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        <title>Unser Preußen.</title>
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            <forname>Ludwig</forname>
            <surname>Hoffmeyer</surname>
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        </author>
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            <idno>hoffmeyer_preussen</idno>
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        Auser  Preußen.

Die  Entwickelung  des  Preußischen  Staates
unter  der  Derrschaft  der  Dokenzollern.

Von

 

I.  Bo

 

 

 

 

meper.

Mit  167  Mbbildungen,  Skizzen  u.  Hlänen
im  Aexk  sowie  sieben  farbigen  Karken.

Dritte,  verbesserte  Auflage.

 

JFerdinand  Hirk,
Königliche  Universitäts=  und  Derlags-Buchhandlung.
Breslau.
        <pb n="2" />
        Dom  Jels  zum  Mexrr.

1.  Boch  ragt  empor  auf  selsenfestem  Grund
Die  Bollernburg  in  alkersgrauen  Tagen;
Sie  schaut  hinab  und  siehk  in  weiker  Kund'
Die  Skröme  nordwärks  ihre  Schiffe  kragen;
Sie  ziehen  hin  mik  Tafsken  reich  und  schwer
Vom  Fels  zum  MWeer.

2.  Da  wird's  zu  eng  in  seinem  Lelsenschloß
Dem  Srllerngar,  er  lüfkek  seine  Schwingen,
Und  wo  hinab  mit  Schiff  und  Kahn  und  Floslkl
Die  Ströme  munter  durch  die  Täler  springen,
Da  fliegt  er  mit  der  Polken  dunklem  HPeer

Vom  Aels  zum  Meer.

3.  Und  in  den  Marken  zwischen  Sumpf  und  Sand,
Wo  kief  in  Wäldern  rauschen  mächt'ge  Tühren,
Die  Sern  glänzen  weik  hinein  ins  Tand,
Da  ist  der  Kar  gekürk  zu  hohen  Ehren;
Das  ZSeptfer  führk  er,  und  ex  wirft  den  Speer
Vom  Tels  zum  Weer.

4.  Und  weikfer  fork  mikt  kräft'gem  Flügelschlag
Schwingk  sich  der  Kar,  zu  höh'rem  Siel  zu  steigen,
Am  Balt'schen  Weer  erglänzt  sein  Ehrenkag:

Die  Fahnen  vor  der  Wajelkät  sich  neigen;
Die  Rönigskrone  leuchkek  hoch  und  hehr
Vom  FTels  zum  Weer.

5.  D  BZollernaar,  breit’  deine  Flügel  aus,
Zu  Schun  dem  Follie  und  dem  Dakerlande!
Dich  schrecht  nichk  Skurm  und  wilder  Dogen  Graus:;
Du  schlägst  der  Feinde  Schar  in  feste  Bande;
Dn  bisk  des  Deutkschen  Reiches  Ehr'  und  Pwehr

Vom  Fels  zum  Werrr.  .
Jadoifwaeixoch
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        Vorrede.

Die  Geschichte  des  Königreichs  Preußen,  das,  von  der  Natur  wenig
begünstigt,  fast  allein  durch  das  Verdienst  seiner  Bewohner  in  der  ver—
spotteten  Mark  aus  kleinen  Anfängen  zur  Vormacht  des  Deutschen  Reichs
emporgewachsen  ist  und  jetzt  auf  ein  mehr  als  zweihundertjähriges  Be—
stehen  zurückblicken  kann,  ist  nach  dem  Ausspruche  König  Friedrich
Wilhelms  IV.  eine  Geschichte  ohnegleichen;  kein  Land  kann  sich  eines
ruhmvolleren  Herrschergeschlechts  rühmen,  kein  Volk  hat  aber  auch  größere
Opfer  an  Gut  und  Blut  dargebracht  als  das  preußische.  Daher  gewährt
das  Studium  der  preußischen  Geschichte  einen  besonderen  Reiz.  Sie
lehrt  —  wie  die  Geschichte  überhaupt  —  die  Gegenwart  verstehen;  ihre
Kenntnis  ist  deshalb  unerläßlich  für  jeden,  der  mit  Verständnis  an  der
Lösung  der  Aufgaben  des  Staates  mitwirken  will,  sie  ist  wünschenswert
auch  für  die  breiteren  Schichten  des  Volkes.  An  größeren  Werken  über
preußische  Geschichte  fehlt  es  ja  nicht,  und  die  Zahl  der  Leitfäden  ist
Legion;  aber  ein  Werk,  das  wie  „Unser  Preußen“  für  geringen  Preis
nicht  nur  eine  lückenlose,  lesbare  Geschichte  Preußens,  sondern  auch  eine
Fülle  trefflicher  Abbildungen  bietet,  gab  es  bisher  noch  nicht.

„Unser  Preußen“  stellt  nicht  nur  das  äußere  Wachstum  des
Preußischen  Staates  dar,  sondern  es  sind  auch  die  Entwickelung  der
wichtigsten  staatlichen  und  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  wie  der  Landesverwaltung
  und  Rechtspflege,  des  Heer=  und  Steuerwesens,  der  Schule
und  Kirche  sowie  die  Lage  der  Bürger  und  Bauern  eingehend  berücksichtigt
  worden.  Die  einzelnen  Abschnitte  lassen  sich  mit  Hilfe  eines  ausführlichen
  Registers  leicht  zu  einem  Gesamtbilde  zusammenfassen.  Das
Buch  ist  für  reifere  Schüler  der  gebildeten  Stände  berechnet,  kann  aber
seiner  leichtverständlichen  Sprache  wegen  auch  von  dem  einfachsten  Manne
mit  Nutzen  gelesen  werden,  und  da  die  preußische  Geschichte  zum  Teil
Kriegsgeschichte  ist,  also  das  Heer  und  seine  Ruhmesthaten  eingehende  Berücksichtigung
  gefunden  haben,  so  dürfte  es  auch  dem  Heere  dienen  können.
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        VI  Vorrede.

Daß  bei  der  Abfassung  des  Buches  die  Arbeiten  von  Ranke,  Droysen,
Treitschke,  Pierson,  Berner  u.  a.  gewissenhaft  berücksichtigt  worden  sind,
bedarf  wohl  keiner  Versicherung.

Dem  Herrn  Verleger,  der  das  Werk  nicht  nur  mit  Karten  und
reichem  Bilderschmuck  ausgestattet,  sondern  auch  an  der  Gestaltung  des
Textes  lebhaften  Anteil  genommen  hat,  sei  auch  an  dieser  Stelle  mein
herzlicher  Dank  ausgesprochen.

Möge  „Unser  Preußen“  in  Schule,  Haus  und  Heer  durch  Ver—
breitung  der  Kenntnis  vaterländischer  Geschichte  und  durch  Pflege  wahrer
Vaterlandsliebe  reichen  Segen  stiften.

Der  Verfasser.
        <pb n="5" />
        —

—

2.

7

Inhalt.

Erster  Zeitraum.  Die  Mark  Brandenburg.

Die  Vorzeit

Gründung  und  Erweiterung  der  Mark  durch  die  2
1.  Albrecht  der  Bär;  1134—1110

2.  Die  übrigen  anhalltinischen  Markgrafen.  .

Zerfall  der  Mark  unter  den  Bayern  und  Luxemburgern  .

Die  Neugründung  durch  Friedrich  von  Hohenzollern

Der  innere  Ausbau  ..

Ältere  Geschichte  Preußens  ..

Das  äußere  Wachstum  der  Mark  unter  Johann  Sigismund;  608S  —1619
Der  Zerfall  unter  Kurfürst  Georg  Wilhelm;  1619—1640  .  ..

ZweitergeitraumYasxkönigreütheußem

.DieNeugründungdesStaatesdurchddnGrofzenKurfürstenz1640—1688.

1.  Seine  Jugend  und  ersten  Regierungshandlungen

2.  Des  Kurfürsten  landesväterliche  Fürsorge

3.  Erwerbung  der  Landeshoheit  in  Preußgeen

4.  Kampf  gegen  Franzosen,  Schweden  und  Türken

5.  Spätere  Werke  des  Friedens

Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friediich  III.  Wh  );  1688  —1713.
1.  Auswärtige  Verhältnisse  .  ...
2.  Sorge  für  des  Landes  Wohlfahrt

3.  Erwerbung  der  Königskrone

4.  Preußens  Teilnahme  am  Spanischen  Erbfolgekriege

5.  Die  letzten  Regierungsjahre  des  Königs

Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  W  J.;  1713—1740.

1.  Jugend  und  Regierungsantritt

2.  Die  Landesverwaltung

3.  Auswärtige  Verhältnisse

4.  Friedrich  Wilhelms  Lebensweise,  Familie  und  Ende
Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.

1.  Friedrichs  Regierungsantritt  und  die  beiden  ersten  Schlesischen  Kriege;
1740  —1745  .  ..

2.  Der  Siebenjährige  Krieg;  1756—1763  ...  ...

Das  erste  Kriegsjahr.  118.  —  Das  Kriegsjahr  1757.  123.  —  Das
Kriegsjahr  1758.  128.  —  Das  Kriegsjahr  1759.  132.  —  Das  Kriegsjahr
  1760.  134.  —  Die  letzten  Kriegsjahre;  1761—1763.  137.

3.  Friedrich  der  Große  als  Landesvater
4.  Auswärtige  Verhältnisse  nach  dem  Siebenjährigen  Kriege
5.  Friedrichs  des  Großen  Lebensabend.

Der  Niedergang  unter  Friedrich  Wilhelm  u-  1786  —1797.

1.  Die  inneren  Verhältnisse
2.  Die  auswärtigen  Verhältnisse

Seite

11
15
22
35
43
45

48
53
57
62
69

76
80
83
86
88

89
90
103
106

110
118

140
153
155

157
160
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        VIII  Inhalt.

bis  1840.
.  Friedrich  Wilhelm  III.  und  Luise  in  den  Tagen  des  Glücks
2.  Die  auswärtigen  Verhältniss  bis  zum  Kriege  von  1806
3.  Die  Schlacht  bei  Jna  ........
4.  Der  Feldzug  von  1807;  Friede  .
5.PreußensW1edergeburt..
6.  Schwere  Friedensjahre  unter  französischem  Druck
Preußen  während  der  Kriege  Napoleons  gegen  Spanien  und  gegen  Hsterreich.
  185.  —  Napoleons  Krieg  mit  Rußland.  192.
7.  Der  Befreiungskrieg  von  1813  und  1144
Die  Erhebung  des  deutschen  Volkes.  196.  —  Die  Kämpfe  vor  der
Schlacht  bei  Leipzig.  204.  —  Die  Völkerschlacht  bei  Leipzig;  16.,  18.
und  19.  Oktober  1813.  211.  —  Nach  Paris.  214.
8.  Der  Befreiungskrieg  von  1815
9.  Friedrich  Wilhelms  III.  spätere  Regierung;  1815—1840.

7.  Die  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm
  IV.;  1840—1861.

1.  Bis  zum  Ausbruch  der  Revolution.
2.  Die  Revolution  von  1848.

3.  Auswärtige  Verhältnisse

4.  Friedrich  Wilhelms  IV.  Friedensarbeit

—

Seite
6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.;  1797

163
167
169
174
179
185

196

221
226

237
239
243
246

Dritter  Zeitraum.  Vreußen  als  Vormacht  des  Deutschen  Kaiserreichs.

1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen;
1861—1888.

1.  Jugend  und  erste  Regierungsjahre  Wihelms  J.

2.  Der  Krieg  gegen  Dänemark

3.  Der  Deutsche  Krieg  von  1866

4.  Der  Deutsch-französische  Krieg  von  1870  und  18771

Ursache  und  Ausbruch  desselben.  281.  —  Die  Schlachten  um  Metz  am

14.,  16.  und  18.  August.  290.  —  Kämpfe  gegen  die  französische  Republik.
  298.  —  Friede.  306.  —  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums.
  308.  —  Einiges  aus  der  Reichsverfassung.  312.

5.  Kaiser  Wilhelm  der  Große

Auswärtige  Verhältnisse.  312.  —  Die  soziale  Gesetzgebung.  314.  —
Kaiser  Wilhelms  Friedensarbeit  für  Preußen.  317.  —  Kaiser  Wilhelms
Lebensabend  und  Heimgang.  323.

2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  WMilhelm  II.

1.  Kaiser  Friedrich  III.,  vom  9.  März  bis  15.  Juni  1888.  ..

2.  Kaiser  Wilhelm  II.,  seit  15.  Juni  1888  .
Allmähliche  Vergrößerung  des  brandenburgisch-  reußischen  Staates
Die  brandenburgisch-preußischen  Regenten  aus  dem  1Hause  Hohenzollern
Stammtafel  des  hohenzollernschen  Hauses  Z
Verzeichnis  der  Abbildungen  und  Karten
Register  .  .

255
264
267
281

312

328
333
353
353
354
356
359
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        Erster  Zeitraum.
Die  Mark  Brandenburg.

 

I.  Die  Dorzeit.

as  Kernland  des  preußischen  Staates  sind  die  Gebiete
an  der  Havel  und  Spree.  Die  ältesten  geschichtlich  bekannten
  Bewohner  dieses  Landes  waren  die  germanischen
Semnonen,  der  edelste  Zweig  des  suevischen  Stammes,
der  nach  Berichten  des  Römers  Tacitus  (um  100  n.  Chr.)
den  ganzen  Nordosten  Deutschlands  bewohnte  und  auch
die  Langobarden  zwischen  Elbe  und  Harz,  die  Rugen
und  Burgunder  in  Pommern  sowie  die  Goten  an  der
Warthe  und  Netze  umfaßte.  Zur  Zeit  der  großen  Völkerwanderung  (um
400  n.  Chr.)  verließen  die  Semnonen  ihre  bisherigen  Wohnsitze  und  wanderten
nach  Süden  oder  Westen.  In  die  verlassenen  Gegenden  rückten  von  Osten  her
die  Slaven  ein,  die  sich  allmählich  von  der  Ostsee  bis  zum  Adriatischen  Meer,
im  Westen  (um  600)  bis  zur  Elbe,  zur  Saale,  zum  Böhmerwald  und  Inn  ausbreiteten
  und  sich  in  zahlreiche  Stämme  spalteten.  Zwischen  Bober  und  Saale
ließen  sich  die  Sorben,  an  der  Havel  und  Peene  die  Lutizen  und  Wilzen  und
in  Mecklenburg  und  Vorpommern  die  Obotriten  nieder;  von  ihren  westlichen
Nachbarn,  den  Sachsen,  wurden  sie  mit  dem  gemeinsamen  Namen  Wenden  bezeichnet.
  Von  den  Deutschen  unterschieden  sie  sich  durch  den  gedrungenen  Körper,
die  braungelbe  Haut,  die  dunklen  Augen,  das  schwarze,  schlichte  Haar  sowie
durch  Religion  und  Sitte.  Als  höchste  Gottheit  verehrten  die  Slaven  Belbog,
  den  Gott  des  Himmels,  des  Lichts  und  des  Feuers;  als  Urheber  der
Finsternis  und  alles  Bösen  betrachteten  sie  Czernybog.  Neben  diesen  höchsten
Göttern  verehrten  die  Wenden  noch  einen  Kriegsgott  Radegast.  einen  Sonnengott
  Swantewit,  sowie  Triglaf,  den  dreiköpfigen  Gott  des  Himmels,  der
Erde  und  der  Unterwelt.  Die  in  heldenhaftem  Kampfe  Gefallenen  hatten
nach  ihrer  Meinung  im  Jenseits  die  höchste  Seligkeit  zu  erwarten.  Die
Priester  standen  in  hohem  Ansehen.  Jede  Gemeinde  wählte  sich  einen  Vorsteher
  (Zupan)  und  im  Kriege  einen  Führer  (Woiwod);  aus  ihnen  bildete
sich  allmählich  ein  erblicher  Adel,  dessen  Familienhäupter  die  Knäsen  (Fürsten)
waren.  Die  Frau  nahm  schon  wegen  der  bei  den  Wenden  herrschenden  Vielweiberei
  eine  niedrigere  Stellung  ein  als  bei  den  Deutschen,  sie  war  die

Sklavin  des  Mannes.  Doch  zeichneten  sich  die  Wenden  durch  Ausdauer,
Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  1
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        2  Erster  Zeitraum.

Genügsamkeit  und  Fleiß,  Wahrheitsliebe  und  Gastfreundschaft  aus.  Sie  wohnten
in  Dörfern  und  Stödten,  welche  von  hufeisenförmiger  Befestigung  mit  nur
einem  Eingange  umgeben  waren.  Der  Name  für  solche  Befestigung,  Gard,
findet  sich  noch  in  mehreren  Städtenamen,  so  in  Stargard  und  Belgard  in
Hinterpommern.  Außer  Ackerbau  und  Viehzucht  trieben  sie  regen  Handel.
Mittelpunkt  desselben  war  Julin  (Wolin  oder  Vineta)  mit  trefflichem,  vielbesuchtem
  Hafen,  der  300  Schiffe  bergen  konnte.  Nicht  nur  slavische,  sondern
auch  deutsche,  nordische  und  selbst  oströmische  Kaufleute  erschienen  dort,  um
gegen  Erzeugnisse  ihrer  Heimat  wendische  Leinwand,  preußischen  Bernstein
und  russisches  Pelzwerk  einzutauschen.  Nachdem  diese  reiche  Handelsstadt  1175
von  den  Dänen  ausgeplündert  und  fast  zerstört  worden  war,  vermochte  sie
sich  nicht  wieder  zu  erholen;  ihr  Handel  zog  sich  mehr  und  mehr  nach  Stettin.

Etwa  200  Jahre  lang  bestand  zwischen  den  Wenden  und  ihren  westlichen
  Nachbarn,  dem  deutschen  Stamme  der  Sachsen,  der  das  Land  zwischen
Unterelbe  und  Rhein  bewohnte,  wohl  ein  friedliches  Verhältnis;  ja  die  Wilzen
leisteten  den  Sachsen  im  Kampf  gegen  den  Frankenkönig  Karl  den  Großen
Beistand,  während  die  Obotriten  mit  den  Franken  verbündet  waren.  Nachdem
Karl  die  Sachsen  besiegt  hatte,  richtete  er  seine  Waffen  auch  gegen  die  Wenden.
Ein  gegen  die  Sorben  bestimmtes  Heer  wurde  unterwegs  von  den  Sachsen
vernichtet;  aber  nach  Bestrafung  der  Sachsen  überschritt  Karl  789  die  Elbe
und  unterwarf  mit  Hilfe  der  Sachsen,  ja  selbst  der  Obotriten  und  Sorben
die  Wilzen.  Zum  Schutze  gegen  die  Wenden  errichtete  Karl  auf  dem  eroberten
  Boden  starkbefestigte  und  wohlverteidigte  Marken,  die  von  einer
stehenden  Kriegsmannschaft  unter  dem  Oberbefehl  von  Markgrafen  verteidigt
wurden.  Aus  den  von  diesen  angelegten  Befestigungen  sind  die  Städte  Halle
und  Magdeburg  erwachsen.

Trotz  wiederholter  Empörungen  der  Wenden  hielt  Karl  der  Große  seine
Oberherrschaft  über  sie  aufrecht;  aber  unter  seinen  schwachen  Nachfolgern  schüttelten
  sie  nicht  nur  die  fränkische  Herrschaft  ab,  sondern  drangen  sogar  erobernd
über  die  Elbe  vor,  so  daß  ihre  Westgrenze  seitdem  durch  eine  Linie  bezeichnet
wurde,  welche  von  Kiel  über  Lüneburg  an  Stendal  vorbei  bis  zur  Elbe
lief,  dann  diesen  Fluß  hinauf  bis  zur  Saalemündung  und  endlich  die  Saale
aufwärts  sich  hinzog.  Aber  inzwischen  hatten  die  Sachsen  sich  dem  Christentum
zugewandt,  auch  erwachte  nach  der  Neugründung  des  deutschen  Reichs  durch
Heinrich  I.  (919—936)  mehr  und  mehr  das  deutsche  Volksbewußtsein,  und
der  dadurch  sich  verschärfende  Gegensatz  zwischen  Wenden  und  Deutschen  führte
zu  einem  jahrhundertlangen  Kampfe,  der  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  erbitterter
wurde  und  endlich  mit  völliger  Unterwerfung  der  Wenden  endete.  Anfangs
übernahmen  die  Sachsen  allein  diesen  Kampf;  die  in  die  heutige  Altmark
eingedrungenen  Stämme  wurden  über  die  Elbe  zurückgedrängt.  Als  Heinrich
ein  tüchtiges  Kriegsheer  gegen  die  Ungarn  geschaffen  hatte,  führte  er  es  zunächst
  gegen  die  Wenden,  um  es  im  Kampfe  mit  ihnen  zum  Krieg  mit  dem
gefährlicheren  Feinde  tüchtig  zu  machen.  Er  wandte  sich  gegen  die  Heveller,
die  an  beiden  Seiten  der  Havel  und  an  der  unteren  Spree  wohnten,  besiegte
sie  wiederholt  und  zwang  ihre  Hauptfestung  Brennaburg  (928)  durch
„Hunger,  Eisen  und  Frost“  zur  Unterwerfung.  Während  er  selber  dann
        <pb n="9" />
        1.  Die  Vorzeit.  3

gegen  die  südlicher  wohnenden  wendischen  Stämme  zog,  unterwarfen  sächsische
  Grafen  die  Wenden  nördlich  von  der  Havel.  So  vernichtete  Markgraf
Bernhard  929  bei  Lenzen  ein  Heer  der  Redarier,  wobei  100000  Wenden
umgekommen  sein  sollen.  Heinrich  selber  unterwarf  von  dem  Lande  der  Daleminzier
  aus,  wo  er  die  Feste  Meißen  gegründet  hatte,  die  heutige  Lausitz.

Heinrichs  Sohn  Otto  der  Große  (936—973)  führte  den  Kampf  gegen
die  Wenden  eifrig  fort,  die  jede  Bedrängnis  des  Königs  benutzten,  sich  freizumachen.
  Er  setzte  an  der  Unterelbe  Hermann  Billing,  an  der  mittleren
  Elbe  Gero  als  Markgrafen  ein;  besonders  der  letztere  lag  in  fast
beständigem  Kriege  mit  den  Wenden.  Er  war  ein  erfahrener,  aber  harter
Kriegsmann,  doch  gottesfürchtig  im  Sinne  seiner  Zeit  und  der  Kirche  ergeben.
Noch  gefahrvoller  als  der  offene  Kampf  war  die  List  und  Treulosigkeit  der
Wenden.  Einst  machten  sie  einen  Anschlag  auf  sein  Leben;  sie  wollten  sich
freundlich  zu  ihm  stellen  und  ihn,  wenn  er  sich  sicher  dünke,  überfallen.  Doch
er  war  listiger  als  sie:  er  lud  dreißig  ihrer  Häuptlinge  zur  Tafel  und  ließ
sie,  als  sie  vom  Weine  berauscht  waren,  niedermachen.  Diese  Blutthat  rief
einen  allgemeinen  Aufstand  der  Wenden  hervor;  doch  Gero  warf  jeden  Widerstand
  zu  Boden,  und  jetzt  folgten  einige  Jahre  der  Ruhe.  Als  aber  Otto
gegen  seinen  eigenen  Sohn  Ludolf  und  seinen  Schwiegersohn  Konrad  Krieg
führen  mußte,  fielen  nicht  nur  die  Ungarn  ins  Reich  ein,  sondern  auch  die
Wenden  erhoben  sich  wieder.  Sobald  Otto  die  Ungarn  955  auf  dem  Lechfelde
  geschlagen  hatte,  eilte  er  über  die  Elbe  und  drang  bis  zur  Rekenitz
im  heutigen  Mecklenburg  vor.  Auch  später  mußte  er  seinem  Markgrafen  noch
oft  zur  Hilfe  eilen.  Da  er  einsah,  daß  er  mit  Gewalt  nie  ein  friedliches
Verhältnis  zwischen  Slaven  und  Deutschen  erzielen  werde,  so  begann  er  eine
umfassende  Missionsthätigkeit  unter  den  Wenden.  Er  errichtete  die  Bistümer
Havelberg,  Brandenburg,  Merseburg,  Zeitz  und  Meißen,  die  er  dem
ebenfalls  von  ihm  968  ins  Leben  gerufenen  Erzbistum  Magdeburg  unterordnete.
  Gero,  der  seine  beiden  Söhne  und  seinen  Neffen  früh  verloren
hatte,  war  endlich  des  blutigen  Kriegshandwerks  müde.  Er  wanderte  als
Pilger  nach  Rom,  legte  seine  siegreichen  Waffen  am  Grabe  des  heiligen  Petrus
nieder  und  schenkte  sein  ganzes  Vermögen  dem  von  jehm  gestifteten  Nonnenkloster
  und  der  von  ihm  errichteten  Kirche  zu  Gernrode  bei  Quedlinburg,
wo  er  auch  (965)  seine  Ruhestätte  gefunden  hat.

Nach  Geros  Tode  teilte  Otto  das  eroberte  Wendenland  in  drei  Marken:
in  die  Nordmark  (später  Altmark)  vom  Harz  bis  zur  unteren  Havel,  die
Gauf  itz  oder  Ostmark  und  die  Mark  Meißen  und  setzte  über  jede  einen

rafen.

Aber  die  Wenden  hatten  die  Taufe  nur  gezwungen  angenommen  und
trugen  die  deutsche  Fremdherrschaft  nur  mit  verbissenem  Groll.  Daher  erhoben
  sich  (983)  die  Obotriten  und  Lutizen  bei  der  Nachricht  von  einer
Niederlage  Ottos  II.  in  Italien.  Es  gelang  ihnen,  die  deutsche  Herrschaft
abzuschütteln;  dann  unterdrückten  sie  auch  das  Christentum  in  ihrem  Lande
wieder.  Sie  ermordeten  die  Geistlichen,  plünderten  und  verwüsteten  die  Kirchen
und  drangen  mit  Feuer  und  Schwert  über  die  Elbe  vor.  Zwar  gelang  es
den  Sachsen,  sie  zurückzutreiben;  aber  zwischen  Elbe  und  Oder  lebten  die

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        4  Erster  Zeitraum.

Wenden  wieder  150  Jahre  lang  als  Heiden.  Wiederholt  fielen  sie  auch
verheerend  in  das  Sachsenland  ein  und  vernichteten  in  den  letzten  Lebenstagen
  Heinrichs  III.  (1056)  ein  sächsisches  Heer  an  der  Havelmündung;  nur
mit  Mühe  vermochten  die  Markgrafen  das  linke  Elbufer  zu  halten.  Der
Obotritenfürst  Gottschalk,  der  als  Gefangener  in  Deutschland  das  Christentum
  angenommen  hatte  und  sich  bemühte,  seine  Stammesgenossen  auf  friedlichem
  Wege  zu  bekehren,  wurde  während  der  Andacht  in  der  Kirche  zu
Lenzen  ermordet.

Schon  hatten  sich  die  Böhmen,  Sorben,  Ungarn,  Polen  und  selbst  die
Russen  dem  Christentume  zugewandt,  als  die  Obotriten,  Lutizen  und  Pommern
noch  am  Heidentum  festhielten.  Als  aber  der  Polenkönig  die  Pommern
unterworfen  hatte,  rief  er  den  Bischof  Otto  von  Bamberg  zur  Bekehrung
derselben  auf,  und  der  schon  bejahrte  Geistliche  unternahm  das  mühe=  und
gefahrvolle,  aber  verheißungsreiche  Amt.  Er  reiste  in  Begleitung  mehrerer
Geistlicher  und  unter  polnischem  Schutz  von  Gnesen  aus  zu  den  Pommern,
gewann  durch  seine  Predigt,  durch  sein  würde=  und  glanzvolles  Auftreten
sowie  durch  reiche  Geschenke  in  kurzer  Zeit  über  20000  Pommern  für  das
Christentum  und  errichtete  Kirchen  in  Pyritz,  Stettin,  Kammin  und  auf
Wollin  (1124  und  1125).  Nach  seiner  Abreise  wiegelten  zwar  die  heidnischen
  Priester  das  Volk  noch  einmal  gegen  Polenherrschaft  und  Christentum
auf;  aber  Bischof  Otto  brachte  auf  einer  zweiten  Missionsreise  (1127)  das
Christentum  in  Pommern  dauernd  zur  Herrschaft.  König  Friedrich  Wilhelm  III.
hat  dem  verdienten  Kirchenfürsten  in  Pyritz,  wo  er  die  erste  christliche  Gemeinde
  gegründet  hat,  ein  Denkmal  gesetzt.  Wenige  Jahre  nach  der  Bekehrung
  der  Pommern  begann  Albrecht  der  Bär  dem  Christentum  und
dem  Deutschtum  im  heutigen  Brandenburg  eine  dauernde  Stätte  zu  bereiten.

2.  Gründung  und  Erweiterung  der  Alark  durch  die  Anhaltiner.
.  Albrecht  der  Bär;  1134—1170.

Graf  Albrecht,  wegen  seiner  Tapferkeit  der  Bär  genannt,  stammte
aus  dem  Hause  der  Anhaltiner  oder  Askanier,  das  in  Ballenstädt
und  Aschersleben  begütert  war.  Seine  Mutter  war  die  Tochter  des  letzten
Billingers,  des  Herzogs  Magnus,  ihre  ältere  Schwester  die  Großmutter  Heinrichs
  des  Löwen.  Albrecht  hoffte  für  seine  Dienste,  die  er  Kaiser  Lothar  geleistet
  hatte,  auf  die  Herzogswürde  in  Sachsen;  Lothar  behielt  diese  zwar  für
sich,  übertrug  Albrecht  aber  die  Nordmark.  Sie  umfaßte  etwa  die  heutige
Altmark  und  einen  kleinen  Landstrich  zwischen  Havelberg  und  der  Elbe.  Da
die  benachbarten  Wenden  damals  in  mehrere  kleine  Stämme  gespalten  waren,
gelang  es  Albrecht,  ihnen  die  Prignitz  zu  entreißen.  Noch  mehr  gewann  er
auf  friedlichem  Wege  dadurch,  daß  der  alte  Wendenfürst  Pribislaw  von
Brandenburg  zum  Christentum  übertrat  und  ihn  zum  Erben  seines  Reiches
einsetzte.  Seit  dieser  Zeit  (1136)  nannte  Albrecht  sich  Markgraf  von
Brandenburg.  Konrad  III.  übertrug  ihm  den  nenen  Besitz  —  die  spätere
Mittelmark  —  als  ein  erbliches,  von  dem  Herzogtum  Sachsen  unabhängiges
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        2.  Gründung  und  Erweiterung  der  Mark  durch  die  Anhaltiner.  5

Reichsfürstentum,  und  Friedrich  Barbarossa  verband  mit  demselben  1156  die
Erzkämmererwürde,  die  bisher  mit  Schwaben,  seinem  eigenen  Herzogtum,)

verknüpft  gewesen  war.  Durch
mehrere  Kreuzzüge  suchte  Albrecht
in  Verbindung  mit  anderen
deutschen  Fürsten  seine  Macht  zu
erweitern.  Den  größten  dieser
Züge,  etwa  60  000  Mann,  führte
1147  Heinrich  der  Löwe;  aber
er  hatte  keinen  Erfolg,  da  die  mit
Gewalt  bekehrten  Wenden  bald
wieder  absielen.  Als  Albrecht
(1156)  kurze  Zeit  die  Mark  verließ,
  um  Barbarossa  zu  huldigen,
erhoben  sich  die  Wenden  unter
einem  Verwandten  Pribislaws,
Jaczo  von  Köpenick,  wieder,
wurden  aber  rasch  besiegt  und

zur  Taufe  gezwungen.

An  diesen  Kampf  knünpft  sich
die  Sage  von  dem  Schildhorn,
einer  Anhöhe  an  der  Havel  bei
Spandau.  Die  Wenden  —  so  wird
erzählt  —  verloren  beim  Anblick,  des
Kreuzes  auf  den  Fahnen  der  Christen
allen  Mut  und  flohen;  auch  Jaczo
wurde  in  die  Flucht  mit  fortgerissen.
Plötzlich  wird  ihm  der  Weg  durch
die  Havel  gesperrt;  sein  Pferd  stutzt,
und  der  Feind  ist  ihm  auf  den
Fersen.  Da  ruft  er  laut:  „Gott  der
Christen.  wenn  du  mir  jetzt  hilfst,
will  ich  dir  fortan  dienen!“"  Am
jenseitigen  Ufer  sieht  er  einen  Vorsprung
  weit  in  den  Fluß  hineinragen;
  um  denselben  zu  erreichen,
stürzt  er  sich  trotz  seiner  schweren
Rüstung  mit  dem  Roß  in  den  Strom
und  erreicht  wie  durch  ein  Wunder
das  jenseitige  Ufer.  Dort  sinkt  er
voll  Dank  gegen  Gott  auf  die  Kniee
und  hängt  seinen  Schild  an  einen
Baum,  zum  Zeichen,  daß  er  fortan
nicht  mehr  gegen  die  Christen  kämpfen
  wolle.  Deshalb  heißt  jener  Ort
Schildhorn.  Friedrich  Wilhelm  IV.
hat  dort  eine  Säule  mit  einem  Schilde
errichten  lassen,  der  von  einem  Kreuze
überragt  wird.

 

 

 

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Marmorstandbild  Albrechts  des  Bären
an  der  Siegesallee  zu  Berlin.

 

Nachdem  Albrecht  seine  Macht  befestigt  und  die  zerstörten  christlichen
Kirchen  wiederhergestellt  hatte,  unternahm  er  in  Begleitung  seiner  Gemahlin
eine  Wallfahrt  nach  dem  heiligen  Lande.  Dort  lernte  er  auch  den  Templer-
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        6  Erster  Zeitraum.

und  den  Johanniterorden  kennen,  und  auf  seine  Bitte  folgten  ihm  mehrere
Ritter  nach  Brandenburg.  Er  wies  ihnen  Kirchen  mit  reichem  Grundbesitz
  an,  z.  B.  den  Johannitern  Werben,  den  Templern  Müncheberg;
an  die  letzteren  erinnern  noch  die  Namen  Tempelhof  und  Templin.  Auch
Mönche  ließen  sich  in  der  Mark  nieder;  in  Jerichow  entstand  ein  Prämonstratenserkloster,
  und  die  Bistümer  Havelberg  und  Brandenburg  traten  wieder
ins  Leben.  Um  die  durch  Kriege  und  Auswanderung  stark  gelichtete  Bevölkerung
  wieder  zu  vermehren,  ließ  Albrecht  deutsche  Adlige,  Bürger  und  Bauern
zur  Ansiedelung  einladen.  Damit  begann-eine  Rückwanderung  der  Deutschen,
die  in  der  Mark  Brandenburg  zu  gänzlicher  Wiederverdeutschung  des  Landes,
in  den  weiter  östlich  liegenden  Landschaften  zu  einem  noch  nicht  beendeten
Ringen  zwischen  deutscher  und  slavischer  Art  geführt  hat.  Einen  Teil  der
eroberten  Länder  nahm  Albrecht  für  sich,  einen  andern  ließ  er  gegen  Grundzins
  den  Wenden;  aber  auch  für  seine  Krieger  und  die  Einwanderer  blieb
noch  herrenloses  Land  genug.  Die  Adligen  erhielten  Rittergüter,  die  gewöhnlichen
  Krieger  kleinere  Grundstücke.  Die  Nittergutsbesitzer  mußten  dem  Markgrafen,
  so  oft  er  ihrer  bedurfte,  mit  ihren  Knechten  zu  Hilfe  eilen.  Die
Angesehensten  derselben  waren  die  „Schloßgesessenen“,  am  zahlreichsten  die
„Zaunjunker“",  deren  Hof  nur  mit  einem  Zaun  umgeben  war.  Auch  wurden
große  Flächen  Odländereien,  besonders  sumpfige  Niederungen,  urbar  gemacht,
indem  der  Markgraf  einem  geschickten,  unternehmenden  Manne  etwa  50  Hufen
von  je  30  Morgen  oder  7,5  ha  zur  Anlegung  eines  Dorfes  überließ.  Einen
Teil  desselben  durfte  dieser  als  erbliches,  steuerfreies  Lehnsgut  für  sich  nehmen,
ein  Teil  wurde  für  die  Kirche  ausgesondert  und  das  übrige  unter  Kolonisten
verteilt,  die  dafür  dem  Markgrafen  einen  jährlichen  Zins  zu  zahlen  und
Kriegsdienste  zu  leisten  hatten,  sonst  aber  frei  waren.  Der  Unternehmer
erhielt  erblich  das  Schulzenamt  des  neuen  Dorfes,  führte  den  Vorsitz  im
Dorfgericht,  dem  außer  ihm  noch  mehrere  Gemeindeglieder  als  Schöffen  angehörten,
  erhob  die  Abgaben  und  mußte  den  Kriegsdienst  zu  Pferde  leisten;
dafür  erhielt  er  ein  Drittel  der  gerichtlichen  Strafgelder  sowie  des  von  den
Kolonisten  zu  zahlenden  Grundzinses  und  hatte  das  Recht,  eine  Mühle  anzulegen.
  Mehrere  Schulzen  bildeten  unter  Vorsitz  eines  markgräflichen  Vogts
das  Landgericht.  Das  ganze  Land  zerfiel  in  etva  30  Vogteien.  Der  Vogt
hatte  an  Stelle  des  Landesherrn  dem  Gericht  vorzusitzen,  den  militärischen
Oberbefehl  und  die  Landesverwaltung  zu  führen;  er  mußte  für  die  Sicherheit
  der  Burgen  sorgen,  die  Güter  des  Landesherrn  verwalten  und  die  Abgaben
  für  ihn  einziehen.  Die  meisten  Einwanderer  kamen  aus  Holland,
Friesland,  Westfalen  und  Flandern;  an  letztere  erinnert  noch  der  Name
Fläming.  Durch  sie  wurden  in  der  Mark  nicht  nur  wüstliegende  Höfe  wieder
bebaut  und  neuc  angelegt,  Sümpfe  ausgetrocknet  und  Wälder  gelichtet,  sondern
sie  brachten  auch  manche  Kunstfertigkeit  und  manches  neue  Gewerbe  mit.  So
führten  sie  statt  des  wendischen  Feldsteinbaus  den  Backsteinbau  ein.  Die
Wenden  lernten  deutsche  Sitte  und  Bildung  schätzen  und  eigneten  sich  manches
zu  ihrem  eigenen  Vorteil  an.  Den  wendischen  Adel  suchte  Albrecht  dadurch  zu
gewinnen,  daß  er  ihn  dem  deutschen  gleichstellte,  so  daß  durch  Wechselheiraten
die  wendischen  und  deutschen  Adligen  der  Mark  miteinander  verschmolzen.
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        2.  Gründung  und  Erweiterung  der  Mark  durch  die  Anhaltiner.  7

Manche  Ansiedelungen  entwickelten  sich  zu  Städten;  so  sollen  Tangermünde,
Werben,  Salzwedel,  Osterburg  und  Stendal  dem  Bären  ihren  Ursprung

verdanken.

2.  Die  übrigen  anhalkinischen  Markgrafen.
Die  folgenden  anhaltinischen  oder  askanischen  Markgrafen  setzten  das

Werk  im  Geiste  ihres  Stammvaters  fort.

Albrechts  ältester  Sohn

 

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Klosterkirche  zu  Lehnin.

Otto  I.  (1  1184)  erbte  die  Markgrafschaft  und  erlangte  beim  Sturze
Heinrichs  des  Löwen  die  Lehnshoheit  über  Pommern  und  Mecklenburg,  was
allerdings  von  den  Fürsten  dieser  Länder  bestritten  wurde.  Albrechts  jüngster
Sohn  Bernhard  erhielt  sogar  die  Herzogswürde  von  Sachsen  nebst  dem

Gebiete  zwischen  Elbe  und  Weser.

Kurz  vor  seinem  Tode  gründete  Otto

das  später  so  berühmt  gewordene  Cistercienserkloster  Lehnin  in  der  Zauche,
südöstlich  von  Brandenburg,  das  er  zugleich  zum  Erbbegräbnis  seiner  Familie

bestimmte.
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        8  Erster  Zeitraum.

Otto  II.  (1  1205)  geriet  in  Streit  mit  dem  Erzbischof  von  Magdeburg,
weil  er  einen  Kreuzzug  gelobt,  aber  nicht  ausgeführt  hatte;  deswegen  gebannt,
mußte  er,  um  den  grollenden  Kirchenfürsten  zu  versöhnen,  alle  seine  Allode
oder  Familiengüter  in  der  Altmark  und  im  westlichen  Havelland  vom  Erzbischof
  als  Lehen  nehmen.  Ihm  folgte  sein  Bruder

Albrecht  II.  (  1220).  Er  hat  erfolgreiche  Kämpfe  mit  den  Dänen
geführt,  die  sich  an  der  pommerschen  und  mecklenburgischen  Küste  festsetzen
wollten  und  Rügen  bereits  erobert  hatten.

Johann  I.  (1  1266)  und  Otto  III.  (1  1267),  Albrechts  II.  Söhne,  sind
ein  seltenes  Beispiel  brüderlicher  Eintracht:  sie  bekleideten  gemeinschaftlich  die
markgräfliche  Würde,  und  niemals  ist  ihre  Einigkeit  durch  Neid  oder  Eifersucht
  gestört  worden.  Nitterlich  und  siegreich  schlugen  sie  sich  mit  dem  Erzbischof
  von  Magdeburg,  dem  Markgrafen  von  Meißen  und  dem  Herzoge  von
Pommern,  der  die  Lehnshoheit  Brandenburgs  anerkennen,  sowie  die  Uckermark
  und  Stargard  abtreten  mußte.  Sie  nahmen  den  Wenden  Barnim
und  Teltow  ab;  auch  drangen  sie  über  die  Oder  bis  an  die  Warthe  vor
und  sicherten  das  weite  Gebiet,  das  den  Namen  Neumark  erhielt,  durch
deutsche  Ansiedler.  In  dem  von  Schlesien  erworbenen  Lande  Lebus  und
Sternberg  gründeten  sie  Frankfurt  und  Küstrin,  und  von  dem  Böhmenkönig
  Ottokar  erhielten  sie  für  eine  Schuldforderung  die  Oberlausitz.  Sie
erhoben  das  deutsche  Dorf  Kölln  am  linken  (1232)  und  das  wendische  Dorf
Berlin  am  rechten  Spreeufer  (1242)  zu  deutschen  Städten,  die  bald  durch
Handel  emporblühten.  Nicht  weit  von  Eberswalde  gründeten  sie  das  Cistercienserkloster
  Chorin,  dessen  fleißige  Mönche  sich  um  die  Bodenverbesserung
der  Mark  hochverdient  gemacht  haben.  Umfangreiche  Uberreste  von  Klostergebäuden
  im  gotischen  Stil  sind  noch  vorhanden.

Nach  dem  Tode  der  beiden  Brüder  spaltete  sich  die  markgräfliche  Familie
in  zwei  Linien;  die  ältere,  von  Johann  abstammend,  hatte  ihren  Sitz  in
Stendal,  die  jüngere,  die  Nachkommen  Ottos,  in  Salzwedel.  Aber  alle  hielten
treu  zusammen;  der  älteste  war  das  Familienhaupt  und  Erzkämmerer  und
hatte  seine  Residenz  in  Brandenburg.  Zunächst  erbte  diese  Würde

Otto  IV.  mit  dem  Pfeil  (1  1309),  der  Sohn  Ottos  III.,  ein  Freund
der  Wissenschaft  und  Kunst,  der  sich  gern  mit  gelehrten  Männern  unterhielt
und  sich  als  Minnesänger  berühmt  gemacht  hat,  aber  nicht  minder  als  tapferer
Krieger  gefürchtet  war.  Obwohl  ein  frommer  Mann,  sagte  er  doch  aus
Arger  darüber,  daß  sein  Bruder  nicht  zum  Erzbischof  von  Magdeburg  gewählt
war,  dem  Erzbistum  die  Fehde  an.  Aber  er  wurde  in  der  Schlacht  bei
Frohse  (1278)  geschlagen,  gefangen  genommen  und  dann  im  Triumph  nach
Magdeburg  geführt,  wo  ihn  der  Erzbischof  auf  offenem  Markte  in  einen
Käfig  sperrte.  Gegen  4000  Mark  (Pfund)  Silber  löste  ihn  seine  Gemahlin
wieder.  Diese  Summe  erhielt  sie,  wie  die  Sage  erzählt,  von  einem  treuen
Diener,  Johann  von  Buch,  der  das  Geld  einst  von  dem  Vater  des  Markgrafen
  für  die  Zeit  der  Not  empfangen  hatte.  Als  der  befreite  Markgraf
sein  Roß  wieder  bestiegen,  fragte  er:  „Herr  Bischof,  bin  ich  los?““  —
„Ja!“  —  „Pah,“  rief  Otto,  „Ihr  wißt  doch  wahrscheinlich  nicht  einen
brandenburgischen  Markgrafen  zu  schätzen!  Auf  ein  Roß  hättet  Ihr  mich  setzen
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        2.  Gründung  und  Erweiterung  der  Mark  durch  die  Anhaltiner.  9

sollen  mit  aufgerichteter  Lanzenspitze  und  mich  mit  Gold  und  Silber  bedecken
lassen,  so  hättet  Ihr  mich  recht  geschätzt!“  Lachend  sprengte  er  davon  und
erneuerte  den  Kampf.  Bei  der  Belagerung  von  Staßfurt  erhielt  er  einen
Pfeil  in  den  Schädel;  das  Eisen  war  so  fest  eingedrungen,  daß  man  es  nicht
herausziehen  konnte.  Dadurch  ließ  sich  aber  der  Markgraf  in  seiner  gewohnten
Beschäftigung  durchaus  nicht  stören;  zuletzt  fiel  es  von  selber  heraus,  und  die
Wunde  heilte.  Durch  Kauf  erwarb  Otto  die  Mark  Landsberg  zwischen
Mulde  und  Saale,  Sangerhausen  und  die  Niederlausitz.  Otto  IV.  fand
seine  letzte  Ruhestätte  in  Chorin.  ·

 

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Kloster  Chorin.

Wie  die  Sage  erzählt,  waren  1280  auf  dem  „Markgrafenberge“"  bei
Rathenow  neunzehn  askanische  Markgrafen  versammelt,  so  daß  man  fürchtete,
die  Mark  werde  sie  nicht  alle  standesgemäß  ernähren  können;  inzwischen
waren  aber  alle  bis  auf  drei  gestorben,  so  daß  die  ganze  Mark  unter  Ottos
Neffen  Waldemar  wieder  vereinigt  wurde.

Waldemar  (1  1319)  war  von  ungestümer  Thatkraft  und  nie  verzagendem
Mute,  klug  im  Rat,  dabei  in  seiner  Hofhaltung  prachtvoll  wie  ein  König,
so  daß  er  alle  anderen  deutschen  Fürsten  seiner  Zeit  überstrahlte.  Er  erfaßte
schon  den  später  von  den  Hohenzollern  ausgeführten  Gedanken,  die  Mark  zu
einem  großen  Reiche  zwischen  dem  skandinavischen  Norden  und  dem  deutschen
Süden  zu  erweitern.  Den  Polen  entriß  er  Pommerellen,  das  Land  zwischen
Persante  und  Weichsel  mit  der  Hauptstadt  Danzig;  den  östlichen  Teil  (Danzig)
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        10  Erster  Zeitraum.

überließ  er  dem  Deutschen  Orden,  der  Anspruch  auf  dies  Gebiet  hatte,  den
westlichen  vereinigte  er  mit  der  Mark.  Auch  die  übrigen  Nachbarfürsten
mußten  die  Schärfe  seines  Schwertes  oft  empfinden.  Als  der  Dänenkönig
und  sein  Lehnsmann,  der  Herzog  von  Rügen,  Stralsund  bedrängten,  zog
Waldemar  dieser  Stadt  zu  Hilfe;  da  vereinigten  sich  mit  dem  Dänenkönige
die  Könige  von  Schweden  und  Norwegen,  von  Polen  und  Ungarn,  die  Herzöge
und  Grafen  von  Mecklenburg,  Lauenburg,  Holstein,  Meißen  sowie  der  Erzbischof
  von  Magdeburg  und  fielen  mit  dreifacher  ÜUbermacht  in  die  Mark  ein.
Waldemar  stellte  sie  in  der  Schlacht  bei  Grans  ee  (nordöstlich  von  Ruppin,
1316).  Zwar  konnte  er  den  Sieg  nicht  erringen;  aber  seine  Feinde  mußten
ihm  einen  ehrenvollen  Frieden  (zu  Templin,  1317)  bewilligen,  durch  welchen
ihm  der  ungeschmälerte  Besitz  seines  ganzen  Gebietes  zugesichert  wurde.  Mitten
in  seinen  großartigen  Plänen  raffte  ihn  der  Tod  1319  in  dem  blühenden
Alter  von  28  Jahren  dahin.  Jetzt  lebte  nur  noch  ein  männlicher  Sproß
aus  Albrechts  des  Bären  Geschlecht,  ein  minderjähriger  Vetter  Waldemars,
Heinrich  von  Landsberg.  Als  auch  er  im  nächsten  Jahre  starb,  war
das  Haus  Ballenstädt  in  der  Mark  erloschen.

Brandenburg  war  beim  Tode  Waldemars  der  größte  und  mächtigste
Staat  Norddeutschlands;  denn  er  umfaßte  die  Altmark,  Mittelmark  mit  Barnim
und  Teltow,  die  Prignitz,  Uckermark,  Lebus  und  Sternberg,  die  Neumark,
Pommerellen  und  die  Lausitz.

Deutsches  Wesen  war  in  diesen  Gegenden  überall  zur  Herrschaft  gelangt;
am  längsten  hielt  sich  noch  die  wendische  Sprache,  doch  wurden  die  wendischen
Ortsnamen  allmählich  deutsch.  Die  Markgrafen  besaßen  ihr  Land  zwar
als  Lehen  vom  Kaiser,  aber  sie  hatten  es  ohne  Widerspruch  stets  vererbt;  sie
waren  in  ihrem  Lande  unumschränkte  Kriegsherren  und  oberste  Gerichtsherren,
Stellvertreter  des  Kaisers,  der  nie  in  die  Mark  kam.  Ihre  Hoheit  übten
sie  durch  Vögte  aus,  die  in  Burgen  oder  Städten  inmitten  einer  größeren
Landschaft  wohnten.  Die  Einkünfte  der  Fürsten  bestanden  in  den  Erträgen
ihrer  Güter,  in  Grundzins,  Gerichtsgefällen  und  Judenschutzzoll  sowie  in  den
Einnahmen  von  Wäldern,  Bergwerken,  Gewässern,  Zöllen  und  dem  Münzrecht.
Weil  diese  Einkünfte  aber  zur  Kriegführung  und  Hofhaltung  selten  ausreichten,
  verlauften  die  Fürsten  oft  Gerechtsame  und  Einkünfte,  wodurch  sie
zwar  auf  einmal  eine  größere  Summe  erhielten,  aber  für  die  Zukunft  ihre
Einnahmen  schmälerten.  In  Geldverlegenheiten,  z.  B.  bei  großen  Kriegsunternehmungen,
  Gefangennahme  eines  Fürsten,  Ausstattung  von  Töchtern,
Beschickung  des  Reichstages,  beriefen  sie  die  Stände,  d.  i.  die  hohe  Geistlichkeit,
  den  Adel  und  die  Abgeordneten  der  Städte,  und  ließen  sich  von  ihnen
eine  sogenannte  Bede  (von  „bitten")  bewilligen.  Seit  1280  wurde  eine
regelmäßige  jährliche  Steuer  erhoben;  aber  trotzdem  litten  die  Markgrafen
noch  oft  an  Geldmangel.  Das  Land  war  unter  den  Anhaltinern  stetig  aufgeblüht;
  selbst  zu  den  für  das  innere  Deutschland  so  verderblichen  Zeiten  des
Faustrechts  herrschte  in  Brandenburg  eine  strenge  Rechtspflege.  Die  Markgrafen
  schafften  die  Gottesurteile  ab;  allmählich  fand  der  Sachsenspiegel,  der
um  1220  von  einem  sächsischen  Schöffen  verfaßt  worden  war  und  das  in
Sachsen  gebräuchliche  Recht  enthielt,  auch  in  der  Mark  Eingang.  Die  Bauern
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        3.  Zerfall  der  Mark  unter  den  Bayern  und  Luxemburgern.  11

zahlten  nur  geringe  Abgaben  und  waren  persönlich  frei.  Die  Städte  blühten
hauptsächlich  durch  den  Zwischenhandel;  gegen  die  Kunsterzeugnisse  des  Westens
tauschten  sie  die  Naturerzeugnisse  des  Ostens  ein:  Getreide,  Talg,  Honig,
Wachs,  Bernstein,  Pelzwerk.  Viele  märkische  Städte  schlofsen  sich  der  Hansa
an;  sie  bildeten  darin  mit  den  mecklenburgischen,
pommerschen  und  schlesischen  Städten  zusammen  das
wendische  Quartier,  dessen  Vorort  das  mächtige  Lübeck
war.  Manche  Städte  erlangten  weitgehende  Rechte:
die  Selbstverwaltung  und  den  Blutbann,  d.  i.  das
Recht  der  Todesstrafe.  Die  Gesamtheit  dieser  Rechte
stellte  man  sinnbildlich  durch  einen  Roland  dar,  den
man  neben  dem  Rathause  errichtete.

5.  Serfall  der  Mark  unter  den  Bapern
und  Luxemburgern.-Mit

  dem  Aussterben  der  Askanier  begann  für
Brandenburg  eine  trübe  Zeit.  Vier  Jahre  blieb  es
herrenlos,  und  von  allen  Seiten  fielen  die  Nachbarfürsten
  darüber  her,  um  Stücke  des  Landes  an  sich  zu
reißen:  Mecklenburg  nahm  die  Prignitz,  Pommern
die  Uckermark,  Böhmen  die  Oberlausitz.  Der  Kaiser
konnte  sich  der  Mark  nicht  annehmen;  denn  gerade
damals  stritten  sich  Ludwig  IV.  von  Bayern  und
Friedrich  von  Österreich  um  die  Kaiserkrone.  Nachdem
aber  Ludwig  seinen  Gegner  1322  bei  Mühldorf  besiegt
  hatte,  erklärte  er  die  Mark  für  ein  erledigtes
Reichslehen  und  belehnte  damit  1323  seinen  Sohn
Ludwig  den  Alteren,  verwaltete  sie  indes  während
dessen  Minderjährigkeit  selber.  Aber  der  Papst  wollte
Ludwig  nicht  als  Kaiser  anerkennen,  sondern  that  ihn
in  den  Bann,  löste  die  Brandenburger  von  dem  ihrem
jungen  Kurfürsten  geleisteten  Eide  und  rief  die  Polen
und  die  Litauer  in  die  Mark.  Wie  verheerende  Meereswogen
  wälzten  sich  ihre  wilden  Scharen  in  die  Neumark,
  Mord,  Brand,  Raub  und  Schändung  überall
hintragend;  150  Dörfer  gingen  samt  ihren  Kirchen
und  Klöstern  in  Flammen  auf,  und  6000  Menschen
wurden  als  Sklaven  von  dannen  geschleppt.  Endlich——  «
ermannten  sich  die  Ritter  und  Städter  der  Mark,  Roland  in  Stendal.
vereinigten  sich  mit  dem  Heere  des  Markgrafen  und
trieben  die  Feinde  aus  dem  Lande.  Dann  wandte  sich  die  Wut  der  Märker
gegen  die  Priester,  welche  es  mit  dem  Papste  hielten.  In  Berlin  wurde  der
Propst  aus  Bernau  erschlagen  und  die  Leiche  an  der  Stätte  des  Hochgerichts
verbrannt,  die  Frankfurter  verheerten  das  Gebiet  des  Bischofs  von  Lebus
und  hielten  ihn  selber  ein  Jahr  lang  in  enger  Haft;  dafür  belegte  der  Papst
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        12  Erster  Zeitraum.

beide  Städte  mit  dem  Interdikt,  von  dem  sie  sich  erst  nach  Jahren  mit  hohen
Summen  loskauften.  Die  Berliner  mußten  außerdem  in  der  Marienkirche
einen  Altar  errichten,  an  welchem  ein  dazu  angestellter  Priester  für  die  Seele
des  Erschlagenen  Messe  lesen  sollte,  und  an  dem  Orte  der  Blutthat  selber
ein  steinernes  Kreuz  mit  einer  ewigen  Lampe  aufstellen,  das  die  Nachkommen
noch  lange  an  die  Strafe  der  Kirche  erinnerte.

Die  Not  der  Mark  nutzten  die  Nachbarn  zu  ihrem  Vorteil  aus.  Ludwig
vermochte  nur  wenige  der  verloren  gegangenen  Gebiete  zurückzubringen;  er
mußte  sogar  auf  die  Lehnshoheit  in  Pommern  verzichten  und  sich  mit  der
Anwartschaft  begnügen.  Durch  seine  Ländergier  zog  er  sich  die  offene  Feindschaft
  der  Luxemburger  zu,  die  schon  lange  insgeheim  gegen  ihn  gearbeitet
hatten.  Der  Böhmenkönig  Johann  aus  dem  Hause  Luxemburg  hatte  seinen
Sohn  Johann  mit  Margarete  Maultasch,  der  reichen  Erbin  von  Kärnten
und  Tirol,  vermählt.  Da  die  Ehe  nicht  glücklich  war,  trennte  sie  der  Kaiser
unter  Nichtachtung  der  bestehenden  Kirchengesetze  auf  Margaretes  Wunsch  und
genehmigte  die  Verheiratung  der  Geschiedenen  mit  seinem  eigenen  Sohne
Ludwig,  dem  Markgrafen  von  Brandenburg.  Dafür  traf  ihn  abermals  der
Bannstrahl  des  Papstes.  Die  Luxemburger  verwüsteten  die  Mark  und  Tirol  und
bewirkten,  daß  Ludwig  abgesetzt  und  Karl,  der  Sohn  des  Königs  von  Böhmen,
als  Karl  IV.  zum  Kaiser  gewählt  wurde.  Der  Kampf  war  noch  nicht  entschieden,
als  Ludwig  IV.  plötzlich  auf  der  Bärenjagd,  vom  Schlage  getroffen,  starb.

Markgraf  Ludwig  der  Altere  hatte  nach  dem  Tode  seines  Vaters  einen
schweren  Stand.  Die  Liebe  der  Brandenburger  wußte  er  nicht  zu  gewinnen:
er  war  unfreundlich,  verachtete  die  Mark  und  ihre  Bewohner,  hatte  für  ihre
Klagen  kein  Ohr  und  kam  fast  nur  zu  ihnen,  um  Geld  zu  fordern.  Zu
Hofbeamten  und  Vögten  nahm  er  fast  nur  Bayern  oder  Tiroler.  Weite
Strecken  der  Mark  waren  verwüstet,  Naubwesen  und  Faustrecht  im  Schwange;
dazu  raffte  (134  8)  eine  entsetzliche  Pest,  der  Schwarze  Tod,  Tausende  von
Menschen  dahin.  Voll  Sehnsucht  gedachten  daher  die  Brandenburger  der
Zeit  Waldemars.  Plötzlich  erscholl  die  Kunde  durch  das  Land:  „Waldemar
ist  wieder  dal“  Beim  Erzbischof  von  Magdeburg  erschien  nämlich  1348  ein
alter  Pilger  und  sagte:  „Ich  bin  Markgraf  Waldemar.  Zur  Buße  für  ein
Vergehen  bin  ich  nach  Jerusalem  gepilgert  und  jetzt  zurückgekehrt,  um  mein
armes  Land  zu  erlösen.“  Der  Erzbischof  und  viele  andere  Fürsten,  namentlich
die  anhaltinischen,  die  er  zu  seinen  Nachfolgern  ernannte,  erkannten  ihn  an;
auch  der  Kaiser  ließ  ihn  durch  ein  Fürstengericht  für  den  echten  Waldemar
erklären,  belehnte  ihn  mit  der  Mark  und  unterstützte  ihn  gegen  Ludwig.
Dafür  trat  sein  Schützling  die  Lausitz  an  Böhmen  ab.  Auch  das  Volk  fiel
ihm  fast  überall  zu;  denn  er  glich  dem  geliebten  Waldemar  nach  Gestalt  und
Sinnesart  und  verschenkte  freigebig  Rechte  und  Freiheiten.  Doch  blieben  auch
manche  Städte  wie  Frankfurt,  Spandau,  Brietzen  (daher  seitdem  Treuenbrietzen
genannt),  Bärwalde  und  Mittenwalde  Ludwig  treu.  Als  dieser  und  seine  Anhänger
  aber  in  Günther  von  Schwarzburg  einen  Gegenkaiser  aufstellten,  hielt  es
Karl  für  geratener,  sich  die  Kaiserkrone  zu  sichern,  und  schloß  mit  dem  Markgrafen
  Ludwig  einen  Vertrag,  in  welchem  er  diesen  als  rechtmäßigen  Herrn
von  Brandenburg  anerkannte.  Ein  neues  Fürstengericht  erklärte  Waldemar  für
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        3.  Zerfall  der  Mark  unter  den  Bayern  und  Luxemburgern.  13

einen  Betrüger,  und  Ludwig  ward  von  neuem  mit  der  Mark  belehnt;  doch
zog  er  sich  bald  darauf  nach  Bayern  zurück  und  übertrug  die  Mark  seinen
Brüdern  Ludwig  und  Otto.

Ludwig  II.,  der  Römer  genannt,  weil  er  in  Rom  geboren  war,  ein
thatkräftiger  Mann,  verdrängte  den  „falschen  Waldemar“,  der  sich  nach  Dessau
zurückzog,  wo  er  von  den  anhaltinischen  Fürsten  wie  ein  Fürst  gehalten  und
demnächst  in  der  Fürstengruft  beigesetzt  wurde.  (Wahrscheinlich  ist  er  ein
Müller  Namens  Rehbock  gewesen  und  vom  Kaiser  zu  diesem  Gaukelspiel  verleitet
  worden.)  Durch  die  Goldene  Bulle  wurden  auch  die  Markgrafen
von  Brandenburg  als  Erzkämmerer  zu  Kurfürsten  erhoben,  nicht  aber  die
Herzöge  von  Bayern,  die  deshalb  sowohl  mit  dem  Kaiser  als  auch  mit  ihren
brandenburgischen  Vettern  in  Zwist  gerieten.  Diese  günstige  Gelegenheit  benutzte
  Karl  IV.  dazu,  mit  Ludwig  und  Otto  von  Brandenburg  einen  Vertrag
zu  schließen,  durch  welchen  Brandenburg  nach  dem  Aussterben  seines  Fürstenhauses
  an  die  Luxemburger  fallen  sollte.  Nach  Ludwigs  Tode  überließ  Otto
der  Faule  dem  Kaiser  gegen  eine  Geldentschädigung  die  Regierung  in  der
Mark,  und  als  er  sich  endlich,  von  andern  Fürsten  aufgestachelt,  den  Schlingen
des  Kaisers  entziehen  wollte,  zwang  ihn  dieser  durch  ein  starkes  böhmisches
Heer  1373  zu  dem  Vertrage  von  Fürstenwalde,  in  welchem  Otto  die
Mark  dem  Sohne  des  Kaisers,  dem  jungen  Könige  Wenzel  von  Böhmen,
förmlich  abtrat.

Für  den  minderjährigen  Wenzel  führte  der  Kaiser  selber  die  Regierung.
Den  Luxemburgern  gehörte  schon  Böhmen,  Mähren  und  Schlesien,  die  nun
mit  Brandenburg  und  der  Lausitz  vereinigt  ein  großes  zusammenhängendes
Reich  bildeten.  Ebenso  väterlich,  wie  früher  für  seine  alten  Provinzen,  sorgte
Karl  IV.  jetzt  auch  für  die  neue.  Solange  er  lebte,  herrschte  Ruhe  und
Friede  in  der  Mark;  den  Raubrittern  legte  er  das  Handwerk,  und  mancher
Burgherr  wurde  an  den  Bäumen  der  Landstraße  aufgeknüpft.  Um  für  die
Hebung  der  Landwirtschaft  eine  sichere  Grundlage  zu  gewinnen,  ließ  er  ein
noch  jetzt  vorhandenes  „Landbuch  der  Mark“  anlegen,  in  welchem  alle  Ortschaften
  der  Mark,  die  in  denselben  wohnenden  Besitzer,  ihre  Grundstücke,
Einkünfte  und  Abgaben  verzeichnet  stehen.  Zur  Hebung  des  Handels  sicherte
und  erleichterte  er  die  Schiffahrt  auf  der  Oder  und  Elbe;  am  liebsten  weilte
er,  so  oft  er  sich  in  der  Mark  aushielt,  in  Tangermünde  a.  d.  E.,  das  er
mit  prächtigen  Bauten  —  Schloß,  Kirche,  Rathaus  —  schmückte  und  zur
Hauptstadt  der  Mark  zu  erheben  gedachte.  Aber  mitten  in  seiner  rastlosen,
für  Brandenburg  so  segensreichen  Thätigkeit  raffte  ihn  1378  der  Tod  hinweg.
  Nach  des  Vaters  Bestimmung  sollte  Wenzel  Böhmen  und  Schlesien,
der  elfjährige  Sigismund  die  Mark  und  der  jüngste  Sohn  Johann  die
Neumark  und  die  Lausitz  erhalten.

Sigismund  (1378—1415)  war  ein  ritterlicher,  aber  leichtsinniger,
verschwenderischer  Fürst,  der  sich  um  die  Mark  nicht  kümmern  konnte  oder
mochte;  während  seiner  ganzen  Regierungszeit  hat  er  sie  nur  einmal  besucht.
Meistens  hielt  er  sich  an  dem  Hofe  des  Königs  von  Ungarn  und  Polen  auf,
mit  dessen  ältester  Tochter  er  sich  (1387)  vermählte,  um  die  Krone  von  Ungarn
zu  erlangen.  Die  Mark  ließ  er  von  herzlosen  Statthaltern  verwalten,  die  für
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        14  Erster  Zeitraum.

ihn  möglichst  hohe  Abgaben  erheben  mußten;  denn  er  war  fast  immer  in  Geldverlegenheit.
  1388  verpfändete  er  sogar  die  Mark  an  seinen  Vetter  Jost
von  Mähren  mit  Vorbehalt  des  Einlösungsrechts,  von  dem  er  aber  nie
Gebrauch  machte,  und  als  ihm  durch  den  Tod  seines  Bruders  Johann  dessen
Erbe  zufiel,  verkaufte  er  die  Neumark  (1402)  an  den  Deutschen  Orden.
Jost  von  Mähren  benntzte  die  Mark  ebenfalls  nur,  um  sie  auszusaugen,
und  kam  nur  ins  Land,  um  Abgaben  in  Empfang  zu  nehmen,  oder  um  Schlösser
und  Freiheiten  an  Adelige  zu  verpfänden.  Schon  die  bayrischen  Markgrafen
hatten  bei  Anleihen  Schlösser,  Güter,  Dörfer  und  Städte  als  Pfand  hingegeben;
Jost  verpfändete  sogar  landesherrliche  Gefälle,  wie  Gerichtssporteln,  Zölle  und
Steuern,  so  daß  für  den  Landesherrn  kaum  noch  eine  ordnungsmäßige  Einnahme
  übrig  blieb.  Für  Geld  befreite  er  die  Großen  von  den  ordentlichen
Gerichten  und  verkaufte  sogar  den  Blutbann.  Ohne  die  erforderlichen  Geldmittel
  vermochte  die  Obrigkeit  weder  eine  geordnete  Verwaltung,  noch  eine
strenge  Rechtspflege  durchzuführen.  Daher  suchte  jeder  sich  selber  Recht  zu
verschaffen,  und  die  Fehden,  oft  ohne  Grund  oder  gar  in  gewinnsüchtiger
Absicht  begonnen,  nahmen  kein  Ende.  Die  Raubritter  durften  wieder  ungestraft
  ihr  schändliches  Gewerbe  treiben;  alle  Straßen  des  Landes  waren
unsicher,  Handel  und  Wandel  stockten.  Gefürchtet  waren  besonders  die  Rochow
Schulenburg,  Alvensleben,  Holzendorf,  am  meisten  aber  betrieben  die  Brüder
Dietrich  und  Hans  von  Quitzow  das  Räuberhandwerk.  Sie  besaßen  im
Havellande  viele  Burgen,  von  denen  aus  sie  das  Land  verheerten.  Selbstl
der  Erzbischof  von  Magdeburg,  der  Fürst  von  Anhalt  und  die  Grafen  von
Ruppin  raubten  in  der  Mark  im  großen.  Am  meisten  litten  darunter  die
Bewohner  des  offenen  Landes.  Manches  bis  dahin  wohlhabende  Dorf  verarmte
  und  verödete  und  wurde  eine  Bente  der  benachbarten  Adeligen;  viele
freie  Bauern  verloren  damals  ihren  Wohlstand  und  ihre  Freiheit.  Mit  der
Erwerbung  von  Schulzengütern  brachten  die  Adligen  auch  die  niedere  Gerichtsbarkeit
  an  sich.  Verarmte  Bauern  legten  sich,  ebenso  wie  die  Raubritter,  auf
Wegelagerei.  Besonders  die  reichen  Warenzüge  der  Städter  wurden  trotz
der  sie  begleitenden  Reisigen  oft  genug  eine  Beute  der  „Schnapphähne“  oder
„Strauchdiebe".  Kaum  vermochten  sich  die  Städter  hinter  ihren  festen  Mauern
der  Räuber  zu  erwehren;  Rathenow  wurde  von  ihnen  ausgeplündert,  Straußberg
  sogar  zerstört.  Vom  Landesherru  war  keine  Hilfe  zu  erwarten.  Als
einer  seiner  Statthalter  über  die  Elbe  setzen  wollte,  raubten  die  Quitzow
ihm  sein  Reisegepäck  und  erschlugen  seine  Begleiter.  Einen  anderen  Statthalter,
  Johann  von  Mecklenburg,  setzte  Hans  von  Quitzow  auf  Plaue  gefangen.
  Einige  Städte  erkauften  sich  durch  Feste  oder  Geldgeschenke  Verschonung.
  Die  bedeutendste  Stadt  der  Mark  war  schon  damals  Berlin-Kölln,
  die  wegen  ihrer  günstigen  Lage  durch  Handel  reich  geworden  war
und  durch  ihren  Reichtum  sich  wichtige  Vorrechte  erworben  hatte:  sie  hielt
eine  eigene  bewaffnete  Macht,  besaß  die  höchste  Gerichtsbarkeit,  den  Blutbann,
und  das  Münzrecht;  der  Landesherr  durfte  ohne  ihre  Einwilligung  keine
Truppen  in  die  Stadt  bringen  und  ihr  keine  Steuern  auferlegen.  Um  zunächst
  gegen  äußere  Feinde  sicher  zu  sein,  bot  Berlin  den  Gebrüdern  Quitzow
ein  Bündnis  gegen  Pommern  an,  das  angenommen  wurde.  Mit  Unterstützung
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        4.  Die  Neugründung  durch  Friedrich  von  Hohenzollern.  15

Berlins,  Frankfurts  und  einiger  anderer  Städte  warb  Dietrich  von  Onitzow
ein  Heer  und  entriß  den  Pommern  Straußberg  und  Bötzow  wieder,  behielt
sie  aber  für  sich;  ja  er  nahm  den  Berlinern  Köpenick  weg  und  brachte  ihnen
eine  Niederlage  bei.  Die  Not  war  aufs  höchste  gestiegen,  bei  Menschen  schien
keine  Hilfe  mehr  zu  sein.  Da  kam  die  Nachricht,  daß  Jost  gestorben  sei  (1411).

Von  den  Raubrittern  wurde  auch  das  Dorf  Wilsnack  nordwestlich,  von  Havelberg
  verbrannt.  In  einer  Vertiefung  des  steinernen  Altars  fand  nachher  der  Geistliche
drei  mit  roten  Flecken  bedeckte  Hostien.  „O  Wunder!“  rief  er  aus,  „der  Leib  des
Herrn  hat  in  den  Qualen  Blut  geschwitzt!“  Das  Wunder  wurde  von  den  Bischöfen  zu
Havelberg  und  Lebus  beglaubigt,  und  bald  strömten  von  allen  Seiten  Gläubige  herbei.

Das  „Heilige  Blut“  heilte  allerlei  Krankheiten  und  machte  selbst  Tote  wieder  lebendig.  —
Erst  nach  Einführung  der  Reformation  wurde  dem  Unwesen  ein  Ende  gemacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Burg  Hohenzollern  nach  der  Wiederherstellung.

d.  Die  Tleugründung  durch  Friedrich  von  Dohenzollern.

Bald  nach  Josts  Tode  erschienen  märkische  Abgeordnete  unter  Führung
von  Kaspar  Gans  zu  Putlitz  in  Ofen,  um  König  Sigismund,  dem  die  Mark
jetzt  als  Erbteil  wieder  zugefallen  war,  zu  bitten,  er  möge  dem  Elend  der
Mark  ein  Ende  machen.  Sie  „erhoben  ein  klagendes  Geschrei:

Wir  sterben  und  verderben:  bils  Kaiser,  komm  herbeil

Von  Elbe  bis  zur  Oder  Schlachtlärm  und  Kampf  und  Blut,
Zerbrochne  Städtemauern,  Dörfer  voll  Schutt  und  Glut;

Verbrechen  ohne  Strafe,  bie  Unschuld  ohne  Schutz;

Denn  wer  im  Bühgqel  sitzet,  beut  dem  Gesetze  Trutz.“  (Wildenbruch.)
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        16  Erster  Zeitraum.

Da  Sigismund  als  Kaiser  und  als  König  von  Ungarn  sich  um  die  Mark  nicht
mehr  bekümmern  konnte,  versprach  er,  ihr  in  dem  Burggrafen  Friedrich  VI.
aus  dem  Hause  Hohenzollern  einen  tüchtigen  Statthalter  zu  senden.  Freudig
leisteten  die  Abgeordneten  diesem  die  Huldigung  und  kehrten  hoffnungsvoll  in
die  Heimat  zurück.

Die  Stammburg  der  Hohenzollern  liegt  auf  einem  Vorberge  der  Nauhen
Alp  im  Herzen  Schwabens,  nicht  weit  von  dem  Hohenstaufen.  Die  Grafen
von  Zollern  treten  zum  erstenmal  1061  in  der  Geschichte  auf;  in  diesem
Jahrce  fielen  zwei  „de  Zolorin“  in  einer  Schlacht.  Die  Zollern  waren  schon
damals  begütert  und  angesehen;  ihre  Ahnen  waren  die  Burkhartinge,  denen
schon  im  zehnten  Jahrhundert  zwei  Herzöge  von  Schwaben  angehörten.  Gegen
Ende  des  12.  Jahrhunderts  erwarb  Graf  Friedrich  III.  von  Zollern  durch
Vermählung  mit  der  Erbtochter  des  Grafen  Konrad  III.  von  Raabs,  Burggrafen
  von  Nürnberg,  reiche  Besitzungen
  in  Franken,  und  nach  dem
Tode  seines  Schwiegervaters  erhielt
er  1192  vom  Kaiser  auch  die  Würde
eines  Burggrafen  von  Nürnberg.
  Seine  beiden  Söhne  teilten
den  Besitz:  Konrad  erhielt  die  fränkischen
  Besitzungen  nebst  dem  Burggrafenamte,
  Friedrich  die  schwäb(ischen;

  jener  wurde  der  Stammb(boater
  der  preußischen  Könige,  von
ddiesem  stammt  das  hohenzollernsche
si*  Fürstenhaus  ab.  Der  Burggraf  stand
—  J.  .  82  in  seinem  Bezirk  an  Stelle  des
*m  #Hyo.  u#  p2  Kaisers,  verwaltete  dessen  Güter  und
Kurfürst  Friedrich  I.  Einkünfte  und  war  oberster  Kriegsherr
  und  Richter.  Das  keaiserliche
Landgericht,  dem  er  vorsaß,  erstreckte  sich  über  Franken,  Schwaben  und  die
Nheinlande.  Da  mit  der  Stärkung  der  Reichsmacht  auch  das  Burggrafenamt
an  Bedentung  gewann,  so  hielten  es  die  Burggrafen  stets  mit  dem  Kaiser.  Nach
dem  Erlöschen  des  ihnen  befreundeten  hohenstaufischen  Geschlechtes  bewirkte  es
hauptsächlich  Burggraf  Friedrich  III.  von  Nürnberg,  daß  sein  Jugendfreund
Rudolf  von  Habsburg  zum  Könige  gewählt  wurde;  er  trug  auch  des  Reiches-Sturmfahne
  im  Kampfe  gegen  Ottokar  von  Böhmen.  Burggraf  Friedrich  IV.
nahm  in  der  Schlacht  bei  Mühldorf  Friedrich  den  Schönen  gefangen  und
sicherte  dadurch  Ludwig  von  Bayern  die  Krone.  Aber  nicht  nur  ihren  Einfluß
im  Reich,  sondern  auch  ihren  Besitz  —  die  Markgrasschaften  Ansbach  und
Baireuth  —  wußten  die  Burggrafen  durch  Klugheit,  Sparsamkeit  sowie  durch
die  reichen  Einnahmen  aus  ihren  Bergwerken  stetig  zu  mehren,  so  daß  Karl  IV.
sie  1363  in  den  Stand  der  Reichsfürsten  erhob.  Am  Anfang  des  nächsten
Jahrhunderts  erwarben  die  Burggrafen  von  Nürunberg  ein  neues  Besitztum,
in  welchem  der  Hohenzollernaar  sich  zu  ungeahnter  Höhe  emporschwingen
sollte.
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4.  Die  Neugründung  durch  Friedrich  von  Hohenzollern.  1

„Gen  Norden  flog  ein  kühner  Aar
Vom  Felsennest,  dem  alten;
Nicht  fürchtet  er  der  Neider  Schar,
Nicht  feindliche  Gewalten.“

Kaiser  Sigismund  verdankte  die  Kaiserkrone  sowie  die  ungarische  Königskrone
  vor  allem  dem  Burggrafen  Friedrich  VI.,  der  ihm  auch  sonst  „in  Reichsund
  anderen  Sachen  die  mannigfaltigsten  Dienste  und  Werke“  erwiesen,  seine  Heere
geführt  und  ihm  in  der  Türkenschlacht  bei  Nikopolis  an  der  unteren  Donau
das  Leben  gerettet  hatte;  dafür  wollte  er  sich  jetzt  dankbar  erzeigen,  indem
er  ihn  zum  Statthalter  in  der  Mark  ernannte,  wobei  er  die  Hoffnung  aussprach,
  daß  Friedrich  „mit  seiner  eifrigen  Sorge  und  Kraft  die  Mark  wieder

 

 

 

 

    

 
  
    

     

 

               
  
   

 

 

 

     
          
   
  

 

      
 
 

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Die.  Burg  zu  Nürnberg,  am  Beginn  des  15.  Jahrhunderts.

 

aufrichten  werde“.  Nur  die  Kur  eines  jeglichen  römischen  Königs  behielt  er
sich  und  seinen  Erben  vor.  Damit  aber  Friedrich  die  Mark  besser  aus  ihrer
jammervollen  Lage  befreien  möge,  verschrieb  Sigismund  ihm,  zugleich  als
Anerkennung  für  seine  ihm  geleisteten  Dienste,  100000  ungarische  Gulden
(1  G.  etwa  8½  Mk.),  welche  ihm  für  den  Fall  versprochen  wurden,  daß
ihm  Sigismund  oder  dessen  Erben  die  Mark  wieder  abfordern  sollten.  Diese
Summe  wurde  später  auf  400000  Gulden  erhöht.  Zugleich  forderte  der
Kaiser  alle  Einwohner  Brandenburgs  auf,  Friedrich  in  allen  Stücken  gehorsam
und  gewärtig  zu  sein  und  ihm  zu  huldigen.

Friedrich  war  ein  Bild  ritterlicher  Schönheit,  unerschrocken,  voll  Tapferteit,
  dabei  klug,  besonnen  und  besaß  eine  glänzende  Bildung;  auch  fehlte  es

Hoffmeyer,  Unser  Preusen.  2
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        18  Erster  Zeitraum.

ihm  nicht  an  äußeren  Mitteln,  sich  Ansehen  zu  verschaffen.  1412  erschien  er
in  der  Mark  und  forderte  die  Stände  zur  Huldigung  auf.  Die  Abgeordneten
der  Städte,  zuerst  Berlin,  gehorchten,  ebenso  die  Ritter  der  Lande  Teltow,
Lebus  und  Sternberg  sowie  die  Bischöfe  von  Brandenburg  und  Lebus;  die
Ritter  des  Havellandes  aber,  Dietrich  und  Hans  von  Quitzow  und  viele
andere,  erschienen  nicht.  Sie  wollten  überhaupt  keinen  Herrn  über  sich  haben
und  hofften,  der  Kaiser  werde  sich  um  sie  nicht  kümmern  können,  mit  dem
„Tand  von  Nürnberg“  aber  würden  sie  leicht  fertig  werden.  „Und  wenn
es  ein  ganzes  Jahr  Burggrafen  regnete,“  so  prahlten  sie,  „sollten  sie  doch
hier  zu  Lande  nicht  aufkommen.“  Gleichzeitig  rüsteten  sie  im  stillen.  Auch
Friedrich  machte  sich  zum  Kampfe  bereit;  er  versuchte  aber  zuvor  den  Weg
der  Güte  und  brachte  dadurch  noch  manchen  vom  Adel  auf  seine  Seite.  Da
erstanden  ihm  neue  Feinde  in  den  Herzögen  von  Pommern,  welche  die
Herausgabe  der  Uckermark  verweigerten  und  sofort  in  Brandenburg  einfielen.
Friedrich  konnte  ihnen  nur  eine  kleine  Schar  entgegenstellen  und  vermochte
deshalb  in  dem  Gefecht  am  Kremmer  Damm  (1412)  den  Sieg  nicht  zu
erringen,  so  daß  den  ungehorsamen  Rittern  der  Mut  noch  mehr  wuchs.  Auch
als  Sigismund  ihnen  mit  der  Reichsacht  drohte,  unterwarfen  sie  sich  nur
zum  Schein;  denn  unter  Friedrichs  Augen  plünderten  und  verbrannten  sie
magdeburgische  Dörfer.  «  ·

Zuletzt  verlor  der  Markgraf  die  Geduld.  Er  schloß  mit  dem  Erzbischof
von  Magdeburg  und  dem  Kurfürsten  von  Sachsen  ein  Bündnis,  lieh  von
dem  Landgrafen  von  Thüringen  ein  schweres  Geschütz,  das  der  Sage  nach
von  den  Vorspannbauern  „faule  Grete“  genannt  wurde,  weil  es,  wie  alle
schweren  Geschütze  damaliger  Zeit,  nicht  auf  Rädern  ruhte,  daher  schwer  fortzuschaffen
  war,  und  ließ  sogar  aus  Kirchenglocken  leichtere  Donnerbüchsen
gießen;  auch  führte  ihm  seine  Gemahlin  Elisabeth  (die  „schöne  Else"),  eine
Tochter  des  Herzogs  von  Bayern,  ein  Ritterheer  aus  Franken  zu.  Darauf
belagerte  er  gleichzeitig  vier  feste  Burgen  der  Raubritter.  Zuerst  fiel  Friesack,
nordöstlich  von  Rathenow,  nachdem  der  Burgherr  Dietrich  von  Quitzow  die
Flucht  ergriffen  hatte  —  er  ist  elend  umgekommen.  Die  stärkste  Burg  war
Plaue  am  gleichnamigen  See  westlich  von  Brandenburg;  aber  auch  ihre  4  m
dicken  Mauern  hielten  den  starken  Büchsen  nicht  stand,  Hans  von  Quitzow
geriet  in  Gefangenschaft.  Schon  vorher  war  Golzow  an  der  Plaue  südlich
von  Brandenburg  gefallen;  jetzt  ergab  sich  auch  Beuthen  bei  Potsdam,  und
dann  unterwarf  sich  der  ganze  Adel  des  Havellandes.  Friedrich  ließ  durch
die  einberufenen  Landstände  die  Strafe  festsetzen,  welche  die  Friedensbrecher
treffen  sollte;  sie  war  milde,  den  meisten  erließ  er  sie  bald  in  Gnaden.  Ferner
verkündete  der  Markgraf  mit  Zustimmung  der  Landstände  einen  Landfrieden,
der  jede  Selbsthilfe  untersagte;  den  Städten  aber,  die  ihn  kräftig  unterstützt
hatten,  gewährte  er  manche  Vergünstigungen.  Hierauf  übergab  er  die  Statthalterschaft
  einstweilen  seiner  Gemahlin  und  eilte  zum  Kaiser  auf  das  Konzil
zu  Konstanz.  1

Dort  war  Friedrich  wieder  des  Kaisers  rechte  Hand.  Als  Papst  Johann
mit  Hilfe  Friedrichs  von  Osterreich  aus  Konstanz  entwich,  um  das  Konzil  zu
sprengen,  ward  der  Burggraf  beauftragt,  beide  zurückzuführen,  und  er  löste
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        4.  Die  Neugründung  durch  Friedrich  von  Hohenzollern.

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        20  Erster  Zeitraum.

diese  Aufgabe  in  kurzer  Zeit.  Um  ihn  hierfür  sowie  für  die  großen  Ver—
dienste,  welche  Friedrich  sich  um  Brandenburg  erworben  hatte,  zu  belohnen,
und  um  auch  in  Zukunft  an  ihm  eine  starke  und  treue  Stütze  zu  haben,  trat
Sigismund  ihm  die  Mark  Brandenburg  samt  der  Kurwürde  und
dem  Erzkämmereramte  1415  erblich  ab.  In  Begleitung  einer  kaiserlichen
  Gesandtschaft  kehrte  Friedrich  als  Kurfürst  in  die  Mark  zurück,  ließ
sich  in  Berlin  von  den  Ständen  als  Landesherrn  huldigen  und  gewährte
ihnen  ihre  alten  Freiheiten,  Gewohnheiten  und  Rechte.  Die  seit  zwei  Jahren
gefangen  gehaltenen  Nitter  erhielten  die  Freiheit  und  ihre  Schlösser  zurück  und
huldigten  ebenfalls  ihrem  neuen  Landesherrn.  Dann  machte  sich  Friedrich
wieder  auf  nach  Konstanz,  wo  er  am  18.  April  1417  vom  Kaiser  mit
größter  Feierlichkeit  und  vielem  Gepränge  öffentlich  mit  Brandenburg
  belehnt  wurde.  Im  folgenden  Jahre  ernannte  Sigismund  den  Kur-  


 

       
 
  

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Die  Mark  beim  Regierungsantritt  Kurfürst  Friedrichs  I.

fürsten  sogar  zu  seinem  Statthalter  in  deutschen  Landen  „mit  voller  Befugnis
zu  thun  und  zu  lassen“  wie  er  selber.

Die  Mark  Brandenburg  zählte  damals  nur  160  000  Einwohner  und
umfaßte  1)  die  Altmark,  2)  die  Mittelmark,  3)  die  Prignitz,  4)  das
Land  Sternberg,  5)  einen  Teil  der  Uckermark,  deren  größter  Teil  sich
in  den  Händen  der  Pommern  befand.  Dazu  war  in  den  letzten  hundert
Jahren  auch  der  größte  Teil  der  landesherrlichen  Güter,  Rechte  und  Einkünfte
  in  fremde  Hände  geraten,  und  Kurfürst  Friedrich  wurde  noch  durch
Kämpfe  mit  den  Nachbärn  und  im  Reiche  abgehalten,  seine  volle  Kraft  der
Mark  zuzuwenden:  die  Pommernherzöge  waren  darüber  erbittert,  daß  Sigismnund
  die  Lehnshoheit  Brandenburgs  über  Pommern  anerkannte,  und  fielen
deshalb  in  die  Mark  ein"  aber  Friedrich  schlug  sie  bei  Angermünde
und  behielt  diese  Stadt,  vermochte  indes  nicht  die  ganze  Uckermark  zurückzugewinnen.
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        4.  Die  Neugründung  durch  Friedrich  von  Hohenzollern.

 

 

 

 

 

 

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Belehnung  des  Burggrafen  Friedrich  von  Nürnberg  mit  der  Mark  Vrandenburg.  Konstanz  1417.
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        22  Erster  Zeitraum.

Inzwischen  waren  dem  Lande  in  den  Husiten  noch  surchtbarere  Feinde
erstanden.  Friedrich  hatte  den  Kaiser  vergebens  vor  zu  großer  Schärfe  gegen  die
Schwärmer,  die  er  dadurch  nur  erbitterte,  gewarnt.  Sigismund  bot  das  Reichs—
heer  gegen  sie  auf,  vermochte  aber  nichts  gegen  sie  auszurichten;  deshalb
wählten  die  Reichsstände  Friedrich  zum  Feldhauptmann.  In  der  Sebalduskirche
zu  Nürnberg  wurde  er  feierlich  zum  Streite  geweiht.  Aber  das  Reichsheer  war
in  schlechter  Verfassung  und  erlitt  von  den  wildbegeisterten  Husiten  eine  Niederlage
  nach  der  andern.  Not  und  Elend  brachten  die  schrecklichen  Husitenkriege
über  Böhmen  und  seine  Nachbarländer.  Auch  die  Mark  wurde  wiederholt
mit  Feuer  und  Schwert  heimgesucht;  1432  gingen  hundert  märkische  Dörfer,
auch  die  Städte  Lebus,  Müncheberg,  Straußberg  und  Altlandsberg  in  Flammen
auf,  nur  Frankfurt  und  Bernau  widerstanden.  Endlich  gelang  es  Friedrich,
den  Frieden  zu  vermitteln.

Schon  früher  hatte  der  Kurfürst  den  Kaiser  dadurch  erzürnt,  daß  er
durch  die  Verlobung  seines  Sohnes  Friedrich  mit  der  Erbin  Polens  dies
Land,  auf  welches  auch  Sigismund  sein  Augenmerk  richtete,  an  Brandenburg
zu  bringen  trachtete;  durch  Friedrichs  Auftreten  im  Husitenkriege  wurden  die
früheren  Freunde  einander  ganz  entfremdet.  Nicht  nur  versagte  der  Kaiser  nach
dem  Aussterben  der  sächsischen  Askanier  das  Herzogtum  Sachsen-Wittenberg
dem  Hause  Hohenzollern,  obwohl  Friedrichs  Sohn  Johann  mit  der  Tochter  des
letzten  Herzogs  vermählt  war,  sondern  er  hob  die  Lehnshoheit  über  Pommern
wieder  auf  und  hemmte  den  Kurfürsten  sogar,  die  Grenzgebiete,  welche  der
Mark  entrissen  waren,  wiederzuerobern.  Dennoch  wandte  dieser  bei  der  nächsten
Kaiserwahl  dem  Schwiegersohne  Sigismunds,  Albrecht  II.,  die  Krone  zu,  obwohl
  viele  ihn  selber  zum  Kaiser  ausersehen  hatten.  Durch  die  vielen  Verdrießlichkeiten
  waren  ihm  die  Marken  verleidet;  auch  wurde  ihm  die  Last
der  Geschäfte  zu  groß.  Schon  1426  hatte  der  Kurfürst  seinen  ältesten  Sohn
Johann  zum  Statthalter  der  Mark  ernannt  und  sich  nach  seiner  schönen,
fränkischen  Heimat  zurückgezogen;  dort  verbrachte  er  seinen  Lebensabend.  Als
der  Tod  nahte,  teilte  er  seinen  Söhnen  das  Erbe.  Der  thatkräftige,  willensstarke
  Friedrich  empfing  die  Kurmark  Brandenburg  nebst  der  Erzkämmererwürde,
  Johann  und  Albrecht,  der  älteste  und  der  dritte  Sohn,  erhielten
Franken,  Friedrich  der  Jüngere  dagegen  einige  Anrechte  auf  die  Altmark
und  die  Prignitz,  was  aber  für  die  Mark  ohne  Folgen  blieb.  Dann  legte
er  seinen  Söhnen  noch  die  Verpflichtung  auf,  den  Berlinern  das  Glockengut
zu  ersetzen,  aus  dem  er  in  der  Not  Kanonen  hatte  gießen  lassen.  Friedrich  I.
starb  1440  und  wurde  nach  seinem  Befehle  in  dem  Kloster  Heilsbronn  in
Franken,  zwischen  Nüruberg  und  Ausbach,  beigesetzt.  ·

5.  Der  innere  Ausbau.

Friedrich  II.  Eisenzahn  (1440—1470)  verdankt  diesen  Beinamen  seiner
zähen  Ausdauer.  Da  weder  die  fränkischen  Lande  noch  Reichsgeschäfte  ihn
abzogen,  konnte  er  der  Mark  seine  ganze  Kraft  zuwenden  und  teils  durch
Unterhandlung  und  Geld,  teils  mit  dem  Schwerte  manches  Verlorene  zurückbringen.
  Auf  friedlichem  Wege  erlangte  er  einen  Vergleich,  in  welchem  der
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        5.  Der  innere  Ausbau.  23

Erzbischof  von  Magdeburg  auf  die  alte  Lehnshoheit  über  die  Mark  ver—
zichtete  und  ihm  gegen  einige  altmärkische  Dorfschaften  die  Grafschaft  Stolberg-Wernigerode
  abtrat;  1455  kaufte  er  von  dem  Deutschen  Orden  die  Neumark
zurück  (S.  14  u.  41)  und  rettete  sie  dadurch  vor  Entfremdung  von  Deutschland
  und  vor  Rückfall  ins  Slaventum.  Von  der  Lausitz  erhielt  er  nur  einige
Städte  (Kottbus,  Bärwalde  rc.)  nebst  der  Anwartschaft  auf  Beeskow  und
Storkow  wieder.  Am  wenigsten  erreichte  er  Pommern  gegenüber.  Als  die
Linie  Pommern-Stettin  1464  ausstarb,  wollte  er  das  Land  auf  Grund
früherer  Erbverträge  in  Besitz  nehmen.  Bei  der  Beerdigung  des  verstorbenen
Herzogs  warf  der  brandenburgisch  gesinnte  Bürgermeister  von  Stettin  nach
alter  Sitte  dem  Verstorbenen  Schild  und  Helm  ins  Grab  nach,  indem  er
sprach:  „Da  liegt  unsere  Herrschaft  von  Stettin!“  Ein  Ritter  aber  holtebeides
  wieder  aus  dem  Grabe  und  sprach:  „Nicht  also!  Wir  haben  noch  erbliche,
  angestammte  Herrschaft:  die  Herzöge  von  Pommern-Wolgast;  denen
gehört  Helm  und  Schild.“  Vergebens  widersprachen  die  Anhänger  Brandenburgs,
  die  Wolgaster  erbten.  Der  Kurfürst  griff  zum  Schwerte,  aber  ohne
Erfolg.  ç
Wie  Friedrich  I.  mit  Hilfe  der  Städte  den  märkischen  Adel  bändigte,
so  unterwarf  Friedrich  II.  mit  Hilfe  des  Adels  die  märkischen  Städte.  Diese
hatten  nämlich  von  den  früheren  Markgrafen  sich  so  viele  Freiheiten  und
Rechte  erworben,  daß  sie  fast  selbständig  waren.  Das  Haupt  der  märkischen
Städte  war  die  Schwesterstadt  Berlin-Kölln,  die  schon  Friedrich  I.  das
Offnungsrecht,  d.  i.  das  Recht,  ohne  Erlaubnis  mit  bewaffneten  Scharen  in
ihre  Thore  einzuziehen,  verweigert  hatte.  Als  Friedrich  II.  nun,  um  den
Sitz  der  Regierung  in  die  Mitte  der  Mark  zu  verlegen,  sich  in  Berlin  eine
Burg  zu  erbauen  wünschte,  wollten  ihm  die  Bürger  keinen  Bauplatz  einräumen.
  Um  diese  Zeit  brach  in  Berlin,  wie  in  vielen  anderen  deutschen
Städten,  ein  Streit  zwischen  den  Geschlechtern  und  den  Zünften  aus:  diese
verlangten  Teilnahme  am  Stadtregiment,  und  es  kam  zum  offenen  Aufruhr
gegen  den  Rat.  Da  erschien  der  von  beiden  Teilen  um  Entscheidung  angegangene
  Kurfürst  mit  600  Reitern  vor  der  Stadt  und  wurde  in  der  allgemeinen
  Bestürzung  eingelassen.  Damit  war  er  Herr  der  Stadt.  Die
Berlin-Köllner  mußten  ihm  die  Schlüssel  aller  Stadtthore  ausliefern  und  einen
Platz  an  der  Sprec,  mitten  zwischen  den  beiden  Städten,  abtreten,  damit  er
sich  dort  eine  Burg  erbaue.  Die  Bürger  empörten  sich  zwar  noch  einmal
und  rissen  die  angefangenen  Burgmauern  nieder;  aber  Friedrich  erzwang  aufs
neue  den  Gehorsam.  Berlin-Kölln  zahlte  eine  Geldstrafe  und  verlor  seine
bisherigen  Gerechtsame,  wie  die  niedere  Gerichtsbarkeit  und  die  freie  Wahl
seiner  Beamten.  Jetzt  leisteten  auch  die  anderen  Städte  Gehorsam.  Als
das  Schloß  in  Berlin  vollendet  war,  machte  es  der  Kurfürst  1451  zum
Sitz  seiner  Regierung;  so  ward  Berlin  die  Hauptstadt  Brandenburgs.
Wie  der  Kurfürst  die  kleinen  Bürger  gegen  die  übermächtigen  Patrizier
beschützte,  so  nahm  er  sich  auch  der  Bauern  an,  indem  er  die  Sonntagsarbeit
verbot  und  den  Gutsherren  streng  untersagte,  den  Bauern  mehr  Arbeiten
und  Lasten  aufzulegen,  als  von  alters  her  Gebrauch  gewesen  sei.  Friedrich
besaß  nicht  den  umfassenden  Blick  und  das  freundliche,  gewinnende  Wesen
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        24  Erster  Zeitraum.

seines  Vaters,  aber  neben  einer  starken  Willenskraft  maßvolle  Besonnenheit;
dreimal  schlug  er  eine  Königskrone  aus,  einmal  die  polnische  und  zweimal
die  böhmische,  um  sich  nicht  in  unabsehbare  Verwickelungen  einzulassen.
Meistens  war  er  still,  in  sich  gekehrt,  leicht  zur  Schwermut  geneigt;  seine
Frömmigkeit  bethätigte  er  durch  eine  Wallfahrt  nach  dem  heiligen  Lande,
durch  Stiftung  eines  Domes  zu  Kölln  an  der  Spree  und  des  Schwanenordens,
  dem  nur  Adlige  augehörten,  die  sich  zu  einem  untadeligen,  christlichen
  Leben  verpflichteten.  Verstimmt  durch  den  ungünstigen  Ausgang  des
Kampfes  mit  Pommern  sowie  durch  die  von  den  Slaven  drohende  Gefahr
und  gebrochen  durch  den  Tod  seines  letzten  Sohnes,  trat  er  die  Marken  1470
seinem  Bruder  Albrecht  ab  und  zog  sich  nach  Franken  zurück,  wo  er  schon
im  folgenden  Jahre  starb.  Er  ward  in  Heilsbronn  beigesetzt.

Albrecht  Achilles  (1470—1486)  verdankt  diesen  Beinamen  seiner  Heldenkraft
  und  ungestümen  Tapferkeit.  Niemals  wurde  er  im  Turnier  besiegt.
Auf  einem  einzigen  Turniere
streckte  er,  nur  mit  einem
seidenen  Hemde  bekleidet  und
mit  Schild  und  Schwert
bewaffnet,  siebzehn  tapfere
Gegner  in  den  Sand.  Noch
lieber  ritt  er  zum  blutigen
Ernst.  Auf  100  Schlachtfeldern
  soll  er  gefochten  haben,
allein  den  Nürnbergern  lieferte
er  in  einem  Jahre  neun  Treffen.
Einmal  bahnte  er  sich  eine
blutige  Gasse  mitten  durch
800  Nürnberger,  ergriff  mit
beiden  Händen  die  Fahne  der
,"-·»  Feinde,  und  obgleich  die

——  Schwerthiebe  von  allen  Seiten

Albrecht  Achilles.  auf  seinen  Panzer  und  Helm

niederregneten,  ließ  er  nicht

los,  bis  die  Seinen  ihn  herausgehauen  hatten.  Bei  der  Belagerung  einer  Stadt
war  er  der  Erste  auf  der  Mauer,  sprang  dann  von  derselben  hinab  mitten  unter
500  Feinde  und  wehrte  sich  so  lange,  bis  die  Seinen  ihn  befreiten.  Seine
Burg  war  weit  und  breit  berühmt;  nirgends  gab  es  so  glänzende  Feste  wie
dort,  nirgends  so  tapfere  Ritter  und  so  schön  geschmückte  Frauen;  die  Edelknaben
  gingen  in  rotseidenen  Kleidern,  und  selbst  die  Reitpferde  waren  mit
rotem  Samt  bedeckt.  So  war  Albrecht  die  Zierde  des  Ritterstandes  und
schon  vor  seiner  Erhebung  zum  Kurfürsten  das  Haupt  der  deutschen  Fürsten.
Er  überragte  sie  auch  durch  staatsmännischen  Weitblick;  denn  er  war  der
Meinung,  daß  man  das  kaiserliche  Ansehen  stärken  müsse,  und  er  handelte
auch  danach,  so  daß  man  ihm  den  damals  unerhörten  Vorwurf  machte,  er
stelle  das  Wohl  des  Reiches  höher  als  das  seiner  eigenen  Länder.  Jedenfalls
fand  der  schwache  Kaiser  Friedrich  III.  (1439—1493)  an  ihm  seinen  stärksten

*7  .  o(
—
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        5.  Der  innere  Ausbau.  ·  25

Rückhalt.  Er  entschied  deshalb  auch  in  dem  pommerschen  Erbfolgestreit  zu
Gunsten  Brandenburgs,  und  die  pommerschen  Herzöge  beugten  sich  vorläufig,
indem  sie  im  Vertrage  zu  Prenzlau  (1472)  Brandenburgs  Lehnshoheit  anerkannten.


Aber  die  Pommern  waren  nicht  gewillt,  diesen  Vertrag  auch  zu  halten,
und  fanden  in  ihrem  Widerstande  Unterstützung  bei  den  Märkern  selber.  Als
Albrecht  zum  erstenmal  nach  Brandenburg  kam,  boten  die  Märker  alles  auf,
um  ihn  geziemend  zu  empfangen.  Nach  alter  Sitte  beschenkten  ihn  die  Bürger
in  Salzwedel  mit  Hafer,  Fischen,  Hammelkeulen  und  Bier;  doch  dies  alles
machte  auf  ihn  einen  nur  ärmlichen  Eindruck.  Auch  die  Fluren  der  Mark
wollten  ihm  nicht  gefallen,  wenn  er  an  das  schöne  Franken  dachte.  An  dem
märkischen  Adel  vermißte  er  die  feine  höfische  Sitte  der  Süddeutschen;  gegen
den  Bürgerstand  aber  war  er  überhaupt  eingenommen,  wohl  infolge  der
vielen  erbitterten  Kämpfe,  welche  er  mit  den  Nürnbergern  hatte  führen
müssen.

Als  der  Kurfürst  nun,  um  die  durch  den  Streit  seines  Vaters  mit
Pommern  verursachten  Schulden  zu  decken,  für  vier  Jahre  eine  Abgabe  von
Bier  und  Wein  forderte,  widersetzten  sich  die  Städte  dieser  indirekten  Steuer,
weil  sie  den  Markgrafen  von  den  Ständen  unabhängig  mache,  und  bewilligten
ihm  nur  ein  für  allemal  100000  Gulden.  Von  dieser  Summe  sollte  Albrecht
für  die  Domänen  ein  Drittel  selber  zahlen;  er  verschaffte  sich  dieses  Geld,
indem  er  einige  Waren  mit  einem  geringen  Zoll  belegte.  Obwohl  mehrere
Schiedsgerichte  ihm  das  Recht  hierzu  ausdrücklich  zuerkannten,  erregte  die
Maßregel  doch  große  Unzufriedenheit,  besonders  in  den  Städten;  Havelberg
verjagte  die  Zollbeamten,  und  man  hörte  sogar  die  Drohung,  im  Kriegsfalle
werde  man  dem  Kurfürsten  keine  Mannschaften  stellen.  Hierdurch  waren
diesem  die  Marken  noch  mehr  verleidet;  er  übertrug  daher  die  Verwaltung
derselben  seinem  Sohne  Johann  und  kehrte  nach  Franken  zurück.

Johann  hatte  einen  schweren  Stand:  die  Einnahmen  waren  so  gering,
daß  er  trotz  der  größten  Sparsamkeit  nicht  selten  Mangel  litt;  dazu  sollte
er  noch  Kriege  führen.  Die  Pommern  fanden  nämlich  einen  Bundesgenossen
an  dem  Könige  Matthias  von  Ungarn,  der  die  Krone  von  Böhmen  zu  erlangen
  suchte,  während  Albrecht  Achilles  und  der  Kaiser  seinen  Gegenkönig
unterstützten.  Als  nun  um  diese  Zeit  Albrechts  Schwiegersohn,  Herzog  Heinrich
von  Glogau,  starb  und  Albrecht  vertragsgemäß  dessen  Land  für  seine  verwitwete
  Tochter  in  Anspruch  nahm,  machte  ein  Verwandter  des  Verstorbenen,
Hans  von  Sagan,  ihr  die  Erbschaft  streitig  und  fand  die  Hilfe  des  Ungarnkönigs
  und  der  Pommern.  Kurprinz  Johann  geriet  in  große  Bedrängnis;
Hans  von  Sagan  verbrannte  schon  die  Vorstädte  von  Frankfurt.  Da  eilte
1478  Albrecht  wieder  aus  Franken  zur  Hilfe  herbei,  berief  einen  Landtag
nach  Berlin,  und  alle  Stände  stellten  willig  die  geforderten  Mannschaften.
Uber  20000  Mann  soll  Albrecht  zusammengebracht  haben.  Er  zwang  zunächst
  die  Pommern  zum  Frieden,  schlug  dann  das  durch  Ungarn  verstärkte
Heer  des  Hans  von  Sagan  und  wandte  sich  hierauf  gegen  König  Matthias,
der  gleichzeitig  von  den  Türken  bedroht  wurde  und  deshalb  um  Frieden  bat.
Die  Tochter  Albrechts  wurde  entschädigt,  die  Pommern  erkannten  abermals
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        26  Erster  Zeitraum.

die  Lehnshoheit  Brandenburgs  an,  Krossen,  Züllichau,  Bobersberg  und  Sommerfeld
  aber  wurden  1482  an  Brandenburg  abgetreten.  So  hatte  auch  in  dieser
drohenden  Gefahr  des  Kurfürsten  Wahlspruch  sich  wieder  bewährt:

In  Gott's  Gewalt  Hab'  ich's  gestalt,
Er  hat's  gefügt,  Daß  mir's  genügt.

Ein  noch  größeres  Verdienst  als  durch  diese  Vergrößerung  Brandenburgs
  erwarb  sich  Albrecht  Achilles  durch  sein  Hausgesetz  (Dispositio  Achillea
1473)0.  Durch  dasselbe  bestimmte  er  seinem  ältesten  Sohne  die  Mark  Brandenburg
  und  zwei  jüngeren  die  fränkischen  Fürstentümer;  zugleich  setzte  er  fest,
daß  die  Mark  stets  ungeteilt  auf  den  nächsten  männlichen  Erben
übergehen  und  das  Burggrafenamt  nur  zwei  regierende  Herren,  zu  Ansbach
  und  zu  Baireuth,  haben  solle.  Dadurch  wurden  die  brandenburgischen
Länder  vor  Zersplitterung  bewahrt  und  die  Kurfürsten  gezwungen,  ihren
dauernden  Wohnsitz  in  der  Mark  zu  nehmen.

Die  letzten  Jahre  seines  Lebens  verbrachte  der  alternde  Kurfürst  in
Franken.  Aber  trotz  großer  Leibesschwäche  begab  er  sich  doch  nach  Frankfurt
  a.  M.,  um  an  der  Wahl  des  späteren  Kaisers  Maximilian  teilzunehmen.
  Er  mußte  sich  auf  einem  Sessel  in  die  Kirche  tragen  lassen,  in
welcher  die  Wahl  stattfand.  Als  der  festliche  Zug  zurückkehrte,  trug  Albrecht,
gleichfalls  im  Lehnstuhl  sitzend,  dem  Kaiser  das  Scepter  voran.  Dann  bereitete
  er  sich  auf  den  Tod  vor  und  starb  in  Frankfurt  während  einer  Andacht
  ebenso  still  und  friedlich,  als  sein  Leben  voll  Unruhe  gewesen  war.
Der  Kaiser  und  sämtliche  Reichsfürsten  gaben  seiner  Leiche  das  Geleit  bis
an  den  Main,  auf  welchem  dieselbe  nach  Franken  gefahren  wurde,  um  in  der
Gruft  der  Ahnen  zu  Heilsbronn  ihre  Ruhestätte  zu  finden.

Johann  Cicero  (1486—1499)  war  seit  seinem  zwölften  Jahre  in  der
Mark  gewesen  und  hatte  daher  die  Märker  genau  kennen  gelernt,  wie  diese  ihn.
Gerechtigkeit,  Ordnungsliebe  und  Sparsamkeit  waren  hervorragende  Tugenden
des  Kurfürsten.  Als  Statthalter  der  Mark  hatte  er  so  geringe  Einnahmen,
daß  er  acht  Jahre  lang,  obwohl  verlobt,  wegen  Geldmangels  nicht  heiraten
konnte.  Er  selber  klagte,  daß  er  „gering  mit  Bettgewand,  Laken,  Polstern,
Tischtüchern  und  Geld  versehen“  sei.  Ihm  bewilligten  die  Stände,  wenn  auch
mit  Widerstreben,  die  Biersteuer,  welche  sie  seinem  Vater  versagt  hatten,  und
als  sich  die  altmärkischen  Städte  der  Steuer  widersetzten,  wurden  sie  zum
Gehorsam  gezwungen.  Er  ging  aber  mit  dem  Gelde  auch  so  sparsam  um,
daß  er  nicht  nur  die  Herrschaft  Zossen  (südlich  von  Berlin)  kaufen,  sondern
auch  noch  die  Gründung  einer  Universität  in  Frankfurt  a.  O.  in  Angriff  nehmen
konnte.  Der  Kurfürst  hatte  viel  Verständnis  für  die  gerade  damals  wieder
aufblühenden  Wissenschaften,  besonders  für  das  Latein,  wie  schon  sein  Zuname
andentet;  soll  er  doch  auf  einem  Reichstage  vier  Stunden  in  fließendem  Latein
geredet  haben.  Dazu  hatte  Kaiser  Maximilian  auf  dem  Reichstage  zu  Worms
(1495)  den  Wunsch  geäußert,  es  möchte  jeder  Kurfürst  in  seinem  Lande  eine
Universität  haben.  Auch  war  die  allgemeine  Bildung  im  übrigen  Deutschland
schon  verbreiteter  als  in  der  Mark,  hatten  doch  kleinere  Nachbarländer  bereits
Universitäten,  so  Mecklenburg  in  Rostock  seit  1419  und  Pommern  in  Greifs-
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        5.  Der  innere  Ausbau.  27

wald  seit  1456.  Leider  hinderte  ein  früher  Tod  den  Kurfürsten  an  der
Erfüllung  seines  Lieblingswunsches.

Johann  Cicero  war  nicht  ein  so  kriegerischer  Fürst  wie  sein  Vater,  aber
eifrig  bemüht,  die  Lage  seines  Landes  zu  verbessern.  Während  der  auswärtigen
  Kriege  und  während  des  Streites  mit  den  Städten  hatte  sich  das
Fehde-=  und  Raubwesen  wieder  hervorgewagt.  Um  zur  Unterdrückung  desselben
von  außen  Ruhe  zu  haben,  schloß  er  mit  dem  unruhigsten  Nachbar,  dem
Pommernherzog,  Frieden,  ja  er  verzichtete  sogar  auf  das  von  seinem  Vater
dem  Gegner  wieder  aufgezwungene  Lehnsverhältnis,  indem  er  sich  mit  dem
Erbrecht  begnügte.  Aber  ihm  ist  die  Unterdrückung  des  Raubwesens  nicht
gelungen.  Er  ist  der  erste  hohenzollernsche  Kurfürst  gewesen,  der  die  Sprache
der  Mark  lernte,  daselbst  seinen  dauernden  Wohnsitz  nahm  und  dort  —  im
Kloster  Lehnin  —  begraben  ist.  Später  wurde  ihm  im  Dom  zu  Berlin  ein
von  dem  berühmten  Nürnberger  Bildhauer  Peter  Vischer  geschaffenes  Denkmal
  errichtet.

Joachim  I.  Nestor  (1499—1535)  war  beim  Tode  seines  Vaters  Johann
Cicero  erst  fünfzehn  Jahre  alt,  aber  über  seine  Jahre  hinaus  entwickelt;  die
von  seinem  Oheim  in  Franken
gewünschte  Vormundschaft  lehnte
er  ab.  Gern  beschäftigte  er  sich
mit  Geschichte,  Mathematik,  Astronomie,
  als  Kind  seiner  Zeit  allerdings
  auch  mit  Astrologie,  der
Kunst,  aus  den  Sternen  das
Schicksal  der  Menschen  zu  erkennen,
  und  war  der  lateinischen
Rede  so  mächtig,  daß  die  Fürsten
auf  den  Reichstagen  gewöhnlich
ihn  baten,  die  übliche  Begrüßung
des  päpstlichen  Gesandten  in  lateinischer
  Sprache  zu  übernehmen.
Schon  zur  Zeit  seines  Vaters
hatten  viele  Adlige  teils  aus  Not,
hervorgerufen  durch  Mißwachs
und  die  Pest,  teils  aus  Lust  am  Joachim  I.  Nestor.

Raufen  und  Plündern  wieder  das
Wegelagern  angefangen  und  hofften  jetzt  wohl,  bei  der  Jugend  des  Kurfürsten
  straflos  zu  bleiben.  Einzelne  Geschlechter  waren  so  sehr  der  Schrecken
der  Umgegend,  daß  Bauern  und  Städter  vor  Beginn  einer  Reise  beteten:
„Vor  Köckeritze  und  Lüderitze,  vor  Krachten  und  vor  Itzenplitze  behüt'  uns,
lieber  Herre  Gott!“  In  der  Köpenicker  Heide  geriet  der  Kurfürst  selber  mit  den
„Schnapphähnen“  ins  Handgemenge;  deshalb  griff  er  mit  unerbittlicher  Strenge
ein.  Einen  adeligen  Herrn  seines  Hofes,  der  einen  Bürger  nahe  vor  Berlin
überfallen  und  ausgeplündert  hatte,  ließ  er  enthaupten.  Da  schwuren  ihm  die
Genossen  des  Getöteten  bittere  Rache;  einer  derselben  soll  ihm  an  die  Thür
des  Schlafgemachs  geschrieben  haben:  „Jochimke,  Jochimke,  hüde  dy,  fangen
        <pb n="34" />
        28  Erster  Zeitraum.

wy  dy,  so  hangen  wy  dy!“  Aber  der  Kurfürst  sandte  bewaffnete  Reiter
durchs  Land,  ließ  überall  das  Raubgesindel  aufgreifen  und  siebzig  derselben,
darunter  vierzig  vom  Adel,  hinrichten.  Auch  veranlaßte  er  die  Städter  und
Bauern,  durch  Landreiter  die  Straßen  bewachen  zu  lassen.  Als  sich  der  Adel
mit  Klagen  an  des  Kurfürsten  Oheim  in  Ansbach  wandte  und  dieser  seinem
Neffen  darüber  Vorstellungen  machte,  daß  er  adliges  Blut  vergossen  habe,
erwiderte  Joachim:  „Ich  habe  kein  adliges  Blut  vergossen,  sondern  nur
einige  Schelme  und  Mörder  nach  Verdienst  gestraft.  Wären  diese  recht—
schaffene  Edelleute  gewesen,  sie  hätten  so  etwas  nicht  gethan.“  Bald  darauf
wurde  ein  mecklenburgischer  Raubritter  auf  brandenburgischem  Gebiet  ge—
fangen  und  bot  hohes  Lösegeld;  der  Kurfürst  aber  antwortete:  „Es  geziemt
sich  nicht,  daß  ein  Fürst  die  Gerechtigkeit  feil  habe.“  Er  schützte  am  eifrigsten
den  Bürgerstand;  soll  er  doch  einst  gesagt  haben:  „Der  Adel  ist  der  Kopf
des  Staatskörpers,  der  Bürgerstand  das  Herz,  die  Bauern  sind  die  Füße."
Aber  auch  die  Bürger  durften  ihre  Rechte  nicht  überschreiten.  Als  die  Frankfurter
  einen  Raubritter  fingen  und  auf  eigene  Hand  hinrichten  ließen,  bestrafte
  sie  der  Kurfürst  durch  Entziehung  der  Gerichtsbarkeit.  Um  Bürgern
und  Bauern  jeden  Vorwand  zur  Selbsthilfe  zu  nehmen,  that  der  Kurfürst
einen  weiteren  wichtigen  Schritt  in  der  Verbesserung  der  Rechtspflege  durch
Errichtung  des  Kammergerichts,  das  auch  über  Grafen,  Ritter,  fürstliche
Räte,  über  alle,  welche  bisher  keinem  Gerichte  unterworfen  waren,  richten
und  zugleich  die  letzte  Entscheidung  in  den  Urteilen  der  übrigen  Gerichte
treffen  sollte.  Es  bestand  aus  zwölf  Rechtsgelehrten,  von  denen  vier  von  dem
Kurfürsten,  acht  von  den  Ständen  ernannt  wurden,  und  trat  jährlich  dreimal
in  Berlin,  einmal  in  Tangermünde  zusammen.  Der  Kurfürst  verlangte  ausdrücklich,
  daß  den  armen  Leuten  unentgeltlich  Recht  gesprochen  werden  solle.
Infolge  dieser  einheitlichen  Gerichtsverfassung  bildete  sich  auch  ein  einheitliches
Recht  aus;  an  die  Stelle  des  Sachsenspiegels  (S.  10)  trat  —  wie  auch  im
übrigen  Deutschland  —  das  römische  Recht.  Um  Recht  und  Ordnung  im
städtischen  Verkehr  und  diesen  selber  zu  fördern,  erließ  der  Kurfürst  eine
Städteordnung,  durch  welche  gleiche  Maße  und  Gewichte  für  das  ganze
Land  eingeführt  und  die  städtischen  Obrigkeiten  beanftragt  wurden,  streng
darüber  zu  wachen,  daß  Schlächter  und  Bäcker  gute  und  vollwichtige  Ware
lieferten.  „Als  gemeiner  Landesfürst  der  Armen  und  der  Reichen“  nahm
er  sich  der  Bauern  an,  indem  er  überall  den  Versuchen  der  Gutsherren,
die  freien  Bauern  zu  Hörigen  herabzudrücken  oder  sie  auszubenten,  entschieden
entgegentrat.

Nicht  minder  wichtig  für  die  Hebung  des  Landes  war  die  Gründung
der  Universität  zu  Frankfurt,  die  Joachim  ebenso  sehr  aus  eigener  Neigung
zu  den  Wissenschaften,  als  um  das  Andenken  seines  Vaters  zu  ehren,  vollendete
und  1506  feierlich  einweihte.  Um  diese  neuen  Einrichtungen  unterhalten  und
seinen  glänzenden  Hofhalt  führen  zu  können,  bedurfte  er  weit  größerer  Einnahmen,
  als  sein  Vater  gehabt  hatte.  Die  Städte  wagten  ihm  gegenüber
keinen  Widerspruch  mehr,  so  daß  die  einträgliche  Bierziese  wie  auch  der
Hufenschoß  (Grundsteuer)  eine  stehende  Abgabe  wurden.  Trotz  der  in  der
Mark  aufgerichteten  „Leuchte  der  Wissenschaft“  stand  der  Aberglaube  dort  noch
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        5.  Der  innere  Ausbau.  29

in  voller  Blüte.  Die  blutige  Hostie  zu  Wilsnack  bewährte  noch  immer  ihre
alte  Kraft;  eine  ebenso  traurige  Verirrung  war  die  Verbrennung  von
36  Juden,  die  angeklagt  wurden  und  auf  der  Folter  gestanden,  mit  geweihten
Hostien  allerlei  Frevel  getrieben,  Christenkinder  getötet  und  deren  Blut  zu
Arzneimitteln  verwandt  zu  haben  (1510).  Alle  Juden  wurden  aus  Branden—
burg  vertrieben.  Im  übrigen  wurde  der  Friede  im  Innern  wie  nach  außen
unter  Joachim  nie  gestört.

Durch  Aussterben  der  Herren  von  Ruppin  fiel  (1524)  diese  Herrschaft  als
erledigtes  Lehn  an  Brandenburg  zurück.  Den  ererbten  Streit  mit  Pommern
um  Brandenburgs  Lehnshoheit  endete  Joachim  1529  durch  den  Vergleich  zu
Grimnitz,  indem  er  auf  die  Lehnshoheit  verzichtete,  wogegen  die  pommerschen
Herzöge  Brandenburgs  Erbrecht  auf  Pommern  feierlich  anerkannten.  Diese
erhielten  ihre  Belehnung  hinfort  unmittelbar  vom  Kaiser;  aber  die  Kurfürsten
von  Brandenburg  wurden  durch  Berührung  der  Lehnsfahne  mitbelehnt.  Auch
noch  andre  Besitzungen  und  besonders  ehrenvolle  Stellungen  erwarb  das
Haus  Hohenzollern  um  diese  Zeit,  die  später  zum  Teil  auch  für  Brandenburg
bedeutungsvoll  werden  sollten.  Joachims  Bruder  Albrecht  ward  Erzbischof
von  Magdeburg,  Bischof  von  Halberstadt,  Erzbischof  und  Kurfürst  von  Mainz
und  erlangte  die  Kardinalswürde.  Ihr  Vetter  Georg  der  Fromme  von
Ansbach  kaufte  das  Fürstentum  Jägerndorf  in  Oberschlesien,  und  dessen
Bruder  Albrecht  ward  Hochmeister  des  Deutschen  Ordens  und  führte  in
Preußen,  wie  sein  Bruder  Georg  in  Franken,  die  Reformation  ein.

Joachim  stellte  sich  der  Reformation  feindlich  gegenüber.  Zwar  verkannte
er  nicht  die  in  der  römischen  Kirche  vorhandenen  Mißbräuche;  aber  er,  der
so  viel  zur  Unterdrückung  des  Faustrechts  gethan  hatte,  sah  die  von  einem
Manne  des  Volks  ausgehende  Reformation  als  eine  Auflehnung  gegen  die
von  Gott  eingesetzte  geistliche  und  weltliche  Obrigleit  an  und  meinte,  eine
Besserung  der  Kirche  müsse  von  den  Konzilien  ausgehen.  Auch  war  er
persönlich  gegen  Luther  erbittert,  weil  dieser  seinen  Bruder,  den  Erzbischof
von  Magdeburg,  der  den  Ablaßhandel  in  Deutschland  gestattete,  wiederholt
scharf  angegriffen  hatte.  Persönliche  Unterredungen  mit  Luther  bestärkten
den  Kurfürsten  noch  in  seiner  Ansicht;  er  ließ  Bann  und  Acht,  die  über  Luther
verhängt  waren,  in  der  Mark  verkündigen,  verbot  die  Verbreitung  der  lutherischen
Bibelübersetzung  und  unterschrieb  mit  das  Wormser  Edikt  (1521),  das  Luther
und  sein  Werk  vernichten  sollte.  Seine  Abneigung  gegen  die  Reformation
wuchs  noch  durch  den  Bauernkrieg  und  das  ärgerliche  Auftreten  der  Wiedertäufer,
  die  er  beide  als  Folgen  der  Reformation  ansah;  seine  drohenden
Reden  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg  veranlaßten  die  Evangelischen  zur
Bildung  des  Schmalkaldischen  Bundes,  und  von  dem  zwischen  Katholiken  und
Evangelischen  abgeschlossenen  Nürnberger  Religionsfrieden  sagte  er:  „Lieber
will  ich  Land  und  Leute  verlieren,  sterben  und  verderben,  als  in  diesen
Frieden  willigen.“  Dennoch  konnte  er  nicht  verhindern,  daß  sich  die  neue
Lehre  in  seinem  eigenen  Lande  unter  Hohen  und  Geringen  immer  weiter  ausbreitete;
  selbst  des  Kurfürsten  Gemahlin  Elisabeth  war  ihr  von  Herzen  zugethan
  und  ließ  sich  heimlich  das  heilige  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt
reichen.  Als  der  Kurfürst  dies  erfuhr,  drohte  er  ihr  mit  den  härtesten
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        30  Erster  Zeitraum.

Strafen,  selbst  mit  Einmauern,  wofern  sie  nicht  von  ihrem  Irrtume  abließe.
Deshalb  floh  sie  zu  ihrem  Oheim,  dem  Kurfürsten  Johann  dem  Beständigen
von  Sachsen,  der  ihr  ein  Schloß  in  der  Nähe  Wittenbergs  anwies,  wo  sie,
in  regem  Verkehr  mit  Luther,  ungestört  ihrem  evangelischen  Glauben  leben
durfte.  Erst  lange  nach  dem  Tode  ihres  Gemahls,  der  vergeblich  ihre  Auslieferung
  verlangt  hatte,  kehrte  sie  (1545)  nach  Brandenburg  zurück.
Joachim  II.  Hektor  (1535—1571)  mußte  nach  der  Bestimmung  seines
Vaters  seinem  Bruder  Johann  die  Neumark  und  Kottbus  überlassen.  Beide
Brüder  hatten  eine  sehr  sorgfältige  Erziehung  empfangen;  besonders  erregte
Joachims  Bildung  die  Bewunderung  seiner  Zeitgenossen.  Dabei  war  er
wohlwollend  und  freigebig,  ein  Freund  des  Vergnügens  und  äußeren  Glanzes.
Johann  von  Küstrin  dagegen  war  streng,  genau  und  sehr  sparsam.  Als
einst  ein  Rat  am  Wochentage  in  neumodischen  seidenen  Strümpfen  vor
ihm  erschien,  sagte  Johann:  „Ei,  ei,  Herr  Rat,  habe  auch  solche  Dinger,
trage  sie  aber  nur  sonntags.“  Im  einfachen  Rock  und  meistens  zu  Juß
war  er  fast  immer  unterwegs,  sah  alles  selber  nach,  baute  Landstraßen  und
Brücken,  Wasserleitungen  sowie  die  Festungen  Küstrin  und  Peiz,  kaufte  noch
zwei  neue  Herrschaften  —  Storkow  und  Beeskow  —  und  hinterließ  trotzdem
etwa  14  Millionen  Mark.  Wegen  seiner  vielen  wohlthätigen  Einrichtungen
nannte  man  ihn  wohl  Vater  der  Armen,  wegen  seiner  Sparsamkeit  Johann
Okonomus.  In  der  Sorge  für  die  Armen  wetteiferte  seine  Gemahlin  mit
ihm;  sie  hat  in  Küstrin  die  erste  Apotheke  der  Neumark  errichtet,  der  sie  die
Verpflichtung  auferlegte,  den  Armen  Arzeneien  unentgeltlich  zu  liefern.
Beiden  Brüdern  hatte  der  Vater  vor  seinem  Abscheiden  geboten,  der
katholischen  Lehre  treu  zu  bleiben,  aber  beide  waren  schon  damals,  wie  ihre
Mutter,  evangelisch  gesinnt.  Johann  führte  mit  Luthers  Beirat  die  Resormation
  schon  1537  ein  und  trat  dem  Schmalkaldischen  Bunde  bei.  Joachim
zögerte  noch.  Die  Verwandten  seiner  zweiten  Gemahlin,  Hedwig  von  Polen,
waren  streng  katholisch;  er  aber  hoffte,  von  Polen  die  Mitbelehnung  im  Herzogtum
  Preußen  zu  erlangen.  Auch  suchte  er  noch  zwischen  den  beiden
kirchlichen  Parteien  zu  vermitteln  und  erwartete  eine  Beilegung  der  religiösen
Streitigkeiten  durch  ein  Konzil.  Aber  in  der  Mark  „dürstete  das  Volk
wunderbar  nach  der  neuen  Lehre“,  die  bei  den  Städtern  schon  weite  Verbreitung
  gefunden  hatte;  auch  viele  Prediger  und  vor  allem  der  Bischof
von  Brandenburg,  Matthias  von  Jagow,  waren  ihr  zugethan.  Deshalb
führte  Joachim  II.  gleichfalls  die  Reformation  in  Brandenburg  ein,
indem  er  (1.  Nov.  1539)  in  Spandau  zuerst  eine  lutherische  Predigt  hörte
und  dann  nebst  seiner  Familie,  vielen  Hof=  und  Staatsbeamten,  Edelleuten
und  allen,  welche  sonst  Verlangen  danach  trugen,  das  heilige  Abendmahl  in
beiderlei  Gestalt  aus  der  Hand  jenes  Bischofs  nahm.  Zugleich  erließ  er  eine
Verordnung,  in  welcher  er  den  Gemeinden  anheimgab,  ihren  Gottesdienst
gleichfalls  nach  evangelischer  Weise  einzurichten.  Der  größte  Teil  des  Adels
und  die  meisten  Städte  machten  sogleich  davon  Gebrauch.  Nur  wenige  hielten
am  alten  Glauben  fest.  Viele  Mönche  der  alsbald  aufgehobenen  Klöster
gingen  heimlich  davon  und  nahmen  an  Klostergut,  soviel  sie  vermochten;  die,
welche  in  denselben  zurückblieben,  erhielten  dort  ihren  Unterhalt  bis  an  ihr
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        5.  Der  innere  Ausbau.  31

Lebensende.  Nach  dem  Vorbilde  anderer  evangelischer  Landesfürsten  betrachtete
sich  der  Kurfürst  als  obersten  Bischof  der  evangelischen  Kirche  seines  Landes.
Als  solcher  erließ  er  im  folgenden  Jahre  eine  neue  Kirchenordnung,  die
unter  Luthers  und  Melanchthons  Beirat  ausgearbeitet  und  von  den  Ständen
gebilligt  war.  Dann  ordnete  er  eine  Kirchenvisitation  an,  ernannte  einen

 

 

    
 
  
  
 

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Joachim  II.  empfängt  das  heilige  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt.
(Relief  von  Eucke  am  Denkmal  Joachims  II.  in  Spandau.)

Generalsuperintendenten  für  die  Mark  und  setzte  ein  Konsistorium  ein.  Da  den
Evangelischen  an  einer  Verbreitung  religiöser  Erkenntnis  unter  dem  Volke
gelegen  sein  mußte,  so  hatte  die  Einführung  der  Reformation  auch  eine  Vermehrung
  und  Hebung  der  Schulen  im  Gefolge.  Das  Vermögen  der  Klöster
und  Stifter  wurde  meistens  von  dem  Landesherrn  eingezogen  und  zum  Teil
zur  Unterstützung  der  Kirchen  und  Schulen  verwandt.  Auch  im  Erzstifte
Magdeburg,  wo  nach  dem  Tode  des  Erzbischofs  Albrecht  zwei  Söhne
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        32  Erster  Zeitraum.

Joachims  II.  zu  Erzbischöfen  gewählt  wurden,  führten  die  Hohenzollern
die  Reformation  durch.  Zwar  vor  thatkräftigem  Eingreifen  schrak  Joachim
noch  zurück;  dem  Schmalkaldischen  Bunde  trat  er  nicht  bei.  Insofern  ent—
sprach  er  nicht  seinem  Beinamen  Hektor,  den  er  sich  als  Kronprinz  in  den
Türkenkriegen  erworben  hatte.  Doch  als  der  Kurfürst  von  Sachsen  nach
seiner  Niederlage  bei  Mühlberg  1547  von  Kaiser  Karl  V.  zum  Tode  verurteilt
worden  war,  eilte  Joachim  sofort  in  Karls  Lager  und  erwirkte  die  Zurück—
nahme  des  Todesurteils.  Bald  sollte  die  Zeit  kommen,  wo  die  evangelische
Kirche  an  den  brandenburgisch-preußischen  Hohenzollern  die  kräftigsten  Be—
schützer  fand;  andererseits  ist  Brandenburg  durch  den  Protestantismus  groß
geworden.

Ebenso  nicht  durch  Krieg,  sondern  auf  dem  Wege  der  Verhandlung  hat
Joachim  II.  den  Grund  zu  zweien  der  wichtigsten  Vergrößerungen  des  Staates
gelegt,  indem  er  die  Anwartschaft  auf  Schlesien  und  Preußen  erwarb.
Er  schloß  1537  mit  dem  Herzog  Friedrich  von  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau,
der  seine  Länder  vor  einem  katholischen  Herrn  bewahren  wollte,  eine  Erb—
verbrüderung,  nach  welcher  beim  Aussterben  des  herzoglichen  Hauses
dessen  Länder  an  Brandenburg,  dagegen,  wenn  das  Haus  Hohenzollern—
Brandenburg  vor  jenem  erlöschen  sollte,  die  „böhmischen  Lehen“,  nämlich
Kottbus,  Krossen,  Züllichau  und  einige  andere  Herrschaften,  dem  Hause  Liegnitz
zufallen  sollten.  Später  bekräftigten  beide  Fürsten  diesen.  Vertrag  durch  eine
Doppelheirat  zwischen  ihren  Kindern.  König  Ferdinand  erklärte  als  König
von  Böhmen  und  Lehnsherr  von  Schlesien  die  Erbverbrüderung  für  ungültig,
obgleich  dem  Herzog  von  Liegnitz  vom  Könige  Wladislaus  von  Böhmen  1511
das  Verfügungsrecht  über  alle  seine  Länder  ausdrücklich  zugestanden  worden
war,  und  erzwang  von  den  Söhnen  des  Herzogs  die  Herausgabe  der  Urkunde;
ja  er  versuchte  dasselbe  auch  bei  Joachim,  jedoch  ohne  Erfolg.  —  Die  zweite
Vergrößerung  wurde  dadurch  angebahnt,  daß  Joachim  II.,  wenn  auch  durch
große  Geldopfer,  vom  Könige  von  Polen  1569  die  Mitbelehnung  in  Preußen
erlangte.

Der  Kurfürst  war  ein  großer  Freund  von  glänzenden  Nitterspielen,
Tierhetzen,  Jagden,  Wettrennen  und  Volksspielen;  aber  er  freute  sich  am
meisten,  wenn  das  Volk  an  denselben  teilnahm,  und  mischte  sich  wohl  selbst
in  das  Spiel.  Er  ließ  das  Berliner  Schloß  umbauen,  das  Schloß  zu  Köpenick
neu  errichten  und  begann  den  Bau  der  Festung  Spandau.  Geschickte  Maler,
Bildhauer,  Baumeister  und  Musiker  halfen,  den  Glanz  des  kurfürstlichen  Hofes
zu  erhöhen.  Die  Ausgaben  des  Kurfürsten  überstiegen  allerdings  seine  Einnahmen;
  deshalb  mußte  er  die  Stände  wiederholt  um  Geldbewilligungen
angehen.  Die  Stände  übernahmen  zwar  die  Landesschulden,  ließen  sich  dafür
aber  die  wichtigsten  landesherrlichen  Vorrechte  abtreten:  der  Kurfürst  durfte
ohne  ihre  Einwilligung  „keine  wichtige  Sache,  daran  der  Lande  Gedeih  und
Verderb  gelegen“,  vornehmen,  nicht  einmal  ein  Bündnis  schließen;  sie  überwachten
  ferner  die  Schuldenverwaltung  und  ließen  durch  eigene  Beamte  die
Steuern  einziehen  und  verwalten.  Aber  auch  jetzt  wollten  die  Einnahmen
nie  reichen;  die  Einführung  indirekter  Steuern,  die  der  Kanzler  Distelmeyer
empfahl,  scheiterte  an  dem  Widerspruch  der  Städte.  Die  Juden  wurden
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        5.  Der  innere  Ausbau.  33

wegen  des  zu  zahlenden  Schutzgeldes  wieder  in  das  Land  aufgenommen;  einer
derselben,  Lippold,  der  besonders  findig  war,  des  Kurfürsten  Einnahmen
zu  vermehren,  erlangte  sogar  die  Würde  eines  kurfürstlichen  Münzmeisters
und  wurde  in  wenigen  Jahren  aus  einem  armen  ein  steinreicher  Mann.  In
der  Mark  herrschte  überall  Wohlstand,  wovon  die  vielen  Verordnungen  des
Kurfürsten  gegen  den  Luxus  zeugen.  Namentlich  blühten  damals  die  Gewerbe.
In  Stendal  allein  gab  es  800  Tuchmachermeister;  auch  Eisenwerke,  Kupferhämmer
  und  Papiermühlen  fehlten  der  Mark  nicht  mehr.

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Ende  des  Jahres  1570  empfing  Joachim  die  Nachricht  von  der  schweren
Erkrankung  seines  Bruders  Johann.  Von  diesem  Augenblicke  an  war  der  sonst
so  lebensfrohe  Fürst  wie  umgewandelt;  er  beschäftigte  sich  nur  noch  mit  den
Gedanken  an  Gott,  Tod  und  Ewigkeit  und  starb  schon  am  3.  Januar  1571
im  Schlosse  Köpenick  noch  vor  seinem  Bruder,  der  ihm  nach  elf  Tagen  folgte.
Da  dieser  keinen  Sohn  hinterließ,  so  wurden  die  Marken  wieder  vereinigt
und  sind  seitdem  nicht  wieder  getrennt  worden.

Durch  ein  seltsames  Ereignis  wurde  1540  das  Ende  des  Fehdewesens  bezeichnet,
seltsam  deswegen,  weil  der  Landfriedensbrecher  nicht  ein  Fürst  oder  Ritter,  sondern

ein  Kaufmann  war.  Weil  der  Kaufmann  Kohlhase  in  Berlin  von  einem  sächsischen
Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  3
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        34  Erster  Zeitraum.

Edelmann  Unbill  erlitten,  dafür  aber  von  dessen  Obrigkeit  nicht  Genugthuung  er—
halten  hatte,  schickte  er  dem  Kurfürsten  von  Sachsen  einen  Fehdebrief,  bewaffnete
seine  Knechte  und  fiel  in  sächsisches  Gebiet  ein.  Mehrere  Jahre  trieb  er  sein  Räuberwesen
  mit  Glück,  wegelagerte  auch  in  Brandenburg  und  bot  seinem  eigenen  Landesberrn
  Troß,  bis  es  endlich  gelang,  ihn  zu  ergreifen;  er  wurde  1540  in  Berlin  hingerichtet.


Johann  Georg  (1571—1597)  war  bei  seinem  Regierungsantritt
45  Jahre  alt  und  hatte  schon  lange  mit  Ingrimm  beobachtet,  wie  Schmeichler
seines  Vaters  Gutmütigkeit  in  schnöder  Weise  mißbrauchten.  Er  entließ  sofort
  sämtliche  Räte  seines  Vaters  mit  Ausnahme  des  redlichen  Kanzlers  Distelmeyer
  und  verhängte  über  die  Schuldigen  schwere  Strafen.  Der  allgemein
verhaßte  Lippold  wurde  gerädert;  alle  übrigen  Juden  wurden  aus  dem  Lande
gejagt.  Durch  große  Sparsamkeit  gelang  es  dem  Kurfürsten,  die  übernommenen
  Schulden  zu  tilgen.  Gewerbe  und  Ackerbau  wurden  aufs  neue
durch  Einwanderung  von  Niederländern  gefördert,  welche  vor  der  Glaubenstyrannei
  Philipps  II.  ihre  Heimat  verließen.  Um  das  Schulwesen  machte
sich  der  Kurfürst,  der  selber  die  Universität  Frankfurt  besucht  hatte,  verdient;
er  unterstützte  diese  Hochschule  sehr  freigebig  und  sorgte  für  eine  bessere  Vorbildung
  der  Studierenden  durch  Errichtung  eines  Gymnasiums  „Zum  grauen
Kloster“  in  Berlin.  Sein  Leibarzt  Leonhard  Thurneysser,  der  allerdings
  auch  alchimistische  Studien  trieb,  wandte  durch  Anlegung  einer  Buchdruckerei
  und  durch  Pflege  der  Formschneidekunst  der  Mark  erheblichen  Gewinn
  zu.  Die  Verbindung  zwischen  Brandenburg  und  Preußen  befestigte  der
Kurfürst  dadurch,  daß  er  seinen  Enkel  Johann  Sigismund  mit  Anna,  der
ältesten  Tochter  des  Herzogs  Albrecht  II.  Friedrich  von  Preußen,  vermählte.

Joachim  Friedrich  (1597—1608)  hatte  schon  23  Jahre  das  Erzbistum
Magdeburg  verwaltet,  wobei  er  sich  eine  große  Umsicht  und  Festigkeit  in
Verwaltungssachen  sowie  eine  genaue  Kenntnis  der  auswärtigen  Staatsverhältnisse
  erworben  hatte.  Sein  Vater  hatte  einem  jüngeren  Sohne  die
Neumark  vermacht,  Joachim  Friedrich  wollte  das  Testament  nicht  anerkennen
und  berief  sich  auf  das  Hausgesetz  von  Albrecht  Achilles.  Glücklicherweise
trat  sein  Schwager,  der  hochbetagte  und  kinderlose  Markgraf  Georg  Friedrich
von  Ansbach,  das  Haupt  und  der  letzte  Sproß  der  fränkischen  Hohenzollernlinie,
  vermittelud  ein,  und  in  dem  Hausvertrage  zu  Gera  (1598)  wurde
zunächst  das  Hausgesetz  des  Albrecht  Achilles,  also  die  Unteilbarkeit  des  Kurfürstentums
  und  die  Vererbung  desselben  nach  dem  Recht  der  Erstgeburt,
abermals  anerkannt  und  ferner  bestimmt,  daß  zwei  jüngere  Brüder  Joachim
Friedrichs  nach  dem  Tode  Georg  Friedrichs  Ansbach  und  Bairenth  erben
sollten;  der  Kurfürst  sollte  von  dem  Erbe  des  Oheims  nur  das  von  Georg
Friedrichs  Vater  angekaufte  Jägerndorf  in  Oberschlesien  erhalten.  Joachim
Friedrich  gab  dies  Herzogtum  später  (1607)  seinem  Sohne  Johann  Georg;
doch  sollte  es,  falls  dessen  Linie  ausstürbe,  an  Brandenburg  zurückfallen.
Damit  die  preußische  Erbschaft  unwidersprechlich  an  Brandenburg  falle,  heiratete
der  Kurfürst,  als  er  Witwer  wurde,  die  jüngere  Tochter  des  Herzogs  von
Preußen,  der  keine  Söhne  hatte,  und  bewog  durch  reiche  Geschenke  den  König
und  den  Reichsrat  von  Polen,  ihn  zum  Statthalter  in  Preußen  und  zum
Vormund  des  gemütskranken  Herzogs  einzusetzen.  Damit  wuchs  aber  auch
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        6.  Ältere  Geschichte  Preußens.  35

die  Arbeit  des  Kurfürsten.  Auch  die  Staatsgeschäfte  im  eigenen  Lande,  das
sich  durch  die  erst  jetzt  vollständig  eingezogenen  Landesbistümer  Brandenburg,
Havelberg  und  Lebus  vergrößert  hatte,  wurden  von  Jahr  zu  Jahr  verwickelter.
Deshalb  setzte  Joachim  Friedrich  (1605)  ein  „Geheimrats-Kollegium“
ein,  das  die  auswärtige  Politik  und  die  Finanzen  verwaltete,  für  die  Handelsund
  Verkehrsinteressen  sowie  für  die  Landesverteidigung  sorgte.  Es  bildet
den  ersten  Anfang  zu  dem  preußischen  Staatsministerium.  Freilich
wurden  diese  Reformen,  die  das  Ansehen  und  den  Einfluß  der  Stände  hätten
beseitigen  können,  wieder  unterbrochen,  so  daß  der  Große  Kurfürst  später
von  vorn  anfangen  mußte.  Um  tüchtige  Beamte  zu  erziehen,  gründete  der
Kurfürst  zu  Joachimsthal  bei  dem  Jagdschlosse  Grimnitz  in  der  Uckermark
ein  Gymnasium  und  stattete  es  mit  Einkünften  so  reichlich  aus,  daß  es
130  teils  adelige,  teils  bürgerliche  Schüler  unentgeltlich  erziehen  konnte.  —
Ebenso  segensreich  wie  der  Kurfürst  waltete  auch  seine  erste  Gemahlin
Katharina,  eine  Tochter  Johanns  von  Küstrin.  Sparsam  und  wirtschaftlich
wie  ihr  Vater,  betrieb  sie  in  der  köllnischen  Vorstadt  eine  Molkerei,  deren
Milch  auf  dem  „Molkenmarkte"“  verkauft  wurde.  Den  dabei  erzielten  Gewinn
sowie  ihre  sonstigen  Ersparnisse  benutzte  sie,  die  Not  der  Armen  zu  lindern;
auch  gründete  sie  die  Schloßapotheke,  die  den  Armen  die  Arzeneien  unentgeltlich
  lieferte.  Wie  Vater  und  Mutter  waltete  das  kurfürstliche  Paar
unter  seinem  Volke.

6.  Altere  Geschichte  Hreußens.

Das  Land  der  heutigen  Provinzen  Ost=  und  Westpreußen  mit  seiner
Bernsteinküste  war  schon  den  alten  Phöniziern  bekannt;  aber  in  das  Licht
der  Geschichte  tritt  es  doch  erst  ums  Jahr  1000  n.  Chr.  Die  Römer
nannten  die  Bewohner  der  baltischen  Küste  Astier,  d.  i.  Ostleute;  später  kam
für  sie  der  noch  nicht  genügend  erklärte  Name  Prussen  oder  Preußen  in
Gebrauch,  während  jener  Name  auf  das  im  heutigen  Esthland  wohnende
Volk  der  Finnen  übertragen  wurde.  Die  Preußen  gehören  zu  dem  großen
litauischen  Stamm,  der  in  Körpergestalt  und  Sitte  vielfach  an  die  alten
Deutschen  erinnert;  die  Küstenbevölkerung  war  mit  normannischem  Blute
durchsetzt.  Die  Religion  der  Preußen  war  wie  die  aller  Heiden  Verehrung
der  Naturkräfte:  Sonne,  Mond,  Sterne,  Blitz,  Donner,  Bäume,  Seen  und
viele  Tiere  waren  ihnen  heilig;  doch  beteten  sie  auch  persönliche  Götter  in
heiligen  Hainen  an.  Als  höchste  Opfergabe  galten  Menschen  und  weiße
Pferde.  Die  Preußen  wohnten  an  den  lichten  Stellen  der  Wälder,  an  den
Ufern  der  Seen  und  Flüsse  auf  einzelnen  Höfen  oder  in  offenen  Dörfern;
Städte  gab  es  in  ihrem  Lande  nicht.  Sie  bildeten  auch  nicht  einen  gemeinsamen
  Staat;  die  einzelnen  Landschaften,  wie  Kulm,  Pomesanien,  Ermland
und  Samland,  standen  unter  Häuptlingen;  dennoch  hat  das  tapfere  Volk,
unterstützt  durch  die  Sümpfe,  Seen  und  Wälder  des  Landes,  seine  Freiheit
und  seine  Religion  lange  siegreich  verteidigt.

Den  ersten  Versuch,  die  Preußen  zum  Christentum  zu  bekehren,  machte
(997)  Bischof  Adalbert  von  Prag.  Zuerst  predigte  er,  durch  den  König
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        36  Erster  Zeitraum.

von  Polen  ermutigt,  bei  Danzig,  dann  im  Samland,  wo  man  ihn  freundlich
aufnahm;  als  er  sich  aber  gegen  die  Götter  der  Preußen  wandte,  ward  er
verjagt.  Auf  der  Rückfahrt  zur  Weichselmündung  stieg  er  noch  einmal  ans
Land  und  kam  ohne  sein  Wissen  in  einen  heiligen  Hain;  sofort  stürzten  die
Eingeborenen  herbei,  und  als  er  ihrer  Aufforderung,  den  heiligen  Ort  zu
verlassen,  nicht  folgte,  stürmten  sie  auf  ihn  ein  und  durchbohrten  ihn.  Der
König  von  Polen  löste  die  Leiche  aus  und  bereitete  ihr  in  Gnesen  die  letzte
Ruhestätte.  Wenige  Jahre  später  nahm  ein  sächsischer  Edelmann,  der  vom
Papst  zum  Erzbischof  unter  den  östlichen  Heiden  geweihte  Brun  von  Querfurt,
  das  Werk  Adalberts  wieder  auf;  aber  auch  er  wurde  samt  seinen  Begleitern
  von  den  Preußen  erschlagen  (1009).  Zweihundert  Jahre  später
(1209)  versuchte  der  Mönch  Christian  aus  dem  Kloster  Oliva  bei  Danzig
das  Bekehrungswerk  von  neuem  und  gewann  in  kurzer  Zeit  einc  beträchtliche
Zahl  heidnischer  Preußen  für  das  Christentum,  so  daß  der  Papst  ihn  schon
zum  Bischof  von  Preußen  ernannte;  sowie  aber  die  Preußen  merkten,  daß
ihnen  mit  der  neuen  Lehre  auch  die  Herrschaft  der  Polen  gebracht  werde,
überfielen  sie  die  Getauften  und  die  christlichen  Sendboten,  von  denen  nur
wenige  mit  dem  Leben  davonkamen.  Damit  noch  nicht  zufrieden,  verheerten
sie  auch  noch  das  schon  halb  bekehrte  Kulmer  Land  und  das  polnische  Masovien,
wo  über  300  Kirchen  und  Kapellen  in  Asche  sanken.  Da  bot  Christian  mit  des
Papstes  Unterstützung  einen  Kreuzzug  der  Nachbarvölker  gegen  die  Preußen
auf;  als  die  Kreuzfahrer  aber  wieder  abzogen,  ging  das  Gewonnene  bald  wieder
verloren.  Die  Preußen  fielen  racheschnaubend  in  Pommern  ein,  verbrannten
das  Kloster  Oliva  und  verheerten  Masovien  noch  ärger  als  das  erste  Mal.
Ein  von  dem  Herzog  von  Masovien  gegen  sie  gestifteter  Ritterorden  hatte
ebensowenig  Erfolg:  in  mörderischem  Kampfe  fielen  alle  Ritter  bis  auf  fünf.

Da  wandten  sich  Herzog  Konrad  von  Masovien  und  Bischof  Christian
mit  der  Bitte  um  Hilfe  an  Hermann  von  Salza,  den  Hochmeister  des
Deutschen  Ordens.  Dieser  Orden  war  1190  auf  dem  dritten  Kreuzzuge
zur  Pflege  deutscher  Verwundeter  gestiftet  und  einige  Jahre  später  nach  dem
Vorbilde  des  Johanniter=  und  des  Templerordens  als  Ritterorden  eingerichtet
worden.  Die  Mitglieder  zerfielen  in  Ritter,  Geistliche  und  dienende  Brüder;
sie  nahmen  die  Mönchsgelübde  der  Armut,  der  Ehelosigkeit  und  des  strengsten
Gehorsams  gegen  die  Vorgesetzten  auf  sich,  die  Ritter  verpflichteten  sich  außerdem
  zur  Beschützung  der  Pilger  und  zur  Bekämpfung  der  Ungläubigen.  An
der  Spitze  des  Ordens  stand  der  Großmeister.  Weil  der  Ordensmeister
Hermann  von  Salza  Kaiser  Friedrich  II.  auf  seinem  Kreuzzuge  unterstützt
hatte,  wurde  er  in  den  Stand  der  deutschen  Reichsfürsten  erhoben  und  nannte
sich  seitdem  Hochmeister.  Er  nahm  den  Ruf  nach  Preußen  an  und  eröffnete
dadurch  seinem  Orden  statt  des  aussichtslosen  Kampfes  um  das  heilige  Land
eine  erfolgreiche  Aufgabe.  Das  Kulmer  und  Löbauer  Land  wurde  dem
Orden  zur  ersten  Niederlassung  angeboten,  Kaiser  und  Papst  aber  versprachen
ihm  alles  Land,  das  er  erobern  werde.  Die  erste  kleine  Kriegerschar  führte
der  Landmeister  Hermann  Balk  (1230)  nach  Preußen;  es  waren  ihrer  nur
wenige,  und  niemals  sind  mehr  denn  150  Ordensritter  gleichzeitig  ins  Feld
gezogen;  aber  sie  waren  auch  nur  die  Feldherren,  ihnen  folgte  ein  ganzes
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        6.  Ältere  Geschichte  Preußens.  37

Heer  Krieger  und  Ansiedler  des  deutschen  Volkes.  Denn  kaum  hatten  sich
die  Ritter  im  südwestlichen  Winkel  Preußens  festgesetzt  und  die  Burgen  Thorn
und  Kulm  angelegt,  so  erschien  auch  schon  ein  Kreuzheer,  und  dem  Kreuze

 

 

 

 

 

 

und  dem  Schwerte  folgte  der  Pflug.  Aus  vielen  Kreuzfahrern  wurden  Ansiedler,
  die  unter  dem  Schutze  des  Ordens  das  Land  anbauten.  Innerhalb
eines  Jahres  hatten  sich  um  die  neu  errichteten  Burgen  die  Städte  Kulm
und  Thorn  erhoben.  Eine  schwere  Zeit  kam  indes  über  die  Ritter  und
Kolonisten,  sobald  das  Kreuzheer  wieder  abgezogen  war;  nur  mit  änußerster
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        38  Erster  Zeitraum.

Anstrengung  vermochten  sie  sich  in  Burgen,  Blockhäusern,  Sümpfen,  auf
Inseln  und  selbst  auf  Bäumen  so  lange  zu  halten,  bis  ein  neues  Kreuzheer.
ihrer  Not  ein  Ende  machte.  Aber  sie  hielten  aus  und  überstanden  den  Sturm.

Und  ob  der  Pole  spöttisch  höhnt,

Daß  sie  wie  Vögel  sind  gewöhnt,

Die  auf  den  Bäumen  bann  ihr  Nest:

Baut  ihr  nur  weiter  still  und  fest!

Bald  wird's  den  Feinden  schrecklich  klar,

Von  welcher  Art  der  Vogel  war:

Der  Vogel  auf  der  Preußen-Eiche,  ·
Er  baut  den  Adlerhorst  dem  Reiche.  Gelix  Dahn.)

Vom  Kulmer  Lande  aus  drangen  die  Eroberer  am  rechten  Weichselufer  abwärts
  und  zugleich  nach  Osten  vor,  immer  Burgen  bauend  und  Städte
gründend,  indem  die  Hansa  ihnen  von  der  Seeseite  her  zu  Hilfe  kam  und  um
die  Burg  Elbing  eine  Stadt  errichtete.  Da  fiel  ihnen  der  neidische
Pommernherzog  in  den  Rücken,  und  die  bereits  unterworfenen  Stämmc  erhoben
  sich;  jahrelang  mußten  die  Deutschen  nun  nach  zwei  Seiten  sich  wehren,
sie  behielten  aber  den  Sieg.  Mit  Hilfe  eines  großen  Kreuzheeres,  welches
König  Ottokar  von  Böhmen  heranführte,  ward  Samland  bezwungen,  und
am  Pregel  erhob  sich  1255  Burg  und  Stadt  Königsberg,  Ottokar  zu
Ehren  so  genannt.  Als  der  Orden  (1260)  durch  die  Litauer  eine  große
Niederlage  erlitt,  erhob  sich  ganz  Preußen  noch  einmal  zu  einem  letzten,  verzweifelten
  Kampfe;  wohl  fielen  Tausende  unter  dem  Ordensbanner,  aber  sie
wurden  immer  wieder  durch  neue  Kreuzfahrer  ersetzt,  und  1283  war  auch
der  letzte  Aufstand  unterdrückt.  Viele  der  unterworfenen  Preußen  ließen  sich
taufen,  die  Mehrzahl  aber  wanderte  nach  Litauen  aus,  um  der  Fremdherrschaft
und  dem  Christentum  zu  entgehen.  In  fünfzigjähriger  Blutarbeit  ward
somit  Preußen  unterworfen.  »
Um  die  Zahl  der  deutschen  Einwanderer  noch  zu  vergrößern,  gewährte
der  Orden  ihnen  durch  die  sogenannte  „kulmische  Handfeste“  große  Freiheiten:
sie  durften  ihre  Obrigkeiten  selber  wählen  und  brauchten  dem  Orden  nur
geringe  Abgaben  zu  zahlen.  Nun  strömte  die  überschüssige  Kraft,  besonders
aus  Niedersachsen,  herbei.  Neue  Dörfer  wurden  von  den  Unternehmern  unter
Gewährung  derselben  Vergünstigungen  wie  früher  in  Brandenburg  angelegt.
Niederländische  und  deutsche  Einwanderer,  welche  mit  dem  Wasserbau  vertraut
waren,  deichten  die  untere  Weichsel  und  Nogat  ein  und  verwandelten  dadurch
die  bis  dahin  sumpfigen  Gegenden  in  fruchtbares  Marschland.  Die  aus
Deutschland  einwandernden  Adeligen  erhielten  erblichen  Grundbesitz,  wofür
sie  Kriegsdienste  leisten  mußten.  Auch  die  zahlreichen  deutschen  Städte  erfreuten
  sich  großer  Freiheiten  und  blühten  durch  Handel  und  Gewerbe  bald
auf;  mehrere,  wie  Danzig,  Elbing,  Braunsberg,  Thorn,  Kulm  und  Königsberg,
  traten  frühzeitig  in  den  Hansabund.“)  Nachdem  1291  die  letzte  christliche
  Besitzung  in  Palästina,  Akkon,  an  die  Türken  verloren  gegangen  war,
gab  der  Deutsche  Orden  den  Kampf  um  das  heilige  Land  auf  und  widmete

 

*)  Vgl.  Die,  deutsche  Hanse,  ihre  Geschichte  und  Bedeutung.  Von  Prof.  Dr.
Th.  Lindner.  Mit  zahlreichen  Abbild.  u.  Karte.  2.  Aufl.  Leipzig,  Ferd.  Hirt  &amp;amp;  Sohn.
        <pb n="45" />
        6.  Altere  Geschichte  Preußens.  39

sich  ganz  der  Verwaltung  und  Erweiterung  Preußens.  Deshalb  verlegte
der  Ordensmeister  Siegfried  von  Feuchtwangen  1309  seinen  Sitz  nach
Marienburg  an  der  Nogat,  wo  für  ihn  des  Ordens  Haupthaus  prachtvoll
wie  ein  Königsschloß  erbaut  war.  In  demselben  Jahre  erwarb  der  Orden
erst  durch  Kampf  mit  Waldemar  dem  Großen  (S.  9),  dann  durch  Vertrag
die  von  den  flavischen  Kassuben  bewohnten  Gebiete  zwischen  der  unteren
Weichsel  und  der  Persante,  die  seitdem  den  Namen  Pommerellen  führten.
An  der  Spitze  des  Ordenslandes  stand  der  Hochmeister.  Seine  höchsten
Beamten  und  Ratgeber  waren  die  Großgebietiger;  jede  Provinz,  wie
Preußen,  Livland,  wurde  von  einem  Landmeister  verwaltet.  Ihm  waren

 

 

½—  4
4
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*)  4  7  2
-  ——  v  -  —’'mn  7
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.--


 

 

Das  Hochschloß  der  Marienburg  von  Südosten.

die  Gebietiger  untergeordnet,  denen  für  ihre  Provinz  dieselben  Ver—
pflichtungen  oblagen,  wie  den  Großgebietigern  für  den  ganzen  Orden.  Der
Marschall  befehligte  das  Ordensheer,  der  Spittler  hatte  die  Aufsicht  über
die  Spitäler,  der  Treßler  (trésor  —  Schatz)  hatte  die  Schatzkammern  und  der
uTrapirer  (chap  =  Stoff,  Tuch)  die  Kleidung  und  Waffen  unter  sich.  Die
Ordensritter  waren  über  das  ganze  Land  zerstreut  und  wohnten  ctwa  je
dreißig  zusammen  in  Konventen,  denen  ein  Komtur  vorstand.  Speise
und  Trank  der  Brüder  waren  sehr  mäßig,  oft  kärglich;  alle  schliefen  in  einem
Raume,  ein  Strohsack  war  ihr  Lager,  eine  leichte  Decke  ihr  Schutz  im  ungeheizten
  Zimmer,  ihre  Kleidung  ein  schwarzer  Mantel  und  darüber  ein  weißer
mit  schwarzem  Krenz.  Wohl  dreimal  mußten  sie  jede  Nacht  ihren  Schlaf
        <pb n="46" />
        40  Erster  Zeitraum.

unterbrechen,  um  zu  gemeinsamem  Gottesdienste  zusammenzutreten,  den  Tag

aber  am  Krankenbett  oder  im  Sattel  zubringen.  Da  der  Orden  stets  kand
bereit  sein  mußte,  vermittelte  eine  wohleingerichtete  Post,  die  vollkommenste  des
Mittelalters,  den  Verkehr  zwischen  dem  Ordensmeister  und  den  Ordenshäusern.

Der  blühende  und  mächtige  Orden  machte  indes  an  der  Grenze  Preußens
nicht  Halt,  sondern  richtete  nun  sein  Schwert  gegen  die  weiter  nach  Osten
wohnenden  Heiden,  zunächst  gegen  die  Litauer,  und  wurde  dabei  noch  häufig
durch  Kreuzfahrer  unterstützt,  die  nicht  nur  aus  Deutschland,  sondern  sogar
aus  Frankreich,  England  und  den  Niederlanden  kamen.  Mit  den  Waffen
wurde  die  Insel  Gotland,  durch  Kauf  Esthland  von  den  Dänen  und  die
Neumark  (1402)  von  dem  Hause  Luxemburg  erworben,  so  daß  der  Ordensstaat
  damals  von  der  Oder  bis  zur  Düna  reichte  und  etwa  eine  Million
Einwohner  zählte.  Und  wie  blühte  dieses  Land!  Nirgends  gab  es  einen
so  zahlreichen,  freien  und  wohlhabenden  Mittelstand,  nirgends  waren  die  Abgaben
  niedriger,  Bürger  und  Bauern  sicherer  vor  inneren  und  äußeren
Feinden  sowie  vor  dem  Druck  eines  bevorzugten  Adels,  als  im  Ordenslande.
Die  Handelsstädte,  namentlich  Danzig,  das  Haupt  des  Weichsellandes  und  der
Vorort  des  „preußischen  Quartiers“  der  Hansa,  führten  die  reichen  Erträge  des
Landes  an  Getreide,  Wachs,  Honig,  Bernstein  und  Holz  nach  England  und  den
Niederlanden  und  brachten  gewerbliche  Erzeugnisse  sowie  Wein  und  Salz  zurück.

Der  Kampf  hatte  die  Kraft  der  Ritter  gestählt;  als  aber  Jagiello
von  Litauen,  um  die  Hand  der  Königin  von  Polen  zu  gewinnen,  zum  Christentum
  übertrat  und  auch  seine  Litauer  bewog,  sich  taufen  zu  lassen,  fiel  die
Hauptaufgabe  des  Ordens,  Kampf  gegen  die  Ungläubigen,  fort,  und  die
Kreuzfahrer  blieben  aus.  Die  Ordensritter  verfielen  dem  Müßiggang,  dem
Wohlleben;  ihre  Bedürfnisse  wuchsen  und  mit  ihnen  die  willkürlich  auferlegten
  Steuern.  Darüber  murrten  die  Unterthanen;  namentlich  der  Landadel
  und  die  reichen  Städter  wollten  dem  Orden  nicht  länger  scweigend
gehorchen,  der  sich  fortwährend  durch  junge  Adelige  aus  dem  „Reich“  ergänzte,
  die  sich  um  das  Land  nicht  das  geringste  Verdienst  erworben  hatten
sondern  den  Orden  nur  als  eine  bequeme  Versorgungsanstalt  betrachteten.
Jene  verlangten  als  „Landstände“  Anteil  an  der  Landesverwaltung,  wie  es
in  Deutschland  Sitte  war,  und  als  der  Orden  dies  hochfahrend  zurückwies,
traten  sie  zu  Bündnissen  zusammen,  um  den  Orden  zum  Nachgeben  zu
zwingen.  Am  bekanntesten  ist  der  von  den  westpreußischen  Rittergutsbesitzern
geschlossene  „Eidechsenbund“.

Auf  diese  Zwietracht  bauend,  fiel  Jagiello  mit  einem  großen  Heere  von
Litauern  und  Polen,  die  schon  längst  das  blühende  Ordensland  neidisch  und
gierig  betrachtet  hatten,  sowie  mit  vielen  fremden  Söldnern  ins  Land  ein.
Auch  der  Orden  bot  alle  seine  Kräfte  auf;  aber  bei  Tannenberg  (56.  v.  Löbau)
erlag  er  1410  der  Ubermacht:  der  Hochmeister  selber,  Ulrich  von  Jungingen,
fiel  und  mit  ihm  die  meisten  Gebietiger  und  Ordensbrüder.  Die  Polen  verwüsteten
  alles  Land;  der  Orden  schien  verloren.  Da  warf  sich  der  Komtur
Heinrich  von  Plauen  mit  dem  Reste  des  Heeres  in  die  Marienburg  und
verteidigte  sie  heldenmütig,  bis  die  Polen  abzogen.  Zum  Hochmeister  gewählt,
  erlangte  er  einen  Frieden,  in  welchem  der  Orden  zwar  große  Geld-
        <pb n="47" />
        6.  Ältere  Geschichte  Preußens.  41

opfer  bringen,  aber  nur  geringe  Grenzgebiete  abtreten  mußte.  Dann  wies
er  den  Brüdern  das  einzige  Mittel,  den  Orden  zu  retten:  Erneuerung  der
strengen  Sittenzucht  für  die  Ordensritter,  Anteil  an  der  Regierung  für  die
Stände.  Um  das  Land,  das  nun  schwer  besteuert  werden  mußte,  zu  besänftigen,
bildete  er  aus  Adeligen  und  Bürgern  einen  „Landesrat“,  dem  er  landständische
Rechte  verlieh.  Hierdurch  sowie  durch  das  strenge  Vorgehen  Heinrichs  gegen
unwürdige  Ordensmitglieder  erbittert,  setzte  ihn  das  Ordenskapitel  ab.

Nun  ging  es  mit  dem  Orden  rasch  zu  Ende;  seine  Zuchtlosigkeit  und
Willkürherrschaft  wurden  immer  größer;  in  demselben  Maße  wuchs  aber  auch
die  Unzufriedenheit  der  Unterthanen.  Ritterschaft  und  Städte  schlossen  zur
Verteidigung  ihrer  Gerechtsame  den  „Preußischen  Bund“.  Vergebens  wandte
sich  der  Hochmeister  an  den  ohnmächtigen  Kaiser  Friedrich  III.  Zwar  befahl
dieser  dem  Bunde  sich  aufzulösen;  der  aber  kehrte  sich  nicht  daran,  sondern
erklärte  dem  Orden  den  Krieg  und  rief  die  Polen  ins  Land.  Vom  Kaiser
im  Stich  gelassen,  verlor  der  Orden  ein  Stück  Landes  nach  dem  andern;  um
Geld  für  Söldner  zu  erlangen,  verpfändete  er  sogar  die  Neumark  (1455)
an  Brandenburg.  Als  auch  dieses  nicht  mehr  reichte,  verkauften  die  Söldner
die  Marienburg,  und  weinend  verließ  (1457)  der  Ordensmeister  das  glänzende
Haupthaus  für  immer.  In  Ostpreußen  waren  viele  Lehnsleute  und  Städte
dem  Orden  treu  geblieben,  und  so  kämpfte  ein  Teil  der  preußischen  Stände
wider  den  andern.  Durch  den  Verlust  der  Neumark  und  Westpreußens  von
Deutschland  abgeschnitten,  erhielt  der  Orden  auch  dorther  keine  Unterstützung
mehr  und  mußte  endlich  1466  in  den  schimpflichen  Frieden  zu  Thorn
willigen,  in  welchem  er  nur  Ostpreußen  als  polnisches  Lehen  behauptete,
Westpreußen,  das  Bistum  Ermeland  sowie  Elbing  und  Thorn  aber
an  Polen  abtreten  mußte.  Dazu  sollte  künftig  die  Hälfte  der  Ordensritter
Polen  sein.  Der  Hauptsitz  des  Ordens  ward  nach  Königsberg  verlegt.

Preußen  war  stark  verheert,  und  auf  dem  platten  Lande  nistete  sich
jetzt  das  Slaventum  ein;  in  den  wohlhabenden  Städten  dagegen  hielt  sich
das  deutsche  Wesen,  und  namentlich  Danzig  erlangte  als  wichtigste  polnische
Hafenstadt  erst  unter  Polen  seine  höchste  Blüte.  Gegen  Ende  des  fünfzehnten
Jahrhunderts  ward  es  der  wichtigste  Hafenplatz  des  nordöstlichen  Europa.
Aus  den  weiten  Gebieten  von  Polen,  Galizien  und  Ungarn  führte  es  besonders
  Holz  und  Korn  aus  und  brachte  Heringe,  Salz  und  Kunsterzeugnisse
  dorthin.  In  einem  Jahre  sandte  es  1100  Schiffe  mit  Korn  nach  Holland.
  Die  Danziger  Schiffswerfte  lieferte  Schiffe  selbst  bis  nach  Portugal.

Die  Macht  des  Ordens  war  gebrochen;  vergebens  machte  er  den  Versuch,
wenigstens  Ostpreußen  von  der  polnischen  Lehnshoheit  zu  befreien.  Um  mehr
Teilnahme  im  Reich  zu  finden,  wählte  er  seine  Hochmeister  aus  berühmten
und  mächtigen  deutschen  Fürstenhäusern,  zunächst  Friedrich  von  Meißen  aus
dem  Hause  der  Wettiner;  aber  vergebens  bemühte  dieser  sich  bei  Kaiser  und
Papst  um  Hilfe.  Nach  seinem  Tode  stellte  der  Orden  1511  Albrecht  von
Brandenburg-Ansbach,  den  Schwestersohn  des  polnischen  Königs,  an  seine
Spitze.  Als  dieser  von  seinem  Oheim  den  Verzicht  auf  die  Lehnshoheit  durch
Güte  nicht  erlangen  konnte,  griff  er  zum  Schwerte,  doch  ohne  Erfolg.  Dann
eilte  er  nach  Deutschland  und  klopfte  überall  um  Hilfe  an,  aber  umsonst.
        <pb n="48" />
        42

Ersier  Zeitraum.

Da  rieten  ihm  Luther  und  Melanchthon,  den  Orden  aufzuheben  und  Preußen

in  ein  weltliches  Herzogtum  zu  verwandeln.

 

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Denkmal  Albrechts  von  Brandenburg
am  Schlosse  zu  Königsberg.

der

 

Preußen  war  schon  durchweg
lutherisch  gesinut,  der  Bischof  von
Samland  und  viele  Ordensritter
hingen  bereits  der  neuen  Lehre  an;
deshalb  schloß  Albrecht  1525  den
Vertrag  zu  Krakan,  in  welchem
er  den  König  von  Polen  als  Lehnsherrn,
  dieser  ihn  als  erblichen
Herzog  in  Preußen  anerkannte.
Darauf  löste  er  unter  Zustimmung
meisten  Ordensbrüder  den
Orden  auf,  trat  samt  ihnen  zur
lutherischen  Lehre  über  und  verheiratete
  sich.  Außerhalb  Preußens
bestand  der  Deutsche  Orden  weiter;
der  neugewählte  Hochmeister  nahm
seinen  Sitz  in  Mergentheim  in
Schwaben.  Dem  Beispiele  Ostpreußens
  folgten  auch  Kurland  und
Livland;  der  Landmeister  Kettler
übergab  das  Land  dem  Könige  von
Polen  und  wurde  von  diesem  mit
Kurland  als  einem  erblichen  Herzogtum
  belehnt.  Auch  Westpreußen
nahm  bald  die  Reformation  an,
die  ein  Hebel  des  Deutschtums
wurde.  Unter  ihrem  belebenden
Schein  erwachte  überall  in  den
Ostseeprovinzen  ein  regeres  Geistesleben;
  zur  Stütze  desselben  gründete
Albrecht  1543  die  Universität
Königsberg.  In  demselben  Jahre
starb  der  berühmte  ostpreußische  Gelehrte
  Nikolaus  Kopernikus,  Dompropst
  zu  Frauenburg,  der  die  Entdeckung
  machte,  daß  die  Erde  nicht
still  steht,  sondern  als  Wandelstern
die  Sonne  umkreist.  1

Doch  auch  als  Herzog  hatte
Albrecht  den  Adeligen  gegenüber,
die  ihre  Macht  nach  oben  wie  nach

unten  auszudehnen  strebten  und  an  dem  Könige  von  Polen  meistens  Rückhalt
fanden,  einen  schweren  Stand.  Er  starb  1568.  Nach  seinem  Tode  erklärten
sie  zwar  seinen  fünfzehnjährigen  Sohn  Albrecht  II.  Friedrich  für  mündig,
schüchterten  ihn  aber  so  ein,  daß  er  in  eine  Gemütskrankheit  verfiel,  deren
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        7.  Das  äußere  Wachstum  der  Mark  unter  Johann  Sigismund.  43

Keime  er  von  seiner  Mutter  geerbt  hatte.  Dennoch  verheiratete  man  ihn,
und  seine  Gemahlin,  die  älteste  Tochter  des  Herzogs  von  Kleve,  gebar  ihm
mehrere  Kinder.  Von  seinem  Tiessinn  genas  er  nicht,  so  daß  der  herrschsüchtige
  Adel  leichtes  Spiel  hatte,  bis  (1605)  Joachim  Friedrich  von  Brandenburg
  und  (1609)  Sigismund  sich  des  Landes  annahmen.

.  Das  äußere  Wachstum  der  Mark  unter  Johann  Sigismund.
1608—1610.

Kurprinz  Joham  Sigismund  befand  sich  eben  auf  der  Reise  nach  Königsberg,
  als  ihn  die  Nachricht  von  dem  Tode  seines  Vaters  Joachim  Friedrich
creilte;  er  setzte  dennoch  die  Reise
nach  Preußen  fort,  wo  seine  Gegenwart
  dringend  erforderlich  war,  und
erlangte  trotz  des  ihm  widerstrebenden
  preußischen  Adels  die  Vormundschaft
  über  seinen  geisteskranken
Schwiegervater  und  die  Mitbelhe.“

   
   

nung  in  Preußcn.  Gleichzeitig  starbe  *75*l%.  ½  ·  “
auch  der  Herzog  von  Kleve;  weim.—
Johann  Sigismund  auf  dessen  Nach-  5
laß  Anspruch  machte,  wurde  Brandenburg
  in  eine  gefährliche  curopäische
Verwickelung  hineingezogen.

Der  Nachlaß  des  Herzogs  Johann
Wilhelm  von  Kleve  umfaßte  1.  das  Herzogtum
  Kleve  zn.  beiden  Seiten  des

heins  von  Duisburg  bis  Emmecrich;  □u  *
2.  in  Westfalen  die  Grafschaften  Mark  Johann  Sigismund.
an  der  mittlern  Ruhr  und  Ravens-  4  —#„  Z
berg  am  Teutoburger  Walde;  3.  die  Herzogtümer  Jülich  links  vom  Rhein  und
Berg  zwischen  Ruhr  und  Lippe;  4.  die  Herrschaft  Ravenstein  an  der  Maas.  Es
waren  alles  Gebiete  von  berühmter  geschichtlicher  Vergangenheit,  reich  an  Schätzen  des
Vodens  und  der  Kunst.  Am  Unterrhein  hatten  jahrhundertelang  die  Römer  geherrscht,
bis  während  der  Völkerwanderung  auch  auf  dem  linken  Ufer  germanisches  Wesen  zur
Herrschaft  gelangte.  Beim  Zerfall  der  Herzogtümer  zur  Zeit  der  Hohenstaufen  lösten
sich  Mark  und  Ravensberg  von  Westfalen,  die  übrigen  vier  Landschaften  von  Lothringen
  ab;  durch  Erbschaft  wurden  1521  alle  sechs  in  der  Hand  des  Herzogs  von
Kleve  vereinigt.  Kaiser  Karl  V.  verlieh  ihm  (1546)  das  Recht,  daß  seine  Länder
beim  Aussterben  des  herzoglichen  Mannesstammes  auch  in  weiblicher  Linie  vererben
dürften.  Daher  behielt  sich  seine  älteste  Tochter  Marie  Eleonore  bei  ihrer  Vermählung
  mit  dem  Herzog  Albrecht  II.  Friedrich  von  Preußen  ihre  Erbansprüche  an  Kleve
vor.  Ihrer  jüngeren  Schwester  Anna,  die  mit  dem  Grafen  von  Pfalz-Neuburg
vermählt  war,  wurde  die  Erbfolge  in  Kleve  für  den  Fall  zugesichert,  daß  ihre  älterc
Schwester  ohne  Leibeserben  sterben  sollte.  Ahnliche  Ansprüche  wurden  auch  der
dritten  und  vierten  Schwester  zugestanden.

Sowie  der  Herzog  von  Kleve  gestorben  war,  begann  der  Streit  um
sein  Erbe.  Kurfürst  Johann  Sigismund  wollte  im  Namen  seiner  Gemahlin
das  ganze  Land  in  Besitz  nehmen.  Wolfgang  Wilhelm  von  Pfalz-Nenuburg
glaubte  noch  größere  Ansprüche  zu  haben,  da  seine  Mutter  noch  lebe  und

—
—
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        44  Erster  Zeitraum.

Marie  Eleonore  nur  Töchter  hinterlassen  habe.  Beide  ließen  an  verschiedenen
  Orten  des  Landes  ihre  Wappen  und  die  Besitzergreifungsurkunde
anschlagen.  Auch  der  Herzog  von  Sachsen  machte  alte  Erbrechte  geltend  und
drohte  in  Brandenburg  einzufallen.  Der  Kaiser  wollte  das  wichtige  Land
nicht  einem  evangelischen  Fürsten  überlassen;  er  gedachte  es  selber  in  Verwaltung
  zu  nehmen  und  verbot  deshalb  die  Besitznahme  desselben,  belehnte
aber  den  Herzog  von  Sachsen  mit  Kleve.  Der  drohende  Kampf  konnte  leicht
einen  ungeahnten  Umfang  annehmen  und  die  Veranlassung  zum  Ausbruch
eines  schon  lange  drohenden  Religionskrieges  geben:  soeben  (1608)  hatten
evangelische  deutsche  Fürsten  zu  gegenseitigem  Schutze  die  Union  geschlossen,
zu  gleichem  Zweck  waren  dann  die  katholischen  Fürsten  in  der  Liga  zusammengetreten.
  Deshalb  vereinigten  sich  der  Kurfürst  und  der  Pfalzgraf  vorläufig
in  dem  Vertrage  zu  Dortmund  (1609):;  sie  wollten  das  Land  bis  zur
endgültigen  Lösung  gemeinsam  regieren,  beide  aber  sahen  sich  nach  Hilfe  um.
Der  Kaiser  drohte  den  Kurfürsten  zu  ächten,  die  Spanier,  die  damals  mit
den  Niederländern  im  Kampfe  lagen,  sollten  die  Rheinlande  besetzen.  Auch
Heinrich  IV.  von  Frankreich  rüstete,  um  gemeinsam  mit  den  Niederländern
den  Kampf  gegen  den  Kaiser  und  die  Spanier  aufzunehmen.  Seine  Ermordung
  (1610)  verschob  zwar  den  Ausbruch  des  allgemeinen  Kampfes;  der
klevische  Streit  aber  verschärfte  sich  noch.  Ein  willkommenes  Mittel  der  Versöhnung
  zwischen  beiden  Bewerbern  schien  eine  Vermählung  des  jungen  Pfalzgrafen
  mit  der  ältesten  Tochter  des  Kurfürsten  zu  bieten;  da  Wolfgang
Wilhelm  aber  als  Mitgift  ganz  Kleve  forderte,  so  kam  es  zwischen  beiden
Parteien  zum  vollständigen  Bruch.  Um  die  Unterstützung  der  Liga  zu  gewinnen,
  deren  Oberhaupt  Herzog  Maximilian  von  Bayern  war,  heiratete  der
Pfalzgraf  eine  bayrische  Prinzessin  und  trat  zur  katholischen  Kirche  über.
Johann  Sigismund  war  schon  seit  neun  Jahren  heimlich  der  reformierten
Kirche  zugethan;  am  Weihnachtstage  1613  bekannte  er  sich  öffentlich  zu  ihr.
Obwohl  er  erklärte,  er  sei  nicht  eitler  Ehre  oder  zeitlichen  Gewinnes  halber,
sondern  aus  voller  Uberzeugung  übergetreten,  rief  dennoch  dieser  Schritt  in
Brandenburg  große  Erbitterung,  in  Berlin  sogar  einen  Aufstand  hervor,  in
welchem  die  Häuser  der  reformierten  Prediger  und  Räte  zerstört  wurden;
selbst  das  Schloß  kam  in  Gefahr,  und  der  Kurfürst  mußte  geloben,  daß  er
niemand  zum  Ulbertritt  drängen,  auch  keine  reformierten  Geistlichen  anstellen

 

Zum  Kleveschen  Erbfolgestreit.

 

Wilhelm,  Herzog  von  Klebe.  Sibylla,  seine  Schwester.
4  1  Gem.  Johann  Friedrich  von  Sachsen.
Johann  Wilhelm,  Marin  Elconore.  Anna.  Zwei  unver-Herzog.

  7  1609.  Gem.  Albrecht  II.  Gem.  Philipp  Ludw.,  mählte
Friedrich  v.  Preußen.  Pfalzgraf  v.  Neuburg.  Schwestern.
—  —  —

 

Annna.  Leonora.  Magdalena.  Wolfgang  Wilb  eim.
Gem.  Kurfürst  Gem.  Kurfürst  Gem.  Kurfürst  #
Johann  Sigis=  Joachim  Joh.  Georg

mund  v.  Friedrich  v.  v.  Sachsen.
Brandenburg.  Brandenburg.
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        8.  Der  Zerfall  unter  Kurfürst  Georg  Wilhelm.  45

wolle.  Die  Preußen  beschwerten  sich  sogar  beim  Könige  von  Polen,  der
dieserhalb  einen  Landtag  berief;  der  Kurfürst  mußte  zugestehen,  daß  in  Preußen
nur  die  katholische  und  die  lutherische  Religion  geduldet  werden  sollten.  So
von  seinem  eigenen  Volk  im  Stich  gelassen,  von  den  Holländern  schlecht
unterstützt,  dagegen  von  den  Spaniern  am  Rhein  hart  bedrängt,  schloß  der
Kurfürst  1614  mit  dem  Pfalzgrafen  den  Vertrag  zu  Kanten,  nach  welchem
Jülich  und  Berg  an  Pfalz-Neuburg,  dagegen  Kleve,  Mark,  Ravensberg  und
Ravenstein  an  Brandenburg  fielen.  —  Beim  Tode  seines  Schwiegervaters
(1618)  konnte  der  Kurfürst  auch  Ostpreußen  als  Erbteil  seiner  Gemahlin
mit  Brandenburg  vereinigen.  Dadurch  hatte  Brandenburg  fern  im  Westen
und  im  Osten,  am  Rhein  und  an  der  Memel  wichtige  Länder  gewonnen,
die  den  Anfang  zu  weiteren  Erwerbungen  bilden  sollten.

8.  Der  Serfall  unter  Kurfürst  Georg  Wilhelm.
1019—1640.

Georg  Wilhelm  folgte  seinem  Vater  in  einer  schweren  Zeit:  hatte
doch  vor  einem  Jahre  der  Dreißigjährige  Krieg  begonnen!  Spanier  und
Kaiserliche  suchten  Brandenburg  die  kleveschen  Länder  zu  entreißen,  und  die
Belehnung  und  Huldigung  in  Preußen  konnte  der  junge  Kurfürst  wieder  nur
mit  großen  Opfern  erlangen.  Auch  für  einen  tüchtigen  Fürsten  wäre  es
schwer  gewesen,  Brandenburg  in  jener  Zeit  vor  Zerrüttung  zu  bewahren;
wieviel  weniger  vermochte  es  Georg  Wilhelm,  der  nicht  Festigkeit  genug  besaß,
  um  sich  zwischen  den  streitenden  Parteien  eine  bestimmte  Stellung  zu
wählen  und  mit  Würde  zu  behaupten.  Da  er  als  Reformierter  bei  den
lutherisch  gesiunten  Ständen  noch  weniger  als  seine  Vorfahren  auf  thatkräftige
Unterstützung  rechnen  konnte,  so  war  es  ihm  auch  schon  aus  diesem
Grunde  unmöglich,  mit  Nachdruck  für  die  evangelische  Sache  einzutreten.  Dazu
wählte  er  den  katholischen  Grafen  von  Schwarzenberg  zu  seinem  vornehmsten
  Ratgeber,  der  Brandenburg  stets  auf  der  Seite  des  Kaisers  zu  erhalten
  suchte.  Die  religiöse  Spaltung  trennte  sogar  die  Glieder  des  kurfürstlichen
  Hauses.  Die  Kurfürstin-Witwe  war  lutherisch  geblieben.  In  des
Kurfürsten  Abwesenheit  ließ  sie  einen  tüchtigen  lutherischen  Prediger  aus
Wittenberg  kommen  und  in  der  Schloßkirche  predigen;  auch  verlobte  sie  ohne
Vorwissen  des  Kurfürsten  ihre  Tochter  mit  dem  streng  lutherischen  Gustav
Adolf  von  Schweden,  und  Georg  Wilhelm  hatte  nicht  den  Mut,  die  Vermählung
  zu  verhindern,  obwohl  er  seine  Einwilligung  zu  derselben  versagte.

Vom  Dreißigjährigen  Kriege  wollte  der  Kurfürst  sich  fern  halten;  doch
fehlte  ihm  die  Macht,  sein  Land  vor  Feinden  zu  schützen,  weil  die  Stände
ihm  fast  jede  Beihilfe  zur  Anwerbung  von  Söldnern  verweigerten.  Daher
achteten  weder  die  evangelischen  noch  die  katholischen  Heere  Brandenburgs
Neutralität.  Gleich  bei  Beginn  des  Krieges  zog  ein  für  den  „Winterkönig“  angeworbenes
  englisches  Hilfsheer,  das  zügelloseste  Gesindel,  von  der  Elbe  her
durch  die  Mark.  Als  es  sich  Berlin  näherte,  griffen  die  Bürger  zu  den  Waffen,
weil  sie  fürchteten,  dies  Heer  wolle  der  Kurfürst  benutzen,  um  sie  zum  reformierten
  Bekenntnis  zu  zwingen.  Aus  Rücksicht  auf  den  Kaiser  versagte  der
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        46  Erster  Zeitraum.

Kurfürst  dem  in  der  Schlacht  am  Weißen  Berge  bei  Prag  besiegten  Könige
Friedrich  V.  von  Böhmen,  seinem  Schwager,  den  längeren  Aufenthalt  in  der
Mark.  Trotzdem  ächtete  der  Kaiser  den  Markgrafen  Johann  von  Jägern—
dorf  (S.  34),  der  Friedrich  V.  unterstützt  hatte,  und  gab  dessen  Land  nicht
dem  erbberechtigten  Kurfürsten,  sondern  behielt  es  für  sich.  Nicht  einmal
kleine  feindliche  Abteilungen  vermochte  der  Kurfürst  von  dem  Lande  fernzuhalten.
  Eine  Schar  Kosaken,  welche  der  König  von  Polen  Tilly  zu  Hilfe
schickte,  zog  unter  schrecklichen  Verwüstungen  mitten  durch  die  Mark.  Desgleichen
  nahmen  däuische  Söldner  ihren  Weg  nach  Schlesien  über  Brandenburg,
  hausten  dort  wie  Räuber  und  legten  die  Stadt  Nauen  in  Asche.  Altmark
  und  Prignitz  wurden  von  dem  Söldnerführer  Mansfeld  schamlos  ausgesogen;
  trotzdem  bewilligten  die  Stände  nur  3000  Mann  auf  drei  Monate,
womit  nichts  genützt  war.  Auf  Mansfeld  folgte  Wallenstein,  der  es  noch
ärger  trieb  als  jener.  Gustav  Adolf  von  Schweden  rückte  im  Kriege  mit
Polen  ohne  Erlaubnis  durch  Preußen  und  eroberte  Pillau;  ein  ihm  entgegengesandtes
  brandenburgisches  Heer  von  2000  Mann  streckte  die  Waffen.  Die
klleveschen  Länder  waren  teils  von  den  Holländern,  teils  von  den  Spaniern
besetzt.  Hierdurch  sowie  durch  das  Auftreten  der  Dänen  während  ihres
Durchzuges  nach  Schlesien  verletzt,  schloß  sich  Georg  Wilhelm  dem.  Kaiser  an,
um  mit  dessen  Hilfe  die  Dänen  zu  vertreiben.  Aber  die  neuen  Freunde,
Wallensteins  Truppen,  drückten  das  Land  ärger  dem  zuvor  und  verlangten
nicht  nur  Kost,  sondern  auch  Sold.  Wer  sich  weigerte,  den  rohen  Soldaten
Kleidung,  Nahrung  oder  Geld  zu  geben,  wurde  erschlagen.  Schon  damals
sah  man  niedergebrannte,  ausgeplünderte  oder  verlassene  Dörfer;  selbst  in
den  Städten  standen  bereits  viele  Häuser  leer.  «
Durch  das  Restitutionsedikt  von  1629,  das  die  Reformierten.  vom
Religionsfrieden  ausschloß  und  alle  seit  dem  Passauer  Vertrage  (1552)  ein—
gezogenen  geistlichen  Güter  für  die  katholische  Kirche  zurückforderte,  wurde
auch  Georg  Wilhelm  bedroht;  denn  nicht  nur  die  Bistümer  Brandenburg,
Lebus  und  Havelberg,  sondern  auch  das  Erzbistum  Magdeburg,  wo  sein
Oheim  Bistumsverwalter  war,  gehörten  zu  den  einzuziehenden  Gütern.  Jetzt
bedauerte  er,  aber  zu  spät,  die  evangelische  Sache  nicht  besser  unterstützt  zu
haben;  dennoch  schloß  er  sich  dem  Retter  des  Protestantismus,  dem  Schwedenkönig
  Gustav  Adolf,  aus  Besorgnis  für  Pommern  nicht  an;  vielmehr  gingen
Brandenburg  und  Sachsen  mit  mehreren  anderen  Fürsten  in  Leipzig  einen
Neutralitätsvertrag  ein.  Gustav  Adolf  besetzte  Pommern,  vertrieb  die  Kaiserlichen
  aus  Brandenburg  und  eilte,  um  die  von  Tilly  hart  bedrängte  wichtige
Festung  Magdeburg  zu  entsetzen.  Damit  seiue  Rückzugslinie  nicht  bedroht
werde,  zwang  er  den  Kurfürsten,  ihm  Spandau  einzuräumen;  aber  bevor
die  Schweden  die  Elbe  erreichten,  siel  Magdeburg  (20.  Mai  1631).  Weder
Alter  noch  Geschlecht  wurde  geschont;  die  mit  Brennstoffen  reichlich  versehenen
Häuser  wurden  —  wohl  von  den  Bürgern  selber  —  in  Brand  gesteckt,  und
bald  war  die  eben  noch  so  volk=  und  gewerbreiche  Stadt  ein  Aschenhaufen.
Von  36000  Menschen  kamen  nur  10000  lebend  davon;  außer  dem  Dome
und  dem  Liebfrauenkloster  blieben  nur  wenige  Häuser  erhalten.  Statt  dem
nach  Sachsen  zurückweichenden  Tilly  zu  folgen,  besetzte  Gustav  Adolf  auch
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        8.  Der  Zerfall  unter  Kurfürst  Georg  Wilhelm.  47

Berlin,  Brandenburg  und  Küstrin  und  zwang  die  brandenburgischen  Stände,
ihm  monatlich  90000  Mark  Hilfsgelder  zu  zahlen  und  dem  Kurfürsten  ein
Heer  von  5000  Mann  zu  bewilligen,  das  mit  den  Schweden  vereint  die
Mark  gänzlich  vom  Feinde  säuberte.  Tilly  suchte  unterdes  durch  furchtbare
Verheerung  Sachsens  dessen  Kurfürsten  zu  einem  Bündnis  mit  dem  Kaiser
zu  zwingen,  trieb  ihn  aber  dadurch  zu  einem  Bunde  mit  Gustav  Adolf,  der
herbeieilte,  Tilly  bei  Breitenfeld  unweit  Leipzig  (1631)  vollständig  be—
siegte  und  dann  seinen  Siegeszug  durch  Franken,  Schwaben  und  Bayern  hielt.
Aber  in  der  blutigen  Schlacht  bei  Lützen  (16.  November  1632)  bezahlte
er  den  Sieg  über  Wallenstein  mit  seinem  Leben.  Vorläufig  hielt  Georg
Wilhelm  noch  an  dem  Bündnis  mit  Schweden  fest;  nachdem  jedoch  Sachsen
1635  durch  den  Separatfrieden  zu  Prag  die  evangelische  Sache  im  Stich
gelassen  hatte,  schwankte  er  wieder,  und  Schwarzenberg  bestimmte  ihn  leicht,
sich  dem  Prager  Frieden  anzuschließen,  wofür  dem  Kurfürsten  Pömmern  zugesichert
  ward.  Doch  wurde  dadurch  die  Lage  Brandenburgs  nicht  gebessert.
Nach  seinem  Siege  bei  Wittstock  in  der  Prignitz  (1636)  folgte  der  schwedische
  General  Baner  den  zurückweichenden  Kaiserlichen  durch  die  Mark,  und
die  Brandenburger  mußten  jetzt  für  den  Abfall  ihres  Fürsten  von  der  evangelischen
  Sache  schwer  büßen.  Zu  dem  namenlosen  Elend,  welches  die  unmenschlichen
  Soldaten  anrichteten,  gesellte  sich  noch  die  Pest;  die  Leichen  blieben
oft  unbegraben  liegen  und  dienten  den  umherstreifenden  Hunden  zum  Fraße.
Die  Stadt  Berlin  wurde  ebenfalls  hart  bedrängt  und  gebrandschatzt;  der
Kurfürst  und  der  Hof  flüchteten  nach  der  Festung  Peitz.  Um  diese  Zeit
(1637)  starb  Herzog  Bogislaw  von  Pommern,  aber  die  Schweden  verweigerten
  die  Herausgabe  dieses  Landes  an  Brandenburg.  Georg  Wilhelm
warb  mit  Unterstützung  des  Kaisers  ein  Heer,  das  „dem  Kaiser  und  an  des
Kaisers  Statt  dem  Kurfürsten“  Gehorsam  schwören  mußte,  und  verdrängte  die
Schweden  aus  der  Mark;  Pommern  aber  hielten  sie  besetzt.  Als  sie  im
folgenden  Jahre  Verstärkung  erhielten,  mußten  die  Kaiserlichen  wieder  weichen,
und  ihr  Rückzug  brachte  der  Mark  mehr  Elend  als  je.  Ihnen  folgten  dann
die  Schweden,  die  das  noch  raubten  und  zerstörten,  was  jene  etwa  übrig  gelassen
  hatten.  Die  unglücklichen  Einwohner  irrten  ohne  Obdach,  ohne  Kleidung
  und  Nahrung  in  den  Wäldern  umher,  viele  erlagen  dem  Hunger.  Der
Magistrat  von  Prenzlau  schrieb:  „Es  ist  eine  große  Teurung  entstanden,  daß
die  Leute  nicht  allein  Hunde,  Katzen,  Aser  auf  den  Gassen  essen,  sondern
einander  selbst  anfallen,  kochen,  braten  und  verzehren.“  Ein  schwedischer
Offizier  berichtete,  zwischen  Oder  und  Elbe  sei  alles  so  verwüstet,  „daß  daselbst
weder  Hunde  und  Katzen,  geschweige  denn  Menschen  und  Pferde  sich  aufhalten
  können;  durch  solche  Lande,  welche  der  Feind  wegen  Hungers  und
Jammers  hat  verlassen  müssen,  kann  ich  mein  Heer  nicht  führen.“  In  dieser
Not  verließ  der  Kurfürst  das  unglückliche  Land  und  begab  sich  nach  Preußen,
wo  er  1640  starb.  Brandenburg  stand  am  Rande  des  Abgrundes.
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        Zweiter  Zeitraum.
Das  Königreich  Breußen.

I.  Die  Mengründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.
1640—1688.

„Man  fraget  nach  dem  Quelle  des  mächtig  flutenden  Stroms,
Man  fragt  nach  dem  Erbauer  des  riesenhaften  Doms;
So  höret,  wer  zum  Vaue  den  festen  Grund  gelegt,
In  dessen  Höh'’  und  Tiefe  sich  Licht  und  Leben  regt.“
(K.  Wagner.)

1.  Seine  Jugend  und  ersten  Regierungshandlungen.


riedrich  Wilhelm,  der  einzige  Sohn  Georg  Wilhelms,
war  1620  auf  dem  Schlosse  zu  Berlin  geboren.  Schon  seine
Wiege  war  von  Kriegslärm  umgeben;  der  Sicherheit  wegen
mußte  der  Prinz  einen  Teil  seiner  Jugendjahre  in  der  Festung
Küstrin  zubringen.  Einen  tiefen  Eindruck  machte  es  auf  ihn,
als  er  der  Leiche  Gustav  Adolfs,  den  er  erst  vor  einem  Jahre
in  der  Fülle  der  Gesundheit  und  Macht  gesehen,  das  Geleit
zur  Ostseeküste  gab.  Auf  der  Rückreise  blieb  er  an  dem  Hofe
des  Pommernherzogs  Bogislaw  in  Stettin,  damit  er  die
Sitten  des  Landes,  das  nach  Bogislaws  Tode  an  Brandenburg  fallen  sollte,
kennen  lerne.  Von  edlen  Männern  still  erzogen,  aber  durch  den  Ernst  der
Zeit  über  seine  Jahre  hinaus  gereift,  ward  der  Kurprinz  1634  nach  Holland
auf  die  Universität  Leyden  gesandt,  und  sein  vierjähriger  Aufenthalt  daselbst.
sollte  für  sein  ganzes  Leben  von  entscheidender  Bedeutung  werden;  denn  nicht
nur  erweiterte  er  dort  in  fleißiger  Arbeit  seine  Kenntnisse,  sondern  er  fand
auch  für  seine  zukünftige  Wirksamkeit  als  Landesvater  und  als  Feldherr  diebesten
  Vorbilder.  Schon  siebzig  Jahre  leistete  das  kleine  Holland  dem  damals
noch  großen  und  mächtigen  spanischen  Reiche  erfolgreichen  Widerstand,  und
Friedrich  Wilhelm  konnte  sein  Feldherrntalent  in  dem  Feldlager  Heinrichs
von  Oranien  aufs  beste  entwickeln.  Eine  treffliche  Flotte  verschaffte  dem
Lande  auch  in  den  ferusten  Erdteilen  Achtung;  es  besaß  Kolonien  in  Amerika,
Asien  und  Afrika,  große  Handelsgesellschaften  führten  die  Reichtümer  aller
dieser  Länder  nach  Europa.  Gewerbe,  Acker=  und  Gartenbau  standen  in  Blüte,
während  damals  in  Deutschland  alles  daniederlag;  die  berühmte  Universität
Leyden  zog  Jünglinge  und  Männer  aus  allen  Ländern  an.  Zu  den  meisten
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  49

Staatseinrichtungen,  welche  Friedrich  Wilhelm  später  traf,  hat  er  in  Holland
die  Anregung  empfangen.

Aber  auch  die  Willenskraft  des  Prinzen  wurde  im  Kampfe  gegen  jugend—
liche  Leidenschaft  gestählt.  Im  Haag  zogen  ihn  junge  Edelleute  und  Fürsten—
söhne  in  ihr  leichtfertiges  Treiben.  Eines  Abends  war  er  zu  einem  Mahle
geladen,  das  bis  in  die  Nacht  währte.  Als  lose  Dirnen  in  den  Saal  traten,
erhob  sich  der  Kurprinz,  um  sich  zu  entfernen.  Seine  Freunde  umringten
ihn  und  baten,  er  möge  doch  bleiben.  Er  aber  erwiderte:  „Ich  weiß,  was
ich  meinen  Eltern,  meinem  Lande  und  meiner  Ehre  schuldig  bin!“  —
und  ging.  Gleich  am  folgenden  Morgen  verließ  er  den  Haag  und  eilte  in
das  Kriegslager  zum  Prinzen  von  Oranien,  der  eben  Breda  (n.  ö.  v.  Antwerpen)
  belagerte.  Als  dieser  den  Grund  seiner  plötzlichen  Entfernung  aus
dem  Haag  erfuhr,  klopfte  er  ihm  auf  die  Schulter  und  sprach:  „Eure  Flucht
beweist  mehr  Heldenmut,  als  wenn  ich  Breda  eroberte.  Vetter,  Ihr  habt
das  gethan,  Ihr  werdet  mehr  thun;  wer  sich  selbst  besiegen  kann,  der  ist  zu
großen  Unternehmungen  fähig.“  Der  Kurprinz  wäre  gern  noch  länger  in
Holland  geblieben;  aber  Schwarzenberg  betrieb  seine  Rückberufung.  Er  hätte
ihn  gern  die  Rückreise  über  Wien  nehmen  lassen,  wahrscheinlich,  um  ihn  mit
einer  Kaisertochter  zu  verloben  —  hatte  sich  doch  der  Kaiser  erboten,  einen
Teil  der  Reisekosten  zu  tragen!  —,  allein  der  Prinz  kehrte  (1638)  auf  dem
Seewege  über  Hamburg  zurück.  Welchen  Eindruck  mußte  der  gereifte  Prinz
gewinnen,  wenn  er  die  verwüstete  Mark  mit  dem  blühenden  Holland  verglich,
das  er  soeben  verlassen  hatte!

Eine  traurige  Erbschaft  hinterließ  Georg  Wilhelm  seinem  noch  nicht
21  Jahre  alten  Sohne.  Die  Mark  war  bis  aufs  Blut  ausgesogen.  Alle
Geschäfte  standen  still;  auf  viele  Meilen  fand  man  weder  Vieh  noch  Menschen.
Pommern,  die  Lausitz  und  mehrere  märkische  Festungen  waren  von  den
Schweden,  Kleve  und  Mark  von  den  Holländern  besetzt.  Das  einzige  Land,
welches  dem  Kurfürsten  noch  einige  Mittel  geboten  hätte,  Preußen,  mußte
als  Lehen  ihm  erst  übertragen  werden.  Alle  Landesteile  erwarteten  Hilfe
von  dem  Landesherrn,  und  doch  wollte  keiner  für  den  andern  etwas  thun.
Dem  Kurfürsten  aber  fehlte  fast  jedes  Hilfsmittel.  Das  von  seinem  Vater
gegen  Schweden  gesammelte  Heer  war  gleich  nach  dessen  Abreise  nach  Preußen
„zerschmolzen  wie  Schaum  auf  dem  Wasser“;  die  noch  vorhandenen  Truppen
waren  auch  dem  Kaiser,  als  dem  Bundesgenossen  Georg  Wilhelms,  vereidigt,
und  ihre  Fahnen  zeigten  auf  der  einen  Seite  das  brandenburgische,  auf  der
andern  das  kaiserliche  Wappen.  Aber  die  das  Land  schützen  sollten,  waren
demselben  nur  zum  Verderben:  vor  den  kurfürstlichen  Reitern  war  kein  Stück
Vieh,  kein  Mensch  sicher.  An  eine  geordnete  Rechtspflege  war  nicht  zu  denken;
man  fand  „im  Lande  nichts  Gemeineres  als  Lamentieren  über  Ungerechtigkeit,
Verderbtheit  und  Unbilligkeit  der  Richter  und  Beamten.“  Dabei  mußte
der  Kurfürst  sich  überhaupt  fürchten,  einen  entscheidenden  Schritt  zu  thun.
„Auf  der  einen  Seite,“  so  schrieb  er,  „hab'  ich  die  Krone  Schweden,  auf  der
andern  den  Kaiser;  ich  sitze  zwischen  ihnen  und  erwarte,  was  sie  mit  mir
anfangen,  ob  sic  mir  das  Meinige  lassen  oder  nehmen.“  Aber  der  Kurfürst

zeigte  sich  trotz  seiner  Jugend  der  Lage  gewachsen.  Er  besaß  neben  großer
Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  4
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        50  Zweiter  Zeitraum.

Klugheit  einen  festen  Willen  und  trat  mit  äußerster  Behutsamkeit,  aber  —
wo  es  sein  mußte  —  auch  mit  der  größten  Verwegenheit  auf.  „Er  glich
einem  Künstler,  dem  seine  Aufgabe  sich  entwickelt,  indem  er  sie  löst“;  mit
welchem  Geiste  er  sie  aber  erfaßte,  zeigen  seine  eigenen  Worte:  „Ich  will
in  meinem  fürstlichen  Regimente  stets  eingedenk  bleiben,  daß  es
nicht  meine,  sondern  des  Volkes  Sache  ist,  die  ich  führe."

 

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Um  den  Kaiser  nicht  argwöhnisch  zu  machen,  entließ  der  Kurfürst  den
Grafen  Schwarzenberg  zunächst  nicht,  fragte  ihn  aber  selten  um  Rat.  Zum
Glück  erlöste  ihn  der  Tod  bald  von  diesem  lästigen  Ratgeber.  Friedrich
Wilhelm  wollte  vor  allem  Herr  im  eigenen  Lande  sein;  deshalb  befahl  er,
die  Truppen,  die  ihm  bislang  nur  mittels  Handschlags  verpflichtet  waren,  zu
vereidigen.  Nur  der  Kommandant  von  Küstrin,  Konrad  von  Burgsdorf,
folgte  dem  Befehle;  die  übrigen  weigerten  sich,  da  sie  dem  Kaiser  vereidigt
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  51

seien,  und  wurden  deshalb  samt  ihren  Regimentern  entlassen.  Aus  den  tren
gebliebenen  Truppen  bildete  er  statt  der  bisher  üblichen  Söldnerscharen  ein
kleines  stehendes  Heer  von  3000  Mann  —  der  erste  Kern  der  heutigen
preußischen  Armee.  Ausgebildete  Soldaten  wurden  unter  der  Verpflichtung
im  Lande  angesiedelt,  sich  auf  Befehl  des  Kurfürsten  zu  stellen.  Darauf
schloß  er  mit  Schweden  einen  Waffenstillstand,  und  als  der  Kaiser  sich  darüber

 

 

 

 

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Kurfürstin  Luise  Henriette.

unwillig  zeigte,  erwiderte  Friedrich  Wilhelm,  die  Not  seines  Landes  habe
ihn  dazu  gezwungen,  er  bleibe  dem  Kaiser  trotzdem  ergeben.  Allmählich  vergrößerte
  er  das  Heer  und  vermochte  dadurch  nicht  nur  die  Streifbanden  und
kleineren  Abteilungen  feindlicher  Heere  aus  seinem  Lande  fernzuhalten,  so  daß
es  anfing  aufzuatmen,  sondern  auch  beim  Friedensschluß  mit  größerem  Nachdruck
  aufzutreten,  als  sein  Vater  je  gekonnt  hätte.

Große  Schwierigkeiten  bereiteten  ihm  die  Verhandlungen  wegen  der

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        52  Zweiter  Zeitraum.

Belehnung  mit  Preußen.  Die  preußischen  Stände  schienen  von  dem  reformierten
  Herrn  nichts  wissen  zu  wollen  und  bestritten  ihm  das  Recht,  vor
seiner  Belehnung  Regierungshandlungen  vorzunehmen  und  mit  ihnen  zu  verhandeln.
  Dem  Kurfürsten  brannte  der  Boden  unter  den  Füßen;  denn  seine
Anwesenheit  in  der  Mark  war  dringend  erforderlich.  Daher  beschloß  er,
alles  aufzubieten,  um  die  Belehnung  —  wenn  auch  unter  harten  Bedingungen
  —  bald  zu  erlangen.  Die  höchsten  polnischen  Würdenträger,  selbst
der  König  und  die  Königin,  zeigten  sich  für  Geld  dem  Kurfürsten  geneigt.
Die  Königin  suchte  den  jungen,  ausehnlichen  Fürsten,  dessen  Verbindung  mit
der  Königin  von  Schweden  die  Katholiken  damals  fürchteten,  auf  ihre  Seite
zu  ziehen,  und  der  König  ließ  ihm  eine  Verlobung  mit  seiner  Schwester
nahe  legen;  aber  der  Kurfürst  wich  allen  Anträgen  geschickt  aus  und  erhielt
doch  endlich  die  Belehnung.  Von  den  ihm  auferlegten  Verpflichtungen  war
dem  reformierten  Fürsten  gewiß  die  härteste,  daß  er  im  Herzogtum  außer
den  Lutheranern  keine  von  der  römischen  Kirche  abweichende  Konfession
dulden  dürfe.

Gustav  Adolf  hatte  einst  die  Absicht  gehabt,  seine  Tochter  Christine,
seine  einzige  Erbin,  mit  dem  Kurprinzen  Friedrich  Wilhelm  zu  vermählen,
um  durch  die  Verbindung  von  Schweden  und  Brandenburg  im  Norden  ein
großes  evangelisches  Reich  zu  gründen,  das  der  katholischen  habsburgischen
Macht  das  Gleichgewicht  halten  könne;  Friedrich  Wilhelm  schickte  deshalb
schon  von  Preußen  aus  eine  Gesandtschaft  nach  Schweden,  aber  ohne  Erfolg.
Denn  Christine  war  einer  Verheiratung  überhaupt  abgeneigt;  noch  mehr  aber
traten  die  wenigen  großen  Familien.  Schwedens,  welche  damals  unter  dem
Scheine  der  Monarchie  die  Herrschaft  in  Händen  hatten,  dem  Wunsche  des
Kurfürsten  entgegen,  weil  er  reformiert  war,  und  sie  fürchteten,  daß  er  ihnen
ihre  angemaßten  Rechte  entziehen  werde.  Friedrich  Wilhelm  wollte  sich  auch
nicht  so  weit  herablassen,  um  die  Hand  der  Königin  zu  bitten,  sondern  verzichtete
  auf  den  Glanz  der  Königskrone.  Bald  nach  seiner  Rückkehr  in  die
Mark  ließ  er  um  die  Hand  der  schönen  und  frommen  Luise  Henriette,
der  Tochter  jenes  Heinrich  von  Oranien  werben,  der  einst  sein  Lehrer
in  der  Kriegskunst  gewesen  war;  im  Jahre  1646  fand  im  Haag  die  Vermählung
  statt.

Bisher  hatten  die  schwedischen  Abgeordneten  bei  den  Friedensverhandlungen
  in  Osnabrück  einen  Streit  mit  Brandenburg  zu  vermeiden  gesucht;  von
jetzt  ab  aber  traten  sie  mit  ihren  Forderungen  rücksichtslos  hervor.  Sie  beanspruchten
  ganz  Pommern,  und  der  Kaiser  wollte  es  lieber  ihnen  als  dem
Kurfürsten  überlassen.  Wieviel  Blut  und  Geld  hatten  die  brandenburgischen
Fürsten  um  dies  Land  geopfert,  wie  oft  war  ihnen  die  Erbfolge  zugesichert!
  Auch  jetzt  wurde  Brandenburgs  Recht  von  niemand  bezweifelt;
aber  die  Schweden  beriefen  sich  darauf,  daß  sie  das  Land  erobert  hätten,
und  weigerten  sich,  es  herauszugeben.  Nach  langem  Feilschen  wurde  endlich
am  24.  Oktober  1648  der  zu  Münster  und  Osnabrück  beratene  Westfälische
Friede  unterzeichnet.  Pommern  wurde  geteilt;  Brandenburg  erhielt  nur
Hinterpommern,  als  Entschädigung  für  Vorpommern  aber  Magdeburg,
Halberstadt,  Minden  und  das  Bistum  Kammin.  Mit  dem  Besitze
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  53

Vorpommerns  hätte  der  Kurfürst  erhalten,  was  er  so  sehnlichst  wünschte:  den
Weg  ins  Meer,  während  er  jetzt  nur  den  unbedeutenden  Hafen  von  Kolberg
bekam.  Von  größerem  Erfolge  waren  des  Kurfürsten  Bemühungen  für  seine
Glaubensgenossen,  die  Reformierten,  denen  man  nicht  die  gleiche  Religionsfreiheit
  gewähren  wollte  wie  den  Lutheranern,  die  aber  durch  den  Einfluß
Friedrich  Wilhelms  mit  diesen  gleiches  Recht  erhielten.  Allein  es  fehlte  noch
viel,  daß  der  Kurfürst  das  ihm  zugesprochene  Gebiet  hätte  in  ungestörten
Besitz  nehmen  können.  Magdeburg  sollte  ihm  erst  nach  dem  Tode  des  damaligen
  Bistumsverwesers  zufallen,  der  erst  1680  starb;  aber  selbst  Hinterpommern
  hielten  die  Schweden  zunächst  als  Pfand  für  die  ihnen  zu  zahlende
Kriegsentschädigung,  dann  unter  dem  Vorwande  besetzt,  die  Grenze  müsse  erst
genau  bestimmt  werden.  Als  sie  sich  hierzu  endlich  herbeiließen,  behielten
sie  auf  dem  rechten  Oderufer  noch  einen  bedeutenden  Landstrich  mit  den
Städten  Gollnow,  Kammin  und  Greifenhagen  und  räumten  dann  (1653)  das
übrige  Land.  »  .
Brandenburg  war  jetzt  nächst  Osterreich  der  mächtigste  Staat  Deutschlands
  mit  einer  ganz  evangelischen  Bevölkerung;  aber  seine  Provinzen  lagen
weit  zerstreut,  ohne  Zusammenhang  und  waren  verschieden  in  Sitte  und  Verfassung.
  Friedrich  Wilhelms  Verdienst  ist  es,  sie  zu  einem  Staate  verschmolzen
  zu  haben.  Der  Westfälische  Friede  erleichterte  dies;  denn  da  er
den  einzelnen  Landesfürsten  volle  Landeshoheit  und  selbst  das  Recht  verlieh,
untereinander  und  mit  fremden  Fürsten  Bündnisse  zu  schließen,  so  konnte  auch
Friedrich  Wilhelm  sich  jetzt  freier  bewegen.  Während  Osterreich  nach  dem
Verlust  seiner  Länder  am  Oberrhein  auf  den  Osten  verwiesen  war,  hatte
Brandenburg,  das  bis  1609  ganz  auf  den  Nordosten  Deutschlands  beschränkt
war,  jetzt  auch  in  West=  und  in  Mitteldeutschland  wertvolle  Gebiete,  so  daß
seine  Interessen  mit  denen  von  ganz  Deutschland  innig  verwachsen  waren,
und  wurde  dadurch  auf  seinen  Beruf  hingewiesen,  ein  fester  Halt  zu  werden,
an  dem  das  übrige  Deutschland  sich  wieder  sammeln  und  erheben  konnte.

2.  Des  Nurfürsten  landesväkerliche  Fürfsorge.

Als  Friedrich  Wilhelm  (1643)  zum  erstenmal  als  Kurfürst  in  die  Mark
kam,  fand  er  sie  in  einem.  noch  traurigeren  Zustande,  als  er  geglaubt  hatte.
Schon  unterwegs  waren  ihm  Auswanderer  entgegengekommen,  die  ihre  Heimat
vor  Hunger  und  Elend  verlassen  hatten.  Von  Preußen  aus  hatte  er  bereits
einsichtsvolle  Männer  in  die  Mark  gesandt,  die  ihm  von  dem  Zustande  derselben
  Bericht  erstatten  sollten;  jetzt  sah  er  das  Elend  mit  eigenen  Augen.
Seine  nächste  Sorge  wandte  er  dem  Landbau  zu.  Er  brachte  gleich
mehrere  hundert  Fuder  Getreide  zur  Aussaat  mit  und  lud  Fremde  zur  Einwanderung
  nach  Brandenburg  ein.  Denjenigen,  welche  sich  auf  den  Domänen
niederließen,  gewährte  er  zu  den  verlassenen  Hufen  und  Häusern  auf  sechs
Jahre  Befreiung  von  der  Pacht  und  allen  öffentlichen  Lasten;  Tausende,
namentlich  Evangelische,  welche  in  ihrer  Heimat  der  Glaubensfreiheit  entbehrten,
machten  von  diesem  Anerbieten  Gebrauch.  Schwerer  war  den  einheimischen
Bauern  zu  helfen,  denen  es  an  Saatkorn  und  Geräten  zur  Bestellung  des
Ackers  sehlte;  denn  der  Kurfürst  mußte,  um  seinen  Hofhalt  standesgemäß  führen
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        54  Zweiter  Zeitraum.

zu  können,  trotz  der  größten  Sparsamkeit  selber  Geld  leihen.  Aber  als  das
Land  nur  erst  wieder  von  den  fremden  Kriegerscharen  befreit  war,  erwachte
auch  die  Arbeitslust  wieder.  Den  jüngeren  Banernsöhnen  wies  der  Kurfürst
wüst  liegende  Höfe  an,  und  er  gebot  den  Bauern,  die  mit  Gebüsch  bewachsenen
  Acker  wieder  urbar  zu  machen  und  bei  ihren  Wohnungen  Gärten
anzulegen;  kein  Bauer  sollte  heiraten,  der  nicht  vorher  wenigstens  sechs  Obstbäume
  veredelt  und  sechs  Waldbäume  gepflanzt  habe.  Er  ging  seinen  Unterthanen
  mit  dem  besten  Beispiele  voran.  Er  ließ  an  den  Landstraßen  Bäume
pflanzen  und  beschäftigte  sich  in  seinen  Erholungsstunden  gern  mit  Gartenbau:
  er  beschnitt  und  veredelte  Obstbäume  und  Nosen,  fischte  eigenhändig
seinen  Karpfenteich  aus  und  hat  den  ersten  Blumenkohl  in  der  Mark  gebaut.
Hierbei  wurde  er  von  seiner  edlen  Gemahlin  Luise  Henriette  aufs  beste
unterstützt.  Auf  ihre  Bitte  erhielt  sie  von  ihrem  Gemahle  die  Domäne
Bötzow,  auf  der  sie  eine  holländische  Musterwirtschaft  anlegte.  Sie  berief
aus  ihrer  Heimat  geschickte  Gärtner  und  Landwirte  und  pflanzte  die  ersten
Kartoffeln  in  der  Mark;  auch  zog  sie  holländische  Kolonisten  unter  günstigen
Bedingungen  herbei.  Nach  ihren  eigenen  Angaben  wurde  eine  Milchwirtschaft,
ein  Park,  ein  Gemüse=  und  Blumengarten  angelegt,  sowie  ein  Landhaus  gebaut,
  das  ihr  zu  Ehren  den  Namen  Oranienburg  erhielt.  Später  hat
auch  das  Dorf  Bötzow,  das  sich  allmählich  erweiterte  und  Stadtgerechtsame
erlangte,  diesen  Namen  angenommen.  Aber  die  Kurfürstin  kümmerte  sich
nicht  nur  um  Gartenbau  und  Viehzucht,  sondern  noch  eifriger  um  Unterricht
und  Erziehung  der  Jugend,  um  Armen=  und  Krankenpflege;  dafür  hing  aber
auch  das  Volk  mit  ganzem  Herzen  an  der  lieben  Landesmutter,  und  der
Name  „Luise“  ward  sein  Lieblingsname.  Das  von  ihr  in  Oranienburg  gestiftete
  Waisenhaus  erhält  ihr  Andenken  im  Volke  noch  heutce  lebendig.

Ein  anderes  gutes  Vorbild  sollten  die  Domänen  sein.  Bisher  wurden
dieselben  durch  Amtsschreiber  verwaltet,  und  die  gewonnenen  Erzeugnisse  teils
für  den  Haushalt  des  Landesherrn,  teils  zur  Besoldung  der  Staatsdiener
verwandt;  an  Gewinn  war  nicht  zu  denken,  nicht  selten  mußte  noch  etwas
Hinzugekauft  werden.  Friedrich  Wilhelm  verließ  diese  Naturalwirtschaft
und  ging  zur  reinen  Geldwirtschaft  über,  indem  er  seine  Diener  größtenteils
auf  ein  bestimmtes  Jahrgeld  setzte  und  die  Domänen  verpachten  lich.
Wüsteneien  wurden  jetzt  in  blühende  Kornfelder,  Sümpfe  in  lachende  Wiesen
umgeschaffen,  wodurch  die  Einnahmen  des  Landesherrn  vergrößert  wurden.

Für  die  Hebung  der  Städte,  für  Handel  und  Gewerbe  war  der
Kurfürst  nicht  weniger  thätig.  Er  gewährte  denen,  welche  sich  an  den  verlassenen
  Stellen  in  der  Stadt  anbauten,  das  Bürgerrecht  und  erleichterte
ihre  Aufnahme  in  die  Zünfte,  zog  geschickte  Glasschleifer,  Maler  und  Vergolder
  aus  Böhmen  ins  Land,  legte  Glashütten,  Glasschleifereien  und  Eisenhämmer
  an  und  unterstützte  die  Errichtung  von  Webereien.  Der  Zoll  auf
ausländische  Waren  wurde  bedeutend  erhöht,  die  Ausfuhr  von  Rohstoffen  dagegen
  erschwert,  die  der  Wolle  verboten.  Schon  in  den  ersten  Jahren  seiner
Regierung  errichtete  der  Kurfürst  einc  ostindische  Handelsgesellschaft  und
unterhandelte  mit  den  Dänen  über  Abtretung  einer  Kolonie  an  Brandenburg,
damals  allerdings  noch  ohne  Erfolg.  Dagegen  vervollkommnete  er  das  von
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Ansicht  von  Berlin-Kölln  zur  Zeit  des  Großen  Kurfürsten.

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1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.

55
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        56  Zweiter  Zeitraum.

seinen  Vorfahren  eingerichtete  Postwesen  bedeutend.  Neben  der  Botenpost
bestand  damals  schon  eine  Reitpost  zwischen  Berlin  und  Königsberg;  Friedrich
Wilhelm  richtete  eine  solche  auch  zwischen  Berlin  und  Kleve  ein  sowie  eine
Fahrpost,  welche  westwärts  bis  Utrecht,  ostwärts  bis  Königsberg  fuhr  und
außer  Briefen  auch  Personen  beförderte.  Die  Post  erleichterte  nicht  nur  den
Verkehr,  sondern  bildete  auch  ein  Band,  das  die  weit  zerstreut  liegenden
brandenburgischen  Gebiete  verknüpfte.  Das  wichtigste  Mittel  zur  Hebung
des  Binnenverkehrs  war  der  Bau  des  Friedrich  Wilhelms-Kanals  bei
Müllrose,  der  in  einem  Lauf  von  drei  Meilen  Oder  und  Sprec  verbindet.
An  der  Ausführung  dieses  Unternehmens  hatte  der  Kurfürst  solche  Freude,
daß  er  in  dem  vollendeten  Kanal  öffentlich  speiste,  bevor  er  die  Schleusen  öffnen
ließ.  Auch  sorgte  der  Kurfürst  dafür,  daß  zur  Erleichterung  des  Verkehrs
Brücken  und  Wege  ausgebessert  und  an  den  Straßen  Wirtshäuser  angelegt
wurden.  Die  Einwohnerzahl  Berlins  hob  sich  unter  ihm  von  etwa  6000
auf  20  000.

Daneben  vernachlässigte  er  die  Sorge  für  die  geistigen  Bedürfnisse
seiner  Unterthanen  keineswegs.  Die  halb  verfallene  Universität  Frankfurt
stattete  er  mit  reichlichen  Mitteln  und  Freiheiten  aus  und  gründete  auf
Wunsch  der  kleveschen  Stände  eine  neue  (reformierte)  zu  Duisburg.  Er
berief  den  berühmten  Geschichtsschreiber  Samnel  von  Pufendorf,  der  mit
freier  Benutzung  aller  Akten  die  Geschichte  der  kurfürstlichen  Regierung
schreiben  sollte.  Das  Joachimsthalsche  Gymnasium  (S.  35)  verlegte  er  nach
Berlin,  unterstützte  das  „Zum  grauen  Kloster“  reichlicher  als  bisher  und
stiftete  das  Werdersche  Gymnasium.  Auch  legte  er  den  Grund  zu  der  Königlichen
  Bibliothek  und  zu  der  Gemäldegalerie,  setzte  sogar  schon  eine  Behörde
zur  Beaufsichtigung  des  Arzeneiwesens  ein  und  gab  (1659)  die  Genehmigung
zur  Errichtung  der  ersten  Buchhandlung  in  Berlin.

Das  Hauptaugenmerk  aber  richtete  der  Kurfürst  stets  auf  das  Heer;
denn  er  wußte  wohl,  daß  Brandenburg  wegen  seiner  Lage  leicht  in  Krieg
verwickelt  und  nur  durch  eine  tüchtige  Armce  sicher  gestellt  werden  konnte.
Er  vergrößerte  daher  das  Heer  von  Jahr  zu  Jahr;  1655  konnte  er  schon
mit  26000  Mann  und  72  Geschützen  ins  Feld  ziehen.  Friedrich  Wilhelm
führte  auch  als  einer  der  ersten  Fürsten  in  seinem  Heere  die  Uniform  ein.

Treffliche  Gehilfen  bei  der  Gründung  und  Führung  des  Heeres  waren  der
General  Otto  v.  Sparr,  früher  kaiserlicher  Generalfeldzeugmeister,  der  sich  besonders
um  das  Geschützwesen  verdient  gemacht,  aber  auch  die  brandenburgischen  Truppen
oft  geführt  hat,  und  der  Feldmarschall  Georg  Derfflinger.  Dieser  war  von
evangelischen  Eltern  in  Osterreich  geboren,  wegen  religiöser  Bedrückung  mit  ihnen
nach  Böhmen  ausgewandert,  hatte  im  böhmischen,  dann  im  sächsischen  und  darauf
bis  1648  im  schwedischen  Heere  gedient.  Nach  dem  Friedensschluß  ließ  er  sich  auf
den  Gütern  seiner  Gemahlin,  der  Schwester  seines  Waffengefährten,  bei  Küstrin
nieder.  Bei  Beginn  des  schwedisch-polnischen  Krieges  trat  er  auf  Wunsch  des  Kurfürsten
  als  ältester  Generalwachtmeister  in  brandenburgische  Dienste  und  wurde  der
Schöpfer  der  brandenburgischen  Reiterei.

Zur  Erhaltung  des  Heeres  sowie  zur  Hebung  des  Landes  bedurfte
Friedrich  Wilhelm  bedeutender  Geldmittel;  aber  die  Stenern  waren  in  allen
Landesteilen  verschieden,  mußten  von  den  Ständen  bewilligt  werden  und
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  57

wurden  von  diesen  erhoben  und  verwaltet.  Es  bestand  damals  eine  Grund—
und  eine  Vermögenssteuer;  doch  waren  die  Adligen,  Geistlichen  und  Schulzen
steuerfrei.  Auch  die  Städter,  besonders  die  herrschenden  Familien,  wußten
sich  meistens  zu  befreien,  so  daß  mancher  Bauer  ebensoviele  Steuern  zahlte
als  eine  ganze  Stadt.  Dabei  hatten  die  Stände  ihre  Gerechtsame  nicht  nur
dem  Landesherrn,  sondern  auch  dem  Volke  gegenüber  stets  weiter  ausgedehnt.
In  den  Städten  führten  meistens  wenige  patrizische  Familien  das  Regiment
und  bereicherten  sich  auf  Kosten  der  ärmeren.  Die  Rittergutsbesitzer  hatten
vielfach  die  in  den  Kriegen  verarmten  Bauern  „ausgekauft“  oder  wüste
Flächen  an  sich  gebracht  und  mit  Hörigen  besetzt;  die  ihnen  zustehende  niedere
Gerichtsbarkeit  (Patrimonialgerichtsbarkeit)  mißbrauchten  sie  nicht  selten  zur
Unterdrückung  der  Bauern.  Aus  dieser  unfreien  Lage  konnte  der  Kurfürst
die  Bauern  nicht  befreien;  aber  die  Steuerlast
  hat  er  den  niederen  Ständen  erleichtert.
Vor  allem  wollte  er  die  Stener  gerechter
verteilen,  sie  in  eine  regelmäßig  fließende
umwandeln  und  durch  seine  Beamten  erheben
  und  verwalten  lassen.  Als  gerechteste
Steuer  betrachtete  er  die  Accise,  d.  i.  eine
indirekte  Abgabe  von  in=  und  ausländischen
Waren,  die  also  von  jedem  gezahlt  werden
mußte,  der  solche  Waren  kaufte.  Der  erste
Versuch  des  Kurfürsten,  die  Accise  einzuführen,
  scheiterte  an  dem  Widerspruch
der  Stände;  später  führte  er  sie  in  einigen
märkischen  Städten  ein,  und  da  sie  sich  f
bewährte,  nach  und  nach  im  ganzen  Lande.  #
Auch  nahm  der  Kurfürst  das  Münzrecht.
sowie  den  Alleinhandel  (Monopol)  mit  W
Salz  und  Mühlsteinen  für  sich  in  Anspruch.  Derfflinger.

Die  Stände  schrieen  über  Vergewaltigung,

klagten  über  harten  Druck  und  baten  um  Erleichterung  der  Militärlast;  der
Kurfürst  ließ  sich  aber  weder  erweichen,  noch  einschüchtern,  und  die  Ver—
ständigen  mußten  schließlich  doch  bekennen,  daß  er  nur  das  Beste  des  Landes
im  Auge  gehabt  habe.  Für  sich  selber  brauchte  er  wenig;  nur  bei  fürstlichen
Besuchen  oder  auf  Fürstenversammlungen  ließ  er  es  an  Glanz  nicht  fehlen.
So  hat  der  Große  Kurfürst  die  beiden  Hauptstützen  des  brandenburgisch-preußischen
  Staates  geschaffen:  ein  starkes  Heer  und  sichere
Staatseinnahmen.

3.  Erwerbung  der  Tandeaohoheik  in  Preußen.

Gustav  Adolfs  Tochter,  die  Königin  Christine  von  Schweden,  legte  1654
die  Regierung  nieder;  ihr  Nachfolger  wurde  ihr  Vetter  Karl  X.  Gustav
von  Pfalz-Zweibrücken.  Aber  König  Kasimir  von  Polen  glaubte  als  Haupt
der  älteren  Linic  des  Hauses  Wasa  nähere  Ansprüche  auf  die  Krone  Schwedens
zu  haben  als  Karl  X.  Gustav  und  verweigerte  ihm  die  Anerkennung.  Karl,
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        58  Zweiter  Zeitraum.

nach  Kriegsruhm  begierig,  fiel  deshalb  mit  seinen  ebenso  kriegslustigen  als
beutegierigen  Schweden  in  Polen  ein  (1655).  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm  saß
zwischen  beiden  kriegführenden  Mächten  und  konnte  nicht  neutral  bleiben;  doch
ließ  sich  bei  geschickter  und  starker  Beteiligung  vielleicht  eine  Milderung  der
Lehnsabhängigkeit  erreichen,  die  der  Kurfürst  als  ein  hartes  Joch  empfinden
mußte.  Dem  Lehnsvertrage  zufolge  durfte  er  in  den  Festungen  Memel  und
Pillau  nur  solche  Befehlshaber  einsetzen,  welche  dem  Könige  von  Polen  ge—
fielen,  mußte  polnischen  Gesandten  gestatten,  sich  über  den  Zustand  der  Festungswerke
  zu  unterrichten,  und  dem  Adel  das  Recht  zugestehen,  beim  Könige  von
Polen  Berufung  einzulegen.  Am  härtesten  war  es  für  den  Kurfürsten,  daß
er  den  Reformierten,  seinen  eigenen  Glaubensgenossen,  in  Preußen  weder  öffentlichen
  Gottesdienst  gestatten,  noch  Amter  übertragen  durfte.

Zu  Anfang  des  Krieges  mußte  Friedrich  Wilhelm  alles  über  sich  ergehen
lassen,  was  den  übermütigen  Gegnern  beliebte.  Weil  seine  Bitte  um  Schutz
weder  bei  dem  Kaiser,  noch  bei  den  Engländern,  Holländern  und  Dänen  Gehör
fand,  so  schwieg  er,  als  Karl  Gustav  mit  seinem  ganzen  Heer  durch  Pommern
zog  und  sechs  Tage  auf  brandenburgischem  Gebiete  verweilte.  Da  der  Schwedenkönig
  in  Polen  anfänglich  geringen  Widerstand  fand,  zwang  er  den  Kurfürsten
im  Vertrage  zu  Königsberg,  ihm  Hilfe  zu  leisten  und  statt  der  polnischen
die  schwedische  Lehnshoheit  über  Preußen  anzuerkennen.  Damit  hatte  der
Kurfürst  seine  Lage  verschlechtert  und  seine  Lehnspflicht  verletzt;  aber  er  hatte
nur  der  bitteren  Notwendigkeit  gehorcht  und  hoffte,  bald  von  dieser  ihm  lästigen
Fessel  frei  zu  werden.  Er  suchte  mit  dem  Könige  von  Polen  zu  unterhandeln;
der  aber  nannte  ihn  einen  Verräter,  wollte  ihm  kaum  verzeihen,  „wenn  sich
der  Kurfürst  ihm  auch  zu  Füßen  würfe“.  In  Polen  war  nämlich  ein  großer
Volksaufstand  gegen  die  Schweden  ausgebrochen;  Johann  Kasimir  hatte  seine
Hauptstadt  Warschau  zurückerobert  und  erwartete  an  der  Spitze  von  mehr  als
40000  Mann  in  einer  verschanzten  Stellung  das  schwedisch-brandenburgische
Heer.  Die  Schweden,  so  prahlte  er  jetzt,  wolle  er  „den  Tataren  zum  Frühstück
vorsetzen“;  dem  Kurfürsten  sandte  er  den  Befehl,  binnen  drei  Tagen  ihm  zur
Hilfe  zu  ziehen,  sonst  wolle  er  ihn  in  einen  Kerker  sperren,  wo  ihn  weder
Sonne  noch  Mond  bescheinen  solle.  Demgegenüber  lag  es  Karl  daran,  in
dem  Kurfürsten  einen  willigen  Verbündeten  zu  haben;  deshalb  versprach  er
ihm  im  Vertrage  zu  Marienburg  große  Strecken  des  zu  erobernden  polnischen
Gebiets,  und  vereint  lieferten  beide  vom  28.  bis  30.  Juli  1656  den  Polen
die  Schlacht  bei  Warschau.  Karl  führte  den  rechten  Flügel,  Friedrich
Wilhelm  den  linken;  unter  diesem  befehligten  Sparr  und  Derfflinger.  Mit
dem  Losungsworte  „Mit  Gott!“  stürmten  die  Brandenburger  in  die  Schlacht.
Drei  Tage  währte  das  Ringen;  König  und  Kurfürst  setzten  sich  der  größten
Gefahr  aus,  auch  die  Polen  wehrten  sich  verzweifelt;  zuletzt  aber  flohen  sie
in  größter  Verwirrung  davon.  Die  Sieger  zogen  in  Warschau  ein.  Das
war  die  erste  Waffenthat  der  brandenburgischen  Armee!

Karl  Gustav  wollte  den  Feind  weiter  verfolgen;  Friedrich  Wilhelm  aber
wollte  nicht  Polen  vernichten  helfen,  um  ein  übermächtiges  Schweden  zum
Nachbarn  und  Herrn  zu  erhalten,  sondern  zog  nach  Preußen  zurück,  wo  seine
Gegenwart  dringend  nötig  war.  Denn  ein  polnisches  Heer  bedrohte  Preußen;
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  59

 

 

 

 

 

 

Musketier.  OÖssizier  mit  Sponton.  Schalmeipfeifer.

 

 

 

 

 

Grenadier,  die  Handgranate  werfend.  Pikenier,  den  Feind  erwartend.

 

 

 

Soldaten  des  Großen  Kurfürsten.

Aus  Höcker,  Kadett  und  Feldmarschall.  Der  Große  Kurfürst  und  seine  Paladine.  Mit  viclen
Bildern  von  C.  Nömer  u.  R.  Knötel.  4.  Aufl.  Leipzig,  Ferdinand  Kirt  &amp;amp;  Sohn.
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        60  Zweiter  Zeitraum.

holländische  und  dänische  Schiffe  erschienen  in  der  Ostsee,  die  ein  schwedisches
Meer  zu  werden  drohte;  die  Russen,  die  damals  ganz  von  der  Ostsee  abgedrängt
  waren,  fielen  in  Livland  ein;  dazu  rüstete  auch  der  Kaiser  gegen
Schweden.  Die  Polen  sammelten  sich  wieder  und  eroberten  Warschau  abermals
  zurück;  die  Tataren  verheerten  Preußen  und  bedrohten  sogar  Berlin.
Der  Kurfürst  wünschte  daher,  von  dem  gefährlichen,  ihm  aufgedrungenen
Bündnis  loszukommen,  Karl  Gustav  aber  bot  alles  auf,  ihn  festzuhalten,  und
erkannte  ihn  1656  in  dem  Vertrage  zu  Labian  als  unabhängigen
Herzog  von  Preußen  an.  Als  nun  der  Kaiser  ein  Heer  in  Schlesien  einrücken
  ließ  und  die  Dänen  in  das  Herzogtum  Bremen  sowie  in  Holstein  einfielen,
  mußte  der  Schwedenkönig  Polen  aufgeben  und  an  die  Weser  eilen.
Gegen  den  Kurfürsten  war  er  längst  mißtrauisch  geworden,  und  auf  seinem
Durchzuge  durch  die  Mark  hauste  er  dort  wie  im  Feindeslande.  Friedrich
Wilhelm  war  weder  geneigt  noch  imstande,  den  Kampf  gegen  Schwedens
Feinde  im  Osten  allein  auf  sich  zu  nehmen,  sondern  stand  schon  in  Unterhandlung
  mit  den  Polen,  von  denen  die  Neumark  hart  bedrängt  wurde.  Er
verlangte  die  Anerkennung  seiner  Unabhängigkeit  in  Preußen;  Johann  Kasimir
fürchtete  die  Uberlegenheit  der  schwedisch-  brandenburgischen  Waffen,  dazu  trat
der  Kaiser  für  den  Kurfürsten  ein,  dessen  Stimme  er  für  die  nächste  Kaiser--wahl
  gewinnen  wollte,  und  so  kam  es  1657  zu  dem  Vertrage  zu  Wehlau,
in  welchem  auch  Polen  den  Kurfürsten  als  unabhängigen  Herzog  von  Preußen
anerkannte.  Inzwischen  errang  Karl  Gustav  Sieg  auf  Sieg,  er  vertrieb  die
Dänen  aus  dem  Herzogtum  Bremen,  gewann  im  Fluge  Holstein,  Schleswig
und  Jütland,  setzte  über  die  gefrorenen  Belte,  rückte  gegen  Kopenhagen  vor
und  gewährte  den  Dänen  den  Frieden  nur  gegen  Abtretung  mehrerer  Gebiete.
Dem  Kurfürsten  schwur  er  bittere  Rache  und  begann  sofort  zu  rüsten.  Friedrich
Wilhelm  versuchte,  auch  andere  deutsche  Fürsten  gegen  die  Schweden  aufzurufen,
um  diese  aus  ihren  deutschen  Besitzungen  zu  verdrängen.  In  einer  Denkschrift
  an  die  „Christlichen  Deutschen“  schrieb  er:  „Wir  sind  mit  dem
letzten  Kriege  schier  Dienstknechte  fremder  Nationen  geworden;  was  sind  Rhein,
Weser,  Elbe,  Oderstrom  anders  als  fremder  Nationen  Gefangene?  Was  ist
unsere  Freiheit  mehr,  als  daß  andere  damit  spielen?  Gedenke  ein  jeder,  der
kein  schwedisches  Brot  essen  will,  was  er  für  die  Ehre  des  deutschen  Namens
zu  thun  habe,  um  sich  gegen  sein  eigenes  Blut  und  sein  einst  vor  allen
Nationen  berühmtes  Vaterland  nicht  zu  versündigen!  Gedenke,  daß  du  ein
Deutscher  bist!“  Vergebens!  Mehrere  deutsche  Fürsten  schlossen  sich  sogar
Frankreich  an;  drei  Kurfürsten  wollten  nach  dem  Tode  Kaiser  Ferdinands  I.
(1637—1657)  den  unter  französischem  Einfluß  stehenden  Kurfürsten  von
Bayern  wählen,  drei  waren  für  die  Wahl  eines  Habsburgers,  die  Stimme
Friedrich  Wilhelms  gab  den  Ausschlag.  Um  seine  Stimme  zu  gewinnen,
schloß  Osterreich  daher  mit  ihm  ein  Bündnis,  und  Ferdinands  Sohn,  Leopold  1.
(1658  —1705),  wurde  gewählt.

Plötzlich  fiel  Karl  Gustav  wieder  Dänemark  an  und  belagerte  Kopenhagen.
  Allein  diese  Stadt  schlug  alle  Angriffe  heldenmütig  ab;  Osterreicher
und  Brandenburger  rückten  bis  Jütland  vor;  das  Kriegsglück  schien  die
Schweden  verlassen  zu  haben.  Da  nahmen  sich  ihrer  die  Holländer  und
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  61

Franzosen  an  und  drängten  zum  Frieden.  Der  plötzliche  Tod  Karl  Gustavs
erleichterte  die  Verhandlungen;  schon  nach  wenigen  Monaten  wurde  1660  der
Friede  zu  Oliva  unterzeichnet.  Dem  Kurfürsten  wurde  die  volle  Landes—
hoheit  in  Preußen  bestätigt;  zwar  war  seine  Hoffnung  auf  Vorpommern
abermals  gescheitert,  aber  sein  Ansehen  als  Staatsmann  und  Feldherr  verschaffte
  ihm  fortan  in  allen  europäischen  Angelegenheiten  bedeutsamen  Einfluß,
und  in  Preußen  hatte  er  hinfort  niemand  über  sich.  Dazu  war  ein  deutsches
Land  von  slavischer  Oberherrschaft  befreit:  die  erste  Wiedereroberung  der
vielen  verlorenen  deutschen  Grenzländer.

 

 

 

 

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Oliva  bei  Danzig.

Zunächst  aber  brachte  die  neue  Erwerbung  dem  Kurfürsten  nur  neue,
erbitterte  Kämpfe.  Die  preußischen  Stände  hatten  sich  unter  polnischer
Herrschaft  große  Vorrechte  erworben;  der  Adel  beanspruchte  fast  gleiches  Recht
mit  der  Regierung,  während  er  die  Bauern  aussog  und  unterdrückte.  Die
Stände  sahen  ihre  Freiheit  durch  das  stehende  Heer  bedroht  und  beschwerten
sich,  daß  es  nach  dem  Frieden  von  Oliva  nicht  entlassen,  sondern  vielmehr
durch  Steuern  unterhalten  werde,  die  von  ihnen  nicht  bewilligt  seien.  Die
von  dem  Kurfürsten  mit  Polen  und  Schweden  geschlossenen  Verträge  erklärten
sie  für  ungültig  und  drohten,  den  König  von  Polen,  der  sie  im  geheimen  in
ihrem  Widerstande  bestärkte,  um  Schutz  anrufen  zu  wollen.  Das  reformierte
Bekenntnis  des  Kurfürsten  gab  seinen  Feinden  eine  willkommene  Handhabe,
die  streng  lutherischen  Preußen  gegen  ihn  aufzuhetzen.  Die  Seele  des  Widerstandes
  war  der  Königsberger  Schöppenmeister  Roth  (Rode).  Er  reizte  offen
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        62  Zweiter  Zeitraum.

das  Volk  zum  Widerstande  auf,  eilte  nach  Warschau  und  bat  den  König  von
Polen  um  bewaffnetes  Einschreiten.  Da  erschien  der  Kurfürst  mit  Truppen
in  Königsberg.  Nachdem  ein  Versuch,  Roth  gefangen  zu  nehmen,  an  dem
Widerstande  der  Bürger  gescheitert  war,  ließ  der  Kurfürst  die  Bürger  zu
einer  Besprechung  auf  das  Rathaus  laden,  während  dieser  Zeit  Roth  in  seiner
Wohnung  verhaften  und  im  Schloß  bewachen.  Alles  blieb  ruhig.  Roth  wurde
nach  Peitz  gebracht  und  blieb  dort,  weil  er  nicht  um  Verzeihung  bitten  wollte,
trotz  der  Fürsprache  seiner  Mitbürger  und  des  Königs  von  Polen  bis  zu
seinem  Tode  in  Haft.  Nach  Roths  Entfernung  unterwarfen  sich  allmählich
die  Stände.  Der  Kurfürst  versprach,  ohne  ihre  Bewilligung  weder  neue
Steuern  auflegen,  noch  Krieg  anfangen  zu  wollen;  doch  mußten  sie  ihm  das
Recht  der  Landesverteidigung  unter  Beirat  der  Stände  überlassen  und  gestatten,
  daß  auch  reformierte  Beamte  in  der  Verwaltung  und  Rechtspflege
angestellt  werden  durften.  Darauf  leisteten  ihm  die  Stände  als  ihrem  souveränen
  Herzog  die  Huldigung  (1663).  Seitdem  regierte  der  Kurfürst  in
Preußen  unumschränkt  und  ließ  die  ständischen  Vorrechte  nur  dann  gelten,
wenn  sie  dem  Wohle  des  Landes  nicht  schadeten.  Die  hierüber  Unzufriedenen
fanden  aufs  neue  einen  Führer  in  dem  Obersten  von  Kalckstein.  Er  war,
wegen  Mißbrauchs  seiner  Amtsgewalt  von  Friedrich  Wilhelm  entlassen,  in
polnische  Dienste  getreten  und  prahlte,  mit  polnischen  Truppen  in  Preußen
einfallen  und  den  Kurfürsten  sowie  dessen  Kinder  erschießen  zu  wollen.  Bei
einem  Besuche  in  Königsberg  fiel  er  den  ihm  auflauernden  kurfürstlichen
Reitern  in  die  Hände.  Er  ward  zum  Tode  verurteilt,  aber  begnadigt  und
auf  sein  Ehrenwort  entlassen.  Dessenungeachtet  begann  er  seine  Umtriebe
sofort  von  neuem,  hetzte  offen  die  Polen  auf  und  überhäufte  den  Kurfürsten
mit  Schmähungen.  Trotzdem  verweigerte  Polen  seine  Auslieferung.  Da  ließ
ihn  der  Kurfürst  durch  seinen  Gesandten  in  Warschau  festnehmen  und  in
Memel  enthaupten  (1672).  Damit  war  aller  Widerstand  der  Stände  gebrochen,
  und  der  Kurfürst  regierte  in  Preußen  sowie  in  Kleve,  wo  er  kurz
zuvor  ebenfalls  die  übergroßen  Vorrechte  der  Stände  beschränkt  hatte,  ebenso
unumschränkt  wie  in  Brandenburg,  zum  Segen  des  gesamten  Staates.

4.  Rampf  gegen  Franzosen,  Schweden  und  Türken.

Der  gewissenlose  und  ruhmsüchtige  französische  König  Ludwig  XIV.
benutzte  die  hilflose  Lage  seiner  Nachbarn  zu  einer  Reihe  von  Eroberungskriegen.
  In  dem  ersten,  gegen  die  spanischen  Niederlande  gerichteten,  traten
ihm  die  Holländer  entgegen,  die  mit  England  und  Schweden  gegen  ihn  einen
Dreibund  schlossen.  Um  nun  an  Holland  Rache  zu  nehmen,  brachte  Ludwig
(1672)  durch  Geld  die  Könige  von  England  und  Schweden  auf  seine  Seite;
selbst  der  Kaiser  ließ  sich  durch  Bestechung  und  den  Einfluß  der  Jesuiten  zu
dem  Versprechen  herbei,  die  ketzerischen  Holländer  nicht  unterstützen  zu  wollen;
der  Erzbischof  von  Köln  und  der  Bischof  von  Münster  traten  offen  auf  Frankreichs
  Seite.  Ludwig  suchte  auch  den  Kurfürsten  von  Brandenburg  zu  sich
herüberzuziehen  oder  doch  zu  bewegen,  neutral  zu  bleiben;  dieser  aber  fühlte
sich  „durch  Bande  des  Bluts,  der  Religion  und  der  Freundschaft“  zu  den
Holländern  hingezogen  und  verbündete  sich  mit  ihnen.  Statt  aber  ihnen  un-
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  63

mittelbare  Hilfe  zu  bringen,  ließ  er  sich  von  dem  kaiserlichen  Feldherrn  bewegen,
  mit  ihm  an  den  Oberrhein  zu  ziehen.  Obwohl  auch  hierdurch  ein
französisches  Heer  von  den  Holländern  abgezogen  wurde,  verweigerten  diese
dennoch  die  Zahlung  der  versprochenen  Hilfsgelder.  Da  Friedrich  Wilhelm
sah,  wie  der  Kaiser  den  Krieg  nur  zum  Schein  führte,  wie  Kleve  verwüstet
und  Brandenburg  von  den  Schweden  bedroht  wurde,  und  da  er  wußte,  daß
Holland  schon  längere  Zeit  mit  Frankreich  über  den  Frieden  unterhandelte,
schloß  er  1673  mit  Frankreich  den  Frieden  zu  Vossem  (bei  Brüssel),  in
welchem  er  außer  einer  Geldentschädigung  seine  verlorenen  Gebiete  zurückerhielt
  und  versprach,  den  Feinden  Frankreichs  so  lange  keinen  Beistand  leisten
zu  wollen,  als  das  deutsche  Reich  nicht  angegriffen  werde.

Als  das  deutsche  Reich  den  Franzosen  (1674)  den  Krieg  erklärte,  weil
sie  in  Franken  und  Hessen  eindrangen  sowie  die  Pfalz  besetzten,  mußte  auch
Friedrich  Wilhelm  wieder  das  Schwert  ziehen;  aber  er  stellte  nicht  nur  seine
pflichtmäßige  Truppenzahl,  sondern  schloß  mit  dem  Kaiser,  mit  Holland  und
Spanien  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis,  in  welchem  er  sich  verpflichtete,  gegen
Hilfsgelder  16000  Mann  zu  stellen.  Dabei  wurde  auch  festgesetzt,  daß  keiner
ohne  den  andern  Frieden  schließen  dürfe.  Auch  in  diesem  Feldzuge  richteten
die  Verbündeten  durch  Schuld  des  kaiserlichen  Feldherrn  nichts  aus;  der  Kurfürst
  erhielt  dem  Vertrage  entgegen  nicht  den  Oberbefehl  über  das  Heer,  dem
seine  Truppen  angehörten;  trotz  seiner  wiederholten  Aufforderung  griff  der
kaiserliche  Feldderr  das  nur  halb  so  starke  französische  Heer  nicht  an.  Zu
diesem  Arger  traf  den  Kurfürsten  noch  der  Schmerz,  daß  er  seinen  hoffnungsvollen
  Sohn  Karl  Emil  im  Feldlager  —  wie  er  glaubte,  an  Gift  —  verlor.
Auch  die  Holländer  kämpften  unglücklich,  so  daß  der  ganze  Feldzug  mißglückte.
Dennoch  wollte  Ludwig  sich  den  Großen  Kurfürsten,  seinen  thätigsten  Gegner,
gern  vom  Halse  schaffen  und  bewog  deshalb  die  Schweden,  Ende  des  Jahres
1674  von  Vorpommern  aus  plündernd,  sengend  und  brennend  in  Hinterpommern
  und  die  Neumark,  in  die  Uckermark,  Prignitz  und  ins  Havelland
einzufallen.  Die  Hannoveraner  und  Bayern  waren  mit  Schweden  verbündet,
und  die  Polen,  von  Frankreich  aufgestachelt,  bereit,  in  Preußen  einzufallen.
Der  Kurfürst  hatte  bei  Schweinfurt  in  Franken  Winterquartiere  bezogen.
Als  er  die  Nachricht  von  dem  Einfall  der  Schweden  erhielt,  rief  er:  „Die
Schweden  sind  in  die  Mark  eingefallen;  auf  die  Art  könnte  ich  ganz  Pommern
erhalten.“  Er  beschloß  sofort,  den  Kampf  mit  Schweden  zu  Wasser  und  zu
Lande  aufzunehmen,  und  eilte  nach  dem  Haag,  um  Bundesgenossen  zu  werben.
Holland,  der  Kaiser,  Spanien  und  Dänemark  erklärten  zwar  den  Schweden
den  Krieg;  aber  Friedrich  Wilhelm  wußte  wohl,  daß  er  auf  ihre  Hilfe  nicht
viel  rechnen  dürfe.  Er  schloß  einen  Vertrag  mit  dem  Holländer  Benjamin
Raule,  der  brandenburgische  Kriegsschiffe  ausrüsten  mußte,  und  ließ  Seesoldaten
  werben.  Inzwischen  hatten  sich  die  gequälten  Bauern  der  Marken
schon  hier  und  da  erhoben  und,  mit  Heugabeln  und  Senusen  bewaffnet,  zerstreute
  Haufen  der  Schweden  erfolgreich  überfallen.  Eine  ihrer  Fahnen,  die
noch  aufbewahrt  wird,  trägt  die  Inschrift:

„Wihr  Bauern  von  geringem  Guth
Dienen  unsern  gnädigen  Kurfürsten  und  Herru  mit  unsern  Blut.“
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        64  Zweiter  Zeitraum.

Von  seinen  Verbündeten  im  Stich  gelassen,  eilte  der  Kurfürst  mit  einem
nur  kleinen  Heere  nach  Magdeburg,  das  er  aus  Besorgnis  vor  einem  schwe—
dischen  Überfall  im  Einverständnis  mit  dem  Bistumsverweser  schon  seit  1666
militärisch  besetzt  hielt.  Dort  erfuhr  er,  daß  die  Schweden  20000  Mann
stark  unter  dem  berühmten  Feldmarschall  Karl  Gustav  Wrangel  am  rechten
Havelufer  standen  und  im  Begriff  waren,  Magdeburg  zu  erobern.  Er  hatte
außer  der  Reiterei  nur  1200  Mann  Fußvolk  bei  sich;  dennoch  beschloß  er,
den  Feind,  der  die  drei  Havelpässe  bei  Brandenburg,  Rathenow  und  Havelberg
  stark  besetzt  hatte,  in  der  Mitte  so  rasch  anzugreifen,  daß  ihm  nicht  Zeit
bliebe,  sich  zu  sammeln.  Der  Kurfürst  gönnte  seinen  Truppen  einen  Tag
Ruhe  und  ließ  die  Stadtthore  schließen  sowie  die  Elbfähre  bewachen,  damit
die  Nachricht  von  seiner  Ankunft  ihm  nicht  vorauslaufe;  dann  eilte  er  weiter,
indem  er  das  Fußvolk  und  Böte  auf  Wagen  weiterschaffen  ließ.  Der  strömende
  Regen  erschwerte  den  Marsch.  Am  15.  Juni  überfiel  der  Kurfürst
Rathenow,  das  von  sechs  Schwadronen  schwedischer  Dragoner  besetzt  war;
nach  kurzem  Kampfe  wurde  fast  die  ganze  Mannschaft  niedergehauen  oder
gefangen  genommen.  Damit  hatte  er  sich  wie  ein  Keil  zwischen  das  schwedische
Heer  geschoben.  Der  linke  Flügel  desselben  unter  General  Waldemar  Wrangel,
dem  Bruder  des  Feldmarschalls,  suchte  sich  nun  eiligst  aus  den  Sümpfen  des
havelländischen  Luchs  zurückzuziehen  und  über  Nauen  zu  entkommen.  Der
Prinz  von  Homburg  wurde  mit  1500  Reitern  dem  Feinde  nachgeschickt,  hatte
ihn  bald  erreicht  und  ließ  wiederholt  um  Erlaubnis  bitten,  ihn  angreifen  zu
dürfen,  um  ihn  zum  Stehen  zu  zwingen.  Selbst  Derfflinger  widerriet;  aber
der  Prinz  war  bereits  in  ein  Gefecht  verwickelt,  deshalb  sandte  der  Kurfürst
ihm  schleunigst  Dragoner  zu  Hilfe  und  folgte  mit  den  übrigen  Truppen  so
schnell  als  möglich.  Er  hatte  nur  5600  Reiter  und  13  Geschütze  —  seine
wenigen  Fußtruppen  hatten  ihm  nicht  zu  folgen  vermocht  —;  das  feindliche
Heer  aber  zählte  4000  Reiter,  7000  Fußsoldaten  und  38  Geschütze.

Ein  nicht  breiter  Sandrucken,  an  beiden  Seiten  von  weiten  Mooren  eingeengt,
  bildete  bei  Fehrbellin  eine  der  wenigen  brauchbaren  Ubergangsstellen
über  den  Rhin.  Zu  seiner  Linken  bemerkte  der  Kurfürst  einen  von  den  Feinden
nicht  beachteten,  teilweise  mit  Kiefern  bewachsenen  Höhenzug,  den  er  sofort
mit  Kanonen  besetzen  ließ.  Wrangel  sah  sich  dadurch  in  der  Flanke  bedroht
und  bot  alles  auf,  die  Brandenburger  zu  vertreiben;  hier  entbrannte  daher
der  hitzigste  Kampf.  Aber  die  Dragoner  riefen:  „Lieber  lassen  wir  uns  in
Stücke  hauen,  als  daß  wir  die  Geschütze  lassen!“  Der  Kurfürst  und  der  fast
siebzigjährige  Derfflinger  stürzten  sich  in  das  dichteste  Handgemenge.  „Getrost,
tapfere  Brandenburger,“  rief  der  Fürst  seinen  Dragonern  zu,  „ich,  euer  Fürst
und  nunmehriger  Kapitän,  will  siegen  oder  ritterlich  mit  euch  sterben.“  Damit
sprengt  er  den  Seinen  voran,  Führer  und  Kämpfer  zugleich.  Bald  ist  er
rings  von  Schweden  umzingelt;  doch  die  Seinen  bemerken  die  Gefahr:  neun
Dragoner  bahnen  sich  eine  blutige  Gasse  und  befreien  ihren  geliebten  Landesherrn.
  Bald  war  der  rechte  Flügel  der  Schweden  gebrochen  und  zog  sich,
von  dem  noch  unbesiegten  linken  gedeckt,  auf  Fehrbellin  zurück  (18.  Juni  1675).
Fast  der  fünfte  Mann  der  Schweden  war  gefallen;  nur  wenige  waren  zu
Gefangenen  gemacht.  Doch  es  war  dem  Kurfürsten  unmöglich,  ohne  Fußvolk
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.

  

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Der  Große  Kurfürst  in  der  Schlacht  bei  Fehrbellin.

  

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Hosfmeyer,  Unser  Preußen.

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        66  Zweiter  Zeitraum.

und  mit  den  bis  zur  äußersten  Erschöpfung  angestrengten  Menschen  und
Pferden  gegen  Fehrbellin  noch  etwas  zu  unternehmen.  Am  folgenden  Morgen
nahm  er  die  Stadt  ein;  die  Schweden  flohen  eiligst  davon,  auch  der  Feldmarschall
  Wrangel  hatte  inzwischen  Havelberg  verlassen  und  zog  sich  nach
Norden  zurück.

Unter  den  Gefallenen  befand  sich  auch  der  Stallmeister  des  Kurfürsten,  Emanuel
  von  Froben.  Den  Obersten  Hennigs  (Henniges),  eines  Bauern  Sohn  aus
der  Mark,  erhob  der  Kurfürst  gleich  auf  dem  Schlachtfelde  für  bewiesene  Tapferkeit
unter  dem  Namen  von  Treffenfeld  in  den  Adelstand.  Die  Schlacht.  von  Fehrbellin,
  die  erste,  welche  die  Brandenburger  allein  gewannen,  ist  eine  der  ruhmvollsten
der  ganzen  brandenburgischen  Geschichte;  die  Nachricht  von  derselben  setzte  Freund
und  Feind  in  Erstaunen,  und  damals  zuerst  wurde  Friedrich  Wilhelm  (in  einem
elsässischen  Volksliede)  der  Ehremame  „der  Große“  beigelegt.

Die  Niederlage  der  Schweden  hatte  weitreichende  Folgen.  Ihre  deutschen
Bundesgenossen  zogen  sich  zurück,  der  Reichskrieg  gegen  Schweden  wurde  erklärt,
  und  Dänemark,  gierig  nach  Schwedens  deutschen  Besitzungen  Bremen
und  Verden,  schloß  mit  dem  Großen  Kurfürsten  ein  Bündnis.  Sobald  das
brandenburgische  Fußvolk  über  Magdeburg  nachgekommen  war,  brach  der  Kurfürst
  wieder  auf  und  eroberte  noch  1676  fast  ganz  Vorpommern,  Ende  1677
nach  harter  Belagerung  die  Festung  Stettin  und  1678  mit  Unterstützung  der
dänischen  und  einer  kleinen  brandenburgischen  Flotte  selbst  Stralsund  und
Greifswald.  Somit  besaß  Schweden  in  Pommern  keinen  Fuß  breit  Landes
mehr.  Der  Kurfürst  ging  nach  Westfalen,  um  seine  dortigen  Besitzungen
gegen  die  anrückenden  Franzosen  zu  decken;  dort  erhielt  er  die  Vachricht,  daß
(November  1678)  die  Schweden  von  Livland  aus  mit  16000  Mann  in  Preußen
eingefallen  seien  und  der  König  von  Polen  die  Absicht  hege,  sich  mit  ihnen  zu
vereinigen.  Dazu  waren  viele  in  Preußen  mit  den  Feinden  in  geheimer  Verbindung.
  Dennoch  verzagte  der  Kurfürst  nicht.  Sofort  erteilte  er  seinen  in
Pommern  stehenden  Regimentern  Befehl  zum  Aufbruch  nach  Preußen;  er  selber
eilte,  sobald  seinc  heftigen  Brustbeschwerden  es  ihm  gestatteten,  im.  Januar
1679  ihnen  nach.  Sowie  die  Schweden  von  der  Annäherung  des  Kurfürsten
Kunde  erhielten,  zogen  sie  sich  zurück;  um  ihnen  den  Rückzug  abzuschneiden,
eilte  der  Kurfürst  bei  der  grimmigsten  Kälte  mit  1200  eiligst  zusammengebrachten
  Schlitten,  auf  denen  er  sein  Fußvolk  fortschaffen  ließ,  über  das
gefrorene  Frische  und  Kurische  Haff,  traf  aber  nur  noch  Trümmer  des  schwedischen
  Heeres,  die  er  dann  durch  Gencral  Schöning  mit  nur  1500  Reitern
durch  das  öde,  fast  dorflose  Land  bis  vor  Riga  verfolgen  ließ.  Infolge  der
eisigen  Kälte  —  die  Reiter  mußten  oft  neben  den  Pferden  herlaufen,  um
nicht  zu  erfrieren  —  und  der  heftigen  Verfolgung  der  Brandenburger  rettete
sich  von  dem  schwedischen  Heere  kaum  der  zehnte  Teil.  So  hatte  der  Kurfürst
in  zwölf  Wochen  bei  ungewöhnlicher  Winterkälte  einen  Marsch  von  100  Meilen
gemacht,  den  Feind  in  zwei  Tagen  aus  dem  Lande  gejagt,  noch  40  Meilen
in  dessen  eigenem  Lande  verfolgen  lassen  und  dadurch  fast  die  ganze  feindliche
  Armec  aufgerieben.

Schon  in  Königsberg  erfuhr  der  Kurfürst,  daß  seine  Verbündeten  ohne  ihn
mit  Ludwig  XIV.  in  Nymwegen  Frieden  geschlossen  hatten.  Weder  der  Kaiser,
noch  die  übrigen  deutschen  Fürsten  wünschten  eine  Vergrößerung  Brandenburgs;
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Der  Große  Kurfürst  überschreitet  das  Kurische  Haff.

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1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.

 

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        68  Zweiter  Zeitraum.

offen  sagte  man  in  Wien,  „es  gefalle  Kaiserlicher  Majestät  nicht,  daß  sich  ein
neues  Vandalenreich  an  der  Ostsee  hervorthue“.  Deshalb  wurde  der  Kurfürst
treulos  im  Stich  gelassen;  allein  aber  vermochte  er  Ludwig  XIV.  nicht  entgegenzutreten,
  der  die  Herausgabe  aller  schwedischen  Besitzungen  forderte  und,  um
dies  zu  erzwingen,  Kleve,  Mark  und  Ravensberg  besetzte  und  Minden  belagerte.
  Trotz  aller  Anstrengungen,  durch  Fortsetzung  des  Kampfes  und  durch
Unterhandlungen  günstigere  Bedingungen  zu  erlangen,  mußte  der  Kurfürst
1679  in  den  Frieden  von  St.  Germain  (bei  Paris)  willigen,  in  welchem
er  den  Schweden  alles  ihnen  abgenommene  Land  bis  auf  einen  kleinen  Landstrich
  am  rechten  Oderufer  zurückgab.  Im  Groll  über  diese  Treulosigkeit  und
in  vorahnendem  Geiste  ließ  er  eine  Münze  prägen,  deren  lateinische  Inschrift
in  deutscher  Übersetzung  lautet:  „Möchte  dereinst  aus  meinen  Gebeinen  ein
Rächer  erstehen!“

Auch  sonst  hatte  der  Kurfürst  Ursache,  dem  Kaiser  zu  zürnen.  Schon
31642,  bein  Aussterben  der  hohenzollernschen  Linie  in  Jägerndorf  (S.  34),
hätte  dieses  Fürstentum  an  Brandenburg  fallen  müssen,  der  Kaiser  aber  hatte
es  für  sich  genommen.  1675  war  das  Herzogshaus  von  Liegnitz,  Brieg
und  Wohlau  ausgestorben,  und  der  Kaiser  hatte  auch  dessen  Besitzungen  trotz
des  Erbvertrages  von  1537  (S.  32)  eingezogen.  Von  allen  verlassen,  dazu
noch  von  der  Nache  Schwedens  bedroht,  näherte  sich  der  Kurfürst,  wenn  auch
mit  innerem  Widerstreben,  Ludwig  XIV.,  dem  dadurch  der  Länderraub  am
Rhein  erleichtert  wurde.  Er  zog  mitten  im  Frieden  mehrere  Landstriche  und
Städte  (z.  B.  Saarlouis,  Saarbrücken,  Mömpelgard,  Luxemburg)  und  über
500  Flecken,  Dörfer,  Schlösser  und  Mühlen,  zuletzt  auch  die  freie  Reichsstadt
Straßburg  ein  (1681)  und  behauptete  seinen  Raub.  Das  aus  Not  mit  Ludwig
  XIV.  geschlossene  Bündnis  löste  der  Kurfürst  bald  wieder;  als  der  Kaiser
durch  die  Türken  in  große  Bedrängnis  geriet,  bot  ihm  Friedrich  Wilhelm
gegen  Rückgabe  von  Jägerndorf  und  Gewährung  von  Glaubensfreiheit  für  die
Evangelischen  Osterreich-Ungarns  ein  Hilfsheer  an.  Der  Kaiser  lehnte  dies
ab;  die  Türken  belagerten  Wien,  der  Kaiser  flüchtete;  die  Bürger  aber  verteidigten
  sich  unter  dem  entschlossenen  Rüdiger  von  Starhemb  erg  60  Tage
lang,  bis  ein  deutsches  Heer  unter  Karl  von  Lothringen  und  ein  polnisches
unter  dem  Könige  Johann  Sobieski  der  Stadt  zu  Hilfe  eilte  und  das
türkische  Heer  vor  den  Thoren  Wiens  besiegte  (1683).  Zur  weiteren  Bekämpfung
der  Türken  nahm  der  Kaiser  dann  das  Angebot  des  Kurfürsten  unter  fol—
genden  Bedingungen  an:  der  Kurfürst  stellte  dem  Kaiser  ein  Hilfsheer  von
8000  Mann  und  verzichtete  auf  Jägerndorf,  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau,  erhielt
dafür  den  Kreis  Schwiebus,  sowie  eine  Schuldforderung  auf  Ostfriesland,
wodurch  Brandenburg  die  Aussicht  auf  den  Pfandbesitz  dieses  Landes  erwarb.
Mit  Hilfe  der  brandenburgischen  T  Truppen,  die  unter  den  Generalen  Schöning
und  Barfus  mit  allerseits  bewunderter  Tapferkeit  fochten,  setzte  der  Kaiser
den  Türkenkrieg  erfolgreich  fort.  Die  brandenburgischen  „Feuermänner“
thaten  sich  besonders  bei  der  Zurückeroberung  Ofens  hervor,  indem  sie
als  die  ersten  die  Mauer  erstiegen  und  dadurch  Ungarns  Hauptstadt,  die
150  Jahre  in  der  Gewalt  der  Ungläubigen  gewesen  war,  dem  Kaiserhause
zurückbrachten.
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  69

5.  Spätere  Werke  den  Friedens.

Friedrich  Wilhelm  hatte  sich  in  Holland  davon  überzengt,  wie  wichtig
eine  Handels=  und  Kriegsflotte  für  ein  Land  ist;  deshalb  strebte  er  seit
dem  Beginn  seiner  Regierung  danach,  sein  Volk  an  dem  Seehandel  teilnehmen
zu  lassen.  Schon  1647  gründete  er  eine  überseeische  Handelsgesellschaft,  die
sich  aber  bald  wieder  auflöste.  Wie  schmerzte  es  ihn,  als  er  1648  das  für
die  Schiffahrt  so  günstig  gelegene  Stettin  den  Schweden  lassen  und  1679  es
ihnen  wieder  abtreten  mußte!  Dadurch  ließ  er  sich  aber  in  seinem  Vorhaben
nicht  irremachen.  Bereits  im  Kampfe  um  Pommern  (1676),  besonders  bei
der  Belagerung  von  Stettin,  konnte  er  sich  auf  eine  kleine  Flotte  stützen,  die

 

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riegsschiffe  des  Großen  Kurfürsten.

 

er  sich  mit  Hilfe  des  Holländers  Raule  geschaffen  hatte  (S.  63),  und  die  1681
schon  30  Schiffe  zählte.  Als  die  Spanier  dem  Kurfürsten  versprochene  Hilfs—
gelder  nicht  zahlen  wollten,  brachten  brandenburgische  Fregatten  zwei  spanische
Schiffe  nach  Pillau,  die  für  Rechnung  des  Kurfürsten  verkauft  wurden.  Auf
Raules  Rat  schloß  der  Kurfürst  1681  mit  Negerhäuptlingen  an  der  Küste  von
Guinea  Verträge,  in  denen  sie  den  Kurfürsten  als  ihren  Herrn  anerkannten,
die  Erlaubnis  zur  Erbauung  einer  Festung  an  ihrer  Küste  erteilten  und  gelobten,
  nur  mit  Brandenburgern  Handel  treiben  zu  wollen.  Darauf  errichtete
der  Kurfürst  eine  „Afrikanische  Handelsgesellschaft"  und  sandte  1682  den
Major  von  der  Gröben  mit  zwei  Schiffen  und  einer  Kompanie  Soldaten
ab,  der  an  der  Goldküste  beim  Vorgebirge  der  drei  Spitzen  die  Festung
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Zweiter  Zeitraum.
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  71

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der  Große  Kurfürst  nimmt  die  Huldigung  der  Afrikaner  entgegen.
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        72  Zweiter  Zeitraum.

Großfriedrichsburg  und  noch  zwei  andere  feste  Plätze  anlegte  und  südlich
vom  Vorgebirge  St.  Blanko  das  Kastell  Arguin  erbaute.  Ein  glücklicher
Zufall  schien  das  Unternehmen  noch  begünstigen  zu  wollen.  Bei  einem  Streite
der  Fürstin  von  Ostfriesland  mit  ihren  Ständen  wandten  sich  diese  mit  der
Bitte  um  Schutz  ihrer  Rechte  an  den  Kaiser,  der  den  Großen  Kurfürsten,  den
Bischof  zu  Münster  und  den  Pfalzgrafen  von  Pfalz-Neuburg  beauftragte,  die
Stände  zu  schützen.  Infolgedessen  besetzte  der  Kurfürst  im  Einverständnis  mit
den  Ständen  Emden  mit  seinem  damals  noch  vorzüglichen  Hafen,  das  nun
der  Standort  der  brandenburgischen  Flotte  und  der  Sitz  der  Afrikanischen
Kompanie  ward.  Mit  Staunen  sahen  die  Berliner  (1684)  in  ihrer  Stadt
eine  Gesandtschaft  von  Negerhäuptlingen,  die  gekommen  waren,  dem  Kurfürsten
zu  huldigen  und  ihm  Erzeugnisse  ihrer  Heimat  als  Geschenke  darzubringen.
Bislang  hatte  der  Kurfürst  die  Kriegsschiffe  nach  Bedürfnis  von  Raule  gemietet;
  jetzt  nahm  er  diesen  ganz  in  seinen  Dienst  und  kaufte  ihm  9  Kriegsschiffe
  ab.  Voll  Neid  blickten  Franzosen,  Engländer  und  Holländer  auf  den
emporstrebenden  Nebenbuhler;  namentlich  die  letzteren  legten  der  Handelsgesellschaft
  so  viele  Schwierigkeiten  in  den  Weg,  daß  sie  in  Schulden  geriet.
Da  setzte  der  Kurfürst  den  Handel  auf  eigene  Kosten,  wenn  auch  mit  Verlust,
fort.  Seine  Nachfolger  haben  dies  Unternehmen  als  verfehlt  aufgegeben,  und
lange  hat's  gewährt,  bis  das  deutsche  Volk  dies  Werk  des  Großen  Kurfürsten
wieder  aufgenommen  hat:

O  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm,  zu  Land  und  Meer  ein  Held,

Du  hast  den  Weg  gewiesen  und  uns  das  Ziel  gestellt!

Die  Berge  haben  Tannen,  wir  haben  hohen  Mut;

Auch  uns  gehört  die  große,  wogende  Meeresflut.  (O.  Fr.  Gruppe.)

Friedrich  Wilhelm  war  ein  gläubiger  evangelischer  Christ.  Das  Gebet  war
ihm  Bedürfnis;  dem  Herrn  schrieb  er  alle  seine  Erfolge  zu.  Deus  fortitudo
mea,  Gott  meine  Stärke,  das  war  sein  Wahlspruch.  Als  ihm  die  Krone
Polens  unter  der  Bedingung  des  Ubertritts  zur  katholischen  Kirche  angeboten
wurde,  sagte  er:  „Meine  Religion,  darin  ich  meiner  Seligkeit  versichert  bin,
um  einer  Krone  willen  verlassen,  werde  ich  in  Ewigkeit  nicht  thun.“  Gegen
Andersgläubige  war  er  sehr  duldsam;  sein  Staat  war  der  erste  in  Europa,
in  welchem  die  Anhänger  der  verschiedensten  Religionsgemeinschaften
  unbehelligt  nebeneinander  wohnen  durften.  Aber  sie
mußten  untereinander  Frieden  halten.  Den  lutherischen  und  reformierten
Geistlichen  verbot  er  das  gegenseitige  Verketzern  auf  den  Kanzeln  und  veranstaltete,
  um  Lutheraner  und  Reformierte  zu  einer  Kirche  zu  vereinigen,
1664  die  Liebesgespräche  zwischen  Geistlichen  beider  Bekenntnisse,  aber
ohne  Erfolg.  Da  verlangte  er  von  den  Geistlichen  ein  schriftliches  Versprechen,
  daß  sie  obigem  Befehle  gegenseitiger  Duldung  nachkommen  wollten;
einige,  die  ihre  Unterschrift  verweigerten,  wurden  ihres  Amtes  entsetzt.  Zu
ihnen  gehörte  auch  Paul  Gerhardt,  der  bekannte  Dichter  herrlicher  geistlicher
  Lieder,  der  zu  Lübben  im  Spreewalde  wieder  eine  Anstellung  fand.
Als  mächtigster  evangelischer  Fürst  Deutschlands  hielt  es  der  Große

Kurfürst  für  seine  Pflicht,  die  Evangelischen  auch  in  anderen  Ländern  zu
schützen.  Schon  wiederholt  hatte  er  für  sie  beim  Kaiser  und  bei  Ludwig  XIV.
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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  73

Fürsprache  eingelegt.  König  Heinrich  IV.  von  Frankreich  hatte  seinen  reformierten
Glaubensgenossen,  den  Hugenotten,  durch  das  Edikt  von  Nantes  1598
Glaubensfreiheit  gewährt.  Sie  bildeten  nicht  nur  eine  in  sich  festgeschlossene
Kirche,  sondern  gleichsam  einen  besonderen  Staat,  der  mit  der  Regierung  mehrmals
  zur  Verteidigung  der  Glaubensfreiheit  Kriege  führte  und  Verträge  schloß.
Ludwig  XIV.  sah  ihre  Unterwerfung  als  Vorbedingung  für  die  Macht  Frankreichs
  an;  in  seinem  Lande  sollte  nur  ein  Wille  und  nur  ein  Glaube  herrschen.
Manche  hochgestellte  Männer  ließen  sich  durch  Ehren,  ärmere  durch  Gold  zum
Ubertritt  zur  katholischen  Kirche  bewegen;  die  übrigen  suchte  man  durch  Belästigung
  und  Quälereien  dazu  zu  zwingen.  Das  gefürchtetste  Mittel  waren  die
Dragonaden:  den  Reformierten
  wurden  Soldaten,
  meistens  Dragoner,
ins  Haus  gelegt,  die  sich
ungestraft  alles  erlauben
durften.  Trotz  des  Verbots
  der  Auswanderung
gelang  es  doch  Tausenden
zu  entkommen;  viele  ang.  ——————
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ben  1685  hob  dr.  *
König  das  Edikt  von
Nantes  auf,  weil  in
seinem  Lande  keine  Re-  »
formierten  mehr  vorhan—  Be
den  seien.  Sofort  lud  der  BSS
Kurfürst  die  Hugenotten
durch  das  Potsdamer
Edikt  ein,  in  seinen
Staaten  sich  niederzulassen.
  Er  versprach  ihnen  -  .
freie  Reise,  zollfreie  Ein-  Paul  Gerhardt.
fuhr  ihrer  Sachen,  freie

Wahl  ihres  Wohnortes  und  gleiche  bürgerliche  Rechte  mit  seinen  bisherigen
Unterthanen.  Verlassene  Häuser,  geeignete  Bauplätze,  Odländereien  zum  Urbarmachen,
  sowie  Baumaterial  sollten  ihnen  unentgeltlich  überlassen,  auch
Geld  zur  Anlage  von  Fabriken  und  mehrjährige  Befreiung  von  allen  Lasten
und  Abgaben  gewährt  werden.  Mit  der  größten  Herzlichkeit  empfing  der
Kurfürst  die  Ankömmlinge  in  Berlin;  er  ließ  sie  aufs  beste  bewirten  und
bei  ihrer  Niederlassung  unterstützen.  So  gewann  Brandenburg  über  15000
fleißige  und  geschickte  Einwohner,  die  namentlich  das  Gewerbe  in  den
Marken  hoben.  An  vielen  Orten  bildeten  sich  französische  Kolonien,
die  größten  in  Berlin  und  Magdeburg.  Die  Seiden-,  Hut-,  Strumpfund
  Samtmannfakturen  sowie  der  Tabaksbau  in  der  Uckermark  wurden
durch  sie  neu  eingeführt,  andere  Gewerbe  durch  sie  verbessert.  Auch  unter
den  brandenburgischen  Offizieren,  Beamten  und  Gelehrten  fanden  sich  bald

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        1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  75

berühmte  französische  Namen.  —  Ebenso  folgten  mehrere  hundert  um  ihres
Glaubens  willen  vertriebene  Waldenser,  von  denen  sich  trotz  aller  Verfolgung
noch  einige  Gemeinden  in  den  Alpenthälern  gehalten  hatten,  einer  Einladung
des  Kurfürsten  und  siedelten  sich  in  der  Altmark  an,  kehrten  aber  später,  von
Heimweh  gequält,  in  ihre  sonnige  und  bergige  Heimat  zurück.  Aus  Rücksicht
auf  seine  evangelischen  Glaubensgenossen  in  England  wollte  der  Kurfürst
auch  den  holländischen  Statthalter  Wilhelm  III.  von  Oranien  bei  der  Vertreibung
  seines  katholischen  Schwiegervaters,  des  Königs  Jakob  II.  von  England,
unterstützen;  er  erlebte  die  Ausführung  dieses  wichtigen  Unternehmens  nicht
mehr;  wie  sehr  es  ihm  aber  am  Herzen  lag,  zeigen  die  beiden  Losungsworte,
welche  er  an  den  beiden  letzten  Tagen  vor  seinem  Tode  wählte:  „London“,
„Amsterdam“.

Die  väterliche  Fürsorge,  welche  Friedrich  Wilhelm  seinen  Unterthanen
widmete,  sowie  die  verwickelten  auswärtigen  Verhältnisse  erforderten  unausgesetzte,
  angestrengte  Arbeit.  Alle  wichtigen  Sachen  entschied  der  Kurfürst
selber;  auf  Reisen  und  in  den  Feldzügen  ließ  er  sich  die  Schriftstücke  nachschicken,
  und  unter  den  heftigsten  Gichtschmerzen  konnte  er  stundenlang  sitzen,
um  sie  mit  seinen  Räten  durchzuarbeiten.  Bei  schwierigen  Fragen  zog  er
sich  wohl,  nachdem  er  die  Ansicht  seiner  Räte  gehört  hatte,  zurück,  um  in
stillem  Gebet  oder  im  Gespräch  mit  seiner  Gemahlin  Luise  Henriette  die  beste
Entscheidung  zu  finden.  Nach  dem  Tode  seiner  Gemahlin  bekannte  er,  daß
ihm  nie  etwas  mißlungen  sei,  was  er  nach  ihrem  Rat  begonnen  habe.  Oft
soll  er  später  vor  ihrem  Bilde  gestanden  und  geklagt  haben:  „O  Luise,  wie
sehr  vermisse  ich  deinen  Rat!“  Die  angenehmste  Erholung  gewährte  ihm
der  Aufenthalt  in  seiner  Familie,  die  Gesellschaft  seiner  frommen  Gemahlin.
Von  den  sechs  Kindern,  welche  sie  ihm  geboren,  starben  drei  in  zartem
Alter,  Karl  Emil  und  Ludwig  als  blühende  Jünglinge,  so  daß  nur  der
Kronprinz  Friedrich  den  Vater  überlebte.  Ein  Jahr  nach  dem  Tode  seiner
ersten  Gemahlin  vermählte  sich  der  Kurfürst  mit  Dorothea,  der  Witwe  des
Herzogs  von  Braunschweig-Lüneburg.  Auch  sie  begleitete  ihren  Gemahl  auf
allen  seinen  Feldzügen  und  war  ihm  im  Alter  eine  unermüdliche  Pflegerin;
die  nach  ihr  benannte  Dorotheenstadt  in  Berlin  ist  auf  ihre  Veranlassung
gebaut  worden.  Aber  sie  wußte  das  Herz  ihrer  Stiefkinder  und  der  Brandenburger
  nicht  zu  gewinnen.  Besonders  wurde  es  ihr  verdacht,  daß  sie  ihren
Gemahl  bewog,  für  seine  Kinder  aus  zweiter  Ehe  durch  ein  Testament  ebenso
zu  sorgen,  wie  er  es  früher  für  die  nachgeborenen  Söhne  aus  erster  Ehe
gethan  hatte.  Der  Kurfürst  vermachte  nämlich  seinen  jüngern  Söhnen,
damit  sic  standesgemäß  leben  könnten  und  sich  nicht  etwa  aus  Geldverlegenheit
zum  Ubertritt  zur  katholischen  Kirche  verleiten  ließen,  Minden,  Navensberg,
Halberstadt  und  Lauenburg-Bütow,  doch  ohne  Militärhoheit  und  Regierungsrechte,
  so  daß  die  Einheit  des  Staates  dadurch  nicht  zerrissen  und  den  Söhnen
nicht  viel  mehr  als  die  jährlichen  Einkünfte  aus  diesen  Ländern  überlassen
wurde.  Dies  Testament  sandte  der  Kurfürst  an  den  Kaiser  mit  der  Bitte  um
demnächstige  Vollstreckung  desselben;  dieser  aber  benutzte  es,  dem  Kurprinzen,
der  ohnehin  für  eine  Verbindung  Brandenburgs  mit  Osterreich  war,  hinter
dem  Rücken  des  Kurfürsten  gegen  das  Versprechen,  es  nicht  ausführen  zu  wollen,
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        76  Zweiter  Zeitraum.

die  schriftliche  Verpflichtung  abzulocken,  daß  er  demnächst  den  Kreis  Schwiebus
wieder  an  Osterreich  abtreten  wolle.  Als  der  Kurfürst  sein  Ende  nahe  fühlte,
übertrug  er  dem  Kurprinzen  die  Regierung;  die  wichtigsten  Grundzüge  derselben
hatte  er  ihm  schon  zwanzig  Jahre  zuvor  in  einer  „VBäterlichen  Ermahnung“,
gleichsam  seinem  politischen  Testamente,  niedergeschrieben  Dann  nahm  er
herzlichen  Abschied  von  seiner  Familie  und  den  Räten  und  starb  mit  den  Worten:
„Ich  weiß,  daß  mein  Erlöser  lebt“  (29.  April  1688).

Der  Große  Kurfürst  hat  den  zerrütteten  und  von  Feinden  besetzten
brandenburgischen  Staat  befreit,  zur  Blüte  und  Macht  erhoben,  fast  um  die
Hälfte  vergrößert  und  das  Heer  neu  geschaffen.  Er  hat  die  bis  dahin  ohne
inneren  und  zum  Teil  auch  ohne  äußeren  Zusammenhang  zerstreuten  Provinzen
  zu  einem  Staatswesen  verschmolzen,  die  bisherige  Abhängigkeit  vom
Hause  Osterreich  gelöst.  Deshalb  ist  er  auch  der  eigentliche  Begründer  des
preußischen  Staates,  und  alle  seine  Nachfolger  sind  nur  auf  dem  Wege  fortgeschritten,
  den  er  zuerst  einschlug.

2.  Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)
1088—1715.

1.  Ruswärkige  DPerkzälinisse.

Friedrich  III.,  der  dritte  Sohn  des  Großen  Kurfürsten,  war  gutmütig,
wohlwollend  und  von  aufrichtiger  Frömmigkeit,  besaß  aber  weder  den  kräftigen
Körper,  noch  die  feste  Willenskraft  seines  Vaters.  Ein  hervorragender  Zug
seines  Wesens  war  eine  große  Vorliebe  für  äußeren  Glanz.  Seine  Erziehung
leitete  der  kluge  und  ehrenwerte  Eberhard  von  Dan  ckelmann  in  trefflicher
Weise;  der  Kurprinz  hing  ihm  mit  großer  Liebe  an  und  machte  ihn  als  König
zu  seinem  vornehmsten  Ratgeber.  Friedrich  war  in  zweiter  Ehe  vermählt
mit  Sophie  Charlotte,  der  Tochter  des  Herzogs  und  späteren  Kurfürsten
Ernst  August  von  Hannover.  Das  Testament  seines  Vaters  beschloß  er
nicht  auszuführen,  weil  es  gegen  ältere  brandenburgische  Hausgesetze  sowie
gegen  die  Goldene  Bulle  verstieß,  und  weil  sein  Vater  auf  dem  Sterbelager
ihn  allein  zu  seinem  Nachfolger  eingesetzt  habe;  seine  Stiefmutter  und  Stiefbrüder
  ließen  sich  durch  Jahrgelder,  Güter  und  Amter  zum  Verzicht  auf  ihre
Ansprüche  bewegen.  Nur  der  älteste  Stiefbruder,  Markgraf  Philipp,  erhielt
die  Herrschaft  Schwedt,  wo  er  eine  Nebenlinie  des  Hauses  Brandenburg
begründete,  die  1788  erlosch.  Damit  war  dem  Kaiser  eine  für  Brandenburg
gefährliche  Wasse  entwunden;  aber  er  hatte  eine  weit  gefährlichere  noch  in
Händen,  den  von  dem  Kurprinzen  ausgestellten  Revers.  Endlich  (1695)  entschloß
sich  der  Kurfürst,  dem  Drängen  des  Kaisers  nachzugeben,  um  freie  Hand  zu
haben;  er  gab  den  Kreis  Schwiebus  dem  Kaiser  zurück  und  erhielt  außer
einer  Geldentschädigung  von  300000  Mark  die  Auwartschaft  auf  Ostfriesland
  sowie  auf  einige  fränkische  Gebiete  (Grasschaft  Limburg).  Dagegen
weigerte  er  sich  entschieden,  auf  Schlesien  förmlich  Verzicht  zu  leisten,  indem
er  sprach:  „Ich  will  mein  Wort  halten;  aber  unsere  Rechte  an  Schlesien
geltend  zu  machen,  überlasse  ich  meinen  Nachkommen,  die  ich  bei  diesen  wider-
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        2.  Die  Stiflung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)  77

rechtlichen  Umständen  weder  binden  kann  noch  will.“  Die  zum  großen  Teil
evangelischen  Einwohner  des  Kreises  Schwiebus,  die  unter  Brandenburg  eine
kurze  Zeit  der  Ruhe  genossen  hatten,  beklagten  die  Abtretung  am  meisten.
Fehlten  Friedrich  III.  auch  die  Gaben  eines  großen  Feldherrn,  so  war
er  doch  persönlich  tapfer  und  unerschrocken,  suchte  das  Heer  auch  stetig  zu
vergrößern  und  zu  bessern.  Während  seiner  Regierung  kämpften  brandenburgische
  Truppen  in  Deutschland,  Ungarn,  Italien,  Frankreich  und  den
Niederlanden,  überall  mit  gleicher  Tapferkeit,  aber  fast  immer  nur  für  fremde
Interessen.  Sie  unterstützten  1688  Wilhelm  III.  von  Oranien  (S.  75)  bei
der  Erwerbung  der  englischen  Krone.  In  demselben  Jahre  begann  der  ländergierige
  Ludwig  XIV.  einen  neuen  Raubkrieg.  Als  Grund  zu  demselben  gab
er  die  pfälzische  Erbschaftssache  und  die  Kölner  Erzbischofswahl
an.  Als  nämlich  Kurfürst  Karl  aus  dem  Hause  Pfalz-Simmern  ohne
männliche  Erben  starb,  fiel  die  Pfalz  nach  deutschem  Recht  an  die  katholische
Seitenlinie  Pfalz-Neuburg.  Ludwig  aber  beanspruchte  bedeutende  Teile  der
Pfalz  für  die  Gemahlin  seines  Bruders,  Elisabeth  Charlotte,  die  eine  Schwester.
des  verstorbenen  Kurfürsten  war,  aber  bei  ihrer  Verheiratung  ausdrücklich
auf  die  Erbfolge  verzichtet  hatte.  Ferner  wünschte  Ludwig  XIV.  den  Bruder
des  Verräters  von  Straßburg,  Wilhelm  von  Fürstenberg,  zum  Erzbischof
  von  Köln  gewählt  zu  sehen;  alle  deutschdenkenden  Männer  aber,  auch
der  Kaiser  und  der  Papst,  waren  gegen  diesen  französischen  Söldling.  Die
Franzosen  bedrohten  Köln;  aber  die  schnelle  Besetzung  dieser  Stadt  durch
brandenburgische  Truppen  bewahrte  sie  vor  dem  Schicksale  Straßburgs.
Ludwig  XIV.  ließ  jetzt  die  Pfalz  und  die  Gegend  am  Mittelrhein  in  eine
Wüste  verwandeln.  Heidelberg  ging  zum  Teil  in  Flammen  auf.  Dann
folgten  die  blühenden  Städte  und  Dörfer  an  der  Bergstraße.  Die  armen
Einwohner,  welche  ihr  Eigentum  in  Sicherheit  bringen  wollten,  wurden  erschlagen
  oder  verjagt;  Worms  wurde  bis  auf  den  Dom  in  einen  Aschenhaufen
verwandelt;  in  Speyer  verjagten  die  Mordbrenner  die  Einwohner,  zündeten
die  ausgeplünderte  Stadt  und  den  Dom  an  und  trieben  mit  den  Gebeinen
der  alten  deutschen  Kaiser  ihren  Spott.  Jetzt  erst  zog  auch  der  Kaiser  das
Schwert.  Brandenburgische  Truppen  schützten  Holland  sowie  den  Niederrhein
und  eroberten  unter  des  Kurfürsten  eigener  Leitung  Bonn  zurück.  Auch
später  setzte  Friedrich  den  Krieg  mit  Eifer  fort;  aber  er  erntete  dafür  keinen
Dank.  Der  Kaiser  führte  den  Krieg  nur  lau;  er  sowie  Wilhelm  III.  von
Oranien,  der  dem  Kurfürsten  doch  zu  großem  Dank  verpflichtet  war,  wünschten
ein  Emporkommen  Brandenburgs  nicht.  Der  Friede  zu  Ryswick,  der  den
Krieg  1697  beendete,  wurde  ohne  Brandenburgs  Mitwirkung  geschlossen;  die
brandenburgischen  Gesandten  wurden  zu  den  Friedensverhandlungen  nicht
einmal  zugelassen.  Nicht  minder  hat  Friedrich  dem  Kaiser  in  den  Türkenkriegen
  beigestanden.  An  allen  bedeutenden  Türkenschlachten  dieser  Zeit  hatten
Brandenburger  ruhmvollen  Anteil.  Nach  der  Schlacht  bei  Zenta  a.  d.  Theiß
umarmte  der  kaiserliche  Feldöderr  Prinz  Engen  den  brandenburgischen  Befehlshaber
  mit  den  Worten:  „Nächst  Gott  verdanke  ich  Euch  und  der  Tapferkeit
Eurer  braven  Truppen  den  Sieg.“  Aber  alle  in  diesen  Kriegen  gebrachten
DOpfer  hatten  für  Brandenburg  keinen  andern  Gewinn  als  erhöhtes  Ansehen.
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        78  Zweiter  Zeitraum.

Dieser  geringe  Erfolg  erbitterte  den  Kurfürsten  und  verstimmte  ihn
gegen  Dauckelmann,  der  seit  1695  das  höchste  Staatsamt,  das  eines  Oberpräsidenten,
  innehatte  und  die  auswärtigen  Angelegenheiten  leitete.  Selbst
für  die  häufigen  Geldverlegenheiten  des  Hofes  wollte  man  ihn  verantwortlich

   
 
  
  

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machen,  obgleich  gerade  er  nach  Kräften  zu  sparen  suchte.  Den  alten  adeligen
Familien  des  Landes  war  Danckelmann  ein  Emporkömmling;  die  Höflinge
haßten  ihn,  weil  er  ihnen  zu  scharf  auf  die  Finger  sah,  die  Geheimräte,  weil
sie  jetzt  so  geringen  Einfluß  besaßen.  Sein  schroffes  Auftreten  verletzte  leicht;
besonders  empfand  dies  die  Kurfürstin,  die  es  ihm  überdies  nicht  verzeihen
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        2.  Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friedrich  1II.  (I.)  79

konnte,  daß  er  ihrem  Heimatlande  Hannover  so  wenig  freundlich  entgegenkam.
Selbst  der  Kurfürst  sah  sich  von  ihm  mitunter  fast  wic  ein  Schüler  behandelt.
Sobald  die  Höflinge  merkten,  daß  der  Kurfürst  sich  zugäuglich  zeigte,  ließen
sic  es  an  Verdächtigungen  und  Verleumdungen  nicht  fehlen.  Danckelmann

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erbat  und  erhielt  seine  Entlassung  (1697);  doch  damit  noch  nicht  genug,  der
verdiente  Mann,  dem  man  trotz  aller  Anstrengung  kein  Vergehen  nachweisen
konnte,  wurde  gefangen  gesetzt  und  erhielt  erst  nach  zehn  Jahren  einen  Teil
seiner  Güter  sowie  seine  Freiheit  mit  der  Beschränkung  zurück,  daß  er  nur
in  Kottbus  wohnen  durfte.  -
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        80  Zweiter  Zeitraum.

2.  Sorge  für  den  Tandes  Wohlfahrk.

Trotz  der  bedeutenden  Ausgaben  für  das  Heer  verwandte  Friedrich  doch  noch
große  Summen  auf  die  Erbauung  prächtiger  Schlösser,  die  er  mit  reichem
Bildwerk  schmücken  und  aufs  glänzendste  einrichten  ließ.  Damals  entstanden
in  Berlin  die  Prachtbauten  Andreas  Schlüters:  das  berühmte  Reiterbild
des  Großen  Kurfürsten  auf  der  Langen  Brücke,  ein  Teil  des  Schlosses,  das
von  Nehring  erbaute  Zeughaus  sowie  das  Schloß  in  Charlottenburg.  Die
Großen  des  Hofes  wetteiferten  miteinander  in  prächtigen  Bauten.  Die  alte
Doppelstadt  Berlin-Kölln,  die  schon  unter  dem  Großen  Kurfürsten  durch  den
Friedrichswerder  und  die  Dorotheenstadt  erweitert  war,  erhielt  jetzt  einen
neuen  Stadtteil,  die  Friedrichsstadt,  und  die  später  so  prächtige  Straße  „Unter
den  Linden“.  Der  große  Aufwand  des  Hofes  kam  den  heimischen  Gewerben
zu  gute;  die  von  Danckelmann  trefflich  verwaltete  Post  erleichterte  den  inländischen
Verkehr.  In  der  Pflege  von  Kunst
und  Wissenschaft  wetteiferte  mit
dem  Kurfürsten  seine  feingebildete,
geistreiche  Gemahlin  Sophie  Charlotte
  (71  1705),  eine  Schülerin  und
Freundin  des  großen  Gelehrten
Leibniz,  die  in  dem  nach  ihr  be-——.
  nannten  Lustschloß  Charlottenburg
gddig  größten  Künstler  und  Gelehrten
———Kuusich  sammelte.  Sie  hat  nach  dem
Urteil  ihres  großen  Enkels  „wahre
und  gesellschaftliche  Feinheit  und  die
Liebe  zu  Künsten  und  Wissenschaft
1.  nach  Brandenburg  gebracht“.  Durch
“  ihren  Einfluß  ward  in  Berlin  eine

Gottfried  Wilhelm  Leibniz.  Akademie  der  Künste  und  nach
—  Leibniz'  Plane  auch  eine  Akademie
der  Wissenschaften  errichtet,  deren  Aufgabe  in  der  Sammlung  und  Erweiterung
  wissenschaftlicher  Kenntnisse  und  deren  Verbreitung  durch  faßliche
  Schriften,  in  der  Pflege  der  deutschen  Sprache  und  der  Herausgabe
eines  Kalenders  bestand.  Erst  1700  nahmen  die  protestantischen  Länder  den
schon  1582  vom  Papst  Gregor  XIII.  verbesserten.  Kalender,  den  „neuen  Stil“,
an.  Einer  freigebigen  Unterstützung  erfreute  sich  Pufendorf  (S.  56),  der
die  „Geschichte  des  Großen  Kurfürsten“  vollendete,  das  erste  Geschichtswerk
Deutschlands,  das  sich  über  die  chronikartige  Fürsten=  und  Familiengeschichte
zu  einer  pragmatischen,  wahrheitsgetreuen  Darstellung  erhob.  Segensreich
war  auch  die  Errichtung  eines  Oberappellationsgerichts  in  Berlin,  das
seine  Thätigkeit  allmählich  über  alle  Provinzen  ausdehnte.

Auch  für  die  evangelische  Kirche  ist  Friedrichs  Regierung  von  Segen
gewesen.  Er  war,  wie  sein  Vater,  ebenfalls  ein  Beschützer  seiner  Glaubensgenossen,
  indem  er  viele  Reformierte  aus  Frankreich  und  der  Pfalz  aufnahm.
Gegenüber  der  Richtung,  die  auf  Reinheit  der  Lehre  größeres  Gewicht  legt

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        2.  Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)  81

 

 

 

 

 

 

 

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Enthüllung  des  Denkmals  des  Großen  Kurfürsten.

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        2.  Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)  83

als  auf  Reinheit  des  Herzens  und  des  Lebens,  trat  Phil.  Jak.  Spener,
damals  Oberhofprediger  in  Dresden,  auf,  indem  er  einen  Glauben  forderte,
der  in  der  Liebe  thätig  ist.  Seine  Anhänger  nannte  man  Pietisten.  Von
seinen  Gegnern,  den  Orthodoxen,  verdrängt,  ging  er  nach  Berlin;  ihm  folgte
bald  Aug.  Herm.  Francke,  der  aus  Leipzig  weichen  mußte  und  in  Erfurt
eine  Predigerstelle  annahm.  Auch  der  Rechtslehrer  Thomasius,  der  unermüdlich
  gegen  Aberglauben,  Hexenverfolgung  und  Folter  eiferte  und  —  damals
  etwas  ganz  Unerhörtes  —  sich  bei  seinen  Vorträgen  der  deutschen
Sprache  bediente,  wurde,  weil  er  alles  Ubernatürliche,  auch  die  Wunder
leugnete,  aus  Leipzig  vertrieben.  Friedrich  III.  nahm  ihn  auf  und  beschloß,
den  schon  von  seinem  Vater  gehegten  Plan,  in  Halle  eine  Universität  zu
gründen,  jetzt  auszuführen.
  Unter  den  Gelehrten,
  welche  er  außer
Thomasius  dorthin  berief,
  befand  sich  auch
Francke,  der  hier  (seit
1692)  eine  großartige,
segensreiche  Thätigkeit
entfaltete.  1698  legte  er
den  Grund  zudemberühmten
  Halleschen  Waisen
hause,  das  mit  Unterr
stützung  Friedrichs  II.
und  anderer  frommer
Leute  in  drei  Jahren
fertig  wurde;  er  errichtete
  eine  Armenschule,
Bürgerschule,  ein  Pädagogium,
  ein  Seminar,  .—-·»·
eine  Buchhandlung,  Buch-  ·""-«
druckerei  Apotheke.  August  Hermann  Francke.
Der  Freiherr  von  Canstein  fügte  noch  eine  Bibelanstalt  zur  Verbreitung
billiger  Bibeln  unter  die  Armen  hinzu.  Das  Hallesche  Waisenhaus  bildete  bald
auch  Missionare  aus,  und  in  dem  Pädagogium  ist  der  Graf  Zinzendorf,
der  Stifter  der  Herrnhuter  Brüdergemeinde,  erzogen.  «

 

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3.  Erwerbung  der  Rönigakrone.

Der  Große  Kurfürst  hinterließ  seinem  Sohne  einen  Staat,  größer  als  das
heutige  Bayern,  Württemberg  und  Baden  zusammen,  und  ein  starkes  Kriegsheer,
so  daß  zu  einem  Königreiche  nur  noch  der  Name  fehlte.  Diesen  Namen  seinem
Lande  zu  erwerben,  war  Friedrichs  eifrigstes  Bestreben.  Hierzu  wurde  er  noch
mehr  gedrängt  durch  das  damals  an  allen  Höfen  herrschende  Streben  nach  Rang
und  äußerem  Glanze,  durch  die  Zurücksetzung,  welche  seine  Gesandten  in  Ryswick
erfahren  hatten,  und  durch  den  von  anderen  Fürsten  bereits  errungenen  Erfolg.

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        84  Zweiter  Zeitraum.

Wilhelm  III.  war  König  von  England  geworden,  und  nach  dem  Tode  seiner
Schwägerin  Anna,  die  ihm  in  der  Regierung  gefolgt  war,  sollte  das  hannoversche
Haus  dort  auf  den  Thron  gelangen,  denn  der  damalige  Kurfürst  von  Hannover,
Ernst  August,  hatte  eine  Tochter  des  Winterkönigs,  also  eine  Enkelin  Jakobs  I.,
zur  Gemahlin;  sein  Sohn  bestieg  1714  als  Georg  I.  den  englischen  Thron.  Auch
die  Wettiner  erfuhren  eine  Standeserhöhung.  Nach  Johann  Sobieskis  Tode
(1697)  erkaufte  der  Kurfürst  August  II.,  der  Starke,  von  Sachsen  durch  ungeheure
  Geldsummen  und  durch  seinen  Ubertritt  zur  römischen  Kirche  die  Krone  des
polnischen  Wahlkönigtums.  Dies
alles  war  für  Friedrich  III.  ein
Antrieb,  ebenfalls  nach  der  Königskrone
  zu  streben,  um  so  mehr,  als
die  Gelegenheit  jetzt  günstig  war.
Der  Kaiser  bedurfte  nämlich  des
Kurfürsten,  da  soeben  der  Nordische
  Krieg  und  der  Spanische
  Erbfolgekrieg  (S.  103
u.  86)  ausgebrochen  waren.  Deshalb
  schloß  er  1700  mit  dem
Kurfürsten  den  Kronvertrag,
durch  welchen  er  sich  verpflichtete,
den  Kurfürsten  von  Brandenburg,
falls  sich  derselbe  wegen  seines
Herzogtums  Preußen  als  König
AndNe  ausrufen  und  krönen  lasse,  für
1  einen  König  in  Preußen  ehren,
4  würdigen  und  erkennen,  auch  ver—
E  anlassen  zu  wollen,  daß  solches

#  C  von  anderen  Mächten  geschehe.

Der  Kurfürst  dagegen  verzichtete
auf  die  noch  rückständigen  Hilfsgelder
  und  verpflichtete  sich,  dem
Kaiser  in  dem  bevorstehenden

Insignien  des  Schwarzen  Adlerordens.  Kriege  auf  eigene  Kosten  ein

Hilfsheer  von  8000  Mann  zu
stellen  und  bei  Wahlen  und  auf  Reichstagen  auf  der  Seite  Österreichs  zu
stehen.  Er  wollte  nur  die  Einwilligung  des  Kaisers  haben,  sich  aber  weder
vom  Kaiser,  noch  vom  Papste  zum  Könige  ernennen  oder  krönen  lassen.  Der
König  von  Polen  hatte  ebenfalls  schon  seine  Einwilligung  gegeben.

Sofort  nach  Abschluß  des  Vertrages  brach  der  Hof  nach  Königsberg
auf.  Zwei  Geistliche,  ein  reformierter  und  ein  lutherischer,  waren  zu  Bischöfen
  ernannt,  um  die  Salbung  zu  vollziehen.  Am  17.  Januar  1701
ward  der  Schwarze  Adlerorden,  der  höchste  Orden  Preußens,  gestiftet,
den  der  König  mit  seinem  Wahlspruch  „Inmm  cuique“,  „Jedem  das
Seine",  versah,  womit  er  anzeigen  wollte,  daß  in  Preußen  jedem  sein  Recht
widerfahren  solle.  Am  18.  Jamar  wurde  die  Krönung  mit  großer  Pracht
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Friedrich  I.  setzt  sich  im  Schlosse  zu  Königsberg  die  Krone  auf.
nach  einem  Kupferstichwerke  von  Johann  Gceorg  Wolsfsgang,  Hofkupferstecher  König  Friedrichs  I.,  aus  dem  Jahre  1712.
von  einzelnen  Seenen  der  Krönungsfeier  ist  enthalten  in  der  im  gleichen  Verlage  erschienenen

"a6  «  —  tischer  Darstellungen
Eine  Anzahl  demselben  Werke  entnommener  authentisch  stellung  uen  len,  Crpsiere  ensgabe.  (Siden  Anzeigencnhang=Festschrift:

  Preußen  unter  der  Kö

 

2.  Die  Stifstung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)

85
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        86  Zweiter  Zeitraum.

vollzogen.  Am  Morgen  setzte  Friedrich  in  Gegenwart  der  hohen  Staats—
beamten  zunächst  sich  selber,  dann  seiner  Gemahlin  im  Schlosse  zu  Königs—
berg  die  Krone  auf;  hierauf  empfing  das  Königliche  Paar  die  Huldigung  und
begab  sich  dann  in  die  Schloßkirche,  wo  nach  der  Predigt  die  Salbung
stattfand.  Dann  folgten  die  Krönungsmahlzeit  für  den  Hof  und  die  öffent—
lichen  Belustigungen  für  das  Volk.  Zur  dauernden  Erinnerung  an  die
Krönung  stiftete  der  König  in  Königsberg  ein  Waisenhaus  und  in  Berlin
ein  Armenhaus.  Noch  in  demselben  Jahre  wurde  die  Königswürde  von  den
meisten  Staaten  anerkannt;  nur  der  Papst  protestierte.

„Kein  Papst  und  auch  kein  Kaiser  gab  ihm  das  Königsamt,
Von  Gott,  dem  Herrn,  alleine  die  Königskrone  stammt.“

Friedrich  nannte  sich  jetzt  Friedrich  L.,  König  in  Preußen;  der
Titel  beschränkte  sich  also  zunächst  auf  das  Herzogtum  Preußen;  aber  die
Krone  wurde  bald  ein  Ring,  der  sämtliche  brandenburgische  Staaten  umschloß.
Das  Heer  hieß  das  Königlich  preußische  und  führte  in  seinen  Fahnen  den
preußischen  Adler;  die  Einwohner  des  Gesamtstaates  gewöhnten  sich  schnell
daran,  sich  nach  dem  Namen  ihres  Königs  „Preußen“  zu  nennen.  Durch
diesen  wichtigen  Schritt  hat  Friedrich  I.  nach  dem  Urteil  Friedrichs  des
Großen  seinen  Nachfolgern  gleichsam  die  Mahnung  hinterlassen:  „Ich  habe
euch  einen  Titel  erworben,  macht  euch  dessen  würdig;  ich  habe  den  Grund
zu  eurer  Größe  gelegt,  ihr  müßt  das  Werk  vollenden!“  Nicht  nur  bei  der
Krönung,  sondern  auch  bei  seinen  großartigen  Bauten  hatte  der  König,  wie
uns  der  Dichter  erzählt,  mehr  die  zukünftige  als  die  damalige  Größe  des
Staates  im  Auge.

„Den  Vater  stellt  er  auf  ein  Roß  In  Erz  dort  auf  der  Brücke;

Der  schaut  so  stolz  nach  seinem  Schloß,  Kost't  aber  Gold's  viel  Stücke.
Ein  Zeughaus  baut  er  auch  fürwahr,  Daran  in  Stein  viel  Waffen.
Was  soll  das  für  die  kleine  Schar?  78  ist  traun  ein  eitel  Schaffen!

Und  gar  wie  für  ein  Kaisertum  Will  er  ein  Schloß  erbauen.
Verschwenden  ist  kein  großer  Ruhm;  Laßt,  wo  das  endet,  schauen!
Der  König  hört  es  wohl  und  spricht:  Nicht  mir,  für  die  da  kommen  —
Ich  hatte  so  ein  Traumgesicht  —  Hab'  ich  das  Maß  genommen.“

(O.  F.  Gruppe.)

4.  Preußens  Teilnahme  am  Spanischen  Erbfolgekriege.

Im  Jahre  1700  starb  König  Karl  II.  von  Spanien,  und  nach  seinem
Testamente,  dessen  Rechtmäßigkeit  aber  bestritten  wurde,  mußte  ihm  Philipp  W.,
ein  Enkel  Ludwigs  XIV.,  folgen.  Kaiser  Leopold  I.  (1658—1705),  der
ebenso  wie  Ludwig  XIV.  Vetter  und  Schwager  Karls  II.  und  dazu  wie
dieser  ein  Habsburger  war,  wollte  das  reiche  spanische  Erbe  seinem  zweiten
Sohne  Karl  zuwenden.  Für  Philipp  traten  Frankreich,  Spanien  und  fast
ganz  Italien  ein,  auf  des  Kaisers  Seite  standen  England,  Holland,  Portugal
und  das  Deutsche  Reich.  Das  kaiserliche  Heer  rückte  im  Frühjahre  1701
unter  dem  Prinzen  Eugen  von  Savoyen  in  Italien  ein,  und  damit  begann
der  Spanische  Erbfolgekrieg  (1701—1713).  Preußen  stellte  nicht  nur,
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        2.  Die  Stiftung  des  Königtums  durch  Friedrich  III.  (I.)  87

wie  es  übernommen,  8000  Mann  auf  eigene  Kosten,  sondern  auch  noch
15000  gegen  holländisch-englische  Hilfsgelder;  auf  den  Ausfall  der  wichtigsten
Schlachten  haben  sie  einen  entscheidenden  Einfluß  ausgeübt.  Ihr  Führer
war  der  junge  Leopold  von  Anhalt-Dessau,  ein  Vetter  des  Königs:
seine  Mutter  war  eine  Schwester  der  Kurfürstin  Luise  Henriette.  Obwohl
ohne  höhere  geistige  Bildung  und  von  rauher  Außenseite,  war  er  doch  der
geborene  Feldherr  und  ein  Liebling  der  Soldaten;  denn  er  war  zwar  im
Dienst  unnachsichtlich  streng,  aber  selber  mit  Leib  und  Seele  Soldat,  ertrug
willig  alle  Beschwerden,  besaß  eine  ungestüme  Tapferkeit  und  eine  unerschütterliche
  Kaltblütigkeit.  Er  hat  drei  preußischen  Königen  gedient  und  sich  um
die  Vervollkommnung  des  preußischen  Heeres  unsterbliche  Verdienste  erworben
(S.  91  u.  118).

 

             
     
  
   

 

 

 

 

 

 

 

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Musketier.  Offizier.

Typen  aus  dem  Heere  Friedrichs  I.

Anfänglich  war  Ludwig  XIV.  im  Vorteil;  nachdem  sich  aber  Prinz
Eugen  und  der  englische  Oberfeldherr  Marlborough  vereinigt  hatten,  besiegten
  sie  das  feindliche  Heer  bei  Höchstedt  (unweit  Donauwörth,  1704),
hauptsächlich  durch  die  heldenmütige  Tapferkeit  der  Preußen,  wie  Prinz  Eugen
in  einem  Schreiben  an  König  Friedrich  willig  anerkannte.  Dasselbe  Lob
erwarben  sich  die  Preußen  unter  Leopold  von  Dessau  auf  den  Schlachtfeldern
  Oberitaliens.  Als  bei  Cassano  (1705)  den  Grenadieren  eines  Regiments
  beim  Durchwaten  eines  Kanals  das  Pulver  verdorben  war,  trieben
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        88  Zweiter  Zeitraum.

sie  allein  mit  dem  Seitengewehr  französische  Kavallerie  in  die  Flucht.  In
dieser  Schlacht  hörten  die  preußischen  Truppen  zum  erstenmal  den  Dessauer
Marsch,  dessen  Töne  ihnen  seitdem  oft  im  Kampfe  erklungen  sind.  Nach
dem  Siege  bei  Turin,  durch  welchen  Eugen  die  Franzosen  zur  Räumung
Oberitaliens  zwang,  schrieb  er  nach  Wien:  „Der  Fürst  von  Anhalt  hat  mit
seinen  Truppen  abermals  Wunder  gewirkt;  es  ist  kein  Preis  zu  hoch,  wodurch
ich  ihr  Ausharren  erkaufen  kann.“  Auch  an  den  blutigen,  für  die  Franzosen
verhängnisvollen  Schlachten  in  den  Niederlanden,  bei  Oudenarde  a.  d.  Schelde
(1708)  und  bei  Malplaquet  a.  d.  Sambre  (1709),  haben  preußische  Truppen
mit  Auszeichnung  teilgenommen.  Das  Ende  des  Krieges  erlebte  Friedrich  J.
nicht  mehr.  An  dem  1700  ausgebrochenen  Nordischen  Kriege  (S.  103)
beteiligte  er  sich  nicht.  Auf  friedlichem  Wege  hat  er  aber  den  Staat  doch
vergrößert.  Von  August  II.,  der  zur  Gewinmung  der  polnischen  Krone  viel
Geld  gebrauchte,  kanfte  Friedrich  (1697)  das  Stift  Quedlinburg,  die  Stadt
Nordhausen  und  das  Amt  Petersberg  bei  Halle.  Noch  mehr  hoffte  er
aus  der  „vranischen  Erbschaft“  zu  erhalten,  da  er  der  nächste  männliche
Verwandte  des  kinderlosen  Wilhelm  III.  und  nach  dem  Recht  dessen  Haupterbe
  war;  der  schlaue  Oranier  hatte  ihn  auch  immer  in  dieser  Hoffnung
bestärkt,  um  ihn  an  sich  zu  fesseln,  während  er  in  seinem  Testamente  schon
längst  einen  entfernteren  Verwandten  zum  Haupterben  eingesetzt  hatte.  Als
er  nun  1702  starb,  entstand  über  sein  Erbe  ein  langwieriger  Streit;  Friedrich
aber  griff  rasch  zu  und  besetzte  die  Herrschaft  Lingen,  sowie  die  Stadt  und
Grasschaft  Mörs.  Durch  Kauf  erwarb  er  (1707)  Tecklenburg  in  Westfalen,
  und  die  Grasschaft  Geyern  in  Franken  vermachte  ihm  als  dem  Haupte
der  Evangelischen  der  letzte  Besitzer  derselben,  um  sie  nicht  in  die  Hände
eines  Katholiken  kommen  zu  lassen.

5.  Die  lehten  Regierungsjahre  des  Königs.

Dic  vielen  Kriege,  die  Schloßbauten,  die  Pflege  der  Künste  und  Wissenschaften,
  der  glanzvolle  Hofhalt,  besonders  die  prunkvollen  Hoffeste  —  Bälle,
Maskenfeste,  Kahnfahrten  und  Jagden  —  kosteten  viel,  so  daß  die  Einnahmen
des  Staates  kaum  die  Hälfte  seiner  Ausgaben  deckten;  dazu  wurden  von  den
Räten  des  Königs  noch  große  Summen  vernntreut.  Nach  Danckelmanns
Sturze  besaß  ein  Herr  v.  Kolbe,  ein  eingewanderter  Pfälzer,  das  Vertrauen
Friedrichs,  und  er  benutzte  es,  seine  Habsucht  zu  befriedigen.  Vom  Kaiser
wurde  er  unter  dem  Namen  v.  Wartenberg  in  den  Reichsgrafenstand  erhoben,
  und  von  seinem  Herrn  ließ  er  sich  urkundlich  versprechen,  daß  er
wegen  seiner  Amtsführung  niemals  zur  Rechenschaft  gezogen  werden  solle.
Nun  betrogen  er  und  seine  Anhänger,  unter  denen  namentlich  v.  Wartensleben
  und  v.  Wittgenstein  zu  nennen  sind,  noch  schamloser.  Seitdem  es
Wartenberg  gelungen  war,  dem  Kurfürsten  zur  Königskrone  zu  verhelfen,
leitete  er  die  äußeren  wie  die  inneren  Staatsverhältnisse  und  hatte  die  wichtigsten
  und  einflußreichsten  Staatsämter  inne.  Den  Neigungen  des  Königs
wußte  er  stets  entgegenzukommen  und  die  hohen  Ausgaben  der  Hof=  und
Staatskasse  durch  harte  Steuern  zu  decken;  es  wurden  außer  den  bisherigen
Steuern  Schloßbau=  und  Gesandtengelder,  eine  Kron-,  Perücken-  und  Kutsch-
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  J.  89

wagensteuer  erhoben.  Selbst  die  Schweineborsten  mußten  an  die  Regierung
abgeliefert  werden,  die  sie  verkaufte.  Als  auch  diese  Mittelchen  sowie  das
Verschleudern  von  Domänen  der  Geldnot  noch  kein  Ende  machten,  gab  man
sich  sogar  einem  Betrüger  in  die  Hände,  der  unter  dem  Versprechen,  Gold
machen  zu  wollen,  dem  Könige  viel  Geld  ablockte,  bis  dieser  ihn  zuletzt  hängen
ließ.  Der  arglose  König  ahnte  nichts  von  den  Betrügereien  Wartenbergs
und  seiner  Helfershelfer.  Dazu  wurden  in  den  Jahren  1709—  1711  die
preußischen  Gebiete  östlich  von  der  Elbe  von  der  aus  Polen  eingeschleppten
Pest  heimgesucht,  wozu  sich  noch  Mißwachs  gesellte.  Ostpreußen  allein  verlor
250000  Menschen,  ein  Drittel  der  Bevölkerung.  Hilfeflehend  wandten  sich
die  Uberlebenden  an  die  Regierung;  der  König  sagte  die  erbetene  Hilfe  zu;
Wartenberg  aber  lehnte  alle  Gesuche  schroff  ab.  Da  öffnete  Kronprinz
Friedrich  Wilhelm  seinem  Vater  die  Augen  und  bat  um  Einleitung  einer
Untersuchung,  die  dann  ergab,  daß  in  allen  Akten  Unordnung,  in  allen  Kassen
Unterschleife  der  ärgsten  Art  sich  fanden.  Wartenberg,  Wartensleben  und
Wittgenstein  —  das  dreifache  Weh  —  wurden  (1710)  bestraft  und  entlassen,
aber  v.  Wartenberg  erhielt  noch  eine  hohe  Pension  und  durfte  ungehindert
sein  unrechtmäßig  erworbenes  großes  Vermögen  mit  ins  Ausland  nehmen.
Dazu  nahm  der  Nordische  Krieg  (S.  103)  immermehr  eine  die  preußischen
Länder  bedrohende  Wendung,  während  die  preußischen  Truppen  außer  Landes
und  die  Kassen  leer  waren.  Russische  und  polnische  Truppen  marschierten
mitten  durch  die  Mark,  nahe  an  Berlin  vorbei.  Noch  mehr  erschütterte  die
schon  siechen  Kräfte  des  Königs  ein  Vorgang  in  seiner  Familie:  seine  dritte
Gemahlin,  Sophie  Luise  von  Mecklenburg,  verfiel  in  Schwermut,  die  dann
in  Wahnsinn  überging.  In  diesem  Zustande  überraschte  sie  den  schon  kranken
König  eines  Tages  in  seinem  Zimmer.  Er  erschrak  heftig;  denn  er  glaubte
„die  weiße  Frau“  zu  sehen,  eine  sagenhafte  Erscheinung,  die  sich  immer  nahe
vor  einem  Unglück  im  Hohenzollernhause  zeigen  soll.  Infolgedessen  verschlimmerte
  sich  des  Königs  Krankheit,  und  schneller,  als  man  erwartet,  starb
„der  gütige  Herr“,  wie  ihn  das  Volk  nannte  (1713).  Hat  er  den  Staat
auch  nicht  wesentlich  vergrößert,  so  hat  er  doch  durch  die  Erwerbung  der
Königskrone  und  durch  seine  großherzigen  Bemühungen  um  Volksbildung  einen
bedeutenden  Schritt  vorwärts  auf  der  Bahn  zur  Größe  Preußens  gethan.

5.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Willfelm  I.
115—I#0.

1.  Jugend  und  NRegierungsankrikt.

Friedrich  I.  hinterließ  nur  ein  Kind,  den  ihm  von  seiner  Gemahlin
Sophie  Charlotte  geborenen  Prinzen  Friedrich  Wilhelm.  Derselbe  besaß
weder  die  Vorliebe  des  Vaters  für  äußeren  Glanz,  noch  den  feinen  Sinn  der
Mutter  für  Kunst  und  Wissenschaft,  sondern  schätzte  nur  das  unmittelbar
Nützliche.  Urdeutsch  in  seiner  ganzen  derben  Art  und  gründlichen  Arbeit,
haßte  er  die  Franzosen  und  ihre  Liederlichkeit;  um  sie  den  Berlinern  zu  verleiden,
  ließ  er  die  Prügelknechte  nach  der  neuesten  französischen  Mode  kleiden.
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        90  Zweiter  Zeitraum.

Dennoch  sprach  er  nur  das  Französische,  die  damalige  Hofsprache,  leicht  und
geläufig;  die  Muttersprache  hörte  er  nur  von  niederen  Leuten,  weshalb  er
sie  weder  richtig  zu  schreiben  noch  zu  sprechen  vermochte.  Im  Reiten,
Schießen  und  Fechten  that  er  es  allen  Altersgenossen  zuvor;  am  liebsten  war
er  auf  dem  Exerzierplatze.  Schon  früh  zeigte  der  Prinz  Frömmigkeit,
Ordnungsliebe  und  Sparsamkeit;  in  seinem  noch  erhaltenen  Ausgabenbuche,
„Rechnung  über  meine  Dukaten“,  steht  jeder  ausgegebene  Pfennig  verzeichnet.
Einst  meinte  er,  das  klügste  Wort  des  ganzen  Altertums  sei  ein  Wort  des
Cyrus,  nämlich:  „Die  sichersten  Mittel,  einem  Lande  ein  dauerndes  Glück  zu
bereiten,  sind  ein  Heer  auserwählter  Krieger  und  eine  gute  Haushaltung.“
Der  Prinz  vermählte  sich  mit  Sophie  Dorothea,  der  Tochter  des  Kurfürsten
  von  Hannover,  der  1714  als  Georg  I.  König  von  England  wurde.
Vor  und  nach  seiner  Vermählung  nahm  er  in  der  Umgebung  der  beiden
großen  Feldherren  Prinz  Engen  und
Marlborough  an  dem  Spanischen  Erbfolgekriege
  teil  und  war  Zeuge  der
blutigen  Schlacht  bei  Malplagquet.
Gleich  am  Todestage  seines  Vaters
ließ  sich  Friedrich  Wilhelm  I.  das
Verzeichnis  der  Hofbeamten  und  ihrer
Gehälter  vorlegen,  strich  dasselbe  durch
und  sagte:  „Hiermit  sind  alle  entlassen;
doch  bis  zur  Beisetzung  der  Leiche  des
Königs  bleibt  alles  im  Dienst.“  Bei
der  Leichenfeier  erschien  der  Hof  noch
einmal  in  dem  bisherigen  Gepränge;
dann  richtete  der  junge  König  seinen
Heohhalt  ganz  einfach  bürgerlich  ein.
MI,  Von  den  hundert  Kammerherren  behielt
Friedrich  Wilhelm  IE.  er  nur  einen,  die  übrigen,  sowie  alle
»  Kammerjunker,  Pagen,  die  Schweizergarde
  und  die  Hofkapelle  wurden  entlassen,  die  Gehälter  der  Hof=  und
Staatsbeamten  auf  ein  Fünftel  erniedrigt,  über  hundert  Luxuspferde,  viele
feine  Kutschen,  Sänften,  Möbel  und  die  kostbaren  Weine  im  Schloßkeller
wurden  verkauft,  aus  den  silbernen  Leuchtern  und  Geschirren  der  Jagdschlösser
Münzen  geprägt,  diese  Schlösser  verpachtet.  Der  König  gab  dem  verdienten
Danckelmann  seine  volle  Freiheit  wieder  und  fragte  ihn  oft  um  Rat.  Von
allen  Unterthanen  forderte  er  rastlose  Thätigkeit,  Ordnung  in  den  Geschäften,
Ehrbarkeit  und  Mäßigkeit,  und  er  war  ihnen  in  allem  ein  Muster.  Alles
sah  er,  um  alles  kümmerte  er  sich.  Eine  neue  Zeit  brach  an.

2.  Die  Tandesverwalkung.

Friedrich  Wilhelm  wollte  nach  seinem  eigenen  Worte  der  Finanzminister
  und  Feldmarschall  des  Königs  von  Preußen  sein;  die  Mehrung
des  Heeres  und  der  Staatseinnahmen,  deren  er  für  das  Heer  bedurfte,
  war  auch  seine  Hauptsorge.  Er  wußte  wohl,  daß  das  damals  noch  kleine
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I.  91

und  zerstückelte  Preußen  der  Eifersucht  neidischer  Nachbarn  gegenüber  seine
Selbständigkeit  nur  behaupten  könne,  wenn  es  seine  Wehrkraft  aufs  höchste
anspannte.  Deshalb  errichtete  er  schon  im  ersten  Jahre  seiner  Regierung
sieben  neue  Regimenter  und  vergrößerte  das  Heer  nach  und  nach  auf  83000
Mann;  er  führte  auch  als  neue  Truppe  die  Husaren  ein,  hob  aber  die
Landmiliz  auf.  Zur  Hebung  der  Pferdezucht  richtete  er  das  berühmte  Landesgestüt
  zu  Trakehnen  in  Ostpreußen  ein.  Alle  Truppen  waren  gut  bewaffnet
  und  sauber  gekleidet.  Die  bisherige  Einrichtung,  daß  die  Befehlshaber
  gegen  Entschädigung  für  Beschaffung  der  Mannschaften  sorgen  mußten,
wurde  beibehalten;  die  Relruten  wurden  im  In=  und  Auslande  angeworben.
Später  (1733)  führte  der  König  das  Kantonsystem  ein  und  stellte  damit
den  Grundsatz  der  allgemeinen  Wehrpflicht  auf.  Jedem  Regimente
wurde  ein  Bezirk  (Kanton)  des  Königreichs  angewiesen,  aus  dem  es  seine
Rekruten  nehmen  sollte;  doch  waren  die  gewerbetreibenden  Bürger,  die  einzigen
Söhne,  sowie  die  Söhne  der  Beamten,  Gelehrten  und  Reichen  von  der  Dienstpflicht
  befreit.  Die  in  die  Stammrolle  eingetragenen  („enrollierten“)  Knaben
und  Jünglinge  trugen  eine  rote  Binde  und  einen  Büschel  an  der  Mütze  und
waren  darauf  so  stolz,  daß  ein  Lehrer  einen  Obersten  bat,  er  möge  ihn  ebenfalls
  in  die  Stammrolle  eintragen  und  als  Korporal  entlassen,  weil  er  anders
mit  den  eingetragenen  „Bauernlümmels“  nicht  fertig  werden  könne.  Etwa
die  Hälfte  der  Rekruten  waren  Landeskinder;  die  übrigen  wurden  außerhalb
des  Landes  geworben.  Die  eingestellten  Landeskinder  blieben  dienstpflichtig,
solange  sie  diensttüchtig  waren,  wurden  aber  nach  ihrer  Ausbildung  in
Friedenszeiten  fast  das  ganze  Jahr  beurlaubt.  Die  Offiziere  nahm  der  König
aus  dem  Adel  des  Landes;  doch  waren  Birgerliche  nicht  ausgeschlossen.
Während  in  den  übrigen  europäischen  Heeren  die  höheren  Offiziersstellen
verkauft  oder  an  Günstlinge  verschenkt,  die  unteren  von  den  Befehlshabern
besetzt  wurden,  ernannte  Friedrich  Wilhelm  alle  Offiziere  selber,  ließ  aber
keinen  Unwürdigen  zu.  Alle  Prinzen  seines  Hauses  mußten  Offizier  werden,
und  er  selber  trug  fast  immer  (seit  1725  stets)  die  Offiziersuniform.  Dadurch
gelang  es  ihm,  bei  den  Offizieren  ein  lebhaftes  Gefühl  der  Standesehre  zu
erwecken.  Für  eine  bessere  Vorbildung  derselben  sorgte  er  durch  Errichtung
des  Kadettenkorps  in  Berlin,  für  die  der  Unteroffiziere  durch  Begründung
des  Militär-Waisenhauses  in  Potsdam.  An  militärischer  Durchbildung  übertraf
  das  preußische  Heer  alle  anderen  Truppen  Europas;  der  beste  Gehilfe
des  Königs  war  hierbei  der  alte  Dessauer.  Er  hat  das  Bajonett  und  den
eisernen  Ladestock,  die  Aufstellung  in  drei  Gliedern  und  den  Gleichschritt  in
die  preußische  Armee  eingeführt.  Seit  jener  Zeit  zeichnet  sich  das  preußische
Heer  durch  die  bekannte  Genauigkeit  in  der  Ausführung  der  Ubungen  aus,
so  daß  in  der  ganzen  Reihe  nur  ein  Griff  gesehen,  nur  ein  Schuß  gehört
wird.  Freilich  glaubte  man  dies  Ziel  nur  durch  eine  sehr  strenge  Zucht,
durch  Prügel  und  Spießrutenlaufen  erreichen  zu  können.  Zu  den  Handgriffen
des  schnellen  Feuerns  und  der  Wucht  des  Angriffs  hielt  der  König  die  Leute
für  desto  geeigneter,  je  größer  sie  waren,  daher  seine  Vorliebe  für  „lange
Kerls“,  aus  denen  er  sich  in  Potsdam  ein  Leibregiment  bildete.  Für  sie
schente  der  sonst  so  sparsame  König  kein  Geld.  Die  Werber  wandten  List,
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92  Zweiter  Zeilraum.

 

   
  
 
  

 

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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  J.  93

Betrug  und  Gewalt  an,  um  große  Kerle  in  ihre  Gewalt  zu  bekommen.  Als
die  Universität  Halle  sich  darüber  beschwerte,  daß  der  alte  Dessauer  einen
Studenten  auf  offener  Straße  hatte  aufheben  und  zum  Soldaten  machen
lassen,  erwiderte  der  König:  „Sollen  nicht  räsonnieren,  ist  mein  Unterthan.“
Magister  Gottsched,  der  sich  eines  stattlichen  Körpers  erfreute,  flüchtete  vor
den  Werbern  von  Königsberg  nach  Leipzig.  Das  Leibregiment  in  Potsdam,
das  der  König  als  Oberst  selber  kommandierte,  bestand  nur  aus  ungewöhnlich
großen  Leuten.  August  II.  von  Sachsen,  der  durch  seine  Größe  berühmt
war,  vermochte  dem  Flügelmann  mit  ausgestrecktem  Arm  nur  bis  an  die
Nasenspitze  zu  reichen.  Durch  hohe  Blechhauben  wurden  die  Riesen  noch  um
vier  Handbreiten  höher.  Der  König  sorgte  für  seine  „lieben  blauen  Kinder“,
wie  er  seine  Gardisten  meistens  nannte,  väterlich;  dadurch  milderte  er  bei
manchem  etwas  das  harte  Los,  von  den  Seinigen  weggerissen  und  mit  Gewalt
einem  verhaßten  Leben  unterworfen  zu  sein.  Sie  erhielten  auskömmliche
Löhnung,  waren  gut  gekleidet  und  wohnten  bei  den  Bürgern.  Die  Verheirateten
  bewohnten  ein  kleines  Haus  für  sich  und  durften  Handel  treiben.
Als  der  neuerbaute  Petriturm  kurz  vor  seiner  Vollendung  einstürzte,  wurde
die  Meldung  beim  König  mit  den  Worten  eingeleitet:  es  habe  sich  ein  großes
Unglück  ereignet.  „Was  denn?“  —  „Der  Petriturm  ist  eingestürzt!“  —
„So,“  erwiderte  der  König  gelassen,  „ich  dachte  schon,  der  Flügelmann  sei
tot!“  —38)  .

Friedrich  Wilhelm  I.  hat  auch  der  Verwaltung  und  den  Finanzen
Preußens  die  Ordnung  und  Gestalt  gegeben,  deren  Grundformen  sich  bis  auf
unsere  Tage  erhalten  und  bewährt  haben.  Die  gesamten  Staatseinnahmen
zersielen  damals  in  Kriegsgefälle,  d.  i.  die  Leistungen  des  Landes  für  die
Unterhaltung  des  Heeres,  und  in  Domänengefälle.  Jede  dieser  beiden  Staatseinnahmen
  wurde  von  einer  besonderen  Behörde  verwaltet.  Da  diese  Behörden
oft  miteinander  in  Streitigkeiten,  ja  in  Prozeß  gerieten,  hob  der  König
sie  auf  und  setzte  an  ihre  Stelle  (1723)  eine  neue,  das  Generaloberfinanz-,
  Kriegs=  und  Domänendirektorium,  gewöhnlich  kurzweg  Generaldirektorium
  genannt,  das  sich  unter  dem  Vorsitz  des  Königs  in  fünf
Abteilungen  unter  je  einem  Minister  gliederte  und  die  gesamte  innere  Verwaltung
  umfassen  sollte.  Die  „Instruktion“  für  diese  neue  Behörde  hat  der
König  ganz  allein  erdacht  und  ausgearbeitet;  sie  ist  aber  auch  ein  ruhmvolles
Denkmal  seiner  großen  Einsicht,  gleich  bewundernswert  wegen  ihrer  Zweckmäßigkeit
  im  ganzen,  als  auch  wegen  ihrer  Klarheit  und  Sorgfalt,  womit  sie
das  Kleinste  wie  das  Größte  ordnet.  Der  ursprünglich  von  den  Ständen
eingesetzte  Landrat,  ein  adliger  Gutsbesitzer,  wurde  unter  Friedrich  Wilhelm
zugleich  Vertreter  der  Regierung,  ohne  doch  das  Vertrauen  seiner  Standesgenossen
  zu  verlieren.  Von  allen  Beamten  forderte  der  König  Pünktlichkeit,
Pflichttreue,  Genügsamkeit;  auch  unter  ihnen  herrschte  eine  militärische  Zucht.
Das  Auge  und  die  Faust  des  Königs  waren  überall.  Den  Potsdamer  Post- 



*)  Der  Leser  sei  hingewiesen  auf  die  in  dieser  Zeit  spielende  Schrift  Oskar
Höckers  Zwei  Riesen  von  der  Garde.  Kulturgeschichtliche  Erzählung  aus  der
Zeit  des  Zopfes  und  der  Wachtparade.  Mit  vielen  Abbildungen  von  Carl  Römer.
8.  Auflage.  Leipzig,  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn.  «
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        94  Zweiter  Zeitraum.

meister,  der  die  mit  der  Nachtpost  angekommenen  Reisenden  vergebens  pochen
und  auf  der  Straße  warten  ließ,  prügelte  er  eigenhändig  aus  dem  Bett,
jagte  ihn  aus  dem  Amt  und  bat  die  Reisenden  um  Entschuldigung,  daß  ein
preußischer  Beamter  so  pflichtvergessen  sei.  Wenn  ein  Minister  ohne  genügende
Entschuldigung  nicht  pünktlich  (  im  Sommer  um  7,  im  Winter  um  8  Uhr
morgens)  zu  den  Sitzungen  erschien,  zahlte  er  hundert  Dukaten  Strafe;  wer
zweimal  ganz  fehlte,  wurde  entlassen.  Sie  durften  nicht  eher  auseinander
gehen,  als  bis  alle  Sachen  erledigt  waren.  War  dies  bis  zwölf  Uhr  nicht
Mmöglich,  so  erhielten  sie  aus  der  Hofküche  ein  gutes  Mittagessen.  Besonders
scharf  beaufsichtigte  der  König  das  Rechnungswesen.  Alle  Ausgaben  waren
auf  das  knappste  bemessen;  ohne  vorherige  Bewilligung  durfte  nichts  ausgegeben
  werden;  es  durfte  weder  Überschüsse  noch  Nachschüsse  geben;  alles
mußte  „auf  Heller  und  Pfennig“  stimmen.  Die  Oberrechnungskammer
hatte  die  Aufgabe,  die  Rechnungen  zu  prüfen,  und  sie  ist  —  wie  die  preußischen
Rechnungsbeamten  überhaupt  —  wegen  ihrer  Genauigkeit  sprichwörtlich
geworden.

Fast  noch  größeres  Gewicht  als  auf  eine  gewissenhafte  Verwaltung  der
Staatseinkünfte  legte  der  König  auf  eine  Vermehrung  derselben.  Die  Steuerfreiheit,
  welche  die  Adligen  bis  dahin  für  sich  und  ihre  Güter  genossen
hatten,  hob  er  auf.  Die  Ritter=  und  Bauerngüter  hatten  bisher  im  Fall
eines  Krieges  ein  „Lehnpferd“  liefern  müssen;  Friedrich  Wilhelm  wandelte
diese  Leistung  in  eine  jährlich  zu  zahlende  Geldsteuer  von  120  Mark  um
und  verlangte  außerdem  von  den  Bauern  —  auch  von  denen  des  Adels  —
den  Hufenschoß  und  von  dem  ganzen  platten  Lande  das  Kavalleriegeld  als
Entgelt  dafür,  daß  die  Reiterei,  deren  Einquartierung  und  Verpflegung  bis
dahin  dem  Lande  zur  Last  fiel,  jetzt  in  die  Städte  verlegt  wurde.  Der  Adel,
besonders  im  Magdeburgischen  und  in  Preußen,  widersetzte  sich  zwar,  jener
beschwerte  sich  sogar  beim  Kaiser,  dieser  protestierte  dagegen  beim  Könige
selber;  aber  Friedrich  Wilhelm  setzte  seinen  Willen  durch,  zum  Wohle  des
ganzen  Landes.  Die  Städte  mußten  durch  die  Accise  zu  den  Lasten  des
Staates  beitragen.  Diese  Steuer  war  von  allen  die  ergiebigste;  sie  wurde
trotz  heftigsten  Widerspruchs  auch  in  Kleve  eingeführt.  Um  jedem  Unterschleif
vorzubeugen,  befahl  Friedrich  Wilhelm,  daß  auch  das  Königliche  Haus  die
Accise  zahle.  In  die  Rekrutenkasse  mußte  jeder,  der  ein  Amt,  eine  Beförderung,
  einen  Titel,  eine  Gnade  oder  Vollmacht  erhielt,  eine  bestimmte  Summe
zahlen.  Die  meisten  unteren  Stellen  wurden  damals  für  Geld  den  Meistbietenden
  überlassen.  Auch  manche  Strafgelder  sowie  die  Abgaben  der  Juden
für  die  Erlaubnis  zur  Heirat  flossen  in  diese  Kasse,  deren  Einnahmen  der
König  hauptsächlich  für  seine  „langen  Kerle“  verwandte.  Aus  den  Domänengefällen,
  zu  denen  auch  die  Einkünfte  von  Salz,  Zöllen,  Stempeln,  dem
Berg-,  Hütten=  und  Postwesen  gehörten,  wurden  sämtliche  Staatsausgaben
mit  Ausnahme  derjenigen  für  das  Heer  bestritten.

Friedrich  Wilhelm  wollte  aber  nicht  nur  ernten,  sondern  sorgte  dafür,
daß  seine  Unterthanen  auch  zahlen  konnten.  Alljährlich  besuchte  er,  wenn
irgend  möglich,  jede  Provinz.  Da  bot  sich  in  den  ersten  Jahren  seinem  Auge
manch  trauriger  Anblick  dar.  Fast  überall  war  der  Anban  des  Landes
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I1.  95

weit  zurück;  ganze  Strecken,  namentlich  in  Preußen  und  Litauen,  lagen  infolge
der  Pest  und  der  Verheerungen  des  Nordischen  Krieges  (S.  103)  völlig
verödet;  in  Preußen  wohnten  auf  1  qkm  nur  zwölf  Menschen.  Das  Landvolk
  war  gänzlich  verroht,  lebte  von  der  widerlichsten  Nahrung,  baute  weder
Obst  noch  Gemüse;  der  deutsche  Pflug,  Wind=  und  Wassermühlen  waren  verschwunden,
  die  Wälder  voller  Wölfe.  Auch  der  Adel  war  gänzlich  verarmt;
in  den  Städten  fehlte  es  an  Handwerkern,  der  Handel  des  Ostens  lag  völlig
danieder;  die  einst  so  reichen  Königsberger  Kaufleute  besaßen  kein  Schiss
mehr.  Dazu  lastete  auf  dem  Lande  der  harte  Druck  der  ständischen  Steuerverwaltung.
  In  diesem  Punkte  griff  der  König  zunächst  ein,  indem  er  eine
nach  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens  gewissenhaft  festgesetzte  Hufensteuer  einführte.
  Viele  Adlige  erkannten  die  Notwendigkeit  und  Wohlthat  dieser  Maßregel
  auch  an;  als  aber  die  ostpreußischen  Stände  dem  Könige  Schwierigkeiten
machen  wollten,  schrieb  er:  „Ich  stabiliere  die  Souverainité  wie  ein
Rocher  de  Bronze.“  An  diesem  Bronzefelsen  der  staatlichen  Souveränität
zerschellten  die  angemaßten  ständischen  Vorrechte,  aber  der  kleine  Mann
atmete  auf.

Die  größte  Sorgfalt  wendete  der  König  den  Domänen  zu,  die  den
Bauern  als  Muster  dienen  sollten.  Er  erklärte  sie  in  hochherziger  Weise
sämtlich  für  Staatseigentum  und  bestimmte,  daß  sie  weder  geteilt,  noch  ein
Stück  von  denselben  veräußert  werden  dürfe;  die  in  Erbpacht  gegebenen
Güter  zog  er  wieder  ein  und  verpachtete  sie  nur  auf  sechs  Jahre.  Die
Pächter  sollten  genau  beaufsichtigt  werden,  „ob  in  die  Kuhställe  fleißig  Stroh
eingestreut,  ob  neben  den  Misthaufen  auch  Mistpfützen  angelegt  und  der  Mist
zu  gehöriger  Zeit  aufs  Feld  gefahren  würde".  Unablässig  war  der  König
bemüht,  die  Domänen  durch  Kauf  oder  Austrocknen  von  Sümpfen  zu  vergrößern,
  durch  bessere  Bewirtschaftung  zu  heben,  und  die  Musterwirtschaft  der
Domänen  wirkte  vorteilhaft  auf  die  Hebung  der  ganzen  Landwirtschaft  ein.
In  der  Nähe  von  Friesack  wurde  das  rhin=  und  havelländische  Luch  entwässert
  und  daselbst  eine  Musterwirtschaft  eingerichtet.  Auch  in  den  Warthebrüchen
  wurden  einige  Kolonien  angelegt;  als  die  Forstbeamten  nachher
klagten,  daß  infolgedessen  das  Wild,  namentlich  die  wilden  Schweine,  dort
sehr  abgenommen  hätte,  schrieb  der  König  auf  den  Rand  der  Beschwerde:
„Besser  Menschen  als  Schweine."“

Durch  die  Einführung  des  Hufenschosses  war  auch  die  Last  des  Bauern
etwas  erleichtert;  dennoch  war  seine  Lage  noch  traurig  genug.  Denn  er
war  —  namentlich  in  den  früher  slavischen  Gebieten  —  seinem  Gutsherrn
fast  leibeigen  geworden,  mußte  ihm  Hand=  und  Spanndienste  leisten,  so  daß
er  auf  seinem  eigenen  Acker  nur  morgens  früh  und  abends  spät  oder  wohl
gar  nur  am  Sonntag  arbeiten  konnte.  Dabei  durften  er  wie  auch  seine
Kinder  ohne  Erlaubnis  des  Herrn  weder  fortziehen,  noch  ein  Handwerk  ergreifen
  oder  eine  Ehe  schließen.  Auch  war  sein  Gutsherr  sein  Richter,  der
ihn  durch  Schläge  zur  Arbeit  antreiben  oder  vom  Hofe  jagen  durfte,  falls  er
diesen  anders  verwerten  wollte.  Auf  den  königlichen  Domänen  standen  die
Bauern  unter  den  oft  harten  königlichen  Beamten.  Schon  Friedrich  I.  hatte
vergeblich  versucht,  diese  „Erbunterthänigkeit“  aufzuheben.  Friedrich  Wilhelm
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        96  Zweiter  Zeitraum.

erkannte  die  Gefahr,  welche  dem  Staate  durch  das  Abnehmen,  ja  Verkommen
des  Bauernstandes  drohte.  Zuerst  schritt  er  gegen  das  „Bauernlegen“,  d.  i.
die  Zusammenlegung  des  bäuerlichen  Besitzes  mit  dem  adligen  Gute,  ein  und
verlangte,  daß  die  seit  1624  eingezogenen  Bauerngüter  wieder  mit  Bauern
besetzt  würden.  Dann  gebot  er,  kein  Pächter  oder  Beamter  solle  sich  unter—
stehen,  die  Unterthanen  bei  den  Hofdiensten  auf  dem  platten  Lande  mit
Peitschen-  oder  Stockschlägen  zu  mißhandeln  oder  zur  Arbeit  anzutreiben.
Jeder  Ubertreter  ward  das  erstemal  mit  sechswöchigem  Karrenschieben,  das
zweitemal  mit  dem  Strange  bestraft.  Auch  verordnete  er,  daß  die  Bauern
in  der  Regel  wöchentlich  nur  einen  Tag  Spanndienste  leisten  sollten.  Ebenso
schaffte  er  das  von  den  Beamten  oft  mißbrauchte  Vorspannrecht  ab,  indem  er
schrieb:  „Ich  will  nicht,  daß  die  Herren  Beamten  mit  meiner  Bauern  Pferden
spazieren  fahren.“  Auf  seinen  Domänen  —  diese  umfaßten  mehr  als  ein
Drittel  des  ganzen  Grundbesitzes  —  hob  er  die  Hörigkeit  auf;  zwar  scheiterte
sein  Versuch,  auch  den  übrigen  Bauern  die  Freiheit  zu  geben,  an  dem  Widerstande
  aller  Beteiligten;  aber  es  wurden  doch  in  einzelnen  Gegenden  auch  auf
den  Gütern  der  Edelleute  die  Hofdiensttage  eingeschränkt,  und  ein  königlicher
Befehl  untersagte  es  streng,  die  Bauern  ohne  rechtlichen  Grund  vom  Gute
zu  jagen.  Damit  war  der  Anfang  gemacht  zu  der  Befreiung  des
Bauernstandes,  der  an  der  Hand  des  Königtums  sich  aufzurichten
begann,  aber  durch  den  Unterricht  zunächst  für  die  Freiheit  fähig
gemacht  werden  mußte.

„Menschen  halte  ich  für  den  größten  Reichtum,“  schrieb  der  König
einmal.  Um  Bauern  und  Handwerker  ins  Land  zu  ziehen,  scheute  er  weder
Mühe  noch  Kosten.  Die  nach  Preußen  eingewanderten  erhielten  außer  den
Ländereien  freies  Brennholz  und  neun  Jahre  Befreiung  von  allen  Lasten  und
Abgaben,  minder  begüterte  auch  noch  bares  Geld  zur  Anschaffung  von  Vieh,
Ackergeräten  und  Saatkorn.  Aus  Schwaben,  der  Pfalz,  sowie  den  rheinischen
und  fränkischen  Bistümern  zogen  Evangelische,  um  ihres  Glaubens  willen  in
der  Heimat  bedrängt,  mehr  und  mehr  nach  Preußen;  einwandernde  Polen
wurden  zurückgewiesen.  Bis  1728  waren  20000  Familien  eingewandert,  für
deren  Ansiedelung  der  König  fünfzehn  Millionen  Mark  aufwandte.  Als  um
diese  Zeit  der  Erzbischof  von  Salzburg  von  seinen  evangelischen  Unterthanen
verlangte,  sie  sollten  katholisch  werden  oder  auswandern,  wobei  ihn  sogar  der
Kaiser  mit  Militär  unterstützte,  nahm  sich  Friedrich  Wilhelm  der  Bedrängten
an  und  erklärte  sie  für  preußische  Unterthanen,  so  daß  der  Bischof  ihnen
gestatten  mußte  —  was  er  anfänglich  verweigert  hatte  —,  ihre  Kinder
mitzunehmen  und  ihre  Güter  zu  verkaufen.  Preußische  Gesandte  nahmen  sie
an  der  Grenze  Salzburgs  in  Empfang  und  geleiteten  sie  nach  Preußen,  wo
sie  überall  wie  Brüder  ausgenommen  wurden  (1732).  Sie  wurden  Unter  den
Linden  in  Berlin  festlich  bewirtet;  der  König  war  selber  zugegen  und  rief
ihnen  wiederholt  zu:  „Ihr  sollt  es  bei  mir  gut  haben,  Kinder.“  Zur  Unterbringung
  der  Salzburger  gab  er  achtzehn  Millionen  Mark  her;  er  ordnete
nicht  nur  alles  selber  an,  sondern  überwachte  auch  die  Ausführung  bis  ins
kleinste.  „Die  Manufakturisten  nach  der  Neumark,  die  Ackerleute  nach  Preußen!“
so  bestimmte  er.  Für  etwa  6000  Kolonisten  hatte  er  Fürsorge  getroffen;
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        8.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I

 

 

 

 

 

 

 

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König  Friedrich  Wilhelm  I.  begrüßt  die  vertriebenen  Salzburger.

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  7
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        98  Zweiter  Zeitraum.

als  er  hörte,  daß  ihrer  viel  mehr  seien,  schrieb  er:  „Sehr  gut!  Gottlob!  Was
thut  Gott  dem  brandenburgischen  Hause  für  Gnade!  Denn  dieses  gewiß  von
Gott  kommt!“  Im  ganzen  kamen  20000  Salzburger,  von  denen  15500
nach  Preußen  zogen  und  12000  auf  Staatskosten  angesiedelt  wurden.  Den
Gewerbetreibenden  wurden  in  Gumbinnen,  Darkehmen  und  anderen  litanischen
Städten  auf  Staatskosten  Häuser  erbaut;  die  Bauern  erhielten  Acker,  Häuser,
Vieh,  Geräte  und  Korn.  Es  empfing  z.  B  B.  der  Vollbauer  außer  Haus  und
Hof:  vier  Pferde,  vier  Ochsen,  drei  Kühe,  Wagen,  Pflug  und  Egge,  Pferdegeschirr,
  eine  Sense,  sechzig  Scheffel  Roggen,  achtzehn  Scheffel  Gerste,  vierzig
Scheffel  Hafer  und  zwei  Scheffel  Erbsen  zur  Aussaat.  So  wurde  Litauen
in  ein  blühendes  Land  verwandelt;  sechs  Städte  (Stallupönen,  Darkehmen,
Ragnit,  Gumbinnen,  Pillkallen  und  Schirwindt)  wurden  neu  gegründet,  sechs
andere  fast  ganz  wieder  aufgebaut,  49  Domänengüter  und  332  Dörfer  neu
angelegt,  60000  Hufen  neu  besiedelt.  Als  der  Kronprinz,  der  spätere  Friedrich
der  Große,  1739  als  Stellvertreter  des  erkrankten  Königs  dies  Land  besuchte
und  mit  Erstaunen  wahrnahm,  wie  sein  Vater  eine  fast  menschenleere  Wüste
in  eine  blühende  Provinz  umgeschaffen  hatte,  erkannte  er  die  großen  Verdienste
desselben.  In  Gumbinnen,  inmitten  seiner  großartigen  Schöpfungen,  ist
Friedrich  Wilhelm  mit  Recht  ein  Denkmal  gesetzt,  dessen  Sockel  die  Inschrift
trägt:  „Friedrich  Wilhelm  I.,  Litauens  Wiederhersteller,  Gumbinnens  Gründer.“
Die  Städte  hatten  nicht  nur  an  den  Folgen  des  Dreißigjährigen  Krieges
noch  schwer  zu  tragen,  sondern  auch  unter  einer  schlechten  Verwaltung  zu
leiden.  Wenige  patrizische  Familien  hatten  die  städtischen  Amter  in  ihre  Gewalt
  gebracht  und  suchten  jeden  anderen  davon  fern  zu  halten;  durch  Ausnutzung
  städtischer  Gerechtsame,  wie  Jagd,  Fischerei,  Holzung  und  Weide,
ja  selbst  durch  grobe  Unterschleife  bereicherten  sie  sich.  Um  möglichst  vielen
diesen  Vorteil  zuzuwenden,  errichteten  sie  immer  neue  Amter;  so  hatte  Berlin
1705  bei  55000  Einwohnern  75  Bürgermeister  und  Natsherren.  Trotzdem
wurden  die  Geschäfte  von  Jahr  zu  Jahr  verschleppt,  die  Rechnungen  nicht
abgenommen,  die  Rechtspflege,  besonders  die  Straßen=  und  Feuerpolizei,
mangelhaft  verwaltet.  Fast  alle  Städte  waren  tief  verschuldet;  Handel  und
Gewerbe  stockte,  selbst  die  Leinen=  und  Eisenindustrie  in  den  westlichen  Provinzen
krankte.  In  Stendal  lagen  1721  noch  365,  in  Salzwedel  191  wüste  Stellen.
Friedrich  Wilhelm  griff  auch  hier  rücksichtslos  ein.  Er  ließ  durch  strenge
Untersuchung  das  ÜUbel  aufdecken,  dann  traf  er  Maßregeln  zur  Besserung.
Die  Städte  wurden  unter  die  Aufsicht  der  Provinzialverwaltung  gestellt;
die  Zahl  der  Natsmitglieder  wurde  auf  das  Notwendige  beschränkt,  neue  Mitglieder
  ernannte  der  König  auf  Vorschlag  des  Rats,  aber  aus  allen  Ständen.
Neben  dem  Rat  wurde  wieder  ein  Bürgerausschuß  eingesetzt.  Jährlich  mußte
ein  städtischer  Etat,  d.  i.  ein  Voranschlag  über  Einnahmen  und  Ausgaben,
aufgesetzt  und  die  Jahresrechnung  genau  geprüft  werden.  Die  ständische  Steuerverwaltung
  (S.  50)  wurde  aufgehoben  und  das  gesamte  Polizeiwesen  neu  geordnet.
  Weil  der  König  zu  den  Soldaten  das  größte  Vertrauen  hatte,  zwang
er  die  Städte,  viele  ihrer  Amter  mit  Soldaten  zu  besetzen.
Um  die  Einwohnerzahl  der  Städte  zu  mehren,  gewährte  der  König
einwandernden  Handwerkern  Ersatz  der  Reisekosten,  Steuer-Freijahre  sowie
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  J.  99

unentgeltliches  Bürger=  und  Meisterrecht.  Demjenigen,  welcher  eine  wüste
Stätte  bebante,  schenkte  er  das  Bauholz,  ½  bis  ¼  der  Baukosten  und  sechs
bis  acht  Jahre  Befreiung  von  allen  Lasten.  Infolgedessen  wurden  viele  ganz
oder  teilweise  zerstörte  Städte,  wie  Krossen,  Köslin,  Stettin,  Wittstock,  Stendal,
Iserlohn  und  Unna,  neu  und  schöner  wieder  ausgebaut.  Am  meisten  that
Friedrich  Wilhelm  für  Berlin,  indem  er  wohlhabenden  Beamten  und  Bürgern
befahl,  dort  Häuser  zu  errichten.  Auf  Bittschriften  um  Erlaß  des  Baues
schrieb  er  wohl:  „Der  Kerl  hat  Geld,  soll  bauen.“  Der  neue  Stadtteil,  die
Friedrichstadt  (S.  80),  wurde  damals  fertig,  und  die  Einwohnerzahl  Berlins
hob  sich  unter  seiner  Regierung  auf  100000.  Des  Königs  Lieblingssitz  war
Potsdam,  wo  sein  Leibregiment  lag;  in  keiner  anderen  Stadt  hat  er  so  viel
gebant  und  so  viele  Bauten  unterstützt  wie  dort.  Die  Einwohnerzahl  stieg
unter  ihm  von  2000  auf  20000.

Bisher  hatte  der  Aufwand  des  Hofes  dem  Gewerbe  mancherlei  Nahrung
gegeben;  von  jetzt  ab  sollte  dies  durch  das  Heer  geschehen.  Schon  am
Tage  nach  der  feierlichen  Beisetzung  seines  Vaters  befahl  Friedrich  Wilhelm,
den  ganzen  Bedarf  für  die  Ausrüstung  des  Heeres  im  Lande  zu  kaufen.  Da
sah  man  erst,  wie  tief  das  heimische  Gewerbe  gesunken  war:  alle  im  Inlande
gefertigten  Waren  waren  schlechter  und  teurer,  als  die  vom  Auslande  bezogenen;
  aber  der  König  ließ  sich  nicht  irre  machen.  Er  erließ  Handwerkerordnungen,
  um  den  abgestorbenen  Zünften  neues  Leben  einzuhauchen,  Industrieund
  Handelsvorschriften  und  setzte  Fabrikinspektoren  und  Schaumeister  ein,
welche  die  genaue  Ausführung  derselben  überwachen  mußten.  In  Berlin
errichtete  er  durch  den  Kaufmann  Kraut  das  „Lagerhaus“,  eine  große  Wollspinnerei
  und  Weberei.  Er  schenkte  dem  Unternehmer  dazu  ein  Gebände
sowie  große  Geldsummen  und  unterstützte  ihn  durch  verschiedene  Verordnungen,
ganz  besonders  aber  durch  Abnahme  der  Tuche.  Sämtliche  inländische  Wolle
mußte  dem  Lagerhause  verkauft  werden,  und  damit  es  das  erforderliche
Garn  erhielt,  sollten  die  auf  den  Straßen  und  Märkten  sitzenden  Hökerinnen
und  andere  Händlerinnen  „nicht  Maulaffen  feil  halten,  sondern  Wolle  und
Flachs  spinnen,  stricken  und  nähen".  Nach  zwei  Jahren  konnten  die  Tücher
des  Lagerhauses  nicht  nur  an  Güte  und  Preis  mit  den  fremden  wetteifern,
sondern  gingen  sogar  schon  ins  Ausland,  nach  Schweden  und  Rußland.  Noch
größer  war  der  Nutzen,  daß  so  viele  kleine  Leute  Berlins  im  Lagerhause
Verdienst  fanden  und  daß  das  Geld  für  die  Bekleidung  der  Armce  im  Lande
blieb.  „Kein  Geld  außer  Landes!“  war  nach  des  Königs  Ansicht  „der  Stein
der  Weisen“;  deshalb  vermehrte  er  die  Einfuhrverbote  und  duldete  bei  den
Bürgern,  Beamten,  Offizieren  und  am  Hofe  keine  fremdländischen  Waren.
Für  den  auswärtigen  Handel  bildete  sich  in  Berlin  eine  Handelsgesellschaft,
die  einen  einträglichen  Handel  mit  Rußland  betrieb  und  fünfzehn  Jahre  lang
die  Tuche  für  die  Bekleidung  der  russischen  Armee  lieferte.  Berlin  zählte  1740
über  2000  Tuchmachermeister.  Der  Förderung  des  Handels  diente  auch  die
große  Sorgfalt,  welche  der  König  auf  die  Land=  und  Wasserstraßen,  die
pünktliche  Innehaltung  der  Postfahrten  (S.  93)  und  die  Einrichtung  neuer
Postlinien,  besonders  in  Pommern  und  Preußen,  verwandte.  Dagegen  erschienen
dem  auf  das  unmittelbar  Nützliche  gerichteten  Sinne  des  Königs  die  von  dem

7*
        <pb n="106" />
        100  Zweiter  Zeitraum.

Großen  Kurfürsten  in  Westafrika  angelegten  Kolonien  um  so  mehr  wertlos,
da  sie,  von  seinem  Vater  nicht  unterstützt,  einen  jährlichen  Zuschuß  erforderten
und  sich  nur  mit  Mühe  den  Anfeindungen  Hollands,  Englands  und  Spaniens
gegenüber  behaupten  konnten.  Friedrich  Wilhelm  verkaufte  sie  deshalb  an
die  Niederländer,  die  sie  allerdings  den  treuen  Negern  erst  mit  Gewalt  ab—
nehmen  mußten.

Die  Rechtspflege  litt  damals  nicht  nur  in  den  Städten  (S.  57),  sondern
auch  in  den  staatlichen  Gerichtshöfen  an  der  Unfähigkeit  der  Richter  und
der  Unlauterkeit  der  Advokaten,  an  einer  Weitschweifigkeit  und  Kostspieligkeit
des  Verfahrens  sowie  an  einer  großen  Verschiedenheit  und  Unsicherheit  der
Gesetze.  Deshalb  beauftragte  Friedrich  Wilhelm  gleich  beim  Antritt  seiner
Regierung  einen  seiner  Geheimräte,  einen  Vorschlag  zur  Besserung  der  Rechts—
pflege  auszuarbeiten.  „Es  ist  mein  Wille,“  schrieb  er,  „daß  die  Justiz  in
allen  meinen  Landen  schnell,  unparteiisch,  mit  reinen  Händen,  gleich  für  arm
und  reich,  hoch  und  niedrig  administriert  werde.“  Als  der  Beamte  seine
Aufgabe  aber  nicht  schnell  genug  löste,  drohte  ihm  der  König  mit  Strafen
und  schrieb:  „Ich  muß  leider  so  streng  sprechen,  weil  die  schlimme  Justiz  gen
Himmel  schreit  und,  wenn  ich  es  nicht  remediere,  ich  selbst  die  Verantwortung
auf  mich  lade.“  Bald  nachher  erschienen  auch  einige  Erlasse  zur  „Ordnung
und  Besserung  des  Justizwesens“.  Der  Gang  der  Prozesse  ward  beschleunigt,
der  Gebrauch  der  Folter  eingeschränkt,  die  Hexenprozesse  wurden  verboten;
aus  dem  Richter=  und  Advokatenstande  wurden  die  unwürdigen  Glieder  entfernt,
  die  Gerichtssporteln  ermäßigt.  Aber  die  Hoffnung,  ein  preußisches  Landrecht
  zu  schaffen,  sollte  dem  Könige  nicht  erfüllt  werden.  Als  er  (1737)
den  berühmten  Rechtsgelehrten  Samuel  v.  Cocceji  an  die  Spitze  der  Justizverwaltung
  stellte,  beauftragte  er  ihn,  auch  dafür  zu  sorgen,  daß  ein  beständiges
  und  ewiges  Landrecht  verfertigt,  das  römische  Recht  aber  abgeschafft
werde.  Die  Arbeit  wurde  zwar  aufgenommen,  doch  erst  unter  dem  folgenden
Könige  beendet.

Friedrich  Wilhelm  wollte,  daß  jedem  möglichst  schnell,  am  liebsten  gleich
auf  der  Stelle  sein  Recht  geschehe;  deshalb  griff  er  auch  häufig  in  den
Gang  der  Prozesse  ein  und  entschied  nach  seiner  Uberzeugung.  Auch  verlangte
  er,  daß  alle  Urteile  über  Vergehen  und  Verbrechen,  die  Leib  und
Leben,  Ehre  und  Gut  angingen,  ihm  zur  Bestätigung  vorgelegt  würden.  Er
milderte  diese  Urteile  nie,  verschärfte  sie  meistens.  Totschläger  begnadigte
er  niemals.  Hausdiebe,  welche  über  150  Mark  gestohlen  und  durch  Einbruch
oder  Einsteigen  einen  Diebstahl  verübt  hatten,  wurden  vor  der  Thür  des
Bestohlenen  aufgehängt.  Dabei  richtete  der  König  aber  ohne  Ansehen  der
Personen  und  ließ  z.  B.  einen  adligen  Nat,  der  bei  der  Unterbringung  der
Salzburger  Geld  unterschlagen  hatte,  aufhängen.  Die  Rechtsanwälte  mochte
er  nicht  leiden,  weil  die  nach  seiner  Meinung  das  Unrecht  in  Recht  verdrehten.
In  Minden  wohnte  er  einst  einer  Gerichtssitzung  bei.  Als  der  Rechtsanwalt
der  ersten  Partei  geendet  hatte,  rief  der  König:  „Der  Kerl  hat  recht!“  Darauf
redete  der  Rechtsanwalt  der  Gegenpartei  so  geschickt,  daß  der  König  mit  den
Worten:  „Der  Kerl  hat  auch  recht!“  aufsprang  und  ärgerlich  den  Saal
verließ.
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I.  101

Alle  Unordnung,  Tagedieberei  und  liederliches  Wesen  waren  dem  König
ein  Greuel.  Deshalb  verbesserte  er  die  Polizei,  besonders  in  den  Städten;
in  Berlin  spielte  er  auch  selber  den  Polizeimeister.  Nichts  entging  seinen
Augen,  wenn  er  durch  die  Straßen  wanderte  oder  fuhr:  er  achtete  darauf,
ob  die  Straßen  sauber,  ob  Brunnen  und  Löschwerkzeuge  in  Ordnung  waren;
jeder  wurde  scharf  gemustert  und,  falls  etwas  an  ihm  mißfiel,  verhört  oder
vom  Könige  wohl  gar  eigenhändig  gestraft.  Deshalb  gingen  ihm  alle,  welche
kein  gutes  Gewissen  hatten,  aus  dem  Wege.  Als  der  König  einst  einen  solchen
Flüchtling  fragte:  „Warum  läufst  du  davon?“  erhielt  er  die  Antwort:  „Weil
ich  mich  vor  Ew.  Majestät  fürchte.“  Da  rief  der  König  zornig:  „Ihr  sollt
mich  nicht  fürchten,  lieben  sollt  ihr  mich!“  und  dabei  bleuete  er  dem  Menschen
den  Rücken.  Aber  die  Berliner  gewöhnten  sich  an  Ordnung  und  Reinlichkeit
  auf  den  Straßen,  die  von  Müßiggängern  und  Bettlern  allmählich  gesäubert
  wurden.  Taugenichtse  wurden  auf  scharfkantige  Esel  gesetzt  oder  in
spanischem  Mantel  an  den  Pranger  gestellt,  Trunkenbolde,  leichtsinnige  Bankerottmacher,
  Verschwender  und  liederliches  Gesindel  in  die  Zuchthäuser  gesteckt.
Gegen  die  Verfälschung  von  Wein,  Bier  und  Tabak  wurden  strenge  Gesetze
erlassen  und  die  Preise  für  Fleisch,  Brot  und  Bier  alljährlich  festgesetzt,  wodurch
  besonders  der  kleine  Mann  vor  Uberteuerung  geschützt  wurde.  Aus
demselben  Grunde  ließ  der  König  auch  in  wohlfeilen  Zeiten  Getreide  in  großer
Menge  aufkaufen  und  in  Zeiten  der  Teuerung  den  ärmeren  Leuten  zu  billigem
Preise  wieder  austeilen.  I

Schon  1717  führte  Friedrich  Wilhelm  die  allgemeine  Schulpflicht
in  Preußen  ein,  indem  er  durch  ein  General-Edikt  verordnete,  „daß  hinkünftig
an  denen  Orten,  wo  Schulen  seien,  die  Eltern  bei  nachdrücklicher  Strafe  gehalten
  sein  sollen,  ihre  Kinder  gen  Zwey  Dreyer  wöchentliches  Schulgeld  von
einem  jeden  Kinde  im  Winter  täglich  und  im  Sommer,  wenn  die  Eltern  die
Kinder  bei  ihrer  Wirtschaft  benötigt  sein,  zum  wenigsten  ein=  oder  zweimal
die  Woche,  damit  sie  dasjenige,  was  im  Winter  erlernt  worden,  nicht  gänzlich
  vergessen  mögen,  in  die  Schule  zu  schicken“.  Doch  in  den  meisten  Dörfern
gab  es  weder  Lehrer  noch  Schulhäuser;  auch  Seminare  für  Volksschullehrer
waren  nicht  vorhanden.  Aber  sehr  viele  Pfarrer  Preußens  waren  Schüler
Franuckes  und  hatten  in  dessen  Anstalten  das  Unterrichten  gelernt.  Sie  waren
also  befähigt,  „die  Aufsicht  über  die  Schulmeister  in  allen  das  Lehramt  und
Leben  angehenden  Fällen  zu  führen  und  die  Weise,  zu  informieren,  ihnen
vorzuschreiben“.  Die  Superintendenten  und  Pröpste  wurden  angewiesen,  „sich
der  Präparation  tüchtiger  Schulmeister  anzunehmen“",  und  in  Stettin  (1735)
sowie  im  Kloster  Bergen  bei  Magdeburg  begann  man  mit  der  Einrichtung
eines  Seminars.  In  den  königlichen  Dörfern  stattete  der  König  die  nen
zu  errichtenden  Schulstellen  mit  Grund  und  Boden  aus;  die  Gutsherren  aber
hatten  selten  Lust,  zu  den  kirchlichen  auch  noch  Schullasten  zu  übernehmen.
Als  der  König  1718  nach  Ostpreußen  kam,  fand  er  „das  Landvolk  in  einem
höchst  deplorablen  Zustande  in  Ansehung  alles  Wissens  und  Thuns“.  Aber
er  ließ  nicht  nach.  „Wenn  ich  baue,“  so  schrieb  er,  „und  verbessere  das
Land  und  mache  keine  Christen,  so  hilft  mir  alles  nichts.“  Die  Säumigen
und  Widerstrebenden  zwang  er,  zur  Unterstützung  bedürftiger  Gemeinden
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        102  Zweiter  Zeitraum.

stiftete  er  einen  Schulfonds  (mons  pietatis)  von  150000  Mark;  in  Berlin
und  Potsdam  legte  er  großartige  Waisenhänser  an  und  schenkte  für  die  Schulen
der  Salzburger  Vertriebenen  450  000  Mark.  Durch  die  Principia  Regulativa.
von  1736  gab  er  Anweisung,  wie  die  Mittel  zum  Bau  und  zur  Einrichtung
einer  Schule,  sowie  zum  Unterhalt  des  Lehrers  aufzubringen  seien.  Allein
in  Ostpreußen  wurden  unter  Friedrich  Wilhelm  (bis  1738)  1130  neue  Schulen
eingerichtet.  Wenn  es  nur  irgend  die  Zeit  gestattete,  besuchte  er  auf  seinen
vielen  Reisen  in  den  Dörfern,  durch  welche  ihn  sein  Weg  führte,  auch  die
Schulen;  ja  er  wußte  um  den  Unterricht  so  gut  Bescheid,  daß  er  einst  an  der
Tafel  seinen  Gästen  auseinandersetzte,  wie  die  Kinder  nach  neuer  Methode
das  Lesen  ohne  Buchstabieren  lernen  könnten.  Bei  allen  Regimentern  mußten
die  Feldprediger  Schule  halten  und  dafür  sorgen,  daß  die  Rekruten  im  Lesen,
Schreiben  und  im  Christentum  unterrichtet  wurden.

Für  Kunst  und  Wissenschaft  hatte  der  König  dagegen  nur  geringes
Interesse.  Von  den  Wissenschaften  schätzte  er  nur  die,  welche  für  das  praktische
  Leben  von  handgreiflichem  Nutzen  waren,  die  Theologie  und  die  Medizin.
Der  Akademie  übertrug  er  die  Ausbildung  der  Militärärzte.  An  den  Universitäten
  Halle,  Frankfurt  a.  d.  O.  und  Königsberg  errichtete  er  neue  Professnren
  für  alle  Zweige  der  Verwaltung,  für  Ingenieurwesen  und  Mechanik.
Unter  den  Künsten  stand  die  Malerei  bei  ihm  einigermaßen  in  Ansehen;  wenn
er,  von  Gichtschmerzen  geplagt,  daheim  sitzen  mußte,  versuchte  er  sich  sogar  selber
in  dieser  Kunst,  und  manches  von  ihm  gemalte  Bild  mit  der  Unterschrift
„In  tormentis  pingit  F.  W.“  (Unter  Schmerzen  gemalt)  ist  noch  erhalten.
Von  den  Künstlern  ließ  er  fast  nur  Bildnisse  seiner  Familie  und  seiner
„lieben  blauen  Kinder“  anfertigen.  Er  hat  auch  viel  gebaut,  aber  keine
prunkvollen  Schlösser,  sondern  Festungen,  Kasernen,  Schulen,  Kirchen,  Armenund
  Krankenhäuser,  alles  dauerhaft  und  ohne  Schmuck.  Während  er  der
Akademie  nur  einmal  eine  kleine  Summe  schenkte,  stiftete  er  aus  Mitleid
mit  den  Kranken  und  Armen  in  Berlin  ein  großes  Krankenhaus,  die  Charité.

Friedrich  Wilhelm  war  dem  Glauben  seiner  Kirche  aufrichtig  zugethan.
Er  besuchte  regelmäßig  den  Gottesdienst  und  verlangte  dasselbe  von  seiner
Familie,  seinen  Beamten  und  Offizieren;  auch  für  die  Soldaten  richtete  er
einen  geordneten  Gottesdienst  ein  und  ließ  unter  sie,  wie  auch  unter  Arme,
Erbaunngsschriften  verteilen.  Alle  Kopfhängerei  und  Zänkerei  über  Religion
war  ihm  zuwider;  Francke  und  andere  werkthätige  Geistliche  waren  Männer
nach  seinem  Herzen.  Er  selbst  hat  werkthätiges  Christentum  bewiesen  durch
seine  unermüdliche  Arbeit  für  alle  Stände  und  als  Vorkämpfer  des  Evangeliums
  durch  seine  mutige  und  standhafte  Beschützung  seiner  Glaubensbrüder.
Auch  er  bemühte  sich,  aber  vergebens,  die  beiden  evangelischen  Bekenntnisse
zu  vereinigen;  er  hielt  die  Gegensätze  der  beiden  für  Predigergezänk,  duldete
nicht  das  gegenseitige  Verketzern  und  behandelte  beide  unpartetisch,  gestattete
seiner  Gemahlin,  lutherisch  zu  bleiben,  und  ließ  seine  Kinder  von  Geistlichen
beider  Bekenntnisse  prüfen.  Die  katholischen  Unterthanen  ließ  der  König
unbehelligt;  doch  wollte  er  die  Jesuiten  nicht  im  Lande  haben.  Wie  er  sich
der  lutherischen  Salzburger  annahm,  legte  er  auch  wiederholt  beim  Kaiser
Fürsprache  für  dessen  cvangelische  Unterthanen  in  Ungarn  und  Schlesien  ein,
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        3.  Die  innere  Festigung.  durch  Friedrich  Wilhelm  I.  103

doch  meistens  ohne  Erfolg.  Am  meisten  schmerzte  ihn  das  Blutbad,  welches
die  Polen  1724  in  Thorn  unter  den  Evangelischen  anrichteten.  Diese  Stadt
war  evangelisch,  doch  fand  sich  dort  ein  Jesuitenkloster.  Als  bei  einer  Prozession
  die  Zöglinge  desselben  einige  zuschauende  Bürger  gröblich  mißhandelten,
stürmten  die  erbitterten  Bürger  das  Kloster  und  zerstörten  einiges  Hausgerät.
Dafür  mußten  die  Evangelischen  nicht  nur  harte  Geldbuße  zahlen,  sondern
verloren  auch  die  einzige  ihnen  noch  gebliebene  Kirche,  und  zehn  der  angesehensten
  evangelischen  Bürger  wurden  mit  dem  Tode  bestraft.

3.  Muswärtige  Derhälknisse.

Auf  die  auswärtigen  Verhältnisse  verstand  sich  Friedrich  Wilhelm
nicht  so  gut  wie  auf  die  inneren;  er  war  zu  offen  und  ehrlich,  um  zu  heucheln,
daher  wurde  er  von  den  fremden  Diplomaten  leicht  und  oft  hintergangen.
Er  selber  sagte  über  die  Beschäftigung  mit  der  äußeren  Politik:  „Ich  wollte,
ich  wärc  dieser  Teufelsgeschichten  frei,  weil  sie  mich  von  den  Dingen  abziehen,
die  mir  nützlicher  sind.“  Da  ihm  alle  Ausländerei  verhaßt  war,  hatte  es
der  kaiserliche  Gesandte,  Graf  Seckendorf,  und  der  vom  Kaiser  bestochene
Gencral  Grumbkow  leicht,  ihn  fast  immer  auf  habsburgischer  Seite  festzuhalten,
  um  so  mehr,  da  der  Kaiser  ihn  stets  mit  der  Aussicht  auf  Jülich  und
Berg  lockte,  das  infolge  des  Kleveschen  Erbvergleichs  von  1666  nach  dem
Aussterben  des  Hauses  Pfalz-Neuburg  an  Preußen  fallen  mußte.  Beim
Begiun  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  war  der  Spanische  Erbfolgekrieg
noch  nicht  beendet;  im  Frieden  zu  Utrecht  erhielt  Preußen  trotz  aller  Opfer
nur  Obergeldern  und  zwar  als  Ersatz  für  die  in  Frankreich  liegenden  Teile
der  oranischen  Erbschaft.  Einen  besseren  Gewinn  machte  Friedrich  Wilhelm
im  Nordischen  Kriege  (1700—1721).  Nachdem  der  jugendliche  Schwedenkönig
  seine  Gegner,  den  Dänenkönig,  Peter  den  Großen  von  Rußland  und
August  den  Starken  von  Polen  und  Sachsen,  besiegt  hatte,  erlitt  er  bei  Pultawa
in  der  Ukraine  eine  schwere  Niederlage  und  flüchtete  nach  der  Türkei.  Während
er  dort  in  fruchtlosem  Trotz  fünf  Jahre  vergeudete,  fielen  seine  Feinde  über
sein  Land  her;  zu  ihnen  gesellten  sich  jetzt  auch  noch  Preußen  und  Hannover.
Friedrich  Wilhelm  I.  hatte  nämlich  1713  mit  Peter  dem  Großen  und
dessen  Verbündeten  den  Vertrag  zu  Schwedt  geschlossen,  in  welchem  diese
ihm  gegen  Ersatz  der  Kriegskosten  das  von  ihnen  eroberte  Stettin  in  Verwahrung
  gaben.  Als  nun  Karl  XII.  endlich  aus  der  Türkei  zurückkehrte,
forderte  er  die  wichtige  Festung  zurück;  von  einer  Entschädigung  für  Friedrich
Wilhelm  wollte  er  aber  nichts  wissen.  Da  griffen  auch  die  Preußen  unter
Führung  Leopolds  von  Dessau  zu  den  Waffen  und  eroberten  im  Bunde
mit  den  Dänen  Rügen  und  Stralsund;  nur  mit  genauer  Not  entkam  Karl
nach  Schweden.  Im  Frieden  erhielt  Hannover  1719  die  Gebiete  der  früheren
Bistümer  Bremen  und  Verden,  Preußen  1720  Stettin  und  alles  Land
zwischen  Oder  und  Peene  nebst  den  Inseln  Usedom  und  Wollin,  so  daß  es  jetzt
„einen  Fuß  am  Meere  hatte  und  am  Commercio  der  Welt  Anteil  nehmen  konnte“.

Pommern  (po  more  d.  i.  am  Meere),  ursprünglich  von  der  Recknitz  bis  zur

Weichsel  reichend,  war  wie  Brandenburg  einst  von  Wenden  bewohnt  und  wurde  durch
die  Predigt  des  Bischofs  Otto  von  Bamberg  (1124)  und  das  Schwert  Heinrichs  des
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        104  Zweiter  Zeitraum.

Löwen  für  das  Christentum  und  das  Deutschtum  gewonnen.  Das  erste  Bistum  des
Landes  war  Julin,  das  später  nach  Kammin  verlegt  wurde.  Zahlreiche  deutsche  Aniedler,
  meistens  aus  Niedersachsen,  ließen  sich  im  Lande  nieder  und  besetzten  es  um
o  dichter,  je  näher  es  der  Heimat  lag;  im  Osten  kämpft  das  Deutschtum  noch  heute
mit  dem  Polentum.  Die  Deutschen  fanden  ihren  besten  Halt  in  den  befestigten  Städten,
z.  B.  in  Stettin,  Stralsund,  Stargard  und  Greifswald,  die  entweder  von  vornherein
von  Deutschen  gegründet  wurden  oder  doch  ihr  slavisches  Gewand  bald  ablegten,
und  in  den  Klöstern,  deren  wichtigstes  die  Cisterzienser-Abtei  Eldena  bei  Greifswald
war.  Die  eingeborenen  Fürsten  ließen  sich  schon  1181  als  deutsche  Reichsfürsten  in
den  Reichsverband  aufnehmen.  Die  von  Heinrich  dem  Löwen  beanspruchte  Lehnshoheit
  über  Pommern  erbten  mit  seinem  Sturze  die  Askanier,  nach  ihnen  die  Hohen- 



 

 

 

 

Einnahme  von  Rügen.

zollern;  aber  die  zähen,  kriegstüchtigen  Pommern  behaupteten  im  ganzen  allen  Angrisfen
  der  Nachbarn  gegenüber  ihre  Selbständigkeit,  und  im  Vertrage  zu  Grimnitz
(1529)  mußte  Joachim  I.  sich  mit  dem  Erbrecht  begnügen  (S.  29).  Fast  200  Jahre
war  das  herzogliche  Haus  in  zwei  Linien,  Wolgast  und  Stettin,  gespalten,  bis
Bogislaw  X.  (1478—1523)  das  ganze  Land  wieder  vereinigte.  Früh  des  Vaters
beraubt  und  von  seiner  Mutter  vernachlässigt,  wurde  er  von  einem  Bauern  erzogen.
Er  unterdrückte  die  Wegelagerei  und  das  grausame  Strandrecht  und  verschaffte  den
Gesetzen  wieder  Gehorsam.  Der  Reformation  war  er  abgeneigt;  um  so  rascher  breitete
sie  sich  nach  seinem  Tode  unter  der  vorsichtigen  Leitung  Dr.  Bugenhagens  aus.  Schon
seit  1456  besaß  das  Land  in  Greifswald  eine  Universität.  Bald  nach  Bogislaws
Tode  spaltete  sich  das  Herzogshaus  wieder  in  zwei  Linien,  die  aber  während  des
Dreißigjährigen  Krieges  beide  ausstarben;  doch  vermochte  der  Große  Kurfürst  damals
nur  Hinterpommern  zu  gewinnen  (S.  52).
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  J.  105

Obwohl  Preußen  eine  der  besten  Armeen  der  Welt  besaß,  hütete  der
König  sich  soviel  wie  möglich  vor  einem  Kriege;  aber  kaum  war  der  Nordische
beendet,  so  drohte  ein  neuer,  größerer.  Kaiser  Karl  VI.  hatte  keinen  Sohn
und  suchte  deshalb  durch  ein  Hausgesetz,  die  pragmatische  Sanktion,
seiner  Tochter  Maria  Theresia  die  Nachfolge  in  allen  österreichischen  Ländern
zu  sichern.  Spanien  hatte  er  bereits  gewonnen;  denn  es  war  eine  Verlobung
des  Kronprinzen  «

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Frankreich  einen  ·,  S  —»».-»
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den  Fall  eines  Krieges
  zu  schließen,
wobei  diese  beiden
versprachen,  dahin
wirken  zu  wollen,  Das  Mühlenthor  in  Stargard.

daß  Jülich  und

Berg  beim  Aussterben  der  Linie  Pfalz-Neuburg  an  Preußen  käme.  Die  Anhänger
der  kaiserlichen  Partei,  Leopold  von  Dessan  und  Grumbkow,  redeten  dem  König
ein,  daß  das  Herrenhäuser  Bündnis  auf  einen  Angriff  berechnet  sei,  dessen  Kosten
er  vornehmlich  zu  tragen  haben  werde.  Dem  kaiserlichen  Gesandten  Seckendorf
fiel  es  dann  nicht  schwer,  ihn  wieder  auf  die  Seite  des  Kaisers  zu  ziehen.  Beide
schlossen  1726  den  Vertrag  zu  Wusterhausen,  in  welchem  sie  sich  gegenseitig
ihren  Besitzstand  gewährleisteten,  wobei  Friedrich  Wilhelm  die  pragmatische

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        106  Zweiter  Zeitraum.

Sanktion  anerkannte,  während  der  Kaiser  ihm  versprach,  ihm  bei  der  Erwerbung
von  Berg  helfen  zu  wollen,  obwohl  er  dasselbe  kurz  zuvor  auch  dem  Pfalzgrafen
von  Sulzbach  versprochen  hatte.  Die  Engländer  und  Franzosen  schwuren
Preußen  Rache;  Friedrich  Wilhelm  aber  fürchtete  sich  nicht.  „Kein  Engländer
und  Franzose,“  sagte  er,  „soll  über  uns  Deutsche  gebieten,  und  meinen  Kindern
will  ich  Pistolen  und  Degen  in  die  Wiege  geben,  daß  sie  die  fremden  Nationen
aus  Deutschland  helfen  abhalten.  Wenn  die  Franzosen  ein  Dorf  in  Deutschland
attaquierten,  so  müßte  das  ein  Conjon  von  einem  deutschen  Fürsten  sein,  welcher
nicht  den  letzten  Blutstropfen  daran  wagte,  sich  dagegen  zu  setzen.“  Im
Polnischen  Erbfolgekriege,  in  welchem  die  Kaiser  von  Deutschland  und
von  Rußland  August  III.,  dem  Sohne  des  1733  verstorbenen  August  II.,
des  Starken,  die  polnische  Krone  sicherten,  mußte  Friedrich  Wilhelm  für  den
Kaiser  auch  noch  das  Schwert  ziehen;  aber  trotzdem  hinterging  ihn  dieser,
indem  er  sogar  mit  Frankreich  einen  Vertrag  schloß,  wonach  Jülich  und  Berg
demnächst  an  Pfalz-Sulzbach  fallen  sollte.  Entrüstet  rief  Friedrich  Wilhelm
aus:  „Der  Kaiser  traktiert  mich  und  alle  Reichsfürsten  wie  Schubjaks,  was
ich  gewiß  nicht  verdient  habe,“  und,  indem  er  auf  den  Kronprinzen  zeigte:
„Da  steht  einer,  der  mich  rächen  wird.“  Der  Kaiser  hatte  selber  den  mit
Preußen  geschlossenen  Vertrag  gebrochen;  Friedrich  Wilhelm  und  sein  Nachfolger
hatten  daher  freic  Hand.

4.  Jriedrich  Willzelms  Tebensweise,  Jamilie  und  Ende.

Da  der  König  sich  um  alles  kümmerte  —  selbst  die  Küchenrechnungen
seines  Haushaltes  sah  er  durch  —,  so  mußte  er  die  Zeit  aufs  sorgfältigste
ausnutzen.  Im  Sommer  stand  er  um  4,  im  Winter  um  5  Uhr  auf,  las
seinen  Morgensegen  und  ging  an  die  Arbeit.  Eine  Stunde  später  traten
seine  Räte  mit  ihren  Sekretären  herein,  öffneten  die  über  Nacht  eingegangenen
Schreiben  und  lasen  sie  dem  König  vor,  der  dann  bestimmte,  was  auf  jedes
derselben  geantwortet  werden  sollte,  oft  auch  wohl  ein  paar  kurze  Worte  auf
den  Rand  schrieb.  Darauf  arbeitete  der  König  mit  den  Ministern  und
Generalen;  um  10  Uhr  ging  er  zur  Parade  und  in  den  Marstall.  Schlag
12  Uhr  begann  die  Mittagsmahlzeit,  bei  der  es  einfache,  aber  kräftige  Hausmannskost
  gab;  nur  bei  fürstlichen  Besuchen  mußte  der  Küchenzettel  reichhaltiger
  sein.  Auf  seinen  Jagdausflügen  speiste  der  König  oft  und  mit  Vorliebe
an  der  einfachen  Tafel  des  Landmanns.  Nach  aufgehobener  Tafel  machte  er
gern  einen  Spaziergang  oder  eine  Spazierfahrt  durch  die  Stadt,  besah  Neubauten,
  Straßenanlagen,  Gärten  und  Felder,  wobei  er  sich  auch  von  dem
einfachsten  Manne  sprechen  ließ.  Nach  seiner  Rückkehr  erledigte  er  wieder
Regierungsgeschäfte  und  begab  sich  dann  am  liebsten  in  das  Tabakskollegium,
  eine  kleine  Gesellschaft  von  Generalen,  Ministern,  Räten,  in  der
jede  Förmlichkeit  beiseite  gesetzt  war,  die  Unterhaltung  bei  einem  Glase  Bier
und  einer  Pfeife  Tabak  sich  in  zwanglosester  Weise  bewegte,  aber  auch  der
Scherz  in  seiner  derbsten  Art  gestattet  war.  Den  Abend  widmete  der  König
seiner  Familie.

Friedrich  Wilhelm  war  ein  Muster  ehelicher  Treue;  mit  Strenge  hielt
er  an  seinem  Hofe  und  in  seinem  Lande  auf  Zucht  und  gute  Sitte;  die  unter
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Der  König.  Der  Kronprinz.  Fllst  Leopotd  von
Friedrich  Wilhelm  I.  im  Tabakskollegium.  Anhalt-Dessau.

3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I.

107
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        108  Zweiter  Zeitraum.

dem  Einflusse  Ludwigs  XIV.  auch  an  deutschen  Fürstenhöfen  immer  mehr
überhand  nehmende  Sittenlosigkeit  war  ihm  ein  Greuel.  Alle  Sinnenlust
mied  er,  den  Besuch  der  Komödie  hielt  er  für  Sünde,  und  selbst  das  Jagdvergnügen,
  dem  er  sich  gern  hingab,  verursachte  ihm  oft  Gewissensbisse.  Von
Kunstgenüssen  und  Festlichkeiten  anderer  Höfe  war  bei  Friedrich  Wilhelm  nicht
die  Rede;  sein  Haushalt  war  schlicht  und  knapp.

Mit  besonderer  Sorgfalt  überwachte  der  K  König  die  Erziehung  des  Kronprinzen
  Friedrich  (geb.  24.  Jan.  1712).  Seine  erste  Lehrerin  wurde  neben
der  fein  gebildeten  Königin  die  Frau  von  Rocoulle,  die  auch  den  König  erzogen
  hatte;  später  erhielt  er  Duhan  de  Jandun,  den  Sohn  eines  französischen
Emigranten,  zum  Erzieher  und  Lehrer,  während  die  militärische  Ausbildung
von  zwei  Offizieren  geleitet  wurde.  Fritz  sollte  ein  frommer  Christ,  ein
sparsamer  Hausvater  und  ein  tüchtiger  Soldat  werden,  die  Furcht  Gottes  und
die  Ehrfurcht  vor  den  Eltern  sich  unverlierbar  aneignen,  von  den  Wissenschaften
aber  nur  das  Notwendigste  lernen:  deutsche  und  französische  Sprache,  aber
nicht  die  lateinische,  die  ältere  Geschichte  nur  oberflächlich,  die  neuere,  namentlich
die  brandenburgische,  die  Mathematik,  Okonomie  und  die  Arlillerie  aber  aus
dem  Grunde.  „Die  Geschichte  der  Griechen  und  Römer,“  meinte  der  König,
„muß  wegbleiben,  sie  taugt  gar  nichts.“  Daneben  suchte  der  König  die  Ge—
sundheit  Friedrichs  durch  Reiten,  Fechten,  Jagen  und  Exerzieren  zu  stärken
und  die  Liebe  für  das  Militär  in  ihm  zu  wecken.  Am  liebsten  wäre  es  ihm
gewesen,  wenn  Friedrich  in  allen  Stücken  ihm  nachgeartet  wäre.

Der  Kronprinz  war  aber  ganz  anders  veranlagt  als  sein  Vater:  auf  ihn
schien  etwas  von  dem  Geiste  seiner  Großmutter,  der  für  Kunst  und  Wissenschaft
so  empfänglichen  Sophie  Charlotte,  vererbt  zu  sein.  Gegen  das  nüchterne,
strenge  Wesen  seines  Vaters,  die  bürgerliche  Einfachheit  und  die  spartanische
Zucht  des  Hofes  empfand  er  Abneigung,  die  von  seiner  älteren  Schwester
Wilhelmine,  auch  wohl  von  der  Königin  selber  genährt  wurde.  Weder  das
Drillen  der  Soldaten,  noch  die  Jagd,  die  er  ein  rohes  Vergnügen  nannte,
noch  auch  die  Unterhaltung  im  Tabakskollegium  gefielen  ihm;  viel  lieber  zog
er  den  Soldatenrock,  den  er  seinen  Sterbekittel  nannte,  aus,  legte  französische
Kleidung  an  und  beschäftigte  sich  mit  Büchern  oder  blies  die  Flöte.  „Fritz
ist  ein  Querpfeifer  und  Poet,“  klagte  der  König;  „er  macht  sich  nichts  aus
den  Soldaten  und  wird  mir  meine  ganze  Arbeit  verderben.“  Noch  mehr
schmerzte  es  den  König,  daß  der  Kronprinz  auf  unsittliche  Abwege  geriet  und
seinen  Vater  darüber  zu  täuschen  suchte.  Verschlimmert  wurde  die  Mißstimmung
  des  Königs  durch  die  von  der  Königin  so  sehr  gewünschte
englische  Heirat.  Friedrich  Wilhelm  hatte  anfänglich  dagegen  nichts  einzuwenden,
  verlangte  aber,  daß  die  Politik  dabei  ganz  aus  dem  Spiele  bleiben
solle,  weil  er  fürchtete,  Preußen  werde  durch  die  Vermählung  seines  zukünftigen
Königs  mit  einer  englischen  Prinzessin  zu  sehr  von  England  abhängig  werden.
Der  Kaiserhof  suchte  diese  Heirat  zu  hintertreiben.  UÜberdies  meinte  der  König,
Friedrich  sei  für  eine  Eheschließung  noch  zu  jung  und  unselbständig;  deshalb
lehnte  er  den  englischen  Antrag  ab,  die  Königin  aber  und  ihre  beiden  ältesten
Kinder  suchten  hinter  seinem  Rücken  die  Verbindung  mit  dem  englischen  Hofe
aufrecht  zu  erhalten.  Das  erbitterte  den  König.  Auch  wurde  ihm  hinter-
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        3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I.  109

bracht,  daß  Friedrich  sich  über  des  Königs  Regierung  mißbilligend  ausgesprochen
habe,  leichtsinnig  Schulden  mache  und  selbst  die  Grundlehren  der  Religion
nicht  anerkenne.  Er  war  untröstlich  und  suchte  durch  verschärfte  Strenge  den
Sohn  auf  den  rechten  Weg  zurückzubringen,  war  aber  in  seinen  Zornesausbrüchen
  oft  maßlos,  so  daß  er  den  bereits  volljährigen  Prinzen  bei  geringfügigem
  Anlaß  beschimpfte  und  schlug.  Dieser  unwürdigen  Behandlung  beschloß
Friedrich  sich  mit  Hilfe  seiner  Vertrauten  Keith  und  Katte  durch  die  Flucht
nach  England  zu  entziehen.  Als  er  1730  seinen  Vater  auf  einer  Reise  nach
Süddeutschland  begleiten  mußte,  versuchte  er  in  der  Nähe  von  Mannheim
auf  französisches  Gebiet  zu  entkommen.  Doch  der  Fluchtversuch  mißlang.
Friedrich  wurde  als  Gefangener  nach  Küstrin  gebracht,  wo  Katte  wegen  Hochverrats
  hingerichtet  wurde,  während  Keith  rechtzeitig  entkommen  war.  Auch
Friedrich  wurde  vor  ein  Kriegsgericht  gestellt;  doch  dieses  erklärte  sich  nicht
für  berechtigt,  über  den  Kronprinzen  zu  urteilen.  Als  nun  mehrere  Fürsten
für  ihn  um  Gnade  baten,  ließ  der  König  Gnade  für  Recht  ergehen.  Der
Kronprinz  wurde  aus  dem  strengen  Arrest  entlassen,  durfte  in  der  Stadt  frei
umhergehen,  mußte  aber  täglich  sieben  Stunden  auf  der  Domänenkammer
arbeiten  und  abends  sich  von  dem  Präsidenten  der  Kammer  über  Verwaltungssachen
  belehren  lassen;  er  beschäftigte  sich  hauptsächlich  mit  Finanzwesen,  Landwirtschaft
  und  Handelslehre,  entwarf  Berichte  und  machte  Anschläge  über
Verbesserung  und  Ausnutzung  von  Grund  und  Boden.  So  wurde  das  Jahr
in  Küstrin  für  ihn  von  großem  Segen.  Der  König  freute  sich  darüber,  daß
Friedrich  seine  Lehrzeit  mit  solchem  Ernste  ausnutzte,  noch  mehr  aber  darüber,
daß  er  sich  auch  für  geistlichen  Zuspruch  empfänglich  zeigte.  Deshalb  beschloß
er,  ihn  auf  einer  Reise  nach  Königsberg  in  Küstrin  zu  sehen.  Er  hielt  ihm
sein  Unrecht  in  ernsten  Worten  vor;  als  dann  Friedrich  ihm  weinend  zu
Füßen  sank,  erhielt  er  Verzeihung  und  die  Erlaubnis,  von  jetzt  an  in  Begleitung
  erfahrener  Männer  Ausflüge  in  die  Umgegend  von  Küstrin  zu  unternehmen,
  um  sich  über  Ackerbau,  Viehzucht  und  Brauwesen  zu  unterrichten.
Seine  volle  Freiheit  erhielt  er  erst  zurück,  nachdem  er  sich  nach  schweren
inneren  Kämpfen  bereit  erklärt  hatte,  die  ihm  von  seinem  Vater  unter  dem
Einflusse  des  Kaiserhofes  bestimmte  Braut,  Elisabeth  Christine  von  Braunschweig-Bevern,
  eine  Nichte  der  Kaiserin,  zu  heiraten.  Er  durfte  nun  nach
Berlin  zurückkehren,  arbeitete  im  Generaldirektorium  und  wurde  Oberst  eines
Regiments,  das  in  Ruppin  lag;  dort  lebte  er  sich  zu  des  Vaters  Freude  ganz
in  das  militärische  Wesen  ein.  Nachdem  er  sich  (1733)  vermählt  hatte,  schenkte
ihm  der  Vater  das  in  der  Nähe  von  Ruppin  gelegene  Schloß  Rheinsberg,
wo  der  Kronprinz  mit  seiner  Gemahlin  die  schönsten  Jahre  seines  Lebens
verbrachte.  Im  Kreise  einiger  gleichgesinnter  Freunde  widmete  er  sich  in
der  dienstfreien  Zeit  ganz  den  Wissenschaften,  der  Kunst  und  der  heiteren
Geselligkeit;  er  knüpfte  mit  dem  Franzosen  Voltaire  einen  Briefwechsel  an
und  schrieb  seinen  „Antimachchiavell“,  in  welchem  er  einen  wahren  Fürsten
schildert  und  den  später  von  ihm  auch  befolgten  Grundsatz  ausspricht:  „Der
Fürst  soll  der  erste  Diener  des  Staates  sein.“

Mit  seinem  Vater  stand  Friedrich  jetzt  in  dem  besten  Einvernehmen;  je
mehr  er  sich  mit  der  Staats=  und  Heereseinrichtung  vertraut  machte,  desto
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        110  Zweiter  Zeitraum.

mehr  lernte  er  dessen  unsterbliche  Verdienste  um  Preußen  schätzen.  Da  traf
ihn  im  Mai  1740  unerwartet  die  Nachricht  von  einer  schweren  Erkrankung
seines  Vaters.  Friedrich  Wilhelm  war  von  sehr  kräftigem  Körperbau;  aber
bei  seiner  rastlosen  Arbeit  wurden  seine  Kräfte  frühzeitig  verzehrt.  Gicht
und  Wassersucht  quälten  ihn;  aber  obschon  todkrank,  ließ  er  sich  in  einem
Rollstuhle  hinausfahren,  um  den  Bau  des  Marstalles  zu  besichtigen;  viel
Volks  umgab  ihn;  da  traf  der  schleunigst  herbeigeeilte  Kronprinz  ein  und
umarmte  seinen  Vater  unter  heftigem  Schluchzen.  Dankbaren  Herzens  rief
der  König:  „Thut  mir  Gott  nicht  viele  Gnade,  daß  er  mir  einen  so  würdigen
Sohn  zum  Nachfolger  gegeben  hat!“  Noch  einmal  versammelte  der  König
die  königlichen  Prinzen,  die  Minister  und  Generale,  um  in  ihrer  Gegenwart
dem  Kronprinzen  die  Regierung  zu  übergeben,  segnete  die  Seinen  und  beobachtete
  durch  Bewegung  der  einzelnen  Glieder,  wie  weit  der  Tod  schon
von  seinem  Leibe  Besitz  genommen  hatte.  Mit  dem  Gebet:  „Herr  Jesu,  du
bist  mein  Gewinn  im  Leben  und  im  Sterben“  entschlief  er.  „Er  starb,“
schrieb  später  Friedrich  der  Große,  „mit  der  Festigkeit  eines  Philosophen  und
mit  der  Ergebung  eines  Christen.  Er  bewahrte  eine  wunderbare  Geistesgegenwart
  bis  zum  letzten  Augenblicke  seines  Lebens,  indem  er  seine  Geschäfte
  leitete  wie  ein  Staatsmann,  die  Fortschritte  seiner  Krankheit  prüfte
wie  ein  Naturforscher  und  über  den  Tod  triumphierte  wie  ein  Held.  Diesem
Fürsten  verdankt  Preußen  die  Gründung  seines  Heeres  und  damit
  sein  ganzes  Ansehen.“  Friedrich  Wilhelm  hinterließ  seinem  Nachfolger
  einen  blühenden  Staat  von  2145  Quadratmeilen  mit  etwa  2  ½  Millionen
Einwohnern,  ein  schlagfertiges  Heer  von  83000  Mann  und  einen  Staatsschatz
  von  dreißig  Millionen  Mark;  außerdem  hatte  er  dreißig  Millionen  auf
die  Verbesserung  des  Landes  verwandt.  Mit  Recht  sagt  man  von  Friedrich
Wilhelm:  „Er  hat  ein  faules  Volk  fleißig,  ein  üppiges  sparsam,  einen  verschuldeten
  Staat  reich  gemacht.“  Er  ist  „Preußens  größter  innerer

König“.  -

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich
den  Großen.

1.  Iriedrichs  Regierungsantritt  und  die  beiden  ersten
ZSchlesiscken  KRriege.  1740  -  1745.

Voller  Spannung  hatten  die  europäischen  Höfe  und  das  deutsche  Volk
dem  Thronwechsel  in  Preußen  entgegengesehen;  aber  fast  alle  wurden  ent—
tänscht,  am  meisten  diejenigen,  welche  erwartet  hatten,  Friedrich  werde  in
Ruhe  und  Frieden  ein  goldenes  Zeitalter  der  Kunst  und  Wissenschaft  herauf- 



*)  Das  Leben  und  die  Zeit  Friedrichs  des  Großen  werden  ausführlicher  be—
handelt  in  folgenden  Schriften  Oskar  Höckers:  Friedrich  der  Große.  Ein
Lebensbild  des  Heldenkönigs,  dem  Vaterland  und  der  deutschen  Jugend  gewidmet.
3.  Auflage,  ergänzt  durch  2  Anhänge:  Das  Heer  und  die  bedeutendsten  Generale.
Friedrichs  des  Großen.  —  Husarenkönig  und  Kürassiergeneral.  Kulturgeschichtliche
  Erzählung  aus  der  Zeit  des  „Alten  Fritz.“  4.  Auflage.  Leipzig,  Ferdinand
Hirt  &amp;amp;  Sohn.
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  111

führen;  nur  wenige  wußten,  daß  er  vor  Begierde  nach  Kriegsruhm  brannte.
Seine  ersten  Maßnahmen  zeugten  allerdings  von  großer  Menschenfreundlichkeit.
Zu  den  Generalen  sprach  er:  „Sie  werden  in  mir  einen  Herrn  finden,  der
die  Armec  nicht  weniger  liebt  und  pflegt  als  der  verstorbene  König.  Gegen
einige  von  Ihnen  liegen  Klagen  vor  über  Härte,  Ubermut  und  Habsucht;
stellen  Sie  dieselben  ab.  Ein  guter  Soldat  muß  ebensowohl  menschlich  und

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Friedrich  der  Große.  (Nach  einem  Gemälde  von  Chodowierki.)

 

vernünftig  sein  als  herzhaft  und  brav.“  Seinen  Ministern  sagte  er:  „Ich
denke,  das  Interesse  des  Landes  wird  auch  mein  eigenes  sein;  sollten  beide
miteinander  in  Widerspruch  geraten,  so  soll  das  Wohl  des  Landes  stets  den
Vorzug  haben.“  Da  ein  harter  Winter  Not  und  Hunger  im  Gefolge  hatte,
ließ  Friedrich  das  von  seinem  Vater  gesammelte  Getreide  zu  billigem  Preise
an  die  Armen  abgeben.  Die  Folter  wurde  abgeschafft,  die  Unabhängigkeit
der  Richter  anerkannt,  und  die  Presse  erhielt  größere  Freiheit  als  bisher-Den
  wegen  seines  Freisinns  von  Friedrich  Wilhelm  I.  aus  Halle  vertriebenen
Professor  Wolf  rief  Friedrich  zurück,  und  dem  Konsistorium,  das  wegen  des
        <pb n="118" />
        112  Zweiter  Zeitraum.

Fortbestehens  katholischer  Soldatenschulen  Bedenken  geäußert  hatte,  erwiderte
er:  „Die  Religionen  müssen  alle  tolerieret  werden,  und  muß  der  Fiscal  nur
das  Auge  darauf  haben,  daß  keine  der  anderen  Abbruch  thue;  denn  hier
muß  jeder  nach  seiner  Fagon  selig  werden.“  Die  Riesengarde  hob  Friedrich
auf,  verteilte  die  langen  Kerle  auf  die  anderen  Regimenter  und  vermehrte
dafür  das  Heer  bald  um  20000  Mann.  An  der  von  seinem  Vater  eingerichteten
  Staatsverwaltung  änderte  er  nichts,  da  er  wußte,  daß  sie  auf  wohl
überlegten  Grundsätzen  echter  Staatsklugheit  beruhte,  und  wenn  er  bei  seiner
Hofhaltung  auch  eine  größere  Pracht  entfaltete  und  die  Akademie  reichlicher
unterstützte  als  sein  Vater,  so  war  er  dennoch  sparsam.  In  den  ersten
Jahren  seiner  Regierung  blieb  ihm  allerdings  zu  Werken  des  Friedens  wenig

Zeit;  denn  schon  1740
mußte  er  das  Schwert
ziehen,  um  die  alten
Ansprüche  seines  Hauses
  an  Schlesien  geltend
  zu  machen.

Schlesien,  ein
fruchtbares  Land  mit
reichen  Mineralschätzen,
wurde  im  6.  Jahrhundert
  ebenfalls  von
den  Slaven  und  zwar
von  den  Polen  überschwemmt
  und  bildete
dann  jahrhundertelang
einen  Teil  des  großen
Polenreichs,  das  von
Herzögen  aus  dem  Hause
des  sagenhaften  Bauern
Piast  beherrscht  wurde.
Um  die  Mitte  des  10.
Jahrhunderts  wandte
sich  das  Land  dem  Christentum
  ju  und  erhielt
in  Breslau  sein  erstes
Bistum.  Infolge  von
Erbstreitigkeiten  löste  sich
Das  Rathaus  in  Breslau.  1163  Schlesien  unter

einem  Zweige  der  Piasten
  von  Polen  ab.  Ihre  Herzöge  erkannten  bald,  daß  sie  nur  durch  engen  Anschluß
  an  Deutschland  ihre  Selbständigkeit  bewahren  und  das  Wohl  ihres  Volkes
am  besten  fördern  könnten;  deshalb  nahmen  sie  deutsche  Fürstentöchter  zu  Gemahlinnen
  und  luden  deutsche  Ritter,  Bürger,  Bauern  und  Mönche  zur  Einwanderung
ein.  Diese  folgten  dem  Rufe  so  zahlreich,  daß  in  einem  Jahrhundert  in  dem
Lande  links  von  der  Oder  das  Slaventum  überwunden  wurde.  Schon  im  14.  Jahrbundert
  war  in  Schlesien  die  deutsche  Sprache  die  herrschende.  Unter  den  Mönchen
zeichneten  sich  wieder  die  Cistercienser  aus,  deren  erstes  und  wichtigstes  Kloster
Leubus  noch  heute  steht.  Seit  der  Mitte  des  13.  Jahrhunderts,  der  Zeit  deutscher
Ohnmacht,  sträubten  sich  die  polnischen  Geistlichen  gegen  die  deutsche  Einwanderung,
und  die  dadurch  gehemmte  Germanisierung  Schlesiens  ist  noch  heute  nicht  vollendet.
Der  Hauptschaden  des  Landes  waren  die  fortwährenden  Länderteilungen  und  die
daraus  entspringenden  häufigen  Verwandtenkriege;  gab  es  doch  zeitweise  allein  in

 

 

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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  113

Viederschlesien  zwölf  selbständige  Herrschaften!  Der  hervorragendste  Held  unter  diesen
Fürsten  ist  Heinrich  II.  von  Breslau,  der  1241  auf  der  Walstatt  sich  sowie  sein
Häuflein  Reisige,  Bürger  und  Bergknappen  im  Kampf  mit  den  furchtbaren  Mongolen
opferte  und  dadurch  Deutschland  vor  diesen  wilden  Horden  bewahrte.  Die  Zersplitterung
  des  Landes  erleichterte  es  dem  Könige  Karl  IV.  von  Böhmen,  1355  ganz
Schlesien  zu  einem  böhmischen  Lehen  herabzudrücken.  Doch  auch  die  böhmischen
Könige  vermochten  dem  Lande  Ruhe  und  Frieden  nicht  zu  geben;  besonders  schwer
litt  es  in  dem  Husitenkriege.  Breslau  stand  unmittelbar  unter  der  Krone  Böhmen
und  entwickelte  sich  zu  einem  mächtigen  deutschen  Handelsplatz;  sein  prächtiges  Rathaus
  im  spätgotischen  Stil  sowie  seine  großen  Kirchen  wurden  im  15.  Jahrhundert
vollendet.  Mit  Böhmen  kam  Schlesien  dann  1526  an  das  Haus  Habsburg  und
nahm  früh  die  lutherische  Lehre  an;  aber  der  Dreißigjährige  Krieg  vernichtete  nicht
nur  das  aufblühende  kirchliche  Leben,  sondern  jede  Wohlfahrt  und  Bildung.

Friedrich  lag  an  einem  hitzigen  Fieber  danieder,  als  die  wichtige  Kunde
eintraf,  daß  Kaiser  Karl  VI.  (1740)  gestorben  sei.  Diese  Nachricht  machte
ihn  gesund.  „Ich  habe  dem  Fieber  den  Laufpaß  gegeben,“  schrieb  er,  „denn
ich  habe  meine  Maschine  nötig.“  Er  war  sofort  entschlossen,  die  sich
voraussichtlich  bietende  günstige  Gelegenheit  auszunutzen,  um  die  alten  Ansprüche
  seines  Hauses  an  Schlesien  (S.  76)  geltend  zu  machen.  Kurfürst
Karl  Albert  von  Bayern  erhob  nämlich  als  Gemahl  einer  Tochter  Josephs  I.
Erbansprüche  auf  sämtliche  habsburgische  Erbländer  und  stützte  sich  auf  Frankreich.
  Friedrich  erklärte  Maria  Theresia,  er  wolle  die  von  seinem  Vater
anerkannte  pragmatische  Sanktion  (S.  105)  für  die  österreichischen  Erblande
  ebenfalls  anerkennen,  aber  nicht  für  Schlesien;  zugleich  begann  er  seine
Rüstungen.  Da  Maria  Theresia  entgegen  dem  Rat  ihrer  verzagten  Minister
alle  seine  Anerbietungen  zurückwies,  so  rückte  er  schon  im  Dezember  1740
in  Schlesien  ein  und  besetzte  ohne  Schwertstreich  fast  das  ganze  Land;  nur
Glogau,  Neiße  und  Brieg  leisteten  Widerstand  und  wurden  eingeschlossen.
Damit  begann  der  erste  Schlesische  Krieg  (1740—1742).  Die  evangelische
Bevölkerung  Schlesiens  begrüßte  Friedrich  als  ihren  Befreier  von  religiöser
Bedrückung;  auch  die  katholische  beruhigte  sich  bald  infolge  der  guten  Mannszucht
  und  des  freundlichen  Entgegenkommens  der  Preußen.  Breslau  war
von  altersher  frei  von  österreichischer  Besatzung;  auch  Friedrich  ehrte  vorläufig
  dies  Vorrecht  der  Stadt,  besuchte  sie  aber  und  wurde  mit  Jubel
empfangen.  —

Noch  einmal  bot  Friedrich  die  Hand  zum  Frieden;  er  wollte  Maria
Theresia  gegen  alle  ihre  Feinde  unterstützen,  ihrem  Gemahl  Franz,  mit  dem
das  Haus  Lothringen  den  österreichisch=  ungarischen  Thron  bestieg,  bei  der
Kaiserwahl  seine  Stimme  geben  und  zwei  Millionen  Gulden  zahlen,  wenn
sie  ihm  sofort  auch  nur  Niederschlesien  abtreten  wollte,  erhielt  aber  eine  ablehnende
  Antwort.  Das  Schwert  mußte  also  entscheiden.  Der  alte  Dessauer
mußte  sich  zum  Schutze  der  Mark  gegen  Sachsen  und  Hannover  mit  einem
Hcere  in  der  Zauche  aufstellen;  der  König  selber  eilte  beim  Beginn  des
Frühlings  wieder  nach  Schlesien.  Der  Erbprinz  Leopold  von  Dessau  überrumpelte
  mittels  eines  kühnen  Handstreichs  die  Festung  Glogau;  bald  nachher
rückte  der  österreichische  Feldmarschall  Neipperg  von  Mähren  gegen  Neiße
heran.  Friedrich  eilte  ihm  entgegen  und  gewann  (am  10.  April  1741)  bei
Mollwitz  (unweit  Brieg)  seine  erste  Schlacht.  4

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  8
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        114  Zweiter  Zeitraum.

Die  Preußen  waren  durch  Infanterie  und  Artillerie  dem  Gegner  überlegen;

die  österreichische  Kavallerie  aber  jagte  die  preußische  des  rechten  Flügels  in  die
Flucht  und  warf  sich  auf  den  linken  Flügel.  Vergebens  versuchte  der  König,  die
Reiter,  die  ihn  mit  fortrissen,  wieder  in  Ordnung  zu  bringen,  wobei  er  sich  der.
größten  Gefahr  aussetzte.  Da  bat  ihn  Feldmarschall  Schwerin,  er  möge  das  Schlachtseld
  verlassen,  um  sich  dem  Staate  zu  erhalten  und  Verstärkungen  herbeizuholen.
Mit  schwerem  Herzen  gab  der  König  den  Bitten  nach,  Schwerin  übernasm  den
Oberbefehl.  Die  preußische  Infanterie  stand  wie  eine  Mauer.  Vermöge  des
eisernen  Ladestockes  konnte  sie  fast  dreimal  so  schnell  schießen  als  die  Osterreicher
—  neunzig  Schüsse  zählten  die  Osterreicher  während  der  Zeit  eines  Vaterunsers  —;
ein  fünfmaliger  Angriff  der  österreichischen  Reiterei  wurde  von  ihr  zurückgewiesen.
Da  nahm  Schwerin  sein  ganzes  Fußvolk  zu  einem  entscheidenden  Stoße  zusammen;
wie  auf  dem  Paradeplatze,  in  schnurgeraden  Linien,  mit  klingendem  Spiel  und
wehenden  Fahnen  gingen  sie  vor  und  warfen  den  Feind  aus  allen  Stellungen.  Der
eiserne  Ladestock  und  die  eiserne  Zucht  des  wegen  seiner  Drillkünste  so  oft  verspotteten
Königs  Friedrich  Wilhelm  hatten  sich  herrlich  bewährt.  »

Der  Sieg  der  preußischen  Waffen  bei  Mollwitz  machte  Osterreichs  Feinde
mutig.  Frankreich  versprach  dem  Kurfürsten  von  Bayern  Geld  und  Truppen
zur  Erlangung  der  Kaiserwürde  und  eines  Teils  der  österreichischen  Erbländer;
  Spanien,  Sardinien  und  Sachsen,  dessen  Kurfürst  August  III.  als
Gemahl  einer  Tochter  Josephs  I.  sich  ebenfalls  Hoffnung  auf  das  habsburgische
  Erbe  machte,  traten  dem  Vertrage  bei,  während  England  und
Holland,  um  das  Gleichgewicht  zwischen  Frankreich  und  Osterreich  zu  erhalten,
  Maria  Theresia  ihre  Hilfe  zusagten.  Friedrich  arbeitete  unterdessen
unablässig  an  der  Verbesserung  seines  Heeres,  besonders  der  Reiterei,  zwang
Brieg  zur  Ergebung,  und  da  Maria  Theresia  sich  immer  noch  nicht  zu
nennenswerten  Zugeständnissen  bequemen  wollte,  schloß  er  mit  Frankreich  den
Vertrag  zu  Nymphenburg.  Er  versprach,  Karl  Albert  als  Kaiser  und  als
König  von  Böhmen  anzuerkennen.  Vereint  wollten  die  Verbündeten  auf
Wien  vorgehen;  Friedrich  fiel  in  Mähren  ein.  Aber  seine  Bundesgenossen
unterstützten  ihn  schlecht;  das  österreichische  Heer,  das  Neipperg  inzwischen
wieder  gesammelt  und  besonders  durch  Zulauf  aus  Ungarn  verstärkt  hatte,
jagte  die  Bayern  und  Franzosen  aus  dem  Lande,  verwüstete  Bayern  und
besetzte  sogar  München.  Nur  Friedrich  schien  dem  habsburgischen  Hause  noch
gefährlich  zu  sein,  schweisten  doch  seine  Husaren  schon  bis  auf  wenige  Meilen
vor  Wien!  Deshalb  wurde  Maria  Theresia  von  ihren  Bundesgenossen  bestürmt,
  diesen  gefährlichen  Gegner  zu  befriedigen;  sie  aber  wollte  noch  einmal
das  Glück  der  Waffen  versuchen  und  sandte  ihren  Schwager,  Karl  von
Lothringen,  gegen  ihn.  Friedrich  zog  sich  vor  der  Ubermacht  nach  Böhmen
zurück;  aber  zwischen  Chotusitz  und  Czaslau  besiegte  er,  wenn  auch  erst
nach  heißem  Kampfe,  das  österreichische  Heer  (17.  Mai  1742).

Unter  Englands  Vermittelung  schloß  Maria  Theresia  1742  mit  Friedrich
den  Frieden  zu  Breslau,  in  welchem  sie  Ober=  und  Niederschlesien
samt  der  Grafschaft  Glatz,  ein  Gebiet  von  40  000  Quadratkilometern  mit
1200000  Einwohnern,  an  Preußen  abtrat.  (Troppau  und  Jägerndorf
sowie  das  Land  südlich  der  Oppa  blieben  bei  Osterreich.)  Unter  dem  Jubel
der  Bevölkerung  kehrte  Friedrich  nach  Berlin  zurück,  bewundert  zugleich  als
Feldherr  wie  als  Staatsmann.

Bald  nach  der  Eroberung  Schlesiens  vergrößerte  Friedrich  sein  Land
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  115

ohne  Blutvergießen.  Schon  der  Große  Kurfürst  hatte  Emden  besetzt  und
Friedrich  III.  vom  Kaiser  die  Anwartschaft  auf  Östfriesland  erhalten
(S.  76);  als  nun  das  ostfriesische  Fürstenhaus  ausstarb,  ließ  Friedrich  das
Land  unter  Widerspruch  Hannovers,  aber  unter  Zustimmung  des  von  ihm
unterstützten  Kaisers  Karl  VII.  1744  rasch  besetzen.

Der  Friede  zu  Breslau  war  für  Frankreich  und  Bayern  ein  schwerer
Schlag.  Maria  Theresia  hatte  noch  England-Hannover  und  Sachsen-Polen
als  Bundesgenossen  gewonnen;  sie  eroberte  Bayern,  drängte  ihre  Gegner
über  den  Rhein  und  nahm  den  Kaiser  in  Frankfurt  sogar  gefangen.  Friedrich
zweifelte  nicht,  daß  sie  nach  Beendigung  des  Bayrischen  Erbfolgekrieges  alles
aufbieten  werde,  um  Schlesien  zurückzuerobern.  Deshalb  war  er  auf  seiner
Hut,  übte  unablässig  sein  Heer  und  vergrößerte  es  auf  140000  Mann.
Dann  schloß  er  insgeheim  einen  Vertrag  mit  Frankreich,  sowie  ein  Schutzund
  Trutzbündnis  mit  Karl  VII.,  Kurpfalz  und  Hessen-Kassel,  fiel  1744
rasch  in  Böhmen  ein  und  eroberte  Prag.  Damit  war  der  zweite  Schlesische
  Krieg  (1744  bis  1745)  eröffnet.  Aber  die  von  Frankreich  erwartete
Hilfe  blieb  aus;  das  preußische  Heer  hatte  unter  der  Feindseligkeit  der
böhmischen  Bevölkerung  sowie  durch  die  Ungunst  des  Wetters  und  den
Mangel  an  Lebensmitteln  schwer  zu  leiden  und  wurde  dazu  noch  von  einem
sächsischen  und  einem  österreichischen  Heere  bedrängt.  Mit  schwerem  Herzen
entschloß  sich  daher  der  König  trotz  der  Winterkälte  zum  Rückzuge  nach
Schlesien;  der  Feldzug  war  mißglückt,  scharenweise  liefen  die  preußischen
Söldner  davon.  Maria  Theresia  forderte  schon  die  Schlesier  zum  Abfall
von  Preußen  auf.  Im  Jannuar  1745  starb  Karl  VII.,  und  sein  Sohn  Max
Joseph  vertrug  sich  mit  Maria  Theresia  dahin,  daß  er  allen  Ansprüchen  auf
das  habsburgische  Erbe  entsagte  und  dafür  Bayern  zurückerhielt.  Maria
Theresia  einigte  sich  bereits  mit  August  III.  von  Sachsen  und  Polen  darüber,
wie  sie  sich  mit  preußischen  Provinzen  bereichern  wollten.

Aber  Friedrich  verzagte  nicht,  obwohl  er  schon  damals  wegen  Geldmangels
  silberne  Geräte  zu  Münzen  ausprägen  lassen  mußte.  Er  schrieb:
„Es  ist  keiner  unter  uns,  der  sich  nicht  lieber  das  Rückgrat  brechen  ließe,
als  einen  Fuß  breit  Landes  abzutreten.“  Die  Osterreicher  überschritten  unter
Karl  von  Lothringen  das  Riesengebirge  in  der  Richtung  auf  Schweidnitz.
Der  König  lagerte  mit  der  Hauptmacht  bei  dem  Kloster  Kamenz,  wo  er  eines
Tages  umherschwärmenden  Kroaten  fast  in  die  Hände  gefallen  wäre;  der  Abt
rettete  ihn  nur  dadurch,  daß  er  ihn  im  Mönchsgewand  mit  in  die  Kirche
nahm.  Um  ein  unter  dem  Markgrafen  Karl  von  Schwedt  in  Oberschlesien
stehendes,  durch  die  Osterreicher  vom  Hauptheer  abgeschnittenes  Korps  an
sich  zu  ziehen,  sandte  der  König  den  Generalmajor  von  Zieten  mit
fünfhundert  Husaren  ab.  Wegen  der  Ahrnlichkeit  ihrer  Uniform  mit  der
der  Osterreicher  gelangten  sie  fast  unangefochten  in  die  Nähe  des  Markgrafen;
als  sie  dort  von  einer  Ubermacht  angegriffen  wurden,  kamen  ihnen  die
Kameraden  zu  Hilfe,  und  wohlbehalten  trafen  der  Markgraf  und  Zieten  beim
Könige  ein.  Jetzt  ging  dieser  dem  Feinde  entgegen  und  bezog  zwischen
Striegan  und  Jauernik  ein  durch  Höhen  gedecktes  Lager.  Sorglos  kamen
die  Osterreicher  und  Sachsen  aus  den  Gebirgspässen  und  lagerten  sich  zwischen

8*
        <pb n="122" />
        116  Zweiter  Zeitraum.

Hohenfriedberg  und  Striegau.  „Jetzt  habe  ich  sie,“  rief  Friedrich,  „wo
ich  sie  haben  wollte!“  Sobald  es  dunkel  war,  führte  er  sein  Heer  in  aller
Stille  bis  nahe  an  die  feindliche  Stellung.  Lautlos,  ohne  Wachtfeuer,  verbrachten
  die  Soldaten  die  wenigen  Stunden  bis  zum  Morgengrauen  unterm
Gewehr;  um  vier  Uhr  (4.  Juni  1745)  begann  die  Schlacht  bei  Hohenfriedberg.
  Alle  preußischen  Truppen  thaten  Wunder  der  Tapferkeit;  aber
der  größte  Ruhm  gebührt  doch  dem  Dragonerregiment  Baireuth.  In  einer
halben  Stunde  zersprengte  es  sechs  Regimenter,  machte  2500  zu  Gefangenen,
erbeutete  66  Fahnen  und  fünf  Kanonen,  „eine  Kriegsthat,  die  nicht  ihresgleichen
  hat".  Soweit  man  den  Donner  der  Geschütze  vernahm,  beteten  die
Evangelischen  um  den  Sieg  der  preußischen  Waffen.  Die  Tapferkeit  seiner
Truppen  erkannte  der  König  durch  das  Wort  an:  „Die  Welt  ruht  nicht
sicherer  auf  den  Schultern  des  Atlas,  als  Preußen  auf  einer  solchen  Armee."
Die  Österreicher  waren  schnell  übers  Gebirge  nach  Böhmen  zurückgekehrt.

 

Silberne  Medaille  zur  Erinnerung  an  die  Schlacht  bei  Hohenfriedberg.

Deem  Dragonerregiment  Baireuth  hatte  der  König  kurz  vor  dem  Kriege  bei
einer  Musterung  den  Vorwurf  gemacht,  daß  die  meisten  Leute  betrunken  seien.  Nachdem
  der  Befehlshaber  desselben,  Oberst  von  Schwerin,  wiederholt,  aber  vergeblich
versucht  hatte,  es  gegen  diesen  ungerechten  Vorwurf  zu  verteidigen,  rief  er:  „Der
Teufel  soll  mich  holen,  wenn  ich  noch  einmal  den  Degen  ziehe!“  Bei  Beginn  des
zweiten  Schlesischen  Krieges  erklärte  er  dem  Könige,  daß  er  wegen  seines  Gelübdes
nicht  mitziehen  könnte.  „Dann  kommandiere  Er  mit  der  Reitpeitsche!“  erwiderte  der
König.  Schwerin  gehorchte.  Als  seine  Leute  nach  ihrer  herrlichen  Waffenthat  bei
Hohenfriedberg  mit  den  erbeuteten  66  Fahnen  an  dem  Könige  vorüberzogen,  riefen.
sie  ihm  zu:  „Na,  wat  seggt  he  nu  tau  siene  Süpers?“  Der  König  entblößte  sein
Haupt  und  verneigte  sich.

Maria  Theresia  wollte  auch  jetzt  noch  nichts  von  einem  Frieden  wissen,
um  so  weniger,  als  ihr  Gemahl  bald  darauf  als  Franz  I.  (1745—1765)
zum  deutschen  Kaiser  gewählt  wurde.  Friedrich  war  den  Osterreichern  nach
Böhmen  gefolgt;  aber  Mangel  an  Lebensmitteln  zwang  ihn  bald  zur  Rückkehr.
Als  ihn  aber  Karl  von  Lothringen  mit  einem  größeren  Heere  überfallen
wollte,  kam  Friedrich  ihm  zuvor,  errang  bei  Soor  unweit  Trautenau  einen
neuen  Sieg  und  führte  seine  Truppen  nach  Schlesien  zurück.  Die  Feinde
hielten  ihn  für  so  geschwächt,  daß  zwei  österreichische  Heere  in  die  Marken
einzudringen  suchten;  aber  Friedrich  schob  sein  Heer  zwischen  die  beiden  feindlichen
  Heeressäulen  und  zwang  sie  durch  das  Gefecht  bei  Katholisch-
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  117

 

 

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Nach  der  Schlacht  bei  Hohenfriedberg.
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        118  Zweiter  Zeitraum.

Hennersdorf  in  der  Lausitz  zur  Umkehr.  Der  alte  Fürst  von  Dessan
rückte  ebenfalls  gegen  die  Sachsen  vor,  die  in  der  Nähe  von  Dresden  auf
den  steilen,  mit  Eis  und  Schnee  bedeckten  Höhen  bei  Kesselsdorf  eine  fast
uneinnehmbare  Stellung  innehatten.  Vor  Beginn  des  Kampfes  stellte  er  sich
vor  die  Front  und  betete  mit  emporgehobenen  Händen:  „Lieber  Herrgott!
Hilf  mir  heute  streiten;  willst  du  aber  mir
nicht  helfen,  so  hilf  wenigstens  dem  Hundsfott
  von  Feinde  nicht,  sondern  halte  dich
——  bnteutral  und  sieh  zu,  wie's  kommt.“  Unter
einen  Hagel  der  feindlichen  Geschosse  er-·."
  kletterten  die  preußischen  Bataillone  die
steilen,  schlüpfrigen  Anhöhen  und  vertrieben
den  Feind  (15.  Dezember).  Es  war  die  letzte
«--.  ««-k.·-·.·,....·zz,«·,Schlachtdesaltanessauer(1-1747);er
»ski-hatfünfzigJahreimpreußifchenHeere
«  "·«7"-’  ,  gedient  und  seine  Truppen  stets  zum  Siege
geführt.  Mit  ihm  dienten  vier  seiner  Söhne
E——unter  Friedrich.  Für  den  Sieg  bei  Kessels-—
  —doff  ehrte  ihn  der  König  dadurch,  daß  er
«  ·-HihnvordemganzenHeereumarmte.Schon
zwei  Tage  nach  diesem  Siege  zogen  die
»  Preußen  in  Dresden  ein;  damit  war  der

Fürst  Leopold  von  Anhalt-Dessau.  Widerstand  der  Feinde  gebrochen.  Der
Friede  zu  Dresden  (25.  Dezember  1745)
bestätigte  den  Breslauer  Frieden;  außerdem  erkannte  Friedrich  Franz  I.  als
Kaiser  an,  und  Sachsen  zahlte  an  Preußen  drei  Millionen  Mark  Kriegskosten.

2.  Der  HSiebenjährige  RKrieg.  1756—1763.
Das  erste  Kriegsjahr.

Friedrich,  den  man  schon  damals  den  Großen  nannte,  wandte  seine
Sorgfalt  vor  allem  Schlesien  zu.  Den  Epvangelischen  gewährte  er  Glaubensfreiheit,
  ohne  aber  die  Katholiken  im  mindesten  zu  behelligen.  Die  Verwaltung
  wurde  derjenigen  in  den  alten  Provinzen  entsprechend  eingerichtet;
Adel  und  Geistlichkeit  mußten  auf  die  bisher  genossene  Steuerfreiheit  verzichten.
  Bald  hob  sich  durch  des  Königs  Fürsorge  der  Ackerbau;  Webereien
und  Spinnereien  entstanden.

Aber  je  mehr  Schlesien  aufblühte,  desto  größer  wurde  auch  der  Schmerz
Maria  Theresias  über  den  Verlust  des  schönen  Landes.  Schon  1746  hatte
sie  mit  Elisabeth  von  Nußland  ein  Bündnis  geschlossen,  in  welchem  diese
sich  verpflichtete,  die  Rückgabe  Schlesiens  an  Osterreich  erkämpfen  zu  helfen,
sobald  Friedrich  Rußland  oder  Polen  angreifen  werde.  Seit  Beendigung
des  Osterreichischen  Erbfolgekrieges  suchte  sie  Bundesgenossen  zu  einem  Angriffskricege
  und  wurde  dabei  von  ihrem  Minister,  dem  Fürsten  Kaunitz,  und
dem  sächsischen  Minister  Grafen  Brühl,  die  Friedrich  aus  persönlichen  Gründen
haßten,  aufs  eifrigste  unterstützt.  Jener  als  Nachkomme  einer  ostfriesischen

 

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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  119

Fürstentochter  grollte  Friedrich  wegen  der  Einverleibung  Ostfrieslands,  auf
das  er  Erbansprüche  erhob,  dieser,  der  Günstling  und  allmächtige  Minister
Augusts  III.,  bereicherte  sich  auf  Kosten  des  Staates,  fühlte  sich  aber  von
Friedrich  verletzt,  der  über  ihn  geschrieben  hatte:  „Er  ist  feige,  falsch  und  ein
Verräter.  Kein  Mensch  des  Jahrhunderts  hat  eine  so  große  Sammlung  von
Porzellan,  Uhren,  Kleidern  und  Stiefeln  wie  er.“  Auch  unter  den  regierenden
  Fürsten  hatte  Friedrich  wenige  Freunde:  die  einen  beneideten  ihn
wegen  seiner  Erfolge,  die  anderen  fühlten  sich  durch  seine  uneigennützige,
landesväterliche  Fürsorge  beschämt;  diese  fürchteten  seine  geistige  Uberlegenheit
und  seinen  Ehrgeiz,  jene  haßten  ihn  wegen  seiner  oft  bissigen,  aber  stets
treffenden  Bemerkungen  über  sie,  oder  wegen  seiner  freisinnigen  Grundsätze,
besonders  auf  religiösem  Gebiete.  Am  leichtesten  gewann  Maria  Theresia
die  sittenlose  Kaiserin  Elisabeth  von  Rußland,  die  Friedrich  ebenfalls  haßte
und  Ostpreußen  zu  gewinnen  hoffte;  aber  am  meisten  lag  ihr  an  einem
Bündnis  mit  Frankreich.  1756  lief  das  Bündnis  ab,  welches  Friedrich  bei
Beginn  des  Bayrischen  Erbfolgekrieges  mit  Frankreich  geschlossen  hatte;  Maria
Theresia  bot  nun  alles  auf,  um  die  Erneuerung  desselben  zu  verhindern.
Die  stolze  Kaiserin,  die  sittenreine  Frau,  ließ  sich  sogar  herbei,  der  Buhlerin
Ludwigs  XV.,  der  Marquise  von  Pompadour,  Geschenke  zu  machen  und
andere  Artigkeiten  zu  erweisen,  während  Friedrich  seinem  Gesandten  in  Paris
verbot,  die  Pompadour  zu  besuchen.  Im  Jahre  1755  brachen  zwischen  Engländern
  und  Franzosen  Feindseligkeiten  in  Nordamerika  und  zur  See  aus.
Georg  II.  (1727—1760)  suchte  vor  allem  sein  Heimatland  Hannover  vor
einem  französischen  Uberfall  zu  bewahren  und  wandte  sich  deshalb  an  seinen
Neffen  Friedrich.  Dieser  war  von  der  ihm  drohenden  Gefahr  unterrichtet
und  nahm  deshalb  die  dargebotene  Hand  um  so  lieber  an,  als  England  auch
schon  mit  Rußland  ein  Bündnis  geschlossen  hatte.  Dadurch  wurde  es  Maria
Theresia  leicht,  Frankreich  auf  ihre  Seite  zu  ziehen,  und  so  wurden  die  beiden
großen  Mächte,  welche  seit  300  Jahren  Feinde  gewesen  waren,  Bundesgenossen.
  Durch  Frankreich  wurde  auch  Schweden  gewonnen;  ebenso  schloß
sich  Kaiserin  Elisabeth  dem  Bündnis  an,  nachdem  sie  aus  Haß  gegen  Friedrich
ihre  Verbindung  mit  England  wieder  gelöst  hatte.  August  III.  von  Sachsen
und  Polen  förderte,  ebenso  wie  sein  Minister  Brühl,  die  Verschwörung  gegen
Friedrich,  wollte  derselben  aber  zu  seiner  Sicherheit  erst  nach  Eröffnung
des  Krieges  beitreten.  So  war  halb  Europa  gegen  Preußen  verbündet,
das  wieder  auf  den  Umfang  und  den  Rang  eines  Kurfürstentums  herabgedrückt
  werden  sollte.

Friedrich  war  durch  Verräter  bei  der  sächsischen  Kanzlei  und  bei  der
österreichischen  Gesandtschaft  in  Berlin  von  allem  unterrichtet;  da  er  nun
wußte,  daß  Osterreichs  und  Rußlands  Rüstungen  noch  unvollendet  waren,
beschloß  er,  seinen  Feinden  zuvorzukommen.  Außer  England-Hannover  standen
auf  seiner  Seite  Braunschweig,  Hessen-Kassel  und  Gotha,  deren  Truppen
England  in  Sold  genommen  hatte;  am  meisten  aber  vertraute  er  auf  sein
eigenes  Heer,  das  er  in  den  Friedensjahren  auf  150000  Mann  erhöht  und
nnablässig  geübt  hatte.  Auf  Englands  Wunsch  fragte  er  in  Wien  noch  einmal
über  den  Zweck  der  Rüstungen  an,  erhielt  aber  zunächst  eine  ausweichende,
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        120  Zweiter  Zeitraum.

 

 

 

 

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Feuerndes  Peloton.  (Dreigliedrige  Stellung.)

 

 

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Musketler.  Fllsilier.  1.  Bat.  Garde.  Musket.-Korporal.  Relt.  Feldjäger.

 

Typen  aus  dem  Heere  Friedrichs  des  Großen.
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  121

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
      
     
  
  

  
   

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Regimentöartillerie  auf  dem  Marsche.
Grenadiere.  Stülckknecht.  Regimentdartilleristen.  Zimmerlenute.

 

 

 

 

 

 

Typen  aus  dem  Heere  Friedrichs  des  Großen.
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        122  Zweiter  Zeitraum.

dann  eine  hochfahrende  Antwort.  Sofort  zog  er  das  Schwert.  Damit  hatte
Maria  Theresia  erreicht,  daß  Friedrich  in  den  Augen  der  Welt  als  Angreifer
  dastand;  er  aber  schriebö:  „Wer  in  solchem  Falle  seinem  Gegner
zuvorkommt,  der  begeht  allerdings  die  erste  Feindseligkeit;  aber  er  ist  nicht
der  Angreifer."

Friedrich  ließ  durch  Schwerin  Schlesien  schützen,  während  er  selber  in
Sachsen  blieb,  das  er  wegen  seiner  geographischen  Lage,  besonders  wegen
des  Zuganges  nach  Böhmen  nicht  unbesetzt  lassen  konnte.  Er  überschritt  deshalb
(29.  August  1756)  mit  70000  Mann  die  sächsische  Grenze.  König  August
floh  mit  Brühl  auf  den  festen  Königstein,  die  sächsischen  Truppen,  etwa
17000  Mann,  zogen  sich  in  ein  verschanztes  Lager  bei  Pirna  zurück,  wo  es
Friedrich,  der  inzwischen  das  ganze  Land  besetzte  und  unter  seine  Verwallung
nahm,  hart  bedrängte.  Zum  Entsatze  der  eingeschlossenen  Sachsen  rückte  der
österreichische  Feldmarschall  Graf  Brown  heran;  da  ließ  Friedrich  den  größten
Teil  seines  Heeres  bei  Pirna  zurück,  zog  mit  dem  kleineren  Brown  nach
Böhmen  entgegen,  traf  ihn  (1.  Oktober)  bei  Lobositz  a.  d.  Elbe  und  errang
den  Sieg.  Brown  zog  auf  dem  rechten  Elbufer  unverfolgt  weiter  nach  Sachsen,
in  der  Hoffnung,  die  Sachsen  würden  sich  zu  ihm  durchschlagen;  diese  versuchten
  auch  einen  Durchbruch,  aber  ohne  Erfolg.  Von  Hunger,  Nässe  und
Kälte  geschwächt,  blieb  ihnen  weiter  nichts  übrig,  als  die  Waffen  zu  strecken
(16.  Oktober).  Friedrich  ließ  den  sächsischen  Soldaten,  welche  seit  72  Stunden
nichts  genossen  hatten,  sofort  Brot  austeilen.  Die  Offiziere  wurden  auf  ihr
Ehrenwort  entlassen,  die  Mannschaften  in  das  preußische  Heer  gesteckt;  sie  liefen
aber  bei  nächster  Gelegenheit  größtenteils  davon.  König  August  nebst  seinem
Hofstaat  ging  mit  Friedrichs  Erlaubnis  nach  Warschau;  die  Königin  blieb
mit  zwei  Prinzen  in  Dresden,  und  obwohl  Friedrich  sie  mit  der  größten
Artigkeit  behandelte,  unterhielt  sie  doch  einen  geheimen  Briefwechsel  mit
seinen  Feinden,  der  ihm  großen  Schaden  brachte.

Die  preußischen  Truppen  bezogen  in  Sachsen  Winterauartiere;  das  Hauptquartier
  war  in  Dresden.  Dort  lebte  der  König  in  gewohnter  Weise,  sorgte  väterlich
  für  sein  Land  und  Heer,  das  er  noch  durch  Aushebung  sächsischer  Rekruten
verstärkte,  und  erquickte  sich  in  seinen  Mußestunden  an  Kunst  und  Wissenschaft.  Von
Friedrichs  königlicher  Gesinnung  zeugt  die  geheime  Weisung,  welche  er  seinem

inister,  dem  Grafen  Finckenstein,  zugehen  ließ:  „Im  Falle,  daß  ich  getötet  werde,
sollen  die  Angelegenheiten  ohne  die  geringste  Anderung  ihren  Lauf  behalten.  Wenn
ich  das  Unglück  hätte,  vom  Feinde  gefangen  genommen  zu  werden,  so  verbiete  ich,
daß  man  auf  meine  Person  die  geringste  Rücksicht  nehme,  oder  daß  man  im  allergeringsten
  darauf  achte,  was  ich  etwa  aus  der  Gefangenschaft  schreibe.  Wenn  mir
ein  solches  Unglück  begegnet,  so  will  ich  mich  für  den  Staat  opfern,  und  man  soll
alsdann  meinem  Bruder  Gehorsam  leisten,  welchen  ich,  ebenso  wie  die  Minister  und
die  Generale  mit  ihrem  Kopfe  dafür  verantwortlich  mache,  daß  man  für  meine  Befreiung
  weder  Lösegeld,  noch  eine  Provinz  anbiete,  daß  man  vielmehr  den  Krieg
fortsetze  und  alle  Vorteile  benutze,  ganz  so,  als  hätte  ich  niemals  existiert.“  —  Kaiser
Franz  erließ  ein  Abmahnungsschreiben,  worin  er  Friedrich  aufforderte,  von  seiner
„Empörung“  abzustehen,  und  dessen  Offiziere,  ihren  König  zu  verlassen,  natürlich
beides  ohne  Erfolg.  Der  deutsche  Reichstag  beschloß  die  Reichsexekution  gegen  den
„Friedensstörer",  und  der  Kaiser  lud  den  „Kurfürsten  zu  Brandenburg“  unter  Bedrohung
  mit  der  Acht  zur  Verantwortung  vor  den  Reichstag.  Da  zeigte  Friedrich

durch  den  Abdruck  der  Akten  des  geheimen  sächsischen  Staatsarchivs,  dessen  er  sich
bemächtigt  hatte,  daß  sein  Angriff  nur  aus  Notwehr  erfolgt  sei.  «
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  123

Das  Kriegsjahr  1757.

Von  beiden  Seiten  wurde  während  des  Winters  aufs  eifrigste  gerüstet;
Frankreich  und  Osterreich  schlossen  einen  förmlichen  Teilungsvertrag:  dem
„Markgrafen  von  Brandenburg“  wollte  man  großmütig  die  Mark  und  Hinter—
pommern  lassen,  die  übrigen  preußischen  Gebiete  sollten  an  Frankreich,  Osterreich,
Rußland,  Schweden  und  Sachsen  verteilt  werden.  Friedrich  konnte  den  mehr
als  400000  Mann  seiner  Gegner  kaum  die  Hälfte  entgegenstellen.  Aber
sein  Heer  war  voller  Begeisterung,  er  besaß  ein  vorzügliches  Offizierkorps,
gebildet  aus  dem  Adel  seines  Landes,  und  gegenüber  dem  vielköpfigen  Oberbefehl
  der  Gegner  hielt  er  die  ganze  Kriegsleitung  allein  in  der  Hand.  Das
beste  Mittel  der  Verteidigung  sah  er  darin,  den  Feinden  zuvorzukommen,  sie
anzugreifen  und  ihre  Vereinigung  zu  verhüten.
  Die  entlegenen  Provinzen  —  Ostpreußen,
  Ostfriesland  und  Kleve  —  ver
mochte  er  nicht  zu  schützen;  das  englische  6
Hilfsheer  sollte  Hannover  decken,  gegen
die  Schweden  und  Russen  sandte  er  nur
kleine  Abteilungen,  14000  Mann,  er
selber  übernahm  die  Verteidigung  Sachsens,
Schlesiens  und  der  Mark.

Schon  im  April  brach  Friedrich  mit
vier  Heersäulen  in  Böhmen  ein;  die
OSsterreicher  unter  dem  Prinzen  Karl  von
Lothringen  verschanzten  sich  auf  den
Höhen  bei  Prag,  wohin  die  Preußen  erst  ,
über  sumpfige  Wiesen  gelangen  konnte.  -
TrotzdembeschloßFriedrichdensofortigen's-«z·  --Angriff
  (6.  Mai).  Die  Streitkräfte  be—  4
trugen  auf  jeder  Seite  etwa  60  000  Mann.  Schwerin.

Reihenweise  wurde  die  preußische  Infanterie

von  den  österreichischen  Feuerschlünden  niedergestreckt;  schon  wankten  einzelne
Bataillone.  Da  ergriff  der  73  jährige  Feldmarschall  Schwerin  die  Fahne
mit  den  Worten:  „Heran,  meine  Kinder!“  und  führte  sie  vorwärts;  doch
alsbald  sank  der  Held  tot  zu  Boden.  Fast  alle  preußischen  Generale  sprangen
vom  Pferde  und  führten  ihre  Truppen  mit  dem  Degen  in  der  Hand.  Endlich
durchbrach  Friedrich  den  Feind,  und  nun  wurden  die  Höhen  erstiegen.  Aber
teuer  war  der  Sieg  erkauft  worden!  An  10000  Preußen  bedeckten  das
Schlachtfeld;  am  meisten  aber  schmerzte  den  König  der  Tod  Schwerins.
Voll  Schmerz  schrieb  er:  „Schwerin  allein  war  mehr  wert  als  10000  Mann.“
Doch  die  ÖOsterreicher  hatten  noch  mehr  verloren;  auch  Feldmarschall  Brown
starb  schon  nach  wenigen  Wochen  an  den  bei  Prag  empfangenen  Wunden.

Das  geschlagene  österreichische  Heer  hatte  sich  nach  Prag  geworfen,  und
Friedrich  schloß  die  weit  ausgedehnte,  feste  Stadt  ein;  zu  einer  wirksamen
Belagerung  fehlte  es  ihm  an  Geschütz,  und  bevor  dies  herbeigeschafft  werden
konnte,  rückte  Feldmarschall  Graf  Daun  zum  Entsatz  heran.  Er  hatte

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        124  Zweiter  Zeitraum.

sich  um  die  Neugestaltung  des  österreichischen  Heeres  große  Verdienste  erworben
und  war  ganz  der  geeignete  Mann,  Osterreich  gegen  Friedrich  zu  verteidigen.
Da  das  Kaiserreich  mit  seinen  reichen  Hilfsmitteln  und  vielen  Verbündeten
den  Krieg  länger  aushalten  konnte  als  Preußen,  suchte  Daun  denselben  in
die  Länge  zu  ziehen.  Vorsichtig  wählte  er  stets  unangreifbare  Stellungen,
ließ  sich  durch  nichts  hervorlocken,  setzte  nichts  aufs  Spiel,  gab  sich  aber  auch
nie  eine  Blöße.  Friedrich  eilte  mit  einem  Teile  seines  Heeres  Daun  entgegen,
  der  sich  auf  den  Höhen  bei  Kollin  links  der  oberen  Elbe  verschanzte.
Voll  Siegeszuversicht  griffen  die  Preußen  das  österreichische  Heer  mit  solchem
Erfolge  an,  daß  Daun  schon  an  einen  Rückzug  dachte;  aber  durch  verschiedene
Mißgriffe  —  die  Reiterei  unterstützte  die  Infanterie  nicht  genügend,  und
diese  selbst  hatte  keine  Reserve  mehr,  weil  ein  Teil  derselben  voreilig  angegriffen
  hatte  —  geriet  die  Schlacht  ins  Stocken,  die  Osterreicher  drangen
wieder  vor.  Vergebens  bemühte  sich  der  König,  seine  Truppen  wieder  zum
Stehen  zu  bringen;  die  überlegene  österreichische  Artillerie  und  der  Ungestüm
der  sächsischen  Kavallerie  vollendeten  seine  Niederlage.  Fast  die  Hälfte  seines
Heeres  lag  auf  dem  Schlachtfelde  (18.  Juni).
MWeäährend  Friedrich  gehofft  hatte,  nach  erfochtenem  Siege  Prag  zur
Ubergabe  zu  zwingen,  rasch  auf  Wien  vorzudringen  und  die  Kaiserin  zum
Frieden  zu  bewegen,  mußte  er  jetzt  auf  Rettung  seines  Heeres  bedacht  sein.
Mit  Thränen  in  den  Augen  sah  er,  auf  einer  Brunnenröhre  sitzend  und
Figuren  in  den  Sand  malend,  die  Reste  seiner  vor  kurzem  noch  so  stolzen
Garde  an  sich  vorüberziehen.  Da  bot  ihm  ein  Dragoner  einen  frischen  Trunk,
indem  er  sagte:  „Trinken  Ew.  Majestät  und  lassen  Sie  Bataille  Bataille  sein!
Nur  gut,  daß  Sie  noch  leben;  unser  Herrgott  giebt  uns  schon  einen  Sieg
wieder.“  Seine  Feinde  jubelten;  Maria  Theresia  belohnte  ihr  Heer  mit
reichlichen  Geschenken  und  stiftete  zum  Andenken  an  diesen  ersten  Sieg  über
den  verhaßten  Emporkömmling  den  Theresienorden.  Durch  diese  Niederlage
wurde  Friedrich  in  die  Verteidigung  gedrängt.  Dazu  traf  ihn  noch  wenige
Tage  nach  der  Schlacht  die  Nachricht  von  dem  Tode  seiner  geliebten  Mutter.
Doch  Friedrich  gewann  seine  Fassung  bald  wieder.  Die  Einschließung  Prags
hob  er  auf  und  führte  den  kleineren  Teil  seines  Heeres  nach  Sachsen;  mit
dem  größeren  sollte  sein  Bruder  August  Wilhelm  das  nördliche  Böhmen
halten.  Dieser  ließ  sich  aber  hinausdrängen  und  erlitt  auf  dem  Rückzuge
nach  der  Lausitz  beträchtliche  Verluste.  Der  König  machte  ihm  dieserhalb  vor
den  versammelten  Generalen  heftige  Vorwürfe;  der  Prinz  legte  sofort  den
Oberbefehl  nieder  und  starb  schon  nach  einem  Jahre.  Die  Verbindung  mit
Schlesien  war  jetzt  abgeschnitten,  der  Weg  nach  Berlin  stand  dem  Feinde
offen.  Wirklich  überfiel  der  kaiserliche  General  Hadik  im  Oktober  Preußens
Hauptstadt,  zog  aber  nach  Erpressung  einer  Kriegssteuer  bald  wieder  ab.
Nun  rückten  die  Russen  mit  100000  Mann  in  Ostpreußen  ein,  alles
vor  sich  her  verwüstend.  Der  greise  Feldmarschall  Lewald  griff  sie  mit
seiner  geringen  Macht  bei  Großjägerndorf  (zwischen  Wehlau  und  Insterburg)
  an,  wurde  aber  geschlagen  (30.  August).  Die  Russen  zogen  indes  bald
zurück,  da  man  den  Tod  der  Kaiserin  Elisabeth  erwartete.  Lewald  konnte
sich  nun  gegen  die  Schweden  wenden,  die  ohne  große  Mühe  aus  Pommern
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  125

vertrieben  wurden.  Unterdessen  war  Daun  in  Schlesien  eingefallen,  und  die
Franzosen  überschritten  mit  zwei  Armeen  den  Rhein.  Die  eine  derselben  unter
dem  Marschall  d'Estrées  verwüstete  die  preußischen  Besitzungen  am  Rhein
und  in  Westfalen  und  drang  gegen  die  Weser  vor.  Ihr  gegenüber  stand
das  englisch-hannoversche  Heer  unter  dem  unfähigen  Herzog  von  Cumberland,
  dem  zweiten  Sohne  des  Königs  Georg  II.  von  England.  Er  verteidigte
  weder  den  Tentoburger  Wald,  noch  die  Porta,  sondern  setzte  sich  erst
rechts  von  der  Weser,  nahe  der  Festung  Hameln  bei  dem  Dorfe  Hastenbeck  fest.
Nach  einem  anfänglichen  Verluste  befahl  er  vorzeitig  den  Rückzug  und  überließ
  den  erstaunten  Franzosen  das  Schlachtfeld.  Das  hannoversche  Ministerium,
das  im  Auftrag  des  in  England
  thronenden  Königs  das
Kurfürstentum  regierte,  überlieferte
  durch  einen  schimpflichen
  Vertrag  den  Franzosen
  das  ganze  Land,  und
der  Herzog  von  Cumberland
hatte  sich,  ohne  weiteren
Widerstand  zu  wagen,  zwischen
  Weser  und  Elbe  so  in
die  Enge  treiben  lassen,  dast
er  in  der  Ubereinkunft  im
Kloster  Zeven  nordöstlich
von  Bremen  sein  Heer  aus
zulösen  versprach.  Friedrichs
ganze  rechte  Flanke  war  da.  .)

mit  entblößt,  Norddeutschland..

    
    
         

bis  zur  Elbe  den  Franzosen  ]  8  BAA
preisgegeben,  die  es  nun  in  «·;·z:;-«"  8  S  ö  "6l
aller  Ruhe  aussogen.  INSMWE2

Ein  zweites  franzö-  Seydlitz.

sisches  Heer  unter  Soubise

hatte  sich  inzwischen  mit  deutschen  Reichstruppen  vereinigt.  Die  Franzosen
plünderten  so  entsetzlich,  daß  einer  ihrer  Offiziere  schrieb:  „Hundert  Meilen  in
der  Runde  ist  das  Land  verheert,  als  sei  Feuer  vom  Himmel  gefallen“,  und
daß  selbst  in  den  gegen  Preußen  verbündeten  Ländern  die  Prediger  um  den
Sieg  der  preußischen  Waffen  beteten.  Trotz  seiner  großen  Ubermacht  zog  sich
das  gegen  Leipzig  vordringende  französisch-deutsche  Heer  vor  den  anrückenden
Preusen  zurück.  Friedrich  besetzte  Erfurt,  und  Seydlitz,  der  mit  1500  Reitern
die  Vorhut  bildete,  jagte  den  Franzosen,  die  8000  Mann  stark  in  Gotha  eingerückt
  waren,  einen  solchen  Schrecken  ein,  daß  Soubise  ohne  Widerstand  die
Stadt  räumte  und  die  Offiziere  sogar  ihr  Gepäck  im  Stich  ließen.  Friedrich
konnte  dem  zurückweichenden  verbündeten  Heere  nicht  weiter  folgen,  sondern
ging  nach  Leipzig  zurück.  Was  er  gehofft  hatte,  geschah;  das  feindliche  Heer
rückte  nach,  wenn  auch  zögernd.  Das  deutsche  Reichsheer,  das  von  den  vielen
deutschen  Ländern  und  Ländchen,  Reichsstädten  und  Klöstern  zusammengebracht
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        126  Zweiter  Zeitraum.

war,  bestand  zum  großen  Teil  aus,  dem  verworfensten  Gesindel,  das  man
hatte  einfangen  können,  war  ohne  Ubung,  schlecht  gekleidet  und  mangelhaft
verpflegt.  Viele  der  Besseren  weigerten  sich  auch,  mit  den  Franzosen  gegen
die  Preußen  zu  kämpfen,  liefen  davon  oder  gingen  zu  den  Preußen  über.  Von
32000  für  das  Reichsheer  bestimmten  Truppen  blieben  nur  400  beisammen.
Etwa  10000  Reichstruppen  unter  dem  Prinzen  von  Hildburghausen
vereinigten  sich  mit  33000  Franzosen  unter  Soubise;  Friedrich  griff  sie  am
5.  November  mit  nur  21000  Mann  bei  Noßbach  südlich  von  Merseburg
an.  Vormittags  verhielt  er  sich  ganz  ruhig,  ließ  aber  den  Feind  vom  Schlosse
in  Roßbach  aus  genau  beobachten;  er  setzte  sich  mit  seinen  Offizieren  zur
Tafel  und  ließ  auch  seine  Truppen  erst  zu  Mittag  essen.  Die  Franzosen
hielten  dies  für  Verzweiflung  und  schickten  sich  an,  ihn  samt  seinem  Heere
gefangen  zu  nehmen.  Erst  gegen  drei  Uhr  gab  der  König  den  Befehl,  die  Zelte
abzubrechen  und  in  Schlachtordnung,  zu  treten.  Im  Nu  war  dies  geschehen.
Da  ging  das  kleine  Heer  zum  Angriff  vor,  Seydlitz  mit  der  Reiterei  voran.
Sowie  er  an  den  Feind  kam,  gab  er  das  Zeichen  zum  Angriff,  indem  er  seine
kurze  Pfeife  in  die  Luft  schleuderte.  Wie  ein  Wetter  brauste  die  Reiterei
unter  Seydlitz  in  den  Feind  und  sprengte  ihn  wie  Spren  auseinander;  in
einer  Viertelstunde  war  auch  die  feindliche  Infanterie  geworfen.  „Unser  Glück
war,"  schrieb  der  Prinz  von  Hildburghausen  an  den  Kaiser,  „daß  es  Nacht
wurde,  sonst  wäre  nichts  davongekommen.“  Soubise  beklagte  sich  später,  der
König  habe  ihm  gar  keine  Zeit  gelassen,  „seine  sehr  guten  Dispositionen  auszuführen".
  Als  ein  preußischer  Husar  einen  Franzosen  gefangen  nehmen
wollte,  eilte  diesem  ein  Osterreicher  zu  Hilfe.  „Bruder  Deutscher,“  sprach  der
Preuße,  „laß  mir  den  Franzosen“!  —  „Na,  so  nimm  ihn  hin!“  rief  jener
und  sprengte  davon.  Von  dem  preußischen  Heere  war  nicht  die  Hälfte  zum
Schlagen  gekommen.  Diese  Züchtigung  der  hochmütigen  Franzosen  erfreute
alle  Deutschen;  in  einem  Volksliede  aus  damaliger  Zeit  heißt  es:

„Und  wenn  der  große  Friedrich  kommt  und  klopft  nur  auf  die  Hosen,
So  läuft  die  ganze  Reichsarmee,  Panduren  und  Franzosen.“

Aber  das  schwierigste  Werk  dieses  Jahres  hatte  der  König  noch  vor  sich;
es  galt,  Schlesien  wieder  vom  Feinde  zu  befreien.  Vor  dem  überlegenen
österreichischen  Heere  war  das  von  Friedrich  in  Böhmen  zurückgelassene  Heer
unter  dem  Herzog  von  Braunschweig-Bevern,  dem  Schwager  des  Königs,
nach  Schlesien  zurückgewichen;  in  einer  unglücklichen  Schlacht  bei  Moys  unweit
Görlitz  war  General  Winterfeldt,  ein  Liebling  des  Königs,  gefallen.  Die
Osterreicher  hatten  die  wichtige  Festung  Schweidnitz  erobert,  den  Herzog
von  Bevern  bei  Breslau  geschlagen  und  tags  darauf  gefangen  genommen;
gleich  darauf  fiel  auch  die  Hauptstadt  der  Provinz  in  ihre  Hände.  Maria
Theresia  ordnete  in  allen  Kirchen  Dankgebete  an  und  nahm  die  Beamten
Schlesiens  in  Eid  und  Pflicht.  Da  eilte  Friedrich  mit  14000  Mann  herbei,
und  Zieten  führte  ihm  die  Reste  des  schlesischen  Heeres,  etwa  18000  Mann,
zu.  Durch  freundlichen  Zuspruch  und  gute  Verpflegung  wußte  der  König  den
Mut  der  geschlagenen  Truppen  wieder  zu  beleben,  so  daß  sie  bald  vor  Begierde
  brannten,  die  erlittene  Scharte  wieder  auszuwetzen  und  es  den  Siegern
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  127

von  Roßbach  gleichzuthun.  Friedrich  mußte  alles  aufbieten,  um  den  Feind
noch  vor  Einbruch  des  Winters  aus  Schlesien  zu  vertreiben.  Aber  ein  ge—
fährliches  Wagstück  war  es;  denn  das  dreifach  überlegene  österreichische  Heer
stand  in  einer  festen  Stellung  in  der  Nähe  von  Breslau.  Vor  dem  Abmarsche
zum  Schlachtfelde  richtete  Friedrich  —  entgegen  seiner  sonstigen  Gewohnheit  —
an  seine  höheren  Offiziere  eine  ergreifende  Ansprache.  Er  schilderte  ihnen
die  Gefahr,  in  welcher  das  Vaterland  schwebte,  und  wie  es  nur  von  ihrer
Tapferkeit  Rettung  erwarten  könne.  Dann  sprach  er:  „Ich  werde  gegen  alle
Regeln  der  Kriegskunst  die  dreimal  so  starke  österreichische  Armee  angreifen.
Wir  müssen  den  Feind  schlagen,  oder  uns  vor  seinen  Batterien  begraben  lassen.
Wer  sich  fürchtet,  kann  sofort
ohne  den  geringsten  Vorwurf
seinen  Abschied  erhalten.“
Aber  niemand  meldete  sich.
„Das  müßte  ja  ein  infamer
Hundsfott  sein!“  rief  Major
von  Billerbeck.  Die  Offiziere
bereiteten  die  gemeinen  Soldaten
  auf  den  verhängnisvollen
  Tag  vor,  und  im  ganzen
Lager  herrschte  eine  ernste,
aber  siegesgewisse  Stimmung.
Unter  dem  Gesange  des  Liedes:
  „Gieb,  daß  ich  thu'  mit
Fleiß“  rückte  das  prenßische
Heer  am  Morgen  des  5.  Dezember
  in  die  Schlacht  bei
Leuthen.  Daun  riet  dem
kaiserlichen  Oberfeldherrn  Karl  ·.»..».
von  Lothringen,  seine  feste  ««««"«--««
Stellung  nicht  zu  verlassen;  Winterfeldt.
dieser  aber  und  die  meisten  »
anderen  Generale  hielten  es  für  entehrend,  mit  einer  solchen  Ubermacht  der
„Berliner  Wachparade“  gegenüber  sich  noch  zu  verschanzen.  Sie  zogen  also
dem  Könige  entgegen;  als  Friedrich  dies  bemerkte,  rief  er  aus:  „Der  Fuchs
ist  aus  dem  Loch,  nun  will  ich  seinen  Ubermut  auch  bestrafen.“

Die  Osterreicher  hatten  sich  in  einer  langen  dünnen  Linie  aufgestellt,  deren
Schlüssel  Leuthen  war.  Friedrich  traf  die  feindliche  Vorhut  des  rechten  Flügels
und  warf  sie  zurück.  Daher  glaubte  Rrinz  Karl,  seinem  rechten  Flügel  gelte  der
Angriff,  und  sandte  alle  verfügbaren  Regimenter,  selbst  die  Reserve  dorthin.  Der
König  aber  ließ  dort  nur  einige  Regimenter  zurück,  marschierte  mit  dem  übrigen
Heer  nach  Süden  und  stellte  es  hinter  Higeln  in  Schlachtordnung  auf.  Als  Daun

diesen  Abmarsch  bemerkte,  sagte  er  zu  dem  Prinzen:  „Die  Leute  ziehen  ab,  lassen
wir  sie!“  Friedrich  ließ  um  ein  Uhr  —  er  war  mit  seinem  Heere  seit  fünf  Uhr  auf
dem  Marsche  —  in  schiefer  Schlachtordnung  oder  Sprossenstellung  zum  Angriff
auf  den  linken  feindlichen  Flügel  vorgehen;  das  Heer  war  in  vielen  kleinen  Abteilungen
so  aufgestellt,  daß  der  rechte  Flügelmann  der  zweiten  und  jeder  folgenden  Abteilung
etwa  hinter  dem  linken  der  vorhergehenden  marschierte.  Der  König  richtete  also
        <pb n="134" />
        128  Zweiter  Zeitraum.

seinen  Angriff  mit  immer  frischen  Truppen  auf  einen  Punkt  und  hinderte  seine
eserve  an  vorzeitigem  Eingreifen.  Bald  begann  der  angegriffene  Flügel  zu  wanken;
er  erhielt  zwar  Hilfe  vom  rechten  Flügel,  aber  die  Regimenter  kamen  teils  zu  spät,
teils  vereinzelt  an  und  wurden  geworfen.  Nach  etwa  zwei  Stunden  stand  die  österreichische
  Schlachtreihe  nördlich,  die  preußische  südlich  von  Leuthen,  das  hart  umstritten
  wurde;  aber  mit  Beginn  der  Dämmerung  ergriff  das  österreichische  Heer  die
Flucht.  Die  Österreicher  hatten  21000  Mann  verloren,  mehr  als  die  Hälfte  derselben
war  gefangen.  Doch  auch  von  den  Preußen  war  der  fünfie  Mann  geblieben.  Als
am  Abend  das  siegreiche  Heer  auf  dem  blutgetränkten  Felde  lagert,  stimmt  ein  Grenadier
das  Lied  an:  „Nun  danket  alle  Gott!“  Die  Feldmusik  fällt  ein,

„Und  stärker  noch  und  lauter  noch,  es  schwillt  der  Strom  zum  Meer,
Am  Ende  wie  aus  einem  Mund  singt  rings  das  ganze  Heer;

D#  Echo  donnernd  wiederhallt's  das  aufgeweckte  Thal:

Wie  hundert  Orgeln  braust  hinan  zum  Himmel  der  Choral.“  (H.  Besser.)

Das  preußische  Völk  aber  sang:

„Es  lebe  durch  des  Höchsten  Gnade  der  König,  der  uns  retten  kann,
So  schlägt  er  mit  der  Wachtparade  noch  einmal  90  000  Mannl“

Napoleon  I.  nannte  die  Schlacht  bei  Leuthen  „ein  Meisterstück  von  Bewegungen,
Manövern  und  Entschlossenheit“  Friedrichs  des  Großen;  dieser  aber  wußte  wohl
und  erkannte  gern  an,  was  er  seinen  braven  Truppen  verdankte:  noch  auf  dem
Schlachtfelde  ernannte  er  den  Prinzen  Moritz  von  Dessau  zum  Feldmarschall.  Am
Abend  kam  der  König  mit  einigen  Bataillonen  nach  Lissa,  das  voll  von  Osterreichern
  lag;  er  begab  sich  mit  nur  wenigen  Begleitern  aufs  Schloß,  wo  er  viele
feindliche  Offiziere  traf,  so  daß  seine  Freiheit  gefährdet,  war.  Aber  voll  Geistesgegenwart
  rief  er  den  Ersiaunten  zu:  „Guten  Abend,  meine  Herren!  Sie  haben  mich
hier  wohl  nicht  vermutet;  kann  man  hier  auch  noch  unterkommen?“  Durch  diesen
sicheren  Ton  irregeleitet,  verneigten  sich  die  Offiziere;  bald  darauf  kam  das  Gefolge
des  Königs  und  nahm  sie  gefangen.  —  In  den  nächsten  Tagen  schon  kapitulierten
Liegnitz  und  Breslau,  Schweidnitz  wurde  eingeschlossen.  Mit  Ausnahme  dieser
Festung  war  ganz  Schlesien  zu  Ende  des.  Jahres  wieder  in  Friedrichs  Händen.
Von  dem  österreichischen  Heere,  das  etwa  90000  Mann  stark  nach  Schlesien  gezogen
war,  kehrte  nicht  die  Hälfte  nach  Böhmen  zurück.  Karl  von  Lothringen  legte  den
Oberbefehl  nieder.

Das  Kriegsjahr  1758.

Kaum  hatte  Friedrich  im  Januar  seine  Truppen  in  Wintergquartiere
gelegt,  als  er  die  Nachricht  erhielt,  daß  die  Russen  unter  Fermor  in
Königsberg  eingerückt  seien  und  die  Ostpreußen  gezwungen  hätten,  der
Kaiserin  von  Rußland  zu  huldigen.  Bessere  Nachrichten  kamen  von  dem
westlichen  Kriegsschauplatze.  Der  große  englische  Minister  Pitt  war  ein
begeisterter  Verehrer  Friedrichs;  er  zeigte  im  englischen  Parlamente,  daß  der
König  von  Preußen  Englands  bester  Bundesgenosse  im  Kampfe  gegen  Frankreich
sei,  daß  „Amerika  in  Deutschland  erobert  werden  müsse",  und  er  wußte  es
durchzusetzen,  daß  Georg  II.  den  schimpflichen  Vertrag  zu  Zeven  nicht  bestätigte,
  sondern  mit  Friedrich  von  neuem  einen  Vertrag  schloß,  wonach  England
ihm  Hilfsgelder  zahlte  und  außerdem  das  englisch-hannoversche  Heer  unterhielt.
  Dieses  wurde  verstärkt;  zugleich  erbat  sich  Georg  II.  für  dasselbe  von
Friedrich  einen  anderen  Feldherrn,  der  ihnen  beiden  nahe  verwandt  war,
Herzog  Ferdinand  von  Braunschweig,  einen  Bruder  der  Gemahlin
Friedrichs.  Ihm  war  nur  die  Aufgabe  gestellt,  Hannover  zu  decken;  aber  er
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  129

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Friedrich  der  Große  in  Lissa.  „Bou  soir,  Messieurskl

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  9
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        130  Zweiter  Zeitraum.

leistete  mehr.  Schon  im  Februar  überfiel  er  die  Franzosen  in  ihren  Winterquartieren,
  die  von  Goslar  bis  an  die  Ems  sich  ausdehnten.  Ohne  ernsten
Widerstand  zu  leisten,  zogen  sich  die  Franzosen  unter  großen  Verlusten  über
den  Rhein  zurück;  dort  schlug  Ferdinand  sie  bei  Krefeld.  Westfalen,  Niedersachsen
  und  Hessen  bis  zur  Lahn  waren  nun  vor  den  Franzosen  sicher.  Ein
großer  Anteil  an  Ferdinands  Verdiensten  gebührt  seinem  Privatsekretär  Philipp
Westfalen,  einem  Manne  von  angeborenem  Feldherrngeschick,  der  aber  aus
seiner  bescheidenen  Stellung  nicht  hervortreten  wollte.

Der  König  hatte  im  April  Schweidnitz  zurückerobert  und  war  dann
in  Mähren  eingefallen,  um  Olmütz  zu  belagern.  Aber  er  vermochte  mit
seinen  geringen  Mitteln  diese
starke  Festung  nicht  zu  nehmen,
  und  die  österreichische
Armee  unter  Daun  und
Loudon  fand  Zeit,  das
preußische  Lager  fast  ganz
zu.  umstellen  und  die  Zufuhr
  aus  Oberschlesien  abzuschneiden.
  Als  es  Loudon.
gelang,  einen  von  Neiße
kommenden  großen  Zug  mit
Zunfuhr  wegzunehmen,  mußte
Friedrich  die  Belagerung
aaufdeben.  Ohne  Schießbedarf
nund  Lebensmittel  sollte  er
sich  jetzt  durch  einen  an

Zahl  weit  überlegenen  Feind
schlagen,  der  alle  Pässe  nach
Oberschlesien  besetzt  hatte.
Da  änderte  der  König  plötzlich

  seinen  Marsch  und  zog

Herzog  Ferdinand  von  Braunschweig.  nach  Böhmen.  Dadurch  gewann

  er  einen  Vorsprung

und  wußte  auch,  als  Daun  und  London  ihn  einholten,  durch  geschickte  Anordnungen

  über  Königgrätz  nach  Landshut  zu  entkommen;  alle  Wagen,  Geschütze,

  selbst  die  Krauken  und  Verwundeten  brachte  er  wohlbehalten  heim  ——
auch  ein  Meisterstück  der  Kriegskunst.

Inzwischen  waren  die  Russen  durch  Westpreußen  herangezogen  und  in
die  Neumark  eingefallen,  wo  sie  wie  einst  die  wildesten  Horden  der  Völkerwanderung
  hausten;  sie  verbrannten  eine  große  Anzahl  Dörfer  und  selbst
die  Stadt  Küstrin,  während  die  Festung  standhielt.  Voll  Ingrimm  eilte
Friedrich  aus  Schlesien  herbei.  Die  Thränen  traten  ihm  in  die  Augen,  als
er  die  Verwüstung  gewahrte,  und  er  wies  sofort  600  000  Mark  zur  Verteilung
  an  die  Unglücklichen  an;  dann  befahl  er  seinen  Truppen,  den  Russen
keinen  Pardon  zu  geben,  und  griff  Fermor,  der  sein  Heer  nördlich  von
der  Warthemündung  bei  Zorndorf  aufgestellt  hatte,  an  (25.  August).  Doch
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  131

so  leicht,  wie  Friedrich  wohl  gehofft  hatte,  ward  der  Sieg  nicht  errungen;
anfänglich  wichen  einige  preußische  Bataillone  sogar  zurück,  so  daß  selbst
Seydlitz  meinte:  „Die  Bataille  geht  verloren!“  Aber  Oberst  v.  Wackenitz,
Befehlshaber  der  Garde  du  Corps,  rief:  „Ich  gebe  keine  Bataille  verloren,
bevor  die  Garde  attaquierte:  ich  attaquiere!“  Wie  ein  Sturmwind  warf  er
sich  mit  seinen  Reitern  auf  die  Russen,  Seydlitz,  obschon  blutend,  hinter  ihm
her!  So  trieben  sie  die  russische  Kavallerie  und  dann  auch  die  Infanterie
des  rechten  russischen  Flügels  zurück,  und  als  auf  dem  anderen  Flügel  die
Russen  siegreich  vordrangen,  eilte  die  preußische  Kavallerie  auch  dorthin  und
warf  die  russische  auf  ihr  eigenes  Fußvolk.  Doch  die  Russen  waren  noch
leichter  zu  besiegen  als  zu  vertreiben;  sie  standen  wie  die  Mauern  und  mußten
reihenweise  niedergemacht  werden.  Erst  die  Nacht  und  die  vollständige  Erschöpfung
  der  Preußen  machte

   
   

       

pommern  nach  Polen  zurück;
Friedrich  konnte  ihm  nicht  folgen,
  weil  ihn  sein  Bruder
Heinrich  um  Hilfe  anrief.
Prinz  Heinrich  besaß
zwar  nicht  den  kühnen  Wagemut
  seines  königlichen  Bruders,
aber  große  Umsicht  und  Besonnenheit
  und  hatte  daher  die
ihm  gestellte  Aufgabe,  Sachsen
gegen  einen  überlegenen  Feind
zu  decken,  während  des  ganzen
Sommers  glücklich  gelöst;  jetzt  #
aber  bedrohten  ihn  Daun  und  —  —  nind
ein  neues  Reichsheer  von  vorn  -··.,  »·s.--«--  -,«"·T
und  im  Rücken.  Friedrich  eilte  —  «  "
ihm  deshalb  zu  Hilfe.  Sofort  Prinz  Heinrich  von  Preußen.
wich  Daun  zurück  und  ließ  sich
auch  nicht  zur  Schlacht  verlocken,  folgte  aber  dem  Könige  in  stets  unangreifbaren
  Stellungen.  Da  bezog  Friedrich  in  zu  großem  Vertrauen  auf  Dauns
läängstliche  Vorsicht  bei  Hochkirch  unweit  Bautzen  in  sehr  gefährdeter  Stellung,
ganz  nahe  dem  doppelt  überlegenen  Feinde,  ein  offenes  Lager  —  für
die  Osterreicher  eine  beschämende  Herausforderung.  Der  König  wollte  hier
nur  zwei  Tage  stehen  bleiben,  um  eine  Brotzufuhr  abzuwarten;  da  wurde
er  in  der  Nacht  vom  13.  auf  den  14.  Oktober  von  Daun  überfallen.

Um  fünf  Uhr  morgens  wurden  die  schlaftrunkenen  Preußen  von  ihren  eigenen
Kanonen,  die  den  Osterreichern  bereits  in  die  Hände  gefallen  waren,  geweckt.  In
der  Finsternis  halfen  Mut  und  Tapferkeit  nichts,  aber  die  unübertreffliche  Mannszucht
rettete  das  Heer;  in  der  allgemeinen  Verwirrung  war  jeder  auf  sich  selber  angewiesen.
Mann  kämpfte  gegen  Mann,  in  der  Dunkelheit  siel  mancher  von  Freundeshand.
Feldmarschall  von  Keith  machte  einen  fünfmaligen  Angriff,  um  die  große  Batterie
inmitten  des  Lagers  zurückzuerobern,  bis  er  fiel.  Major  von  Langen  hielt  mit  seinem

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dem  Kampfe  ein  Ende.  Fermor  mW
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        132  Zweiter  Zeitraum.

Bataillon  stundenlang  den  Kirchhof  gegen  eine  siebenfache  Übermacht.  Aber  trotz
der  heldenmütigen  Tapferkeit  mußten  die  Preußen  das  brennende  Dorf  Hochkirch
räumen;  in  größter  Ordnung  zogen  sie  ab  und  stellten  sich  in  Schlachtordnung.
Daun  hütete  sch  wohl,  mit  dem  gereizten  Löwen  am  hellen  Tage  den  Gang  zu
wagen;  er  verschanzte  sich  und  ließ  den  ambrosianischen  Lobgesang  anstimmen.  Der
Papst  schenkte  ihm  für  diesen  Sieg  einen  geweihten  Hut  und  Degen.  Und  in  der
That  hatte  das  preußische  Heer  einen  schweren  Verlust  erlitten:  es  hatte  9000  Mann
an  Toten  und  Verwundeten  sowie  101  Kanonen  verloren;  Prinz  Franz  von  Braunzibahese
  uen  Feldmarschall  Keith  waren  gefallen,  Moritz  von  Dessau  schwer  verwundet.
+  .

Doch  die  Früchte  dieses  Sieges  sollte  Daun  nicht  ernten.  Friedrich
umging  ihn  durch  Gewaltmärsche  in  weitem  Bogen,  ließ  seinen  Bruder  Heinrich
gegen  ihn  zurück  und  gelangte  glücklich  nach  Schlesien.  Sofort  hoben
die  Osterreicher  die  Belagerung  von
Neiße  auf  und  räumten  Schlesien.
Friedrich  eilte  nach  Sachsen  zurück,
und  Daun  zog  nach  Böhmen.  So
endete  das  Jahr  1758  für  Friedrich
doch  günstig:  Schlesien  und  Sachsen
waren  in  seinen  Händen,  die  Schweden
waren  nach  Pommern  zurückgedrängt,
und  die  Russen  hatten  sich  nach  vergeblicher
  Belagerung  Kolbergs  nach
Polen  begeben.

Das  Kriegsjahr  1759.

Wieder  wurde  auf  beiden  Seiten
aufs  eifrigste  gerüstet.  Friedrichs
Feinde  brachten  wieder  ein  fast  doppelt
so  großes  Heer  zusammen  als  er;
noch  schlimmer  war,  daß  es  ihm  an
tüchtigen  Offizieren  und  alten  Sol-Keith.

  daten  fehlte.  Von  den  nenu  ausgehobenen
  Rekruten  war  nur  ein  Drittel
aus  seinen  Staaten.  Da  die  englischen  Hilfsgelder  und  die  Steuern  der
preußischen  Provinzen  den  für  den  Feldzug  erforderlichen  Geldbedarf  nicht
deckten,  so  sah  sich  der  König  genötigt,  den  von  ihm  besetzten  Ländern,
namentlich  Sachsen,  hohe  Kriegsschatzungen  aufzulegen  und,  als  auch  diese
noch  nicht  reichten,  große  Summen  bei  den  Münzpächtern  zu  erheben,  die  sich
dafür  durch  Ausprägung  immer  schlechterer  Münzen  —  nach  dem  Münzjuden
Ephraim  Ephraimiten  genannt  —  entschädigen  durften.  Bisher  hatte  Friedrich
den  Feldzug  stets  mit  einem  Angriff  begonnen;  bei  dem  mangelhaften
Zustande  seines  jetzigen  Heeres  beschloß  er  aber,  vorläufig  den  Krieg  verteidigungsweise
  zu  führen.  "

Den  Feldzug  eröffnete  auch  diesmal  Ferdinand  von  Braunschweig.  Er
wollte  den  Franzosen  das  während  des  Winters  von  ihnen  besetzte  Frankfurt  a.  M.
wieder  entreißen,  wurde  aber  in  der  Nähe  der  Stadt  bei  Bergen  zurück-
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  133

geschlagen  und  wich,  als  hätte  er  seine  frühere  Siegeszuversicht  verloren,  vor
dem  nachrückenden  Feinde  bis  Osnabrück  zurück,  so  daß  selbst  Minden  ver—
loren  ging.  Dann  rückte  er  aber  wieder  vor  und  trug  am  1.  August  in  der
Schlacht  bei  Minden  über  die  Franzosen  einen  glänzenden  Sieg  davon;
dadurch  bewahrte  er  Westfalen  und  Niedersachsen  für  dieses  Jahr  vor  der
ihnen  zugedachten  Verwüstung.  »

Friedrich  hatte  bisher  mit  Erfolg  eine  Vereinigung  der  Osterreicher  und
Russen  verhindert.  Als  nun  ein  starkes  russisches  Heer  unter  Soltikow  durch
Polen  heranzog,  sandte  er  ihm  General  Wedel  mit  unbeschränktem  Oberbefehl
entgegen.  Aber  dieser  wegen  seiner  ungestümen  Tapferkeit  beim  Könige  sehr
beliebte  Führer  bewies  sich  als  einen  wenig  einsichtsvollen  Oberfeldherrn.  Er
griff  das  fast  dreimal  so  starke  russische  Heer  in  fester  Stellung  bei  Kay
unweit  Züllichan  an,  wurde  aber  unter  schwerem  Verluste  zurückgeschlagen.
Sofort  zog  ein  österreichisches  Heer  unter  Loudon  durch  die  Lausitz,  und  die
von  Friedrich  so  lange  gefürchtete  Vereinigung  der  beiden  feindlichen  Heere
kam  nun  doch  zustande.  Das  verbündete  Heer,  80000  Mann  stark,  verschanzte
  sich  am  rechten  Oderufer  bei  Frankfurt.  Der  König  gab  Sachsen  bis
auf  Dresden  preis,  übertrug  seinem  Bruder  Heinrich  die  Wacht  in  Schlesien
und  eilte  mit  dem  Kerne  seines  Heeres  (etwa  50000  Mann)  nach  der  Neumark.
  Unterwegs  brachte  ihm  ein  Offizier  Ferdinands  von  Braunschweig  die
Nachricht  von  dem  glänzenden  Siege  bei  Minden;  Friedrich  behielt  ihn  bei  sich
in  der  Hoffnung,  ihn  bald  mit  einer  Siegesnachricht  zurücksenden  zu  können.
Er  setzte  über  die  Oder  und  griff  den  Feind  am  12.  August  bei  Kunersdorf
  an,  erlitt  aber  die  furchtbarste  Niederlage  seines  ganzen
Lebens.

Um  zwei  Uhr  morgens  brach  der  König  mit  seinem  Heere  auf,  um  den  Feind,
der  die  Höhen  bei  Kunersdorf,  den  Mühlberg  und  den  südlich  davon  gelegenen
Spitzberg,  besetzt  hatte,  im  Osten  zu  umgehen.  Aber  in  dem  Walde  östlich  von
Kunersdorf  stieß  er  unvermutet  auf  Teiche  und  sumpfige  Wiesen,  die  ihn  zwangen,
einen  Umweg  zu  machen.  Erst  nach  neunstündigem  Marsche  kam  der  eine  preußische
Flügel  an  den  Feind.  Trotz  ihrer  Ermüdung  jagten  die  Truppen  in  zehn  Minuten
den  ganzen  östlichen  Flügel  vom  Mühlenberge  und  eroberten  70  Kanonen;  aber  zur
Verfolgung  fehlte  ihnen  die  noch  nicht  eingetroffene  Kavallerie  und  Artilkerie.  Die
Russen  sammelten  sich  im  Kuhgrunde,  und  Loudon  zog  ihnen  zu  Hilfe.  Um  auch
diesen  Grund  und  den  dahinter  liegenden,  mit  Kanonen  besetzten  Spitzberg  zu  erobern,
befahl  Friedrich  einen  allgemeinen  Angriff.  Da  erlahmte  die  Kraft  seiner  durch  den
langen  Marsch  und  den  mehrstündigen  Kampf  in  der  Sonnenglut  ermüdeten  Truppen.
Bei  diesem  Angriff  fiel  an  der  Spitze  seiner  Grenadiere  auch  der  Major  Ewald
von  Kleist,  der  begeisterte  Sänger  des  „Frühlings“.  Auch  die  preußische  Reiterei
mußte  dem  russischen  Kartätschenhagel  weichen,  Seydlitz  ward  schwer  verwundet.  Immer
neue  Scharen  führte  der  König  herbei,  aber  alles  war  vergebens.  Zwei  Pferde
wurden  ihm  unterm  Leibe  erschossen,  er  selber  ward  verwundet.  „Kann  mich  denn
keine  verwünschte  Kugel  treffen?"  rief  er  voller  Verzweiflung.  In  der  Verwirrung
verloren  ihn  seine  Begleiter  aus  den  Augen;  wie  betäubt  stand  er  einsam  auf  einem
kleinen  Hügel,  und  nur  mit  Mühe  gelang  es  dem  Rittmeister  von  Prittwitz,  ihn  aus
dem  Gewühl  zu  entfernen  und  vor  der  Gefangenschaft  zu  bewahren.  Der  König
verbrachte  die  folgende  Nacht  in  einer  elenden,  ausgeplünderten  Fährhütte;  er  selber
lag  auf  Stroh,  seine  Adjutanten  auf  bloßer  Erde.  In  seiner  Verzweiflung  schrieb
er  dem  Minister  Grafen  Finckenstein:  „Alles  ist  verloren!  Retten  Sie  die  königliche

Familie!  Ich  bin  mit  meinen  Hilfsmitteln  zu  Ende.  Den  Untergang  des  Vaterandes
  überlebe  ich  nicht!  Adien  für  immerl"
        <pb n="140" />
        134  Zweiter  Zeitraum.

Dem  Feinde  stand  der  Weg  nach  Berlin  offen;  aber  so  schlimm,  wie
Friedrich  gefürchtet  hatte,  waren  die  Folgen  der  Schlacht  nicht.  Schnell
sammelte  er  die  Trümmer  seines  Heeres.  „Ich  will  mich  töten  lassen,"
schrieb  er,  „um  meine  Hauptstadt  zu  retten.  Wenn  ich  mehr  als  ein  Leben
hätte,  ich  würde  es  für  mein  Vaterland  opfern.“  Doch  die  Feinde  rückten
nicht  vor.  Soltikow  schrieb  an  seine  Kaiserin:  „Noch  ein  solcher  Sieg,  und
ich  werde  allein  mit  dem  Stabe  in  der  Hand  die  Botschaft  nach  Petersburg
bringen  müssen.“  Deshalb  lehnte  er  auch  den  Angriff  auf  Berlin,  den  Daun
und  London  wünschten,  ab  und  zog  nach  Niederschlesien;  die  Osterreicher
folgten.  Friedrich  hatte  Zeit  gewonnen,  sein  Heer  wieder  zu  sammeln  und
zu  verstärken.  Obwohl  an  der  Gicht  leidend,  so  daß  er  sich  in  einer  Sänfte
tragen  lassen  mußte,  folgte  er  dem  Feinde,  hielt  ihn  durch  meisterhafte  Züge
in  Schach,  bis  Soltikow  nach  Polen,  Loudon  nach  Mähren  zog.  So  war
die  drohende  Gefahr  beschworen,  und  Friedrich  konnte  nun  nach  Sachsen  eilen,
wo  seine  Sache  ebenfalls  schlecht  stand.

Unter  dem  Eindruck  der  Niederlage  bei  Kunersdorf  hatte  Friedrich  dem
Befehlshaber  von  Dresden,  Grafen  Schmettau,  gestattet,  die  von  Osterreichern
und  Reichstruppen  hart  bedrängte  Stadt  nach  Wegführung  der  Vorräte  und
der  Kriegskasse  gegen  ehrenvollen  Abzug  der  Besatzung  zu  räumen.  Graf
Schmettau  hatte  dies  gethan;  aber  der  König,  dessen  Lage  sich  inzwischen
günstiger  gestaltet  hatte,  war  darüber  sehr  ungehalten  und  beschloß,  diese
wichtige  Stadt  zurückzuerobern.  Daun  zog  zur  Deckung  derselben  herbei.  Um
ihn  zum  Rückzuge  aus  Sachsen  zu  zwingen,  schickte  Friedrich  ihm  General
Fink  mit  13.500  Mann  in  den  Rücken.  Vergebens  machte  Fink  Vorstellungen
gegen  ein  so  gefährliches  Unternehmen:  er  wurde  bei  Maxen  umzingelt  und
mußte  die  Waffen  strecken.  Friedrich  war  von  diesem  unerwarteten  und  in
der  preußischen  Armee  bis  dahin  unerhörten  Vorfall  aufs  heftigste  erschüttert;
die  Feinde  jubelten  über  den  „Finkenfang".  Dresden  mit  seiner  Umgebung
konnte  der  König  jetzt  nicht  wieder  erobern;  vergebens  bezog  er  Dauns  Heere
gegenüber  bei  strenger  Winterkälte  ein  Lager:  er  hat  Dresden  nie  wieder
zurückgewonnen.  So  endete  das  Jahr  1759,  für  Friedrich  das  an  Mißerfolgen
  reichste  des  ganzen  Krieges;  dennoch  hatte  er  noch  Schlesien  und  die
größere  Hälfte  Sachsens  in  Händen.

Das  Kriegsjahr  1760.

Voll  Besorgnis  sah  Friedrich  dem  neuen  Feldzuge  entgegen.  Seine
Feinde  stellten  gegen  300000  Mann  auf;  er  konnte  mit  äußerster  Kraft—
anstrengung  nur  90000  zusammenbringen,  und  diese  waren  zum  größten
Teil  aus  aller  Herren  Ländern  durch  List  oder  Gewalt  zum  Soldaten  gepreßt
worden,  blutjunge  Kadetten  mußten  zu  Offizieren  ernannt  werden.  Der  König
mußte  sich  daher  auf  die  Verteidigung  beschränken.  Er  selber  wollte  Sachsen
gegen  Daun  decken;  Fouquc  sollte  Schlesien  schützen,  und  Prinz  Heinrich  in
der  Lausitz  sich  bereit  halten,  gegen  die  Russen  zu  marschieren  oder  Sachsen
Hilfe  zu  bringen.  Loudon  eröffnete  den  Feldzug  durch  einen  Einfall  in
Schlesien.  Auf  Friedrichs  Befehl  rückte  Fonqué  dem  dreifach  überlegenen
Feinde  entgegen,  wurde  aber  bei  Landshut  nach  sechsstündigem,  ver-
        <pb n="141" />
        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  135

zweifeltem  Kampfe  überwältigt  und  gefangen  genommen.  Nur  ein  kleiner
Teil  des  Heeres  rettete  sich,  der  Feldherr  selber  entging  dem  Tode  unter  den
Säbelhieben  der  Feinde  nur  durch  die  aufopferungsvolle  Treue  seines  Reitknechts.
  Nun  fiel  Glatz,  und  Loudon  belagerte  Breslau.

Friedrich  hatte  unterdes  vergeblich  versucht,  Daun  zu  einer  Schlacht  zu
bewegen  und  Dresden  zurückzuerobern;  als  er  erfuhr,  daß  auch  die  Russen
nach  Schlesien  zogen,  brach  er  gleichfalls  dorthin  auf:  vorauf  zog  Daun,
bemüht,  vor  Friedrich  Schlesien  zu  erreichen  und  sich  mit  Loudon  und  Soltikow
zu  vereinigen;  dem  König  folgte  ein  anderes  österreichisches  Heer  unter  Lach.
Zwar  gelangte  Friedrich  trotzdem  unangefochten  nach  Schlesien;  aber  bei  Jauer
vereinigten  sich  sämtliche  österreichischen  Truppen,  nicht  weit  von  ihnen  standen
die  Russen  und  zwischen  beiden  Heeren  bei  Liegnitz  das  kleine  preußische
Heer.  „Der  Sack  ist  offen,“  jubelten  die  Osterreicher,  „jetzt  muß  er  hinein!“
Aber  Friedrich  verstand  ihnen  doch  „ein  Loch  hineinzuschneiden“.  In  der
Nacht  zum  15.  August  sollte  er,  wie  einst  bei  Hochkirch,  überfallen  werden.
Doch  Friedrich  war  gewarnt.  Er  verlicß  nachts  sein  Lager,  setzte  über  das
Schwarzwasser,  das  sich  unterhalb  Liegnitz  in  die  Katzbach  ergießt,  und  stellte
sein  Heer  nahe  demjenigen  Loudons  in  Schlachtordnung  auf,  während  Zieten
zurückblieb,  um  Daun  am  Überschreiten  des  Schwarzwassers  zu  bindern.  Die
Soldaten  lagerten  in  der  sternhellen  Nacht  mit  dem  Gewehr  im  Arm,  die
Offiziere  wandelten  auf  und  ab.  Und  der  König?

„Auf  einer  Trommel  saß  der  Held

Und  dachte  seine  Schlacht,

Den  Himmel  über  sich  als  Zelt

Und  um  sich  her  die  Nacht.“  (Gleim.)

Mit  dem  Morgengrauen  brach  der  Feind  auf.  London  war  erstaunt,
so  bald  schon  auf  die  Preußen  zu  stoßen,  die  ihn  mit  mörderischem  Feuer
empfingen.  Er  nahm  aber  die  Schlacht  in  der  Hoffnung  auf,  daß  Daun  und
Lacy  ihm  bald  zu  Hilfe  eilen  würden;  doch  diese  wurden  von  Zieten  so
lange  festgehalten,  bis  der  König  den  doppelt  so  starken  Feind  nach  zweistündigem
  Kampfe  geschlagen  hatte.  Hierbei  hatte  sich  das  Regiment  Bernburg
besonders  ausgezcichnet,  das  der  König  während  der  Belagerung  Dresdens
wegen  geringer  Leistungen  mit  dem  Verlust  der  Borten  und  des  Seitengewehrs
  bestraft  hatte.  Nach  erfochtenem  Siege  traten  alte  Soldaten  dieses
Regiments  an  den  König  heran,  umfaßten  seine  Kuiee  und  baten  um  Rückgabe
  der  Ehrenzeichen.  Gerührt  erwiderte  der  König:  „Ja,  Kinder,  alles
soll  vergeben  und  vergessen  sein;  aber  den  heutigen  Tag  werde  ich  euch  nicht
vergessen.“

Der  Sieg  bei  Liegnitz  gab  den  Preußen  wieder  frischen  Mut;  die  Russen
räumten  Schlesien,  und  die  Osterreicher  wagten  einen  ferneren  Angriff  nicht.
Um  diese  Zeit  schlug  auch  Kolberg  einen  russischen  Angriff  von  der  Landund
  Seeseite  glücklich  ab;  besser  glückte  den  Feinden  ein  Anschlag  auf
Berlin.  Ein  russisches  Heer  unter  Tottleben  und  ein  österreichisches  unter
Lacy  fielen  in  die  Mark  ein.  Anfänglich  wehrte  sich  die  kleine  Besatzung  der
unbefestigten  Hauptstadt,  mußte  sich  aber  vor  der  Übermacht  zurückziehen.
Berlin  ergab  sich  dem  General  Tottleben,  einem  edelmütigen  Sieger;  er
        <pb n="142" />
        136  Zweiter  Zeitraum.

hielt  gute  Mannszucht  und  sicherte  den  Einwohnern  Eigentum  und  Leben  sowie
Befreiung  von  Einquartierung  zu,  doch  mußten  sie  eine  Kriegssteuer  zahlen.
Diese  billigen  Bedingungen  erlangte  die  Stadt  durch  Vermittelung  des  Großkaufmanns
  Gotzkowsky,  der  durch  große  persönliche  Geldopfer  auch  öffentliche
  Anstalten,  wie  das  Lagerhaus,  rettete.  Nicht  so  schonend  wie  die  Russen
verfuhren  die  Osterreicher  und  besonders  die  Sachsen,  die  das  königliche  Schloß
zu  Charlottenburg  ausplünderten  und  verwüsteten.  Aber  auf  die  Nachricht:
„Der  König  kommt!"“  stoben  die  Feinde  auseinander,  die  Russen  nach  Polen,
Lacy  wandte  sich  nach  Sachsen.  Dorthin  zog  auch  Daun,  fest  entschlossen,
dies  wichtige  Land  zu  behaupten.

Sobald  Friedrich  auf  seinem  Marsche  nach  der  Mark  erfahren  hatte,
daß  Berlin  bereits  befreit  sei,  wandte  er  sich  ebenfalls  nach  der  Elbe,  um
Sachsen,  seine  beste  Vorratskammer,  vor  Anbruch  des  Winters  zurückzuerobern.
Nachdem  Daun  Lach  an  sich  gezogen  hatte,  verschanzte  er  sich  auf  den  Höhen
nordwestlich  von  Torgau  bei  Süptitz  mit  63000  Mann  und  360  Kanonen.
Friedrich  hatte  nur  44000  Mann  und  130  Geschütze;  dennoch  beschloß  er
den  Angriff,  weil  er  mußte.

Er  überschritt  nördlich  von  Torgau  die  Elbe  und  zog  westlich  an  dem  österreichischen
  Lager  vorbei,  um  Daun  hervorzulocken,  aber  vergebens.  Da  teilte  er  am
3.  November  sein  ohnehin  schon  kleines  Heer.  Er  ließ  Zieten  mit  dem  kleineren
rechten  Flügel  im  Süden  der  Süptitzer  Berge  stehen,  während  er  selber  mit  dem
linken  Flügel  durch  den  Torgauer  Wald  zurückmarschierte,  um  den  Feind  in  der  Front
anzugreifen.  Mit  der  Infanterie  kaum  am  Waldesrande  angelangt,  hörte  er  Kanonendonner,
  und  in  der  Meinung,  Zieten  sei  schon  im  Gefecht,  griff  er  ohne  Reiterei  und
Geschütz  sofort  an.  Aber  reihenweise  wurden  die  Truppen  von  einem  Geschützfeuer,
wie  man  es  bis  dahin  noch  nicht  gehört  hatte,  dahingestreckt;  auch  die  später  eintreffende
  Artillerie  und  Kavallerie  vermochte  nichts  auszurichten.  Der  König  war  im
dichtesten  Kampfgewühl;  drei  Pferde  wurden  ihm  unterm  Leibe  getötet,  eine  Kugel
traf  ihn  auf  die  Brust,  so  daß  er  ohnmächtig  vom  Pferde  fiel.  Kaum  war  er  wieder
zu  sich  gekommen,  als  er  ausrief:  „An  meinem  Leben  liegt  mir  heute  nichts;  laßt
uns  unsere  Pflicht  thun,  und  wehe  dem,  der  sie  nicht  thut!“  Doch  mußte  er  den
Oberbefehl  abgeben.  Die  Dunkelheit  machte  dem  Kampfe  ein  Ende.  Daun  glaubte
den  Sieg  sicher  in  den  Händen  zu  haben  und  fertigte  Eilboten  nach  Wien  und  Warschau
ab;  allein  er  hatte  zu  früh  triumphiert.  Zieten  hatte  stundenlang  auf  den  Befehl
zum  Angriff  gewartet;  endlich  um  vier  Uhr  wagte  er,  die  Süptitzer  Höhen  zu  stürmen.
Gleichzeitig  griffen  noch  einmal  einige  Truppen  des  linken  preußischen  Flügels  an,
und  nach  ununterbrochenem  Ringen  war  um  halb  zehn  Uhr  der  Sieg  der  preußischen
Waffen  entschieden.  Unter  dem  Schutze  der  Nacht  setzte  Daun  über  die  Elbe.  Friedrich
verbrachte  die  Nacht  in  einer  Kirche,  da  alle  anderen  Häuser  mit  Verwundeten  überfüllt
  waren;  mitten  in  der  Nacht  brachte  ihm  Zieten  die  frohe  Botschaft  von  dem
erfochtenen  Siege,  und  der  König  war  darüber  so  erfreut,  daß  er  den  Sieger  voll
Dank  in  seine  Arme  schloß.

Die  Schlacht  hatte  auf  beiden  Seiten  große  Opfer  gefordert;  dennoch
brachte  sie  den  ersehnten  Frieden  nicht.  Maria  Theresias  Hoffnung  auf  den
endlichen  Sieg  war  durch  den  wenige  Tage  vor  der  Schlacht  erfolgten  Tod
Georgs  II.  aufs  neue  belebt  worden,  da  sie  hoffen  durfte,  daß  Georg  III.
den  Vertrag  mit  Friedrich  nicht  erneuern  werde.  Friedrichs  Lage  wurde
mit  jedem  Jahre  bedenklicher;  die  Kräfte  seiner  Erbländer  und  der  von  ihm
besetzten  Staaten  waren  erschöpft.  Auch  im  übrigen  Deutschland  sah  es  schlimm
genug  aus:  Bürger  und  Bauern  verarmten;  in  Mitteldeutschland  waren  Getreide,
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  137

Rindvieh  und  Pferde  kaum  noch  zu  finden,  und  dennoch  lagen  mit  Bewilligung
des  Kaisers  gegen  100000  Franzosen  bei  deutschen  Bauern  und  Bürgern
im  Quartier.

Die  letzten  Kriegsjahre;  1761—1763.

Den  Winter  1760/61  verlebte  Friedrich  in  Leipzig,  wo  er  auch  Gellert
kennen  lernte.  In  dem  neuen  Feldzuge  sollte  Ferdinand  von  Braunschweig
wie  bisher  die  Franzosen  in  Schach  halten,  Prinz  Heinrich  Sachsen  gegen
Daun  und  das  Reichsheer  verteidigen;  Friedrich  eilte  wieder  nach  Schlesien,
um  eine  Vereinigung  der  Russen  mit  den  Osterreichern  unter  Loudon  zu  verhüten.
  Als  sie  doch  zustande  kam,  bezog  er  1761  bei  Bunzelwitz  unweit
Schweidnitz  ein  festes  Lager,
in  welchem  er  drei  Wochen
lang  dem  weit  überlegenen
Feinde  Trotz  bot.  Seine  ganze
Armce  brachte  jede  Nacht  unter
dem  Gewehre  zu.  Als  daun
Mangel  an  Nahrungsmitteln
die  Russen  zum  Abzuge  zwang,
bedrohte  London  Schweidnitz;
  um  ihn  von  dieser  Festuung.13
abzuziehen,  verließ  Friedrih  #
sein  Lager.  Aber  London  folgt.
ihm  nicht,  sondern  nahm  dass.
mangelhaft  befestigte  und.
schlecht  verteidigte  Schweidnitz
mit  Sturm.  Bald  nachher  fiel
Kolberg  in  die  Hände  der
Russen;  diese  bezogen  nun  in
Hinterpommern,  die  Osterreicher
  in  Schlesien  Winterquartiere.
  So  ungünstig  hatte
für  Friedrich  noch  kein  Jahr  geendet;  außer  der  Hälfte  Sachsens  war  nun
auch  ein  Teil  von  Pommern  und  von  Schlesien  verloren,  dazu  war  Pitt  aus
dem  Ministerium  entlassen  worden,  und  Georg  III.  hatte  den  Vertrag  mit
Friedrich  gekündigt,  so  daß  seitdem  die  englischen  Hilfsgelder  ausblieben.

Fast  wärc  der  König  durch  Verrat  des  schlesischen  Barons  von  Warkotsch,  der
dem  König  manche  Wohlthaten  verdankte,  in  die  Hände  der  Osterreicher  gefallen.  Er
hatte  sein  Hauptquartier  in  Woiselwitz  bei  Strehlen,  nur  wenige  Mann  seiner  Leibwache
  waren  bei  ihm.  Das  teilte  der  benachbarte  Gutsbesitzer  von  Warkotsch  durch
Vermittelung  eines  katholischen  Pfarrers  einem  in  der  Nähe  stehenden  Kroatenhauptmann
  mit.  Schon  war  die  Nacht  für  den  Uberfall  bestimmt;  aber  der  Jäger  des
Barons,  der  den  Briefwechsel  vermittelte,  schöpfte  Verdacht  und  brachte  den  letzten
Brief  dem  lutherischen  Ortspfarrer,  der  ihn  damit  zum  Könige  sandte.  Dadurch
wurde  der  König  gerettet.  Warkotsch  flüchtete  nach  Wien,  wo  er  von  einem  Gnaden-Hechait
  Maria  Theresias  lebte;  sein  Jäger  erhielt  von  Friedrich  eine  einträgliche
örstorsielle.  .

Trotz  aller  Gefahr  und  Bedrängnis  verlor  der  König  den  Mut  nicht.  „Läßt
        <pb n="144" />
        138  Zweiter  Zeitraum.

man  mir  nur  meine  Regimenter,“  pflegte  er  zu  sagen,  „so  gebe  ich  nichts  verloren.“
Gerade  um  diese  Zeit  führte  er  eine  von  ihm  erfundene  Truppe,  die  reitende
Artillerie,  in  sein  Heer  ein,  was  seine  Feinde  aus  Geldmangel  ihm  nicht  nachmachen
  konnten.  Auch  das  englisch-hannoversche  Heer  unter  Ferdinand  von  Braunschweig
  führte  bis  Ende  1762  den  Krieg  gegen  die  Franzosen  fort.  Großen  Trost
und  immer  neue  Hoffnung  schöpfte  der  König  aus  der  Systesecudigkei  seines  Volkes.
Die  Stände  der  Marken  rüsteten  freiwillig  auf  ihre  Kosten  Landmilizen  und  berittene
Jäger  aus,  die  bei  der  Verteidigung  der  Landesfestungen  und  im  kleinen  Kriege
gegen  die  Schweden  und  Russen  treffliche  Dienste  leisteten.  Alte  Edelleute,  die  schon
seit  Jahren  auf  ihren  Gütern  zurückgezogen  lebten,  nahmen  die  Schwerter  wieder
von  der  Wand  und  traten  als  Ofliziere  bei  diesen  Milizen  ein.  Die  pommerschen
Seeleute  vereinigten  sich,  um  mit  ihrer  kleinen  Flotte  die  Odermündung  gegen  die
Schweden  zu  halten.  Sechs  Jahre  lang  gupsigen  die  Beamten  keinen  Gehalt,
thaten  aber  ruhig  ihren  Dienst,  als  verstünde  sich  das  von  selber.  Während  Ostpreußen
  von  den  Russen  besetzt  war,  sammelten  die  dortigen  Beamten  Geld  und  Getreide
  für  ihren  König;  verkleidet  und  mit  Lebensgefahr  brachten  sie  es  durch  die
russischen  Heere.  Ein  siebzigjähriger  Schäfer  im  Halberstädtischen,  der  schon  sechs
Söhne  bei  der  Fahne  hatte,  gab  dem  Werbehauptmann  seinen  siebenten  Sohn,  weil
er  hörte,  daß  es  dem  Könige  „auf  dem  Nagel  brenne“.  Als  die  Franzosen  das
Ravensbergische  besetzten,  fanden  sich  dort  fünfzig  Bauerburschen  ein,  welche  die
preußischen  Fahnen  verlassen  hatten,  weil  sie  meinten,  sie  brauchten  dem  Könige  jetzt
nicht  mehr  zu  dienen.  Aber  die  Bauern  schlossen  sie  von  jedem  Verkehr  aus,  die
Kirche  versagte  ihnen  Beichte  und  Abendmahl  und  das  elterliche  Haus  die  Aufnahme.
Den  Fahnenflüchtigen  blieb  nichts  anderes  übrig,  als  zu  den  Regimentern  zurückzukehren.
  —  Aus  der  Grasfschaft  Mark  machten  sich  wiederholt  Bürger=  und  Bauersöhne
  auf  in  das  preußische  Lager.  Als  sie  zum  erstenmal  vor  Friedrich  erschienen,
fragte  er  sie:  „Was  wollt  ihr?“  —  „Dienen.“  —  „Wer  hat  euch  hergeschickt?“  —
„Unsere  Väter.“  —  „Wie  viele  sind  unterwegs  entlaufen?"  —  „Niemand!  Könnten
wir  das,  dann  wären  wir  ja  nicht  gekommen.“  —  Des  Königs  Auge  glänzte  vor
Freude.  „Seid  mir  willkommen,  brave  Markaner,“  rief  er  aus;  „auf  euch  kann  ich
auen.“

Der  König  teilte  mit  seinen  Soldaten  alle  Gefahren  und  Entbehrungen.  Einst
hatte  ein  Pandur  schon  auf  ihn  angelegt.  Drohend  erhob  der  König  seinen  Krückstock
  und  rief:  „Er  hat  ja  kein  Pulver  auf  der  Pfanne!“  Der  verdutzte  Soldat  sah
nach;  aber  ehe  er  wieder  anlegen  konnte,  war  Friedrich  davon.  Eines  Nachts  saßen
der  König  und  Zieten  auf  einem  Reisigbündel  neben  dem  Wachtfeuer.  Als  Zieten
einschlummerte  und  von  dem  Bündel  herunterrutschte,  legte  ihm  ein  Grenadier  ein
anderes  unter.  „Bravo!“  sagte  der  König  leise;  „der  alte  Mann  ist  müde.“  Bald
nachher  wollte  ein  anderer  Grenadier  sich  am  Feuer  die  Pieife  anzünden,  stieß  aber
unvorsichtigerweise  Zieten  an  den  Fuß.  Da  erhob  der  König  drohend  den  Finger
und  rief:  „PstI  Grenadier,  wecke  er  mir  den  Zieten  nicht;  er  ist  sehr  müde!“

Diese  Standhaftigkeit  des  Königs  und  seines  Volkes  ward  herrlich  belohnt.
  Im  Januar  1762  starb  Elisabeth  von  Nußland,  und  ihr  Nachfolger
Peter  III.  von  Holstein-Gottorp,  ein  leidenschaftlicher  Verehrer  Friedrichs,
schloß  sofort  Frieden  mit  ihm,  räumte  die  von  den  Russen  besetzten  preußischen
Gebiete  und  ließ  sogar  das  in  Schlesien  lagernde  russische  Heer  unter  Tschernitschew
  zu  Friedrich  stoßen.  Diesem  Frieden  traten  bald  Schweden  und  Mecklenburg
  bei.

Die  Schweden  hatten  während  des  ganzen  Krieges  so  wenig  ausgerichtet,
daß  Friedrich  auf  ihren  Friedensantrag  wegwerfend  erwiderte:  „Ja  so,  ich
habe  davon  gehört,  daß  General  Belling  mit  den  Schweden  allerlei  Händel
gehabt  hat.“  Die  Vermittelung  übernahm  die  Königin  von  Schweden,  Friedrichs
Schwester,  und  dieser  erklärte  ausdrücklich,  daß  er  nur  aus  Rücksicht  auf  seine
Schwester  die  Sache  auf  dem  alten  Fuße  belassen  wolle.
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  139

Friedrich  konnte  jetzt  seine  ganze  Kraft  gegen  die  sterreicher  und  Reichstruppen
  wenden.  Er  ließ  seinen  Bruder  Heinrich  in  Sachsen,  während  er  selber
nach  Schlesien  ging,  um  vor  allem  Schweidnitz  wieder  zu  erobern.  Aber  die
Festung  hatte  eine  starke  Besatzung;  dazu  deckte  Daun  sie  mit  einem  dem
preußischen  überlegenen  Heere,  das  er  auf  den  Bergen  bei  Reichenbach  hinter
starken  Verschanzungen  aufgestellt  hatte.  Alle  Versuche,  ihn  hervorzulocken,
blieben  erfolglos;  da  entschloß  sich  der  König  zum  Angriff.  Schon  war  alles
zur  Schlacht  vorbereitet,  als  Tschernitschew  die  Nachricht  erhielt,  Peter  III.
sei  von  seiner  Gemahlin  Katharina  entthront,  und  diese  befehle  ihm,  sofort
das  preußische  Heer  zu  verlassen.  Friedrich  wußte  den  russischen  Feldherrn
indes  zu  überreden,  den  Befehl  noch  drei  Tage  zu  verheimlichen  und  mit
seinem  Heere  der  bevorstehenden  Schlacht,  wenn  auch  nur  als  Zuschauer,  beizuwohnen,
  um  dadurch  einen  Teil  des  österreichischen  Heeres  in  Schach  zu
halten.  Dann  befahl  er  den  sofortigen  Angriff.  Den  Schlüssel  der  feindlichen
Stellung  bildeten  die  Höhen  von  Burkersdorf.  „Heute  muß  es  biegen  oder
brechen!“  rief  der  König,  und  so  ging  es  auch.  Weder  die  steilen  Abhänge,
noch  die  Verschanzungen,  noch  auch  die  feindlichen  Kanonen  vermochten  die
Preußen  zurückzuhalten.  In  vier  Stunden  war  der  Kampf  entschieden;  Daun
rückte  ab  und  verlor  damit  seine  Verbindung  mit  Schweidnitz.  Die  Russen

verließen  Schlesien  und  zogen  sich  völlig  vom  Kriege  zurück.  Friedrich  belagerte

Schweidnitz;  doch  gewann  er  die  tapfer  verteidigte  Festung  erst  im  Oktober.
Damit  hatte  er  Schlesien  bis  auf  die  Grafschaft  Glatz  und  einen  Teil  Oberschlesiens
  wieder  in  seiner  Gewalt.  In  demselben  Monate  gewann  Prinz  Heinrich
1762  über  die  Österreicher  und  Reichstruppen  bei  Freiberg  in  Sachsen  den
letzten  Sieg  in  diesem  Kriege.  Bald  nachher  kam  Friedrich  selber  nach  Sachsen,
das  nun  bis  auf  Dresden  vom  Feinde  gesäubert  ward.  Dann  sandte  er,  um
die  kleinen  deutschen  Fürsten  zu  zwingen,  vom  Kriege  zurückzutreten,  10  000
Mann  ins  Reich.  Sie  brachen  verheerend  in  Franken  ein  und  erhoben  überall.
schwere  Kriegssteuern,  besetzten  sogar  Bamberg  und  Nürnberg  und  jagten  dem
Regensburger  Reichstag  einen  gewaltigen  Schrecken  ein.  Im  Westen  hatte
Ferdinand  von  Braunschweig  gleichfalls  glücklich  gefochten  und  die  Franzosen
aus  Hessen  verdrängt.

Da  die  Franzosen  den  Seekrieg  gegen  England  ebenfalls  unglücklich  geführt
  hatten,  schlossen  sie  (3.  November  1762)  mit  England  den  Vertrag
zu  Fontainebleau;  beide  Staaten  gaben  damit  den  Krieg  in  Deutschland  auf.
Getrosten  Mutes  sah  Friedrich  nun  in  die  Zukunft:  hatte  er  es  jetzt  doch  mit
Osterreich  allein  zu  thun.  Er  rüstete  eifrig,  nahm  einen  Teil  der  aufgelösten
Armee  Ferdinands  in  Dienst  und  stand  so  Maria  Theresia  furchtbarer  gegenüber
  denn  je.  Deshalb  entschloß  diese  sich  zum  Frieden.  Nach  kurzer  Verhandlung
zwischen  den  Bevollmächtigten  Preußens,  Osterreichs  und  Sachsens  auf  dem
sächsischen  Jagdschlosse  Hubertusburg  (zwischen  Meißen  und  Leipzig)  wurde  am
15.  Februar  1763  der  Hubertusburger  Friede  unterzeichnet.  Man  ging
einfach  auf  den  Zustand  vor  dem  Kriege  zurück;  ferner  versprach  Friedrich,
bei  der  nächsten  Kaiserwahl  dem  Sohne  Maria  Theresias,  Erzherzog  Joseph,
seine  Stimme  zu  geben.

Vor  seiner  Rückkehr  nach  Berlin  schrieb  der  König:  „Jeder  gute  Bürger
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        140  Zweiter  Zeitraum.

mag  sich  des  Friedens  freuen.  Ich  armer  Greis  kehre  in  eine  Stadt  zurück,
in  der  ich  nur  die  Mauern  kenne,  wo  ich  von  meinen  Freunden  keinen  mehr
antreffe,  wo  eine  unermeßliche  Arbeit  meiner  wartet.“  Von  den  Bürgern
wurde  er  mit  nicht  enden  wollendem  Jubel  empfangen;  er  aber  entzog  sich
bald  dem  lärmenden  Festgepränge.  In  der  Kapelle  des  Charlottenburger
Schlosses,  das  er  bewohnte,  ließ  er  für  sich  allein  einen  Dankgottesdienst  abhalten;
  als  die  Musiker  das  Tedeum  anstimmten,  neigte  er  das  Haupt  und
brach  in  Thränen  aus.  Im  ganzen  Lande  aber  wurde  ein  Friedensfest  gefeiert
  und  dabei  über  das  Bibelwort  gepredigt:  „Sie  haben  mich  oft  gedränget
von  meiner  Jugend  auf;  aber  sie  haben  mich  nicht  übermocht.“  —  Der  Krieg
war  beendet;  aber  welche  Opfer  hatte  er  gekostet!  Uber  eine  Million  Menschen
war  in  demselben  umgekommen;  Nord=  und  Mitteldentschland  waren  verheert,
am  schlimmsten  da,  wo  die  Russen  und  Franzosen  gehaust  hatten.  Ein  Offizier
schrieb  1762,  er  sei  durch  sieben  hessische  Dörfer  geritten,  habe  in  allen  aber
nur  einen  Menschen  getroffen:  einen  Pfarrer,  der  sich  Bohnen  kochte.  Und
trotz  aller  Opfer  hatten  die  Feinde  Preußens  ihr  Ziel  nicht  erreicht.  Friedrich
hatte  sein  Land  mit  kaum  mehr  als  fünf  Millionen  Einwohnern  gegen  fast
ganz  Europa  verteidigt  und  Deutschland  vor  dem  abermaligen  Abreißen  von
Grenzländern  (Ostpreußen,  Pommern,  Rheinland)  bewahrt;  Preußen  war
in  die  Reihe  der  Großmächte  eingetreten  und  hatte  sich  abermals  als  Hort
der  evangelischen  Kirche  bewährt.  Das  Selbstbewußtsein  des  preußischen  Volkes
war  bedeutend  gewachsen;  aber  in  Friedrich  dem  Großen,  der  die  Bewunderung
von  ganz  Europa  erregte,  mußte  sich  jeder  Deutsche  gehoben  fühlen.

3.  Iriedrickk  der  Große  als  Tandesvaker.

Preußen  hatte  in  dem  Kriege  schwer  gelitten;  es  hatte  eine  halbe  Million
Menschen,  allein  180000  Soldaten  verloren.  An  vielen  Orten  lagen  die
Felder  brach,  weil  es  an  Arbeitern  fehlte,  an  anderen  bestellten  Frauen
und  Greise  den  Acker.  Am  meisten  hatte  der  Adel  gelitten,  und  manche
Edelfrau  beklagte  den  Verlust  von  Vater,  Gemahl,  Brüdern  und  Söhnen;
waren  doch  allein  54  des  Geschlechtes  von  Kleist  gefallen!  Städte  und  Dörfer,
über  13000  Häuser  waren  abgebrannt,  viele  Bauern  von  ihrer  Scholle  vertrieben,
  die  kleinen  Leute  gänzlich  verarmt;  ein  Drittel  der  Bevölkerung
Berlins  lebte  von  Armenunterstützung.  Als  der  König  dann  nach  dem  Kriege
das  schlechte  Geld  (S.  132)  auf  den  wahren  Wert  herabsetzte,  verarmten  abermals
  Hunderte  von  wohlhabenden  Leuten.  Die  Ordnung  der  Polizei,  der  guten
Sitte  und  des  Gehorsams  war  vielfach  gelockert,  ja  geschwunden.  Da  that
schnelle  Abhilfe  not!

«·  Den  Arbeitern  schaffte  der  König  lohnenden  Verdienst  bei  dem  Wieder—
aufbau  der  Städte  und  Dörfer  und  bei  dem  Neubau  der  Schlösser  Sanssouci
und  Neues  Palais,  die  er  in  der  Nähe  Potsdams  aufführen  ließ.  Den
kleinen  Landwirten  schenkte  er  40000  Scheffel  Getreide  zur  Aussaat,
60000  Armeepferde  und  70000  Schafe;  den  am  schwersten  heimgesuchten
Gegenden  erließ  er  nicht  nur  zeitweilig  die  Stenern  —  Schlesien  auf  sechs
Monate,  Pommern  und  der  Neumark  auf  zwei  Jahre  —,  sondern  schenkte
ihnen  auch  noch  sechzig  Millionen  Mark  bares  Geld.  Zur  Hebung  des
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  141

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        142  Zweiter  Zeitraum.

Ackerbaues  entließ  er  30000  Invaliden  aus  dem  Heer.  15000  Häuser
wurden  zum  großen  Teil  auf  Staatskosten  errichtet;  schon  nach  einem  Jahre
war  Küstrin  aus  der  Asche  wieder  erstanden,  und  nach  wenigen  Jahren  waren
allein  in  Schlesien  fünfzehn  ansehnliche  Städte  wieder  aufgebaut  und  250  neue
Dörfer  entstanden,  deren  Häuser  nicht  mehr,  wie  früher  zum  Teil,  aus
Baumstämmen  erbaut,  sondern  mit  Steinen  aufgemauert  waren.  Am  meisten
that  der  König  für  den  Adel.  Er  besetzte  die  höheren  Staatsämter  und
Offizierstellen  fast  nur  mit  Adligen.  Auf  die  Verbesserung  adliger  Güter
verwandte  er  große  Summen,  die  er  teils  zinslos,  teils  gegen  sehr  geringe
Zinsen  darlieh.  Auch  beförderte  er  durch  einen  Zuschuß  die  Gründung
landschaftlicher  Kreditvereine,  der  sogenannten  „Landschaften“,  die  sich  durch
Gewährung  von  Darlehen  sehr  segensreich  erwiesen.  Um  den  adligen  Familien
die  Rittergüter  zu  erhalten,  verordnete  er,  daß  diese  nur  an  Adlige  verkauft
werden  sollten;  ein  bürgerlicher  Besitzer  eines  Rittergutes  erhielt  die  mit  demselben
  verbundenen  Ehrenrechte,  wie  niedere  Gerichtsbarkeit,  Patronat  über
Kirche  und  Schule  sowie  Jagdrecht,  nicht.  —  Alle  Welt  staunte  über  die
scheinbar  unversiegliche  Geldquelle  des  Königs:  hatte  er  doch  während  des
ganzen  Krieges  keine  Anleihe  aufgenommen  und  in  Preußen  die  Stenern
nicht  erhöht!

Wie  sein  Vater  sah  auch  Friedrich  der  Große  den  Ackerbau  als  die
Grundlage  des  Wohlstandes  im  Staate  an;  deshalb  suchte  er  fortwährend
neues  Ackerland  zu  gewinnen  und  mit  fleißigen  Kolonisten  zu  besetzen.  Schon
nach  dem  zweiten  Schlesischen  Kriege  legte  er  in  siebenjähriger  Arbeit  das
Oderbruch  zwischen  Frankfurt  und  Oderberg  trocken,  indem  er  die  Oder
eindeichte  und  das  Binnenwasser  ableitete;  dadurch  wurde  eine  Fläche  gewonnen,
auf  der  1200  Familien  Wohnung  und  Unterhalt  fanden.  Mit  gerechtem
Stolze  konnte  der  König  später  im  Hinblick  auf  diese  blühende  Ansiedelung
sagen:  „Hier  habe  ich  eine  Provinz  im  Frieden  gewonnen!“  Gleich  nach  dem
Siebenjährigen  Kriege  wurde  die  Trockenlegung  des  Warthe=  und  des  Netzebruchs
  in  Angriff  genommen.  An  der  ostfriesischen  Küste  ließ  der  König
einen  Teil  des  Dollarts  eindeichen,  wodurch  der  Landschaftspolder  gewonnen
wurde,  noch  heute  eine  der  üppigsten  und  reichsten  Gegenden  Deutschlands.
Ebenso  ließ  er  den  Finerbruch  bei  Ziesar  südwestlich  von  Brandenburg  und
den  Drömling  in  der  Altmark  anbauen.  Durch  unentgeltliche  Uberweisung
von  Grundbesitz,  durch  Gewährung  von  Geldunterstützung  und  Werbefreiheit
sowie  durch  mehrjährige  Befreiung  von  Abgaben  suchte  der  König  Ansiedler
aus  allen  Teilen  Deutschlands  herbeizuziehen.  Dabei  wußte  er  jeden  in  die
für  ihn  geeignete  Gegend  zu  bringen;  Holländer  und  Ostfriesen  bestimmte  er
gern  für  die  Viehzucht,  Pfälzer  für  Garten-,  Italiener  für  Seidenbau.
Während  seiner  ganzen  Regierungszeit  siedelte  er  etwa  300000  Kolonisten  an.
Unermüdlich  war  der  König  ferner,  die  Landleute  mit  gutem  Rat  zu  unterstützen.
  Er  ermahnte  sie,  alle  leeren  Plätze  mit  Obstbäumen  zu  bepflanzen,
Gemüse=  und  Hopfengärten  anzulegen  und  nicht  nur,  wie  bisher  meistens,
Getreide,  sondern  auch  andere  Feldgewächse,  wie  Buchweizen,  Flachs,  Luzerne,
Kartoffeln,  Klee  und  Lupinen,  zu  bauen,  um  durch  Einführung  des  Fruchtwechsels
  die  Ertragsfähigkeit  des  Bodens  zu  erhöhen.  Den  Kartoffelbau
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  143

 

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        144  Zweiter  Zeitraum.

ließ  er  sogar  von  den  Kanzeln  herab  empfehlen,  verschenkte  ganze  Wagen—
ladungen  von  Pflanzkartoffeln  und  erreichte  es  so  teils  durch  Güte,  teils  durch
Zwang,  daß  diese  wichtige  Kulturpflanze  in  seinem  Staate  bald  allgemein
angebaut  wurde  und  in  den  Jahren  1771  und  1772,  als  das  Korn  mißriet,
viele  vor  dem  Hungertode  bewahren  half.  Um  die  Baumzucht  zu  heben,
richtete  er  in  der  Kurmark  Kreisgärtnereien  ein;  auch  suchte  er  den  Seidenbau
durch  Belohnungen  zu  fördern.  Zur  Verbesserung  der  Schafzucht  ließ  er
Merinowidder  aus  Spanien  kommen.  Ein  wichtiger  Schritt  zur  Hebung
des  Ackerbaues  war  auch  der  Beginn  der  Gemeinheitsteilung  und  Zusammenlegung
  der  Ländereien.  Im  ganzen  ging  das  Volk  schwer  auf  die  vom
Könige  beabsichtigten  Verbesserungen  ein,  so  daß  er  (1768)  unwillig  schrieb:
„Diese  Nation  ist  schwerfällig  und  faul.  Die  Menschen  bewegen  sich,  wenn
man  sie  antreibt,  und  halten  still,  wenn  man  einen  Augenblick  aufhört,  sie
zu  stoßen;  jeder  erachtet  nur  die  Gebräuche  seiner  Bäter  für  gut."“

Die  Bauern  würden  der  vom  Könige  ihnen  gegebenen  Anregung  leichter
gefolgt  sein,  wenn  ihr  Eifer  ihnen  selber  zu  gute  gekommen  wäre;  aber  ihr
Land  und  fast  ihre  ganze  Arbeitskraft  gehörte  dem  Gutsherrn.  Friedrich
konnte  hierin  wenig  ändern.  Er  versuchte  zwar  die  Erbunterthänigkeit  aufzuheben;
  aber  die  Stände  widersprachen  einmütig.  Woher  sollte  der  König
auch  die  Mittel  nehmen,  um  den  Adel  für  die  ihm  zugemuteten  Opfer  zu
entschädigen!  Auf  einigen  Domänen  in  Litauen  und  der  Neumark  befreite
er  die  Bauern;  da  gingen  sie  vielfach  davon  nach  besseren  Gegenden,  andere
verkauften  sogar  den  ihnen  als  Eigentum  überwiesenen  Hof  und  entwichen
mit  dem  Gelde.  Konnte  also  der  König  die  Bauern  auch  nicht  frei  machen,
so  suchte  er  doch  ihre  Lage  zu  erleichtern.  Er  befahl,  jeden  Amtmann
(d.  i.  Domänenpächter),  der  einen  Bauern  mit  dem  Stocke  geschlagen  habe,
sechs  Jahre  auf  die  Festung  zu  bringen,  wenn  er  sonst  auch  gut  wirtschafte
und  seine  Pacht  im  voraus  zahle.  Die  Bauern  sollten  fortan  wöchentlich
nur  drei  Tage  für  den  Gutsherrn  frönen.  Als  der  König  einst  durchs
Feld  fuhr,  stellten  sich  die  Bauern,  welche  dort  mit  Roggenmähen  beschäftigt
waren,  zu  beiden  Seiten  des  Weges  auf  und  strichen  grüßend  ihre  Sensen,
während  ihr  König  durch  ihre  Reihen  dahinfuhr:  es  war  der  Dank  der  einfachen
  Leute.  Auf  diesen  Fahrten  mußten  die  Amtleute  neben  dem  Wagen
des  Königs  reiten  und  über  alles  Auskunft  geben.

Dem  Ackerbau  und  dem  Binnenhandel  zugleich  suchte  der  König  durch
den  Bau  von  Kanälen  zu  dienen.  Bereits  1743—1745  ließ  er  den
Plaueschen  Kanal  zwischen  Havel  und  Elbe,  1744—1746  den  Finow-Kanal
  zwischen  Havel  und  Oder  anlegen.  Schon  1740  wurde  der  Swinekanal
  und  1746  die  Stadt  Swinemünde  erbaut.  Die  Oderschiffe  konnten
seitdem  auf  dem  kürzesten  Wege  ins  Meer  gelangen  und  brauchten  nicht  mehr
in  Wolgast  den  Schweden  Zoll  zu  entrichten.  Stettin  wurde  dadurch  für
Preußen  der  wichtigste  Einfuhrhafen  für  fremde  Waren  und  blühte  rasch  auf.
Gleich  nach  dem  Siebenjährigen  Kriege  wurde  der  Johannisburger  Kanal
gebaut,  der  die  masurischen  Seen  in  einer  Länge  von  zwölf  Meilen  verbindet;
  nach  der  ersten  Teilung  Polens  wurde  zwischen  Brahe  und  Netze  der
Bromberger  Kanal,  zur  Verbesserung  der  Memelschiffahrt  (1778)  der
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  145

Gilgekanal  angelegt  und  (1783)  durch  den  Kraffohlkanal  eine  schiffbare
Verbindung  Elbings  mit  der  Nogat  hergestellt.  Zur  Unterstützung  des  Handels
gründete  Friedrich  der  Große  in  Berlin  (1765)  die  „Königliche  Bank“
mit  Zweigbanken  in  den  Provinzen,  die  den  Geschäftsleuten  Geld  zu  billigen
Zinsen  lieh,  sowie  (1772)  die  Seehandlungsgesellschaft,  die  den  auswärtigen
  Handel  unterstützen  sollte.  Emden  ward  für  einen  Freihafen  erklärt,
und  der  König  errichtete  dort  eine  asiatische  und  eine  bengalische  Handelsgesellschaft
  und  rief  die  dortige  Heringsfischerei  wieder  ins  Leben,  leider  ohne
dauernden  Erfolg.  Im  ganzen  aber  war  der  preußische  auswärtige  Handel
einträglich:  die  Ausfuhr  betrug  jährlich  etwa  fünfzehn  Millionen  Mark  mehr
als  die  Einfuhr.  Damit  den  armen  Leuten  das  Brot  nicht  verteuert  werde,
gestattete  der  König  die  Getreideausfuhr  nur,  wenn  der  Scheffel  Roggen  in
Berlin  nicht  über  drei  Mark  kostete;  „denn,“  sagte  er,  „ich  bin  von
Amts  wegen  der  Sachwalter  der  Armen.“  Deshalb  errichtete  er
außer  den  Vorratshäusern  für  das  Heer,  in  welchen  stets  das  für  einen
Feldzug  erforderliche  Korn  aufgespeichert  lag,  auch  noch  Speicher,  in  welchen
er  das  Korn  der  billigen  Jahre  sammelte.  Durch  diese  Einrichtung  hielt  er
die  Kornpreise  zum  Wohle  der  Landwirtschaft  und  besonders  der  ärmeren
Bevölkerung  stets  in  bestimmten  Schranken.

Als  ergiebigste  Geldquelle  des  Staates  betrachtete  der  König  die  Gewerbthätigkeit;
  deshalb  war  er  auch  auf  die  Förderung  derselben  eifrig  bedacht.
Was  man  im  Lande  brauchte,  sollte  man  dort  möglichst  auch  erzeugen,  dem
Auslande  wenige  Waren,  aber  viel  Geld  abnehmen.  Er  ließ  zu  diesem  Zwecke
fremde  Handwerker  und  Fabrikanten  ins  Land  kommen,  welche  die  Einheimischen
  unterrichten  und  so  die  bisher  in  Preußen  unbekannten  Gewerbe
einführen  sollten,  und  schützte  die  einheimische  Industrie  durch  hohe  Eingangszölle
  und  durch  das  Verbot  fremder  Waren.  Auf  seinen  Reisen  hatte  er  auch
dafür  ein  scharfes  Auge,  ob  es  hier  oder  da  an  gewerblichen  Anlagen  fehle;
er  ermunterte  nicht  nur  zur  Einrichtung  derselben,  sondern  legte  auch  einige
auf  Staatskosten  an.  Durch  ihn  wurde  die  Zuckersiederei,  Papierbereitung,
Kattundruckerei,  Seidenweberei,  Baumwollspinnerei  und  -weberei  sowie  die
erste  Spinnmaschine  mit  Dampfbetrieb  in  Preußen  eingeführt.  Thüringische
Arbeiter  verpflanzten  das  heimische  Stahlgewerbe  nach  Neustadt-Eberswalde.
Um  Schlesiens  Leinenindustrie  zu  heben,  legte  er  dort  Spinnschulen  an;
schlesische  Leinwand  war  schon  damals  so  berühmt,  daß  sie  nach  Amerika  verschickt
  wurde.  Auch  die  Königliche  Porzellanfabrik  in  Berlin  verdankt  dem
Könige  ihre  Blüte;  sie  war  von  Gotzkowski  angelegt,  wurde  aber  vom  Könige
übernommen  und  beschäftigte  bald  500  Arbeiter;  ihr  Porzellan  konnte  mit
dem  der  berühmten  Fabriken  in  Meißen  und  Sevres  bei  Paris  wetteifern.  Im
Fürstentum  Minden  und  in  der  Grasschaft  Mark  wurden  neue  Salzquellen  entdeckt
und  ausgebentet;  um  billigeres  Heizmaterial  zu  erhalten,  ließ  der  König  die
Steinkohlenbergwerke  in  Oberschlesien  eifrig  abbauen,  wobei  schon  eine  Dampfpumpe
  verwendet  wurde,  und  bewilligte,  um  den  Gewerbfleiß  anzuspornen,
den  bei  gewerblichen  Unternehmungen  beschäftigten  Arbeitern  sogar  Freiheit
vom  Militärdienst.  «

Infolge  der  Hebung  von  Ackerbau,  Handel  und  Gewerbe  vermochte  das

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  10
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        146  Zweiter  Zeitraum.

Land  die  Lasten  zu  tragen,  welche  der  König  ihm  auferlegen  mußte,  wenn
Preußen  seine  errungene  Großmachtstellung  den  neidischen  Nachbarn  gegen—
über  behaupten  wollte.  Während  der  ersten  Hälfte  seiner  Regierung  hatte
er  an  dem  von  seinem  Vater  überkommenen  Steuerwesen  nichts  geändert;
nach  dem  Siebenjährigen  Kriege  aber  beschloß  er,  die  Accise,  die  schon  der
Große  Kurfürst  zur  Erhaltung  des  stehenden  Heeres  eingeführt  hatte,  stärker
heranzuziehen.  Die  notwendigsten  Lebensmittel,  wie  Getreide,  Mehl  und
Schweinefleisch,  blieben  als  die  gewöhnlichste  Nahrung  der  Armen  von  jeder
Steuer  frei;  dagegen  wurden  die  Luxusgegenstände  mit  einer  hohen  Steuer
belegt.  Die  ganze  Steuerverwaltung  wurde  der  sogenannten  „Regie“  übertragen,
  an  deren  Spitze  etwa  200  französische  Beamte  standen,  die  durch  die
gehässige  Art  der  Eintreibung  die  ohnehin  schon  drückenden  Steuern  noch
verhaßter  machten  und  sich  selber  die  Taschen  füllten.  Als  die  Zölle  und
Accisen  nicht  die  gehofften  Einnahmen  lieferten,  führte  der  König  das  in
Frankreich  damals  schon  bestehende  Tabaks=  und  Kaffeemonopol  ein.
Tabak  und  Kaffee  konnten  die  Kaufleute  fortan  nur  von  der  Regierung  zu
einem  bestimmten,  hohen  Preise  erhalten,  und  die  Steuerbeamten  hatten  das
Recht,  die  Häuser  nach  steuerpflichtigen  Waren,  besonders  nach  eingeschmuggeltem
Kaffee  zu  durchsuchen.  Auf  die  Klage  des  Volkes  über  die  hohe  Kaffeesteuer
  erwiderte  der  König:  „Die  Leute  mögen  sich  doch  wieder  an  das  Bier
gewöhnen,  ich  bin  in  meiner  Jugend  auch  mit  Biersuppe  erzogen;  Bier  ist
viel  gesunder  als  Kaffee.“  Auch  durch  den  Spott  des  Volkes  ließ  er  sich
nicht  beirren.  Einst  betrachtete  die  Menge  ein  angeschlagenes  Bild,  auf
welchem  der  König  abgebildet  war,  wie  er,  auf  einem  Schemel  sitzend,  die
Kaffeemühle  drehte.  Als  Friedrich  es  sah,  rief  er:  „Hängt  es  doch  niedriger,
damit  die  Leute  sich  nicht  den  Hals  auszurecken  brauchen!“  Sofort  brach
die  Menge  in  lauten  Jubel  aus  und  zerriß  das  Bild.  Zur  Freude  seines
Volkes  entließ  er  übrigens  die  französischen  Beamten  wieder,  die  er  selber
als  „lauter  Schurkenzeug“  erkannt  hatte.

Uber  die  Hälfte  sämtlicher  Staatseinnahmen  verwandte  Friedrich  der
Große  auf  das  Heer,  das  er  auf  200000  Mann  brachte.  Die  Soldaten
wurden  teils  im  Lande  ausgehoben,  teils  im  Auslande  geworben;  die  Ausländer
  blieben  während  des  ganzen  Jahres  bei  der  Fahne,  während  die  Inländer
  nur  einige  Monate  dienten.  Die  größeren  Städte,  auch  einzelne
Länder,  wie  Ostfriesland,  Mörs,  Geldern  und  Kleve,  und  ganze  Bevölkerungsschichten,
  wie  Beamte,  Kaufleute,  Fabrikanten  und  größere  Handwerker,  waren
von  dem  Militärdienst  befreit.  Für  die  Bildung  der  Offiziere  sorgten  mehrere
Kadettenanstalten;  alljährlich  überzeugte  sich  der  König  durch  Besichtigungen
und  Manöver  von  der  Schlagfertigkeit  des  Heeres.

Trotz  der  großen  Ausgaben  für  das  Heer  hatte  Friedrich  der  Große
für  alle  nützlichen  Unternehmungen  stets  Geld;  denn  er  gebrauchte  für  seinen
eigenen  Haushalt  sehr  wenig.  Je  älter  er  wurde,  desto  mehr  schränkte  er
sich  ein;  er  gab  keine  glänzenden  Feste,  kaufte  sich  keine  prächtigen  Kleider
und  behalf  sich  zuletzt  mit  nur  sechs  Dienern,  während  andere  Fürsten  deren
Hunderte  hatten.  „Da  Preußen  arm  ist.“  sagte  er,  „so  muß  der  König
dieses  Landes  sparsam  sein.  Giebt  er  das  Beispiel  der  Verschwendung,  so
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.

147

 

 

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Truppenbesichtigung  unter  Friedrich  dem  Großen.
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        148  Zweiter  Zeitraum.

werden  seine  Unterthanen,  die  arm  sind,  ihm  nachzuahmen  suchen  und  sich
ruinieren.“  Zur  Förderung  des  Ackerbaus,  des  Handels  und  der  Gewerbe
hat  Friedrich  der  Große  140  Millionen  Mark  aufgewandt.  Mit  Recht  konnte
er  im  Alter  sagen:  „Der  Staat  ist  reich,  ich  aber  bin  arm.“

Friedrich  der  Große  verdankt  seine  große  Volkstümlichkeit  neben  seinen
großen  Kriegsthaten  vor  allem  seiner  unparteilichen  Rechtspflege.  Auf  dem
Lande  lag  sie  meistens  in  den  Händen  von  rechtsunkundigen  Amtleuten,  die
sie  als  eine  Einnahmequelle  ansahen.  Auch  die  schlecht  besoldeten  Räte  der
höheren  Gerichte  waren  auf  Nebeneinnahmen  angewiesen,  die  Rechtsanwälte
meistens  unwissend.  „Das  Volk  hatte  sich"  nach  des  Königs  eigenen  Worten
„gewöhnt,  die  Gesetze  zu  umgehen;  schamlos  trieben  die  Advokaten  ihren
Handel  mit  Treu  und  Glauben.  Allezeit  gewann  der  Reiche  seinen  Prozeß
gegen  den  Armen“;  ja  diesem  war  wegen  der  Langwierigkeit  und  Kostspieligkeit
  der  Prozesse  die  Beschreitung  des  Rechtsweges  kaum  möglich.
Friedrich  Wilhelm  I.  hatte  in  einzelnen  Fällen  wohl  in  den  Gang  der  Rechtspflege
  eingegriffen,  aber  dadurch  dauernd  nichts  gebessert.

Friedrich  hat  bis  zu  seinem  Tode  an  der  Besserung  der  Rechtspflege
in  Preußen  gearbeitet.  Nach  den  Vorschlägen  des  Justizministers  Coccejie
wurde  gleich  nach  dem  Dresdener  Frieden  eine  Reform  des  Richterstandes,
des  Gerichtsverfahrens  und  der  Gesetzgebung  in  Angriff  genommen.  Schon
1747  erschien  der  Codex  Fridericianus,  ein  Gesetzbuch,  das  eine  neue  Gerichtsordnung
  enthielt.  Die  Rechtspflege  wurde  von  der  Verwaltung  getrennt
  und  nur  rechtskundigen  Leuten  übertragen;  die  Richter  an  den  Obergerichten
  wurden  so  besoldet,  daß  sie  sich  ganz  ihrem  Amte  widmen  konnten.
Die  Gerichte  erhielten  volle  Unabhängigkeit.  „Ich  habe  mich  entschlossen,“
sprach  der  König,  „den  Gang  der  Prozesse  niemals  zu  stören.  Die  Gesetze
müssen  sprechen  und  der  König  schweigen.“"  Dadurch  wurde  Preußen,  das
bislang  ein  Militärstaat  gewesen  war,  auch  zu  einem  Rechtsstaate.  Die
Gebühren  wurden  ermäßigt  und  der  Gang  der  Prozesse  durch  Einführung
des  mündlichen  Verfahrens  beschleunigt.  Die  Bestätigung  schwerer  Strafen,
besonders  der  Todesurteile,  behielt  sich  der  König  vor,  und  er  milderte  nicht
selten  die  Strase,  welche  einem  Armen  auferlegt  worden  war.  „Ich  will
ein  rechter  König  der  armen  Leute  sein,“  sagte  er  und  war  stets  geneigt,  dem
Geringen  gegen  den  Großen  beizustehen.  Dies  zeigte  sich  deutlich  in  dem
Prozeß  des  Müllers  Arnold.  Dieser  wollte  die  Pacht  nicht  zahlen,  weil  ihm
durch  Anlegung  eines  Karpfenteiches  das  Wasser  entzogen  sei;  dafür  wurde
ihm  nach  gerichtlichem  Urteil  die  Mühle  verkauft.  Auf  seine  Beschwerde  ließ
der  König  die  Sache  durch  einen  Offizier  untersuchen,  gab  dem  Milller  recht
und  bestrafte  die  Richter.  In  dem  Protokoll  über  diesen  Fall  sagt  der  König:
„Die  Justizkollegia  müssen  nur  wissen,  daß  der  geringste  Bauer,  ja  der  Bettler
ebensowohl  ein  Mensch  ist,  wie  Se.  Majestät,  und  dem  alle  Justiz  widerfahren
  muß,  indem  vor  der  Justiz  alle  Leute  gleich  sind,  es  mag  sein  ein
Prinz,  der  wider  einen  Bauer  klagt,  oder  auch  umgekehrt.  Ein  Justizkollegium,
das  Ungerechtigkeit  ausübt,  ist  gefährlicher  und  schlimmer  als  eine  Diebesbande.“"
  Dieser  Erlaß  erregte  im  In=  und  Auslande  die  freudigste  Begeisterung,
  die  auch  dann  nicht  schwand,  als  man  erfuhr,  daß  der  König  sich
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  149

 

 

 

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        150  Zweiter  Zeitraum.

vergriffen  und  der  Müller  Unrecht  gehabt  hatte.  Welches  Rechtsbewußtsein
jetzt  wieder  im  Volke  lebte,  zeigt  die  Erzählung  von  dem  Windmüller  in
Sanssouci,  der  dem  Könige,  als  dieser  ihm  seine  Mühle  gegen  eine  reichliche
Entschädigung  mit  Gewalt  nehmen  wollte,  erwidert  haben  soll:  „Ja,  wenn
in  Berlin  kein  Kammergericht  wäre!“  Ein  bleibendes  Denkmal  hat  sich  der
König  um  die  Rechtspflege  dadurch  erworben,  daß  er  besonders  durch  den
Großkanzler  und  Justizminister  Carmer  und  durch  dessen  Gehilfen  Suarez
gegen  Ende  seines  Lebens  ein  neues  Gesetzbuch  ausarbeiten  ließ,  das  Allgemeine
  preußische  Landrecht,  das  erste  Gesetzbuch  in  deutscher  Sprache,
das  „durch  die  Klarheit  der  aufgestellten  Bestimmungen  und  die  Reinheit
des  Ausdruckes  alles  übertraf,  was  früher  in  Deutschland  in  der  Gesetzgebung
  geleistet  worden“.  Der  Franzose  Mirabeau  urteilte  über  dies  Gesetzbuch:
  „Mit  diesem  Werke  ist  Preußen  dem  übrigen  Europa  um  ein  Jahrhundert
  voraus!“  Den  fertigen  Gesetzentwurf  ließ  der  König  veröffentlichen
  und  setzte  für  Verbesserungen  desselben  Preise  aus;  1794  trat  es  in
Kraft  und  hat  bis  1900  die  Hauptgrundlage  des  in  Preußen  geltenden  Rechts
gebildet.

Vor  dem  Ende  des  Siebenjährigen  Krieges  fand  Friedrich  weder  Zeit
noch  Mittel,  sich  des  Schulwesens  thatkräftig  anzunehmen;  aber  er  widmete
ihm  doch  seine  stete  Aufmerksamkeit  und  schärfte  gleich  in  den  ersten
Jahren  seiner  Regierung  die  Verordnungen  seines  Vaters  über  das  Schulwesen
  wiederholt  ein,  besonders  den  Adligen,  dic  sich  der  Last,  in  ihren  Gutsdörfern
  Schulen  einzurichten,  zu  entziehen  suchten.  Mit  Genehmigung  und
Unterstützung  des  Königs  errichtete  der  Prediger  Hecker  in  Berlin  1747  die
erste  Realschule  und  verband  mit  dieser  1748  ein  Lehrerseminar,  das
Getzt  in  Köpenick)  vom  Staate  unterstützt  wurde,  und  der  König  bestimmte,
daß  alle  zur  Erledigung  kommenden  königlichen  Lehrer=  und  Küsterstellen
möglichst  mit  den  Zöglingen  dieses  Seminars  besetzt  werden  sollten.  Noch
vor  Abschluß  des  Hubertusburger  Friedens  sandte  Friedrich  der  Große  von
Leipzig  acht  sächsische  „Schulhalter“  nach  Berlin  und  ließ  sie  auf  den  königlichen
  Amtern  anstellen;  zugleich  verordnete  er,  daß  in  der  Kurmark  nur
solche  als  Lehrer  angestellt  werden  sollten,  welche  Hecker,  der  als  königlicher
Rat  an  die  Spitze  des  Volksschulwesens  gestellt  wurde,  dazu  vorgeschlagen
oder  wenigstens  für  tüchtig  befunden  habe.  In  demselben  Jahre  (17683)  erschien
das  von  Hecker  ausgearbeitete  „Generallandschulreglement  für  die  gesamte
  Monarchic“,  das  als  Grundlage  des  gesamten  neueren  Schulwesens
angesehen  werden  kann  und  in  mancher  Beziehung  noch  heute  gesetzliche  Kraft
besitzt.  Neue  Seminare  wurden  gegründet  in  Pr.-Eylau,  Minden  und  Halberstadt;
  damit  war  ein  wichtiger  Schritt  gethan,  einen  Lehrerstand  zu  schaffen.
Das  Allgemeine  Landrecht  erklärte  dann  die  Schulen  für  Staatsanstalten.
Wie  Hecker  für  das  evangelische,  so  wirkte  Abt  von  Felbiger  segensreich
für  das  katholische  Schulwesen  Schlesiens,  dessen  Leitung  ihm  der  König
übertrug;  er  arbeitete  für  diese  Schulen  ein  Landschulreglement  aus,  und
durch  seinen  Einfluß  entstanden  in  Schlesien  die  katholischen  Seminare  Breslau
und  Habelschwerdt.  Von  den  Adligen  kam  keiner  der  Aufforderung  des
Königs,  sich  der  Schulen  anzunehmen,  in  so  segensreicher  Weise  nach  wie
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  151

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Der  alte  Fritz  in  Sanssouci.
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        152  Zweiter  Zeitraum.

Eberhard  von  Rochow,  der  auf  seinem  Gute  Reckahn  eine  Musterschule
einrichtete  und  das  erste  Volksschullesebuch,  den  Kinderfreund,  schrieb.  Im
ganzen  unterstützte  der  Adel  den  König  nicht  genügend,  und  die  Bauern
schickten  ihre  Kinder  zum  Teil  nur  gezwungen  zur  Schule;  selbst  königliche
Behörden  ließen  es  oft  an  dem  nötigen  Interesse  fehlen.  Deshalb  erlahmte
zuletzt  des  Königs  Eifer,  und  während  er  früher  die  Invaliden  vom  Lehrer—
beruf  ausgeschlossen  hatte,  ließ  er  sie  später  wieder  zu,  falls  sie  sich  dazu
eigneten.  ·  ·

Die  Kirche  erfreute  sich  unter  Friedrich  dem  Großen  einer  weitgehenden
Selbständigkeit;  er  sah  nur  darauf,  daß  keine  Konfession  auf  das  Gebiet  der
anderen  oder  des  Staates  übergriff  (S.  112).  Doch  wußte  er  den  Wert
der  Religion  wohl  zu  schätzen  und  ermahnte  wiederholt,  die  Jugend  zu  wahrer
Gottesfurcht  zu  erziehen.  Wenn  ihm  die  besonderen  Lehrmeinungen  der  christlichen
  Bekenntnisse  auch  bedeutungslos  erschienen,  so  hielt  er  doch  die  Grundwahrheiten
  des  Christentums  fest.  Auf  seinen  Befehl  hieß  es  fortan  im
Kirchengebet:  „Laß  dir,  o  Gott,  empfohlen  sein  deinen  Knecht,  unsern  König!“
Um  die  Arbeitszeit  zu  verlängern,  hob  er  den  dritten  Feiertag  der  drei
hohen  Feste  sowie  von  den  vier  Bußtagen  drei  auf  und  strich  ebenso  den
Katholiken  siebzehn  Feiertage.  Weil  die  Jesuiten  sich  um  den  Jugendunterricht
  verdient  machten,  behielt  er  sie  im  Lande,  obwohl  der  Papst  (1773)
den  Orden  aufhob.

Kunst  und  Wissenschaft  förderte  Friedrich  durch  Erbauung  des  Opernhauses,
  des  heutigen  Universitätsgebäudes  und  der  Bibliothek  sowie  durch
die  Standbilder  seiner  Helden  Schwerin,  Seydlitz,  Keith  und  Winterfeldt;  bei
Potsdam  entstanden  Saussouci,  das  Neue  Palais  und  schöne  Garten=  und
Parkanlagen.  Schauspiel  und  Oper  unterstützte  er  freigebig,  in  den  im
Schloß  abgehaltenen  Konzerten  blies  er  wohl  selber  die  Flöte.  Dieselbe
Fürsorge  erfuhr  die  Akademie;  leider  waren  die  Gelehrten  derselben  sowie
die  Schauspieler  meistens  Franzosen.  Von  Franzosen  erzogen,  hatte  der
König  schon  frühzeitig  Vorliebe  für  ihre  Sprache  und  Litteratur  sowie  für
einige  geistreiche  Franzosen  gewonnen;  doch  war  er  nicht  ein  Bewunderer
des  Franzosentums  überhaupt,  wie  sein  Wort  bezeugt:  „Die  Franzosen  sind
gar  zu  liederlich  und  machen  lauter  liederliche  Sachen.“  Aber  er  schrieb
und  sprach  am  liebsten  französisch.  Die  deutsche  Litteratur  seiner  Jugend
vermochte  ihn  allerdings  nicht  zu  fesseln;  mit  den  späteren  Werken  seiner
Zeitgenossen  sich  eingehend  zu  beschäftigen,  dazu  fehlte  ihm  Muße  und  Neigung.
Klopstocks,  Gleims,  Kleists  Werke  beachtete  er  nicht;  selbst  die  Bedeutung
Lessings  und  Goethes  blieb  ihm  verborgen.  Dennoch  dachte  er  echt  deutsch,
und  „der  erste  wahre  und  höhere  Lebensgehalt,“  sagt  Goethe,  „kam  durch
Friedrich  den  Großen  und  die  Thaten  des  Siebenjährigen  Krieges  in  die
deutsche  Poesie.“  Auch  als  Schriftsteller  hat  sich  Friedrich  der  Große  einen
Namen  gemacht.  Außer  Gedichten,  vielen  Briefen,  philosophischen  und  staatswissenschaftlichen
  Schriften  hat  er  eine  „Geschichte  des  Siebenjährigen  Krieges"
und  eine  „Geschichte  meiner  Zeit“  hinterlassen.  Uber  die  deutsche  Sprache
und  Litteratur  urteilte  er:  „Was  ist  rühmlicher  für  einen  Deutschen,  als  rein
deutsch  zu  schreiben  und  zu  sprechen.  Wir  werden  unsere  klassischen  Schrift-
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        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  153

steller  haben,  jeder  wird  sie  lesen  und  sich  daran  bilden,  unsere  Nachbarn
werden  deutsch  lernen,  an  den  Höfen  wird  man  es  mit  Lust  sprechen.“

„Er  spricht's  und  ahnet  nicht,  daß  jene  Morgenröte

Den  Horizont  schon  küßt,  daß  schon  der  junge  Goethe

Mit  seiner  Rechten  fast  den  vollen  Kranz  berührt,

Er,  der  das  scheue  Kind,  noch  rot  von  süßem  Schrecken,

Die  deutsche  Poesie,  aus  welschen  Taxushecken

Zum  freien  Dichterwalde  führt.“  (Geibel.)

4.  Ruswärtige  Derhälkunisse  nach  dem  Siebenjährigen
Rriege.

Friedrich  der  Große  stand  nach  dem  Kriege  unter  den  europäischen
Großmächten  vereinsamt.  Er  erkannte  die  Gefahr,  welche  ihm  daraus  erwachsen
  konnte;  deshalb  suchte  er  sich  Rußland  zu  nähern  und  schloß  mit
Katharina  II.  ein  Bündnis,  in  welchem  sie  sich  gegenseitig  ihren  Länderbesitz
verbürgten.  Die  nächste  Veranlassung  zu  gemeinsamem  Handeln  gab  Polen.
Dieses  große  Land  —  fast  viermal  so  groß  als  Preußen  —  war  gänzlich
heruntergekommen  durch  die  maßlosen  Vorrechte  des  Adels,  der  den  König
ganz  von  sich  abhängig  gemacht,  die  Gesetzgebung  und  Landesverwaltung
in  seine  Gewalt  gebracht,  die  freien  Bürger  verdrängt  hatte  und  die  verarmten
  Bauern  in  stklavischer  Unterwürfigkeit  hielt.  Die  russische  Regierung
besaß  durch  Geld  großen  Einfluß  im  Lande,  und  Katharina  war  entschlossen,
dasselbe  ganz  in  ihre  Gewalt  zu  bringen.  Welche  Gefahr  lag  darin  für
Preußen!  Jedenfalls  durfte  es  Westpreußen  nicht  in  russische  Hände  fallen
lassen.  Nach  Augusts  III.  Tode  (1764)  setzte  es  Katharina  durch,  daß  einer
ihrer  Günstlinge,  der  polnische  Edelmann  Stanislaus  Poniatowski,  zum
Könige  von  Polen  gewählt  wurde.  Weil  dieser  aber  auf  Verlangen  der
fremden  Mächte  den  evangelischen  und  griechisch-katholischen  Christen  Religionsfreiheit
  gewährte,  brach  in'’  Polen  der  Bürgerkrieg  aus.  Sofort  rückten
russische  Truppen  ein  und  besiegten  die  Aufständischen.  Hierüber  wurde  auch
Osterreich  besorgt;  daher  kam  eine  Annäherung  Friedrichs  II.  an  Kaiser
Joseph  II.  zustande,  die  in  einer  persönlichen  Zusammenkunft  in  Neiße  sich
dahin  einigten,  den  Ubergriffen  Rußlands  in  Polen  gemeinsam  entgegentreten
zu  wollen.  Jetzt  war  Katharina  willig,  auf  einen  von  Friedrich  schon  früher
gemachten,  aber  von  ihr  nicht  angenommenen  Vorschlag  einer  Teilung  Polens
einzugehen.  Bei  der  1772  vorgenommenen  ersten  Teilung  Polens  erhielt
Osterreich  Galizien  und  Lodomirien,  Rußland  Litauen,  Preußen  das
frühere  deutsche  Ordensland  (S.  41)  Westpreußen,  das  Bistum  Ermeland
und  den  Netzedistrikt,  doch  ohne  Danzig  und  Thorn,  die  noch  polnisch  blieben.
Preußens  Anteil  betrug  etwa  nur  ein  Sechstel  des  verteilten  Gebiets,  aber
er  war  wegen  seiner  Lage  und  seiner  der  Herkunft  nach  fast  ganz  deutschen
Bevölkerung  sehr  wertvoll.

Die  neue  Provinz  erhielt  den  Namen  Westpreußen,  und  Friedrich
naunte  sich,  weil  er  jetzt  ganz  Preußen  besaß,  seitdem  nicht  mehr  König  in,
sondern  von  Preußen.  Wie  früher  Schlesien,  so  wandte  er  jetzt  Westpreußen
seine  besondere  Pflege  zu.  Es  war  ein  ödes,  verkommenes  Land  mit  einem
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        154  Zweiter  Zeitraum.

zuchtlosen,  armen,  aber  übermütigen  Adel  und  einem  vertierten  Bauernstande.
Auf  1  ckm  wohnten  nur  15  Menschen,  drei  Fünftel  der  Bevölkerung
schmachteten  in  drückender  Leibeigenschaft.  Außer  den  Juden,  die  den  Handel
und  das  Handwerk  in  Händen  hatten,  gab  es  kaum  Bürger.  Im  ganzen
Lande  war  weder  Post  noch  Apotheke;  auch  das  Spinnrad  war  unbekannt.
Selbst  viele  Adlige  konnten  weder  lesen  noch  schreiben;  Männer  und  Frauen
erlagen  dem  Branntwein.  Friedrich  sandte  in  diese  Wildnis  seine  zuverlässigsten
  und  tüchtigsten  Beamten,  allein  187  Lehrer.  Das  Land  wurde  in
Kreise  geteilt;  jeder  Kreis  erhielt  einen  Landrat,  Gericht,  Post  und  Sanitätspolizei;
  Kirchen=  und  Schulgemeinden  wurden  ins  Leben  gerufen,  die  Jesuiten-=kollegien
  in  Gymnasien  umgewandelt;  die  Evangelischen  erhielten  Glaubensfreiheit.
  Die  Leibeigenschaft  hob  der  König  auf;  an  die  Stelle  der  bisherigen
  Willkür  des  Adels  trat  das  Gesetz,  und  durch  Einführung  des  Schulzwanges
  wurde  allmählich  auch  das  niedere  Volk  der  Stumpfbeit  entrissen.
Aber  dauernd  konnte  nur  durch  umfassende  Ansiedelung  deutscher  Einwanderer
geholfen  werden.  Den  Anfang  machten  die  Tausende  fremder  Arbeiter,  welche
an  dem  Bromberger  Kanal  arbeiteten  (S.  144).  Im  ganzen  siedelte  der
König  hier  11.000  Deutsche  an;  die  meisten  derselben  waren  Württemberger.
Unablässig  trieb  der  König,  lobte  und  schalt;  wie  eifrig  seine  Beamten  auch
waren,  sie  thaten  ihm  selten  genug.  Aber  auch  an  Geld  ließ  er's  nicht
fehlen;  im  ganzen  hat  er  für  Westpreußen  über  20  Millionen  Mark  aufgewandt.
  Dafür  hatte  er  aber  auch  die  Freude,  daß  das  Land  allmählich
sich  erholte  und  deutsches  Wesen  in  demselben  die  Oberhand  gewann.

Die  rastlose  Thätigkeit  Friedrichs  des  Großen  reizte  andere  deutsche
Fürsten  zur  Nacheiferung  an,  besonders  Joseph  II.  Nachdem  er  vergeblich
versucht  hatte,  die  verrotteten  Zustände  des  Reichs  zu  bessern,  richtete  er  seinen
Eifer  auf  die  Erweiterung  der  österreichischen  Hausmacht,  um  einen  Ersatz
für  Schlesien  zu  gewinnen.  Im  Jahre  1777  starb  die  Bayrische  Linie  des
Hauses  Wittelsbach  aus,  und  es  mußte  Karl  Theodor  aus  dem  Hause  Pfalz-Sulzbach,
  Landesherr  von  Pfalz,  Jülich  und  Berg,  folgen,  der  aber  keine
erbberechtigten  Nachkommen  hatte  und  deshalb  nur  geringen  Wert  darauf
legte,  Bayern  zu  erlangen.  Joseph  II.  erhob  nun  ganz  unberechtigte  Erbansprüche
  auf  Bayern,  besetzte  das  Land  und  bewog  den  verschwenderischen
Karl  Theodor  leicht,  ihm  gegen  eine  große  Geldentschädigung  zwei  Dritteile
desselben  abzutreten.  Frankreichs  Zustimmung  wollte  man  durch  die  Abtretung
  Luxemburgs  gewinnen.

Da  protestierte  der  Erbe  Karl  Theodors,  Karl  von  Pfalz-Zweibrücken,
auf  Friedrichs  Veranlassung  gegen  diesen  Handel  und  rief  Friedrich  um  Hilfe
an;  als  Joseph  den  Raub  noch  nicht  fahren  lassen  wollte,  zog  der  schon
alternde  König  noch  einmal  das  Schwert  und  fiel  mit  zwei  Heeren  in
Böhmen  ein.  Damit  begann  der  Bayrische  Erbfolgekrieg  (1778).  Aber
weder  Friedrich  noch  Maria  Theresia  hatten  rechte  Lust  zum  Kriege;  deshalb
schlossen  sie,  ohne  daß  es  zu  großen  Schlachten  kam,  schon  im  folgenden
Jahre  den  Frieden  zu  Teschen,  in  welchem  nur  das  Innviertel  an  Österreich
  abgetreten  wurde.  Zwar  hatte  dieser  „Kartoffelkrieg"  Preußen  nicht
unbedentende  Opfer  an  Geld  und  wegen  mangelhafter  Verpflegung  auch  an
        <pb n="161" />
        4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  155

Menschenleben  gekostet,  dafür  hatte  es  aber  auch  die  Zuneigung  vieler  kleiner
deutscher  Fürsten  gewonnen,  die  der  vergrößerungssüchtigen  habsburgischen
Macht  gegenüber  in  ihm  einen  Beschützer  erkennen  mußten.

Beim  Friedensschluß  hatte  Friedrich  die  Vermittelung  der  Kaiserin
Katharina  angerufen,  die  auch  entschieden  für  ihn  eingetreten  war.  Hierdurch
belehrt,  bemühte  sich  seitdem  Joseph  II.  eifrig,  die  Gunst  der  russischen
Kaiserin  zu  gewinnen,  und  es  gelang  ihm,  ihre  Zustimmung  zu  seinen  Vergrößerungsplänen
  in  Deutschland  zu  erlangen,  wofür  er  sie  in  ihren  Anschlägen
  auf  das  türkische  Reich  zu  unterstützen  versprach.  Dann  wusßte  er
Karl  Theodor  zu  bewegen,  ihm  Bayern  abzutreten,  wofür  dieser  die  österreichischen
  Niederlande  als  Königreich  Burgund  erhalten  sollte.  Karl  von
Pfalz-Zweibrücken  wandte  sich  sofort  mit  der  Bitte  um  Hilfe  an  Friedrich,
und  dieser  erhob  nicht  nur  Einsprache  gegen  den  beabsichtigten  Ländertausch,
  wodurch  er  diesen  vereitelte,  sondern  benutzte  auch  die  Verstimmung
der  übrigen  deutschen  Fürsten  gegen  Osterreich,  indem  er  Hannover,  Sachsen,
Braunschweig,  Mainz,  Baden,  Weimar,  Hessen-Kassel  u.  a.  bewog,  mit  Preußen
einen  deutschen  Fürstenbund  zu  schließen.

5.  Jriedrichs  des  Großen  Tebensabend.

Friedrich  der  Große  wußte  sich  die  Liebe  seines  Volkes  und  die  Achtung
Europas  bis  zu  seinem  Tode  zu  bewahren.  Aber  immer  einsamer  wurde
das  Leben  um  ihn;  einer  nach  dem  andern  von  seinen  Freunden  starb  dahin,
Seydlitz  und  Quanz  schon  im  Jahre  1773;  Prinz  Heinrich  lebte  meistens
auf  dem  ihm  vom  Könige  geschenkten  Schloß  Rheinsberg.  Obwohl  der  König
seine  Gemahlin  hochschätzte,  konnte  er  sich  doch  nicht  entschließen,  mit  ihr  zusammen
  zu  wohnen.  Da  er  wegen  fehlender  Vorderzähne  die  Flöte  nicht
mehr  blasen  konnte,  hörten  auch  die  Konzerte  in  Sanssouci  auf;  er  suchte
fortan  Erholung  im  Lesen,  im  Gespräch  mit  den  ihm  gebliebenen  Freunden
und  auf  Spaziergängen,  auf  denen  ihn  seine  Windspiele  begleiteten.

.  Ein  herzliches  Verhältnis  bestand  zwischen  dem  Könige  und  Zieten.  Einst  schlum—
merte  der  alte  Held  an  der  königlichen  Tafel  ein;  als  aber  die  Höflinge  ihn  wecken
wollten,  sprach  der  König:  „Laßt  ihn  schlafen!  Er  hat  oft  genug  für  uns  gewacht.“
Noch  ein  Jahr  vor  seinem  Tode  erschien  der  greise  Zieten  mit  den  übrigen  Generalen
bei  der  Parole  im  Schloß.  Der  König  reichte  ihm  die  Hand,  bedauerte,  daß  er  die
Treppen  habe  heraufsteigen  müssen,  und  fragte  ihn  nach  seiner  Gesundheit.  Zieten
erwiderte:  „Die  ist  gut;  aber  ich  fühle  doch,  daß  die  Kräfte  schwinden."  —  „Das
Stehen  muß  Ihm  schwer  fallen,“  sprach  der  König,  „geschwind  einen  Sessel  für  Vater
Zieten!“  Als  der  alte  Held  sich  durchaus  nicht  setzen  wollte,  während  sein  König
sich  mühsam  auf  seinen  Krückstock  stützte,  erklärte  Friedrich  bestimmt:  „Setz'  Er  sich,
alter  Vater,  sonst  gehe  ich!  Ich  will  Ihm  durchaus  nicht  lästig  werden.“  Die  alten
Kriegskameraden  durften  sich  dem  Könige  gegenüber  auch  wohl  ein  freies  Wort  erlauben.
  Als  der  König  einst  den  französischen  Witz  sehr  rühmte,  sprach  General
von  Lettow:  „Wir  haben  viel  bessere  Witze  als  die  Franzosen  “  und  als  der  König
das  nicht  zugeben  wollte,  fuhr  der  General  fort:  „Da  ist  zuerst  Mollwitz,  wo  Eure
Majestät  die  erste  Bataille  gewann.  Ferner  haben  wir  Bunzelwitz,  wo  Eure  Majestät
so  sicher  saßen  wie  in  Abrahams  Schoß.  Dort  sitzt  mein  Freund  Prittwitz,  der  Eure
Majestät  bei  Kunersdorf  das  Leben  rettete,  und  hier  Lestwitz,  der  mit  seinen  Grenadieren
  stets  den  Nagel  auf  den  Kopf  getroffen  hat.  Das  sind  preußische  Witze;  mit
den  französischen  kann  man  keinen  Lund  vom  Ofen  locken.“  Der  König  verstand
ihn  und  sagte:  „Er  hat  recht,  lieber  Lettowl!“
        <pb n="162" />
        156  Zweiter  Zeitraum.

Nach  Berlin  kam  der  König  in  den  letzten  Jahren  selten;  aber  wenn  er  kam,
war's  für  die  Stadt  ein  Festtag.  Die  Einwohner  standen  ehrfurchtsvoll  grüßend  vor
ihren  Häusern  und  zeigten  den  kleinen  Kindern  den  geliebten  Landesvater;  die  Schuljugend
  aber  drängte  sich  oft  so  nahe  an  den  König,  daß  sein  Pferd  kaum  durchkommen
konnte.  Als  er  aber  einst  am  Mittwochnachmittag  drohend  den  Krückstock  erhob  und
sagte:  „Ihr  Buben,  wollt  ihr  wohl  in  die  Schule!“  riefen  sie:  „Der  will  König  sein
und  weiß  noch  nicht,daß  heute  nachmittag  keine  Schule  ist!“

Daheim  und  auf  Reisen  ließ  sich  der  König  von  jedermann  sprechen,
und  er  hatte  für  Bedürftige  sowie  für  nützliche  Einrichtungen  stets  eine  offene
und  gefüllte  Hand;  damit  that  er  nach  seiner  Meinung  nur  seine  Schuldigkeit.
Als  ihm  einst  die  Greiffenberger  aus  Schlesien,  denen  er  ihre  abgebrannte
Stadt  hatte  wieder  aufbauen  helfen,  dafür  danken  wollten,

Da  stand  er  mit  der  Krücke,  so  hager  und  gebückte
Was  hat  in  seinem  Blicke  so  demanthell  gezückt?  ·
Er  sprach  —  es  klang  wie  Zanken  das  kurze  Wort  beinah:

„Ihr  habt  mir  nicht  zu  danken,  denn  davor  bin  ich  dal“
(H.  v.  Vlomberg.)

Der  Körper  des  „alten  Fritz“  war  bereits  gebengt;  nur  sein  großes,
klares  Auge  verriet  noch  seinen  feurigen  Geist.  Doch  mit  eiserner  Willenskraft
überwand  er  die  Schwächen  des  Leibes.  Als  ihm  vier  Jahre  vor  seinem
Tode  die  rechte  Hand  den  Dienst  versagte,  lernte  er  noch  mit  der  linken
schreiben.  Die  Arbeit,  seine  größte  Freude,  setzte  der  greise  König  noch  bis
zum  letzten  Atemzuge  fort.  „Ich  bin  der  erste  Diener  meines  Staates,“
sprach  er;  „ich  arbeite,  um  zu  leben;  denn  nichts  hat  mehr  Ahnlichkeit  mit
dem  Tode  als  der  Müßiggang.“  Noch  1785  besuchte  der  73  jährige  Held  die
Musterung  in  Schlesien,  wobei  er  trotz  des  Regens  sechs  Stunden  lang  zu
Pferde  saß.  Es  war  seine  letzte  Parade.  Neben  den  großen  politischen  Fragen
vergaß  er  auch  die  kleinsten  Verhältnisse  seiner  Unterthanen  nicht.  Er  sorgte
für  die  Verbesserung  der  Pferde=  und  Schafzucht,  erkundigte  sich,  ob  die  Bauern
auch  Mistgruben  anlegten  und  zur  rechten  Zeit  düngten,  ob  in  jedem  Dorfe
ein  Nachtwächter  sei,  ob  Sperlingsköpfe  abgeliefert  würden,  und  gab  selbst
den  Lumpensammlern  eine  Anweisung  zum  Sortieren  der  Lumpen.  Schon
seit  Jahren  litt  der  König  an  der  Gicht;  dazu  trat  in  den  letzten  Monaten
noch  die  Wassersucht.  Er  konnte  nun  nicht  mehr  liegen,  sondern  mußte  Tag
und  Nacht  auf  einem  Stuhle  sitzen.  Als  ihm  im  Januar  1786  das  Ableben
des  alten  Zieten  gemeldet  wurde,  schwieg  er  nachdenklich  eine  Weile;  dann
sagte  er:  „Im  Kriege  kommandierte  er  stets  die  Avantgarde,  ich  die  Hauptarmee;
  auch  im  Tode  ist  er  mir  vorangegangen:  ich  werde  ihm  bald  folgen."
Noch  am  zweiten  Tage  vor  seinem  Tode  erledigte  er  seine  Regierungsgeschäfte;
am  17.  August  1786  nahm  ihm  der  Tod  das  Scepter  aus  der  müden  Hand.
In  der  Garnisonkirche  zu  Potsdam,  an  der  Seite  seines  Vaters  fand  der
große  König  seine  letzte  Ruhestätte;  der  Entschlafene  hatte  sich  zwar  neben
dem  Schlosse  eine  Grabstätte  bereiten  lassen,  aber  sein  Nachfolger  fand  sie
des  großen  Toten  nicht  würdig.  Die  Nachricht  von  seinem  Tode  ging  erschütternd
  durch  die  Welt.  Selbst  Friedrichs  Feind,  Fürst  Kaunitz  in  Wien,
rief  aus:  „Wann  wird  wieder  ein  so  großer  König  das  Scepter  führen!“
und  ein  Bäuerlein  in  Schwaben  meinte:  „Wer  wird  nun  die  Welt  regieren?“
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        5.  Der  Niedergang  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  157

Friedrich  der  Große  hat  Preußen  von  2200  Quadratmeilen  mit  zweieinhalb
  Millionen  Einwohnern  auf  3500  Quadratmeilen  mit  fast  sechs  Millionen
  Einwohnern  und  das  Heer  von  83000  auf  200000  Mann  gebracht.
Preußen  war  durch  ihn  eine  Großmacht  geworden.  Die  Staatseinnahmen
  waren  verdreifacht,  und  der  Staatsschatz  enthielt  150  Millionen
Mark.  Im  ganzen  Lande  herrschte  unparteiliche  Rechtspflege  und  Gewissensfreiheit,
  Landwirtschaft,  Handel  und  Gewerbe  blühten.  Mit  folgenden  Worten
schließt  Friedrichs  Testament:  „Meine  letzten  Wünsche  in  dem  Augenblicke,
wo  ich  den  letzten  Hauch  von  mir  gebe,  werden  der  Wohlfahrt  dieses  Reichs
gelten.  Möge  es  stets  mit  Gerechtigkeit,  Weisheit  und  Nachdruck  regiert
werden;  möge  es  durch  die  Milde  seiner  Gesetze  der  glücklichste,  möge  es  in
Rücksicht  auf  die  Finanzen  der  am  besten  verwaltete,  möge  es  durch  ein  Heer,
das  nur  nach  Ehre  und  edlem  Ruhme  strebt,  der  am  tapfersten  verteidigte
Staat  sein!  Omöge  Preußen  in  höchster  Blüte  bis  an  das  Ende  der
Zeiten  fortdauern!“

5.  Der  Aliedergang  unter  Friedrich  ilhelm  II.
1286—1797.

1.  Die  inneren  DPerkhälknisse.

Da  Friedrichs  des  Großen  Ehe  kinderlos  und  sein  ältester  Bruder  August
Wilhelm  (S.  124)  bereits  verstorben  war,  so  folgte  ihm  dessen  ältester  Sohn  als
König  Friedrich  Wilhelm  II.

Er  war  einer  der  stattlichsten  —*

Männer  seines  Landes,  sehr  milde  "-"—"I"·«-"«-—
und  liebenswürdig;  daher  besaß  er
als  Prinz  die  Liebe  des  Volkes  in
hohem  Grade;  auch  seine  ersten
Regierungshandlungen  zeugten  von
großem  Wohlwollen  und  bezweckten,
manche  Härten  der  früheren  Regierung
  zu  mildern.  Die  in  dem  —
Arnoldschen  Prozeß  verurteilteer
Richter  wurden  für  unschuldig  erklärt,
  die  Regie,  das  Tabaks=  und
Kaffeemonopol  wurden  aufgehoben,
die  noch  dabei  beschäftigten  Franzosen
  entlassen.  Die  barbarische  ...
Bestrafung  der  Soldaten  wurde  Friedrich  Wilhelm  II.
streng  verboten;  für  die  Soldatenkinder

  wurde  in  Potsdam  eine  Garnisonschule  errichtet,  den  Invaliden  Verpflegung
  auf  Staatskosten  zugesichert.  Die  durch  eine  Feuersbrunst  eingeäscherte
Stadt  Küstrin  ließ  der  König  auf  Staatskosten  wieder  aufbauen.  Deutsche
Sprache,  deutsche  Gelehrte,  Dichter  und  Künstler  kamen  am  Hofe  wieder  zu
Ehren;  scharenweise  strömten  Beamte  und  Bürger  wieder  zu  den  Hoffesten.
        <pb n="164" />
        158  Zweiter  Zeitraum.

Das  nach  dem  Muster  der  athenischen  Propyläen  erbaute  Brandenburger
Thor  in  Berlin  mit  dem  berühmten,  von  Schadow  'modellierten  Vier—
gespann,  ein  Denkmal  deutscher  Bildhauer-  und  Baukunst,  wurde  (1793)
vollendet.  Der  durch  seine  Radierungen  und  Kupferstiche  berühmte  Chodo—
wiecki,  der  viele  Bücher  seiner  Zeit  mit  hübschen  Bildern  geschmückt  hat,
wurde  Direktor  der  Akademie  in  Berlin.  Auf  Vorschlag  des  verdienten
Ministers  von  Zedlitz  errichtete  der  König  das  Oberschulkollegium,  das
sämtliche  Schulen  des  Landes  beaufsichtigen,  jede  nach  ihrer  besonderen  Aufgabe
  einrichten  und  die  Bildung  und  Prüfung  der  Lehrer  überwachen  sollte.
Von  jetzt  ab  sollte  kein  Lehrer  mehr  angestellt  oder  befördert  werden,  der
nicht  seine  Fähigkeit  durch  Zeugnisse  nachweisen  könne.  Die  Zöglinge  der
höheren  Schulen  sollten  fortan  in  einer  besonderen  Prüfung  ihre  Reife  für
den  Besuch  einer  Universität  darlegen;  1789  fand  in  Preußen  die  erste  Maturitätsprüfung
  statt.  Der  Jesuitenorden  wurde  für  Preußen  aufgehoben;
seine  liegenden  Gründe  fielen  teils  katholischen  Schulen,  teils  der  Universität
Halle  zu.  Das  Allgemeine  Landrecht  (S.  150)  wurde  unter  Friedrich
Wilhelm  II.  1794  eingeführt.  Zur  Hebung  der  Landwirtschaft  und  zur.
Förderung  des  Verkehrs  ließ  der  König  den  Ruppiner  Kanal  graben;  1787
wurde  in  der  Grafsschaft  Mark  durch  Steins  (S.  180)  Bemühen  die  erste  Chaussee
in  Preußen,  1792  diejenige  zwischen  Berlin  und  Potsdam  erbaut.

Es  fehlte  dem  König  aber  die  weise  Sparsamkeit,  die  eiserne  Willensund
  die  unermüdliche  Arbeitskraft.  Von  seinem  Oheim  nur  wenig  in  die
Staatsgeschäfte  eingeführt,  gewährte  er  seinen  Räten  eine  zu  große  Selbständigkeit.
  Augendiener  wurden  seine  Günstlinge;  sie  brachten  ihn  bald  um
die  Gunst  des  Volkes  auch  in  solchen  Dingen,  bei  denen  der  König  die  besten
Absichten  hegte.  Zur  evangelischen  Kirche  z.  B.  stellte  er  sich  viel  freundlicher
als  sein  königlicher  Oheim:  er  nahm  nebst  den  Gliedern  des  königlichen  Hauses
wieder  regelmäßig  am  Gottesdienste  teil;  deshalb  hofften  viele  von  ihm  auch
eine  Besserung  der  religiösen  und  sittlichen  Verhältnisse  im  Lande.
Die  von  England  ausgegangene,  aber  in  Frankreich,  besonders  von  Voltaire
und  Rousseau,  weiter  entwickelte  Aufklärung  hatte  auch  in  Preußen  nicht
nur  Gleichgültigkeit  gegen  alles  Kirchliche,  sondern  sogar  freche  Religionsspötterei
  und  Gottlosigkeit  im  Handeln  erzeugt.  Am  verrufensten  waren  die
Berliner;  „die  Gebildeten  schämten  sich,“  wie  Hamann  erzählt,  „den  Namen
Jesu  in  den  Mund  zu  nehmen.“  Schon  Friedrich  der  Große  sagte  in  seinen
alten  Tagen:  „Ich  wollte  einen  Finger  darum  geben,  wenn  die  Berliner
wieder  so  sittenrein  wären,  wie  in  den  Tagen  meines  Vaters.“  Friedrich
Wilhelm  II.  suchte  das  Übel  durch  Machtgebote  zu  heilen,  indem  er  auf  den
Rat  des  Ministers  Wöllner  (1788)  ein  Religionsedikt  erließ:  allen  Geistlichen
  und  Lehrern  wurde  bei  Strafe  der  Amtsentsetzung  geboten,  sich  streng
an  die  Lehren  der  orthodoxen  Kirche  zu  halten;  sie  wurden  fortan  scharf  überwacht
  und  nur  Kandidaten  der  strenggläubigen  Richtung  angestellt.  Aber  eine
Besserung  wurde  nicht  erreicht,  nur  die  Heuchelei  befördert.  Ebensowenig  wirkte
das  Censuredikt,  durch  welches  man  die  leichtfertige  Presse  zu  unterdrücken
hoffte.  Beides  blieb  ohne  nachhaltige  Frucht,  weil  die  höheren  und  gebildeten
Stände  sich  dadurch  nicht  gebunden  fühlten  und  das  übelste  Vorbild  gaben.
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        5.  Der  Niedergang  unter  Friedrich  Wilhelm  II.

 

 

 

   
       
 
       
      

 

 

 

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159

Das  Brandenburger  Thor  zu  Berlin.
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        160  Zweiter  Zeitraum.

2.  Die  auswärkigen  Derkzälktnisse.

Die  Armee  schätzte  Friedrich  Wilhelm,  der  selber  ein  unerschrockener
Soldat  war,  hoch;  er  erkannte  auch,  daß  sie  nicht  mehr  auf  der  Höhe  der
Zeit  stand,  was  sich  auch  schon  im  Bayrischen  Erbfolgekriege  gezeigt  hatte;
aber  zu  einer  gründlichen  Wandlung  kam  es  nicht,  weil  die  alten  Befehlshaber
  zu  fest  an  den  von  Friedrich  dem  Großen  überkommenen  Formen
klebten.  Und  scheinbar  war  dazu  auch  keine  Veranlassung.  Denn  als  des
Königs  Schwester,  die  Gemahlin  des  Erbstatthalters  Wilhelm  V.  der  Niederlande,
  von  der  republikanischen  Partei  der  „Patrioten“  auf  einer  Reise  beleidigt
  worden  war,  ließ  Friedrich  Wilhelm,  nachdem  er  vergeblich  Genugthuung
  verlangt  hatte,  ein  Heer  in  Holland  einrücken,  das  in  wenigen  Tagen
die  Bürgerwehren  und  Freischaren  zur  Ruhe  brachte.  Doch  gereichte  dieser
Feldzug  Preußen  nur  zum  Schaden,  da  der  König  großmütig  auf  Ersatz  der
Kriegskosten  verzichtete  und  der  Wahn  von  der  Unüberwindlichkeit  des  preu-Pischen
  Heeres  sich  noch  vergrößerte.

Bald  drohte  ein  weit  gefährlicherer  Krieg.  Preußen  hatte  mit  der  von
Rußland  und  Österreich  stetig  bedrohten  Türkei  ein  Bündnis  geschlossen  und
sich  verpflichtet,  jenen  beiden  den  Krieg  zu  erklären,  um  rechtzeitig  einen  weiteren
Machtzuwachs  derselben  zu  verhüten.  Da  starb  (1790)  Joseph  II.,  und  sein
gewandter  Bruder  und  Nachfolger  Leopold  II.  (1790—1792)  wußte  Friedrich
Wilhelm  nicht  nur  zum  Frieden  zu  bewegen,  sondern  bald  nachher  sogar  zu
seinem  Bundesgenossen  zu  machen.  Minister  von  Hertzberg,  der  bis  dahin
die  äußere  Politik  nach  den  Uberlieferungen  Friedrichs  des  Großen  geleitet
hattet,  wurde  entlassen;  an  seine  Stelle  trat  Haugwitz,  ein  unfähiger,  charakterloser
  Mann,  was  um  so  verhängnisvoller  war,  als  man  unmittelbar  vor  dem
Ausbruch  gewaltiger  Kriege  stand,  die  das  ganze  Abendland  erschütterten.

Als  die  Revolution  in  Frankreich  alle  bestehenden  Verhältnisse
umgeworfen,  das  Königshaus  ins  Gefängnis,  Tausende  von  Edelleuten,
Priestern  und  Bürgern  aufs  Schafott  gebracht  und  auch  in  vielen  Deutschen
das  Verlangen  nath  ähnlichen  Umwälzungen  geweckt  hatte,  wurden  die  deutschen
Fürsten  um  ihre  Throne  besorgt.  Zudem  reizten  die  vielen  in  Deutschland
lebenden  Emigranten  zum  Kriege  und  begannen  sich  zu  rüsten;  auch  fühlte
Kaiser  Leopold  sich  verpflichtet,  das  Interesse  deutscher  Fürsten  zu  schützen,
die  seit  alter  Zeit  in  Frankreich  Güter  besaßen,  welche  durch  Aufhebung  der
Feudallasten  an  Wert  verloren  hatten;  endlich  wollte  er  auch  seiner  Schwester
Marie  Antoinette,  Ludwigs  XVI.  Gemahlin,  Hilfe  bringen.  Er  schloß  deshalb
  mit  Preußen  zu  Pillnitz  bei  Dresden  1791  einen  Bundesvertrag,  starb
aber  vor  Ausbruch  des  Krieges  (1792).  Seinem  Sohne  und  Nachfolger
Franz  II.  erklärten  die  Franzosen  den  Krieg,  weil  die  Emigranten  ungehindert
ihre  Umtriebe  gegen  Frankreich  fortsetzen  durften;  dadurch  war  auch  Preußen
zum  Kriege  gezwungen.  Teils  aus  Besorgnis  wegen  eines  von  Rußland
drohenden  Angriffs,  teils  weil  die  Verbündeten  nach  den  Schilderungen  der
Emigranten  die  Kriegstüchtigkeit  der  Franzosen  unterschätzten,  führten  sie  ein
nur  kleines  Heer  über  den  Rhein.  Dennoch  hätte  das  schlecht  ausgerüstete
und  ausgebildete  französische  Heer  unter  Dumouriez  einem  raschen  Angriffe
        <pb n="167" />
        5.  Der  Niedergang  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  161

kaum  zu  widerstehen  vermocht;  aber  der  Befehlshaber  des  preußischen  Heeres,
Karl  Wilhelm  Ferdinand  von  Braunschweig,  ein  Neffe  des  berühmten
Siegers  bei  Minden  (S.  130),  war  für  ein  langsames,  bedächtiges  Vorgehen.
Dazu  erließ  er  ein  von  einem  Emigranten  abgefaßtes  Manifest  an  die  Franzosen,
  in  welchem  angedroht  wurde,  daß  jede  Stadt,  die  sich  widersetzen  werde,
zerstört  und  Paris  in  einen  Trümmerhaufen  verwandelt  werden  solle,  wenn
Ludwig  XVI.  ein  Haar  gekrümmt  würde.  Diese  leere  Drohung  verletzte  die
Franzosen  und  entflammte  nur  ihre  Begeisterung.

Die  Preußen  rückten  von  Koblenz  aus  langsam  gegen  die  Champagne
vor,  die  durch  den  schluchtenreichen  Argonnerwald  gedeckt  war.  Mit  Leichtigkeit
  wurden  die  Engpässe  desselben  genommen  und  Dumouriez  aus  seiner
Stellung  vertrieben;  den  König,  die  Offiziere  und  Gemeinen  verlangte  danach,
  die  unter  Kellermanns  Befehl  auf  den  Höbhen  stehenden  Franzosen
anzugreifen;  aber  der  Herzog  von  Braunschweig  begnügte  sich  mit  einer  zehntägigen
  nutzlosen  Kanonade  bei  Valmy.  Den  Franzosen  wuchs  der  Mut;
die  Preußen  aber  litten  sehr  unter  mangelhafter  Verpflegung,  furchtbare
Regengüsse  weichten  den  Boden  auf,  und  die  Ruhr  begann  ihre  Reihen  zu
lichten.  Nach  fruchtlosen  Verhandlungen  entschloß  man  sich  zur  Umkehr;  auf
fast  grundlosen  Wegen  und  in  fortwährendem  Regen  kehrte  das  Heer  mißmutig
  an  den  Rhein  zurück.  Dumouriez  warf  sich  jetzt  auf  die  Osterreicher
in  Belgien.  Eine  andere  französische  Armee  unter  Custine  bemächtigte  sich
des  von  den  Verbündeten  preisgegebenen  linken  Rheinufers.  Sie  rückte  in
Worms  und  Speier  ein  und  wurde  dort  wie  überall  von  dem  Volke  mit
Jubel  empfangen,  das  so  lange  von  seinen  weltlichen  und  geistlichen  Herren
gequält  worden  war.  Selbst  Mainz  öffnete  den  Franzosen  die  Thore  „und
pflanzte  mit  Lust  die  munteren  Bäume  der  Freiheit“.  Freilich  kühlten  die
schamlosen  Erpressungen  der  Befreier  rasch  die  Begeisterung,  und  die  Vorgänge
  in  Paris  öffneten  ihren  Freunden  die  Augen.  Ludwig  XVI.  wurde
zum  Tode  verurteilt  und  am  21.  Januar  1793  mittels  der  damals  erfundenen
Guillotine  öffentlich  enthauptet.  Im  Oktober  desselben  Jahres  fiel  auch  das
Haupt  der  Königin,  während  der  Kronprinz  bei  einem  Schuhmacher  in  Schmutz
und  Elend  umkam.  In  Frankreich  herrschte  der  Pöbel,  dem  nichts  mehr
heilig  war;  die  Kirchen  wurden  geplündert,  das  Christentum  abgeschafft.

Diese  Greuel  veranlaßten  England,  Holland,  Preußen,  ÖOsterreich,  das
deutsche  Reich,  Spanien,  Sardinien  und  Neapel,  1793  einen  Bund,  die
erste  Kvalition,  gegen  Frankreich  zu  schließen.  Katharina  II.  von  Rußland
  hielt  sich  fern,  um,  während  Westeuropa  in  Krieg  verwickelt  war,
desto  ungestörter  ihre  Vergrößerungsplänc  im  Osten  zu  verfolgen.  Deshalb
mußten  auch  Osterreich  und  Preußen  einen  Teil  ihres  Heeres  zurückbehalten.
Frankreich  war  um  diese  Zeit  in  blutige  Bürgerkriege  verwickelt,  dazu  waren
seine  Heere  den  Verbündeten  weder  an  Zahl  noch  an  Tüchtigkeit  gewachsen;
dennoch  ging  es  hauptsächlich  infolge  der  Uneinigkeit  und  Zaghaftigkeit  seiner
Gegner  siegreich  aus  dem  Kampfe  hervor.  Zwar  eroberten  die  Osterreicher
Belgien  und  die  Preußen  Mainz  zurück,  gewannen  auch  einzelne  Siege;  aber
diese  wurden  nicht  ausgenutzt.  Als  dann  Friedrich  Wilhelm  zu  seinem  Heere
in  Polen  eilte,  schwand  jede  Hoffnung  auf  ein  entschiedenes  Vorgehen  der

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  11
        <pb n="168" />
        162  Zweiter  Zeitraum.

verbündeten  Heere.  Obwohl  Osterreicher  und  Preußen  gemeinsam  die
Weißenburger  Linien  eroberten,  rückte  der  Herzog  von  Braunschweig
nicht  vor,  sondern  beschränkte  sich  auf  die  Verteidigung.  Bei  Kaisers—
lautern  zeigten  sich  die  preußischen  Truppen  in  einer  dreitägigen  Verteidigung
  einem  doppelt  so  großen  Heere  gegenüber  noch  einmal  ihres  alten
Ruhmes  würdig,  doch  alles  ohne  Erfolg.  Durch  den  Konvent  war  fast  die
ganze  kampffähige  Mannschaft  Frankreichs  unter  die  Waffen  gerufen,  jeder
der  Verbündeten  schob  dem  anderen  die  Schuld  der  geringen  Erfolge  zu;
mißmutig  legte  der  Herzog  von  Braunschweig  den  Oberbefehl  nieder,  und
Möllendorf  trat  an  seine  Stelle.

In  dem  neuen  Feldzuge  waren  die  Franzosen  den  Verbündeten  an  Zahl
weit  überlegen;  auch  ihre  Kriegstüchtigkeit  hatte  sich  gehoben.  Sie  besiegten
die  Osterreicher  bei  Fleurus,  westlich  von  Namur,  und  der  Koaiser  entschloß
sich,  die  Niederlande  aufzugeben,  um  sich  durch  Anschluß  an  Rußland  im
Osten  zu  entschädigen.  Preußen  vermochte  den  Krieg  nur  mit  englischen
Hilfsgeldern  weiterzuführen.  Möllendorf  gewann  bei  Kaiserslautern  im
Mai  und  im  September  1794  glänzende  Siege;  aber  infolge  des  Rückzuges
der  OÖsterreicher  aus  den  Niederlanden  mußte  auch  er  sich  über  den  Rhein
zurückziehen.  Die  Engländer  weigerten  sich,  weitere  Hilfsgelder  zu  zahlen,
weil  der  preußische  Oberfeldherr  sich  den  von  London  ihm  zugehenden  Befehlen
  nicht  fügen  wollte;  König  Friedrich  Wilhelm  wünschte  sein  Heer  für
einen  im  Osten  drohenden  Krieg  zur  Hand  zu  haben,  und  da  er  seinem
Bundesgenossen,  dem  Kaiser,  der  ihn  bei  der  dritten  Teilung  Polens  so
treulos  behandelt  hatte  (S.  163),  mißtraute  und  nicht  mit  Unrecht  fürchtete,
derselbe  unterhandle  bereits  mit  den  Franzosen,  so  nahm  auch  er  die  von
Frankreich  ihm  dargebotene  Hand  an.  Im  Frieden  zu  Basel  (1795)  gab
Preußen  das  linke  Rheinufer  preis;  in  einem  allgemeinen  Frieden  sollte  über
dasselbe  endgültig  entschieden  und  Preußen  für  den  Verlust  von  Mörs,
Geldern  und  Kleve  entschädigt  werden.  Den  norddeutschen  Staaten,  welche
sich  diesem  Frieden  anschlossen,  ward  Neutralität  gewährt.  In  Österreich
und  Süddeutschland  war  man  entrüstet  über  diesen  „Verrat“  Preußens  an
der  deutschen  Sache;  das  Ansehen  Preußens  war  dahin,  und  der  so  teuer
erkaufte  Friede  war  trotz  der  preußischen  Siege  geschlossen  worden  und  währte
nur  so  lange,  als  es  den  Franzosen  beliebte.

An  Flächeninhalt  ist  Preußen  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  trotz  des  Verlustes
  am  Rhein  noch  gewachsen.  Der  kinderlose  Markgraf  von  Ansbach
und  Bairenth  trat  diese  Länder,  116  Quadratmeilen  groß,  gegen  ein
Jahrgeld  an  Preußen  ab,  das  sie  Anfang  1792  in  Besitz  nahm.  Der  in
diesem  Ländchen  bestehende  Rote  Adlerorden,  der  als  Inschrift  des  Königs
Wahlspruch:  Sincere  ct  constanter  (Aufrichtig  und  beständig)  führt,  wurde
zum  zweiten  Hausorden  des  Königreichs  Preußen  erklärt.  —  Noch  umfangreicher
  war  die  Erwerbung  im  Osten.

Polen  hatte  mit  Preußen  ein  Schutzbündnis  geschlossen  und  eine  neue
Verfassung  eingeführt,  durch  welche  die  schlimmsten  Übelstände  abgestellt
waren.  Aber  Katharina  II.  wußte  die  vornehmsten  Polen,  die  durch  die
Einführung  der  Verfassung  viel  von  ihrem  Einfluß  eingebüßt  hatten,  zu  be-
        <pb n="169" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  163

wegen,  gegen  die  Beschränkung  ihrer  Rechte  zu  protestieren  und  die  Hilfe  der
Russen  anzurufen,  die  auch  sofort  erschienen.  Preußen  hatte  für  die  von
ihm  erbetene  Hilfe  auf  die  Abtretung  von  Danzig  und  Thorn  gerechnet;  da
die  Polen  aber  hiervon  nichts  wissen  wollten  und  selber  die  Feinde  ins  Land
riefen,  versagte  es  seine  Hilfe.  Die  polnischen  Vaterlandsfreunde  brachten
zwar  ein  Heer  zusammen,  das  unter  Kosciuskos  Führung  tapfer  focht,  aber
der  Ubermacht  erlag.  König  Stanislaus  selber  ging  zu  den  Russen  über,
und  der  polnische  Reichstag  führte  die  alte  Verfassung  wieder  ein.  Um  den
Russen  das  Land  nicht  allein  zu  lassen,  ließ  auch  Friedrich  Wilhelm  seine
Truppen  in  Polen  einrücken  und  einigte  sich  dann  mit  Katharina  (ohne  Osterreich)
  zu  einer  zweiten  Teilung  Polens  (1793).  Preußen  erhielt  außer
Danzig  und  Thorn  Großpolen  oder  Südpreußen,  etwa  die  heutige  Provinz
Posen,  ungefähr  1000  Quadratmeilen  mit  1,1  Millionen  Einwohnern.  Voll
Ingrimm  erhoben  sich  die  Polen  unter  Kosciuskos  Führung  abermals.  Die
Preußen  rückten  in  Polen  ein,  schlugen  Kosciusko,  eroberten  Krakau  und
belagerten  Warschan,  das  dann  von  den  Russen  erstürmt  wurde.  Darauf
ließ  Rußland  seinen  bisherigen  Bundesgenossen  plötzlich  im  Stich  und  schloß
mit  Osterreich,  das  für  die  Unterwerfung  des  Landes  nichts  gethan  hatte,
1795  einen  Vertrag  zur  dritten  Teilung  Polens,  wonach  Rußland  wieder
den  Löwenanteil,  Osterreich  Westgalizien  mit  Krakau,  Preußen  den  Rest  mit
Warschau  erhalten  sollte.  Gezwungen  gab  Friedrich  Wilhelm  sich  endlich  mit
dem  ihm  überlassenen  Anteil  zufrieden.  Die  neue  Erwerbung  erhielt  den
Namen  Neuostpreußen  und  Neuschlesien.  «

Preußen  war  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  um  2000  Quadratmeilen
und  drei  Millionen  Einwohner  gewachsen;  aber  der  Zuwachs  war,  von  Ansbach-Baireuth,
  Danzig  und  Thorn  abgesehen,  ein  ungesunder  und  gereichte
dem  preußischen  Staate  nicht  zum  Vorteil.  Dazu  war  der  Staat  mit  Schulden
belastet,  sein  Ansehen  gesunken.  Friedrich  Wilhelm  II.  starb  schon  im  Alter
von  53  Jahren.  Ihm  folgte  sein  Sohn  Friedrich  Wilhelm  III.

6.  Dreußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich
Wilhelm  III.)
1797  -  1840.
1.  Friedric  Wilhelm  III.  und  Tuise  in  den  Tagen  des  Glücka.

Die  Jugend  Friedrich  Wilhelms  (geb.  am  3.  August  1770)  fällt  noch
in  die  Tage  Friedrichs  des  Großen,  der  den  Großneffen  wie  einen  Sohn

 

*)  Man  vergleiche  hierzu:  Oskar  Höcker,  Deutsche  Treue,  welsche  Tücke,
kulturgeschichtliche  Erzählung  aus  der  Zeit  der  großen  Revolution,  der  Knechtschaft
und  der  Befreiung.  4.  Auflage.  Oskar  Höcker,  Mit  Gott  für  König  und
Vaterland!  Aus  den  Tagen  der  Unterdrückung  und  der  Befreiung.  5.  Auflage.
M.  Hübner,  Unter  der  Geißel  des  Korsen-.  Bilder  aus  der  Zeit  der  Erniedrigung
  und  der  Erhebung  Deutschlands  Nach  den  Erinnerungen  seines  Großvaters
erzählt.  2.  Auflage.  Leipzig,  Ferdinand  -  Hirt  &amp;amp;  Sohn.  —  Alle  drei  Werke  sind
reich  illustriert.  „  .  —  ..

117
        <pb n="170" />
        164  Zuweiter  Zeitraum.

liebte.  Schon  früh  zeigten  sich  bei  dem  Prinzen  strenge  Wahrheitsliebe  und
Einfachheit.  Einst  traf  ihn  der  König  im  Garten  von  Sanssouci,  erkundigte
sich  nach  seinen  Fortschritten  in  der  französischen  Sprache  und  forderte  ihn
auf,  eine  französische  Fabel  zu  übersetzen.  Als  dies  trefflich  gelang,  lobte  ihn
der  König;  der  Prinz  aber  erzählte,  daß  er  gerade  diese  Fabel  erst  vor
kurzem  bei  seinem  Lehrer  übersetzt  habe.  Da  streichelte  ihm  der  König  die
Wangen  und  sprach:  „So  ist's  recht,  lieber  Fritz!  Wolle  nie  scheinen,  was
Du  nicht  bist;  sei  stets  mehr,  als  Du  scheinst.“  Im  Weitergehen  fuhr  er
fort:  „Fritz,  werde  etwas  Tüchtiges!  Es  wartet  Großes  auf  Dich;  Du
wirst  einmal  einen  schweren  Stand  haben.  Wache  über  unsere  Ehre  und
unseren  Ruhm;  begehe  keine  Ungerechtigkeiten,  dulde  aber  auch  keine!“  Der

   

5  «  .
)  *7*
w.  #.
Königin  Luise.  Friedrich  Wilhelm  III.

(Nach  Kügelgens  Orig.  im  Besitz  der  Stadt  Memel.)

Prinz  erwuchs  zu  einem  stattlichen  Jüngling;  seine  treuen  blauen  Augen  erweckten
  sofort  Zutrauen.  Seine  Mutter  lebte  in  den  letzten  Jahren  von
ihrem  Gemahl  getrennt;  auch  der  Prinz  zog  sich  schen  von  dem  üppigen
Hofleben  zurück  und  bewahrte  sich  dadurch  sein  einfaches,  sparsames  Wesen
sowie  sein  kindlich  frommes  Gemüt.  Einst  wies  er  ein  Körbchen  mit  Erdbeeren,
  das  ihm  im  Winter  angeboten  wurde,  des  hohen  Preises  wegen
zurück,  gleich  darauf  schenkte  er  aber  einem  durch  lange  Krankheit  verarmten
Schuhmacher  zwanzig  Thaler.  Sein  Adjutant  wurde  Major  von  Köckeritz,
ein  Mann  von  häöchst  ehrenwertem  Charakter,  aber  ohne  tiefere  Bildung,  der
nie  im  Kriege  gefochten  hatte  und  nichts  so  sehr  wünschte  als  Ruhe  und
Frieden.  Dieselbe  Gesinnung  beherrschte  auch  den  Kronprinzen.  Zwar  hatte
er  sich  in  den  Kriegen  gegen  Frankreich  und  Polen  als  furchtloser  Offizier
bewährt;  aber  der  Anblick  der  blutigen  Schlachtfelder  flößte  ihm  eine  unüber-
        <pb n="171" />
        Einzug  der  Prinzessin  Luise  in  Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.

165
        <pb n="172" />
        166  Zweiter  Zeitraum.

windliche  Abneigung  gegen  den  Krieg  ein.  Weihnachten  1793  vermählte  er
sich  mit  der  bildschönen  Prinzessin  Luise  von  Mecklenburg-Strelitz  (geb.  am
10.  März  1770).

Die  Berliner  bereiteten  der  fürstlichen  Braut  einen  festlichen  Empfang.  Als
ein  kleines  Mädchen  der  Prinzeß  Luise  unter  einem  Willkommensgruß  einen  Myrtenkranz
  überreichte,  umarmte  und  küßte  diese  das  Kind.  Entsetzt  rief  die  Oberhofmeisterin
Gräfin  Voß:  „Was  haben  Königliche  Hoheit  gethan?  Das  ist  gegen  allen  Anstand!“—
  „Wie,“  erwiderte  Luise  ganz  betroffen,  „darf  ich  denn  das  nicht  mehr  thun?“
Dies  Wort,  sowie  ihr  menschenfreundliches  Wesen  und  ihre  liebliche  Erscheinung  gewannen
  ihr  im  Fluge  die  Herzen  des  Volkes.  Der  Kronprinz  und  seine  Gemahlin
führten  ein  Leben  voll  innigster  Zuneigung,  voll  Sittenstrenge  und  ehrbarer  Zucht,
wie  es  damals  auf  Thronen  unerhört  war;  sie  wurden  dadurch  zum  Vorbild  und
Segen  für  alle  Stände.  Der  König  hatte  ihnen  das  prachtvoll  ausgestattete  Schloß
Oranienburg  geschenkt;  sie  aber  lebten  am  liebsten  in  dem  einfachen  Herrenhause  des
Landgutes  Paretz  bei  Potsdam,  fern  von  allem  Prunk  und  Hofzwange.  Als  der
König  seinen  Sohn  einst  darüber  zur  Rede  stellte,  daß  er  seine  Gemahlin  nach
Bürgerart  mit  „Du“  auredete,  erwiderte  dieser:  „Mit  dem  Du  weiß  man  doch,
woran  man  ist.  Dagegen  bei  dem  Sie  ist  immer  das  Bedenken,  ob  es  mit  einem
großen  S  oder  mit  einem  kleinen  geschrieben  wird.“  Nach  einer  Hoffestlichkeit  sagte
einst  der  Kronprinz  zu  seiner  Gemahlin:  „Gottlob,  daß  Du  nun  wieder  meine  Frau#
bist!“  In  Paretz  wollten  beide  nichts  weiter  sein  als  die  Gutsherrschaft.  Sie  ließen
sich  von  jedermann  sprechen,  besuchten  die  Leute  bei  der  Arbeit,  machten  Ausfahrten
auf  einfachem  Leiterwagen  und  mischten  sich  am  Erntefeste  wohl  unter  die  tanzenden
Paare.  Luise  hörte  es  gern,  wenn  sie  nicht  als  „Königliche  Hoheit“,  sondern  wie
die  Gemahlin  eines  einfachen  Gutsbesitzers  als  „Gnädige  Frau“  angeredet  wurde.
Ihr  eheliches  Glück  wurde  noch  erhöht  durch  die  Geburt  mehrerer  Kinder  (s.  Stammtafel
am  Schluß).  Da  der  Kronprinz  sich  von  dem  Hofe  immer  mehr  zurückzog,  entfremdete
er  sich  seinem  Vater  und  wurde  in  die  Regierungsgeschäfte  nicht  eingeführt.
Deshalb  besaß  er  beim  Anfange  seiner  Regierung  zu  wenig  Selbstvertrauen,  und
infolge  seiner  ersten,  pedantischen  Erziehung  haftete  ihm  stets  eine  gewisse  Schüchternheit
  und  Ungewandtheit  an.  Er  trat  ungern  in  die  Offentlichkeit;  selbst  seine  Sprache
war  abgebrochen  und  schwerfällig,  mit  Vorliebe  gebrauchte  er  den  Infinitiv.

Friedrich  Wilhelm  III.  war  von  der  Vorzüglichkeit  der  von  Friedrich
dem  Grosßen  hinterlassenen  Staats=  und  Heereseinrichtung  so  fest  überzeugt,
daß  er  fast  nichts  daran  änderte,  sondern  nur  einige  Mißstände  der  vorigen
Regierung  abstellte.  Durch  große  Sparsamkeit  in  allen  Zweigen  der  Verwaltung
  wurde  es  ihm  möglich,  nicht  nur  die  überkommene  Staatsschuld
nach  und  nach  abzutragen,  sondern  auch  das  unter  seinem  Vater  wieder  eingeführte,
  verhaßte  Tabaksmonopol  abermals  abzuschaffen.  Bei  seiner  aufrichtigen
Frömmigkeit  war  ihm  alle  Heuchelei  und  jeder  Gewissenszwang  verhaßt.  An
Wöllner  schrieb  er:  „Ich  selber  verehre  die  Religion  und  möchte  nicht  über
ein  Volk  herrschen,  das  keine  Religion  hätte;  aber  ich  weiß  auch,  daß  sie
Sache  des  Herzens,  des  Gefühls  und  der  eigenen  Uberzeugung  sein  muß.
Früher  ist  kein  Religionsedikt  im  Lande  gewesen,  aber  gewiß  mehr  Religion
und  weniger  Heuchelei.“  Als  der  Minister  nicht  freiwillig  ging,  wurde  er
entlassen,  und  das  Religionsedikt  aufgehoben.  Am  wenigsten  wurde  in  der
äußeren  Politik  und  im  Heerwesen  geändert.  Jene  leitete  noch  immer  der
unfähige  Haugwitz.  Durchgreifende  Anderungen  im  Heere  unterblieben  schon
aus  Sparsamkeitsrücksichten.  Der  schon  zu  Friedrichs  Zeit  knappe  Sold  war
jetzt  ganz  ungenügend;  die  Uniformen  waren  zu  eng  und  von  schlechtem
Tuch,  weil  sich  betrügerische  Lieferanten  daran  bereicherten,  und  die  alten
        <pb n="173" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  167

Gewehre  kaum  brauchbar.  Die  Zopf=  und  Puderquälerei  ging  ins  unendliche;
genaues  Gleichmaß  der  Zöpfe  war  ein  Hauptziel  der  Kriegskunst.  Außerdem
konnte  bei  den  gemeinen  Soldaten,  die  zum  Teil  alte  Familienväter  und
Söldner  waren,  von  Begeisterung  keine  Rede  sein.  Die  Offiziere  waren
größtenteils  bejahrt,  die  Befehlshaber  meistens  über  siebzig  Jahre  alt.  Es
lam  vor,  daß  sämtliche  höhere  Offiziere  eines  Reiterregiments  vom  Oberstleutnant
  aufwärts  wegen  zu  großer  Beleibtheit  oder  Krankheit  nicht  reiten
konnten.  Die  gemeinen  Soldaten  waren  mit  Gepäck  überladen,  die  Offiziere
führten  einen  ungeheneren  Troß  mit  sich.  Selbst  der  jüngste  Infanterieleutnant
  war  beritten;  „denn,“  sagte  General  von  Rüchel,  „ein  preußischer  Edelmann
  geht  nicht  zu  Fuß.“  Die  französischen  Heerführer  wandten  eine
neuc,  von  Carnot  ausgesonnene  Truppenaufstellung  und  Kampfweise  an:  sie
lösten  die  großen,  dichtgedrängten  Truppenmassen  in  kleinere,  aus  verschiedenen
Waffengattungen  bestehende  Abteilungen,  sogenannte  Halbbrigaden,  auf,  die
durch  vereinzelte  Angriffe  den  Gegner  mürbe  zu  machen  suchten,  um  ihn  dann
durch  vereinte  Kraft  über  den  Haufen  zu  werfen.  Die  preußischen  Generale
hielten  ihre  ruhmreich  bewährte  Kampfweise  für  unübertrefflich  und  machten
sich  anheischig,  mit  ihren  enggeschlossenen,  schnurgerade  vorgehenden  Linien
die  Franzosen  „zum  Frühstück“  zu  schlagen.  Gelegenheit  dazu  sollte  ihnen
bald  geboten  werden.

2.  Die  auswärkigen  Perkälknisse  bis  zum  Rriege  von  1806.

Nachdem  Preußen  1795  vom  Kriege  gegen  Frankreich  zurückgetreten
war,  setzten  die  übrigen  Verbündeten,  namentlich  Osterreich,  ihn  mit  Eifer
fort.  Aber  das  Kriegsglück  neigte  sich  mehr  und  mehr  auf  die  Seite  der
Franzosen,  besonders  seitdem  der  General  Napoleon  Bonaparte  an  ihre
Spitze  getreten  war.  Er  war  1769  auf  Korsika  geboren,  in  den  französischen
Kriegsschulen  zu  Brienne  und  Paris  zum  Offizier  gebildet  und  hatte  sich
zuerst  durch  die  Niederwerfung  der  königstreuen  Bevölkerung  in  Südfrankreich
  einen  Namen  gemacht.  Er  vermählte  sich  mit  Josephine,  der  Witwe
des  hingerichteten  Generals  Beauharnais,  und  erhielt  den  Oberbefehl  über
die  französische  Armee  in  Italien.  Bonaparte  war  von  kurzer,  gedrungener
Gestalt,  voll  Mut  und  eiserner  Willenskraft,  um  die  Wahl  seiner  Mittel
nie  verlegen,  da  er  weder  göttliches  noch  menschliches  Recht  achtete.  Er  besiegte
  Osterreich  und  Italien,  besetzte  1798  Agypten,  um  von  hier  aus  England
  in  Indien  anzugreifen,  mußte  aber  unverrichteter  Sache  umkehren.  Im
Vertrauen  auf  das  ihm  ergebene  Heer  machte  er  sich  zum  ersten  Konsul  und
brachte  damit  die  gesamte  Staatsgewalt  in  seine  Hand;  dann  besiegte  er  den
Kaiser  abermals  und  zwang  ihn,  den  Rhein  und  die  Etsch  als  Frankreichs
Grenze  anzuerkennen.  Die  deutschen  Fürsten,  welche  durch  diese  Abtretungen
an  Frankreich  Schaden  erlitten,  sollten  durch  Säkularisation  geistlicher
Gebiete  und  durch  aufgehobene  Reichsstädte  entschädigt  werden.  Dies  geschal
durch  den  sogenannten  Reichsdeputationshauptschluß,  durch  welchen
112  deutsche  Staaten  beseitigt  (mediatisiert)  wurden.  Preußen  bekam  für  die
43  Quadratmeilen,  welche  es  am  linken  Rheinufer  verloren  hatte,  178  wieder,
nämlich  die  Stifter  Hildesheim  und  Paderborn,  den  größten  Teil  von
        <pb n="174" />
        168  Zweiter  Zeitraum.

Münster,  serner  Erfurt  und  das  Eichsfeld  sowie  die  Reichsstädte  Nordhausen,
Mühlhausen  und  Goslar.  Hannover  erhielt  das  Bistum  Osnabrück.

In  demselben  Jahre  brach  wieder  ein  Krieg  zwischen  England  und
Frankreich  ans.  Da  dieses  seinem  Gegner  zur  See  nicht  gewachsen  war,
drang  ein  französisches  Heer  in  das  dem  englischen  Könige,  aber  nicht  England
  gehörende  Hannover  ein.  Preußen  war  bereit,  den  Nachbarstaat  zu
schützen,  wenn  es  auf  Rußlands  Unterstützung  rechnen  könne,  erhielt  aber  eine
ablehnende  Antwort;  auch  Hannover  wünschte  eine  preußische  Besatzung  nicht.
Es  verfügte  selber  über  reiche  Hilfsmittel  und  ein  schlagfertiges  Heer;  aber
die  Regierung  verbot  jeden  Widerstand  und  „alles,  was  Ombrage  machen
könne“.  Durch  die  Kapitulation  von  Sulingen  (südlich  v.  Bremen)  wurde
das  ganze  Land  mit  seinen  Festungen  und  Kriegsvorräten  dem  Feinde  übergeben,
  das  Heer  fast  ohne  Schwertstreich  hinter  die  Elbe  geführt,  entwaffnet
und  aufgelöst.  Das  Land  wurde  bis  aufs  Blut  ausgesogen,  das  Privatvermögen
  des  Königs,  sowie  der  reiche  Inhalt  der  Zeughäuser  nach  Paris
geschleppt.  Die  hannoverschen  Soldaten  entkamen  zum  großen  Teil  nach
England,  traten  dort  in  die  „deutsche  Legion“  und  erwarben  sich  in  Spanien
im  Kampfe  gegen  Frankreich  unvergeßliche  Lorbeeren.  Bonaparte  aber  ließ
sich  1804  als  Napoleon  I.  zum  Kaiser  der  Franzosen  ernennen.

Den  fortgesetzten  Bemühungen  des  englischen  Ministers  Pitt  gelang  es,
Rußland,  OÖsterreich  und  England  zu  einer  dritten  Koalition  gegen
Frankreich  zu  vereinigen,  der  sich  auch  Neapel  und  Schweden  anschlossen.
Beide  Parteien  rechneten  auf  Preußens  Beitritt;  aber  Friedrich  Wilhelm  III.
widerstand  sowohl  den  Lockungen  Napoleons,  als  auch  dem  Drängen  Kaiser
Alexanders  I.  von  Rußland.  Als  russische  Truppen  durch  Preußen  zu
marschieren  drohten,  stellte  Friedrich  Wilhelm  einen  großen  Teil  seines  Heeres
an  der  Grenze  auf  und  verhinderte  dadurch  eine  Verletzung  seiner  Neutralität.
Napoleon  aber  ließ,  unbekümmert  um  Preußens  Neutralität,  Bernadotte  durch
das  Ansbachische  marschieren.  Dadurch  vermochte  er  ein  österreichisches  Heer
bei  Ulm  gefangen  zu  nehmen,  Wien  ohne  Gegenwehr  zu  besetzen  und  bis
nach  Mähren  vorzudringen,  wo  er  die  Entscheidungsschlacht  erwartete.  König
Friedrich  Wilhelm  war  über  die  Verletzung  der  Neutralität  empört;  deshalb
kam  Kaiser  Alexander  selber  nach  Berlin,  um  ihn  zum  Beitritt  zu  der  Koalition
  zu  bewegen.  Der  König  befahl  die  Mobilmachung  der  Armee,  gestattete
  den  Russen  den  Durchmarsch  durch  Schlesien  und  perpflichtete  sich,
falls  nicht  Napoleon  bis  zum  15.  Dezember  den  früher  übernommenen  Bedingungen
  nachkäme,  dem  russisch-österreichischen  Bündnisse  mit  180  000  Mann
beizutreten.  In  mitternächtiger  Stunde  schlossen  beide  Herrscher  über  dem
Sarge  Friedrichs  des  Großen  einen  engen  Freundschaftsbund.  Haugwitz
wurde  mit  den  preußischen  Forderungen  zu  Napoleon  geschickt;  aber  dieser
wußte  sich  zu  helfen.  Der  Gesandte  ließ  sich,  ohne  seine  Forderungen  auch  nur
vorgebracht  zu  haben,  aus  dem  unsicheren  Feldlager  vorläufig  zu  Napoleons
Minister  Talleyrand  nach  Wien  schicken  und  Alexander,  statt  die  Ankunft
der  österreichischen  und  preußischen  Truppen  abzuwarten,  von  dem  sich  ängstlich
stellenden  Napoleon  zum  Angriff  sich  verlocken.  Am  Jahrestage  seiner  Kaiserkrönung
  gewann  Napoleon  in  der  Drei  kaiserschlacht  bei  Austerlitz  seinen
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  169

glänzendsten  Sieg  (2.  Dezember  1805);  das  russische  Heer  war  vollständig
aufgelöst.  Kaiser  Franz  war  durch  die  unerwartete  Niederlage  so  bestürzt,
daß  er  schon  zwei  Tage  nach  derselben  um  Frieden  bat.  Haugwitz,  der
ohnehin  vom  Könige  die  Weisung  erhalten  hatte,  auf  jeden  Fall  den  Frieden
mit  Frankreich  zu  erhalten,  und  in  übertriebener  Angst  sogar  ein  Bündnis
Osterreichs  mit  Frankreich  fürchtete,  wagte  nicht  mehr  von  Bedingungen  oder
gar  Drohungen  zu  sprechen,  sondern  schloß  (15.  Dezember)  eigenmächtig  zu
Schönbrunn  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  Frankreich:  Preußen  trat
Kleve  und  Neuenburg  an  Frankreich,  Ansbach  an  Bayern  ab  und  sollte
außer  einer  von  Bayern  zu  zahlenden  Entschädigung  Hannover  erhalten.
Jetzt  mußte  auch  Osterreich  die  ihm  vorgeschriebenen  Bedingungen  annehmen;
es  verlor  Venetien,  Tirol  und  Vorarlberg.  Bayern  und  Wirttemberg
wurden  zu  Königreichen,  Baden  zu  einem  Großherzogtum  erhoben.

Kaiser  Alexander  gab  den  Krieg  noch  nicht  auf,  sondern  stellte  seine  in
Schlesien  und  Polen  stehenden  Heere  unter  den  Oberbefehl  des  Königs  von
Preußen,  der  jetzt  über  300000  Mann  kriegsbereiter  Truppen  gebot,  aber
trotzdem  auch  jetzt  noch  den  Krieg  zu  vermeiden  suchte.

Z.  Die  Schlacht  bei  Aena.

Den  Schönbrunner  Vertrag  wollte  Friedrich  Wilhelm  III.  schon  deshalb
nicht  anerkennen,  weil  derselbe  Preußen  in  einen  Krieg  mit  England  verwickeln
  mußte;  er  wagte  ihn  aber  nicht  einfach  abzulehnen,  sondern  sandte
Haugwitz  zu  neuer  Verhandlung  nach  Paris,  während  das  Heer  abrüstete.
Napoleon  ließ  in  aller  Stille  seine  Heere  gegen  die  preußische  Westgrenze
vorrücken,  erklärte  dann  den  Schönbrunner  Vertrag  für  nicht  mehr  bindend
und  zwang  Preußen  zur  Annahme  eines  noch  schimpflicheren:  von  einer  Entschädigung
  für  Ansbach  war  keine  Rede  mehr,  Preußen  mußte  Hannover
seinen  Staaten  einverleiben  und  den  Engländern  die  hannoverschen  Flüsse
sperren.  England  erwiderte  diese  Feindseligkeit  damit,  daß  es  alle
preußischen,  besonders  viele  ostfriesische  Handelsschiffe  wegkaperte.  Dadurch,
daß  Preußen  sich  von  seinem  Feinde  auf  Kosten  einer  bisher  befreundeten
Macht  beschenken  ließ,  verlor  es  bei  allen  Staaten  an  Achtung  und  Vertrauen.
So  hatte  Napoleon  Preußen  von  seinen  bisherigen  Freunden  getrennt,  es  verächtlich
  gemacht;  jetzt  suchte  er  es  zum  Kampfe  zu  zwingen,  um  es  auch  mit
Waffen  niederzuschlagen.  Bayern,  Württemberg,  Baden,  Mainz,  Darmstadt,
Nassau,  das  von  Napoleons  Schwager  Murat  regierte  Großherzogtum  Berg
und  andere,  im  ganzen  sechzehn,  Staaten  vereinigten  sich  1806  zu  einem
Rheinbunde  unter  Napoleons  Protektorat;  sie  verpflichteten  sich,  Frankreich
für  jeden  Festlandskrieg  63000  Mann  Hilfstruppen  zu  stellen,  und  erhielten
dafür  Vergrößerung  ihres  Gebiets  durch  Unterordnung  bisher  selbständiger
Herrschaften  und  freier  Städte,  sowie  vollständige  Souveränität.  Von  Napoleon
gezwungen,  legte  Franz  II.  die  deutsche  Kaiserkrone  nieder.  Damit  endete
das  heilige  römische  Reich  deutscher  Nation!  (6.  August  1806.)
Napoleon  besaß  jetzt  auf  dem  Festlande  eine  erdrückende  lbermacht,  allein
150000  deutsche  Soldaten  standen  ihm  zur  Verfügung.  Als  Preußen,  das
jetzt  von  ihm  am  meisten  zu  befürchten  hatte,  sich  darüber  beschwerte,  daß
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        170  Zweiter  Zeitraum.

im  deutschen  Reiche  die  wichtigsten  Neuerungen  geschähen,  ohne  daß  ihm  auch
nur  Mitteilung  davon  gemacht  würde,  riet  Napoleon  ihm  arglistig,  da  er  es
inhalten  wollte,  bis  er  vollständig  gerüstet  sei,  es  möge  dem  Rheinbund
entsprechend  einen  norddeutschen  Bund  bilden,  zugleich  drohte  er  aber  den
norddeutschen  Staaten  für  den  Fall,  daß  sie  solchem  Bunde  beitreten  würden.
Schon  damals  sahen  patriotisch  gesinnte  Männer  Preußens  nur  noch  im
Kriege  Rettung,  und  mehrere  königliche  Prinzen  sowie  General  Blücher  und
der  Minister  Freiherr  vom  Stein  beschworen  den  König,  Haugwitz  und
dessen  Gesinnungsgenossen,  die  den  König  von  jedem  entschiedenen  Schritte
zurückzuhalten  suchten,  zu  entlassen.  Stein  bat  den  König,  er  möge  die
Kabinettsräte  —  Vertraute  des  Königs,  die  sich  zwischen  diesen  und  die
Minister  gedrängt  hatten  und  nicht  selten  die  Absichten  der  Minister  vereitelten  —
abschaffen.  Aber  alles  war  vergebens,  bis  eine  neue  Verräterei  Napolcons
den  Ausbruch  des  Krieges  herbeiführte.  Um  England  zu  gewinnen,  bot  Napoleon
  ihm  nämlich  die  Zurückgabe  Hannovers  an,  ohne.  Preußen  zu  fragen.

Aber  nur  schweren  Herzens  entschloß  sich  Friedrich  Wilhelm  zum  Kriege;
denn  das  Heer  war  durchaus  nicht  in  gutem  Zustande,  und  die  Kassen  waren
leer:  hatte  sich  doch  soeben  die  preußische  Regierung  zum  erstenmal  zur  Ausgabe
  von  Papiergeld  (Tresorscheinen)  entschließen  müssen!  Auf  Bundesgenossen
aber  konnte  der  König  kaum  rechnen;  denn  Osterreich  hielt  sich  zurück,  Kaiser
Alexander  versprach  Hilfe,  konnte  aber  wenig  Truppen  entbehren,  weil  Napoleon
ihm  die  Türken  auf  den  Hals  hetzte.  Fast  der  einzige,  aber  höchst  unsichere
Bundesgenosse  war  Sachsen.  Noch  einmal  suchte  der  König,  wenn  auch  ohne
Hoffnung,  den  Krieg  zu  vermeiden,  indem  er  von  Napoleon  verlangte,  er  solle
zum  Zeichen  friedlicher  Gesinnung  seine  Truppen  aus  Deutschland  zurückziechen
  und  der  Bildung  des  norddentschen  Bundes  kein  Hindernis  in  den
Weg  legen.

Während  man  in  Berlin  noch  auf  Antwort  wartete,  stand  Napoleon
schon  mit  160000  Mann  zum  Teil  deutscher  Truppen  in  Franken.  Das
preußische  Heer,  1038000  Mann  stark,  führte  der  71jährige  Herzog  Karl
Wilhelm  Ferdinand  von  Braunschweig  (S.  161).  Er  beabsichtigte,
dem  Feinde  die  Saalpässe  zu  sperren  und  nahm  mit  der  einen  Halfte  des
Heeres  Aufstellung  bei  Weimar,  während  Fürst  Hohenlohe  mit  der  anderen
Hälfte  bei  Jena  stand.  Der  König  war  im  Hauptgquartier,  getraute  sich  aber
nicht,  den  Oberbefehl  zu  übernehmen.  Die  Königin  kehrte  kurz  vor  Beginn
der  Schlacht  nach  Berlin  zurück.  Als  man  erfuhr,  daß  Napoleon  auf  der
Nürnberg-Leipziger  Straße  heraneile  und  die  linke  preußische  Flanke  zu  umgehen
  drohe,  befahl  der  Herzog  den  Rückmarsch  zur  Elbe,  wurde  aber  auf
dem  Rückzuge  von  Süden  und  Osten  her  angegriffen.  Napoleon  selber  zog
das  Saalthal  hinab  und  traf  am  10.  Oktober  auf  das  schwache  Korps  des
Prinzen  Louis  Ferdinand.  Fünf  Stunden  hielt  der  tapfere  Prinz  gegen
die  Ubermacht  stand;  da  brach  sein  Pferd  unter  ihm  zusammen.  „Ergebt
Euch,  General!“  rief  ihm  ein  französischer  Wachtmeister  zu.  „Sieg  oder
Tod!"  entgegnete  der  Prinz  und  kämpfte  zu  Fuße  weiter,  bis  er  zu  Boden
gestreckt  wurde.  Sein  Tod  galt  vielen  als  eine  unheilvolle  Vorbedeutung
und  vermehrte  die  Ratlosigkeit  der  Führer.  Fürst  Hohenlohe  zog  sich  über
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  171

Jena  auf  die  Hochebene  des  linken  Saalufers  zurück,  und  da  ihm  verboten
war,  sich  in  ein  ernstes  Gefecht  einzulassen,  besetzte  er  weder  die  Flußübergänge,
  noch  die  das  Thal  und  die  Hochfläche  beherrschenden  Höhen.  Napoleon
bemerkte  dies  und  führte  nachts  mit  der  Fackel  in  der  Hand  selber  sein  Geschütz
  auf  den  steilen  Landgrafenberg;  bei  Anbruch  des  folgenden,  für  Preußen
so  verhängnisvollen  Tages  —  des  14.  Oktober  —  hatte  er  schon  den  sicheren
Sieg  in  Händen.  Wohl  fochten  die  preußischen  Truppen  ihres  alten  Ruhmes
würdig,  besonders  ihre  Reiterei  zeigte  sich  der  französischen  überlegen;  aber
ihr  schwerfälliges  Fußvolk  war  dem  beweglichen  französischen  nicht  gewachsen.
In  kurzer  Zeit  war  das  preußische  Heer  vollständig  geschlagen;  selbst  die
Reserve  wurde  mit  in  die  Niederlage  verwickelt;  wie  ein  wirrer  Knäuel  wälzte
sich  alles  auf  Weimar  zu.  Jedes  Hornsignal  der  Franzosen  vermehrte  die  Angst
und  Verwirrung.  „Tausendmal  lieber  sterben,“  sagte  später  Gneisenau,
„als  das  noch  einmal  erleben.“

Gleichzeitig  kämpfte  das  preußische  Hauptheer  unter  dem  Herzog  von
Braunschweig  bei  Auerstädt,  einige  Meilen  unterhalb  Jenas,  gegen  ein  anderes,
an  Zahl  weit  schwächeres  französisches  Korps  unter  Davoust  und  Bernadotte,
das  abgeschickt  war,  dem  Hohenloheschen  Korps  in  den  Rücken  zu  fallen.
Beide  Heere  waren  überrascht,  hier  im  dichten  Nebel  so  unerwartet  auf  den
Feind  zu  sioßen;  unglücklicherweise  wurde  der  Herzog  gleich  nach  Beginn  der
Schlacht  durch  eine  Kugel  tödlich  geblendet,  und  da  der  König  den  Oberbefehl
nicht  übernahm,  auch  einen  anderen  Oberfeldherrn  nicht  ernannte,  so  fehlte
jede  einheitliche  Leitung.  Vergebens  versuchten  der  Bruder  des  Königs,  Prinz
Wilhelm,  sowie  General  Blücher  und  Oberst  Scharnhorst  den  Sieg  zu
erringen;  nach  hartem  Streit  und  mit  Aufbietung  aller  Kräfte  brachte  das
französische  Heer  das  preußische  zum  Weichen.  Der  Rückzug  erfolgte  anfangs
in  ziemlicher  Ordnung;  da  stieß  das  Hauptheer  mit  den  flüchtigen  Haufen
des  Hohenloheschen  Korps  zusammen,  geriet  in  Unordnung  und  löste  sich
ebenfalls  auf.  An  einem  Tage  war  das  einst  so  herrliche  und  bisher  so
gefürchtete  Heer  zertrümmert.

Gleich  am  Tage  nach  der  Schlacht  legte  Napoleon  den  preußischen  Provinzen
  westlich  von  der  Weichsel,  die  er  bereits  als  erobert  betrachtete,  eine  hohe
Kriegssteuer  auf;  Sachsen  fiel  von  dem  erzwungenen  Bündnis  mit  Preußen
ab.  Das  geschlagene  preußische  Heer  floh  der  Elbe  zu,  viele  gemeine  Soldaten
  verließen  ihre  Fahnen,  als  gäbe  es  kein  Preußen  mehr.  Keine  der
preußischen  Festungen  war  gerüstet,  da  niemand  einen  Einfall  des  Feindes
in  das  Herz  des  Landes  für  möglich  gehalten  hatte.  Erfurt,  das  dem  geschlagenen
  Heere  zuerst  einen  Halt  hätte  bieten  können,  kapitulierte  unter
Möllendorf  schon  am  Tage  nach  der  Schlacht.  Blücher  hatte  einen  Teil  des
flüchtigen  Heeres  zusammengerafft,  den  Harz  überschritten  und  war  durch  die
Altmark  über  die  Elbe  gelangt;  den  größeren  Teil  suchte  Hohenlohe  unter  dem
Schutze  der  Festung  Magdeburg  zu  sammeln.  Während  diese  Truppen  den  Umweg
  durch  den  Harz  genommen  hatten,  war  Napoleon  geradeswegs  über  Halle,
wo  er  noch  ein  preußisches  Reservekorps  schlug,  auf  Berlin  marschiert  und  näherte
sich  bereits  Potsdam.  Deshalb  beschloß  Hohenlohe,  sich  auf  Stettin  zurückzuziehen;
  sogleich  ward  Murat  abgeschickt,  ihm  den  Weg  zu  verlegen.  An
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        172  Zweiter  Zeitraum.

fernerem  Widerstande  verzweifelnd,  da  Murat  ihm  vorlog,  er  habe  ihn  mit
100000  Mann  unmsstellt,  kapitulierte  Hohenlohe  bei  Prenzlau  mit  etwa
12000  Mann  (28.  Oktober).  Die  Soldaten  fluchten  und  schäumten  vor  Wut,
aber  sie  gehorchten.  Blücher  wandte  sich  auf  diese  Nachricht  hin  nach  Mecklen—
burg,  schlug  sich  bis  Lübeck  durch,  mußte  aber  nach  tapferem  Kampfe  bei
Ratkau  die  Waffen  strecken,  weil  er,  wie  er  ausdrücklich  unter  den  Vertrag
schrieb,  keine  Munition  und  kein  Brot  mehr  hatte  (7.  November).

Schon  am  24.  Oktober  waren  die  Franzosen  und  zwar  ohne  Widerstand
in  Berlin  eingezogen.  Der  Stadtkommandant  Schulenburg  hatte  schon  vorher
ermahnt:  „Die  erste  Bürgerpflicht  ist  Ruhe“  und  dann  die  Stadt  verlassen,
ohne  die  reichen  Kriegsvorräte  in  Sicherheit  zu  bringen.  Nach  drei  Tagen
kam  Napoleon  selber,  nachdem  er  zuvor  in  Potsdam  das  Grab  des  großen
Friedrich  besucht  hatte.  Durch  das  Brandenburger  Thor  ritt  er,  vielfach
von  gesinnungslosem  Pöbel  mit  dem  Rufe:  „Vive  Uempereur!“  begrüßt,  die
Linden  hinab  und  nahm  seinen  Wohnsitz  in  dem  altehrwürdigen  Schlosse  der
preußischen  Könige.  Nur  der  greise  Prediger  Ermann  bekannte  Napoleon
gegenüber  offen:  „Sire,  ich  wäre  des  Kleides  nicht  wert,  das  ich  trage,  und
des  Königs,  dem  ich  diene,  wenn  ich  nicht  den  tiefsten  Schmerz  darüber
empfände,  Ew.  Majestät  an  dieser  Stelle  zu  sehen.“  Auf  alle  Verdächtigungen,
welche  der  unedle  Sieger  über  die  Königin  Luise  äußerte,  hatte  Ermann  nur
die  eine  Antwort:  „Das  ist  nicht  wahr,  Sire.“  Mancher  Gesinnungslose  bot
dem  Feinde  kriechend  seine  Dienste  an  und  verriet  sogar  die  königlichen  Kassen
und  Vorräte.  In  Berlin  erließ  Napoleon  das  Gesetz  der  Festlandssperre,
durch  welches  er  den  von  ihm  beherrschten  Völkern  jeden  Handel  mit  England
verbot.  Der  Siegeswagen  des  Brandenburger  Thores,  sowie  Degen,  Orden
und  Schärpe  Friedrichs  des  Großen  wanderten  nebst  vielen  Kunstschätzen,
Fahnen  und  Ehrenzeichen  nach  Paris;  die  preußische  Garde  in  Berlin  wurde
entwaffnet,  das  Tragen  preußischer  Uniformen  verboten,  der  Obelisk  auf  dem
Schlachtfelde  von  Roßbach  zertrümmert.  Dazu  liefen  immer  neue  Nachrichten
ein  von  dem  Fall  der  Festungen;  es  kapitulierte  Spandau  ohne  Schwertstreich
schon  am  25.,  das  feste  Stettin  am  29.  Oktober,  das  damals  fast  unbezwingliche
  Küstrin  unter  Ingersleben  (1.  November)  und  (8.  November)  das  starke
Magdeburg  mit  unermeßlichen  Vorräten  und  24000  Mann  Besatzung,  unter
ihnen  neunzehn  Generale,  die  zusammen  1300  Jahre  zählten.  Somit  waren
die  Elb=  und  die  Oderlinie  den  Franzosen  preisgegeben.  Am  schmachvollsten  war
die  Kapitulation  von  Hameln,  das  wohlbefestigt  war  und  von  10000  Mann
verteidigt  wurde.  Als  nur  6000  Franzosen  ohne  Geschütz  heranrückten,  überlieferte
  der  Kommandant  die  Festung  ohne  jede  Verteidigung  und  ließ  die
ganze  Besatzung  in  Kriegsgefangenschaft  abführen.  Unter  den  Offizieren  war
auch  Adalbert  von  Chamisso;  er  erzählt:  die  Soldaten  schossen  dem  feigen
Kommandanten  in  die  Fenster  und  zerschlugen  ihre  Gewehre;  die  beiden  Gebrüder
  Warnawa  setzten  einander  das  Gewehr  auf  die  Brust  und  sanken  gleichzeitig
  als  Leichen  nieder.  Napoleon  ließ  durch  seine  Generale  die  Marken  und
Pommern  besetzen,  die  Rheinbundstruppen  mußten  gegen  Schlesien  marschieren.
Dort  lagen  die  stärksten  Festungen;  aber  die  meisten  derselben  ergaben  sich
ehrlos.  Der  Befehlshaber  von  Glogau  fuhr  einen  Bürger,  der  zur  Ver-
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  173

 

 

 

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Königin  Luise  auf  der  Flucht  nach  Memel.
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        174  Zweiter  Zeitraum.

teidigung  aufforderte,  mit  den  Worten  an:  „Herr,  Sie  wissen  nicht,  was  dem
Könige  ein  Schuß  kostet!“  und  der  Kommandant  von  Schweidnitz  sah  selber
der  Schleifung  der  ohne  Schwertstreich  überlieferten  uneinnehmbaren  Festungswerke
  zu.  Napoleon  nahm  dem  tödlich  verwundeten  Herzog  von  Braunschweig
sein  Land  und  gestattete  ihm  nicht  einmal,  ruhig  in  seiner  Hauptstadt  zu
sterben;  ebenso  nötigte  er  den  Kurfürsten  von  Hessen  zur  Flucht,  der  sich  zwar
mit  Preußen  nicht  verbündet,  aber  seine  Truppen  im  Rücken  der  Franzosen
kriegsbereit  gehalten  hatte.  Der  Kurfürst  von  Sachsen  dagegen  erhielt  die
Königswürde,  trat  dem  Rheinbunde  bei  und  stellte  sofort  ein  Heer  für  Napoleon.

4.  Der  Aeldzug  von  1807;  Frirde.

Friedrich  Wilhelm  hatte  gleich  nach  dem  Unglückstage  von  Jena  mit
Napoleon  Verhandlungen  angeknüpft,  aber  bei  dessen  maßlosen  Forderungen
bald  wieder  abgebrochen.  Da  traf  ihn  neues  Unglück:  die  Polen  erhoben
sich  in  der  Hoffnung,  beim  Zerfall  Preußens  ihre  Selbständigkeit  wiederzu—
erlangen,  und  wurden  von  Napoleon,  der  sein  Hauptquartier  nach  Posen  verlegte,
  dabei  ermuntert  und  unterstützt.  Das  bewog  Kaiser  Alexander,  der
gleich  auf  die  erste  Nachricht  von  dem  Unglück  Preußens  dem  Könige  Hilfe
versprochen  hatte,  sein  Heer  in  Ostpreußen  einrücken  zu  lassen.  Doch  schien
es  kaum  eine  andere  Aufgabe  zu  haben,  als  die  russische  Grenze  zu  schützen,
und  drückte  das  befreundete  Land  mehr  als  die  Franzosen.  In  Preußen
begann  aber  schon  damals  ein  neuer  Geist  zu  erwachen.  Der  König  entließ
Haugwitz  und  verhängte  über  das  Heer  eine  ernste  Züchtigung;  die  feigen
Festungskommandanten  wurden  entlassen,  der  von  Küstrin  mit  dem  Tode  bestraft.
  Je  länger  die  Einquartierung  währte,  je  höher  die  Kriegssteuer  wurde,
je  mehr  Handel  und  Verkehr  stockten  und  die  Armut  wuchs,  desto  mehr  gingen
selbst  dem  gewöhnlichen  Manne  die  Augen  auf  und  wuchs  der  Grimm  gegen
die  Unterdrücker.  Mit  Spannung  lauschten  alle  auf  die  Nachrichten  vom  Kriegsschauplatze.
  Das  kleine  preußische  Heer,  kaum  6000  Mann  stark,  stand  unter
dem  General  Lestocq,  dem  General  Scharnhorst  beigegeben  war,  an  der
Weichsel,  mußte  sich  aber  vor  dem  überlegenen  französischen  Heere  weiter  nach
Osten  zurückziehen.  Die  königliche  Familie  fühlte  sich  in  Königsberg  nicht
mehr  sicher  und  flüchtete  nach  Memel.  Als  der  Leibarzt  Dr.  Hufeland
der  am  Typhus  erkrankten  Königin  vorstellte,  welche  schlimmen  Folgen  die
Reise  für  sie  haben  könne,  erwiderte  sie:  „Ich  will  lieber  in  die  Hände  Gottes
als  dieses  Menschen  fallen.“"  Bei  Sturm  und  Schneegestöber  wurde  sie  Anfang
  Januar  1807  über  die  Kurische  Nehrung  gefahren.  In  der  ersten  Nacht
wehte  ihr  der  Schnee  durch  die  zerbrochenen  Fensterscheiben  aufs  Bett;  dennoch
besserte  sich  ihr  Befinden  auf  der  Reise.  In  jenen  trüben  Tagen  schrieb  die
Königin  in  ihr  Tagebuch  das  Goethesche  Wort:

Wer  nie  sein  Brot  mit  Thränen  aß,.

Wer  nie  die  kummervollen  Nächte

Auf  seinem  Bette  weinend  saß,
Der  kennt  euch  nicht,  ihr  himmlischen  Mächte.

Napoleon  rückte  von  Polen  her  gegen  die  Russen  vor,  und  es  kam  am
7.  und  8.  Februar  1807  bei  Preußisch-Eylau,  südlich  von  Königsberg,  zu
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  175

 

 

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Nettelbeck,  der  Verteidiger  Kolbergs.
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        176  Zweiter  Zeitraum.

einer  blutigen  Schlacht;  am  zweiten  Tage  griff  auch  das  preußische  Heer  mit
in  den  Kampf  ein  und  drang  siegreich  vor,  aber  am  Abend  befahl  der  russische
Befehlshaber  von  Bennigsen  den  Rückzug.  So  war  der  Sieg  zwar  nicht
errungen,  aber  auch  Napoleons  Hoffnung,  Russen  und  Preußen  mit  einem
Schlage  zu  vernichten,  nicht  in  Erfüllung  gegangen.  Er  stutzte;  wollte  das
Schlachtenglück  ihm  ungetreu  werden?  Unter  dem  Eindruck  dieses  ersten  Miß—
erfolges  bot  er  König  Friedrich  Wilhelm  die  Hand  zum  Frieden:  er  wollte
ihm  alle  Länder  westlich  von  der  Elbe  zurückgeben.  Aber  der  König  merkte  die
ihm  von  dem  Arglistigen  gelegte  Schlinge,  der  ihn  zuerst  von  seinem  Bundes-ü
genossen  trennen  wollte,  um  ihn  später  zu  zermalmen,  und  wankte  keinen
Augenblick.  Er  wurde  zum  Ausharren  ermutigt  durch  die  Nachrichten  von
der  ruhmvollen  Verteidigung  einzelner  Festungen.  Danzig  hielt  sich  bis
Mai,  Neiße  und  Kosel  bis  zum  Juni,
Graudenz,  Kolberg,  Glatz  und
Silberberg  blieben  unbezwungen.  Als
die  Franzosen  den  greisen  Courbieêre
aufforderten,  Grandenz  zu  übergeben,
weil  es  keinen  König  von  Preußen
mehr  gebe,  antwortete  er  gelassen:
„Dann  giebt  es  doch  noch  einen  König
von  Grandenz“,  und  die  Festung  hielt
sich.  Am  hellsten  leuchtete  Kolbergs
Ruhm.  Die  Bürgerschaft,  an  ihrer
Spitze  der  fast  70  jährige  Nettelbeck,
ein  alter  Seemann,  griff  selber  zu  den
Waffen  und  erhielt  in  Gneisenau  einen
Führer  von  schöpferischer  Thatkraft;
Rittmeister  von  Schill,  der  dort
Genesung  von  Wunden  suchte,  brachte

Schill.  mit  seinen  Husaren  den  Belagerern

«  «  manchen  Verlust  bei.  So  hielt  sich
Kolberg.  Scharnhorst  übte  das  kleine  prenßische  Heer  in  der  neuen  Kampfesweise;
  dagegen  konnte  der  König  sich  noch  nicht  entschließen,  die  Kabincttsregierung
  abzuschaffen,  und  als  Stein  darauf  drang,  ward  er  in  Ungnaden
entlassen.

Von  beiden  Seiten  ward  für  den  neuen  Feldzug  eifrig  gerüstet;  Napoleon
ließ  sogar  die  dienstpflichtige  Mannschaft  des  folgenden  Jahrganges  schon  jetzt.
ausheben.  Friedrich  Wilhelm  schloß  mit  England  Frieden  und  verzichtete  aufalle
  Ansprüche  auf  Hannover.  Kaiser  Alexander  kam  im  Frühjahr  1807
selber  nach  Preußen;  bei  einer  Heerschan  umarmte  er  den  König  und  rief
unter  Thränen:  „Nicht  wahr,  keiner  von  uns  beiden  fällt  allein?  Entweder
beide  zusammen  oder  keiner!“  Zu  Bartenstein  a.  d.  Alle  schlossen  beide
(26.  April)  einen  neuen  Vertrag,  deren  Ziel  war:  Wiederherstellung  der
früheren  Ordnung  Europas,  gemeinsame  Verwaltung  Deutschlands  durch
Österreich  und  Preußen.  Auf  den  Beitritt  Englands,  Schwedens  und  Osterreichs
  rechnete  man.  Doch  sollte  auch  dieser  mit  so  großen  Hoffnungen
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        Hoff

Hoffmeyer,

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Preusien.

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Zusammenkunst  der  Königin  Luise  mit  Napolcon.

 

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6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilh

elm  III.

177
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        178  Zweiter  Zeitraum.

geschlossene  Vertrag  kläglich  enden.  Nach  vier  Wochen  (27.  Mai)  fiel  trotz  tapferer
Verteidigung  durch  General  Kalckreuth  das  so  wichtige,  aber  von  den  Russen
nicht  genügend  unterstützte  Danzig;  jetzt  begann  Napoleon  den  Sommerfeldzug
mit  einem  trefflich  gerüsteten,  überlegenen  Heere.  Zwar  scheiterte  sein  erster
Angriff  bei  Heilsberg  a.  d.  Alle  (10.  Juni);  aber  vier  Tage  später  erlag
das  russische  Heer  in  der  furchtbaren  Schlacht  bei  Friedland  und  zog  sich
zurück.  Lestocq  hatte  sich  in  Königsberg  hineingeworfen,  mußte  es  aber
wieder  räumen,  und  die  Franzosen  besetzten  auch  diese  letzte  Hauptstadt  Preußens.
Nun  verlor  Alexander  den  Mut,  dazu  mißbilligten  sein  Bruder  und  die
meisten  Generale  diesen  „Krieg  für  Preußen“;  deshalb  bot  er,  ohne  seinen
ihm  unerschütterlich  vertrauenden  königlichen  Freund  zu  benachrichtigen,  Napoleon
einen  Waffenstillstand  an.  Napoleon  griff  mit  beiden  Händen  zu.  Die
Königin  Luise  schrieb  an  ihren  Vater:  „Wir  stehen  auf  dem  Punkte,  das
Königreich  zu  verlassen.  Bedenken  Sie,  wie  mir  dabei  ist;  doch  glauben  Sie
nicht,  daß  Kleinmut  mein  Haupt  beugt!  Zwei  Hauptgründe  habe  ich,  die
mich  über  alles  erheben;  der  erste  ist  der  Gedanke:  wir  sind  kein  Spiel  des
blinden  Zufalls,  sondern  stehen  in  Gottes  Hand;  der  zweite:  wir  gehen  in
Ehren  unter.  Der  König  hat  der  Welt  bewiesen,  daß  er  nicht  Schande,
sondern  Ehre  will.  Preußen  wollte  nicht  freiwillig  Sklavenketten  tragen."
Bei  einer  persönlichen  Zusammenkunft  auf  einem  Floße  in  der  Memel  zu
Tilsit  wußte  Napoleon  den  wankelmütigen  Alexander  durch  Schmeichelei  und
glänzende  Aussichten  auf  eine  Teilung  Europas  nicht  allein  zum  Frieden  zu  bewegen,
  sondern  sogar  zum  Bundesgenossen  in  einem  Kriege  gegen  England  zu
gewinnen.  An  der  nächsten  Zusammenkunft  durfte  auch  Friedrich  Wilhelm  teilnehmen,
  aber  nicht  um  zu  verhandeln,  sondern  nur  um  zu  erfahren,  was
Napoleon  ihm  in  Rücksicht  auf  Alexgander  von  den  vollständig  eroberten  preuhßiischen
  Staaten  zurückgeben  wollte.  Aber  trotz  seines  Unglücks  blieb  der  König
stolz,  zurückhaltend  und  wortkarg;  Schmeichelworte  waren  ihm  unmöglich.  Auf
Wunsch  Napoleons  gestattete  er  auch,  daß  die  von  dem  Sieger  so  oft  geschmähte
Königin  Luise  von  Memel  nach  Tilsit  käme;  die  edle  Frau  vergaß  das  ihr
angethane  Unrecht  und  erschien  vor  dem  ihr  so  verhaßten  Manne  in  der
Hoffnung,  für  Preußen  noch  günstigere  Bedingungen  zu  erwirken.  Aber  vergebens!
  Die  Bitten  glitten  von  ihm  ab,  „wie  das  Wasser  vom  Wachstuche“.
Als  er  seiner  Verwunderung  darüber  Ausdruck  gab,  daß  der  König  bei  allem
Unglück  sich  solche  Seelenstärke  bewahrt  habe,  antwortete  dieser:  „Die  Stärke
und  Ruhe  der  Seele  giebt  nur  die  Kraft  eines  guten  Gewissens.“  Verletzt
fuhr  Napoleon  fort:  „Wie  konnten  Sie  überhaupt  mit  mir  Krieg  anfangen!“
Der  König  sah  ihn  fest  an;  die  Königin  aber  erwiderte:  „Dem  Ruhme  Friedrichs
war  es  erlaubt,  uns  über  unsere  Kräfte  zu  täuschen,  wenn  anders  wir  uns
getäuscht  haben!“  ·
Im  Frieden  zu  Tilsit,  den  Alexander  am  7.,  Friedrich  Wilhelm  am
9.  Juli  mit  Napoleon  schloß,  verlor  Rußland  nichts,  es  erhielt  sogar  noch
ein  Stück  von  Neuostpreußen,  trat  aber  der  Festlandssperre  bei.  Preußen
verlor  alles  Land  westlich  von  der  Elbe  mit  Magdeburg,  dazu  sämtliche  in  der
zweiten  und  dritten  polnischen  Teilung  erworbenen  Länder.  Diese  wurden
als  Herzogtum  Warschau  dem  König  von  Sachsen  übergeben,  Danzig  wurde
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  179

dem  Namen  nach  eine  freie  Stadt  unter  sächsisch-polnischem  Schutze,  in  Wahrheit
  aber  eine  französische  Festung.  Aus  dem  größten  Teile  der  abgetretenen
preußischen  Gebiete  westlich  von  der  Elbe,  aus  Braunschweig,  Kurhessen  und
der  Südspitze  Hannovers  bildete  Napoleon  ein  neues  Königreich  Westfalen
und  gab  es  seinem  jüngsten,  mit  einer  württembergischen  Prinzessin  vermählten
Bruder  Hieronymus,  der  seinen  Wohnsitz  in  Kassel  nahm  und  dem  Rheinbunde
  beitrat.  Preußen  hatte  mehr  als  die  Hälfte  seines  Umfanges  und
seiner  Einwohnerzahl  verloren;  dazu  sollte  das  schon  ausgesogene  Land  bis
zur  völligen  Abzahlung  einer  Kriegsschuld,  deren  Höhe  noch  nicht  einmal
bestimmt  war,  eine  französische  Besatzungsarmee  von  160000  Mann  ernähren.
Nicht  ohne  Schadenfreude  sahen  manche  deutsche  Kleinstaaten  die  einst  so
mächtige  Monarchie  Friedrichs  des  Großen  schon  zwei  Jahrzehnte  nach  dessen
Tode  zerbröckeln.

Iln  ergreifenden,  würdigen  Worten  entließ  König  Friedrich  Wilhelm  seine  bisherigen
  Unterthanen.  „Der  Friede  mußte  abgeschlossen  werden.  Was  Jahrhunderte,
biedere  Vorfahren,  was  Liebe  und  Vertrauen  verbunden  hatten,  mußte  Netrennt
werden.  Das  Schicksal  gebietet,  der  Vater  scheidet  von  seinen  Kindern.“  Rührend
waren  die  Antworten,  welche  ihm  von  allen  Seiten  zugingen;  die  Bauern  der  Grafschaft
  Mark  schrieben  in  ihrem  derben  Platt:  „Das  Herz  wollte  uns  brechen,  als
wir  Deinen  Abschied  lasen;  so  wahr  wir  leben,  es  ist  nicht  Deine  Schuld.“  Solche
und  viele  andere  Beweise  der  Unterthanenliebe  erquickten  das  wunde  Herz  des  Königs;
noch  größeren  Trost  fand  das  Königspaar  in  dieser  schweren  Zeit  in  seinem  festen
Gottvertrauen.  Damals  erwählte  der  König  die  Inschrift  von  einem  Grabdenkmal

im  Königsberger  Dom:  „Meine  Zeit  in  Unruhe,  meine  Hoffnung  in  Gott“
zu  seinem  Wahlspruche.

5.  Preutens  Wiedergeburk.

Der  Friede  zu  Tilsit  bezeichnet  die  tiefste  Erniedrigung  Deutschlands,
  wenn  auch  viele  der  Unterworfenen  kaum  die  Schmach  der  Fremdherrschaft
  cmpfanden,  sondern  sich  durch  geringe,  ihnen  von  der  neuen
Herrschaft  gebrachte  Vorteile  blenden  ließen.  So  wurde  im  Königreich
Westfalen  der  Code  Napoléon  eingeführt,  der  mit  der  allgemeinen  Rechtsgleichheit
  Aufhebung  der  Frondienste  und  durch  die  Einführung  von  Schwurgerichten
  den  Laien  wieder  Teilnahme  an  der  Rechtspflege  gewährte.  Aber
allmählich  gingen  auch  ihnen  die  Augen  auf,  als  sie  sahen,  wie  Napoleon  den
Rheinbund  nur  in  seinem  Interesse  benutzte,  wie  die  Blüte  deutscher  Jugend
für  ihn  auf  den  Schlachtfeldern  geopfert  und  wie  das  deutsche  Volk  durch
französische  Lasterhaftigkeit,  am  schlimmsten  durch  den  Hof  Jeromes  in  Kassel,
vergiftet  wurde.  Auch  die  Länder  des  Rheinbundes  litten  unter  dem  stetig
wachsenden  Steuerdruck  und  der  durch  die  Festlandssperre  verursachten  Handelsstockung.
  Am  meisten  aber  litt  Preußen.  Das  so  verkleinerte  und  ausgesogene
  Land  mußte  ein  französisches  Besatzungsheer  von  160000  Mann
löhnen  und  aufs  beste  verpflegen.  In  dem  so  schwer  heimgesuchten  Ostpreußen
lagen  weite  Landstriche  wie  ausgestorben,  so  daß  die  Prediger  von  den  Kanzeln
ermahnten,  wer  wolle,  möge  ernten,  damit  nicht  das  Korn  auf  dem  Halme
verdorre.  Der  Handel  stand  fast  vollständig  still,  besonders  der  Seehandel,
da  die  Engländer  und  später  auch  die  Franzosen  die  preußische  Handelsflotte
fast  ganz  vernichtet  hatten.  Die  Seehandlung  und  die  Preußische  Bank

12“
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        180  Zweiter  Zeitraum.

mußten  ihre  Zahlungen  einstellen;  eine  Staatsanleihe  von  nur  drei  Millionen
Mark  war  nach  drei  Jahren  noch  nicht  vergriffen.  Gold-  und  Silbergeld
war  selten,  goldene  und  silberne  Geräte  mußten  eingeschmolzen  werden;  selbst
die  königliche  Familie  litt  Mangel.  Die  Gräfin  Voß  schreibt  in  ihrem  Tagebuche:
  „Es  giebt  viele  Offizierc,  die  auch  nicht  das  Allergeringste  an  Sold
mehr  nehmen.  Man  weiß,  daß  manche  Holz  hauen,  um  ihr  Brot  zu  verdienen,
  andere  bei  den  Bauern  arbeiten,  um  nur  leben  zu  können."  Die
Königin  gab  ihre  Schmucksachen  hin,  nur  eine  Perlenkette  behielt  sie;  „denn
Perlen,“  sagte  siec,  „bedenten  Thränen,  und  ich  habe  ihrer  so  viele  geweint.“
Sic  erfuhr  wie  wenige  die  Wahrheit  des  Wortes:  „Kronen  schützen  nicht
vor  Thränen,  aber  sie  verbergen  sic.“  Und  dabei  war  das  Ende  dieses
Elends  noch  gar  nicht  abzusehen.  Die  französischen  Truppen  sollten  zwar
zum  1.  Oktober  1807  das  Land  räumen,  aber  nur,  wenn  bis  dahin  die
Kriegsschuld  abgetragen  wäre;  die
Höhe  derselben  aber  hatte  Napoleon
absichtlich  noch  nicht  bestimmt,  um
Preußen  in  der  Hand  zu  haben.
Aber  das  Unglück  bewies  sich
als  den  besten  Arzt:  es  deckte  die
Schäden  im  Staats=  und  Volksleben
*Wi  auf  und  wurde  so  als  Quell  der
oee:  Wiedergeburt  Preußens  zum  Segen.
.  dv  Auf  Hardenbergs  Empfehlung,  den
6  der  König  auf  Napoleons  Verlangen
entlassen  mußte,  weil  er  den  Vertrag
»  .,.«zuBartensteinabgeschlofscnhattc,und
,  ,·-««.  »-««,s,«-«««,»"».»,  »aufBittcnderKöniginLuiscberief
«--,-—».-«-«’«-"""""FriedrichWilhelmdenReichsfrei.-·
  herrn  vom  Stein  zu  seinem  ersten
Stein.  Minister;  ihn  bezeichnete  das  allge—
«  meine  Urteil  als  den  Mann,  bon  dem
allein  Hilfe  zu  erwarten  sei.  „Stein  kommt!“  schrieb  die  Königin.  „Mit
ihm  kehrt  meine  Hoffnung  wieder!“

 

«  7  5.
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Reichsfreiherr  Karl  vom  und  zum  Stein  war  1757  auf  der  väterlichen
Burg  zum  Stein  an  der  Lahn  geboren.  Von  dem  Namen  Friedrichs  des  Großen
angelockt,  entschied  er  sich  für  den  preußischen  Dienst;  schon  als  Bergrat  und  später
als  Oberpräsident  von  Westlfalen  zeigte  er  seine  große  Tüchtigkeit  und  wurde  1804
als  Finanzminister  in  das  Generaldirektorium  berufen.  Erst  im  Januar  1807  entlassen
(S.  176),  kehrte  er  im  September  desselben  Jahres  auf  den  Ruf  des  Königs  und  die
Bilte  der  Königin  zurück.  Stein  war  von  mittlerer  Größe,  aber  kräftigem  Körperbau;
  zwischen  den  breiten  Schultern  saß  ein  stattliches  Haupt;  „aus  der  Stirn  sprach
nichts  als  Macht,  Mut  und  Verstand  nebst  Redlichkeit,  Wahrheit  und  Treuc.“  (Arndt.)

Fromm  und  gottesfürchtig,  kannte  er  keine  Menschenfurcht.  „Gradaus,  graddurch!“
war  sein  Wahlspruch.

Stein  lag  krank,  als  ihn  des  Königs  Ruf  erreichte;  aber  in  drei  Tagen
überwand  er  das  Fieber,  eilte  nach  Memel  und  griff  sein  schweres  Werk  mit
wahrem  Feuereifer  an.  Zunächst  galt  es,  das  Land  möglichst  bald  von  der
        <pb n="187" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  181

französischen  Besatzung  zu  befreien.  Aber  Napoleon  zog  alle  Verhandlungen
absichtlich  in  die  Länge,  um  Preußen  bis  aufs  Blut  auszusaugen.  Vergebens
versuchte  des  Königs  Bruder,  Prinz  Wilhelm,  von  Napoleon  mildere  Bedingungen
  zu  erlangen,  indem  er  nebst  seiner  Gemahlin  so  lange  in  französischer
Gefangenschaft  zu  bleiben  versprach,  bis  die  ganze  Kriegsschuld  abgetragen
wäre.  Erst  im  Herbst  1808,  als  Napoleon  seiner  Truppen  im  Kampfe  gegen
Spanien  bedurfte,  bot  er  selber  eine  Räumung  Preußens,  wenn  auch  unter
harten  Bedingungen,  an.  In  denselben  Tagen  wurde  er  dann  durch  einen
aufgefangenen  Brief  Steins  (S.  186)  aufs  heftigste  gereizt,  und  unter  Drohungen
erzwang  er  den  Pariser  Vertrag  (8.  September).  Preußen  sollte  als  rückständige
  Schuld  noch  140  Millionen  Franken  zahlen,  innerhalb  der  nächsten
zehn  Jahre  nicht  mehr  als  42000  Soldaten  halten,  keine  Landwehr  ausbilden
  und  keine  Volksbewaffnung  dulden.  Bis  zur  völligen  Abtragung  der
Kriegsschuld  mußten  Napoleon  Stettin,  Küstrin  und  Glogau,  sowie  fieben
Etappenstraßen  quer  durch  das  preußische  Gebiet  eingeräumt  werden.  In
Erfurt  (S.  186)  setzte  er  auf  Alexanders  Fürsprache  die  Kriegsschuld  auf
120  Millionen  herab;  auch  diese  Summe  vermochte  das  ausgesogene  Land
trotz  aller  Ersparnisse,  Anleihen  und  Domänenverkäufe  nie  abzutragen,  in
Wirklichkeit  haben  ihm  aber  die  Franzosen  allein  während  der  beiden  Besatzungsjahre
  1¼  Milliarden  Franken  abgepreßt.  Ende  1808  zog  das  französische
  Heer  mit  Ausnahme  der  Besatzung  der  drei  Festungen  ab;  aber  trotzdem
  blieb  das  Land  noch  in  Napoleous  Gewalt.

Nicht  weniger  wichtig  als  die  Befreiung  des  Landes  war  die  Aufgabe,
das  ganze  Staatswesen  umzugestalten  und  in  dem  Volke  einen
sittlichen,  religiösen,  vaterländischen  Geist  zu  wecken.  König  Friedrich
Wilhelm  III.  hatte  sich  schon  seit  seinem  Regierungsantritt  mit  dem  Gedanken
getragen,  den  Bauern  und  Bürgern  eine  größere  Freiheit  zu  gewähren,  auf
seinen  Befehl  hatten  die  Minister  schon  vor  Steins  Ankunft  einen  Entwurf
über  die  Aufhebung  der  Erbunterthänigkeit  in  Ost=  und  Westpreußen
ausgearbeitet.  Stein  hatte  die  Unfreiheit  des  Landvolks  stets  als  einen  großen
Schaden  für  das  Land  anugesehen  und  befürwortete  die  Ausdehnung  dieses
Gesetzes  auf  den  ganzen  Staat.  Der  König  stimmte  freudig  zu.  So  erschien
am  9.  Oktober  1807  das  „Edikt,  den  erleichterten  Besitz  und  den
freien  Gebrauch  des  Grundeigentums,  sowie  die  perfsönlichen
Verhältnisse  der  Landbewohner  betreffend“.  Fortan  konnte  der
Adlige  bürgerliche  Güter  erwerben  und  bürgerliches  Gewerbe  treiben,  der
Bürger  und  Bauer  auch  in  den  Besitz  adliger  Grundstücke  gelangen,  der
Bürger  in  den  Bauernstand,  der  Bauer  in  den  Bürgerstand  treten.  Hinfort
durfte  kein  Unterthänigkeitsverhältnis  mehr  entstehen,  die  bisherigen  Unterthänigkeitsverhältnisse
  wurden  aufgehoben;  nach  dem  Martinitage  1810  sollte
es  in  Preußen  nur  noch  freie  Leute  geben.  Damit  gewannen  etwa
zwei  Drittel  der  Einwohner  des  Staates  die  unbeschränkte  persönliche
  Freiheit;  die  kastenartige  Trennung  der  Stände  war
gefallen.  Viele  Adlige  waren  mit  diesen  Neuerungen  natürlich  unzufrieden
und  suchten  Stein  zu  verdrängen,  in  der  Prignitz  tobten  selbst  die  Bauern
gegen  „die  neue  Freiheit“;  aber  der  König  ließ  sich  nicht  irre  machen.  Auf
        <pb n="188" />
        182  Zweiter  Zeitraum.

den  meisten  königlichen  Domänen  war  die  Erbunterthänigkeit  schon  im  18.  Jahr—
hundert  aufgehoben;  wo  sie  noch  bestand,  sollte  sie  am  1.  Juni  1808  auf—
hören.  Durch  eine  weitere  Verordnung  (vom  27.  Juli  1808)  verlieh  der
König  den  Einsassen  der  königlichen  Domänen  in  Ost-  und  Westpreußen,  etwa
47000  bäuerlichen  Familien,  das  volle  Eigentum  ihrer  Grundstücke:  ein
wahrhaft  königliches  Geschenk!

Auch  die  städtischen  Verhältnisse  wurden  umgestaltet.  Nur  wenige
deutsche  Städte  —  die  freien  Reichsstädte,  einzelne  Bischofsstädte  —  hatten
ihre  selbständige  Verwaltung  gerettet;  die  meisten  waren  unter  die  Bevormundung
  der  Fürsten  geraten.  Die  städtischen  Angelegenheiten  wurden  von
Staatsbeamten  verwaltet,  die  von  dem  Willen  der  Gemeinde  ganz  unabhängig
waren.  Die  Bürger  hatten  deshalb  für  das  öffentliche  Leben  auch  wenig
Interesse;  die  städtischen  Beamten  aber,  oft  invalide  Offiziere,  betrachteten  ihr
Amt  meistens  als  bequemen  Ruheposten.  Auch  hier  wurde  Wandel  geschafft.
Am  19.  November  1808  erließ  der  König  die  „Ordnung  für  sämtliche
Städte  der  preußischen  Monarchie“,  welche  den  Bürgern  die  Verwaltung
der  städtischen  Angelegenheiten  durch  selbstgewählte  Beamte  zurückgab  und
noch  jetzt  die  Grundlage  der  preußischen  Städtcordnung  bildet.

Die  Staatsverwaltung  wurde  1808  unter  Steins  Einfluß  ebenfalls
neu  geordnet.  Das  Generaldirektorium  wurde  beseitigt.  An  die  Stelle  der
Provinzialminister  traten  fünf  Fachminister:  für  das  Innere,  die  Finanzen,
das  Auswärtige,  den  Krieg  und  die  Justiz;  jede  Provinz  wurde  unter  einen
Oberpräsidenten  gestellt,  die  bisherigen  Kriegs=  und  Domänenkammern  in
Regierungen  umgewandelt.  Ebenso  wurden  damals  Rechtspflege  und
Verwaltung  vollständig  getrennt  (S.  148).  Um  die  Macht  der
Minister  zu  beschränken,  wollte  Stein  ihnen  einen  Staatsrat  zur  Seite  stellen,
der  alle  hervorragenden  Staatsdiener,  auch  die  Minister  selbst,  in  sich  vereinigen
  und  die  Gesetzentwürfe  beraten  sollte.  Ebenso  sollte  neben  dem  Landrat
der  Kreistag,  neben  dem  Oberpräsidenten  der  Provinziallandtag  und  über
diesem  sollten  die  preußischen  Reichsstände  stehen.  Manche  dieser  weit  ausblickenden
  Gedanken  sind  erst  in  unsern  Tagen  verwirklicht;  auch  die  Neugestaltung
  des  Unterrichtswesens,  die  Stein  in  Angriff  nehmen  wollte,  blieb
wegen  seiner  so  baldigen  Entlassung  unausgeführt.

Hand  in  Hand  mit  der  Neuordnung  der  Verwaltung  ging  die  Neugestaltung
  des  Heeres.  Der  König  selber  gab  hierzu  den  Anstoß,  indem
er  gleich  nach  dem  Tilsiter  Frieden  Scharnhorst  an  die  Spitze  einer  Kommission
  berief  und  ihr  eine  eigenhändige  Denkschrift  vorlegte,  worin  er  alle
Mängel  des  Heeres  bezeichnete  und  die  Mittel  zur  Abhilfe  angab.

Gerhard  Joh.  David  Scharnhorst  wurde  am  12.  November  1755  zu
Bordenau  bei  Wunstorf  in  der  Provinz  Hannover  als  Sohn  eines  freien  Bauern
geboren,  der  früher  Unteroffizier  gewesen,  erlangte  Aufnahme  in  die  vom  Fürsten
von  Bückeburg  auf  der  kleinen  Festung  Wilhelmstein  im  Steinhuder  Meer  errichtete
Kriegsschule,  trat  später  in  hannoversche  Dienste  und  lernte  in  dem  ersten  Koalitionskriege
  die  neue  Kampfweise  der  Franzosen  kennen.  1801  trat  er  in  preußische
Dienste,  focht  ehrenvoll  bei  Jena  und  machte  mit  Blücher  den  Zug  nach  Lübeck  mit,
wurde  nach  seiner  Gefangennahme  bald  ausgelöst  und  beteiligte  sich  ruhmvoll  an

den  Kämpfen  von  1807.  Scharnhorst  war  aber  nicht  nur  als  tüchtiger  eerführer
voll  praktischer  Erfahrungen,  der  in  allen  Waffengattungen,  im  Generalstabe  und
        <pb n="189" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  183

als  Lehrer  der  Militärbildungsanstalten  gedient  hatte,  sondern  auch  als  erster  Militärschriftsteller
  bekannt,  und  durch  diese  allseitige  Tüchtigkeit  gelang  es  ihm,  alle  Vorurteile,
  welche  man  in  Hannover  gegen  den  „Bürgerlichen“,  in  Preußen  gegen  den
„Nichtadligen“  und  „Ausländer“  hegte,  zu  überwinden.  Die  stramme  Haltung  eines
preußischen  Offiziers  fehlte  ihm;  in  unscheinbarer,  fast  nachlässiger  Kleidung  ging  er
einher,  den  Kopf  gesenkt;  das  Haar  fiel  ungeordnet  über  die  Stirn  herab;  seine
Sprache  war  leise  und  langsam.  Aber  welches  Feuer  sprühte  aus  den  tiefliegenden,
meistens  etwas  verschleierten  Augen,  wenn  er  das  Schlachtfeld  betrat!  Dann  war  er
ein  Held  vom  Scheitel  bis  zur  Sohle.  —  Scharnhorsts  Gehilfen  bei  der  Neugestaltung
des  Heeres  waren  vor  allem  Gneisenau  und  Grolman,  die  sich  als  tüchtige
Heerführer  hervorgethan  haben,
Boyen,  der  nach  den  Freiheitskriegen
  dem  preußischen  Heere  seine
dauernde  Verfassung  gegeben,  und
Clausewitz,  der  klassische  Militär=      


   

schriftsteller.
Mit  Hilfe  dieser  Männer  R
begann  der  König  die  Neugestal—  4**
tung  des  Heeres.  Schon  vor  der.  in
Schlacht  bei  Friedland  hatte  er  een.  rn

1#  -  *7.
2

strenges  Gericht  über  die  feigen.
Festungskommandanten  gehalttn
jetzt  untersuchte  eine  Kommissio
das  Verhalten  eines  jeden  Offi-  0
ziers  während  des  Krieges:  alle
Schuldigen  und  Verdächtigen
wurden  unerbittlich  entfernt.  Die  «··«
Zöpfe  und  Gamaschen  waren  ——

schon  im  letzten  Feldzuge  ent-  Scharnhorst.

fernt,  jetzt  wurde  die  ganze

Kleidung  bequemer  gemacht;  es  wurden  bessere  Gewehre  angeschafft,  neue
Kanonen  gegossen,  die  Festungen  wiederhergestellt.  Die  Künste  des  Paradeplatzes
  traten  hinter  die  Felddienstübungen  zurück.  Die  wichtigste  Anderung
aber,  welche  das  Heer  damals  und  überhaupt  erfahren  hat,  ist  die  Einführung
der  allgemeinen  Wehrpflicht.  Man  kehrte  damit  zu  der  altdeutschen  Anschauung
  zurück,  daß  jeder  Bewohner  eines  Landes  auch  dessen
natürlicher  Verteidiger,  daß  die  Waffenpflicht  eine  Ehrenpflicht
sei.  Das  Söldnerwesen  mit  seinen  Werbungen  hörte  auf;  jeder  Wehrfähige
war  auch  wehrpflichtig,  Stellvertretung  war  nicht  gestattet.  Das  preußische  Heer
wurde  das  Volk  in  Waffen.  Da  ihm  fortan  auch  die  jungen  Leute  der
ersten,  gebildetsten  Familien  angehörten,  durfte  man  entehrende  Strafen,  wie
Stockprügel  und  Gassenlaufen,  nicht  mehr  anwenden;  auch  mußten  die  Offiziere
  sich  eine  größere  wissenschaftliche  Bildung  aneignen  als  bisher  und  durften,
da  die  Bevorzugung  des  Adels  auch  im  bürgerlichen  Leben  gefallen  war,  nicht
mehr  allein  dem  Adelstande  entnommen  werden.  Deshalb  wurde  bestimmt:
„Einen  Anspruch  auf  Offizierstellen  können  im  Frieden  nur  Kenntnisse  und
Bildung  gewähren,  im  Kriege  ausgezeichnete  Tapferkeit,  Tüchtigkeit  und
Uberblick.“  Um  die  gefährliche  Bestimmung  des  Pariser  Vertrages  zu  umgehen,
  hob  man  42000  Rekruten  aus,  übte  sie  rasch  ein  und  beurlaubte
        <pb n="190" />
        184  Zweiter  Zeitraum.

sie  nach  einigen  Monaten  wieder,  um  andere  für  sie  einzuziehen.  Durch  dieses
„Krümpersystem“  bildete  Scharnhorst  nach  und  nach  150  000  Mann  notdürftig
aus;  für  alle  lag  auch  die  erforderliche  Ausrüstung  bereit.

Auch  ein  sittlicher,  religiöser,  vaterländischer  Geist  erwachte  in
jenen  Tagen  wieder.  Die  Not  drückte  schwer;  „ein  tiefer  Ernst  lagerte  auf
den  Gemütern;  es  war,  als  ob  die  Menschen  reiner  und  besser  würden,  als
ob  der  Zorn  über  den  Untergang  des  Vaterlandes  alle  gemeinen  und  niedrigen
Regungen  des  Herzens  ganz  aufsöge.“  Gelehrte,  Geistliche  und  Dichter  suchten
diese  Regung  noch  zu  vertiefen.  Professor  Fichte  hielt  im  Winter  1807/8
in  Berlin  unter  den  Augen  der  französischen  Machthaber  seine  „Reden  an
die  deutsche  Nation“.  Mit  kühnem  Freimut  schilderte  er,  während  draußen
französische  Trommeln  wirbelten  und  drinnen  französische  Aufpasser  lauerten,
die  fremden  Gewalthaber,  die  Schande  der  Gegenwart,  aber  auch  die  hohen

 

Arndt.

 

Vorzüge  des  deutschen  Volkes.  „Die  Deutschen  allein  sind  noch  ursprüngliche
Menschen,“  so  rief  er,  „wenn  sie  versinken,  so  versinkt  das  ganze  menschliche
Geschlecht  mit.  Soll  der  Menschheit  noch  eine  Hoffnung  bleiben,  so  muß  ein
neues  deutsches  Geschlecht  erzogen  werden."  Dabei  wies  er  auf  Pestalozzi
(S.  232)  hin,  zu  dem  bald  deutsche  Lehrer  und  Staatsmänner  pilgerten.
Auch  das  Wort  der  Prediger  fand  jetzt  wieder  willigere  Ohren,  selbst  in  dem
bisher  so  freigeistigen  Berlin  füllten  sich  die  Kirchen  wieder.  Die  gebildete
Welt  lauschte  den  Worten  Schleiermachers,  der  ähnlich  wie  Fichte  den
Grundgedanken  der  nenen  Zeit  verkündete,  daß  aller  Wert  des  Menschen  in
der  Kraft  und  Reinheit  des  Willens,  in  der  freien  Hingabe  an  das  Ganze
liege.  Ernst  Moritz  Arndt  eiferte  wider  alles  Undentsche,  wider  die  überzärtliche
  Bildung  und  erfüllte  durch  Gedichte  und  seinen  „Geist  der  Zeit“  die
Gemüter  mit  grimmigem  Haß  gegen  die  fremden  Bedrücker,  mußte  aber  vor
der  Rache  Napoleons  nach  Schweden  flüchten.  Turnvater  Jahn  suchte  die
        <pb n="191" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  185

Jugend  durch  Turnübungen  körperlich  und  sittlich  zu  stählen.  Die  Gebrüder
Grimm  zeigten  dem  deutschen  Volke  die  Schönheit  seiner  Sprache  und  seiner
Märchen,  und  die  Romantiker,  wie  Arnim  und  Brentano,  führten  ihm
die  Herrlichkeit  des  Mittelalters  mit  seinen  Ritterburgen  und  Klöstern,  seiner
Tapferkeit,  Treue  und  Frömmigkeit  vor  Augen.  Schiller  rief  dem  deutschen
Volke  in  seinem  „Tell“  so  manches  Trostwort,  aber  auch  manches  Wort  der
Mahnung  und  Strafe  zu.  Da  Napoleon  überall  Spione  unterhielt,  traten
die  Vaterlandsfreunde  heimlich  zusammen,  um  die  Gesinnungsgenossen  zu
sammeln,  die  Lauen  anzufeuern,  den  Franzosenhaß  zu  schüren.  Der  bekannteste
dieser  Geheimbünde  war  der  Königsberger  „Tugendbund“;  und  wenn
derselbe  auf  Befehl  des  Königs  schon  1809  wieder  aufgehoben  wurde,  so
wurde  doch  sein  Ziel  auch  ohne  eine  förmliche  Vereinigung  weiter  verfolgt:
alle  vaterländisch  gesinnten  Einwohner  bildeten  gleichsam  einen  Tugendbund.

ç  Im  Frühjahr  1808  schrieb  die  Königin  Luise  an  ihren  Vater:  „Es  wird  mir
immer  klarer,  daß  alles  so  kommen  mußte,  wie  es  gekommen  ist.  Wir  sind  eingeschlafen
  auf  den  Lorbeeren  Friedrichs  des  Großen,  welcher,  der  Herr  seines  Jahrhunderts,
  eine  neue  Zeit  schuf.  Wir  sind  mit  derselben  nicht  fortgeschritten,  deshalb
überflügelt  sie  uns.  Das  siehet  niemand  klarer  ein  als  der  König.  Der  französische
Kaiser  ist  schlauer  und  listiger.  Von  ihm  können  wir  vieles  lernen,  und  es  wird
nicht  verloren  sein,  was  er  gethan  und  ausgerichtet  hat.  Es  wäre  Lästerung,  zu
sagen,  Gott  sei  mit  ihm;  aber  offenbar  ist  er  ein  Werlzeug  in  des  Allmächtigen
Hand,  um  das  Alte,  welches  kein  Leben  mehr  hat,  zu  begraben.  Gewiß  wird  es
besser  werden.  Aber  es  kann  nur  gut  werden  in  der  Welt  durch  die  Guten.  Deshalb
  glaube  ich  auch  nicht,  daß  der  Kaiser  Napoleon  Bonaparte  fest  und  sicher  sitzt
auf  seinem  jetzt  freilich  glänzenden  Throne.  Er  meint  es  nicht  redlich  mit  der  guten
Sache  und  mit  den  Menschen.“

6.  S#zwerr  Friedensjahre  unker  franzöliliem  Druck.
Preußen  während  der  Kriege  Napolcons  gegen  Spanien  und  gegen  Osterreich.

„Ich  weiß,  daß  alle  Preußen  mich  hassen,“  sagte  Napoleon,  und  mit
Recht.  Auch  die  königliche  Familie  traute  ihm  nicht;  deshalb  blieb  sie  nach
dem  Abzuge  der  französischen  Besatzung  aus  Berlin  noch  ein  volles  Jahr  in
Königsberg.  War  doch  niemand  vor  Napoleons  Gewaltthaten  sicher.  Er  riß
Ostfriesland  von  Deutschland  ab  und  vereinigte  es  mit  Holland,  entthronte
das  portugiesische  Königshaus,  zwang  den  König  und  den  Kronprinzen  von
Spanien  zum  Verzicht  und  schenkte  dies  Land  seinem  Bruder  Joseph.  Hierdurch
  veranlaßte  er  einen  gefährlichen  Aufstand  der  Spanier;  die  Engländer
  unterstützten  sie  durch  britische  und  deutsche  Regimenter,  und  die
Hannoveraner  der  deutschen  Legion  durften  nun  endlich  die  Schande  von
Sulingen  (S.  168)  sühnen.

Auch  in  Osterreich  hatte  sich  in  der  Gesinnung  des  Volkes  ein  ähnlicher
  Umschwung  vollzogen  wie  in  Preußen;  die  Nachrichten  aus  Spanien
beschlennigten  die  österreichischen  Rüstungen;  österreichische  und  preußische
Staatsmänner  unterhandelten  bereits  über  ein  gemeinsames  Vorgehen.  Besonders
  rieten  Stein  und  Scharnhorst  zum  Kriege;  der  König  indes  wollte
nur  im  Bunde  mit  Rußland  losschlagen,  Kaiser  Alegander  aber  wollte  mit
Napolcon  nicht  eher  brechen,  als  bis  er  mit  dessen  Hilfe  die  Walachei  und
        <pb n="192" />
        186  Zweiter  Zeitraum.

Moldau  erworben  hätte.  In  dieser  Zeit  fingen  die  französischen  Behörden
den  (S.  181)  schon  erwähnten  Brief  auf,  in  welchem  Stein  aufgefordert  hatte,
die  Erbitterung  gegen  die  Fremdherrschaft  auch  in  Hessen  und  Westfalen  zu
schüren.  Napoleon  ließ  ihn  im  Pariser  Moniteur  und  in  einem  von  ihm
bezahlten  Berliner  Blatte  mit  der  Bemerkung  abdrucken,  daß  die  preußischen
Minister  „ebenso  ungeschickt  wie  verderbt“  seien,  und  erzwang  unter  dem
Eindrucke  dieser  Veröffentlichung  den  Pariser  Vertrag  (S.  181).  Um  sich
ungestörter  der  Unterwerfung  Spaniens  hingeben  zu  können,  beschloß  er,  das
russische  Bündnis  von  neuem  zu  befestigen,  und  traf  dieserhalb  (Oktober  1808)
mit  Kaiser  Alexander  in  Erfurt  zusammen.  Auch  hier  dienten  die  deutschen
Fürsten  und  VBölker  dem  fremden  Tyrannen  durch  entehrende  Schmeichelei,
während  dieser  ihnen  jeden  Hohn  anthat.  So  veranstaltete  er  am  14.  Oktober
auf  dem  Schlachtfelde  von  Jena  eine  Hasenjagd,  auf  der  Prinz  Wilhelm  von
Preußen  ihn  begleiten  mußte.

König  Friedrich  Wilhelm  hatte  Stein  solange  als  möglich  gehalten;
aber  drohend  verlangte  Napoleon  dessen  Entlassung.  Deshalb  legte  Stein
(24.  November  1808)  sein  Amt  nieder  zu  großem  Schmerze  des  Königs  und
aller  Vaterlandsfreunde;  verfolgt  von  einem  Achtungsbefehle  Napoleons  ging
er  nach  ÖOsterreich,  seine  Güter  wurden  eingezogen.  Napoleon  hatte  inzwischen
in  raschem  Siegeslauf  die  spanisch-englischen  Heere  besiegt  und  Madrid  eingenommen;
  von  dort  aus  befahl  er  schon  dem  Rheinbunde,  seine  Truppen
marschbereit  zu  halten,  und  drängte  Osterreich  zum  Kriege,  um  es  für
seine  Rüstungen  zu  bestrafen.  Kaiser  Franz  hoffte,  das  übrige  Deutschland,
jedenfalls  Preußen  in  den  Kampf  mit  sortzureißen;  aber  Friedrich  Wilhelm
wollte  ohne  NRußland  nicht  vorgehen.  Er  reiste  in  Begleitung  der  Königin
nach  Petersburg;  sie  wurden  auch  mit  größter  Liebenswürdigkeit  ausgenommen,
erreichten  aber  nichts.  Kaiser  Alegander  riet  dringend  zum  Frieden  und  stellte
sogar  als  Napoleons  Bundesgenosse  ein  Hilfskorps  an  der  ostpreußischen
Grenze  auf.

Rasch  eilte  Napoleon  herbei  und  zwang  das  unter  Erzherzog  Karl
stehende  Heer,  von  Bayern  nach  Böhmen  zurückzugehen,  während  er  selber
auf  dem  rechten  Donauufer  hinabzog  und  nach  drei  Wochen  in  Wien  stand.
Als  er  aber  unterhalb  Wiens  die  Donau  überschreiten  wollte,  wurde  er  von
Erzherzog  Karl  (am  21.  und  22.  Mai)  bei  Aspern  zum  erstenmal  vollständig
geschlagen.  Der  Jubel  über  diesen  Sieg  durcheilte  ganz  Deutschland.  Friedrich
Wilhelm  vermochte  dem  ungestümen  Drängen  seiner  bewährtesten  Ratgeber
kaum  zu  widerstehen.  Die  Stimmung  seines  Heeres  war  so  franzosenfeindlich,
daß  Napoleon  gar  nicht  wagte,  die  von  Preußen  vertragsmäßig  zu  stellenden
Hilfstruppen  zu  fordern.  Der  alte  Blücher  meinte,  warum  die  Preußen  sich
nicht  den  Spaniern  und  Tirolern  (S.  188)  gleich  achten  sollten;  er  bat  den  König,
mit  einem  Heere  über  die  Elbe  setzen  zu  dürfen,  auch  Scharnhorst,  Gneisenau
und  aus  der  Ferne  Stein  rieten  zu  einem  entscheidenden  Schritt.  Aber
Friedrich  Wilhelm  blieb  fest,  ob  man  ihm  auch  in  weiten  Kreisen  deswegen
grollte.  Viele  meinten,  das  ganze  Volk  werde  aufstehen,  wenn  sich  nur  ein
Führer  fände,  und  der  Dichter  Heinrich  von  Kleist  forderte  zu  allgemeiner
Rache  gegen  die  Franzosen  mit  den  Worten  auf:
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  187

Alle  Triften,  alle  Stätter
Närbt  mit  ihren  Knochen  weiß!

elchen  Rab'  und  Fuchs  verschmähten,
Gebet  ihn  den  Fischen  preis!
Schlagt  ihn  tot!  Das  Weltgericht
Fragt  euch  nach  den  Gründen  nicht.

In  der  That  fanden  einzelne  Aufstände  statt;  sie  mißglückten  aber,  weil
sie  nicht  genügend  vorbereitet  waren  und  nicht  miteinander  im  Einvernehmen
standen.  In  Westfalen  rief  der  Oberst  Dörnberg  im  April  1809  eine
Empörung  hervor,  um  den  Kurfürsten  von  Hessen  wieder  zurückzuführen.  Da
er  die  Soldaten  nicht  zum  Abfall  bewegen  konnte,  rückte  er  mit  einem  Haufen
Bauern,  die  über  den  Mißhandlungen  der  Fremden  das  Sklavenleben  der
„Luten  alten  Zeit“  vergessen  hatten,  gegen  Kassel  vor.  Sie  wurden  aber  leicht
auseinandergetrieben;  Dörnberg  selber  entkam  nach  Böhmen  zum  Herzog  von
Braunschweig.  Zur  selben  Zeit  suchte  der  Husarenmajor  v.  Schill  (S.  1760)
in  Berlin,  der  sich  in  Kolberg  ausgezeichnet  hatte  und  dafür  vom  Königspaar
geehrt  war,  durch  einen  Einfall  in  Westfalen  den  Aufstand  in  Norddeutschland
  zu  entfachen.  Um  seinen  Plan  unbeachtet  ausführen  zu  können,  ließ
er  sein  Regiment  täglich  mit  vollem  Gepäck  zum  Exerzieren  ausrücken.  Am
28.  April  hielt  er  auf  dem  Exerzierplatze  an  seine  Husaren  eine  begeisternde
Ansprache,  in  der  er  sie  zur  Befreiung  des  Vaterlandes  aufforderte  und  ihnen
mitteilte,  daß  er  sich  mit  Dörnberg  verbinden  wolle;  er  schloß  mit  den
Worten:  „Lieber  ein  Ende  mit  Schrecken  als  ein  Schrecken  ohne  Ende.“
Alle  ohne  Ausnahme  erklärten  sich  zu  dem  Zuge  bereit.  Einige  Tage  später
folgten  ihm  auch  einige  Hundert  Mann  Fußvolks  aus  Berlin  nach,  und  auf
dem  Marsche  über  Wittenberg,  Dessau  und  Köthen  wuchs  sein  Heer  auf  einige
Tausend  an.  Aber  seine  Hoffnung,  daß  sich  ganze  preußische  Regimenter  ihm
anschließen  würden  und  er  dadurch  den  König  zum  Kriege  fortreißen  könne,
erfüllte  sich  nicht.  Das  norddeutsche  Volk  blieb  ruhig;  dazu  erfuhr  Schill,
daß  Dörnbergs  Aufstand  bereits  unterdrückt  sei.  Deshalb  entschloß  er  sich,
über  Mecklenburg  und  Pommern  nach  England  zu  gehen.  Bei  Magdeburg
bestand  er  ein  siegreiches  Gefecht;  auch  gelang  es  ihm,  die  kleine  Festung
Dömitz  a.  d.  E.  zu  überrumpeln.  Napoleon  erklärte  ihn  für  einen  Räuber,
der  König  von  Westfalen  für  vogelfrei;  auch  Friedrich  Wilhelm  mußte  seinen
Schritt  öffentlich  mißbilligen.  Schon  zogen  von  allen  Seiten  westfälische,
dänische  und  holländische  Truppen  gegen  Schill  heran,  mit  Mühe  erzwang  er
sich  den  Weg  nach  Stralsund;  aber  hier  wurde  er  eingeschlossen  und  überwältigt.
  Er  fand  in  einem  Straßenkampfe  einen  ehrlichen  Reitertod.  Man
schnitt  ihm  das  Haupt  ab  und  bestattete  dann  den  so  verstümmelten  Leichnam;
elf  Offiziere  wurden  auf  Napoleons  Befehl  in  Wesel,  vierzehn  Mann,  meist
aus  dem  Königreich  Westfalen  gebürtig,  in  Braunschweig  erschossen;  die  übrigen
Gefangenen  wurden  auf  französische  Galeeren  geschleppt.  Die  Standhaftigkeit
der  „Opfer  zu  Wesel“  preist  Martin  Schmidt  wie  folgt:

Die  GOpfer  zu  Wesel.

Generalmarsch  wird  geschlagen  zu  Wesel  in  der  Stadt,
Und  alle  fragen  ängstlich,  was  das  zu  deuten  hat?
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        188  Zweiter  Zeitraum.

Da  führen  sie  zum  Thore  hinaus,  still,  ohne  Laut,

Die  kleine  Schar,  die  heiter  dem  Tod  entgegenschaut.

Sie  hatten  kühn  gefochten  mit  Schill  am  Ostseestrand

Und  gehn  nun  kühn  entgegen  dem  Tod  fürs  Vaterland.

Sie  drücken  sich  wie  Brüder  die  Hand  zum  letztenmal,
Dann  stehn  sie  ernst  und  ruhig,  die  elfe  an  der  Zahl.

Und  hoch  wirft  Hans  von  Flemming  die.  Mütze  in  die  Luft,
„Es  lebe  Preußens  König!“  die  Schar  einstimmig  ruft.
Da  knattern  die  Gewehre,  es  stürzt  der  Braven  Reih',
Zehn  treue  Preußen  liegen  zerrissen  von  dem  Bilei.
Nur  einer,  Albert  Wedell,  trotzt  jenem  Blutgericht,
Verwundet  nur  am  Arme  steht  er  und  wanket  nicht.

Da  treten  neue  Schergen,  auch  ihn  zu  morden,  vor.,

Und:  „Gebet  Achtung!  fertig!“  schallt's  schrecklich  ihm  ins  Ohr.
„O  zielet,“  ruft  er,  „besser,  hier  sitzt  das  deutsche  Herzl

Die  Brüder  überleben,  ist  mir  der  größte  Schmerz!

Kaum  hat  er  ausgesprochen,  die  Mörder  schlagen  an,
Durchbohrt  von  ihren  Kugeln  liegt  auch  der  letzte  Mann.

So  starben  tapfre  Preußen,  durch  Schande  nie  befleckt,

Die  nun  zu  ew'gem  Ruhme  ein  Stein  zu  Wesel  deckt.

Am  bedeutendsten  war  der  Zug  der  „schwarzen  Schar“  des  Herzogs
Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,  eines  Sohnes  des  bei  Auerstädt  tödlich
verwundeten  preußischen  Feldmarschalls.  Er  hatte  in  Schlesien  und  Böhmen
auf  eigene  Kosten  ein  Freikorps  geworben,  um  damit,  während  Napoleon  in
Osterreich  kämpfte,  den  Krieg  in  Norddeutschland  zu  entfachen.  Aber  nach
der  für  Osterreich  ungünstigen  Schlacht  bei  Wagram  schloß  Kaiser  Franz
Frieden,  in  den  der  Herzog  von  Braunschweig  nur  unter  der  Bedingung  aufgenommen
  werden  sollte,  daß  er  auf  sein  Herzogtum  verzichte.  Friedrich
Wilhelm  lehnte  dies  ab;  er  schlug  sich  mit  seinen  Tapferen  mitten  durch  Deutschland
  und  gelangte  über  Halberstadt,  Braunschweig,  Hannover  und  Nienburg  an
die  Unterweser,  wo  er  in  Elsfleth  englische  Schiffe  bestieg,  um  in  die  „deutsche
Legion“  einzutreten  und  in  Spanien  den  Kampf  gegen  Europas  Unterdrücker
fortzusetzen.  Auch  die  Tiroler  hatten  sich  für  Osterreich  erhoben,  waren  aber  in
den  Frieden  nicht  eingeschlossen  worden.  Napoleon  unterdrückte  sie  durch  große
Ubermacht  und  ließ  ihren  Führer  Andreas  Hofer  erschießen.  Kaiser  Franz
aber,  der  sein  treues  Volk  im  Stich  gelassen,  vermählte  wenige  Wochen  nachher
seine  Tochter  dem  stolzen  Sieger,  der  sich  im  Widerspruch  mit  der  Lehre
seiner  Kirche  von  seiner  Gemahlin  getrennt  hatte,  um  durch  die  Verheiratung
mit  einer  Tochter  aus  altem  fürstlichen  Hause  seine  bürgerliche  Abkunft  vergessen
  zu  machen.

So  hatte  Napoleon  seine  Feinde  abermals  zu  Boden  geschlagen.  In
Osterreich  schien  die  Begeisterung  wieder  vollständig  verraucht  zu  sein,  und
seine  Minister,  voran  der  geschmeidige  Metternich,  sahen  das  Heil  Osterreichs
in  dem  engen  Anschluß  an  Frankreich.  Der  Rheinbund  gehorchte  Napoleon
wie  eine  französische  Provinz;  in  einer  schlimmen  Lage  befand  sich  jetzt
Preußen.  Napoleon  wußte  genau,  daß  es  nur  durch  die  Not  gezwungen
die  Waffen  gegen  ihn  nicht  erhoben  hatte,  und  warum  hatte  es  die  Abzahlung
der  Kriegsschuld  unterbrochen?!  An  die  völlige  Erschöpfung  der  preußischen
Geldmittel  wollte  er  nicht  glauben,  sondern  verlangte  drohend  Abzahlung  des
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  189

 

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Erschießung  der  Schillschen  Offiziere  bei  Wesel.
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        190  Zweiter  Zeitraum.

Rückstandes.  Um  den  Zürnenden  durch  ein  Zeichen  des  Vertrauens  zu  beschwichtigen,
  verlegte  der  König  zu  Weihnacht  1809  seinen  Hof  wieder  nach
Berlin,  mitten  unter  die  französischen  Besatzungen.  Die  Bürger  ließen  es
sich  auch  jetzt  nicht  nehmen,  dem  schwer  geprüften  Königspaare  durch  einen
festlichen  Empfang  ihre  Liebe  zu  bekunden  —  die  Häuser,  waren  trotz  der
Winterzeit  mit  Grün  bekleidet,  alle  Glocken  läuteten,  die  Bürger  und  Truppen
waren  in  langen  Reihen  aufgestellt  —;  aber  tiefer  Ernst  lag  auf  den  Zügen
des  Königs,  und  die  Königin  Luise  saß  weinend  in  dem  Wagen,  welchen  die
verarmte  Stadt  ihr  zum  Einzug  geschenkt  hatte.  Die  königliche  Familie  war
in  Berlin  in  Napoleons  Gewalt;  um  so  ungestümer  drang  er  daher  auf
Abtragung  der  Kriegsschuld  und  drohte,  das  Land  wieder  zu  besetzen;  doch  wollte
er  auf  weitere  Zahlung  verzichten,  wenn  man  ihm  Schlesien  abtreten  wollel
Das  Ministerium  Altenstein  riet,  darauf  einzugehen;  aber  entrüstet  wies  der
König  solchen  Antrag  zurück,  entließ
  das  Ministerium  und  berief
mit  Napoleons  Zustimmung,  der
gern  zu  seinem  Gelde  kommen
wollte,  Hardenberg  mit  dem
Titel  eines  Staatskanzlers.

In  diesen  Tagen  wurde  das
königliche  Haus  und  mit  ihm  das
ganze  Land  von  einem  schweren
.  Schlage  heimgesucht.  Die  Königin
LTLAiuise  hatte  voll  Gottvertrauen  die

Hoffnung  auf  eine  bessere  Zukunft,
auf  den  endlichen  Sieg  der  guten
Sache  nie  verloren  und  war  durch
diese  ihre  Zuversicht  und  ihr  opfer-8EENN(Q*

  mütiges  Entsagen  dem  ganzen  Volke

Hardenberg.  ein  hehres  Vorbild.  Aber  ihr  Körper

  war  allen  den  Stürmen  nicht

gewachsen.  Als  sie  ihren  Vater  und  ihre  hochbetagte  Großmutter  in  Hohenzieritz

  in  Mecklenburg-Strelitz  besuchte,  wurde  sie  dort  von  einer  heftigen

Brustkrankheit  befallen.  Der  König  eilte  mit  seinen  beiden  ältesten  Söhnen

zu  ihr,  fand  sic  aber  bereits  im  Sterben.  Schon  nach  wenigen  Stunden  entschlief

  sie  (19.  Juli  1810).  Die  teure  Leiche  wurde  nach  Berlin  gebracht  und

später  in  dem  neu  errichteten  Mausoleum  zu  Charlottenburg  beigesetzt,

wo  der  König  ihr  von  Rauchs  Künstlerhand  ein  herrliches  Denkmal  errichten
ließ.  Das  ganze  Land  klagte  mit  Schenkendorf:

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Nose,  schöne  Königsrose,  Herr  und  König,  schau  nach  oben,
83  auch  dich  der  Sturm  getroffen?  o  sie  leuchtet  gleich  den  Sternen,
ilt  kein  Beten  mehr,  kein  Hoffen  Wo  in  Himmels  weiten  Fernen

Bei  dem  schreckenvollen  Lose?  Alle  Heilige  sie  loben!

Gerade  in  diesen  trüben  Tagen  wurde  dem  Könige  ein  lange  gehegter
Wunsch  erfüllt.  Bald  nach  dem  Unglückstage  von  Tilsit  schrieb  er:  „Der
Staat  muß  durch  geistige  Kräfte  ersetzen,  was  er  an  physischen  verloren  hat.“
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  191

Hauptsächlich  durch  die  Bemühungen  Wilhelm  von  Humboldts,  der  damals
das  Unterrichtswesen  leitete,  wurde  1810  die  Universität  Berlin  eröffnet;
als  Heim  schenkte  ihr  der  König  das  dem  Königsschloß  gegenüberliegende
stattliche  Prinzenschloß.

Auch  die  von  Stein  begonnenen  Reformen  wurden  nicht  unterbrochen.
Die  Berufung  Hardenbergs  hatte  die  Königin  Luise  noch  erlebt  und  als
neuen  Hoffnungsstrahl  begrüßt;  war  er  doch  am  besten  geeignet,  Steins  Werk
fortzusetzen.  Freiherr  von  Hardenberg  war  wie  Scharnhorst  Hannoveraner,
hatte  in  hannoverschen  und  braunschweigischen  Staatsdiensten  gestanden,  war
dann  nach  Ansbach-Baireuth  gegangen  und  hatte  die  übernahme  dieses  Landes

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Grabdenkmal  der  Königin  Luise  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg.

in  den  preußischen  Staatsverband  eingeleitet.  In  den  Unglücksjahren  hatte
er  dem  Könige  treu  zur  Seite  gestanden  (S.  180).  Er  war  besonders  ein
tüchtiger  Diplomat  und  daher  wohl  geeignet,  das  Staatsschiff  glücklich  durch
Brandung  und  Klippen  hindurchzuführen.  Seine  nächste  Sorge  war,  die  Kriegsschuld
  abzutragen.  Es  wurde  deshalb  eine  Luxussteuer,  eine  Abgabe  von
Lebensmitteln  wie  Mehl,  Fleisch  und  Bier,  eine  Gewerbesteuer  und,  als  dies
noch  nicht  genügte,  eine  Einkommen=  und  Vermögenssteuer  eingeführt.  Jede
Steuerbefreiung  sollte  fortan  aufgehoben  sein.  Daneben  wurde  der  Verkauf
von  Domänen  fortgesetzt  und  das  Vermögen  der  geistlichen  Stifter  für
Staatszwecke  eingezogen.  Aber  trotzdem  gelang  es  dem  völlig  verarmten
Lande  nicht,  die  Kriegsschuld  zu  tilgen  und  die  drei  Festungen  von  der  französischen
  Besatzung  zu  befreien.  Schon  Stein  hatte  den  Mühlenzwang,  wonach
        <pb n="198" />
        192  Zweiter  Zeitraum.

jeder  auf  eine  bestimmte  Mühle  angewiesen  war,  aufgehoben,  Hardenberg  führte
1811  vollständige  Gewerbefreiheit  ein:  wer  einen  Gewerbeschein  löste,  konnte
treiben,  was  er  wollte,  Gesellen  und  Lehrlinge  halten,  brauchte  auch  nicht
zu  einer  Innung  zu  gehören.  Die  Lage  der  Dienstboten  wurde  durch  eine
neue  Gesindeordnung  wesentlich  gebessert;  noch  wichtiger  war  das  Edikt
(von  1811)  über  Regelung  der  gutsherrlichen  und  bäuerlichen  Ver—
hältnisse.  Wer  ein  Gut  in  Zeitpacht  hatte,  konnte  gegen  Abtretung  der
Hälfte  an  den  Gutsherrn  die  andere  Hälfte  als  freies  Eigentum  erwerben;
wer  es  in  Erbpacht  besaß,  brauchte  nur  ein  Drittel  abzutreten  oder  eine  entsprechende
  Rente  zu  zahlen.  Auch  wurde  die  freie  Veräußerung,  Teilung  und
Zusammenlegung  der  Güter  gestattet.  Hardenberg  machte  auch  ganz  im  Sinne
Steins  den  Aufang  zu  einer  Volksvertretung:  er  berief  „Landesdeputierte“
—  Beamte,  Rittergutsbesitzer,  Städter  und  Bauern  —  nach  Berlin,  um  durch
sic  die  Wünsche  des  Landes  zu  erfahren  und  mit  ihnen  neue  Maßregeln  zu
beraten.  Doch  hörte  diese  Einrichtung  infolge  des  erlahmenden  Eifers  der
Abgecordneten  selber  wieder  auf.  Nach  außen  suchte  Hardenberg  noch  einige
Jahre  Frieden  zu  halten,  um  inzwischen  die  Kräfte  des  Landes  zu  sammeln;
selbst  Scharnhorst,  dem  Napoleon  schon  längst  mißtraute,  trat  scheinbar  von
der  Leitung  des  Kriegswesens  zurück,  obgleich  er  sie  in  Wahrheit  stets  in
der  Hand  behielt.

Napoleon  hatte  inzwischen  fortgefahren,  nach  Willkür  ganze  Staaten  von
der  Karte  Europas  zu  streichen,  diese  zu  verkleinern,  andere  zu  vergrößern;
nur  England  gegenüber  war  er  ohnmächtig.  Der  Schleichhandel  stand  in
voller  Blüte;  denn  vielfach  ließen  sich  die  Zollbeamten  bestechen,  oder  die
Schmuggler  bildeten  bewaffnete  Banden  und  durchbrachen  mit  Gewalt  die
Zolllinice.  Deshalb  gestattete  Napoleon  die  Einfuhr  der  Kolonialwaren,  belegte
  diese  aber  mit  einem  Zoll  bis  zur  Hälfte  des  Wertes;  englische  Zeuge
aber  sollten  weggenommen  und  verbrannt  werden.  Napoleons  Bruder  Louis
wollte  zur  Durchführung  dieser  Maßregel  in  Rücksicht  auf  das  Wohl  seines
Volkes  die  Hand  nicht  bieten,  sondern  legte  seine  Krone  nieder;  da  vereinigte
Napoleon  1810  ganz  Holland,  das  ja  doch  nur  „ein  Erzeugnis  französischer
Gewässer“  sei,  ebenso  die  ganze  deutsche  Nordseeküste  mit  Frankreich.  Sein
Gebiet  erstreckte  sich  jetzt  im  Süden  über  Rom  hinaus,  im  Norden  bis  an
die  Ostsee  bei  Lübeck.  Aber  das  Glück  der  Völker  war  dahin;  Handel  und
Gewerbe  stockten;  auch  der  Geringste  fühlte  den  Druck  der  Fremdherrschaft
durch  das  Fehlen  der  gewohnten  Nahrungs=  und  Genußmittel;  kostete  doch
z.  B.  1  kg  Zucker  über  10  Markl  Überall,  auch  in  Preußen,  unterhielt
Napoleon  seine  Spionc,  die  sich  bis  in  den  Schoß  der  Familie,  ja  selbst  in
das  Gefängnis  drängten,  um  den  Gefangenen  ein  Geständnis  zu  entlocken.
Das  Gesetz  über  die  Festlandssperre  führte  er  mit  blutiger  Strenge  durch,
und  doch  umging  er  selber  es  durch  den  Verkauf  von  Licenzen  (Erlaubnisscheinen),
  durch  die  er  sich  bereicherte.

Napoleons  Krieg  mit  Rußland.

Napoleons  Begierde  nach  Macht  und  Ruhm  war  unersättlich.  Kaum
hatte  er  mit  Hilfe  Rußlands  Osterreich  gebengt,  so  begann  er  schon  die  Vor-
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  193

bereitung  zu  einer  Demütigung  des  Zaren  mit  Unterstützung  ÖOsterreichs.  War
Nußland  unterworfen,  so  konnte  er  den  Engländern  alle  Küsten  des  Festlandes
  verschließen,  und  von  Moskau  aus  bot  der  Weg  nach  Indien  keine
unübersteigbaren  Schwierigkeiten  mehr.

Der  Zar  hatte  den  mit  Napoleon  geschlossenen  Bundesvertrag  längst
bereut.  Mit  Besorgnis  betrachtete  er  das  Wachsen  Polens  und  Frankreichs;
er  fühlte  sich  dadurch  verletzt,  daß  der  Großherzog  von  Oldenburg,  sein  naher
Verwandter,  bei  der  Einverleibung  der  Nordseeküste  seines  Erblandes  beraubt
war.  Napoleon  grollte  Alexander,  weil  er  kurz  vor  der  Verlobung  mit  der
Habsburgerin  ohne  Erfolg  um  eine  russische  Prinzessin  geworben  hatte;  als
nun  auf  sein  Ansinnen,  Rußland  möge  die  Festlandssperre  strenger  durchführen,
eine  russische  Verordnung  erschien,  nach  welcher  gerade  die  Einfuhr  französischer
Erzeugnisse  erschwert  wurde,  rüstete  er  eifrig  zum  Kriege.  Im  Großherzogtum
Warschau  hatte  er  bereits  ungeheure  Waffenvorräte  aufgehäuft,  die  Besatzungen
in  Danzig  und  den  Oderfestungen  wurden  verdoppelt;  die  Rheinbundfürsten
erhielten  Befehl,  ihre  Truppen  marschbereit  zu  halten.  Kaiser  Alexander  sah
sich  nach  Bundesgenossen  um;  aber  England  konnte  ihm  wenig  helfen;  Österreich
zürnte  noch  wegen  des  lehten  Krieges,  hoffte  auch,  durch  engen  Anschluß  an
Frankreich  im  Osten  wiederzugewinnen,  was  es  im  Westen  verloren  hatte,
und  verpflichtete  sich  sogar,  in  dem  bevorstehenden  Kriege  Napoleon  ein  Heer
von  30000  Mann  unter  eigenem  Führer  zu  Hilfe  zu  schicken.

Preußen  befand  sich  in  einer  furchtbaren  Lage.  Es  konnte  schon  deshalb
  nicht  teilnahmlos  bleiben,  weil  Napoleon  seinen  Heereszug  durch  Preußen
führen  mußte.  Die  Freundschaft  mit  dem  Zaren,  der  Haß  gegen  den  Unterdrücker
  drängten  den  König,  sich  Rußland  anzuschließen;  aber  wenn  Rußland
besiegt  wurde,  oder  der  Zar  Frieden  schloß  und  —  wie  in  Tilsit  —  Preußen
preisgab,  so  war  dieses  verloren.  Sollten  aber  die  Preußen  gegen  Rußland
kämpfen  als  Bundesgenossen  des  Mannes,  der  längst  beschlossen  hatte,  ihren
Staat  gänzlich  von  der  Karte  zu  tilgen?  Kaiser  Alexander  erklärte,  er  könne
eine  Überflutung  Preußens  durch  die  Franzosen  nicht  verhindern  und  wolle
den  Feind  im  eigenen  Lande  erwarten  auch  von  Österreich  und  von  England
war  keine  Hilfe  zu  erlangen.  In  dieser  Not  rieten  Scharnhorst,  Gneisenau,
selbst  Hardenberg  zu  einer  allgemeinen  Volkserhebung,  deren  Stützpunkt  das
feste  Lager  bei  Kolberg  bilden  sollte,  wo  Blücher  befehligte.  Auch  der  K  König
war  zum  Außersten  eIntschlossen,  schon  waren  in  der  Stille  die  Reserven  einberufen;
  aber  er  hielt  einen  Kampf  ohne  Bundesgenossen  für  aussichtslos.
Konnte  doch  Napoleon  das  kleine  preußische  Heer  sofort  bei  Beginn  des  Krieges
mit  einer  siebenfachen  Übermacht,  die  teils  im  Lande,  teils  an  den  Grenzen
stand,  überfallen.  Noch  einmal  eilte  Scharnhorst  nach  Petersburg  und  Wien,
um  Rußland  zum  Vormarsch  nach  Preußen  und  Österreich  zum  Kriege  gegen
Frankreich  zu  bewegen;  alles  vergeblich.  Nun  blieb  dem  Könige  nichts  weiter
übrig,  als  mit  Napoleon  ein  Bündnis  zu  schließen.  Dieser  hielt  es  für  vorteilhaft,
  sich  vorläufig  mit  der  friedlichen  Unterwerfung  Preußens  zu  begnügen,
und  legte  einen  Vertrag  vor,  den  Friedrich  Wilhelm  notgedrungen  unterschreiben
  mußte.

Preußen  stellte  ein  Hilfskorps  von  20000  Mann;  das  ganze  Land  außer

Hoffmeyer,  Unser  Preusen.  13
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        194  Zweiter  Zeitraum.

Oberschlesien,  Breslan  und  Potsdam,  wo  die  königliche  Familie  wohnte,  stand
den  französischen  Heeren  zum  Durchmarsch  offen  und  mußte  für  ihre  Verpflegung
sorgen.  Auch  Berlin  wurde  wieder  besetzt.  Der  französische  Befehlshaber  hatte
das  Recht,  die  für  das  Heer  erforderlichen  Lebensmittel  sowie  Wagen,  Pferde
und  jeden  anderen  Kriegsbedarf  zu  nehmen;  die  Kommandanten  von  Kolberg
und  Grandenz  waren  den  französischen  Befehlen  unterworfen.  Allein  in  Ostpreußen
  nahmen  die  Franzosen  78000  Pferde  weg.  Es  fielen  den  Franzosen
jetzt  alle  Kriegsvorräte  in  die  Hände,  welche  in  den  letzten  Jahren  neu  an—
geschafft  waren;  Preußen  sollte  ganz  unschädlich  gemacht  werden.  War  doch
auch  der  König  ganz  in  Napoleons  Gewalt.  Preusßen  verlor  durch  den  Durchmarsch
  der  französischen  Armee  etwa  400  Millionen  Franken  mehr,  als  der  Rest
der  an  Frankreich  noch  zu  zahlenden  Kriegsschuld  betrug.  Wie  lähmend  wirkte
die  Nachricht  von  dem  Abschluß  dieses  Vertrages  auf  alle  Vaterlandsfreunde!
Blücher  hatte  auf  Napoleons  Forderung  schon  vorher  entlassen  werden  müssen,
jetzt  mußten  auch  Scharnhorst  und  Gneisenau  ihren  Abschied  nehmen;  21  Offiziere,
  unter  ihnen  Boyen  und  Clausewitz,  baten  freiwillig  um  ihre  Entlassung,
um  nicht  unter  französischen  Fahnen  dienen  zu  müssen;  die  meisten  gingen
nach  Rußland,  England  oder  Spanien.  Auch  Stein  eilte  damals  mit  dem
ebenfalls  geächteten  E.  M.  Arndt  nach  Rußland,  um  den  wankelmütigen  Zaren
zu  stützen.

Im  Frühjahr  1812  brach  das  gewaltige  Heer  nach  dem  Osten  auf.
Napoleon  hielt  im  Mai  in  Dresden  einen  noch  glänzenderen  Fürstentag  ab
als  einst  in  Erfurt.  Auch  Kaiser  Franz  und  König  Friedrich  Wilhelm  hatten
dazu  erscheinen  müssen.  Dort  richtete  der  Mann,  welcher  der  Königin  Luise
das  Herz  gebrochen  hatte,  an  ihren  trauernden  Gemahl  die  taktlose  Frage:
„Sie  sind  Witwer?“  Napoleon  selber  drang  auf  dem  Wege  über  Wilna
und  Smolensk  gegen  Moskau  vor;  das  preußische  Hilfsheer  gehörte  dem
linken,  das  österreichische  dem  rechten  Flügel  an.  Scharnhorst  hatte  dem
Zaren  geraten,  sich  ohne  Schlacht  zurückzuziehen  und  dadurch  den  Feind  immer
tiefer  in  das  Innere  des  Reiches  zu  locken.  Alexander  wollte  zwar  sein
Land  nicht  ganz  ohne  Schwertstreich  preisgeben,  wurde  aber  zweimal  —  bei
Smolensk  und  bei  Borodino  —  geschlagen,  und  Napoleon  konnte  in  Moskau
einziehen.  Vergebens  knüpfte  er  Friedensunterhandlungen  an;  die  Russen
hielten  ihn  absichtlich  hin,  ließen  dann  ihre  eigene  Hauptstadt  in  Flammen
aufgehen  und  nötigten  ihn  dadurch  zum  Rückzuge.  Von  den  Russen  gezwungen,
  mußte  er  wieder  durch  dieselbe  Gegend  ziehen,  die  auf  dem  Hinwege
  schon  vollständig  ausgeplündert  war.  Damit  war  der  Untergang  des
Heeres  besiegelt.  Bald  stellte  sich  auch  der  gefürchtete  russische  Winter  ein;
vor  Kälte  zitternd,  ohne  Obdach,  ohne  Nahrung,  verfolgt  von  den  Kosaken
und  russischen  Bauern,  so  wankten  die  armen  Krieger  über  die  russischen
Schneefelder.  Nach  dem  grauenvollen  Ubergange  über  die  Beresina  (26.  bis
29.  Nov.)  löste  sich  jede  Ordnung  des  Heeres;  in  unordentlichen  Haufen
schleppten  sich  die  letzten  Trümmer  der  „großen  Armee“  dahin,  hohlwangige,
leichenähnliche  Jammergestalten  mit  erfrorenen  Gliedern,  andere  vor  Kälte
blind  und  taub,  in  Lumpen  und  Stroh  gehüllt.  Napoleon  hatte  das  Heer
längst  verlassen;  über  Dresden  war  er  nach  Paris  geeilt  und  ließ  jetzt  der
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  195

Welt  verkünden,  daß  die  große  Armee  vernichtet,  daß  aber  die  Gesundheit
Sr.  Majestät  niemals  besser  gewesen  sei  als  jetzt.  Das  deutsche  Volk  be—
trachtete  dieses  Unglück  Napoleons  als  ein  Gottesgericht  und  sang  damals:

Mit  Mann  und  Roß  und  Wagen,  Trommler  ohne  Trommelstock,

So  hat  sie  Gott  geschlagen!  Kürassier  im  Weiberrock,

Es  irrt  durch  Schnee  und  Wald  umher  Ritter  ohne  Schwert,  Reiter  ohne  Pferd.
Das  große,  mächt'ge  Franzenheer;  Speicher  ohne  Brot,  allerorten  Not,
Der  Kaiser  auf  der  Flucht,  Wagen  ohne  Rad,  alles  müd  und  matt.
Soldaten  ohne  Zucht.  Kranke  ohne  Wagen,

Jäger  ohne  Gewehr,  Kaiser  ohne  Heer,  So  hat  sie  Gott  geschlagen.

Heer  ohne  Kaiser,  Wildnis  ohne  Weiser.  (Ferd.  August.)

Daß  Kaiser  Alexander  alle  Anerbietungen  Napoleons  zurückwies,  war
vor  allem  Steins  Werk;  er  brachte  den  Zaren  auch  leicht  zu  dem  Entschluß,
den  Krieg  über  die  deutsche
Grenze  zu  tragen  und  dadurch
Preußen  mit  fortzureißen.
Dann  eilte  er  selber  mit  Arndt
nach  Preußen.  Dort  hielten
alle  die  Zeit  für  gekommen,
das  verhaßte  Joch  abzuwerfen;
der  König  war  zum  Kriege
entschlossen  und  unterhandelte
eifrig  mit  Osterreich  und  Nußland.
  Daß  Napoleon  neue
Hilfstruppen  verlangte,  gab
die  Möglichkeit,  die  Reserven
einzuziehen,  ohne  den  Argwohn
  der  Franzosen  zu  erregen;
  denn  ein  offener  Abfall
war  bei  der  in  den  Elb-,
Oder=  und  Weichselfestungen
liegenden  französischen  Besatzung
  unmöglich.  Das  preu--hische
  Volk  braunte  vor  Kampfbegierde  und  wartete  mit  wachsender  Ungeduld
auf  den  Ruf  des  Königs;  da  machte  die  kühne  That  des  Generals  Dork  dem
Harren  ein  Ende.

Hans  David  Ludwig  von  York  war  1759  als  Sohn  eines  preußischen
Offiziers  in  Potsdam  geboren  und  schon  mit  13  Jahren  als  Junker  ius  Heer  eingetreten,
  dann  aber,  weil  er  seinem  Hauptmann  wegen  Plünderung  im  Feldzuge
Vorwürfe  gemacht  hatte,  von  Friedrich  dem  Großen  entlassen  worden.  In  holländischen
Diensten  hatte  er  sich  am  Kap  und  auf  Ceylon  ehrenhaft  geschlagen,  war  unter
Friedrich  Wilhelm  II.  in  den  preußischen  Dienst  zurüickyekehr.  jatte  mit  Auszeichnung
an  der  Schlacht  bei  Jena  und  au  Blüchers  Zu  e  nach  Lübeck  teilgenommen  und
beim  Uberschreiten  der  Elbe  bei  Altenzaun  durch  geschickte  Kämpfe  die  weit  überlegene
  französische  Ubermacht  stundenlang  aufgehalten.  Dork  war  von  unerbittlicher
Strenge  und  eisernem  Willen,  wortkarg,  „scharf  wie  gehacktes  Eisen“,  der  Blick  des
„alten  Isegrim“  durchbohrend,  nie  freundlich.  Dennoch  hing  die  Mannschaft  an
ihm;  denn  sie  kannte  seinen  Gerechtigkeitssinn,  seinc  große  praktische  Tüchtigkeit  und
seine  Fürsorge  für  sie.

 

13
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        196  Zweiter  Zeitraum.

York  befehligte  jetzt  das  preußische  Hilfsheer,  das  als  Teil  des
Macdonaldschen  Korps  die  Aufgabe  erhielt,  die  Trümmer  der  großen  Armee
im  Rücken  zu  decken.  Da  geriet  der  in  Ehren  ergraute  General  in  einen
schweren  Kampf.  Das  russische  Heer  war  ihm  hart  auf  den  Fersen;  die
Führer  desselben,  zum  Teil  frühere  preußische  Offiziere,  ermahnten  ihn,  von
dem  gemeinsamen  Feinde  abzufallen.  Sollte  er  seine  Truppen  für  den  Todfeind
  opfern?  Sollte  er  seinem  Könige  den  Gehorsam  versagen?  Er  fragte
wiederholt  in  Berlin  an,  erhielt  aber  nur  die  Antwort,  er  möge  den  Umständen
  nach  handeln.  Als  er  danm  ein  Schreiben  Kaiser  Alexanders  empfing,
worin  dieser  versicherte,  er  wolle  mit  dem  Könige  ein  Bündnis  schließen  und
die  Waffen  nicht  eher  niederlegen,  als  bis  Preußen  in  dem  Umfange  von  1805
wiederhergestellt  sei,  da  schloß  er  in  der  Poscheruner  Mühle  bei  Tauroggen
(30.  Dez.  1812)  mit  den  russischen  Unterhändlern  einen  Vertrag  ab,  nach
welchem  sein  Korps,  um  weitere  Befehle  zu  erwarten,  in  die  Gegend  zwischen
Memel  und  Teilsit  zurückgehen  und,  falls  der  König  die  Ubereinkunft
nicht  bestätigen  werde,  zwei  Monate  lang  am  Kampfe  gegen  Rußland  nicht
teilnehmen  sollte.  Darauf  kündigte  YDork  den  Franzosen  den  Gehorsam;
seinem  Könige  aber  schrieb  er:  „Ew.  Majestät  lege  ich  willig  meinen  Kopf
zu  Füßen,  wenn  ich  gefehlt  haben  sollte.  Jetzt  oder  nie  ist  der  Zeitpunkt,
wo  Ew.  Majestät  sich  von  den  hochmütigen  Forderungen  eines  Alliierten
losreißen  können,  dessen  Pläne  mit  Preußen  in  ein  mit  Recht  Besorgnis
erregendes  Dunkel  gehüllt  waren  ...  In  dem  Ausspruche  Ew.  Mazjestät
liegt  das  Schicksal  der  Welt.“

7.  Der  Befreiungskrieg  von  1813  und  1814.

Die  Erhebung  des  deutschen  Volkes.

„Jetzt  oder  nie!“  so  dachten  damals  alle;  dennoch  konnten  die  jammervollen
  Trümmer  der  großen  Armee  unangefochten  durch  Deutschland  heimkehren:
  deutsche  Gutmütigkeit  rettete  dem  Feinde  Tausende  von  Kriegern,
unter  ihnen  die  große  Mehrzahl  der  Offiziere.  Preußen  befand  sich  noch
immer  in  einer  gefährlichen  Lage.  Es  war  von  französischen  Truppen  stark
besetzt  und  hatte  selber  nur  geringe  Streitkräfte  zur  Verfügung;  Osterreich
konnte  ein  Wiedererstarken  Preußens  nicht  wünschen  und  hielt  sich  noch  zurück,
beide  Mächte  aber  fürchteten  die  Ubermacht  Rußlands,  das  sich  sofort  zur
Eroberung  Warschaus  anschickte.  Der  König  lebte  in  Potsdam  von  Franzosen
  umgeben;  er  mußte  daher  Borks  That  vor  der  Welt  verurteilen  und
sandte  einen  Adjutanten  ab,  der  Yorks  Absetzung  Murat  und  Vork  selber
anzeigen  sollte.  Wie  zu  erwarten,  ließen  die  Russen  ihn  nicht  durch,  und
er  ging  nun  mit  geheimen  Aufträgen  zu  Alexander,  um  ihm  Preußens  Hilfe
in  Aussicht  zu  stellen,  sobald  die  Russen  die  Weichsel  überschritten.  Inzwischen
suchte  Hardenberg  durch  Feste  und  Versprechungen  äußerlich  die  Freundschaft
mit  Frankreich  aufrecht  zu  erhalten.  Die  Russen  rückten  in  Königsberg  ein,
York  folgte  ihnen  und  übernahm  den  Oberbefehl  über  die  Provinz,  den  er
vor  dem  Kriege  geführt  hatte.  Als  er  aus  den  Zeitungen  seine  Absetzung
erfuhr,  legte  er  sein  Kommando  nicht  nieder,  weil  sie  ihm  amtlich  nicht  mit-
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Ansprache  des  Generals  York  auf  dem  Landtage  zu  Königsberg.

 

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(Mit  Genehmigung  der  Photographischen  Gesellschaft  in  Berlin.)

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6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.

197
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        198  Zweiter  Zeitraum.

 

 

 

 

 

 

 

 

RXKnvtel.
Infanterie-(Musketier-)  Musketier,  Grenadicr,  Freiwill.  Jäger,  Garde-Jäger.
Offizier  zur  Parade.  seldmäßig.  zur  Parade.  vom  Detachement

eines  Inf.-Regts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Landwehr-Infanterie-  Landwehr-Infanterie.  Landwehr-Kavallerie.
Ofsizier.  Wehrleute.  Unteroffizier.

 

 

 

Tynen  aus  dem  preußischen  Heere  des  Befreiungskrieges.
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  199

 

 

 

 

 

 

K.MN#e0

Dragoner-Unterofsizicr,  Kürassier  im  blauen  Rock  Kürassier  -Ofsizier  im  weißen
feldmäßig.  (Litewla),  seldmäßig.  Frack,  zur  Parade.

 

 

 

      

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XK  ·  —  —  —.

Husar  im  Pelz.  Husaren-Offizier  zur  Parade.  Ulau  zur  Parade.

 

 

 

 

 

 

Typen  aus  dem  preußischen  Heere  des  Befreiungskrieges.
        <pb n="206" />
        200  Zweiter  Zeitraum.

geteilt  war,  vielmehr  verstärkte  er  sein  Heer  durch  Werbungen.  Dann  er—
schien  Stein  als  Bevollmächtigter  Alexanders,  mit  ihm  E.  M.  Arndt.  Sofort
  wurden  die  preußischen  Häfen  wieder  geöffnet,  die  Festlandssperre  aufgehoben
  und  ein  Landtag  einberufen,  der  sich  zwar  ohne  Ruf,  aber  doch  im
Namen  des  Königs  versammelte  und  nach  einer  begeisternden  Ansprache
Vorks  beschloß,  das  Volk  zu  den  Waffen  zu  rufen.  Das  ausgesogene  Land
bildete  eine  Landwehr  und  stellte  ein  Kavallerieregiment  sowie  den  Ersatz  für
das  VYorksche  Korps,  insgesamt  30000  Mann.  Alle  wurden  unter  Vorks
Oberbefehl  gestellt.

Der  König  hatte,  um  in  seinen  Entschließungen  frei  zu  sein,  sein  Hoflager
  (22.  Januar  1813)  von  Potsdam,  wo  er  jeden  Augenblick  aufgehoben
werden  konnte,  nach  Breslau  verlegt;  hier  sammelten  sich  um  ihn  Scharnhorst,
  der  wieder  Kriegsminister  wurde,  Blücher,
Gneisenau  und  andere  treffliche  Männer.  Schon
am  3.  Februar  erließ  er  einen  Aufruf  zur  Bildung
  freiwilliger  Jägerkorps,  und  am  folgenden
Tage  wurden  alle  bisherigen  Befreiungen  von  der
Dienstpflicht  aufgehoben.  Gegen  wen  die  Rüstungen
gerichtet  waren,  sagte  der  Aufruf  nicht;  aber  das
Volk  verstand  seinen  König  wohl.  Von  allen  Seiten
strömten  gebildete  junge  Leute  herbei;  die  Hörsäle
der  Universitäten  und  die  oberen  Klassen  der  Gymnasien
  leerten  sich;  aus  Berlin  allein  trafen  in  den
ersten  drei  Wochen  1200  Freiwillige  in  Breslau
ein.  Frendenthränen  traten  dem  Könige  in  die
Augen,  als  ihm  die  jugendliche  Schar  entgegenjubelte.
  Zur  Aufnahme  der  nicht  preußischen
Jünglinge  bildeten  sich  Freikorps,  von  denen
das  Lützowsche  durch  Theodor  Körner  am  berühmtesten
  geworden  ist;  ihm  gehörten  auch  der
Turnvater  Jahn  und  der  edle  Friesen  an.  In

Das  Eiserne  Kreuz.  Breslau  erschienen  auch  Stein  und  Arndt,  und

GOriginalgröße.)  am  28.  Februar  wurde  zwischen  Rußland  und
Preußen  der  Vertrag  zu  Kalisch  abgeschlossen,

durch  welchen  Kaiser  Alexander  sich  verpflichtete,  die  Waffen  nicht  eher  niederzulegen,
  als  bis  Preußen  in  dem  Umfange  von  1805  wiederhergestellt  sei;
dafür  mußte  Preußen  schon  jetzt  zugestehen,  daß  Rußland  Polen,  selbst  ehemals
preußische  Teile  desselben,  in  Besitz  nahm.  Rußland  sollte  150  000,  Preußen
80000  Mann  stellen;  aber  von  Anfang  an  war  das  preußische  Heer  größer,
das  russische  kleiner.  Noch  immer  hatte  der  König  den  Krieg  an  Frankreich  nicht
erklärt,  der  Kalischer  Vertrag  wurde  noch  geheim  gehalten.  Da  brachen  Ende
Februar  York  und  Bülow  auf  eigene  Hand  gegen  die  Hauptstadt  auf,  die  bald
von  den  Franzosen  geräumt  wurde.  Am  10.  März,  dem  Geburtstage  der  Königin
Luise,  stiftete  der  König  das  Eiserne  Kreuz,  am  16.  erklärte  er  an  Frankreich
  den  Krieg  und  erließ  am  17.  den  berühmten  Aufruf  „An  Mein  Volk“,
sowie  die  Verordnung  über  die  Errichtung  der  Landwehr  für  ganz  Preußen.

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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  201

 

 

 

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Breslau,  den  13.  Kebrnar  1813.
Drei  Söhne,  Majestät,  von  Gott  gegeben,  So  sind,  ob  jung,  ob  alt,  wir  jederzeit,
Sie  weih'n  mit  mir  dem  Vaterland  ihr  Leben;  Wenn  unser  König  ruft,  zum  Kampf  bereit!
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        202  Zweiter  Zeitraum.

An  Mein  Volk.

So  wenig  für  Mein  treues  Volk  als  für  Deutsche  bedarf  es  einer  Rechenschaft
über  die  Ursachen  des  Krieges,  welcher  jetzt  beginnt.  Klax  liegen  sie  dem  unverblendeten
  Europa  vor  Augen.  Wir  erlagen  unter  der  Ubermacht  Frankreichs.
Der  Friede,  der  die  Hälfte  Meiner  Unterthanen  Mir  entriß,  gab  uns  seine  Segnungen
  nicht;  denn  er  schlug  uns  tiefere  Wunden  als  selbst  der  Krieg.  Brandenburger,
  Preußen,  Schlesier,  Pommern,  Litauer!  Ihr  wißt,  was  Ihr  seit  fast  sieben
Jahren  erduldet  habt,  Ihr  wißt,  was  Euer  trauriges  Los  ist,  wenn  wir  den  beginnenden
  Kampf  nicht  ehrenvoll  enden.  Erinnert  Euch  an  die  Vorzeit,  an  den
Großen  Kurfürsten,  den  großen  Friedrich!  Große  Opfer  werden  von  allen  Ständen
gefordert  werden:;  denn  unser  Beginnen  ist  groß  und  nicht  geringe  die  Zahl  und  die
Mittel  unserer  Feinde.  Aber  welche  Opfer  auch  von  einzelnen  gefordert  werden
mögen,  sie  wiegen  die  heiligen  Güter  nicht  auf,  für  die  wir  sie  hingeben,  für  die
wir  streiten  und  siegen  müssen,  wenn  wir  nicht  aufhören  wollen,  Preußen  und
Deutsche  zu  sein.  Es  ist  der  letzte  entscheidende  Kampf,  den  wir  bestehen  für  unsere
Existenz,  unsere  Unabhängigkeit,  unsern  Wohlstand;  keinen  anderen  Ausweg  giebt
es,  als  einen  ehrenvollen  Frieden  oder  einen  ruhmvollen  Untergang.  Auch  diesem
würdet  Ihr  getrost  entgegengehen  um  der  Ehre  willen,  weil  ehrlos  der  Preuße  und
der  Deutsche  nicht  zu  leben  vermag.  Allein  wir  dürfen  mit  Zuversicht  vertrauen:
Gott  und  unser  fester  Wille  werden  unserer  gerechten  Sache  den  Sieg  verleihen,  mit
ihm  einen  sicheren,  glorreichen  Frieden  und  die  Wiederkehr  einer  glücklichen  Zeit.

Hatte  der  König  am  3.  Februar  sich  vornehmlich  an  die  gebildete
Jugend  gewandt,  so  richtete  sich  der  letzte  Aufruf  an  die  breiten  Massen  des
Volkes  und  erweckte  hier  dieselbe  Begeisterung.  „Durch  den  Wetteifer  aller
Stände  wurde  die  größte  kriegerische  Leistung  möglich,  welche  die  Geschichte
von  gesitteten  Nationen  kennt.“  Das  verarmte  Land  mit  nur  5  Millionen
Einwohnern  stellte  271000  Streiter,  also  von  18  Seelen  einen  Mann.
„Von  Memel  bis  Demmin,  von  Kolberg  bis  Glatz  war  in  dem  unvergeßlichen
  Frühling  und  Sommer  von  1813  unter  den  Preußen  nur  eine  Stimme,
ein  Zorn  und  ein  Streben:  das  Vaterland  zu  retten  und  Deutschland  zu
befreien.  Krieg  wollten  die  Preußen,  Gefahr  und  Tod  wollten  sie,  den
Frieden  fürchteten  sie,  weil  sie  von  Napoleon  keinen  ehrenvollen  Frieden
erhoffen  konnten.  Jünglinge,  die  kaum  wehrhaft  waren,  Männer  mit  grauen
Haaren  und  wankenden  Knieen,  Offiziere,  die  wegen  Wunden  und  Verstümmelungen
  längst  ehrenvoll  entlassen  waren,  reiche  Gutsbesitzer  und  Beamte,
Väter  zahlreicher  Familien  und  Verwalter  weitläufiger  Geschäfte,  in  Hinsicht
jedes  Kriegsdienstes  entschuldigt,  wollten  sich  selbst  nicht  entschuldigen.“  (Arndt.)
Selbst  Frauen,  wie  Eleonore  Prochaska  aus  Potsdam  und  Auguste  Krüger
aus  Mecklenburg,  drängten  sich  zu  den  Waffen.  Ein  Graf  trat  mit  drei
Söhnen  ein  und  schenkte  außerdem  all  sein  Korn,  alle  seine  Pferde  und  Kühe.
Mit  dem  Könige  eilten  auch  sämtliche  wehrfähige  Prinzen  ins  Feldlager.  Aus
den  nicht  militärisch  ausgebildeten  Männern  vom  17.  bis  zum  40.  Jahre  wurde
eine  Landwehr  gebildet,  die  bald  in  offener  Feldschlacht  mit  Linientruppen  um
den  Ruhm  der  Tapferkeit  stritt.  Und  wer  dazu  nicht  mehr  brauchbar  war,  der
trat,  wie  Professor  Fichte,  in  den  später  errichteten  Landsturm,  der  Knaben
vom  15.  Jahre  ab  und  Männer  bis  zum  50.  umfaßte  und  im  Lande  selber  Verwendung
  finden  sollte.  Wer  nicht  selber  mitziehen  konnte,  der  spendete  Gaben:
Pferde,  Lebensmittel,  Kleidungsstücke,  Geld.  Ein  Bauer  brachte  ein  Pferd  mit
den  Worten:  „Fünf  haben  mir  die  Franzosen  gestohlen,  das  sechste  will  ich  ihnen
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  203

nachschicken.“  Eine  Soldatenwitwe  sandte  ein  Paar  wollene  Socken  „als  ihr
letztes  bißchen  Armut“,  ein  Invalide  seinen  einzigen  Besitz:  seine  goldene
Medaille.  Wie  sonst  für  wohlthätige  Zwecke,  so  wurde  jetzt  für  das  Vaterland
  öffentlich  gesammelt;  da  es  an  Geld  fehlte,  gaben  viele  ihr  Silber=  und
Goldgerät.  Ehelente  opferten  ihre  goldenen  Trauringe  und  erhielten  dafür
eiserne  mit  der  Inschrift:  „Gold  gab  ich  für  Eisen“;  manches  Mädchen,  wie
Ferdinande  von  Schmettau  aus  Breslau,  brachte  ihren  Haarschmuck  als  Gabe
dar,  und  arme  Arbeiter  ihren  ganzen
Verdienst  von  vielen  Wochen.  Die
edle  Prinzeß  Wilhelm  von  Preußen,
Marianne  von  Hessen-Homburgstellte
sich  mit  anderen  Prinzessinnen  an  die
Spitze  der  Frauenvereinec,  die  sich  zur
Unterstützung  der  Kämpfenden  und
zur  Pflege  der  Verwundeten  bildeten.
Auch  ein  neues  sittliches  und  religiöses
Leben  erwachte  in  jenen  Tagen.  Voll
Vertrauen  blickte  man  wieder  zu  dem
alten  Gott  empor.  „Mit  Gott  für
König  und  Vaterland“,  so  lautete  die
Inschrift  des  Eisernen  Krenzes  und
der  Wahlspruch  der  Landwehr.  Vom
Sammelplatze  zogen  die  Wehrmänner  -·--zur
  Einsegnung  in  die  Kirche;  ganze  Theodor  Körner.
Regimenter  nahmen  vor  ihrem  Auszuge
  das  heilige  Abendmahl.  Denn  es  war  „ein  Krenzzug“",  war  „ein
heil'ger  Krieg!“  «
Ernst  Moritz  Arndt,  der  mit  Stein  zurückgekehrt  war,  rief  mahnend:

Der  Gott,  der  Eisen  wachsen  ließ,  der  wollte  keine  Knechte,

Drum  gab  er  Säbel,  Schwert  und  Spieß  dem  Mann  in  seine  Rechte,

Drum  gab  er  ihm  den  kühnen  Mut,  den  Zorn  der  freien  Rede,

Daß  er  bestände  bis  aufs  Blut,  bis  in  den  Tod  die  Fehde.

Max  von  Schenkendorf,  der  trotz  seiner  gelähmten  Rechten  mit  ins  Feld

zog,  legte  im  Namen  des  Landsturms  das  Gelübde  ab:

Nun  gilt  es  um  das  Leben,  es  gilt  ums  höchste  Gut;
Wir  setzen  dran,  wir  geben  mit  Freuden  unser  Blut.

Den  Franzosen  aber  rief  er  drohend  zu:

Hie  Wagen  Gottes,  Gottes  Streiter,
Hie  Schwert  des  Herrn  und  Gideon!

 

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Leider  beschränkte  sich  die  Begeisterung  fast  nur  auf  Preußen.  Im
rheinländischen  Deutschland,  dessen  Söhne  zu  Napoleons  Ehren  auf  allen
Schlachtfeldern  Europas  geblutet  hatten,  verstand  man  die  Stimme  des
Bruderstammes  nicht.  Nur  wenige  fühlten  sich  so  deutsch  wie  der  jugendliche
Dichter  Theodor  Körner;  er  verließ  seine  Braut  und  seine  glänzende
Stellung  in  Wien,  eilte  nach  Schlesien  und  trat  in  das  Lützowsche  Frei-
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        204  Zweiter  Zeitraum.

korps,  das  sich  in  der  Kirche  zu  Rogan  einsegnen  ließ,  wobei  das  von  Körner
gedichtete  Weihelied  gesungen  wurde:

Wir  treten  hier  im  Gotteshaus  mit  frommem  Mut  zusammen,

Uns  ruft  die  Pflicht  zum  Kampf  hinaus,  und  alle  Herzen  flammen.

Denn  was  uns  mahnt  zu  Sieg  und  Schlacht.
Hat  Gott  ja  selber,  angefacht.  Dem  Herrn  allein  die  Ehrel!

Wie  der  König,  so  erließ  auch  Körner  einen  „Aufruf"“:

Frisch  auf,  mein  Volkt  Die  Flammenzeichen  rauchen,
Die  Saat  ist  reif;  ihr  Schnitter,  zaudert  nicht!

Das  höchste  Heil,  das  letzte,  liegt  im  Schwertel!
Drück  dir  den  Speer  ins  treue  Herz  hinein!

Der  Freiheit  eine  Gasse!  —.  Wasch  die  Erde,

Dein  deutsches  Land  mit  deinem  Blute  rein!

Die  Kämpfe  vor  der  Schlacht  bei  Leipzig.

Schon  im  Januar  hatten  die  Franzosen  die  Weichsellinie  mit  Ausnahme
einiger  Festungen,  wie  Danzig  und  Thorn,  aufgegeben  und  sich  vor  dem  heranrückenden
  russischen  Heere  unter  General  Wittgenstein,  dem  auch  York  und
Bülow  unterstellt  waren,  über  die  Oder  zurückzogen;  Anfang  März  räumten
sie  Berlin,  und  unter  dem  Jubel  der  Bevölkerung  zogen  die  Kosaken,  dann
auch  York  ein.  Vor  dem  Weitermarsch  ließ  auch  er  sein  Korps  feierlich  einsegnen;
  zum  Leibregiment  sprach  er:  „Das  schwöre  ich  euch,  ein  unglückliches
Vaterland  sieht  mich  nicht  wiederl"  —  „Das  soll  ein  Wort  sein!“  erscholl
es  aus  den  Reihen  der  Soldaten.  Dann  ging's  weiter  zur  Elbe.  Schon
am  18.  März  besetzte  Tettenborn  mit  seinen  Kosaken  Hamburg,  und  an
vielen  Orten  der  Nordseeküste  zwischen  Elbe  und  Ems  erhoben  sich  die  erbitterten
  Bewohner.  Aber  sie  blieben  ohne  Hilfe.  Die  Verbündeten  zogen
zu  langsam  heran  und  versäumten  dadurch,  den  Krieg  sofort  über  die  Elbe
zu  tragen.  Zwar  eroberte  Dörnberg  (2.  April)  mit  russischen  und  preußischen
Truppen  das  von  Morand  besetzte  Lüneburg,  wobei  das  Dienstmädchen  Johanna
Stegen  im  heftigen  Kugelregen  ihren  kämpfenden  Brüdern  neuen  Schießbedarf
zutrug;  aber  bald  rückten  überlegene  französische  Streitkräfte  heran.

Napoleon  hatte  sofort  nach  seiner  Rückkehr  neue  große  Aushebungen  in
allen  von  ihm  abhängigen  Ländern  angeordnet.  Am  erbittertsten  war  er  auf
Preußen:  nach  Wien  sandte  er  schon  einen  Vorschlag,  wie  dieses  Land  unter
die  Sieger  verteilt  werden  sollte.  Er  schickte  Davoust  und  Vandamme
sofort  nach  Norddeutschland,  die  alle  freiheitlichen  Regungen  mit  blutiger
Strenge  niederschlugen.  Am  5.  April  suchte  Napoleons  Stiefsohn  Eugen,
Vicekönig  von  Italien,  von  Magdeburg  aus  Berlin  zu  überfallen,  er  wurde  aber
bei  Möckern  durch  York  und  Bülow  blutig  zurückgewiesen.  Napoleon  führte
unterdes  das  Hauptheer  auf  der  Frankfurt-Leipziger  Straße  heran,  bei  Naumburg
  vereinigte  sich  Eugen  mit  ihm.  Auch  die  russisch-preußischen  Truppen
unter  Wittgenstein  überschritten  die  Elbe  und  zogen  gegen  Leipzig.  Blücher
befehligte  das  preußische  Hauptheer.  Er  war  gleich  am  Tage  nach  des  Königs
Aufruf  aus  Schlesien  aufgebrochen,  hatte  die  Elbe  überschritten  und  ganz
Sachsen  bis  auf  die  Festungen  besetzt.  Scharnhorst  hatte  gehofft,  vor  der
        <pb n="211" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  205

Ankunft  Napoleons  einen  großen  Teil  Westdeutschlands  zu  besetzen  und  das
Heer  Eugens  zu  schlagen;  aber  das  russische  Hauptheer  hielt  sich  zu  lange  in
Polen  auf,  erst  Ende  April  zogen  die  beiden  verbündeten  Monarchen  mit
dem  russischen  Hauptheere  in  Dresden  ein,  das  Blücher  schon  einen  Monat
zuvor  erobert  hatte.  König  Friedrich  August  war  entflohen,  um  sich  ihnen
nicht  anschließen  zu  müssen.

Sobald  die  Heere  der  Verbündeten  sich  vereinigt  hatten,  wurden  sie  unter
den  Oberbefehl  des  russischen  Generals  Wittgenstein  gestellt.  Zwar  waren
sie  an  Zahl  dem  französischen  nicht  gewachsen,  übertrafen  dasselbe  aber  an
Kanonen  und  Reiterei;  deshalb  riet  Scharnhorst,  den  Kampf  in  der  großen
Leipziger  Ebene  anzunehmen.  Wittgenstein  aber  beschloß,  dem  nach  Leipzig
marschierenden  Feinde  in  der  von  Hecken  und  Gräben  zerschnittenen  sumpfigen
Ebene  von  Lützen  in  die  rechte  Flanke  zu  fallen.  Am  2.  Mai  begann  der  Angriff
  der  Preußen  auf  Großgörschen  und  drei  andere  Dörfer,  die  von  Ney
besetzt  waren.  Noch  nie  waren  die  Franzosen  einer  solchen  kriegerischen  Begeisterung
  begegnet  wie  hier;  auch  die  jungen  Freiwilligen,  welche  zum  erstenmal
ins  Feuer  kamen,  kämpften  mit  demselben  zornigen  Mute  wie  die  geschulten
Krieger.  Wären  jetzt  die  russischen  Reserven  zur  Stelle  gewesen,  so  wäre  der
Sieg  errungen  worden;  doch  die  blieben  aus,  ja  selbst  die  Reiterei  der  Verbündeten
  gelangte  nicht  einmal  zum  entscheidenden  Eingreifen.  Scharnhorst
führte  selber  mit  gezogenem  Degen  die  Truppen  zum  Sturm,  bis  ihn  ein
Granatsplitter  verwundete,  so  daß  er  das  Schlachtfeld  verlassen  mußte.  Als
die  Nacht  kam,  behaupteten  die  Preußen  nur  noch  Großgörschen.  Vergebens
machte  Blücher  im  Dunkeln  noch  einen  letzten  verzweifelten  Reiterangriff.  Am
nächsten  Morgen  erwarteten  die  Preußen  bestimmt  die  Wiederaufnahme  des
Kampfes;  aber  Napoleon  hatte  während  der  Nacht  seine  Übermacht  noch  mehr
verstärkt,  deshalb  zogen  die  Verbündeten  sich  nach  der  Elbe  zurück,  die  preußischen
  Truppen  in  dem  Bewußtsein,  daß  sie  die  Ehre  ihrer  Fahnen  wiederhergestellt
  hatten.

Die  Schlacht  von  Großgörschen  kostete  den  Verbündeten  über  10000
Mann,  das  schmerzlichste  Opfer  derselben  war  Scharnhorst.  Er  wollte  seine
leichte  Wunde  nicht  ruhig  heilen  lassen,  sondern  beschloß  trotz  der  Warnungen  der
Arzte,  nach  Wien  zu  gehen,  um  Osterreich  zum  Anschluß  an  die  Verbündeten
zu  bewegen;  aber  in  Prag  ereilte  ihn  der  Tod.  Für  Napoleon  hatte  der
unentschiedene.  Kampf  die  Folgen  eines  Sieges:  von  den  Rheinbundsstaaten
dachte  nun  keiner  mehr  an  einen  Abfall,  Napoleon  zog  in  Dresden  ein  und
zwang  durch  eine  Drohung  den  König,  zurückzukehren  und  sich  ihm  anzuschließen.
  Dadurch  vergrößerte  sich  die  Ubermacht  Napoleons  noch  mehr.
Die  Verbündeten  gingen  hinter  die  Elbe  zurück;  bei  Bautzen  kam  es  am  20.
und  21.  Mai  abermals  zu  einem  blutigen  Ringen.  Mit  äußerster  Hartnäckigkeit
  stritten  80000  Verbündete  gegen  170000  Feinde;  dennoch  verloren  sie
keine  Fahne,  keine  Kanone  und  konnten  sich  geordnet  nach  Schlesien  zurückziehen.
  Napoleon  hatte  mehr  verloren  als  seine  Gegner,  in  einem  Reitergefecht
  bei  Hainau  brachte  Blücher  ihm  abermals  empfindliche  Verluste  bei;
dazu  fehlte  es  ihm  noch  an  Reiterei  und  Geschütz,  er  bot  daher  selber  einen
Waffenstillstand  an.  Auch  den  Verbündeten  war  Zeit  zur  besseren  Aus-
        <pb n="212" />
        206  Zweiter  Zeitraum.

rüstung  und  zur  Verhandlung  mit  Osterreich  erwünscht;  wollten  sich  doch  die
Russen  über  die  Oder,  ja  nach  Polen  zurückziehen.  Sie  nahmen  also  den
Waffenstillstand  an,  der  vorläufig  auf  sieben  Wochen  festgesetzt  wurde.  Als
die  Nachricht  am  zweiten  Pfingsttage  nach  Berlin  kam,  waren  „alle  Gesichter
blaß,  alle  Herzen  wie  vom  Donner  getroffen;  bei  dem  Gedanken  der  Möglichkeit
  des  Friedens  waren  alle  wie  versteint  und  verdonnert.“  —  Krieg!  Krieg!
schallte  es  von  den  Karpaten  bis  zur  Nordsee,  vom  Niemen  bis  zur  Elbe.
Aber  der  König  versicherte,  die  Verhandlungen  sollten  nicht  zu  einem  faulen
Frieden  führen.

Schon  vor  Abschluß  des  Waffenstillstandes  war  Hamburg  den  Franzosen
wieder  in  die  Hände  gefallen.  Die  Stadt  wurde  seit  vier  Wochen  von
Vandamme  bedroht,  aber  von  Tettenborn  und  wenigen  Dänen  verteidigt.  Als
letztere  zu  den  Franzosen  übergingen,  räumte  auch  Tettenborn  die  Stadt;  der
in  der  Nähe  stehende  schwedische  Kronprinz  Bernadotte,  ein  von  dem  kinderlosen
  König  von  Schweden  an  Kindes  Statt  angenommener  französischer
General,  that  nichts  zum  Entsatz  der  Stadt,  die  Bürger  waren  der  Waffen
entwöhnt;  so  fiel  sie  (30.  Mai),  und  damit  hatte  Napoleon  die  ganze  Elblinie
wieder  in  Händen.  Davoust  bestrafte  Hamburg  mit  grausamer  Härte,  befestigte
  es,  wobei  die  Bürger  selber  Schanzarbeiten  verrichten  mußten,  und
trieb  bei  Beginn  des  Winters,  um  eine  Belagerung  länger  aushalten  zu
können,  25000  ärmere  Einwohner  aus  der  Stadt  hinaus,  von  denen  gegen
1200  vor  Mangel  und  Kälte  umkamen.

Die  rufen  „Weh“  zum  Himmel

Aus  ihrer  stillen  Gruft

Und  werden's  rufen  zum  Himmel,

Wenn  die  Drommet  einst  ruft.  (Fr.  Rückert.)

Während  des  Waffenstillstandes  wurden  auch  die  Lützower  fast  vernichtet.
  Sie  standen  bei  Beginn  desselben  bei  Hof  und  konnten  sich  nicht,
wie  bestimmt  war,  vor  dem  12.  Juni  auf  das  rechte  Elbufer  zurückziehen.
Bei  Kitzen  unweit  Leipzig  wurden  sie  von  4000  Franzosen  und  Rheinbündlern
überfallen.  Lützow  selber  entkam  mit  nur  21  Mam,  unter  ihnen  der  schwer
verwundete  Theodor  Körner,  der  dem  Tode  nahe  im  Walde  aufgefunden  und
von  einer  Gärtnersfrau  gepflegt  wurde.  Nach  seiner  Genesung  kehrte  er  zu
den  Lützowern  zurück.  "

Die  Verbündeten  benutzten  den  Waffenstillstand  eifrig  zur  Verstärkung
und  besseren  Ausrüstung  des  Heeres,  besonders  der  Landwehr.  Auch  der
Landsturm  übte  fleißig,  wenn  auch  ohne  Uniform  und  mit  den  verschiedensten
Waffen  ausgerüstet.  Fichte  hatte  einen  mächtigen  Reitersäbel  umgeschnallt,
und  aus  dem  Gurt  schauten  die  Schäfte  zweier  Reiterpistolen  hervor;  Schleiermacher
  war  mit  einer  Pike  bewaffnet.  Auch  aus  Rußland  kamen  neue  Verstärkungen.
  Noch  eifriger  arbeiteten  die  Diplomaten.  Schweden  ward  durch
die  Aussicht  auf  Norwegen  gewonnen;  England  trat  im  Vertrage  zu  Reichenbach
  ebenfalls  den  Verbündeten  bei,  doch  mußte  Preußen  dafür  Hildesheim
und  Ostfriesland  an  Hannaver  abtreten.  Am  meisten  war  ÖOsterreich  umworben.
  Das  österreichische  Volk  war  zwar  deutsch  gesinnt,  aber  weit  entfernt
von  jener  Begeisterung  von  1809.  Ocbgleich  Kaiser  Franz  sich  durch  die
        <pb n="213" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  207

Verwandtschaft  mit  Napoleon  nicht  bestimmen  ließ,  scheute  er  doch  den  Krieg,
ihm  graute  vor  der  Begeisterung  der  norddeutschen  Jugend;  sein  Minister
Metternich,  ein  kalter,  berechnender  Selbstling,  wollte  nur  die  Stellung
OÖsterreichs  zwischen  zwei  gleichstarken  Parteien  möglichst  ausbeuten.  In
Dresden  unterhandelte  er  mit  Napoleon,  ohne  etwas  zu  erreichen;  doch  einigte
man  sich,  daß  in  Prag  ein  Friedenskongreß  zusammentrete  und  der  Waffenstillstand
  bis  zum  10.  August  verlängert  werde.  Aber  auch  jetzt  noch  verharrte
Napoleon  in  seinem  hochmütigen  Trotz;  selbst  auf  die  bescheidensten  Forderungen
der  Verbündeten  wollte  er  nicht  eingehen,  so  daß  diese  erklärten,  sie  würden
den  Krieg  auch  ohne  Osterreich  fortsetzen.  Das  entschied.  Napoleon  war
längst  zur  Fortführung  des  Krieges  entschlossen.  „Ich  bin  im  Felde  aufgewachsen,“
  sprach  er.  „Ein  Mann  wie  ich  macht  sich  nichts  aus  dem  Leben
einer  Million  Menschen.  Vielleicht  kostet  es  mir  den  Thron;  aber  ich  werde
die  Welt  unter  seinen  Trümmern  begraben.“  Sein  Trotz  trieb  Osterreich
ins  Lager  der  Verbündeten.  In  der  Nacht  zum  11.  August  trugen  die  verabredeten
  Fenerzeichen  von  Prag  her  über  die  Spitzen  der  Berge  nach  Schlesien
dem  aufjubelnden  preußischen  Heere  die  Nachricht  zu,  daß  der  Krieg  von  neuem
beginne.

Die  Heere  der  Verbündeten  zählten  zusammen  480000  Mann;  Napoleon
hatte  es  nur  auf  440000  gebracht,  dafür  besaß  er  aber  den  Vorteil  des
einheitlichen  Oberbefehls,  die  günstige  Elblinie  und  die  überelbischen  Festungen,
deren  Einschließung  einen  großen  Teil  der  verbündeten  Truppen  erforderte.
Die  Verbündeten  stellten  ihre  Streitkräfte  in  drei  Heeren  auf,  deren  jedes  aus
Truppen  aller  verbündeten  Völker  gemischt  sein  sollte,  während  Blücher  gewünscht
  hatte,  die  Preußen  allein  unter  seinem  Befehle  zu  haben.  Bernadotte
befehligte  die  Nordarmee,  die  (etwa  150000  Mann)  in  den  Marken  und
an  der  Unterelbe  stand;  unter  ihm  kommandierten  die  preußischen  Feldherren
Bülow  und  Tauentzien.  Blücher  führte  die  schlesische  Armee  (95000
Mann);  unter  ihm  standen  York  und  die  russischen  Korpsführer  Sacken  und
Langeron,  sein  Generalstabschef  war  Gneisenau.  Die  Hauptarmee
(235000  Mann)  stand  in  Böhmen  unter  Fürst  Schwarzenberg,  der  zugleich
  Oberbefehlshaber  über  sämtliche  verbündete  Truppen  war;  unter  ihm
befehligte  Fürst  Wittgenstein  und  der  preußische  General  Kleist.

Gebhard  Leberecht  von  Blücher,  geboren  1742  zu  Rostock  aus  einer  alten
pommerschen  Familie,  war  während  des  Siebenjährigen  Krieyes  als  junger  schwedischer
Offizier  von  preußischen  Husaren  gefangen  genommen  und  dann  in  preußische  Dienste
getreten.  Weil  er  sich  wegen  einer  Ubereilung  die  Ungnade  seines  Königs  zugezogen
und  deshalb  bei  der  Beförderung  übergangen  wurde,  forderte  er  trotzig  seinen  Abschied,
worauf  Friedrich  der  Große  entschied:  „Der  Rittmeister  von  Blücher  kann  sich  zum
Teufel  scheren!“  Er  lebte  darauf  als  Landmann,  trat  aber  unter  Friedrich  Wilhelm  II.
wieder  in  das  Heer.  Schon  während  der  Kriege  in  Frankreich,  besonders  aber  1806
hatte  er  sich  hervorgethan  (S.  172);  der  Schmerz  über  das  Unglück  des  Vaterlandes
umnachtete  sein  Gemüt  so,  daß  seine  Umgebung  zu  Zeiten  Irrsinn  an  ihm  zu  bemerken
  glaubte.  Jetzt  fühlte  er  sich  wieder  jung.  Wem  er  durch  die  Reihen  seiner
Krieger  dahinsprengte,  ihnen  einen  Scherz,  ein  Kraftwort  oder  auch  einen  derben
Fluch  zuwerfend,  so  war  die  Wirkung  unwiderstehlich,  und  der  alte  „Marschall
Vorwärts“  wurde  bald  der  Abgott  seiner  Soldaten.  Auf  Gneisenau,  den  er  wohl

seinen  Kopf  nannte,  hielt  er  große  Stücke.  Als  dieser  während  des  Waffenstillstandes
so  eifrig  mit  der  Einrichtung  der  schlesischen  Landwehr  beschäftigt  war,  schrieb  Blücher
        <pb n="214" />
        208  Zweiter  Zeitraum.

ihm:  „Landwehren  Sie  man  druff,  aber  wenn  die  Fehde  wieder  beginnt,  dann  ge—
sellen  Sie  Sich  wieder  zu  mich!“  «

Sobald  der  Waffenstillstand  abgelaufen  war,  begannen  die  Feindfeligkeiten
wieder.  Napoleon  suchte  zunächst  die  preußische  Macht  zu  vernichten;  während
er  Oudinot  zur  Eroberung  Berlins  absandte,  zog  er  selber  gegen  Blücher
nach  Schlesien.  Bernadotte  meinte,  von  den  französischen  Besatzungen  in
Hamburg,  Magdeburg,  Wittenberg  und  Torgau  bedroht,  besonders  vorsichtig
sein  zu  müssen;  auch  wollte  er  seine  Schweden  möglichst  schonen  und  den
Franzosen  nicht  wehe  thun,  da  er  sich  mit  der  Hoffnung  trug,  nach  Napoleons
Fall  selber  auf  den  französischen  Thron  berufen  zu  werden.  Er  war  deshalb
für  den  Freiheitskampf  ein  Hemmnis.  Oudinot  führte  70  000  Mann,  größtenteils
  Deutsche,  gegen  Berlin;  er  hatte  Befehl,  die  verhaßte  Stadt  in  Brand

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Gneisenau.  x  Blücher.

zu  schießen.  Bernadotte  wollte  Berlin  preisgeben  und  hatte  Tauentzien  schon
Befehl  zum  Rückzuge  erteilt.  „Was  ist  Berlin?“  sagte  er,  „eine  Stadt,
weiter  nichts.“  Aber  Bülow  erwiderte:  „Berlin  ist  den  Preußen  mehr  wert,
als  Ew.  Königliche  Hoheit  meinen."  Und  zu  seinen  Generalen  sagte  er:
„Unsere  Knochen  sollen  vor  Berlin  bleichen;  nicht  rückwärts!“  Tauentzien  blieb
stehen,  und  Bülow  griff  das  im  Centrum  marschierende  Reyniersche  Korps
bei  Großbeeren  an.  Seinen  Pommern  rief  er  zu:  „Soldaten!  Schweden
und  Russen  sehen  auf  uns.  Hinter  uns  liegt  Berlin!  Vergeßt  nicht,  daß  ihr
Pommern  seid!“  Und  sie  vergaßen  es  nicht.  Die  pommerschen  Landwehrmänner
  drehten  die  Gewehre,  die  bei  dem  Regenwetter  versagten,  um  und
draschen  mit  den  Kolben  wie  mit  Dreschflegeln  unter  dem  Rufe  „so  fluscht
et  bäter!“  auf  Franzosen  und  Sachsen  ein  (23.  August).  Oudinots  Hilfe  kam
zu  spät,  Reynier  mußte  sich  unter  großen  Verlusten  zurückziehen;  daß  sein
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  209

Korps  nicht  vollständig  aufgerieben  wurde,  war  Bernadottes  Schuld,  der  fast
nichts  that,  Bülow  zu  unterstützen.  Berlin  war  gerettet,  Ondinot  ging  auf
Wittenberg  zurück.  Auch  Davoust  war  von  Hamburg  aus  gegen  Berlin  aufgebrochen,
  kehrte  jetzt  aber  schleunigst  um.  Mit  einer  kleinen  Abteilung  seines
Heeres  bestanden  die  Lützower  ein  Gefecht  bei  Gadebusch  in  Mecklenburg,  in
welchem  Theodor  Körner  den  Heldentod  starb  (26.  August).  Ein  anderes
Korps,  das  von  Magdeburg  aus  der  Nordarmee  in  die  Flanke  fallen  sollte,
trat  jetzt  ebenfalls  den  Rückzug  an,  wurde  aber  bei  Hagelberg  (27.  August)
von  der  kurmärkischen  Landwehr  mit  dem  Kolben  zusammengehauen.

Napoleon  bemühte  sich,  Blücher  zu  einer  Schlacht  zu  verleiten;  doch  dieser
wich  immer  weiter  nach  Osten  aus,  um  den  Gegner  möglichst  weit  von  Dresden
abzuziehen.  Als  der  Kaiser  hörte,  daß  Schwarzenberg  Dresden  bedrohe,
ließ  er  Macdonald  in  Schlesien  zurück  und  eilte  mit  einem  Teile  seines
Heeres  wieder  nach  Sachsen.  Macdonald  meinte,  Blücher  sei  noch  im  Rückzuge,
  und  setzte  über  die  hoch  angeschwollenen  Gebirgswässer  der  Katzbach
und  der  Wütenden  Neiße;  arglos  stiegen  seine  Truppen  die  steilen  Ränder
der  Hochebene  empor,  welche  sich  oberhalb  des  Zusammenflusses  dieser  beiden
Gewässer  erhebt.  „Nun,  Kinder,“  rief  der  alte  Blücher,  „habe  ich  Franzosen
genug  herüber!“  York  warf  sich  auf  das  Centrum  des  überraschten  Feindes,
und  eine  mörderische  Schlacht  begann.  Auch  hier  geschah  des  nassen  Wetters
wegen  die  Hauptarbeit  mit  Kolben  und  Bajonett,  und  der  Ingrimm  und  die
körperliche  Stärke  der  preußischen  Truppen  errang  den  Sieg.  In  wirrem
Durcheinander  wälzten  sich  Kanonen,  Reiter  und  Fußvolk  zu  dem  steilen
Bergabfall  längs  der  Wütenden  Neiße,  in  deren  wilden  Fluten  Tausende  ihren
Tod  fanden.  Macdonald  schrieb  Napoleon:  „Sire,  Ihre  Bober-Armee
existiert  nicht  mehr!“  Die  Schlacht  an  der  Katzbach  (26.  August)  wurde
in  der  Nähe  der  alten  Wahlstatt  geschlagen;  davon  erhielt  Blücher  später
seinen  Ehrennamen  „Fürst  Blücher  von  Wahlstatt“.  Der  Erfolg  dieses  ersten
großen  Sieges  war  bedeutend.  Er  reinigte  Schlesien  von  Franzosen,  hob
die  Siegeszuversicht  der  verbündeten  Truppen  und  stellte  zwischen  den
vorher  manchmal  uneinigen  Feldherren  der  schlesischen  Armee  ein  besseres
Einvernehmen  her.

Noch  bevor  Napoleon  aus  Schlesien  zurückgekehrt  war,  hatte  die  Hauptarmee
  auf  mehreren  Straßen  das  Erzgebirge  überstiegen.  Schon  am  25.  August
war  ein  Teil  derselben  in  der  durch  die  Elbe  und  die  Ausläufer  des  Gebirges
eingeschlossenen  Ebene  südlich  von  Dresden  angekommen  und  hätte  durch  einen
raschen  Angriff  die  schwach  besetzte  Stadt  nehmen  können;  doch  das  Hauptduartier
  beschloß,  den  Angriff  bis  auf  die  Ankunft  der  übrigen  Armee  zu
verschieben.  Am  folgenden  Morgen  kehrte  auch  Napoleon  mit  seinen  Truppen
aus  Schlesien  zurück.  Kleinmütig  wollten  jetzt  die  Verbündeten  trotz  ihrer
Ubermacht  wieder  abziehen,  nur  Friedrich  Wilhelms  entschiedener  Widerspruch
zwang  sie,  am  27.  August  den  Angriff  zu  wagen,  der  aber  blutig  abgeschlagen
wurde.  Am  folgenden  Tage  wurde  sogar  der  linke  Flügel  besiegt,  der  rechte
aber  von  der  Elbe  und  der  Hauptstraße  bei  Pirna  abgedrängt;  dazu  erfuhr
man,  daß  Vandamme  bereits  auf  dem  Marsche  sei,  um  auf  dem  rechten  Elbufer
  das  Gebirge  und  unter  dem  Schutze  des  Königsteins  den  Fluß  zu  über-Hoffmeyer,

  Unser  Preußen.  14
        <pb n="216" />
        210  Zweiter  Zeitraum.

schreiten;  deshalb  trat  die  Armee  am  Nachmittage  den  Rückzug  an.  Aber
nur  eine  Landstraße  stand  ihr  offen;  daher  mußten  die  meisten  Truppen  auf
Umwegen  das  Gebirge  zu  erreichen  suchen,  bald  waren  auch  diese  vollgepfropft
und  nirgends  ein  Durchkommen  mehr.  Glücklicherweise  kehrte  Napoleon,  der
den  Feind  für  verloren  hielt,  nach  Dresden  zurück;  Vandamme  aber  eilte
weiter,  um  vor  den  Verbündeten  im  Teplitzer  Thale  anzukommen  und  ihnen
den  Rückzug  abzuschneiden.  Schon  hatte  er  die  Elbe  überschritten  und  die
Straße  Pirna-Teplitz  erreicht,  da  kamen  ihm  in  dem  Ausgange  des  Passes
bei  Kulm  (29.  August)  15000  Russen  entgegen,  die  den  Kampf  anfangs  gegen
die  mehr  als  doppelte  Ubermacht  nicht  aufzunehmen  wagten,  aber  von
Friedrich  Wilhelm  ermutigt  den  ganzen  Tag  tapfer  aushielten;  erst  gegen
Abend  bekamen  sie  Verstärkung  durch  österreichische  Truppen.  Der  König
von  Preußen  sandte  dem  General  Kleist  den  Befehl,  er  solle  quer  über  den
Kamm  des  Gebirges  die  Teplitzer  Straße  zu  erreichen  suchen  und  den  Franzosen
  in  den  Rücken  fallen.  Mit  großer  Kühnheit  führte  Kleist  diesen
Befehl  aus.  Vandamme  wußte  nichts  von  Napoleons  Umkehr  und  griff  am
folgenden  Morgen  im  Vertrauen  auf  die  ihm  nachrückenden  Korps  wieder
an,  wurde  aber  zurückgeworfen  und  war  ganz  überrascht,  bei  Nollendorf
auf  das  Kleistsche  Korps  zu  treffen.  Nach  verzweiflungsvollem  Kampfe  wurde
er  mit  9000  Mann  gefangen  genommen.  Nur  mit  Mühe  rettete  man  den
Peiniger  Norddeutschlands  vor  den  Fäusten  preußischer  Soldaten.  So  war
die  Niederlage  von  Dresden  wieder  wettgemacht,  der  Mut  auch  der  Hauptarmee
  wieder  gehoben.  Kleist  aber  erhielt  später  von  seinem  Könige  den
Ehrennamen  von  Nollendorf.

Napoleon  hatte  die  Absicht,  selber  gegen  Berlin  zu  ziehen;  als  er  aber
Macdonalds  Niederlage  erfuhr,  sandte  er  Ney,  „den  Tapfersten  der  Tapferen“,
gegen  die  Hauptstadt  ab  und  zog  selber  nach  der  Lausitz,  um  Blücher  zur
Schlacht  herauszufordern.  Ney  brach  von  Wittenberg  auf.  In  der  Ebene
von  Jüterbog  griff  ihn  Tauentzien  mit  seinen  Preußen  am  6.  September
an,  gleichzeitig  faßte  ihn  Bülow  bei  Dennewis  in  der  linken  Flanke,  und
beide  vereint  schlugen  ohne  Bernadottes  Hilfe,  ja  gegen  dessen  Wunsch,  den
an  Zahl  überlegenen  Feind  zurück.  Auch  hier  wetteiferte  die  Landwehr
mit  den  Linientruppen,  aber  auch  hier  kämpften  Deutsche  gegen  Deutsche.
Besonders  die  Sachsen  hatten  sich  tapfer  geschlagen;  zum  Dank  dafür  bezichtigte
sie  Napoleon  der  Feigheit  und  erbitterte  dadurch  dies  Volk  gegen  sich.  Schon
gleich  nach  der  Schlacht  ging  ein  sächsisches  Bataillon  zu  den  Preußen  über.

Nach  diesen  aufreibenden  Kämpfen  ruhten  die  Schwerter  der  Krieger
einige  Tage;  desto  eifriger  arbeiteten  die  Federn  der  Diplomaten.  Noch
einmal  versprachen  die  verbündeten  Fürsten  in  Teplitz  einander,  sich  mit
Napoleon  nicht  in  Verhandlungen  einzulassen  und  die  Waffen  nicht  eher
niederzulegen,  bis  Preußen  und  Osterreich  in  dem  Umfange  von  1805  wieder
hergestellt  seien.  Im  Widerspruch  damit  benutzte  Fürst  Metternich  die  ihm
erteilte  Vollmacht  dazu,  mit  dem  Königreich  Bayern  (10.  Oktober)  den  Vertrag
zu  Ried  abzuschließen,  durch  den  er  dieser  Napoleonischen  Schöpfung  ihren
Besitzstand  mit  Enischluß  der  uralten  hohenzollernschen  Besitzungen  Ansbach  und
Baireuth  zusicherte,  wofür  Osterreich  Salzburg  und  Tirol  zurück  erhielt.  Na-
        <pb n="217" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  211

poleon  verbrachte  die  Zeit  mit  nutzlosem  Hin=  und  Herziehen:  zweimal  wandte
er  sich  gegen  die  schlesische,  einmal  gegen  die  böhmische  Armee;  aber  Blücher
wich  aus,  und  Schwarzenberg  rührte  sich  nicht.  Dazu  trafen  ihn  neue  Hiobsposten.
  Eine  Abteilung,  welche  Davoust  zur  Verstärkung  der  Magdeburger
Besatzung  abgeschickt  hatte,  wurde  (16.  September)  in  dem  Gefecht  bei  der
Göhrde,  in  welchem  Eleonore  Prochaska  fiel,  geschlagen,  und  am  1.  Oktober
wurde  sein  Bruder  Hieronymus  aus  Kassel  verjagt.  Aber  auf  dem  Hauptkriegsschauplatze
  schien  die  Entscheidung  sich  verzögern  zu  wollen,  bis  endlich
die  kleinste  der  verbündeten  Armeen  die  Kugel  wieder  ins  Rollen  brachte.

Die  Völkerschlacht  bei  Leipzig;  16.,  18.  und  19.  Oktober  1813.

Blücher  hatte  bisher  vergeblich  auf  entschlossenes  Handeln  im  Hauptquartier
  gewartet;  endlich  rief  er  aus:  „Die  diplomatischen  Narrenspossen  und
das  Notenschreiben  haben  ein  Ende.  Ich  werde  den  Takt  ohne  Noten  schlagen.“
Er  marschierte  auf  eigene  Verantwortung  rechts  ab,  zog  die  Schwarze  Elster
abwärts  und  überschritt  am  3.  Oktober  bei  Wartenburg  die  Elbe.  Aber
jenseits  standen  hinter  hohen  Dämmen  und  im  Weidendickicht  versteckt  Franzosen,
  Italiener  und  Deutsche;  wieder  wurde  erbittert  gekämpft,  doch  die  unvergleichliche
  Tapferkeit  und  Zähigkeit  des  Yorkschen  Korps  errang  hier  den
Sieg.  Der  höchste  Preis  gebührt  dem  Kolberger  Leibregiment  unter  General
Horn.  Als  es  nach  dem  Siege  an  Vork  vorübermarschierte,  eutblößte  er  sein
Haupt  und  stand  unbedeckten  Kopfes  so  lange,  bis  der  letzte  Mann  vorüber
war.  Dieser  Ehrentag  trug  ihm  selber  später  den  Namen  NYNork  von
Wartenburg  ein.  Nun  mußte  auch  der  zögernde  Bernadotte  die  Elbe  überschreiten,
  und  die  böhmische  Armee  brach  gegen  Leipzig  auf.  Napoleon  sah
sich  dadurch  in  seinem  Rücken  bedroht;  er  ließ  in  Dresden  eine  starke  Besatzung
  zurück  und  eilte  nordwestwärts  gegen  Düben,  um  die  beiden  vereinigten
Armeen  zu  treffen.  Aber  Blücher  stellte  sich  nicht.  Die  Rückzugslinie  zum
Rhein  stand  Napoleon  noch  offen;  doch  er  war  zu  stolz  und  siegesbewußt,
einen  Rückzug  anzutreten,  und  wandte  sich  in  die  weite  Ebene  von  Leipzig.
Seine  Truppen  standen  in  weitem  Bogen  südöstlich  um  Leipzig,  ihr  Mittelpunkt
  war  Wachau;  ihm  gegenüber  stand  Schwarzenberg,  während  das  VYorksche
Korps  vor  dem  vom  Feinde  besetzten  Dorfe  Möckern,  n.  w.  von  Leipzig,  sich
aufgestellt  hatte;  im  Osten  klaffte  zwischen  den  beiden  verbündeten  Heeren  eine
große  Lücke,  die  durch  Bernadotte  ausgefüllt  werden  sollte.  Napoleon  glaubte
Blücher  noch  fern  und  hoffte  die  böhmische  Armee  vor  dem  Eintreffen  der
beiden  Nordarmeen  schlagen  zu  können.  Dies  schien  um  so  leichter  zu  sein,
als  er  dort  eine  geringe  Ubermacht  besaß.

Schwarzenberg  hatte  am  16.  Oktober  ein  österreichisches  Korps  seines
linken  Flügels  in  das  sumpfige  Buschland,  zwischen  Elster  und  Pleiße  geworfen,
  um  Napoleons  rechtem  Flügel  in  den  Rücken  zu  gelangen;  aber  es
vermochte  in  dem  buschigen  Gelände  dem  von  dem  Polenfürsten  Poniatowski
tapfer  verteidigten  Connewitz  gegenüber  nichts  auszurichten,  General  Merveldt
geriet  sogar  mit  einem  Teile  seines  Korps  in  Gefangenschaft.  Im  Centrum
bei  Wachau  wurde  mit  äußerster  Erbitterung  gekämpft.  Fast  scheinen  die
Preußen  und  Russen  der  erdrückenden  Ubermacht  und  dem  Feuer  der  300

14“
        <pb n="218" />
        212  Zweiter  Zeitraum.

Kanonen  zu  erliegen,  schon  befiehlt  Napoleon,  in  Leipzig  seinen  Sieg  durch
Glockenläuten  verkünden  zu  lassen,  und  sendet  unter  Murat  9000  Reiter,  die
auch  den  letzten  Widerstand  über  den  Haufen  werfen  sollen;  da  treffen  in
der  äußersten  Not  österreichische  Reserven  ein,  der  Reiterangriff  erlahmt,  und
die  Verbündeten  besetzen  die  eben  verlorenen  Dörfer  wieder.  Daß  Napoleon
den  erhofften  Sieg  nicht  errungen,  war  Blüchers  Verdienst,  der  das  Marmontsche
Korps  bei  Möckern  festgehalten  hatte.  Auf  dem  Marsche  nach  Leipzig
hatten  Yorksche  Truppen  Marmont  in  Möckern  angetroffen,  das  in  eine  kleine
Festung  umgeschaffen  war.  Bei  Beginn  des  Kampfes  redete  Blücher  seine
Truppen  an:  „Na,  Kinder,  heute  haut  mal  auf  gut  preußisch!  Das  sage  ich
euch:  wer  heute  abend  nicht  tot  oder  vor  Freuden  duselig  ist,  der  hat  sich
geschlagen  wie  ein  infamer  Hundsfott!“  VNork  erhielt  den  Befehl  zum  Angriff
beim  Frühstück.  Ernst  erhob  er  sein  Glas  und  sprach:  „Den  Anfang,  Mitt'
und  Ende,  Herr  Gott,  zum  Besten  wende!“  —  Sechsmal  erstürmten  die
Preußen  das  Dorf,  und  sechsmal  verloren  sie  es  wieder;  da  gegen  Abend
gelang  es  ihnen,  den  Kampfplatz  zu  behaupten.  Wie  einst  bei  Leuthen,
erklang  auch  hier  bei  den  Wachtfeuern  durch  die  stille  Nacht  das  „Nun
danket  alle  Gott!“;  aber  fast  die  Hälfte  des  Korps  war  gefallen.  Wäre
Bernadotte  rechtzeitig  eingetroffen,  so  wäre  wohl  schon  am  16.  Leipzig  genommen
  und  weiteres  Blutvergießen  verhütet  worden.

Am  17.  Oktober,  einem  Sonntag,  griff  Napoleon  nicht  wieder  an,  sondern
knüpfte  durch  den  gefangenen  General  Merveldt,  wenn  auch  vergebens,  Unterhandlungen
  an  und  ließ  dadurch  den  Verbündeten  Zeit,  alle  ihre  Truppen
heranzuziehen,  so  daß  sie  ihm  am  18.  Oktober,  dem  entscheidenden  Tage  der
Völkerschlacht  bei  Leipzig,  bedeutend  überlegen  waren  (mit  225000  gegen
160000  Mann).  Er  hatte  seine  Truppen  näher  an  Leipzig  herangezogen,
den  Mittelpunkt  seiner  Stellung,  Probstheida,  verteidigte  er  selber  mit  seinen
Garden.  Er  stand  neben  einer  zerschossenen  Tabaksmühle;  ihm  gegenüber
hielten  auf  einem  Hügel  die  drei  verbündeten  Monarchen.  Die  Verbündeten
eröffneten  den  Angriff  auf  allen  Seiten,  am  schärfsten  wurde  aber  um  Probstheida
  gestritten,  das  Napoleon  ebenfalls  in  eine  kleine  Festung  umgeschaffen
hatte.  Sechsmal  schlug  er  den  Angriff  ab,  die  Entscheidung  mußte  an  anderer
Stelle,  im  Norden,  herbeigeführt  werden.  Bernadotte  war  noch  immer  nicht
auf  dem  Schlachtfelde  eingetroffen;  von  den  Verbündeten  endlich  gedrängt,
verlangte  er  von  der  kleinen  schlesischen  Armee  noch  30000  Mann  Verstärkung.
  Da  gab  Blücher  in  edler  Selbstverleugnung  das  verlangte  Korps
hin  und  verzichtete  damit  auf  den  Ruhm  eines  neuen  Sieges.  Erst  nachmittags
  griff  die  Nordarmee  mit  in  den  Kampf  ein,  Bülow  führte  das
Vordertreffen.  Nun  war  der  Ausgang  nicht  mehr  zweifelhaft.  Schon  gingen
Sachsen  und  Württemberger  zu  den  Verbündeten  über  und  wurden  mit  Freuden
aufgenommen;  nur  den  württembergischen  General  Normann,  der  jüngst  bei
Kitzen  auf  Napoleons  Befehl  die  Lützower  überfallen  hatte,  wies  Gneisenau
zurück.  Als  es  zu  dämmern  begann,  waren  die  Verbündeten  im  Osten  und
Norden  bis  nahe  an  die  Thore  Leipzigs  vorgedrungen;  da  befahl  Napoleon
den  Rückzug  seines  ganzen  Heeres,  und  nun  drängte  sich  alles  nach  der  Stadt
und  durch  die  engen  Gassen  nach  der  einzigen  noch  freien  Straße  über  Lindenau.
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  213

Voll  Dank  gegen  Gott,  den  Lenker  der  Schlachten,  sanken  die  verbündeten
Monarchen  auf  ihre  Kniee.  Die  Nacht  brach  herein.  Auf  dem  von  zwölf

 

 

 

 

 

 
 
 
      
    
  

Stelluns  der  Verblindeten  am  18.Ociober  der  ranzoscn
14  an#-h##  Oesterretttla  2õ  am,Morgen/  6b  am/afittaꝗq
BEB,  .  Russen/  55.  ,  Am  #0.  October
—  7  FPreressen.  C,  C,  „  »  cc  ZMIMF  MHMXIOFW
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Plan  der  Völkerschlacht  bei  Leipzig.

brennenden  Dörfern  unheimlich  beleuchteten  Schlachtfelde  lagen  die  vielen
Tausende  der  Toten  und  Sterbenden,  welche  alle  dem  Ehrgeiz  eines  Einzigen
geopfert  waren.  Heute  war  er  gerichtet,  das  begriff  auch  der  einfachste  Mann:
        <pb n="220" />
        214  Zweiter  Zeitraum.

über  die  weite  Ebene  stiegen  in  allen  Zungen  der  Völker  Europas  Dank—
gesänge  zum  Himmel  empor.

Schwarzenberg  weigerte  sich,  den  nach  seiner  Meinung  immer  noch  zu
fürchtenden  Feind  zu  verfolgen;  so  konnte  Napoleon  ein  Heer  von  90000
Mann  —  meistens  Franzosen  —  ungehindert  abführen,  während  seine  Verbündeten,
  Italiener,  Polen  und  Deutsche,  zur  Verteidigung  Leipzigs  zurückblieben.
  Am  Morgen  des  19.  begann  der  Angriff  auf  die  Stadt,  die  noch
hartnäckig  verteidigt  wurde.  Aber  immer  weiter  drangen  Blücher  im  Norden,
Bülow  im  Osten  vor;  gegen  Mittag  erstürmte  Major  Friccius  mit  der  Königsberger
  Landwehr  das  Grimmaische  Thor.  Noch  war  die  Stadt  von  Feinden
überfüllt;  in  den  durch  zahllose  Wagen  und  Geschütze  gesperrten  Straßen
drängten  sich  die  Flüchtigen.  Erst  vor  zwei  Stunden  (um  elf  Uhr)  hatte
man  dem  Kaiser  mit  Mühe  einen  Ausweg  aus  diesem  Knäuel  gebahnt.  Durch
die  Geschosse  der  eindringenden  Sieger  stieg  die  Verwirrung  aufs  höchste;
da  wurde  auch  noch  die  Elsterbrücke  zu  früh  in  die  Luft  gesprengt.  Entsetzen
  packte  die  Zurückgebliebenen;  einige  kamen  schwimmend  hinüber,  andere
ertranken  im  Fluß,  unter  ihnen  auch  Poniatowski,  der  erst  eben  auf  dem
Schlachtfelde  zum  Marschall  ernannt  war;  die  übrigen,  30000  Mann,  wurden
gefangen  genommen.  Um  ein  Uhr  zogen  die  verbündeten  Monarchen  in  die
croberte  Stadt  ein.  Blücher  wurde  von  seinem  dankbaren  Könige  zum  Generalfeldmarschall
  ernannt,  der  König  von  Sachsen  als  Gefangener  nach  Berlin
geschickt.  Große,  schmerzliche  Opfer  hatte  der  Krieg  gekostet.  Von  den  Tausenden
  der  Verwundeten  wurden  wenige  gerettet;  denn  wo  waren  die  Hände
für  so  viele?!  Dennoch  ging  ein  Siegesjubel  durch  Deutschland:  Begeistert
sang  Arndt:

Die  Welschen  hat  Gott  verweht  wie  den  Sand;

Viel  Tausende  decken  den  grünen  Rasen
Die  übrig  blieben,  entflohn  wie  Hasen,  Napoleon  mit.

Laß  Witwen  und  Bräute  die  Toten  klagen,
Wir  singen  noch  fröhlich  in  spätesten  Tagen
Die  Leipziger  Schlacht.

Nach  Paris.

Fast  ungehindert  erreichte  Napoleon  den  Rhein;  nur  bei  Hanau  trat
ihm  General  Wrede  mit  Bayern,  die  bei  Leipzig  nicht  mitgefochten  hatten,
und  Osterreichern  entgegen,  gab  ihm  aber  dadurch  nur  die  Möglichkeit,  mit
einem  Siege  aus  Deutschland  zu  scheiden.  Der  Rheinbund  löste  sich  auf,
die  ehemals  preußischen,  hannoverschen,  oldenburgischen  Gebiete  kehrten  unter
ihr  früheres  Herrscherhaus  zurück;  der  wiederzurückgekehrte  Hieronymus  verließ
  Kassel  zum  zweitenmal.  In  den  befreiten  norddeutschen  Gebieten  erwachte
  jetzt  eine  ähnliche  Begeisterung,  wie  zu  Anfang  des  Jahres  im  Osten,
der  Süden  aber  blieb  ruhig;  ja  mehrere  Rheinbundfürsten  stellten  ihre  Truppen
nur  gezwungen  zum  Kampfe  gegen  Frankreich,  und  dennoch  gewährleistete
ihnen  Osterreich  die  volle  Sonveränität  und  ihren  uneingeschränkten  Besitz!
Napoleons  Heer  war  jenseit  des  Rheins  zusammengebrochen,  Frankreich  war
wehrlos,  aber  die  Verbündeten  nutzten  diesen  Vorteil  nicht  aus.  Bernadotte
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  215

 

 

 

 

 

 

 

ische  Thor.

runma!

3  erstürmt  das  Gri

riccin

*

Die  Königsberger  Landwehr  unter  Major  F
        <pb n="222" />
        216  Zweiter  Zeitraum.

hatte  sich  gleich  nach  der  Leipziger  Schlacht  von  ihnen  getrennt  und  gegen
den  König  von  Dänemark  gewandt,  den  er  zwang,  ihm  Norwegen  gegen
Vorpommern  und  Rügen  abzutreten.  Bülow  ward  dadurch  von  einem  ihm
verhaßten  Oberfeldherrn  befreit  und  vertrieb  in  raschem  Siegeslaufe  die
Franzosen  aus  Holland.  Auf  Osterreichs  Betreiben  trat  in  Frankfurt  sogar
ein  Friedenskongreß  zusammen,  der  das  ganze  linke  Rheinufer  preisgeben
wollte.  Wütend  schalt  Blücher  auf  die  „Federfuchser"  und  „Schufte“,  die
den  Galgen  verdient  hätten.  Arndt  zeigte  auf  Steins  Veranlassung  in  einer
besonderen  Schrift,  daß  „der  Rhein  Deutschlands  Strom,  nicht  Deutschlands
Grenze“  sei.  Zum  Glück  war  Napoleon  auch  jetzt  noch  von  Hochmut  geblendet,
  so  daß  die  Verbündeten  hauptsächlich  auf  Steins  und  Blüchers  Betreiben
  beschlossen,  den  Krieg  fortzusetzen.  Gneisenau  riet,  geradeswegs  auf
Paris  loszugehen.  Wie  Blücher  dachte,  erzählt  der  Dichter  A.  Kopisch:

Die  Heere  blieben  am  Rheine  stehn.
Soll  man  hinein  nach  Frankreich  gehn?
Man  dachte  hin  und  wieder  nach,
Allein  der  alte  Blücher  sprach:
„Generalkarte  herk
Nach  Frankreich  gehn  ist  nicht  so  schwer.
Wo  steht  der  Feind?“  —  „Der  Feind  dahier!“
„Den  Finger  drauf,  den  schlagen  wir!

Wo  liegt  Paris?"  —  „Paris  dahier!“

„Den  Finger  drauf,  das  nehmen  wirl!

Nnun  schlagt  die  Brücken  übern  Rhein!

Ich  denke,  der  Champagnerwein

Wird,  wo  er  wächst,  am  besten  sein!“

In  der  Neujahrsnacht  von  1813  auf  1814  setzte  er  bei  Kaub  über
den  Rhein,  ging  über  den  Hunsrück  die  Mosel  hinauf  und  wandte  sich  dann
westwärts.  Endlich  langte  auch  die  Hauptarmee,  die  durch  das  Elsaß  gezogen
  war,  dort  an  und  vereinigte  sich  mit  der  Blücherschen.  Aber  zu  einem
kräftigen  Vorstoß  kam  es  noch  nicht.  Wahre  Begeisterung  für  den  Befreiungskampf
  lebte  nur  im  preußischen  Heere,  Metternich  hielt  es  sogar  für
bedenklich,  den  Kampf  weiter  fortzusetzen:  sollte  man  für  Preußen  das  linke
Rheinufer  erkämpfen?  Das  Feilschen  um  Mein  und  Dein  hatte  schon  seit
dem  Tage  von  Leipzig  begonnen  und  drohte  mehr  als  einmal,  die  ganze
Koalition  zu  sprengen.  Kaiser  Franz  verlangte  nach  Frieden,  Alexander  und
Friedrich  Wilhelm  aber  wollten  den  Krieg  nötigenfalls  auf  eigene  Hand  fortsetzen;
  endlich  einigte  man  sich  dahin,  daß  der  Krieg  seinen  Fortgang  nehmen,
gleichzeitig  aber  Verhandlungen  über  den  Frieden  geführt  werden  sollten.
Blücher  schrieb:  „Der  Tiran  hat  alle  Hauptstädte  besucht,  geplündert  und
bestohlen;  wihr  wollen  uns  sowas  nicht  schuldig  machen,  aber  unsere  Ehre
fordert  das  Vergeltungsrecht,  ihm  in  seinem  neste  zu  besuchen.“

Napoleon  hatte  die  ihm  durch  die  Unentschlossenheit  der  Verbündeten
gegönnte  Frist  zur  Ausrüstung  eines  neuen  Heeres  benutzt;  aber  seine  Truppen
waren  denen  der  Verbündeten  weder  an  Zahl  noch  an  Ubung  gewachsen.  Er
warf  sich  zunächst  (29.  Jan.)  bei  Brienne  auf  Blücher,  aber  der  Kampf
blieb  unentschieden.  Auf  Alexanders  Bitten  trat  dann  Schwarzenberg  ein
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  217

 

 

  
  
      

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Der  Marschall  Vorwärts  überschreitet  den  Rhein  am  1.  Januar  1814.

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        218  Zweiter  Zeitraum.

Drittel  seines  Heeres  an  Blücher  ab,  und  dieser  schlug  (1.  Febr.)  Napoleon
bei  La  Rothiere  vollständig  aufs  Haupt.  Wieder  stand  den  Verbündeten
der  Weg  nach  Paris  offen,  aber  wieder  begann  das  Zaudern  und  Bedenken;
doch  erhielt  Blücher  die  Erlaubnis,  die  Marne  abwärts  gegen  Paris  vorzubrechen,
  während  das  Hauptheer  stehen  blieb.  Blücher  ließ  sein  Heer  in  vier
voneinander  getrennten  Korps  vorrücken;  seine  linke  Flanke  war  nicht  gedeckt,
weil  Schwarzenberg  sein  Versprechen,  dort  durch  das  Wittgensteinsche  Korps  die
Verbindung  zwischen  beiden  Heeren  aufrecht  zu  erhalten,  nicht  erfüllte.  Rasch
warf  sich  deshalb  Napoleon  dem  Blücherschen  Heere  in  die  Flanke  und  brachte
jedem  der  vier  Korps  nacheinander  empfindliche  Verluste  bei.  Dann  stürmte  er
gegen  die  Hauptarmee  und  erfocht  abermals  einen  Sieg,  so  daß  Schwarzenberg
nach  Troyes  zurückwich  und  auch  Blücher  bewog,  dort  zu  ihm  zu  stoßen;
ja  der  Oberfeldherr  wollte  sogar  bis  zum  Rhein  zurückgehen.  Eifriger  denn
je  bemühten  sich  jetzt  die  österreichischen  Diplomaten  auf  dem  Friedenskongreßt
zu  Chatillon  a.  d.  Seine  um  den  Abschluß  eines  Waffenstillstandes;  aber  zum
Glück  war  Napoleons  Hochmut  durch  die  jüngsten  Erfolge  nur  noch  gesteigert,
so  daß  die  Verhandlungen  ohne  Erfolg  blieben.  Blücher  bat  um  die  Erlaubnis,
sein  Heer  wieder  von  dem  Hauptheer  trennen,  das  Korps  unter  Bülow  und
ein  russisches  Korps,  die  beide  aus  Belgien  heranrückten,  an  sich  ziehen  und
geradeswegs  auf  Paris  marschieren  zu  dürfen.  Der  Zar  und  König  Friedrich
Wilhelm  setzten  im  Hauptquartier  die  Gewährung  dieser  Bitte  durch,  und
damit  war  die  Entscheidung  des  Krieges  zunächst  in  Blüchers  Hand  gelegt.
Napoleon  war  überrascht,  als  er  hörte,  Blüchers  Heer,  das  er  vernichtet
geglaubt  hatte,  ziehe  nach  Paris,  und  eilte  ihm  sofort  nach.  Das  von  ihm
zurückgelassene  Korps  Oudinots  wurde  von  Schwarzenberg  bei  Bar  a.  d.  Aube
(27.  Febr.)  leicht  zurückgeworfen,  wobei  der  junge  Prinz  Wilhelm  von
Preußen  sich  das  Eiserne  Kreuz  erwarb.  Blücher  ging  indes  die  Marne
hinab  und  vereinigte  sich  (4.  März)  bei  Soissons  mit  Bülow,  der  nicht  wenig
erstaunte  über  die  schwachen  Bataillone  Vorks,  über  diese  abgemagerten,  verwahrlosten
  Truppen,  während  seine  Leute  in  den  wohlhabenden  Gegenden
Hollands  und  Belgiens  wohlgenährt  und  gut  gekleidet  waren.  Nach  langer
Trennung  schüttelten  die  Sieger  von  Dennewitz  und  von  der  Katzbach  einander
  wieder  die  Hand,  alle  begierig,  sobald  als  möglich  gegen  den  Feind
geführt  zu  werden.  Ihr  Wunsch  sollte  sich  bald  erfüllen.  Schon  am  9.  März
griff  Napoleon  den  Stützpunkt  des  Blücherschen  Heeres,  die  Felsenfestung  Laon,
an.  Der  Tag  blieb  ohne  Entscheidung;  am  Abend  aber  warfen  sich  York
und  Kleist  auf  den  Feind  und  zersprengten  ein  ganzes  französisches  Korps.
Darauf  wandte  sich  Napoleon  wieder  gegen  die  Hauptarmee,  erlitt  aber  bei
Arcis  a.  d.  Aube  eine  neue  Niederlage;  nur  das  Unterlassen  der  Verfolgung
rettete  ihn.  Trotzdem  stellte  er  bei  den  Friedensunterhandlungen  die  hochmütigsten
  Forderungen,  so  daß  auch  sein  Schwiegervater  ihn  aufgab.  Schwarzenberg
  und  Blücher  brachen  nun  gemeinsam  gegen  Paris  auf.  Da  machte
Napoleon  noch  einen  verzweifelten  Versuch:  er  umging  den  rechten  Flügel
der  Verbündeten,  um  ihnen  in  den  Rücken  zu  gelangen;  dadurch  hoffte
er  sie  von  Paris  abzuziehen.  Aber  die  verbündeten  Armeen  ließen  sich  dadurch
  in  ihrem  Vormarsch  nicht  irre  machen.  Ohne  großen  Widerstand  ge-
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  219

langten  sie  vor  Paris;  dort  gab's  noch  einen  kurzen,  aber  erbitterten  Kampf,
bei  dem  auch  der  erkrankte  Blücher  nicht  fehlen  wollte,  obschon  er  seine  Augen
durch  einen  Damenhut  mit  Schleier  schützen  mußte.  Die  Stadt  ergab  sich
am  31.  März  1814.  Große  Freude  herrschte  darüber  in  den  Reihen  der
Krieger.  Eines  Morgens  traf  York  ein  litauisches  Dragonerregiment,  das
unter  schmetterndem  Trompetenschall  den  Montmartre  hinaufritt.  Auf  die
Frage,  was  dies  zu  bedenten  habe,  antwortete  der  Oberst:  „Das  habe  ich
meinen  Leuten  schon  in  Tilsit  versprochen,  daß  sie  Paris  sehen  sollten!“  Was
die  Kühnsten  gehofft  hatten,  war  erfüllt;  auch  der  einfachste  Soldat  sah  den
Fall  dieser  Stadt,  von  der  in  letzter  Zeit  so  viel  Unheil  ausgegangen  war,
als  eine  notwendige  Sühne  an.  Napoleons  Gemahlin  hatte  mit  ihrem  Sohne
Paris  bereits  verlassen;  ihr  Vater  war  mit  Metternich  in  Burgund  zurückgeblieben,
  um  nicht  der  Entthronung  seines  Schwiegersohnes  beiwohnen
zu  müssen.  An  der  Spitze  des  siegreichen  Heeres  hielten  der  Zar,  König
Friedrich  Wilhelm  und  Schwarzenberg  am  31.  März  1814  ihren  Einzug
in  die  gedemütigte  Stadt,  die  sofort  von  Napoleon  abfiel  und  den  Verbündeten
als  ihren  Befreiern  zujubelte.

Auf  die  Nachricht  von  dem  Fall  der  Hauptstadt  eilte  Napoleon  nach
Fontainebleau  und  erklärte  sich  bereit,  zu  Gunsten  seines  Sohnes  dem  Throne
zu  entsagen;  aber  die  Verbündeten  lehnten  es  ab,  mit  ihm  noch  weiter  zu
verhandeln,  und  zwangen  ihn,  seine  unbedingte  Entsagung  zu  unterzeichnen.
Großmütig  ließen  sie  ihm  den  Kaisertitel  und  wiesen  ihm  die  Insel  Elba
als  Aufenthaltsort  an.  Mit  Zustimmung  der  verbündeten  Fürsten  bestieg
jetzt  der  Bruder  des  enthaupteten  Königs  als  Ludwig  XVIII.  den  französischen
  Thron,  und  mit  ihm  schlossen  die  Verbündeten  am  30.  Mai  den
ersten  Pariser  Frieden.  Frankreich  erhielt  die  Grenzen  von  1792,  durfte
also  noch  kleine  Gebiete  von  Belgien  und  von  Deutschland  (Saarbrücken,
Saarlouis  und  Landau)  behalten,  zahlte  keine  Kriegskosten  und  brauchte  nicht
einmal  die  vielen  geraubten  Kunstschätze  wieder  herauszugeben;  nur  die  Preußen
nahmen  ihre  Viktoria  wieder  mit.  Diese  milde  Behandlung  verdankten  die
Franzosen  dem  Kaiser  Alexander,  der  sich  darin  gefiel,  ihnen  gegenüber  den
Großmütigen  zu  spielen.  Die  preußischen  Generale  und  Staatsmänner  konnten
diesen  Frieden  unmöglich  als  das  Ende  eines  Krieges  ansehen,  der  so  blutige
Opfer  gefordert  hatte,  und  Blücher  sagte  offen:  „Wir  dürfen  nur  Rasttag
halten!“  —  Die  von  den  Franzosen  besetzten  deutschen  Festungen  hatten  sich
zum  Teil  bis  zum  Frühjahr  behauptet.

Bei  seinem  Aufbruch  von  Paris  dankte  Friedrich  Wilhelm  seinen  braven
Truppen  für  bewiesene  Tapferkeit.  Er  ernannte  Blücher  zum  Fürsten  von
Wahlstatt,  YDork,  Bülow,  Kleist  und  Tauentzien  zu  Grafen  von  Wartenburg,
Dennewitz,  Nollendorf  und  Wittenberg  und  befahl,  daß  die  Kriegsdenkmünzen
aus  dem  Metall  der  eroberten  Kanonen  geprägt,  die  Namen  der  Gefallenen
einer  jeden  Kirchengemeinde  auf  eine  Tafel  geschrieben  und  diese  in  den
Gotteshäusern  aufgehängt  werden  sollten.  Während  die  Truppen  den  Weg
in  die  Heimat  zurücklegten,  begaben  sich  die  Fürsten  mit  den  Prinzen  und
Feldherren  zum  Besuche  nach  London,  wo  ihnen,  besonders  Blücher,  großartige
  Huldigungen  entgegengebracht  wurden.
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220  Zweiter  Zeitraum.

 

 

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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  221

Die  deutschen  Truppen  kehrten  zu  ihrer  friedlichen  Beschäftigung  zurück.  Recht
wie  aus  der  Seele  gesprochen  war  ihnen  Schenkendorfs  „Frühlingsgruß  an  das
Vaterland",  in  welchem  es  heißt:  „Vaterland,  in  tausend  Jahren  kam  dir  solch  ein
Frühling  kaum!“  In  England  war  der  alte  Blücher  der  Held  des  Tages.  Das  Volk
spannte  ihm  die  Pferde  aus  und  zog  selber  seinen  Wagen;  Reiche  und  Vornehme
bestachen  seine  Dienerschaft,  um  ihm  als  Diener  aufwarten  zu  dürfen.  Als  die  Universität
  Oxford  ihm  die  Doktorwürde  verlieh,  meinte  er:  „Wenn  ihr  mich  zum  Doktor
macht,  müßt  ihr  Gneisenau  mindestens  zu  meinem  Apotheker  machen,  denn  er  hat  mir
die  Pillen  gedreht.“  Auch  in  Deutschland  wurde  der  Held  auf  den  Händen  getragen;
fast  in  jeder  Stadt,  wo  er  sich  sehen  ließ,  mußte  er  zum  Volke  reden.  Groß  war
überall  der  Jubel  beim  Einzuge  der  Truppen.  In  Berlin  ließ  sich  das  Volk  nicht
halten.  „Die  Bataillone  brachen  auseinander,  die  Frauen  stürzten  den  Gatten  in
die  Arme,  die  Jungen  trugen  den  Vätern  die  Flinten,  und  so  wogte  der  lange  Zug
dahin,  die  Wehrmänner  ganz  mit  Kränzen  überdeckt,  Soldaten  und  Bürger,  Männer
und  Frauen  in  krausem  Durcheinander  —  recht  eigentlich  ein  Volk  in  Waffen.“
(H.  v.  Treitschke.)  An  demselben  Tage  (7.  August)  wurde  auch  die  Viktoria  auf  dem
Brandenburger  Thore  wieder  enthüllt:  sie  trug  auf  ihrem  Stabe  das  Eiserne  Kreuz.
Überall  feierte  man  Friedensfeste;  die  meisten  ahnten  nicht,  daß  um  den  Frieden
abermals  viel  Blut  vergossen  werden  mußte.  «

8.DerBefreittngxkliriegvon1815.

Im  Herbst  1814  reisten  die  Fürsten  mit  ihren  Staatsmännern  und
Feldherren  nach  Wien,  um  auf  dem  Wiener  Kongreß  die  Staatsverhältnisse
Europas  neu  zu  ordnen.  Preußen  war  durch  den  Staatskanzler  von  Harden—
berg  und  Wilhelm  von  Humboldt  vertreten;  auch  Stein  war  zugegen.  Hier
trat  die  Uneinigkeit  und  Eifersucht,  die  schon  die  Unternehmungen  des  Feld—
zuges  so  oft  gelähmt  hatten,  noch  nackter  zu  Tage,  als  es  sich  um  den  neuen
Besitzstand  der  einzelnen  Staaten  handelte.  Napoleon  beobachtete  gespannt
die  zunehmende  Entzweiung  seiner  bisherigen  Gegner;  noch  mehr  wuchs  seine
Hoffnung  auf  eine  baldige  Wendung  seines  Schicksals,  als  er  vernahm,  daß
Ludwig  XVIII.  sich  in  kurzer  Zeit  bei  den  Franzosen  sehr  unbeliebt  gemacht
habe,  und  daß  die  aus  den  deutschen  Festungen  oder  aus  der  Gefangenschaft
zurückgekehrten  alten  Krieger  offen  ihren  gestürzten  Kaiser  zurückwünschten.
Deshalb  verließ  er  plötzlich  Elba  und  landete,  von  den  englischen  und  französischen
  Krenzern  nicht  bemerkt,  am  1.  März  1815  an  der  französischen
Küste.  Durch  unwahre  Versprechungen  suchte  er  das  Volk  zu  gewinnen,  und
das  Heer  fiel  ihm  auch  sofort  zu;  Marschall  Ney,  den  der  König  gegen  ihn
gesandt  hatte,  ging  mit  seinem  Heere  zu  ihm  über.  Ludwig  floh,  und  Napoleon
zog  wieder  in  Paris  ein.  Aber  umsonst  beteuerte  er,  seine  Absicht  sei  nicht,
zu  erobern,  er  wolle  vielmehr  Frankreich  in  Frieden  regieren:  niemand  glaubte
ihm,  schleunigst  rüsteten  sich  die  Truppen  zu  neuem  Kampfe.  Jubelnd  rief
Blücher:  „Das  ist  das  größte  Glück  für  uns,  nun  kann  die  Armee  wieder
gut  machen,  was  die  Diplomaten  verdorben  haben.“  Aufs  neue  ging  ein
Sturm  der  Begeisterung  durchs  Land;  von  allen  Seiten  strömten  die  Freiwilligen
  zu  ihren  Fahnen.  Blücher  übernahm  wieder  die  Führung  des
preußischen  Heeres.  „Hei,  wie  der  weiße  Jüngling  in  den  Sattel  sich  schwang!“

Zuerst  erschienen  die  Engländer  auf  dem  Kampfplatze;  sie  ließen  von
Antwerpen  aus  ein  Heer  unter  Wellington  gegen  die  französische  Grenze
marschieren.  Auch  Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig  (S.  188)
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        222  Zweiter  Zeitraum.

hatte  sich  ihm  mit  6000  Mann  angeschlossen.  Die  Preußen  vereinigten  sich,
150000  Mann  stark,  an  der  Maas  und  Sambre;  aber  es  waren  meist  junge
Truppen,  die  in  dem  nicht  freundlich  gesinnten  Lande  recht  schlecht  verpflegt
wurden.  Die  größeren  Heere  der  Verbündeten  waren  noch  zurück.  Doch  der
alte  Blücher  hatte  guten  Mut.  Aus  Lüttich  schrieb  er:  „Die  Franzosen  habe
ich  vor  mich,  die  Russen  hinter  mich,  bald  wird  es  knallen.“  Napoleon  hatte
rasch  aus  altgedienten  Soldaten  ein  Heer  von  130000  Mann  gesammelt,  das
beste,  das  er  je  ins  Feld  geführt  hat;  dennoch  konnte  er  nur  einen  Sieg  erringen,
  wenn  es  ihm  gelang,  die  Heere  einzeln,  vor  ihrer  Vereinigung  zu
schlagen.  Deshalb  rückte  er  mit  seinen  Truppen  so  rasch  wie  möglich  vor;
seine  Garde  ließ  er  auf  Wagen  von  Paris  bis  an  die  Grenze  bringen.
Wellingtons  Heer  lagerte  um  Brüssel;  seine  Vorposten  standen  in
Quatrebras,  wo  sich  die  beiden  Straßen  nach  Brüssel  und  nach  Namur
schneiden.  Südlich  von  ihm  in  Charleroi  stand  Blücher,  doch  war  Bülow
noch  bei  Lüttich  und  Namur  zurück.  Schon  am  14.  Juni  erkannten  die
preußischen  Vorposten  an  dem  Scheine  der  Wachtfeuer  die  Nähe  der  französischen
  Armee  und  benachrichtigten  darüber  Wellington,  der  aber  die  Richtigkeit
  der  Nachricht  bezweifelte.  Doch  am  15.  griff  Napoleon  die  Preußen  an,
die  zurückwichen  und  auch  Charleroi  nach  heftigem  Kampfe  räumten.  Dann
teilte  er  sein  Heer;  mit  75000  Mann  zog  er  gegen  Blücher,  der  sich  bei
Ligny  in  Schlachtordnung  stellte,  die  anderen  Truppen  unter  Ney  erhielten
Befehl,  auf  der  Brüsseler  Straße  abzumarschieren  und  Blücher  in  die  rechte
Flanke  zu  fallen.  Aber  bei  Quatrebras  stießen  sie  am  16.  Juni  unvermutet
  auf  englische,  schottische  und  hannoversche  Regimenter,  die  erst  nach  und
nach  auf  dem  Kampfplatze  eintrafen,  aber  hartnäckig  widerstanden  und  den
Durchbruch  Neys  verhinderten.  Hier  fand  auch  der  tapfere  Herzog  Friedrich
Wilhelm  von  Braunschweig  einen  ehrenvollen  Soldatentod.  Blücher
hatte  die  Schlacht  bei  Ligny  trotz  der  ungünstigen  Stellung  nur  angenommen,
  weil  Wellington  ihm  noch  mittags  bei  einer  persönlichen  Zusammenkunft
  versprochen  hatte,  spätestens  um  vier  Uhr  in  das  Gefecht  mit  einzugreifen.
  Mit  großer  Erbitterung  auf  beiden  Seiten  wurde  bei  drückender
Hitze  den  ganzen  Nachmittag  um  La  Haye  und  Ligny  gestritten.  Nur  zwei
preußische  Korps  hatten  die  ganze  Wucht  des  französischen  Angriffs  auszuhalten,
  das  dritte  wurde  durch  einen  Scheinangriff  Napoleons  in  Schach  gehalten;
  dennoch  war  Ligny  um  acht  Uhr  noch  von  Preußen  besetzt,  und
Wellingtons  Eintreffen  hätte  sofort  den  Sieg  herbeigeführt.  Aber  er  kam
nicht,  weil  er  selber  im  Kampfe  war.  Gegen  Sonnenuntergang  führte
Napoleon  seine  wohlgeschonte  Reserve,  die  alte  Garde,  ins  Gefecht  und  durchbrach
  damit  das  preußische  Centrum.  Vergebens  stellte  sich  Blücher  selber
mit  gezogenem  Säbel  an  die  Spitze  seiner  ihm  zujubelnden  Reiter;  aller
Widerstand  war  nutzlos.  Das  Pferd  ward  dem  alten  Helden  unter  dem
Leibe  getötet  und  bedeckte  ihn  im  Fallen.  „Nostiz,“  rief  er  seinem  Adjutanten
zu,  „nun  bin  ich  verloren!“  Dieser  stellte  sich  mit  gezogener  Pistole  neben
seinen  Herrn.  Die  Franzosen  sprengten  vorüber,  ohne  ihn  zu  beachten,  preuhische
  Landwehrreiter  hinter  ihnen  her.  Da  gelang  es  Nostiz,  einige  herbeizuwinken,
  die  den  greisen  Helden  befreiten  und  wieder  aufs  Pferd  setzten.
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  223

Es  war  die  höchste  Zeit,  denn  schon  stürmten  die  Franzosen  wieder  daher.
Der  Sieg  und  12000  Mann  waren  verloren,  aber  von  Entmutigung  war
im  Heere  keine  Spur;  Feldherren  und  Soldaten  sehnten  sich  nach  einer  neuen
Schlacht,  um  die  Scharte  wieder  auszuwetzen.  Deshalb  verzichtete  Gneisenau,
auf  dessen  Schultern  allein  jetzt  die  Führung  des  Heeres  lag,  auf  den  sicheren
Rückzugsweg  zum  Rheine;  schon  beim  Morgengrauen  waren  die  Regimenter
wieder  in  guter  Ordnung  auf  dem  Marsche  nach  dem  Norden,  nach  Wavre,
um  sich  mit  dem  noch  frischen  Bülowschen  Korps  und  dem  verbündeten  Heere
zu  vereinigen.  Erst  um  Mitternacht  fanden  die  Generalstabsoffiziere  den  alten
Blücher:  er  lag  in  einem  Bauernhause  auf  der  Streu  und  rauchte  seine
pre  Zwar  schmerzten  ihn  alle  Glieder,  aber  sein  Mut  war  nicht  ge—
rochen.

Napoleon  hielt  das  preußische  Heer  für  vernichtet  und  ließ  es  deshalb
nur  lässig,  aber  auf  der  Straße  nach  Namur,  verfolgen,  ohne  zu  ahnen,  daß
es  sich  nach  dem  Norden  gewandt  hatte.  Er  selber  ging  (am  17.)  nach
Quatrebras  zurück,  zog  das  Korps  Neys  an  sich  und  folgte  auf  der  Brüsseler
Straße  den  Engländern,  die  bei  der  Nachricht  von  Napoleons  Erfolge  bei
Ligny  etwas  zurückgegangen  waren.  Am  Abend  standen  die  beiden  Heere
nahe  dem  Pachthofe  Belle-Alliance  in  Schlachtordnung  einander  gegenüber:
  das  englische  auf  einem  von  Westen  nach  Osten  streichenden  niederen
Höhenzuge,  der  etwa  in  der  Mitte  bei  dem  Dorfe  Mont  St.  Jean  von  der
Brüsseler  Landstraße  durchschnitten  wird,  eine  halbe  Stunde  südlich  davon,
auf  den  Höhen  bei  Belle-Alliance,  das  französische;  die  zwischen  ihnen  liegende
Mulde  bildete  das  Schlachtfeld.  Das  englische  Heer  zählte  68000  Mann,
darunter  nur  24000  Engländer,  aber  über  30000  Deutsche;  Napoleon  gebot
über  72000  Mann.  Wellington  hatte,  bevor  er  sich  Napoleon  stellte,  bei
Blücher  angefragt,  ob  er  ihm  ein  Korps  zu  Hilfe  senden  könne,  worauf  dieser
ihm  geantwortet,  er  hoffe  mit  seinem  ganzen  Heere  rechtzeitig  zur  Stelle
zu  sein.  ·

Blücher  hatte  Bülows  Korps  an  sich  gezogen  und  beschloß,  seine  Truppen  gleich
am  18.,  also  am  zweiten  Tag  nach  ihrer  Niederlage,  wieder  in  den  Kampf  zu  führen  —
das  einzige  Beispiel  in  der  Kriegsgeschichte.  Schon  am  frühen  Morgen  brach  er
auf.  Ihn  quälten  noch  die  heftigsten  Schmerzen;  aber  er  wollte  lieber  auf  dem  Pferde
sich  festbinden  lassen,  als  zur  Schlacht  zu  spät  kommen.  Die  von  dem  Arzte  angeordnete
  Einreibung  der  wunden  Stellen  wies  er  mit  den  Worten  ab:  „Ob  ich  heute
balsamiert  oder  unbalsamiert  in  die  andere  Welt  gehe,  wird  wohl  auf  eins  hinauskommen.“
  In  der  Nacht  hatte  es  fortwährend  geregnet,  daher  waren  die  Wege  in
dem  schweren  thonigen  Boden  schlammig  und  schlüpfrig.  Als  es  wieder  zu  regnen
begann,  sprach  der  alte  Blücher:  „Das  ist  unser  Alliierter  von  der  Katzbach!“  Mühsam
  schleppten  die  Truppen  sich  weiter,  noch  schwerer  waren  die  Kanonen  fortzubringen;
  aber  wo  der  Marschall  Vorwärts  sich  sehen  ließ,  da  jubelten  ihm  seine  Leute
zu.  „Kinder,“  rief  er,  „ich  habe  es  meinem  Bruder  Wellington  versprochen,  daß  wir
kommen;  ihr  werdet  mich  doch  nicht  wortbrüchig  werden  lassen!“  Und  so  ging's  unaufhaltsam
  vorwärts.  Wellington  hatte  nur  gebeten,  die  Preußen  möchten  seinen  linken
Flügel  verstärken;  Gneisenau  aber  entwarf  einen  kühneren  Plan:  er  wollte  die  Franzosen
  im  Rücken  und  in  der  rechten  Flanke  fassen,  um  durch  eine  Schlacht  den  Feldzug
  zu  beenden.  Napoleon  war  seinem  Gegner  besonders  durch  die  Zahl  der  Geschütze
  überlegen;  um  so  sicherer  rechnete  er  auf  einen  raschen  Sieg  und  begann  den

Angriff  erst  gegen  Mittag,  nachdem  die  Sonne  den  Boden  etwas  abgetrocknet  hatte.
Durch  gewaltige,  auf  einen  Punkt  gerichtete  Massen  suchte  er  immer  wieder  die
        <pb n="230" />
        224  Zweiter  Zeitraum.

Reihen  Wellingtons  zu  durchbrechen,  besonders  dessen  schwachen  linken  Flügel,  der
noch  durch  die  sehnlichst  erwarteten  Preußen  verstärkt  werden  sollte.  Schon  um  ein
Uhr  erfuhr  er  durch  einen  aufgefangenen  Brief,  daß  diese  heranzögen;  nicht  lange,
da  sah  man  auch  schon  die  Spitzen  derselben,  und  er  mußte  seine  rechte  Flanke  gegen
sie  decken.  Noch  einmal  versuchte  er,  das  englische  Centrum  zu  durchbrechen,  bevor
die  Preußen  in  den  Kampf  mit  eingreifen  könnten,  allein  vergebens!  Aber  die  englische
  Reserve  war  bis  auf  den  letzten  Mann  verbraucht.  Besorgt  sprach  Wellington:
„Blücher,  oder  die  Nacht!“  und  sandte  Boten  auf  Boten  mit  der  dringenden  Bitte
um  Hilfe  an  den  treuen  Waffengefährten.  Um  halb  fünf  Uhr  hatten  die  Preußen
den  Kampf  auf  der  rechten  Seite  und  im  Rücken  der  Franzosen  eröffnet,  Wellington
konnte  also  von  seinem  linken  Flügel  Verstärkungen  ins  Centrum  ziehen.  Um  sieben
Uhr  erstürmte  Bülow  Plancenoit,  auf  der  ganzen  Linie  rückten  die  Preußen  vor;
bald  war  das  französische  Heer  von  drei  Seiten  fest  umschlossen  und  löste  sich  auf.  Kein
Befehl  fand  mehr  Gehör,  in  wirrem  Durcheinander  flohen  Fußvolk  und  Reiter  davon.

Das  englische  Heer  war  zum  Verfolgen  zu  müde;  Gneisenau  aber  sprach:  „Wir
haben  gezeigt,  wie  man  siegt,  nun  wollen  wir  auch  zeigen,  wie  man  verfolgt!““  Mit
den  sofort  verfügbaren  Truppen  eilte  er  den  Flüchtigen  nach;  wo  sie  sich  setzen  wollten,
wurden  sie  wieder  aufgescheucht.  Als  die  Jußsoldaten  nicht  mehr  weiter  konnten,
setzte  er  einen  Trommler  aufs  Pferd  und  ließ  ihn  fortwährend  trommeln:  wie  viele
französische  Scharen  sind  vor  dieser  einzigen  preußischen  Trommel  auseinander  gelaufen!
  So  ging  die  Jagd  bis  zum  Morgengrauen.  Napoleon  war  zu  Pferde  davon
geeilt,  sein  Wachn  nebst  Hut,  Degen  und  vielen  Schäten  fiel  den  Preußen  in  die
Hände.  Die  Sitzkasten  waren  ganz  mit  Gold,  Silber  und  Diamanten  gefüllt.  —
Blücher  nannte  die  Schlacht  nach  dem  Gute,  wo  er  mit  Wellington  am  Abend  zusammengekommen
  war,  Belle-Alliance;  Wellington  erkannte  diesen  Namen  nicht
an:  die  Schlacht  sollte  als  sein  Sieg  erscheinen,  daher  nannte  er  sie  nach  seinem
letzten  Hauptquartier  Waterloo,  obgleich  dort  gar  nicht  gekämpft  worden  war.
Blücher  dankte  seinem  tapferen,  unübertrefflichen  Heere  im  einem  Armeebefehl,
in  welchem  es  heißt:  „Solange  es  Geschichte  giebt,  wird  sie  Euer  gedenken.  Auf
Euch,  Ihr  unerschütterlichen  Säulen  der  preußischen  Monarchie,  ruht  mit  Sicherheit
das  Glück  des  Königs  und  seines  Hauses.  Nie  wird  Preußen  untergehn,  wenn
Eure  Söhne  und  Enkel  Euch  gleichen!“

Schon  elf  Tage  nach  der  Schlacht  bei  Belle-Alliance  standen  Preußen
und  Engländer  zum  zweitenmal  vor  Paris.  Napoleon  konnte  kein  Heer  mehr
zusammenbringen;  er  wurde  vom  Senate  für  abgesetzt  erklärt  und  bot  vergebens
  der  neu  eingesetzten  Regierung  seine  Dienste  als  einfacher  General  an.
Vor  den  anrückenden  Preußen,  die  den  Engländern  weit  voraus  waren,  floh
er  auf  ein  englisches  Kriegsschiff  in  Rochefort.  Nach  kurzem  Widerstande
kapitulierte  Paris.  Blücher  rückte  ein  und  führte  ein  scharfes  Regiment.  Er
verlangte  zweimonatigen  Sold  für  seine  Truppen  und  sofort  eine  Kriegsstener
von  zwei  Millionen  Frank,  ließ  auch  die  aus  Preußen  geraubten  Kunstwerke
aufspüren  und  zurücknehmen.  Die  „Brücke  von  Jena“  wollte  er  in  die  Luft
sprengen  lassen.  Als  Talleyrand  ihm  vorstellte,  er  könne  doch  solches  Kunstwerk
  nicht  zerstören  wollen,  erwiderte  der  alte  Haudegen:  wenn  er  es  nicht
glauben  wolle,  möge  er  sich  hinaufstellen,  dann  würden  zwei  Kunstwerke  zugleich
  in  die  Luft  fliegen.  Aber  an  der  Ausführung  hinderten  ihn  die  verbündeten
  Monarchen,  welche  drei  Tage  nach  ihm  einzogen.  Schon  vor  ihnen
war  Ludwig  XVIII.  unter  Wellingtons  Schutze,  aber  gegen  Blüchers  Wunsch
zurückgekehrt;  mit  ihm  schlossen  die  Verbündeten  am  20.  November  1815  den
zweiten  Pariser  Frieden.  Blücher  hatte  seinen  König  gebeten,  „die
Diplomatiker  anzuweisen,  daß  sie  nicht  wieder  verlieren,  was  der  Soldat  mit
seinem  Blute  errungen  hat“.  Deutsche  Fürsten,  Staatsmänner  und  Feld-
        <pb n="231" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  225

herren  forderten  einmütig  die  Rückgabe  Elsaß-Lothringens;  aber  England  und
Rußland  überboten  einander  an  Großmut  gegen  Frankreich  und  wünschten
nicht  eine  Erstarkung  Deutschlands.  Ihnen  stimmte  dann  auch  Osterreich  zu,
das  Preußens  Wachstum  fürchtete.  Schließlich  brauchte  Frankreich  nur  Savoyen
  und  Nizza  an  Sardinien,  Landau  an  Bayern,  Saarlouis  und  Saarbrücken
  an  Preußen  sowie  einen  Landstrich  an  der  belgischen  Grenze  abzutreten.
  Die  ihm  auferlegten  700  Millionen  Frank  Kriegskosten  betrugen  vielleicht
  ein  Fünfzehntel  von  dem,  was  die  Franzosen  in  den  Jahren  1806  bis
1812  allein  in  Preußen  erhoben  hatten.  —  Napoleon  wurde  als  Gefangener
der  Verbündeten  nach  St.  Helena  gebracht,  wo  er  als  „General  Bonaparte“
unter  scharfer  Bewachung  lebte  (F  5.  Mai  1821).

Der  Wiener  Kongreß  hatte  seine  Arbeiten  schon  wenige  Tage  vor  der
Schlacht  bei  Belle-Alliance  geschlossen;  die  Bestimmungen  desselben  wurden
grundlegend  für  den  europäischen  Rechtszustand  während  der  nächsten  fünfzig
Jahre.,  OÖsterreich  erhielt  Tirol  und  Salzburg  zurück,  verlor  aber  seine
niederländischen  Provinzen  sowie  seine  alten  Besitzungen  am  Oberrhein  (Breisgau)
  und  am  Bodensee,  die  schon  Napoleon  an  Baden  und  Württemberg  gegeben
  hatte.  Dafür  erhielt  es  Dalmatien,  sowie  Lombardei-Venedig  und  erlangte
  dadurch  in  Italien  eine  vorherrschende  Stellung.  Bayern  bekam  für
das  abgetretene  Tirol  die  Rheinpfalz,  Hannover  ward  infolge  der  mächtigen
Fürsprache  Englands  zum  Königreich  erhoben  und  erwarb  Ostfriesland,  Hildesheim,
  Goslar,  Lingen,  Meppen  und  die  Grafschaft  Bentheim.

Preußen,  das  für  den  Krieg  die  größten  Opfer  gebracht  und  zu  dessen
günstiger  Entscheidung  am  meisten  beigetragen  hatte,  erhielt  keine  entsprechende
Entschädigung.  Man  wollte  ihm  zwar  den  Umfang  von  1805  wiedergeben;
da  nun  aber  Rußland  die  polnischen  Besitzungen  nicht  wieder  ausliefern
wollte,  so  sollte  Preußen  durch  Sachsen  entschädigt  werden.  Aber  Osterreich
und  England  wünschten  nicht  eine  Vergrößerung  Rußlands,  jenes  auch  nicht
eine  Abrundung  Preußens,  aber  die  Erhaltung  Sachsens,  und  es  kam  über
diese  Frage  zu  ernster  Verwickelung.  Der  französische  Gesandte  Talleyrand,
dem  man  leider  den  Zutritt  gestattet  hatte,  schürte  den  Streit,  so  daß  es  fast
zu  einem  neuen  Kriege  zwischen  Österreich,  England  und  Frankreich  einerseits
  und  Rußland  und  Preußen  andererseits  gekommen  wäre.  Endlich  einigte
man  sich  noch  vor  Napoleons  Rückkehr  dahin,  daß  Polen  und  Sachsen  geteilt
  wurden.  Preußen  verlor  Ostfriesland,  Hildesheim,  Goslar
und  Lingen  an  Hannover;  Ansbach  und  Baireuth  an  Bayern;  den  größten
Teil  der  polnischen  Besitzungen  an  Rußland,  nur  Danzig,  Thorn  und
die  heutige  Provinz  Posen  erhielt  es  zurück.  Dazu  erwarb  es  neu:

1.  Das  Herzogtum  Westfalen,  das  bisher  zu  Köln  gehörte,  mit  der
Grafschaft  Arusberg.

2.  Am  Rhein:  Jülich  und  Berg,  dazu  das  Siegener  Land,  daun
die  Länder  der  geistlichen  Kurfürstentüimer  Köln  und  Trier  und  die
freien  Reichsstädte  Köln  und  Aachen.

3.  Die  größere,  aber  dünner  bevölkerte  nördliche  Hälfte  des  Königreichs
Sachsen;  die  kleinere  Hälfte  mit  Dresden  und  Leipzig  blieb  als  Königreich
  bestehen.

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  15
        <pb n="232" />
        226  Zweiter  Zeitraum.

4.  Für  Hannover  hatte  Preußen  Lauenburg  erhalten;  dies  Land  gab  es
an  Dänemark  und  erhielt  dafür  Vorpommern  mit  der  Insel  Rügen
(S.  216).  So  gelangte  es  endlich  nach  Jahrhunderten  in  den  Besitz
von  ganz  Pommern  (S.  52  u.  103).

Preußen  zerfiel  jetzt  in  zwei  große,  durch  Hannover  und  Hessen  voneinander
  getrennte  Ländermassen;  seine  Grenzen,  die  es  gegen  Osterreich,  Rußland
  und  Frankreich  zu  verteidigen  hatte,  reichten  von  Memel  bis  Saarbrücken;
  mit  Ostfriesland  hatte  es  auch  den  unmittelbaren  Zutritt  zur  Nordsee
  verloren,  und  sein  Gebiet  war  nicht  mehr  so  groß  wie  1805;  aber  es
hatte  nach  Abtretung  der  slavischen  Gebiete  vor  Osterreich  den  Vorteil  einer
fast  ganz  deutschen  Bevölkerung,  es  stand  als  Wächter  Deutschlands  am  Rhein
wie  an  der  Weichsel.

Das  deutsche  Volk  wünschte  die  Herstellung  einer  Reichsverfassung,  welche
Einigkeit  und  Freiheit  im  Innern  sowie  starken  Schutz  nach  außen  hätte  gewähren
  können.  Aber  der  Wiederherstellung  des  Kaisertums  unter  dem  Hause
Osterreich  widersprach  Friedrich  Wilhelm  ganz  entschieden,  Osterreich  und  die
Mittelstaaten  wollten  sich  dagegen  nicht  unter  einen  Hohenzollernkaiser  beugen.
Deshalb  nahm  man  schließlich  Metternichs  Vorschlag  an,  obwohl  dessen  Unzulänglichkeit
  schon  damals  jeder  Einsichtige  erkannte.  Deutschlands  35  Fürsten
und  4  freien  Reichsstädte  (Hamburg,  Bremen,  Lübeck  und  Frankfurt  a.  M.)
bildeten  als  unabhängige,  gleichberechtigte  Souveräne  einen  völkerrechtlichen
Staatenbund  unter  Osterreichs  Führung.  Dieser  Deutsche  Bund  hatte  zum
Zweck  die  „Bewahrung  der  Unabhängigkeit  und  Unverletzlichkeit  der  im  Bunde
befindlichen  Staaten  und  Erhaltung  der  inneren  und  äußeren  Sicherheit
Deutschlands“.  Selbständige  Kriegsführung  und  Bündnisse  gegen  die  Interessen
  des  Bundes  waren  den  Mitgliedern  desselben  untersagt.  In  allen
Bundesstaaten  sollte  Freizügigkeit  und  Gleichberechtigung  der  Bekenntnisse
herrschen  sowie  eine  ständische  Verfassung  eingeführt  werden.  Das  Organ
des  Bundes  war  der  Bundestag  zu  Frankfurt  a.  M.,  d.  h.  eine  ständige
Versammlung  der  Gesandten  aller  Bundesstaaten.  Eine  oberste  Kriegsleitung,
gemeinsame  Vertretung  im  Auslande,  ein  Reichsgericht,  gleiches  Recht,  einheitliche
  Münzen,  Maße  und  Gewichte,  alle  diese  Bande  fehlten  dem  deutschen
Volke  noch  immer;  aber  dennoch  fühlte  es  sich  als  eine  Nation  in  dem
Bewußtsein  der  gemeinsam  vollbrachten  Befreiung  und  in  der  Hoffnung,  daß

dereiust  das  deutsche  Kaiserreich  doch  wieder  zu  neuer  Herrlichkeit  erstarken
werde.

9.  Jriedrich  Willzelme  III.  spätere  Regierung:;  1815—1840.

Friedrich  Wilhelms  schönste  Zeit  beginnt  erst  1815,  seitdem  er  in  Frieden
wie  ein  Vater  für  sein  Volk  sorgen  konnte,  und  in  diesen  Jahren  hat  er  eine
schwere  Aufgabe  gelöst.  Zunächst  galt  es,  die  neu  erworbenen  Gebiete  dem
preußischen  Staatsverbande  einzugliedern  und  deren  Bewohner  zu  gewinnen.
Die  einverleibten  sächsischen  Unterthanen  waren  fast  ohne  Ausnahme  gegen
Preußen  erbittert,  in  Vorpommern  war  besonders  der  Adel  widerwillig;  die
katholischen  Rheinländer  und  Westfalen  hatten  Abneigung  gegen  die  evangelische
Herrschaft,  am  schwersten  jedoch  waren  die  Polen  zu  gewinnen.  Aber  die
        <pb n="233" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  227

einnehmende  Persönlichkeit  des  Königs  —  seine  Einfachheit,  Frömmigkeit  und
sein  Wohlwollen  —,  die  gewissenhafte  Arbeit  preußischer  Beamten  und  die
allgemeine  Wehrpflicht  haben  allmählich  die  Verschmelzung  der  neuen  Gebiete
mit  Preußen  erreicht.  Das  gesamte  Staatsgebiet  ward  in  acht  Provinzen,
jede  Provinz  in  Regierungsbezirke  und  diese  wieder  in  Kreise  geteilt.
An  der  Spitze  der  Staatsverwaltung  stand  das  Ministerium,  dessen  Vor—
sitzender  der  Staatskanzler  war.  Daneben  richtete  der  König  den  Staatsrat
  neu  ein,  der  noch  heute  besteht  und  die  Aufgabe  hat,  unter  Vorsitz  des
Königs  oder  seines  Stellvertreters  die  obersten  Verwaltungsgrundsätze  und  die
Gesetzesvorlagen  zu  begutachten  sowie  überhaupt  in  schwierigen  Fragen  Rat
zu  erteilen.  Er  besteht  aus  den  volljährigen  Prinzen  des  Königlichen  Hauses,
aus  Staatsdienern,  welche  durch  ihr  Amt  dazu  berufen  sind  (die  aktiven  Staatsminister,
  Feldmarschälle  u.  a.)  und  aus  (etwa  50)  Staatsbürgern,  welche  durch
besonderes  Vertrauen  des  Königs  dazu  berufen  werden.  Der  Staatsrat  versammelt
  sich  auf  den  Ruf  des  Königs,  nicht  regelmäßig.

Schon  durch  Gesetz  vom  3.  September  1814  hatte  der  König  die  in  der
Not  eingeführte  allgemeine  Wehrpflicht  zu  einer  dauernden  Einrichtung
des  preußischen  Staates  erhoben.  Jeder  diensttüchtige  Preuße  ohne  Ausnahme
  war  seitdem  zum  Kriegsdienst  verpflichtet.  Die  Einrichtung  und  Verwaltung
  des  Heeres  wurde  dem  Kriegsminister,  die  Führung  desselben  dem
neu  eingerichteten  Generalstabe  übertragen.

Schwierig  war  die  Regelung  des  Finanzwesens.  In  den  Jahren
1806—1815  waren  Staat  und  Gemeinden  tief  in  Schulden  geraten;  dazu
sollten  jetzt  Kriegsbedürfnisse  neu  angeschafft,  Festungen  verstärkt,  Vorratskammern
  gefüllt,  Straßen  gebaut  und  besonders  in  den  neuen  Provinzen
manche  neue  Einrichtung  getroffen  werden.  Aber  gerade  hier  zeigte  sich  des
Königs  Wirtschaftlichkeit  und  Edelmut  im  glänzendsten  Lichte.  Den  Anteil
Preußens  an  der  von  Frankreich  gezahlten  Kriegssteuer  überließ  er  den  am
meisten  geschädigten  Provinzen  und  Gemeinden;  großmütig  verzichtete  er  auf
die  ihm  zustehenden  Domäneneinkünfte  und  begnügte  sich  mit  einem  bestimmten
  Einkommen,  das  noch  nicht  ein  Drittel  derselben  betrug.  Gleiche
Sparsamkeit  herrschte  in  allen  Zweigen  der  Staatsverwaltung;  sofort  begann
der  König  mit  der  Abtragung  der  Schulden  und  bestimmte  die  Höhe  der
Staatsausgaben,  die  keinesfalls  überschritten  werden  durfte.  Noch  folgenreicher
  war  die  Stenerreform.  Bis  dahin  waren  sowohl  die  Steuern  als
auch  die  Geldsorten  in  den  einzelnen  Landesteilen  verschieden.  Da  die  Thoraccise
  den  Verkehr  hemmte,  wurde  sie  hinfort  nur  noch  von  Salz,  Tabak,  Wein,
Bier  und  Branntwein  erhoben,  dafür  aber  in  den  größeren  (126)  Städten
eine  Mahl=  und  Schlachtsteuer,  für  das  übrige  Land  eine  einheitliche
direkte  Steuer,  die  Klassenstener,  eingeführt.

Noch  mehr  als  durch  die  Thoraccise  litten  Handel  und  Gewerbe  durch
die  vielen  Zölle,  die  nicht  nur  an  der  Grenze  der  verschiedenen  Staaten,
sondern  selbst  der  einzelnen  Provinzen  erhoben  wurden.  Innerhalb  Preußens
gab  es  über  60  Zölle  und  Tarife;  der  Weserschiffer  passierte  von  Bremen
bis  Minden  22  Zollstätten.  Preußen  hob  1818  mit  der  Thoraccise  auch
sämtliche  Binnenzölle.  auf  und  bildete  also  dem  übrigen  Deutschland  und  dem

15“
        <pb n="234" />
        228  Zweiter  Zeitraum.

Auslande  gegenüber  nur  ein  Zollgebiet.  Aber  seine  weit  ausgedehnten  Grenzen
waren  schwer  zu  überwachen;  deshalb  bemühte  es  sich,  die  Nachbarstaaten  zum
Anschluß  zu  bewegen.  Doch  diese  fürchteten  dadurch  etwas  von  ihrer  Selbständigkeit
  zu  verlieren  und  verhielten  sich  lange  ablehnend,  sie  wandten  sich
sogar,  wenn  auch  ohne  Erfolg,  um  Schutz  gegen  das  preußische  Zollgesetz  an
den  Deutschen  Bund  und  an  Osterreich;  aber  den  unablässigen  Bemühungen
der  preußischen  Regierung,  besonders  den  beiden  Finanzministern  von  Motz
und  Maaßen  gelang  es  endlich,  das  schwierige  Werk  zustande  zu  bringen.
Zuerst  schlossen  sich,  durch  ihre  Lage  gezwungen,  die  vom  preußischen  Staatsgebiet
  umschlossenen  Ländchen,  wie  Sondershausen  (1819),  an;  1828  trat
Darmstadt  bei,  dann  Kurhessen  (1831),  1833  folgten  Bayern,  Württemberg,
Sachsen  und  die  thüringischen  Staaten.  Am  1.  Januar  1834  trat  der
preußisch-deutsche  Zollverein  ins  Leben;  in  den  nächstfolgenden  Jahren
schlossen  sich  auch  die  übrigen  Staaten  an,  nur  Osterreich,  Hannover,  Braunschweig,
  Oldenburg,  Mecklenburg  und  die  Hansestädte  hielten  sich  fern.  Durch
den  Zollverein  waren  8250  Quadratmeilen  mit  29  Millionen  Bewohnern
wenigstens  wirtschaftlich  unter  Preußens  Führung  geeinigt,  und  damit  war
der  erste  Schritt  zur  Einigung  Deutschlands  gethan.  Alle  Zollschranken
zwischen  und  in  den  zum  Zollverein  gehörenden  Ländern  fielen,  nur  an  der
Grenze  desselben  wurden  noch  Zölle  erhoben.  Die  Zolleinnahmen  flossen  in
eine  gemeinsame  Kasse  und  wurden  an  die  Einzelstaaten  nach  dem  Verhältnis
ihrer  Einwohnerzahl  verteilt.  Die  Verschiedenheit  in  Münzen  und  Maßen
blieb  leider  noch  bestehen;  doch  gelang  es  meistens,  ein  gemeinsames  Zollgewicht
  zu  schaffen.  Der  Binnenhandel  konnte  sich  jetzt  frei  entwickeln;  aber
auch  nach  außen  konnte  der  Verein  mit  größerem  Nachdruck  auftreten  und
vorteilhaftere  Verträge  abschließen  als  früher  die  Einzelstaaten.  Deshalb
stiegen  auch  die  Zolleinnahmen  schon  in  den  ersten  zehn  Jahren  auf  das
Doppelte;  noch  wichtiger  war  es,  daß  die  kleineren  Staaten  einsahen,  wie
innig  ihre  Interessen  mit  denen  Preußen  verknüpft  waren,  und  dadurch  allmählich
  auch  die  Abneigung,  welche  sie  noch  immer  gegen  Preußen  hegten,
überwinden  lernten.  Mit  Neid  betrachtete  Osterreich  den  wachsenden  Einfluß
Preußens  und  erkannte  den  Zollverein  als  „den  ersten  Riß  in  das  Werk
von  1815“.  «

Schwefelhölzer,  Fenchel,  Bricken,  Und  ihr  andern  deutschen  Sachen,

Kühe,  Käse,  Krepp,  Papier,  Tausend  Dank  sei  euch  gebracht!

Schinken,  Scheren,  Stiefel,  Wicken,  Was  kein  Geist  je  konnte  machen,

Wolle,  Seife,  Garn  und  Bier;  Ei,  das  habet  ihr  gemacht!
fefferkuchen,  Lumpen,,  Trichter,  Denn  ihr  habt  ein  Band  gewunden
üsse,  Tabak,  Gläser,  VMachs,  Z  Um  das  deutsche  Vaterland,

Leder,  Salz,  Schmalz,  Puppen,  Lichter,  Und  die  Herzen  hat  verbunden

Rettich,  Rips,  Raps,  Schnaps,  Lachs,  Mehr,  als  unser  Bund,  dies  Band.
Wachs!  (Hoffmann  v.  Fallersleben.)
Dem  Aufblühen  des  Handels  und  Verkehrs  diente  ferner  die  Verbesserung
  der  Verkehrsmittel.  Preußen  vermehrte  seine  Chausseen  (1817  bis
1828)  von  4000  auf  8000  km;  der  Lauf  der  Flüsse  wurde  besser  schiffbar
gemacht.  Die  wichtigste  Veränderung  brachte  die  Erfindung  der  Dampfmaschine.
  Das  größte  Verdienst  um  die  Vervollkommnung  derselben  ge-
        <pb n="235" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  229

bührt  dem  Schotten  James  Watt,  der  um  1770  im  wesentlichen  unsere
heutige  Dampfmaschine  herstellte.  Der  Engländer  Stephenson  erbaute  die
erste  Lokomotive.  Die  erste  Eisenbahn  Deutschlands,  Nürnberg-Fürth,
wurde  1835,  die  erste  Eisenbahn  in  Preußen,  Berlin-Potsdam,  1838  eröffnet.
  Der  Amerikaner  Fulton  erbaute  1807  das  erste  Dampfschiff,  und
schon  1816  befuhr  das  erste  derartige  Fahrzeug  den  Rhein.  Zu  einer  raschen
Beförderung  von  Nachrichten  bediente  man  sich  früher  des  Zeigertelegraphen
(wie  noch  jetzt  an  den  Eisenbahnen);  1833  erfanden  die  Professoren  Gauß
und  Weber  in  Göttingen  den  elektromagnetischen  Telegraphen.  Am

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ausfahrt  des  ersten  preußischen  Einreln  aus  dem  Potsdamer  Bahnhof
zu  Berlin.

1.  Januar  1849  durchflog  die  erste  telegraphische  Depesche  auf  dem  elektrischen
Draht  Deutschland,  und  1866  legte  man  das  erste  transatlantische  Kabel
zwischen  England  und  Amerika.  Das  von  dem  Deutschen  Reis  um  1860
erfundene  und  von  dem  Nordamerikaner  Bell  verbesserte  Telephon  ermöglicht
  sogar  das  Sprechen  nach  einem  mehrere  hundert  Kilometer  entfernten
  Orte.  Auch  der  Briefverkehr  hat  seit  Einführung  des  niedrigen
Portos  und  der  Briefmarke  (in  England  1840,  in  Preußen  1850)  einen
riesenhaften  Umfang  angenommen.  Die  Benutzung  der  Dampfkraft  zur  Verrichtung
  gewerblicher  Arbeiten  führte  zur  Entstehung  zahlreicher  Fabriken.
Viele  Orte,  besonders  Berlin,  Essen,  Hannover-Linden,  Barmen  und  Breslau
erlebten  einen  ungeahnten  Aufschwung.  Auch  die  künstliche  Beleuchtung
        <pb n="236" />
        230  Zweiter  Zeitraum.

machte  in  dieser  Zeit  große  Fortschritte.  Noch  gegen  Ende  des  18.  Jahr—
hunderts  waren  die  Straßen  vieler  Städte  nachts  dunkel,  andere  wurden
durch  Ollampen  spärlich  erleuchtet.  Das  in  England  erfundene  Gaslicht
wurde  seit  1826  auch  bei  uns  zur  Beleuchtung  der  Fabriken,  bald  auch  der
Straßen  und  Wohnräume  verwandt.

Die  Landleute  gewannen  durch  die  Verbesserung  der  Verkehrsmittel
für  ihre  Erzeugnisse  größeres  Absatzgebiet;  da  die  Bauern  persönlich  frei  und
Eigentümer  ihres  Bodens  waren,  arbeiteten  sie  mit  größerer  Lust.  Dieser
Segen  der  Steinschen  Reform  wurde  (1820)  durch  ein  Edikt,  betreffend  die
Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten,  auch  den  preußischen  Bauern  zwischen  Elbe
und  Rhein  zu  teil,  und  im  folgenden  Jahre  wurde  allen  Gemeinden  des  ganzen
Staates  gestattet,  ihre  Gemeindeländereien  zu  teilen,  ihre  Ländereien
zusammenzulegen  (zu  verkoppeln)  und  den  Flurzwang  aufzuheben.  Anfangs
sträubten  sich  die  Bauern  gegen  diese  wohlthätige  Maßregel,  aber  bald  sahen
sie  den  großen  Nutzen  derselben  ein.  Manche  Bauern  steigerten  den  Ertrag
ihrer  Ernte  bald  auf  das  Doppelte  und  Dreifache,  besonders  seitdem  ihnen
Thaer  und  Liebig  gezeigt  hatten,  wie  man  durch  Anwendung  der  Natur—
wissenschaft  auf  die  Landwirtschaft,  vor  allem  durch  geeigneten  Fruchtwechsel,
dem  Lande  größere  Erträge  abgewinnen  könne.  Thaer,  anfänglich  Arzt  in
seiner  Vaterstadt  Celle,  errichtete  in  Möglin  bei  Neustadt-Eberswalde  die  erste
Vandwirtschaftliche  Lehranstalt  (1806).

In  Paris  hatten  König  Friedrich  Wilhelm,  Zar  Alexander  und
Kaiser  Franz  (1815)  die  heilige  Allianz  geschlossen,  durch  welche  sie
sich  verpflichteten,  ihre  Unterthanen  nach  den  Vorschriften  der  christlichen
Religion  zu  regieren;  später  traten  die  meisten  europäischen  Staaten  diesem
Bunde  bei  und  durften  sich  vieler  Jahre  des  Friedens  erfreuen.  Der
Deutsche  Bund  zeigte  sich  je  länger  desto  mehr  als  verfehlt.  Da  die  ge—
meinsame  diplomatische  Vertretung  und  der  einheitliche  militärische  Oberbefehl
mangelte,  so  war  er  nach  außen  ebenso  schwerfällig  und  ohne  Ansehen  wie  das
alte  Deutsche  Reich;  aber  auch  nach  innen  wurde  seine  Wirksamkeit  dadurch
abgeschwächt,  daß  zu  den  wichtigen  Beschlüssen,  z.  B.  über  Verfassungsänderung,
Einstimmigkeit  erforderlich  war,  und  daß  den  größeren  Staaten  nicht  ein
ihrer  Macht  entsprechendes  Stimmrecht  eingeräumt  wurde.  Jeder,  auch  der
kleinste  Staat  hatte  wenigstens  eine  Stimme,  sterreich  und  die  fünf  König—
reiche  hatten  je  vier  Stimmen,  Sachsen  also  soviel  wie  Preußen;  ja  es
konnte  der  Fall  eintreten,  daß  Preußen  von  solchen  Staaten  überstimmt
wurde,  die  zusammen  nicht  so  viele  Einwohner  hatten  wie  ein  preußischer
Regierungsbezirk.  Noch  unhaltbarer  wurde  der  Bund  dadurch,  daß  beide
deutsche  Großmächte  zu  demselben  gehörten:  sobald  Preußen  sich  Osterreich
nicht  mehr  willig  unterordnete,  mußte  es  zum  Bruch  kommen.

Auch  die  Hoffnung  des  Volkes  auf  Einführung  einer  ständischen  Verfassung
  in  den  einzelnen  Bundesstaaten,  die  ihm  in  der  Wiener  Bundesakte
versprochen  war,  erfüllte  sich  nur  zum  Teil.  Friedrich  Wilhelm  III.  hatte
im  Mai  1815  seinem  Volke  ebenfalls  eine  Versammlung  von  Landesrepräsentanten
  versprochen,  und  Stein,  Hardenberg,  Blücher,  Schleiermacher,  Arndt,
die  verdientesten  Männer,  freuten  sich  dessen;  aber  die  Gegner  solcher  Neuerung,
        <pb n="237" />
        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  231

die  Beamten,  welche  sich  ihre  unbeschränkte  Herrschaft,  die  Adligen,  welche  sich
ihre  Vorrechte  nicht  nehmen  lassen  wollten,  suchten  den  König  davon  zurückzuhalten.
  Ja  es  wurden  von  ihnen  die  besten  Vaterlandsfreunde,  königstreue
  Männer,  ohne  Grund  revolutionärer  Umtriebe  bezichtigt.  Der  König
hatte  außerdem  noch  das  Bedenken,  ob  die  Abgeordneten  der  neuen  Provinzen,
die  sich  doch  nur  widerwillig  dem  preußischen  Staate  hatten  einfügen  lassen,
wohl  für  das  Beste  desselben  wirken  würden.  Als  die  beiden  Großmächte
und  andere  deutsche  Fürsten  mit  der  Einberufung  der  Volksvertreter  zögerten,
wuchs  die  Unzufriedenheit,  besonders  unter  der  studierenden  Jugend;  sie  hoffte
erreichen  zu  können,  was  den  Staatsmännern  unmöglich  gewesen  war.  Zunächst
  in  Jena,  dann  auch  an  anderen  Universitäten  traten  die  Studenten  zu
einer  deutschen  Burschenschaft  zusammen,  und  am  18.  Oktober  1817  erschienen
  ihrer  sechshundert  auf  der  Wartburg,  um  dort  den  Jahrestag  der
Schlacht  bei  Leipzig,  in  der  viele  von  ihnen  mitgekämpft  hatten,  und  das
Jubelfest  der  Reformation  zu  feiern.  Man  hielt  patriotische  Reden,  sang
Freiheitslieder  und  pflanzte  die  schwarzrotgoldene  Fahne  der  Lützower  auf.
Am  Abend  zündeten  einige  ein  Feuer  an  und  verbrannten  in  Erinnerung  an
Luthers  Verbrennung  der  Bannbulle  mehrere  Sinnbilder  des  Rückschritts
—  einen  Korporalstock,  einen  Ulanenschnürleib  und  einen  Haarzopf  —  sowie
altes  Papier  als  Sinnbild  einiger  verhaßter  Schriften.  Feinde  der  Volksfreiheit
  benutzten  dies,  die  Fürsten  noch  weiter  gegen  jene  einzunehmen;  als
nun  1819  der  schwärmerische  Student  Sand  den  für  einen  russischen  Spion
gehaltenen  Dichter  Kotzebne  ermordete,  wurde  es  Metternich  leicht,  die  Fürsten
zu  einer  ausgedehnten  Demagogenverfolgung  zu  bewegen.  Die  Turnplätze
Preußens  wurden  geschlossen,  Jahn  als  Gefangener  nach  Küstrin  gebracht,
Schleiermacher  auf  Ehrenwort  verpflichtet,  Berlin  nicht  zu  verlassen,  Arndt
seines  Amtes  als  Professor  in  Bonn  enthoben.  Durch  die  von  Österreich
und  Preußen  in  Gemeinschaft  mit  anderen  deutschen  Regierungen  1819  gefaßten
  Karlsbader  Beschlüsse  wurden  die  Burschenschaften  und  die  Preßfreiheit
  aufgehoben,  die  Überwachung  der  Professoren  und  Studenten  sowie
die  Censur  für  alle  Schriften  unter  zwanzig  Bogen  angeordnet  und  eine
Kommission  eingesetzt,  welche  die  demagogischen  Umtriebe  verfolgen  sollte.  Nun
begann  eine  Zeit  oft  recht  kleinlicher  Verfolgungen;  aber  nach  zwei  Jahren
erklärte  die  Untersuchungskommission,  eine  Verschwörung  bestehe  nicht.  Doch
war  Friedrich  Wilhelm  zu  der  Überzeugung  gekommen,  daß  eine  eigentliche
Volksvertretung  noch  nicht  ratsam  sei;  um  aber  sein  Wort  soweit  als  möglich
einzulösen,  führte  er  1823  Provinzialstände  ein.  Gewöhnlich  jedes  dritte
Jahr  sollten  die  lediglich  aus  Grundbesitzern  gewählten  Abgeordneten,  zur
Hälfte  Rittergutsbesitzer,  zur  Hälfte  Städter  und  Bauern,  zu  einem  Provinziallandtage
  zusammentreten  und  Gesetzentwürfe,  welche  ihre  Provinz  angingen,
begutachten.  Das  war  der  erste  Schritt,  Preußen  in  einen  Verfassungsstaat
  umzuwandelnz;  er  befriedigte  aber  nur  wenige.

Als  1830  die  Franzosen  durch  die  Julirevolution  ihren  König
Karl  X.,  einen  Bruder  Ludwigs  XVIII.,  vertrieben  und  dessen  Vetter  Louis
Philipp,  Herzog  von  Orleans,  auf  den  Thron  erhoben,  traten  auch  die  Unzufriedenen
  in  Deutschland  mit  ihren  Forderungen  wieder  hervor;  in  Braun-
        <pb n="238" />
        232  Zweiter  Zeitraum.

schweig,  Kassel,  Göttingen,  Dresden  kam  es  zu  Volksaufständen.  Die  Belgier
rissen  sich  von  Holland  los,  und  plötzlich  brach  ein  Aufstand  im  ganzen
russischen  Polen  aus.  Zum  Schutz  der  Grenze  stellte  Preußen  am  Rhein
drei  und  an  der  russisch-polnischen  Grenze  unter  Gneisenau  vier  Armeekorps
auf.  Dadurch  wurde  der  Aufstand  auf  seinen  ursprünglichen  Herd  beschränkt.
Aber  das  preußische  Heer  wurde  von  der  aus  Rußland  eingeschleppten  Cholera
befallen,  der  auch  Gneisenau  zum  Opfer  fiel.  Ihre  rasche  Verbreitung  und
die  Nutzlosigkeit,  aller  Heilmittel  erzeugte  in  den  ungebildeten  Leuten  den
Argwohn,  die  Arzte  seien  beauftragt,  das  Volk  zu  vergiften.  Infolgedessen
entstanden  mehrere  Pöbelaufstände,  z.  B.  in  Königsberg,  Stettin  und  Breslau;
die  heftigste  Gärung  erzeugte  die  allgemeine  Unzufriedenheit  in  Süddeutschland.
  Auf  dem  Hambacher  Fest  in  der  Rheinpfalz  hielten  (1832)  deutsche,
französische  und  polnische  Abgeordnete  aufregende  Reden,  und  im  folgenden
Jahre  überrumpelte  sogar  eine  Schar  irregeleiteter  Männer  die  Hauptwache
in  Frankfurt  a.  M.,  um  den  Bundestag  zu  sprengen.  Auch  in  Braunschweig,
Hessen  und  Sachsen  kam  es  zu  Unruhen.  Dies  alles  gab  Metternich,  der
jede  freiheitliche  Regung  für  staatsgefährlich  hielt,  willkommene  Gelegenheit,
eine  neue  Demagogenverfolgung  durch  den  Bundestag  ins  Werk  zu  setzen,
von  der  besonders  auch  die  Studenten  betroffen  wurden.  In  Preußen  wurden
39  Burschenschafter  zum  Tode  verurteilt,  aber  vom  Könige  zu  Freiheitsstrafen
begnadigt;  unter  diesen  befanden  sich  auch  Fritz  Reuter  und  der  Geschichtsschreiber
  Max  Duncker.

Das  geistige  Wohl  seines  Volkes  hat  König  Friedrich  Wilhelm  ebenfalls
  sorgfältig  gepflegt.  Bereits  in  den  schweren  Tagen  nach  dem  Tilsiter
Frieden  sprach  er:  „Es  ist  mein  ernstlicher  Wille,  daß  dem  Volksunterrichte
  die  größte  Sorgfalt  gewidmet  werde.“  Schon  vorher  war  der  König
auf  Pestalozzi  aufmerksam  geworden;  zu  ihm  wurden  jetzt  auf  Staatskosten
tüchtige  Lehrer,  wie  Kawerau,  Dreist,  Hennig,  Hänel  und  Preuß,  gesandt;
andere,  wie  Karl  Ritter,  Karl  v.  Raumer,  v.  Türk  und  Fröbel,  gingen  aus
eigenem  Antriebe  dorthin;  tüchtige  auswärtige  Schulmänner,  wie  Zeller  und
Dinter,  wurden  nach  Preußen  berufen.  Zunächst  kam  diese  Fürsorge  den
Seminaren,  durch  diese  aber  der  Volksschule  zu  gute;  im  ganzen  wurden
während  der  Regierungszeit  Friedrich  Wilhelms  III.  29  Volksschullehrerseminare
gegründet  oder  umgestaltet,  z.  B.  in  Breslau  ev.  1812,  Bunzlau  1816,  Neuzelle
  1817,  Neuwied  1819,  Erfurt  1820,  Mörs  (durch  Diesterweg)  1820,
Gardelegen  (Osterburg)  1821,  Magdeburg  (Barby)  1823,  Eisleben  1826,
Berlin  1831,  Kammin  1838.  An  ihnen  wirkten  ausgezeichnete  Lehrer,  wie
Harnisch  und  Diesterweg,  in  allen  aber  herrschte  ein  bis  dahin  nie  geahnter,
heiliger  Eifer,  tüchtige,  für  ihren  Beruf  begeisterte  Lehrer  des  Volkes  zu
erziehen.

Die  größere  Zahl  der  ausgebildeten  Lehrer  ermöglichte  es,  neue  Schulstellen
  einzurichten  und  die  Vorschriften  über  die  Schulpflicht  der  Kinder  zu
verschärfen.  Neben  die  allgemeine  Wehrpflicht  trat  jetzt  die  allgemeine
Schulpflicht:  jedes  Kind  mußte  fortan  vom  sechsten  Jahre  bis  zur  Konfirmation
  regelmäßig  die  Schule  besuchen,  und  keins  durfte  konfirmiert  werden,
das  sich  nicht  wenigstens  die  notwendigsten  Schulkenntnisse  erworben  hatte.
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        6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  233

Auch  das  höhere  Schulwesen  erfuhr  sorgsame  Pflege;  die  Prüfungs—
ordnungen  wurden  verschärft  und  siebzig  neue  Gymnasien  sowie  Real—
und  Gewerbeschulen  errichtet.  Die  allzunahe  gelegenen  Universitäten
Halle  und  Wittenberg  wurden  1817  zu  einer  in  Halle  vereinigt  und  1818
für  die  Rheinprovinz  eine  eigene  Universität  in  Bonn  errichtet.  An  dem
Aufblühen  der  deutschen  Wissenschaft  waren  preußische  Gelehrte  in  hervor—
ragendem  Maße  beteiligt.  Unter  den  Philosophen  hatte  nach  Kants  und
Fichtes  Tode  Hegel  in  Berlin  einen  berühmten  Namen.  An  der  Erforschung
des  Altertums  arbeiteten  die  Berliner  Gelehrten  Böckh  und  Lachmann.
Bopp  begründete  die  vergleichende  Sprachwissenschaft,  die  nicht  nur
über  die  Verwandtschaft  der  Sprachen,  sondern  der  Völker  selber  und  über
deren  Lebensweise  neue  Aufschlüsse  gab.  Aus  der  langen  Reihe  der  berühmten
deutschen  Geschichtschreiber  ragen  hervor  die  Berliner  Gelehrten:  Fr.  v.  Raumer
(Geschichte  der  Hohenstaufen),  Duncker  (Geschichte  des  Altertums),  Curtius
(Griechische  Geschichte),  Mommsen  (Römische  Geschichte),  Giesebrecht  (Geschichte
der  deutschen  Kaiserzeit),  v.  Treitschke  (Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten
Jahrhundert),  v.  Sybel  (Revolutionszeit  1789—1800,  die  Begründung  des
Deutschen  Reiches  durch  Wilhelm  I.)  und  vor  allem  Leop.  v.  Ranke  (Deutsche
Geschichte  im  Zeitalter  der  Reformation,  Wallenstein  u.  a.).  Die  Theologie
hatte  glänzende  Vertreter  in  Schleiermacher,  Neander  und  Hengstenberg.  Auf
dem  Gebiete  der  geographischen  und  naturwissenschaftlichen  Forschung
nahm  Alexander  v.  Humboldt  („Kosmos")  die  erste  Stelle  ein;  von  ihm  angeregt,
  schrieb  Karl  Ritter  seine,  die  geographische  Wissenschaft  umgestaltenden
Werke.  Die  bildenden  Künste  erfreuten  sich  vielfach  der  Unterstützung  des
sonst  so  sparsamen  Königs.  Er  ließ  durch  Schinkel  das  Schauspielhaus  und
das  Alte  Museum  in  Berlin  erbauen  und  schenkte  zur  ersten  Einrichtung
desselben  viele  Bildsäulen  und  Gemälde  aus  seinen  Schlössern.  Mit  des
Königs  Unterstützung  bildete  sich  der  Bildhauer  Rauch  aus,  der  unter  anderen
herrlichen  Werken  das  berühmte  Grabdenkmal  der  Königin  Luise  in  Charlottenburg
  schuf  (S  190).

Der  König  war  von  Jugend  auf  ein  frommer  Christ.  Sein  inniges
Gottvertrauen  war  durch  die  Tage  der  Trübsal  und  dann  der  herrlichen
Siege,  in  denen  er  die  Hand  Gottes  erkannte,  noch  gewachsen.  Auch  im
ganzen  Volke  war  durch  die  Befreiungskriege  an  die  Stelle  der  rationalistischen
Aufklärung  und  der  ihr  folgenden  Sittenverderbnis  ein  tief  religiöser,  sittlicher
Geist  getreten;  mit  Ernst  bereitete  es  sich  auf  das  dritte  Jubelfest  der  Reformation
  am  31.  Oktober  1817  vor.  Diesen  Tag  beschloß  der  König  durch
eine  Union  der  lutherischen  und  der  reformierten  Kirche  zu  einer  evangelischen
  Landeskirche  zu  verherrlichen  und  dadurch  zu  vollenden,  was
seine  Vorfahren  seit  zwei  Jahrhunderten  erstrebt  hatten.  Am  Reformationsfeste
  nahm  der  König  mit  seinem  Hause  und  zahlreichen  Mitgliedern  beider
Kirchen  in  der  Garnisonkirche  zu  Potsdam  das  heilige  Abendmahl;  ebenso
gingen  in  der  Nikolaikirche  in  Berlin  die  Geistlichen  beider  Konfessionen,  der
Magistrat,  die  Bürgervorsteher,  die  Mitglieder  der  Konsistorien  und  der
Universität,  Direktoren  und  Lehrer  der  Gymnasien,  viele  Staatsbeamte  gemeinsam
  zum  Tisch  des  Herrn.  Am  folgenden  Tage  legte  der  König  in
        <pb n="240" />
        234  Zweiter  Zeitraum.

Wittenberg  den  Grundstein  zu  einem  Lutherdenkmal.  Auf  der  Freiheit  der
Uberzeugung  sollte  die  Union  beruhen,  Zwang  nicht  angewandt  werden;  aber
fast  in  allen  Gemeinden  des  Landes  und  dann  auch  in  anderen  deutschen
Staaten,  wie  in  der  bayrischen  Pfalz,  fand  das  Beispiel  des  Königs  freiwillige
  Nachfolge.  Erst  als  der  König  1822  seiner  unierten  Landeskirche
  statt  der  vielen,  in  den  einzelnen  Landesteilen  bestehenden  gottesdienstlichen
  Ordnungen  eine  gemeinsame  Agende  empfahl,  erhob  sich  lebhafter
Widerspruch,  und  es  bildeten  sich  neben  der  unierten  Landeskirche  mehrere
altlutherische  Gemeinden.  Auch  darin  folgte  Friedrich  Wilhelm  dem
Vorbilde  seiner  Ahnen,  daß  er  verfolgte  Protestanten  schützte;  den  bedrängten

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das  Schauspielhaus  in  Berlin.

Waldensern  Sardiniens  verschaffte  er  Erleichterung,  500  Tiroler  aus  dem
Zillerthale,  die  wegen  religiöser  Bedrückung  ihre  Heimat  verlassen  mußten,
siedelte  er  bei  Erdmannsdorf  in  Schlesien  an.  So  bewährte  sich  Preußen
abermals  als  Hort  des  Protestantismus.

Der  wichtigen  Stellung,  welche  Kirche  und  Schule  im  Staate  einnahmen,
entsprach  es,  daß  der  König  (1817)  die  Abteilung  des  Ministeriums  des
Innern,  welche  bis  dahin  die  geistlichen  und  Unterrichtsangelegenheiten  bearbeitet
  hatte,  zu  einem  selbständigen  (sechsten)  Ministerium  der  geistlichen,
Unterrichts=  und  Medizinalangelegenheiten  erhob.  Als  diesem  untergeordnete
  Behörden  verwalteten  die  Konsistorien  die  inneren,  die  Regierungen
die  äußeren  Schulangelegenheiten  ihres  Bezirks;  später  (1825)  wurde  die
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Das  Alte  Musseum  in  Berlin.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.

235
        <pb n="242" />
        236  Zweiter  Zeitraum.

Leitung  des  Gelehrtenschulweseus  und  der  Seminare  den  neugeschaffenen
Provinzialschulkollegien,  das  gesamte  niedere  Schulwesen  aber  den  Re—
gierungen  übertragen.

Über  vierzig  Jahre  teilte  Friedrich  Wilhelm  Freud'  und  Leid  mit  seinem
Volke.  In  schmucklosem,  bis  oben  zugeknöpftem  Infanterierock  und  der  Landwehrmütze,
  fast  immer  ohne  Begleitung,  bewegte  sich  der  König  unter  den
Spaziergängern,  jeden  Gruß  dankend  erwidernd.  Seit  dem  Tode  seiner  geliebten
  Gemahlin  mischte  sich  in  sein  sonst  so  heiteres  Wesen  ein  Zug  von
Wehmut,  und  gern  weilte  er  in  Paretz  und  auf  der  Pfaueninsel,  wo  er  mit
der  Verewigten  so  glückliche  Stunden  verlebt  hatte,  oder  er  lenkte  seine  Schritte
durch  die  düsteren  Baumgänge  nach  dem  Mausoleum  in  Charlottenburg.  Am
liebsten  war  er  unter  seinen  Kindern;  als  diese  sich  aber  vermählt  hatten
—  seine  älteste  Tochter,  Charlotte,  war  mit  dem  Kaiser  Nikolaus  I.  von  Rußland
verheiratet  —,  fühlte  er  sich  vereinsamt  und  beschloß,  durch  eine  zweite  Ehe
sein  häusliches  Glück  aufs  neue  zu  gründen.  Nach  vierzehnjähriger  Witwerzeit
  ließ  er  sich  die  zur  Fürstin  von  Liegnitz  erhobene  Gräfin  von  Harrach
zur  linken  Hand  antrauen,  und  sie  ist  ihm  eine  treue  Lebensgefährtin  geworden.


Die  meisten  jener  großen  Männer,  die  ihm  einst  so  treu  zur  Seite  gestanden
  hatten,  wie  Bülow,  Stein,  Hardenberg,  Kleist,  Bork  und  Gneisenau,
waren  ihm  im  Tode  bereits  vorangegangen.  Der  alte  Marschall  Vorwärts
  lebte  nach  dem  Kriege  während  des  Sommers  meistens  auf  seinem
Landgute  Krieblowitz  in  Schlesien.  Im  Spätsommer  1819  erfuhr  der  König,
daß  der  alte  Held  im  Sterben  liege;  da  eilte  er  noch  einmal  zu  ihm,  worüber
der  Sterbende  bis  zu  Thränen  gerührt  war.  Am  12.  September  entschlief  er
unter  dem  Donner  der  Geschütze,  der  von  dem  nahen  Manöbverfelde  herübertönte.
  —  Stein  hatte  noch  an  dem  Wiener  Kongreß  teilgenommen,  sich
dann  aber  vom  politischen  Leben  zurückgezogen.  Er  wohnte  meist  auf  seinem
Gute  Cappenberg  in  Westfalen.  Das  Studium  der  Geschichte,  das  er  trotz
der  Erblindung  des  einen  Auges  eifrig  fortsetzte,  erweckte  in  ihm  den  Wunsch,
eine  kritische  Sammlung  deutscher  Geschichtsquellen  zu  besitzen.  So  entstand
auf  seine  Anregung  die  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichte,  und  er
erlebte  noch  das  Erscheinen  der  ersten  Bände  der  Monumenta  Germaniae
historica.  1831  entschlief  er,  der  letzte  seines  Geschlechts;  er  hinterließ  nur
zwei  Töchter.  Friedrich  Wilhelm  konnte  noch  bis  zum  Anfange  des  Jahres
1840  in  seltener  Frische  seine  Herrscherpflichten  erfüllen,  dann  erkrankte  er.
Zum  letztenmal  warf  er  einen  Blick  aus  seinem  Fenster,  als  (am  1.  Juni)  der
Grundstein  zu  dem  Denkmal  Friedrichs  des  Großen  gelegt  wurde;  als
am  7.  Juni  die  königliche  Flagge  am  Fahnenmast  des  Schlosses  sich  senkte,
da  trauerten  nicht  nur  die  Berliner,  sondern  die  große  Mehrzahl  des  gesamten
  Volkes.  Seine  letzte  Ruhestätte  fand  der  Entschlafene  an  der  Seite
der  Königin  Luise  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg.

Friedrich  Wilhelm  III.  ist  zwar  der  erste  Hohenzollernkönig,  der  sein
Land  kleiner  hinterließ,  als  er  es  empfangen  hatte;  dennoch  war  seine  Regierung
  höchst  segensreich.  Er  hatte  die  weiten  polnischen  Gebiete  abgetreten
und  dafür  blühende  Provinzen  mit  kerndeutscher  Bevölkerung  erworben;  die
        <pb n="243" />
        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  237

Einwohnerzahl  war  von  neun  auf  fünfzehn  Millionen,  die  Staatseinnahme
auf  das  Dreifache  gestiegen.  „In  keinem  Lande  der  Welt  gab  es  eine  so  menschliche,
  so  sorgsame,  so  gerechte  Verwaltung,  in  keinem  eine  so  volkstümliche,
so  ganz  unerschöpfliche  Wehrbarkeit.“  Preußen  konnte  schon  damals  ein  Heer
von  500000  Mann  ins  Feld  stellen.  Dazu  stand  das  Schulwesen  in  Blüte;
besonders  die  preußischen  Seminare  und  Volksschulen  konnten  denen  anderer
Länder  als  Muster  dienen.

(4.  Die  Erhebung  Dreußens  zu  einem  Derfassungsstaate  unter
Friedrich  Wilhelm  IV.
1840—1861.

1.  Bis  zum  Ausbruch  der  Nevplukion.

Als  Kind  berechtigte  Friedrich  Wilhelm  IV.  (geb.  15.  Oktober  1795)
durch  ungewöhnliche  Begabung  und  Wißbegierde  zu  den  größten  Hoffnungen.
Seine  Mutter,  die  Königin
Luise,  erweckte  in  seinem  empfänglichen
  Gemüte  den  Sinn
für  alles  Schöne  und  Edle  und  »
legte  in  ihm  den  Grund  zur  »J«

Gottesfurcht.  Tüchtige  Lehrer,  «-wie
  Scharnhorst  und  der  Staatsmann
  und  Gelehrte  Niebuhr,

 

 

 

 

 

 

 

führten  ihn  in  lie  Kriegs-  “  4
und  Staatswissenschaft  ein.  As.  ——  ZX
Knabe  sah  er  Preußen  in  ““  ’““  §  1  #
seiner  tiefsten  Erniedrigung,  als.  *
Jüngling  nahm  er  an  den  Be411|  .  .
freiungskriegen  teil,  und  eine  W
tiefe  Abneigung  gegen  die  Re-  »  4  *
volution  sowie  eine  wahre  W  1  I
Frömmigkeit,  gepaart  mit  großer  n  Mun  28  "I
Sittenstrenge,  war  die  Frucht  ENNN“]PöPIll

dieser  bewegten  Jahre.  Die  Friedrich  Wilhelm  IV.

Kunstschätze  von  Paris  und

Rom,  der  Umgang  mit  bedeutenden  Künstlern  und  eigene  Ubung  bildeten
seinen  edlen  Kunstgeschmack.  Gelehrte  bewunderten  sein  reiches  Wissen;  am
meisten  zogen  ihn  Theologie,  Geschichte,  Musik  und  Baukunst  an.  Dabei  war
er  ein  Meister  der  Rede.  Auf  dem  Schlachtfelde  hatte  er  sich  zwar  stets
unerschrocken  gezeigt;  aber  er  schätzte  die  Friedensarbeit  höher  als  das  Kriegshandwerk,
  das  Einerlei  des  Militärdienstes  ermüdete  ihn;  auch  war  er  schon
in  seinem  Außern  weniger  ein  Muster  streng  soldatischer  Zucht  als  sein  Vater
und  sein  Bruder  Wilhelm.  Im  Jahre  1823  vermählte  sich  Kronprinz
Friedrich  Wilhelm  mit  der  ihm  geistig  verwandten  Prinzessin  Elisabeth
von  Bayern.
        <pb n="244" />
        238  Zweiter  Zeitraum.

In  voller  Manneskraft  und  für  sein  schweres  Amt  so  wohl  vorbereitet
wie  wenige  Herrscher  bestieg  Friedrich  Wilhelm  IV.  den  Thron;  selten
wurde  aber  auch  ein  neuer  Herrscher  mit  größeren  Hoffnungen  empfangen.
Volksfreiheit  und  ein  Deutsches  Reich  erwartete  man  von  ihm.  Die  erste
Hoffnung  schien  sich  schon  bald  erfüllen  zu  sollen:  der  König  setzte  Arndt
wieder  in  sein  Amt  ein,  gab  Jahn  die  Freiheit  zurück  und  erließ  eine  allgemeine
  Amnestie  für  politische  Verbrecher.  Als  er  in  Königsberg  zur  Huldigung
  erschien,  baten  ihn  die  Stände  von  Posen,  Ost=  und  Westpreußen,
indem  sie  an  das  Versprechen  Friedrich  Wilhelms  III.  erinnerten,  er  möge
dem  Lande  eine  Verfassung  gewähren.  Der  König  erwiderte,  die  Provinzialstände
  wolle  er  sorgfältig  pflegen,  eine  allgemeine  Landesvertretung  halte  er
wie  auch  sein  Vater  für  unverträglich  mit  dem  Glücke  des  preußischen  Volkes.
Dennoch  jubelte  das  Volk  ihm  zu,  als  er  bei  der  Huldigung,  den  Arm  zum
Schwur  erhebend,  rief:  „Ich  gelobe,  ein  gerechter  Nichter,  ein  treuer,  sorgfältiger,
  barmherziger  Fürst,  ein  christlicher  König  sein  zu  wollen."  Wie
zündete  auch  das  Wort,  welches  er  bei  der  Huldigung  in  Berlin  dem  nach
Tausenden  zählenden,  im  Lustgarten  um  ihn  versammelten  Volke  zurief:  „Ich
will  vor  allem  dahin  trachten,  dem  Vaterlande  die  Stelle  zu  sichern,  auf
welche  es  die  göttliche  Vorsehung  durch  eine  Geschichte  ohne  Beispiel  erhoben
hat,  auf  welcher  Preußen  zum  Schilde  geworden  ist  für  die  Sicherheit  und
Ruhe  Deutschlands.“  Selbst  das  außerpreußische  Deutschland  richtete  seine
Blicke  voller  Hoffnung  auf  den  für  Deutschlands  frühere  Herrlichkeit  so  begeisterten
  König,  und  als  um  diese  Zeit  die  Franzosen  wieder  Gelüste  nach
dem  linken  Rheinufer  verrieten,  da  sang  in  kurzem  ganz  Deutschland  Nikolaus
Beckers  Lied:  „Sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien,  deutschen  Rhein.“  Max
Schneckenburger  dichtete  damals  seine  „Wacht  am  Rhein“",  und  Arndt  rief:
„All  Deutschland  in  Frankreich  hinein!"  Das  Ausland  stutzte  über  dieses
plötzlich  erwachte  Nationalgefühl,  Frankreich  rüstete  ab.  Begeistert  für  die
altdeutsche  Kunst,  stellte  sich  Friedrich  Wilhelm  an  die  Spitze  des  Dombau—
vereins,  der  es  sich  zur  Aufgabe  machte,  den  schon  1248  begonnenen,  aber
nicht  beendeten  Riesenbau  des  Kölner  Domes  mit  Unterstützung  aller
deutschen  Fürsten  und  Stämme  sowie  aller  Konfessionen  zu  vollenden.  Bei
der  Grundsteinlegung  zum  Weiterbau  sprach  er:  „Hier  sollen  sich  die  schönsten
Thore  der  ganzen  Welt  erheben.  Mögen  sie  für  Deutschland  Thore  einer
neuen,  großen,  guten  Zeit  werden!“  ·

Das  Ziel  aber,  welches  ihm  vorschwebte  —  Wiederherstellung  des  alten
Lehnstaates  mit  einem  Kaiser  aus  dem  Hause  Osterreich  —,  hielten  die
Liberalen  für  verfehlt;  auch  des  Königs  beharrliche  Weigerung,  seinem  eigenen
Volke  eine  Verfassung  zu  geben,  erregte  manche  Verstimmung,  und  die  der
Presse  gewährte  größere  Freiheit  gab  die  Möglichkeit,  die  Unzufriedenheit
desto  offener  zu  schüren.  Der  erste  Versuch  des  Königs,  den  Deutschen  Bund
einheitlicher  zu  gestalten,  scheiterte  an  der  geringen  Opferwilligkeit  seiner  Mitürsten.

fürf  Der  König  beabsichtigte  die  Provinzialstände  zu  einem  Ganzen  zusammenzufassen.
  Zunächst  berief  er  (1842)  einen  „Vereinigten  Ausschuß  der
einzelnen.  Provinziallandtage  nach  Berlin;  doch  er  überzeugte  sich  bald  selber
        <pb n="245" />
        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  239

von  der  Unzulänglichkeit  einer  solchen  Volksvertretung.  Die  Unzufriedenheit
ergriff  jetzt  auch  die  unteren  Stände.  Die  Fabriken  (S.  229)  nahmen  manchen
Handwerkern  die  Arbeit;  nicht  minder  wurde  der  Bauernstand  seit  dem  freien
Gebrauch  des  Grundeigentums  durch  Teilungen,  Länderverkäufe  und  noch  mehr
durch  Wucher  gefährdet.  Es  bildete  sich  in  Stadt  und  Land  das  in  Preußen
bisher  noch  unbekannte  Proletariat.  Eine  Mißernte  (1846)  vergrößerte  die
Not,  von  der  besonders  die  gewerbreichen  Gegenden  der  schlesischen  und  sächsischen
  Gebirge  sowie  des  Wupperthales  zu  leiden  hatten.  Demokratische  und
zum  Teil  religionslose  Schriftsteller  und  Dichter,  wie  Heine,  reizten  die  Unzufriedenen
  noch  mehr  auf  und  suchten  ihnen  jede  Achtung  vor  der  göttlichen
und  menschlichen  Autorität  zu  nehmen.  Um  das  Volk  —  soweit  es  ihm
möglich  war  —  zufrieden  zu  stellen  und  das  Wort  seines  Vaters  einzulösen,
entschloß  sich  der  König  trotz  der  Abmahnungen  Rußlands  und  Osterreichs,
am  3.  Februar  1847  den  „Vereinigten  Landtag“  einzuberufen.  Er  that
damit  den  ersten  Schritt  von  der  absoluten  zu  einer  verfassungsmäßigen
Monarchie.  Des  Königs  Bruder,  Prinz  Wilhelm,  erkannte  die  Wichtigkeit
dieses  Schrittes,  indem  er  sprach:  „Ein  neues  Preußen  bildet  sich;  das  alte
geht  mit  der  Veröffentlichung  dieses  Gesetzes  zu  Grabe.  Mäöge  das  neue
so  erhaben  und  groß  werden,  wie  es  das  alte  mit  Ehre  und  Ruhm  geworden
  ist!“

Der  Vereinigte  Landtag  war  aus  Abgeoördneten  aller  Provinzen  in  ähnlicher
  Weise  zusammengesetzt  wie  die  Provinziallandtage,  erhielt  aber  außer
dem  Petitionsrecht  und  dem  Recht,  über  ihm  vorgelegte  Gesetzentwürfe  sich
gutachtlich  zu  äußern,  das  neue,  sehr  wichtige  Recht,  die  Genehmigung  zu
Staatsanleihen,  zur  Einführung  neuer  Steuern  und  zur  Erhöhung  alter  zu
erteilen  oder  zu  versagen.  Weiter  glaubte  der  König  nicht  gehen  zu  dürfen.
Bei  der  Eröffnung  des  Vereinigten  Landtages  erklärte  er:  „Preußens  Geschicke
  können  nur  von  einem  Willen  geleitet  werden,  und  dieser  muß  der
königliche  sein.“  Dem  überhandnehmenden  Unglauben  gegenüber  aber  bezeugte
er  laut:  „Ich  und  mein  Haus,  wir  wollen  dem  Herrn  dienen.“  Aber
weder  dem  Landtage,  noch  dem  größeren  Teile  des  Volkes  genügte  das  Gewährte;
  sie  verlangten  vielmehr:  der  Landtag  solle  nicht  nach  der  veralteten
ständischen  Gliederung  zusammengesetzt  sein,  er  solle  alljährlich  und  nicht,  wie
der  König  wollte,  nach  Bedürfnis  einberufen  werden,  vor  allem  aber  das  Recht
haben,  den  Staatshaushalt  zu  genehmigen.  Ohne  daß  hierüber  eine  Verständigung
  erreicht  wurde,  schloß  der  König  den  Landtag:  er  schien  sein  großes
Opfer  umsonst  gebracht  zu  haben.

2.  Die  Rerpplukion  von  1848.

Die  Franzosen  vertrieben  in  der  Februarrevolution  1848  ihren  König
Louis  Philipp  wieder,  führten  zum  zweitenmal  die  Republik  ein  und  wählten
zum  Präsidenten  Louis  Napoleon,  den  Sohn  Louis  Napoleons  von  Holland
(S.  192).  Da  er  des  Heeres  sicher  war,  nahm  er  1852  auf  Grund  einer
Volksabstimmung  als  Napoleon  III.  den  Kaisertitel  an.  Die  Vorgänge  in
Paris  ermutigten  das  deutsche  Volk,  die  Regierungen  von  neuem  um  Gewährung
  größerer  Freiheiten  und  Rechte  zu  bitten.  Die  wichtigsten  For-
        <pb n="246" />
        240  Zweiter  Zeitraum.

derungen  waren:  Preßfreiheit,  Versammlungsrecht,  Verfassung,  Schwurgerichte
und  die  Einberufung  einer  Nationalversammlung  zur  Errichtung  eines  Bundesstaates.
  Zunächst  versammelten  sich  500  liberale  Männer  in  Frankfurt  a.  M.
und  beschlossen,  eine  aus  freien  Wahlen  hervorgegangene  Deutsche  Nationalversammlung
  solle  über  die  künftige  deutsche  Verfassung  beraten  und  entscheiden.
  Die  Regierungen  gestatteten  die  Wahlen,  und  so  wurde  am  18.  Mai
1848  die  Deutsche  Nationalversammlung  unter  Glockengeläute  und  Kanonendonner
  in  der  Paulskirche  zu  Frankfurt  a.  M.  eröffnet.  Aber  welche  Unzahl
von  Parteien  und  Ansichten!  Es  bedurfte  der  Ausbietung  aller  Kräfte  des
tüchtigen  Präsidenten  Heinrich  von  Gagern,  um  die  oft  stürmischen  Debatten
zu  leiten.  Nach  langen  Verhandlungen  über  die  Verfassung  des  Reiches,  das
noch  nicht  vorhanden  war,  einigte  man  sich,  die  Frage  wegen  eines  Oberhauptes
  zu  vertagen  und  vorläufig  den  als  Volksfreund  bekannten  Erzherzog
Johann  von  Osterreich  zum  „Reichsverweser“  zu  erwählen.  Die  Regierungen
  billigten  diese  Wahl,  der  Bundestag  legte  seine  Befugnisse  in  die
Hand  des  Reichsverwesers  und  löste  sich  auf.  Aber  bald  zeigte  sich,  daß  das
neue  Oberhaupt  ohne  Macht  war:  die  Bundestruppen  sollten  ihm  huldigen,
aber  selbst  Osterreich  beachtete  diese  Aufforderung  nicht.

Inzwischen  war  auch  in  Berlin  der  Aufstand  ausgebrochen.  Bald
nach  Ausbruch  der  Revolution  in  Paris  erschienen  dort  nämlich  deutsche,  französische
  und  polnische  Flüchtlinge,  die  im  Wühlen  und  im  Barrikadenbau  geübt
waren,  und  sammelten  allerlei  verdächtiges  Gesindel  um  sich.  Um  den  ehrsamen
  Arbeiter=  und  Handwerkerstand  zu  gewinnen,  verbreiteten  sie  eine  Schrift,
in  welcher  sie  den  König  um  ein  aus  Arbeitgebern  und  Arbeitern  gebildetes
Ministerium  der  Arbeiter  baten.  Als  auch  Abgeordnete  preußischer  Städte
dem  Könige  die  „Forderungen  des  Volkes“  vortrugen,  beschloß  er,  durch  rechtzeitiges
  Nachgeben  die  Aufregung  zu  beschwichtigen,  und  erließ  am  18.  März
1848  ein  Patent,  worin  er  eine  freisinnige  Verfassung  für  Preußen  und  eine
gründliche  Besserung  des  Deutschen  Bundes  verhieß.  Zu  Tausenden  strömte
das  Volk  nach  dem  Schlosse,  um  dem  Könige  zu  danken.  Noch  einmal  wiederholte
  er  sein  Versprechen,  und  freudiges  Hurra  war  die  Antwort.  Ein  solch
friedlicher  Verlauf  war  aber  den  Volksaufwieglern  höchst  unerwünscht,  hatten  sie
doch  schon  alle  Vorbereitungen  zu  einem  Volksaufstande  getroffenl!

Als  um  zwei  Uhr  die  Menge  noch  immer  dicht  gedrängt  vor  dem  Schlosse
stand  und  einige  sogar  in  das  Schloß  einzudringen  suchten,  ließ  der  König
den  Schloßplatz  durch  Militär  säubern.  Dabei  entluden  sich  durch  unglücklichen
  Zufall  zwei  Gewehre,  und  sofort  verbreitete  sich  wie  ein  Lauffeuer  der
Ruf:  „Verrat!  Zu  den  Waffen!“  Wie  durch  einen  Zauberschlag  wuchsen  in
allen  Stadtvierteln  die  Barrikaden  aus  der  Erde,  zu  deren  Verteidigung  Arbeiter
  und  Bürger,  Beamte  und  Studenten,  Straßenjungen  und  Lumpen  gewaffnet
  herbeieilten.  Um  vier  Uhr  griffen  die  Soldaten  an;  von  den  Dächern
und  aus  den  Fenstern  wurden  sie  mit  Steinen  und  Kugeln  bekämpft,  dennoch
rückten  sie  stetig  vor  und  nahmen  eine  Straße  nach  der  anderen.  Gegen  Mitternacht
  befahl  der  König,  dem  Blutvergießen  Einhalt  zu  thun,  aber  die  gewonnene
  Stellung  zu  behaupten.  Auch  erließ  er  eine  Ansprache  „An  meine
lieben  Berliner",  worin  er  diese  aufforderte,  die  noch  stehenden  Barrikaden
        <pb n="247" />
        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  241

wegzuräumen  und  ihm  vertrauensvoll  ihre  Wünsche  vorzutragen,  dann  sollten
die  Truppen  sofort  Straßen  und  Plätze  verlassen.  Die  Volksführer  beantworteten
  diese  Ansprache  mit  Hohn;  dagegen  betenerte  eine  Abordnung  Berliner
  Bürger,  die  Ruhe  würde  von  ihnen  sogleich  wieder  hergestellt  werden,
sobald  das  Militär  zurückgezogen  würde.  Nach  langem  Sträuben  gab  der
König  trotz  des  entschiedenen  Widerspruchs  seines  Bruders  Wilhelm  und  des
kommandierenden  Generals  den  Befehl,  die  Truppen  zurückzuziehen,  erließ
eine  allgemeine  Amnestie,  genehmigte  die  Bildung  einer  Bürgerwehr  und  berief
ein  freisinniges  Ministerium.  Die  abziehenden  Truppen  wurden  von  bewaffneten
  Volkshaufen  begleitet  und  verhöhnt,  sogar  in  ihren  zerstreut  liegenden
Kasernen  ernstlich  bedroht;  deshalb  führte  ihr  Befehlshaber  sie  ganz  aus  der
Stadt  hinweg.  Mit  verhüllten  Fahnen,  stumm  und  unzufrieden,  aber  treu,
so  zogen  sie  ab.  Damit  war  in  Berlin  die  Revolution  zur  Herrschaft  gelangt.
  Der  König  stand  jetzt  unter  dem  Schutze  der  Bürgerwehr,  Prinz
Wilhelm  aber,  dem  man  mit  Unrecht  Schuld  gab,  am  18.  den  Befehl  zum
Blutvergießen  gegeben  zu  haben,  mußte  seiner  eigenen  Sicherheit  halber  Berlin
verlassen  und  sich  eine  Zeitlang  in  England  aufhalten;  sein  Schloß  wurde
nur  durch  die  Aufschrift  „Nationaleigentum“  gerettet.  Schon  am  19.  wurden
die  Leichen  der  187  gefallenen  Barrikadenhelden  wie  zur  Parade  vor  das
Schloß  getragen;  dennoch  erließ  der  König  (am  21.)  eine  neue  Ansprache  „An
mein  Volk  und  an  die  deutsche  Nation“,  worin  er  beteuerte:  „Preußen  geht
fortan  in  Deutschland  auf“;  Deutschlands  Heil  liege  in  der  innigen  Vereinigung
seiner  Fürsten  und  Völker  unter  einer  Führung,  und  diese  übernehme  er.
An  demselben  Tage  ritt  er  dann,  von  Ministern,  Generalen,  Bürgern  und
Studenten  umgeben,  alle  mit  schwarz-rot-goldenen  Binden  geschmückt,  durch
die  Straßen  und  verkündete  dem  Volke  in  mehreren  Ansprachen  die  neue
Zeit.  Am  folgenden  Tage  wurden  die  gefallenen  Barrikadenkämpfer  mit  großem
Aufwand  bestattet;  während  die  Leichen  am  Schlosse  vorübergetragen  wurden,
stand  der  König  mit  entblößtem  Haupte  auf  dem  Balkon.

In  Berlin  wurde  das  gewöhnliche  Volk  immer  mehr  gegen  die  Regierung
  und  selbst  gegen  die  Bürger  aufgehetzt.  Diese  Aufregung  benutzten
die  Polen  in  Posen  zu  einem  Aufstande,  und  sie  wurden  dabei  von  Deutschen
selber  unterstützt,  welche  glaubten,  durch  die  Errichtung  einer  polnischen  Republik
  das  alte  Unrecht  der  Polenteilungen  zu  fühnen  und  sich  dadurch  einen
dankbaren  Nachbarstaat  zu  schaffen.  Der  König  ließ  sofort  bedentende  Truppenmassen
  in  Posen  einrücken  und  stellte  die  Ruhe  bald  wieder  her.  Am  22.  Mai
trat  in  Berlin  die  aus  freien  Wahlen  hervorgegangene  Preußische  Nationalversammlung
  zusammen.  Sic  verwarf  den  von  der  Regierung  ihr  vorgelegten
  Gesetzentwurf,  da  sie  dem  Volke  die  Herrschaft  übergeben,  den  König
aber  zu  einem  gehorsamen  Beamten  herabdrücken  wollte;  auch  die  zur  Wiederherstellung
  der  Ordnung  vorgeschlagenen  Maßregeln  billigte  sie  nicht,  so  daß
der  Pöbel  seine  Herrschaft  ungestört  fortsetzen  durfte.  Er  plünderte  das  Zeughaus,
  wobei  die  ehrwürdigen  Zeichen  preußischen  Ruhms  teils  entwendet,  teils
beschimpft  wurden;  er  lieferte  der  Bürgerwehr  förmliche  Gefechte  und  bedrohte
die  Nationalversammlung,  um  sie  zu  einem  demokratischen  Entschlusse  zu  zwingen.
Da  beschloß  der  König,  Gewalt  zu  gebrauchen.  Er  berief  auf  Veranlassung

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  16
        <pb n="248" />
        242  Zweiter  Zeitraum.

des  Abgeordneten  Otto  von  Bismarck-Schönhausen  ein  neues,  thatkräftiges
Ministerium,  an  dessen  Spitze  der  Graf  Brandenburg  stand;  die  National—
versammlung  wurde  vertagt  und  nach  Brandenburg,  verlegt,  und  der  aus  dem:
dänischen  Kriege  heimkehrende  Feldmarschall  Wrangel  rückte  (10.  November)
mit  genügender  Truppenmacht  in  Berlin  ein.  Die  Berliner,  ja  das  ganze
Land  atmete  auf.  Er  hielt  trotz  der  Berliner  Bürgerwehr  Unter  den  Linden
eine  Parade  ab,  und  als  die  Bevölkerung  ihm  zujauchzte,  besetzte  er  am  folgenden
  Tage  die  Hauptstadt  wieder,  schickte  die  Volksvertreter  samt  der  Bürgerwehr
  nach  Hause  und  war  in  kurzer  Zeit  ohne  Blutvergießen  Herr  der  Stadt.
Damit  war  die  Revolution  in  Berlin  überwunden.

Die  deutsche  Nationalversammlung  in  Frankfurt  a.  M.  geriet  mehr
und  mehr  unter  die  Herrschaft  der  Demokraten,  die,  erbittert  über  den  Verlauf
  des  Kampfes  in  Schleswig-Holstein  (S.  244),  besonders  den  Haß  gegen
Preußen  und  seinen  König  schürten;  die  beiden  preußischen  Abgeordneten  Fürst
Lichnowski  und  General  von  Auerswald  wurden  (18.  Sept.)  sogar  ermordet.
Voll  Abscheu  wandte  sich  das  Volk  von  solchen  Mordthaten  ab;  zudem  verlor
es  allmählich  die  Teilnahme  für  die  Nationalversammlung,  weil  sie  uneins
war  und  über  vielem  Reden  nicht  zum  Handeln  kam.  Eine  Minderheit
des  Frankfurter  Parlaments  wollte  Deutschland  in  eine  Republik  verwandeln,
  doch  die  Mehrheit  war  für  Herstellung  eines  Deutschen  Reichs;
die  einen  wollten  Osterreich  an  die  Spitze  stellen,  die  anderen  Preußen  unter
Ausschluß  Osterreichs.  Endlich  siegte  die  letztere,  die  klein  deutsche  Partei.
Mit  knapper  Mehrheit  wurde  (27.  März  1849)  die  neue  Verfassung  angenommen,
  welche  die  Leitung  der  gemeinsamen  Angelegenheiten  einem  erblichen
  „Kaiser  der  Deutschen“  übertrug,  der  aber  durch  einen  aus  Vertretern
  der  Regierungen  und  vom  Volk  gewählten  Abgeordneten  bestehenden
Reichstag  beschränkt  sein  sollte.  Am  folgenden  Tage  wurde  Friedrich
Wilhelm  IV.  von  Preußen  mit  geringer  Majorität  zum  Kaiser  gewählt,  und
eine  Deputation  unter  Führung  des  damaligen  Präsidenten  Simson  überbrachte
  diesen  Beschluß  nach  Berlin.  Ein  bedeutungsvoller  Augenblick  für
Preußen  und  das  Haus  Hohenzollern!  Die  besten  Freunde  des  Königs,  die
Vertreter  seines  Volkes  rieten,  dem  Ruf  zu  folgen;  andere,  wie  der  Abgeordnete
  von  Bismarck  und  vor  allem  der  Thronerbe  Prinz  Wilhelm,
rieten  entschieden  ab.  Der  König  sah  ein,  daß  er  die  ihm  angebotene  Krone
erst  durch  einen  Kampf  mit  den  übrigen  deutschen  Staaten,  wahrscheinlich
auch  mit  Rußland,  werde  erobern  müssen.  Er  dankte  daher  den  Abgeordneten
für  das  ihm  entgegengebrachte  Vertrauen,  wollte  aber  die  angebotene  Kronenur
  im  Einverständnis  mit  den  übrigen  deutschen  Fürsten  annehmen.  In
einem  Briefe  an  Arndt  sagte  er,  das  ihm  angebotene  Kaisertum  sei  nur
eine  Schattenherrschaft  gewesen,  dafür  wolle  er  sein  starkes  preußisches  Königtum
  nicht  hingeben;  ebenso  äußerte  er:  „Eine  Kaiserkrone  kann  nur  auf
dem  Schlachtfelde  errungen  werden.“  Viele  der  Besten  unseres  Volkes
bedauerten  diese  Ablehnung;  aber  die  Folgezeit  hat  dem  Könige  recht  gegeben.
Denn  die  kleineren  Fürsten  stimmten  der  Wahl  zwar  zu,  aber  Bayern,  Sachsen,
Hannover  und  ÖOsterreich  erhoben  Einsprache  dagegen.  Damit  waren  die  Arbeiten
  der  Nationalversammlung  bedeutungslos  geworden;  die  österreichischen
        <pb n="249" />
        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  243.

und  preußischen  Abgeordneten  wurden  abgerufen;  seitdem  hatten  die  Demokraten
  die  Oberhand.  An  mehreren  Orten  trieben  sie  das  Volk  zum  Aufstande,
  um  dadurch  die  Regierungen  zur  Annahme  der  Reichsverfassung  zu
zwingen;  aber  preußische  Truppen  stellten  überall  die  Ordnung  bald  wieder
her.  Die  württembergische  Regierung  löste  das  „Rumpfparlament“  zu
Stuttgart  —  den  letzten  demokratischen  Rest  der  Frankfurter  Versammlung  —
auf;  der  Reichsverweser  legte  sein  Amt  nieder.  Durch  Bewilligung  der
Nationalversammlung  und  aus  freiwilligen  Gaben  war  auch  eine  deutsche
Flotte  beschafft  worden,  die  aber  infolge  Geldmangels  gänzlich  verfiel  und
(1852)  im  Auftrage  des  Deutschen  Bundes  versteigert  wurdel

3.  Ruswärkige  Derkältnisse.

Die  Revolutionsstürme  erschütterten  Preußen  nicht  nur  im  Innern  aufs
heftigste,  sondern  brachten  ihm  auch  durch  Verwickelung  in  auswärtige  Verhältnisse
  eine  tiefe  Demütigung,  zunächst  in  der  schleswig-holsteinischen
Frage.  ·

Das  Grenzland  Schleswig-Holstein  hat  in  eigentümlicher  Weise  jahrhundertelang
  sowohl  zu  Deutschland  wie  zu  Pänemark  gehört.  Nachdem  während  der  Völkerwanderung
  Angeln  und  Sachsen  von  hier  nach  England  gezogen  waren,  rückten  vom
Norden  die  Dänen,  vom  Südosten  die  wendischen  Obotriten  und  Wagrier  in  die
verlassenen  Wohnsitze  ein,  während  im  Westen  die  Friesen  sich  behaupteten.  Karl
der  Große  gewann  das  Land  bis  zur  Eider  zurück  und  errichtete  an  der  Elbe  die
feste  Hammaburg.  Ansgar  predigte  hier  die  christliche  Lehre,  doch  nur  mit  geringem
Erfolge;  das  für  ihn  gegründete  Erzbistum  Hamburg  mußte  wieder  aufgegeben
werden.  Heinrich  1.  erweiterte  das  deutsche  Gebiet  durch  Einrichtung  der  Mark
Schleswig  zwischen  Eider  und  Schlei,  infolgedessen  die  Dänen  sich  durch  Aufwerfen
eines  starken  Grenzwalles,  des  späteren  Danewerks,  gegen  das  weitere  Vordringen
der  Deutschen  zu  schützen  suchten.  Unter  den  fränkischen  Kaisern  ging  die  Mark
Schleswig  wieder  verloren;  das  Land  südlich  von  der  Eider  aber  blieb  deutsch  und
umfaßte  Stormarn  an  der  Elbe,  Dithmarsen  an  der  Nordsee  und  das  Gebiet  der
Holsten  (Holtsaten  d.  i.  Waldbewohner).  Das  Deutschtum  machte  erst  wieder  Fortschritte,
  als  Kaiser  Lothar  1110  dem  Grafen  Adolf  von  Schaumburg  Holstein  nebst
Stormarn  als  Lehen  übertrug.  Die  Schaumburger  haben  Lübeck  gegründet,  Wagrien
mit  Holstein  vereinigt  und  in  ihrem  Gebiete  dem  Christentum  und  dem  Deutschtum
zur  Herrschaft  verholfen.  Als  der  Dänenkönig  Waldemar  II.  das  neue  Leben  im
Keime  zu  ersticken  suchte,  besiegten  ihn  die  vereinigten  Sachsen,  Rellsteiner,  Mecklenburger
  und  Lübecker  1227  bei  Bornhöved  (südlich  von  Plön)  vollständig.  Schleswig
stand  unter  einem  besonderen  Herzog  aus  dem  dänischen  Königshause;  als  das  herzogliche
  Haus  ausstarb,  belehnte  der  dänische  König  1440  den  Grafen  Adolf  VIII.
von  Holstein  mit  Schleswig.  Mit  Adolf  erlosch  das  Schaumburger  Haus;  die
schleswig-holsteinischen  Stände  wählten  deshalb  1460  seinen  Schwestersohn,  den  Grafen
Christian  von  Oldenburg,  der  auch  König  von  Dänemark  war,  zu  ihrem  Herzog  und
zwar  unter  der  Bedingung,  daß  Schleswig  und  Holstein  nie  getrennt  und  zu  Beamten
nur  Landeskinder  genommen  werden  sollten.  Der  König  von  Dänemark  suchte  auch
die  Dithmarsen  zu  unterwerfen;  die  freien  Bauern  vernichteten  zwar,  unterstützt  durch
die  Natur  ihres  Landes,  die  Blüte  des  dänischen  und  schleswig  holsteinischen  Adels
bei  Hemmingstedt  (1500),  auf  die  Dauer  aber  vermochten  sie  der  erstarkenden  Königsund
  Fürstenmacht  nicht  zu  widerstehen:  1559  wurden  sie  unterworfen.  Die  Reformation
  fand  unter  Bugenhagens  Mitwirkung  leicht  und  rasch  Eingang;  sie  vermittelte
aufs  neue  den  geistigen  Zusammenhang  mit  Deutschland.  Der  Dreißigjährige,  der
schwedisch-volnische  und  der  Nordische  Krieg  haben  Schleswig-Holstein  in  Mitleidenschaft
  gezogen;  dazu  wurde  die  Westküste  wiederholt  von  heftigen  Sturmfluten  heimgesucht,
  1634  die  Insel  Nordstrand  fast  ganz  von  den  Fluten  verschlungen.  Weil  der

16“
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        244.  Zweiter  Zeitraum.

König  von  Dänemark  mit  Napoleon  ein  Bündnis  schloß,  hatten  die  Elbherzogtümer
von  den  Engländern  viel  zu  leiden,  die  damals  Helgoland  an  sich  rissen,  das  sie  nach
den  Befreiungskriegen  auch  behielten.  Holstein,  das  bis  1806  dem  deutschen  Reiche
angehört  hatte,  wurde  auch  in  den  Deutschen  Bund  ausgenommen.  Durch  die  Befreiungskriege
  war  auch  in  Schleswig-Holstein  das  deutsche  Bewußtsein  reger  geworden;
  die  Dänen  aber,  die  Norwegen  verloren  hatten,  waren  jetzt  um  so  eifriger
bemüht,  die  für  sie  so  wichtigen  Herzogtümer  nicht  nur  festzuhalten,  sondern  ganz
dänisch  zu  machen.  Da  nun  der  Mannesstamm  des  dänischen  Königshauses  dem
Aussterben  nahe  war,  in  Dänemark  die  weibliche  Linie,  in  Schleswig  eine  männliche
Nebenlinie  folgen  mußte,  so  erklärte  Christian  VIII.  durch  den  „offenen  Brief“  (1846),
daß  Schleswig-Holstein  stets  unzertrennlich  mit  Dänemark  verbunden  bleiben,  also
auch  in  weiblicher  Linie  forterben  solle,  während  die  Schleswig-Holsteiner  das  bevorstehende
  Erlöschen  der  älteren  Linie  ihres  Herrscherhauses  zu  benutzen  gedachten,
um  von  Dänemark  loszukommen.  Herzog  Christian,  das  Haupt  der  Augustenburger
Familie,  die  nach  salischem  Gesetz  zur  Erbfolge  in  Schleswig-Holstein  berechtigt
war,  protestierte  samt  seinem  ganzen  Hause  gegen  den  „offenen  Brief“  und  verlangte
namens  der  schleswig-holsteinischen  Stände  eine  gemeinsame  neue  Verfassung  für  die
Herzogtümer.

Christians  VIII.  Nachfolger  Friedrich  VII.  brachte  die  Empörung  zum
Ausbruch,  indem  er  Schleswig  einverleibte  und  Holstein  eine  freie  Verfassung
versprach.  Sofort  erhoben  sich  die  Schleswig-Holsteiner,  und  deutsche  Turner
und  Studenten  eilten  ihnen  zu  Hilfe.  Der  König  von  Preußen  sandte  den
greisen  Feldmarschall  Wrangel,  der  das  Danewerk  zerstörte  und  die  Dänen
nach  einem  Siege  bei  Düppel  aus  dem  Lande  trieb.  Als  aber  preußische
Truppen  auch  in  Jütland  einrückten,  um  sich  für  den  Schaden  zu  rächen,
den  die  dänische  Flotte  dem  preußischen  Handel  zufügte,  traten  die  europäischen
Großmächte  dazwischen,  die  den  dänischen  Gesamtstaat  zu  erhalten  wünschten;  besonders
  Rußland  nahm  eine  so  drohende  Haltung  an,  daß  Friedrich  Wilhelm  IV.,
der  ohnehin  die  Erhebung  der  Herzogtümer  als  eine  Art  Revolution  ansah,
zu  Malmö  einen  Waffenstillstand  auf  sieben  Monate  schloß.  Aber  die  Verhandlungen
  mit  Dänemark  zerschlugen  sich;  im  Frühjahr  griffen  die  Bewohner
der  Herzogtümer  abermals  zu  den  Waffen,  unterstützt  von  deutschen  Bundestruppen.
  Wieder  wurden  die  Dänen  geschlagen,  und  die  schleswig-holsteinische
Armec  verfolgte  den  Feind  bis  unter  die  Thore  von  Fridericia;  die  Bundestruppen
  folgten  nur  zögernd.  Zum  zweitenmal  ward  unter  dem  Druck  auswärtiger
  Mächte  ein  Waffenstillstand  geschlossen;  die  übrigen  deutschen  Bundestruppen
  kehrten  heim,  nur  die  Preußen  hielten  noch  Schleswig  besetzt.  Ein
ganzes  Jahr  ruhte  nun  der  Krieg;  dann  schloß  Preußen  mit  Dänemark  Frieden
und  überließ  die  Schleswig-Holsteiner  ihrem  Schicksal.  Aber  unverzagt  setzten
diese,  obwohl  sie  vor  Fridericia  durch  die  ausfallenden  Dänen  schon  eine  empfindliche
  Niederlage  erlitten  hatten,  den  Krieg  gegen  den  ihnen  jetzt  weit
überlegenen  Gegner  fort.  Nachdem  sie  auch  noch  bei  Idstedt  (Juli  1850)
geschlagen  waren,  vermochten  sie  sich  nur  mit  Mühe  noch  kurze  Zeit  zu  halten.
Inzwischen  hatte  sich  Preußen  auf  dem  Tage  zu  Olmütz  (S.  246)  vor  Rußland
  und  Osterreich  gebeugt;  Preußen  und  Osterreich  forderten  nun  von  den
Schleswig-Holsteinern  die  Einstellung  der  Feindseligkeiten  und  sandten  Truppen
ab,  um  sich  Gehorsam  zu#erzwingen.  In  dem  Londoner  Protokoll  (8.  Mai
1852)  bestimmten  dann  die  europäischen  Großmächte,  daß  der  dänische  Gesamtstagt
  ungeteilt  auf  den  Prinzen  Christian  von  Glücksburg  übergehen  solle.
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        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  245

Unterdes  war  auch  in  den  außerpreußischen  Ländern  Deutschlands  die
Revolution  unterdrückt  worden,  zum  Teil  mit  preußischer  Hilfe;  dem  Könige
von  Sachsen  eroberte  preußische  Garde  seine  Hauptstadt  zurück.  Nach  dem
Scheitern  der  Frankfurter  Nationalversammlung  hatten  sich  viele  Aufrührer
in  Baden  und  in  der  Pfalz  gesammelt,  und  ein  Teil  der  badischen  Truppen
war  zu  ihnen  übergegangen.  Deshalb  baten  die  badische  und  die  bayrische
Regierung  den  König  von  Preußen  um  Hilfe,  und  dieser  sandte  zwei  Armeekorps
  unter  dem  Oberbefehl  seines  Bruders  Wilhelm,  der  die  Aufständischen
bald  zu  Paaren  trieb.  Sie  räumten  die  Pfalz;  in  dem  Gefecht  bei  Waghäusel,
  in  welchem  des  Königs  Neffe  Prinz  Friedrich  Karl  seine  ersten
Kriegslorbeeren  pflückte,  wurden  sie  abermals  besiegt  und  zerstreuten  sich.
Damit  war  auch  in  Süddeutschland  Nuhe  und  Ordnung  wieder  hergestellt.

Die  Pläne  Friedrich  Wilhelms  IV.,  die  deutschen  Staaten  mit  Ausnahme
OSsterreichs  unter  Preußens  Führung  zu  einigen,  scheiterten.  Zwar  schloß  er
mit  den  Königen  von  Sachsen  und  Hannover  den  „Dreikönigsbund“,  der
sich  durch  Hinzutritt  einiger  kleinerer  Staaten  zu  der  „Union“  erweiterte;
aber  Bayern  und  Wirttemberg  wollten  sich  nicht  unter  Preußens  Führung
stellen  und  fanden  einen  Halt  an  Osterreich,  das  sich  jetzt  wieder  stark  fühlte,
nachdem  es  mit  russischer  Hilfe  auch  in  Ungarn  die  Revolution  unterdrückt
hatte.  Zunächst  zog  Österreich  die  beiden  süddeutschen  Königreiche  an  sich,
mit  des  Zaren  Hilfe  wurden  dann  auch  Sachsen  und  Hannover  der  Union
wieder  abtrünnig  gemacht.  Wohl  berief  Friedrich  Wilhelm  ein  aus  Abgeordneten
  der  Unionsstaaten  gebildetes  Parlament  nach  Erfurt,  das  die  von
Preußen  vorgeschlagene  Reichsverfassung  auch  annahm;  da  er  aber  keinen
Zwang  anwenden  wollte,  verringerte  sich  die  Zahl  der  Bundesglieder  immer
mehr,  so  daß  Osterreich  im  Bunde  mit  den  deutschen  Mittelstaaten  es  unternehmen
  konnte,  im  Mai  1850  den  verhaßten  Bundestag  in  Frankfurt  wieder
ins  Leben  zu  rufen.  So  war  Deutschland  in  zwei  Lager  gespalten.

Auch  Kurhessen  gehörte  der  Union  an,  und  seine  Verfassung  war  von
derselben  gewährleistet  worden.  Als  der  Kurfürst  nun  unter  dem  Einfluß
seines  Ministers  Hassenpflug  die  Union  verließ  und  wiederholt  die  Verfassung
verletzte,  verweigerten  ihm  die  Beamten,  Offiziere,  Städter  und  Landbewohner
den  Gehorsam;  deshalb  flüchtete  er  mit  seinem  Minister  nach  Frankfurt  und
rief  den  Deutschen  Bund  um  Hilfe  an,  der  sie  auch  bereitwilligst  gewährte.
In  dessen  Auftrage  rückten  bayrische  Truppen  in  Kurhessen  ein,  und  da  man
Preußens  Einschreiten  fürchtete,  so  rüsteten  auch  sterreich,  Sachsen  und  Württemberg.
  Preußen  fühlte  sich  schon  als  Haupt  der  Union  zum  Schutze  der  hessischen
Verfassung  verpflichtet  und  durfte  auch  deshalb  eine  Besetzung  Hessens  durch
fremde  Truppen  nicht  dulden,  weil  dadurch  die  Verbindung  zwischen  seinen
östlichen  und  seinen  westlichen  Provinzen  zerrissen  worden  wäre.  So  schien
der  Krieg  unvermeidlich.  Da  trat  auch  noch  Zar  Nikolaus  I.  auf  Österreichs
Seite,  und  Preußen  war  damit  vor  die  Entscheidung  gestellt,  zurückzuweichen,
oder  den  Kampf  mit  Osterreich,  Rußland  und  vielleicht  auch  England  aufzunehmen.
  Hierzu  war  es  bei  seiner  damaligen  Heeresverfassung  nicht  imstande.
  Vergebens  sandte  der  König  seinen  Minister  Grafen  Brandenburg
nach  Warschau  zum  Zaren,  um  diesen  für  die  preußischen  Bestrebungen  in
        <pb n="252" />
        246  Zweiter  Zeitraum.

Deutschland  zu  gewinnen;  der  Zar  verlangte,  Preußen  solle  die  „aufrühre—
rischen“  Schleswig-Holsteiner  und  die  „eidbrüchigen“  Kurhessen  nicht  gegen
ihren  rechtmäßigen  Landesherrn  unterstützen.  Das  preußische  Volk  war  über
diese  russische  Einmischung  erbittert  und  wünschte  den  Krieg,  der  König  aber
hielt  ihn  für  aussichtslos.  Er  berief  die  Truppen,  die  schon  in  Hessen  ein—
gerückt  waren,  wieder  zurück,  ließ  abrüsten  und  unterwarf  sich  in  Olmütz
allen  Forderungen  Osterreichs  und  Rußlands  (29.  November  1850).  Preußen
gab  die  Union  auf,  erklärte  sich  damit  einverstanden,  daß  die  Schleswig-Holsteiner
  und  Kurhessen  zur  Ruhe  gebracht  wurden,  und  erkannte  später
sogar  den  Bundestag  wieder  an.

4.  Jriedrich  Wilhelms  IV.  FJriedensarbeit.

Friedrich  Wilhelm  war  nicht  ein  Held  des  Schwertes;  seine  Verdienste
liegen  auf  dem  Gebiete  der  Friedensthätigkeit.  Nachdem  er  die  nach  Brandenburg
  verlegte,  aber  bedeutungslos  gewordene  Preußische  Nationalversammlung
aufgelöst  hatte,  gewährte  er  dem  Lande  (5.  Dezember  1848)  eine  freisinnige
Verfassung.  Diese  „oktroyierte  Verfassung“  wurde  dann  von  den  auf  Grund
eines  gleichzeitig  erlassenen  Wahlgesetzes  erwählten  Abgeordneten  beraten  und
teilweise  geändert,  die  so  „Revidierte  Verfassung“  vom  Könige  beschworen
und  am  31.  Januar  1850  eingeführt.  Damit  war  Preußen  in  die  Reihe
der  Verfassungsstaaten  eingetreten.=Der

  Hauptinhalt  der  Verfassung  ist  folgenderr  Z  Z

An  der  Spitze  des  Staates  steht  der  König.  Die  Königswürde  vererbt  im
Mannesstamme  des  Hohenzollernschen  Königshauses  nach  dem  Recht  der  Erstgeburt.
Der  König  ernennt  und  entläßt  die  Minister,  die  übrigen  Staatsbeamten  und  die
Offiziere;  er  hat  das  Recht  der  Strafmilderung  und  Begnadigung,  beruft,  eröffnet
und  schließt  den  Landtag,  bestätigt  durch  seine  Unterschrift  die  von  demselben  angenommenen
  Gesetze,  läßt  sie  veröffentlichen  und  wacht  über  deren  Ausführung.  Er
ist  auch  der  oberste  Bischof  der  evangelischen  Landeskirche.  .

Alle  Preußen  sind  vor  dem  Gesetze  gleich.  Die  pvernliche  Freiheit  ist  gewährleistet,
  die  Wohnung  und  das  Eigentum  unverletzlich.  Niemand  darf  seinem  gesetzlichen
  Richter  entzogen  werden.  Die  Freiheit  des  religiösen  Bekenntnisses  wird  gewährleistet;
  der  Genuß  der  bürgerlichen  und  staatsbürgerlichen  Rechte  ist  von  dem
religiösen  Bekenntnis  unabhängig.  Die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  ist  frei.  Eltern
dürfen  ihre  Kinder  nicht  ohne  den  Unterricht  lassen,  welcher  für  die  öffentlichen  Volksschulen
  vorgeschrieben  ist.  Alle  öffentlichen  und  Privat-Unterrichts=  und  Erziehungsanstalten
  stehen  unter  der  Aufsicht  vom  Staate  ernannter  Behörden.  In  der
öffentlichen  Volksschule  wird  der  Unterricht  unentgeltlich  erteilt.  Alle  Preußen
haben  das  Recht,  ihre  Meinung  durch  Wort,  Schrift  und  Bild  frei  zu  äußern,  sich
ohne  vorgängige  obrigkeitliche  Erlaubnis  friedlich  und  ohne  Waffen  in  geschlossenen
Räumen  zu  versammeln,  in  Gesellschaften  sich  zu  vereinigen,  an  Behörden  und  an
den  König  Bittschriften  zu  richten.  Alle  Preußen  sind  wehrpflichtig.  Das  Briefgeheimnis
  ist  unverletzlich.  1

Die  Gesetzgebung  in  Preußen  wird  ausgeübt  durch  den  König  und  den
Landtagj  letzterer  besteht  aus  dem  Herrenhause  und  dem  Abgeordnetenhause.
Die  Ubereinstimmmg  des  Königs  und  beider  Häuser  des  Landtags  ist  zu  jedem  Gesetz
erforderlich.  Dem  Könige  sowie  beiden  Häusern  des  Landtags  steht  das  Recht  zu,
Gesetze  vorzuschlagen.  #

Das  Herrenhaus  besteht  aus  Prinzen  des  Königlichen  Hauses,  sobald  sie
vom  Könige  dazu  berufen  werden,  aus  Mitgliedern  mit  erblicher  Berechtigung  und
aus  Mitgliedern,  welche  auf  Lebenszeit  berufen  werden.  Die  Bab##  der  Herrenhausmitglieder

  ist  nicht  beschränkt.
        <pb n="253" />
        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  TV.  247

Das  Abgeordnetenhaus  besteht  aus  433  Mitgliedern:  die  vom  Volke  in
offener,  indirekter  Wahl  gewählt  werden.  Die  Legislaturperiode  währt  5  Jahre.
Jeder  Preuße,  welcher  das  25.  Lebensijahr  vollendet  hat  und  in  der  Gemeinde,  in
welcher  er  seinen  Wohnsitz  hat,  die  Befähigung  zu  den  Gemeindewahlen  besitzt,  ist
stimmberechtigter  Urwähler.  Wählbar  ist  jeder  mindestens  30  Jahre  alte  Preuße,  der
im  Vollbesitz  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  ist  und  mindestens  ein  Jahr  in  Preußen
gewohnt  hat.  (Aktives,  passives  Wahlrecht.)

Auf  je  250  Einwohner  ist  ein  Wahlmann  zu  wählen.  Die  Urwähler  eines
Wahlbezirks  werden  nach  der  Höhe  der  von  ihnen  zu  entrichtenden  direkten  Staatssteuer
  in  drei  Abteilungen  gebracht,  so  daß  auf  jede  Abteilung  ein  Drittel  der  Gesamtsumme
  der  Steuerbeträge  aller  Urwähler  entfällt.  Die  erste  Abteilung  besteht
aus  denjenigen  Urwählern,  welche  die  höchsten  Steuern  zahlen.  Die  Wahlmänner
des  ganzen  Bezirks  wählen  den  "
Abgeordneten.  Der  Landtag  wird
vom  Könige  regelmäßig  alljährlich
  und  außerdem,  so  ast  es  die
Umstände  erheischen,  einberufen.
Der  König  kann  den  Landtag
auch  vertagen  und  das  Abge—
ordnetenhaus  auflösen;  in  letzterem
  Falle  muß  eine  Neuwahl
stattfinden.  Beide  Häuser  des
Landtags  beraten  getrennt.  Die
Zustimmung  des  Landtags  ist
erforderlich  zu  jedem  Gessetze,
zur  Feststellung  des  jährlichen
Staatshaushalts,  zur  Aufnahme
von  Staatsanleihen,  zur  Einführung
  neuer  und  Erhöhung
bisher  schon  erhobener  Steuern,
zum  Abschluß  von  Verträgen,
welche  dem  Staate  neue  Lasten
auferlegen  oder  das  Staatsgebiet
  ändern.  Außerdem  steht
dem  Landtage  die  Aufsicht  über  „
alle  Zweige  der  Staatsverwal-  Prinz  Adalbert.
tung  zu.

Das  preußische  Volk  empfand  den  Tag  von  Olmütz  wie  ein  zweites
Jena.  Osterreich  aber  triumphierte  und  suchte  Preußen  noch  den  Einfluß  zu
entreißen,  welchen  es  als  Vormacht  des  Zollvereins  ausübte.  Da  die  unter
den  Zollvereinsstaaten  abgeschlossenen  Verträge  mit  dem  Jahre  1853  abliefen,
  bot  Osterreich  alles  auf,  um  selber  in  den  Zollverein  aufgenommen  zu
werden  und  dadurch  Preußens  Ubergewicht  unschädlich  zu  machen,  oder  mit
den  süddentschen  Staaten  einen  neuen  Zollverein  zu  schließen.  Aber  Preußen
blieb  fest,  zudem  waren  die  übrigen  deutschen  Staaten  durch  ihre  Lage  oder
ihre  wirtschaftlichen  Verhältnisse  auf  Preußen  angewiesen;  deshalb  erneuerten
sie  die  alten  Verträge  abermals  auf  zwölf  Jahre  (bis  Ende  1865),  auch
Hannover  und  Oldenburg  traten  jetzt  bei.  Zum  Schutze  des  Handels  übernahm
  Preußen  für  die  übrigen  Staaten  des  Zollvereins  die  Last  der  Seewehr,
  erwarb  Kriegsschiffe  und  kaufte  1853  von  Oldenburg  am  Jadebusen
ein  Stück  Landes  zur  Erbauung  eines  Kriegshafens,  der  1869  unter  dem
Namen  Wilhelmshaven  eröffnet  wurde.  Die  kleine  Flotte  vergrößerte
sich  unter  der  Leitung  des  Prinzen  Adalbert  allmählich  und  konnte
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        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  240

schon  1856  einen  Angriff  auf  die  an  der  nordafrikanischen  Küste  hausenden
„Riffpiraten“  wagen.  —  Eine  kleine  Vergrößerung  erfuhr  Preußen  dadurch,
daß  ihm  die  hohenzollernschen  Fürsten  von  Hechingen  und  von  Sigmaringen
  1850  ihre  Länder  (1142  qklm  mit  65000  Bewohnern)  gegen
ein  Jahresgehalt  abtraten.  Dagegen  verzichtete  Preußen  (1857)  auf  die
ihm  aus  der  oranischen  Erbschaft  zustehende  Landeshoheit  in  Neuenburg
(S.  88),  der  sich  dieses  Ländchen  schon  1848  entzogen  hatte.

Die  Friedenszeit  kam  zunächst  den  Landbewohnern  zu  gute,  die  auch
von  den  Unruhen  der  Revolution  fast  ganz  unberührt  blieben.  Noch  mehr
als  schon  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  zeigten  sich  jetzt  die  Früchte  der  Bauernbefreiung,
  der  Gemeinheitsteilung  und  des  Schulzwanges.  Der  Bauer  war
fortan  mehr  befähigt  und  bestrebt,  die  Neuerungen  im  landwirtschaftlichen
Betriebe  zu  benutzen:  er  rundete  seinen  Besitz  ab  und  vergrößerte  ihn  durch
Neukultur.  Allein  in  drei  Jahren  (1849—  552)  wurden  in  Preußen  über
10000  qkm  urbar  gemacht.  Noch  auffälliger  hob  sich  besonders  infolge  der
Benutzung  der  Dampfkraft  die  Industrie.  Schon  die  erste  Industrieausstellung
  in  Berlin  (1844)  zeigte,  welch  hohen  Aufschwung  das  deutsche  Gewerbe
  genommen;  auf  der  Weltausstellung  in  London  (1851)  und  noch
mehr  auf  der  in  Paris  (1855)  mußten  Engländer  und  Franzosen  zugestehen,
daß  sie  von  den  Deutschen  in  mehreren  Industriezweigen  bereits  übertroffen
seien.  Elberfeld  -Barmen  konnte  in  Geweben  mit  Manchester,  Solingen  in
Stahlwaren  mit  Lüttich  erfolgreich  wetteifern.  Krupps  Gußstahlwerk  in  Essen
erhob  sich  zum  ersten  Stahlwerk  und  zur  größten  Geschützfabrik  der  Erde.
Borsig  in  Berlin,  der  (1841)  die  erste  Lokomotive  auf  deutschem  Boden  erbaute,
  überflügelte  im  Maschinenbau  die  Engländer.  Mit  dem  Gewerbe  hob
sich  auch  der  Handel,  der  seinerseits  wieder  das  Gewerbe  förderte,  während
beide  durch  das  stetig  sich  erweiternde  Netz  der  Eisenbahnen  die  größte
Unterstützung  fanden.  Der  König  stand  diesen  freundlicher  gegenüber  als
sein  Vater,  gewährte  den  Eisenbahngesellschaften  manche  Vergünstigungen  und
ließ  auch  einige  Strecken  auf  Staatskosten  erbauen;  die  Eisenbahnbrücke  bei
Dirschau  gehörte  lange  Zeit  zu  den  großartigsten  Brückenbauten  der  Welt.
Gegen  Ende  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  gab  es  in  Preußen  gegen
5000  km  Eisenbahnen,  und  das  ganze  Königreich  wurde  von  mehreren
Leitungen  des  elektrischen  Telegraphen  durchzogen.  Diesem  Aufschwunge
des  Landes  entsprechend  errichtete  der  König  1848  das  (7.)  landwirtschaftliche
  Ministerium  und  das  (8.)  Ministerium  für  Handel,  Gewerbe
  und  öffentliche  Arbeiten.  1

Mit  noch  größerer  Vorliebe  pflegte  der  König  das  geistige  Wohl  seines
Volkes.  Um  der  Volksschule  einen  streng  religiösen  Charakter  zu  wahren,
erließ  er  „die  drei  preußischen  Regulative  vom  1.,  2.  und  3.  Oktober
  1854  über  Einrichtung  des  evangelischen  Seminar-,  Präparanden=  und
Elementarschulunterrichts“,  durch  welche  er  diesen  Anstalten  bestimmte,  wenn
auch  niedrig  bemessene  Ziele  steckte.  Die  Wissenschaft  fand  damals  nirgends
bessere  Pflege  als  in  Preußen  (S.  233).  Hier  wirkten  die  Sprachforscher
Jakob  und  Wilhelm  Grimm,  der  Geograph  Karl  Ritter,  die  Geschichtschreiber
  Mommsen,  Giesebrecht,  Max  Duncker,  Curtius,  von  Sybel
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        Der  Dom  zu  Köln.

           
                 
      
   

 

 

 

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        7.  Erhebun  Preußegns  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  251

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Reiterstandbild-  Friedrichs  des  Großen  in  Berlin  von  Rauch.
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        252  Zweiter  Zeitraum.

und  Leopold  von  Ranke;  ferner  die  Brüder  Alexander  und  Wilhelm
von  Humboldt,  Helmholtz,  der  Erfinder  des  Augenspiegels,  Ehrenberg,
der  Erforscher  der  Infusorien,  Dove,  der  Begründer  der  Meteorologie,  und
der  berühmte  Augenarzt  Gräfe.  Auch  Dichter  wie  Tieck,  Wilhelm  von
Schlegel  und  Rückert  wußte  der  König  nach  Berlin  zu  ziehen;  andere  wie
Geibel  und  R.  Löwenstein  erfreuten  sich  seiner  Freigebigkeit.  Von  den  Künsten
schätzte  der  König  besonders  die  Baukunst.  Er  verschönerte  das  Königliche
Schloß  in  Berlin  durch  Erbauung  der  Schloßkapelle  mit  der  majestätischen
Kuppel,  errichtete  das  Neue  Museum,  dessen  Treppenhaus  Kaulbach  mit
kulturgeschichtlichen  Wandgemälden  schmückte,  und  baute  das  vom  Feuer  zerstörte
  Opernhaus  wieder  auf.  In  der  Stille  des  Parkes  von  Sanssouci  ließ
der  König  die  Friedenskirche  erbauen,  in  der  er  einst  ruhen  wollte;  die

 

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Alexander  von  Humboldt.  Wilhelm  von  Humboldt.

Marienburg  (S.  15),  das  Schloß  Stolzenfels  bei  Koblenz,  die  Burg  Hohen—
zollern  (S.  39),  das  Münster  zu  Aachen,  der  Kölner  Dom,  im  ganzen  130  Kirchen
wurden  durch  den  König  wiederhergestellt  und  300  neu  gebaut.  Der  Bildhauer
Rauch  (S.  233)  schuf  das  herrliche  Reiterstandbild  Friedrichs  des  Großen,
Drake  das  Marmorbild  Friedrich  Wilhelms  III.  im  Tiergarten.  Auch  der
Musik  wandte  er  seine  Teilnahme  zu;  vor  allem  erfreuten  sich  Mehyerbeer
und  Mendelssohn-Bartholdy  des  königlichen  Wohlwollens.

«  Schon  als  Kronprinz  hatte  Friedrich  Wilhelm  die  Stammburg  seines  Geschlechts
besucht  und  für  deren  Ausbesserung  Sorge  getragen;  als  König,  und  nachdem  das
Ländchen  Hohenzollern  an  Preußen  abgetreten  war,  hat  er  sie  in  alter  Herrlichkeit
wieder  aufbauen  lassen.  Hoch  oben  auf  dem  Adlerthor,  dem  Haupteingange  zur
Burg,  steht  der  mächtige  preußische  Adler  mit  dem  Zollernschild  auf  der  Brust  und
darunter  der  von  Friedrich  Wilhelm  IV.  geschaffene  Wahlspruch  des  königlichen
Hausordens  von  Hohenzollern:  Vom  Fels  zum  Meer.  Was  der  König  damit
andeuten  wollte,  sagt  der  Dichter  O.  F.  Gruppe  mit  folgenden  Worten:

Vom  Fels  zum  Meer!  Vom  Hohenzollern
Stiegt  ihr  herab  in  breites  Land,

Ein  Strom  mit  Wogen,  immer  vollern,
Der  niemals  sich  verläuft  im  Sand.
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        7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  253

Vom  Fels  zum  Meer  sei  ganz  vollendet
Der  Hohenzollern  große  Bahn,

Von  ihren  Höhen  uns  gesendet!

Vom  Fels  zum  Mecer!  Zum  Ozean!

 

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Die  Friedenskirche  bei  Potsdam.

Friedrich  Wilhelm  hat  aber  nicht  nur  durch  Kirchenbauten  sein  Interesse
für  die  Kirche  bezeugt.  Mit  Betrübnis  bemerkte  er  das  Uberhandnehmen  des
Unglaubens  und  der  Jagd  nach  irdischem  Glück.  Um  der  cvangelischen  Kirche
eine  freiere  Wirksamkeit  zu  ermöglichen,  stellte  er  sie  (1850)  unter  eine  eigene
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        254  Zweiter  Zeitraum.

Behörde,  den  „Evangelischen  Oberkirchenrat“,  und  beabsichtigte  schon
durch  Gewährung  einer  Synodalordnung  eine  größere  Beteiligung  der  Laien
am  Kirchenwesen.  Noch  erfolgreicher  war  das  Bestreben,  dem  kirchlichen  Leben
durch  die  innere  Mission  aufzuhelfen.  Der  edle  Wichern  hatte  das  Rauhe
Haus  bei  Hamburg,  ein  Rettungs=  und  Brüderhaus,  Pastor  Fliedner  das
Diakonissenhaus  zu  Kaiserswerth  gegründet;  beide  Anstalten  wurden  ein  Vorbild
  für  ganz  Deutschland.  Alle  solche  Bemühungen,  durch  werkthätige  christliche
  Liebe  den  Glauben  des  Volkes  zu  befruchten,  fanden  bei  dem  frommen
Königspaar  thatkräftige  Unterstützung;  z  als  Heimstätte  für  freiwillige  Krankenpflege
  errichtete  der  König  in  Berlin  das  Krankenhaus  Bethanien.  —  Im
Verein  mit  England  stiftete  er  ein  evangelisches  Bistum  in  Jerusalem.

Die  Aufregungen  der  unruhigen  Jahre  1848—1852  hatten  den  lebhaften,
  aber  sehr  reizbaren  Geist  des  Königs  hart  angegriffen;  schon  seit  Jahren
bemerkte  man  eine  Veränderung  in  seinem  Wesen,  dann  trat  die  Krankheit,
ein  schweres  Gehirnleiden,  offen  zu  Tage.  Zunächst  übernahm  1857  der  Prinz
von  Preußen  die  Stellvertretung  seines  Königlichen  Bruders,  dann  aber,
als  sich  herausstellte,  daß  der  König  von  einer  unheilbaren  Geistesstörung
befallen  sei,  1858  die  Neg  entschaft,  also  die  selbständige  Leitung  der  Staatsgeschäfte.
  Erst  am  2.  Januar  1861  wurde  der  schwer  heimgesuchte  König
von  seinem  mit  Ergebung  getragenen  Leiden,  das  dic  edle  Königin  auf  jede
Weise  zu  mildern  suchte,  erlöst.  Seine  irdischen  Überreste  wurden  in  der
Friedenskirche  bei  Potsdam  bestattet,  sein  Herz  aber  in  einer  Metallkapsel  zu
den  Füßen  seiner  Eltern  beigesetzt.  Sein  Bruder  und  Nachfolger  König
Wilhelm  sagte  von  dem  Entschlafenen:  „Niemals  hat  eines  Königs  Herz  treuer
für  seines  Volkes  Wohl  geschlagen.  Dem  Könige,  der  so  Großes  zu  begründen
  wußte,  und  dessen  unvergeßliches  Wort:  Ich  und  mein  Haus,
wir  wollen  dem  Herrn  dienens,  auch  Meine  Seele  erfüllt,  gebührt
ein  hervorragender  Platz  in  der  glorreichen  Reihe  der  Monarchen,  welchen

Preußen  seine  Größe  verdankt,  welche  es  zum  Träger  des  deutschen  Geistes
machten.“
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        Dritter  Zeitraum.
Breußen  als  Vormacht  des  Deutschen  Kaiserreichs.

I.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs
durch  Kaiser  Wilbelm  den  Großen.
1861-1888.

1.  Jugend  und  erlke  Regierungsjahre
1  Willelms  I.

rinz  Wilhelm,  der  zweite  Sohn  Friedrich  Wilhelms
  III.,  war  am  22.  März  1797  geboren.  Da  er
als  Kind  oft  krank  war,  erfreute  er  sich  in  besonderem
Maße  der  sorgsamen  Pflege  seiner  Mutter,  der  Königin
Luise.  Als  mit  dem  Tage  von  Jena  die  schwere  Heimsuchung
  über  das  Königliche  Haus  und  das  ganze  Land
hereinbrach,  war  der  Prinz  schon  alt  genug,  den  Schmerz
mitzuempfinden,  und  unauslöschlich  prägte  sich  ihm  das
V##  Bild  der  weinenden  Mutter  ein,  die  auf  der  Flucht  in  Schwedt

190  zu  ihren  Söhnen  sprach:  „Ihr  seht  mich  in  Thränen,  ich  beweine
den  Untergang  der  Armee.  Handelt,  entwickelt  eure  Kräftel!
Vielleicht  läßt  Preußens  Schutzgeist  sich  auf  euch  hernieder!“
  Schon  nach  wenigen  Jahren  mußte  er  an  dem  Sterbelager
  der  geliebten  Mutter  stehen.  Der  Kronprinz  war  lebhaft,  voll  geistreicher
  Einfälle,  Prinz  Wilhelm  dagegen  wie  der  Vater,  mit  dem  er  auch
äußerlich  die  meiste  Ahnlichkeit  hatte,  einfach,  bieder  und  verständig;  schon
früh  zeigte  sich  seine  große  militärische  Begabung.  Wegen  seiner  nicht  festen
Gesundheit  durfte  er  1813  nicht  sofort  mit  ins  Feld  ziehen;  wie  freute  er
sich  daher,  als  sein  Vater  ihn  bald  nach  der  Schlacht  bei  Leipzig  abholte.
In  dem  Gefecht  bei  Bar  fur  Aube  (S.  218)  erwarb  er  sich  durch  seine
Unerschrockenheit  den  russischen  Georgsorden  und  das  Eiserne  Kreuz;  auch
zog  er  zweimal  mit  in  Paris  ein.  Nach  dem  Kriege  widmete  er  sich  ganz
der  militärischen  Laufbahn  und  wurde  durch  Pünktlichkeit,  praktischen  Blick
und  reiche  Kenntnisse  das  Vorbild  des  ganzen  Heeres.

Da  die  Ehe  des  Kronprinzen  kinderlos  blieb,  so  wurde  Prinz  Wilhelm
nach  des  Vaters  Tode  zum  Thronerben  ausersehen  und  erhielt  den  Namen
Prinz  von  Preußen;  er  stand  seitdem  seinem  Königlichen  Bruder  treu  zur
Seite  und  ordnete  die  militärischen  Angelegenheiten  fast  selbständig.  In  den
Revolutionstagen  (1848)  riet  er  dem  Könige,  nicht  nachzugeben,  und  mußte

   
  
  

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        256  Dritter  Zeitraum.

deswegen  vor  der  Wut  des  Volkes  das  Land  verlassen;  als  er  hörte,  daß
man  an  sein  Palais  das  Wort  „Nationaleigentum“  geschrieben  habe,  sagte  er:
„Nicht  mein  Palais,  wohl  aber  mein  Herz  gehört  der  Nation.“  Mit  der
Ablehnung  der  Kaiserkrone  war  er  durchaus  einverstanden.  Er  schrieb  damals:

 

 

„Wer  Deutschland  regieren  will,  muß  es  sich  erobern.  Daß
Preußen  bestimmt  ist,  an  die  Spitze  von  Deutschland  zu  kommen,
liegt  in  unserer  ganzen  Geschichte.“  Im  Juni  1849  zum  Oberbefehlshaber
  der  Armee  in  Baden  und  in  der  Pfalz  ernannt,  offenbarte  er
zum  erstenmal  sein  Feldherrntalent:  in  weniger  als  einem  Monat  trieb  er
alle  Aufständischen  auseinander  oder  über  die  schweizerische  Grenze.  —  Seit
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  257

dem  11.  Juni  1829  war  der  Prinz  mit  der  Prinzessin  Augusta  von
Sachsen-Weimar  vermählt,  die  ihren  Gemahl  am  18.  Oktober  1831  mit
einem  Sohne,  dem  Prinzen  Friedrich  Wilhelm,  und  1838  mit  einer  Tochter,
der  Prinzessin  Luise,  beschenkte.  Am  liebsten  weilte  der  Prinz  von  Preußen

 

 

auf  Schloß  Babelsberg,  das  er  sich  an  den  lieblichen  Havelseen  bei  Potsdam
hatte  erbauen  lassen;  doch  wohnte  er  in  den  letzten  Jahren  als  Militärgouverneur
  von  Rheinland  und  Westfalen  meistens  in  Koblenz,  wo  seine  Gemahlin
  die  berühmten  Rheinanlagen  schuf.

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  17
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  250

Als  Stellvertreter  des  Königs  (seit  1857)  hatte  der  Prinz  die  Regierung
mit  Selbstverleugnung  ganz  im  Sinne  seines  Bruders  geführt;  als  Prinzregent
  (seit  1858)  aber  war  er  selber  verantwortlich  und  durfte  nach  eigener
Uberzeugung  handeln.  Vor  versammeltem  Landtage  schwur  er,  die  Verfassung
des  Landes  unvperbrüchlich  zu  halten,  berief  ein  liberales.  Ministerium  und
legte  ihm  in  klaren,  entschiedenen  Worten  die  Grundsätze  dar,  nach  denen  er
die  Regierung  zu  führen  gedenke.  Das  Wohl  der  Krone  und  das  des  Landes,
sagte  er,  sei  unzertrennlich.  Die  Armee,  die  Preußens  Größe  geschaffen,  müsse
mächtig  und  angesehen  sein;  nach  außen  müsse  Preußen  seine  Unabhängigkeit

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wahren,  in  Deutschland  nur  moralische  Eroberungen  machen.  Die  Welt  müsse
wissen,  daß  es  überall  das  Recht  zu  schützen  bereit  sei.  Bald  sollte  Europa
erfahren,  daß  in  Preußen  das  Staatsruder  in  fester  Hand  ruhte.

In  dem  Kriege,  den  1859  Sardinien  mit  französischer  Hilfe  gegen
Osterreich  um  die  Vorherrschaft  in  Italien  und  um  die  Einigung  dieses
Landes  führte  und  in  dem  Osterreich  die  Lombardei  verlor,  sah  sich  Preußen
genötigt,  zur  Verhütung  eines  französischen  Ubergriffs  einen  Teil  seines  Heeres
kriegsbereit  zu  machen.  Dabei  wurden  empfindliche  Mängel  des  preußischen
Heerwesens  bloßgelegt.  Obwohl  nämlich  seit  1814  jeder  Preuße  wehrpflichtig  war,
wurden  trotz  der  stetigen  Zunahme  der  Bevölkerung  von  11  auf  18  Millionen
doch  jährlich  nur  40  000  Rekruten  eingezogen;  da  sie  drei  Jahre  in  der  Linie

177
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        260  Dritter  Zeitraum.

und  nur  zwei  Jahre  in  der  Reserve,  dann  je  sieben  Jahre  in  der  Landwehr
ersten  und  zweiten  Aufgebots  dienten,  so  mußte  man  bei  einer  Mobilmachung,
um  ein  hinreichend  großes  Heer  aufstellen  zu  können,  sofort  die  Landwehr
ersten  Aufgebots  mit  einziehen,  wodurch  viele  Familienväter  ihren  Familien
entzogen  wurden,  während  viele  junge,  aber  nicht  dienstpflichtige  Leute  zu  Hause
blieben.  Sobald  daher  der  Prinzregent  am  2.  Januar  1861  den  Thron

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Moltke.

bestiegen  hatte,  nahm  er  die  Heeresorganisation  sofort  in  Angriff.  Nach
seinem  Wunsche  sollte  die  Zahl  der  jährlich  auszuhebenden  Rekruten  um  die
Hälfte  erhöht,  die  Dienstzeit  in  der  Reserve  um  drei  Jahre  verlängert,  die
in  der  Landwehr  um  dieselbe  Zeit  verkürzt  werden.  Der  Grundgedanke  dieser
Heeresreform  ist  König  Wilhelms  „eigenstes  Werk“,  zu  ihrer  Ausführung  berief
er  1859  vor  allem  den  General  von  Roon  zum  Kriegsminister,  der  den
Entwurf  im  einzelnen  durcharbeiten  und  vor  dem  Landtage  vertreten  sollte.
An  der  Spitze  des  Generalstabes  stand  seit  1858  der  General  von  Moltke
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.

261

Albrecht  von  Roon,  als  Sohn  eines  Rittergutsbesitzers  bei  Kolberg  geboren,
war  dem  Prinzen  Wilhelm  während  des  Feldzuges  in  Baden  bekannt  geworden  und

wurde  später  von  ihm  beauftragt,
einen  Plan  über  die  Umgestaltung
des  Heeres  auszuarbeiten.  Den  glänzendsten
  Beweis  für  seine  Tüchngkeit
legte  Roon  1870  durch  die  Mobilmachung
  des  Norddeutschen  Heeres  ab.
Hellmuth  von  Moltke  wurde
1800  als  Sohn  eines  dänischen  Offiziers
in  der  mecklenburgischen  Stadt  Parchim
geboren,  war  zuerst  dänischer  Offizier,
trat  dann  aber  in  preußische  Dienste.
Durch  eine  vorzügliche  Arbeit  gewann
er  das  Wohlwollen  des  Prinzen  Wilhelm
und  ward  zum  großen  Generalstabe
kommandiert.  Vier  Jahre  hielt  er  sich
im  Morgenlande  auf  und  beteiligte  sich
an  der  Neugestaltung  des  türkischen
Heeres.  Bald  nach  seiner  Rückkehr
wurde  er  Adjutant  des  späteren  Kaisers
Friedrich,  den  er  auf  dessen  weiten
eisen  begleitete.  Die  Pläne  für  die
Feldzüge  des  preußischen  und  deutschen
Heeres  von  1864,  1866  und  1870  sind
Moltkes  Werk.

Dem  Landtage,  der  die
Heeresreform  genehmigen  und  vor
allem  das  für  die  Einstellung  einer
größeren  Zahl  von  Rekruten  erforderliche
  Geld  bewilligen  mußte,
wollte  der  Nutzen  der  Heeresverbesserung
  nicht  einleuchten;  die
einen  fürchteten  eine  Uberbürdung
des  Volkes,  die  andern  tadelten  die
Zurücksetzung  der  Landwehr,  die
sich  doch  1813  so  unsterbliche  Verdienste
  erworben  habe.  Trotz  der
klaren  und  sachlichen  Verteidigung
Roons  bewilligte  der  Landtag  die
geforderten  Geldmittel  nur  auf  ein
Jahr,  lehnte  aber  die  übrigen  neuen
Bestimmungen  des  Wehrgesetzes  ab.
Der  König  war  fest  entschlossen,
die  von  ihm  als  notwendig  erkannte
Heeresreform  nicht  aufzugeben,  und
verlieh  den  neugebildeten  Regimen-    


 
   
 

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Standbild  Wilhelms  I.  im  Krönungsornat
vor  dem  Schlosse  zu  Königsberg.

tern  Fahnen  und  Standarten.  Das  Herrenhaus  stand  auf  seiner  Seite;  das
Abgeordnetenhaus  aber  gewährte  die  Mittel  wieder  nur  auf  ein  Jahr.
Das  Volk  war  von  Aufwieglern  bereits  so  verhetzt,  daß  der  Student  Becker,
ein  geborener  Deutsch-Russe,  den  König  während  seines  Sommeraufenthaltes
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        262  Dritter  Zeitraum.

in  Baden-Baden  als  einen  Feind  des  Volkes  zu  ermorden  versuchte.  Zum
Glück  wurde  der  König  nur  leicht  verwundet;  er  ließ  sich  dadurch  auch  nicht
erbittern,  beschränkte  die  Volksfreiheit  nicht,  fand  vielmehr  Trost  in  dem  Ge—
danken,  daß  Gott  ihn  sichtbarlich  beschützt  habe,  und  stellte  sich  fortan  noch
entschiedener  unter  seine  Führung.  Um  sich  vor  ihm  in  Demut  zu  beugen
und  vor  aller  Welt  zu  bekunden,  daß  er  die  Krone  nur  Gott  verdanke,  ließ
er  sich  am  18.  Oktober  1861  zu  Königsberg  feierlich  krönen.  Indem  er  wie
einst  sein  Ahnherr  selber  die  Krone  sich  aufsetzte,  sprach  er:  „Ich  empfange
diese  Krone  von  Gottes  Hand.“  Dies  Wort  war  nicht  nach  dem  Herzen  der
Demokraten,  die  ihre  Wühlercien  jetzt  um  so  eifriger  fortsetzten.

 

Bismarck.

Bei  der  Neuwahl  zum  Abgeordnetenhause  erlangte  die  sogenannte  „deutsche
Fortschrittspartei"  die  Oberhand;  wieder  wurde  die  Militärvorlage  abgelehnt,
aber  um  so  entschiedener  bestand  der  König  auf  deren  Durchführung  und
berief  dazu  in  Otto  von  Bismarck  den  geeigneten  Mann  (1862).

Otto  von  Bismarck,  am  1.  April  1815  auf  Schönhausen  in  der  Altmark
geboren,  entstammt  einem  alten  brandenburgischen  Adelsgeschlechte.  Er  studierte
Rechtswissenschaft.  Nach  bestandenem  Examen  war  er  ein  Jahr  Referendar  und
arbeitete  noch  zwei  Jahre  in  der  Verwaltung,  dann  kehrte  er  auf  sein  väterliches  Gut
zurück.  In  dem  Vereinigten  Landtage  focht  er  mit  seltener  Unerschrockenheit,
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  263

schneidender  Schärfe  und  unübertrefflicher  Schlagfertigkeit  den  Kampf  für  Monarchie
und  Christentum,  und  ebenso  lernte  ihn  der  König  in  den  Revolutionstagen  als  einen
unerschrocknen,  königstreuen  Mann  schätzen.  1851  zum  preußischen  Gesandten  beim
Deutschen  Bunde  ernannt,  verteidigte  Bismarck  acht  Jahre  lang  Preußens  Macht
und  Ehre  gegen  Osterreichs  Uberhebung;  von  1859  bis  1862  war  er  in  gleicher
Eigenschaft  in  Petersburg  und  darauf  noch  ein  halbes  Jahr  in  Paris.  Im  September
  1862  ward  Bismarck  zum  Ministerpräsidenten  berufen;  diese  einflußreiche
Stellung  hat  er  neben  der  eines  Reichskanzlers  (seit  1871)  bis  1890  bekleidet.  Für
seine  großen  Verdienste  um  Preußen  und  Deutschland  ist  er  1865  in  den  Grafenstand,
  1871  in  den  Fürstenstand  und  1890  beim  Austritt  aus  dem  Staatsdienst  zum
Herzog  von  Lauenburg  erhoben  worden.  Die  Dankbarkeit  des  deutschen  Volkes
zeigte  sich  am  deutlichsten  durch  die  allgemeine  Ehrenfeier  seines  70.  und  seines  80.  Geburtstages
  sowie  durch  die  zahlreichen  Huldigungen,  welche  dem  Altreichskanzler  in
seinem  Ruhesitze  Friedrichsruh  dargebracht  wurden.  In  Friedrichsruh  ist  er  am
30.  Juli  1898  gestorben;  dort  hat  er  auch  nach  seinem  Wunsche  im  Schatten  des

7

Sachsenwaldes  seine  letzte  Ruhestätte  gesunden.

In  Preußen  war  Bismarck  als  der  „bestgehaßte  Junker“  bekannt,  deshalb
empfing  ihn  die  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses  mit  Mißtrauen.  Er  trat
den  Abgeordneten  zuerst  mit  versöhnlichen  Worten  entgegen  und  erklärte,  er
wolle  dasselbe  wie  sie:  die  ungünstigen  Grenzen  Preußens  und  die  deutschen
Bundesverhältnisse  verbessern;  „aber,“  fuhr  er  fort,  „nicht  durch  Reden
und  Mehrheitsbeschlüsse  werden  die  großen  Fragen  der  Zeit  entschieden,
  sondern  durch  Blut  und  Eisen.“  Deshalb  müßten  sie  auch
die  für  die  Heeresreform  erforderlichen  Mittel  bewilligen.  Aber  wieder  verweigerte
  das  Abgeordnetenhaus  diese  Mittel,  während  das  Herrenhaus  sie
genehmigte.  Da  schloß  Bismarck  im  Auftrage  des  Königs  den  Landtag  und
erklärte,  die  Regierung  werde  die  notwendigen  Ausgaben  auch  ohne  die  Genehmigung
  des  Landtages  bestreiten,  hoffe  aber  auf  nachträgliche  Genehmigung.
Der  König  litt  schwer  unter  diesem  Verfassungskonflikt.  „Ich  schlafe
keine  Nacht!“  klagte  er  und  war  bereit,  zu  Gunsten  seines  Sohnes  abzudanken,
wenn  es  zum  Wohle  des  Landes  beitragen  könne;  der  Kronprinz  aber  erklärte,
er  halte  die  Heeresreform  ebenfalls  für  unbedingt  notwendig.  Auch  die  auswärtigen
  Verhältnisse  trugen  noch  dazu  bei,  den  Zwist  zwischen  der  Regierung
und  dem  Abgeordnetenhause  zu  verschärfen.  Ende  1862  brach  nämlich  im
russischen  Polen  ein  Aufstand  aus;  sofort  sperrte  der  König  trotz  des  Widerspruchs
  der  Fortschrittspartei  die  russisch-deutsche  Grenze,  verhinderte  dadurch
das  Hinübergreifen  des  Aufstandes  nach  Posen  und  erleichterte  Rußland  die
Unterdrückung  desselben,  wodurch  er  sich  Kaiser  Alexander  zu  Dank  verpflichtete.
  Von  der  Unbeliebtheit  der  preußischen  Regierung  glaubte  der
Kaiser  von  Osterreich  Nutzen  ziehen  zu  können.  Er  berief  1863  einen
Fürstentag  nach  Frankfurt  a.  M.  und  legte  diesem  einen  Reformplan  vor,
nach  welchem  hinfort  an  Deutschlands  Spitze  ein  Direktorium  mit  Osterreich
als  Vorsitzenden  und  Preußen  und  Bayern  als  Beisitzern  stehen  sollte.
König  Wilhelm  erschien  trotz  wiederholter  Einladung  nicht,  verwarf  auch  den
österreichischen  Reformplan  und  verlangte  „eine  aus  direkter  Beteiligung  der
ganzen  Nation  hervorgehende  Nationalversammlung“.  Deshalb  zerfiel  das
ganze  Vorhaben  des  Kaisers  in  sich  selber.  Bald  sollten  andere  auswärtige
Verhältnisse  Preußen  nicht  nur  den  inneren  Frieden  wiedergeben,  sondern
ihm  auch  Ruhm  und  Vergrößerung  bringen.
        <pb n="270" />
        264  Dritter  Zeitraum.

2.  Der  RKrieg  gegen  Dänemark.?)

Im  November  1863  starb  Friedrich  VII.,  der  letzte  König  aus  der
männlichen  Linie  des  dänischen  Herrscherhauses;  ihm  folgte  nach  dem  Londoner
Protokoll  Christian  IX.,  der,  durch  revolutionäre  Drohungen  seiner  Hauptstadt
  gedrängt,  eine  neue  Verfassung  unterschrieb,  nach  welcher  Schleswig  dem
dänischen  Staate  völlig  einverleibt  werden  sollte.  Damit  überschritt  er  die
ihm  durch  das  Londoner  Protokoll  gewährte  Befugnis  und  gab  selbst  den
beiden  deutschen  Großmächten  eine  Handhabe,  gegen  ihn  vorzugehen;  die
meisten  deutschen  Klein=  und  Mittelstaaten,  die  das  Londoner  Protokoll  nicht
unterschrieben  hatten,  bestritten  ihm  überhaupt  das  Recht  der  Erbfolge,  und
der  Herzog  Friedrich  von  Augustenburg,  ein  Sohn  des  Herzogs  Christian,
der  1846  gegen  den  „offenen  Brief“  Verwahrung  eingelegt  hatte,  machte
Erbansprüche  auf  Schleswig-Holstein  geltend.  Zwar  hatte  sein  Vater  (1852)
gegen  eine  Geldentschädigung  für  sich  und  seine  Familie  auf  dieses  Erbrecht
verzichtet,  aber  nicht  freiwillig,  und  der  Sohn  hatte  dagegen  protestiert.  Die
Holsteiner  jubelten  ihm  zu,  auch  in  Deutschland  verlangte  man  stürmisch  seine
Anerkennung.  Preußen  war  entschlossen  zu  helfen;  auch  der  Kaiser  durfte
sich  schon  in  Rücksicht  auf  die  öffentliche  Meinung  Deutschlands  dem  Kampfe
nicht  entziehen,  außerdem  wollte  er  verhüten,  daß  Preußen  durch  denselben
Vorteil  gewönne,  und  erklärte  sich  zum  Kriege  bereit.  Das  deutsche  Volk
forderte,  Friedrich  von  Augustenburg  solle  als  Herzog  von  Schleswig-Holstein
anerkannt  werden;  Bismarck  wollte  vor  allem  ein  Eingreifen  der  europäischen
Großmächte  verhüten  und  erklärte,  Preußen  sei  an  das  Londoner  Protokoll
gebunden.  Was  er  zu  thun  gedachte,  durfte  er  nicht  sagen;  doch  erklärte
er  offen:  „Der  erste  Kanonenschuß  zerreißt  das  Londoner  Protokoll.“  Er
setzte  es  auch  durch,  daß  der  Deutsche  Bund  die  Exekution  gegen  Dänemark
  nur  zu  dem  Zwecke  beschloß,  die  Einverleibung  Schleswigs  wieder
rückgängig  zu  machen.  Hannoveraner  und  Sachsen  sollten  die  Vorhut,  Preußen
und  Osterreicher  den  eigentlichen  Kern  des  Heeres  bilden.

Die  Dänen  wichen  vor  den  Hannoveranern  und  Sachsen  hinter  die
Eider  zurück.  Nachdem  die  dänische  Regierung  noch  einmal  die  Forderung
der  beiden  deutschen  Großmächte,  die  neue  Verfassung  wieder  aufzuheben,  abgelehnt
  hatte,  beschlossen  diese  den  Angriff.  Das  preußische  Abgeordnetenhaus
  lehnte  zwar  die  geforderte  Kriegsanleihe  ab,  aber  König  Wilhelm  ließ
sich  dadurch  nicht  irre  machen:  am  1.  Februar  überschritten  die  preußischen
Truppen  —  Brandenburger,  Westfalen  und  Garde  —  unter  dem  Prinzen
Friedrich  Karl  und  die  österreichischen  unter  dem  Feldmarschall-Leutnant
v.  Gablenz  die  Eider,  den  Oberbefehl  führte  der  achtzigjährige  Generalfeldmarschall
  v.  Wrangel.  Im  Hauptquartier  befand  sich  auch  Kronprinz
Friedrich  Wilhelm.  Die  dänischen  Truppen  unter  dem  General  de  Meza
standen  hinter  dem  Danewerk,  einer  an  Stelle  des  alten  Grenzwalles
(S.  243)  errichteten,  etwa  zehn  Meilen  langen  Verschanzung,  die  in  Verbindung

 

*)  Die  Kriege  von  1864  bis  1871  werden  behandelt  in  der  kulturgeschichtlichen
Erzählung  Oskar  Höckers:  Im  Rock  des  Königs.  4.  Auflage.  Mit  vielen
Abbildungen  von  A.  von  Roeßler.  Leipzig,  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn.
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  265

mit  der  Schlei  und  den  das  südwestliche  Schleswig  erfüllenden  Sümpfen  die  Halb—
insel  absperrte.  Nach  einem  erfolglosen  Angriff  bei  Missunde  überschritt
Prinz  Friedrich  Karl  die  Schlei  weiter  östlich;  da  räumte  der  dänische  Ober—
befehlshaber  in  der  Uberzeugung,  daß  er  die  weit  ausgedehnten  Schanzen
doch  nicht  werde  halten  können,  das  Danewerk  ohne  Schwertschlag,  um  sich
über  Flensburg  auf  die  Düppeler  Schanzen  zurückzuziehen.  Die  Preußen
und  Osterreicher  setzten  ihm  nach,  ereilten  ihn  und  lieferten  ihm  bei  Obersee
ein  siegreiches  Gefecht;  doch  entkamen  die  Dänen  nach  Düppel.  Auf  der
Halbinsel  Sundewitt  westlich  von  Alsen  erhoben  sich  auf  einem  natürlichen
Höhenrücken  zehn  durch  Natur  und  Kunst  stark  befestigte  Schanzen;  zwei
durch  starke  Brückenköpfe  gedeckte  Schiffsbrücken  führten  nach  der  Insel  Alsen
hinüber,  deren  Westseite  ebenfalls
befestigt  war;  in  den  nahen  Gewässern
  kreuzte  die  dänische  Flotte,
das  Gelände  vor  den  Schanzen  war
durch  Wolfsgruben,  Eggen  und  Jußangeln
  geschützt.  Den  Preußen
wurde  die  Aufgabe,  die  Schanzen
zu  erobern;  nach  einer  förmlichen
Belagerung  von  fünf  Wochen  wurde
der  Sturm  beschlossen.  Die  Mannschaften
  für  die  Sturmkolonnen
wurden  durchs  Los  bestimmt,  doch
meldeten  sich  auch  viele  Freiwillige.
Schon  nachts  rückten  sie  in  die  Laufgräben;
  früh  morgens  am  18.  April
1864  begann  ein  stundenlanger  Geschützdonner,
  plötzlich  um  zehn  Uhr
verstummte  er,  und  sofort  brachen
die  Stürmenden  mit  lautem  Hurra
aus  den  Laufgräben  hervor.  Schon
nach  einer  Viertelstunde  waren  sechs  Schanzen  erobert.  Als  vor  Schanze  2
die  Pallisadenreihe  den  Stürmenden  großen  Widerstand  leistete,  rief  der
Pionier  Klinke:  „Rein  müßt  ihr,  Kameraden,  ich  werde  mich  opfern!“
Damit  wirft  er  seinen  Pulversack  nebst  einer  Sprengpetarde  gegen  die  Pfähle:
ein  Aufblitzen,  ein  furchtbarer  Krach  erfolgt,  und  der  treue  Klinke  liegt  zerrissen
  am  Boden;  durch  die  in  der  Pallisadenreihe  entstandene  Lücke  aber
dringen  seine  Kameraden  ein  und  erobern  die  Schanze.  Um  zwölf  Uhr  sind
alle  Schanzen  in  den  Händen  der  Preußen.

Dieser  Sieg  erregte  in  Berlin  großen  Jubel;  König  Wilhelm  eilte
selber  auf  das  Schlachtfeld,  um  seinen  Kriegern  zu  danken.  Die  österreichischen
und  ein  Teil  der  preußischen  Truppen  hatten  die  Festung  Fridericia  eingeschlossen;
  nach  dem  Fall  von  Düppel  räumten  die  Dänen  auch  diese  und
besaßen  außer  ihren  Inseln  nur  noch  Nordjütland.  Inzwischen  hatten  auch  die
österreichische  und  die  kleine  preußische  Flotte  ehrenvoll  gegen  die  dänische
gekämpft.  Die  Dänen  blockierten,  ihre  Ubermacht  zur  See  ausnutzend,  unsere
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        266  Dritter  Zeitraum.

 

   
   
   
  

 

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Erstürmung  der  Düppeler  Schanzen.
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  267

Ostseehäfen,  und  wir  konnten  nicht  daran  denken,  ihnen  auf  offenem  Meer  entgegenzutreten.
  Doch  bestand  am  17.  März  Kapitän  Jachmann  bei  Jasmund
mit  drei  Schiffen  gegen  sechs  dänische  stundenlang  einen  ehrenvollen  Kampf.
Ebenso  ruhmvoll  focht  am  9.  Mai  der  österreichische  Kapitän  Tegetthof  mit
seinem  Geschwader  und  einigen  preußischen  Schiffen  bei  Helgoland.

Während  des  Krieges  waren  lebhafte  diplomatische  Verhandlungen  gepflogen
  worden,  und  im  Mai  trat  in  London  eine  Konferenz  zur  Schlichtung
der  schleswig-holsteinischen  Frage  zusammen.  Preußen  trat  dort  ganz  entschieden
für  die  dauernde  Befreiung  ein  und  sagte  sich  offen  von  dem  Londoner
Protokoll  los.  Dänemark  trotzte  noch  auf  seine  Seemacht  und  wollte  von
Nachgeben  nichts  wissen;  deshalb  verlief  die  Konferenz  erfolglos,  und  der
Krieg  begann  von  neuem.  Den  Oberbefehl  über  das  verbündete  Heer  führte
jetzt  Prinz  Friedrich  Karl.  Vor  allem  kam  es  darauf  an,  den  Dänen  auf
seinen  Inseln  zu  fassen.  Ein  offener  Angriff  mit  der  Flotte  war  unmöglich;
deshalb  wagten  am  29.  Juni  (ein  Uhr  morgens)  die  Preußen  unter  General
Herwarth  von  Bittenfeld  auf  160  Booten  bei  starkem  Nebel  und  günstigem
Winde  den  Ubergang  nach  Alsen.  Schon  auf  dem  Wasser  werden  sie  beschossen;
die  Preußen  antworten  mit  lautem  Hurra,  über  ihnen  sausen  und  bersten
die  preußischen  und  dänischen  Granaten.  Sobald  die  kühnen  Brandenburger
nur  Grund  fassen  können,  springen  sie  ins  Wasser,  waten  ans  Ufer  und
greifen  die  Dänen  in  ihren  Verschanzungen  an;  die  leeren  Boote  holen  eiligst
Verstärkung,  und  um  neun  Uhr  morgeus  ist  Alsen  in  den  Händen  der  Preußen.
Europa  staunte  über  dieses  Wagestück,  das  deutsche  Volk  jubelte,  die  Dänen
waren  wie  vom  Schrecken  gelähmt:  ihre  Flotte  hatte  ihnen  nichts  genützt.
Bald  nachher  wurde  auch  die  Nordspitze  Jütlands  besetzt,  und  sogar  ein  Teil
der  dänischen  Flotte  fiel  den  Verbündeten  in  die  Hände.  Da  baten  die
Dänen  um  Waffenstillstand,  der  gewährt  wurde.  Im  Frieden  zu  Wien
(30.  Oktober)  trat  dann  Dänemark  Schleswig-Holstein  nebst  Lauenburg
  und  den  dazu  gehörigen  Inseln  an  den  Kaiser  von  Österreich
  und  den  König  von  Preußen  ab,  die  das  Erworbene  zunächst
unter  ihre  gemeinsame  Verwaltung  stellten.  Unter  dem  Jubel  des  Volkes  kehrten
die  siegreichen  Truppen  heim.  König  Wilhelm  hatte  die  Genugthuung,  daß
die  neuen  Heereseinrichtungen  sich  glänzend  bewährt  hatten.  #

3.  Der  deufsche  Rrieg  von  1866.

Jetzt  entstand  die  Frage:  „Wem  soll  Schleswig-Holstein  fortan  gehören?“"
Die  Bewohner  der  beiden  Herzogtümer  wünschten,  unter  dem  Prinzen  von
Augustenburg  selbständig  zu  werden,  die  Mehrzahl  des  deutschen  Volkes,  selbst
die  liberale  Mehrheit  des  preußischen  Abgeordnetenhauses,  auch  die  dentschen
Mittel=  und  Kleinstaaten  forderten  die  Gewährung  dieses  Wunsches.  Für
Osterreich  hatten  die  Herzogtümer  ihrer  Lage  wegen  geringen  Wert;  es
wollte  sie  aber  nicht  oder  doch  nur  gegen  eine  entsprechende  Entschädigung  in
Schlesien  Preußen  überlassen;  da  jedoch  sein  Angebot  vom  König  Wilhelm  entschieden
  zurückgewiesen  wurde,  begünstigte  es  die  Ansprüche  des  Prinzen,  der
sofort  beim  Ausbruch  des  Krieges  nach  Holstein  gekommen  war  und  in  Kiel
Hof  hielt.  Preußen  war  mit  der  Errichtung  des  Herzogtums  Schleswig-
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        Dritter  Zeitraum.

 

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Seegefecht  bei  Jasmund.

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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  269

Holstein  ebenfalls  einverstanden,  nur  verlangte  es  Bürgschaft  dafür,  daß  im
Norden  nicht  ein  neuer  Mittelstaat  entstände,  der  zu  schwach  wäre  „zu
Deutschlands  Schutz  und  Trutz  zu  Lande  und  zur  See,“  aber  stark  genug,
im  Anschluß  etwa  an  Osterreich  Preußen  empfindlich  zu  schaden.  Seine
Forderung  lautete  deshalb:  Rendsburg  wird  Bundesfestung,  die  Militärmacht
und  die  Vertretung  Schleswig-Holsteins  gehen  an  Preußen  über,  ebenso
werden  ihm  der  Kieler  Hafen  und  der  noch  zu  erbauende  Nordostsee-Kanal
überlassen,  die  Herzogtümer  treten  dem  Zollverein  bei  und  stellen  ihr  Post=  und
Telegraphenwesen  unter  preußische  Verwaltung.  Der  Prinz  von  Augustenburg
lehnte  im  Vertrauen  auf  Osterreich  diese  Forderungen  ab,  und  der  deutsche
Bundestag  beschloß,  der  Prinz  solle  sofort  ohne  jede  Bedingung  als  Herzog
eingesetzt  werden,  worauf  Preußen  diesem  sein  Erbrecht  überhaupt  bestritt.

Osterreich  begünstigte  fortan  den  „Herzog“  in  Kiel  ganz  offen.  König
Wilhelm  hätte  die  Angelegenheit  gern  auf  friedlichem  Wege  geordnet;  es
schwebte  zwischen  Preußen  und  Osterreich  auch  noch  der  Streit  um  die
Bundesreform,  und  Bismarck  wünschte,  zugleich  mit  der  schleswig-holsteinischen
Frage  die  deutsche  Frage  überhaupt  zu  lösen.  Schon  als  Gesandter  am
Deutschen  Bunde  schrieb  er:  „Nach  der  Wiener  Politik  ist  Deutschland  zu
eng  für  uns  beide;  wir  pflügen  beide  denselben  streitigen  Acker.  Ich  will
nur  meine  Uberzeugung  aussprechen,  daß  wir  in  nicht  zu  langer  Zeit  für
unsere  Existenz  gegen  Osterreich  werden  fechten  müssen,  und  daß  es  nicht  in
unserer  Macht  liegt,  dem  vorzubeugen.“  Die  für  diesen  Kampf  erforderlichen
Vorbereitungen  waren  aber  noch  nicht  beendet;  deshalb  kam  es  vorläufig  nicht
zum  Kriege,  sondern  König  Wilhelm  schloß  mit  dem  Kaiser  von  Osterreich  1865
den  Vertrag  zu  Gastein,  der  folgendes  festsetzte:  Osterreich  und  Preußen
behalten,  wie  bisher,  ihre  Rechte  an  der  Gesamtheit  beider  Herzogtümer,
aber  die  Verwaltung  derselben  soll  getrennt,  nämlich  Holstein  von  Osterreich,
Schleswig  von  Preußen  verwaltet  werden.  Außerdem  trat  Osterreich  seinen
Anteil  an  Lauenburg,  dessen  Landtag  sich  für  den  Anschluß  an  Preußen
erklärt  hatte,  gegen  eine  Geldentschädigung  (von  5⅝⅜  Millionen  Mark)  au
Preußen  ab,  überließ  ihm  den  Kieler  Hafen  und  gestattete  den  Bau  eines
Nordostseekanals.  —  König  Wilhelm  belohnte  Bismarcks  Verdienst  um  das
Zustandekommen  dieses  Vertrages  mit  dem  Grafentitel.

Aber  dieser  Vertrag  brachte  weder  den  inneren  noch  den  äußeren
Frieden.  Unter  Hinweis  auf  die  hauptsächlich  infolge  der  Heeresreform  errungenen
  Vorteile  im  Felde  bat  der  König  um  nachträgliche  Genehmigung
der  dafür  verausgabten  Gelder  und  um  Bewilligung  der  noch  erforderlichen;
aber  das  Abgeordnetenhaus  forderte  als  Gegenleistung  die  zweijährige  Dienstzeit,
  und  da  der  König  darauf  nicht  eingehen  konnte,  lehnte  es  von  neuem
alle  Forderungen  für  die  Heeresumgestaltung  ab.  Auch  das  Verhältnis  zu
Osterreich  war  nicht  besser  als  früher;  „der  Friede  war  nur  geflickt  und  der
Riß  im  Bau  verklebt.“  Während  der  preußische  Statthalter  von  Manteuffel
in  Schleswig  keine  Umtriebe  zu  Gunsten  des  Prinzen  von  Augustenburg
duldete,  gewährte  Osterreich  ihm  und  seiner  Partei  weitgehende  Freiheit,  und
als  Bismarck  sich  darüber  beschwerte,  erklärte  Osterreich  die  Beschwerde  für
grundlos,  und  es  beganu  zu  rüsten.  Preußens  Heer  war  schlagfertig,  aber
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        270  Dritter  Zeitraum.

zur  größeren  Sicherheit  schloß  König  Wilhelm  noch  mit  Italien,  das  ebenfalls
nach  Einigung  rang,  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis.  Um  die  Mehrheit
des  deutschen  Volkes  auf  Preußens  Seite  zu  ziehen,  stellte  der  König  durch
seinen  Gesandten  beim  Deutschen  Bunde  den  Antrag,  es  möge  eine  aus  allgemeiner,
  unmittelbarer  Wahl  hervorgehende  Versammlung  zur  Beratung  einer
Bundesreform  einberufen  werden.  Die  übrigen  Staaten  gingen  auf  diesen
Antrag  nicht  ein:  auch  die  Mehrheit  des  deutschen  Volkes,  selbst  die  Liberalen,
«  nahmen  Stellung  gegen
«  Preußen,  da  sie  dessen  Antrag
  nicht  als  ehrlich  gemeint
  ansahen.  Am  meisten
wandte  sich  der  Haß  gegen
Bismarck;  ein  überreizter
Student,  Cohen,  feuerte
sogar  aus  nächster  Nähe
fünf  Kugeln  auf  ihn  ab,
ohne  ihn  indes  erheblich
zu  verletzen.  Inzwischen
wurde  hüben  und  drüben
—  auch  in  den  deutschen
*.*.2  —  in  Miittelstaaten  —  eifrig  ge-NNNC¾C2K2AMMNbRAiistet;
  Ssterreich  legte  die
nn——ss—m—M  scchleswig3holsteinische  Sache
dem  Bunde  zur  Entscheidung
  vor  und  berief  die
holsteinischen  Stände  ein.
Da  erklärte  Preußen  den
Gasteiner  Vertrag  für  gebrochen;
  Manteuffel  rückte
Vogel  von  Falckenstein.  in  Holstein  ein,  und  Gablenz
  zog  mit  den  österreichischen
  Truppen  ab.  Dadurch  wurde  der  Haß  gegen  Preußen  noch  vergrößert.
  Vergebens  legte  der  preußische  Gesandte  am  10.  Juni  dem  Bunde
die  Grundzüge  einer  neuen  Bundesverfassung  mit  Ausschluß  Osterreichs  vor,
wie  sie  später  im  Norddeutschen  Bunde  verwirklicht  ist,  Osterreich  stellte
dagegen  den  Antrag  auf  Bundesexekution  gegen  Preußen.  Am  14.  Juni
1866  wurde  darüber  abgestimmt  und  mit  9  gegen  6  Stimmen  der  Krieg
gegen  Preußen  beschlossen.  Sofort  erklärte  der  preußische  Gesandte,  seine
Regierung  sehe  damit  den  Deutschen  Bund  für  gebrochen  an,  und  verließ
den  Saal.  Preußen  schlossen  sich  nur  wenige  kleine  Staaten  (Mecklenburg,
Oldenburg,  Braunschweig,  Weimar,  Koburg-Gotha,  Altenburg)  an,  während
Bayern,  Württemberg,  Baden  (gezwungen),  Sachsen  und  Hannover  auf
Osterreichs  Seite  traten.  .
Am  15.  Juni  bot  Preußen  seinen  drei  Nachbarstaaten  Hannover,
Sachsen  und  Kurhessen  noch  einmal  die  Hand  zum  Frieden;  sie  sollten  ihre
Selbständigkeit  behalten,  wenn  sie  sich  neutral  verhalten  und  den  preußischen
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  271

Vorschlägen  vom  10.  Juni  zustimmen  wollten.  Alle  drei  lehnten  ab,  und
schon  am  16.  rückten  preußische  Truppen  in  jene  Staaten  ein.  Der  König
von  Sachsen  führte  sein  Heer  rechtzeitig  nach  Böhmen,  der  Kurfürst  von
Hessen  wurde  in  Kassel  gefangen  genommen,  seine  Truppen  jedoch  entkamen.
  König  Georg  V.  von  Hannover  eilte  mit  den  schleunigst  zusammengerafften
  Truppen  über  Göttingen  nach  Thüringen,  um  sich  mit  den  Bayern
zu  vereinigen;  aber  bei  Langensalza  verlegte  ihm  General  v.  Flies  den
Weg.  Auf  beiden  Seiten  wurde  (27.  Juni)  mit  großer  Tapferkeit  gestritten,  doch
mußten  die  9000  Preußen  sich
vor  dem  doppelt  so  starken  Gegner
zurückziehen.  In  der  Nacht  aber
erhielt  das  preußische  Korps  so
große  Verstärkung,  daß  den
Hannoveranern  nichts  anderes
übrig  blieb,  als  die  Waffen  zu
strecken.  Die  Truppen  wurden
nach  Ablieferung  ihrer  Waffen
in  die  Heimat  entlassen;  König
Georg  ging  mit  dem  Kronprinzen
nach  Wien.  «
Die  Osterreicher  hatten  ihre
Hauptmacht  in  Böhmen  aufgestellt,
  im  ganzen  etwa  240000
Mann,  zu  denen  noch  25000
Sachsen  kamen.  Den  Oberbefehl
führte  der  General-Feldzenugmeister
  Benedek,  Osterreichs
bester  Feldherr.  Ein  kleines
österreichisches  Heer  unter  Erz-  Herwarth  von  Bittenfeld.
herzog  Albrecht  stand  in  Venetien.
  König  Wilhelm  bestimmte  nur  48000  Mann  unter  dem  Oberbefehl
des  Generals  Vogel  von  Falckenstein  zum  Kampf  gegen  die  mehr  als
doppelt  so  starke  Armee  der  Mittelstaaten;  die  übrigen  255000  Mann
sollten  den  Kampf  gegen  Osterreich  aufnehmen  und  waren  in  drei  Heeren
aufgestellt.  Die  I.  Armee  (100000  Mann)  stand  unter  Prinz  Friedrich
Karl  in  der  Lausitz,  die  II.  (116000  Mann)  unter  dem  Kronprinzen
Friedrich  Wilhelm  in  Schlesien,  die  III.,  die  „Elbarmee“  (40000  Mann),
unter  Herwarth  v.  Bittenfeld  an  der  Nordgrenze  Sachsens;  alle  drei
sollten  sich  bei  Gitschin  in  Böhmen  vereinigen.  Sachsen  ward  von  der  ersten
und  von  der  Elbarmee  rasch  besetzt,  und  beide  drangen  dann  in  Böhmen
ein;  denn  die  Osterreicher  hatten  die  Gebirgspässe  nicht  gesperrt,  sondern  sich
an  der  Iser  aufgestellt.  Nach  kurzen  erfolgreichen  Gefechten  der  Elbarmee
bei  Hühnerwasser  sowie  der  ersten  Armee  bei  Liebenau  und  Podol  vereinigten
  sich  beide  Armeen  und  kämpften  dann  unter  dem  Oberbefehle  des
Prinzen  Friedrich  Karl  siegreich  bei  Münchengrätz  und  Gitschin  (29.  Juni).
Sie  hatten  damit  vorläufig  ihr  Ziel  erreicht  und  konnten  nach  der  großen
        <pb n="278" />
        272.  Dritter  Zeitraum.

Anstrengung  und  Entbehrung  dieser  ersten  Kriegswoche  sich  einige  Tage  erholen.
  —  Die  zweite  Armee  suchte  (am  28.  Juni)  in  drei  Abteilungen  das
Gebirge  zu  überschreiten:  der  rechte  Flügel  durch  den  Paß  von  Trautenau,
das  Centrum  (die  Garde)  durch  den  Paß  von  Braunau  (Eipel),  der  linke
unter  General  von  Steinmetz  durch  den  Paß  von  Nachod.  Die  Pässe  selber
waren  unbesetzt,  die  Osterreicher  hatten  sich  vor  denselben  aufgestellt.  Steinmetz
warf  in  einem  glänzenden  Gefecht  bei  Nachod  die  Osterreicher  zurück,  nahm
nach  blutigem  Kampfe  Skalitz  und  drang  unter  weiteren  Kämpfen  bis  ins
Elbthal.  Nicht  so  glücklich  focht  der  rechte  Flügel.  Er  hatte  zwar  Trautenan

 

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genommen,  auch  den  Feind  von  den  die  Stadt  umragenden  Höhen  vertrieben;
als  aber  Gablenz  mit  Verstärkungen  zurückkehrte,  zogen  sich  die  Preußen
sogar  bis  über  die  Grenze  zurück.  Dieser  Unfall  hätte  leicht  dem  ganzen
Heere  verderblich  werden  können;  deshalb  erhielt  die  Garde,  die  ohne  Widerstand
  bis  Eipel,  eine  Meile  südlich  von  Trautenau,  gekommen  war,  den
Befehl,  Gablenz  in  die  rechte  Flanke  zu  fallen.  Es  geschah;  der  Feind
wurde  bei  Soor  mit  großem  Verlust  zurückgeschlagen  und  Trautenau  von
der  Garde  wieder  besetzt.  Jetzt  standen  alle  drei  Armeen  in  Böhmen.

Am  1.  Juli  traf  König  Wilhelm,  begleitet  von  Bismarck,  Roon  und
Moltke,  bei  seiner  böhmischen  Armee  ein,  übernahm  den  Oberbefehl  und  führte
selber  seine  Truppen  schon  am  dritten  Tage  in  die  Entscheidungsschlacht
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  273

 

 

 

 

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Der  Kronprinz  erstürmt  die  Höhen  von  Chlum.

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  18
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        274  Dritter  Zeitraum.

bei  Königgrätz.  Voller  Erwartung  schauten  die  Augen  von  ganz  Europa
nach  Böhmen,  voller  Siegeszuversicht  blickte  das  preußische  Heer  zu  seinem
greisen  Feldherrn  empor;  niemals  hatte  ein  preußischer  Feldherr  eine  so
große,  aus  allen  Volksschichten  bestehende  und  durch  Bildung  so  ausgezeichnete
Armee  geführt;  dazu  hatte  sich  in  den  bisherigen  Schlachten  das  von  dem
Schlosser  Dreyse  in  Sömmerda  erfundene  Zündnadelgewehr  der  preußischen
Truppen  der  österreichischen  Waffe  bedeutend  überlegen  gezeigt.  Auch  Benedek
hatte  seine  Truppen  jetzt  auf  dem  rechten  Ufer  der  oberen  Elbe  vereinigt;
aber  ein  Sechstel  der  Gesamtzahl  war  durch  die  Kämpfe  der  letzten  Tage
bereits  aufgerieben,  sein  Heer  an  militärischer  Durchbildung  dem  preußischen
längst  nicht  gewachsen.  Er  verlor  daher  schon  vor  der  Entscheidungsschlacht
den  Mut  und  bat  den  Kaiser,  er  möge  um  jeden  Preis  Frieden  schließen;
als  dieser  darauf  nicht  einging,  beschloß  Benedek  in  der  Erwartung,  daß  er
es  nur  mit  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  zu  thun  haben  werde,  die  Schlacht
zwischen  der  Elbe  und  dem  ihr  gleichlaufenden  Bache  Bistritz  und  gestützt  auf
die  beiden  Festungen  Königgrätz  und  Josefstadt  anzunehmen.

König  Wilhelm  hatte  seinen  Truppen  für  den  3.  Juli  einen  Ruhetag  bestimmt;
als  aber  Prinz  Friedrich  Karl  am  2.  erfuhr,  daß  ein  großes  österreichisches  Heer  unmittelbar
  vor  seiner  Front  lag,  beschloß  er,  dasselbe  am  folgenden  Tage  anzugreifen,
sandte  sofort  Nachricht  an  den  Kronprinzen,  den  er  um  Beistand  bat,  und  schickte
General  von  Voigts-Rhetz  noch  abends  spät  zum  Könige  nach  Gitschin,  um  dessen
Genehmigung  zu  erbitten.  Der  General  ging  zunächst  zu  Moltke,  der  mit  einem
„Gott  sei  Dank!“  vom  Lager  sich  erhob  und  zum  Könige  eilte.  Auch  dieser  war  nach
kurzer  Besprechung  mit  Moltke  für  den  Angriff;  nur  war  es  bedenklich,  ob  der
Kronprinz,  der  noch  30  km  entfernt  stand,  rechtzeitig  in  den  Kampf  werde  eingreifen
können.  Um  12  Uhr  sprengte  ein  an  ihn  gesandter  Adiutant  in  die  dunkle,  regnerische
Nacht  und  die  ihm  unbekamne  Gegend  hinaus,  schon  um  5  Uhr  brach  die  II.  Armee
auf.  Um  dieselbe  Zeit  verließ  auch  der  König  sein  Hauptquartier,  die  Truppen  der
I.  und  III.  Armee  waren  schon  seit  drei  Stunden  auf  dem  Marsche.

Die  Osterreicher  waren  vor  ihrer  Front  durch  die  Bistritz  mit  ihren  zum  Teil
sumpfigen  Ufern  gedeckt  und  hatten  sich  auf  einem  von  wellenförmigen  Höhen  und
tiefen  Schluchten  durchzogenen  Gelände,  das  hin  und  wieder  von  kleinen  Dörfern  und
Wäldern  bedeckt  war,  verschanzt;  sie  waren  bis  zur  Ankunft  des  Kronprinzen  an
Zahl  dem  Gegner  fast  um  das  Doppelte  überlegen.  Um  8  Uhr  stieg  der  König  zu
Pferde  und  befahl  den  Angriff.  Er  selber  leitete  die  Schlacht  von  einer  dem  Orte
Sadowa  gegenüberliegenden  Höhe.  Mutig  gingen  die  Preußen  gegen  die  fast  uneinnehmbare
  Stellung  vor,  überschritten  an  mehreren  Stellen  die  Bistritz;  aber  den
Feind  von  den  Höhen  zu  vertreiben,  war  unmöglich,  zumal  die  gezogenen  österreichischen
  Geschütze  die  glatten  preußischen  weit  übertrafen.  Die  Schlacht  kam  zum
Stehen,  und  nun  hatten  die  Preußen  einen  schweren  Stand,  besonders  die  Division
Fransecky  (Altmärker  und  Magdeburger),  die  den  Wald  von  Benatek  viele  Stunden
lang  gegen  eine  vierfache  Ubermacht  behauptete.  Es  lag  dem  Könige  alles  daran,  den
Feind  so  lange  festzuhalten,  bis  der  Kronprinz  ihn  in  der  Flanke  fassen  könne;  aber
auch  dies  schien  kaum  möglich.  Schon  hatten  die  Truppen  sich  vielfach  verschsen,
schon  mußte  die  Reserve  aufgeboten  werden,  und  noch  immer  zeigte  sich  von  der  Annäherung
  der  kronprinzlichen  Armee  keine  Spur.  Selbst  das  Hauptquartier  ward
besorgt;  aber  Moltke  erwiderte  auf  eine  Anfrage  des  Königs:  „Ew.  Majestät  werden
heute  nicht  nur  die  Schlacht,  sondern  den  Feldzug  gewinnen.“  Endlich  gegen  11  Uhr
durchflog  die  Reihen  der  erschöpften  Krieger  die  frohe  Kunde:  Der  Kronprinz
kommtt  und  stärkte  sie  zu  neuem  Kampfe.

Die  II.  Armee  hatte  größtenteils  erst  die  Elbe  überschreiten  und  einen  zwei  bis
vier  Meilen  weiten  Weg  in  strömendem  Regen  zurücklegen  müssen.  Aber  die  Mannschaften
  brannten  vor  Kampfbegier  und  marschierten  im  Gewaltschritt.  Da  die
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  275

beiden  österreichischen  Korps,  welche  Benedek  zum  Schutz  gegen  den  Kronprinzen  auf—
gestellt  hatte,  von  der  heldenmütigen  Division  Fransecky  in  den  Kampf  gezogen  und

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Plan  der  Schlacht  bei  Königgrätz.

   

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zum  Teil  vernichtet  waren,  so  konnte  die  zweite  Armee  sofort  bis  in  das  Herz  des

Feindes  dringen  und  den  Schlüssel  der  feindlichen  Stellungen,  die  Höhen  von  Chlum,

erstürmen.  Vergebens  bemühte  sich  Benedek,  diese  wichtige  Stellung  zurückzuerobern,
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        276  Dritter  Zeitraum.

bald  war  sein  ganzer  rechter  Flügel  vollständig  zertrümmert.  Schon  überschritten
einzelne  feindliche  Abteilungen  die  Elbe,  deshalb  befahl  der  König  allgemeines  Vorgehen
  auch  der  ersten  Armee.  Die  Schlacht  war  gewonnen,  Benedek  kämpfte  nur
noch  für  den  Rückzug;  aber  nun  zeigte  sich,  wie  gefährlich  seine  Stellung  mit  der
Elbe  im  Rücken  gewesen  war.  ätte  der  menschenfreundliche  König  nicht  die  Verfolgung
  eingestellt  und  besonders  dem  mörderischen  Artilleriefeuer  auf  die  zusammengeballten
  Massen  Einhalt  gethan,  das  österreichische  Heer  wäre  vernichtet  worden.

 

 

 

 

 

 

Auf  dem  Schlachtfelde  von  Königgrätz.

Der  fast  siebzigjährige  König  hatte  seit  8  Uhr  im  Sattel  gesessen  und  sich  während
des  Tages  nur  einmal  aus  der  Tasche  eines  Soldaten  erquickt.  Wiederholt  begab
er  sich  trotz  Bismarcks  eindringlicher  Warnung  in  Gefahr.  „Wohin  soll  ich  denn

ehen,“  erwiderte  er,  „wenn  meine  braven  Truppen  im  Feuer  sind?“  Wo  er  sich  den
Truppen  näherte,  um  sie  anzufeuern  oder  Verwundete  zu  trösten,  empfing  ihn  lautes
Hurra,  Offiziere  stürzten  herbei,  um  ihm  die  Hand  zu  küssen.  Erst  um  8  Uhr  traf
er  den  Kronprinzen.  Welch  ein  Wiedersehen!  Es  machte  auf  alle  Anwesenden  einen
ergreifenden  Eindruck,  als  Vater  und  Sohn  einander  umarmten  und  der  Heldengreis
dem  ruhmgekrönten  Sohne  den  höchsten  Kriegsorden  Preußens,  Pour  le  mörite,  umhängte,
  den  er  bis  dahin  selber  geltragen  hatte.  Die  Schlacht  von  Königgrätz
(„Dem  König  gerät's“),  wie  sie  der  König  nannte,  oder  Sadowa,  wie  sie  das  Ausland
  nennt,  ist  nach  Umfang  und  Folgen  eine  der  größten  Schlachten  aller  Zeiten.
        <pb n="283" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  277

Dem  entsprachen  auch  die  großen  Opfer.  Der  Sieger  verlor  an  Toten  und  Verwundeten
  9000  Mann,  der  Besiegte  aber  44000,  unter  diesen  20000  Gefangene.
Die  Siegesnachricht  erregte  in  Preußen  großen  Jubel,  im  Auslande
Bestürzung,  in  Paris  besonders  Neid.  Schon  am  Tage  nach  der  Schlacht
erschien  Gablenz  beim  Könige,  um  einen  Waffenstillstand  anzubieten;  dann
meldete  ein  Telegramm  Napoleons,  daß  der  Kaiser  von  Osterreich  ihm
Venetien  abgetreten  habe.  Erzherzog  Albrecht  hatte  zwar  gegen  die  Italiener
siegreich  gefochten;  trotzdem  hatte  der  Kaiser  sich  zu  der  Abtretung  Venetiens
an  Napoleon  entschlossen,  um  sein  gegen  Italien  kämpfendes  Heer  zum  Schutze
Wiens  zu  verwenden  und  vielleicht  sogar  von  Napoleon  Hilfe  zu  erlangen.
Deshalb  galt  es  für  Preußen,  rasch  zu  handeln.  Zwar  wies  König  Wilhekm
die  von  Napolcon  angebotene  Vermittelung
  nicht  zurück,  lehnte  indes
den  Waffenstillstand  ab  und  setzte
(am  6.)  die  Verfolgung  fort.  Der
Kronprinz  marschierte  auf  Olmütz,
wo  Benedek  die  Trümmer  seines
Heeres  sammelte,  die  erste  Armee
und  mit  ihr  der  König  zog  auf
Brünn,  die  Elbarmee  auf  Wien  zu,
während  die  soeben  eingetroffene
Landwehr  Böhmen,  auch  Prag,
besetzt  hielt.  Benedek  wich  vor  dem
Kronprinzen  in  der  Richtung  auf
Wien  zurück,  aber  Prinz  Friedrich
Karl  verlegte  ihm  den  Weg  und
drängte  ihn  nach  Ungarn.  Schon
hatte  der  linke  preußische  Flügel
einen  Teil  des  österreichischen
Heeres  bei  Preßburg  abgeschnitten,
um  dann  die  Donau  zu  überschreiten
  und  Wien  im  Süden  an-  Manteuffel.
zugreifen;  schon  sah  das  übrige
prenßische  Heer  die  Hauptstadt  vor  sich  liegen  und  war  jeden  Augenblick  zum
Angriff  bereit:  da  wurde  durch  Napoleons  Vermittelung  ein  Waffenstillstand
  auf  fünf  Tage  geschlossen,  dem  am  26.  Juli  die  vorläufigen  Friedensbestimmungen
  folgten.  Osterreich  verzweifelte  an  fernerem  Widerstande,  Napoleon
  schente  sich,  mit  seinem  unfertigen  Heere  in  den  Krieg  einzugreifen,  und
von  seinen  deutschen  Bundesgenossen  konnte  Osterreich  keine  Hilfe  erwarten.
Auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatze  hatte  das  kleine  preußische
Heer  unter  dem  Oberbefehl  Vogel  v.  Falckensteins  das  bayrische  Korps
und  das  achte  Bundes-Armeekorps  (Württemberger,  Badenser,  Kurhessen,
Hessen-Darmstädter,  Nassauer  und  Frankfurter)  geschickt  auseinandergehalten
und  —  jenes  bei  Kissingen,  dieses  bei  Aschaffenburg  —  geschlagen;  schon
am  16.  Juli  konnte  es  Frankfurt  besetzen.  Dann  wurde  v.  Falckenstein  zum
Statthalter  von  Böhmen  ernannt,  und  v.  Manteuffel  trat  an  seine  Stelle,
        <pb n="284" />
        278  Dritter  Zeitraum.

der  die  ihm  an  Zahl  weit  überlegenen  Gegner,  denen  die  einheitliche  Leitung
fehlte,  trotz  ihrer  Tapferkeit  (23.  bis  26.  Juli)  einzeln  schlug  (die  Badenser
bei  Hundheim,  die  Hessen  bei  Wertheim,  die  Württemberger  bei  Tauber—
bischofsheim)  und  sie  bis  Würzburg  zurückdrängte.  Als  nun  auch  von  Osten
her  über  Baireuth  ein  preußisches  Hilfsheer  unter  dem  Großherzog  von
Mecklenburg  den  Bayern  in  den  Rücken  zu  fallen  drohte  und  bereits  Nürn—
berg  besetzt  hatte,  trat  (am  1.  August)  auch  hier  der  Waffenstillstand  ein.

Zwar  hatte  Preußen  infolge  seiner  vorzüglichen  Wehrverfassung  trotz
der  Verluste  noch  ebensoviele  Mannschaften  unter  den  Waffen  als  beim
Ausbruch  des  Krieges;  dennoch  wünschte  der  König  den  Frieden,  weil  in
seinem  Heere  die  Cholera  ausgebrochen  war.  Auch  wollte  er  die  Gegner,
um  sie  später  desto  leichter  als  Bundesgenossen  gewinnen  zu  können,  nicht
mehr  als  durchaus  notwendig  demütigen  und  Frankreich  nicht  zum  Kampfe
treiben;  daher  verzichtete  er  auch  gegen  den  Wunsch  des  Heeres,  aber  auf
dringendes  Anraten  Bismarcks  auf  eine  Besetzung  Wiens.  Als  sich  aber
Napoleon  für  seine,  Preußen  sehr  lästige  Vermittelung  eine  Entschädigung  am
Rhein  erbat,  erwiderte  König  Wilhelm  entschieden:  „Keine  Scholle  deutschen
Bodens!“  und  als  der  französische  Gesandte  Benedetti  solche  Entschädigung
unter  Kriegsdrohung  zu  fordern  wagte,  erwiderte  ihm  Bismarck:  „Lieber  den
Krieg!“  Napoleon  zog  darauf  seine  Hand  zurück,  aber  „Rache  für  Sadowa"
war  schon  damals  in  Paris  beschlossene  Sache.  “

In  dem  am  23.  August  geschlossenen  Frieden  zu  Prag  willigte  Osterreich
  in  die  Auflösung  des  Deutschen  Bundes  und  in  die  Bildung  eines
norddeutschen  Bundes  unter  Preußens  Führung,  verzichtete  auf  seine
Rechte  an  Schleswig-Holstein  zu  Gunsten  Preußens  und  zahlte  60  Millionen
Mark  Kriegskosten,  brauchte  aber  kein  deutsches  Gebiet  abzutreten.  Italien
erhielt  trotz  seiner  Niederlagen  Venetien,  aber  nicht,  wie  es  verlangte,  Welsch-Tirol.
  Sachsen  blieb  durch  Osterreichs  Verwendung  in  seinem  bisherigen
Umfange  erhalten.  Gleiche  Milde  erfuhren  die  süddentschen  Staaten.  Sie
brauchten  nur  geringe  Beiträge  zu  den  Kriegskosten  zu  zahlen;  außerdem
mußte  Hessen-Darmstadt  die  Landgrafschaft  Hessen-Homburg  und  andere  kleine
Grenzstriche,  ebenso  Bayern  die  Grenzgebiete  von  Orb  und  Gersfeld  abtreten.
Gleichzeitig  schlossen  Bayern,  Württemberg,  Baden  und  Hessen  ein  zunächst
noch  geheim  gehaltenes  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  Preußen,  in  welchem
sie  sich  verpflichteten,  beim  Ausbruch  eines  Krieges  ihre  Truppen  unter  dessen
Führung  zu  stellen.  Hannover,  Kurhessen,  Nassau,  Frankfurt  a.  M.
und  Schleswig-Holstein  wurden  als  drei  neue  Provinzen  mit  5  Millionen
fast  ganz  ecvangelischen  Bewohnern  dem  preußischen  Staate  einverleibt;  sein
Gebiet  ist  jetzt  abgerundet  und  umfaßt  beinahe  die  ganze  norddeutsche  Tiefebene
  sowie  die  deutsche  Ost=  und  Nordseeküste.

annover  bildete  einen  wichtigen  Bestandteil  des  alten  Herzogtums  Sachsen,
das  mit  dem  Sturz  Heinrichs  des  Löwen  zerstückelt  wurde.  Die  welfischen  Familiengüter
  wurden  1235  zu  einem  Herzogtum  Braunschweig-Lüneburg  erhoben,  das  sich
aber  durch  vielfache  Teilungen  schwächte.  Heog  Ernst  August,  der  in  Kalenberg,
Göttingen  und  Grubenhagen  herrschte,  erwarb  durch  Erbschaft  das  Lüneburgische
und  bestimmte  durch  ein  Hausgesetz,  daß  seine  Länder,  der  Kern  der  jetzigen  Provinz
Hannover,  stets  ungeteilt  nach  dem  Recht  der  Erstgeburt  in  männlicher  Linie  ver-
        <pb n="285" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  279

erben  sollten.  Kür  die  treue  Unterstützung  des  Kaisers  im  Kampf  gegen  Türken  und
Franzosen  wurde  sein  Land  1692  zum  Kurfürstentum  Braunschweig-Lüneburg  erhoben,
  nach  seiner  Hauptstadt  gewöhnlich  Hannover  genannt;  daneben  bestand  das
Herzogtum  Braunschweig-Wolfenbüttel.  Ernst  Auguste  Gemahlin  war  eine  Großtochter
  Aakob  I.  von  England;  daher  bestieg  sein  Sohn  als  Georg  I.  1714  den  englischen
  Thron.  Seinem  Stammlande  Hannover  gereichte  diese  Personalunton  mit
England  nicht  zum  Segen.  Es  mußte  die  Wandlungen  der  englischen  Politik  mitmachen
  und  die  Rache  der  Feinde  Englands  erdulden;  seine  Söhne  bluteten  im
englischen  Interesse  in  allen  Erdteilen.  Die  englischen  Könige  fühlten  sich  als  Engländer
  und  ließen  ihr  deutsches  „Nebenland“  von  wenigen  bevorzugten  Familien  verwalten.
  Doch  errichteten  sie  1737  in  Göttingen  eine  Universität,  vergrößerten  das
Kurfürstentum  1719  um  die  bis  dahin  schwedischen  Stifter  Bremen  und  Verden,
1803  um  das  Bistum  Osnabrück,  1814  um  Ostfriesland,  Meppen,  Lingen,  Bentheim
und  Hildesheim  und  erhoben  das  so  vergrößerte  Kurfürstentum  zu  einem  Königreich.
Als  1837  der  kinderlose  König  Wilhelm  IV.  starb,  folgte  ihm  in  England  die  Tochter
des  nächstältesten  Bruders,  Viktoria,  in  Hannover,  wo  nur  männliche  Erbfolge  gilt,
sein  jüngster  Bruder  Ernst  August.

Hessen,  früher  ein  Teil  des  Herzogtums  Franken,  kam  an  den  Prinzen
Heinrich  von  Brabant,  den  Stammvater  des  hessischen  Fürstenhauses.  Er  erlangte
1292  vom  Kaiser  die  Erhebung  Hessens  als  Landgrafschaft  zu  einem  erblichen  Reichsfürstentum
  und  erbaute  sich  in  Kassel  eine  Residenz.  Seine  Nachkommen  dehnten
ihren  Besitz  über  ganz  Hessen  aus;  der  tüchtigste  von  ihnen  war  Philipp  der  Großmütige.
  Er  führte  die  Reformation  ein,  gründete  in  Marburg  die  erste  evangelische
Universität  und  war  der  Urheber  und  das  eifrigste  Mitglied  des  Schmalkaldischen
Bundes.  Nach  seinem  Tode  wurde  das  Land  geteilt;  es  bestehen  seitdem  essen-Kassel
  und  Hessen  -Darmstadt  nebeneinander.  Während  des  Dreißigjährigen  Krieges
war  Hessen  Schwedens  treuester  Bundesgenosse;  dafür  wurde  es  von  den  Kaiserlichen
furchtbar  verheert.  Im  Siebenjährigen  Kriege  stand  es  auf  seiten  Preußens.  Zur  Zeit
des  nordamerikanischen  Freiheitskrieges  erlangte  Landgraf  Friedrich  dadurch  eine
traurige  Berühmtheit,  daß  er  den  Engländern  Tausende  seiner  Landeskinder  gegen
hohe  Summen  zum  Kriegführen  lieh.  1802  wurde  Hessen-Kassel  zum  Kurfürstentum
erhoben  und  gehörte  dann  jahrelang  zum  Königreich  Westfalen.  Nach  den  Befreiungskriegen
  hatte  das  Land  von  der  Willkürherrschaft  seiner  Kurfürsten  viel  zu  leiden,
so  daß  es  die  Einverleibung  in  Preußen  als  eine  Erlösung  ansehen  mußte.

Nassau  an  der  unteren  Lahn  erhielt  seinen  Namen  von  einem  Schlosse.  Durch
Erbteilungen  der  Brüder  Walram  und  Otto  spaltete  sich  das  gräfliche  Haus  in  zwei
Linien;  jenem  gehörte  Kaiser  Adolf  an  (f  1298),  diese  erwarb  durch  Heirat  große
Besitzungen  in  Luxemburg  und  in  den  Niederlanden,  in  Südfrankreich  Oranien.
Wilhelm  I.  von  Nassau-Oranien  erwarb  die  Erbstatthalterwürde  in  den  Niederlanden,
Wilhelm  III.  den  englischen  Thron  und  Wilhelm  IV.  den  neugeschaffenen  Königsthron
der  Niederlande.  Herzog  Adolf  von  Nassau  verlor  1866  sein  Land  an  Preußen;  er
gelangte  aber  1890  in  Luxemburg  zur  Regierung,  nachdem  der  Mannesstamm  von
Nassau-Oranien  in  den  Niederlanden  ausgestorben  war.  Frankfurt,  die  alte  freie
deutsche  Reichsstadt,  in  der  seit  dem  Ende  des  Mittelalters  die  deutschen  Kaiser  gewählt
  und  später  auch  gekrönt  wurden,  die  seit  1815  Sitz  des  deutschen  Bundestages
war,  wurde  mit  Hessen  und  Nassau  zu  einer  Provinz  Hessen-Nassau  vereinigt.

Auch  auf  die  innere  Entwickelung  Preußens  übten  die  Erfolge  der
letzten  Wochen  vorteilhaften  Einfluß  aus.  Der  König  und  seine  großen  Ratgeber
  wurden  bei  ihrer  Rückkehr  in  Berlin  mit  begeistertem  Jubel  empfangen;
in  immer  weitere  Kreise  drang  die  Erkenntnis,  daß  die  militärischen  Erfolge
doch  vor  allem  der  vom  Könige  eingeführten  neuen  Wehrverfassung  und  der
vorzüglichen  Heeresleitung  Moltkes,  die  diplomatischen  aber  dem  Scharfblick
und  dem  eisernen  Willen  Bismarcks  zu  danken  seien,  und  bald  wurde  dieser
jüngst  noch  so  verhaßte  Mann  der  Liebling  des  Volkes.  Als  dann  die  Vertreter
  der  siegreichen  Armee  unter  dem  Donner  der  Geschütze  und  dem  Ge-
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        280  «  Dritter  Zeitraum.

läute  der  Glocken  durch  das  Brandenburger  Thor  einzogen,  da  kam  in  dem
nicht  enden  wollenden  Jubel  „die  wahre  Stimme  des  Volkes  zum  Ausdruck“,
der  auch  die  Volksvertreter  Rechenschaft  tragen  mußten.  Schon  bei  den
Neuwahlen  zum  Landtage  hatten  die  Freunde  der  Regierung  die  Mehrheit
erlangt;  als  nun  der  König  in  hochherziger  Weise  den  Landtag  um  In—
demnität,  d.  i.  um  nachträgliche  Genehmigung  der  in  den  letzten  Jahren
gemachten  Staatsausgaben,  bat,  da  nahm  das  Abgeordnetenhaus  die  dargebotene
  Friedenshand  gern  an.  Ja,  es  fügte  den  Namen  der  verdienten  Heerführer,
  welche  durch  eine  Dotation  belohnt  werden  sollten,  aus  eigenem  Antriebe
  den  Namen  des  Grafen  Bismarck  hinzu.  Um  so  freudiger  konnte  der
König  jetzt  die  Aufgabe  in  Angriff  nehmen,  die  norddeutschen  Staaten  in
einem  Bunde  zu  vereinigen.  Diese  hatten  schon  durch  besondere  Verträge
dem  Könige  von  Preußen  die  Militärhoheit  abgetreten,  im  Februar  1867
wurde  nun  der  aus  allgemeinen,  direkten  Wahlen  des  Volkes  hervorgegangene
Reichstag  durch  eine  Thronrede  des  Königs  Wilhelm  eröffnet,  die  dem
Wunsche  Ausdruck  gab:  „Möge  durch  unser  gemeinsames  Werk  der
Traum  von  Jahrhunderten,  das  Sehnen  und  Ringen  der  jüngsten
Geschlechter  der  Erfüllung  entgegengeführt  werden!“  Graf  Bismarck
drängte  immer  wieder  zur  Eilec.  „Meine  Herren,“  rief  er  den  Abgeordneten
zu,  „arbeiten  wir  rasch!  Setzen  wir  Deutschland  sozusagen  in  den  Sattel!
Reiten  wird  es  schon  können!“  Diesem  Wunsche  entsprechend  wurde  denn
auch  in  wenigen  Wochen  die  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  fertig
gestellt.  Alle  21  Staaten  nördlich  des  Mains,  auch  Sachsen  und  der  nördlich
vom  Main  gelegene  Teil  des  Großherzogtums  Hessen,  fast  dreißig  Millionen
Deutsche,  waren  jetzt  unter  Preußens  Führung  vereinigt.  Erbliches  Oberhaupt
des  Bundes  war  der  König  von  Preußen.  Er  führte  den  Oberbefehl  über
die  gesamte  Wehrkraft  des  Bundes  und  konnte  in  dessen  Namen  Krieg  erklären
und  Frieden  schließen.  Die  Vertreter  der  Regierungen  bildeten  den  Bundesrat,
  der  die  Gesetze  vorzubereiten  und  zu  genehmigen  hatte;  das  Volk  hatte
Anteil  an  der  Gesetzgebung  durch  den  aus  allgemeinen,  direkten  Wahlen
hervorgegangenen  Reichstag.  Graf  Bismarck  wurde  Bundeskanzler.  Die
Vertretung  nach  außen,  das  Münz=  und  Zollwesen,  Post  und  Telegraphie,
Heimats-,  Handels=  und  Strafrecht  war  allen  Bundesstaaten  gemeinsam;  die
allgemeine  Wehrpflicht  wurde  auf  das  ganze  Bundesgebiet  ausgedehnt.

Die  meisten  europäischen  Völker  mißgönnten  Deutschland  diese  Erstarkung,
am  meisten  die  Franzosen,  die  es  ihrem  Kaiser  nicht  verzeihen  konnten,  daß
er  Preußen  auf  seiner  Siegesbahn  nicht  rechtzeitig  gehemmt  oder  doch  wenigstens
  auch  für  Frankreich  einen  Ländergewinn  erworben  hatte.  Ihr  Arger
wuchs  noch,  als  um  diese  Zeit  die  von  König  Wilhelm  mit  den  süddeutschen
Staaten  abgeschlossenen  Verträge  zu  Schutz  und  Trutz  bekannt  wurden.
Napoleon  hatte  1863  ein  Heer  nach  Mexiko  gesandt,  um  dort  ein  von
Frankreich  abhängiges  Reich  zu  gründen,  und  1864  den  Erzherzog  Maximilian
  von  Osterreich  zum  Kaiser  von  Mexiko  wählen  lassen.  Als  er  aber
seine  Truppen  aus  Mexiko  zurückzog,  wurde  Maximilian  von  den  Republikanern
  besiegt,  gefangen  genommen  und  erschossen.  Dieser  Ausgang  verschlimmerte
  Napoleons  Lage  noch  mehr,  und  unruhig  sah  er  sich  nach  elnem
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  281

Mittel  um,  sie  zu  bessern.  Ein  solches  schien  ihm  Luxemburg  zu  bieten.
Dies  Land  war  1815  dem  Könige  von  Holland  als  Entschädigung  für  den
Verlust  seiner  nassauischen  Besitzungen  überlassen  worden  und  durch  Personalunion
  mit  Holland  vereinigt.  Als  sich  nun  1830  infolge  der  französischen
Revolution  Belgien  von  Holland  trennte,  vereinigte  man  den  wallonischen
Teil  Luxemburgs  mit  Belgien,  während  der  deutsche  bei  Holland  verblieb,
aber  seine  eigene  Verwaltung  hatte  und  zum  Deutschen  Bunde  sowie  zum
Zollverein  gehörte.  Die  Stadt  Luxemburg  war  eine  deutsche  Bundesfestung,
in  ihr  lag  eine  preußische  Besatzung,  die  auch  nach  der  Auflösung  des  Bundes
nicht  abgezogen  war.  Auf  Napoleons  Drängen  war  der  König  von  Holland
bereit,  das  seit  alten  Zeiten  deutsche  Land  an  Frankreich  abzutreten,  und
dieses  verlangte  die  Räumung  der  angeblich  Frankreich  bedrohenden  Festung.
Schon  schien  der  Krieg  unvermeidlich  zu  sein;  da  gab  Preußen,  das  noch  der
Ruhe  bedurfte,  seine  Einwilligung  dazu,  daß  die  Luxemburger  Frage  einer
europäischen  Konferenz  vorgelegt  werde.  Nach  deren  Entscheidung  wurde  die
Festung  Luxemburg  von  den  Preußen  geräumt,  dann  geschleift,  das  Land
verblieb  dem  holländischen  Herrscherhause,  wurde  für  neutral  erklärt  und
unter  den  Schutz  der  europäischen  Großmächte  gestellt  (1867),  doch  blieb  es
im  deutschen  Zollverein.  Die  dadurch  gewonnene  Friedenszeit  benutzte  der
korddeutsche  Bund,  seine  einzelnen  Glieder  enger  miteinander  zu  verbinden.
Auch  die  Verbindung  mit  Süddeutschland  wurde  dadurch  noch  enger  geknüpft,
daß  der  Zollverein,  dem  der  Norddeutsche  Bund  als  einheitliches  Gebiet
beitrat,  auf  festerer  Grundlage  mit  den  süddeutschen  Staaten  wieder  geschlossen
wurde,  und  im  Frühjahr  1868  trat  in  Berlin  das  erste  deutsche  Zollparlament
  zusammen,  das  auch  süddeutsche  Abgeordnete  umfaßte  und  somit
der  Vorbote  einer  noch  innigeren  Vereinigung  des  deutschen  Volkes  wurde.
E.  v.  Geibel,  der  schon  ungeduldig  gefragt  hatte:

Wann  doch,  wann  erscheint  der  Meister,
Der,  o  Deutschland,  dich  erbaut?

begrüßte  1867  König  Wilhelm  in  Lübeck  mit  den  Worten:

Und  sei's  als  letzter  Wunsch  gesprochen,
Daß  noch  dereinst  dein  Aug'  es  sieht,
Wie  übers  Reich  ununterbrochen
Vom  Fels  zum  Meer  dein  Abdler  zieht!
Dieser  Wunsch  sollte  schneller  in  Erfüllung  gehen,  als  wir  zu  hoffen
wagten:  von  jetzt  an  ist  die  prenßische  Geschichte  zugleich  deutsche
Geschichte.  ·  «

4.Derdenk1’Ux-fra11xif1i1UZVKriegvvn1870und1871.««)

Ursache  und  Ausbrnch  desselben.

Die  Luxemburger  Angelegenheit  hatte  Napoleon  nur  eine  neue  Niederlage
  gebracht;  mit  allem  Eifer  rüstete  er  jetzt  zum  Kriege.  Nach  preußischem

S—

 

Den  Lesern,  die  sich  über  die  Geschichte  des  preußisch-deutschen  Heeres  von
seinen  Anfängen  bis  auf  die  neuste  Zeit  näher  unterrichten  wollen,  sei  folgendes
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        282  Dritter  Zeitraum.

Vorbilde  wurde  eine  Reserve  und  eine  der  Landwehr  entsprechende  Mobilgarde
  eingerichtet  und  das  ganze  Heer  mit  Chassepotgewehren  und  den
neu  erfundenen  Mitrailleusen  ausgestattet.  So  glaubten  die  Franzosen  dem
deutschen  Heere  weit  überlegen  zu  sein,  und  die  Presse  hetzte  zum  Kriege.
Napoleon  schätzte  die  Macht  des  Norddeutschen  Bundes  richtiger  und  suchte
einen  Krieg  noch  zu  vermeiden,  um  so  mehr,  als  er  selber  körperlich  gebrochen
war.  Deshalb  versuchte  er,  durch  innere  Reformen  das  Volk  zu  befriedigen:
er  berief  ein  liberales  Ministerium  und  führte  eine  parlamentarische  Regierung
ein;  doch  das  Volk  drängte  so  sehr  auf  eine  Demütigung  Preußens  und  stellte
sich  zu  der  eigenen  Regierung  so  feindselig,  daß  Napoleon  nichts  weiter  übrig
blieb  als  der  Versuch,  den  Frieden  im  Innern  durch  einen  glücklichen  Krieg
wiederherzustellen.  Er  verabredete  mit  dem  Kaiser  von  Osterreich  und  dem
König  von  Italien  ein  Kriegsbündnis;  nach  den  ersten  Siegen  über  Preußen
sollten  die  Franzosen  in  Süddeutschland  einfallen  und  dann  gemeinsam  mit
ihren  Bundesgenossen  gegen  Norden  vorbrechen.  Die  preußische  Staatsverwaltung
  hatte  diese  Entwickelung  in  Frankreich  mit  gespannter  Aufmerksamkeit
verfolgt  und  alles  aufs  sorgfältigste  für  den  erwarteten  Krieg  vorbereitet,  den
sie  nicht  wünschte,  aber  auch  nicht  fürchtete.  Das  Jahre  1870  schien  friedlich
  verlaufen  zu  wollen.  König  Wilhelm  ging  deshalb  wie  sonst  zu  seiner
Erholung  nach  Ems,  Bismarck  weilte  auf  seinem  Landgute  Varzin,  wo  er
indes  alle  politischen  Vorgänge  mit  scharfem  Auge  verfolgte.  Da  erscholl
plötzlich  die  Kriegstrompetel!

Die  Spanier  hatten  1868  ihre  Königin  Isabella  vertrieben  und  unter
den  Marschällen  Serrano  und  Prim  eine  Regentschaft  eingerichtet;  doch  diese
sowie  die  Mehrheit  des  spanischen  Volkes  wünschte  die  Wiederherstellung  des
Königtums.  Schon  hatten  mehrere  Prinzen  die  einst  weltbeherrschende  Krone
Spaniens  ausgeschlagen;  auch  dem  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern-Sigmaringen
  war  sie  angeboten  worden,  weil  er  katholisch,  ein  Glied  des
berühmten  Hohenzollernhauses  und  mit  dem  französischen  sowie  mit  anderen
Herrscherhäusern  verwandt  war.  (Sein  jüngerer  Bruder  Karl  hatte  1866
hauptsächlich  durch  Napoleons  Einfluß  die  Krone  von  Rumänien  erlangt.)
Dreimal  lehnte  der  Prinz  unter  Zustimmung  des  Königs  Wilhelm  ab,  zum
viertenmal  nahm  er  sie  (Juni  1870)  ohne  dessen  Vorwissen  an.  Sowie  dies
bekannt  wurde,  loderte  der  Zorn  der  Franzosen  heftig  auf;  Gramont,  der
französische  Minister  des  Außeren,  erklärte  in  der  Kammer,  Frankreich  könne
die  Besetzung  des  Thrones  Karls  V.  durch  einen  „preußischen“  Prinzen  nicht
dulden.  Durch  den  französischen  Botschafter  in  Berlin,  Benedetti,  stellte
er  an  König  Wilhelm  in  Ems  das  Ansinnen,  er  möge  dem  Prinzen  die
Annahme  der  Krone  verbieten.  Der  König  erklärte,  dazu  sei  er  nicht  berechtigt.
  Als  dann  der  Vater  des  Prinzen  für  seinen  abwesenden  Sohn  auf

 

Werk  angelegentlich  empfohlen:  Jederzeit  kampfbereit!  Geschichtliche  und  militärische
  Bilder  von  der  Entwickelung  der  deutschen  Wehrkraft.  Der  deutschen  Jugend,
dem  deutschen  Volke  und  dem  deutschen  Heere  gewidmet  und  unter  Mitwirkung
militärischer  Fachmänner  geschildert  von  Oskar  Höcker  und.  Arnold  Ludwig.
Mit  vielen  Abbildungen  und  Schlachtplänen,  sowie  mit  einem  Anhang  von  Armeemärschen.
  2.  Auflage.  Leipzig,  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn.  .
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  283

die  Krone  verzichtete,  verlangte  Benedetti  „auf  zuletzt  sehr  zudringliche  Art“,
König  Wilhelm  solle  an  Napoleon  ein  Entschuldigungsschreiben  richten  und
darin  versprechen,  daß  er  dem  Prinzen  niemals  die  Erlaubnis  zur  Annahme
der  spanischen  Krone  erteilen  werde.  Der  König  lehnte  diese  Zumutung
höflich,  aber  entschieden  ab;  als  dann  Benedetti  noch  einmal  um  Gehör  bat,
ließ  der  König  ihm  sagen,  er  habe  in  dieser  Sache  ihm  nichts  weiter  mitzu—
teilen,  doch  verabschiedete  er  sich  vor  seiner  Abreise  nach  Berlin  von  dem
Botschafter  noch  einmal  auf  dem  Bahnhofe  und  fügte  hinzu,  etwaige  weitere
Verhandlungen  müßten  mit  dem  Auswärtigen  Amt  in  Berlin  geführt  werden.
(14.  Juli.)

Bismarck  sowie  auch  Roon  und  Molttke  kehrten  jetzt  nach  Berlin  zurück,
und  Bismarck  ließ  bekannt  machen,  wie  der  König  die  unberechtigten  Forderungen
  Frankreichs  in  würdevoller  Weise  zurückgewiesen  habe.  Da  brach  in
Paris  der  Sturm  los;  Frankreich,  so  hieß  es,  sei  vor  aller  Welt  beleidigt
worden,  obwohl  Benedetti  selber  erklärte,  daß  von  Beleidigung  keine  Rede
sein  könne.  Die  französischen  Abgeordneten,  die  Zeitungen,  die  in  den
Straßen  tobende  Menge,  alle  schrieen  nach  Krieg.  Aber  jetzt  zögerte  die
Regierung,  den  Krieg  anzunehmen,  den  sie  selber  heraufbeschworen  hatte.
Während  des  ganzen  14.  Juli  beriet  das  Ministerium  unter  Vorsitz  des
Kaisers;  erst  in  der  Nacht  ward  die  Einberufung  der  Reserven  und  damit
der  Krieg  endgültig  beschlossen.  Die  französische  Volksvertretung  genehmigte
am  folgenden  Tage  die  erforderlichen  Mittel,  ein  Widerspruch  der  Linken
unter  Thiers'  Führung  wurde  niedergeschrieen;  der  Kriegsminister  erklärte,
die  Armee  sei  erzbereit  (archiprste),  und  wenn  der  Krieg  ein  ganzes  Jahr
dauere,  brauche  man  noch  nicht  mal  einen  Gamaschenknopf  zu  kaufen.  „Nach
Berlin!“  war  die  allgemeine  Losung.

Die  Nachricht  von  dem  Auftreten  des  französischen  Botschafters  in  Ems
hatte  das  deutsche  Volk  zu  hellem  Zorn  entflammt.  Als  König  Wilhelm  (am
15.  Juli)  nach  Berlin  zurückkehrte,  empfingen  ihn  auf  allen  Bahnhöfen  —
auch  in  den  neuen  Provinzen,  in  Kassel  und  Göttingen  —  dichtgedrängte
Volksmassen  mit  begeisterndem  Zuruf.  Um  keine  Minute  zu  verlieren,  fuhren
ihm  der  Kronprinz,  Bismarck,  Moltke  und  Roon  bis  Brandenburg  entgegen;
von  einem  Kriege  wollte  der  König  noch  nichts  wissen,  weil  er  die  große
Verantwortung  dafür  nicht  glaubte  übernehmen  zu  können  und  weil  er  die
Unzuverlässigkeit  Süddeutschlands  fürchtete.  Als  er  aber  auf  dem  Potsdamer
Bahnhof  in  Berlin  eine  Depesche  über  die  Vorgänge  in  Paris  erhielt,  war
er  rasch  entschlossen,  und  der  Kronprinz  rief  laut:  „Krieg!  Mobil!“  Wie  ein
Lauffeuer  verbreitete  sich  dies  Wort  unter  der  dichtgedrängten  Volksmasse,
welche  die  Plätze  und  Straßen  vom  Bahnhof  bis  zum  Schloß  füllte.  „Das
ist  ganz  wie  18131“  rief  der  König  freudig  überrascht,  als  er  unter  dem
unnnterbrochenen  Hurra  des  Volkes  zum  Schloß  fuhr;  heute  hörte  er  auch
zum  erstenmal  die  „Wacht  am  Rhein“,  die  bald  zu  einem  deutschen  Volksliede
  wurde.  Vor  dem  Schlosse  wollten  die  Kundgebungen  kein  Ende  nehmen,
bis  der  König  zuletzt  um  Ruhe  bitten  ließ,  weil  er  noch  viel  zu  arbeiten
habe,  und  schon  nach  wenigen  Minuten  war  sein  Wunsch  erfüllt.  Noch  in
derselben  Nacht  wurde  die  Mobilmachung  beschlossen;  sofort  trug  der  Telegraph
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        284  Dritter  Zeitraum.

die  erforderlichen  Befehle  nach  allen  Teilen  Deutschlands,  und  alsbald  strömten
überall  Reservisten  und  Landwehrleute  zu  ihren  Fahnen.  Die  Kriegspflichtigen
aus  dem  Auslande  kamen  unaufgefordert;  kein  Stand,  kein  Alter  wollte  zurückbleiben.
  Auch  der  Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Holstein  und  der  1866
entthronte  Herzog  von  Nassau  boten  dem  Könige  ihre  Dienste  an.  Die  vielen
Freiwilligen,  welche  sich  stellten,  konnten  längst  nicht  alle  angenommen  werden;
bei  mehreren  Regimentern  wurde  nachgefragt,  ob  nicht  ein  Familienvater  aus
älteren  Jahrgängen  seinen  Platz  einem  Freiwilligen  abtreten  wolle,  aber
niemand  meldete  sich.  1

Am  19.  Juli,  dem  Sterbetage  der  Königin  Luise,  suchte  und  fand  König
Wilhelm  Stärkung  in  stillem  Gebet  am  Grabe  seiner  Eltern;  an  demselben
Tage  erneuerte  er  den  Orden  des  Eisernen
Kreuzes,  den  der  Vater  einst  am  Geburtstage
  der  Mutter  gestiftet.  Nach  dem  Gottesdienste
  eröffnete  er  dann  den  schleunigst  berufenen
  Reichstag  des  Norddeutschen  Bundes,
  wobei  er  die  Worte  sprach:

„Hat  Deutschland  derartige  Vergewaltigungen
  seines  Rechts  und  seiner  Ehre  in  früheren
Jahrhunderten  schweigend  ertragen,  so  ertrug  es
sic  nur,  weil  es  in  seiner  Zerrissenheit  nicht  wußte,
wie  stark  es  war.  Wir  werden  nach  dem  Beispiel
unserer  Bäter  für  unsere  Freiheit  und  für  unser
Recht  gegen  die  Gewaltthat  fremder  Eroberer
kämpfen,  und  in  diesem  Kampfe,  in  dem  wir  kein
anderes  Ziel  verfolgen,  als  den  Frieden  Europas
dauernd  zu  sichern,  wird  Gott  mit  uns  sein,  wie
er  mit  unsern  Bätern  war.“  In  demselben  Augenblicke
  traf  die  französische  Kriegserklärung  ein.  Der
Reichstag  bewilligte  ohne  Beratung  die  geforderte
Kriegsanleihe  und  erklärte  in  einer  Adresse  an  den
König:  „Kein  Opfer  ist  dem  deutschen  Volke  zu
schwer;  aber  es  wird  endlich  auf  der  behaupteten
Wahlstatt  den  von  allen  Völkern  geachteten  Boden
friedlicher  und  freier  Einigung  finden.“

Das  Eiserne  Kreuz  von  1870.  Ahnliche  Begeisterung  wie  im  Norden

(Originalgröße.)  herrschte  auch  in  Süddeutschland.  König  Lud-·

  wig  von  Bayern  stellte  seine  Truppen  sofort

unter  den  Oberbefehl  des  Königs  Wilhelm,  und  die  bayrische  Kammer  bewilligte

  die  erforderlichen  Geldmittel.  Diesem  schönen  Beispiel  folgten  Württemberg,

  Baden  und  Hessen.  Bald  sollte  den  Franzosen  auch  die  Hoffnung  auf
die  österreichische  und  italienische  Hilfe  genommen  werden.

Napoleon,  der  schon  lange  vor  dem  Kriege  gerüstet  hatte,  rechnete
darauf,  den  Deutschen  einen  Vorsprung  von  mindestens  vierzehn  Tagen  abzugewinnen;
  aber  er  überzeugte  sich  bald  mit  Schrecken,  daß  sein  Heer  noch
nicht  fertig  war.  Oft  fehlten  die  notwendigsten  Sachen;  viele  Regimenter
standen  fern  von  ihren  Zeugniederlagen  oder  der  Gegend,  woher  ihre  Reserven
kommen  musßten;  andere  wußten  nicht,  wohin  sie  sollten;  für  Verpflegung
war  schlecht  gesorgt.  Schon  war  der  Kampf  eröffnet,  aber  die  französische
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  285

Mobilmachung  noch  nicht  beendet.  Wie  ganz  anders  ging  das  in  Deutschland!
Als  Moltke  bei  seiner  Ankunft  in  Berlin  die  erste  Nachricht  von  dem  drohenden
Kriegswetter  erfuhr,  bezeichnete  der  große  Schweiger  sofort  mit  dem  Worte:
„Also  doch!  Nun  dann  Sektion  Frankreich!“  das  Fach,  in  welchem  der  schon
seit  Jahren  bis  ins  einzelne  ausgearbeitete  Kriegsplan  ruhte.  Aber  nicht  nur
dieser  Plan  war  fertig,  sondern  auch  alle  Ausrüstungsgegenstände  lagen  bereit;
jeder  Mann  wußte,  wohin  er  gehörte,  nahm  seine  Sachen  und  war  kriegsfertig.
Jedem  Transportzuge  war  Fahrzeit  und  Weg  genau  vorgeschrieben,  nirgends
entstand  eine  Stockung;  Zug  auf  Zug  rollte  nach  dem  Rheine  zu,  aus  allen
Wagen,  deren  viele  von  den  Soldaten  selber  mit  der  Aufschrift  „Eilgut  nach
Paris“  versehen  waren,  erschollen  fröhliche  Lieder.  Von  welchem  Geiste
unsere  Truppen  beseelt  waren,  zeigt  auch  das  Abschiedswort  eines  bayrischen
Reiters:  „Liebe  Mutter,  ehe  der  Franzose  zu  euch  ins  Land  kommt,  bin  ich
tot,  und  mein  Rittmeister  ist  tot,  und  alle  meine  Kameraden  sind  tot.“  Wahrlich
  „ganz  wie  18131“

Da  rauscht  das  Haff,  da  rauscht  der  Belt,  Schwaben  und  Preußen  Hand  in  Hand,

Da  rauscht  das  deutsche  Mcer;  Der  Nord,  der  Süd  ein  Heerl

Da  rückt  die  Oder  dreist  ins  Feld,  Was  ist  des  Deutschen  Vaterland?  —
Die  Elbe  greift  zur  Wehr.  Wir  fragen's  heut  nicht  mehr.

Neckar  und  Weser  stürmen  an,  Ein  Geist,  ein  Arm,  ein  einz'ger  Leib,
Sogar  die  Flut  des  Mains!  Ein  Wille  sind  wir  heut!

Vergessen  ist  der  alte  Span:  Hurra,  Germania,  stolzes  Weib!

Das,  deutsche  Volk  ist  eins!  Hurra,  du  stolze  Zeit!

So  jubelte  Freiligrath,  und  mit  ihm  sang,  wie  in  den  Befreiungskriegen,
wem  Gesang  gegeben.  Schon  Ende  Juli  standen  300000  deutsche  Truppen
am  Rhein;  auf  dem  Marsche  war  noch  eine  Reserve  von  200000  Mann;
anßerdem  befanden  sich  in  der  Heimat  noch  400000  Mann  Besatzungs=  und
Ersatztruppen,  so  daß  Deutschland  sofort  fast  eine  Million  Krieger  ins  Feld
führen  konnte.  Moltke  hatte  sich  bei  der  Ausarbeitung  des  Feldzugsplanes
von  dem  Gedanken  leiten  lassen:  Ziel  ist  die  Eroberung  von  Paris;  auf  dem
Wege  dorthin  müssen  unsere  Truppen  zusammengehalten  werden,  damit  wir
den  Feind,  so  oft  er  sich  treffen  läßt,  möglichst  mit  überlegener  Zahl  angreifen
  können.  Den  rechten  Flügel  der  deutschen  Heeresmacht  bildete  die
erste  Armee  unter  dem  General  von  Steinmetz  an  der  Saar  und  Mosel:
das  Centrum  bildete  die  zweite  Armee  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl
in  der  Rheinpfalz.  Den  linken  Flügel,  die  dritte  Armee,  vorwiegend  Süddeutsche,
  führte  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm;  er  stand  ebenfalls  in  der
Rheinpfalz,  an  der  Nordgrenze  des  Elsaß.  Diesen  deutschen  Heeren  standen
zwei  französische  Armeen  gegenüber:  die  Rheinarmec  unter  dem  Marschall
Bazaine  stand  150000  Mann  stark  in  Lothringen  der  ersten  und  zweiten
deutschen  Armee  gegenüber;  die  Südarmee  (100000  Mann)  unter  dem
Marschall  Mac  Mahon  hielt  gegen  den  Kronprinzen  das  Elsaß  besetzt.  Beide
Armeen  stützten  sich  auf  einen  starken  Festungsgürtel  und  waren  außerdem
durch  die  Ausläufer  der  Vogesen  bis  zu  den  Vorbergen  der  Ardennen  gedeckt.
Ein  Reserveheer  von  50000  Mann  unter  Canrobert  stand  bei  Chälons
a.  d.  Marne;  außerdem  sollte  eine  französische  Flotte  die  deutschen  Küsten
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        286  Dritter  Zeitraum.

angreifen.  Am  31.  Juli  begab  sich  König  Wilhelm,  von  Bismarck,  Moltke
und  Roon  begleitet,  zur  Armee  und  übernahm  selber  den  Oberbefehl  über  die
gesamte  deutsche  Streitmacht;  auch  Napoleon  erschien  bei  der  Rheinarmee,  um
sie  selber  zu  führen.  “

Die  Feindseligkeiten  begannen  damit,  daß  die  Franzosen  mit  Ubermacht
die  schwache  Besatzung  von  Saarbrücken  angriffen.  Mit  Geschicklichkeit  wußte
diese  den  Feind  über  ihre  Stärke  zu  täuschen;  als  aber  ein  ganzes  französisches
Korps  zum  Angriff  schritt,  um  Napoleons  Begierde  nach  einem  ersten  Erfolge
zu  befriedigen,  zog  sie  sich  zurück  (2.  August).  Napoleon  selber  erschien  während
des  Gefechtes,  begleitet  von  seinem  vierzehnjährigen  Sohne  Louis,  der  hier

die  Feuertaufe  erhielt  und  nach

44  des  Vaters  Bericht  solche  Kalts«

  blütigkeit  bewies,  daß  die  Soldaten

  vor  Freuden  Thränen
vergossen.  Das  war  die  erste
Siegesfrende  des  Kaisers,  aber
auch  die  letzte;  schon  nach  vier
Km–  Tagen  verließen  die  Franzosen
«  den  deutschen  Boden  wieder

—  9  —n  und  haben  ihn  seitdem  nur  noch
AaAes  Gefangene  betreten.
;«--—.·---··"  Am  4.  August  überschritt
der  Kronprinz  mit  der  dritten
Armee  die  Lauter  und  griff  die
Vorhut  Mac  Mahons,  etwa
6000  Mann  unter  dem  Befehl
des  Generals  Abel  Douai,
bei  Weißenburg  an.  Trotz
der  geringen  Zahl  der  Feinde
kostete  der  erbitterte  Kampf  um
»  die  mit  Mauern  umgebene  Stadt

»z»  und  den  dahinter  liegenden

«  Geißberg  auf  deutscher  Seite

Steinmetz.  blutige  Opfer.  Aber  bald  gaben
die  Franzosen  nach  großen  Verlusten

  —  auch  ihr  Führer  war  gefallen  —  den  Kampf  auf.  Dieser  erste
deutsche  Sieg  erregte  daheim  und  beim  deutschen  Heere  die  größte  Freude;  die
Waffenbrüderschaft  zwischen  Nord=  und  Süddentschen  war  mit  Blut  besiegelt
worden.  Dieser  Sieg  hatte  auch  die  Hoffnung  der  Franzosen  auf  die  Zuaven
und  Turkos  aus  Algier  zerstört,  mit  denen  sie  den  Deutschen  gedroht  hatten.
Diese  Halbwilden  lauerten  am  liebsten  wie  die  Katzen  im  sicheren  Versteck,
oder  sie  lagen  wie  tot  auf  dem  Boden,  um  den  ahnungslosen  Gegner  hinterrücks
zu  erschießen;  selbst  an  den  Verwundeten  übten  sie  teuflische  Tücke  aus.  Aber
unsere  Soldaten  lernten  sie  bald  kennen  und  wurden  leicht  mit  ihnen  fertig;  ein
Bayer  brachte  einen  der  seltenen  Burschen  lebendig  zu  seinem  Hauptmann  mit
den  Worten:  „Da  haben's  aanen,  doch  verzeihms,  der  schönste  ist  es  nicht!“

—

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        287

1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.

 

  

 

 

 

 

 

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        288  Dritter  Zeitraum.

Jetzt  eilte  Mac  Mahon  mit  etwa  50000  Mann  selber  herbei,  um  dem
Kronprinzen  die  Pässe  des  Wasgenwaldes  zu  versperren.  Er  nahm  seine
Stellung  auf  den  Höhen  westlich  von  Wörth,  vor  seiner  ganzen  Front
zog  sich  eine  von  der  Sauer  durchflossene  Wiesenniederung  hin.  Der  Kron—
prinz  hatte  den  Angriff  erst  für  den  7.  August  in  Aussicht  genommen;  aber
seine  Vortruppen  gingen  schon  am  6.  so  ungestüm  vor,  daß  der  Kampf  ohne
große  Verluste  auf  deutscher  Seite  nicht  mehr  abgebrochen  werden  konnte.
Die  französische  Stellung  war  noch  fester  als  die  der  Osterreicher  bei  Königgrätz;
  die  Ränder  der  Höhen  fallen  steil  ab,  die  mit  Mauern  umgebenen
Gärten,  Gehöfte,  Hopfen=  und  Weinanpflanzungen  gewährten  vortreffliche
Deckung.  Der  Sturm  gegen  diese  Höhen  war  anfänglich  erfolglos;  als  aber
im  Norden  die  Bayern,  im  Süden  die  Württemberger,  Badenser,  Hessen,
Nassauer  und  Thüringer  den  Feind  schon  fast  überflügelt  hatten,  gab  Mac
Mahon  den  Kampf  auf.  Sein  Heer  eilte  in  größter  Unordnung  davon,  nur
mit  Mühe  gelang  es  ihm,  es  wieder  zu  sammeln;  aber  18000  fehlten.  Zwar
hatte  auch  das  deutsche  Heer  über  10000  Mann  verloren;  dafür  war  aber
auch  ein  großer  Sieg  errungen  und  die  Armee  Mac  Mahons  kampfunfähig
gemacht.  Die  Franzosen  hatten  seit  1815  die  erste  offenc  Feldschlacht  verloren!

Zugleich  mit  der  Siegesbotschaft  von  Wörth  traf  noch  eine  zweite
vom  selben  Tage  ein.  Die  Vorhut  der  ersten  Armee  stieß  auf  ihrem  Vormarsch
  auf  das  französische  Korps  Frossard,  das  auf  den  Spicherer  Höhen
bei  Saarbrücken  eine  nach  Ansicht  der  Franzosen  uneinnehmbare  Stellung  inne
hatte;  besonders  schien  der  bastionsartig  vorspringende,  steile  und  kahle  Rote
Berg  unangreifbar  zu  sein;  durch  reihenweis  übereinanderliegende  Schützengräben
  und  Verschanzungen  waren  die  Höhen  wie  in  eine  Festung  umgewandelt.
  Dennoch  gingen  unsere  Truppen  ohne  Zögern  zum  Angriff  vor.
Das  Gewehr  als  Stütze  benutzend,  auf  Händen  und  Füßen  kriechend,  kletterten
sie,  meistens  ungedeckt,  die  steilen  Höhen  empor,  nisteten  sich  dort  ein  und
wichen  nicht,  so  sehr  sie  auch  mit  Kugeln  überschüttet  wurden;  doch  vermochten
sie  auch  nicht  weiter  vorzudringen,  bis  endlich  frische  Regimenter,  die  zum
Teil  soeben  den  Eisenbahnwagen  verlassen  hatten,  ihnen  zu  Hilfe  eilten.  Als
es  dann  sogar  gelang,  Kanonen  auf  den  Berg  zu  schaffen,  zog  sich  Frossard
zurück.

Die  am  4.  und  6.  August  erfochtenen  drei  Siege  hatten  den  Mut  und
das  Selbstvertrauen  des  deutschen  Heeres  gewaltig  gehoben  und  die  Franzosen
ernüchtert.  Schon  damals  schrieb  ein  englischer  Berichterstatter,  ein  Zeuge
der  Schlacht  bei  Wörth:  „Die  Franzosen  sind  verloren!  Das  sind  keine  Bataillone,
  das  sind  Mauern,  die  mit  unwiderstehlicher  Macht  vorwärts  dringen.
Jeder  Mann  ist  ein  Held!“  Der  Einfall  in  Süddeutschland  sowie  die  Verbindung
  mit  Osterreich  und  Italien  war  vorläufig  vereitelt.  Schon  in  diesen
Tagen  kamen  die  ersten  Gefangenen  nach  Deutschland,  aber  auch  viele  Verwundete,
  und  viele  tausend  Hände  regten  sich,  um  Freund  und  Feind  die
liebevollste  Pflege  angedeihen  zu  lassen.  Königin  Augusta  stellte  sich  an
die  Spitze  des  Vereins  zur  Pflege  kranker  und  verwundeter  Krieger,  leitete
dessen  Sitzungen  und  besuchte  täglich  die  Lagerstätten  der  verwundeten  Soldaten

  in  Berlin.
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  289

 

 

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Der  Kronprinz  führt  die  Bayern  zum  Siege  bei  Weißenburg.

Hoffmeyer,  Unser  Preußeèn.  19
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        290  Dritter  Zeitraum.

Die  Schlachten  um  Metz  am  14.,  16.  und  18.  August.

Die  Nachricht  von  den  erlittenen  Niederlagen  hatte  in  Paris  die  größte
Aufregung  hervorgerufen.  Alle  Bürger  zwischen  dem  dreißigsten  und  vierzigsten
Jahre  wurden  sofort  der  Mobilgarde  eingereiht,  alle  Deutschen  aber  aus  Frankreich
  ausgewiesen.  Sehnlichst  wünschte  Napoleon  eine  Schlacht  bei  Metz,  um
durch  einen  Sieg  seine  Lage  zu  bessern;  aber  seine  Generale  widerrieten,
deshalb  legte  er,  krank  und  müde,  den  Oberbefehl  in  Bazaines  Hände.  Die
französischen  Heerführer  beschlossen  nun,  den  Osten  bis  auf  Metz  und  Straßburg
  aufzugeben,  ihre  sämtlichen  Truppen  bei  Chälons  zu  vereinigen  und
unter  den  Mauern  von  Paris  die  Entscheidungsschlacht  zu  liefern.  Deshalb
gab  Bazaine  Befehl  zum  Abmarsch,  um  über  Verdun  Chälons  zu  erreichen.
Es  war  bereits  zu  spät,  denn  bevor  er  an  die  Mosel  kam,  wurde  er  am
14.  von  der  ersten  Armee  bei  Colombey  (Courcelles)  so  heftig  angegriffen,
daß  ein  Teil  seines  Hceres  kehrt  machen  mußte  und  er  einen  vollen  Tag
verlor.  Am  15.  nahm  er  seinen  Abmarsch  wieder  auf,  aber  vorsichtig  und
langsam.  Napoleon  mochte  nichts  Gutes  ahnen,  denn  er  verließ  am  folgenden
Morgen  nebst  seinem  Sohne  diese  Armee.

Inzwischen  hatte  die  zweite  deutsche  Armec  in  Gewaltmärschen  südlich  von
Metz  die  Mosel  überschritten,  um  den  Franzosen  den  Weg  nach  Chälons  zu
verlegen;  schon  am  Abend  des  15.  standen  die  am  weitesten  vorgeschobenen
Truppen  westlich  von  Mars  la  Tour.  Als  nun  Bazaine  am  16.  seinen
Rückzug  fortsetzte,  wurde  er  in  seiner  linken  Flanke  von  dem  brandenburgischen
(3.)  Armeekorps  (von  Alvensleben)  mit  solcher  Heftigkeit  angegriffen,  daß  er
die  gesamte  zweite  Armee  vor  sich  zu  haben  wähnte  und  sein  ganzes  Heer
zum  Angriff  führte.

Das  Schlachtfeld  bildet  eine  wellenförmige  Hochebene,  die  etwa  in  der  Mitte
von  der  Landstraße  Metz—  Verdun  durchschnitten  wird.  Das  deutsche  Korps  stand  in
einer  nahezu  eine  Meile  langen  Linie  gegen  eine  unendliche  übermacht;  leicht  hätte
Bazaine  es  vernichten  können,  wenn  er  entschieden  vorgegangen  wäre.  Aber  er  richtete
sein  Augenmerk  nur  darauf,  seine  Verbindung  mit  Metz  zu  sichern,  vielleicht  auch
darauf,  dem  deutschen  Heere  die  Verbindung  mit  der  Mosel  abzuschneiden;  daher  hatte
unser  rechter  Flügel  einen  schweren  Stand.  Aber  die  Brandenburger  waren  nicht  zu
überwältigen;  drei  Stunden  lang  stritten  sie  gegen  eine  drei-,  ja  vierfache  Ubermacht,
bis  sie  Verstärkun  erhielten.  Die  Entscheidung  mußte  auf  dem  linken  Flügel  bei
Vionville  und  Mars  la  Tour  herbeigeführt  werden,  den  ein  französisches  Korps
unter  Aufbietung  großer  Infanterie=  und  Kavalleriemassen  zu  umtlamiern  suchte.

Um  eine  feindliche  Vatterie  nördlich  von  Vionville  zum  Schweigen  zu  bringen,
sandte  von  Alvensleben  Halberstädter  Kürassiere  und  altmärkische  Ulanen  ab.  ie
ein  Orkan  brausen  die  tapferen  Reiter  daher,  überreiten  das  erste  Treffen  der  Insanterie,
  überwältigen  eine  Batterie,  duxchbrechen  auch  die  kreite  Linie.  Da  wirft  sich
die  feindliche  Kavallerie  mit  vierfacher  Ubermacht  über  sie;  die  Tapferen  müssen  zurück
und  sich  zum  zweitenmal  eine  blutige  Gasse  bahnen.

„Doch  ein  Blutritt  war  es,  ein  Todesritt;

Wohl  wichen  sie  unsern  Hieben,

Doch  von  zwei  Regimentern,  was  ritt  und  was  stritt,
Unser  zweiter  Mann  ist  geblieben.“

Mit  Ubermacht  drängen  die  Franzosen  vor  und  drohen,  den  linken  Flügel  bei
Mars  la  Tour  zu  umgehen  und  Vionville  zurückzuerobern.  Voigts-Rhetz  eilt  mit
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  291

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

   
 

 

 

 

  

 

 

  
 
      
 

 

 

 

 

 

 

   
 

    

 

 

 

 

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        292  Dritter  Zeitraum.

fünf  Regimentern  Hannoveraner  zur  Hilfe,  und  doch  scheint  der  Kampf  hoffnungslos
zu  sein.  Schon  sammelt  der  Feind  gewaltige  Kavalleriemassen,  um  die  halb  zertrüm—
merten  Regimenter  vollständig  zu  zermalmen.  Da  stürmen  ihnen  mit  lautem  Hurra
6000  deutsche  Reiter  entgegen;  ein  kurzer,  heftiger  Kampf,  dann  stürzen  die  seschla  enen
Franzosen  davon,  ihre  eigenen  Regimenter  mit  sich  fortreißend:  die  größte  Reiterschlacht
dieses  Krieges  war  geschlagen.  "  #  mm“
Bis  zum  Abend  wogte  der  Kampf  hin  und  her;  da  bot  Prinz  Friedrich
Karl,  der  in  jähem  Galopp  von  Pont  ä  Mousson  herbeigeeilt  war  und  seit  drei
Stunden  den  Kampf  persönlich  leitete,  den  letzten  Hauch  von  Mann  und  Roß  auf,
um  den  entscheidenden  Schlag  zu  thun:  aber  die  Truppen  vermochten  nichts  mehr,
die  Nacht  machte  endlich  dem  Kampfe  ein  Ende.  Beide  Heere  lagerten,  einander
ganz  nahe,  mit  dem  Gewehr  im  Arm,  auf  dem  Schlachtfelde;  erst  das  Zurückgehen
der  Franzosen  am  Morgen  gab  den  Deutschen  die  Gewißheit  des  Sieges.  35000
Tote  und  Verwundete  hatte  das  zwölfstündige  Ringen  gekostet,  fast  die  Hälfte  kam
auf  die  Deutschen;  aber  die  deutsche  Peeresleitung  hatte  ihr  Ziel  erreicht:  Bazaine
war  abermals  um  einen  Tag  aufgehalten  und  zog  sich  bis  hinter  Gravelotte  zurück.

Bazaine  nahm  auch  am  18.  den  Abmarsch  nicht  wieder  auf,  obwohl  ihm
der  Weg  nach  dem  Norden  noch  offen  stand.  Er  hatte  seine  Stellung  westlich
von  den  Metzer  Forts  St.  Quentin  und  Plappeville  auf  der  stufenartig  ansteigenden
  Hochebene  gewählt,  deren  westlicher  Abhang  durch  übereinanderliegende
  Schützenreihen  und  deren  Rücken  durch  Batterien  in  gedeckter  Stellung
befestigt  war,  die  das  kahle  Vorland,  über  welches  die  Deutschen  anrücken
mußten,  vollständig  bestreichen  konnten.  Seine  Stellung  reichte  im  Süden  fast
an  die  Mosel  und  zog  sich  über  Amanvillers  bis  über  St.  Privat  hinaus;  er
hielt  sie  für  unangreifbar  und  wollte  deshalb  den  Kampf  nur  verteidigungsweise
führen.  Die  deutsche  Heeresleitung  hatte  am  17.  sämtliche  Korps  der  ersten  und
zweiten  Armec  bis  auf  eins,  das  zur  Beobachtung  von  Metz  zurückgelassen  war,
auf  das  linke  Moselufer  gezogen,  im  ganzen  etwa  200000  Krieger,  denen
180000  Franzosen  in  einer  fast  unangreifbaren  Stellung  gegenüberstanden.
König  Wilhelm  übernahm  selber  die  Leitung  der  Schlacht  bei  Gravelotte,
der  größten  des  ganzen  Krieges,  die  auch  noch  dadurch  bemerkenswert  ist,
daß  beide  Heere  mit  umgekehrten  Fronten  schlugen.

Die  Schlacht  von  Gravelotte  spielt  sich  in  drei  großen,  nebeneinander  hergehenden
  Kämpfen  ab.  Im  Centrum  und  auf  dem  rechten  Flügel  mußten  die
Deutschen  sich  damit  begnügen,  ihre  Stellung  zu  behaupten;  denn  Bazaine  hatte  auch
heute  wieder  seinen  linken  Flügel  am  besten  bedacht.  Die  Entscheidung  mußte  im
Norden  erfolgen.  Weil  das  deutsche  Hauptquartier  nicht  wußte,  ob  Bazaine  seinen
Abmarsch  nach  Norden  bereits  angetreten  habe,  so  mußte  der  linke  Flüg  el,  preußische
Garde  und  Sachsen,  weit  nach  Norden  ausgreifen,  um  ihn  noch  zu  fassen  oder,  falls
er  nicht  aufgebrochen  war,  in  seiner  rechten  Flanke  zu  umgehen.  Bevor  dies  geschehen
  war,  mußte  die  Garde,  um  das  Centrum  zu  entlasten,  einen  Angriff  auf
St.  Privat  wagen.  Das  festungsähnliche  Dorf  mit  seinen  vielen  Gartenmauern
und  steinernen  Häusern  war  ebenso  wie  die  umliegenden  Höhen  vom  Feinde  stark
besetzt;  in  allen  Gräben,  hinter  allen  Mauern,  Zäunen  und  Hecken  lagen  die  feindlichen
Schwärme:  vor  dem  Feuer  dieser  Tausende  weittragender  Gewehre,  deren  Schützen
unsichtbar  waren,  lag  ein  völlig  ungedeckter  Abhang.  Unter  ungeheuern  Verlusten
—  die  Gardeschützen  z.  B.  verloren  sämtliche  Offiziere  —  drang  die  Garde  bis  in  die
Nähe  der  feindlichen  Stellung  vor  und  behauptete  sich  dort  stundenlang  im  feindlichen
Kugelregen,  bis  ihr  die  Sachsen  von  Norden  her  zu  Hilfe  eilten  und  sie  gemeinsam
das  inzwischen  von  der  deutschen  Artillerie  zerschossene  St.  Privat  erstürmten.  Um
dieselbe  Zeit  waren  auf  dem  rechten  Flügel  die  Pommern  eingetroffen.  Sie
waren  seit  zwei  Uhr  morgens  auf  dem  Marsche;  aber  beim  Anblick  des  Feindes  war
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Preußische  Garden  und  Sachsen  bei  St.  Privat.

1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.

293
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        294  Dritter  Zeitraum.

alle  Müdigkeit  vergessen,  mit  lautem  Hurra  drangen  sie  durch  die  tiefe  Manceschlucht
vor  und  setzten  sich  jenseits  nahe  vor  der  feindlichen  Stellung  fest,  um  am  folgenden
Morgen  die  blutige  Arbeit  von  neuem  zu  beginnen.

Der  73jährige  Heldenkönig  hatte  sünfh  Stunden  im  Sattel  gesessen.  Gegen
neun  Uhr  ließ  er  sich  neben  einer  zerschossenen  Gartenmauer  hinter  Gravelotte  auf
eine  Wagenleiter  nieder,  die  mit  dem  einen  Ende  auf  einen  toten  Schimmel,  mit  dem
andern  auf  eine  Dezimalwage  gelegt  war;  neben  ihm  standen  Bismarck  und  Roon.
Da  trat  Moltke,  von  den  Pommern  zurückkehrend,  mit  der  Botschaft  heran:  „Majestät,
wir  haben  gesiegt,  der  Feind  zieht  sich  zurück!“  Mit  einem  bewegten  „Gott  sei  Dank!“
sprang  der  König  auf;  Dankesthränen  standen  ihm  in  den  Augen,  als  er  Bismarck
die  Siegesbotschaft  an  die  Königin  diktierte.  Der  greise  Held  wollte  das  Schlachtfeld
nicht  verlassen;  um  aber  nicht  etwa  einen  Verwundeten  seiner  Lagerstatt  zu  berauben,
übernachtete  er  in  einer  Bauernstube  auf  der  Bahre  eines  Kran  enwagens,  worauf
er  einige  Kissen  seines  Wagens  hatte  legen  lassen.  Mit  Mühe  erlangte  man  für
ihn  etwas  Fleisch  und  einen
Schluck  Wein  in  einem  Glase
ohne  Fuß.  An  Schlaf  war
kaum  zu  denken;  bis  spät  in
die  Nacht  trafen  die  Nachrichten
  von  den  einzelnen
Truppenteilen  ein.  Am  anderen
  Morgen  hatten  die
Franzosen  die  Stellungen  geräumt.
  Der  Sieg  hatte  dem
deutschen  Heere  20000  Mann
gekostet,  unverhältnismäßig
hoch  war  die  Zahl  der  gefallenen
  Offiziere.

Die  Schlacht  von  Sedan.

Bazaine  hatte  sich
unter  die  Forts  von  Metz
zurückgezogen;  deshalb
wurden  sieben  Armeekorps
-  —  die  erste  Armee  und
..--«"»  Teile  der  zweiten  —  unter
Albert,  König  von  Sachsen.  dem  Oberbefehl  des  Prin—

zen  Friedrich  Karl  dazu
bestimmt,  die  noch  nie  bezwungene  Riesenfestung  samt  dem  eingeschlossenen
Heere  zu  belagern.  Aus  den  übrigen,  Truppen  der  zweiten  Armee  ward  eine
neue,  die  vierte  oder  Maasarinee,  gebildet  und  unter  den  Oberbefehl  des
Kronprinzen  Albert  von  Sachsen  gestellt;  sie  sollte  in  Verbindung  mit  der
dritten  Armee  Mac  Mahon  verfolgen.  Man  vermutete  ihn  auf  dem  Marsche
nach  Paris,  und  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  war  ihm  bereits  bis-Nanch
gefolgt;  da  brachte  die  voraufeilende  Kavallerie  die  Nachricht,  daß  das  Lager
bei  Chälons,  wo  man  starken  Widerstand  erwartet  hatte,  verlassen  sei.  Die
von  ihrem  Gemahl  zur  Regentin  eingesetzte  Kaiserin  Eugenie  hatte  über  Paris
den  Belagerungszustand  verhängt  und  die  Regierung  dem  Grafen  Palikao
übertragen;  beide  verlangten,  Mac  Mahon  solle  die  Armee  nicht  nach  Paris
führen.  Deshalb  entschloß  sich  dieser  gegen  seine  bessere  Einsicht,  auf  Drängen
Napoleons,  der  zu  ihm  gekommen  war,  sein  Heer  nach  Norden  und  dann
        <pb n="301" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  295

an  der  belgischen  Grenze  entlang  nach  Metz  zu  führen,  um  Bazaine  zu  entsetzen
  und  vereint  mit  ihm  sich  gegen  die  Deutschen  zu  wenden.

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Plan  der  Schlacht  bei  Sedan.

König  Wilhelm  begab  sich  jetzt  mit  dem  Hauptquartier  zu  der  dritten
Armee;  sobald  man  dort  sichere  Nachricht  über  Mac  Mahons  Absicht  erlangte,
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        296  Dritter  Zeitraum.

begann  die  große  Rechtsschwenkung  der  dritten  und  vierten  Armee.  In  einem
Bogen  über  Reims  marschierte  die  französische  Armee,  auf  kürzerem  Wege,  etwa
der  Maas  folgend,  eilten  die  deutschen  Truppen  nach  Norden.  Schon  am
29.  August  erreichte  die  vierte  Armee  den  Feind;  sobald  auch  die  Spitzen  der
dritten  Armee  zur  Stelle  waren,  beschloß  das  Hauptquartier  den  Angriff.  Durch
die  Schlacht  bei  Beaumont  warf  der  Kronprinz  von  Sachsen  den  Feind
über  die  Maas,  die  er  dann  auch  selber  überschritt,  und  verlegte  ihm  dadurch
den  Weitermarsch  nach  Metz,  während  die  dritte  Armee  auf  dem  linken  Maasu#fer
  ihm  den  Rückveg  nach  Paris  abschnitt.  Der  kranke  Kaiser  Napoleon
sandte  seinen  Sohn  fort,  er  selber  wollte  das  Schicksal  der  Armee  teilen.  Es
blieb  dieser  nur  noch  die  Möglichkeit,  nach  Nordwesten  oder  auf  belgisches
Gebiet  zu  entkommen;  ihr  auch  diese  zu  nehmen,  war  die  Aufgabe  der
Schlacht  bei  Sedan  (1.  September).

Die  an  der  Maas  gelegene  kleine  Festung  Sedan  mit  ihren  veralteten  Werken
hatte  geringe  Bedeutung,  da  sie  von  den  umliegenden  Höhen  vollständig  beherrscht
wurde.  Mac  Mahon  wollte  sie  auch  nur  benutzen,  um  seine  abgehetzten  Leute  mit
Nahrung  und  Schießbedarf  zu  versehen.  Das  französische  Heer  stand  auf  dem  kleinen
Dreieck  eng  zusammengepreßt,  dessen  Seiten  durch  die  Maas,  durch  den  bei  Bazeilles
mündenden  Givonnebach  und  durch  das  Bächlein  gebildet  wird,  das  an  Illy  und
Floing  vorüberfließt.  König  Wilhelm  hielt  auf  der  Höhe  von  Frenois  und  leitete
selber  die  Schlacht;  unter  ihm  befehligte  bei  Daigny  im  Osten  der  Kronprinz  von
Sachsen,  im  Westen  bei  Donchery  der  Kronprinz  von  Preußen,  der  aber  den  General
v.  d.  Tann  mit  dem  1.  bayrischen  Korps  zur  Verstärkung  der  Maasarmee  abtrat.
Den  Oberbefehl  übernahm,  da  Mac  Mahon  bald  nach  Beginn  der  Schlacht  verwundet
  wurde,  Wimpffen,  der  alles  daran  setzte,  sich  einen  Weg  nach  Metz  zu  erzwingen.
  Die  Bayern  drangen  noch  im  Dunkeln  in  Bazeilles  ein,  fanden  hier  aber
einen  so  erbitterten  Widerstand,  daß  sie  ihr  ganzes  1.  Korps  aufbieten  mußten  und
dennoch  erst  nach  siebenstündigem  Kampfe  das  Dorf  eroberten,  das  sie  vollständig
zerstörten.  Nördlich  von  ihnen  drang  die  Garde  siegreich  vor  und  besetzte  die  Übergänge
  über  die  Givonneschlucht.  #  .

Am  leichtesten  war  der  Durchbruch  der  Franzosen  im  Westen  zu  verhindern;
deshalb  behielt  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  dort  nur  wenige  Truppen  und  sandte
das  5.  und  11.  Korps  ab,  um  den  Feind  von  Norden  her  zu  fassen.  Schritt  für
Schritt  drangen  die  Deutschen  über  Floing  und  Illy  vor;  bald  reichten  die  Garde
und  Teile  des  11.  Korps  einander  die  Hand,  und  damit  war  der  eiserne  Ring  um
Sedan  geschlossen.  General  Wimpffen  raffte  alle  noch  kampffähigen  Scharen  zusammen
  und  stürmte  gegen  die  Bayern,  die  vor  der  Ubermacht  zurückwichen.  Schon
glaubte  Wimpffen  den  Sieg  in  Händen  zu  haben;  aber  sofort  erhielten  die  hartbedrängten
  Bayern  Verstärkung,  und  die  deutschen  Geschütze  richteten  unter  den
Franzosen,  selbst  als  diese  sich  nach  Sedan  geflüchtet  hatten,  solche  Verheerungen  an,
daß  auch  Wimpffen  an  jedem  weiteren  Widerstande  verzweifelte  und  die  weiße  Fahne
aufziehen  ließ.  Alsbald  erklang  wie  einst  bei  Leuthen  bei  den  Siegern  „Nun  danket
alle  Gott“.  Napoleon  sandte  durch  seinen  Adjutanten,  Grafen  Reille,  folgenden  Brief
an  König  Wilhelm:  „Da  es  mir  nicht  vergönnt  gewesen  ist,  in  der  Mitte  meiner
Truppen  zu  sterben,  bleibt  mir  nichts  übrig,  als  meinen  Degen  in  die  Hände  Eurer
Mojestät  niederzulegen.“  König  Wilhelm  erwiderte  brieflich,  er  nehme  den  Degen  an,
müsse  aber  verlangen,  daß  die  Armee  zuvor  die  Waffen  strecke.

Da  General  Wimpffen  sich  weigerte,  die  Kapitulation  der  Armee  zu  bewilligen,
kündigte  Moltke  ihm  an,  daß  am  folgenden  Morgen  um  neun  Uhr  die  Beschießung
der  Festung  ihren  Anfang  nehmen  werde.  Napoleon  hoffte,  durch  persönliche  Unterhandlung
  mit  König  Wilhelm  mildere  Bedingungen  zu  erlangen;  weil  er  sich  überdies
unter  seinen  eigenen  Truppen  nicht  sicher  fühlte,  verließ  er  in  der  Morgendämmerung
in  geringer  Begleitung  die  Stadt  und  begab  sich  nach  Donchery,  wo  Bismarck  wohnte.
Sobald  dieser  von  der  Annäherung  des  Kaises  benachrichtigt  war,  eilte  er  ihm  ent-
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  297

      

 

    
    
 
           

 

      

 
    

 

 

 

 

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        298  Dritter  Zeitraum.

gegen;  Napoleon  verließ  seinen  Wagen,  und  beide  setzten  sich  vor  einem  am  Wege
stehenden  Weberhäuschen  nieder.  Bismarck  lehnte  es  ab,  über  die  Kapitulation,  und
Napoleon,  über  den  Frieden  zu  verhandeln;  der  inzwischen  benachrichtigte  König  aber
wollte  den  Kaiser  vor  Abschluß  der  Kapitulation  nicht  sprechen.  So  blieb  Wimpffen
nichts  weiter  übrig,  als  darein  zu  willigen,  daß  seine  ganze  Armee  in  Kriegsgefangenschaft
  geriet  und  nur  die  Olfzziere  auf  Ehrenwort  entlassen  wurden.  Um  ein  Uhr  traf
König  Wilhelm  auf  dem  Schlosse  Belleovuc  mit  Napoleon  zusammen.  Er  war  tief  ergriffen,
  als  er  den  noch  vor  kurzem  so  mächtigen  Kaiser  ganz  gebrochen  und  als  seinen
Gefangenen  vor  sich  sah.  Zum  Wohhnsitze  bestimmte  er  ihm  das  Schloß  Wilbelmshöhe
bei  Kassel;  eine  deutsche  Ehrenwache  begleitete  den  Gefangenen  bis  an  die  belgische
Grenze,  dort  erfuhr  er  schon  die  Nachricht  von  dem  Ausbruch  der  Revolution  in  Paris.

Am  Nachmittag  besuchte  der  greise  König  seine  Truppen.  „Kinder,“  sprach  er,
„ich  danke  euch  für  eure  Tapferkeit.  Aber  der  Krieg  ist  noch  nicht  aus:  ich  führe  euch
nach  Paris!“"  Endloser  Jubel  war  die  Antwort  und  begleitete  den  geliebten  Feldherrn
  auf  seinem  fünfstündigen  Ritt  von  Lager  zu  Lager.  Bei  der  Abendtafel  ergriff
der  dankbare  König  das  Glas  mit  den  Worten:  „Wir  müssen  auf  das  Wohl  meiner
braven  Armee  trinken.  Sie,  Kriegsminister  von  Roon,  haben  unser  Schwert  geschärft:;
Sie,  General  von  Moltke,  haben  es  geleitet,  und  Sie,  Graf  von  Bismarck,  haben
seit  Jahren  durch  die  Leitung  der  Politik  Preußen  auf  seinen  jetzigen  Höhepunkt  gebracht!“
  Seiner  Gemahlin  hatte  der  König  schon  am  1.  September  den  glücklichen
Ausgang  der  Schlacht,  am  2.  den  Abschluß  der  Kapitulation  gemeldet  und  demutsvoll
hinzugefügt:  „Welch  eine  Wendung  durch  Gottes  Führung!“  Am  folgenden
Tage  schrieb  er  der  Königin;  „Es  ist  wie  ein  Traum,  selbst  wenn  man  es  Stunde
für  Stunde  hat  abrollen  sehen!  Ich  beuge  mich  vor  Gott,  der  allein  mich,  mein
Heer  und  meine  Mitverbündeten  ausersehen  hat,  das  Geschehene  zu  vollbringen,  und
uns  zu  Werkzeugen  seines  Willens  bestellt  hat.  Nur  in  diesem  Sinne  vermag  ich
das  Werk  aufzufassen  und  in  Demut  Gottes  Führung  und  seine  Gnade  zu  preisen.
Was  ich  alles  empfand,  nachdem  ich  vor  drei  Jahren  Napoleon  auf  dem  Gipfel
seiner  Macht  gesehen  habe,  kann  ich  nicht  beschreiben.“  Die  Verluste  der  Deutschen
betrugen  etwa  9000  Mann,  die  der  Franzosen  das  Doppelte;  außerdem  verloren  diese
während  der  Schlacht  und  durch  die  Waffenstreckung  104000  Mann  an  Gefangenen
und  die  gesamte  Ausrüstung  der  Armee.

Kämpfe  gegen  die  französische  Repnublik.

Die  Nachricht  von  der  Kapitulation  von  Sedan  erweckte  im  deutschen
Volke  Jubel  und  Dankbarkeit  gegen  Gott,  bei  den  Franzosen  Enttäuschung
und  Erbitterung.  Statt  aber  die  Ursache  ihrer  Niederlage  in  der  Uberlegenheit
  des  Gegners  zu  suchen,  schrieen  sie  über  Verrat,  und  die  Führer  der
Linken  benutzten  die  Verstimmung  gegen  die  Regierung,  um  mit  Hilfe  des
neuerungssüchtigen  Volkes  am  4.  September  die  Republik  zu  erklären,  die  ja
1792  das  Land  gerettet  hatte.  An  die  Spitze  der  neuen  Regierung  traten
General  Trochu,  sowie  die  beiden  Advokaten  Jules  Favre  und  Gambetta;
bald  darauf  ward  in  Tours  eine  Nebenregierung  eingerichtet.  Die  Kaiserin
Eugenie  war  entflohen  und  fand  mit  ihrem  Sohne  in  England  gastliche  Aufnahme.
  Die  neue  Regierung  knüpfte  zwar  gleich  Verhandlungen  mit  König
Wilhelm  an;  als  aber  Bismarck,  um  Deutschland  in  Zukunft  vor  ähnlichen
Uberfällen  Frankreichs  zu  sichern,  die  Abtretung  des  Elsaß  sowie  des  deutsch
redenden  Teils  von  Lothringen  verlangte,  erwiderte  Jules  Favre:  „Keinen
Schritt  Landes,  keinen  Stein  unserer  Festungen!“

Die  deutsche  Heeresleitung  hatte  das  vorausgesehen  und  sofort  nach  Unterzeichnung
  der  Kapitulation  von  Sedan  der  dritten  und  vierten  Armee  den  Befehl
zum  Vormarsch  auf  Paris  erteilt;  schon  am  15.  begann  die  Einschließung
        <pb n="305" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  299

der  Riesenstadt,  bald  darauf  war  auch  sie,  ebenso  wie  Straßburg  und  Metz,
mit  eisernem  Gürtel  umschlossen.  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  hatte  gleich
nach  dem  Siege  bei  Wörth  die  badische  Division,  die  später  noch  durch  preußische
Garde-Landwehr  und  Reserve  verstärkt  wurde,  unter  dem  Oberbefehl  des
Generals  von  Werder  zur  Belagerung  von  Straßburg  zurückgelassen.
Dieser  versuchte  zunächst,  die  Stadt  durch  ein  Bombardement  rasch  zur  Ubergabe
  zu  zwingen;  da  dies  aber  den  gehofften  Erfolg  nicht  hatte  und  unersetzlichen
  Schaden  anrichtete,  schritt  er  zu  einer  regelrechten  Belagerung,  der  die
Festung  nur  etwa  vier  Wochen  widerstand.  Am  30.  September  zogen  die
Sieger  unter  den  Klängen  der  „Wacht  am  Rhein“  in  die  alte  deutsche,  aber
dem  Reiche  so  lange  entfremdet  gewesene  Stadt  ein;  an  demselben  Tage  hatten
die  Franzosen  sie  1681  in  Besitz  genommen.

Leänger  verzögerte  sich  die  Ubergabe  der  Festung  Metz.  Sie  wurde  durch  mehrere,
auf  den  sie  umragenden  Höhen  erst  in  den  letzten  Jahren  angelegte  Forts  geschützt,
die  bei  Straßburg  fehlten.  Da  General  Steinmetz  als  Generalgouverneur  nach  Posen
versetzt  war,  führte  Prinz  Fiedrich  Karl  den  Oberbefehl  über  die  160000  Mann
starke  Armee,  welche  die  Festung  samt  der  Armee  Bazaines  in  einer  30  km  langen
Linie  umschloß,  um  sie  nicht  durch  Kampf,  sondern  durch  den  Hunger  zur  Ubergabe
zu  zwingen.  Aber  unsägliche  Beschwerden  hatten  die  Belagerer  auszustehen.  Viele
kamen  wochenlang  nicht  aus  den  Kleidern.  Ohne  Schutz  lagen  sie  in  Bretter=  oder
Laubhütten  auf  den  Leichenseldern  von  Gravelotte  und  Vionville  und  kamen  in  große
Gefahr,  als  der  Regen  die  Erde  von  den  großen  Grabhügeln  abschwemmte  und  die
Lagerstätten  in  wahre  Moräste  verwandelte.  Die  Kleider  leisteten  dem  Unwetter  nicht
genügenden  Widerstand;  oft  fehlte  es  an  Nahrung  und  Feuer.  Bald  wurden  die
Reihen  durch  Ruhr  und  Typhus  in  bedenklicher  Weise  gelichtet;  und  doch  durfte  der
beschwerliche  und  gefährliche  Wachtdienst  keinen  Augenblick  versäumt  werden.  Schon
am  31.  August  und  1.  September  suchte  Bazaine  nach  Norden  durchzubrechen;  später
wiederholte  er  den  Versuch,  ward  aber  jedesmal  zurückgeworfen.  Leicht  hätte  er  auf
einen  Punkt  eine  bedeutende  Ubermacht  zusammenziehen  können,  aber  es  fehlte  ihm
der  rechte  Wagemut;  endlich  wurde  der  Hunger  unerträglich;  Metz  kapitulierte  am
27.  Oktober  mit  170000  Mann,  3  Marschällen,  6000  Offizieren  und  unermeßlichem
Kriegsmaterial.  Die  Gefangenen  wurden  nach  Deutschland  befördert,  auch  die  Offiziere,
  weil  einige  der  bei  Sedan  gefangen  genommenen  Offiziere  ihr  Ehrenwort  gebrochen
  hatten.  Bazaine  ging  zu  Napoleon  nach  Kassel.  In  der  Freude  über  die
Eroberung  von  Metz  erhob  König  Wilhelm  General  von  Moltke  in  den  Grafenstand
und  ernannte  den  Kronprinzen  sowie  den  Prinzen  Friedrich  Karl  zu  Feldmarschällen;
dieselbe  Auszeichnung  erfuhr  später  auch  der  Kronprinz  Albert  von  Sachsen.  Den
Truppen  aber  rief  der  höchste  Kriegsherr  zu:  „Ihr  habt  alle  Tugenden  bewährt,  die
den  Soldaten  besonders  zieren:  den  höchsten  Mut  im  Gefecht,  Gehorsam,  Ausdauer,
Selbstverleugnung  bei  Krankheit  und  Entbehrung.  Was  auch  die  Zukunft  bringen
möge,  ich  sehe  dem  ruhig  entgegen;  denn  ich  weiß,  daß  mit  solchen  Truppen  der  Sieg
nicht  fehlen  kann.“

Zur  Sec  waren  die  Franzosen  uns  weit  überlegen;  dennoch  hat  ihre
Flotte  nichts  ausgerichtet.  Gleich  beim  Beginn  des  Krieges  lief  ein  großes
Panzergeschwader  von  Cherbourg  aus,  und  bald  darauf  folgte  ihm  ein  zweites;
aber  ihre  Absicht,  die  auf  einer  Ubungsfahrt  im  Ozean  befindliche  deutsche
Flotte  wegzunehmen,  wurde  durch  den  Prinzen  Ad|albert  von  Preußen  (S.  247)
vereitelt,  der  sie  rechtzeitig  nach  Wilhelmshaven  zurückführte.  Auch  ihre  zweite
Aufgabe,  eine  Landung  an  der  deutschen  Küste  zu  wagen,  löste  die  französische
Flotte  nicht:  es  fehlte  ihr  an  Seekarten  und  genügender  Besatzung,  dazu  erhielten
  die  Befehlshaber  aus  Paris  fortwährend  einander  widersprechende
        <pb n="306" />
        300  Dritter  Zeitraum.

Weisungen.  Deutscherseits  waren  alle  Vorsichtsmaßregeln  getroffen.  Die  See—
zeichen  waren  entfernt,  alle  Feuer  der  Leuchttürme  gelöscht,  die  Lotsen  nach
dem  Binnenlande  gebracht  und  die  gefährdeten  Punkte  stark  befestigt.  Der
Befehlshaber  der  Küstenlande,  General  Vogel  von  Falckenstein,  bildete
aus  Kriegern  und  Bürgern  eine  Wacht  am  Meer,  die  aber  kaum  einen  Fran—
zosen  gesehen  hat.  Eine  von  der  französischen  Ostseeflotte  beabsichtigte  Be—
schießung  Kolbergs  unterblieb;  auch  die  Nordseeflotte  beschränkte  sich  auf  die
Blockade  der  Flußmündungen.  Die  deutsche  Seemannschaft  brannte  vor  Verlangen,
  sich  mit  den  Franzosen  zu  messen,  und  wenn  sie  auch  einen  ernsthaften
Kampf  nicht  wagen  durfte,  so  neckte  sie  den  Feind  doch,  wo  sie  nur  konnte.
Kapitän  Weickhmann  schreckte  mit  der  Korvette  Nymphe  die  französische  Flotte
bei  Neufahrwasser  am  22.  August  aus  ihrer  trägen  Ruhe;  ebenso  holte  er
aus  dem  Schutz  der  Strandbatterien  an  der  normännischen  Küste  drei  mit
Vorräten  beladene  französische  Schiffe.  Den  ehrenvollsten  Kampf  führte  im
November  der  Kapitänleutnant  Knorr,  der  mit  dem  Kanonenboot  Meteor
einen  französischen  Aviso  auf  der  Reede  von  Havanna  zum  Kampf  herausforderte
  und  nach  zweistündigem  Gefecht  zur  Rückkehr  in  den  Hafen  zwang.
Auch  dadurch  haben  die  Franzosen  uns  nur  wenig  geschadet,  daß  sie  deutsche
Handelsschiffe  abfingen;  im  ganzen  haben  sie  ctwa  vierzig  aufgebracht.  Im
September  kehrte  die  französische  Flotte  heim;  ihre  Bemannung  fand  dann
im  Landbkriege,  besonders  bei  der  Verteidigung  von  Paris,  Verwendung.
Paris  war  vollständig  eingeschlossen,  aber  die  eigentliche  Belagerung
dieser  durch  Natur  und  Kunst  geschützten  Riesenstadt  hatte  man  noch  nicht
beginnen  können.  Die  Seine  nimmt  kurz  vor  ihrem  Eintritt  in  die  Stadt
die  vielfach  gewundene  Marne  auf,  und  nach  ihrem  Austritt  aus  derselben
bildet  sie  große  Schlangenwindungen,  wodurch  sie  vor  der  Stadt  drei
parallele  Wasserläufe  zieht.  Dazu  war  diese  seit  1840  befestigt  worden.
Eine  durch  Basteien  verstärkte  Umwallung  umschloß  den  Stadtkörper,  in
weiterem  Kreise  lagen  16  Forts,  von  denen  das  auf  dem  Mont  Valerien
das  stärkste  war.  Die  Stadt  war  mit  Lebensmitteln,  Geschützen  und  anderem
Verteidigungsgerät  sehr  reichlich  versehen  und  wurde  von  einer  der  Einschließungsarmee
  an  Zahl  mehr  als  doppelt  überlegenen  Besatzung  verteidigt.
König  Wilhelm  hatte  sein  Hauptquartier  nach  Versailles  verlegt;  er  wohnte
in  dem  einfachen  Gebäude  der  Präfektur,  während  das  Schloß  zu  einem
Lazarett  eingerichtet  war:  in  den  mit  Bildern  aus  der  Ruhmezgeschichte
Frankreichs  geschmückten  Sälen  lagen  jetzt  deutsche  Soldaten.  Von  Versailles
aus  wurden  von  nun  ab  sämtliche  Bewegungen  der  deutschen  Heere  geleitet.
Die  in  einer  90  km  langen,  daher  sehr  dünnen  Linie  aufgestellten  Belagerungstruppen
  hatten  sich  nicht  nur  gegen  die  Ausfälle  der  Besatzung,  sondern  auch
gegen  Angriffe  im  Rücken  zu  verteidigen;  dazu  fehlte  es  ihnen  bis  Weihnachten
an  grobem  Geschütz.  Anfänglich  war  die  Verbindung  mit  der  Heimat  gestört,
  die  Schienen  waren  aufgerissen,  Lokomotiven  und  Wagen  nach  dem
Westen  entführt,  so  daß  die  Truppen  Mangel  litten,  später  trafen  die  Sendungen
  in  reichlicher  Fülle  ein.  Die  deutsche  Post  löste  überhaupt  während
des  ganzen  Krieges  ihre  Aufgabe  in  unibertrefflicher  Weise.  Soweit  die
Truppen  vordrangen,  stellten  besondere  Feldabteilungen  sofort  die  telegraphische
        <pb n="307" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  301

Verbindung  mit  den  übrigen  Truppenteilen  und  mit  der  Heimat  her.  Die
damals  von  dem  Generalpostmeister  Stephan  zuerst  eingeführten  Postkarten
wurden  den  Soldaten  zu  unentgeltlicher  Benutzung  in  reichem  Maße  ausgeteilt.
  Während  des  ganzen  Feldzuges  hat  die  deutsche  Feldpost  über  hundert
Millionen  Briefe  und  zweieinhalb  Millionen  Pakete  befördert.

Gambetta  hatte  im  Luftballon  Paris  verlassen  und  sich  zu  der  Nebenregierung
  nach  Tours  begeben,  um  die  Landesverteidigung  in  die  Hand  zu
nehmen.  Schon  seit  Errichtung  der  Republik  hatten  sich  freiwillige  Scharen
von  Franktireurs  gebildet,  die  unsere  Armee  fortwährend  in  Unruhe  erhielten,
  ihr  die  Verbindungen  abschnitten,  die  Posten  aus  dem  Hinterhalt
erschossen,  einzelne  Abteilungen
  und  die  Post  überfielen.
  Jetzt  erließ  Gambetta
  ein  Aufgebot  der
Massen,  um  einen  Volkskricg
  zu  entflammen;  englische
  und  amerikanische
Kaufleute  lieferten  die  erforderlichen
  Waffen,  und
bald  schienen  die  Armeen
überall  wie  aus  dem  Boden
  herauszuwachsen.  In
kurzer  Zeit  standen  600  000
Mann  unter  den  Waffen;
alle  hatten  dieselbe  Auf-  3
gabe,  Paris  zu  entsetzen.
Da  die  Pariser  durch  Luftballon,
  Brieftauben  und
unterirdische  Leitungen  mit
den  Provinzen  noch  fortwährend
  in  Verbindung
standen,  so  waren  sie  sofort
von  jedem  Erfolge  jener
Entsatzarmeen  unterrichtet,  wodurch  sie  nur  zu  weiterem  Widerstande  und
zu  Ausfällen  ermutigt  wurden.  Eins  der  ersten  Ausfallsgefechte  fand  um
Le  Bourget  statt.  Dies  unter  dem  Feuer  der  Forts  nördlich  von  Paris
liegende  Dorf  war  von  einer  Kompanie  der  preußischen  Garde  besetzt;  plötzlich
wurde  sie  (28.  Oktober)  im  Morgengrauen  durch  Mobilgarde  und  Franktireurs
überfallen  und  aus  dem  Dorfe  gedrängt.  Darob  herrschte  in  Paris  großer
Jubel,  aber  zwei  Tage  später  eroberte  die  Garde  in  stundenlangem,  erbittertem
  Häuserkampf  das  Dorf  zurück.

Als  sich  bei  Orleans  bedeutende  feindliche  Streitkräfte  sammelten,  wurde
General  von  der  Tann  mit  dem  durch  Infanterie  und  Kavallerie  verstärkten
1.  bayrischen  Korps  dorthin  abgesandt.  Er  traf  auf  ein  an  Zahl  ihm  weit
überlegenes,  aber  fast  nur  aus  jungen  Leuten  bestehendes  Korps,  das  nach
einigen  Gefechten  sich  zurückzog,  so  daß  er  Orleans  (11.  Oktober)  besetzen
        <pb n="308" />
        302  Dritter  Zeitraum.

konnte.  Auch  im  Norden  stand  eine  Armee  unter  Bourbaki,  die  mit  einer
Westarmee  Fühlung  hatte;  im  Südosten  hatte  der  Italiener  Garibaldi  aus
italienischen  und  französischen  Freischaren  ein  Korps  gebildet,  um  aus  Begeisterung
  für  die  Republik  die  Sache  der  Freiheit  zu  verteidigen.  Gegen
ihn  wandte  sich  Werder,  der  ihn  bis  über  Dijon  hinaustrieb,  während  er
gleichzeitig  Belfort  belagerte.  Gegen  die  übrigen  feindlichen  Heere  stand
der  deutschen  Heeresverwaltung  aber  kaum  ein  nennenswertes  Korps  zur  Verfügung.
  Da  fiel  zum  Glück  Metz.  Schon  vorher  hatten  die  einzelnen  dadurch
frei  werdenden  Korps  Anweisung  erhalten,  wohin  sie  sich  wenden  sollten:
General  v.  Manteuffel  sollte  mit  der  ersten  Armee  das  Belagerungsheer  im
Norden  schützen;  ein  Korps  blieb  zur  Besetzung  von  Metz  und  zur  Bewachung
der  Gefangenen  zurück;  Prinz  Friedrich  Karl  zog  mit  drei  Korps  nach  Südwesten.
  Es  war  die  höchste  Zeit!

Die  größte  Gefahr  drohte  von  der  Loire-Armee.  General  v.  d.  Tann
vermochte  sich  nicht  länger  zu  halten;  nach  einem  siebenstündigen  Kampfe  gegen
eine  vierfache  Ubermacht  bei  Coulmiers  zog  er  sich  geordnet  zurück.  Zu
seiner  Unterstützung  erschien  zuerst  der  Großherzog  Friedrich  Franz  von
Mecklenburg,  dann  Prinz  Friedrich  Karl,  der  die  schon  auf  dem  Marsche
nach  Norden  befindliche  Loire-Armee  aufhielt  und  bei  Beaune  la  Rolande
(28.  November)  besiegte.  Dann  drängte  er  sie  am  3.  und  4.  Dezember  in
mehreren  Gefechten,  die  man  unter  dem  Namen  Schlacht  bei  Orleans
zusammenfaßt,  bis  Orleans  zurück;  die  Stadt  kapitulierte  und  wurde  wieder
von  den  Deutschen  besetzt.  Die  Loire-Armee  war  zersprengt;  ein  Teil  derselben
zog  sich  nach  Westen  zurück,  der  andere  fand  später  im  Südosten  Verwendung.
Deutsche  schwärmten  bereits  auf  dem  linken  Loireufer,  und  die  Regierung  in
Tours  verlegte  der  Sicherheit  wegen  ihren  Sitz  nach  Bordeaux.

Auch  im  Norden  waren  die  deutschen  Waffen  siegreich.  Nachdem
Manteuffel  den  Feind  bei  Amiens  nach  heftigem  Kampfe  geworfen  hatte,
konnte  er  seine  Truppen  an  die  Küsten  des  Kanals  und  südlich  bis  über  die
Seine  hinaus  schweifen  lassen.  Eine  zweite  Armee  traf  er  hinter  der  Hallue,
einem  von  Norden  nach  Süden  zur  Somme  fließenden  Bach,  wo  sie  sich  in
den  am  Bache  liegenden  Dörfern  und  auf  dem  östlichen,  das  westliche  überragenden
  Ufer  verschanzt  hatte.  Trotz  dieser  günstigen  Stellung  und  der
Ubermacht  des  Feindes  wurde  dieser  (23.  Dezember)  dennoch  vertrieben.

In  diesen  Tagen  begann  auch  die  Beschießung  der  Pariser  Festungswerke;
deshalb  verdoppelten  die  Franzosen  ihre  Anstrengungen,  der  bedrängten  Stadt
Hilfe  zu  bringen,  solange  es  noch  möglich  war:  im  Norden,  Westen  und  Süden
bildeten  sich  neue  Heere.  Am  meisten  war  die  Westarmee  unter  Chanzy  zu
fürchten;  deshalb  brach  Prinz  Friedrich  Karl  gegen  sie  auf,  der  Großherzog
von  Mecklenburg  schloß  sich  ihm  an.  Der  Marsch  stellte  an  die  Truppen
die  höchsten  Anforderungen.  Der  eisigen  Winterkälte  der  letzten  Tage  folgte
Regen  und  Schnee;  als  dann  wieder  Frost  eintrat,  vermochten  die  Fußgänger
auf  dem  glatten  Boden  kaum  vorwärts  zu  kommen,  und  die  Reiter  mußten
ihre  Pferde  am  Zügel  führen.  Auch  die  Verpflegung  der  Truppen  war  ungenügend;
  trotzdem  trieben  sie  den  an  Zahl  doppelt  überlegenen  Feind  in  den
Kämpfen  vor  Le  Mans  (10.—12.  Januar)  von  Dorf  zu  Dorf,  von  Gehöft
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  303

zu  Gehöft.  Chanzy  verzweifelte  an  fernerem  Widerstande  und  führte  seine
zersprengten  Reste  nach  Nordwesten.  Der  Großherzog  wandte  sich  zur  Unterstützung
  der  ersten  Armee  nach  Rouen,  während  andere  deutsche  Truppen  Tours
besetzten.  Fast  gleichzeitig  mit  der  Westarmee  wurde  auch  die  Nordarmee  der
Franzosen  unschädlich  gemacht,  die  sich  unter  Faidherbe  wieder  gesammelt  hatte.
Am  19.  Jannar  warf  General  v.  Gveben,  der  jetzt  an  Manteuffels  Stelle
den  Oberbefehl  führte  (S.  304),  sie  bei  St.  Quentin  zurück.  Damit  waren
alle  Versuche,  Paris  zu  entsetzen,  gescheitert.

Immer  gleichzeitig  mit  den  wichtigsten  Kämpfen  der  Entsatzarmeen  machte
die  Pariser  Besatzung  Durchbruchsversuche,  die  aber  alle  mißlangen.  Um  die
Jahreswende  waren  endlich  so  viele  schwere  Geschütze  und  genügende  Geschosse
  zur  Stelle,  daß  eine
ernstliche  Beschießung  der
Stadt  beginnen  konnte.
Die  schweren  Geschütze  richteten
  in  den  Forts  grosße
Verheerungen  an;  einige
warfen  ihre  Granaten  auch
nach  Paris  selber  hinein,
weniger  um  Schaden  anzurichten,
  als  um  zu
schrecken.  Zuletzt  entsank
den  Parisern  aller  Mut.
Immer  beißender  wurde
der  Hunger.  Nicht  allein.
Pferde,  sondern  auch  *  2
Hunde,  Katzen,  Ratten.
und  die  Tiere  des  zoologischen
  Gartens  wurden
verzehrt.  Da  es  an  Steinkohlen
  fehlte,  ging  bald
das  Leuchtgas  aus,  und  Goeben.
die  Straßen  waren  abends
fast  dunkel,  was  um  so  unangenehmer  war,  da  die  Stadt  eine  große  Zahl
der  verwegensten  Gesellen  barg,  die  schon  zweimal  einen  Aufstand  versucht
hatten,  um  zur  Herrschaft  zu  gelangen.  Am  23.  Januar  erschien  Jules  Favre
in  Versailles,  um  über  den  Frieden  zu  verhandeln;  schon  nach  drei  Tagen
wurden  die  Feindseligkeiten  eingestellt  und  am  28.  Januar  ein  dreiwöchiger
Waffenstillstand  unter  folgenden  Bedingungen  geschlossen:  Die  feindlichen
Forts  werden  der  deutschen  Armee  ausgeliefert;  die  Besatzungstruppen  werden
entwaffnet  und  bleiben  in  Paris  als  Kriegsgefangene;  die  Stadt  zahlt
200  Millionen  Frank  Kriegssteuer,  darf  sich  aber  während  des  Waffenstillstandes
  mit  Lebensmitteln  versehen.  Während  des  Waffenstillstandes  tritt  eine
aus  freien  Wahlen  hervorgegangene  Nationalversammlung  zusammen,  die  über
Krieg  und  Frieden  entscheiden  soll.

Der  südöstliche  Kriegsschauplatz  war  von  dem  Waffenstillstande
        <pb n="310" />
        304  Dritter  Zeitraum.

ausgeschlossen.  Bis  Mitte  Dezember  hatte  Werder  seine  Stellung  in  Dijon
(S.  302)  behauptet,  dann  aber  aufgeben  müssen,  weil  Bourbaki  ihn  im
Rücken  bedrohte.  Diesem  war  die  Aufgabe  gestellt,  mit  dem  größeren  Teile
der  zersprengten  Loire-Armee  Belfort  zu  befreien,  die  deutschen  Heere  vom
Rheine  abzuschneiden  und,  wenn  möglich,  Süddeutschland  mit  Raub  und  Brand
heimzusuchen.  Als  sich  Ende  Dezember  bei  Belfort  große  Heeresmassen  sam—
melten,  zog  sich  Werder  dorthin  zurück.  Bald  merkte  er,  daß  er  eine  be—
deutende  Ubermacht  vor  sich  hatte,  und  beschloß,  den  Angriff  in  fester  Stellung
abzuwarten.  Er  wählte  dazu  das  östliche  Ufer  des  nach  Süden  fließenden
Baches  Lisaine,  der  bei  Montbéliard  sich  in  die  Allaine  ergießt;  nur  einige
Kilomcter  entfernt  lag  in  seinem  Rücken  Belfort,  von  dessen  Belagerungstruppen
  und  -geschützen  er  alles
irgend  Entbehrliche  heranzog.  Drei
Tage  lang,  15.  bis  17.  Jannar,
rangen  hier  45000  Deutsche,  unter
ihnen  viele  Landwehrleute,  gegen
150000  Franzosen!  Selbst  die  Nacht
brachte  nicht  eiumal  Ruhe,  da  die
meisten  deutschen  Truppen  sie  trotz
der  Kälte  in  ihren  dünnen,  zerrissenen
  Kleidern  im  Freien  zubringen
  mußten,  größtenteils  ohne
genügende  Nahrung.  Aber  niemand
murrte,  jeder  wußte,  was  von  seiner
Weaachsamkeit  abhing,  wußte  auch,  daß
vom  Norden  schon  deutsche  Brüder
NNHNNN&amp;amp;hzJJur  Hilfe  herbeieilten.  Auch  Bouraeoaki
  hatte  dies  erfahren  und  zog
«""  ·  sich  auf  Besangon  zurück.  König
Werder.  Wilhelm  aber  telegraphierte  dem
General  Werder:  „Ihre  heldenmütige
  dreitägige,  siegreiche  Verteidigung  Ihrer  Position,  eine  belagerte
Festung  im  Rücken,  ist  eine  der  größten  Waffenthaten  aller  Zeiten.“

Das  deutsche  Hauptquartier  hatte  die  im  Südosten  drohende  Gefahr
rechtzeitig  erkaunt  und  bereits  am  6.  Januar  Manteuffel  mit  der  Bildung
ciner  Südarmee  beauftragt.  Schon  unterwegs  traf  ihn  die  Kunde  von  Werders
Siege  an  der  Lisaine,  und  sofort  beschloß  er,  Bourbaki  den  Rückzug  abzuschneiden.
  Gegen  Garibaldi,  der  Dijon  besetzt  hielt,  sandte  er  nur  ein  Bataillon,
während  er  selber  nach  dem  Süden  eilte,  um  Bourbaki  das  Doubsthal  zu
sperren.  In  den  Kämpfen  vor  Dijon  fiel  den  Franzosen  die  einzige  deutsche
Fahne  in  die  Hände,  die  sie  unter  einem  Haufen  Leichen  fanden.  Bourbaki
verzweifelte  an  fernerem  Widerstande.  Da  sein  Heer  zu  weiterem  Kampfe
unfähig  war,  rettete  es  sich  auf  Schweizer  Gebiet,  wo  es  entwaffnet  wurde.
Alle  Bande  der  Zucht  waren  gelöst;  die  französischen  Offiziere  mußten  es
den  Schweizern  überlassen,  die  Ordnung  wieder  herzustellen.  —  Jetzt  wurde
der  Waffenstillstand  auch  auf  den  südöstlichen  Kriegsschauplatz  ausgedehnt,
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  305

 

 

 

 

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Unsere  brave  Landwehr.

Hoffmeher,  Unser  Preußen.  20
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        306  Dritter  Zeitraum.

und  die  französische  Regierung  befahl  dem  tapferen  Verteidiger  von  Belfort,
die  Festung,  die  ihrem  Fall  nahe  war,  zu  räumen.  Am  18.  Februar  wurde
sie  von  den  Deutschen  besetzt.

Friede.

Damit  war  der  Kampf  zu  Ende.  Als  am  12.  Februar  die  aus  freien
Wahlen  hervorgegangene  Nationalversammlung  in  Bordeaux  zusammentrat,
  wünschte  die  Mehrheit  derselben  den  Frieden.  Gambetta  war  schon
vorher  zurückgetreten,  und  der  an  die  Spitze  der  Staatsleitung  berufene
Thiers  bemühte  sich,  den  Abschluß  des  Friedeus  unter  den  von  König
Wilhelm  gestellten  Bedingungen  möglichst  zu  beschleunigen.  Der  König  bestand
bei  Festsetzung  der  Friedensbestimmungen  darauf,  daß  bis  zu  30000  Mann
deutscher  Truppen  einen  bestimmt  abgegrenzten  Teil  der  Stadt  Paris
besetzen  sollten.  Am  1.  März  rückten  sie  ein.  Auch  der  Kaiser,  der  Kronprinz,
  Bismarck,  Moltke  und  viele  andere  hohe  Offiziere  besuchten  die  Stadt;
am  Abend  des  2.  durchhallte  ein  von  sämtlichen  Musikkorps  ausgeführter
großartiger  Zapfenstreich  die  Stadt.  Da  am  selben  Tage  die  Nachricht  von
der  Unterzeichnung  des  Friedens  eintraf,  verließen  die  deutschen  Truppen
am  folgenden  Morgen  die  Stadt  wieder,  wobei  sie  unter  dem  Triumphbogen
durchzogen.  «

Schon  am  1.  März  war  der  vorläufige  Friede  unterzeichnet  worden.
In  demselben  trat  Frankreich  das  Elsaß,  doch  ohne  Belfort,  ferner  den
deutschredenden  Teil  von  Lothringen  mit  Metz  an  Deutschland  ab  und  ver—
pflichtete  sich,  binnen  drei  Jahren  fünf  Milliarden  Frank  Kriegsentschädigung
zu  zahlen.  Bis  zur  völligen  Abtragung  dieser  Summe  (September  1873)
blieb  eine  Besatzungsarmee  unter  Manteuffels  Oberbefehl  in  Frankreich  zurück.
Dieser  vorläufige  Friede  wurde  durch  den  endgültigen  Friedensschluß  zu
Frankfurt  a.  M.  am  10.  Mai  1871  bestätigt.

Kaiser  Wilhelm  war  nach  einem  herzlich  dankenden  Abschiedsworte  an
die  Armee  sowie  an  die  Vereine  zur  Pflege  der  Krieger  über  Metz  bereits
nach  Deutschland  zurückgekehrt.  In  Saarbrücken  überreichte  ihm  die  dankbare
Rheinprovinz  einen  goldenen  Lorbeerkranz;  seine  Reise  nach  Berlin,  wo  er
kurz  vor.  seinem  Geburtstage  eintraf,  glich  einem  Triumphzuge.  Der  greise
Held  hatte  die  Anstrengungen  des  Krieges  gut  überstanden  und  trotz  aller
Unruhe  und  vielseitiger  Beschäftigung  noch  Zeit  gefunden,  seiner  Gemahlin
nicht  nur  durch  Telegramme,  sondern  auch  durch  regelmäßig,  fast  täglich  abgesandte
  Briefe  Nachricht  zu  geben.  Bald  kehrten  auch  die  siegreichen  Truppen
heim,  überall  mit  Jubel  empfangen  und  mit  Kränzen  überschüttet;  am  lautesten
aber  war  der  Jubel,  als  am  16.  Juni  die  Garde  und  Vertreter  des  gesamten
  übrigen  deutschen  Heeres  durch  das  Brandenburger  Thor  in  Berlin
einzogen.  Voran  ritten  die  ruhmgekrönten  Feldherren;  dann  kamen  Bismarck,
Moltke,  der  an  diesem  Tage  zum  Feldmarschall  erhoben  wurde,  und  Noon,
darauf  der  Kaiser,  dem  der  Kronprinz,  Prinz  Friedrich  Karl,  Prinz  Wilhelm
und  mehrere  deutsche  Fürsten  folgten.  Auf  dem  Pariser  Platze  nahm  der
Kaiser  von  Ehrenjungfrauen  einen  Lorbeerkranz  mit  den  Worten  entgegen:
„Jch  nehme  den  Dank  an,  nicht  für  mich,  sondern  für  die  Armec."
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.

 

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Einzug  der  deutschen  Truppen  in  Paris  am  1.  März  1871.
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        308  Dritter  Zeitraum.

Doch  wie  mancher  deutsche  Krieger  kehrte  nicht  zurück!  Über  40000  der—
selben  waren  während  des  Feldzuges  vom  Tode  dahingerafft.  Aber  sie  haben
nicht  umsonst  geblutet!  Die  deutschen  Truppen  haben  während  des  ganzen
Krieges  600  siegreiche  Treffen,  Gefechte  und  Schlachten  geliefert,  26  Festungen
erobert  und  400000  Feinde  zu  Gefangenen  gemacht,  nicht  mitgerechnet  die
Pariser  Besatzung  und  die  Truppen,  welche  über  die  belgische  und  die  schweizerische
  Grenze  flüchteten.  Mit  Entsetzen  erkannte  Frankreich,  mit  Staunen
die  Welt,  wie  schier  unerschöpflich  die  deutsche  Wehrkraft  sei.  Trotz  aller  Verluste
  standen  am  Schluß  des  Krieges  800000  Mann  auf  französischem  Boden,
und  über  200000  warteten  in  Deutschland  nur  des  Befehls  zum  Abmarsch.
Auch  das  deutsche  Volk  selber  hatte  erst  wieder  erkannt,  wie  stark  es  ist,
wenn  es  zusammenhält,  und  deshalb  erwachte  jetzt  wieder  mächtig  in  ihm  der
lang  gehegte  Wunsch  nach  einer  Einigung  der  deutschen  Stämme  unter

einem  Kaiser.
Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums.

Schon  bei  Beginn  des  Krieges  hatte  König  Wilhelm  die  Uberzeugung
ausgesprochen,  „daß  aus  der  blutigen  Saat  eine  von  Gott  gesegnete  Ernte
deutscher  Freiheit  und  Einigkeit  sprießen  werde“;  jeder  neue,  gemeinsam  erfochtene
  Sieg  verstärkte  diese  Hoffnung.  Aber  die  preußische  Regierung  mied
jeden  Schein  einer  Nötigung,  es  den  Süddeutschen  überlassend,  ihre  Aufnahme
  in  den  Norddeutschen  Bund  nachzusuchen.  Der  Großherzog  von  Baden
war  stets  für  die  Einigung  Deutschlands  warm  eingetreten;  schon  am  3.  September
  beantragte  er  die  Aufnahme  seines  Staates  in  den  Norddeutschen
Bund.  Etwas  später  erklärte  sich  auch  Hessen  dazu  bereit.  Bayern  und
Württemberg  forderten  als  Bedingung  für  ihren  Eintritt  eine  größere  Selbständigkeit,
  als  den  übrigen  Bundesstaaten  gewährt  worden  war,  besonders
in  militärischer  Hinsicht.  Bismarck  kam  ihnen  möglichst  weit  entgegen,  im
November  traten  die  vier  süddeutschen  Staaten  ein.  Der  so  erweiterte  Norddeutsche
  Bund  erhielt  zunächst  den  Namen  „Deutscher  Bund“;  aber  dieser
hatte  beim  Volke  einen  schlechten  Klang.  Die  Volksstimme  verlangte  schon
längst  einen  Kaiser;  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  glühte  für
diesen  Gedanken,  und  Bismarck  hatte  schon  beim  Eintritt  Bayerns  in  den
Norddeutschen  Bund  (23.  November)  mit  den  Vertretern  Bayerns  eine  Einigung
  über  die  Wiederherstellung  der  Kaiserwürde  erzielt.  Dann  bat  König
Ludwig  von  Bayern  im  Einverständnis  mit  den  übrigen  deutschen  Fürsten
König  Wilhelm,  er  möge  die  Würde  eines  Deutschen  Kaisers  annehmen.
Auch  der  Norddeutsche  Reichstag  trug  durch  eine  Abordnung  dem  Könige
dieselbe  Bitte  vor;  ihr  Sprecher  war  der  Präsident  Simson,  der  einst  auch
Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Kaiserkrone  angeboten  hatte.  Der  König  entschloß
sich  nur  schwer  dazu,  er  hätte  lieber  auch  fernerhin  nur  den  Titel  eines
Königs  von  Preußen  geführt;  aber  in  dem  einmütigen  Wunsche  des  deutschen
Volkes  sah  König  Wilhelm  einen  Nuf  Gottes,  dem  er  sich  nicht  entziehen
dürfe.  Er  erklärte  sich  deshalb  in  einem  Rundschreiben  an  die  deutschen
Fürsten  und  freien  Städte  zur  Annahme  der  Würde  bereit  und  ließ  am
18.  Januar,  dem  für  Preußens  Geschichte  so  denkwürdigen  Tage,  in  dem
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Einzug  der  Sieger  in  Verlin  am  16.  Juni  1871.

 

1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.

309
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        310  ·  Dritter  Zeitraum.

Spiegelsaale  des  Schlosses  zu  Versailles,  wo  schon  so  mancher  für  Deutschland
  verderbliche  Plan  geschmiedet  worden  war,  das  neue  deutsche  Kaisertum
verkündigen.

Der  König  hatte  sich  jeden  Prunk  und  jedes  Lob  seiner  Verdienste  verbeten;
  auch  einen  Thron  wies  er  zurück.  Vor  einem  einfachen,  mit  einer
roten  Decke  bekleideten  und  mit  dem  Eisernen  Kreuz  geschmückten  Feldaltar
sprach  Divisionspfarrer  Rogge  ein  von  Choralgesängen  eingeleitetes  und  geschlossenes
  Gebet.  Dann  trat  der  König  auf  eine  Erhöhung;  rechts  von  ihm
stand  der  Kronprinz,  zu  beiden  Seiten  dreißig  Fürsten  und  Prinzen,  hinter
ihnen  56  Fahnen  und  5—600  Offiziere  des  Belagerungsheeres.  Mit  lauter
Stimme  verkündete  er  seinen  Entschluß,  die  Kaiserwürde  anzunehmen,  und
forderte  den  Grafen  Bismarck  auf,  die  Ansprache  „An  das  deutsche  Volk“
zu  verlesen,  in  der  er  sagte:  „Wir  bekunden  hiermit,  daß  wir  es  als  eine
Pflicht  gegen  das  gemeinsame  Vaterland  betrachtet  haben,  dem  Rufe  der
verbündeten  deutschen  Fürsten  und  Städte  Folge  zu  leisten  und  die  deutsche
Kaiserwürde  anzunehmen.  Wir  hoffen  zu  Gott,  daß  es  der  deutschen  Nation
gegeben  sein  werde,  unter  dem  Wahrzeichen  ihrer  alten  Herrlichkeit  das  Vaterland
  einer  segensreichen  Zukunft  entgegenzuführen.  Wir  übernehmen  die
kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht,  in  deutscher  Treue  die
Rechte  des  Reichs  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu  wahren,  die
Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft  seines  Volkes,  zu
verteidigen.  Uns  aber  und  unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone
wolle  Gott  verleihen,  allezeit  Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu
sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern
und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,
Freiheit  und  Gesittung.“  Kaum  war  das  letzte  Wort  verklungen,  so
rief  der  Großherzog  von  Baden:  „Se.  Majestät  der  Kaiser  Wilhelm  lebe
hoch!“  und  alle  stimmten  begeistert  ein.  Wie  zum  Schwur  erhoben  Fürsten
und  Offiziere  die  Rechte,  Säbel  entfuhren  der  Scheide,  und  ein  brausendes
Hoch  durchhallte  den  Saal  Ludwigs  XIV.  Der  Kronprinz  verneigte  sich  vor
seinem  kaiserlichen  Vater,  der  ihn  herzlich  umarmte;  aus  der  Ferne  donnerten
die  Belagerungsgeschütze  ihren  Gruß;  die  sieggewohnten  Fahnen  umrauschten
den  kaiserlichen  Feldherrn.

Am  21.  März  1871  trat  in  Berlin  der  erste  aus  allgemeinen  Wahlen
hervorgegangene  Deutsche  Reichstag  zusammen;  an  demselben  Tage  wurde
Graf  Bismarck  in  den  Fürstenstand  und  zum  Reichskanzler  erhoben.  In
der  Eröffnungsrede  gab  Kaiser  Wilhelm  nochmals  seinem  „demütigen  Dank
gegen  Gott  Ausdruck  für  die  weltgeschichtlichen  Erfolge,  mit  denen  seine  Gnade
die  treue  Eintracht  der  deutschen  Bundesgenossen,  den  Heldenmut  und  die
Mannszucht  unserer  Heere  und  die  opferfreudige  Hingebung  des  deutschen
Volkes  gesegnet  hat“,  und  schloß  mit  den  Worten:  „Möge  dem  deutschen
Reichskriege,  den  wir  soeben  siegreich  geführt,  ein  nicht  minder  glorreicher
Reichsfriede  folgen,  und  möge  die  Aufgabe  des  deutschen  Volkes  fortan  darin
beschlossen  sein,  sich  in  dem  Wettkampfe  um  die  Güter  des  Friedens  als
Sieger  zu  erweisen.“"  Die  Aufgabe  des  ersten  Reichstages  bestand  darin,
die  Wunden,  welche  der  Krieg  geschlagen,  nach  Möglichkeit  zu  heilen,  den  um
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  311

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die  Verkündigung  der  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums  im  Schlosse
zu  Versailles  am  18.  Januar  1871.
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        312  Dritter  Zeitraum.

die  glücklichen  Erfolge  verdienten  Männern  den  Dank  des  deutschen  Volkes
zu  bethätigen  und  die  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  zu  beraten.  Die
bedürftigen  Reserve-  und  Landwehrmänner  wurden  freigebig  unterstützt;  die
hervorragend  verdienten  Feldherren  und  Staatsmänner  erhielten  eine  Dotation,
und  zur  dauernden  Unterstützung  der  Invaliden  wurde  ein  Reichsinvaliden—
fonds  errichtet.  Da  man  bei  Beratung  der  Verfassung  die  Einrichtungen
des  Norddeutschen  Bundes  zur  Grundlage  wählte,  so  konnte  die  Verfassung
des  Deutschen  Reichs  schon  nach  drei  Wochen  veröffentlicht  werden.

Einiges  aus  der  Reichsverfassung.

Der  König  von  Preußen  ist  zugleich  Deutscher  Kaiser;  als  solcher  hat  er
das  Recht  und  die  Pflicht,  das  Reich  völkerrechtlich  zu  vertreten,  den  Bundesrat  und
den  Reichstag  zu  berufen,  zu  eröffnen  und  zu  schließen,  die  Reichsbeamten  zu  berufen
und  zu  entlassen  sowie  den  Oberbefehl  über  das  Heer  und  die  Marine  zu  führen.
Im  Bundesrat,  der  aus  den  Vertretern  der  einzelnen  Regierungen  besteht,  besitzt
Preußen  von  den  58  Stimmen  17;  den  Vorsitz  führt  der  vom  Kaiser  zu  ernennende
Bundeskanzler.  Der  Reichstag  besteht  aus  397  Abgeordneten,  welche  vom
Volke  in  geheimer,  direkter  Wahl  gewählt  werden.  Zum  Zustandekommen  eines
Reichsgesetzes  ist  nur  die  Zustimmung  des  Reichstages  und  des  Bundesrats  erforderlich;
  der  Kaiser  unterschreibt  die  Reichsgesetze,  läßt  sie  veröffentlichen  und  wacht
über  deren  Ausführung.  Manche  wichtigen  Sachen,  welche  Preußen  bis  1866  selbständig
  ordnete,  sind  jetzt  auf  das  Reich  übertragen,  z.  B.  die  Beurkundung  des
Personenstandes  (Standesämter),  Zoll=  und  Handelsgesetzgebung,  Ordnung  der  Münze,
Maß=  und  Gewichtsverhältnisse,  Vertretung  im  Auslande,  Heer  und  Marine,  Pof
und  Telegraphenwesen,  die  Gesetzgebung  über  das  bürgerliche  Recht,  Strafrecht  und
das  Gerichtsverfahren.  Die  Unterhaltung  und  Verwaltung  der  Gerichte  ist  Sache
der  Einzelstaaten;  das  Reichsgericht  in  Leipzig,  das  höchste  Gericht  Deutschlands,  wird
vom  Reiche  unterhalten.

5.  Raiser  Willzelm  der  Groke.
Auswärtige  Verhältnisse.

„Das  neue  Deutschland  wird  ein  zuverlässiger  Bürge  des
europäischen  Friedens  sein.“  Dies  Wort  Kaiser  Wilhelms  ist  zur
Wahrheit  geworden.  Alexander  II.  von  Rußland,  dessen  Neutralität  Preußen
1866  und  Deutschland  1870  wertvolle  Dienste  geleistet  hatte,  blieb  auch  nach
dem  Kriege  noch  Deutschlands  Freund.  Die  offene,  versöhnliche  Politik  Deutschlands
  vermochte  sogar  in  maßgebenden  Kreisen  Osterreichs  den  Wunsch  nach
einem  engen  Anschluß  an  das  Deutsche  Reich  zu  erwecken.  Schon  im  Herbst  1872
konnte  Kaiser  Wilhelm  die  Kaiser  Alexander  und  Franz  Joseph  in  Berlin  als
seine  Gäste  begrüßen;  durch  das  Dreikaiserbündnis  schien  der  Friede
Europas  für  Jahrzehnte  gesichert  zu  sein.  Nur  Frankreich  stand  ihm  feindselig
  gegenüber.  Vorläufig  hatte  es  zwar  genug  mit  sich  selber  zu  thun  und
war  auch  ohne  Bundesgenossen,  doch  bald  änderte  sich  das.

Um  zu  verhindern,  daß  in  den  Krieg,  den  Rußland  1877  siegreich  gegen
die  Türkei  führte,  auch  andere  Mächte  verwickelt  würden,  lud  die  deutsche
Reichsregierung  die  beteiligten  Mächte  zu  einem  Kongreß  in  Berlin  ein,  wo
im  Juli  1878  Friede  geschlossen  wurde.  Rußland  erhielt  zwar  große  Besitzungen
  in  Asien  sowie  am  Pruth  und  an  der  Donau,  auch  hatte  es  den

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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  313

angeblichen  Zweck  des  Krieges,  Befreiung  der  russischen  Stammes=  und
Glaubensgenossen  von  türkischer  Herrschaft,  erreicht,  aber  nicht  den  eigentlichen
Zweck:  die  ausschlaggebende  Stellung  am  Bosporus.  Die  Schuld  dieses  Mißerfolges
  schob  es  Deutschland  zu  und  näherte  sich  Frankreich;  das  Deutsche
Reich  mußte  also  fürchten,  seine  Waffen  gleichzeitig  gegen  Osten  und  Westen
kehren  zu  müssen.  Deshalb  vermittelte  Fürst  Bismarck  1879  mit  Osterreich  ein
Schutzbündnis  gegen  Rußland.  Kaiser  Wilhelm  fiel  es  schwer,  gegen  seinen
Neffen  sich  wappnen  zu  müssen;  als  dieser  daher  (1881)  durch  Meuchelmord
fiel,  versuchte  er,  den  jungen  Kaiser  Alegander  III.  ((  1894)  zu  einem
neuen  Dreikaiserbündnis  zu  bewegen,  aber  vergebens.  Schon  glaubten  die
Franzosen,  die  so  lange  ersehnte  Rache  an  Deutschland  endlich  ausführen  zu
können,  und  rüsteten  in  fieberhafter  Aufregung.  Doch  auch  die  deutsche  Reichsregierung
  war  nicht  müßig;  sie  hatte  schon  1883  durch  die  Aufnahme  Italiens
den  bisherigen  Zweibund  in  einen  Dreibund  erweitert.  ·
Aber  der  Kaiser  wollte  die  Sicherheit  Deutschlands  nicht  von  der  Treue
oder  Stärke  der  Bundesgenossen  abhängig  machen,  sondern  jedem  Gegner
durch  die  eigene  Kriegsmacht  gewachsen  sein  und  suchte  deshalb  diese  nach
Kräften  zu  verstärken.  Bei  der  Beratung  der  Vorlage  im  Reichstage  zeigte
Bismarck,  wie  oft  der  Kaiser  schon  den  Krieg  vermieden  habe,  daß  Deutsch—
land  sein  Heer  nur  zum  Schutze  des  Friedens  verstärken  wolle,  nicht  aus
Furcht;  denn,  so  rief  er  unseren  kriegslustigen  Nachbarn  zu:  „Wir  Deutsche
fürchten  Gott,  aber  sonst  nichts  in  der  Welt.“  Die  Vorlage  wurde
mit  erdrückender  Mehrheit  bewilligt,  und  die  Feinde  im  Osten  und  Westen
legten  die  bereits  erhobenen  Waffen  wieder  nieder.  Mit  größter  Gewissen—
haftigkeit  überwachte  die  deutsche  Militärverwaltung  auch  die  Einübung  und
Ausrüstung  des  Heeres;  selbst  der  neunzigjährige  Kaiser  besuchte  noch  die
Manöver.  Auch  die  Kriegsflotte  erfreute  sich  der  gleichen  Fürsorge;  Kiel
und  Wilhelmshaven  wurden  zu  Reichskriegshäfen  erhoben,  die  Zahl  der
Schiffe  von  Jahr  zu  Jahr  vermehrt.  Beim  Tode  des  Kaisers  zählte  sie
außer  der  Torpedoflottille  etwa  siebzig  Kriegsschiffe  mit  einer  sehr  see—
tüchtigen  Bemannung.  Sie  hat  die  Aufgabe,  die  heimischen  Küsten  und  den
deutschen  Handel  im  Auslande  zu  schützen.  Das  ist  in  nachdrücklicher  Weise
geschehen,  so  daß  der  deutsche  Kaufmann  nicht  mehr  jeder  Willkür  der  Fremden
ausgesetzt  ist.  1872  nahm  Kapitän  Batsch  der  Republik  Haiti  zwei  Schiffe
weg,  weil  ein  deutscher  Kaufmann  dort  nicht  zu  seinem  Rechte  kommen  konnte;
1873  schützte  Werner  die  Deutschen  in  Spanien  während  eines  Aufruhrs;
1878  bestrafte  Wickede  die  Republik  Nicaragua,  weil  der  deutsche  Konsul  dort
unwürdig  behandelt  worden  war.  Mit  gleichem  Nachdruck  und  Erfolge  sind
später  deutsche  Kapitäne  in  Liberia,  Samoa,  Chile,  Brasilien,  China  und
Marokko  aufgetreten.  Nun  endlich  konnte  man  auch  den  Gedanken  des
Großen  Kurfürsten  wieder  aufnehmen,  überseeische  Kolonien  zu  gründen,
um  dem  Fleiße  und  dem  Thatendrange  unseres  Volkes  neue  Arbeitsfelder  zu
eröffnen.  Seit  1882  wurden  in  Südwestafrika,  ferner  nicht  weit  von  der
ersten  preußischen  Kolonie  (S.  69),  in  Togo  sowie  am  Kamerunfluß  deutsche
Kolonien  angelegt.  Nicht  lange  danach  stellte  das  Reich  noch  andere
Gebiete  unter  seinen  Schutz,  wo  deutsche  Kaufleute  bereits  Land  erworben
        <pb n="320" />
        314  Dritter  Zeitraum.

oder  Handelsunternehmungen  begonnen  hatten:  in  Ostafrika  und  Neuguinea.


Trotz  des  lebhaften  Wunsches  Kaiser  Wilhelms,  Frieden  zu  halten  und
Frieden  zu  stiften,  blieb  ihm  der  Kampf  mit  dem  Papste  nicht  erspart.  Diesem
waren  die  Siege  des  überwiegend  evangelischen  Preußens  und  Deutschlands
über  zwei  katholische  Großmächte  nicht  angenehm;  dazu  hatte  Preußens
Bundesgenosse  von  1866  dem  Papste  den  Kirchenstaat  genommen  und  1870
sogar  Rom  besetzt.  Papst  Pius  IX.,  deutsche  Bischöfe  und  preußische  Abgeordnete
  baten  König  Wilhelm  um  Wiederherstellung  der  weltlichen  Macht  des
Papstes;  aber  der  Kaiser  mußte  es  ablehnen,  in  die  inneren  Verhältnisse
Italiens  sich  einzumischen.  Der  Gegensatz  zwischen  dem  Papste  und  dem
evangelischen  Kaiserreich  wurde  noch  verstärkt  durch  das  1870  auf  dem  Konzil
zu  Rom  verkündigte  Dogma  von  der  Unfehlbarkeit  des  Papstes  in  Sachen
des  Glaubens  und  der  Moral.  Vergebens  hatten  deutsche  Bischöfe  vor  der
Annahme  dieses  Glaubenssatzes  gewarnt,  zuletzt  unterwarfen  auch  sie  sich;  aber
viele  deutsche  Katholiken  verwarfen  jenes  Dogma  und  bildeten  als  Altkatholiken
  eine  besondere  kirchliche  Gemeinschaft.  Der  preußische  Staat
verhielt  sich  demgegenüber  streng  unparteiisch:  er  schützte  die  neue  Kirchengemeinschaft
  wie  die  ältere  und  ließ  die  Staatsbeamten,  welche  das  Unfehlbarkeitsdogma
  nicht  anerkennen  wollten,  in  ihrem  Amte.  Darob  entbrannte
der  Kampf.  Unter  Billigung  des  Papstes  schloß  die  „ultramontane“  Parteie
im  Reichstage  ein  Bündnis  mit  allen,  welche  dem  Reiche  und  Preußen
feindlich  waren:  mit  Polen,  Dänen,  Welfen,  Elsaß-Lothringern;  deshalb  griff
auch  der  Staat  zu  schärferen  Waffen.  Unter  dem  Kultusminister  Dr.  Falk
wurden  (1872—1875)  mehrere  Gesetze  erlassen,  welche  tief  in  das  Leben  der
katholischen  Kirche  eingriffen,  allerdings  —  obgleich  unbeabsichtigt  —  auch  die
evangelische  trafen.  Die  Redefreiheit  der  Geistlichen  auf  der  Kanzel  wurde
eingeschränkt,  das  Aufsichtsrecht  über  die  Volksschulen  ihnen  genommen;  die
Mitglieder  der  Orden  wurden  von  dem  Lehrfache,  die  Jesuiten  aus  Deutschland
  ausgeschlossen,  den  widerspenstigen  katholischen  Geistlichen  die  Staatszuschüsse
  entzogen;  viele,  selbst  der  Erzbischof  von  Mainz  und  der  Bischof  von
Trier,  wanderten  ins  Gefängnis,  die  Gemeinden  verwaisten.  Der  Kaiser  bedauerte
  diesen  für  beide  Teile  gleich  verderblichen  Streit  lebhaft;  sobald  daher
(1878)  in  Leo  XIII.  ein  milder  gesinnter  Mann  den  päpstlichen  Stuhl  bestieg,
  schloß  die  Regierung  des  Reichs  und  Preußens  mit  ihm  nach  und  nach
einen  für  Staat  und  Kirche  annehmbaren  Frieden.  Der  Staat  erlangte  das
wichtige  Zugeständnis,  daß  die  Pfarreien  und  Bistümer  nicht  ohne  seine  Zustimmung
  besetzt  werden  können;  auch  blieb  ihm  die  Schulaufsicht  gewahrt.
Die  Jesuiten  durften  nicht  zurückkehren,  neue  Orden  dürfen  sich  nur  mit
staatlicher  Genehmigung  hier  niederlassen.

Die  soziale  Gesetzgebung.

Während  Staat  und  Kirche  einander  befehdeten,  wuchs  ihre  gemeinsame
Feindin,  die  Sozialdemokratie,  die  in  den  gewerblichen  Verhältnissen
Deutschlands  einen  kräftigen  Nährboden  fand.  Der  Handarbeit,  die  mit  dem
Großbetrieb  schon  genug  zu  kämpfen  hatte,  erwuchs  ein  neuer  Feind  in  der
        <pb n="321" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  315

1869  eingeführten  vollständigen  Gewerbefreiheit.  Viele  selbständige,  aber
unfähige  Meister  überschwemmten  mit  schlechten  Waren  den  Markt  und  drückten
die  Preise  herab;  große  Magazine  drängten  sich  zwischen  Handwerker  und
Käufer.  Infolge  der  deutschen  Siege  hatte  sich  der  deutsche  Außenhandel
sowie  das  heimische  Gewerbe  sehr  gehoben.  Fabriken  über  Fabriken  ent—
standen;  selbst  einfache  Bürger,  kleine  Beamte,  Handwerker  und  Landleute
wollten  ohne  Mühe  reich  werden  und  gaben  vertrauensselig  ihr  kleines  Kapital
gewissenlosen  Gründern  hin.  Aber  nur  etwa  zwei  Jahre  währte  diese
„Gründerzeit“;  dann  traten  infolge  der  Überfüllung  des  Warenmarktes
Stockungen  ein;  viele  Fabriken  mußten  den  Betrieb  einschränken  oder  ein—
stellen.  Während  die  eigentlichen  Gründer  sich  mit  reichem  Gewinn  recht—
zeitig  zurückgezogen  hatten,  verloren  die  Teilhaber  ihr  Vermögen,  die  Arbeiter
ihren  Verdienst.  Die  Zahl  der  Unzufriedenen  war  also  groß;  viele  derselben
warfen  sich  der  Sozialdemokratie  in  die  Arme,  die  ihren  Ursprung  auf
zwei  Männer  jüdischer  Abkunft,  auf  Lassalle  und  Marx,  zurückführt  und  ihren
Anhängern  den  Himmel  auf  Erden  verspricht.  Alles,  was  einen  Nutzen  ge—
währt,  wie  Grundeigentum,  Maschinen,  Häuser  und  Vieh,  soll  dem  Staate,
d.  i.  der  Gesamtheit  aller  Bewohner,  gehören;  die  Arbeit  soll  vom  Staate
geregelt  werden,  alle  sollen  gleichen  Gewinnanteil  und  gleiche  Erziehung  erhalten.
  Religion  ist  Privatsache,  die  Ehe  wird  abgeschafft;  auch  ein  Vaterland
  soll  der  Bürger  dieses  Staates  nicht  mehr  kennen.  Die  Führer  der
Sozialdemokraten  suchten  durch  die  Presse  und  in  Vereinen  das  Volk  aufzureizen
  und  fanden  leider  williges  Gehör;  daß  der  von  ihnen  verheißene
Zukunftsstaat  unmöglich  ist,  daran  dachten  wenige.  Die  Verhetzung  des  Volkes
ging  so  weit,  daß  zwei  verkommene  Menschen  auf  den  hochbetagten  Kaiser
schossen.  Um  die  Quelle  dieses  Ubels  zu  verstopfen,  begann  die  Reichsregierung
  eine  Sozialpolitik  zum  Wohl  der  Arbeiter,  wie  sie  die  Welt
bis  dahin  noch  nicht  gekannt  hatte.

Zwar  war  auch  bisher  schon  manches  geschehen,  die  äußere  Lage  der
Arbeiter  zu  erleichtern:  die  allgemeine  Schulpflicht  hatte  ihren  Bildungsstand
gehoben,  die  Reichsverfassung  sie  den  übrigen  Ständen  politisch  gleichgestellt,
durch  Einrichtung  von  Spar-,  Vorschuß-,  Konsum=  und  Knappschaftsvereinen,
durch  Errichtung  von  vielen  tausend  Arbeiterhäusern  hatte  sich  ihre  äußere
Lage  gebessert;  dennoch  hatten  sie  manchen  gerechten  Grund  zur  Klage.
Niemand  schützte  sie  vor  der  Not,  in  welche  sie  durch  Arbeitsmangel,  Krankheit,
Unfall  oder  Alter  gerieten;  die  Arbeitsräume  waren  nicht  immer  gesund,
Frauen  und  Kinder  litten  oft  unter  zu  harter  Arbeit.  Die  großartige  Umwälzung
  auf  gewerblichem  Gebiete  war  so  rasch  vor  sich  gegangen,  daß  solche
Ubelstände  sich  nicht  verhüten  ließen;  doch  hatte  die  Reichsregierung  sie  längst
erkannt.  Schon  hatte  sie  (1878)  Fabrikinspektoren  eingesetzt,  welche  darüber
  zu  wachen  haben,  daß  die  zum  Wohl  der  Arbeiter  erlassenen  Vorschriften
  gewissenhaft  erfüllt  werden;  die  neu  errichteten  Einigungsämter
sollten  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  schlichten;
auch  wurde  die  Frauen-,  Kinder=  und  Sonntagsarbeit  beschränkt.  Als  das
deutsche  Volk  aus  Freude  über  die  Wiedergenesung  des  Kaisers  1740  000  Mark
gesammelt  hatte  —  die  einzelne  Gabe  durfte  nicht  über  eine  Mark  betragen  —,
        <pb n="322" />
        316  Dritter  Zeitraum.

bestimmte  der  Kaiser  diese  Summe  unter  dem  Namen  „Kaiser  Wilhelms-Spende“
  zu  einer  Altersversorgung  für  Arbeiter.  Doch  dies  genügte  ihm
noch  nicht;  er  wollte  alle  Arbeiter  gegen  Not  durch  Erkrankung
und  Unfälle  schützen  und  ihnen  eine  Versorgung  im  Alter  gewähren.
  „Wir  halten  es  für  Unsere  kaiserliche  Pflicht,“  so  sprach  er  in
der  Botschaft,  mit  welcher  er  am  17.  November  1881  den  Reichstag  eröffnen
  ließ,  „dem  Reichstage  diese  Aufgabe  ans  Herz  zu  legen,  und  würden
mit  um  so  größerer  Befriedigung  auf  alle  Erfolge,  mit  denen  Gott  Unsere
Regierung  sichtlich  gesegnet  hat,  zurückblicken,  wenn  es  Uns  gelänge,  dereinst
das  Bewußtsein  mitzunehmen,  dem  Vaterlande  neue  und  dauerhafte  Bürgschaften
  seines  inneren  Friedens  und  den  Hilfsbedürftigen  größere  Sicherheit
und  Ergiebigkeit  des  Beistandes,  auf  den  sie  Anspruch  haben,  zu  hinterlassen."“
Mit  dieser  Botschaft  hat  sich  Kaiser  Wilhelm  ein  Denkmal  für  ewige  Zeiten
gesetzt.  Von  dem  größten  Segen  für  die  wirtschaftlich  Schwachen  sind  die
infolge  dieser  Botschaft  vom  Reiche  eingerichteten  Kassen  der  Kranken-,
Unfall-,  Invaliditäts=  und  Altersversicherung.

Nach  dem  Krankenversicherungsgesetz  können  sich  alle  gegen  Lohn  beschäftigten
  Personen  für  Krankheitsfälle  bis  zu  dreizehn  Wochen  freie  ärztliche  Behandlung
  und  ein  Krankengeld  sichern.  Die  Kosten  dieser  Versicherung  werden  durch
Beiträge  gedeckt,  die  zu  /8  von  dem  Versicherungspflichtigen,  zu  ½  von  dem  Arbeitgeber
  getragen  werden.  Die  Gesamtsumme  der  von  deutschen  Krankenkassen  gezahlten
Gelder  beträgt  schon  jetzt  jährlich  mehr  als  100  Millionen  Mark.  "

Nach  dem  Unfallversicherungsgesetz  müssen  die  Arbeiter  in  Fabriken,  in
Land=  und  Forstwirtschaft,  int  Betriebe  der  Post  und  Telegraphie,  der  Marine=  und
Heeresverwaltung,  des  Transportgewerbes,  die  Bauarbeiter  und  Seeleute,  ebenso  die
Betriebsbeamten,  soweit  sie  nicht  über  2000  Mark  Jahreseinnahme  beziehen,  durch
ihre  Arbeitgeber  gegen  Betriebsunfälle  versichert  werden.  Die  Versicherungspflichtigen
zahlen  keine  Beiträge,  erhalten  aber  bei  einem  ihnen  bei  der  Arbeit  zugestoßenen  Unfall
in  den  ersten  dreizehn  Wochen  aus  der  Krankenversicherung  Heilungskosten  und
Krankengeld,  von  da  ab  aus  der  Unfallversicherung  eine  Unfallrente  bis  zu  *  des
bisherigen  Arbeitsverdienstes.  Im  Todesfalle  bekommen  die  Hinterbliebenen  Ersaß
der  Beerdigungskosten,  Witwen  und  Kinder  eine  Unfallrente.  Die  von  der  Unfallversicherung
  gezahlten  Entschädigungen  betragen  jährlich  über  50  Millionen  Mark.

Das  Gesetz  über  die  Invaliditäts=  und  Altersversicherung  sichert
den  dauernd  Erwerbsunfähigen  (Invaliden)  und  den  alten  Arbeitern  eine  Rente.
Die  dazu  erforderlichen  Mittel  werden  von  den  Arbeitern,  den  Arbeitgebern  und  dem
Deutschen  Reiche  aufgebracht.  Der  Versicherte  erwirbt  einen  Anspruch  auf  Invalidenrente
  nach  fünf,  auf  Altersrente  nach  dreißig  Beitragsjahren.  Die  Höhe  der  Rente
ist  abhängig  von  der  Lohnklasse  und  von  der  Versicherungsdauer;  sie  reicht  hin,  den
Versicherten  vor  völliger  Verarmung  zu-  schützen,  überhebt  ihn  aber  nicht  der  Notwendigkeit
  eigener  Ersparnisse.  Das  Reich  zahlt  zu  jeder  Rente  jährlich  50  Mark.
Die  für  Invaliditäts=  und  Altersrente  zu  zahlende  Summe  wächst  von  Jahr  zu
Jahr;  1896  betrug  sie  schon  etwa  50  Millionen  Mark.  Welche  Riesenaufgabe  das
Deutsche  Reich  sich  damit  gestellt  hatte,  zeigte  sich  erst  deutlich,  nachdem  diese  Kassen
in  Wirksamkeit  getreten  waren.  Im  ersten  Jahrzehnt  (1884—1894)  sind,  obgleich  die
Alters=  und  Invaliditätsversicherung  erst  für  vier  Jahre  in  Betracht  kommt,  für
Arbeiterversicherung  rund  eine  Milliarde  Mark  verausgabt,  etwa  die
Hälfte  dieser  Summe  ist  nicht  von  Arbeitern  beigetragen  worden.

Der  Ausbau  der  deutschen  Reichseinheit  war  inzwischen  nicht  versäumt
worden,  bildeten  doch  auch  die  neuen  Versicherungsgesetze  ein  ganz  Deutschland
  umschließendes  Band!  Schon  in  den  ersten  Jahren  wurden  für  das
Reich  einheitliche  Maße,  Münzen  und  Gewichte  eingeführt,  die  Post-
        <pb n="323" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  317

und  Telegraphenverwaltung  wurde  vom  Reiche  übernommen,  und  be—
sonders  durch  den  deutschen  Generalpostmeister  Dr.  Stephan  wurde  der  Weltpostverein
  ins  Leben  gerufen.  Um  das  Reich  hinsichtlich  seiner  Einnahmen
von  den  Einzelstaaten  unabhängig  zu  machen,  wurden  ihm  die  Einnahmen
aus  den  Zöllen  überwiesen.  Ganz  Deutschland  bildet  jetzt  ein  Zollgebiet.
Noch  wichtiger  war  die  Herbeiführung  einer  einheitlichen  Rechtspflege
in  Deutschland.  Ein  Reichsstrafgesetzbuch  trat  sofort  nach  Errichtung  des
Reichs,  eine  einheitliche  Gerichtsverfassung  1879  in  Kraft;  auch  wurde  in
aalur  abs  zwanzigjähriger  Arbeit  ein  deutsches  Bürgerliches  Gesetzbuch  fertig
gestellt.

Kaiser  Wilhelms  Friedensarbeit  für  Preußen.

Des  Kaisers  Fürsorge  für  das  Reich  kam  ja  auch  Preußen  zu  gute;
aber  um  dieses  hat  er  sich  auch  noch  besondere  Verdienste  erworben.  Von
jeher  haben  Preußens  Könige  der  Landwirtschaft  ihre  landesväterliche  Fürsorge
  zugewandt;  in  dieser  Zeit  der  sozialen  Gärung  mußte  dem  Könige  noch
ganz  besonders  daran  gelegen  sein,  im  Lande  einen  leistungsfähigen  Stand
der  Bauern  und  Gutsbesitzer  zu  erhalten.  Von  Reichs  wegen  wurde  durch
Getreidezölle  die  Einfuhr  ausländischer  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse  erschwert;
  der  preußische  Staat  half  durch  Förderung  des  landwirtschaftlichen
Kreditwesens,  Unterstützung  landwirtschaftlicher  Vereine,  Errichtung  und  Hebung
landwirtschaftlicher  Schulen  und  durch  Erleichterung  der  Ablösung  von  Grundlasten.
  Auch  das  Verkehrswesen  erfreute  sich  der  sorgfältigsten  Fürsorge.
Der  Postverkehr  erreichte  durch  Einführung  des  billigen  Portos  für  Briefe,
Pakete,  Drucksachen,  Warenproben,  durch  Anstellung  von  Landbriefträgern,
durch  Errichtung  von  Postanstalten  und  Anbringung  von  Briefkasten  selbst  auf
den  Dörfern,  der  Telegraphenverkehr  durch  Ermäßigung  der  Gebühren
und  Einrichtung  von  Fernsprechanstalten  einen  riesigen  Umfang.  Während  die
Regierung  den  Ausbau  des  Landstraßennetzes  den  einzelnen  Kreisen  überließ,
  führte  sie  eine  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  durch  und  förderte
mit  Eifer  den  Kanalbau.  Bisher  waren  die  meisten  deutschen  Eisenbahnen
Eigentum  von  Privatleuten,  die  nur  für  ihr  Interesse  sorgten.  Fürst  Bismarck
erstrebte  den  Ankauf  sämtlicher  deutschen  Eisenbahnen  durch  das  Reich;  da  er
hiermit  auf  den  Widerstand  der  Bundesfürsten  stieß,  suchte  er  wenigstens
die  Eisenbahnen  Preußens  zu  verstaatlichen.  Der  Landtag  stimmte  zu,  zum
großen  Segen  für  das  ganze  Land.  Nur  unbedeutende  Bahnen,  die  der
Staat  nicht  ankaufen  wollte,  und  viele  der  in  neuerer  Zeit  erbauten  Kleinbahnen
  sind  jetzt  noch  im  Privatbesitz.  Zur  Förderung  der  Binnenschiffahrt
und  zur  Bodenentwässerung  wurden  mehrere  Kanäle  angelegt.  So  wurde
der  Main  von  Frankfurt  abwärts  kanalisiert,  Emden  und  Wilhelmshaven
durch  den  Ems-Jadekanal  verbunden,  ebenso  eine  Wasserverbindung  zwischen
Rhein  und  Ems  sowie  zwischen  der  Oberspree  und  der  Oder,  vor  allem
aber  der  Nordostseekanal  (1887)  in  Angriff  genommen,  der  auch  für
unsere  Küstenverteidigung  von  Bedeutung  werden  sollte.  Das  Aufblühen  von
Handel  und  Gewerbe  hatte  zur  Folge,  daß  (1878)  von  dem  Handelsministerium
ein  besonderes  (L.)  Ministerium  der  öffentlichen  Arbeiten  abgezweigt
        <pb n="324" />
        318  Dritter  Zeitraum.

wurde,  dem  auch  die  Verwaltung  der  Staatseisenbahnen  obliegt.  Um  die
Staatsregierung  zu  entlasten  und  dem  Volke  eine  größere  Teilnahme  an  der
Verwaltung  zu  gewähren,  dehnte  König  Wilhelm  die  von  seinem  Vater  begonnene
  Selbstverwaltung  noch  weiter  aus,  indem  er  (1872)  die  Kreisund

  (seit  1875)  die  Provinzialordnung  einführte.

Die  Landesverwaltung  wird  teils  von  Staatsbehörden,  teils  von  Organen
der  Selbstverwaltung  ausgeübt.  An  der  Spitze  der  Staatsverwaltung  stehr  das
Staatsministerium;  es  zerfällt  in  neun  einzelne  Ministerien:

1.  Das  Ministerium  des  Innernz;  ihm  ist  die  eigentliche  Landesverwaltung
anvertraut,  steriu  sie  nicht,  wie  die  Schulverwaltung,  anderen  Ministerien
übertragen  ist.  »·  .  .  „

2.  Das  Ministerium  der  auswärtigen  Angelegenheiten  ist  mit  dem
Auswärtigen  Amt  des  Deutschen  Reiches  verschmolzen;  Preußen  unterhält
für  sich  nur  noch  Gesandte  bei  den  Bundesstaaten  und  beim  päpstlichen  Stuhle,
außerdem  einige  Konsularbeamte,  so  in  Hamburg  und  Bremen.

3.  Das  Kriegsministerium  regelt  die  Einstellung,  Bekleidung,  Bewaffnung
sämtlicher  Truppen  des  deutschen  Reichsheeres,  ausgenommen  die  bayrischen,
württembergischen  und  sächsischen.  «»«  »

4.  Das  Finanzministerium  verwaltet  die  sämtlichen  Einnahmen  und  Ausgaben
  des  Staates.  Die  Einnahmen  ergeben  sich  hauptsächlich  aus  den
Staatseisenbahnen,  Domänen,  Forsten,  Bergwerken  und  Steuern.  (S.  340.)

5.  Das  Justizministerium  überwacht  die  Ausbildung,  Prüfung  und  Führung
der  richterlichen  Personen,  sorgt  für  deren  Anstellung  und  Besoldung  sowie
für  die  Unterhaltung  der  Gerichtsgebäude.  Im  ganzen  Deutschen  Reiche  gilt
dasselbe  Straf=  und  Privatrecht  und  besteht  dieselbe  Gerichtsverfassung.  Für
Übertretungen  und  leichtere  Vergehen  sowie  für  Klagen  um  Gegenstände  bis
300  Mark  ist  das  Amtsgericht  zuständig,  das  auch  die  Grundbuch=  und  Vormundschaftssachen
  verwaltet.  Ein  Amtsrichter  und  zwei  Laien  (Schöffen)
bilden  das  Schöffengericht.  Klagen  um  größere  Wertgegenstände  sowie  schwerere
Vergehen  und  alle  Verbrechen  gehören  vor  das  Landgericht,  Hoch=  und  Landesverrat
  vor  das  Reichsgericht  in  Leipzig.  Drei  Landrichter  und  zwölf  Geschworene
  (Laien)  bilden  das  Schwurgericht.  Außerdem  wirken  Laien  bei  der
Rechtspflege  noch  mit  als  Schiedsrichter  sowie  als  Mitglieder  der  Gewerbeund
  Handelsgerichte.  (Diese  fünf  Ministerien  bestehen  seit  1808.)

6.  Das  Ministerium  der  geistlichen,  Unterrichts=  und  Medizinalangelegenheiten

  überwacht  die  äußeren  Angelegenheiten  der  Landeskirche

(S.  322),  führt  die  Oberaufsicht  über  sämtliche  Bildungsanstalten  des  Landes,

ausgenommen  die  militärischen,  gewerblichen  und  Seemannsschulen,  und  ergreift

  alle  Maßregeln,  welche  von  Staats  wegen  für  die  Gesundheit  der  Bürger
erforderlich  sind.  Die  Hochschulen  stehen  unmittelbar  unter  dem  Ministerium,

die  übrigen  unter  Provinzialbehörden.  (Errichtet  1817.)

Ministerium  für  Landwirtschaft,  Domänen  und  Forsten  (1848).

Ministerium  für  Handel  und  Gewerbe;  ihm  ist  auch  das  Berg-,

Hütten=  und  Salinenwesen  unterstellt  (1848).

9.  Das  Ministerium  für  öffentliche  Arbeiten  verwaltet  das  Eisenbahnund
  das  Bauwesen  (Hoch-,  Wasser=  und  Straßenbau);  unter  dem  Ministerium
bestehen  20  Eisenbahndirektionen  (1878).

Zur  Unterstützung  der  zuletzt  genannten  Behörden  dienen  der  Volkswirtschaftsrat,
der  Eisenbahnrat,  die  Landwirtschafts-,  Handels=  und  Handwerkerkammern,  alle  aus
Laien  gebildet.  .  .  .  .

Die  Verwaltung  der  Provinz  liegt  teils  den  Staatsbehörden  ob,  teils  ist
sie  Sache  der  Selbstverwaltung  und  durch  Provinzial-,  Kreis-,  Städte=  und  Gemeindeordnungen
  geregelt.  Der  oberste  Civilbeamte  der  Provinz  ist  der  Oberpräsident.
  Ihm  sind  alle  Behörden  unterstellt,  ausgenommen  die  Gerichte,  die  Postund
  Eisenbahndirektionen  und  die  Militärverwaltung;  das  ihm  untergeordnete

n—
        <pb n="325" />
        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  319

Provinzialschulkollegium  führt  die  Aufsicht  über  das  höhere  Schulwesen  der  Provinz.
Von  den  Kreistagen  (s.  u.l)  gewählte  Abgeordnete  treten  meistens  alle  zwei  Jahre
zu  einem  Provinziallandtage  zusammen,  der  über  Angelegenheiten  der  Provinz  berät
und  beschließt.  Dem  von  ihm  gewählten  Landesdirektor  liegt  die  Verwaltung  der
laufenden  Geschäfte  ob;  ihm  secht  der  Provinzialrat  (Oberpräsident,  ein  sonsüger
Veamter  und  fünf  vom  Provinzialausschuß  gewählte  andere  Einwohner  der  Provinz)
zur  Seite.

Der  Regierungsbezirk  wird  von  der  Königlichen  Regierung  verwaltet,  an
deren  Spitze  der  Regierungspräsident  steht.  Sie  bearbeitet  sämtliche  Zweige  der
inneren  Verwaltung,  soweit  diese  nicht  besonderen  Behörden  (Gerichten,  Konsistorien,
Post=  und  Eisenbahnbehörden)  übertragen  sind.  Dem  Regierungspräsidenten  steht  der
Bezirksausschuß  (Präsident  und  zwei  weitere  Mitglieder  der  Regierung  sowie  vier
vom  Provinzialausschuß  ernannte  Einwohner  des  Bezirks)  zur  Seite.  ·

Der  Regierungsbezirk  zerfällt  in  Land=  und  Stadtkreise.  Den  Landkreis
verwaltet  als  königlicher  Beamter  der  Landrat;  neben  ihm  stehen  als  königliche
Kreisbeamte  der  Kreisphysikus,  tierarzt,  -bau=  und  -schulinspektor,  als  Organe  der
Felbstwerwaltung  der  von  den  Einwohnern  des  Kreises  gewählte  Kreistag  und  der
Kreisausschuß  (Landrat  und  sechs  Kreistagsmitglieder).  Die  großen  Städte  bilden
einen  Stadtkreis;  die  im  Landkreise  vom  Landrat,  Kreistag  und  Kreisausschuß  versehenen
  Geschäfte  werden  im  Stadtkreise  von  dem  [Ober-][Bürgermeister,  den  städtischen
Behörden  und  dem  Stadtausschuß  wahrgenommen.

Die  Stadt=  und  Landgemeinden  verwalten  sich  selbst  unter  Aufsicht  der
Königlichen  Regierung  und  des  Landrats.  Die  Bürger  wählen  als  ihre  Vertreter
Bürgervorsteher  (Stadtverordnete),  diese  wählen  den  Magistrat,  der  aus  dem  Bürgermeister,
  einem  Beigeordneten  (Syndikus)  und  den  Senatoren  (Natsherren)  besteht  und
die  eigentliche  städtische  Verwaltungsbehörde  ist.  Die  Landgemeinde  wird  von  dem
Ortsvorsteher  (Schulzen)  und  den  Beigeordneten  (Schöffen)  verwaltet,  die  von  den
Einwohnern  gewählt  werden.

Auch  Kunst  und  Wissenschaft,  Schule  und  Kirche  erfreuten  sich
unter  der  Regierung  König  Wilhelms  sorgfältiger  Pflege.  In  Berlin,  das
sich  unter  ihm  zu  einer  der  schönsten  Weltstädte  entwickelte,  entstand  das
großartige  Reichspost=  und  das  Reichstagsgebäude,  die  Nationalgalerie,
  die  Siegessäule,  das  Denkmal  des  Freiherrn  vom  Stein.  Das
Denkmal  Friedrich  Wilhelms  III.  im  Lustgarten  zu  Berlin  wurde  beim  Einzuge
  der  siegreichen  Truppen  (1871)  enthüllt;  ebenso  errichtete  Kaiser  Wilhelm
seinem  Bruder  Friedrich  Wilhelm  IV.  ein  Denkmal  vor  der  Nationalgalerie,
seiner  Mutter  ein  Marmorstandbild  dem  des  Vaters  gegenüber  im  Tiergarten
und  ebenso  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm  I.  im  Lustgarten  zu  Potsdam.
1875  enthüllte  Kaiser  Wilhelm  das  mit  seiner  Unterstützung  endlich  vollendete
  Hermanusdenkmal  bei  Detmold,  und  am  Geburtstage  seines  Bruders
(15.  Oktober,  S.  238)  1880  legte  er  unter  großartiger  Feier  den  Schlußstein
  zum  Kölner  Dom.  Wenige  Jahre  später  (1883)  konnte  er  das
Nationaldenkmal  auf  dem  Niederwald  einweihen.  Reichen  Gewinn
für  Kunst  und  Wissenschaft  zugleich  ergaben  die  mit  Unterstützung  des  Kaisers
veranstalteten  Ausgrabungen  in  Olympia  und  Pergamum;  diese  sowie
die  von  Schliemann  auf  der  Stätte  des  alten  Troja  ausgegrabenen  und
dem  Deutschen  Reiche  geschenkten  Altertümer  bilden  jetzt  einen  wertvollen
Bestand  der  Berliner  Museen.

Das  höhere  Schulwesen  wurde  durch  die  Errichtung  von  Realgymnasien
  weiterentwickelt;  aber  viel  mehr  geschah  für  das  Volksschulwesen.
Nach  dem  Schulaufsichtsgesetze  von  1872  „steht  die  Aufsicht  über  alle
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der  Volksschule  höhere  Ziele  gesteckt,  die  Zahl  der  in  einer  Schule  zulässigen
Kinder  beschränkt  und  infolgedessen  viele  neue  Schulen  erbaut.  Um  die  er—
forderliche  Anzahl  Lehrer  zu  gewinnen,  wurden  Präparandenanstalten
und  50  neue  Seminare  eingerichtet.  Die  Anforderungen  an  die  Ausbildung
der  Lehrer  wurden  durch  die  „Prüfungsordnung  für  Volksschullehrer,  Lehrer
an  Mittelschulen  und  Rektoren“  erhöht,  dadurch  diesen  aber  auch  weitere
Bahnen  geöffnet.  Die  äußere  Lage  der.  Vollsschullehrer  wurde  gehoben  durch
Gewährung  von  Dienstalterszulagen  aus  Staatsmitteln  (seit  1873)  und  durch
Erlaß  eines  Pensionsgesetzes  (1885).

Kaiser  Wilhelm  war  ein  frommer  Christ;  deshalb  lag  es  ihm  auch  am
Herzen,  „daß  dem  Volke  nicht  die  Religion  verloren  gehe“.  Dazu  sollte  auch
die  Schule  helfsen.  „Auf  der  Religion  und  den  Schulen  ruht  die  Zukunft
des  Volkes,“  sprach  er  einst,  und:  „Die  religiöse  Erziehung  muß  noch  viel
tiefer  und  ernster  aufgefaßt  werden.“  Als  oberster  Bischof  der  evangelischen
Kirche  Preußens  suchte  er  der  zunehmenden  religiösen  und  kirchlichen  Gleichgültigkeit
  dadurch  zu  steuern,  daß  er  durch  Erlaß  einer  neuen  Kirchengemeinde=

  und  Synodalordnung  auch  weitere  Kreise  der  Gemeinde  zur
Mithilfe  aufrief.
Die  meisten  Evangelischen  der  neun  alten  Provinzen,  Lutheraner  und  Reformierte,
  im  ganzen  fast  15  Millionen,  gehören  der  evangelischen  (unierten)
Landeskirche  an.  Ihre  oberste  Kirchenbehörde  ist  der  Evangelische  Oberkirchenrat
  in  Berlin,  der  unmittelbar  dem  Könige  unterstellt  ist.  Unter  dem  Oberkirchenrat
  steht  in  jeder  der  neun  älteren  Provinzen  mit  dem  Sitz  in  der  Provinzialhauptstadt
  ein  Konsistorium,  das  die  Ausfsicht  über  das  gesamte  kirchliche  Leben
der  Provinz  führt.  Diese  Aufgabe  liegt  besonders  den  obersten  geistlichen  Mitgliedern
  des  Konsistoriums,  den  Generalsuperintendenten,  ob.  Der  Konsistorialbezirk
  gliedert  sich  wicder  in  Diöcesen,  Superintendenturen,  Propsteien  oder
Inspektionen,  deren  jede  von  einem  Superintendenten  (Propst)  verwaltet
wird  und  in  mehrere  Pfarreien  oder  Kirchspiele  zerfällt.  Durch  die  Kirchengemeinde=
  und  Synodalordnung  wird  neben  den  Kirchenbehörden  auch  den
Kirchengemeinden  Einfluß  auf  die  Kirchenverwaltung  eingeräumt.  In  jedem  Kirchspiel
  werden  aus  den  Gemeindegliedern  Kirchenälteste  gewählt,  die  den  Geistlichen
bei  der  Verwaltung  der  äußeren  kirchlichen  Angelegenheiten,  in  der  Almosenpflege
und  Kirchenzucht  unterstützen  und  unter  seinem  Vorsitz  den  Kir  chenrat  oder
Kirchenvorstand  bilden.  Alle  Geistlichen  einer  Diöcese  und  die  doppelte  Anzahl
von  den  Gemeinden  gewählter  Laien  treten  —  in  der  Regel  jährlich  —  unter  dem
Vorsitz  des  Superintendenten  zu  einer  Kreissynode  zusammen,  um  über  Vorlagen
der  Kirchenbehörden  oder  über  eigene  kirchliche  Angelegenheiten  zu  beraten.  Von
den  Kreissynoden  gewählte  Abgeordnete  versammeln  sich  auf  Berufung  des  Konsistoriums
  gewöhnlich  alle  drei  Jahre  mit  den  vom  Könige  ernannten  Mitgliedern
u  einer  Provinzialsynode.  In  der  Regel  alle  sechs  Jahre  wird  auf  den  Ruf
des  Königs  die  Landes=  oder  Generalsynode  für  die  neun  älteren  Provinzen
in  Berlin  abgehalten.  Zu  ihr  gehören  dreißig  vom  Könige  ernannte  Mitglieder,  die
Generalsuperintendenten,  sechs  Vertreter  der  Universitäten  und  150  von  den  Provinzialsynoden
  gewählte  Abgeordnete.  Die  Synoden  haben  das  Recht,  Steuern  für
kirchliche  Zwecke  zu  erheben;  Kirchengesetze  bedürfen  der  Zustimmung  der  General-=sonode
  und  neben  der  Unterschrift  des  Königs  der  Gegenzeichnung  des  Präsidenten
des  Oberkirchenrats.  Für  die  Zeit  der  Vertagung  wählt  jede  Synode  einen  Ausschuß,
  der  ihre  laufenden  Geschäfte  erledigt.  Die  evangelischen  Kirchen  der  drei
neuen  Provinzen  sind  der  unierten  Landeskirche  nicht  angeschlossen,  stehen  also  nicht
unter  dem  Oberkirchenrat,  sondern  unter  dem  Kultusministerium;  im  übrigen  sind
aber  die  Kirchenbehörden,  sowie  die  Gemeindevertretung  durch  eine  Kirchenvorstandsund
  Synodalordnung  ähnlich  eingerichtet  wie  in  den  alten  Provinzen.
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        1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  323

An  der  Spitze  der  katholischen  Kirche  steht  der  Papst;  ihr  Gebiet  ist  in
Erzbistümer  und  Bistümer  geteilt.  In  Preußen  bestehen  zwei  Erzbistümer  und
ehn  Bistümer,  nämlich:  das  Erzbistum  Posen-Gnesen  mit  dem  Bistum  Kulm,
as  Erzbistum  Köln  mit  den  Bistümern  Trier,  Münster  und  Paderborn,  die
Bistümer  Fulda  und  Limburg;  die  Bistümer  Breslau,  das  auch  einen  Teil  von
OSsterreichisch-Schlesien  umfaßt,  Ermland,  Hildesheim  und  Osnabrück  sind  unmittelbar
dem  Papste  unterstellt.  Die  katholische  Kirche  hat  keine  Synodalordnung  und  gewährt
  den  Laien  nur  Einfluß  auf  die  Vermögensverwaltung  der  Kirchspiele  durch
gewählte  Vertreter.

Kaiser  Wilhelms  Lebensabend  und  Heimgang.

Es  war  ein  großer  Segen  für  das  deutsche  Volk,  daß  Kaiser  Wilhelm
bis  in  das  hohe  Greisenalter  in  voller  körperlicher  und  geistiger  Frische  an
der  Befestigung  seines  Lebenswerkes  arbeiten  konnte.  Stundenlang  saß  der
Neunzigjährige  noch  täglich  am  Arbeitstisch,  oder  er  nahm  Vorträge  entgegen
und  empfing  Besuche.  Wie  er  im  Kriege  selber  seine  Heere  führte,  so  war
er  auch  in  Wahrheit  die  Seele  seiner  Regierung;  selbst  von  den  kleinsten
Sachen,  die  in  seinem  Namen  geschahen,  nahm  er  Kenntnis.  Trotzdem  mochte
er  in  seiner  großen  Gewissenhaftigkeit  und  Ordnungsliebe  nichts  aufschieben;
daher  blieben  ihm  zur  Erholung  täglich  nur  wenige  Stunden.  Im  Sommer
weilte  er  gern  einige  Wochen  im  Bade  Ems  oder  Gastein  oder  auch  auf
der  Insel  Mainau  im  Bodensee;  am  liebsten  aber  war  er  in  Babelsberg.
Wie  ein  schlichter  Landedelmann  schritt  er  da  schon  am  frühen  Morgen  durch
Hof  und  Ställe,  fütterte  eigenhändig  seine  Hühner  und  machte,  auf  einen
einfachen,  von  ihm  selber  geschnittenen  Haselstock  sich  stützend,  einen  Spaziergang
  durch  den  Park.  In  Berlin  bewohnte  er  nicht  das  große  Residenzschloß,
  sondern  ein  kleineres  neben  dem  Denkmal  Friedrichs  des  Großen.
Sobald  mittags  die  Wache  vorüberzog,  trat  er  ans  Fenster,  und  sofort  entblößten
  sich  alle  Häupter  des  zahlreich  versammelten  Volkes  zu  ehrfurchtsvollem
  Gruße.  Weder  Arbeit  noch  Unpäßlichkeit  vermochten  den  Kaiser  davon
zurückzuhalten,  weil  er  wußte,  daß  viele  schon  lange  warteten,  selbst  weite
Reisen  gemacht  hatten,  um  ihn  zu  sehen.  Im  Spätsommer  musterte  der
Kaiser  mit  scharfem  Kennerblick  seine  Truppen.  Als  der  Leibarzt  ihn  einst
des  schlechten  Wetters  wegen  vor  dem  Besuch  des  Paradefeldes  warnte,  weil
sonst  das  Schlimmste  zu  befürchten  sei,  antwortete  er:  „Dann  sterbe  ich
wenigstens  im  Dienst.  Ein  König  von  Preußen,  der  nicht  mehr  zu  seinen
Soldaten  gehen  und  die  Verpflichtungen  seines  Amts  erfüllen  kann,  der  ist
kein  König  mehr  und  müßte  die  Regierung  niederlegen."

Allem  Prunke  abhold,  trug  der  Kaiser  fast  stets  die  einfache  Offiziersuniform,
  im  schmucklosen  Schlafzimmer  ruhte  er  auf  eisernem  Feldbett;  auch
seine  Mahlzeiten  waren  höchst  einfach.  Aber  obwohl  er  für  sich  selber  so
sparsam  war,  hatte  er  doch  stets  eine  offene  Hand,  wenn  es  galt.  Notleidende
zu  unterstützen,  und  hierbei  stand  ihm  seine  Gemahlin,  die  Kaiserin  Augusta,
treu  zur  Seite,  die  sich  durch  Stiftung  oder  Unterstützung  zahlreicher  Vereine
oder  Anstalten  für  Krankenpflege,  Volkswohl  und  Bildung  ein  dauerndes
Denkmal  in  dem  Herzen  des  deutschen  Volkes  errichtet  hat.  Mit  der  Einfachheit
  des  Kaisers  paärte  sich  Bescheidenheit,  Dankbarkeit  und  Güte.  Er

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Kaiser  Wilhelm  am  historischen  Eckfenster.
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        (1.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs  durch  Kaiser  Wilhelm  den  Großen.  325

  
  
  
 

 

 

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Parade  unter  Wilhelm  dem  Großen.
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        326  Dritter  Zeitraum.

selber  sah  sich  nur  als  Gottes  Werkzeug  an,  von  eigenem  Verdienst  ist
nie  die  Rede;  wie  dankbar  rühmt  er  dagegen  die  Verdienste  seiner  großen
Gehilfen!  Trotz  seiner  Milde  fehlte  es  ihm  nicht  an  der  Festigkeit  des
Willens.  Nie  lieh  er  Günstlingen  sein  Ohr,  seine  bewährten  Diener  aber
schützte  er  in  ihren  Amtern  gegen  jeden  Angriff.

Reich  gesegnet  war  der  Kaiser  auch  in  seiner  Familie.  Er  konnte  das
Fest  der  goldenen  Hochzeit  feiern,  sein  Sohn  und  Thronfolger,  Kronprinz
Friedrich  Wilhelm,  war  von  blühenden  Kindern  umgeben.  Eine  große  Freude
war  es  dem  Kaiser,  als  sein  ältester  Enkel,  Prinz  Wilhelm,  sich  am
27.  Februar  1881  mit  der  Prinzessin  Auguste  Viktoria  von  Schleswig-Holstein
  vermählte,  und  als  diesem  Fürstenpaare  am  6.  Mai  1882  der  erste
Sohn  geboren  wurde,  da  brach  der  kaiserliche  Urgroßvater  in  die  Worte  aus:
„Hurra,  vier  Könige!“  Den  neunzigsten  Geburtstag  des  allbeliebten  Herrschers
feierte  auch  der  geringste  Arbeiter.  Doch  bald  nach  diesem  Tage  erkrankte  der
Kronprinz  an  einem  unheilbaren  Halsleiden.  Alle  Kunst  der  Arzte,  auch  das

Sac  2
—

Letzte  Unterschrift  Kaiser  Wilhelms.

milde  Klima  des  Südens  vermochte  nicht  zu  helfen.  Dazu  starb  plötzlich  ein
hoffnungsvoller  Enkel  des  Kaisers,  Prinz  Ludwig  von  Baden.  Diese  Schläge
waren  zu  hart  für  den  Greis.  Seine  Lebenskräfte  begannen  zu  versiegen;
eine  leichte  Erkältung  warf  ihn  aufs  Krankenlager,  das  er  selber  als  sein
Sterbebett  bezeichnete.  Wie  ein  gewissenhafter  Hausvater  und  frommer  Christ
bereitete  er  sich  auf  den  Tod  vor,  sprach  mit  dem  Fürsten  Bismarck  über
die  politische  Lage  Europas,  erteilte  seinem  Enkel  weise  Ratschläge,  und  als
seine  Tochter  ihn  fragte,  ob  er  denn  nicht  müde  werde,  erwiderte  er:  „Ich
habe  jetzt  keine  Zeit,  müde  zu  sein.“  Noch  am  Tage  vor  seinem  Tode
unterschrieb  er  eine  Verordnung  über  den  Schluß  des  Reichstages.  Fürst
Bismarck  bat  ihn,  er  möge  nur  den  Anfangsbuchstaben  seines  Namens  schreiben;
der  gewissenhafte  Herrscher  unterschrieb  aber,  wenn  auch  mit  äußerster  Kraftanstrengung,
  seinen  vollen  Namen.  Es  war  seine  letzte  Unterschrift.  Der
Oberhofprediger  D.  Kögel  tröstete  den  Sterbenden  mit  passenden  Bibelsprüchen;
als  die  Frau  Großherzogin  Luise  von  Baden  nach  Verlesung  von  Luk.  2,  29
ihn  fragte:  „Vater,  hast  Du  es  auch  verstanden?“"  erwiderte  er:  „Ja“,
wiederholte  die  Worte:  „meine  Augen  haben  deinen  Heiland  gesehen“  und
fügte  hinzu:  „Er  hat  mir  in  seinem  Namen  geholfen.“  Die  Kaiserin  saß
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Das  Mausoleum  zu  Charlottenburg.

Im  Hintergrunde  die  Grabdenkmäler  König  Friedrich  Wilhelms  III.  und  der  Königin  Luise,  im  Vordergrunde  die  Kalser  Wilhelms  des  Großen  und  der  Kaiserin  Augusta.
        <pb n="334" />
        328  Dritter  Zeitraum.

am  Bett,  die  Hand  des  sterbenden  Gemahls  umfassend;  Prinz  Wilhelm  beobachtete
  knicend  die  immer  schwächer  werdenden  Atemzüge  des  geliebten
Großvaters.  Am  Morgen  des  9.  März  1888  entschlummerte  der  große  Kaiser
ohne  Todeslampf  unter  dem  Gebet  des  Hofpredigers.  Die  Todesnachricht
verbreitete  sich  rasch  über  den  ganzen  Erdenball.  Jeder  wußte,  daß  der  bedeutendste,
  berühmteste  und  mächtigste  Herrscher  der  Erde  geschieden  sei,  und
besorgt  fragte  sich  wohl  mancher:  Was  nun?  Ganz  Deutschland  glich  einem
Trauerhause.  Tausende  eilten  nach  Berlin,  um  die  im  Domc  aufgebahrte
Leiche  des  geliebten  Herrschers  noch  einmal  zu  sehen.  Die  Beisetzung  erfolgte
unter  Teilnahme  von  Königen,  Prinzen  und  Fürsten,  von  Abgcordneten  sämtlicher
  Staaten  der  Erde;  aus  allen  deutschen  Gauen  waren  die  alten  Krieger
herbeigeeilt.  Im  Anblick  der  Siegessäule  empfing  die  Garde  die  irdischen
Üüberreste  ihres  großen  Kriegsherrn,  der  sie  so  oft  zum  Siege  geführt,  und
geleitete  sie  nach  Charlottenburg.  An  der  Seite  der  geliebten  Eltern  fand
des  Deutschen  Reiches  erster,  großer  Kaiser  seine  Ruhestätte.  .

Kaiser  Wilhelm  I.  gehört  zu  den  größten  Männern  aller-Zeiten.
  Er  hat  Preußen  zur  ersten  Macht  Deutschlands  erhoben,
das  deutsche  Volk  gceeinigt,  ihm  seit  Jahrhunderten  entfremdete
Brüder  zurückgebracht,  das  Deutsche  Reich  an  die  Spitze  der  europäischen
  Staaten  gestellt  und  in  einer  Zeit,  wo  die  republikanischen
  Neigungen  auch  in  Deutschland  weit  verbreitet  waren,
durch  seine  großen  Verdienste  und  besonders  durch  seine  hohen
persönlichen  Eigenschaften  die  Monarchie  auf  die  Liebe  und  Verehrung
  des  Volkes  neu  gegründet.  Im  Kriege  stets  siegreich,
war  er  doch  ein  Vater  seines  Volkes  und  hat  durch  seine  Fürsorge
  für  die  niederen  Stände  den  Staaten  ganz  neue  Bahnen
gewiesen.  Mit  Recht  heißt  er  deshalb  Wilhelm  der  Große.

Fürst  Bismarck  schloß  seine  dem  Reichstage  das  Ableben  des  Kaisers
verkündende  Anzeige  mit  den  Worten:  „Die  heldenmütige  Tapferkeit,
das  nationale  hochgespannte  Ehrgefühl  und  vor  allem  die  treue,
arbeitsame  Pflichterfüllung  im  Dienste  des  Vaterlandes  und  die
Liebe  zum  Vaterlande,  die  in  unserem  dahingeschiedenen  Herrn
verkörpert  waren,  mögen  sie  ein  unzerstörbares  Erbteil  unserer
Nation  sein!“  ·

Die  Kaiserin  Augusta  folgte  ihrem  Gemahl  schon  am  7.  Januar  1890;.
auch  sie  ruht  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg.  "

Z.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.
und  Kaiser  Wilbelm  II.

1.  Raiser  Friedrich  III.,  vom  9.  März  bis  15.  UAuni  1888.

Nach  Wilhelms  des  Großen  Tode  ruhte  das  Scepter  Preußens  und
des  Deutschen  Reiches  in  der  bereits  todesmatten  Hand  Kaiser  Friedrichs  III.
Wie  ganz  anders  hatte  sich  ihm  das  Leben  gestaltet,  als  er  hoffen  durfte,
als  das  deutsche  Volk  wünschtel!
        <pb n="335" />
        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  I.  329

Als  eine  gute  Vorbedeutung  sah  es  das  preußische  Volk  an,  daß  Prinz
Friedrich  Wilhelm  am  Jahrestage  der  Schlacht  bei  Leipzig,  am  18.  Oktober
  1831,  geboren  wurde.“)  Mit  trefflichen  Gaben  des  Körpers  und  Geistes
ausgerüstet,  entwickelte  er  sich  zu  einem  blühenden  Knaben  und  Jüngling;
seine  Mutter,  eine  Schülerin  Goethes,  und  treffliche  Lehrer,  wie  Ernst
Curtius,  erweckten  in  ihm  Vorliebe  für  Kunst  und  Wissenschaft;  das  Vorbild
des  Vaters,  die  militärische  Erziehung  und  das  Bewußtsein  der  ihm  bevorstehenden
  Aufgabe  machten  ihn  auch  zu  einem  tüchtigen  Soldaten.  Nach
dreijährigem  Besuch  der  Universität  Bonn  widmete  er  sich  dem  Militärdienste
und  ließ  sich  durch  erfahrene  Staatsmänner  in  die  verschiedenen  Zweige  der
Staatsverwaltung  einführen;  größere  Reisen  durch  Deutschland,  England  und
Italien  erweiterten  seinen  Blick.  Er  vermählte  lich  1858  mit  der  Kronprinzessin
  Viktoria  von  England,  und  am  27.  Januar  1859  wurde  dem
jungen  Fürstenpaare  das  erste  Kind  geboren,  Prinz  Wilhelm,  der  spätere
Kaiser  Wilhelm  II.

Mit  der  Thronbesteigung  seines  Vaters  (1861)  wurde  Friedrich  Wilhelm
Kronprinz  von  Preußen,  und  er  trat  dadurch  dem  preußischen  Volke  noch
näher.  Seine  herrliche  Heldengestalt,  seine  bezaubernde  Freundlichkeit,  sein
offenes,  treuherziges  Wesen  gewannen  ihm  bald  aller  Herzen.  Schon  im
Feldzuge  gegen  Dänemark  (1864)  bewies  er  seine  militärische  Tüchtigkeit,
Furchtlosigkeit  und  die  Gabe,  durch  Humor  und  Leutseligkeit  die  Soldaten
zu  begeistern.  Im  Kriege  gegen  Österreich  (1866)  heftete  er  Sieg  auf  Sieg
an  die  preußischen  Fahnen;  seine  Armee  brachte  die  Entscheidung  in  der
Schlacht  bei  Königgrätz.  1869  folgte  der  Kronprinz  einer  Einladung  zur
Eröffnung  des  Suezkanals.  Er  reiste  über  Griechenland,  Konstantinopel,
Kleinasien  nach  Jernsalem;  von  Suez  aus  besuchte  er  Agypten  und  kehrte
dann  über  Paris  heim.  Wegen  seines  leutseligen  Wesens  erhielt  er  beim
Ausbruch  des  deutsch-französischen  Krieges  (1870)  den  Oberbefehl  über  die
süddeutschen  Truppen  und  erwarb  sich  mit  ihnen  unsterbliche  Verdienste  durch
die  Siege  bei  Weißenburg,  Wörth,  Sedan  und  vor  Paris;  auch  trat
er  mit  Eifer  für  die  Errichtung  des  Kaiserreichs  ein.  Mit  der  Würde  eines
Feldmarschalls  geschmückt,  kehrte  er  aus  dem  Kriege  zurick.

Als  Kronprinz  hatte  er  trotz  seines  Alters  auf  die  Staatsleitung  nur
geringen  Einfluß;  er  widmete  daher  seine  Zeit,  welche  ihm  der  Militärdienst
noch  übrig  ließ,  vorzugsweise  der  Förderung  von  Kunst  und  Wissenschaft,
wobei  ihn  seine  kunstverständige  Gemahlin  unterstützte.  Doch  hat  er  sich  auch
politisch  um  das  Deutsche  Reich  große  Verdienste  erworben.  Als  Armeeinspekteur
  hatte  er  alljährlich  die  süddeutschen  Truppen  zu  besichtigen,  von
Jahr  zu  Jahr  stieg  der  ihn  begrüßende  Jubel,  und  bald  war  „Unser  Fritz“
im  Süden  ebenso  beliebt  wie  in  Norddeutschland.  Im  Auftrage  des  Reiches

 

*)  Eine  empfehlenswerte  ausführliche  Lebensbe  chreibung  erschien  im  Verlage

von  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn  in  Leipzig  aus  der  Feder  des  Hofpredigers  D.  theol.

Rogge  unter  dem  Titel:  Friedrich  der  Dritte,  Deutscher  Kaiser  und  König

7  reußen.  Mit  dem  Bildnis  des  Kaisers  und  vielen  anderen  Abbildungen.
Auflage.
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        330  Dritter  Zeitraum.

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machte  er  wiederholt  größere  Reisen  an  fremde  Fürstenhöfe,  so  an  den
spanischen,  italienischen  und  den  päpstlichen  Hof,  und  vertrat  1878  seinen
schwer  verwundeten  Vater  mehrere  Monate  in  der  Regierung.  Auch  in  seinem
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        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  331

           

  
 
  

   

      
  

   

 

   
   
  
   
    
    
       

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Familienleben  war  der  Kronprinz  glücklich:  eine  stattliche  Schar  blühender
Kinder  und  Enkel  umgab  ihn.  So  konnte  Preußen  und  Deutschland,  also.
voll  Vertrauen  einem  Thronwechsel  entgegensehen.  Da  erkannten  die  Ärzte
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        332  Dritter  Zeitraum.

im  Frühjahr  1887,  daß  der  Kronprinz  an  Halskrebs  leidel  Vergebens
wurden  alle  Heilmittel  angewandt,  vergebens  versuchte  der  hohe  Kranke
Heilung  in  Ems,  in  den  schottischen  Bergen,  in  Tirol  und  endlich  in  San
Remo;  bald  versagte  ihm  die  Stimme  gänzlich.  Wie  lange  hatte  er  sich  gewissenhaft
  auf  seinen  hohen  Beruf  vorbereitet,  jetzt,  da  ihm  die  Doppelkrone
zufiel,  stand  er  bereits  mit  einem  Fuße  im  Grabel

Sofort  nach  Empfang  der  Nachricht  vom  Hinscheiden  seines  teuern
Vaters  eilte  Kaiser  Friedrich  III.,  wie  er  sich  jetzt  nannte,  von  dem
sonnigen  Süden  nach  dem  noch  winterlichen  Norden.  Wohl  selten  hat  ein
Volk  mit  mehr  Liebe  und  Vertrauen  zu  seinem  neuen  Herrscher  emporgeschant,
  als  das  deutsche  zu  Kaiser  Friedrich.  Das  Vertrauen  wurde
noch  vergrößert  durch  dessen  erste  öffentliche  Ansprache,  in  welcher  es  heißt:
„Ich  bringe  Meinem  getreuen  Volke  mein  rückhaltloses  Vertrauen  entgegen.
Mein  ganzes  Bestreben  wird  sein,  das  Werk  in  dem  Sinne  fortzuführen,  in
dem  es  begründet  wurde,  Deutschland  zu  einem  Hort  des  Friedens  zu  machen,
und  Ich  gelobe,  ein  gerechter  und  in  Freud'  und  Leid  ein  treuer  König  zu
sein.  Unbekümmert  um  den  Glanz  ruhmbringender  Großthaten,  werde  Ich
zufrieden  sein,  wenn  dereinst  von  Meiner  Regierung  gesagt  werden  kann,  sie
sei  Meinem  Volke  wohlthätig,  Meinem  Lande  nützlich  und  dem  Reiche  ein
Segen  gewesen.  Gott  wolle  Mir  seinen  Segen  und  Kraft  zu  diesem  Werke
geben,  dem  fortan  Mein  Leben  geweiht  ist.“

Aber  seine  kurze  Regierungszeit  war  nur  ein  ununterbrochenes,  jedoch
geduldig  ertragenes  Leiden.  „Furchtlos  und  beharrlich!“  diesem  seinem
Wahlspruche  ist  Kaiser  Friedrich  treu  geblieben,  sowohl  im  Gewühl  der
Schlacht,  als  auch  auf  seinem  Schmerzenslager.  Als  Prinz  Heinrich
traurig  an  dem  Lager  seines  Vaters  stand,  schrieb  dieser  ihm  auf  einen
Zettel:  „Lerne  leiden,  ohne  zu  klagen;  das  ist  das  Einzige,  was  ich  Dich
lehren  kann!“  Gern  erquickte  er  sich  an  dem  ihm  wie  aus  der  Seele  gesprochenen
  Liede  G.  v.  Willichs:

Wenn  der  Herr  ein  Kreuze  schickt,
Laßt  es  uns  geduldig  tragen!
Betend  zu  ihm  aufgeblickt,

Wird  den  Trost  er  nicht  versagen,
Denn  es  komme,  wie  er  will,
In  dem  Herren  bin  ich  still.

Beim  Erwachen  des  Frühlings  schienen  sich  die  Kräfte  des  Kaisers
wieder  zu  beleben.  Eine  große  Freude  bereitete  Kronprinz  Wilhelm  seinem
sterbenden  Vater  dadurch,  daß  er  noch  einmal  einige  Garderegimenter  an
ihm  vorüberführte.  Der  hohe  Kranke  konnte  auch  noch  zweimal  Berlin  aufsuchen,
  bei  der  Vermählung  des  Prinzen  Heinrich  wenigstens  der  lirchlichen
Trauung  beiwohnen  und  sogar  nach  seinem  Lieblingssitze,  dem  Neuen  Palais
bei  Potsdam,  übersiedeln.  Aber  bald  darauf  trat  eine  Verschlimmerung
ein,  und  am  15.  Juni  hatte  der  königliche  Dulder  ausgerungen.  Am
18.  Juni,  dem  Jahrestag  von  Fehrbellin  und  Belle-Alliance,  wurde  die
irdische  Hülle  des  Heimgegangenen,  der  seinem  Volke  ein  Friedensfürst  zu
werden  gehofft  hatte,  in  der  Friedenskirche  zu  Potsdam,  in  der  auch  die
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        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  333

beiden  ihm  voraufgegangenen  Söhne  Sigismund  und  Waldemar  ihre  Nuhestätte
  gefunden  haben,  feierlich  beigesetzt.

„Nur  wenige  Monate,“  so  sprach  Kaiser  Wilhelm  II.  zu  dem  versammelten
  Landtage,  „hat  das  Scepter  in  Meines  dahingeschiedenen
Vaters  Hand  geruht,  aber  lange  genug,  um  zu  erkennen,  welchen
Herrscher  das  Vaterland  in  ihm  verloren  hat.  Die  Hoheit
Seiner  Erscheinung,  der  Adel  Seiner  Gesinnung,  Sein  ruhmvoller
  Anteil  an  den  großen  Geschicken  des  Vaterlandes  und  der
Heldenmut  christlicher  Ergebung,  mit  dem  Er  gegen  die  Todeskrankheit
  kämpfte,  haben  Ihm  im  Herzen  Seines  Volkes  ein  unvergängliches
  Denkmal  gesetzt.“

2.  Raiser  Wilhelm  II.,  seit  15.  Juni  1888.

Wilhelm  II.  wurde  am  27.  Januar  1859  als  der  älteste  Sohn  Kaiser
Friedrichs  III.  geboren.  Die  Jugend  des  Prinzen  fiel  in  die  ruhmreiche
Regierungszeit  seines  erhabenen  Großvaters,  in  die  Zeit  der  Wiederaufrichtung
des  Deutschen  Reiches.  Von  dem  gewöhnlichen  Wege  fürstlicher  Erziehung
abweichend,  sandte  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  seine  beiden  Söhne,  die
Prinzen  Wilhelm  und  Heinrich,  nach  Kassel,  wo  Prinz  Wilhelm  über  zwei
Jahre  das  Gymnasium  besuchte  und  mit  Auszeichnung  die  Abgangsprüfung
bestand.  Hierauf  hörte  derselbe  auch  noch  zwei  Jahre  lang  Vorlesungen  auf
der  Universität  Bonn  und  gab  sich  dann  der  militärischen  Ausbildung
hin.  Obwohl  mit  Leib  und  Seele  Soldat,  versäumte  der  Prinz  doch  nicht,
sich  auch  mit  den  andern  Zweigen  des  hohen  Amtes,  das  seiner  wartete,
bekannt  zu  machen;  er  ließ  sich  von  gelehrten  und  in  der  Staatsverwaltung
erfahrenen  Männern  Vorträge  halten  und  nahm  längere  Zeit  an  den  Arbeiten
verschiedener  Verwaltungsbehörden  teil.  So  gereift,  konnte  der  Prinz
wiederholt  seinen  Großvater  und  später  seinen  erkrankten  Vater  vertreten  und
ihnen  einen  Teil  ihrer  Arbeiten  abnehmen.  Am  27.  Februar  1881  vermählte
sich  Prinz  Wilhelm  mit  Auguste  Viktoria  von  Schleswig-Holstein-Augustenburg,
  der  Tochter  des  Herzogs  Friedrich  von  Augustenburg  (S.  264).
Sie  ist  am  22.  Oktober  1858  auf  dem  Gute  Dolzig  in  der  Niederlausitz
geboren;  als  sie  sechs  Jahre  alt  war,  siedelten  die  Eltern  nach  dem  Schlosse
Primkenau  in  Schlesien  über.  Der  Vater  kümmerte  sich  auf  das  genaueste
um  die  Erziehung  seiner  Kinder,  die  er  bei  ihrer  Konfirmation  nach  edler
deutscher  Fürstenart  mit  Wort  und  Hand  segnete,  indem  er  sie  auf  den  Familien-=spruch
  hinwies:  „Ohn'  Gottes  Gunst  all  Thun  umsunst.“  Prinzessin  Auguste
Viktoria  blühte  zu  einer  echtdeutschen  Jungfrau  auf;  ihre  liebste  Beschäftigung
war,  Armen  und  Kranken  Hilfe  und  Trost  zu  spenden.  Gleich  bei  der  Verlobung
  auf  Schloß  Babelsberg  und  bei  der  Vermählungsfeier  in  Berlin  gewann
  sie  die  Liebe  des  Volkes.  Aus  echt  deutschem  Stamme  entsprossen,
ist  sie  eine  wahrhaft  deutsche  Hausfrau  geworden;  als  Kaiserin  unterstützt  sie
ihren  hohen  Gemahl,  die  Not  der  unteren  Stände  zu  mildern,  namentlich
durch  eine  thatkräftige  Förderung  der  inneren  Mission.  Am  6.  Mai  1882
wurde  dem  fürstlichen  Ehepaar  ein  Sohn  geboren,  der  nach  dem  Urgroß--vater
  Wilhelm  genannt  wurde.
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        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  337

Bei  seinem  Regierungsantritt  gelobte  Kaiser  Wilhelm  II.:  „In  der  auswärtigen
  Politik  bin  Ich  entschlossen,  Frieden  zu  halten  mit  jedermann,  soviel
an  Mir  liegt  ..  In  bewegter  Zeit  habe  Ich  die  Pflichten  Meines  königlichen
  Amtes  übernommen,  aber  Ich  trete  an  die  Mir  nach  Gottes  Fügung
gestellte  Aufgabe  mit  der  Zuversicht  des  Pflichtgefühls  heran  und  halte  Mir
dabei  das  Wort  des  großen  Friedrich  gegenwärtig,  daß  in  Preußen  der  König
des  Staates  erster  Diener  ist.“  Zur  Eröffnung  des  deutschen  Reichstages
erschienen  in  Berlin  fast  sämtliche  deutsche  Fürsten  und  zeigten  dadurch  der
Welt,  daß  die  Einheit  des  Deutschen  Reiches  trotz  des  zweimaligen  Thronwechsels
  nicht  im  mindesten  erschüttert  sei.  Ausgerüstet  mit  hohen  Gaben
des  Geistes  sowie  mit  einem  kräftigen,  abgehärteten  Körper,  gesegnet  durch
ein  äußerst  glückliches  Familienleben  —  sechs  Söhne  und  eine  Tochter  sind
die  Freude  unseres  Kaiserpaares  —  und  getragen  von  der  Liebe  und  Verehrung
  seines  Volkes,  hat  der  Kaiser  durch  Gottes  Gnade  seine  schweren
Pflichten  zu  erfüllen  vermocht.  Um  vor  allem  gute  Beziehungen  zu  Rußland
  zu  pflegen,  fuhr  der  junge  Kaiser  gleich  im  ersten  Jahre  mit  einem
glänzenden  Geschwader  nach  Petersburg:  es  war  die  erste  Fahrt  eines  deutschen
Kaisers  auf  deutscher  Marine!  Ebenso  besuchte  er  die  Höfe  von  Stockholm,
Kopenhagen,  Wien,  Rom,  London  und  Konstantinopel,  um  überall  die  Verhältnisse
  aus  eigener  Anschauung  kennen  zu  lernen.

In  den  ersten  Jahren  stand  ihm  noch  Fürst  Bismarck  als  bewährter
Ratgeber  zur  Seite;  aber  der  schaffensfreudige,  willenskräftige  Kaiser  fühlte
sich  durch  den  fast  unbeschränkten  Einfluß  des  großen  Kanzlers  in  seiner  Bewegungsfreiheit
  beengt;  da  er  auch  in  wichtigen  Punkten,  z.  B.  über  die  Fortführung
  der  sozialen  Gesetzgebung,  mit  dem  Fürsten  nicht  übereinstimmte,
entließ  er  ihn  1890  unter  Erhebung  zum  Herzog  von  Lauenburg.  Grollend
zog  sich  Bismarck  nach  Friedrichsruh  zurück,  hochgeehrt  vom  deutschen  Volke.
Zur  großen  Freude  aller  Vaterlandsfreunde  kam  1894  eine  Aussöhnung
zwischen  dem  Kaiser  und  dem  Fürsten  zustande.  Bismarck  starb  1898.  Unter
seinem  Nachfolger,  dem  Grafen  Caprivi,  wurde  das  Verhältnis  des  Deutschen
Reiches  zu  Rußland  immer  schlechter,  so  daß  sich  Alexander  III.  mehr  und
mehr  den  Franzosen  näherte  und  sein  Sohn  und  Nachfolger,  Nikolaus  I.
(seit  1894),  mit  ihnen  ein  förmliches  Bündnis  schloß.  Der  Dreibund  (S.  313)
besteht  noch  heute;  auch  gelang  es  unserm  Kaiser,  besonders  durch  seine
Palästinareise,  ein  freundschaftliches  Verhältnis  zu  der  Türkei  herzustellen.
England  sieht  mit  Neid  auf  den  emporstrebenden  deutschen  Nebenbuhler  zur
See,  und  schon  wiederholt,  am  lebhaftesten  während  des  Burenkrieges,  hat
sich  eine  unfreundliche  Stimmung  gegen  den  Bruderstamm  offenbart;  doch  hat
die  deutsche  Regierung  auch  hier  den  Frieden  stets  zu  wahren  gewußt.
1890  trat  England  die  Insel  Helgoland  gegen  eine  ihm  in  Ostafrika  gewährte
  Entschädigung  an  das  Deutsche  Reich  ab;  sie  wurde  der  Provinz
Schleswig-Holstein  hinzugefügt.

Das  deutsche  Heer  wurde  1893  abermals  vergrößert,  seine  Friedensstärke
  auf  fast  600000  Mann  erhöht.  Jeder  wehrtüchtige  Deutsche  ist
wehrpflichtig;  die  Dienstpflicht  beginnt  mit  dem  zwanzigsten  Lebensjahre.
Die  Eingestellten  dienen  sieben  Jahre  beim  stehenden  Heer,  und  zwar  die

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  22
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        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  339

Kavalleristen  und  reitenden  Feldartilleristen  drei  Jahre,  die  übrigen  zwei  Jahre
(die  Einjährig-Freiwilligen  ein  Jahr)  bei  der  Fahne,  die  übrige  Zeit  in  der
Reserve.  Dann  treten  alle  zur  Landwehr  über  und  bleiben  in  der  Landwehr
  ersten  Aufgebots  fünf  Jahre  (die  Kavalleristen  und  reitenden  Artilleristen
drei  Jahre),  die  übrige  Zeit  bis  zum  vollendeten  neununddreißigsten  Lebensjahre
  in  der  Landwehr  zweiten  Aufgebots.  Die  Seesoldaten  und  Matrosen
dienen  drei  Jahre  aktiv,  vier  Jahre  in  der  Reserve,  fünf  Jahre  in  der  Seewehr
  ersten  und  bis  zum  neununddreißigsten  Lebensjahre  in  der  Seewehr
zweiten  Aufgebots.  Der  Landsturm  umfaßt  alle  Wehrpflichtigen  vom  siebzehnten
  bis  fünfundvierzigsten  Lebensjahre,  welche  nicht  dem  Landheer  oder
der  Marine  angehören.  Das  Deutsche  Heer  wird  in  dreiundzwanzig  Armeekorps
  geteilt.  Preuß  en  stellt:  das  Gardekorps,  das  erste  (Ostpreußen),  zweite
(Pommern),  dritte  (Brandenburg),  vierte  (Sachsen),  fünfte  (Posen),  sechste
(Schlesien),  siebente  (Westfalen),  achte  (Rheinland),  neunte  (Schleswig-Holstein),
zehnte  (Hannover),  elfte  und  achtzehnte  (Hessen-Nassau)  und  siebzehnte  (Westpreußen).
  Sachsen  stellt  das  zwölfte  und  neunzehnte,  Württemberg  das  dreizehnte,
  Baden  das  vierzehnte,  Elsaß-Lothringen  das  fünfzehnte  und  sechzehnte,
Bayern  das  erste,  zweite  und  dritte  bayrische  Korps.  Mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit
  wacht  der  Kaiser  darüber,  daß  das  deutsche  Heer  in  bezug  auf
Ausrüstung,  Ausbildung  und  Zucht  von  keinem  Heere  der  Welt  übertroffen
wird,  daß  alle  verwendbaren  Erfindungen,  wie  Schnellfeuergeschütze,  rauchloses
Pulver,  Fahrräder,  Luftballon,  Brieftauben,  Scheinwerfer,  Motore,  Telegraphie
ohne  Draht,  dem  Heere  zugute  kommen.

Eine  noch  weit  größere  Förderung  hat  die  Marine')  durch  den  Kaiser
erfahren.  Er  ist  ein  großer  Freund  des  Wassers,  eine  Seefahrt  ist  ihm  die
liebste  Erholung;  noch  niemals  hat  ein  deutscher  Fürst  so  viel  Verständnis
für  den  Segen  einer  tüchtigen  Kriegs=  und  Handelsflotte  bewiesen  wie  unser
Kaiser.  Getreu  seinem  Worte:  „Der  Dreizack  gehört  in  unsere  Faust“  sucht
er  das  Interesse  für  die  Marine  in  immer  weitere  Kreise  zu  tragen  durch
Teilnahme  an  Segelwettfahrten,  Gewährung  von  Preisen  für  Sieger  im
Rudern;  er  wohnt  dem  Stapellauf  unserer  Kriegsschiffe  sowie  der  großen
Handelsschiffe  gewöhnlich  bei  und  weilt  gern  und  häufig  in  Kiel  und  Wilhelmshaven,
  in  Hamburg  und  Bremen;  nie  läßt  er  eine  hervorragende  That  unserer
Seeleute  unbelohnt.  Als  unsere  junge  Flotte  in  einem  Orkan  vor  Samoa
drei  Schiffe,  Adler,  Eber  und  Olga,  verlor,  rief  der  Kaiser  den  dabei  umgekommenen
  Seeleuten  ins  Grab  nach:  „Auch  sie  starben  den  Tod  für  Kaiser
und  Reish!  Nicht  ertrunken  sind  unsere  Kameraden,  sondern  gefallen,  ihre
Pflicht  bis  zum  letzten  Augenblick  erfüllend.“  Welcher  Geist  aber  auch  in
unserer  Marine  lebt,  zeigt  der  Untergang  des  Kanonenbootes  „Iltis“  an

 

 

*)  Von  der.  Entwickelung  der  deutschen  Flotte  handelt:  Unsere  deutsche
Flotte  von  der  Flagge  des  großen  Brandenburgers  bis  zur  Schwarz-Weiß-Roten.
Kriegs=  und  kulturgeschichtliche  Bilder  von  Oskar  Höcker.  Mit  vielen  Abbildungen
von  A.  v.  Rößler.  Leipzig,  Ferd.  Hirt  &amp;amp;  Sohn.  In  2  selbständigen  Bänden.  I.  Der
Schiffsjunge  des.  Großen  Kurfürsten.  Eine  Erzählung  aus  dem  17.  Jahrhundert.
  3.  Auflage.  II.  Der  Seekadett  von  Helgoland.  Eine  Erzählung
aus  unseren  Tagen.  3.  Auflage.

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.  .  „Kaiser  Wilhelm  der  Große“,
Doppelschrauben-Schnellpostdampfer  des  Norddeutschen  Lloyd  in  Bremen,  zurzeit  einer  der  schnellsten  Dampfer  der  Erde,  ist  1897  für  die  Schnellfahrt
zwischen  Bremerhaven  und  Newyork  in  Dienst  gestellt.  Die  Länge  des  Schiffs  über  Deck  beträgt  648  Fuß,  seine  Breite  66  Fuß,  seine  Tiefe  vom
Hauptdeck  bis  zum  Kiel  43  Fuß.  Sein  Inhalt  beläuft  sich  auf  nahezu  11000  Reg.-Tons,  die  Wasserverdrängung  stellt  sich  auf  20000  Tonnen.  Das

Schiff  besitzt  einen  Doppelboden  und  ist  durch  16  Querschotte  und  ein  Längsschott  im  Maschinenraum  in  18  wasserdichte  Abteilungen  zerlegt.  Die

innere  Einrichtung  ist  glänzend;  die  Beleuchtung  erfolgt  durch  etwa  2000  elektrische  Glühlampen.  Das  Schiff  gewährt  Naum  für  400  Passagiere

I.  Klasse,  350  Passagiere  II.  Klasse  und  800  Personen  im  Zwischendeck.  Die  Besatzung  zählt  450  Köpfe.  24  Rettungsböte  stehen  zum  sofortigen

Gebrauch  fertig.  Die  beiden  Maschinen  entwickeln  28000  Pferdekräfte,  der  Kohlenverbrauch  beträgt  etwa  500  Tonnen  in  24  Stunden,  die  Fahrkdauer

des  Schiffes  von  Bremerhaven  stellt  sich  auf  6  bis  7  Tage,  die  eigentliche  Ozeanfahrt  auf  etwas  über  5  Tage.  „Kaiser  Wilhelm  der  Große"  ist  auf
der  Werft  des  Vulkan  in  Stettin  gebaut.  «
        <pb n="347" />
        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  341

 

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S.  M.  Schiff  „Wörth“;  Panzer  I.  Klasse.  (Mach  einer  Photographie  von  A.  Reinard  in  Kiel.)

 

„Wörth“.
1892  in  Dienst  gestellt,  108  m  lang,  20  m  breit,  7,5  m  Tiefgang,  Gewicht  10  033  t;  hat
570  Mann  Besatzung,  6  Kanonen  von  28  cm,  6  Schnellladekanonen  von  10,5  om,
8  desgl.  von  8.8  cm  Kaliber,  20  Mitrailleusen  und  6  Torpedolanziereinrichtungen,
2  Schrauben,  10  224  Pferdekräfte  und  eine  Fahrgeschwindigkeit  von  16  Knoten  oder  Seemeilen
  zu  je  1852  m  in  1  Stunde.  Es  faßt  800  t  Kohlen;  seine  Stahlpanzer  sind  im
Gürtel  400,  im  Geschützturm  300  mm  stark.
        <pb n="348" />
        342  Dritter  Zeitraum.

der  chinesischen  Küste:  mit  einem  Hoch  auf  Kaiser  und  Reich  sank  die  Besatzung
  in  die  Fluten!")  Dem  Schutz  unserer  Küsten  dient  auch  der  1895
eröffnete  Kaiser-Wilhelm-Kanal.  .

Die  Kolonialpolitik  hat  der  Kaiser  mit  Eifer  fortgeführt.  Als  die
arabischen  Sklavenhändler  in  Ostafrika,  denen  durch  die  deutsche  Kolonialverwaltung
  das  Handwerk  gelegt  wurde,  einen  Aufstand  erregten,  sandte  das
Deutsche  Reich  den  bewährten  Afrikakenner  Wißmann  mit  einer  Schutztruppe
dorthin;  englische  und  deutsche  Schiffe  blockierten  die  Küste,  und  mit  Hilfe
der  Besatzung  deutscher  Kriegsschiffe  gelang  es  Wißmann  1889/90,  den  Aufstand
  zu  unterdrücken.  Bei  der  Niederwerfung  eines  Aufstandes  in  Südwestafrika
  geriet  der  gefährlichste  Gegner,  der  Hottentottenhäuptling  Hendrik
Witboi,  in  deutsche  Gefangenschaft
  und  wurde  scheinbar  ein
Freund  der  Deutschen.  Aber
bei  einem  Aufstande  der  Herero
(1903)  fiel  auch  er  wieder  ab;
Hunderte  deutscher  Krieger  und
Kolonisten  sind  der  Hinterlist
und  Grausamkeit  der  Eingeborenen
  sowie  der  Unwirtlichkeit
  des  Landes  zum  Opfer
gefallen;  aber  noch  immer  ist
der  schwer  zu  fassende  Feind
nicht  überwunden.  In  den
übrigen  Kolonien  herrschen  im
ganzen  geordnete  Zustände.
Die  Schutztruppen  sorgen  für

 

—  1  .«-  Sicherheit,  deutsche  Postäniter
I/"D,  und  selbst  kurze  Eisenbahn-“M
  strecken  dienen  dem  Verkehr
74  im  Lande,  während  die  vom
Prinz  Heinrich.  Reich  unterstützten  Dampferfahrten

  des  Bremer  Lloyd  den
Verkehr  mit  dem  Mutterlande  vermitteln.  Schon  viele  Millionen  deutschen
Kapitals  sind  in  den  Kolonien  zur  Anlage  von  Faktoreien  und  Plantagen
verwandt.

Als  1897  in  Süd-Schantung  zwei  deutsche  Missionare  ermordet  wurden,
ließ  der  Kaiser  zur  Sühnung  dieser  Bluttat  ein  Geschwader  in  die  Kiautschoun-Bai
  einlaufen  und  sandte  gleich  darauf  seinen  einzigen  Bruder,  den
Prinzen  Heinrich,  mit  einem  zweiten  Geschwader  dorthin.  Schon  vor  dessen
Landung  hatte  China  dem  Deutschen  Reiche  die  Bucht  von  Kiautschou  nebst
dem  sie  umgrenzenden  kohlenreichen  Gebiete  von  etwa  500  qcklmm  auf  99  Jahre

 

—“

*)  Vgl.  hierzu:  Der  Freiwillige  des  „Iltis“.  Erzählung  für  die  reifere
Iugend  von  Kart  Tanera.  Mit  vielen  Abbildungen  von  E.  Zimmer.  3.  Auflage.
leipzig,  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn.
        <pb n="349" />
        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  343

verpachtet.  Dadurch  ist  der  deutschen  Flotte  ein  trefflicher  Stützdunkt,  dem
deutschen  Handel  ein  bequemer  Ein=  und  Ausfuhrhafen  für  China  erworben.
Das  feste  Zugreifen  des  Kaisers  und  der  zweijährige  Aufenthalt  des  Prinzen
Heinrich  in  Ostasien  hat  das  Ansehen  der  Deutschen  dort  mächtig  gehoben.
Von  dem  einst  unermeßlichen,  jetzt  fast  ganz  geschwundenen  spanischen  Kolonialbesitz
  erwarb  das  Deutsche  Reich  durch  Kauf  1899  die  im  Großen  Ozean
gelegenen  Inselgruppen  der  Karolinen,  Marianen  und  Palau-Inseln.
In  demselben  Jahre  wurde  der  Samoavertrag  geschlossen.  Die  Samoainseln
wurden  bisher  vom  Deutschen  Reiche,  von  England  und  Nordamerika  gemeinsam
  verwaltet,  was  zu  vielen  Unzuträglichkeiten  führte.  Deshalb  einigten
sich  die  drei  Staaten  dahin:  die  beiden  größten  Samoainseln,  Upolu  und
Savaii,  mit  ihren  Nebeninseln  werden  als  unbeschränktes  Eigentum  an  Deutschland,
  die  kleine  Insel  Tutuila  an  Nordamerika  abgetreten;  Deutschland  verzichtet
  auf  seine  Ansprüche  an  die  Mehrzahl  der  Salomonsinseln  zugunsten
Englands.

Die  Chinesen,  die  bis  ins  19.  Jahrhundert  ihr  Land  vor  den  ihnen
verhaßten  Fremden  abgesperrt  hatten  und  erst  mit  Waffengewalt  gezwungen
worden  waren,  den  fremden  Kaufleuten,  Missionaren  und  Gesandten  den  Zutritt
  zu  gestatten,  waren  durch  die  von  Deutschland  empfangene  Strafe  nur
noch  mehr  erbittert,  und  im  Juni  1900  erregte  die  weitverzweigte  Partei
der  VBoxer  im  geheimen  Einverständnis  mit  der  Regierung  einen  gefährlichen
Aufstand,  dem  Tausende  von  Ausländern,  allein  mehrere  hundert  christliche
Missionare  zum  Opfer  fielen.  In  Peking  wurde  der  deutsche  Gesandte  Freiherr
  von  Ketteler  hinterlistig  ermordet;  die  übrigen  Mitglieder  der  ausländischen
  Gesandtschaften  verteidigten  sich  mit  Unterstützung  einer  geringen  Abteilung
  Marinetruppen  monatelang  nicht  nur  gegen  die  Aufständischen,  sondern
sogar  gegen  kaiserliche  Truppen.  Die  Großmächte  Deutschland,  Rußland,
England,  Frankreich,  Nordamerika  und  Japan  sandten  sofort  Verstärkungen
nach  China;  fast  die  gesamte  deutsche  Flotte  eilte  auf  Befehl  des  Kaisers
nach  Ostasien.  Aus  Freiwilligen,  die  sich  auf  den  Ruf  des  Kaisers  in  überreicher
  Zahl  meldeten,  wurde  ein  ostasiatisches  Landheer  gebildet  und  in  größter
Eile  ausgerüstet.  Gleich  beim  Ausbruch  der  Feindseligkeiten  eroberten  die
an  der  chinesischen  Küste  anwesenden  fremdländischen  Kriegsschiffe  gemeinsam
die  an  der  Peihomündung  liegenden  Forts,  wobei  das  deutsche  Kriegsschiff
„Iltis“  schwere  Verluste  erlitt,  aber  auch  unvergänglichen  Ruhm  erwarb.
Dann  brach  die  Besatzung  der  Schiffe  auf,  um  die  Gesandten  zu  befreien.
Als  der  Marsch  unter  den  fortwährenden  Angriffen  der  Chinesen  stockte,  rief
der  Führer  des  Zuges,  der  englische  Admiral  Seymour:  „Germans  to  the
kront!“  und  stellte  damit  die  Deutschen  an  die  Spitze  des  Zuges.  Da  es
den  inzwischen  eingetroffenen  Landtruppen  der  Großmächte  an  einheitlichem
Oberbefehl  mangelte,  ernannte  Kaiser  Wilhelm  General  Grafen  von  Waldersee
zum  Feldmarschall  und  sandte  ihn  nach  China;  unter  seinen  Oberbefehl
stellten  auch  die  übrigen  Mächte  ihre  Truppen.  Zum  erstenmal,  seitdem  es
eine  Geschichte  gibt,  standen  somit  Truppen  von  sieben  Nationen  und  aus
drei  Erdteilen  unter  einem  Kommando.  Die  Chinesen  baten  bald  um
Frieden  und  leisteten  die  geforderte  Sühne.
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        Kaiser  Wilhelm  II.  in  Admiralsuniform.

 

 

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344

Dritter  Zeitraum.
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        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  345

Deutsche  Gelehrte  hatten  sich  um  die  Erforschung  des  noch  unkultivierten
Marokko“)  große  Verdienste  erworben,  und  der  deutsche  Kaufmann  fand  dort
einen  von  Jahr  zu  Jahr  zunehmenden  Absatz  für  seine  Waren;  die  Franzosen
  aber  suchten  dies  Land  von  sich  abhängig  zu  machen  wie  Algier  und
hatten  dazu  schon  Englands  Zustimmung  erlangt,  während  sie  das  Deutsche
Reich  gar  nicht  beachteten.  Hiergegen  protestierte  die  deutsche  Reichsregierung,
Kaiser  Wilhelm  besuchte  auf  einer  Mittelmeerreise  den  Sultan  von  Marokko
und  setzte  es  durch,  daß  auf  einer  Konferenz  in  Algeciras  bei  Gibraltar  von
den  Großmächten  die  Selbständigkeit  Marokkos  anerkannt  und  die  Handelsfreiheit
  dort  allen  Völkern  gewährleistet  wurde.  —  Die  deutsche  Politik  leitete
nach  Caprivis  Entlassung  seit  1894  Fürst  Hohenlohe  und  seit  1900  Graf
Bülow,  den  der  Kaiser  1905  in  den  Fürstenstand  erhoben  hat.

Unter  dem  Schutze  des  Reiches  hat  sich  der  deutsche  Handel  und  Verkehr
  in  ungeahnter  Weise  gehoben.  Deutschland  ist  mit  einem  dichten  Netz
von  Eisenbahnen,  Telegraphen=  und  Telephonleitungen  überzogen  und  hat
1900  sein  erstes  überseeisches  Kabel  erhalten,  das  uns  mit  Nordamerika  verbindet.
  Den  riesig  anwachsenden  Güterverkehr  vermögen  die  Eisenbahnen
kaum  noch  zu  bewältigen,  weshalb  der  Kaiser  eifrig  für  den  Ausbau  eines
deutschen  Kanalnetzes  eintritt.  Der  von  Preußen  erbaute  Dortmund-Ems-Kanal
  sowie  der  von  Preußen  und  Lübeck  gemeinsam  angelegte  Elbe-Trave-Kanal
  sind  bereits  dem  Verkehr  übergeben,  und  1905  ist  der  Bau  des  Kanals
Rhein-Weser-Hannover  sowie  des  Seefahrtskanals  Berlin-Stettin  beschlossen
worden.  Der  Anteil  der  deutschen  Handelsflotte  an  dem  überseeischen  Güterverkehr
  ist  in  den  letzten  Jahren  stärker  gewachsen  als  der  Englands  und
Frankreichs.  Hamburg  ist  die  größte  Handelsstadt  des  europäischen  Festlandes,
  und  wie  Krupp  in  Essen  das  größte  Industriewerk  der  Erde  besitzt,
so  ist  die  Hamburg-Amerika-Linie  die  größte  Reedereigesellschaft  der  Welt.
Der  fast  ebenso  bedeutende  Norddeutsche  Lloyd  in  Bremen  mit  seinen  weltberühmten
  Personendampfern  unterhält  regelmäßige  Fahrten  nach  Ostafrika,
Ostasien,  Australien  und  den  benachbarten  Inseln.

Die  Bestrebungen  Kaiser  Wilhelms  des  Großen  zum  Wohle  der  Arbeiter
hat  der  Enkel  eifrig  fortgesetzt.  Das  Gesetz  über  die  Invaliditätsund
  Altersversicherung  wurde  1889  vollendet  und  trat  am  1.  Januar  1891
in  Kraft.  Auf  Einladung  des  Kaisers  sandten  fast  alle  europäischen  Staaten
1890  Abgeordnete  zu  einer  Arbeiterschutzkonferenz  nach  Berlin,  in  welcher
über  Maßregeln  zum  Wohle  der  Arbeiter  beraten  wurde.  Das  Ergebnis
dieser  Beratung  kam  den  deutschen  Arbeitern  in  einer  Ergänzung  zur  Gewerbeordnung
  durch  Verordnungen  über  Sonntagsruhe,  Arbeit  in  Bergwerken,
Kinder=  und  Franenarbeit  zu  statten.  Eine  wesentliche  Erleichterung  ist  den
unbemittelten  Ständen  in  Preußen  durch  die  von  dem  Finanzminister  Miquel

 

5½)  Vgl.  hierzu:  Im  Banne  des  Scherifen.  Eine  Erzählung  aus  Marokko
für  die  deutsche  Jugend  von  Alfred  Funke.  Mit  8  Abbildungen  von  Johs.
Gehrts.  Leipzig,  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn.  „  Z„

Das  Weihnachten  1906  erschienene  Buch  enthält  eine  ausführliche,  für  die
Jugend  berechnete  Schilderung  der  ersten  deutschen  Handelsexpedition  nach  Marokko
unter  Dr.  Jannasch  und  endigt  mit  dem  Besuche  unsers  Kaisers  in  Tanger.
        <pb n="352" />
        346  Dritter  Zeitraum.

durchgeführte  Steuerreform  gewährt  worden.  Preußen  erhebt  an  indirekten
Steuern  nur  die  Stempel=  und  die  Lotteriesteuer,  an  direkten  die  Einkommenund
  die  Ergänzungssteuer,  während  die  Grund-,  Gebäude=  und  Betriebssteuer
den  Gemeinden  überlassen  ist.  Die  Einkommensteuer  wird  von  dem  reinen
Einkommen  gezahlt,  doch  sind  die  Einkommen  bis  900  Mark  steuerfrei.  Die
Steuer  beträgt  %  —4  Prozent  (von  900  Mark  6  Mark,  von  100000  Mark
aber  4000  Mark).  Wer  über  6000  Mark  Vermögen  besitzt,  muß  von  jedem
Tausend  0,50  Mark  Ergänzungssteuer  zahlen.  .

Im  Jahre  1895  wurde  das  neue  Reichsgerichtsgebäude  in  Leipzig
durch  den  Kaiser  seiner  Bestimmung  übergeben  und  das  deutsche  Bürger—
liche  Gesetzbuch  vollendet,  das  im  folgenden  Jahre  die  Genehmigung  des
Bundesrats  und  des  Reichstages  erhielt  und  am  1.  Januar  1900  in  Kraft
getreten  ist;  seit  diesem  Tage  hatte  das  deutsche  Volk  zum  erstenmal  ein  einheitliches
  Recht.  .

Auch  für  Schule,  Wissenschaft,  Kunst  und  Kirche  ist  unter  der  Regierung
Wilhelms  II.  viel  geschehen.  Seit  1896  wird  der  Unterricht  in  den  öffentlichen
  Volksschulen  unentgeltlich  erteilt.  Den  Lehrerseminaren  verlieh  der
König  das  Recht,  ihren  abgehenden  Zöglingen  das  Reifezengnis  für  den  Einjährig
  =  Freiwilligendienst  auszustellen,  und  der  Lehrerbildung  wurden  weit
höhere  Ziele  gesteckt.  Den  Volksschullehrern  wurde  1897  ein  festes  Einkommen
  gewährt,  das  seitdem  vielfach  erhöht  worden  ist,  und  1899  wurde
auch  die  Fürsorge  für  die  Lehrerwitwen  und  -Waisen  gesetzlich  geregelt.
1906  endlich  wurde  das  Gesetz  über  die  Volksschulunterhaltung  und  die  Lehrerberufung
  erlassen.  Gestützt  auf  eigene  Erfahrungen  beschloß  der  Kaiser,  den
Unterricht  der  höheren  Schulen  umzugestalten.  Größere  Berücksichtigung  der
Charakterbildung,  der  Gesundheit  und  der  körperlichen  Entwicklung  der
Schüler,  kräftigere  Betonung  des  deutschen  Unterrichts  sowie  der  deutschen,
namentlich  der  neuen  und  neuesten  Geschichte,  das  etwa  waren  die  Wünsche,
die  der  Kaiser  einer  1890  berufenen  Konferenz  von  Vertrauensmännern  aus
den  verschiedensten  Volkskreisen  vorlegte.  Die  Vorschläge  wurden  von  der
Konferenz  gebilligt  und  kamen  in  den  neuen  Lehrplänen  den  höheren  Schulen
zugute.  Die  hohe  Bedeutung  der  fürs  praktische  Leben  so  wichtigen  Unterrichtsfächer,
  wie  Mathematik,  Naturwissenschaft,  Technik  und  lebende  Sprachen,
hat  der  Kaiser  dadurch  anerkannt,  daß  er  die  technischen  Hochschulen  den
Universitäten,  die  Oberrealschulen  den  Gymnasien  gleichgestellt  hat.  Sein
Verdienst  ist  es  auch,  daß  die  Jugend  jetzt  auf  körperliche  Übungen,  auf
Turnen,  Rudern  und  Bewegungsspiele  im  Freien,  weit  größeres  Gewicht  legt
als  früher.

Zur  Pflege  der  Wissenschaften  hat  der  Kaiser  die  Ausgrabungen  in
Troas  und  bei  Magnesia  in  Kleinasien,  ferner  die  Erforschung  der  ägyptischen
und  der  römischen  Geschichte  sowie  den  Wiederaufbau  des  in  dem  römischen
Grenzwall  (limes)  bei  Homburg  liegenden  Römerkastells,  der  Saalburg,  durch
Beiträge  gefördert.  Die  Kunst  hat  in  Kaiser  Wilhelm  einen  begeisterten
Verehrer  und  einen  freigebigen  Förderer.  In  hochherziger  Weise  hat  er  eine
ganze  Straße  —  die  Siegesallee  im  Tiergarten  —  mit  32  Marmorbildern
der  Landesherren  von  Albrecht  dem  Bären  bis  zu  Kaiser  Wilhelm  dem  Großen
        <pb n="353" />
        2.  Die

innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  347

 

 

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Das  Nationaldenkmal  Kaiser  Wilhelms  des  Großen  vor  dem  Königlichen  Schlosse.
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        348  Dritter  Zeitraum.

schmücken  und  für  den  in  Pergamum  in  Kleinasien  ausgegrabenen  berühmten
Zeusaltar  in  Berlin  ein  besonderes  Museum  erbauen  lassen.  Fortwährend
sind  Maler  und  Bildhauer  mit  der  Ausführung  kaiserlicher  Aufträge  be—
schäftigt.  Wie  viele  Denkmäler  sind  auf  seine  Veranlassung  und  mit  seiner
Unterstützung  geschaffen  worden!  Am  22.  März  1897  wurde  das  von  dem
deutschen  Volke  in  Berlin  errichtete  Nationaldenkmal  für  Kaiser  Wilhelm  den
Großen  feierlich  enthüllt.  Von  den  neugeschaffenen  großartigen  Gebäuden
seien  nur  das  Reichstagsgebäude  und  das  Abgeordnetenhaus  in  Berlin
erwähnt.

 

—  1—

Das  neue  Abgecordnetenhaus  zu  Berlin.

Der  Kaiser  ist  ein  frommer  evangelischer  Christ.  „Auf  dem  gläubigen
Festhalten  an  der  evangelischen  Wahrheit“,  so  bekannte  er  öffentlich  bei  der
Eimweihung  der  wiederhergestellten  Schloßkirche  in  Wittenberg,  „ruht  unsere
Hoffnung  im  Leben  und  im  Sterben.“  Aber  auch  die  anderen  Bekenntnisse
erfreuen  sich  des  kaiserlichen  Schutzes.  Für  den  evangelischen  Kirchenbau  und
die  innere  Mission  hat  das  Kaiserpaar  Großes  geleistet.  Das  deutsche  Volk
erlebte  in  den  sechziger  und  siebziger  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  einen  gewaltigen
  wirtschaftlichen  Aufschwung.  Berlin,  das  1860  etwa  500000  Bewohner
  zählte,  war  nach  etwa  zwanzig  Jahren  eine  Millionenstadt;  einzelne
Kirchengemeinden  zählten  100000  Seelen.  Die  Folge  war  eine  große  kirchliche
  und  sittliche  Verwahrlosung.  Da  griff  zunächst  die  innere  Mission  ein,
und  es  bildete  sich  unter  dem  Vorsitz  unserer  Kaiserin  ein  „Evangelisch-Kirchlicher
        <pb n="355" />
        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  349

 

 

 

Die  Kaiser  Wilhelm-Gedächtniskirche  in  Berlin.
        <pb n="356" />
        350  Dritter  Zeitraum.

Hilfsverein“,  der  sich  die  Bekämpfung  der  religiös-sittlichen  Notstände  zur
Aufgabe  stellte.  Zur  Erbauung  der  Gnadenkirche,  die  dem  Andenken  der
Kaiserin  Augusta  geweiht  ist,  schenkte  der  Kaiser  400000  Mark.  Mehrere
Kirchen,  wie  die  prächtige  Kaiser  -Wilhelm-Gedächtniskirche,  hat  der  Hilfsverein
  selbständig  erbaut,  den  Bau  vieler  anderen  hat  er  durch  Beiträge
erleichtert.  In  Berlin  entstanden  in  den  ersten  sechzehn  Jahren  der  Thätigkeit
  des  Vereins  58  neue  Kirchen,  und  16  waren  noch  im  Bau  begriffen:
ein  Beispiel  ohnegleichen!  Unserm  Kaiser  war  es  vergönnt,  einen  Lieblingsgedanken
  seines  kaiserlichen  Vaters  und  Großvaters,  die  Errichtung  einer  protestantischen
  Kirche  in  Jernsalem,  zu  verwirklichen.  Am  31.  Oktober  1893
ließ  er  den  Grundstein  legen.  Als  der  Bau  vollendet  war,  unternahm  er
in  Begleitung  seiner  hohen  Gemahlin  und  eines  großen  Gefolges  im  Herbst

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Kronprinz  Wilhelm.  Kronprinzessin  Cecilie.

1898  eine  Reise  nach  Palästina.  Am  31.  Oktober  fand  die  erhebende  Einweihung
  der  „Erlöserkirche“  statt.  Auch  die  Absicht  seines  Vaters,  in  Berlin
eine  neue  Dom=  und  Schloßkirche  zu  errichten,  konnte  Kaiser  Wilhelm  verwirklichen.
  In  elf  Jahren  wurde  der  gewaltige  Bau  an  der  Stelle  des
früheren,  von  Friedrich  dem  Großen  aufgeführten  Domes  vollendet.  Den
Hauptteil  des  prächtigen  Gotteshauses  bildet  die  Predigtkirche,  die  3500  Personen
  zu  fassen  vermag.  Hieran  schließt  sich  südlich  eine  kleine  Tauf=  und
Tranuungskirche,  nördlich  eine  Denkmalskirche,  wo  die  Grabdenkmäler  berühmter
  Herrscher  und  sonstiger  verdienter  Männer  Platz  finden  werden.  Unter
der  Denkmals=  und  der  Predigtkirche  dehnt  sich  ein  Gruftgewölbe  aus,  das
die  im  früheren  Dome  ausbewahrten  Särge  der  Mitglieder  des  Hohenzollernschen
  Herrscherhauses  aufgenommen  hat.

Das  echt  christliche  Familienleben  des  Kaisers  ist  ein  Muster  für  alle
Stände.  Aber  nur  sehr  wenige  Ehepaare  können  sich  auch  solches  Familienglückes
  freuen;  alle  Kinder,  die  Gott  ihm  geschenkt  hat,  haben  sich  aufs
        <pb n="357" />
        2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  II.  351

trefflichste  entwickelt.  In  großer  Rüstigkeit  hat  der  Kaiser  am  27.  Februar  1906
die  silberne  Hochzeit  feiern  dürfen,  und  zwar  unter  so  glücklichen  Um- 



 

 

 

 

Der  neue  Dom  zu  Berlin.

ständen  wie  bisher  noch  kein  König  von  Preußen.  Unserm  Kaiserpaar  wurde
dieses  Fest  noch  verschönt  durch  die  an  demselben  Tage  vollzogene  Vermählung
        <pb n="358" />
        352  Dritter  Zeitraum.

seines  zweitältesten  Sohnes,  des  Prinzen  Eitel  Friedrich,  mit  der  Herzogin
Sophie  Charlotte,  der  ältesten  Tochter  des  Großherzogs  von  Oldenburg.  Das
deutsche  Volk  nahm  an  diesem  Doppelfeste  freudigen  Anteil  und  wollte  gern
seine  Glückwünsche  durch  Hochzeitsgeschenke  unterstützen;  aber  der  Kaiser  bat
vorher,  man  möge  die  beabsichtigten  Gaben  milden  Stiftungen  zuwenden.  So
wurde  dieser  Tag  Tausenden  zum  Segen,  indem  einzelne  Personen  und  Ge—
meinden  fast  acht  Millionen  Mark  für  wohlthätige  Zwecke  stifteten.  Kronprinz
  Wilhelm  hatte  sich  schon  am  6.  Juni  1905  vermählt,  und  zwar  mit  der
Herzogin  Cecilie  von  Mecklenburg,  der  jüngsten  Schwester  des  regierenden
Großherzogs  Friedrich  Franz  IV.  von  Mecklenburg-Schwerin,  einer  Tochter
aus  jenem  Fürstenhause,  das  Preußen  einst  die  unvergeßliche  Königin  Luise
geschenkt  hat.  Am  4.  Juli  1906  wurde  dem  jungen  Paar  ein  Prinz  geboren,
der  ebenfalls  Wilhelm  genannt  ist.

Zu  jedem  Opfer  bereit,  geht  das  deutsche  Volk  unter  Führung  seines
Kaisers  getrost  der  Zukunft  entgegen.  Wir  aber  rufen  ihm  mit  dem  Dichter  zu:

Geleit"'  dich  Gott,  du  deutscher  Kaiser,
Auf  deiner  Fahrt  durchs  Lebensmeer!

Ob  wilde  Stürme  furchtbar  rauschen,

Ob  Feinde  heimlich  Schwüre  tauschen,
Du  hast  im  Volk  dein  treustes  Heer!

Im  Friedenskleid  mit  Schwert  und  Speer
Alldeutschland  steht  zu  deiner  Seiten,

Für  dich  zu  leben,  dich  zu  streiten;

Wir  alle  sind  des  Reiches  Wehr:

Geleit'  dich  Gott,  du  deutscher  Kaiser!

.—.  —.  .  —
        <pb n="359" />
        Allmähliche  Vergrößerung  des  brandenburgisch-preußischen

Friedrich  I.

Uckermarrk

Friedrich  II.  Eisenzahn.  Die  Neumark,  Kottbus  und  Wernigerode
Albrecht  Achilles.  Krossen,  Züllichau  und  Sommerfeld
Johann  Sigismund.  Kleve,  Mark,  Navensberg  sowie  Preußen
Friedrich  Wilhelm,  Hinterpommern,  Magdeburg,  Halberstadt,  Minden,

der  Große  Kurfürst  Kammin  und  Schwiebrs  .
Friedrich  III.  (I.)  Mörs,  Lingen,  Tecklenburg,  Geuschatel:).
Friedrich  Wilhelm  I.  Geldern,  Vorpommern

Friedrich  II.  der  Große.  Schlesien,  (Ostfriesland?,  Westpreußen,  Ermeland

Staates.

Die  Altmark,  Mittelmark,  Prignitz,  ein  Teil  der  □M.

 

Friedrich  Wilhelm  II.  (Ansbach-Baireuth,  Neu-Ostpreußen?),  Posen

Friedrich  Wilhelm  III.

Köln,  Aachen,  Jülich,  Berg,  Trier

Friedrich  Wilhelm  W.  Hohenzollern,  Jadegebiet

Wilhelm  I.  der  Große.

Wilhelm  II.

feld,  Homburg,  Meisenheim  u.  s.  w.
Helgoland.

*)  Wieder  abgetreten.

 

Das  Eichsfeld,  Mühlhausen,  Nordhausen,  Erfurt,
Hildesheim,  Paderborn  und  Münster,  Quedlinburg,
  Schwedisch-Pommern,  Sachsen,  Laust,,

Lauenburg,  Hannover,  Kurhessen,  Nassau,  Frankfurt
  a.  M.,  Schleswig-Holstein,  Orb  und  Gers-400


620
650
1470

2000
2050
2200
3500
5550

5096
5104

6412

Die  brandenburgisch-preußischen  Regenten  aus  dem  Hause

à.  Die  hohenzollernschen  Kurfürsten.  1415—1701.

Hohenzollern.

1415—1440  Friedrich  1.

1440—1470  Friedrich  II.  Eisenzahn.

1470—1486  Albrecht  Achilles.

1486—1499  Johann  Cicero.

1499—1535  Joachim  I.  Nestor.

1535—1571  Joachim  II.  Hektor  und  Johann  von  Küstrin.
1571—1598  Johann  Georg.

1598—1608  Joachim  Friedrich.

1608—1619  Johann  Sigismund.

1619—1640  Georg  Wilhelm.

1640—1688  Friedlich  Wilhelm,  der  Große  Kurfürst.
1688—1701  Friedrich  III.  als  Kurfürst.

b.  Die  hohenzollernschen  Könige.  Seit  1701.

1701—1713  Friedrich  I.  als  König.
1713—1740  Friedrich  Wilhelm  J.
1740—1786  Friedrich  II.  der  Große.
1786—1797  Friedrich  Wilhelm  II.
1797—1840  Friedrich  Wilhelm  III.
1840—1861  Friedrich  Wilhelm  IV.
1861—1888  Wilhelm  I.  der  Große,  Kaiser  seit  1871.
1888  Friedrich  III.
Seit  1888  Wilhelm  II.

 

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  23
        <pb n="360" />
        Stammtafel  des  hohenzollernschen  Hanses.

1.  Friedrich  I.  1415—1440.
Johann  der  Alchimist.  2.  Friedrich  II.  der  Eiserne  #  1471.  3.  Abrecht  Achilles  1  1486.  Friedrich  der  Jüngere.

4.  Johann  Cicero  1499  Friedrich  der  Altere  v.  Ansbach.  Barbarg,
J  verm.  m.  Heinrich  v.  Glogau.

k  Jvachim  I.  Nestor  #  1535.  Kardinal  Abrecht,  Kahlimir  v.  Georg  d.  Fromme  Albrecht  I.  v.  Preußen,
Gem.  Elisabeth  v.  Dänemark.  Erzbischof  v.  Magdeburg  Kulmbach,  v.  Jägerndorf  u.  Ansbach.  Hochmeister  1511,  4  1568.

u.  Mainz.  6  *
6.  Joachim  II.  Hektor  +  1571.  Johann  v.  Küstrin.  Albrecht  Alci-  Georg  Friedrich  3  Albrecht  II.  Friedrich
biades.  1603.  1618.
Gem.  Maria  Leonora  v.  Kleve
1608.
7.  Johann  Georg  Friedrich  #  1552,  Sigismund  1566  Anna  Leonora  Magdalena
1598.  Exrzbischöfe  v.  Magdeburg  Gem.  Joh.  Sigismund  Gem.  Joach.  Friedrich  Gem.  Kurf.  Joh.  Georg
l  v.  Brandenburg.  Hv.  Brandenburg.  v.  Sachsen.
8.  Joachim  Friedrich  f  1608.  Christian  Joachim  Ernst
Gem.  Leonore  v.  Preußen.  Markgraf  v.  Baireuth.  Markgraf  v.  Ansbach.

—..-  —

9.  Johann  Sigismund  #  1619.  Gem.  Anna  v.  Preußen.

.10.  Georg  Wilhelm  1640.  Maria  Eleonora.  E
Gem.  Elisabeth  Charlotte  v.  d.  Pfalz.  Gem.  König  Gustav  Adolf  v.  Schweden.

II.  Friedrich  Wilhelm  der  Große  Kurfürst.  Geb.  16.  2.  1620,  7  9.  5.  1688.
1.  Gem.  Luise  Hemiette  v.  Oranien.  2.  Gem.  Dorothea  v.  Schleswig-Holstein.

„  3  7  1  —  —
Karl  Emil  1.  (12.)  Friedrich  I.  Geb.  11.  7.  1657,  Ludwig  Philipp,  Albrecht,  Karl  u.  Ludwig,

16.  25.  2.  1713.  1687.  Markgrafen  zu  Schwedt.
2.  Gem.  Sophie  Charlotte  v.  Hannover.  grafen  zu  Sch

2.  (13.)  Friedrich  Wilhelm  I.  Geb.  15.  8.  1688,  f  31.  5.  1740.
Gem.  Sophia  Dorothea  v.  Hannover-England  #  28.  6.  1757.

 

 

 

 

354

Stammtafel  des  hohenzollernschen  Hauses.
        <pb n="361" />
        —

3.  (14.)  Friedrich  II.  der  Großze.
Geb.  24.  1.  1712,  K  17.  8.  1786.
Gem.  Elisabetb  v.  Braunschweig.

4.  (15.)  Friedrich  Wilhelm  II.
Geb.  25.  J.  1744,  1  16.  11.  1797.
2.  Gem.  Friederike  Luise  v.  Hessen-Darmstadt.

Wilhelmine

ihames  Luise  Ulrike.
14.  10.  1758.

Gem.  König  Adolf
Friedrich  v.  Schweden.

Wilhelmine.

August
§1758P.

Wilhelm  Heinrich

6  #  1802.—  Louis  Ferdinand
—.  +  10.  10.  1806  bei  Saalfeld.

 

Gem.  Wilhelm  V.  v.  Oranien.

 

5.  (6.)  Friedrich  Wilhelm  III.  Geb.  3.  8.  1770,  J  7.  6.  1840.
Gem.  Luise  v.  Mecklenburg-Strelitz.  Geb.  10.  3.  1776,  19.  7.  1810.

6.  (17.)  Friedrich  Wilhelm  IV.
Geb.  15.  10.  1795,  2.  1.  1861.
Gem.  Elisabeth  v.  Bayern.

8.  (19.)  Friedrich  III.
Geb.  18.  10.  1831,  J  15.  6.  1888.

Gem.  Viktoria  v.  England.  Geb.  21.  11.  1840,
5.  S.  1901.

9.  (20.)  Wilhelm  II.
Geb.  27.  Jan.  1859.
Gem.  Auguste
Viktoria  v.
Schleswig-Holstein.
Geb.  22.  Okt.  1858.

(18.)  Wilhelm  I.  der  Grosze.
Geb.  22.  3.  1797,  1  9.  3.  1888.
Gem.  Augusta  v.  Weimar  1890.  v.  Rußland.

Luise,  geb.  3.  12.  1838.
Gem.  Großherzog  von  Baden.

Charlotte.

Charlotte.
Gem.  Erbprinz
Bernhard  v.
Sachsen-Meiningen.

Viktoria.  Wald
Gem.  Prinz
Adolf  v.
Schaumburg-Lippe.


Sigismund.
Geb.  1864.
K  #18.  6.

1879.
1866.

Eitel  Friedrich.
Geb.  7.  Juli  1883.
Gem.  Charlotte  v.

Oldenburg.

Adalbert.
Geb.  14.  Juli
1884.

d“  Kronprinz  Wilhelm.

Gedb.  6.  Mai  1882.
Gem.  Herzogin  Ceeilie  v.
Mecklenburg-Schwerin.

—.

Wilhelm.
Geb.  4.  7.  1906.

August  Wilhelm.
Geb.  29.  Januar
1887.

Gem.  Nikolaus  I.

emar.
Geb.  1868.

Wilhelm  1851.
Adalbert,  Admiral  +  1873.

Karl
*1883.

——..  —  —
Friedrich  Karl  Albrecht,  Regent  von
+  15.  6.  1885.  Braunschweig,  F  1906.
——  ——  —  —
Friedrich  Leopold.  driedi  Heinrich,
Joachim  Albrecht,
Friedrich  Wilhelm.

Margarethe.

Gem.  Prinz

Friedr.  Karl
v.  Hessen.

 

Albrecht
18772.

 

Heinrich.
Geb.  14.  8.
1862.
Gem.  Irene

w.  Hessen.

#——..——
3.  Heinrich.
Geb.  1900.

26.  2.  1904.

oachim.  Lrise  Viktoria.
Geb.  17.  Dez.  Geb.  13.  Sexpt.
1890.  1892.

Sophia.
Gem.  Kronpr.
Konstantin  v.
Griechenland.

1.  Waldemar.

2.  Sigismund.
Geb.  1889.

Geb.  1896.

Okskar.
Geb.  27.  Juli
1888.

August  Ferdinand  1813.

Stammtafel  des  hohenzollernschen  Hauses.

355
        <pb n="362" />
        Verzeichnis  der  Abbildungen  und  Karten.

 

Marmorstandbild  Albrechts  des  #r  Bären  an  der  Siegesallee  zu  Berlin
Klosterkirche  zu  Lehnin.
Kloster  Chorin
Roland  in  Stendal  .
Burg  Hohenzollern  nach  der  Wiederherstellung
Kurfürst  Friedrich  Ll.
Die  Burg  zu  Nürnberg  am  Beginn  des  15.  Jahrhunderts
Belagerung  einer  Quitzowmschen  Burg
Die  Mark  beim  Regierungsantritt  Kurfürst  Friedrichs  J.  (Kartenstizze)
Belehnung  des  Burggrafen  Friedrich  von  1  Nürnberg  mit  der  Mark  Brandenourg=Konstanz
  1417
Albrecht  Achilles.
Joachim  I.  Nestor  ..
Joachim  II.  empfängt  das  heilige  Abendmahl.  Relief
Schloß  Köpenick  zur  Zeit  des  Kurfürsten  Joachim  II.
Hermann  von  Salze  .
Das  Hochschloß  der  Marienburg  von  Süosten  .
Denkmal  Albrechts  von  Brandenburg  am  Schlosse  zu  Königsberg
Johann  Sigismund
Friedrich  Wilhelm,  der  Große  K  kurfürst
Kurfürstin  Luise  Henriette
Ansicht  von  Berlin-Kölln  zur  Beit  des  Groben  Kurfürsten
Derfflinger
Solvdaten  des  Großen  Kursürsten
Oliva  bei  Danzig
Der  Große  Kurfürst  in  der  Schlacht  bei  Fehrbellin
Der  Große  Kurfürst  überschreitet  das  Kurische  Haff
Kriegsschiffe  des  Großen  Kurfürsten
Großfriedrichsburg  und  Umgebung
Der  Große  Kurfürst  nimmt  die  Huldigung  der  Afrikaner  entgegen
Paul  Gerhardt
Empfang  der  Hugenotten  durch  den  Groben  Kurfursten
König  Friedrichl.
Seine  Gemahlin  Sophie  Charlotte
Golttfried  Wilhelm  Leibniz  .
Enthüllung  des  Denkmals  des  Großen  Kurfürsten  .
DasZeughausqucxlm  .
„Unter  den  Linden“  zu  Berlin  im  Jnhre  1691  wom  Lustgarten  aus  esehen)
August  Hermann  Francke  ...  .
Insignien  des  Schwarzen  Adlerordens
Friedrich  I.  setzt  sich  im  Schlosse  zu  Konigsberg  die  Krone  auf
Typen  aus  dem  Heere  Friedrichs  J.  ..
Friedrich  Wilhelm  I.
Musterung  unter  Friedrich  Wilhelm  I.
König  Friedrich  Wilhelm  I.  begrüßt  die  vertriebenen  n  Salzburger
Einnahme  von  Rügen  .
Das  Mühlenthor  in  Stargard
Friedrich  Wilhelm  I.  im  Tabafskollegium?
Friedrich  der  Große
Das  Nathaus  in  Breslau  ..  .
Silberne  Medaille  zur  Erinnerung  #an  die  Schlacht  bei  i  Sohenfrieberg
Nach  der  Schlacht  bei  Hohenfriedberg
Fürst  Leopold  von  Anhalt-Dessau

Typen  aus  dem  Heere  Friedrichs  des  Großen  21220.
        <pb n="363" />
        Verzeichnis  der  Abbildungen  und  Karten.  357

Seite
Schwerin..  1223
Seyolitststss.  125

Winterfeldt  11111127
Friedrich  der  Große  in  Lissa.  „Bon  soir,  messieurs  129
Herzog  Ferdinand  von  Braunschwmi  130
Prinz  Heinrich  von  Preußen  6  .  1331
Keiih  6  °  132
Zieten  6  .  1327
Lustschloß  Sanssouci  bei  Potsdam  6  .  4144141
Das  Neue  Palais  bei  Potsda  14443
Truppenbesichtigung  unter  Friedrich  dem  Großen  6  1147
Friedrichs  des  Großen  Tafelrunde  in  Sanssoucri...  149
Der  alte  Fritz  in  Sanssouci..w  131
Friedrich  Wilhelm  —.  ...............157
Das  Brandenburger  Thor  zu  Berlin..  3  159
Königin  Luisse  S.  1444
Friedrich  Wilhelm  III.  .  ...  164

Einzug  der  Prinzessin  Luise  in  Berlin  .w  1„1155
Königin  Luise  auf  der  Flucht  nach  Memel..  173

Nettelbeck,  der  Vertcidiger  Kolberggs  15
Schill  6  196
Zusammenkunft  d  der  Konigin  duije  mit  Napoleon  .  1177
Stein  .  ................180
Scharnhorst...........·.......«.....183
91t11dt.....·...................184
Jahn  .  1484
Erschießung  der  Shiuschen  sthire  bei  Wesel.  .  189
Hardenberg  190
Hrardenk  mal  der  Kö  königin  uise  im  Mausoleum  2  Charlottenburg  191
DVork-  195
Ansprache  des  Generals  Vork  auf  dem  Landtage  zu  Königsberg  ....  197
Typen  aus  dem  preußischen  Heere  des  Befreiungskrieges  ·.....  198f199
Das  Eiserne  Kreuz  .  .  ........  200
Breslau,  den  13.  Februar  1818  221
Thcodor  Körner  .  203
Gneisenaun...g  ...  208
Blücher  208
Plan  der  Völkerschlacht  bei  Leipzig.  .  213
Die  Königsberger  Landwehr  unter  Major  Friccius  erstürmt  das  Grimmaische  Thor  215
Der  Marschall  Vorwärts  überschreitet  den  Rhein  am  1.  Januar  1814  217
Einzug  der  Verbündeten  in  Paris  am  31.  März  1814  220
Atsfahrt  des  ersten  preuhischen  Eisenbahnzuges  aus  dem  1  Potsdanerr  Bahnhof  z  229
erlin  .
Das  Schauspielhaus  in  Berlin.  234

Das  Alte  Museum  in  Berlin..w  43435
Friedrich  Wilhelm  IVv..w  ç  237

Prinz  Adalbert  .  .....  247
Die  Weichselbrücke  bei  Dirschau  6  248
Der  Dom  zu  Cöhhn  250
Reiterstandbild  Friedrichs  des  Großen  in  Berlin  von  Ruch  251
A.  v.  Humboldt  und  W.  v.  Humbolkt  252
Die  Friedenskirche  bei  Potsdam  242422833
Wilhelmm  I.  .  54d24242425656
Augusta  6  .  257
Schloß  Babelsberg  ...w  2258
Roon  .  .  ..  ..  241459
Moltke  260

Standbild  Wilhelms  I.  im  Krönungsornat  vor  dem  Schlosse  zu  Königsberg  .  2061
        <pb n="364" />
        358  Verzeichnis  der  Abbildungen  und  Karten.

Seite
Bismarckk....w  2422
Wrangel  6  265
Erstürmung  ver  Düppeler  Schanzen  .  ......  .  266
Scegefecht  bei  Jasmund  5252„222068
Vogel  von  Falckenstenn.  270
Herwarth  von  Bittenfe.  271
Prinz  Friedrich  Karl  idododsdso72
Der  Kronprinz  erstürmt  die  Höhen  von  Chlum  ...  2283
Plan  der  Schlacht  bei  Königgräz..  275
Auf  dem  Schlachtfelde  von  Königgrät:  6  .  2346
Manteussel  .  ..............277
Das  Eiserne  Kreuz  von  18700  288384
Steinmetz  .  .  .  286
Skizze  zum  Feldzuge  von  1870/71.  .  .......287
Der  Kronprinz  führt  die  Bayern  zum  Siege  bei  Weifenburg  289
Dic  Schlachten  um  Metz  (Kartenskizzge)  2291
Preußische  Garden  und  Sachsen  bei  St.  4.  Privat  6  2422393
Albert,  König  von  Sachsern  .  29294
Plan  der  Schlacht  bei  Senin  "295
Graf  Reille  übergiebt  dem  König  das  Schreiben  Napoleons  i  297
v.  d.  Tnn  858588801
Goeben..w  111„„„3„3303
Werdern  .  3636064
Unsere  brave  Landwähr  in  den  Kämpfen  an  der  Lisaine  305
Einzug  der  deutschen  Truppen  in  Paris  am  1.  März  1871  307
Einzug  der  Sieger  in  Berlin  am  16.  Juni  1871  309
Die  Verkündigung  der  Wiederaufrichtung  des  deutschen  basfertuns  im  Schosse  zu
Versailles  am  18.  Januar  1871  ..  311
Das  Reichstagsgebäude  in  Berliin..  320
Die  Siegessäule  in  Berlin.  6  .  321
Kaiser  Wilhelm  am  historischen  Eckfenster.  .  43434342444
Parade  unter  Wilhelm  dem.  Großen.  325
Letzte  Unterschrift  Kaiser  Wilhelnms...  3326
Das  Mausoleum  zu  Charlottenburg  ..  3327
Kaiser  Friedrich  II.  .  .  .....330
Seine  Gemahlin  Viktorinngaqa  3J3J331
Wilhelm  l1muel.3334
Auguste  Viktoria  335
Einzug  der  Prinzessin  Auguste  Viktoria  in  Berlin  am  27.  Februar  1881  .  .  .  336
Das  Königliche  Schloß,  die  Wohnung  Kaiser  Wilhelms  II.  338
„Kaiser  Wilhelm  der  Große“,  Doppelschrauben-  Schneilpostdanipfer  des  Norddautschen
Lloyd  in  Bremen  .  340
S.  M.  Schiff  „Wörth“;  Panzer  I.  Klasse  .  341
Prinz  Heinrich  6  3442
Kaiser  Wilhelm  II.  in  Admiralsuniform  344
Das  Nationaldenkmal  Kaiser  Wilhelms  des  Großen  vor  dem  :  Kaniglichen  Schoose  347
Das  neue  Abgecordnetenhaus  zu  Berlin  348
Die  Kaiser-Wilhelm-  Gepächtniskirche  #  in  Berlin  349
Kronprinz  Wilheeenm  .  5656565650
Kronprinzessin  Ceeileßßeee  u  u  .888383350
Der  neue  Dom  zu  Verln  3351
Farbige  Karten.
Das  Reich  der  Askanier.  Preußen  unter  Friedrich  dem  Großen.
Die  Mark  unter  Friedrich  I.  Preußen  unter  Friedrich  Wilhelm  II.

Brandenburg  unter  dem  Großen  Kurfürsten.]  Preußen  nach  dem  Frieden  von  Tilsit.
Preußen  nach  dem  Jahre  1866.
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        Register.

 

Abgeordnetenhaus  246.  348.

Accise  25.  57.  94.  146.  227.

Adalbert  v.  Preußen,  Admiral  Prinz  ?47.299.

Adel  18.  27.  61.  95.  140.  142.  181.

Adlerorden,  Schwarzer  84,  Noter  162.

Afrikanische  Handelsgesellschaft  69.

Akademie  der  Künste  80,  der  Wissenschaft  80.

Albert,  Kronprinz  von  Sachsen  294.

Albrecht  Achilles  24  ff.

Albrecht,  Erzbischof  von  Mainz  und  Magdeburg
  29.

Albrecht,  Hochmeister  29.  41.

Albrecht  II.  Friedrich  von  Preußen  42.

Albrecht  der  Bär  4  ff.

Alexander  I.  Kaiser  195  ff.

Alexander  II.  Kaiser  312.

Alexander  III.  Kaiser  313.

Allgemeine  Bestimmungen  über  Volksschulwesen
  321.

Allianz,  Heilige  230.

Alsen,  Eroberung  der  Insel  265.  267.

Altenstein,  Minister  190.

Altenzaun,  1806  Gefecht  bei  195.

Altersversicherung  der  Arbeiter  316.  345.

Altkatholiken  314.

Altlutheraner  234.

Amiens,  Kämpfe  bei  302.

Ansbach,  Baireuth,  von  den  Hohenzollern
erworben  16.  26.  34;  zu  Preußen  162,
zu  Bayern  169.  210.

Arbeiterschutzkonferenz  345.

Arcis  a.  d.  Aube,  1814  Schlacht  bei  218.

Arndt,  E.  M.  184.  194.  203.

Arnold,  Prozeß  des  Müllers  148.

Aschaffenburg,  1866  Gefecht  bei  277.

Aspern,  1809  Schlacht  bei  186.

Auerstädt,  1806  Schlacht  bei  171.

Auerswald,  General  242.

Aufruf  Friedrich  Wilhelms  III.  200.  202.

August  II.  von  Sachsen  84,  III.  114.  119.

August  Wilhelm  von  Preußen,  Prinz  124.

Augusta,  Königin-Kaiserin  257.  288.  328.

 

Auguste  Viktoria,  Königin-Kaiserin  326.
333.  335.
Austerlitz,  1805  Schlacht  bei  168.

Babelsberg,  Schloß  257.  258.

Baden  (1866)  270.  Aufnahme  in  den
Norddeutschen  Bund  308.

Ballenstedt,  Grafen  von  4.

Bank,  Königliche  145.

Bar  a.  d.  Aube,  1814  Gefecht  bei  218.  255.

Barfus,  General  68.

Bartenstein,  1807  Vertrag  zu  176.

Basel,  1795  Friede  zu  162.

Bauern,  Lage  der  28.  144.  181.  192.
Bauernlegen  96.

Bautzen,  1813  Schlacht  bei  205.

Bazaine,  Marschall  285.

Beaumont,  1870  Schlacht  bei  296.
Beaune  la  Nolande,  1870  Schlacht  bei  302.
Bede  10.

Belbog,  wendischer  Gott  1.

Jelehnung  Friedrichs  I.  von  Brandenburg

Belfort,  Belagerung  von  302.
Belle-Alliance,  1815  Schlacht  bei  223.
Belling,  General  138.

Benedek,  General-Feldzeugmeister  271.

Benedetti,  Gesandter  278.  282.

Bennigsen,  General  176.

Beresina,  1812  Ubergang  über  die  194.

Berg,  Herzogtum  s.  Jülich.

Bergen,  1759  Schlacht  bei  132.

Berlin  erwirbt  Stadtrecht  8,  Blutbann  und
Münzrecht  14,  unter  dem  Interdikt  12,
Verhältnis  zu  den  Quitzows  14,  huldigt
  Friedrich  I.  18,  wird  Residenzstadt  23.
Die  ersten  Gymnasien  in  Berlin  56,  Entstehung
  der  Dorotheenstadt  75,  Stiftung
der  Akademien  der  Künste  und  der  Wissenschaften,
  Entstehung  der  Friedrichstadt,
des  Schlosses  80,  Anderung  der  städtischen
Verwaltung  98,  1760  vom  Feinde  be-
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        360

setzt  135,  1806  die  Franzosen  in  B.  172,
Universität  191,  erste  Eisenbahn  in  229,
1848  Aufstand  in  240,  Reichstag  310.  320.

Bernadotte  206—209.  214.

Bernau,  Propst  von  11.

Bernhard,  Markgraf  3.

Bernhard  von  Askanien  7.

Beuthen,  Ergebung  von  18.

Biersteuer  28.

Billing,  Hermann  3.

Bismarck,  Fürst  Otto  v.  242.  262.  269.
310.  337.

Bittenfeld  s.  Herwarth  v.  Bittenfeld.

Blücher  171.  204.  207.  236.

Bogislaw  X.,  Herzog  von  Pommern  104.

Borsig  249.

Bourbaki,  General  302.  304.

Boyen,  Gencral  183.  194.

Brandenburg,  die  Mark  1.  Umfang  20.

Brandenburg,  Stadt  und  Bislum  2.  3.  6.

Brandenburg,  Minister  Graf  245.

Brandenburger  Thor  158.  159.

Braunau,  Paß  von  272.

Bremen,  Bistum  1719  zu  Hannover  103.

Brennaburg  2.

Breslau,  Emporkommen  113.  Einzug  Friedrichs
  II.  113,  Friede  zu  114,  Residenz
Friedrich  Wilhelms  III.  200.

Brienne,  1814  Schlacht  bei  216.

Bromberger  Kanal  144.

Brühl,  Minister  118.

Buch,  Johann  v.  8.

Buchenhagen  104.

Bülow,  Fürst  Reichskanzler  345.

Bülow,  General  207.  208.

Bundeskanzler  280.

Bundesrat  280.  312.

Bundestag  in  Frankfurt  a.  M.  226.  240.
245.  246.  270.

Bunzelwitz,  Lager  bei  137.

Burenkriceg  337.

Bürgerliches  Gesetzbuch  317.  346.

Burkersdorf,  1762  Schlacht  bei  139.

Burkhartinge,  Ahnherren  der  Zollern  16.

Burschenschaft,  deutsche  231.

Canrobert,  General  285.

Canstein,  Freiherr  v.  83.

Caprivi,  Reichskanzler  337.  345.

Carmer,  Justizminister  150.

Cassano,  1705  Schlacht  bei  87.

Cecilie,  Kronprinzessin  352.

Censuredikt  158.

Charité  in  Berlin  102.

Charlottenburg,  Lustschloß  in  80.  136.
Mausoleum  in  190.  327.

Chatillon,  Friedenskongreß  zu  218.

 

Register.

Chausseebau  in  Preußen  158.  228.  317.
China,  Krieg  mit  343.

Chlum,  Erstürmung  der  Höhen  v.  273.275.
Chodowiecki,  Kupferstecher  158.

Chorin,  Kloster  8.  9.

Chotusitz,  1742  Schlacht  bei  114.
Christian  IX.  von  Dänemark  264.
Clausewitz,  General  183.  194.

Coccceji,  Justizminister  100.  148.

Code  Napoléon  179.

Codex  Fridericianus  148.

Colombey,  1870  Schlacht  bei  290.
Coulmiers,  1870  Schlacht  bei  302.
Courbiêre  176.

Courcelles,  1870  Schlacht  bei  290.
Cumberland,  Herzog  von  125.

Czaslau,  1742  Schlacht  bei  114.
Czernybog,  wendischer  Gott  1.

Daleminzier,  Wenden  3.

Dampfmaschine  145.  228.

Dampsschiffahrt  229.  339fff.

Danckelmann,  Eberhard  v.  76.  78.  90.

Danzig,  Ordensstadt  38,  polnisch  41,  preu-Whisch
  163,  Freistadt  178,  wieder  preußisch
  225.

Daun,  österreichischer  Feldmarschall  123.
131.  136.

Sckwunt!  i  Hamburg  204.  206.

Demagogenverfolgung  231.

Dennewitz,  1813  Schlacht  bei  210.

Derfflinger  56  ff.

Dijon,  1871  Kämpfe  bei  304.

Dispositio  Achillea  26.

Distelmeyer,  Kanzler  34.

Dom  in  Berlin  350.

Domänen  54.  95.  96.  182.  227.

Dörnberg,  Oberst  187.

Dorothea,  Kurfürstin  75  ff.

Dortmund,  1609  Vertrag  zu  44.

Dortmund--Ems-Kanal  345.

Dragonaden  73.

Dreibund:  Deutsches  Reich,  Osterreich,
Italien  313.

Dreikaiserbündnis  312.

Dreikönigsbund  245.

Dresden  im  7  jährigen  Kriege  122.134;  1745
Friede  zu  118;  1813  Schlacht  bei  209.,

Drömling  142.

Duisburg,  Gründung  der  Universität  56.

Düppeler  Schanzen  244.  265.

Einwanderung  in  Preußen  6.  38.  53.  73.
96.  154.  234.

Eisenbahnen  229.  249.  317.

Eisernes  Kreuz  200.  284.

Eitel  Fritz,  Prinz  352.
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        Register.

Elbe-Trave-Kanal  345.

Elbing  38.

Elisabeth,  Gemahlin  Friedrichs  I.  18.

Elisabeth,  Gemahlin  Joachims  I.  29.

Elisabeth,  Gemahlin  Friedrichs  des  Großen
109.  155.

Elisabeth,  Gemahlin  Friedrich  Wilhelms  IV.
237

Elisabeth,  Kaiserin  von  Rußland  119.

Elsaß,  Wiedergewinnung  des  306.

Emden,  vom  Großen  Kurfürsten  besetzt  72,
Freihafen,  Heringsfischerei  145.

Ems-Jade-Kanal  317.

Ephraimiten  132.

Erbfolgekrieg,  Bayrischer  154,  Polnischer
106,  Spanischer  84.  103.

Erbunterthänigkeit,  Aufhebung  der  181.

Erfurt,  1806  kapituliert  171,  Fürstenkongreß
  zu  186.

Erlöserkirche  350.

Estrées,  Marschall  d'  125.

Eugen  von  Savoyen,  Prinz  77.  86.

Exekution  gegen  Preußen  122.  270,  gegen
Dänemark  264.

Eylau,  1807  Schlacht  bei  Preußisch=  174.

Falckenstein  s.  Vogel  v.  Falckenstein.

Falk,  Kultusminister  314.

Favre,  Jules  298.

Fehrbellin,  1675  Schlacht  bei  64.

Felbiger,  Abt  150.

Ferdinand  von  Braunschweig  128.  132.  139.

Fermor,  russischer  General  130.

Festlandssperre  172.  192.

Fichte,  Professor  184.

Finckenstein,  Minister  Graf  142.

Finerbruch  142.

Fink,  General  (Finkenfang)  134.

Finowkanal  144.

Fliedner,  Pastor  254.

Flotte,  die  erste  brandenburgische  69.

Flotte,  die  deutsche  243.  313.  339.

Folter  abgeschafft  111.

Fontainebleau,  Vertrag  zu  139.

Fonquê,  General  134.

Francke,  August  Hermann  83.

Frankfurt  a.  O.,  Universität  26.  28.

Frankfurt  a.  M.,  Bundestag  zu  226,  Nationalversammlung
  zu  240,  1866  erobert
277,  zu  Preußen  279,  Fricde  zu  306.

Franktireurs  301.

Fransecky,  Genecral  274.

Franz  I.  v.  Lothringen,  Kaiser  113.116.  118.

Franz  II.,  Kaiser  160.  169.

Franz  von  Braunschweig,  Prinz  132.

Freiberg,  1762  Schlacht  bei  139.

Freikorps  Lützows  200.  206.

 

361

Friccius,  Major  214.  215.

Fridericia  265.

Friedland,  1807  Schlacht  bei  178.
Frieorich  I.  (VI.),  Kurfürst  17  ff.,  König

Friedrich  II.,  Kurfürst  22  ff.,  König  108  ff.

Friedrich  III.,  Burggraf  16,  Kurfürst  76  ff.,
König  und  Kaiser  257.  264.  271.  328.

Friedrich  III.,  Kaiser  von  Deutschland  24.

Friedrich  IV.,  Burggraf  16.

Friedrich,  Herzog  von  Liegnitz  32.

Friedrich  VII.,  König  von  Dänemark  244.

Friedrich  Franz,  Großherzog  von  Mecklenburg
  278.  302.

Friedrich  Karl  von  Preußen,  Prinz  245.
264  ff.,  271.  285.  294.  302.

Friedrich  von  Augustenburg  264.  267  ff.,
284.  333.

Friedrich  Wilhelm,  der  Große  Kurfürst  48  ff.

Friedrich  Wilhelm  I.,  König  89  ff.

Friedrich  Wilhelm  II.,  König  157  ff.

Friedrich  Wilhelm  III.,  König  163  ff.

Friedrich  Wilhelm  IV.,  König  237  ff.

Friedrich  Wilhelm,  Kronprinz  257  ff.,  271.

Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,
Herzog  188.  221.  222.

Friedrich-Wilhelms-Kanal  56.

Friesack,  Eroberung  des  Schlosses  18.
Froben,  Emanuel  v.  66.

Frohse,  1278  Schlacht  bei  8.
Fürstenberg,  Wilhelm  v.  77.
Fürstenbund,  deutscher  155.

Gablenz,  österreichischer  General  264.

Gadebusch,  1813  Gefecht  bei  209.

Gambetta  298.  301.

Garibaldi  302.

Gaslicht  230.

Gastein,  1865  Vertrag  zu  269.

Gemeinheitsteilung  144.  230.

Generaldirektorium  93.

Generallandschulreglement  150.

Georg  I.,  König  84.  II.  119.  136.  III.  136.
137.  V.  271.

Georg  der  Fromme  von  Ansbach  29.

Georg  Friedrich  von  Ansbach  34.

Georg  Wilhelm,  Kurfürst  45  ff.

Gera,  Hausvertrag  zu  34.

Gerhardt,  Paul  72.  73.

Gerichte,  einheitliche  317.

Germain,  1679  Friede  zu  St.  68.

Gernrode  3.

Gero,  Markgraf  3.

Gesetzbuch,  Bürgerliches  317.  346.

Gesindeordnung  192.

Gewerbefreiheit  192.  315.

Geyern,  Grafschaft  88.
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        362

Gilgekanal  145.

Gitschin,  1866  Schlacht  bei  271.

Glatz  zu  Preußen  114.

Gneisenau,  Feldmarschall  171.  183.  194.
207.  208.  223.  232.

Goeben,  General  303.

Goldne  Bulle  13.

Golzow,  Eroberung  des  Schlosses  18.

Gottschalk,  Obotritenfürst  4.

Gotzkowmsky  136.

Gransee,  1316  Schlacht  bei  10.

Graudenz,  Verteidigung  von  176.

Gravelotte,  1870  Schlacht  bei  292.

Greiffenberg  156.

Grete,  Faule  18.

Grimm,  Gebrüder  185.  249.

Grimnitz,  1529  Vertrag  zu  29.

Gröben,  Major  v.  d.  69.

Grolman,  General  183.

Großbeeren,  1813  Schlacht  bei  208.

Großfriedrichsburg  72.

Großgörschen,  1813  Schlacht  bei  205.

Großjägerndorf,  1757  Schlacht  bei  124.

Grumbkow  103.

Gustav  Adolf  von  Schweden  46.

Hadik  überfällt  Berlin  124.

Hagelberg,  1813  Gefecht  bei  209.

Halberstadt  zu  Preußen  52.

Halle  a.  S.,  Entstehung  2,  Universität  zu  83.
233.  Waisenhaus  zu  83.

Hallue,  1870  Schlacht  an  der  302.

Hambacher  Fest  232.

Hannover,  Altere  Geschichte  v.  278  ff.,  Königreich
  225.  Hannover  zu  Preußen  278.

Hansa  11.

Hardenberg,  Staatskanzler  180.  190  ff.

Hastenbeck,  1757  Gefecht  bei  125.

Haugwitz,  Minister  160.  166.  168  ff.  174.

Hausgesetz  des  Albrecht  Achilles  26.

Havanna,  1870  Seegefecht  bei  300.

Havelberg,  Bistum  3.  6.

Hecker,  Prediger  150.

Hedwig  von  Polen  30.

Heer,  das  preußisch-deutsche  51.  56.  59.  87.
91  ff.  112.  120.  121.  146.  166.  183.
198.  199.  337.

Heilige  Allianz  230.

Heilsberg,  1807  Gefecht  bei  178.

Heilsbronn,  Kloster  22.  26.

Heinrich  I.,  König  2.

Heinrich  von  Preußen,  Prinz,  Bruder
Friedrichs  des  Großen  131.  139.  155.

Heinrich  von  Preußen,  Prinz,  Bruder
Kaiser  Wilhelms  II.  342.

Heinrich  von  Landsberg  10.

Helgoland  zu  Deutschland  337.

 

Register.

Hennigs  v.  Treffenfeld  66.

Herero,  Aufstand  der  342.

Herrenhaus  246.

Herrenhausen,  Vertrag  zu  105.

Hertzberg,  Minister  160.

Herwarth  v.  Bittenfeld  271.

Hessen  279.

Heveller,  die  2.

Hieronymus  Bonaparte  179.  211.  214.

Hildburghausen,  Prinz  von  126.

Hinterpommern,  Erwerbung  von  52.

Hochkirch,  1758  Uberfall  von  131.

Höchstedt,  1704  Schlacht  bei  87.

Hofer,  Andreas  188.

Hohenfriedberg,  1745  Schlacht  bei  116.

Hohenlohe,  General  Fürst  v.  170.  172.

Hohenlohe,  RNeichskanzler  Fürst  v.  345.

Hohenzollern,  Haus  der  16  ff.  ·

Hohenzollern,  Land,  zu  Preußen  249.

Hohenzollern,  Wiederaufbau  der  Burg  252.

Hohenzollern,  Prinz  Leopold  u.  Karl  v.  282.

Holstein  s.  Schleswig-Holstein.

Homburg,  Prinz  v.  64.

Hubertusburger  Friede  139.

Hugenotten,  Aufnahme  der  78.

Hühnerwasser,  1866  Gefsecht  bei  271.

Humboldt,  Wilhelm  v.  191.  221.  252.
Alexander  v.  252.

Jachmann,  Admiral  267.
Jaczo  von  Köpenick  5.
Jägerndorf  29.  34.  68.  114.
Jagiello,  König  von  Polen  490.
Jagow,  Bischof  Matthias  v.  30.
Jahn,  Turnvater  184.
Jasmund,  1864  Seegefecht  bei  267.
Idstedt,  1850  Gesecht  bei  244.
Jena,  1806  Schlacht  bei  169  ff.
Jesuiten  152.  158.
Iltis,  Untergang  des  339.  343.
Indemnität,  Gewährung  von  280.
Ingersleben,  General  172.  174.
Invaliditätsversicherung  316.  345.
Joachim  I.,  Kurfürst  27  ff.  II.  30  ff.
Joachim  Friedrich,  Kurfürst  34.
Johann  I.,  Markgraf  8.
Johann  I.,  Reichsverweser  Erzherzog  240.
Johann  von  Küstrin  30.
Johann  Cicero,  Kurfürst  26.
Johann  Georg,  Kurfürst  34.
Johann  Kasimir  von  Polen  57.
Johann  Sigismund,  Kurfürst  43.
Johann  Sobieski  von  Polen  68.
Johannisburger  Kanal  144.
Johanniter  in  der  Mark  6.
Joseph  1.,  Kaiser  113.  II.,  Kaiser  139.
153.  154  ff.  160.
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        Register.

Jost  von  Mähren  114.

Jülich  und  Berg,  Altere  Geschichte  von  43,
zu  Pfalz-Neuburg  44,  zu  Pfalz-Sulzbach
105.  106,  zu  Preußen  225.

Julin,  Stadt  2,  Bistum  104.

Julirevolution  231.

Kabel  229,  erstes  deutsches  345.

Kaffeemonopol  146.  157.

Kaiserkronc,  Erwerbung  der  242.  308  ff.

Kaiserslautern,  Schlachten  bei  162.

Kaiserkum,  Wiederaufrichtung  in  Versailles
308

Kaiser-Wilhelm-Kanal  342.

Kaiser-Wilhelm-Spende  316.

Kalckreuth,  General  v.  178.

Kalckstein,  Oberst  v.  62.

Kalisch,  1813  Vertrag  zu  200.

Kammergericht  28.

Kammin,  Bistum  52.

Kanalbau  unter  dem  Großen  Kurfürsten
56,  unter  Friedrich  dem  Großen  144,
unter  Friedrich  Wilhelm  II.  158,  unter
Wilhelm  I.  317,  unter  Wilhelm  II.  345.

Kantonsystem  91.

Karl  der  Große  2.

Karl  IV.  von  Böhmen  12.  13.  16.

Karl  V.  32.  VI.  105.  113.

Karl  VII.  Albert  von  Bayern  113.  115.

Karl  X.  Gustav  57.  XII.  103  ff.

Karl  Emil,  Kronprinz  63.

Karl  Theodor  von  der  Pfalz  154.

Karl,  Erzherzog  von  Osterreich  186.

Karl  Wilhelm  Ferdinand  von  Braunschweig
161.  170.  174.

Karl  von  Lothringen  114.  123.  127.  128.

Karl,  Markgraf  von  Schwedt  115.

Karlsbader  Beschlüsse  231.

Karolinen,  Inselgruppe  der  343.

Kartoffelbau  eingeführt  54.  142.

Katharina,  Kaiserin  von  Nußland  139.  162.

Katholisch-Hennersdorf,  Schlacht  bei  116.

Katte,  Leutnant  109.

Katzbach,  1813  Schlacht  an  der  209.

Kaub,  Nheinübergang  bei  216.

Kaunitz,  Fürst  118.

Kay,  1759  Gefecht  bei  133.

Keith,  Leutnant  109.  Feldmarschall  132.

Kesselsdorf,  1745  Schlacht  bei  118.

Kettler,  Landmeister  42.

Kiautschon  342.

Kieler  Hafen  von  Preußen  beansprucht  269.

Kirche  in  Preußen  5.  30.  44.  72.  96.  102.
152.  234.  253.  322.  348.  350.

Kirchenordnung  Joachims  II.  31.

Kissingen,  1866  Gesecht  bei  277.

Kitzen,  1813  Uberfall  bei  206.

 

363

Kleist,  Ewald  v.  133.
General  v.  207.

Kohlhase  33.

Kolberg  132.  135.  137.  176.

Kolin,  1757  Schlacht  bei  124.

Kölln  a.  d.  Spree  8.  14.  23.

Kölner  Dom  238.  319.

Kolonien,  deutsche  313.  342  ff.,  brandenburgische
  72,  französische  in  Berlin  73.

Königgrätz,  1866  Schlacht  bei  273  ff.

Königsberg  38,  Universität  42,  Vertrag  58.

Konzil  zu  Konstanz  18,  1870  zu  Rom  314.

Körner  200.  203.  209.

Kosciusko  163.

Kraffohlkanal  145.

Krakau,  1525  Vertrag  zu  42.

Krankenversicherung  316.

Kraut,  Kaufmann  99.

Krefeld,  1758  Schlacht  bei  130.

Kremmer  Damm,  Gefecht  am  18.

Krönung  Friedrichs  III.  (I.)  84  ff.,  Wilhelms
  1.  262.

Kronvertrag  von  1700:  84.

Krossen,  1482  zu  Brandenburg  26.

Krupps  Fabrik  249.  345.

Kulm,  1813  Schlacht  bei  210.

Kunersdorf  133.  134.

Kunst,  Förderung  der  80.  152.  158.  233.
252.  319.  346.

Küstrin,  1758  Zerstörung  durch  die  Russen
130,  von  Franzosen  besetzt  172,  Erbauung
  der  Festung  30.

Heinrich  v.  186.

Labiau,  1656  Vertrag  zu  60.

Lacy,  österreichischer  General  135.  136.
Lagerhaus  in  Berlin  99.

Landeskirche,  evangelische  233.
Landesverwaltung  35.  93.  182.  227.  318.
Landrat  93.

Landrecht,  das  preußische  150.  158.
Landschaften,  Gründung  der  142.
Landschaftspolder  142.

Landeshut,  1760  Gefecht  bei  134.
Landsturm  202.  339.

Landtag  246,  Vereinigter  239.
Landwehr  200.  202.  208.  304.  305.  339.
Langensalza,  1866  Schlacht  bei  271.
Langeron,  russischer  General  207.
Laon,  1814  Schlacht  bei  218.

La  Nothiere,  1814  Schlacht  bei  218.
Lassalle  315.

Lauenburg,  Erwerbung  von  269.
Lausitz,  die  Mark  3.

Le  Bourget,  Ausfall  bei  301.

Lebus  zu  Brandenburg  8.

Lehnin,  Kloster  7.

Leibniz  80.
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        364

Leipzig,  1813  Schlacht  bei  211  ff.

Le  Mans,  1871  Schlacht  bei  302.

Lenzen,  929  Schlacht  bei  3.

Leopold  II.,  Kaiser  160.

Lcopold  von  Hohenzollern,  Erbprinz  282.

Leopold  von  Anhalt-Dessau  87.  91.  103.
105,  Erbprinz  113.

Lestocgq,  General  174.  178.

Leubus,  Kloster  112.

Leuthen,  1757  Schlacht  bei  127.

Lewald,  Feldmarschall  124.

Licenzen  192.

Lichnowski,  Fürst  242.

Liebenau,  Gefsecht  bei  271.

Liebesgespräche  72.

Liegnitz,  1675  Aussterben  des  Herzogshauses
  68.

Liegnitz,  1760  Schlacht  bei  135.

Ligny,  1815  Schlacht  bei  222.

Lingen,  Erwerbung  v.  88,  zu  Hannover  225.

Lisaine,  1871  Schlacht  an  der  304.

Lobositz,  1756  Schlacht  bei  122.

Londoner  Protokoll  244.

Lothar,  Kaiser  4.

Lothringen  zu  Deutschland  306.

Loudon,  General  130.  133.  135.  137.

Louis  Bonaparte  192.

Louis  Ferdinand  170.

Ludwig  der  Altere,  Markgraf  12.

Ludwig  II.  der  Nömer  13.

Ludwig  IV.,  Kaiser  11.

Ludwig  XIV.  62.  77.

Luvwig  XVI.  161.

Ludwig  XVIII.  221.  224.

Luise  Henriette  52.  54.

Luise,  Königin  164.  173.  177.  178.  190.

Lützowsches  Freikorps  200.  203.  206.

Luxemburg,  1867  Streit  um  281.

Maaßen,  Minister  228.

Mac  Mahon  285.  288.  294.  296.

Magdeburg,  Ursprung  der  Stadt  2,  Erzbistum
  3,  Einverleibung  von  Stadt  und
Bistum  52,  Kapitulation  der  Stadt  172.

Malplaquet,  Schlacht  bei  88.

Mansfeld,  Söldnerführer  46.

Manteuffel,  General  277.  302.  304.

Maria  Theresia  105.  113  ff.

Marianen,  Inselgruppe  der  343.

Marienburg  39.

Marine  s.  Flotte.

Markaner  138.

Marokko  345.

Mars  la  Tour,  1870  Schlacht  bei  290.

Maße,  einheitliche  316.

Matthias  v.  Jagow  30.

Maxen,  Finkenfang  bei  134.

 

Register.

Meißen,  die  Mark  3.

Merveldt,  österreichischer  Gencral  211.

Metternich,  Fürst  207.

Metz,  1870  Schlachten  um  290  ff.,  Belagerung
  299,  zu  Deutschland  306.

Minden,  Einverleibung  des  Bistums  52,
1759  Schlacht  bei  133.

Ministerium  35.  182.  234.  249.  317.
318.

Migquel,  Minister  v.  345.

Mission,  innere  254.  333.

Mitbelehnung  in  Preußen  32.

Möckern,  1813  Gefecht  bei  204,  Schlacht
bei  212.

Möllendorf,  General  162.

Mollwitz,  1741  Schlacht  bei  113.

Moltke,  Feldmarschall  v.  260.  306.

Monopol  57.  146.  157.

Moritz  von  Anhalt-Dessau  128.  132.

Moskau,  Brand  von  194.

Motz,  Minister  228.

Moys,  1757  Gefecht  bei  126.

Mühlberg,  1547  Schlacht  bei  32.

Münchengrätz,  1866  Gefecht  bei  271.

Münster,  Friede  zu  52.

Müinzen,  einheitliche  316.

Nachod,  1866  Gefecht  bei  272.

Nantes,  Edikt  von  73.

Napoleon  I.  Bonaparte  167—225;  III.
239.  277.  278.  281  ff.  286.  296.

Nassau,  Einverleibung  von  279.

Nationalversammlung,  französische  306.

Nationalversammlung,  deutsche  240.  242.

Nationalversammlung,  preußische  241.

Nehring,  Baumeister  80.

Neipperg,  österreichischer  Feldmarschall  113.

Nettelbeck  175.  176.

Netzebruch  trocken  gelegt  142.

Neuenburg,  Verzichtleistung  auf  249.

Neufahrwasser,  1870  Seegefecht  bei  300.

Neues  Palais  140.  143.

Neumark,  die,  zu  Brandenburg  8,  verpfändet
  14,  zurückgekauft  23,  an  Johann
30,  wieder  erworben  33.

Ney,  französischer  General  205.  210.  221.

Nikolaus  I.,  Kaiser  von  Rußland  245.  II.

Nollendorf,  1813  Schlacht  bei  210.

Norddeutscher  Bund  278.  280.

Nordhausen  zu  Preußen  88.

Nordischer  Krieg  84.  103.

Nordmark  3.  4.

Nordostseekanal  317.

Nordseeküste  zu  Frankreich  1938.

Normann,  württembergischer  General  212.

Nostiz,  Blüchers  Adjutant  222.
        <pb n="371" />
        Register.

Nürnberg,  Burggrafschaft  von,  den  Hohenzeollern
  übergeben  16.
Nymwegen,  Friede  zu  66.

Oberappellationsgericht  80.

Obergeldern  zu  Preußen  103.

Oberkirchenrat,  Evangelischer  254.

Oberrechnungskammer  Preußens  94.

Oberschulkollegium  158.

Obotriten  1.  «

Oderbruch  trocken  gelegt  142.

Oliva,  1660  Friede  zu  61.

Olmütz,  Belagerung  von  130,  Tag  von  246.

Oranien,  Heinrich  von  52.  Wilhelm  III.
von  75.  77.

Oranienburg  54.

Orleans,  Schlacht  bei  302.

Osnabrück,  Friedensverhandlungen  zu  52.

Ostfriesland,  Anwartschaft  auf  68.  76,  vom
Großen  Kurfürsten  besetzt  72,  einverleibt
115,  an  Hannover  abgetreten  225.

Ostpreußen,  Ordensland  36  ff.,  polnisches
Lehen  41,  zu  Brandenburg  45,  souverän
61

Otto  I.  und  II.,  Kaiser  3.

Otto  I.,  Markgraf  7,  II.  und  III.:  8,  IV.:  8.
Otto  der  Faule  13,  von  Bamberg  4.  103.
Oudenarde,  Schlacht  bei  88.

Oudinot,  französischer  General  208.

Palauinseln  erworben  343.

Paris,  Belagerung  von  298.  300.  303,
Einzug  in  219.  224,  erster  Friede  zu  219,
zweiter  224,  Vertrag  zu  181.

Pestalozzi  184.  232.

Peter  der  Große  103.

Peter  III.  von  Rußland  138.  139.

Petersberg  bei  Halle  zu  Preußen  88.

Piast  112.

Pillnitz,  1792  Vertrag  zu  160.

Pirna,  Lager  bei  122.

Pitt,  englischer  Minister  128.

Plaue,  Eroberung  der  Burg  18.

Plauescher  Kanal  144.

Podol,  1866  Gefecht  bei  271.

Polen,  verliert  Pommerellen  9,  erste  Teilung
  153,  zweite  und  dritte  163.

Polen,  die,  verwüsten  die  Mark  11,  Gegner
des  Deutschen  Ordens  40  ff.,  der  Schweden
  und  des  Großen  Kurfürsten  57  ff.,
des  Deutschtums  in  Schlesien  112,  1733
Erbfolgekrieg  106.

Pommerellen  zu  Brandenburg  9.
Pommern,  Bekehrung  4,  ältere  Geschichte
103,  zu  Preußen  52.  68.  103.  226.

Pompadour,  Marquise  v.  119.

Poniatowski  153.

 

365

Postwesen  56.  99.  317.

Potsdam  99.

Potsdamer  Edikt  73.

Prag,  1757  Schlacht  bei  123,  Friedenskongreß
  207,  Friede  zu  278.

Pragmatische  Sanktion  105.  113.

Präparandenanstalten  322.

Preniian,  Vertrag  zu  25,  Kapitulation  von

Preußen,  Mitbelehnung  32,  Ordensland
36  ff.,  Teilung  41.

Preußisch-Eylau,  1807  Schlacht  bei  174.

Pribislaw,  Wendenfürst  4.

Prignitz  zu  Branvenburg  4.

Prittwitz,  Rittmeister  v.  133.

Privat,  Schlacht  bei  St.  292.  293.

Probstheida,  Schlacht  bei  212.

Provinzialschulkollegien,  1825  errichtet  236.

Provinzialstände  231.

Pufendorf,  Samuel  v.  56.  80.

Putlitz,  Gans  zu  15.

Quatrebras,  Gefecht  bei  222.
Quedlinburg.  Erwerbung  von  88.
Quentin,  1871  Schlacht  bei  St.  303.
Quitzow,  Hans  und  Dietrich  v.  14  ff.  18.

Radegast,  wendischer  Gott  1.

Nanke,  Geschichtsschreiber  233.  252.

Rathenow,  Uberfall  von  64.

Naubritterwesen  14.  27.

Rauch,  Bildhauer  190.  233.

Raule  63.  69.

Realschule,  erste  150.

Rechtspflege  6.  14.  18.  27.  28.  80.  100.
148.  182.  317.

Redarier  3.

Reformation,  Einführung  der  30.

Regie  146.  157.

Regulative,  das  Volksschulwesen  betr.  249.

Reichenbach,  1813  Vertrag  zu  206.

Reichsdeputationshauptschluß  167.

Reichsgerichtsgebäude  346.

Reichsstrafgesetzbuch  317.

Reichstag,  deutscher  310.  Norddeutscher
280.  284

Neichsverweser  240.

Religionsedikt  158.  166.

Revolution  in  Berlin  240,  in  Frankreich
60.  231.  239.

Rheinbund  169.  188.  214.

Nheinsberg,  Schloß  109.  155.

Rhein-Weser-Hannover-Kanal  345.

Nied,  Vertrag  zu  210.

Ritter,  Geograph  Karl  233.  249.

Rochow,  Eberhard  v.  152.

Noon,  Kriegsminister  v.  260  ff.
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        366

Roßbach,  1757  Schlacht  bei  126.

Roth,  Königsberger  Schöppenmeister  61.
Rousseau  158.
Rügen,  Eroberung  von  103.  104.
Ruppin,  1524  einverleibt  29.

Ruppiner  Kanal  158.

Rußland,  1812  Zug  nach  192.
Nyswick,  1697  Friede  zu  77.

Saarbrücken,  1870  Gefecht  bei  286.

Sachsen,  Besetzung  von  122.  271,  Teilung
von  225.  «

Sachsenspiegel  10.

Sadowa,  Schlacht  bei  274  ff.

Säkularisation  167.  191.

Salza,  Hermann  von  36.

Salzburger,  Aufnahme  der  96.

Samoa  343.  -

Sanssouci,  Schloß  140.

Schadow,  Bildhauer  158.

Scharnhorst,  General  171.  174.  182.  194.
205.

Schenkenvorf,  Max  v.  203.
Schiefe  Schlachtordnung  127.
Schildhorn,  Sage  vom  5.
Schill,  Major  v.  176.  187.
Schinkel,  Baumeister  233.
Schleiermacher  184.

Schlesien,  ältere  Geschichte  112,  Kriege  um
113—140,  Einverleibung  von  114.
Schleswig-Holstein  243.  244  ff.,  Einverleibung

  von  278.
Schliemann  319.
Schloßgesessene  6.
Schlüter,  Andreas  80.
Schmalkaldischer  Bund  32.
Schmettau,  Graf  134.
Schnapphähne  14.  27.
Schönbrunn,  1805  Vertrag  zu  169.
Schöning,  General  68.
Schulpflicht  10  1.  232.
Schulreform  346.

Schulwesen  31.  101.  150.  249.  319.  321.

Schwanenorden  24.

Schwarzenberg,  Fürst  207.  214.

Schwarzer  Adlerorden  84.

Schwarzer  Tod  12.

Schwedt,  Markgrafen  von  76;  1713  Vertrag
  zu  103.

Schweidnitz  126.  130.  137.  139.

Schwerin,  Oberst  116,  Feldmarschall  123.

Schwiebus,  Kreis  68.

Seckendorf,  österreich.  Gesandter  103.  105.

Sedan,  1870  Schlacht  bei  296.

Seehandlungsgesellschaft  145.

Selbstverwaltung  182.  318.

Seminare  101.  150.  232.  322.

 

Register.

Semnonen  1.

Seydlitz  125.  131.

Sigismund,  Kaiser  13.  17.  22.

Skalitz,  1866  Gefecht  bei  272.

Slawen  1.

Soltikow,  russischer  General  133.

Sommerfeld  zu  Brandenburg  26.

Soor,  1745  Schlacht  bei  116,  1866  Gefecht
bei  272.

Sophie  Dorothea,  Königin  90,  Sophie
Charlotte,  Kurfürstin  76.  80.

Sorben  1.  Z

Soubise  125.

Sozialdemokraten  314  ff.

Sozialpolitik  315.

Spanier,  Aufstand  der  185.

Spanischer  Erbfolgekrieg  84.  86.

Sparr,  Otto  v.  56.

Spener,  Phil.  Jak.  83.

Spicherer  Höhen  288.

Staatsrat  227.

Staatsverwaltung  35.  61.  90  ff.  182.  227.
234.  249.  317.  318.

Städteordnung  Joachims  1.  28.

Städtische  Verwaltung  98.  182.

Stände,  Entstehung  der  10,  preußische  61,
brandenburgische  46.  57.

Standesvorzüge,  Aufhebung  der  181.

Stargard  zu  Brandenburg  8.

Starhemberg,  Rüdiger  v.  68.

Stein,  Freiherr  v.  170.  180.  194.  200.  236.

Steinmetz,  General  272.  285.

Stephan,  Generalpostmeister  301.  317.

Sternberg,  Land,  zu  Brandenburg  8.

Stettin  2,  vom  Großen  Kurfürsten  erobert
66,  zu  Preußen  103.

Steuern  10.  26.  56.  227.  346.

Stralsund  66.

Straßburg  geraubt  68,  zurückerobert  299.

Striegau,  1745  Schlacht  bei  116.

Suarez  150.

Suezkanal  eröffnet  329.

Sulingen,  Kapitulation  von  168.

Swantewit  1.

Swinekanal,  Swinemünde  144.

Sybel,  Geschichtsschreiber  233.  249.

Synodalordnung  322.

Tabakskollegium  106.

Tabaksmonopol  146.  157.

Talleyrand  168.

Tangermünde  13.

Tann,  General  v.  d.  301.
Tauberbischofsheim,  1866  Gefecht  bei  278.
Tauentzien,  General  207.  208.  210.
Tauroggen,  1812  Vertrag  zu  196.
Tecklenburg  zu  Preußen  88.
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        Register.

Telegraph  und  Telephon  229.  249.  317.

Templerorden  in  Brandenburg  6.

Teschen,  Friede  zu  154.

Testament  des  Großen  Kurfürsten  75.  76.

Tettenborn,  russischer  General  204.

Thaer  230.

Thiers  306.

Thomasius  83.

Thorn  zu  Polen  41,  zu  Preußen  163,
Blutbad  zu  103.

Thurneysser  34.

Tilsit,  Friede  zu  178.

Tiroler,  Aufstand  der  188.

Torgau,  1760  Schlacht  bei  136.

Dottleben,  russischer  General  135.

Trakehnen,  Landesgestüt  91.

Trautenau,  1866  Gefecht  bei  272.

Treffenfeld,  Hennigs  v.  66.

Treitschke,  Geschichtsschreiber  233.

Triglaf  1.

Trochu  298.

Tschernitschew  138.  139.

Tugendbund  185.

Turin,  Schlacht  bei  88.

Uckermark  zu  Brandenburg  8.

Unfallversicherung  316.

Uniform  56,  91.

Union,  kirchliche  233.

Union,  staatliche  245.

Universität  zu  Berlin  191.  Bonn  233.
Duisburg  56.  Frankfurt  26.  28.  Greifswald
  26.  Halle  83.  233.  Königsberg
42.  Göttingen  279.  Wittenberg  233.

Utrecht,  1713  Friede  zu  103.

Valmy,  1792  Kanonade  bei  161.

Vandamme  204.

Verden,  Bistum,  1719  zu  Hannover  103.

Vereinigter  Landtag  239.

Verfassung,  preußische  192.  230.  238.  256,
deutsche  312.  «

Verfassungskonflikt  263.

Versailles,  Kaiserproklamation  in  308.  311.

Verwaltung  s.  Staatsverwaltung.

Viktoria,  Kaiserin  Friedrich  329.

Vineta  2.

Vionville,  1870  Schlacht  bei  290.

Vischer,  Peter  27.

Vogel  v.  Falckenstein  271.  277.  300.

Volksvertretung  192  (s.  Verfassung).

Voltaire  109.  158.

Vorpommern  zu  Brandenburg  103.  226.

Vossem,  Friede  zu  63.

Wachau,  1813  Schlacht  bei  211.
Wackenitz,  Oberst  v.  131.

 

367

Waffenstillstand  1813:  205.

Waghäusel,  Gefecht  bei  245.

Wagram,  1809  Schlacht  bei  188.

Wahlstatt,  Fürst  Blücher  von  209.

Waldemar,  der  Große  9,  der  falsche  12.

Waldenser  75.  234.

Waldersee,  Feldmarschall  Graf  343.

Warkotsch  137.

Warschau,  Schlacht  bei  58,  Eroberung  von
163,  zu  Preußen  163,  zu  Nußland  225.

Wartenberg  und  Wartensleben  89.

Wartenburg,  1813  Ubergang  bei  211.

Warthebruch  trocken  gelegt  142.

Waterloo,  1815  Schlacht  bei  223.

Wavre,  Blücher  in  223.

Wedel,  General  133.

Wedell,  Leutnant  188.

Weh,  das  dreifache  89.

Wehlau,  Vertrag  zu  60.

Wehrpflicht,  allgemeine  91.  146.  183.  227.

Weißenburg,  1870  Schlacht  bei  286.

Weißenburger  Linien  162.

Wellington  221  ff.

Weltausstellung,  die  erste  249.

Weltpostverein  317.

Wenden  1  ff.  4  ff.

Wenzel  13.

Werder,  General  299.  304.

Wesel,  Opfer  zu  187.

Westfalen,  Königreich  179,  zu  Preußen  225.

Westfälischer  Friede  52.

Westpreußen  an  Polen  41,  zu  Preußen  153.

Wichern  254.

Wien,  Belagerung  von  68,  Friede  zu  267,
Kongreß  zu  221.  225.

Wilhelm  I.,  der  Große  218.  255  ff.  328.
II.  333  ff.

Wilhelm,  Kronprinz  von  Preußen  333.  352.

Wilhelm  III.  von  Oranien  75.  88.

Wilhelm,  Prinzessin  203.

Wilhelmshaven  247.

Wilsnack,  das  Blut  von  15.  29.

Wilzen  1.

Wimpffen,  französischer  General  296.

Winterfeldt,  General  126.

Wissenschaft,  Förderung  der  56.  80.  152.
233.  249.  319.  346.

Wittgenstein,  Fürst  207.

Wittstock,  1636  Schlacht  bei  47.

Wolin  2.

Wöllner,  Minister  158.

Wörth,  1870  Schlacht  bei  288.

Wrangel,  preußischer  Feldmarschall  242.
244.  265.

Wrangel,  schwedischer  General  64.

Wusterhausen,  Vertrag  von  105.
        <pb n="374" />
        368  Register.

Xanten,  Vertrag  zu  45.  Zollern,  Graf  v.  16.
Zollparlament  281.

York,  General  195.  196.  207.  209.  211.ollverein,  der  deutsche  228.  247.  281.
Zorndorf,  1758  Schlacht  bei  130.

Zeven,  1757  Übereinkunft  im  Kloster  125.  Fossen  zu  Brandenburg  26.

 

Zieten  115.  135  ff.  155.  156.  Züllichau  zu  Brandenburg  26.
Zinzendorf,  Graf  v.  83.  Zum  grauen  Kloster,  Gymnasium  56.
Zölle  317.  Zündnadelgewehr  274.

 

Druck  von  Karl  Marquart  in  Leipzig.
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        LIIOIIMmeyer:  Unser  Preussen.

 

Klrürzungen:
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        L.  Iosf  meyer:  Unser  Preussen.

 

 

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        L.  HofEmcger,  Unser  Preusscn.
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        L.  Hossinexer:  Unser  Preusseii.

 

 

 

 

  

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

     
 

 

      
  
  
 
 

 

 
  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Malsstab  1:8000000.

 

□U□r##  v###n  ur#y  756.

nDach  dem  Jalre  1866.

□yui##nhen  unter  Isilhelm  I.
G####  Gruire  der-Derschn  Keit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

B  6  Lliimen

Hrünsto
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acahbiößes  TERREACII-VNG

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Frombli.  Mion

1#a.  J  2

Omlittz

 

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Gntl.  v.  90  Lerro,

 

 

34  36  36

 

 

Verla  v  F.  Uirr  Hreslau.

 

 

 

bGeogr  Iust  ve.SternkonHale  as.
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