur Annahme 
der spanischen Krone erteilen werde. Der König lehnte diese Zumutung 
höflich, aber entschieden ab; als dann Benedetti noch einmal um Gehör bat, 
ließ der König ihm sagen, er habe in dieser Sache ihm nichts weiter mitzu— 
teilen, doch verabschiedete er sich vor seiner Abreise nach Berlin von dem 
Botschafter noch einmal auf dem Bahnhofe und fügte hinzu, etwaige weitere 
Verhandlungen müßten mit dem Auswärtigen Amt in Berlin geführt werden. 
(14. Juli.) 
Bismarck sowie auch Roon und Molttke kehrten jetzt nach Berlin zurück, 
und Bismarck ließ bekannt machen, wie der König die unberechtigten Forde- 
rungen Frankreichs in würdevoller Weise zurückgewiesen habe. Da brach in 
Paris der Sturm los; Frankreich, so hieß es, sei vor aller Welt beleidigt 
worden, obwohl Benedetti selber erklärte, daß von Beleidigung keine Rede 
sein könne. Die französischen Abgeordneten, die Zeitungen, die in den 
Straßen tobende Menge, alle schrieen nach Krieg. Aber jetzt zögerte die 
Regierung, den Krieg anzunehmen, den sie selber heraufbeschworen hatte. 
Während des ganzen 14. Juli beriet das Ministerium unter Vorsitz des 
Kaisers; erst in der Nacht ward die Einberufung der Reserven und damit 
der Krieg endgültig beschlossen. Die französische Volksvertretung genehmigte 
am folgenden Tage die erforderlichen Mittel, ein Widerspruch der Linken 
unter Thiers' Führung wurde niedergeschrieen; der Kriegsminister erklärte, 
die Armee sei erzbereit (archiprste), und wenn der Krieg ein ganzes Jahr 
dauere, brauche man noch nicht mal einen Gamaschenknopf zu kaufen. „Nach 
Berlin!“ war die allgemeine Losung. 
Die Nachricht von dem Auftreten des französischen Botschafters in Ems 
hatte das deutsche Volk zu hellem Zorn entflammt. Als König Wilhelm (am 
15. Juli) nach Berlin zurückkehrte, empfingen ihn auf allen Bahnhöfen — 
auch in den neuen Provinzen, in Kassel und Göttingen — dichtgedrängte 
Volksmassen mit begeisterndem Zuruf. Um keine Minute zu verlieren, fuhren 
ihm der Kronprinz, Bismarck, Moltke und Roon bis Brandenburg entgegen; 
von einem Kriege wollte der König noch nichts wissen, weil er die große 
Verantwortung dafür nicht glaubte übernehmen zu können und weil er die 
Unzuverlässigkeit Süddeutschlands fürchtete. Als er aber auf dem Potsdamer 
Bahnhof in Berlin eine Depesche über die Vorgänge in Paris erhielt, war 
er rasch entschlossen, und der Kronprinz rief laut: „Krieg! Mobil!“ Wie ein 
Lauffeuer verbreitete sich dies Wort unter der dichtgedrängten Volksmasse, 
welche die Plätze und Straßen vom Bahnhof bis zum Schloß füllte. „Das 
ist ganz wie 18131“ rief der König freudig überrascht, als er unter dem 
unnnterbrochenen Hurra des Volkes zum Schloß fuhr; heute hörte er auch 
zum erstenmal die „Wacht am Rhein“, die bald zu einem deutschen Volks- 
liede wurde. Vor dem Schlosse wollten die Kundgebungen kein Ende nehmen, 
bis der König zuletzt um Ruhe bitten ließ, weil er noch viel zu arbeiten 
habe, und schon nach wenigen Minuten war sein Wunsch erfüllt. Noch in 
derselben Nacht wurde die Mobilmachung beschlossen; sofort trug der Telegraph
        <pb n="290" />
        284 Dritter Zeitraum. 
die erforderlichen Befehle nach allen Teilen Deutschlands, und alsbald strömten 
überall Reservisten und Landwehrleute zu ihren Fahnen. Die Kriegspflichtigen 
aus dem Auslande kamen unaufgefordert; kein Stand, kein Alter wollte zurück- 
bleiben. Auch der Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein und der 1866 
entthronte Herzog von Nassau boten dem Könige ihre Dienste an. Die vielen 
Freiwilligen, welche sich stellten, konnten längst nicht alle angenommen werden; 
bei mehreren Regimentern wurde nachgefragt, ob nicht ein Familienvater aus 
älteren Jahrgängen seinen Platz einem Freiwilligen abtreten wolle, aber 
niemand meldete sich. 1 
Am 19. Juli, dem Sterbetage der Königin Luise, suchte und fand König 
Wilhelm Stärkung in stillem Gebet am Grabe seiner Eltern; an demselben 
Tage erneuerte er den Orden des Eisernen 
Kreuzes, den der Vater einst am Geburts- 
tage der Mutter gestiftet. Nach dem Gottes- 
dienste eröffnete er dann den schleunigst be- 
rufenen Reichstag des Norddeutschen Bun- 
des, wobei er die Worte sprach: 
„Hat Deutschland derartige Vergewalti- 
gungen seines Rechts und seiner Ehre in früheren 
Jahrhunderten schweigend ertragen, so ertrug es 
sic nur, weil es in seiner Zerrissenheit nicht wußte, 
wie stark es war. Wir werden nach dem Beispiel 
unserer Bäter für unsere Freiheit und für unser 
Recht gegen die Gewaltthat fremder Eroberer 
kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein 
anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas 
dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie 
er mit unsern Bätern war.“ In demselben Augen- 
blicke traf die französische Kriegserklärung ein. Der 
Reichstag bewilligte ohne Beratung die geforderte 
Kriegsanleihe und erklärte in einer Adresse an den 
König: „Kein Opfer ist dem deutschen Volke zu 
schwer; aber es wird endlich auf der behaupteten 
Wahlstatt den von allen Völkern geachteten Boden 
friedlicher und freier Einigung finden.“ 
Das Eiserne Kreuz von 1870. Ahnliche Begeisterung wie im Norden 
(Originalgröße.) herrschte auch in Süddeutschland. König Lud- 
· wig von Bayern stellte seine Truppen sofort 
unter den Oberbefehl des Königs Wilhelm, und die bayrische Kammer be- 
willigte die erforderlichen Geldmittel. Diesem schönen Beispiel folgten Württem- 
berg, Baden und Hessen. Bald sollte den Franzosen auch die Hoffnung auf 
die österreichische und italienische Hilfe genommen werden. 
Napoleon, der schon lange vor dem Kriege gerüstet hatte, rechnete 
darauf, den Deutschen einen Vorsprung von mindestens vierzehn Tagen ab- 
zugewinnen; aber er überzeugte sich bald mit Schrecken, daß sein Heer noch 
nicht fertig war. Oft fehlten die notwendigsten Sachen; viele Regimenter 
standen fern von ihren Zeugniederlagen oder der Gegend, woher ihre Reserven 
kommen musßten; andere wußten nicht, wohin sie sollten; für Verpflegung 
war schlecht gesorgt. Schon war der Kampf eröffnet, aber die französische
        <pb n="291" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 285 
Mobilmachung noch nicht beendet. Wie ganz anders ging das in Deutschland! 
Als Moltke bei seiner Ankunft in Berlin die erste Nachricht von dem drohenden 
Kriegswetter erfuhr, bezeichnete der große Schweiger sofort mit dem Worte: 
„Also doch! Nun dann Sektion Frankreich!“ das Fach, in welchem der schon 
seit Jahren bis ins einzelne ausgearbeitete Kriegsplan ruhte. Aber nicht nur 
dieser Plan war fertig, sondern auch alle Ausrüstungsgegenstände lagen bereit; 
jeder Mann wußte, wohin er gehörte, nahm seine Sachen und war kriegsfertig. 
Jedem Transportzuge war Fahrzeit und Weg genau vorgeschrieben, nirgends 
entstand eine Stockung; Zug auf Zug rollte nach dem Rheine zu, aus allen 
Wagen, deren viele von den Soldaten selber mit der Aufschrift „Eilgut nach 
Paris“ versehen waren, erschollen fröhliche Lieder. Von welchem Geiste 
unsere Truppen beseelt waren, zeigt auch das Abschiedswort eines bayrischen 
Reiters: „Liebe Mutter, ehe der Franzose zu euch ins Land kommt, bin ich 
tot, und mein Rittmeister ist tot, und alle meine Kameraden sind tot.“ Wahr- 
lich „ganz wie 18131“ 
Da rauscht das Haff, da rauscht der Belt, Schwaben und Preußen Hand in Hand, 
Da rauscht das deutsche Mcer; Der Nord, der Süd ein Heerl 
Da rückt die Oder dreist ins Feld, Was ist des Deutschen Vaterland? — 
Die Elbe greift zur Wehr. Wir fragen's heut nicht mehr. 
Neckar und Weser stürmen an, Ein Geist, ein Arm, ein einz'ger Leib, 
Sogar die Flut des Mains! Ein Wille sind wir heut! 
Vergessen ist der alte Span: Hurra, Germania, stolzes Weib! 
Das, deutsche Volk ist eins! Hurra, du stolze Zeit! 
So jubelte Freiligrath, und mit ihm sang, wie in den Befreiungskriegen, 
wem Gesang gegeben. Schon Ende Juli standen 300000 deutsche Truppen 
am Rhein; auf dem Marsche war noch eine Reserve von 200000 Mann; 
anßerdem befanden sich in der Heimat noch 400000 Mann Besatzungs= und 
Ersatztruppen, so daß Deutschland sofort fast eine Million Krieger ins Feld 
führen konnte. Moltke hatte sich bei der Ausarbeitung des Feldzugsplanes 
von dem Gedanken leiten lassen: Ziel ist die Eroberung von Paris; auf dem 
Wege dorthin müssen unsere Truppen zusammengehalten werden, damit wir 
den Feind, so oft er sich treffen läßt, möglichst mit überlegener Zahl an- 
greifen können. Den rechten Flügel der deutschen Heeresmacht bildete die 
erste Armee unter dem General von Steinmetz an der Saar und Mosel: 
das Centrum bildete die zweite Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl 
in der Rheinpfalz. Den linken Flügel, die dritte Armee, vorwiegend Süd- 
deutsche, führte Kronprinz Friedrich Wilhelm; er stand ebenfalls in der 
Rheinpfalz, an der Nordgrenze des Elsaß. Diesen deutschen Heeren standen 
zwei französische Armeen gegenüber: die Rheinarmec unter dem Marschall 
Bazaine stand 150000 Mann stark in Lothringen der ersten und zweiten 
deutschen Armee gegenüber; die Südarmee (100000 Mann) unter dem 
Marschall Mac Mahon hielt gegen den Kronprinzen das Elsaß besetzt. Beide 
Armeen stützten sich auf einen starken Festungsgürtel und waren außerdem 
durch die Ausläufer der Vogesen bis zu den Vorbergen der Ardennen gedeckt. 
Ein Reserveheer von 50000 Mann unter Canrobert stand bei Chälons 
a. d. Marne; außerdem sollte eine französische Flotte die deutschen Küsten
        <pb n="292" />
        286 Dritter Zeitraum. 
angreifen. Am 31. Juli begab sich König Wilhelm, von Bismarck, Moltke 
und Roon begleitet, zur Armee und übernahm selber den Oberbefehl über die 
gesamte deutsche Streitmacht; auch Napoleon erschien bei der Rheinarmee, um 
sie selber zu führen. “ 
Die Feindseligkeiten begannen damit, daß die Franzosen mit Ubermacht 
die schwache Besatzung von Saarbrücken angriffen. Mit Geschicklichkeit wußte 
diese den Feind über ihre Stärke zu täuschen; als aber ein ganzes französisches 
Korps zum Angriff schritt, um Napoleons Begierde nach einem ersten Erfolge 
zu befriedigen, zog sie sich zurück (2. August). Napoleon selber erschien während 
des Gefechtes, begleitet von seinem vierzehnjährigen Sohne Louis, der hier 
die Feuertaufe erhielt und nach 
44 des Vaters Bericht solche Kalt- 
s« blütigkeit bewies, daß die Sol- 
daten vor Freuden Thränen 
vergossen. Das war die erste 
Siegesfrende des Kaisers, aber 
auch die letzte; schon nach vier 
Km– Tagen verließen die Franzosen 
« den deutschen Boden wieder 
— 9 —n und haben ihn seitdem nur noch 
AaAes Gefangene betreten. 
;«--—.·---··" Am 4. August überschritt 
der Kronprinz mit der dritten 
Armee die Lauter und griff die 
Vorhut Mac Mahons, etwa 
6000 Mann unter dem Befehl 
des Generals Abel Douai, 
bei Weißenburg an. Trotz 
der geringen Zahl der Feinde 
kostete der erbitterte Kampf um 
» die mit Mauern umgebene Stadt 
»z» und den dahinter liegenden 
« Geißberg auf deutscher Seite 
Steinmetz. blutige Opfer. Aber bald gaben 
die Franzosen nach großen Ver- 
lusten — auch ihr Führer war gefallen — den Kampf auf. Dieser erste 
deutsche Sieg erregte daheim und beim deutschen Heere die größte Freude; die 
Waffenbrüderschaft zwischen Nord= und Süddentschen war mit Blut besiegelt 
worden. Dieser Sieg hatte auch die Hoffnung der Franzosen auf die Zuaven 
und Turkos aus Algier zerstört, mit denen sie den Deutschen gedroht hatten. 
Diese Halbwilden lauerten am liebsten wie die Katzen im sicheren Versteck, 
oder sie lagen wie tot auf dem Boden, um den ahnungslosen Gegner hinterrücks 
zu erschießen; selbst an den Verwundeten übten sie teuflische Tücke aus. Aber 
unsere Soldaten lernten sie bald kennen und wurden leicht mit ihnen fertig; ein 
Bayer brachte einen der seltenen Burschen lebendig zu seinem Hauptmann mit 
den Worten: „Da haben's aanen, doch verzeihms, der schönste ist es nicht!“ 
— 
2 2 
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        287 
1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 
  
   
  
  
  
  
  
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        288 Dritter Zeitraum. 
Jetzt eilte Mac Mahon mit etwa 50000 Mann selber herbei, um dem 
Kronprinzen die Pässe des Wasgenwaldes zu versperren. Er nahm seine 
Stellung auf den Höhen westlich von Wörth, vor seiner ganzen Front 
zog sich eine von der Sauer durchflossene Wiesenniederung hin. Der Kron— 
prinz hatte den Angriff erst für den 7. August in Aussicht genommen; aber 
seine Vortruppen gingen schon am 6. so ungestüm vor, daß der Kampf ohne 
große Verluste auf deutscher Seite nicht mehr abgebrochen werden konnte. 
Die französische Stellung war noch fester als die der Osterreicher bei König- 
grätz; die Ränder der Höhen fallen steil ab, die mit Mauern umgebenen 
Gärten, Gehöfte, Hopfen= und Weinanpflanzungen gewährten vortreffliche 
Deckung. Der Sturm gegen diese Höhen war anfänglich erfolglos; als aber 
im Norden die Bayern, im Süden die Württemberger, Badenser, Hessen, 
Nassauer und Thüringer den Feind schon fast überflügelt hatten, gab Mac 
Mahon den Kampf auf. Sein Heer eilte in größter Unordnung davon, nur 
mit Mühe gelang es ihm, es wieder zu sammeln; aber 18000 fehlten. Zwar 
hatte auch das deutsche Heer über 10000 Mann verloren; dafür war aber 
auch ein großer Sieg errungen und die Armee Mac Mahons kampfunfähig 
gemacht. Die Franzosen hatten seit 1815 die erste offenc Feldschlacht verloren! 
Zugleich mit der Siegesbotschaft von Wörth traf noch eine zweite 
vom selben Tage ein. Die Vorhut der ersten Armee stieß auf ihrem Vor- 
marsch auf das französische Korps Frossard, das auf den Spicherer Höhen 
bei Saarbrücken eine nach Ansicht der Franzosen uneinnehmbare Stellung inne 
hatte; besonders schien der bastionsartig vorspringende, steile und kahle Rote 
Berg unangreifbar zu sein; durch reihenweis übereinanderliegende Schützen- 
gräben und Verschanzungen waren die Höhen wie in eine Festung umge- 
wandelt. Dennoch gingen unsere Truppen ohne Zögern zum Angriff vor. 
Das Gewehr als Stütze benutzend, auf Händen und Füßen kriechend, kletterten 
sie, meistens ungedeckt, die steilen Höhen empor, nisteten sich dort ein und 
wichen nicht, so sehr sie auch mit Kugeln überschüttet wurden; doch vermochten 
sie auch nicht weiter vorzudringen, bis endlich frische Regimenter, die zum 
Teil soeben den Eisenbahnwagen verlassen hatten, ihnen zu Hilfe eilten. Als 
es dann sogar gelang, Kanonen auf den Berg zu schaffen, zog sich Frossard 
zurück. 
Die am 4. und 6. August erfochtenen drei Siege hatten den Mut und 
das Selbstvertrauen des deutschen Heeres gewaltig gehoben und die Franzosen 
ernüchtert. Schon damals schrieb ein englischer Berichterstatter, ein Zeuge 
der Schlacht bei Wörth: „Die Franzosen sind verloren! Das sind keine Ba- 
taillone, das sind Mauern, die mit unwiderstehlicher Macht vorwärts dringen. 
Jeder Mann ist ein Held!“ Der Einfall in Süddeutschland sowie die Ver- 
bindung mit Osterreich und Italien war vorläufig vereitelt. Schon in diesen 
Tagen kamen die ersten Gefangenen nach Deutschland, aber auch viele Ver- 
wundete, und viele tausend Hände regten sich, um Freund und Feind die 
liebevollste Pflege angedeihen zu lassen. Königin Augusta stellte sich an 
die Spitze des Vereins zur Pflege kranker und verwundeter Krieger, leitete 
dessen Sitzungen und besuchte täglich die Lagerstätten der verwundeten Sol- 
daten in Berlin.
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 289 
  
  
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Der Kronprinz führt die Bayern zum Siege bei Weißenburg. 
Hoffmeyer, Unser Preußeèn. 19
        <pb n="296" />
        290 Dritter Zeitraum. 
Die Schlachten um Metz am 14., 16. und 18. August. 
Die Nachricht von den erlittenen Niederlagen hatte in Paris die größte 
Aufregung hervorgerufen. Alle Bürger zwischen dem dreißigsten und vierzigsten 
Jahre wurden sofort der Mobilgarde eingereiht, alle Deutschen aber aus Frank- 
reich ausgewiesen. Sehnlichst wünschte Napoleon eine Schlacht bei Metz, um 
durch einen Sieg seine Lage zu bessern; aber seine Generale widerrieten, 
deshalb legte er, krank und müde, den Oberbefehl in Bazaines Hände. Die 
französischen Heerführer beschlossen nun, den Osten bis auf Metz und Straß- 
burg aufzugeben, ihre sämtlichen Truppen bei Chälons zu vereinigen und 
unter den Mauern von Paris die Entscheidungsschlacht zu liefern. Deshalb 
gab Bazaine Befehl zum Abmarsch, um über Verdun Chälons zu erreichen. 
Es war bereits zu spät, denn bevor er an die Mosel kam, wurde er am 
14. von der ersten Armee bei Colombey (Courcelles) so heftig angegriffen, 
daß ein Teil seines Hceres kehrt machen mußte und er einen vollen Tag 
verlor. Am 15. nahm er seinen Abmarsch wieder auf, aber vorsichtig und 
langsam. Napoleon mochte nichts Gutes ahnen, denn er verließ am folgenden 
Morgen nebst seinem Sohne diese Armee. 
Inzwischen hatte die zweite deutsche Armec in Gewaltmärschen südlich von 
Metz die Mosel überschritten, um den Franzosen den Weg nach Chälons zu 
verlegen; schon am Abend des 15. standen die am weitesten vorgeschobenen 
Truppen westlich von Mars la Tour. Als nun Bazaine am 16. seinen 
Rückzug fortsetzte, wurde er in seiner linken Flanke von dem brandenburgischen 
(3.) Armeekorps (von Alvensleben) mit solcher Heftigkeit angegriffen, daß er 
die gesamte zweite Armee vor sich zu haben wähnte und sein ganzes Heer 
zum Angriff führte. 
Das Schlachtfeld bildet eine wellenförmige Hochebene, die etwa in der Mitte 
von der Landstraße Metz— Verdun durchschnitten wird. Das deutsche Korps stand in 
einer nahezu eine Meile langen Linie gegen eine unendliche übermacht; leicht hätte 
Bazaine es vernichten können, wenn er entschieden vorgegangen wäre. Aber er richtete 
sein Augenmerk nur darauf, seine Verbindung mit Metz zu sichern, vielleicht auch 
darauf, dem deutschen Heere die Verbindung mit der Mosel abzuschneiden; daher hatte 
unser rechter Flügel einen schweren Stand. Aber die Brandenburger waren nicht zu 
überwältigen; drei Stunden lang stritten sie gegen eine drei-, ja vierfache Ubermacht, 
bis sie Verstärkun erhielten. Die Entscheidung mußte auf dem linken Flügel bei 
Vionville und Mars la Tour herbeigeführt werden, den ein französisches Korps 
unter Aufbietung großer Infanterie= und Kavalleriemassen zu umtlamiern suchte. 
Um eine feindliche Vatterie nördlich von Vionville zum Schweigen zu bringen, 
sandte von Alvensleben Halberstädter Kürassiere und altmärkische Ulanen ab. ie 
ein Orkan brausen die tapferen Reiter daher, überreiten das erste Treffen der In- 
santerie, überwältigen eine Batterie, duxchbrechen auch die kreite Linie. Da wirft sich 
die feindliche Kavallerie mit vierfacher Ubermacht über sie; die Tapferen müssen zurück 
und sich zum zweitenmal eine blutige Gasse bahnen. 
„Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt; 
Wohl wichen sie unsern Hieben, 
Doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt, 
Unser zweiter Mann ist geblieben.“ 
Mit Ubermacht drängen die Franzosen vor und drohen, den linken Flügel bei 
Mars la Tour zu umgehen und Vionville zurückzuerobern. Voigts-Rhetz eilt mit
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 291 
  
  
  
  
  
  
  
   
  
  
  
  
    
  
  
  
  
   
  
  
   
  
      
  
  
  
  
  
  
  
    
  
    
  
  
  
  
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        292 Dritter Zeitraum. 
fünf Regimentern Hannoveraner zur Hilfe, und doch scheint der Kampf hoffnungslos 
zu sein. Schon sammelt der Feind gewaltige Kavalleriemassen, um die halb zertrüm— 
merten Regimenter vollständig zu zermalmen. Da stürmen ihnen mit lautem Hurra 
6000 deutsche Reiter entgegen; ein kurzer, heftiger Kampf, dann stürzen die seschla enen 
Franzosen davon, ihre eigenen Regimenter mit sich fortreißend: die größte Reiterschlacht 
dieses Krieges war geschlagen. " # mm“ 
Bis zum Abend wogte der Kampf hin und her; da bot Prinz Friedrich 
Karl, der in jähem Galopp von Pont ä Mousson herbeigeeilt war und seit drei 
Stunden den Kampf persönlich leitete, den letzten Hauch von Mann und Roß auf, 
um den entscheidenden Schlag zu thun: aber die Truppen vermochten nichts mehr, 
die Nacht machte endlich dem Kampfe ein Ende. Beide Heere lagerten, einander 
ganz nahe, mit dem Gewehr im Arm, auf dem Schlachtfelde; erst das Zurückgehen 
der Franzosen am Morgen gab den Deutschen die Gewißheit des Sieges. 35000 
Tote und Verwundete hatte das zwölfstündige Ringen gekostet, fast die Hälfte kam 
auf die Deutschen; aber die deutsche Peeresleitung hatte ihr Ziel erreicht: Bazaine 
war abermals um einen Tag aufgehalten und zog sich bis hinter Gravelotte zurück. 
Bazaine nahm auch am 18. den Abmarsch nicht wieder auf, obwohl ihm 
der Weg nach dem Norden noch offen stand. Er hatte seine Stellung westlich 
von den Metzer Forts St. Quentin und Plappeville auf der stufenartig an- 
steigenden Hochebene gewählt, deren westlicher Abhang durch übereinander- 
liegende Schützenreihen und deren Rücken durch Batterien in gedeckter Stellung 
befestigt war, die das kahle Vorland, über welches die Deutschen anrücken 
mußten, vollständig bestreichen konnten. Seine Stellung reichte im Süden fast 
an die Mosel und zog sich über Amanvillers bis über St. Privat hinaus; er 
hielt sie für unangreifbar und wollte deshalb den Kampf nur verteidigungsweise 
führen. Die deutsche Heeresleitung hatte am 17. sämtliche Korps der ersten und 
zweiten Armec bis auf eins, das zur Beobachtung von Metz zurückgelassen war, 
auf das linke Moselufer gezogen, im ganzen etwa 200000 Krieger, denen 
180000 Franzosen in einer fast unangreifbaren Stellung gegenüberstanden. 
König Wilhelm übernahm selber die Leitung der Schlacht bei Gravelotte, 
der größten des ganzen Krieges, die auch noch dadurch bemerkenswert ist, 
daß beide Heere mit umgekehrten Fronten schlugen. 
Die Schlacht von Gravelotte spielt sich in drei großen, nebeneinander her- 
gehenden Kämpfen ab. Im Centrum und auf dem rechten Flügel mußten die 
Deutschen sich damit begnügen, ihre Stellung zu behaupten; denn Bazaine hatte auch 
heute wieder seinen linken Flügel am besten bedacht. Die Entscheidung mußte im 
Norden erfolgen. Weil das deutsche Hauptquartier nicht wußte, ob Bazaine seinen 
Abmarsch nach Norden bereits angetreten habe, so mußte der linke Flüg el, preußische 
Garde und Sachsen, weit nach Norden ausgreifen, um ihn noch zu fassen oder, falls 
er nicht aufgebrochen war, in seiner rechten Flanke zu umgehen. Bevor dies ge- 
schehen war, mußte die Garde, um das Centrum zu entlasten, einen Angriff auf 
St. Privat wagen. Das festungsähnliche Dorf mit seinen vielen Gartenmauern 
und steinernen Häusern war ebenso wie die umliegenden Höhen vom Feinde stark 
besetzt; in allen Gräben, hinter allen Mauern, Zäunen und Hecken lagen die feindlichen 
Schwärme: vor dem Feuer dieser Tausende weittragender Gewehre, deren Schützen 
unsichtbar waren, lag ein völlig ungedeckter Abhang. Unter ungeheuern Verlusten 
— die Gardeschützen z. B. verloren sämtliche Offiziere — drang die Garde bis in die 
Nähe der feindlichen Stellung vor und behauptete sich dort stundenlang im feindlichen 
Kugelregen, bis ihr die Sachsen von Norden her zu Hilfe eilten und sie gemeinsam 
das inzwischen von der deutschen Artillerie zerschossene St. Privat erstürmten. Um 
dieselbe Zeit waren auf dem rechten Flügel die Pommern eingetroffen. Sie 
waren seit zwei Uhr morgens auf dem Marsche; aber beim Anblick des Feindes war
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Preußische Garden und Sachsen bei St. Privat. 
1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 
293
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        294 Dritter Zeitraum. 
alle Müdigkeit vergessen, mit lautem Hurra drangen sie durch die tiefe Manceschlucht 
vor und setzten sich jenseits nahe vor der feindlichen Stellung fest, um am folgenden 
Morgen die blutige Arbeit von neuem zu beginnen. 
Der 73jährige Heldenkönig hatte sünfh Stunden im Sattel gesessen. Gegen 
neun Uhr ließ er sich neben einer zerschossenen Gartenmauer hinter Gravelotte auf 
eine Wagenleiter nieder, die mit dem einen Ende auf einen toten Schimmel, mit dem 
andern auf eine Dezimalwage gelegt war; neben ihm standen Bismarck und Roon. 
Da trat Moltke, von den Pommern zurückkehrend, mit der Botschaft heran: „Majestät, 
wir haben gesiegt, der Feind zieht sich zurück!“ Mit einem bewegten „Gott sei Dank!“ 
sprang der König auf; Dankesthränen standen ihm in den Augen, als er Bismarck 
die Siegesbotschaft an die Königin diktierte. Der greise Held wollte das Schlachtfeld 
nicht verlassen; um aber nicht etwa einen Verwundeten seiner Lagerstatt zu berauben, 
übernachtete er in einer Bauernstube auf der Bahre eines Kran enwagens, worauf 
er einige Kissen seines Wagens hatte legen lassen. Mit Mühe erlangte man für 
ihn etwas Fleisch und einen 
Schluck Wein in einem Glase 
ohne Fuß. An Schlaf war 
kaum zu denken; bis spät in 
die Nacht trafen die Nach- 
richten von den einzelnen 
Truppenteilen ein. Am an- 
deren Morgen hatten die 
Franzosen die Stellungen ge- 
räumt. Der Sieg hatte dem 
deutschen Heere 20000 Mann 
gekostet, unverhältnismäßig 
hoch war die Zahl der ge- 
fallenen Offiziere. 
Die Schlacht von Sedan. 
Bazaine hatte sich 
unter die Forts von Metz 
zurückgezogen; deshalb 
wurden sieben Armeekorps 
- — die erste Armee und 
..--«"» Teile der zweiten — unter 
Albert, König von Sachsen. dem Oberbefehl des Prin— 
zen Friedrich Karl dazu 
bestimmt, die noch nie bezwungene Riesenfestung samt dem eingeschlossenen 
Heere zu belagern. Aus den übrigen, Truppen der zweiten Armee ward eine 
neue, die vierte oder Maasarinee, gebildet und unter den Oberbefehl des 
Kronprinzen Albert von Sachsen gestellt; sie sollte in Verbindung mit der 
dritten Armee Mac Mahon verfolgen. Man vermutete ihn auf dem Marsche 
nach Paris, und Kronprinz Friedrich Wilhelm war ihm bereits bis-Nanch 
gefolgt; da brachte die voraufeilende Kavallerie die Nachricht, daß das Lager 
bei Chälons, wo man starken Widerstand erwartet hatte, verlassen sei. Die 
von ihrem Gemahl zur Regentin eingesetzte Kaiserin Eugenie hatte über Paris 
den Belagerungszustand verhängt und die Regierung dem Grafen Palikao 
übertragen; beide verlangten, Mac Mahon solle die Armee nicht nach Paris 
führen. Deshalb entschloß sich dieser gegen seine bessere Einsicht, auf Drängen 
Napoleons, der zu ihm gekommen war, sein Heer nach Norden und dann
        <pb n="301" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 295 
an der belgischen Grenze entlang nach Metz zu führen, um Bazaine zu ent- 
setzen und vereint mit ihm sich gegen die Deutschen zu wenden. 
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Plan der Schlacht bei Sedan. 
König Wilhelm begab sich jetzt mit dem Hauptquartier zu der dritten 
Armee; sobald man dort sichere Nachricht über Mac Mahons Absicht erlangte,
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        296 Dritter Zeitraum. 
begann die große Rechtsschwenkung der dritten und vierten Armee. In einem 
Bogen über Reims marschierte die französische Armee, auf kürzerem Wege, etwa 
der Maas folgend, eilten die deutschen Truppen nach Norden. Schon am 
29. August erreichte die vierte Armee den Feind; sobald auch die Spitzen der 
dritten Armee zur Stelle waren, beschloß das Hauptquartier den Angriff. Durch 
die Schlacht bei Beaumont warf der Kronprinz von Sachsen den Feind 
über die Maas, die er dann auch selber überschritt, und verlegte ihm dadurch 
den Weitermarsch nach Metz, während die dritte Armee auf dem linken Maas- 
u#fer ihm den Rückveg nach Paris abschnitt. Der kranke Kaiser Napoleon 
sandte seinen Sohn fort, er selber wollte das Schicksal der Armee teilen. Es 
blieb dieser nur noch die Möglichkeit, nach Nordwesten oder auf belgisches 
Gebiet zu entkommen; ihr auch diese zu nehmen, war die Aufgabe der 
Schlacht bei Sedan (1. September). 
Die an der Maas gelegene kleine Festung Sedan mit ihren veralteten Werken 
hatte geringe Bedeutung, da sie von den umliegenden Höhen vollständig beherrscht 
wurde. Mac Mahon wollte sie auch nur benutzen, um seine abgehetzten Leute mit 
Nahrung und Schießbedarf zu versehen. Das französische Heer stand auf dem kleinen 
Dreieck eng zusammengepreßt, dessen Seiten durch die Maas, durch den bei Bazeilles 
mündenden Givonnebach und durch das Bächlein gebildet wird, das an Illy und 
Floing vorüberfließt. König Wilhelm hielt auf der Höhe von Frenois und leitete 
selber die Schlacht; unter ihm befehligte bei Daigny im Osten der Kronprinz von 
Sachsen, im Westen bei Donchery der Kronprinz von Preußen, der aber den General 
v. d. Tann mit dem 1. bayrischen Korps zur Verstärkung der Maasarmee abtrat. 
Den Oberbefehl übernahm, da Mac Mahon bald nach Beginn der Schlacht ver- 
wundet wurde, Wimpffen, der alles daran setzte, sich einen Weg nach Metz zu er- 
zwingen. Die Bayern drangen noch im Dunkeln in Bazeilles ein, fanden hier aber 
einen so erbitterten Widerstand, daß sie ihr ganzes 1. Korps aufbieten mußten und 
dennoch erst nach siebenstündigem Kampfe das Dorf eroberten, das sie vollständig 
zerstörten. Nördlich von ihnen drang die Garde siegreich vor und besetzte die Über- 
gänge über die Givonneschlucht. # . 
Am leichtesten war der Durchbruch der Franzosen im Westen zu verhindern; 
deshalb behielt Kronprinz Friedrich Wilhelm dort nur wenige Truppen und sandte 
das 5. und 11. Korps ab, um den Feind von Norden her zu fassen. Schritt für 
Schritt drangen die Deutschen über Floing und Illy vor; bald reichten die Garde 
und Teile des 11. Korps einander die Hand, und damit war der eiserne Ring um 
Sedan geschlossen. General Wimpffen raffte alle noch kampffähigen Scharen zu- 
sammen und stürmte gegen die Bayern, die vor der Ubermacht zurückwichen. Schon 
glaubte Wimpffen den Sieg in Händen zu haben; aber sofort erhielten die hart- 
bedrängten Bayern Verstärkung, und die deutschen Geschütze richteten unter den 
Franzosen, selbst als diese sich nach Sedan geflüchtet hatten, solche Verheerungen an, 
daß auch Wimpffen an jedem weiteren Widerstande verzweifelte und die weiße Fahne 
aufziehen ließ. Alsbald erklang wie einst bei Leuthen bei den Siegern „Nun danket 
alle Gott“. Napoleon sandte durch seinen Adjutanten, Grafen Reille, folgenden Brief 
an König Wilhelm: „Da es mir nicht vergönnt gewesen ist, in der Mitte meiner 
Truppen zu sterben, bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Eurer 
Mojestät niederzulegen.“ König Wilhelm erwiderte brieflich, er nehme den Degen an, 
müsse aber verlangen, daß die Armee zuvor die Waffen strecke. 
Da General Wimpffen sich weigerte, die Kapitulation der Armee zu bewilligen, 
kündigte Moltke ihm an, daß am folgenden Morgen um neun Uhr die Beschießung 
der Festung ihren Anfang nehmen werde. Napoleon hoffte, durch persönliche Unter- 
handlung mit König Wilhelm mildere Bedingungen zu erlangen; weil er sich überdies 
unter seinen eigenen Truppen nicht sicher fühlte, verließ er in der Morgendämmerung 
in geringer Begleitung die Stadt und begab sich nach Donchery, wo Bismarck wohnte. 
Sobald dieser von der Annäherung des Kaises benachrichtigt war, eilte er ihm ent-
        <pb n="303" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 297 
       
  
     
     
  
           
  
       
  
     
  
  
  
  
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        298 Dritter Zeitraum. 
gegen; Napoleon verließ seinen Wagen, und beide setzten sich vor einem am Wege 
stehenden Weberhäuschen nieder. Bismarck lehnte es ab, über die Kapitulation, und 
Napoleon, über den Frieden zu verhandeln; der inzwischen benachrichtigte König aber 
wollte den Kaiser vor Abschluß der Kapitulation nicht sprechen. So blieb Wimpffen 
nichts weiter übrig, als darein zu willigen, daß seine ganze Armee in Kriegsgefangen- 
schaft geriet und nur die Olfzziere auf Ehrenwort entlassen wurden. Um ein Uhr traf 
König Wilhelm auf dem Schlosse Belleovuc mit Napoleon zusammen. Er war tief er- 
griffen, als er den noch vor kurzem so mächtigen Kaiser ganz gebrochen und als seinen 
Gefangenen vor sich sah. Zum Wohhnsitze bestimmte er ihm das Schloß Wilbelmshöhe 
bei Kassel; eine deutsche Ehrenwache begleitete den Gefangenen bis an die belgische 
Grenze, dort erfuhr er schon die Nachricht von dem Ausbruch der Revolution in Paris. 
Am Nachmittag besuchte der greise König seine Truppen. „Kinder,“ sprach er, 
„ich danke euch für eure Tapferkeit. Aber der Krieg ist noch nicht aus: ich führe euch 
nach Paris!“" Endloser Jubel war die Antwort und begleitete den geliebten Feld- 
herrn auf seinem fünfstündigen Ritt von Lager zu Lager. Bei der Abendtafel ergriff 
der dankbare König das Glas mit den Worten: „Wir müssen auf das Wohl meiner 
braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft:; 
Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben 
seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt ge- 
bracht!“ Seiner Gemahlin hatte der König schon am 1. September den glücklichen 
Ausgang der Schlacht, am 2. den Abschluß der Kapitulation gemeldet und demutsvoll 
hinzugefügt: „Welch eine Wendung durch Gottes Führung!“ Am folgenden 
Tage schrieb er der Königin; „Es ist wie ein Traum, selbst wenn man es Stunde 
für Stunde hat abrollen sehen! Ich beuge mich vor Gott, der allein mich, mein 
Heer und meine Mitverbündeten ausersehen hat, das Geschehene zu vollbringen, und 
uns zu Werkzeugen seines Willens bestellt hat. Nur in diesem Sinne vermag ich 
das Werk aufzufassen und in Demut Gottes Führung und seine Gnade zu preisen. 
Was ich alles empfand, nachdem ich vor drei Jahren Napoleon auf dem Gipfel 
seiner Macht gesehen habe, kann ich nicht beschreiben.“ Die Verluste der Deutschen 
betrugen etwa 9000 Mann, die der Franzosen das Doppelte; außerdem verloren diese 
während der Schlacht und durch die Waffenstreckung 104000 Mann an Gefangenen 
und die gesamte Ausrüstung der Armee. 
Kämpfe gegen die französische Repnublik. 
Die Nachricht von der Kapitulation von Sedan erweckte im deutschen 
Volke Jubel und Dankbarkeit gegen Gott, bei den Franzosen Enttäuschung 
und Erbitterung. Statt aber die Ursache ihrer Niederlage in der Uberlegen- 
heit des Gegners zu suchen, schrieen sie über Verrat, und die Führer der 
Linken benutzten die Verstimmung gegen die Regierung, um mit Hilfe des 
neuerungssüchtigen Volkes am 4. September die Republik zu erklären, die ja 
1792 das Land gerettet hatte. An die Spitze der neuen Regierung traten 
General Trochu, sowie die beiden Advokaten Jules Favre und Gambetta; 
bald darauf ward in Tours eine Nebenregierung eingerichtet. Die Kaiserin 
Eugenie war entflohen und fand mit ihrem Sohne in England gastliche Auf- 
nahme. Die neue Regierung knüpfte zwar gleich Verhandlungen mit König 
Wilhelm an; als aber Bismarck, um Deutschland in Zukunft vor ähnlichen 
Uberfällen Frankreichs zu sichern, die Abtretung des Elsaß sowie des deutsch 
redenden Teils von Lothringen verlangte, erwiderte Jules Favre: „Keinen 
Schritt Landes, keinen Stein unserer Festungen!“ 
Die deutsche Heeresleitung hatte das vorausgesehen und sofort nach Unter- 
zeichnung der Kapitulation von Sedan der dritten und vierten Armee den Befehl 
zum Vormarsch auf Paris erteilt; schon am 15. begann die Einschließung
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 299 
der Riesenstadt, bald darauf war auch sie, ebenso wie Straßburg und Metz, 
mit eisernem Gürtel umschlossen. Kronprinz Friedrich Wilhelm hatte gleich 
nach dem Siege bei Wörth die badische Division, die später noch durch preußische 
Garde-Landwehr und Reserve verstärkt wurde, unter dem Oberbefehl des 
Generals von Werder zur Belagerung von Straßburg zurückgelassen. 
Dieser versuchte zunächst, die Stadt durch ein Bombardement rasch zur Uber- 
gabe zu zwingen; da dies aber den gehofften Erfolg nicht hatte und unersetz- 
lichen Schaden anrichtete, schritt er zu einer regelrechten Belagerung, der die 
Festung nur etwa vier Wochen widerstand. Am 30. September zogen die 
Sieger unter den Klängen der „Wacht am Rhein“ in die alte deutsche, aber 
dem Reiche so lange entfremdet gewesene Stadt ein; an demselben Tage hatten 
die Franzosen sie 1681 in Besitz genommen. 
Leänger verzögerte sich die Ubergabe der Festung Metz. Sie wurde durch mehrere, 
auf den sie umragenden Höhen erst in den letzten Jahren angelegte Forts geschützt, 
die bei Straßburg fehlten. Da General Steinmetz als Generalgouverneur nach Posen 
versetzt war, führte Prinz Fiedrich Karl den Oberbefehl über die 160000 Mann 
starke Armee, welche die Festung samt der Armee Bazaines in einer 30 km langen 
Linie umschloß, um sie nicht durch Kampf, sondern durch den Hunger zur Ubergabe 
zu zwingen. Aber unsägliche Beschwerden hatten die Belagerer auszustehen. Viele 
kamen wochenlang nicht aus den Kleidern. Ohne Schutz lagen sie in Bretter= oder 
Laubhütten auf den Leichenseldern von Gravelotte und Vionville und kamen in große 
Gefahr, als der Regen die Erde von den großen Grabhügeln abschwemmte und die 
Lagerstätten in wahre Moräste verwandelte. Die Kleider leisteten dem Unwetter nicht 
genügenden Widerstand; oft fehlte es an Nahrung und Feuer. Bald wurden die 
Reihen durch Ruhr und Typhus in bedenklicher Weise gelichtet; und doch durfte der 
beschwerliche und gefährliche Wachtdienst keinen Augenblick versäumt werden. Schon 
am 31. August und 1. September suchte Bazaine nach Norden durchzubrechen; später 
wiederholte er den Versuch, ward aber jedesmal zurückgeworfen. Leicht hätte er auf 
einen Punkt eine bedeutende Ubermacht zusammenziehen können, aber es fehlte ihm 
der rechte Wagemut; endlich wurde der Hunger unerträglich; Metz kapitulierte am 
27. Oktober mit 170000 Mann, 3 Marschällen, 6000 Offizieren und unermeßlichem 
Kriegsmaterial. Die Gefangenen wurden nach Deutschland befördert, auch die Offi- 
ziere, weil einige der bei Sedan gefangen genommenen Offiziere ihr Ehrenwort ge- 
brochen hatten. Bazaine ging zu Napoleon nach Kassel. In der Freude über die 
Eroberung von Metz erhob König Wilhelm General von Moltke in den Grafenstand 
und ernannte den Kronprinzen sowie den Prinzen Friedrich Karl zu Feldmarschällen; 
dieselbe Auszeichnung erfuhr später auch der Kronprinz Albert von Sachsen. Den 
Truppen aber rief der höchste Kriegsherr zu: „Ihr habt alle Tugenden bewährt, die 
den Soldaten besonders zieren: den höchsten Mut im Gefecht, Gehorsam, Ausdauer, 
Selbstverleugnung bei Krankheit und Entbehrung. Was auch die Zukunft bringen 
möge, ich sehe dem ruhig entgegen; denn ich weiß, daß mit solchen Truppen der Sieg 
nicht fehlen kann.“ 
Zur Sec waren die Franzosen uns weit überlegen; dennoch hat ihre 
Flotte nichts ausgerichtet. Gleich beim Beginn des Krieges lief ein großes 
Panzergeschwader von Cherbourg aus, und bald darauf folgte ihm ein zweites; 
aber ihre Absicht, die auf einer Ubungsfahrt im Ozean befindliche deutsche 
Flotte wegzunehmen, wurde durch den Prinzen Ad|albert von Preußen (S. 247) 
vereitelt, der sie rechtzeitig nach Wilhelmshaven zurückführte. Auch ihre zweite 
Aufgabe, eine Landung an der deutschen Küste zu wagen, löste die französische 
Flotte nicht: es fehlte ihr an Seekarten und genügender Besatzung, dazu er- 
hielten die Befehlshaber aus Paris fortwährend einander widersprechende
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        300 Dritter Zeitraum. 
Weisungen. Deutscherseits waren alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die See— 
zeichen waren entfernt, alle Feuer der Leuchttürme gelöscht, die Lotsen nach 
dem Binnenlande gebracht und die gefährdeten Punkte stark befestigt. Der 
Befehlshaber der Küstenlande, General Vogel von Falckenstein, bildete 
aus Kriegern und Bürgern eine Wacht am Meer, die aber kaum einen Fran— 
zosen gesehen hat. Eine von der französischen Ostseeflotte beabsichtigte Be— 
schießung Kolbergs unterblieb; auch die Nordseeflotte beschränkte sich auf die 
Blockade der Flußmündungen. Die deutsche Seemannschaft brannte vor Ver- 
langen, sich mit den Franzosen zu messen, und wenn sie auch einen ernsthaften 
Kampf nicht wagen durfte, so neckte sie den Feind doch, wo sie nur konnte. 
Kapitän Weickhmann schreckte mit der Korvette Nymphe die französische Flotte 
bei Neufahrwasser am 22. August aus ihrer trägen Ruhe; ebenso holte er 
aus dem Schutz der Strandbatterien an der normännischen Küste drei mit 
Vorräten beladene französische Schiffe. Den ehrenvollsten Kampf führte im 
November der Kapitänleutnant Knorr, der mit dem Kanonenboot Meteor 
einen französischen Aviso auf der Reede von Havanna zum Kampf heraus- 
forderte und nach zweistündigem Gefecht zur Rückkehr in den Hafen zwang. 
Auch dadurch haben die Franzosen uns nur wenig geschadet, daß sie deutsche 
Handelsschiffe abfingen; im ganzen haben sie ctwa vierzig aufgebracht. Im 
September kehrte die französische Flotte heim; ihre Bemannung fand dann 
im Landbkriege, besonders bei der Verteidigung von Paris, Verwendung. 
Paris war vollständig eingeschlossen, aber die eigentliche Belagerung 
dieser durch Natur und Kunst geschützten Riesenstadt hatte man noch nicht 
beginnen können. Die Seine nimmt kurz vor ihrem Eintritt in die Stadt 
die vielfach gewundene Marne auf, und nach ihrem Austritt aus derselben 
bildet sie große Schlangenwindungen, wodurch sie vor der Stadt drei 
parallele Wasserläufe zieht. Dazu war diese seit 1840 befestigt worden. 
Eine durch Basteien verstärkte Umwallung umschloß den Stadtkörper, in 
weiterem Kreise lagen 16 Forts, von denen das auf dem Mont Valerien 
das stärkste war. Die Stadt war mit Lebensmitteln, Geschützen und anderem 
Verteidigungsgerät sehr reichlich versehen und wurde von einer der Ein- 
schließungsarmee an Zahl mehr als doppelt überlegenen Besatzung verteidigt. 
König Wilhelm hatte sein Hauptquartier nach Versailles verlegt; er wohnte 
in dem einfachen Gebäude der Präfektur, während das Schloß zu einem 
Lazarett eingerichtet war: in den mit Bildern aus der Ruhmezgeschichte 
Frankreichs geschmückten Sälen lagen jetzt deutsche Soldaten. Von Versailles 
aus wurden von nun ab sämtliche Bewegungen der deutschen Heere geleitet. 
Die in einer 90 km langen, daher sehr dünnen Linie aufgestellten Belagerungs- 
truppen hatten sich nicht nur gegen die Ausfälle der Besatzung, sondern auch 
gegen Angriffe im Rücken zu verteidigen; dazu fehlte es ihnen bis Weihnachten 
an grobem Geschütz. Anfänglich war die Verbindung mit der Heimat ge- 
stört, die Schienen waren aufgerissen, Lokomotiven und Wagen nach dem 
Westen entführt, so daß die Truppen Mangel litten, später trafen die Sen- 
dungen in reichlicher Fülle ein. Die deutsche Post löste überhaupt während 
des ganzen Krieges ihre Aufgabe in unibertrefflicher Weise. Soweit die 
Truppen vordrangen, stellten besondere Feldabteilungen sofort die telegraphische
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 301 
Verbindung mit den übrigen Truppenteilen und mit der Heimat her. Die 
damals von dem Generalpostmeister Stephan zuerst eingeführten Postkarten 
wurden den Soldaten zu unentgeltlicher Benutzung in reichem Maße aus- 
geteilt. Während des ganzen Feldzuges hat die deutsche Feldpost über hundert 
Millionen Briefe und zweieinhalb Millionen Pakete befördert. 
Gambetta hatte im Luftballon Paris verlassen und sich zu der Neben- 
regierung nach Tours begeben, um die Landesverteidigung in die Hand zu 
nehmen. Schon seit Errichtung der Republik hatten sich freiwillige Scharen 
von Franktireurs gebildet, die unsere Armee fortwährend in Unruhe er- 
hielten, ihr die Verbindungen abschnitten, die Posten aus dem Hinterhalt 
erschossen, einzelne Abtei- 
lungen und die Post über- 
fielen. Jetzt erließ Gam- 
betta ein Aufgebot der 
Massen, um einen Volks- 
kricg zu entflammen; eng- 
lische und amerikanische 
Kaufleute lieferten die er- 
forderlichen Waffen, und 
bald schienen die Armeen 
überall wie aus dem Bo- 
den herauszuwachsen. In 
kurzer Zeit standen 600 000 
Mann unter den Waffen; 
alle hatten dieselbe Auf- 3 
gabe, Paris zu entsetzen. 
Da die Pariser durch Luft- 
ballon, Brieftauben und 
unterirdische Leitungen mit 
den Provinzen noch fort- 
während in Verbindung 
standen, so waren sie sofort 
von jedem Erfolge jener 
Entsatzarmeen unterrichtet, wodurch sie nur zu weiterem Widerstande und 
zu Ausfällen ermutigt wurden. Eins der ersten Ausfallsgefechte fand um 
Le Bourget statt. Dies unter dem Feuer der Forts nördlich von Paris 
liegende Dorf war von einer Kompanie der preußischen Garde besetzt; plötzlich 
wurde sie (28. Oktober) im Morgengrauen durch Mobilgarde und Franktireurs 
überfallen und aus dem Dorfe gedrängt. Darob herrschte in Paris großer 
Jubel, aber zwei Tage später eroberte die Garde in stundenlangem, er- 
bittertem Häuserkampf das Dorf zurück. 
Als sich bei Orleans bedeutende feindliche Streitkräfte sammelten, wurde 
General von der Tann mit dem durch Infanterie und Kavallerie verstärkten 
1. bayrischen Korps dorthin abgesandt. Er traf auf ein an Zahl ihm weit 
überlegenes, aber fast nur aus jungen Leuten bestehendes Korps, das nach 
einigen Gefechten sich zurückzog, so daß er Orleans (11. Oktober) besetzen
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        302 Dritter Zeitraum. 
konnte. Auch im Norden stand eine Armee unter Bourbaki, die mit einer 
Westarmee Fühlung hatte; im Südosten hatte der Italiener Garibaldi aus 
italienischen und französischen Freischaren ein Korps gebildet, um aus Be- 
geisterung für die Republik die Sache der Freiheit zu verteidigen. Gegen 
ihn wandte sich Werder, der ihn bis über Dijon hinaustrieb, während er 
gleichzeitig Belfort belagerte. Gegen die übrigen feindlichen Heere stand 
der deutschen Heeresverwaltung aber kaum ein nennenswertes Korps zur Ver- 
fügung. Da fiel zum Glück Metz. Schon vorher hatten die einzelnen dadurch 
frei werdenden Korps Anweisung erhalten, wohin sie sich wenden sollten: 
General v. Manteuffel sollte mit der ersten Armee das Belagerungsheer im 
Norden schützen; ein Korps blieb zur Besetzung von Metz und zur Bewachung 
der Gefangenen zurück; Prinz Friedrich Karl zog mit drei Korps nach Süd- 
westen. Es war die höchste Zeit! 
Die größte Gefahr drohte von der Loire-Armee. General v. d. Tann 
vermochte sich nicht länger zu halten; nach einem siebenstündigen Kampfe gegen 
eine vierfache Ubermacht bei Coulmiers zog er sich geordnet zurück. Zu 
seiner Unterstützung erschien zuerst der Großherzog Friedrich Franz von 
Mecklenburg, dann Prinz Friedrich Karl, der die schon auf dem Marsche 
nach Norden befindliche Loire-Armee aufhielt und bei Beaune la Rolande 
(28. November) besiegte. Dann drängte er sie am 3. und 4. Dezember in 
mehreren Gefechten, die man unter dem Namen Schlacht bei Orleans 
zusammenfaßt, bis Orleans zurück; die Stadt kapitulierte und wurde wieder 
von den Deutschen besetzt. Die Loire-Armee war zersprengt; ein Teil derselben 
zog sich nach Westen zurück, der andere fand später im Südosten Verwendung. 
Deutsche schwärmten bereits auf dem linken Loireufer, und die Regierung in 
Tours verlegte der Sicherheit wegen ihren Sitz nach Bordeaux. 
Auch im Norden waren die deutschen Waffen siegreich. Nachdem 
Manteuffel den Feind bei Amiens nach heftigem Kampfe geworfen hatte, 
konnte er seine Truppen an die Küsten des Kanals und südlich bis über die 
Seine hinaus schweifen lassen. Eine zweite Armee traf er hinter der Hallue, 
einem von Norden nach Süden zur Somme fließenden Bach, wo sie sich in 
den am Bache liegenden Dörfern und auf dem östlichen, das westliche über- 
ragenden Ufer verschanzt hatte. Trotz dieser günstigen Stellung und der 
Ubermacht des Feindes wurde dieser (23. Dezember) dennoch vertrieben. 
In diesen Tagen begann auch die Beschießung der Pariser Festungswerke; 
deshalb verdoppelten die Franzosen ihre Anstrengungen, der bedrängten Stadt 
Hilfe zu bringen, solange es noch möglich war: im Norden, Westen und Süden 
bildeten sich neue Heere. Am meisten war die Westarmee unter Chanzy zu 
fürchten; deshalb brach Prinz Friedrich Karl gegen sie auf, der Großherzog 
von Mecklenburg schloß sich ihm an. Der Marsch stellte an die Truppen 
die höchsten Anforderungen. Der eisigen Winterkälte der letzten Tage folgte 
Regen und Schnee; als dann wieder Frost eintrat, vermochten die Fußgänger 
auf dem glatten Boden kaum vorwärts zu kommen, und die Reiter mußten 
ihre Pferde am Zügel führen. Auch die Verpflegung der Truppen war un- 
genügend; trotzdem trieben sie den an Zahl doppelt überlegenen Feind in den 
Kämpfen vor Le Mans (10.—12. Januar) von Dorf zu Dorf, von Gehöft
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 303 
zu Gehöft. Chanzy verzweifelte an fernerem Widerstande und führte seine 
zersprengten Reste nach Nordwesten. Der Großherzog wandte sich zur Unter- 
stützung der ersten Armee nach Rouen, während andere deutsche Truppen Tours 
besetzten. Fast gleichzeitig mit der Westarmee wurde auch die Nordarmee der 
Franzosen unschädlich gemacht, die sich unter Faidherbe wieder gesammelt hatte. 
Am 19. Jannar warf General v. Gveben, der jetzt an Manteuffels Stelle 
den Oberbefehl führte (S. 304), sie bei St. Quentin zurück. Damit waren 
alle Versuche, Paris zu entsetzen, gescheitert. 
Immer gleichzeitig mit den wichtigsten Kämpfen der Entsatzarmeen machte 
die Pariser Besatzung Durchbruchsversuche, die aber alle mißlangen. Um die 
Jahreswende waren endlich so viele schwere Geschütze und genügende Ge- 
schosse zur Stelle, daß eine 
ernstliche Beschießung der 
Stadt beginnen konnte. 
Die schweren Geschütze rich- 
teten in den Forts grosße 
Verheerungen an; einige 
warfen ihre Granaten auch 
nach Paris selber hinein, 
weniger um Schaden an- 
zurichten, als um zu 
schrecken. Zuletzt entsank 
den Parisern aller Mut. 
Immer beißender wurde 
der Hunger. Nicht allein. 
Pferde, sondern auch * 2 
Hunde, Katzen, Ratten. 
und die Tiere des zoolo- 
gischen Gartens wurden 
verzehrt. Da es an Stein- 
kohlen fehlte, ging bald 
das Leuchtgas aus, und Goeben. 
die Straßen waren abends 
fast dunkel, was um so unangenehmer war, da die Stadt eine große Zahl 
der verwegensten Gesellen barg, die schon zweimal einen Aufstand versucht 
hatten, um zur Herrschaft zu gelangen. Am 23. Januar erschien Jules Favre 
in Versailles, um über den Frieden zu verhandeln; schon nach drei Tagen 
wurden die Feindseligkeiten eingestellt und am 28. Januar ein dreiwöchiger 
Waffenstillstand unter folgenden Bedingungen geschlossen: Die feindlichen 
Forts werden der deutschen Armee ausgeliefert; die Besatzungstruppen werden 
entwaffnet und bleiben in Paris als Kriegsgefangene; die Stadt zahlt 
200 Millionen Frank Kriegssteuer, darf sich aber während des Waffenstill- 
standes mit Lebensmitteln versehen. Während des Waffenstillstandes tritt eine 
aus freien Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung zusammen, die über 
Krieg und Frieden entscheiden soll. 
Der südöstliche Kriegsschauplatz war von dem Waffenstillstande
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        304 Dritter Zeitraum. 
ausgeschlossen. Bis Mitte Dezember hatte Werder seine Stellung in Dijon 
(S. 302) behauptet, dann aber aufgeben müssen, weil Bourbaki ihn im 
Rücken bedrohte. Diesem war die Aufgabe gestellt, mit dem größeren Teile 
der zersprengten Loire-Armee Belfort zu befreien, die deutschen Heere vom 
Rheine abzuschneiden und, wenn möglich, Süddeutschland mit Raub und Brand 
heimzusuchen. Als sich Ende Dezember bei Belfort große Heeresmassen sam— 
melten, zog sich Werder dorthin zurück. Bald merkte er, daß er eine be— 
deutende Ubermacht vor sich hatte, und beschloß, den Angriff in fester Stellung 
abzuwarten. Er wählte dazu das östliche Ufer des nach Süden fließenden 
Baches Lisaine, der bei Montbéliard sich in die Allaine ergießt; nur einige 
Kilomcter entfernt lag in seinem Rücken Belfort, von dessen Belagerungs- 
truppen und -geschützen er alles 
irgend Entbehrliche heranzog. Drei 
Tage lang, 15. bis 17. Jannar, 
rangen hier 45000 Deutsche, unter 
ihnen viele Landwehrleute, gegen 
150000 Franzosen! Selbst die Nacht 
brachte nicht eiumal Ruhe, da die 
meisten deutschen Truppen sie trotz 
der Kälte in ihren dünnen, zer- 
rissenen Kleidern im Freien zu- 
bringen mußten, größtenteils ohne 
genügende Nahrung. Aber niemand 
murrte, jeder wußte, was von seiner 
Weaachsamkeit abhing, wußte auch, daß 
vom Norden schon deutsche Brüder 
NNHNNN&amp;hzJJur Hilfe herbeieilten. Auch Bour- 
aeoaki hatte dies erfahren und zog 
«"" · sich auf Besangon zurück. König 
Werder. Wilhelm aber telegraphierte dem 
General Werder: „Ihre helden- 
mütige dreitägige, siegreiche Verteidigung Ihrer Position, eine belagerte 
Festung im Rücken, ist eine der größten Waffenthaten aller Zeiten.“ 
Das deutsche Hauptquartier hatte die im Südosten drohende Gefahr 
rechtzeitig erkaunt und bereits am 6. Januar Manteuffel mit der Bildung 
ciner Südarmee beauftragt. Schon unterwegs traf ihn die Kunde von Werders 
Siege an der Lisaine, und sofort beschloß er, Bourbaki den Rückzug abzu- 
schneiden. Gegen Garibaldi, der Dijon besetzt hielt, sandte er nur ein Bataillon, 
während er selber nach dem Süden eilte, um Bourbaki das Doubsthal zu 
sperren. In den Kämpfen vor Dijon fiel den Franzosen die einzige deutsche 
Fahne in die Hände, die sie unter einem Haufen Leichen fanden. Bourbaki 
verzweifelte an fernerem Widerstande. Da sein Heer zu weiterem Kampfe 
unfähig war, rettete es sich auf Schweizer Gebiet, wo es entwaffnet wurde. 
Alle Bande der Zucht waren gelöst; die französischen Offiziere mußten es 
den Schweizern überlassen, die Ordnung wieder herzustellen. — Jetzt wurde 
der Waffenstillstand auch auf den südöstlichen Kriegsschauplatz ausgedehnt,
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 305 
  
  
  
  
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Unsere brave Landwehr. 
Hoffmeher, Unser Preußen. 20
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        306 Dritter Zeitraum. 
und die französische Regierung befahl dem tapferen Verteidiger von Belfort, 
die Festung, die ihrem Fall nahe war, zu räumen. Am 18. Februar wurde 
sie von den Deutschen besetzt. 
Friede. 
Damit war der Kampf zu Ende. Als am 12. Februar die aus freien 
Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung in Bordeaux zusammen- 
trat, wünschte die Mehrheit derselben den Frieden. Gambetta war schon 
vorher zurückgetreten, und der an die Spitze der Staatsleitung berufene 
Thiers bemühte sich, den Abschluß des Friedeus unter den von König 
Wilhelm gestellten Bedingungen möglichst zu beschleunigen. Der König bestand 
bei Festsetzung der Friedensbestimmungen darauf, daß bis zu 30000 Mann 
deutscher Truppen einen bestimmt abgegrenzten Teil der Stadt Paris 
besetzen sollten. Am 1. März rückten sie ein. Auch der Kaiser, der Kron- 
prinz, Bismarck, Moltke und viele andere hohe Offiziere besuchten die Stadt; 
am Abend des 2. durchhallte ein von sämtlichen Musikkorps ausgeführter 
großartiger Zapfenstreich die Stadt. Da am selben Tage die Nachricht von 
der Unterzeichnung des Friedens eintraf, verließen die deutschen Truppen 
am folgenden Morgen die Stadt wieder, wobei sie unter dem Triumphbogen 
durchzogen. « 
Schon am 1. März war der vorläufige Friede unterzeichnet worden. 
In demselben trat Frankreich das Elsaß, doch ohne Belfort, ferner den 
deutschredenden Teil von Lothringen mit Metz an Deutschland ab und ver— 
pflichtete sich, binnen drei Jahren fünf Milliarden Frank Kriegsentschädigung 
zu zahlen. Bis zur völligen Abtragung dieser Summe (September 1873) 
blieb eine Besatzungsarmee unter Manteuffels Oberbefehl in Frankreich zurück. 
Dieser vorläufige Friede wurde durch den endgültigen Friedensschluß zu 
Frankfurt a. M. am 10. Mai 1871 bestätigt. 
Kaiser Wilhelm war nach einem herzlich dankenden Abschiedsworte an 
die Armee sowie an die Vereine zur Pflege der Krieger über Metz bereits 
nach Deutschland zurückgekehrt. In Saarbrücken überreichte ihm die dankbare 
Rheinprovinz einen goldenen Lorbeerkranz; seine Reise nach Berlin, wo er 
kurz vor. seinem Geburtstage eintraf, glich einem Triumphzuge. Der greise 
Held hatte die Anstrengungen des Krieges gut überstanden und trotz aller 
Unruhe und vielseitiger Beschäftigung noch Zeit gefunden, seiner Gemahlin 
nicht nur durch Telegramme, sondern auch durch regelmäßig, fast täglich ab- 
gesandte Briefe Nachricht zu geben. Bald kehrten auch die siegreichen Truppen 
heim, überall mit Jubel empfangen und mit Kränzen überschüttet; am lautesten 
aber war der Jubel, als am 16. Juni die Garde und Vertreter des ge- 
samten übrigen deutschen Heeres durch das Brandenburger Thor in Berlin 
einzogen. Voran ritten die ruhmgekrönten Feldherren; dann kamen Bismarck, 
Moltke, der an diesem Tage zum Feldmarschall erhoben wurde, und Noon, 
darauf der Kaiser, dem der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, Prinz Wilhelm 
und mehrere deutsche Fürsten folgten. Auf dem Pariser Platze nahm der 
Kaiser von Ehrenjungfrauen einen Lorbeerkranz mit den Worten entgegen: 
„Jch nehme den Dank an, nicht für mich, sondern für die Armec."
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 
  
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Einzug der deutschen Truppen in Paris am 1. März 1871.
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        308 Dritter Zeitraum. 
Doch wie mancher deutsche Krieger kehrte nicht zurück! Über 40000 der— 
selben waren während des Feldzuges vom Tode dahingerafft. Aber sie haben 
nicht umsonst geblutet! Die deutschen Truppen haben während des ganzen 
Krieges 600 siegreiche Treffen, Gefechte und Schlachten geliefert, 26 Festungen 
erobert und 400000 Feinde zu Gefangenen gemacht, nicht mitgerechnet die 
Pariser Besatzung und die Truppen, welche über die belgische und die schwei- 
zerische Grenze flüchteten. Mit Entsetzen erkannte Frankreich, mit Staunen 
die Welt, wie schier unerschöpflich die deutsche Wehrkraft sei. Trotz aller Ver- 
luste standen am Schluß des Krieges 800000 Mann auf französischem Boden, 
und über 200000 warteten in Deutschland nur des Befehls zum Abmarsch. 
Auch das deutsche Volk selber hatte erst wieder erkannt, wie stark es ist, 
wenn es zusammenhält, und deshalb erwachte jetzt wieder mächtig in ihm der 
lang gehegte Wunsch nach einer Einigung der deutschen Stämme unter 
einem Kaiser. 
Wiederaufrichtung des deutschen Kaisertums. 
Schon bei Beginn des Krieges hatte König Wilhelm die Uberzeugung 
ausgesprochen, „daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte 
deutscher Freiheit und Einigkeit sprießen werde“; jeder neue, gemeinsam er- 
fochtene Sieg verstärkte diese Hoffnung. Aber die preußische Regierung mied 
jeden Schein einer Nötigung, es den Süddeutschen überlassend, ihre Auf- 
nahme in den Norddeutschen Bund nachzusuchen. Der Großherzog von Baden 
war stets für die Einigung Deutschlands warm eingetreten; schon am 3. Sep- 
tember beantragte er die Aufnahme seines Staates in den Norddeutschen 
Bund. Etwas später erklärte sich auch Hessen dazu bereit. Bayern und 
Württemberg forderten als Bedingung für ihren Eintritt eine größere Selb- 
ständigkeit, als den übrigen Bundesstaaten gewährt worden war, besonders 
in militärischer Hinsicht. Bismarck kam ihnen möglichst weit entgegen, im 
November traten die vier süddeutschen Staaten ein. Der so erweiterte Nord- 
deutsche Bund erhielt zunächst den Namen „Deutscher Bund“; aber dieser 
hatte beim Volke einen schlechten Klang. Die Volksstimme verlangte schon 
längst einen Kaiser; Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen glühte für 
diesen Gedanken, und Bismarck hatte schon beim Eintritt Bayerns in den 
Norddeutschen Bund (23. November) mit den Vertretern Bayerns eine Eini- 
gung über die Wiederherstellung der Kaiserwürde erzielt. Dann bat König 
Ludwig von Bayern im Einverständnis mit den übrigen deutschen Fürsten 
König Wilhelm, er möge die Würde eines Deutschen Kaisers annehmen. 
Auch der Norddeutsche Reichstag trug durch eine Abordnung dem Könige 
dieselbe Bitte vor; ihr Sprecher war der Präsident Simson, der einst auch 
Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone angeboten hatte. Der König entschloß 
sich nur schwer dazu, er hätte lieber auch fernerhin nur den Titel eines 
Königs von Preußen geführt; aber in dem einmütigen Wunsche des deutschen 
Volkes sah König Wilhelm einen Nuf Gottes, dem er sich nicht entziehen 
dürfe. Er erklärte sich deshalb in einem Rundschreiben an die deutschen 
Fürsten und freien Städte zur Annahme der Würde bereit und ließ am 
18. Januar, dem für Preußens Geschichte so denkwürdigen Tage, in dem
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Einzug der Sieger in Verlin am 16. Juni 1871. 
  
1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 
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        310 · Dritter Zeitraum. 
Spiegelsaale des Schlosses zu Versailles, wo schon so mancher für Deutsch- 
land verderbliche Plan geschmiedet worden war, das neue deutsche Kaisertum 
verkündigen. 
Der König hatte sich jeden Prunk und jedes Lob seiner Verdienste ver- 
beten; auch einen Thron wies er zurück. Vor einem einfachen, mit einer 
roten Decke bekleideten und mit dem Eisernen Kreuz geschmückten Feldaltar 
sprach Divisionspfarrer Rogge ein von Choralgesängen eingeleitetes und ge- 
schlossenes Gebet. Dann trat der König auf eine Erhöhung; rechts von ihm 
stand der Kronprinz, zu beiden Seiten dreißig Fürsten und Prinzen, hinter 
ihnen 56 Fahnen und 5—600 Offiziere des Belagerungsheeres. Mit lauter 
Stimme verkündete er seinen Entschluß, die Kaiserwürde anzunehmen, und 
forderte den Grafen Bismarck auf, die Ansprache „An das deutsche Volk“ 
zu verlesen, in der er sagte: „Wir bekunden hiermit, daß wir es als eine 
Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, dem Rufe der 
verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die deutsche 
Kaiserwürde anzunehmen. Wir hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation 
gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vater- 
land einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die 
kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die 
Rechte des Reichs und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die 
Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu 
verteidigen. Uns aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone 
wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des Deutschen Reiches zu 
sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern 
und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, 
Freiheit und Gesittung.“ Kaum war das letzte Wort verklungen, so 
rief der Großherzog von Baden: „Se. Majestät der Kaiser Wilhelm lebe 
hoch!“ und alle stimmten begeistert ein. Wie zum Schwur erhoben Fürsten 
und Offiziere die Rechte, Säbel entfuhren der Scheide, und ein brausendes 
Hoch durchhallte den Saal Ludwigs XIV. Der Kronprinz verneigte sich vor 
seinem kaiserlichen Vater, der ihn herzlich umarmte; aus der Ferne donnerten 
die Belagerungsgeschütze ihren Gruß; die sieggewohnten Fahnen umrauschten 
den kaiserlichen Feldherrn. 
Am 21. März 1871 trat in Berlin der erste aus allgemeinen Wahlen 
hervorgegangene Deutsche Reichstag zusammen; an demselben Tage wurde 
Graf Bismarck in den Fürstenstand und zum Reichskanzler erhoben. In 
der Eröffnungsrede gab Kaiser Wilhelm nochmals seinem „demütigen Dank 
gegen Gott Ausdruck für die weltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade 
die treue Eintracht der deutschen Bundesgenossen, den Heldenmut und die 
Mannszucht unserer Heere und die opferfreudige Hingebung des deutschen 
Volkes gesegnet hat“, und schloß mit den Worten: „Möge dem deutschen 
Reichskriege, den wir soeben siegreich geführt, ein nicht minder glorreicher 
Reichsfriede folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin 
beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe um die Güter des Friedens als 
Sieger zu erweisen.“" Die Aufgabe des ersten Reichstages bestand darin, 
die Wunden, welche der Krieg geschlagen, nach Möglichkeit zu heilen, den um
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 311 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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Die Verkündigung der Wiederaufrichtung des deutschen Kaisertums im Schlosse 
zu Versailles am 18. Januar 1871.
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        312 Dritter Zeitraum. 
die glücklichen Erfolge verdienten Männern den Dank des deutschen Volkes 
zu bethätigen und die Verfassung des Deutschen Reiches zu beraten. Die 
bedürftigen Reserve- und Landwehrmänner wurden freigebig unterstützt; die 
hervorragend verdienten Feldherren und Staatsmänner erhielten eine Dotation, 
und zur dauernden Unterstützung der Invaliden wurde ein Reichsinvaliden— 
fonds errichtet. Da man bei Beratung der Verfassung die Einrichtungen 
des Norddeutschen Bundes zur Grundlage wählte, so konnte die Verfassung 
des Deutschen Reichs schon nach drei Wochen veröffentlicht werden. 
Einiges aus der Reichsverfassung. 
Der König von Preußen ist zugleich Deutscher Kaiser; als solcher hat er 
das Recht und die Pflicht, das Reich völkerrechtlich zu vertreten, den Bundesrat und 
den Reichstag zu berufen, zu eröffnen und zu schließen, die Reichsbeamten zu berufen 
und zu entlassen sowie den Oberbefehl über das Heer und die Marine zu führen. 
Im Bundesrat, der aus den Vertretern der einzelnen Regierungen besteht, besitzt 
Preußen von den 58 Stimmen 17; den Vorsitz führt der vom Kaiser zu ernennende 
Bundeskanzler. Der Reichstag besteht aus 397 Abgeordneten, welche vom 
Volke in geheimer, direkter Wahl gewählt werden. Zum Zustandekommen eines 
Reichsgesetzes ist nur die Zustimmung des Reichstages und des Bundesrats er- 
forderlich; der Kaiser unterschreibt die Reichsgesetze, läßt sie veröffentlichen und wacht 
über deren Ausführung. Manche wichtigen Sachen, welche Preußen bis 1866 selb- 
ständig ordnete, sind jetzt auf das Reich übertragen, z. B. die Beurkundung des 
Personenstandes (Standesämter), Zoll= und Handelsgesetzgebung, Ordnung der Münze, 
Maß= und Gewichtsverhältnisse, Vertretung im Auslande, Heer und Marine, Pof 
und Telegraphenwesen, die Gesetzgebung über das bürgerliche Recht, Strafrecht und 
das Gerichtsverfahren. Die Unterhaltung und Verwaltung der Gerichte ist Sache 
der Einzelstaaten; das Reichsgericht in Leipzig, das höchste Gericht Deutschlands, wird 
vom Reiche unterhalten. 
5. Raiser Willzelm der Groke. 
Auswärtige Verhältnisse. 
„Das neue Deutschland wird ein zuverlässiger Bürge des 
europäischen Friedens sein.“ Dies Wort Kaiser Wilhelms ist zur 
Wahrheit geworden. Alexander II. von Rußland, dessen Neutralität Preußen 
1866 und Deutschland 1870 wertvolle Dienste geleistet hatte, blieb auch nach 
dem Kriege noch Deutschlands Freund. Die offene, versöhnliche Politik Deutsch- 
lands vermochte sogar in maßgebenden Kreisen Osterreichs den Wunsch nach 
einem engen Anschluß an das Deutsche Reich zu erwecken. Schon im Herbst 1872 
konnte Kaiser Wilhelm die Kaiser Alexander und Franz Joseph in Berlin als 
seine Gäste begrüßen; durch das Dreikaiserbündnis schien der Friede 
Europas für Jahrzehnte gesichert zu sein. Nur Frankreich stand ihm feind- 
selig gegenüber. Vorläufig hatte es zwar genug mit sich selber zu thun und 
war auch ohne Bundesgenossen, doch bald änderte sich das. 
Um zu verhindern, daß in den Krieg, den Rußland 1877 siegreich gegen 
die Türkei führte, auch andere Mächte verwickelt würden, lud die deutsche 
Reichsregierung die beteiligten Mächte zu einem Kongreß in Berlin ein, wo 
im Juli 1878 Friede geschlossen wurde. Rußland erhielt zwar große Be- 
sitzungen in Asien sowie am Pruth und an der Donau, auch hatte es den 
—
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 313 
angeblichen Zweck des Krieges, Befreiung der russischen Stammes= und 
Glaubensgenossen von türkischer Herrschaft, erreicht, aber nicht den eigentlichen 
Zweck: die ausschlaggebende Stellung am Bosporus. Die Schuld dieses Miß- 
erfolges schob es Deutschland zu und näherte sich Frankreich; das Deutsche 
Reich mußte also fürchten, seine Waffen gleichzeitig gegen Osten und Westen 
kehren zu müssen. Deshalb vermittelte Fürst Bismarck 1879 mit Osterreich ein 
Schutzbündnis gegen Rußland. Kaiser Wilhelm fiel es schwer, gegen seinen 
Neffen sich wappnen zu müssen; als dieser daher (1881) durch Meuchelmord 
fiel, versuchte er, den jungen Kaiser Alegander III. (( 1894) zu einem 
neuen Dreikaiserbündnis zu bewegen, aber vergebens. Schon glaubten die 
Franzosen, die so lange ersehnte Rache an Deutschland endlich ausführen zu 
können, und rüsteten in fieberhafter Aufregung. Doch auch die deutsche Reichs- 
regierung war nicht müßig; sie hatte schon 1883 durch die Aufnahme Italiens 
den bisherigen Zweibund in einen Dreibund erweitert. · 
Aber der Kaiser wollte die Sicherheit Deutschlands nicht von der Treue 
oder Stärke der Bundesgenossen abhängig machen, sondern jedem Gegner 
durch die eigene Kriegsmacht gewachsen sein und suchte deshalb diese nach 
Kräften zu verstärken. Bei der Beratung der Vorlage im Reichstage zeigte 
Bismarck, wie oft der Kaiser schon den Krieg vermieden habe, daß Deutsch— 
land sein Heer nur zum Schutze des Friedens verstärken wolle, nicht aus 
Furcht; denn, so rief er unseren kriegslustigen Nachbarn zu: „Wir Deutsche 
fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.“ Die Vorlage wurde 
mit erdrückender Mehrheit bewilligt, und die Feinde im Osten und Westen 
legten die bereits erhobenen Waffen wieder nieder. Mit größter Gewissen— 
haftigkeit überwachte die deutsche Militärverwaltung auch die Einübung und 
Ausrüstung des Heeres; selbst der neunzigjährige Kaiser besuchte noch die 
Manöver. Auch die Kriegsflotte erfreute sich der gleichen Fürsorge; Kiel 
und Wilhelmshaven wurden zu Reichskriegshäfen erhoben, die Zahl der 
Schiffe von Jahr zu Jahr vermehrt. Beim Tode des Kaisers zählte sie 
außer der Torpedoflottille etwa siebzig Kriegsschiffe mit einer sehr see— 
tüchtigen Bemannung. Sie hat die Aufgabe, die heimischen Küsten und den 
deutschen Handel im Auslande zu schützen. Das ist in nachdrücklicher Weise 
geschehen, so daß der deutsche Kaufmann nicht mehr jeder Willkür der Fremden 
ausgesetzt ist. 1872 nahm Kapitän Batsch der Republik Haiti zwei Schiffe 
weg, weil ein deutscher Kaufmann dort nicht zu seinem Rechte kommen konnte; 
1873 schützte Werner die Deutschen in Spanien während eines Aufruhrs; 
1878 bestrafte Wickede die Republik Nicaragua, weil der deutsche Konsul dort 
unwürdig behandelt worden war. Mit gleichem Nachdruck und Erfolge sind 
später deutsche Kapitäne in Liberia, Samoa, Chile, Brasilien, China und 
Marokko aufgetreten. Nun endlich konnte man auch den Gedanken des 
Großen Kurfürsten wieder aufnehmen, überseeische Kolonien zu gründen, 
um dem Fleiße und dem Thatendrange unseres Volkes neue Arbeitsfelder zu 
eröffnen. Seit 1882 wurden in Südwestafrika, ferner nicht weit von der 
ersten preußischen Kolonie (S. 69), in Togo sowie am Kamerunfluß deutsche 
Kolonien angelegt. Nicht lange danach stellte das Reich noch andere 
Gebiete unter seinen Schutz, wo deutsche Kaufleute bereits Land erworben
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        314 Dritter Zeitraum. 
oder Handelsunternehmungen begonnen hatten: in Ostafrika und Neu- 
guinea. 
Trotz des lebhaften Wunsches Kaiser Wilhelms, Frieden zu halten und 
Frieden zu stiften, blieb ihm der Kampf mit dem Papste nicht erspart. Diesem 
waren die Siege des überwiegend evangelischen Preußens und Deutschlands 
über zwei katholische Großmächte nicht angenehm; dazu hatte Preußens 
Bundesgenosse von 1866 dem Papste den Kirchenstaat genommen und 1870 
sogar Rom besetzt. Papst Pius IX., deutsche Bischöfe und preußische Abge- 
ordnete baten König Wilhelm um Wiederherstellung der weltlichen Macht des 
Papstes; aber der Kaiser mußte es ablehnen, in die inneren Verhältnisse 
Italiens sich einzumischen. Der Gegensatz zwischen dem Papste und dem 
evangelischen Kaiserreich wurde noch verstärkt durch das 1870 auf dem Konzil 
zu Rom verkündigte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in Sachen 
des Glaubens und der Moral. Vergebens hatten deutsche Bischöfe vor der 
Annahme dieses Glaubenssatzes gewarnt, zuletzt unterwarfen auch sie sich; aber 
viele deutsche Katholiken verwarfen jenes Dogma und bildeten als Alt- 
katholiken eine besondere kirchliche Gemeinschaft. Der preußische Staat 
verhielt sich demgegenüber streng unparteiisch: er schützte die neue Kirchen- 
gemeinschaft wie die ältere und ließ die Staatsbeamten, welche das Unfehl- 
barkeitsdogma nicht anerkennen wollten, in ihrem Amte. Darob entbrannte 
der Kampf. Unter Billigung des Papstes schloß die „ultramontane“ Parteie 
im Reichstage ein Bündnis mit allen, welche dem Reiche und Preußen 
feindlich waren: mit Polen, Dänen, Welfen, Elsaß-Lothringern; deshalb griff 
auch der Staat zu schärferen Waffen. Unter dem Kultusminister Dr. Falk 
wurden (1872—1875) mehrere Gesetze erlassen, welche tief in das Leben der 
katholischen Kirche eingriffen, allerdings — obgleich unbeabsichtigt — auch die 
evangelische trafen. Die Redefreiheit der Geistlichen auf der Kanzel wurde 
eingeschränkt, das Aufsichtsrecht über die Volksschulen ihnen genommen; die 
Mitglieder der Orden wurden von dem Lehrfache, die Jesuiten aus Deutsch- 
land ausgeschlossen, den widerspenstigen katholischen Geistlichen die Staats- 
zuschüsse entzogen; viele, selbst der Erzbischof von Mainz und der Bischof von 
Trier, wanderten ins Gefängnis, die Gemeinden verwaisten. Der Kaiser be- 
dauerte diesen für beide Teile gleich verderblichen Streit lebhaft; sobald daher 
(1878) in Leo XIII. ein milder gesinnter Mann den päpstlichen Stuhl be- 
stieg, schloß die Regierung des Reichs und Preußens mit ihm nach und nach 
einen für Staat und Kirche annehmbaren Frieden. Der Staat erlangte das 
wichtige Zugeständnis, daß die Pfarreien und Bistümer nicht ohne seine Zu- 
stimmung besetzt werden können; auch blieb ihm die Schulaufsicht gewahrt. 
Die Jesuiten durften nicht zurückkehren, neue Orden dürfen sich nur mit 
staatlicher Genehmigung hier niederlassen. 
Die soziale Gesetzgebung. 
Während Staat und Kirche einander befehdeten, wuchs ihre gemeinsame 
Feindin, die Sozialdemokratie, die in den gewerblichen Verhältnissen 
Deutschlands einen kräftigen Nährboden fand. Der Handarbeit, die mit dem 
Großbetrieb schon genug zu kämpfen hatte, erwuchs ein neuer Feind in der
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 315 
1869 eingeführten vollständigen Gewerbefreiheit. Viele selbständige, aber 
unfähige Meister überschwemmten mit schlechten Waren den Markt und drückten 
die Preise herab; große Magazine drängten sich zwischen Handwerker und 
Käufer. Infolge der deutschen Siege hatte sich der deutsche Außenhandel 
sowie das heimische Gewerbe sehr gehoben. Fabriken über Fabriken ent— 
standen; selbst einfache Bürger, kleine Beamte, Handwerker und Landleute 
wollten ohne Mühe reich werden und gaben vertrauensselig ihr kleines Kapital 
gewissenlosen Gründern hin. Aber nur etwa zwei Jahre währte diese 
„Gründerzeit“; dann traten infolge der Überfüllung des Warenmarktes 
Stockungen ein; viele Fabriken mußten den Betrieb einschränken oder ein— 
stellen. Während die eigentlichen Gründer sich mit reichem Gewinn recht— 
zeitig zurückgezogen hatten, verloren die Teilhaber ihr Vermögen, die Arbeiter 
ihren Verdienst. Die Zahl der Unzufriedenen war also groß; viele derselben 
warfen sich der Sozialdemokratie in die Arme, die ihren Ursprung auf 
zwei Männer jüdischer Abkunft, auf Lassalle und Marx, zurückführt und ihren 
Anhängern den Himmel auf Erden verspricht. Alles, was einen Nutzen ge— 
währt, wie Grundeigentum, Maschinen, Häuser und Vieh, soll dem Staate, 
d. i. der Gesamtheit aller Bewohner, gehören; die Arbeit soll vom Staate 
geregelt werden, alle sollen gleichen Gewinnanteil und gleiche Erziehung er- 
halten. Religion ist Privatsache, die Ehe wird abgeschafft; auch ein Vater- 
land soll der Bürger dieses Staates nicht mehr kennen. Die Führer der 
Sozialdemokraten suchten durch die Presse und in Vereinen das Volk auf- 
zureizen und fanden leider williges Gehör; daß der von ihnen verheißene 
Zukunftsstaat unmöglich ist, daran dachten wenige. Die Verhetzung des Volkes 
ging so weit, daß zwei verkommene Menschen auf den hochbetagten Kaiser 
schossen. Um die Quelle dieses Ubels zu verstopfen, begann die Reichs- 
regierung eine Sozialpolitik zum Wohl der Arbeiter, wie sie die Welt 
bis dahin noch nicht gekannt hatte. 
Zwar war auch bisher schon manches geschehen, die äußere Lage der 
Arbeiter zu erleichtern: die allgemeine Schulpflicht hatte ihren Bildungsstand 
gehoben, die Reichsverfassung sie den übrigen Ständen politisch gleichgestellt, 
durch Einrichtung von Spar-, Vorschuß-, Konsum= und Knappschaftsvereinen, 
durch Errichtung von vielen tausend Arbeiterhäusern hatte sich ihre äußere 
Lage gebessert; dennoch hatten sie manchen gerechten Grund zur Klage. 
Niemand schützte sie vor der Not, in welche sie durch Arbeitsmangel, Krankheit, 
Unfall oder Alter gerieten; die Arbeitsräume waren nicht immer gesund, 
Frauen und Kinder litten oft unter zu harter Arbeit. Die großartige Um- 
wälzung auf gewerblichem Gebiete war so rasch vor sich gegangen, daß solche 
Ubelstände sich nicht verhüten ließen; doch hatte die Reichsregierung sie längst 
erkannt. Schon hatte sie (1878) Fabrikinspektoren eingesetzt, welche dar- 
über zu wachen haben, daß die zum Wohl der Arbeiter erlassenen Vor- 
schriften gewissenhaft erfüllt werden; die neu errichteten Einigungsämter 
sollten Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern schlichten; 
auch wurde die Frauen-, Kinder= und Sonntagsarbeit beschränkt. Als das 
deutsche Volk aus Freude über die Wiedergenesung des Kaisers 1740 000 Mark 
gesammelt hatte — die einzelne Gabe durfte nicht über eine Mark betragen —,
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        316 Dritter Zeitraum. 
bestimmte der Kaiser diese Summe unter dem Namen „Kaiser Wilhelms- 
Spende“ zu einer Altersversorgung für Arbeiter. Doch dies genügte ihm 
noch nicht; er wollte alle Arbeiter gegen Not durch Erkrankung 
und Unfälle schützen und ihnen eine Versorgung im Alter ge- 
währen. „Wir halten es für Unsere kaiserliche Pflicht,“ so sprach er in 
der Botschaft, mit welcher er am 17. November 1881 den Reichstag er- 
öffnen ließ, „dem Reichstage diese Aufgabe ans Herz zu legen, und würden 
mit um so größerer Befriedigung auf alle Erfolge, mit denen Gott Unsere 
Regierung sichtlich gesegnet hat, zurückblicken, wenn es Uns gelänge, dereinst 
das Bewußtsein mitzunehmen, dem Vaterlande neue und dauerhafte Bürg- 
schaften seines inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit 
und Ergiebigkeit des Beistandes, auf den sie Anspruch haben, zu hinterlassen."“ 
Mit dieser Botschaft hat sich Kaiser Wilhelm ein Denkmal für ewige Zeiten 
gesetzt. Von dem größten Segen für die wirtschaftlich Schwachen sind die 
infolge dieser Botschaft vom Reiche eingerichteten Kassen der Kranken-, 
Unfall-, Invaliditäts= und Altersversicherung. 
Nach dem Krankenversicherungsgesetz können sich alle gegen Lohn be- 
schäftigten Personen für Krankheitsfälle bis zu dreizehn Wochen freie ärztliche Be- 
handlung und ein Krankengeld sichern. Die Kosten dieser Versicherung werden durch 
Beiträge gedeckt, die zu /8 von dem Versicherungspflichtigen, zu ½ von dem Arbeit- 
geber getragen werden. Die Gesamtsumme der von deutschen Krankenkassen gezahlten 
Gelder beträgt schon jetzt jährlich mehr als 100 Millionen Mark. " 
Nach dem Unfallversicherungsgesetz müssen die Arbeiter in Fabriken, in 
Land= und Forstwirtschaft, int Betriebe der Post und Telegraphie, der Marine= und 
Heeresverwaltung, des Transportgewerbes, die Bauarbeiter und Seeleute, ebenso die 
Betriebsbeamten, soweit sie nicht über 2000 Mark Jahreseinnahme beziehen, durch 
ihre Arbeitgeber gegen Betriebsunfälle versichert werden. Die Versicherungspflichtigen 
zahlen keine Beiträge, erhalten aber bei einem ihnen bei der Arbeit zugestoßenen Unfall 
in den ersten dreizehn Wochen aus der Krankenversicherung Heilungskosten und 
Krankengeld, von da ab aus der Unfallversicherung eine Unfallrente bis zu * des 
bisherigen Arbeitsverdienstes. Im Todesfalle bekommen die Hinterbliebenen Ersaß 
der Beerdigungskosten, Witwen und Kinder eine Unfallrente. Die von der Unfall= 
versicherung gezahlten Entschädigungen betragen jährlich über 50 Millionen Mark. 
Das Gesetz über die Invaliditäts= und Altersversicherung sichert 
den dauernd Erwerbsunfähigen (Invaliden) und den alten Arbeitern eine Rente. 
Die dazu erforderlichen Mittel werden von den Arbeitern, den Arbeitgebern und dem 
Deutschen Reiche aufgebracht. Der Versicherte erwirbt einen Anspruch auf Invaliden= 
rente nach fünf, auf Altersrente nach dreißig Beitragsjahren. Die Höhe der Rente 
ist abhängig von der Lohnklasse und von der Versicherungsdauer; sie reicht hin, den 
Versicherten vor völliger Verarmung zu- schützen, überhebt ihn aber nicht der Not- 
wendigkeit eigener Ersparnisse. Das Reich zahlt zu jeder Rente jährlich 50 Mark. 
Die für Invaliditäts= und Altersrente zu zahlende Summe wächst von Jahr zu 
Jahr; 1896 betrug sie schon etwa 50 Millionen Mark. Welche Riesenaufgabe das 
Deutsche Reich sich damit gestellt hatte, zeigte sich erst deutlich, nachdem diese Kassen 
in Wirksamkeit getreten waren. Im ersten Jahrzehnt (1884—1894) sind, obgleich die 
Alters= und Invaliditätsversicherung erst für vier Jahre in Betracht kommt, für 
Arbeiterversicherung rund eine Milliarde Mark verausgabt, etwa die 
Hälfte dieser Summe ist nicht von Arbeitern beigetragen worden. 
Der Ausbau der deutschen Reichseinheit war inzwischen nicht versäumt 
worden, bildeten doch auch die neuen Versicherungsgesetze ein ganz Deutsch- 
land umschließendes Band! Schon in den ersten Jahren wurden für das 
Reich einheitliche Maße, Münzen und Gewichte eingeführt, die Post-
        <pb n="323" />
        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 317 
und Telegraphenverwaltung wurde vom Reiche übernommen, und be— 
sonders durch den deutschen Generalpostmeister Dr. Stephan wurde der Welt- 
postverein ins Leben gerufen. Um das Reich hinsichtlich seiner Einnahmen 
von den Einzelstaaten unabhängig zu machen, wurden ihm die Einnahmen 
aus den Zöllen überwiesen. Ganz Deutschland bildet jetzt ein Zollgebiet. 
Noch wichtiger war die Herbeiführung einer einheitlichen Rechtspflege 
in Deutschland. Ein Reichsstrafgesetzbuch trat sofort nach Errichtung des 
Reichs, eine einheitliche Gerichtsverfassung 1879 in Kraft; auch wurde in 
aalur abs zwanzigjähriger Arbeit ein deutsches Bürgerliches Gesetzbuch fertig 
gestellt. 
Kaiser Wilhelms Friedensarbeit für Preußen. 
Des Kaisers Fürsorge für das Reich kam ja auch Preußen zu gute; 
aber um dieses hat er sich auch noch besondere Verdienste erworben. Von 
jeher haben Preußens Könige der Landwirtschaft ihre landesväterliche Für- 
sorge zugewandt; in dieser Zeit der sozialen Gärung mußte dem Könige noch 
ganz besonders daran gelegen sein, im Lande einen leistungsfähigen Stand 
der Bauern und Gutsbesitzer zu erhalten. Von Reichs wegen wurde durch 
Getreidezölle die Einfuhr ausländischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse er- 
schwert; der preußische Staat half durch Förderung des landwirtschaftlichen 
Kreditwesens, Unterstützung landwirtschaftlicher Vereine, Errichtung und Hebung 
landwirtschaftlicher Schulen und durch Erleichterung der Ablösung von Grund- 
lasten. Auch das Verkehrswesen erfreute sich der sorgfältigsten Fürsorge. 
Der Postverkehr erreichte durch Einführung des billigen Portos für Briefe, 
Pakete, Drucksachen, Warenproben, durch Anstellung von Landbriefträgern, 
durch Errichtung von Postanstalten und Anbringung von Briefkasten selbst auf 
den Dörfern, der Telegraphenverkehr durch Ermäßigung der Gebühren 
und Einrichtung von Fernsprechanstalten einen riesigen Umfang. Während die 
Regierung den Ausbau des Landstraßennetzes den einzelnen Kreisen über- 
ließ, führte sie eine Verstaatlichung der Eisenbahnen durch und förderte 
mit Eifer den Kanalbau. Bisher waren die meisten deutschen Eisenbahnen 
Eigentum von Privatleuten, die nur für ihr Interesse sorgten. Fürst Bismarck 
erstrebte den Ankauf sämtlicher deutschen Eisenbahnen durch das Reich; da er 
hiermit auf den Widerstand der Bundesfürsten stieß, suchte er wenigstens 
die Eisenbahnen Preußens zu verstaatlichen. Der Landtag stimmte zu, zum 
großen Segen für das ganze Land. Nur unbedeutende Bahnen, die der 
Staat nicht ankaufen wollte, und viele der in neuerer Zeit erbauten Klein- 
bahnen sind jetzt noch im Privatbesitz. Zur Förderung der Binnenschiffahrt 
und zur Bodenentwässerung wurden mehrere Kanäle angelegt. So wurde 
der Main von Frankfurt abwärts kanalisiert, Emden und Wilhelmshaven 
durch den Ems-Jadekanal verbunden, ebenso eine Wasserverbindung zwischen 
Rhein und Ems sowie zwischen der Oberspree und der Oder, vor allem 
aber der Nordostseekanal (1887) in Angriff genommen, der auch für 
unsere Küstenverteidigung von Bedeutung werden sollte. Das Aufblühen von 
Handel und Gewerbe hatte zur Folge, daß (1878) von dem Handelsministerium 
ein besonderes (L.) Ministerium der öffentlichen Arbeiten abgezweigt
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        318 Dritter Zeitraum. 
wurde, dem auch die Verwaltung der Staatseisenbahnen obliegt. Um die 
Staatsregierung zu entlasten und dem Volke eine größere Teilnahme an der 
Verwaltung zu gewähren, dehnte König Wilhelm die von seinem Vater be- 
gonnene Selbstverwaltung noch weiter aus, indem er (1872) die Kreis- 
und (seit 1875) die Provinzialordnung einführte. 
Die Landesverwaltung wird teils von Staatsbehörden, teils von Organen 
der Selbstverwaltung ausgeübt. An der Spitze der Staatsverwaltung stehr das 
Staatsministerium; es zerfällt in neun einzelne Ministerien: 
1. Das Ministerium des Innernz; ihm ist die eigentliche Landesverwaltung 
anvertraut, steriu sie nicht, wie die Schulverwaltung, anderen Ministerien 
übertragen ist. »· . . „ 
2. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten ist mit dem 
Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches verschmolzen; Preußen unterhält 
für sich nur noch Gesandte bei den Bundesstaaten und beim päpstlichen Stuhle, 
außerdem einige Konsularbeamte, so in Hamburg und Bremen. 
3. Das Kriegsministerium regelt die Einstellung, Bekleidung, Bewaffnung 
sämtlicher Truppen des deutschen Reichsheeres, ausgenommen die bayrischen, 
württembergischen und sächsischen. «»« » 
4. Das Finanzministerium verwaltet die sämtlichen Einnahmen und Aus- 
gaben des Staates. Die Einnahmen ergeben sich hauptsächlich aus den 
Staatseisenbahnen, Domänen, Forsten, Bergwerken und Steuern. (S. 340.) 
5. Das Justizministerium überwacht die Ausbildung, Prüfung und Führung 
der richterlichen Personen, sorgt für deren Anstellung und Besoldung sowie 
für die Unterhaltung der Gerichtsgebäude. Im ganzen Deutschen Reiche gilt 
dasselbe Straf= und Privatrecht und besteht dieselbe Gerichtsverfassung. Für 
Übertretungen und leichtere Vergehen sowie für Klagen um Gegenstände bis 
300 Mark ist das Amtsgericht zuständig, das auch die Grundbuch= und Vor- 
mundschaftssachen verwaltet. Ein Amtsrichter und zwei Laien (Schöffen) 
bilden das Schöffengericht. Klagen um größere Wertgegenstände sowie schwerere 
Vergehen und alle Verbrechen gehören vor das Landgericht, Hoch= und Landes- 
verrat vor das Reichsgericht in Leipzig. Drei Landrichter und zwölf Ge- 
schworene (Laien) bilden das Schwurgericht. Außerdem wirken Laien bei der 
Rechtspflege noch mit als Schiedsrichter sowie als Mitglieder der Gewerbe- 
und Handelsgerichte. (Diese fünf Ministerien bestehen seit 1808.) 
6. Das Ministerium der geistlichen, Unterrichts= und Medizinal- 
angelegenheiten überwacht die äußeren Angelegenheiten der Landeskirche 
(S. 322), führt die Oberaufsicht über sämtliche Bildungsanstalten des Landes, 
ausgenommen die militärischen, gewerblichen und Seemannsschulen, und er- 
greift alle Maßregeln, welche von Staats wegen für die Gesundheit der Bürger 
erforderlich sind. Die Hochschulen stehen unmittelbar unter dem Ministerium, 
die übrigen unter Provinzialbehörden. (Errichtet 1817.) 
Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten (1848). 
Ministerium für Handel und Gewerbe; ihm ist auch das Berg-, 
Hütten= und Salinenwesen unterstellt (1848). 
9. Das Ministerium für öffentliche Arbeiten verwaltet das Eisenbahn- 
und das Bauwesen (Hoch-, Wasser= und Straßenbau); unter dem Ministerium 
bestehen 20 Eisenbahndirektionen (1878). 
Zur Unterstützung der zuletzt genannten Behörden dienen der Volkswirtschaftsrat, 
der Eisenbahnrat, die Landwirtschafts-, Handels= und Handwerkerkammern, alle aus 
Laien gebildet. . . . . 
Die Verwaltung der Provinz liegt teils den Staatsbehörden ob, teils ist 
sie Sache der Selbstverwaltung und durch Provinzial-, Kreis-, Städte= und Ge- 
meindeordnungen geregelt. Der oberste Civilbeamte der Provinz ist der Ober- 
präsident. Ihm sind alle Behörden unterstellt, ausgenommen die Gerichte, die Post- 
und Eisenbahndirektionen und die Militärverwaltung; das ihm untergeordnete 
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 319 
Provinzialschulkollegium führt die Aufsicht über das höhere Schulwesen der Provinz. 
Von den Kreistagen (s. u.l) gewählte Abgeordnete treten meistens alle zwei Jahre 
zu einem Provinziallandtage zusammen, der über Angelegenheiten der Provinz berät 
und beschließt. Dem von ihm gewählten Landesdirektor liegt die Verwaltung der 
laufenden Geschäfte ob; ihm secht der Provinzialrat (Oberpräsident, ein sonsüger 
Veamter und fünf vom Provinzialausschuß gewählte andere Einwohner der Provinz) 
zur Seite. 
Der Regierungsbezirk wird von der Königlichen Regierung verwaltet, an 
deren Spitze der Regierungspräsident steht. Sie bearbeitet sämtliche Zweige der 
inneren Verwaltung, soweit diese nicht besonderen Behörden (Gerichten, Konsistorien, 
Post= und Eisenbahnbehörden) übertragen sind. Dem Regierungspräsidenten steht der 
Bezirksausschuß (Präsident und zwei weitere Mitglieder der Regierung sowie vier 
vom Provinzialausschuß ernannte Einwohner des Bezirks) zur Seite. · 
Der Regierungsbezirk zerfällt in Land= und Stadtkreise. Den Landkreis 
verwaltet als königlicher Beamter der Landrat; neben ihm stehen als königliche 
Kreisbeamte der Kreisphysikus, tierarzt, -bau= und -schulinspektor, als Organe der 
Felbstwerwaltung der von den Einwohnern des Kreises gewählte Kreistag und der 
Kreisausschuß (Landrat und sechs Kreistagsmitglieder). Die großen Städte bilden 
einen Stadtkreis; die im Landkreise vom Landrat, Kreistag und Kreisausschuß ver- 
sehenen Geschäfte werden im Stadtkreise von dem [Ober-][Bürgermeister, den städtischen 
Behörden und dem Stadtausschuß wahrgenommen. 
Die Stadt= und Landgemeinden verwalten sich selbst unter Aufsicht der 
Königlichen Regierung und des Landrats. Die Bürger wählen als ihre Vertreter 
Bürgervorsteher (Stadtverordnete), diese wählen den Magistrat, der aus dem Bürger- 
meister, einem Beigeordneten (Syndikus) und den Senatoren (Natsherren) besteht und 
die eigentliche städtische Verwaltungsbehörde ist. Die Landgemeinde wird von dem 
Ortsvorsteher (Schulzen) und den Beigeordneten (Schöffen) verwaltet, die von den 
Einwohnern gewählt werden. 
Auch Kunst und Wissenschaft, Schule und Kirche erfreuten sich 
unter der Regierung König Wilhelms sorgfältiger Pflege. In Berlin, das 
sich unter ihm zu einer der schönsten Weltstädte entwickelte, entstand das 
großartige Reichspost= und das Reichstagsgebäude, die National- 
galerie, die Siegessäule, das Denkmal des Freiherrn vom Stein. Das 
Denkmal Friedrich Wilhelms III. im Lustgarten zu Berlin wurde beim Ein- 
zuge der siegreichen Truppen (1871) enthüllt; ebenso errichtete Kaiser Wilhelm 
seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. ein Denkmal vor der Nationalgalerie, 
seiner Mutter ein Marmorstandbild dem des Vaters gegenüber im Tiergarten 
und ebenso dem Könige Friedrich Wilhelm I. im Lustgarten zu Potsdam. 
1875 enthüllte Kaiser Wilhelm das mit seiner Unterstützung endlich voll- 
endete Hermanusdenkmal bei Detmold, und am Geburtstage seines Bruders 
(15. Oktober, S. 238) 1880 legte er unter großartiger Feier den Schluß- 
stein zum Kölner Dom. Wenige Jahre später (1883) konnte er das 
Nationaldenkmal auf dem Niederwald einweihen. Reichen Gewinn 
für Kunst und Wissenschaft zugleich ergaben die mit Unterstützung des Kaisers 
veranstalteten Ausgrabungen in Olympia und Pergamum; diese sowie 
die von Schliemann auf der Stätte des alten Troja ausgegrabenen und 
dem Deutschen Reiche geschenkten Altertümer bilden jetzt einen wertvollen 
Bestand der Berliner Museen. 
Das höhere Schulwesen wurde durch die Errichtung von Realgym- 
nasien weiterentwickelt; aber viel mehr geschah für das Volksschulwesen. 
Nach dem Schulaufsichtsgesetze von 1872 „steht die Aufsicht über alle
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        322 Dritter Zeitraum. 
der Volksschule höhere Ziele gesteckt, die Zahl der in einer Schule zulässigen 
Kinder beschränkt und infolgedessen viele neue Schulen erbaut. Um die er— 
forderliche Anzahl Lehrer zu gewinnen, wurden Präparandenanstalten 
und 50 neue Seminare eingerichtet. Die Anforderungen an die Ausbildung 
der Lehrer wurden durch die „Prüfungsordnung für Volksschullehrer, Lehrer 
an Mittelschulen und Rektoren“ erhöht, dadurch diesen aber auch weitere 
Bahnen geöffnet. Die äußere Lage der. Vollsschullehrer wurde gehoben durch 
Gewährung von Dienstalterszulagen aus Staatsmitteln (seit 1873) und durch 
Erlaß eines Pensionsgesetzes (1885). 
Kaiser Wilhelm war ein frommer Christ; deshalb lag es ihm auch am 
Herzen, „daß dem Volke nicht die Religion verloren gehe“. Dazu sollte auch 
die Schule helfsen. „Auf der Religion und den Schulen ruht die Zukunft 
des Volkes,“ sprach er einst, und: „Die religiöse Erziehung muß noch viel 
tiefer und ernster aufgefaßt werden.“ Als oberster Bischof der evangelischen 
Kirche Preußens suchte er der zunehmenden religiösen und kirchlichen Gleich- 
gültigkeit dadurch zu steuern, daß er durch Erlaß einer neuen Kirchen- 
gemeinde= und Synodalordnung auch weitere Kreise der Gemeinde zur 
Mithilfe aufrief. 
Die meisten Evangelischen der neun alten Provinzen, Lutheraner und Refor- 
mierte, im ganzen fast 15 Millionen, gehören der evangelischen (unierten) 
Landeskirche an. Ihre oberste Kirchenbehörde ist der Evangelische Ober- 
kirchenrat in Berlin, der unmittelbar dem Könige unterstellt ist. Unter dem Ober- 
kirchenrat steht in jeder der neun älteren Provinzen mit dem Sitz in der Provinzial- 
hauptstadt ein Konsistorium, das die Ausfsicht über das gesamte kirchliche Leben 
der Provinz führt. Diese Aufgabe liegt besonders den obersten geistlichen Mit- 
gliedern des Konsistoriums, den Generalsuperintendenten, ob. Der Konsistorial- 
bezirk gliedert sich wicder in Diöcesen, Superintendenturen, Propsteien oder 
Inspektionen, deren jede von einem Superintendenten (Propst) verwaltet 
wird und in mehrere Pfarreien oder Kirchspiele zerfällt. Durch die Kirchen- 
gemeinde= und Synodalordnung wird neben den Kirchenbehörden auch den 
Kirchengemeinden Einfluß auf die Kirchenverwaltung eingeräumt. In jedem Kirch- 
spiel werden aus den Gemeindegliedern Kirchenälteste gewählt, die den Geistlichen 
bei der Verwaltung der äußeren kirchlichen Angelegenheiten, in der Almosenpflege 
und Kirchenzucht unterstützen und unter seinem Vorsitz den Kir chenrat oder 
Kirchenvorstand bilden. Alle Geistlichen einer Diöcese und die doppelte Anzahl 
von den Gemeinden gewählter Laien treten — in der Regel jährlich — unter dem 
Vorsitz des Superintendenten zu einer Kreissynode zusammen, um über Vorlagen 
der Kirchenbehörden oder über eigene kirchliche Angelegenheiten zu beraten. Von 
den Kreissynoden gewählte Abgeordnete versammeln sich auf Berufung des Kon- 
sistoriums gewöhnlich alle drei Jahre mit den vom Könige ernannten Mitgliedern 
u einer Provinzialsynode. In der Regel alle sechs Jahre wird auf den Ruf 
des Königs die Landes= oder Generalsynode für die neun älteren Provinzen 
in Berlin abgehalten. Zu ihr gehören dreißig vom Könige ernannte Mitglieder, die 
Generalsuperintendenten, sechs Vertreter der Universitäten und 150 von den Pro- 
vinzialsynoden gewählte Abgeordnete. Die Synoden haben das Recht, Steuern für 
kirchliche Zwecke zu erheben; Kirchengesetze bedürfen der Zustimmung der General-= 
sonode und neben der Unterschrift des Königs der Gegenzeichnung des Präsidenten 
des Oberkirchenrats. Für die Zeit der Vertagung wählt jede Synode einen Aus- 
schuß, der ihre laufenden Geschäfte erledigt. Die evangelischen Kirchen der drei 
neuen Provinzen sind der unierten Landeskirche nicht angeschlossen, stehen also nicht 
unter dem Oberkirchenrat, sondern unter dem Kultusministerium; im übrigen sind 
aber die Kirchenbehörden, sowie die Gemeindevertretung durch eine Kirchenvorstands- 
und Synodalordnung ähnlich eingerichtet wie in den alten Provinzen.
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        1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 323 
An der Spitze der katholischen Kirche steht der Papst; ihr Gebiet ist in 
Erzbistümer und Bistümer geteilt. In Preußen bestehen zwei Erzbistümer und 
ehn Bistümer, nämlich: das Erzbistum Posen-Gnesen mit dem Bistum Kulm, 
as Erzbistum Köln mit den Bistümern Trier, Münster und Paderborn, die 
Bistümer Fulda und Limburg; die Bistümer Breslau, das auch einen Teil von 
OSsterreichisch-Schlesien umfaßt, Ermland, Hildesheim und Osnabrück sind unmittelbar 
dem Papste unterstellt. Die katholische Kirche hat keine Synodalordnung und ge- 
währt den Laien nur Einfluß auf die Vermögensverwaltung der Kirchspiele durch 
gewählte Vertreter. 
Kaiser Wilhelms Lebensabend und Heimgang. 
Es war ein großer Segen für das deutsche Volk, daß Kaiser Wilhelm 
bis in das hohe Greisenalter in voller körperlicher und geistiger Frische an 
der Befestigung seines Lebenswerkes arbeiten konnte. Stundenlang saß der 
Neunzigjährige noch täglich am Arbeitstisch, oder er nahm Vorträge entgegen 
und empfing Besuche. Wie er im Kriege selber seine Heere führte, so war 
er auch in Wahrheit die Seele seiner Regierung; selbst von den kleinsten 
Sachen, die in seinem Namen geschahen, nahm er Kenntnis. Trotzdem mochte 
er in seiner großen Gewissenhaftigkeit und Ordnungsliebe nichts aufschieben; 
daher blieben ihm zur Erholung täglich nur wenige Stunden. Im Sommer 
weilte er gern einige Wochen im Bade Ems oder Gastein oder auch auf 
der Insel Mainau im Bodensee; am liebsten aber war er in Babelsberg. 
Wie ein schlichter Landedelmann schritt er da schon am frühen Morgen durch 
Hof und Ställe, fütterte eigenhändig seine Hühner und machte, auf einen 
einfachen, von ihm selber geschnittenen Haselstock sich stützend, einen Spazier- 
gang durch den Park. In Berlin bewohnte er nicht das große Residenz- 
schloß, sondern ein kleineres neben dem Denkmal Friedrichs des Großen. 
Sobald mittags die Wache vorüberzog, trat er ans Fenster, und sofort ent- 
blößten sich alle Häupter des zahlreich versammelten Volkes zu ehrfurchts- 
vollem Gruße. Weder Arbeit noch Unpäßlichkeit vermochten den Kaiser davon 
zurückzuhalten, weil er wußte, daß viele schon lange warteten, selbst weite 
Reisen gemacht hatten, um ihn zu sehen. Im Spätsommer musterte der 
Kaiser mit scharfem Kennerblick seine Truppen. Als der Leibarzt ihn einst 
des schlechten Wetters wegen vor dem Besuch des Paradefeldes warnte, weil 
sonst das Schlimmste zu befürchten sei, antwortete er: „Dann sterbe ich 
wenigstens im Dienst. Ein König von Preußen, der nicht mehr zu seinen 
Soldaten gehen und die Verpflichtungen seines Amts erfüllen kann, der ist 
kein König mehr und müßte die Regierung niederlegen." 
Allem Prunke abhold, trug der Kaiser fast stets die einfache Offiziers- 
uniform, im schmucklosen Schlafzimmer ruhte er auf eisernem Feldbett; auch 
seine Mahlzeiten waren höchst einfach. Aber obwohl er für sich selber so 
sparsam war, hatte er doch stets eine offene Hand, wenn es galt. Notleidende 
zu unterstützen, und hierbei stand ihm seine Gemahlin, die Kaiserin Augusta, 
treu zur Seite, die sich durch Stiftung oder Unterstützung zahlreicher Vereine 
oder Anstalten für Krankenpflege, Volkswohl und Bildung ein dauerndes 
Denkmal in dem Herzen des deutschen Volkes errichtet hat. Mit der Ein- 
fachheit des Kaisers paärte sich Bescheidenheit, Dankbarkeit und Güte. Er 
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        324 Dritter Zeitraum. 
  
       
  
           
  
       
    
   
  
  
  
  
  
   
   
    
         
  
  
   
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Parade unter Wilhelm dem Großen.
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        326 Dritter Zeitraum. 
selber sah sich nur als Gottes Werkzeug an, von eigenem Verdienst ist 
nie die Rede; wie dankbar rühmt er dagegen die Verdienste seiner großen 
Gehilfen! Trotz seiner Milde fehlte es ihm nicht an der Festigkeit des 
Willens. Nie lieh er Günstlingen sein Ohr, seine bewährten Diener aber 
schützte er in ihren Amtern gegen jeden Angriff. 
Reich gesegnet war der Kaiser auch in seiner Familie. Er konnte das 
Fest der goldenen Hochzeit feiern, sein Sohn und Thronfolger, Kronprinz 
Friedrich Wilhelm, war von blühenden Kindern umgeben. Eine große Freude 
war es dem Kaiser, als sein ältester Enkel, Prinz Wilhelm, sich am 
27. Februar 1881 mit der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig- 
Holstein vermählte, und als diesem Fürstenpaare am 6. Mai 1882 der erste 
Sohn geboren wurde, da brach der kaiserliche Urgroßvater in die Worte aus: 
„Hurra, vier Könige!“ Den neunzigsten Geburtstag des allbeliebten Herrschers 
feierte auch der geringste Arbeiter. Doch bald nach diesem Tage erkrankte der 
Kronprinz an einem unheilbaren Halsleiden. Alle Kunst der Arzte, auch das 
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Letzte Unterschrift Kaiser Wilhelms. 
milde Klima des Südens vermochte nicht zu helfen. Dazu starb plötzlich ein 
hoffnungsvoller Enkel des Kaisers, Prinz Ludwig von Baden. Diese Schläge 
waren zu hart für den Greis. Seine Lebenskräfte begannen zu versiegen; 
eine leichte Erkältung warf ihn aufs Krankenlager, das er selber als sein 
Sterbebett bezeichnete. Wie ein gewissenhafter Hausvater und frommer Christ 
bereitete er sich auf den Tod vor, sprach mit dem Fürsten Bismarck über 
die politische Lage Europas, erteilte seinem Enkel weise Ratschläge, und als 
seine Tochter ihn fragte, ob er denn nicht müde werde, erwiderte er: „Ich 
habe jetzt keine Zeit, müde zu sein.“ Noch am Tage vor seinem Tode 
unterschrieb er eine Verordnung über den Schluß des Reichstages. Fürst 
Bismarck bat ihn, er möge nur den Anfangsbuchstaben seines Namens schreiben; 
der gewissenhafte Herrscher unterschrieb aber, wenn auch mit äußerster Kraft- 
anstrengung, seinen vollen Namen. Es war seine letzte Unterschrift. Der 
Oberhofprediger D. Kögel tröstete den Sterbenden mit passenden Bibelsprüchen; 
als die Frau Großherzogin Luise von Baden nach Verlesung von Luk. 2, 29 
ihn fragte: „Vater, hast Du es auch verstanden?“" erwiderte er: „Ja“, 
wiederholte die Worte: „meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ und 
fügte hinzu: „Er hat mir in seinem Namen geholfen.“ Die Kaiserin saß
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Das Mausoleum zu Charlottenburg. 
Im Hintergrunde die Grabdenkmäler König Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise, im Vordergrunde die Kalser Wilhelms des Großen und der Kaiserin Augusta.
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        328 Dritter Zeitraum. 
am Bett, die Hand des sterbenden Gemahls umfassend; Prinz Wilhelm be- 
obachtete knicend die immer schwächer werdenden Atemzüge des geliebten 
Großvaters. Am Morgen des 9. März 1888 entschlummerte der große Kaiser 
ohne Todeslampf unter dem Gebet des Hofpredigers. Die Todesnachricht 
verbreitete sich rasch über den ganzen Erdenball. Jeder wußte, daß der be- 
deutendste, berühmteste und mächtigste Herrscher der Erde geschieden sei, und 
besorgt fragte sich wohl mancher: Was nun? Ganz Deutschland glich einem 
Trauerhause. Tausende eilten nach Berlin, um die im Domc aufgebahrte 
Leiche des geliebten Herrschers noch einmal zu sehen. Die Beisetzung erfolgte 
unter Teilnahme von Königen, Prinzen und Fürsten, von Abgcordneten sämt- 
licher Staaten der Erde; aus allen deutschen Gauen waren die alten Krieger 
herbeigeeilt. Im Anblick der Siegessäule empfing die Garde die irdischen 
Üüberreste ihres großen Kriegsherrn, der sie so oft zum Siege geführt, und 
geleitete sie nach Charlottenburg. An der Seite der geliebten Eltern fand 
des Deutschen Reiches erster, großer Kaiser seine Ruhestätte. . 
Kaiser Wilhelm I. gehört zu den größten Männern aller- 
Zeiten. Er hat Preußen zur ersten Macht Deutschlands erhoben, 
das deutsche Volk gceeinigt, ihm seit Jahrhunderten entfremdete 
Brüder zurückgebracht, das Deutsche Reich an die Spitze der euro- 
päischen Staaten gestellt und in einer Zeit, wo die republi- 
kanischen Neigungen auch in Deutschland weit verbreitet waren, 
durch seine großen Verdienste und besonders durch seine hohen 
persönlichen Eigenschaften die Monarchie auf die Liebe und Ver- 
ehrung des Volkes neu gegründet. Im Kriege stets siegreich, 
war er doch ein Vater seines Volkes und hat durch seine Für- 
sorge für die niederen Stände den Staaten ganz neue Bahnen 
gewiesen. Mit Recht heißt er deshalb Wilhelm der Große. 
Fürst Bismarck schloß seine dem Reichstage das Ableben des Kaisers 
verkündende Anzeige mit den Worten: „Die heldenmütige Tapferkeit, 
das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allem die treue, 
arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und die 
Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn 
verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer 
Nation sein!“ · 
Die Kaiserin Augusta folgte ihrem Gemahl schon am 7. Januar 1890;. 
auch sie ruht im Mausoleum zu Charlottenburg. " 
Z. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. 
und Kaiser Wilbelm II. 
1. Raiser Friedrich III., vom 9. März bis 15. UAuni 1888. 
Nach Wilhelms des Großen Tode ruhte das Scepter Preußens und 
des Deutschen Reiches in der bereits todesmatten Hand Kaiser Friedrichs III. 
Wie ganz anders hatte sich ihm das Leben gestaltet, als er hoffen durfte, 
als das deutsche Volk wünschtel!
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm I. 329 
Als eine gute Vorbedeutung sah es das preußische Volk an, daß Prinz 
Friedrich Wilhelm am Jahrestage der Schlacht bei Leipzig, am 18. Ok- 
tober 1831, geboren wurde.“) Mit trefflichen Gaben des Körpers und Geistes 
ausgerüstet, entwickelte er sich zu einem blühenden Knaben und Jüngling; 
seine Mutter, eine Schülerin Goethes, und treffliche Lehrer, wie Ernst 
Curtius, erweckten in ihm Vorliebe für Kunst und Wissenschaft; das Vorbild 
des Vaters, die militärische Erziehung und das Bewußtsein der ihm bevor- 
stehenden Aufgabe machten ihn auch zu einem tüchtigen Soldaten. Nach 
dreijährigem Besuch der Universität Bonn widmete er sich dem Militärdienste 
und ließ sich durch erfahrene Staatsmänner in die verschiedenen Zweige der 
Staatsverwaltung einführen; größere Reisen durch Deutschland, England und 
Italien erweiterten seinen Blick. Er vermählte lich 1858 mit der Kron- 
prinzessin Viktoria von England, und am 27. Januar 1859 wurde dem 
jungen Fürstenpaare das erste Kind geboren, Prinz Wilhelm, der spätere 
Kaiser Wilhelm II. 
Mit der Thronbesteigung seines Vaters (1861) wurde Friedrich Wilhelm 
Kronprinz von Preußen, und er trat dadurch dem preußischen Volke noch 
näher. Seine herrliche Heldengestalt, seine bezaubernde Freundlichkeit, sein 
offenes, treuherziges Wesen gewannen ihm bald aller Herzen. Schon im 
Feldzuge gegen Dänemark (1864) bewies er seine militärische Tüchtigkeit, 
Furchtlosigkeit und die Gabe, durch Humor und Leutseligkeit die Soldaten 
zu begeistern. Im Kriege gegen Österreich (1866) heftete er Sieg auf Sieg 
an die preußischen Fahnen; seine Armee brachte die Entscheidung in der 
Schlacht bei Königgrätz. 1869 folgte der Kronprinz einer Einladung zur 
Eröffnung des Suezkanals. Er reiste über Griechenland, Konstantinopel, 
Kleinasien nach Jernsalem; von Suez aus besuchte er Agypten und kehrte 
dann über Paris heim. Wegen seines leutseligen Wesens erhielt er beim 
Ausbruch des deutsch-französischen Krieges (1870) den Oberbefehl über die 
süddeutschen Truppen und erwarb sich mit ihnen unsterbliche Verdienste durch 
die Siege bei Weißenburg, Wörth, Sedan und vor Paris; auch trat 
er mit Eifer für die Errichtung des Kaiserreichs ein. Mit der Würde eines 
Feldmarschalls geschmückt, kehrte er aus dem Kriege zurick. 
Als Kronprinz hatte er trotz seines Alters auf die Staatsleitung nur 
geringen Einfluß; er widmete daher seine Zeit, welche ihm der Militärdienst 
noch übrig ließ, vorzugsweise der Förderung von Kunst und Wissenschaft, 
wobei ihn seine kunstverständige Gemahlin unterstützte. Doch hat er sich auch 
politisch um das Deutsche Reich große Verdienste erworben. Als Armee- 
inspekteur hatte er alljährlich die süddeutschen Truppen zu besichtigen, von 
Jahr zu Jahr stieg der ihn begrüßende Jubel, und bald war „Unser Fritz“ 
im Süden ebenso beliebt wie in Norddeutschland. Im Auftrage des Reiches 
  
*) Eine empfehlenswerte ausführliche Lebensbe chreibung erschien im Verlage 
von Ferdinand Hirt &amp; Sohn in Leipzig aus der Feder des Hofpredigers D. theol. 
Rogge unter dem Titel: Friedrich der Dritte, Deutscher Kaiser und König 
7 reußen. Mit dem Bildnis des Kaisers und vielen anderen Abbildungen. 
Auflage.
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        330 Dritter Zeitraum. 
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machte er wiederholt größere Reisen an fremde Fürstenhöfe, so an den 
spanischen, italienischen und den päpstlichen Hof, und vertrat 1878 seinen 
schwer verwundeten Vater mehrere Monate in der Regierung. Auch in seinem
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 331 
            
   
  
   
    
      
   
    
  
    
    
   
    
     
     
       
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Familienleben war der Kronprinz glücklich: eine stattliche Schar blühender 
Kinder und Enkel umgab ihn. So konnte Preußen und Deutschland, also. 
voll Vertrauen einem Thronwechsel entgegensehen. Da erkannten die Ärzte
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        332 Dritter Zeitraum. 
im Frühjahr 1887, daß der Kronprinz an Halskrebs leidel Vergebens 
wurden alle Heilmittel angewandt, vergebens versuchte der hohe Kranke 
Heilung in Ems, in den schottischen Bergen, in Tirol und endlich in San 
Remo; bald versagte ihm die Stimme gänzlich. Wie lange hatte er sich ge- 
wissenhaft auf seinen hohen Beruf vorbereitet, jetzt, da ihm die Doppelkrone 
zufiel, stand er bereits mit einem Fuße im Grabel 
Sofort nach Empfang der Nachricht vom Hinscheiden seines teuern 
Vaters eilte Kaiser Friedrich III., wie er sich jetzt nannte, von dem 
sonnigen Süden nach dem noch winterlichen Norden. Wohl selten hat ein 
Volk mit mehr Liebe und Vertrauen zu seinem neuen Herrscher empor- 
geschant, als das deutsche zu Kaiser Friedrich. Das Vertrauen wurde 
noch vergrößert durch dessen erste öffentliche Ansprache, in welcher es heißt: 
„Ich bringe Meinem getreuen Volke mein rückhaltloses Vertrauen entgegen. 
Mein ganzes Bestreben wird sein, das Werk in dem Sinne fortzuführen, in 
dem es begründet wurde, Deutschland zu einem Hort des Friedens zu machen, 
und Ich gelobe, ein gerechter und in Freud' und Leid ein treuer König zu 
sein. Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großthaten, werde Ich 
zufrieden sein, wenn dereinst von Meiner Regierung gesagt werden kann, sie 
sei Meinem Volke wohlthätig, Meinem Lande nützlich und dem Reiche ein 
Segen gewesen. Gott wolle Mir seinen Segen und Kraft zu diesem Werke 
geben, dem fortan Mein Leben geweiht ist.“ 
Aber seine kurze Regierungszeit war nur ein ununterbrochenes, jedoch 
geduldig ertragenes Leiden. „Furchtlos und beharrlich!“ diesem seinem 
Wahlspruche ist Kaiser Friedrich treu geblieben, sowohl im Gewühl der 
Schlacht, als auch auf seinem Schmerzenslager. Als Prinz Heinrich 
traurig an dem Lager seines Vaters stand, schrieb dieser ihm auf einen 
Zettel: „Lerne leiden, ohne zu klagen; das ist das Einzige, was ich Dich 
lehren kann!“ Gern erquickte er sich an dem ihm wie aus der Seele ge- 
sprochenen Liede G. v. Willichs: 
Wenn der Herr ein Kreuze schickt, 
Laßt es uns geduldig tragen! 
Betend zu ihm aufgeblickt, 
Wird den Trost er nicht versagen, 
Denn es komme, wie er will, 
In dem Herren bin ich still. 
Beim Erwachen des Frühlings schienen sich die Kräfte des Kaisers 
wieder zu beleben. Eine große Freude bereitete Kronprinz Wilhelm seinem 
sterbenden Vater dadurch, daß er noch einmal einige Garderegimenter an 
ihm vorüberführte. Der hohe Kranke konnte auch noch zweimal Berlin auf- 
suchen, bei der Vermählung des Prinzen Heinrich wenigstens der lirchlichen 
Trauung beiwohnen und sogar nach seinem Lieblingssitze, dem Neuen Palais 
bei Potsdam, übersiedeln. Aber bald darauf trat eine Verschlimmerung 
ein, und am 15. Juni hatte der königliche Dulder ausgerungen. Am 
18. Juni, dem Jahrestag von Fehrbellin und Belle-Alliance, wurde die 
irdische Hülle des Heimgegangenen, der seinem Volke ein Friedensfürst zu 
werden gehofft hatte, in der Friedenskirche zu Potsdam, in der auch die
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 333 
beiden ihm voraufgegangenen Söhne Sigismund und Waldemar ihre Nuhe- 
stätte gefunden haben, feierlich beigesetzt. 
„Nur wenige Monate,“ so sprach Kaiser Wilhelm II. zu dem ver- 
sammelten Landtage, „hat das Scepter in Meines dahingeschiedenen 
Vaters Hand geruht, aber lange genug, um zu erkennen, welchen 
Herrscher das Vaterland in ihm verloren hat. Die Hoheit 
Seiner Erscheinung, der Adel Seiner Gesinnung, Sein ruhm- 
voller Anteil an den großen Geschicken des Vaterlandes und der 
Heldenmut christlicher Ergebung, mit dem Er gegen die Todes- 
krankheit kämpfte, haben Ihm im Herzen Seines Volkes ein un- 
vergängliches Denkmal gesetzt.“ 
2. Raiser Wilhelm II., seit 15. Juni 1888. 
Wilhelm II. wurde am 27. Januar 1859 als der älteste Sohn Kaiser 
Friedrichs III. geboren. Die Jugend des Prinzen fiel in die ruhmreiche 
Regierungszeit seines erhabenen Großvaters, in die Zeit der Wiederaufrichtung 
des Deutschen Reiches. Von dem gewöhnlichen Wege fürstlicher Erziehung 
abweichend, sandte Kronprinz Friedrich Wilhelm seine beiden Söhne, die 
Prinzen Wilhelm und Heinrich, nach Kassel, wo Prinz Wilhelm über zwei 
Jahre das Gymnasium besuchte und mit Auszeichnung die Abgangsprüfung 
bestand. Hierauf hörte derselbe auch noch zwei Jahre lang Vorlesungen auf 
der Universität Bonn und gab sich dann der militärischen Ausbildung 
hin. Obwohl mit Leib und Seele Soldat, versäumte der Prinz doch nicht, 
sich auch mit den andern Zweigen des hohen Amtes, das seiner wartete, 
bekannt zu machen; er ließ sich von gelehrten und in der Staatsverwaltung 
erfahrenen Männern Vorträge halten und nahm längere Zeit an den Arbeiten 
verschiedener Verwaltungsbehörden teil. So gereift, konnte der Prinz 
wiederholt seinen Großvater und später seinen erkrankten Vater vertreten und 
ihnen einen Teil ihrer Arbeiten abnehmen. Am 27. Februar 1881 vermählte 
sich Prinz Wilhelm mit Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein- 
Augustenburg, der Tochter des Herzogs Friedrich von Augustenburg (S. 264). 
Sie ist am 22. Oktober 1858 auf dem Gute Dolzig in der Niederlausitz 
geboren; als sie sechs Jahre alt war, siedelten die Eltern nach dem Schlosse 
Primkenau in Schlesien über. Der Vater kümmerte sich auf das genaueste 
um die Erziehung seiner Kinder, die er bei ihrer Konfirmation nach edler 
deutscher Fürstenart mit Wort und Hand segnete, indem er sie auf den Familien-= 
spruch hinwies: „Ohn' Gottes Gunst all Thun umsunst.“ Prinzessin Auguste 
Viktoria blühte zu einer echtdeutschen Jungfrau auf; ihre liebste Beschäftigung 
war, Armen und Kranken Hilfe und Trost zu spenden. Gleich bei der Ver- 
lobung auf Schloß Babelsberg und bei der Vermählungsfeier in Berlin ge- 
wann sie die Liebe des Volkes. Aus echt deutschem Stamme entsprossen, 
ist sie eine wahrhaft deutsche Hausfrau geworden; als Kaiserin unterstützt sie 
ihren hohen Gemahl, die Not der unteren Stände zu mildern, namentlich 
durch eine thatkräftige Förderung der inneren Mission. Am 6. Mai 1882 
wurde dem fürstlichen Ehepaar ein Sohn geboren, der nach dem Urgroß-- 
vater Wilhelm genannt wurde.
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Dritter Zeitraum. 
    
  
       
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Dritter Zeitraum.
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 337 
Bei seinem Regierungsantritt gelobte Kaiser Wilhelm II.: „In der aus- 
wärtigen Politik bin Ich entschlossen, Frieden zu halten mit jedermann, soviel 
an Mir liegt .. In bewegter Zeit habe Ich die Pflichten Meines könig- 
lichen Amtes übernommen, aber Ich trete an die Mir nach Gottes Fügung 
gestellte Aufgabe mit der Zuversicht des Pflichtgefühls heran und halte Mir 
dabei das Wort des großen Friedrich gegenwärtig, daß in Preußen der König 
des Staates erster Diener ist.“ Zur Eröffnung des deutschen Reichstages 
erschienen in Berlin fast sämtliche deutsche Fürsten und zeigten dadurch der 
Welt, daß die Einheit des Deutschen Reiches trotz des zweimaligen Thron- 
wechsels nicht im mindesten erschüttert sei. Ausgerüstet mit hohen Gaben 
des Geistes sowie mit einem kräftigen, abgehärteten Körper, gesegnet durch 
ein äußerst glückliches Familienleben — sechs Söhne und eine Tochter sind 
die Freude unseres Kaiserpaares — und getragen von der Liebe und Ver- 
ehrung seines Volkes, hat der Kaiser durch Gottes Gnade seine schweren 
Pflichten zu erfüllen vermocht. Um vor allem gute Beziehungen zu Ruß- 
land zu pflegen, fuhr der junge Kaiser gleich im ersten Jahre mit einem 
glänzenden Geschwader nach Petersburg: es war die erste Fahrt eines deutschen 
Kaisers auf deutscher Marine! Ebenso besuchte er die Höfe von Stockholm, 
Kopenhagen, Wien, Rom, London und Konstantinopel, um überall die Ver- 
hältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen. 
In den ersten Jahren stand ihm noch Fürst Bismarck als bewährter 
Ratgeber zur Seite; aber der schaffensfreudige, willenskräftige Kaiser fühlte 
sich durch den fast unbeschränkten Einfluß des großen Kanzlers in seiner Be- 
wegungsfreiheit beengt; da er auch in wichtigen Punkten, z. B. über die Fort- 
führung der sozialen Gesetzgebung, mit dem Fürsten nicht übereinstimmte, 
entließ er ihn 1890 unter Erhebung zum Herzog von Lauenburg. Grollend 
zog sich Bismarck nach Friedrichsruh zurück, hochgeehrt vom deutschen Volke. 
Zur großen Freude aller Vaterlandsfreunde kam 1894 eine Aussöhnung 
zwischen dem Kaiser und dem Fürsten zustande. Bismarck starb 1898. Unter 
seinem Nachfolger, dem Grafen Caprivi, wurde das Verhältnis des Deutschen 
Reiches zu Rußland immer schlechter, so daß sich Alexander III. mehr und 
mehr den Franzosen näherte und sein Sohn und Nachfolger, Nikolaus I. 
(seit 1894), mit ihnen ein förmliches Bündnis schloß. Der Dreibund (S. 313) 
besteht noch heute; auch gelang es unserm Kaiser, besonders durch seine 
Palästinareise, ein freundschaftliches Verhältnis zu der Türkei herzustellen. 
England sieht mit Neid auf den emporstrebenden deutschen Nebenbuhler zur 
See, und schon wiederholt, am lebhaftesten während des Burenkrieges, hat 
sich eine unfreundliche Stimmung gegen den Bruderstamm offenbart; doch hat 
die deutsche Regierung auch hier den Frieden stets zu wahren gewußt. 
1890 trat England die Insel Helgoland gegen eine ihm in Ostafrika ge- 
währte Entschädigung an das Deutsche Reich ab; sie wurde der Provinz 
Schleswig-Holstein hinzugefügt. 
Das deutsche Heer wurde 1893 abermals vergrößert, seine Friedens- 
stärke auf fast 600000 Mann erhöht. Jeder wehrtüchtige Deutsche ist 
wehrpflichtig; die Dienstpflicht beginnt mit dem zwanzigsten Lebensjahre. 
Die Eingestellten dienen sieben Jahre beim stehenden Heer, und zwar die 
Hoffmeyer, Unser Preußen. 22
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 339 
Kavalleristen und reitenden Feldartilleristen drei Jahre, die übrigen zwei Jahre 
(die Einjährig-Freiwilligen ein Jahr) bei der Fahne, die übrige Zeit in der 
Reserve. Dann treten alle zur Landwehr über und bleiben in der Land- 
wehr ersten Aufgebots fünf Jahre (die Kavalleristen und reitenden Artilleristen 
drei Jahre), die übrige Zeit bis zum vollendeten neununddreißigsten Lebens- 
jahre in der Landwehr zweiten Aufgebots. Die Seesoldaten und Matrosen 
dienen drei Jahre aktiv, vier Jahre in der Reserve, fünf Jahre in der See- 
wehr ersten und bis zum neununddreißigsten Lebensjahre in der Seewehr 
zweiten Aufgebots. Der Landsturm umfaßt alle Wehrpflichtigen vom sieb- 
zehnten bis fünfundvierzigsten Lebensjahre, welche nicht dem Landheer oder 
der Marine angehören. Das Deutsche Heer wird in dreiundzwanzig Armee- 
korps geteilt. Preuß en stellt: das Gardekorps, das erste (Ostpreußen), zweite 
(Pommern), dritte (Brandenburg), vierte (Sachsen), fünfte (Posen), sechste 
(Schlesien), siebente (Westfalen), achte (Rheinland), neunte (Schleswig-Holstein), 
zehnte (Hannover), elfte und achtzehnte (Hessen-Nassau) und siebzehnte (West- 
preußen). Sachsen stellt das zwölfte und neunzehnte, Württemberg das drei- 
zehnte, Baden das vierzehnte, Elsaß-Lothringen das fünfzehnte und sechzehnte, 
Bayern das erste, zweite und dritte bayrische Korps. Mit peinlicher Gewissen- 
haftigkeit wacht der Kaiser darüber, daß das deutsche Heer in bezug auf 
Ausrüstung, Ausbildung und Zucht von keinem Heere der Welt übertroffen 
wird, daß alle verwendbaren Erfindungen, wie Schnellfeuergeschütze, rauchloses 
Pulver, Fahrräder, Luftballon, Brieftauben, Scheinwerfer, Motore, Telegraphie 
ohne Draht, dem Heere zugute kommen. 
Eine noch weit größere Förderung hat die Marine') durch den Kaiser 
erfahren. Er ist ein großer Freund des Wassers, eine Seefahrt ist ihm die 
liebste Erholung; noch niemals hat ein deutscher Fürst so viel Verständnis 
für den Segen einer tüchtigen Kriegs= und Handelsflotte bewiesen wie unser 
Kaiser. Getreu seinem Worte: „Der Dreizack gehört in unsere Faust“ sucht 
er das Interesse für die Marine in immer weitere Kreise zu tragen durch 
Teilnahme an Segelwettfahrten, Gewährung von Preisen für Sieger im 
Rudern; er wohnt dem Stapellauf unserer Kriegsschiffe sowie der großen 
Handelsschiffe gewöhnlich bei und weilt gern und häufig in Kiel und Wilhelms- 
haven, in Hamburg und Bremen; nie läßt er eine hervorragende That unserer 
Seeleute unbelohnt. Als unsere junge Flotte in einem Orkan vor Samoa 
drei Schiffe, Adler, Eber und Olga, verlor, rief der Kaiser den dabei um- 
gekommenen Seeleuten ins Grab nach: „Auch sie starben den Tod für Kaiser 
und Reish! Nicht ertrunken sind unsere Kameraden, sondern gefallen, ihre 
Pflicht bis zum letzten Augenblick erfüllend.“ Welcher Geist aber auch in 
unserer Marine lebt, zeigt der Untergang des Kanonenbootes „Iltis“ an 
  
  
*) Von der. Entwickelung der deutschen Flotte handelt: Unsere deutsche 
Flotte von der Flagge des großen Brandenburgers bis zur Schwarz-Weiß-Roten. 
Kriegs= und kulturgeschichtliche Bilder von Oskar Höcker. Mit vielen Abbildungen 
von A. v. Rößler. Leipzig, Ferd. Hirt &amp; Sohn. In 2 selbständigen Bänden. I. Der 
Schiffsjunge des. Großen Kurfürsten. Eine Erzählung aus dem 17. Jahr- 
hundert. 3. Auflage. II. Der Seekadett von Helgoland. Eine Erzählung 
aus unseren Tagen. 3. Auflage. 
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. . „Kaiser Wilhelm der Große“, 
Doppelschrauben-Schnellpostdampfer des Norddeutschen Lloyd in Bremen, zurzeit einer der schnellsten Dampfer der Erde, ist 1897 für die Schnellfahrt 
zwischen Bremerhaven und Newyork in Dienst gestellt. Die Länge des Schiffs über Deck beträgt 648 Fuß, seine Breite 66 Fuß, seine Tiefe vom 
Hauptdeck bis zum Kiel 43 Fuß. Sein Inhalt beläuft sich auf nahezu 11000 Reg.-Tons, die Wasserverdrängung stellt sich auf 20000 Tonnen. Das 
Schiff besitzt einen Doppelboden und ist durch 16 Querschotte und ein Längsschott im Maschinenraum in 18 wasserdichte Abteilungen zerlegt. Die 
innere Einrichtung ist glänzend; die Beleuchtung erfolgt durch etwa 2000 elektrische Glühlampen. Das Schiff gewährt Naum für 400 Passagiere 
I. Klasse, 350 Passagiere II. Klasse und 800 Personen im Zwischendeck. Die Besatzung zählt 450 Köpfe. 24 Rettungsböte stehen zum sofortigen 
Gebrauch fertig. Die beiden Maschinen entwickeln 28000 Pferdekräfte, der Kohlenverbrauch beträgt etwa 500 Tonnen in 24 Stunden, die Fahrkdauer 
des Schiffes von Bremerhaven stellt sich auf 6 bis 7 Tage, die eigentliche Ozeanfahrt auf etwas über 5 Tage. „Kaiser Wilhelm der Große" ist auf 
der Werft des Vulkan in Stettin gebaut. «
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 341 
  
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S. M. Schiff „Wörth“; Panzer I. Klasse. (Mach einer Photographie von A. Reinard in Kiel.) 
  
„Wörth“. 
1892 in Dienst gestellt, 108 m lang, 20 m breit, 7,5 m Tiefgang, Gewicht 10 033 t; hat 
570 Mann Besatzung, 6 Kanonen von 28 cm, 6 Schnellladekanonen von 10,5 om, 
8 desgl. von 8.8 cm Kaliber, 20 Mitrailleusen und 6 Torpedolanziereinrichtungen, 
2 Schrauben, 10 224 Pferdekräfte und eine Fahrgeschwindigkeit von 16 Knoten oder See- 
meilen zu je 1852 m in 1 Stunde. Es faßt 800 t Kohlen; seine Stahlpanzer sind im 
Gürtel 400, im Geschützturm 300 mm stark.
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        342 Dritter Zeitraum. 
der chinesischen Küste: mit einem Hoch auf Kaiser und Reich sank die Be- 
satzung in die Fluten!") Dem Schutz unserer Küsten dient auch der 1895 
eröffnete Kaiser-Wilhelm-Kanal. . 
Die Kolonialpolitik hat der Kaiser mit Eifer fortgeführt. Als die 
arabischen Sklavenhändler in Ostafrika, denen durch die deutsche Kolonialver- 
waltung das Handwerk gelegt wurde, einen Aufstand erregten, sandte das 
Deutsche Reich den bewährten Afrikakenner Wißmann mit einer Schutztruppe 
dorthin; englische und deutsche Schiffe blockierten die Küste, und mit Hilfe 
der Besatzung deutscher Kriegsschiffe gelang es Wißmann 1889/90, den Auf- 
stand zu unterdrücken. Bei der Niederwerfung eines Aufstandes in Süd- 
westafrika geriet der gefährlichste Gegner, der Hottentottenhäuptling Hendrik 
Witboi, in deutsche Gefangen- 
schaft und wurde scheinbar ein 
Freund der Deutschen. Aber 
bei einem Aufstande der Herero 
(1903) fiel auch er wieder ab; 
Hunderte deutscher Krieger und 
Kolonisten sind der Hinterlist 
und Grausamkeit der Einge- 
borenen sowie der Unwirtlich- 
keit des Landes zum Opfer 
gefallen; aber noch immer ist 
der schwer zu fassende Feind 
nicht überwunden. In den 
übrigen Kolonien herrschen im 
ganzen geordnete Zustände. 
Die Schutztruppen sorgen für 
  
— 1 .«- Sicherheit, deutsche Postäniter 
I/"D, und selbst kurze Eisenbahn- 
“M strecken dienen dem Verkehr 
74 im Lande, während die vom 
Prinz Heinrich. Reich unterstützten Dampfer- 
fahrten des Bremer Lloyd den 
Verkehr mit dem Mutterlande vermitteln. Schon viele Millionen deutschen 
Kapitals sind in den Kolonien zur Anlage von Faktoreien und Plantagen 
verwandt. 
Als 1897 in Süd-Schantung zwei deutsche Missionare ermordet wurden, 
ließ der Kaiser zur Sühnung dieser Bluttat ein Geschwader in die Kiau- 
tschoun-Bai einlaufen und sandte gleich darauf seinen einzigen Bruder, den 
Prinzen Heinrich, mit einem zweiten Geschwader dorthin. Schon vor dessen 
Landung hatte China dem Deutschen Reiche die Bucht von Kiautschou nebst 
dem sie umgrenzenden kohlenreichen Gebiete von etwa 500 qcklmm auf 99 Jahre 
  
—“ 
*) Vgl. hierzu: Der Freiwillige des „Iltis“. Erzählung für die reifere 
Iugend von Kart Tanera. Mit vielen Abbildungen von E. Zimmer. 3. Auflage. 
leipzig, Ferdinand Hirt &amp; Sohn.
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 343 
verpachtet. Dadurch ist der deutschen Flotte ein trefflicher Stützdunkt, dem 
deutschen Handel ein bequemer Ein= und Ausfuhrhafen für China erworben. 
Das feste Zugreifen des Kaisers und der zweijährige Aufenthalt des Prinzen 
Heinrich in Ostasien hat das Ansehen der Deutschen dort mächtig gehoben. 
Von dem einst unermeßlichen, jetzt fast ganz geschwundenen spanischen Kolonial- 
besitz erwarb das Deutsche Reich durch Kauf 1899 die im Großen Ozean 
gelegenen Inselgruppen der Karolinen, Marianen und Palau-Inseln. 
In demselben Jahre wurde der Samoavertrag geschlossen. Die Samoainseln 
wurden bisher vom Deutschen Reiche, von England und Nordamerika ge- 
meinsam verwaltet, was zu vielen Unzuträglichkeiten führte. Deshalb einigten 
sich die drei Staaten dahin: die beiden größten Samoainseln, Upolu und 
Savaii, mit ihren Nebeninseln werden als unbeschränktes Eigentum an Deutsch- 
land, die kleine Insel Tutuila an Nordamerika abgetreten; Deutschland ver- 
zichtet auf seine Ansprüche an die Mehrzahl der Salomonsinseln zugunsten 
Englands. 
Die Chinesen, die bis ins 19. Jahrhundert ihr Land vor den ihnen 
verhaßten Fremden abgesperrt hatten und erst mit Waffengewalt gezwungen 
worden waren, den fremden Kaufleuten, Missionaren und Gesandten den Zu- 
tritt zu gestatten, waren durch die von Deutschland empfangene Strafe nur 
noch mehr erbittert, und im Juni 1900 erregte die weitverzweigte Partei 
der VBoxer im geheimen Einverständnis mit der Regierung einen gefährlichen 
Aufstand, dem Tausende von Ausländern, allein mehrere hundert christliche 
Missionare zum Opfer fielen. In Peking wurde der deutsche Gesandte Frei- 
herr von Ketteler hinterlistig ermordet; die übrigen Mitglieder der auslän- 
dischen Gesandtschaften verteidigten sich mit Unterstützung einer geringen Ab- 
teilung Marinetruppen monatelang nicht nur gegen die Aufständischen, sondern 
sogar gegen kaiserliche Truppen. Die Großmächte Deutschland, Rußland, 
England, Frankreich, Nordamerika und Japan sandten sofort Verstärkungen 
nach China; fast die gesamte deutsche Flotte eilte auf Befehl des Kaisers 
nach Ostasien. Aus Freiwilligen, die sich auf den Ruf des Kaisers in über- 
reicher Zahl meldeten, wurde ein ostasiatisches Landheer gebildet und in größter 
Eile ausgerüstet. Gleich beim Ausbruch der Feindseligkeiten eroberten die 
an der chinesischen Küste anwesenden fremdländischen Kriegsschiffe gemeinsam 
die an der Peihomündung liegenden Forts, wobei das deutsche Kriegsschiff 
„Iltis“ schwere Verluste erlitt, aber auch unvergänglichen Ruhm erwarb. 
Dann brach die Besatzung der Schiffe auf, um die Gesandten zu befreien. 
Als der Marsch unter den fortwährenden Angriffen der Chinesen stockte, rief 
der Führer des Zuges, der englische Admiral Seymour: „Germans to the 
kront!“ und stellte damit die Deutschen an die Spitze des Zuges. Da es 
den inzwischen eingetroffenen Landtruppen der Großmächte an einheitlichem 
Oberbefehl mangelte, ernannte Kaiser Wilhelm General Grafen von Waldersee 
zum Feldmarschall und sandte ihn nach China; unter seinen Oberbefehl 
stellten auch die übrigen Mächte ihre Truppen. Zum erstenmal, seitdem es 
eine Geschichte gibt, standen somit Truppen von sieben Nationen und aus 
drei Erdteilen unter einem Kommando. Die Chinesen baten bald um 
Frieden und leisteten die geforderte Sühne.
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        Kaiser Wilhelm II. in Admiralsuniform. 
  
  
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344 
Dritter Zeitraum.
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 345 
Deutsche Gelehrte hatten sich um die Erforschung des noch unkultivierten 
Marokko“) große Verdienste erworben, und der deutsche Kaufmann fand dort 
einen von Jahr zu Jahr zunehmenden Absatz für seine Waren; die Fran- 
zosen aber suchten dies Land von sich abhängig zu machen wie Algier und 
hatten dazu schon Englands Zustimmung erlangt, während sie das Deutsche 
Reich gar nicht beachteten. Hiergegen protestierte die deutsche Reichsregierung, 
Kaiser Wilhelm besuchte auf einer Mittelmeerreise den Sultan von Marokko 
und setzte es durch, daß auf einer Konferenz in Algeciras bei Gibraltar von 
den Großmächten die Selbständigkeit Marokkos anerkannt und die Handels- 
freiheit dort allen Völkern gewährleistet wurde. — Die deutsche Politik leitete 
nach Caprivis Entlassung seit 1894 Fürst Hohenlohe und seit 1900 Graf 
Bülow, den der Kaiser 1905 in den Fürstenstand erhoben hat. 
Unter dem Schutze des Reiches hat sich der deutsche Handel und Ver- 
kehr in ungeahnter Weise gehoben. Deutschland ist mit einem dichten Netz 
von Eisenbahnen, Telegraphen= und Telephonleitungen überzogen und hat 
1900 sein erstes überseeisches Kabel erhalten, das uns mit Nordamerika ver- 
bindet. Den riesig anwachsenden Güterverkehr vermögen die Eisenbahnen 
kaum noch zu bewältigen, weshalb der Kaiser eifrig für den Ausbau eines 
deutschen Kanalnetzes eintritt. Der von Preußen erbaute Dortmund-Ems- 
Kanal sowie der von Preußen und Lübeck gemeinsam angelegte Elbe-Trave- 
Kanal sind bereits dem Verkehr übergeben, und 1905 ist der Bau des Kanals 
Rhein-Weser-Hannover sowie des Seefahrtskanals Berlin-Stettin beschlossen 
worden. Der Anteil der deutschen Handelsflotte an dem überseeischen Güter- 
verkehr ist in den letzten Jahren stärker gewachsen als der Englands und 
Frankreichs. Hamburg ist die größte Handelsstadt des europäischen Fest- 
landes, und wie Krupp in Essen das größte Industriewerk der Erde besitzt, 
so ist die Hamburg-Amerika-Linie die größte Reedereigesellschaft der Welt. 
Der fast ebenso bedeutende Norddeutsche Lloyd in Bremen mit seinen welt- 
berühmten Personendampfern unterhält regelmäßige Fahrten nach Ostafrika, 
Ostasien, Australien und den benachbarten Inseln. 
Die Bestrebungen Kaiser Wilhelms des Großen zum Wohle der Arbeiter 
hat der Enkel eifrig fortgesetzt. Das Gesetz über die Invaliditäts- 
und Altersversicherung wurde 1889 vollendet und trat am 1. Januar 1891 
in Kraft. Auf Einladung des Kaisers sandten fast alle europäischen Staaten 
1890 Abgeordnete zu einer Arbeiterschutzkonferenz nach Berlin, in welcher 
über Maßregeln zum Wohle der Arbeiter beraten wurde. Das Ergebnis 
dieser Beratung kam den deutschen Arbeitern in einer Ergänzung zur Ge- 
werbeordnung durch Verordnungen über Sonntagsruhe, Arbeit in Bergwerken, 
Kinder= und Franenarbeit zu statten. Eine wesentliche Erleichterung ist den 
unbemittelten Ständen in Preußen durch die von dem Finanzminister Miquel 
  
5½) Vgl. hierzu: Im Banne des Scherifen. Eine Erzählung aus Marokko 
für die deutsche Jugend von Alfred Funke. Mit 8 Abbildungen von Johs. 
Gehrts. Leipzig, Ferdinand Hirt &amp; Sohn. „ Z„ 
Das Weihnachten 1906 erschienene Buch enthält eine ausführliche, für die 
Jugend berechnete Schilderung der ersten deutschen Handelsexpedition nach Marokko 
unter Dr. Jannasch und endigt mit dem Besuche unsers Kaisers in Tanger.
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        346 Dritter Zeitraum. 
durchgeführte Steuerreform gewährt worden. Preußen erhebt an indirekten 
Steuern nur die Stempel= und die Lotteriesteuer, an direkten die Einkommen- 
und die Ergänzungssteuer, während die Grund-, Gebäude= und Betriebssteuer 
den Gemeinden überlassen ist. Die Einkommensteuer wird von dem reinen 
Einkommen gezahlt, doch sind die Einkommen bis 900 Mark steuerfrei. Die 
Steuer beträgt % —4 Prozent (von 900 Mark 6 Mark, von 100000 Mark 
aber 4000 Mark). Wer über 6000 Mark Vermögen besitzt, muß von jedem 
Tausend 0,50 Mark Ergänzungssteuer zahlen. . 
Im Jahre 1895 wurde das neue Reichsgerichtsgebäude in Leipzig 
durch den Kaiser seiner Bestimmung übergeben und das deutsche Bürger— 
liche Gesetzbuch vollendet, das im folgenden Jahre die Genehmigung des 
Bundesrats und des Reichstages erhielt und am 1. Januar 1900 in Kraft 
getreten ist; seit diesem Tage hatte das deutsche Volk zum erstenmal ein ein- 
heitliches Recht. . 
Auch für Schule, Wissenschaft, Kunst und Kirche ist unter der Regierung 
Wilhelms II. viel geschehen. Seit 1896 wird der Unterricht in den öffent- 
lichen Volksschulen unentgeltlich erteilt. Den Lehrerseminaren verlieh der 
König das Recht, ihren abgehenden Zöglingen das Reifezengnis für den Ein- 
jährig = Freiwilligendienst auszustellen, und der Lehrerbildung wurden weit 
höhere Ziele gesteckt. Den Volksschullehrern wurde 1897 ein festes Ein- 
kommen gewährt, das seitdem vielfach erhöht worden ist, und 1899 wurde 
auch die Fürsorge für die Lehrerwitwen und -Waisen gesetzlich geregelt. 
1906 endlich wurde das Gesetz über die Volksschulunterhaltung und die Lehrer- 
berufung erlassen. Gestützt auf eigene Erfahrungen beschloß der Kaiser, den 
Unterricht der höheren Schulen umzugestalten. Größere Berücksichtigung der 
Charakterbildung, der Gesundheit und der körperlichen Entwicklung der 
Schüler, kräftigere Betonung des deutschen Unterrichts sowie der deutschen, 
namentlich der neuen und neuesten Geschichte, das etwa waren die Wünsche, 
die der Kaiser einer 1890 berufenen Konferenz von Vertrauensmännern aus 
den verschiedensten Volkskreisen vorlegte. Die Vorschläge wurden von der 
Konferenz gebilligt und kamen in den neuen Lehrplänen den höheren Schulen 
zugute. Die hohe Bedeutung der fürs praktische Leben so wichtigen Unter- 
richtsfächer, wie Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und lebende Sprachen, 
hat der Kaiser dadurch anerkannt, daß er die technischen Hochschulen den 
Universitäten, die Oberrealschulen den Gymnasien gleichgestellt hat. Sein 
Verdienst ist es auch, daß die Jugend jetzt auf körperliche Übungen, auf 
Turnen, Rudern und Bewegungsspiele im Freien, weit größeres Gewicht legt 
als früher. 
Zur Pflege der Wissenschaften hat der Kaiser die Ausgrabungen in 
Troas und bei Magnesia in Kleinasien, ferner die Erforschung der ägyptischen 
und der römischen Geschichte sowie den Wiederaufbau des in dem römischen 
Grenzwall (limes) bei Homburg liegenden Römerkastells, der Saalburg, durch 
Beiträge gefördert. Die Kunst hat in Kaiser Wilhelm einen begeisterten 
Verehrer und einen freigebigen Förderer. In hochherziger Weise hat er eine 
ganze Straße — die Siegesallee im Tiergarten — mit 32 Marmorbildern 
der Landesherren von Albrecht dem Bären bis zu Kaiser Wilhelm dem Großen
        <pb n="353" />
        2. Die 
innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 347 
  
  
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Das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms des Großen vor dem Königlichen Schlosse.
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        348 Dritter Zeitraum. 
schmücken und für den in Pergamum in Kleinasien ausgegrabenen berühmten 
Zeusaltar in Berlin ein besonderes Museum erbauen lassen. Fortwährend 
sind Maler und Bildhauer mit der Ausführung kaiserlicher Aufträge be— 
schäftigt. Wie viele Denkmäler sind auf seine Veranlassung und mit seiner 
Unterstützung geschaffen worden! Am 22. März 1897 wurde das von dem 
deutschen Volke in Berlin errichtete Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm den 
Großen feierlich enthüllt. Von den neugeschaffenen großartigen Gebäuden 
seien nur das Reichstagsgebäude und das Abgeordnetenhaus in Berlin 
erwähnt. 
  
— 1— 
Das neue Abgecordnetenhaus zu Berlin. 
Der Kaiser ist ein frommer evangelischer Christ. „Auf dem gläubigen 
Festhalten an der evangelischen Wahrheit“, so bekannte er öffentlich bei der 
Eimweihung der wiederhergestellten Schloßkirche in Wittenberg, „ruht unsere 
Hoffnung im Leben und im Sterben.“ Aber auch die anderen Bekenntnisse 
erfreuen sich des kaiserlichen Schutzes. Für den evangelischen Kirchenbau und 
die innere Mission hat das Kaiserpaar Großes geleistet. Das deutsche Volk 
erlebte in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen ge- 
waltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Berlin, das 1860 etwa 500000 Be- 
wohner zählte, war nach etwa zwanzig Jahren eine Millionenstadt; einzelne 
Kirchengemeinden zählten 100000 Seelen. Die Folge war eine große kirch- 
liche und sittliche Verwahrlosung. Da griff zunächst die innere Mission ein, 
und es bildete sich unter dem Vorsitz unserer Kaiserin ein „Evangelisch-Kirchlicher
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        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 349 
  
  
  
Die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin.
        <pb n="356" />
        350 Dritter Zeitraum. 
Hilfsverein“, der sich die Bekämpfung der religiös-sittlichen Notstände zur 
Aufgabe stellte. Zur Erbauung der Gnadenkirche, die dem Andenken der 
Kaiserin Augusta geweiht ist, schenkte der Kaiser 400000 Mark. Mehrere 
Kirchen, wie die prächtige Kaiser -Wilhelm-Gedächtniskirche, hat der Hilfs- 
verein selbständig erbaut, den Bau vieler anderen hat er durch Beiträge 
erleichtert. In Berlin entstanden in den ersten sechzehn Jahren der Thätig- 
keit des Vereins 58 neue Kirchen, und 16 waren noch im Bau begriffen: 
ein Beispiel ohnegleichen! Unserm Kaiser war es vergönnt, einen Lieblings- 
gedanken seines kaiserlichen Vaters und Großvaters, die Errichtung einer pro- 
testantischen Kirche in Jernsalem, zu verwirklichen. Am 31. Oktober 1893 
ließ er den Grundstein legen. Als der Bau vollendet war, unternahm er 
in Begleitung seiner hohen Gemahlin und eines großen Gefolges im Herbst 
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Kronprinz Wilhelm. Kronprinzessin Cecilie. 
1898 eine Reise nach Palästina. Am 31. Oktober fand die erhebende Ein- 
weihung der „Erlöserkirche“ statt. Auch die Absicht seines Vaters, in Berlin 
eine neue Dom= und Schloßkirche zu errichten, konnte Kaiser Wilhelm ver- 
wirklichen. In elf Jahren wurde der gewaltige Bau an der Stelle des 
früheren, von Friedrich dem Großen aufgeführten Domes vollendet. Den 
Hauptteil des prächtigen Gotteshauses bildet die Predigtkirche, die 3500 Per- 
sonen zu fassen vermag. Hieran schließt sich südlich eine kleine Tauf= und 
Tranuungskirche, nördlich eine Denkmalskirche, wo die Grabdenkmäler be- 
rühmter Herrscher und sonstiger verdienter Männer Platz finden werden. Unter 
der Denkmals= und der Predigtkirche dehnt sich ein Gruftgewölbe aus, das 
die im früheren Dome ausbewahrten Särge der Mitglieder des Hohen- 
zollernschen Herrscherhauses aufgenommen hat. 
Das echt christliche Familienleben des Kaisers ist ein Muster für alle 
Stände. Aber nur sehr wenige Ehepaare können sich auch solches Familien- 
glückes freuen; alle Kinder, die Gott ihm geschenkt hat, haben sich aufs
        <pb n="357" />
        2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 351 
trefflichste entwickelt. In großer Rüstigkeit hat der Kaiser am 27. Februar 1906 
die silberne Hochzeit feiern dürfen, und zwar unter so glücklichen Um- 
  
  
  
  
  
Der neue Dom zu Berlin. 
ständen wie bisher noch kein König von Preußen. Unserm Kaiserpaar wurde 
dieses Fest noch verschönt durch die an demselben Tage vollzogene Vermählung
        <pb n="358" />
        352 Dritter Zeitraum. 
seines zweitältesten Sohnes, des Prinzen Eitel Friedrich, mit der Herzogin 
Sophie Charlotte, der ältesten Tochter des Großherzogs von Oldenburg. Das 
deutsche Volk nahm an diesem Doppelfeste freudigen Anteil und wollte gern 
seine Glückwünsche durch Hochzeitsgeschenke unterstützen; aber der Kaiser bat 
vorher, man möge die beabsichtigten Gaben milden Stiftungen zuwenden. So 
wurde dieser Tag Tausenden zum Segen, indem einzelne Personen und Ge— 
meinden fast acht Millionen Mark für wohlthätige Zwecke stifteten. Kron- 
prinz Wilhelm hatte sich schon am 6. Juni 1905 vermählt, und zwar mit der 
Herzogin Cecilie von Mecklenburg, der jüngsten Schwester des regierenden 
Großherzogs Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin, einer Tochter 
aus jenem Fürstenhause, das Preußen einst die unvergeßliche Königin Luise 
geschenkt hat. Am 4. Juli 1906 wurde dem jungen Paar ein Prinz geboren, 
der ebenfalls Wilhelm genannt ist. 
Zu jedem Opfer bereit, geht das deutsche Volk unter Führung seines 
Kaisers getrost der Zukunft entgegen. Wir aber rufen ihm mit dem Dichter zu: 
Geleit"' dich Gott, du deutscher Kaiser, 
Auf deiner Fahrt durchs Lebensmeer! 
Ob wilde Stürme furchtbar rauschen, 
Ob Feinde heimlich Schwüre tauschen, 
Du hast im Volk dein treustes Heer! 
Im Friedenskleid mit Schwert und Speer 
Alldeutschland steht zu deiner Seiten, 
Für dich zu leben, dich zu streiten; 
Wir alle sind des Reiches Wehr: 
Geleit' dich Gott, du deutscher Kaiser! 
.—. —. . —
        <pb n="359" />
        Allmähliche Vergrößerung des brandenburgisch-preußischen 
Friedrich I. 
Uckermarrk 
Friedrich II. Eisenzahn. Die Neumark, Kottbus und Wernigerode 
Albrecht Achilles. Krossen, Züllichau und Sommerfeld 
Johann Sigismund. Kleve, Mark, Navensberg sowie Preußen 
Friedrich Wilhelm, Hinterpommern, Magdeburg, Halberstadt, Minden, 
der Große Kurfürst Kammin und Schwiebrs . 
Friedrich III. (I.) Mörs, Lingen, Tecklenburg, Geuschatel:). 
Friedrich Wilhelm I. Geldern, Vorpommern 
Friedrich II. der Große. Schlesien, (Ostfriesland?, Westpreußen, Ermeland 
Staates. 
Die Altmark, Mittelmark, Prignitz, ein Teil der □M. 
  
Friedrich Wilhelm II. (Ansbach-Baireuth, Neu-Ostpreußen?), Posen 
Friedrich Wilhelm III. 
Köln, Aachen, Jülich, Berg, Trier 
Friedrich Wilhelm W. Hohenzollern, Jadegebiet 
Wilhelm I. der Große. 
Wilhelm II. 
feld, Homburg, Meisenheim u. s. w. 
Helgoland. 
*) Wieder abgetreten. 
  
Das Eichsfeld, Mühlhausen, Nordhausen, Erfurt, 
Hildesheim, Paderborn und Münster, Quedlin- 
burg, Schwedisch-Pommern, Sachsen, Laust,, 
Lauenburg, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frank- 
furt a. M., Schleswig-Holstein, Orb und Gers- 
400 
620 
650 
1470 
2000 
2050 
2200 
3500 
5550 
5096 
5104 
6412 
Die brandenburgisch-preußischen Regenten aus dem Hause 
à. Die hohenzollernschen Kurfürsten. 1415—1701. 
Hohenzollern. 
1415—1440 Friedrich 1. 
1440—1470 Friedrich II. Eisenzahn. 
1470—1486 Albrecht Achilles. 
1486—1499 Johann Cicero. 
1499—1535 Joachim I. Nestor. 
1535—1571 Joachim II. Hektor und Johann von Küstrin. 
1571—1598 Johann Georg. 
1598—1608 Joachim Friedrich. 
1608—1619 Johann Sigismund. 
1619—1640 Georg Wilhelm. 
1640—1688 Friedlich Wilhelm, der Große Kurfürst. 
1688—1701 Friedrich III. als Kurfürst. 
b. Die hohenzollernschen Könige. Seit 1701. 
1701—1713 Friedrich I. als König. 
1713—1740 Friedrich Wilhelm J. 
1740—1786 Friedrich II. der Große. 
1786—1797 Friedrich Wilhelm II. 
1797—1840 Friedrich Wilhelm III. 
1840—1861 Friedrich Wilhelm IV. 
1861—1888 Wilhelm I. der Große, Kaiser seit 1871. 
1888 Friedrich III. 
Seit 1888 Wilhelm II. 
  
Hoffmeyer, Unser Preußen. 23
        <pb n="360" />
        Stammtafel des hohenzollernschen Hanses. 
1. Friedrich I. 1415—1440. 
Johann der Alchimist. 2. Friedrich II. der Eiserne # 1471. 3. Abrecht Achilles 1 1486. Friedrich der Jüngere. 
4. Johann Cicero 1499 Friedrich der Altere v. Ansbach. Barbarg, 
J verm. m. Heinrich v. Glogau. 
k Jvachim I. Nestor # 1535. Kardinal Abrecht, Kahlimir v. Georg d. Fromme Albrecht I. v. Preußen, 
Gem. Elisabeth v. Dänemark. Erzbischof v. Magdeburg Kulmbach, v. Jägerndorf u. Ansbach. Hochmeister 1511, 4 1568. 
u. Mainz. 6 * 
6. Joachim II. Hektor + 1571. Johann v. Küstrin. Albrecht Alci- Georg Friedrich 3 Albrecht II. Friedrich 
biades. 1603. 1618. 
Gem. Maria Leonora v. Kleve 
1608. 
7. Johann Georg Friedrich # 1552, Sigismund 1566 Anna Leonora Magdalena 
1598. Exrzbischöfe v. Magdeburg Gem. Joh. Sigismund Gem. Joach. Friedrich Gem. Kurf. Joh. Georg 
l v. Brandenburg. Hv. Brandenburg. v. Sachsen. 
8. Joachim Friedrich f 1608. Christian Joachim Ernst 
Gem. Leonore v. Preußen. Markgraf v. Baireuth. Markgraf v. Ansbach. 
—..- — 
9. Johann Sigismund # 1619. Gem. Anna v. Preußen. 
.10. Georg Wilhelm 1640. Maria Eleonora. E 
Gem. Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz. Gem. König Gustav Adolf v. Schweden. 
II. Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst. Geb. 16. 2. 1620, 7 9. 5. 1688. 
1. Gem. Luise Hemiette v. Oranien. 2. Gem. Dorothea v. Schleswig-Holstein. 
„ 3 7 1 — — 
Karl Emil 1. (12.) Friedrich I. Geb. 11. 7. 1657, Ludwig Philipp, Albrecht, Karl u. Ludwig, 
16. 25. 2. 1713. 1687. Markgrafen zu Schwedt. 
2. Gem. Sophie Charlotte v. Hannover. grafen zu Sch 
2. (13.) Friedrich Wilhelm I. Geb. 15. 8. 1688, f 31. 5. 1740. 
Gem. Sophia Dorothea v. Hannover-England # 28. 6. 1757. 
  
  
  
  
354 
Stammtafel des hohenzollernschen Hauses.
        <pb n="361" />
        — 
3. (14.) Friedrich II. der Großze. 
Geb. 24. 1. 1712, K 17. 8. 1786. 
Gem. Elisabetb v. Braunschweig. 
4. (15.) Friedrich Wilhelm II. 
Geb. 25. J. 1744, 1 16. 11. 1797. 
2. Gem. Friederike Luise v. Hessen-Darmstadt. 
Wilhelmine 
ihames Luise Ulrike. 
14. 10. 1758. 
Gem. König Adolf 
Friedrich v. Schweden. 
Wilhelmine. 
August 
§1758P. 
Wilhelm Heinrich 
6 # 1802.— Louis Ferdinand 
—. + 10. 10. 1806 bei Saalfeld. 
  
Gem. Wilhelm V. v. Oranien. 
  
5. (6.) Friedrich Wilhelm III. Geb. 3. 8. 1770, J 7. 6. 1840. 
Gem. Luise v. Mecklenburg-Strelitz. Geb. 10. 3. 1776, 19. 7. 1810. 
6. (17.) Friedrich Wilhelm IV. 
Geb. 15. 10. 1795, 2. 1. 1861. 
Gem. Elisabeth v. Bayern. 
8. (19.) Friedrich III. 
Geb. 18. 10. 1831, J 15. 6. 1888. 
Gem. Viktoria v. England. Geb. 21. 11. 1840, 
5. S. 1901. 
9. (20.) Wilhelm II. 
Geb. 27. Jan. 1859. 
Gem. Auguste 
Viktoria v. 
Schleswig-Holstein. 
Geb. 22. Okt. 1858. 
(18.) Wilhelm I. der Grosze. 
Geb. 22. 3. 1797, 1 9. 3. 1888. 
Gem. Augusta v. Weimar 1890. v. Rußland. 
Luise, geb. 3. 12. 1838. 
Gem. Großherzog von Baden. 
Charlotte. 
Charlotte. 
Gem. Erbprinz 
Bernhard v. 
Sachsen-Meiningen. 
Viktoria. Wald 
Gem. Prinz 
Adolf v. 
Schaumburg- 
Lippe. 
Sigismund. 
Geb. 1864. 
K #18. 6. 
1879. 
1866. 
Eitel Friedrich. 
Geb. 7. Juli 1883. 
Gem. Charlotte v. 
Oldenburg. 
Adalbert. 
Geb. 14. Juli 
1884. 
d“ Kronprinz Wilhelm. 
Gedb. 6. Mai 1882. 
Gem. Herzogin Ceeilie v. 
Mecklenburg-Schwerin. 
—. 
Wilhelm. 
Geb. 4. 7. 1906. 
August Wilhelm. 
Geb. 29. Januar 
1887. 
Gem. Nikolaus I. 
emar. 
Geb. 1868. 
Wilhelm 1851. 
Adalbert, Admiral + 1873. 
Karl 
*1883. 
——.. — — 
Friedrich Karl Albrecht, Regent von 
+ 15. 6. 1885. Braunschweig, F 1906. 
—— —— — — 
Friedrich Leopold. driedi Heinrich, 
Joachim Albrecht, 
Friedrich Wilhelm. 
Margarethe. 
Gem. Prinz 
Friedr. Karl 
v. Hessen. 
  
Albrecht 
18772. 
  
Heinrich. 
Geb. 14. 8. 
1862. 
Gem. Irene 
w. Hessen. 
#——..—— 
3. Heinrich. 
Geb. 1900. 
26. 2. 1904. 
oachim. Lrise Viktoria. 
Geb. 17. Dez. Geb. 13. Sexpt. 
1890. 1892. 
Sophia. 
Gem. Kronpr. 
Konstantin v. 
Griechenland. 
1. Waldemar. 
2. Sigismund. 
Geb. 1889. 
Geb. 1896. 
Okskar. 
Geb. 27. Juli 
1888. 
August Ferdinand 1813. 
Stammtafel des hohenzollernschen Hauses. 
355
        <pb n="362" />
        Verzeichnis der Abbildungen und Karten. 
  
Marmorstandbild Albrechts des #r Bären an der Siegesallee zu Berlin 
Klosterkirche zu Lehnin. 
Kloster Chorin 
Roland in Stendal . 
Burg Hohenzollern nach der Wiederherstellung 
Kurfürst Friedrich Ll. 
Die Burg zu Nürnberg am Beginn des 15. Jahrhunderts 
Belagerung einer Quitzowmschen Burg 
Die Mark beim Regierungsantritt Kurfürst Friedrichs J. (Kartenstizze) 
Belehnung des Burggrafen Friedrich von 1 Nürnberg mit der Mark Brandenourg= 
Konstanz 1417 
Albrecht Achilles. 
Joachim I. Nestor .. 
Joachim II. empfängt das heilige Abendmahl. Relief 
Schloß Köpenick zur Zeit des Kurfürsten Joachim II. 
Hermann von Salze . 
Das Hochschloß der Marienburg von Süosten . 
Denkmal Albrechts von Brandenburg am Schlosse zu Königsberg 
Johann Sigismund 
Friedrich Wilhelm, der Große K kurfürst 
Kurfürstin Luise Henriette 
Ansicht von Berlin-Kölln zur Beit des Groben Kurfürsten 
Derfflinger 
Solvdaten des Großen Kursürsten 
Oliva bei Danzig 
Der Große Kurfürst in der Schlacht bei Fehrbellin 
Der Große Kurfürst überschreitet das Kurische Haff 
Kriegsschiffe des Großen Kurfürsten 
Großfriedrichsburg und Umgebung 
Der Große Kurfürst nimmt die Huldigung der Afrikaner entgegen 
Paul Gerhardt 
Empfang der Hugenotten durch den Groben Kurfursten 
König Friedrichl. 
Seine Gemahlin Sophie Charlotte 
Golttfried Wilhelm Leibniz . 
Enthüllung des Denkmals des Großen Kurfürsten . 
DasZeughausqucxlm . 
„Unter den Linden“ zu Berlin im Jnhre 1691 wom Lustgarten aus esehen) 
August Hermann Francke ... . 
Insignien des Schwarzen Adlerordens 
Friedrich I. setzt sich im Schlosse zu Konigsberg die Krone auf 
Typen aus dem Heere Friedrichs J. .. 
Friedrich Wilhelm I. 
Musterung unter Friedrich Wilhelm I. 
König Friedrich Wilhelm I. begrüßt die vertriebenen n Salzburger 
Einnahme von Rügen . 
Das Mühlenthor in Stargard 
Friedrich Wilhelm I. im Tabafskollegium? 
Friedrich der Große 
Das Nathaus in Breslau .. . 
Silberne Medaille zur Erinnerung #an die Schlacht bei i Sohenfrieberg 
Nach der Schlacht bei Hohenfriedberg 
Fürst Leopold von Anhalt-Dessau 
Typen aus dem Heere Friedrichs des Großen 21220.
        <pb n="363" />
        Verzeichnis der Abbildungen und Karten. 357 
Seite 
Schwerin.. 1223 
Seyolitststss. 125 
Winterfeldt 11111127 
Friedrich der Große in Lissa. „Bon soir, messieurs 129 
Herzog Ferdinand von Braunschwmi 130 
Prinz Heinrich von Preußen 6 . 1331 
Keiih 6 ° 132 
Zieten 6 . 1327 
Lustschloß Sanssouci bei Potsdam 6 . 4144141 
Das Neue Palais bei Potsda 14443 
Truppenbesichtigung unter Friedrich dem Großen 6 1147 
Friedrichs des Großen Tafelrunde in Sanssoucri... 149 
Der alte Fritz in Sanssouci..w 131 
Friedrich Wilhelm —. ...............157 
Das Brandenburger Thor zu Berlin.. 3 159 
Königin Luisse S. 1444 
Friedrich Wilhelm III. . ... 164 
Einzug der Prinzessin Luise in Berlin .w 1„1155 
Königin Luise auf der Flucht nach Memel.. 173 
Nettelbeck, der Vertcidiger Kolberggs 15 
Schill 6 196 
Zusammenkunft d der Konigin duije mit Napoleon . 1177 
Stein . ................180 
Scharnhorst...........·.......«.....183 
91t11dt.....·...................184 
Jahn . 1484 
Erschießung der Shiuschen sthire bei Wesel. . 189 
Hardenberg 190 
Hrardenk mal der Kö königin uise im Mausoleum 2 Charlottenburg 191 
DVork- 195 
Ansprache des Generals Vork auf dem Landtage zu Königsberg .... 197 
Typen aus dem preußischen Heere des Befreiungskrieges ·..... 198f199 
Das Eiserne Kreuz . . ........ 200 
Breslau, den 13. Februar 1818 221 
Thcodor Körner . 203 
Gneisenaun...g ... 208 
Blücher 208 
Plan der Völkerschlacht bei Leipzig. . 213 
Die Königsberger Landwehr unter Major Friccius erstürmt das Grimmaische Thor 215 
Der Marschall Vorwärts überschreitet den Rhein am 1. Januar 1814 217 
Einzug der Verbündeten in Paris am 31. März 1814 220 
Atsfahrt des ersten preuhischen Eisenbahnzuges aus dem 1 Potsdanerr Bahnhof z 229 
erlin . 
Das Schauspielhaus in Berlin. 234 
Das Alte Museum in Berlin..w 43435 
Friedrich Wilhelm IVv..w ç 237 
Prinz Adalbert . ..... 247 
Die Weichselbrücke bei Dirschau 6 248 
Der Dom zu Cöhhn 250 
Reiterstandbild Friedrichs des Großen in Berlin von Ruch 251 
A. v. Humboldt und W. v. Humbolkt 252 
Die Friedenskirche bei Potsdam 242422833 
Wilhelmm I. . 54d24242425656 
Augusta 6 . 257 
Schloß Babelsberg ...w 2258 
Roon . . .. .. 241459 
Moltke 260 
Standbild Wilhelms I. im Krönungsornat vor dem Schlosse zu Königsberg . 2061
        <pb n="364" />
        358 Verzeichnis der Abbildungen und Karten. 
Seite 
Bismarckk....w 2422 
Wrangel 6 265 
Erstürmung ver Düppeler Schanzen . ...... . 266 
Scegefecht bei Jasmund 5252„222068 
Vogel von Falckenstenn. 270 
Herwarth von Bittenfe. 271 
Prinz Friedrich Karl idododsdso72 
Der Kronprinz erstürmt die Höhen von Chlum ... 2283 
Plan der Schlacht bei Königgräz.. 275 
Auf dem Schlachtfelde von Königgrät: 6 . 2346 
Manteussel . ..............277 
Das Eiserne Kreuz von 18700 288384 
Steinmetz . . . 286 
Skizze zum Feldzuge von 1870/71. . .......287 
Der Kronprinz führt die Bayern zum Siege bei Weifenburg 289 
Dic Schlachten um Metz (Kartenskizzge) 2291 
Preußische Garden und Sachsen bei St. 4. Privat 6 2422393 
Albert, König von Sachsern . 29294 
Plan der Schlacht bei Senin "295 
Graf Reille übergiebt dem König das Schreiben Napoleons i 297 
v. d. Tnn 858588801 
Goeben..w 111„„„3„3303 
Werdern . 3636064 
Unsere brave Landwähr in den Kämpfen an der Lisaine 305 
Einzug der deutschen Truppen in Paris am 1. März 1871 307 
Einzug der Sieger in Berlin am 16. Juni 1871 309 
Die Verkündigung der Wiederaufrichtung des deutschen basfertuns im Schosse zu 
Versailles am 18. Januar 1871 .. 311 
Das Reichstagsgebäude in Berliin.. 320 
Die Siegessäule in Berlin. 6 . 321 
Kaiser Wilhelm am historischen Eckfenster. . 43434342444 
Parade unter Wilhelm dem. Großen. 325 
Letzte Unterschrift Kaiser Wilhelnms... 3326 
Das Mausoleum zu Charlottenburg .. 3327 
Kaiser Friedrich II. . . .....330 
Seine Gemahlin Viktorinngaqa 3J3J331 
Wilhelm l1muel.3334 
Auguste Viktoria 335 
Einzug der Prinzessin Auguste Viktoria in Berlin am 27. Februar 1881 . . . 336 
Das Königliche Schloß, die Wohnung Kaiser Wilhelms II. 338 
„Kaiser Wilhelm der Große“, Doppelschrauben- Schneilpostdanipfer des Norddautschen 
Lloyd in Bremen . 340 
S. M. Schiff „Wörth“; Panzer I. Klasse . 341 
Prinz Heinrich 6 3442 
Kaiser Wilhelm II. in Admiralsuniform 344 
Das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms des Großen vor dem : Kaniglichen Schoose 347 
Das neue Abgecordnetenhaus zu Berlin 348 
Die Kaiser-Wilhelm- Gepächtniskirche # in Berlin 349 
Kronprinz Wilheeenm . 5656565650 
Kronprinzessin Ceeileßßeee u u .888383350 
Der neue Dom zu Verln 3351 
Farbige Karten. 
Das Reich der Askanier. Preußen unter Friedrich dem Großen. 
Die Mark unter Friedrich I. Preußen unter Friedrich Wilhelm II. 
Brandenburg unter dem Großen Kurfürsten.] Preußen nach dem Frieden von Tilsit. 
Preußen nach dem Jahre 1866.
        <pb n="365" />
        Register. 
  
Abgeordnetenhaus 246. 348. 
Accise 25. 57. 94. 146. 227. 
Adalbert v. Preußen, Admiral Prinz ?47.299. 
Adel 18. 27. 61. 95. 140. 142. 181. 
Adlerorden, Schwarzer 84, Noter 162. 
Afrikanische Handelsgesellschaft 69. 
Akademie der Künste 80, der Wissenschaft 80. 
Albert, Kronprinz von Sachsen 294. 
Albrecht Achilles 24 ff. 
Albrecht, Erzbischof von Mainz und Magde- 
burg 29. 
Albrecht, Hochmeister 29. 41. 
Albrecht II. Friedrich von Preußen 42. 
Albrecht der Bär 4 ff. 
Alexander I. Kaiser 195 ff. 
Alexander II. Kaiser 312. 
Alexander III. Kaiser 313. 
Allgemeine Bestimmungen über Volksschul- 
wesen 321. 
Allianz, Heilige 230. 
Alsen, Eroberung der Insel 265. 267. 
Altenstein, Minister 190. 
Altenzaun, 1806 Gefecht bei 195. 
Altersversicherung der Arbeiter 316. 345. 
Altkatholiken 314. 
Altlutheraner 234. 
Amiens, Kämpfe bei 302. 
Ansbach, Baireuth, von den Hohenzollern 
erworben 16. 26. 34; zu Preußen 162, 
zu Bayern 169. 210. 
Arbeiterschutzkonferenz 345. 
Arcis a. d. Aube, 1814 Schlacht bei 218. 
Arndt, E. M. 184. 194. 203. 
Arnold, Prozeß des Müllers 148. 
Aschaffenburg, 1866 Gefecht bei 277. 
Aspern, 1809 Schlacht bei 186. 
Auerstädt, 1806 Schlacht bei 171. 
Auerswald, General 242. 
Aufruf Friedrich Wilhelms III. 200. 202. 
August II. von Sachsen 84, III. 114. 119. 
August Wilhelm von Preußen, Prinz 124. 
Augusta, Königin-Kaiserin 257. 288. 328. 
  
Auguste Viktoria, Königin-Kaiserin 326. 
333. 335. 
Austerlitz, 1805 Schlacht bei 168. 
Babelsberg, Schloß 257. 258. 
Baden (1866) 270. Aufnahme in den 
Norddeutschen Bund 308. 
Ballenstedt, Grafen von 4. 
Bank, Königliche 145. 
Bar a. d. Aube, 1814 Gefecht bei 218. 255. 
Barfus, General 68. 
Bartenstein, 1807 Vertrag zu 176. 
Basel, 1795 Friede zu 162. 
Bauern, Lage der 28. 144. 181. 192. 
Bauernlegen 96. 
Bautzen, 1813 Schlacht bei 205. 
Bazaine, Marschall 285. 
Beaumont, 1870 Schlacht bei 296. 
Beaune la Nolande, 1870 Schlacht bei 302. 
Bede 10. 
Belbog, wendischer Gott 1. 
Jelehnung Friedrichs I. von Brandenburg 
Belfort, Belagerung von 302. 
Belle-Alliance, 1815 Schlacht bei 223. 
Belling, General 138. 
Benedek, General-Feldzeugmeister 271. 
Benedetti, Gesandter 278. 282. 
Bennigsen, General 176. 
Beresina, 1812 Ubergang über die 194. 
Berg, Herzogtum s. Jülich. 
Bergen, 1759 Schlacht bei 132. 
Berlin erwirbt Stadtrecht 8, Blutbann und 
Münzrecht 14, unter dem Interdikt 12, 
Verhältnis zu den Quitzows 14, hul- 
digt Friedrich I. 18, wird Residenzstadt 23. 
Die ersten Gymnasien in Berlin 56, Ent- 
stehung der Dorotheenstadt 75, Stiftung 
der Akademien der Künste und der Wissen- 
schaften, Entstehung der Friedrichstadt, 
des Schlosses 80, Anderung der städtischen 
Verwaltung 98, 1760 vom Feinde be-
        <pb n="366" />
        360 
setzt 135, 1806 die Franzosen in B. 172, 
Universität 191, erste Eisenbahn in 229, 
1848 Aufstand in 240, Reichstag 310. 320. 
Bernadotte 206—209. 214. 
Bernau, Propst von 11. 
Bernhard, Markgraf 3. 
Bernhard von Askanien 7. 
Beuthen, Ergebung von 18. 
Biersteuer 28. 
Billing, Hermann 3. 
Bismarck, Fürst Otto v. 242. 262. 269. 
310. 337. 
Bittenfeld s. Herwarth v. Bittenfeld. 
Blücher 171. 204. 207. 236. 
Bogislaw X., Herzog von Pommern 104. 
Borsig 249. 
Bourbaki, General 302. 304. 
Boyen, Gencral 183. 194. 
Brandenburg, die Mark 1. Umfang 20. 
Brandenburg, Stadt und Bislum 2. 3. 6. 
Brandenburg, Minister Graf 245. 
Brandenburger Thor 158. 159. 
Braunau, Paß von 272. 
Bremen, Bistum 1719 zu Hannover 103. 
Brennaburg 2. 
Breslau, Emporkommen 113. Einzug Fried- 
richs II. 113, Friede zu 114, Residenz 
Friedrich Wilhelms III. 200. 
Brienne, 1814 Schlacht bei 216. 
Bromberger Kanal 144. 
Brühl, Minister 118. 
Buch, Johann v. 8. 
Buchenhagen 104. 
Bülow, Fürst Reichskanzler 345. 
Bülow, General 207. 208. 
Bundeskanzler 280. 
Bundesrat 280. 312. 
Bundestag in Frankfurt a. M. 226. 240. 
245. 246. 270. 
Bunzelwitz, Lager bei 137. 
Burenkriceg 337. 
Bürgerliches Gesetzbuch 317. 346. 
Burkersdorf, 1762 Schlacht bei 139. 
Burkhartinge, Ahnherren der Zollern 16. 
Burschenschaft, deutsche 231. 
Canrobert, General 285. 
Canstein, Freiherr v. 83. 
Caprivi, Reichskanzler 337. 345. 
Carmer, Justizminister 150. 
Cassano, 1705 Schlacht bei 87. 
Cecilie, Kronprinzessin 352. 
Censuredikt 158. 
Charité in Berlin 102. 
Charlottenburg, Lustschloß in 80. 136. 
Mausoleum in 190. 327. 
Chatillon, Friedenskongreß zu 218. 
  
Register. 
Chausseebau in Preußen 158. 228. 317. 
China, Krieg mit 343. 
Chlum, Erstürmung der Höhen v. 273.275. 
Chodowiecki, Kupferstecher 158. 
Chorin, Kloster 8. 9. 
Chotusitz, 1742 Schlacht bei 114. 
Christian IX. von Dänemark 264. 
Clausewitz, General 183. 194. 
Coccceji, Justizminister 100. 148. 
Code Napoléon 179. 
Codex Fridericianus 148. 
Colombey, 1870 Schlacht bei 290. 
Coulmiers, 1870 Schlacht bei 302. 
Courbiêre 176. 
Courcelles, 1870 Schlacht bei 290. 
Cumberland, Herzog von 125. 
Czaslau, 1742 Schlacht bei 114. 
Czernybog, wendischer Gott 1. 
Daleminzier, Wenden 3. 
Dampfmaschine 145. 228. 
Dampsschiffahrt 229. 339fff. 
Danckelmann, Eberhard v. 76. 78. 90. 
Danzig, Ordensstadt 38, polnisch 41, preu- 
Whisch 163, Freistadt 178, wieder preu- 
ßisch 225. 
Daun, österreichischer Feldmarschall 123. 
131. 136. 
Sckwunt! i Hamburg 204. 206. 
Demagogenverfolgung 231. 
Dennewitz, 1813 Schlacht bei 210. 
Derfflinger 56 ff. 
Dijon, 1871 Kämpfe bei 304. 
Dispositio Achillea 26. 
Distelmeyer, Kanzler 34. 
Dom in Berlin 350. 
Domänen 54. 95. 96. 182. 227. 
Dörnberg, Oberst 187. 
Dorothea, Kurfürstin 75 ff. 
Dortmund, 1609 Vertrag zu 44. 
Dortmund--Ems-Kanal 345. 
Dragonaden 73. 
Dreibund: Deutsches Reich, Osterreich, 
Italien 313. 
Dreikaiserbündnis 312. 
Dreikönigsbund 245. 
Dresden im 7 jährigen Kriege 122.134; 1745 
Friede zu 118; 1813 Schlacht bei 209., 
Drömling 142. 
Duisburg, Gründung der Universität 56. 
Düppeler Schanzen 244. 265. 
Einwanderung in Preußen 6. 38. 53. 73. 
96. 154. 234. 
Eisenbahnen 229. 249. 317. 
Eisernes Kreuz 200. 284. 
Eitel Fritz, Prinz 352.
        <pb n="367" />
        Register. 
Elbe-Trave-Kanal 345. 
Elbing 38. 
Elisabeth, Gemahlin Friedrichs I. 18. 
Elisabeth, Gemahlin Joachims I. 29. 
Elisabeth, Gemahlin Friedrichs des Großen 
109. 155. 
Elisabeth, Gemahlin Friedrich Wilhelms IV. 
237 
Elisabeth, Kaiserin von Rußland 119. 
Elsaß, Wiedergewinnung des 306. 
Emden, vom Großen Kurfürsten besetzt 72, 
Freihafen, Heringsfischerei 145. 
Ems-Jade-Kanal 317. 
Ephraimiten 132. 
Erbfolgekrieg, Bayrischer 154, Polnischer 
106, Spanischer 84. 103. 
Erbunterthänigkeit, Aufhebung der 181. 
Erfurt, 1806 kapituliert 171, Fürstenkon- 
greß zu 186. 
Erlöserkirche 350. 
Estrées, Marschall d' 125. 
Eugen von Savoyen, Prinz 77. 86. 
Exekution gegen Preußen 122. 270, gegen 
Dänemark 264. 
Eylau, 1807 Schlacht bei Preußisch= 174. 
Falckenstein s. Vogel v. Falckenstein. 
Falk, Kultusminister 314. 
Favre, Jules 298. 
Fehrbellin, 1675 Schlacht bei 64. 
Felbiger, Abt 150. 
Ferdinand von Braunschweig 128. 132. 139. 
Fermor, russischer General 130. 
Festlandssperre 172. 192. 
Fichte, Professor 184. 
Finckenstein, Minister Graf 142. 
Finerbruch 142. 
Fink, General (Finkenfang) 134. 
Finowkanal 144. 
Fliedner, Pastor 254. 
Flotte, die erste brandenburgische 69. 
Flotte, die deutsche 243. 313. 339. 
Folter abgeschafft 111. 
Fontainebleau, Vertrag zu 139. 
Fonquê, General 134. 
Francke, August Hermann 83. 
Frankfurt a. O., Universität 26. 28. 
Frankfurt a. M., Bundestag zu 226, Na- 
tionalversammlung zu 240, 1866 erobert 
277, zu Preußen 279, Fricde zu 306. 
Franktireurs 301. 
Fransecky, Genecral 274. 
Franz I. v. Lothringen, Kaiser 113.116. 118. 
Franz II., Kaiser 160. 169. 
Franz von Braunschweig, Prinz 132. 
Freiberg, 1762 Schlacht bei 139. 
Freikorps Lützows 200. 206. 
  
361 
Friccius, Major 214. 215. 
Fridericia 265. 
Friedland, 1807 Schlacht bei 178. 
Frieorich I. (VI.), Kurfürst 17 ff., König 
Friedrich II., Kurfürst 22 ff., König 108 ff. 
Friedrich III., Burggraf 16, Kurfürst 76 ff., 
König und Kaiser 257. 264. 271. 328. 
Friedrich III., Kaiser von Deutschland 24. 
Friedrich IV., Burggraf 16. 
Friedrich, Herzog von Liegnitz 32. 
Friedrich VII., König von Dänemark 244. 
Friedrich Franz, Großherzog von Mecklen- 
burg 278. 302. 
Friedrich Karl von Preußen, Prinz 245. 
264 ff., 271. 285. 294. 302. 
Friedrich von Augustenburg 264. 267 ff., 
284. 333. 
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst 48 ff. 
Friedrich Wilhelm I., König 89 ff. 
Friedrich Wilhelm II., König 157 ff. 
Friedrich Wilhelm III., König 163 ff. 
Friedrich Wilhelm IV., König 237 ff. 
Friedrich Wilhelm, Kronprinz 257 ff., 271. 
Friedrich Wilhelm von Braunschweig, 
Herzog 188. 221. 222. 
Friedrich-Wilhelms-Kanal 56. 
Friesack, Eroberung des Schlosses 18. 
Froben, Emanuel v. 66. 
Frohse, 1278 Schlacht bei 8. 
Fürstenberg, Wilhelm v. 77. 
Fürstenbund, deutscher 155. 
Gablenz, österreichischer General 264. 
Gadebusch, 1813 Gefecht bei 209. 
Gambetta 298. 301. 
Garibaldi 302. 
Gaslicht 230. 
Gastein, 1865 Vertrag zu 269. 
Gemeinheitsteilung 144. 230. 
Generaldirektorium 93. 
Generallandschulreglement 150. 
Georg I., König 84. II. 119. 136. III. 136. 
137. V. 271. 
Georg der Fromme von Ansbach 29. 
Georg Friedrich von Ansbach 34. 
Georg Wilhelm, Kurfürst 45 ff. 
Gera, Hausvertrag zu 34. 
Gerhardt, Paul 72. 73. 
Gerichte, einheitliche 317. 
Germain, 1679 Friede zu St. 68. 
Gernrode 3. 
Gero, Markgraf 3. 
Gesetzbuch, Bürgerliches 317. 346. 
Gesindeordnung 192. 
Gewerbefreiheit 192. 315. 
Geyern, Grafschaft 88.
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        362 
Gilgekanal 145. 
Gitschin, 1866 Schlacht bei 271. 
Glatz zu Preußen 114. 
Gneisenau, Feldmarschall 171. 183. 194. 
207. 208. 223. 232. 
Goeben, General 303. 
Goldne Bulle 13. 
Golzow, Eroberung des Schlosses 18. 
Gottschalk, Obotritenfürst 4. 
Gotzkowmsky 136. 
Gransee, 1316 Schlacht bei 10. 
Graudenz, Verteidigung von 176. 
Gravelotte, 1870 Schlacht bei 292. 
Greiffenberg 156. 
Grete, Faule 18. 
Grimm, Gebrüder 185. 249. 
Grimnitz, 1529 Vertrag zu 29. 
Gröben, Major v. d. 69. 
Grolman, General 183. 
Großbeeren, 1813 Schlacht bei 208. 
Großfriedrichsburg 72. 
Großgörschen, 1813 Schlacht bei 205. 
Großjägerndorf, 1757 Schlacht bei 124. 
Grumbkow 103. 
Gustav Adolf von Schweden 46. 
Hadik überfällt Berlin 124. 
Hagelberg, 1813 Gefecht bei 209. 
Halberstadt zu Preußen 52. 
Halle a. S., Entstehung 2, Universität zu 83. 
233. Waisenhaus zu 83. 
Hallue, 1870 Schlacht an der 302. 
Hambacher Fest 232. 
Hannover, Altere Geschichte v. 278 ff., König- 
reich 225. Hannover zu Preußen 278. 
Hansa 11. 
Hardenberg, Staatskanzler 180. 190 ff. 
Hastenbeck, 1757 Gefecht bei 125. 
Haugwitz, Minister 160. 166. 168 ff. 174. 
Hausgesetz des Albrecht Achilles 26. 
Havanna, 1870 Seegefecht bei 300. 
Havelberg, Bistum 3. 6. 
Hecker, Prediger 150. 
Hedwig von Polen 30. 
Heer, das preußisch-deutsche 51. 56. 59. 87. 
91 ff. 112. 120. 121. 146. 166. 183. 
198. 199. 337. 
Heilige Allianz 230. 
Heilsberg, 1807 Gefecht bei 178. 
Heilsbronn, Kloster 22. 26. 
Heinrich I., König 2. 
Heinrich von Preußen, Prinz, Bruder 
Friedrichs des Großen 131. 139. 155. 
Heinrich von Preußen, Prinz, Bruder 
Kaiser Wilhelms II. 342. 
Heinrich von Landsberg 10. 
Helgoland zu Deutschland 337. 
  
Register. 
Hennigs v. Treffenfeld 66. 
Herero, Aufstand der 342. 
Herrenhaus 246. 
Herrenhausen, Vertrag zu 105. 
Hertzberg, Minister 160. 
Herwarth v. Bittenfeld 271. 
Hessen 279. 
Heveller, die 2. 
Hieronymus Bonaparte 179. 211. 214. 
Hildburghausen, Prinz von 126. 
Hinterpommern, Erwerbung von 52. 
Hochkirch, 1758 Uberfall von 131. 
Höchstedt, 1704 Schlacht bei 87. 
Hofer, Andreas 188. 
Hohenfriedberg, 1745 Schlacht bei 116. 
Hohenlohe, General Fürst v. 170. 172. 
Hohenlohe, RNeichskanzler Fürst v. 345. 
Hohenzollern, Haus der 16 ff. · 
Hohenzollern, Land, zu Preußen 249. 
Hohenzollern, Wiederaufbau der Burg 252. 
Hohenzollern, Prinz Leopold u. Karl v. 282. 
Holstein s. Schleswig-Holstein. 
Homburg, Prinz v. 64. 
Hubertusburger Friede 139. 
Hugenotten, Aufnahme der 78. 
Hühnerwasser, 1866 Gefsecht bei 271. 
Humboldt, Wilhelm v. 191. 221. 252. 
Alexander v. 252. 
Jachmann, Admiral 267. 
Jaczo von Köpenick 5. 
Jägerndorf 29. 34. 68. 114. 
Jagiello, König von Polen 490. 
Jagow, Bischof Matthias v. 30. 
Jahn, Turnvater 184. 
Jasmund, 1864 Seegefecht bei 267. 
Idstedt, 1850 Gesecht bei 244. 
Jena, 1806 Schlacht bei 169 ff. 
Jesuiten 152. 158. 
Iltis, Untergang des 339. 343. 
Indemnität, Gewährung von 280. 
Ingersleben, General 172. 174. 
Invaliditätsversicherung 316. 345. 
Joachim I., Kurfürst 27 ff. II. 30 ff. 
Joachim Friedrich, Kurfürst 34. 
Johann I., Markgraf 8. 
Johann I., Reichsverweser Erzherzog 240. 
Johann von Küstrin 30. 
Johann Cicero, Kurfürst 26. 
Johann Georg, Kurfürst 34. 
Johann Kasimir von Polen 57. 
Johann Sigismund, Kurfürst 43. 
Johann Sobieski von Polen 68. 
Johannisburger Kanal 144. 
Johanniter in der Mark 6. 
Joseph 1., Kaiser 113. II., Kaiser 139. 
153. 154 ff. 160.
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        Register. 
Jost von Mähren 114. 
Jülich und Berg, Altere Geschichte von 43, 
zu Pfalz-Neuburg 44, zu Pfalz-Sulzbach 
105. 106, zu Preußen 225. 
Julin, Stadt 2, Bistum 104. 
Julirevolution 231. 
Kabel 229, erstes deutsches 345. 
Kaffeemonopol 146. 157. 
Kaiserkronc, Erwerbung der 242. 308 ff. 
Kaiserslautern, Schlachten bei 162. 
Kaiserkum, Wiederaufrichtung in Versailles 
308 
Kaiser-Wilhelm-Kanal 342. 
Kaiser-Wilhelm-Spende 316. 
Kalckreuth, General v. 178. 
Kalckstein, Oberst v. 62. 
Kalisch, 1813 Vertrag zu 200. 
Kammergericht 28. 
Kammin, Bistum 52. 
Kanalbau unter dem Großen Kurfürsten 
56, unter Friedrich dem Großen 144, 
unter Friedrich Wilhelm II. 158, unter 
Wilhelm I. 317, unter Wilhelm II. 345. 
Kantonsystem 91. 
Karl der Große 2. 
Karl IV. von Böhmen 12. 13. 16. 
Karl V. 32. VI. 105. 113. 
Karl VII. Albert von Bayern 113. 115. 
Karl X. Gustav 57. XII. 103 ff. 
Karl Emil, Kronprinz 63. 
Karl Theodor von der Pfalz 154. 
Karl, Erzherzog von Osterreich 186. 
Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig 
161. 170. 174. 
Karl von Lothringen 114. 123. 127. 128. 
Karl, Markgraf von Schwedt 115. 
Karlsbader Beschlüsse 231. 
Karolinen, Inselgruppe der 343. 
Kartoffelbau eingeführt 54. 142. 
Katharina, Kaiserin von Nußland 139. 162. 
Katholisch-Hennersdorf, Schlacht bei 116. 
Katte, Leutnant 109. 
Katzbach, 1813 Schlacht an der 209. 
Kaub, Nheinübergang bei 216. 
Kaunitz, Fürst 118. 
Kay, 1759 Gefecht bei 133. 
Keith, Leutnant 109. Feldmarschall 132. 
Kesselsdorf, 1745 Schlacht bei 118. 
Kettler, Landmeister 42. 
Kiautschon 342. 
Kieler Hafen von Preußen beansprucht 269. 
Kirche in Preußen 5. 30. 44. 72. 96. 102. 
152. 234. 253. 322. 348. 350. 
Kirchenordnung Joachims II. 31. 
Kissingen, 1866 Gesecht bei 277. 
Kitzen, 1813 Uberfall bei 206. 
  
363 
Kleist, Ewald v. 133. 
General v. 207. 
Kohlhase 33. 
Kolberg 132. 135. 137. 176. 
Kolin, 1757 Schlacht bei 124. 
Kölln a. d. Spree 8. 14. 23. 
Kölner Dom 238. 319. 
Kolonien, deutsche 313. 342 ff., branden- 
burgische 72, französische in Berlin 73. 
Königgrätz, 1866 Schlacht bei 273 ff. 
Königsberg 38, Universität 42, Vertrag 58. 
Konzil zu Konstanz 18, 1870 zu Rom 314. 
Körner 200. 203. 209. 
Kosciusko 163. 
Kraffohlkanal 145. 
Krakau, 1525 Vertrag zu 42. 
Krankenversicherung 316. 
Kraut, Kaufmann 99. 
Krefeld, 1758 Schlacht bei 130. 
Kremmer Damm, Gefecht am 18. 
Krönung Friedrichs III. (I.) 84 ff., Wil- 
helms 1. 262. 
Kronvertrag von 1700: 84. 
Krossen, 1482 zu Brandenburg 26. 
Krupps Fabrik 249. 345. 
Kulm, 1813 Schlacht bei 210. 
Kunersdorf 133. 134. 
Kunst, Förderung der 80. 152. 158. 233. 
252. 319. 346. 
Küstrin, 1758 Zerstörung durch die Russen 
130, von Franzosen besetzt 172, Er- 
bauung der Festung 30. 
Heinrich v. 186. 
Labiau, 1656 Vertrag zu 60. 
Lacy, österreichischer General 135. 136. 
Lagerhaus in Berlin 99. 
Landeskirche, evangelische 233. 
Landesverwaltung 35. 93. 182. 227. 318. 
Landrat 93. 
Landrecht, das preußische 150. 158. 
Landschaften, Gründung der 142. 
Landschaftspolder 142. 
Landeshut, 1760 Gefecht bei 134. 
Landsturm 202. 339. 
Landtag 246, Vereinigter 239. 
Landwehr 200. 202. 208. 304. 305. 339. 
Langensalza, 1866 Schlacht bei 271. 
Langeron, russischer General 207. 
Laon, 1814 Schlacht bei 218. 
La Nothiere, 1814 Schlacht bei 218. 
Lassalle 315. 
Lauenburg, Erwerbung von 269. 
Lausitz, die Mark 3. 
Le Bourget, Ausfall bei 301. 
Lebus zu Brandenburg 8. 
Lehnin, Kloster 7. 
Leibniz 80.
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        364 
Leipzig, 1813 Schlacht bei 211 ff. 
Le Mans, 1871 Schlacht bei 302. 
Lenzen, 929 Schlacht bei 3. 
Leopold II., Kaiser 160. 
Lcopold von Hohenzollern, Erbprinz 282. 
Leopold von Anhalt-Dessau 87. 91. 103. 
105, Erbprinz 113. 
Lestocgq, General 174. 178. 
Leubus, Kloster 112. 
Leuthen, 1757 Schlacht bei 127. 
Lewald, Feldmarschall 124. 
Licenzen 192. 
Lichnowski, Fürst 242. 
Liebenau, Gefsecht bei 271. 
Liebesgespräche 72. 
Liegnitz, 1675 Aussterben des Herzogs- 
hauses 68. 
Liegnitz, 1760 Schlacht bei 135. 
Ligny, 1815 Schlacht bei 222. 
Lingen, Erwerbung v. 88, zu Hannover 225. 
Lisaine, 1871 Schlacht an der 304. 
Lobositz, 1756 Schlacht bei 122. 
Londoner Protokoll 244. 
Lothar, Kaiser 4. 
Lothringen zu Deutschland 306. 
Loudon, General 130. 133. 135. 137. 
Louis Bonaparte 192. 
Louis Ferdinand 170. 
Ludwig der Altere, Markgraf 12. 
Ludwig II. der Nömer 13. 
Ludwig IV., Kaiser 11. 
Ludwig XIV. 62. 77. 
Luvwig XVI. 161. 
Ludwig XVIII. 221. 224. 
Luise Henriette 52. 54. 
Luise, Königin 164. 173. 177. 178. 190. 
Lützowsches Freikorps 200. 203. 206. 
Luxemburg, 1867 Streit um 281. 
Maaßen, Minister 228. 
Mac Mahon 285. 288. 294. 296. 
Magdeburg, Ursprung der Stadt 2, Erz- 
bistum 3, Einverleibung von Stadt und 
Bistum 52, Kapitulation der Stadt 172. 
Malplaquet, Schlacht bei 88. 
Mansfeld, Söldnerführer 46. 
Manteuffel, General 277. 302. 304. 
Maria Theresia 105. 113 ff. 
Marianen, Inselgruppe der 343. 
Marienburg 39. 
Marine s. Flotte. 
Markaner 138. 
Marokko 345. 
Mars la Tour, 1870 Schlacht bei 290. 
Maße, einheitliche 316. 
Matthias v. Jagow 30. 
Maxen, Finkenfang bei 134. 
  
Register. 
Meißen, die Mark 3. 
Merveldt, österreichischer Gencral 211. 
Metternich, Fürst 207. 
Metz, 1870 Schlachten um 290 ff., Belage- 
rung 299, zu Deutschland 306. 
Minden, Einverleibung des Bistums 52, 
1759 Schlacht bei 133. 
Ministerium 35. 182. 234. 249. 317. 
318. 
Migquel, Minister v. 345. 
Mission, innere 254. 333. 
Mitbelehnung in Preußen 32. 
Möckern, 1813 Gefecht bei 204, Schlacht 
bei 212. 
Möllendorf, General 162. 
Mollwitz, 1741 Schlacht bei 113. 
Moltke, Feldmarschall v. 260. 306. 
Monopol 57. 146. 157. 
Moritz von Anhalt-Dessau 128. 132. 
Moskau, Brand von 194. 
Motz, Minister 228. 
Moys, 1757 Gefecht bei 126. 
Mühlberg, 1547 Schlacht bei 32. 
Münchengrätz, 1866 Gefecht bei 271. 
Münster, Friede zu 52. 
Müinzen, einheitliche 316. 
Nachod, 1866 Gefecht bei 272. 
Nantes, Edikt von 73. 
Napoleon I. Bonaparte 167—225; III. 
239. 277. 278. 281 ff. 286. 296. 
Nassau, Einverleibung von 279. 
Nationalversammlung, französische 306. 
Nationalversammlung, deutsche 240. 242. 
Nationalversammlung, preußische 241. 
Nehring, Baumeister 80. 
Neipperg, österreichischer Feldmarschall 113. 
Nettelbeck 175. 176. 
Netzebruch trocken gelegt 142. 
Neuenburg, Verzichtleistung auf 249. 
Neufahrwasser, 1870 Seegefecht bei 300. 
Neues Palais 140. 143. 
Neumark, die, zu Brandenburg 8, ver- 
pfändet 14, zurückgekauft 23, an Johann 
30, wieder erworben 33. 
Ney, französischer General 205. 210. 221. 
Nikolaus I., Kaiser von Rußland 245. II. 
Nollendorf, 1813 Schlacht bei 210. 
Norddeutscher Bund 278. 280. 
Nordhausen zu Preußen 88. 
Nordischer Krieg 84. 103. 
Nordmark 3. 4. 
Nordostseekanal 317. 
Nordseeküste zu Frankreich 1938. 
Normann, württembergischer General 212. 
Nostiz, Blüchers Adjutant 222.
        <pb n="371" />
        Register. 
Nürnberg, Burggrafschaft von, den Hohen- 
zeollern übergeben 16. 
Nymwegen, Friede zu 66. 
Oberappellationsgericht 80. 
Obergeldern zu Preußen 103. 
Oberkirchenrat, Evangelischer 254. 
Oberrechnungskammer Preußens 94. 
Oberschulkollegium 158. 
Obotriten 1. « 
Oderbruch trocken gelegt 142. 
Oliva, 1660 Friede zu 61. 
Olmütz, Belagerung von 130, Tag von 246. 
Oranien, Heinrich von 52. Wilhelm III. 
von 75. 77. 
Oranienburg 54. 
Orleans, Schlacht bei 302. 
Osnabrück, Friedensverhandlungen zu 52. 
Ostfriesland, Anwartschaft auf 68. 76, vom 
Großen Kurfürsten besetzt 72, einverleibt 
115, an Hannover abgetreten 225. 
Ostpreußen, Ordensland 36 ff., polnisches 
Lehen 41, zu Brandenburg 45, souverän 
61 
Otto I. und II., Kaiser 3. 
Otto I., Markgraf 7, II. und III.: 8, IV.: 8. 
Otto der Faule 13, von Bamberg 4. 103. 
Oudenarde, Schlacht bei 88. 
Oudinot, französischer General 208. 
Palauinseln erworben 343. 
Paris, Belagerung von 298. 300. 303, 
Einzug in 219. 224, erster Friede zu 219, 
zweiter 224, Vertrag zu 181. 
Pestalozzi 184. 232. 
Peter der Große 103. 
Peter III. von Rußland 138. 139. 
Petersberg bei Halle zu Preußen 88. 
Piast 112. 
Pillnitz, 1792 Vertrag zu 160. 
Pirna, Lager bei 122. 
Pitt, englischer Minister 128. 
Plaue, Eroberung der Burg 18. 
Plauescher Kanal 144. 
Podol, 1866 Gefecht bei 271. 
Polen, verliert Pommerellen 9, erste Tei- 
lung 153, zweite und dritte 163. 
Polen, die, verwüsten die Mark 11, Gegner 
des Deutschen Ordens 40 ff., der Schwe- 
den und des Großen Kurfürsten 57 ff., 
des Deutschtums in Schlesien 112, 1733 
Erbfolgekrieg 106. 
Pommerellen zu Brandenburg 9. 
Pommern, Bekehrung 4, ältere Geschichte 
103, zu Preußen 52. 68. 103. 226. 
Pompadour, Marquise v. 119. 
Poniatowski 153. 
  
365 
Postwesen 56. 99. 317. 
Potsdam 99. 
Potsdamer Edikt 73. 
Prag, 1757 Schlacht bei 123, Friedens- 
kongreß 207, Friede zu 278. 
Pragmatische Sanktion 105. 113. 
Präparandenanstalten 322. 
Preniian, Vertrag zu 25, Kapitulation von 
Preußen, Mitbelehnung 32, Ordensland 
36 ff., Teilung 41. 
Preußisch-Eylau, 1807 Schlacht bei 174. 
Pribislaw, Wendenfürst 4. 
Prignitz zu Branvenburg 4. 
Prittwitz, Rittmeister v. 133. 
Privat, Schlacht bei St. 292. 293. 
Probstheida, Schlacht bei 212. 
Provinzialschulkollegien, 1825 errichtet 236. 
Provinzialstände 231. 
Pufendorf, Samuel v. 56. 80. 
Putlitz, Gans zu 15. 
Quatrebras, Gefecht bei 222. 
Quedlinburg. Erwerbung von 88. 
Quentin, 1871 Schlacht bei St. 303. 
Quitzow, Hans und Dietrich v. 14 ff. 18. 
Radegast, wendischer Gott 1. 
Nanke, Geschichtsschreiber 233. 252. 
Rathenow, Uberfall von 64. 
Naubritterwesen 14. 27. 
Rauch, Bildhauer 190. 233. 
Raule 63. 69. 
Realschule, erste 150. 
Rechtspflege 6. 14. 18. 27. 28. 80. 100. 
148. 182. 317. 
Redarier 3. 
Reformation, Einführung der 30. 
Regie 146. 157. 
Regulative, das Volksschulwesen betr. 249. 
Reichenbach, 1813 Vertrag zu 206. 
Reichsdeputationshauptschluß 167. 
Reichsgerichtsgebäude 346. 
Reichsstrafgesetzbuch 317. 
Reichstag, deutscher 310. Norddeutscher 
280. 284 
Neichsverweser 240. 
Religionsedikt 158. 166. 
Revolution in Berlin 240, in Frankreich 
60. 231. 239. 
Rheinbund 169. 188. 214. 
Nheinsberg, Schloß 109. 155. 
Rhein-Weser-Hannover-Kanal 345. 
Nied, Vertrag zu 210. 
Ritter, Geograph Karl 233. 249. 
Rochow, Eberhard v. 152. 
Noon, Kriegsminister v. 260 ff.
        <pb n="372" />
        366 
Roßbach, 1757 Schlacht bei 126. 
Roth, Königsberger Schöppenmeister 61. 
Rousseau 158. 
Rügen, Eroberung von 103. 104. 
Ruppin, 1524 einverleibt 29. 
Ruppiner Kanal 158. 
Rußland, 1812 Zug nach 192. 
Nyswick, 1697 Friede zu 77. 
Saarbrücken, 1870 Gefecht bei 286. 
Sachsen, Besetzung von 122. 271, Teilung 
von 225. « 
Sachsenspiegel 10. 
Sadowa, Schlacht bei 274 ff. 
Säkularisation 167. 191. 
Salza, Hermann von 36. 
Salzburger, Aufnahme der 96. 
Samoa 343. - 
Sanssouci, Schloß 140. 
Schadow, Bildhauer 158. 
Scharnhorst, General 171. 174. 182. 194. 
205. 
Schenkenvorf, Max v. 203. 
Schiefe Schlachtordnung 127. 
Schildhorn, Sage vom 5. 
Schill, Major v. 176. 187. 
Schinkel, Baumeister 233. 
Schleiermacher 184. 
Schlesien, ältere Geschichte 112, Kriege um 
113—140, Einverleibung von 114. 
Schleswig-Holstein 243. 244 ff., Einver- 
leibung von 278. 
Schliemann 319. 
Schloßgesessene 6. 
Schlüter, Andreas 80. 
Schmalkaldischer Bund 32. 
Schmettau, Graf 134. 
Schnapphähne 14. 27. 
Schönbrunn, 1805 Vertrag zu 169. 
Schöning, General 68. 
Schulpflicht 10 1. 232. 
Schulreform 346. 
Schulwesen 31. 101. 150. 249. 319. 321. 
Schwanenorden 24. 
Schwarzenberg, Fürst 207. 214. 
Schwarzer Adlerorden 84. 
Schwarzer Tod 12. 
Schwedt, Markgrafen von 76; 1713 Ver- 
trag zu 103. 
Schweidnitz 126. 130. 137. 139. 
Schwerin, Oberst 116, Feldmarschall 123. 
Schwiebus, Kreis 68. 
Seckendorf, österreich. Gesandter 103. 105. 
Sedan, 1870 Schlacht bei 296. 
Seehandlungsgesellschaft 145. 
Selbstverwaltung 182. 318. 
Seminare 101. 150. 232. 322. 
  
Register. 
Semnonen 1. 
Seydlitz 125. 131. 
Sigismund, Kaiser 13. 17. 22. 
Skalitz, 1866 Gefecht bei 272. 
Slawen 1. 
Soltikow, russischer General 133. 
Sommerfeld zu Brandenburg 26. 
Soor, 1745 Schlacht bei 116, 1866 Gefecht 
bei 272. 
Sophie Dorothea, Königin 90, Sophie 
Charlotte, Kurfürstin 76. 80. 
Sorben 1. Z 
Soubise 125. 
Sozialdemokraten 314 ff. 
Sozialpolitik 315. 
Spanier, Aufstand der 185. 
Spanischer Erbfolgekrieg 84. 86. 
Sparr, Otto v. 56. 
Spener, Phil. Jak. 83. 
Spicherer Höhen 288. 
Staatsrat 227. 
Staatsverwaltung 35. 61. 90 ff. 182. 227. 
234. 249. 317. 318. 
Städteordnung Joachims 1. 28. 
Städtische Verwaltung 98. 182. 
Stände, Entstehung der 10, preußische 61, 
brandenburgische 46. 57. 
Standesvorzüge, Aufhebung der 181. 
Stargard zu Brandenburg 8. 
Starhemberg, Rüdiger v. 68. 
Stein, Freiherr v. 170. 180. 194. 200. 236. 
Steinmetz, General 272. 285. 
Stephan, Generalpostmeister 301. 317. 
Sternberg, Land, zu Brandenburg 8. 
Stettin 2, vom Großen Kurfürsten erobert 
66, zu Preußen 103. 
Steuern 10. 26. 56. 227. 346. 
Stralsund 66. 
Straßburg geraubt 68, zurückerobert 299. 
Striegau, 1745 Schlacht bei 116. 
Suarez 150. 
Suezkanal eröffnet 329. 
Sulingen, Kapitulation von 168. 
Swantewit 1. 
Swinekanal, Swinemünde 144. 
Sybel, Geschichtsschreiber 233. 249. 
Synodalordnung 322. 
Tabakskollegium 106. 
Tabaksmonopol 146. 157. 
Talleyrand 168. 
Tangermünde 13. 
Tann, General v. d. 301. 
Tauberbischofsheim, 1866 Gefecht bei 278. 
Tauentzien, General 207. 208. 210. 
Tauroggen, 1812 Vertrag zu 196. 
Tecklenburg zu Preußen 88.
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        Register. 
Telegraph und Telephon 229. 249. 317. 
Templerorden in Brandenburg 6. 
Teschen, Friede zu 154. 
Testament des Großen Kurfürsten 75. 76. 
Tettenborn, russischer General 204. 
Thaer 230. 
Thiers 306. 
Thomasius 83. 
Thorn zu Polen 41, zu Preußen 163, 
Blutbad zu 103. 
Thurneysser 34. 
Tilsit, Friede zu 178. 
Tiroler, Aufstand der 188. 
Torgau, 1760 Schlacht bei 136. 
Dottleben, russischer General 135. 
Trakehnen, Landesgestüt 91. 
Trautenau, 1866 Gefecht bei 272. 
Treffenfeld, Hennigs v. 66. 
Treitschke, Geschichtsschreiber 233. 
Triglaf 1. 
Trochu 298. 
Tschernitschew 138. 139. 
Tugendbund 185. 
Turin, Schlacht bei 88. 
Uckermark zu Brandenburg 8. 
Unfallversicherung 316. 
Uniform 56, 91. 
Union, kirchliche 233. 
Union, staatliche 245. 
Universität zu Berlin 191. Bonn 233. 
Duisburg 56. Frankfurt 26. 28. Greifs- 
wald 26. Halle 83. 233. Königsberg 
42. Göttingen 279. Wittenberg 233. 
Utrecht, 1713 Friede zu 103. 
Valmy, 1792 Kanonade bei 161. 
Vandamme 204. 
Verden, Bistum, 1719 zu Hannover 103. 
Vereinigter Landtag 239. 
Verfassung, preußische 192. 230. 238. 256, 
deutsche 312. « 
Verfassungskonflikt 263. 
Versailles, Kaiserproklamation in 308. 311. 
Verwaltung s. Staatsverwaltung. 
Viktoria, Kaiserin Friedrich 329. 
Vineta 2. 
Vionville, 1870 Schlacht bei 290. 
Vischer, Peter 27. 
Vogel v. Falckenstein 271. 277. 300. 
Volksvertretung 192 (s. Verfassung). 
Voltaire 109. 158. 
Vorpommern zu Brandenburg 103. 226. 
Vossem, Friede zu 63. 
Wachau, 1813 Schlacht bei 211. 
Wackenitz, Oberst v. 131. 
  
367 
Waffenstillstand 1813: 205. 
Waghäusel, Gefecht bei 245. 
Wagram, 1809 Schlacht bei 188. 
Wahlstatt, Fürst Blücher von 209. 
Waldemar, der Große 9, der falsche 12. 
Waldenser 75. 234. 
Waldersee, Feldmarschall Graf 343. 
Warkotsch 137. 
Warschau, Schlacht bei 58, Eroberung von 
163, zu Preußen 163, zu Nußland 225. 
Wartenberg und Wartensleben 89. 
Wartenburg, 1813 Ubergang bei 211. 
Warthebruch trocken gelegt 142. 
Waterloo, 1815 Schlacht bei 223. 
Wavre, Blücher in 223. 
Wedel, General 133. 
Wedell, Leutnant 188. 
Weh, das dreifache 89. 
Wehlau, Vertrag zu 60. 
Wehrpflicht, allgemeine 91. 146. 183. 227. 
Weißenburg, 1870 Schlacht bei 286. 
Weißenburger Linien 162. 
Wellington 221 ff. 
Weltausstellung, die erste 249. 
Weltpostverein 317. 
Wenden 1 ff. 4 ff. 
Wenzel 13. 
Werder, General 299. 304. 
Wesel, Opfer zu 187. 
Westfalen, Königreich 179, zu Preußen 225. 
Westfälischer Friede 52. 
Westpreußen an Polen 41, zu Preußen 153. 
Wichern 254. 
Wien, Belagerung von 68, Friede zu 267, 
Kongreß zu 221. 225. 
Wilhelm I., der Große 218. 255 ff. 328. 
II. 333 ff. 
Wilhelm, Kronprinz von Preußen 333. 352. 
Wilhelm III. von Oranien 75. 88. 
Wilhelm, Prinzessin 203. 
Wilhelmshaven 247. 
Wilsnack, das Blut von 15. 29. 
Wilzen 1. 
Wimpffen, französischer General 296. 
Winterfeldt, General 126. 
Wissenschaft, Förderung der 56. 80. 152. 
233. 249. 319. 346. 
Wittgenstein, Fürst 207. 
Wittstock, 1636 Schlacht bei 47. 
Wolin 2. 
Wöllner, Minister 158. 
Wörth, 1870 Schlacht bei 288. 
Wrangel, preußischer Feldmarschall 242. 
244. 265. 
Wrangel, schwedischer General 64. 
Wusterhausen, Vertrag von 105.
        <pb n="374" />
        368 Register. 
Xanten, Vertrag zu 45. Zollern, Graf v. 16. 
Zollparlament 281. 
York, General 195. 196. 207. 209. 211.ollverein, der deutsche 228. 247. 281. 
Zorndorf, 1758 Schlacht bei 130. 
Zeven, 1757 Übereinkunft im Kloster 125. Fossen zu Brandenburg 26. 
  
Zieten 115. 135 ff. 155. 156. Züllichau zu Brandenburg 26. 
Zinzendorf, Graf v. 83. Zum grauen Kloster, Gymnasium 56. 
Zölle 317. Zündnadelgewehr 274. 
  
Druck von Karl Marquart in Leipzig.
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        LIIOIIMmeyer: Unser Preussen. 
  
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Geogr. Inst. v. C. Sternkopf Halle u.S. 
Verlas ## E Hirt, Breslau.
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        L. HofEmcger, Unser Preusscn. 
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1740 — 1786. 
Malsstab 1:8000000. 
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Ceofr Inst v-C Sternkopr, Hall##S. Verlag #. E Hirt, Breslau.
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        L. Hossinexer: Unser Preusseii. 
  
  
  
  
   
  
    
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
      
  
  
      
   
   
  
  
  
  
   
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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L. Mollineg, Unser Dreussen. 
  
  
  
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