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        <title>Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Erster Band.</title>
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            <forname>Chlodwig zu</forname>
            <surname>Hohenlohe-Schillingsfürst</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>hohenlohe_denkwuerdigkeiten_001</idno>
          </msIdentifier>
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        „  Denkwürdigkeiten  =
des  Fürsten  Chlodwig  zu
Hohenlohe-Schillingsfürst
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        <pb n="3" />
        <pb n="4" />
        E.—  „
54  .  —  2

—“——
        <pb n="5" />
        Denkwürdigkeiten

des  Fürsten  Chlodwig  zu  Hohenlohe-"„
  sssss—M  Schillingsfürst  nlasase

 

Im  Auftrage  des
Prinzen  Alexander  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst
herausgegeben  von  Friedrich  Curtius

Erster  Band

Mit  zwei  Bildnissen

 

Neuntes  bis  fünfzehntes  Tausend

 

Stuttgart  und  Leipzig

Deutsche  Verlags-Anstalt
1907
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        Alle  Rechte,  insbesondere  das  Uebersetzungsrecht,
  vorbehalten

 

Published  October  10,  1906
Privilege  of  Copyright  in  the  United
States  reserved  under  the  act  approved
March  3,  1905by  Deutsche  Verlags-Anstalt

in  Stuttgart

 

Papier  und  Druck  der
Deutschen  Verlags--Anstalt  in  Stuttgart
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        Vorwort  des  Herausgebers

 

 

 

A  31.  März  1901  feierte  Fürst  Chlodwig  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst,
  der  im  Herbst  vorher  das  Amt  des  Reichskanzlers  niedergelegt
  hatte,  zu  Colmar  im  Hause  seines  Sohnes  seinen  Geburtstag.  Nach
dem  festlichen  Mahle  nahm  er  den  Unterzeichneten  beiseite  und  überraschte
ihn  durch  die  Frage:  „Wollen  Sie  mir  helfen,  meine  Memoiren  zu
schreiben?"  An  diese  Frage  knüpfte  sich  eine  Unterredung,  in  welcher  der
Fürst  mir  aussprach,  daß  es  sein  Wunsch  sei,  den  Rest  seines  Lebens
dafür  zu  verwenden,  seine  schriftlichen  Aufzeichnungen  zu  ordnen  und  deren
Veröffentlichung  vorzubereiten.  Er  wollte  alle  seine  Papiere  und  Akten
nach  Schillingsfürst  schaffen  und  lud  mich  ein,  ihn  im  Laufe  des  Sommers
auf  einige  Wochen  dort  zu  besuchen.  Da  sollte  das  Material  der  Arbeit
gesichtet  und  deren  Plan  festgestellt  werden.  Für  den  Fall  seines  Todes,
sagte  mir  der  Fürst,  werde  sein  Sohn,  Prinz  Alexander,  die  Verfügung
über  seinen  schriftlichen  Nachlaß  haben  und  in  die  Beziehungen  zu  mir,
mit  denen  er  einverstanden  sei,  eintreten.  Die  Entscheidung  über  Einzelheiten
  wurde  auf  weitere  Besprechungen  verschoben,  die  im  Laufe  des
Sommers  stattfinden  sollten  und  die  nicht  mehr  stattgefunden  haben.  Anfang
Juli  1901  berührte  der  Fürst  Colmar  noch  einmal,  als  ein  Sterbender.
Wenige  Tage  darauf  endete  sein  Leben  in  Ragaz.  So  war  es  ihm  nicht
vergönnt,  die  letzte  Arbeit,  mit  der  er  sein  langes  und  arbeitsreiches  Leben
abschließen  wollte,  selbst  anzugreifen.  Für  den  Prinzen  Alexander  und
für  den  Unterzeichneten  ergab  sich  hieraus  die  Verpflichtung,  den  letzten
Willen  des  Fürsten,  soweit  möglich,  auszuführen.  Freilich  konnte  nach
dem  Scheiden  des  Fürsten  seine  Absicht  nur  in  unvollkommener  Weise
erfüllt  werden.  Er  hatte  gehofft,  bei  Durchsicht  seiner  Aufzeichnungen
und  Akten  seine  Erinnerungen  zu  beleben  und  so  sein  eigner  Biograph
zu  werden.  Nach  seinem  Scheiden  kann  es  sich  nur  darum  handeln,
die  hinterlassenen  Aufzeichnungen,  soweit  sie  zur  Veröffentlichung  geeignet
sind,  gemäß  dem  Willen  des  Entschlafenen  weiteren  Kreisen  bekanntzumachen.


Seit  dem  Jahre  1866  hat  der  Fürst  seine  Erlebnisse  und  Eindrücke
in  fortlaufenden  Aufzeichnungen,  die  er  als  sein  „Journal“  bezeichnete,
niedergelegt.  Die  Mitteilungen  dieses  „Journals“  werden  ergänzt  durch
        <pb n="8" />
        VI  Vorwort  des  Herausgebers

Konzepte  und  Abschriften  von  Berichten  und  Briefen,  die  der  Fürst  ihres
autobiographischen  Wertes  wegen  für  diesen  Zweck  zurückgelegt  hatte.
Wäre  es  dem  Fürsten  vergönnt  gewesen,  die  Redaktion  seiner  Denkwürdigkeiten
  selbst  zu  leiten,  so  würde  er  vermutlich  das  Journal  und
diese  Aktenstücke  zu  einer  einheitlichen  Darstellung  verschmolzen  haben.  Da
dies  nicht  geschehen  ist,  mußte  der  Herausgeber  auf  eine  einheitliche
Gestaltung  verzichten.  Denn  es  konnte  ihm  nicht  in  den  Sinn  kommen,
den  schriftlichen  Nachlaß  des  Fürsten  nur  als  Material  für  eine
Biographie  zu  verwerten.  Eine  Biographie  gibt  immer  das  Bild  einer
Persönlichkeit,  welches  die  Betrachtung  ihres  Wirkens  in  dem  Geiste
des  Verfassers  gestaltet  hat.  Selbst  wenn  ich  mir  daher  die  Fähigkeit
zutraute,  eine  Biographie  des  Fürsten  zu  schreiben,  so  würde  mich  der
von  diesem  empfangene  Auftrag  daran  hindern.  Denn  dieser  ging
dahin,  daß  ich  ihm  helfen  sollte,  seine  Memoiren  zu  schreiben.  Die
größte  Zurückhaltung  des  Herausgebers  war  die  Bedingung  für  die  Erfüllung
  dieser  Aufgabe.  Hieraus  erklärt  sich  die  Form  des  vorliegenden
Werks,  welche  dem,  was  der  Fürst  wünschte,  so  nahe  kommt,  als  dies
nach  seinem  Tode  zu  erreichen  war.  Der  Leser  steht  nur  dem  Fürsten
selbst  gegenüber,  er  hört  ihn  reden  oder  betrachtet  die  urkundlichen  Belege
seines  Wirkens.  Nur  was  von  tatsächlichen  Notizen  für  das  Verständnis
des  Gebotenen  unentbehrlich  schien,  ist  hinzugefügt  worden.

Für  die  Zeit  vor  dem  Beginn  des  Journals  hat  der  Fürst  nur
Einzelaufzeichnungen  über  Reisen,  politische  Reflexionen  und  Beobachtungen
hinterlassen.  Ein  in  Koblenz  im  Jahre  1842  begonnenes  Tagebuch  gibt
für  die  Vergangenheit  nur  einige  Notizen,  die  zur  Unterstützung  des
eignen  Gedächtnisses  bestimmt  waren,  und  ist  auch  für  die  Folgezeit  unvollständig.
  Zur  Ergänzung  konnten  Briefe  an  die  Mutter  und  an  die
Schwester,  Prinzessin  Amalie,  benutzt  werden.  So  ist  es  gelungen,  auch
für  die  Jugend  des  Fürsten  eine  Selbstdarstellung  seiner  Entwicklung  zu
gewinnen,  für  deren  fragmentarischen  Charakter  die  Authentizität  des  Gebotenen
  entschädigt.

Wertvolle  Ergänzungen  der  eignen  Aufzeichnungen  des  Fürsten  boten
dem  Herausgeber  Mitteilungen  der  verwitweten  Prinzessin  Konstantin  zu
Hohenlohe,  geb.  Prinzessin  zu  Sayn-Wittgenstein-Berleburg,  und  der  überlebenden
  Schwester  des  Fürsten,  Prinzessin  Elise  zu  Salm-Horstmar.  Dem
gütigen  Interesse  beider  hohen  Frauen  ist  es  zu  danken,  daß  auch  in  den
späteren  Zeiten,  in  denen  die  eignen  Aufzeichnungen  des  Fürsten  sich
wesentlich  auf  Politik  beschränken,  das  persönliche  Leben  und  allgemeinere
Interessen  nicht  unberücksichtigt  bleiben.  Dies  gilt  besonders  von  den  Mitteilungen
  der  Frau  Prinzessin  zu  Salm-Horstmar  über  die  letzten  Monate
des  Lebens.
        <pb n="9" />
        Vorwort  des  Herausgebers  VII

Seiner  Königlichen  Hoheit  dem  Großherzog  von  Baden  sei  an  dieser
Stelle  der  Dank  ausgesprochen  für  die  gnädige  Erlaubnis  zum  Abdruck
  einiger  an  den  Fürsten  gerichteter  Briefe,  welche  insbesondere  die
Kämpfe  und  Schwierigkeiten  der  Uebergangszeit  von  1866  bis  1870  in
lehrreichster  Weise  beleuchten  und  zugleich  ein  schönes  Denkmal  des  rückhaltlosen
  Vertrauens  sind,  welches  den  Großherzog  mit  dem  bayrischen
Staatsmanne  verband.

Für  mannigfache  Förderung  der  Arbeit  durch  Auskunft  über  bayrische
Verhältnisse  ist  der  Herausgeber  seinem  Freunde  Freiherrn  Julius  von  Freyberg
  in  München  zu  warmem  Danke  verpflichtet.  Ebenso  Herrn  Professor
Friedrich  in  München,  welcher  die  Redaktion  der  auf  das  Vatikanische
Konzil  bezüglichen  Teile  des  Werks  durch  freundliche  Mitteilungen  und
literarische  Hinweise  gefördert  hat.

Straßburg,  im  Juli  1906.
Friedrich  Curtius.
        <pb n="10" />
        Inhalt  des  ersten  Bandes

 

 

Seite
Erstes  Buch:  Aus  der  Jugend  1819  bis

18199404  ..  .  .  ...
Zweites  Buch:  Die  Revolution  und  die
Reichsgesandtschaft  1848  bis  1850.
Drittes  Buch:  Aus  den  Jahren  1850
bis  11686
é.  Daris  und  Rußland
é.  Rom  1856555  ...
.  Aus  dem  Jahre  1899
.  In  Rußland  und  in  Wien  1860/61
Tätigkeit  in  der  Kammer  der  Reichsräte
  86  e  ...
6.  Reisen  nach  Baden,  Schlesien  und
Berlin,  Paris  und  Karlsruhe  und

zum  Frankfurter  Fürstentag  1861
——————5

7.  Schleswig-Holstten

8.  Das  Jahr  18686666
Viertes  Buch:  Das  bayrische  Ministerium
  1867  bis  139770  ..

———————

38

111
134
151

 

Illustrations-Beigaben:
Fürst  Chlodwig  Hohenlohe  im  Jahre  1846

Seite

Titelbild

Fürst  Chlodwig  Hohenlohe  zur  Zeit  des

bayerischen  Ministeriums  vor  209
        <pb n="11" />
        Erstes  Buch
Aus  der  Jugend

1819  bis  1847

 

 

 

1819  zu  Rotenburg  an  der  Fulda  geboren.

Sein  Vater,  Franz  Joseph,  war  am  26.  November  1787  in
Kupferzell  geboren.  Mit  sieben  Jahren  wurde  er  mit  seinem  Bruder  Albert
einem  Institut  der  Franziskaner  in  Parma  zur  Erziehung  übergeben,  von
dem  er  keine  freundlichen  Erinnerungen  mitnahm.  Nach  Vollendung  seiner
Erziehung  in  dem  Theresianum  zu  Wien  trat  er  in  ein  ungarisches  Husarenregiment
  ein.  1804  vertauschte  er  den  österreichischen  Dienst  mit  dem
preußischen  und  stand  ein  Jahr  lang  in  einem  Husarenregiment  zu  Ansbach,
welches  Prinz  Solms,  der  Gemahl  der  Schwester  der  Königin  Luise,
späteren  Königin  Friederike  von  Hannover,  kommandierte.  Nach  der
Mediatisierung  des  Hohenloheschen  Landes  verließ  er  den  Militärdienst.
Sein  älterer  Bruder  Karl,  der  Stifter  der  Linie  Hohenlohe-Waldenburg,
trat  ihm  im  Jahre  1807  mit  Zustimmung  der  Agnaten  die  Herrschaft
Schillingsfürst  ab.  Er  wurde  erblicher  Reichsrat  und  bayrischer  Major.
Sehr  gegen  seine  Neigung  und  nur  aus  Liebe  zu  seiner  Mutter  hatte  er
der  militärischen  Tätigkeit  entsagt.  Die  Verwaltung  der  wenig  einträglichen
  und  mit  einer  schweren  Schuldenlast  behofteten  Herrschaft  Schillingsfürst
  war  eine  undankbare  Lebensaufgabe.  Seit  dem  frühen  Jünglingsalter
  liebte  er  die  Prinzessin  Konstanze  zu  Hohenlohe-Langenburg.  Sieben
Jahre  lang  hinderten  die  äußeren  Verhältnisse  die  ersehnte  Verbindung,
bis  die  beiden  Schwäger,  der  Landgraf  Viktor  Amadeus  von  Hessen-Rotenburg,
  welcher  in  zweiter  Ehe  mit  der  Prinzessin  Elise  von  Hohenlohe-Langenburg,
  der  Schwester  der  Prinzessin  Konstanze,  vermählt  war,
und  Graf  Moriz  Fries,  der  Gemahl  der  Schwester  des  Fürsten,  Prinzessin
Therese,  durch  die  Aussetzung  eines  Jahresgehalts  die  pekuniären  Schwierigkeiten
  beseitigten.  Am  30.  März  1815  wurde  die  Ehe  geschlossen,  welche
den  Fürsten  durch  ein  reiches  Familienglück  für  den  Verzicht  auf  militärische
Erfolge  entschädigen  sollte.  Das  junge  Paar  lebte  zuerst  auf  dem  Gute
des  Grafen  Fries  in  Vöslau  bei  Wien,  dann  abwechselnd  in  Schillingsfürst
  und  Rotenburg.  Der  Landgraf  nämlich,  welcher  kinderlos  war,
hatte  die  Söhne  seines  Schwagers  zu  Erben  seines  Allodialbesitzes  ausersehen
  und  wünschte  an  deren  Erziehung  teilzunehmen  und  sich  ihrer

hoffnungsvollen  Entwicklung  zu  erfreuen.  Die  Hin=  und  Herreisen  zwischen
Fürst  Hohenlohe,  Denkwurdigkeiten.  1  1

E  Chlodwig  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst  wurde  am  31.  März
        <pb n="12" />
        2  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Schillingsfürst  und  Rotenburg  nahmen  in  den  Jugenderinnerungen  des
Fürsten  Chlodwig  die  erste  Stelle  ein.

Ueber  den  Charakter  des  Fürsten  Franz  schreibt  seine  älteste  Tochter,
die  verewigte  Fürstin  Therese  von  Hohenlohe-Waldenburg:  „Das  Verlassen
der  militärischen  Karriere  trübte  sein  ganzes  Leben.  Er  hatte  überhaupt
einen  melancholischen  Zug,  dabei  war  er  aber  sehr  witzig  und  konnte  sehr
heiter  sein.  Er  war  unendlich  gütig,  leutselig  und  liebenswürdig,  und
jedermann  hatte  ihn  gern.  Für  Geschichte  und  Politik  interessierte  er  sich
lebhaft  und  sagte  stets,  er  habe  einen  prophetischen  Geist:  es  ist  wahr,
er  hat  manches  vorausgesehen.  Nur  ungern  entschloß  er  sich,  sein  ihm
liebes,  stilles  Daheim  in  Schillingsfürst  zu  verlassen  und  fast  alljährlich
mit  der  großen  Familie  nach  Hessen  zu  ziehen,  aber  er  brachte,  den  Brüdern
zuliebe,  dem  guten  Onkel  Viktor  dieses  Opfer.  Auch  den  Aufenthalt  in
Corvey##)  liebte  er  nicht  sehr  und  sehnte  sich  stets  nach  Süddeutschland
zurück.“  Zur  Ergänzung  dieser  Charakteristik  seien  noch  die  Worte  einer
langjährigen  Hausgenossin,  der  Erzieherin  der  Fürstin  Therese,  Frau
Schneemann  geb.  Freiin  von  Etzdorff,  angeführt.  „Der  Stern  und  die  Leuchte
seines  Lebens,“  schreibt  sie  über  den  Fürsten  Franz,  „war  die  Liebe  zu
seiner  Gattin.  Deren  hoher  Geist,  ihre  Charakterstärke  und  ihre  treue  Liebe
haben  das  höchste  Verdienst.  „Meine  Frau  trägt  ihren  Namen  (Konstanze)
mit  Recht,  sagte  er  einst,  da  er  ihre  liebevolle  und  geduldige  Pflege  in
einer  längeren  Krankheit  lobte.  Er  hatte  nicht  viel  studiert,  aber  instinktiv
hatte  er  über  viele  Dinge  ein  besseres  Urteil  als  mancher  Gelehrte.  Geschichte
war  ihm  ein  liebes  Studium  und  erhielt  sein  Urteil  klar  und  unparteiisch.
Er  hatte  keine  Standesvorurteile,  ehrte  die  Arbeit  und  die  braven,  rechtschaffenen
  Menschen  in  jedem  Lebensverhältnis.  Die  Josephinische  Luft,
welche  damals  die  höheren  Schichten,  auch  in  Oesterreich,  für  eine  Zeit
wenigstens  gereinigt  hatte,  hatte  wohltätig  auf  ihn  gewirkt.  In  guten
Stunden  war  sein  geistreicher  Witz  entzückend.  Und  nun  sein  Leben  in
der  Familie!  Dem  Vaterlande  konnte  er  in  jener  Zeit  nichts  sein,  so  ließ
er  im  Hauche  seiner  Vaterliebe  seine  Kinder  um  sich  herum  erblühen.
Viele  Abende  verlebte  er  in  ihrem  Kreise,  und  alle  umfaßten  ihn  mit  dem
gleichen  schrankenlosen  Vertrauen.  Die  Fürstin  war  Aristokratin,  aber  ihr
unerbittlicher  Verstand  ersparte  ihr  die  Verirrungen,  die  andre  sich  zuschulden
  kommen  lassen.  Dazu  kam  die  schöne  Humanität  und  beider  so
aufgeklärte  religiöse  Ansichten,  die  allen  ihren  Handlungen  den  Stempel
aufdrückten.  Im  wahren  Sinne  des  Wortes  waren  beide  edle  Fürsten
und  waren  es,  weil  sie  edle  Menschen  waren."“

Während  die  Söhne  katholisch  erzogen  wurden,  folgten  die  Töchter

1)  Siehe  Seite  4.
        <pb n="13" />
        Aus  der  Ingend  (1819  bis  1847)  3

der  Konfession  der  protestantischen  Mutter.  Religiöse  Duldung  war  also
die  Grundlage  und  die  Voraussetzung  eines  glücklichen  Familienlebens,  und
die  Tendenz,  welche  das  politische  Wirken  des  Fürsten  Chlodwig  beherrscht
hat,  war  ein  natürliches  Ergebnis  seiner  Kindesliebe  und  seines  innigen
Verhältnisses  zu  den  protestantischen  Schwestern.

Den  ersten  Unterricht  empfing  der  Knabe  zusammen  mit  seinem  am
10.  Februar  1818  geborenen  Bruder  Viktor,  dem  späteren  Herzog  von
Ratibor.  Den  ersten  Bericht  über  das  Leben  und  Lernen  der  Kinder  gibt
der  folgende  Brief  der  Mutter  an  eine  Freundin:

Rotenburg,  13.  Februar  1826.

..  Chlodwig  ist  sehr  witzig  in  seinen  Lehrstunden  und  macht
tausend  Possen,  die  den  Hofmeister  ins  Lachen  bringen.  Beide  Buben
lernen  jetzt  auch  Klavier.  Pater  Ildephons  gibt  ihnen  die  Religionsstunden
so  außerordentlich  gut  und  fängt  es  so  gemütlich  an,  daß  ich  mich  nicht
genug  darüber  freuen  kann...  Nachmittags  war  große  Kindergesellschaft,
wo  denn  eifrig  Sprichwörter  gespielt  wurden,  was  überhaupt  alle  Sonntage
geschieht.  Unter  anderm  führten  sie  neulich  auf  „die  Wurst  nach  der  Speckseite
  werfen",  da  war  Chlodwig  die  Speckseite  und  Philipp  Ernst!#)  die
Wurst,  welche  durch  Otto  Quessel  mit  solcher  Gewalt  gegen  den  Chlodwig
geworfen  wurde,  daß  die  unglückliche  Wurst  auf  dem  Boden  liegend  in
ein  gräßliches  Geschrei  ausbrach.  Chlodwig  sollte  neulich  in  der  Geographie
sagen,  wie  man  diejenigen  Personen  nenne,  welche  die  Aussicht  hätten,
daß  die  Untertanen  ihre  Gesetze  hielten.  Da  sagte  er:  „die  Obertanen.“
Gestern  war  hier  Theater,  nämlich  eine  Art  Panorama,  wo  die  Schlacht
bei  Leipzig  vorgestellt  wurde.  Da  deutete  der  Mann  auf  Figuren,  welche
die  alliierten  Mächte  vorstellten,  worauf  Chlodwig  sagte:  sich  sehe  ja  keine
Mägde.“  Neulich  sollte  er  sagen,  wie  viel  die  Hälfte  von  10  sei,  da  sagte
er  0,  weil  man  einen  Strich  durch  die  1/0  machen  könne.

Von  dem  Winteraufenthalt  in  Rotenburg  1830  bis  1831  berichtet
das  Koblenzer  Tagebuch:  2)  „zerrüttete  Gesundheit  des  Körpers  und  Geistes.
Schreckbilder.“

Von  1832  bis  1833  besuchten  die  drei  Prinzen  Viktor,  Chlodwig  und
Philipp  Ernst  das  Gymnasium  zu  Ansbach.  Im  Sommer  1833  machte
Chlodwig  das  Scharlachfieber  durch,  und  auch  für  den  Herbst  1833  ist  in
dem  Tagebuch  wieder  „Krankheit“"  notiert.

Im  Oktober  1833  wurden  Viktor  und  Chlodwig  in  die  Tertia  des
Gymnasiums  zu  Erfurt  ausgenommen.  „Freudloses  und  freundloses  Leben,“

 

1)  Der  dritte  der  Brüder,  geboren  am  21.  Mai  1820.
2)  Siehe  die  Vorrede.
        <pb n="14" />
        4  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

so  charakterisiert  das  Tagebuch  die  Erfurter  Anfänge.  1834  rückte  der
Prinz  nach  Sekunda  auf.  Im  Herbst  dieses  Jahres  heißt  es:  „Ankunft
der  ganzen  Familie  auf  dem  Neuerbe.  Allgemeine  Krankheit.“  Am  12.  November
  1834  war  nämlich  der  Landgraf  Viktor  Amadeus  gestorben  und
hatte  seinen  Allodialbesitz,  das  Herzogtum  Ratibor  in  Schlesien,  das  Fürstentum
  Corvey  in  Westfalen  und  die  Herrschaft  Treffurt  im  Regierungsbezirk
Erfurt  seinen  Neffen,  den  Prinzen  Viktor  und  Chlodwig,  hinterlassen.
Corvey  wurde  seit  dieser  Zeit  der  regelmäßige  Aufenthalt  der  Familie.

Aus  dem  Sommer  1835  stammt  der  erste  uns  erhaltene  Brief  des
Prinzen.  Er  ist  auf  einer  Fußreise  durch  den  Harz  geschrieben  und  vom
Brockenhaus,  12.  Juni  1835,  datiert.  Der  Brief  schildert  den  Weg  durch
das  „romantisch  fürchterlich  schöne  Bodetal“  und  berichtet  mit  Genugtuung
  von  den  Ergebnissen  botanischer  Bemühungen.  Auf  dem  Brocken
hat  er  „Trientalis  Europaea“  und  „Brockenmyrthe“  gefunden.

Die  Sommerferien  verlebte  die  Familie  wieder  in  Corvey,  von  wo
mit  dem  Bückeburger  Hofe  Verkehr  gepflegt  wurde.  Ueber  das  gesellige
Leben  während  der  Schulzeit  berichtet  der  folgende  Brief  an  die  Schwester
Amalie,  1)  die,  anderthalb  Jahre  jünger  als  der  Prinz,  als  dieser  zum
Jünglinge  heranreifte,  immer  mehr  seine  vertraute  Freundin  wurde.

Erfurt,  3.  März  1836.

..  Gestern  Abend  waren  wir  beim  Kreisphysiko,  wo  wir  uns  sehr
gut  unterhalten  haben,  obgleich  die  Gesellschaft  nicht  sehr  zahlreich  war.
Zuerst  wurden  Charaden  aufgeführt  und  dann  nach  dem  Kloavier  getanzt,
das  Herr  Golde  spielte.  Heute  abend  werden  wir  auf  einige  Stunden
auf  den  Kasinoball  gehen,  da  wir  hin  müssen,  weil  es  schon  der  zweite
ist,  zu  dem  wir  geladen  sind  und  wir  den  ersten  nicht  besuchten

Ketschau  hat  uns  gestern  ein  sehr  schönes,  selbstkomponiertes  Lied
für  Baßstimme  mitgebracht,  wir  studieren  es  jetzt  ein,  und  es  wird  Euch
gewiß  sehr  gefallen.  Gustels?)  neues  Klavier  ist  vortrefflich  und  hat,  wie
Ketschau  sagt,  einen  besseren  Ton  als  das  in  Corvey;  Gustel  spielt  auch
sehr  eifrig  darauf.

Noch  vergaß  ich  Dir  zu  schreiben,  daß  wir  neulich  in  Weimar  uns
sehr  gut  unterhalten  haben.  Es  wurde  eine  neue  Oper  von  Auber  gegeben,
  „Die  Ballnacht,  mit  ungeheuerm  Pomp.  Von  der  Musik  weiß  ich
nichts  mehr,  denn  der  Großherzog,  :)  neben  dem  ich  saß,  sprach  fast  immer
mit  mir.  Die  Herrschaften  in  Weimar  sind  doch  unmäßig  artig.  Auf

 

1)  Geboren  am  31.  August  1821.

2)  Der  spätere  Kardinal,  geboren  am  26.  Februar  1823,  welcher  wie  Prinz
Pbilipp  Ernst  ebenfalls  das  Gymnasium  zu  Erfurt  besuchte.

3)  Karl  Friedrich  (1828  bis  1853).
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  5

nächsten  Sonntag  haben  sie  uns  zum  Konzert  eingeladen,  natürlich  gehen
wir  nicht  hin.  Auch  von  einem  Hofball  sprach  der  Großherzog.

Mündlich  haben  wir  uns  viel  zu  erzählen,  und  ich  sehe  auch  mit  Freuden
den  Osterferien  entgegen.  Indem  ich  alles  grüßen,  küssen  und  empfehlen
lasse,  bin  ich  Dein  Dich  herzlich  liebender  und  sich  freuender  Chlodwig.

Im  Herbst  1836  notiert  das  Tagebuch:  „Schrecken  vor  dem  Abiturienteneramen.
  Einsame  Spazierritte.“

Auf  das  Gesuch  des  Fürsten  Franz  Joseph  genehmigte  der  Minister
Altenstein  durch  Erlaß  vom  28.  April  1837,  daß  die  Prinzen  Viktor  und
Chlodwig  ausnahmsweise  schon  nach  einem  Besuch  der  Prima  von  etwas
mehr  als  einem  Jahre  zur  Abiturientenprüfung  zugelassen  wurden.  Ueber
den  glücklichen  Ausgang  der  Prüfung  berichtet  der  folgende  Brief  an  die

Schwester:
Erfurt,  1.  Juni  1837.

Heute  der  letzte  Brief  aus  Erfurt,  vielleicht  sind  wir  früher  da  als
er.  Heute  Morgen  ist  nämlich  das  Examen  abgemacht  worden.  Denke
dir,  von  8  bis  1  Uhr  mußten  wir  herhalten,  um  auf  den  Zahn  gefühlt
zu  werden.  Wir  sind,  wie  natürlich,  nicht  unzufrieden  mit  der  Beendigung
dieser  Geschichte,  teils  weil  gewiß  jeder  gern  ein  Examen  im  Rücken  hat,
teils  weil  die  Abreise  uns  mit  Freude  erfüllt.  Wir  haben  das  Zeugnis
noch  nicht.  Der  Landrat  Türk  (Prüfungskommissar)  erklärte  uns  aber  am
Schlusse  dieses  Aktes  für  vollkommen  reif.  Frei  sind  wir  jetzt  auch  von
Sorgen,  daher  auch  mehr  in  Corvey  bei  Euch  als  hier.  Es  wird  sehr
fleißig  eingepackt  und,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  „rumort“.  Visiten  werden
wir  morgen  machen,  ein  Schock  ungefähr.  Es  hat  doch  immer  etwas
Wehmütiges,  von  Menschen  sich  zu  trennen,  mit  welchen  man  drei  Jahre
zusammen  gelebt  hat.  Doch  die  Hoffnung  besiegt  das  Unangenehme  der
Gegenwart,  die  Hoffnung  des  Wiedersehens  alles

Am  3.  Juni  fand  die  feierliche  Entlassung  der  Prinzen  statt.  In
seiner  Abschiedsrede  sagte  der  Direktor  Straß:  „Es  ist  der  Triumph  des
Jahrhunderts  und  der  Wissenschaften,  daß  deutsche  Fürstensöhne,  weit
entfernt,  nur  die  Verdienste  großer  Ahnen  statt  eignen  Werts  für  sich
geltend  machen  zu  wollen,  durch  rastloses  Streben  nach  eignem  wahren
Wert  sich  ihrer  Ahnen  würdig  zeigen  und  dem  Neid  und  der  Scheelsucht
jeden  Vorwand  rauben,  ihnen  die  Anerkennung  zu  versagen,  die  sie  mit
verstärktem  Rechte  fordern  können.  Indem  sie  mit  jedem  in  die  Schranken
treten,  der  nur  durch  sich  selbst,  durch  das,  was  er  selbst  ist,  Beachtung
gewinnen  kann,  beschämen  sie  nicht  nur  die  geldstolze  Trägheit,  die  vornehm
  sich  spreizende  Leerheit,  die  anmaßende  Unwissenheit,  die  sich  vordrängende
  Roheit,  die  ränkevolle,  schleichende  Heuchelei,  sondern  erwerben
selbst  einen  höheren  Rang  unter  den  ihnen  Ebenbürtigen.“
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        6  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Das  Zeugnis  der  Reife  des  Prinzen  Chlodwig  rühmt  sein  sittliches
Verhalten,  seine  Anlagen  und  seinen  Fleiß:  „Stets  durch  sittlichen  Ernst
und  Anstand  ausgezeichnet  und  mit  echtem  Ehrgefühl  bemüht,  in  jeder
Beziehung  tadelfrei  zu  sein  und  durch  inneren  Wert  zu  gelten,  behauptete
sich  derselbe  unausgesetzt  in  der  aufrichtigen  Achtung  seiner  bisherigen
Kommilitonen  und  in  der  herzlichen  Zuneigung  sämtlicher  Lehrer.  Die
guten  Anlagen  des  Prinzen,  früh  geweckt  und  entwickelt,  fanden  in  den
Wissenschaften  eine  anziehende  Beschäftigung.  Aufmerksamkeit  und  rege
Teilnahme  an  allen  Gegenständen  des  Unterrichts  war  stets  sichtbar  und
wurde  durch  anhaltenden  Fleiß  in  den  Aufgaben  und  durch  vielfache  Privatarbeiten
  bewiesen.“"  Bei  Beurteilung  der  Leistungen  des  Prinzen  in  den
einzelnen  Fächern  wird  besonders  im  Deutschen  seine  „Gewandtheit,  die
Aufgaben  zu  durchdringen  und  logisch  zu  ordnen“,  gerühmt.  „Er  schreibt,“
heißt  es  weiter,  „korrekt  und  fließend  und  entwickelt  in  poetischen  Versuchen
viel  Lebhaftigkeit  und  Phantasie."“

Am  23.  Juni  wurde  der  Prinz  in  Göttingen  immatrikuliert  und  hörte
noch  in  diesem  Sommer  Institutionen  bei  Mühlenbruch.  Im  September
wurde  von  Corvey  aus  eine  Reise  über  Driburg  nach  Paderborn,  Iserlohn,
  Barmen  und  Elberfeld,  Köln,  Bonn  und  Neuwied  ausgeführt.  Das
noch  vorhandene  Tagebuch  dieser  Reise  enthält  heitere  und  lebendige
Schilderungen  und  zeugt  von  der  regen  Wißbegierde  des  jungen  Reisenden.
Im  Winter  1837/38  hörte  der  Prinz  Pandekten  bei  Mühlenbruch  „ohne
Verstand“,  wie  das  Tagebuch  berichtet,  außerdem  Logik  und  Einleitung
in  die  Philosophie  bei  Herbart.

Von  den  Osterferien  in  Corvey  meldet  das  Tagebuch  nur:  „Sentimental.
  Schöner  April.  Lektüre  des  Werther.“

Das  Sommersemester  1838  studierte  der  Prinz  in  Bonn.  Das  Tagebuch
  nennt  die  Standesgenossen  unter  den  Kommilitonen:  den  Erbgroßherzog
  von  Mecklenburg-Strelitz,  die  Prinzen  von  Schaumburg-Lippe,  von
Löwenstein,  den  späteren  Herzog  Ernst  II.  von  Sachsen  und  dessen  Bruder,
den  Prinzen  Albert,  späteren  Gemahl  der  Königin  Viktoria.

Ueber  das  gesellige  Leben  in  Bonn  berichtet  ein  Brief  an  die  Prinzessin
Amalie:

Bonn,  20.  Juli  1838.

..  Unfre  hiesige  Lebensweise  ist  in  Studien  und  Vergnügungen
genau  geteilt.  Einen  Brief  hatte  ich  an  dich  zu  schreiben  begonnen,  dessen
Ende  der  bückeburgische  Besuch  verhinderte.  Wir  wurden  nach  Godesberg
eingeladen,  wo  unser  ein  splendides  Diner  harrte.  Der  Fürst  war  sehr
freundlich,  die  Fürstin  auch,  jedoch  schien  sie  mir  noch  mehr  zu  spähen
denn  ehemals;  sei  dies  nun,  weil  sie  uns  nicht  recht  traute,  oder  um  zu
untersuchen,  welche  von  den  acht  Prinzen  gute  Ehemänner  für  ihre  Töchter
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  7

sein  könnten.  Ich  konnte  nicht  das  Glück  haben,  lange  mit  ihr  zu  sprechen,
da  ich  nicht  oft  neben  sie  zu  sitzen  kam.  Den  Abend  ward  auf  die  Ruine
Godesberg  gestiegen,  wo  ein  alter  Graf  Beust  den  Grafen  Erbach  zur
allgemeinen  Belustigung  eine  Weinbergsmauer  hinunterredete.  Beide  waren
nämlich  so  tief  im  Gespräch  versunken,  daß  sie  nicht  merkten,  wie  sie  sich
dem  Abgrund  näherten,  bis  Erbach  unten  lag,  natürlich  ohne  sich  zu
beschädigen.  Den  folgenden  Tag  war  ein  Diner  von  Professoren  bei  dem
Fürsten,  dem  wir  nicht  beiwohnten.  Nachmittags  machten  wir  mit  der
fürstlichen  Familie  eine  Partie  auf  die  Rosenburg,  den  Kreuzberg  und
tranken  in  Godesberg  Tee.  Wo  man  sich  denn  allerseits  empfahl.  Die
Prinzessin  Mathilde  1)  sieht  sehr  wohl  aus.

Am  Montag  kommt  der  Herzog  von  Koburg,  2)  von  England  zurückkehrend,
  hierher  ...  Du  siehst,  es  geht  hier  ziemlich  bunt  zu.  Wir  sammeln
für  die  Zukunft  Samen,  der  nützliche  Früchte  bringen  wird.

Unsre  Schwimmübungen  von  1  bis  3  Uhr  jeden  Tag  sind  höchst
angenehm.  Die  Gesellschaft  —  der  Erbprinz,  der  Prinz  von  Koburg,
Prinz  von  Löwenstein,  Erbach  und  wir  —  ist  immer  sehr  vergnügt  und
laut.  Einen  Kahn  haben  wir  uns  zurechtmachen  lassen,  auf  dem  sämtliche
Fahnen  wehen,  in  welchem  wir  uns  selbst  rudern.

Mit  Beginn  der  Ferien  1838  trat  der  Prinz  mit  seinen  Brüdern
Viktor  und  Philipp  Ernst  eine  Schweizer  Reise  an.  Die  Reisenden  fuhren
den  Rhein  hinauf  nach  Mannheim  und  Leopoldshafen.  Dort  wurde  das
Dampfschiff  verlassen.  Die  Reise  ging  nun  über  Karlsruhe,  Baden,  Freiburg,
  durch  das  Höllental  nach  Schaffhausen,  Zürich,  Zug,  über  den  Rigi
nach  Luzern,  Langnau,  Bern,  schließlich  über  Lausanne  nach  Genf,  wo  im
Hotel  des  Bergues  abgestiegen  wurde.  Nach  einem  Ausfluge  nach  Chamonix
ließ  man  sich  zum  Zwecke  französischer  Studien  in  Plongeon  bei  Genf
nieder.  Der  Aufenthalt  scheint  nicht  ausschließlich  für  Bildungszwecke
benutzt  worden  zu  sein,  denn  das  Tagebuch  meldet:  „Torheiten,  schöne
Abende,  Erinnerungen!  Philipp  Ernst  und  ich  im  Kastanienschatten  sorgenvoll.
  Miß  Jones.“

Im  November  verlegten  die  Prinzen  ihren  Aufenthalt  nach  Lausanne,
wo  zuerst,  vermutlich  mit  Bezug  auf  die  anmutigen  Erlebnisse  in  Plongeon,
„traurige  Tage“  notiert  werden.  Ein  Brief  an  die  Schwester  vom
18.  Dezember  ist  in  französischer  Sprache  geschrieben  und  bekundet  den
Fleiß  und  das  eifrige  Bildungsstreben  des  Prinzen.  Von  der  waadtländischen
  Aristokratie,  welche  die  deutschen  Prinzen  mit  Zuvorkommenheit
aufnahm,  werden  M.  de  Blonay,  Mesdemoiselles  de  Seigneur  und  Madame

 

1)  Spätere  Herzogin  von  Württemberg  (1818  bis  1891).
2)  Ernst  I.  (1784  bis  1844).
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        8  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

de  Gingins  genannt,  ferner  der  Baron  de  Chavette,  dessen  Gattin  eine
Tochter  des  Duc  de  Berry  war.  Vorlesungen  in  der  Akademie  werden
gehört  und  die  Sitzungen  der  waadtländischen  Volksvertretung  fleißig
besucht.  Um  12  Uhr  pflegt  der  Prinz  „allein  spazieren  zu  gehen  und
seinen  Gedanken  Audienz  zu  geben,  die  teils  in  Erinnerungen,  teils  in
Plänen,  teils  auch  in  soi-disant  philosophischen,  wenn  nicht  misanthropischen
oder  philanthropischen  Reflexionen  bestehen“.  Sieben  junge  Leute  in  der
Pension,  außer  den  drei  Prinzen  zwei  Kantakuzenes,  ein  Holländer  und
ein  Schweizer,  vereinigen  sich  zu  einer  Gesellschaft,  die  einen  Präsidenten,
einen  Vizepräsidenten  und  einen  Sekretär  hat  und  in  französischer  Sprache
über  politische  Gegenstände  disputiert.  „Wir  streiten  gewöhnlich,“  heißt
es  in  einem  Briefe  an  die  Prinzessin  Amalie  vom  15.  Januar  1839,  „über
Politik.  Da  wird  denn  der  Streit  zuweilen  so  stark,  daß  alle  blaß,  grün
und  rot  werden.  Wir  verteidigen  unfre  Sache,  sie  als  Liberale  die  ihrige.
Nachher  ist  aber  alles  beim  alten.  Jeder  bleibt  bei  seiner  Meinung.  Wir
sind  jetzt  sehr  oft  im  Grand  Conseil  du  Canton  de  Vaud  gewesen,  der
legislativen  Versammlung.  Da  kommt  oft  grauenhaftes  Zeug  zutage,
sowohl  in  politischer  als  in  logischer  Hinsicht.  Denn  das  hiesige  Bauernvolk
  hat  einen  gewissen  gebildeten  Anstrich,  der  aber  schlimmer  ist  als
keine  Bildung.  Ihre  Kultur  ist  nur  Farbe.  Dann  brüsten  sich  aber  diese
Kerle  mit  ihrer  Weisheit,  rühmen  ihre  schöne  Republik  u.  s.  w.  Ich  bin
nie  mehr  Monarchist  und  Aristokrat  gewesen  als  hier  in  dieser  Republik.
Ich  hasse  jetzt  mehr  als  jemals  die  Radikalen,  da  ich  mehr  als  je  hinter
die  Kulissen  gesehen  und  ihre  eigentlichen  egoistischen  Pläne  erkannt  habe.
Uebrigens  muß  man  auch  vielen  von  den  Leuten  Gerechtigkeit  widerfahren
lassen,  wie  z.  B.  dem  Professor  Monnard,  dessen  Namen  Du  vielleicht  in
der  Zeitung  gelesen  hast.  Er  ist  zwar  als  Radikaler  verschrien,  aber  nur
ein  ganz  einfacher  Republikaner,  und  das  muß  er  auch  in  einer  Republik
sein.  Er  ist  ein  sehr  edler,  mutiger  Mann  und  der  beste  Redner  im  Grand
Conseil.  Es  ist  sehr  interessant  für  uns,  diese  für  uns  neue  Verfassung
genau  kennen  zu  lernen.

Du  kannst  Dir  nicht  denken,  wie  angenehm  es  ist,  in  der  Gesellschaft
Französisch  zu  sprechen.  Jetzt,  da  ich  etwas  Geläufigkeit  habe,  finde  ich
immer  mehr,  daß  die  französische  Sprache  dazu  geschaffen  ist.  Man  kann
den  ganzen  Abend  sprechen  und  hat  dann  doch  nichts  gesagt.  Mehrere
Franzosen  sind  indessen  hier,  von  denen  man  bisweilen  interessante  Dinge
erzählen  hört,  wie  z.  B.  der  bekannte  Karlist  Chavette,  ein  höchst  liebenswürdiger
  Mann.“

Vom  5.  März  bis  29.  April  machten  die  Prinzen  eine  Reise  nach
Italien,  die  sie  bis  Neapel  führte.  In  Rom  trafen  sie  mit  dem  Prinzen
Albert  von  Koburg  zusammen.
        <pb n="19" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  9

Im  Mai  1839  wurde  die  Universität  Heidelberg  bezogen.  Unter  den
Kommilitonen  nennt  das  Tagebuch  den  Fürsten  Karl  Egon  von  Fürstenberg
  (geboren  4.  März  1820),  den  Grafen  Erbach-Erbach  (geboren  27.  November
  1818),  ferner  die  Badenser  Marschall,  Dusch  und  Sternberg.  Die
Briefe  an  die  Schwester  bezeugen  den  großen  Fleiß  des  Prinzen.  Jeden
Morgen  von  5  bis  10  Uhr  wird  gearbeitet,  dann  beginnen  die  Vorlesungen,
  1!)  und  erst  die  Abendstunden  sind  der  Erholung  gewidmet.

Heidelberg,  30.  Juni  1839.

..  Die  Auditorien  boten  bei  der  Hitze  ein  herrliches  Schauspiel  dar,
alle  Studenten  zogen  ihre  Röcke  aus,  was  hier  Mode  ist.  Mir  war  das
sehr  fatal,  da  alle  diese  sonst  weiß  gewesenen  Hemdärmel  die  frühere
Weißheit  nur  erraten  ließen,  auch  übrige  Folgen  daraus  sich  einstellten.

Jetzt  wird  hier  tüchtig  studiert,  Partien  werden  wenig  gemacht,  mit
Ausnahme  einiger  abendlicher  Spazierritte  mit  Fürstenberg  und  Erbach,
oder  einiger  Spaziergänge,  die  ich  mit  Sternberg  und  einem  Herrn  Uhde
aus  Dresden  mache.  Dieser  letztere,  ein  Freund  von  Sternberg,  ist  sehr
gescheit  und  angenehm.  Diese  Spaziergänge  ziehe  ich  allen  Partien  vor.
Besonders  großen,  zahlreichen  Spazierritten,  für  welche  Erbach  eine  große
Rage  hat,  wobei  er  dann  gewöhnlich  zu  fünfen  in  einer  Reihe  durch  die
Straße  reiten  will.

An  die  Mutter.
Heidelberg,  5.  August  1839.

..  Prinz  Wilhelm  von  Preußen  (Sohn  Seiner  Majestät),  welcher
den  Nachmittag  in  Heidelberg  erwartet  wurde,  kam  erst  um  11  Uhr  des
Abends.  Wir  konnten  also  nicht  daran  denken,  ihm  dann  noch  Visite  zu
machen.  Heut  erfuhren  wir,  daß  er  noch  bis  ½12  Uhr  bliebe.  Wir
machten  also  (Viktor  und  ich)  unfre  Visite  heute  ab.  Wir  wurden  sehr
freundlich  empfangen.  Er  erkundigte  sich,  wie  lange  unfre  Studien  noch
dauern  würden  2..  Es  freute  ihn  wahrscheinlich  auch,  daß  wir  uns
nach  seinem  Befinden  erkundigten,  welches  wirklich  sehr  schlecht  gewesen
sein  soll.  Zum  Abschied  wünschte  er  uns,  indem  er  uns  die  Hand  drückte,
wir  möchten  noch  recht  gut  studieren,  damit  wir  desto  besser  praktisch
wirken  könnten.  Ein  Wunsch,  welcher  mich  persönlich  sehr  rassüriert  über

 

1)  Der  Prinz  hörte  im  Sommer  1839  Lehnrecht,  allgemeines  europäisches
Völkerrecht  und  allgemeines  und  deutsches  Staatsrecht  bei  Zachariä,  Kriminalrecht
bei  Zöpfl,  Psychologie  und  Goethes  Faust  bei  Reichlin-Meldegg,  im  Winter  1839  bis
1840  deutsches  Staatsrecht  bei  Morstadt,  katholisches  und  protestantisches  Kirchenrecht
  bei  Zachariä,  deutsche  Staats=  und  Rechtsgeschichte  bei  Zöpfl  und  bei  Reichlin-Meldegg
  über  die  philosophischen  Systeme  Kants,  Fichtes,  Schellings  und  Hegels.
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        10  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

meine  künftigen  Zivilpläne,  da  er  doch  voraussetzen  muß,  man  tritt  in
den  Zivildienst,  wenn  er  einen  guten  Fortgang  der  juristischen  Studien
(diese  hatte  ich  vorher  angeführt)  wünscht.  Auch  scheint  es  folglich  gar
nicht  aufzufallen,  daß  wir  so  lange  nicht  in  Berlin  gewesen  sind.  Man
setzt  voraus,  daß  wir  erst  etwas  lernen,  ehe  wir  uns  präsentieren.  Freilich
sind  das  alles  Fiktionen,  aber  es  läßt  sich  doch  so  manches  aus  der  Art
und  Weise  der  Unterhaltung  schließen.

Nachdem  die  Ferien  in  Corvey  im  Familienkreise  fröhlich  verlebt
waren,  1)  wurden  die  Studien  in  Heidelberg  wieder  aufgenommen  und  auch
in  der  Weihnachtszeit  nicht  unterbrochen.  „Stille  Weihnachten“  meldet
das  Tagebuch.  Am  ersten  Weihnachtstage  schreibt  der  Prinz  seiner  Schwester:

„Ich  lese  jetzt  Müllers  Briefe  an  Bonstetten.  Es  ist  nichts,  was
einen  gewöhnlichen  Menschen  so  erhebt,  als  zu  sehen,  wie  große  Männer,
leuchtende  Phänomene  der  Geisterwelt,  durch  ihre  eignen  Anstrengungen,
freilich  begünstigt  durch  Genie,  zu  einer  Höhe  gelangt  sind,  an  der  wir
andern  armen  Erdenbürger  hinaufschauen.  Ich  habe  den  Thomas  a  Kempis
lateinisch  bekommen.  Eine  ganz  andre  Sache.  Herrliche  Kraftsprache,  die
im  Deutschen  übersetzt  immer  etwas  undeutsch  wird.  Auch  kann  man  den
Sinn  nur  da  recht  erfassen.“

Heidelberg,  25.  Januar  1840.

Unser  Leben  ist  von  mancherlei  Kurzweil  verschiedener  Abendbelustigungen
  durchflochten,  die  weniges  zum  Studium  der  ernsten  Rechtswissenschaft,
  weniges  zum  Studium  der  Menschen,  deren  Studium  umsonst
ist,  gar  nichts  zum  Vergnügen  beitragen.  Doch  darf  ich  nicht  ungerecht
sein.  Vor  einigen  Tagen  habe  ich  mich  mit  Philipp  Ernst  sehr  gut  unterhalten
  bei  Graf  Rantzau,  der  einen  niedlichen  Lesezirkel  hat,  wo  Rollen
verteilt  sind  und  danach  Trauerspiele  gelesen  werden.  Den  Abend  wurde
der  „Kaufmann  von  Venedig“  gelesen.  Wir  beide  hatten  auch  Rollen.
Man  unterhielt  sich  allgemein  sehr  gut.

Wir  sind  in  einem  Entzücken  über  den  freundlichen  Brief,  den  uns
Prinz  Albert  auf  die  ihm  geschriebenen  Glückwünsche:)  hat  zukommen

 

1)  „Wie  schön  war  es,“  schreibt  die  überlebende  Schwester  des  Fürsten,  Prinzessin
  zu  Salm-Horstmar,  „wenn  die  Brüder  in  den  Ferien  von  der  Universität
nach  Hause  kamen  und  in  das  große  Schloß  in  Corvey  Leben  brachten.  In  dem
herrlich  großen  Zimmer  saß  meine  Schwester  Amalie  am  Klavier  und  begleitete
meinen  Bruder  Chlodwig,  der  einen  schönen  Bariton  hatte,  oder  sie  sangen  auch
Duette.  Als  kleines  Kind  sah  ich  bewundernd  zu  den  Geschwistern  auf.  Oder
meine  Schwester  spielte  auf  der  Harfe  und  sang  dazu.  Die  andern  Brüder  zeichneten
viel,  besonders  Philipp  Ernst,  dem  ein  so  kurzes  Leben  beschieden  war.“

2)  Zu  seiner  Verlobung  mit  der  Königin  Viktoria.
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  11

lassen.  Ein  wahrhaft  herzlicher,  freundschaftlicher  Brief.  Auf  einen  Ball,
der  nächstens  bei  dem  Großherzoge  1)  sein  wird  in  Mannheim,  freue  ich
mich.  Ich  habe  nun  einmal  die  Manie,  großstädtisches  Wesen  dem  kleinstädtischen
  vorzuziehen,  wenn  auch  beides  auf  dieselben  Resultate  hinausläuft.
  Die  Soireen,  die  der  Graf  Rantzau  bisweilen  veranstaltet,  haben
außer  dem,  daß  man  sich  daselbst  amüsiert,  noch  den  Vorteil,  daß  sie  an
die  Stelle  des  ekelhaften  Teeschlappertons  und  der  médisances  männlicher
und  weiblicher  Kaffeeschwestern  eine  vernünftige  Konversation  setzen  und
so  vor  dem  horreur  aller  horreurs,  den  Abgeschmacktheiten  einer  Teegesellschaft,
  wahren.  Freilich  il  faut  savoir  s'ennuyer  avec  gräce!  bien!
mais  je  n'’ai  pas  le  temps  de  m'ennuyer.  Auf  der  andern  Seite  muß
ich  freilich  zugestehen,  daß  man  sich  nicht  so  unbedingt  über  langweilige
Gesellschaft  erheben  soll.  Großenteils  sind  wir  selbst  schuld,  wenn  wir
uns  langweilen.  Es  gibt  in  jeder  Gesellschaft  ein  interessantes  Element,
welches  nur  aufgefunden  und  zutage  gefördert  werden  muß.  Wer  sich
langweilt,  messe  die  Schuld  sich  selbst  zu  und  packe  die  Sache  so  an,  daß
sie  ihn  nicht  langweile.  So  saß  ich  neulich  bei  einem  Souper  neben  einer
jungen  polnischen  Gräfin.  Sie  gilt  für  sehr  einsilbig  und  ist  es  auch
gewöhnlich.  Mein  guter  Genius  indessen  führte  mich  auf  einen  Konversationsbeginn,
  der  das  angenehme  Resultat  hatte,  den  wahrhaft
lebendigen  Geist  und  das  elegante  Französisch  meiner  sonst  so  einsilbigen
Dame  bewundern  zu  können.  So  ist  jeder  selbst  schuld,  wenn  er  sich
langweilt.  Bei  Leuten  freilich,  die  keinen  tiefen  Geist  und  keine  elegante
Sprache  aufzuweisen  haben,  muß  man  sich  begnügen,  deren  Charakter  zu
sondieren,  deren  Dummheit  zu  vergleichen  mit  der  unsrigen,  was  mich  oft
zu  angenehmen,  oft  zu  traurigen  Resultaten  führt,  man  muß  sich  begnügen,
Psycholog  zu  sein,  d.  h.  Geisteskräfte-Erforscher.  Denn  nur  bei  diesem
Prinzip  kann  man  versichert  sein,  seinen  eignen  Charakter  bei  Hallunken,
sein  bißchen  Verstand  bei  Schafen  und  seinen  fröhlichen  Sinn  bei  Totengräbern
  zu  bewahren.

In  einem  Briefe  vom  13.  Februar  1840  erzählt  der  Prinz  von
musikalischen  Genüssen  und  schließt  mit  dem  Satze:  „Ohne  Musik  ist  der
Mensch  nur  ein  Halbmensch."“

In  einem  Berichte  über  uninteressante  und  leere  Gesellschaften  heißt
es:  „So  ist  es  mir  schon  vorgekommen,  daß  ich  so  gleichgültig  neben  einer
Dame  stand,  daß  ich  mich  im  stillen  für  das  Repetitorium  des  nächsten
Tags  überhörte.“  Verletzend  ist  dem  Prinzen  die  Feindseligkeit  der  in
Heidelberg  einheimischen  Aufklärung  gegen  die  „Pietisten“.  „Die  größten
Philosophen,“  schreibt  er,  „sind  in  ihren  Forschungen  auf  die  Grund- 



1)  Großherzog  Leopold  von  Baden.
        <pb n="22" />
        12  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

wahrheiten  des  Christentums  zurückgekommen,  haben  die  Größe  von  dessen
Wahrheit  angestaunt  —  und  unbedeutende  Kreaturen,  die  noch  nicht  über
ihre  Stiefeln  philosophiert  haben,  wollen  sich  lossagen  vom  Glauben,  von
wahrer  Frömmigkeit.“

Anfangs  März  1840  verlebte  der  Prinz  den  Karneval  in  Mannheim.
Von  da  schreibt  er  am  2.  März:  „Gestern  war  hier  ein  wahrhaft  prachtvoller
  Maskenzug:  ein  Jagdzug  von  den  frühesten  Zeiten  deutscher  Geschichte
  an  bis  auf  die  neueste  Zeit.  Prächtige  Kleidung,  schöne  Pferde,
hundert  Hauptpersonen  und  viel  Train.  Es  waren  die  hiesigen  Herren,
Offiziere  und  andre,  die  das  mit  großer  historischer  Treue  und  vielem
Aufwand  aufführten.“

Nachdem  die  Osterferien  in  Corvey  verlebt  waren,  wurden  die  Studien
im  Frühling  1840  wieder  ausfgenommen.  1)  Die  Briefe  an  die  Schwester
rühmen  die  Lage  der  neuen  Wohnung  am  Neckar.

„Die  Kollegien  sind  noch  nicht  alle  angegangen,“  schreibt  der  Prinz
am  9.  Mai  1840,  „Mittermaier  und  Rau,  zwei  unfrer  besten  Professoren,
sind  noch  auf  dem  von  mir  schon  so  oft  und  auf  jede  Weise  verdammten
Landtage.  Ich  muß  mich  zusammennehmen,  Dir  nicht  noch  stärkere  Ausdrücke
  für  diese  Lumpenversammlung  zu  schreiben.  Nie  haben  mich  diese
dummen  Schwätzeranstalten  mehr  geärgert  als  jetzt,  wo  wir  selbst  darunter
leiden.  Wenn  ich  künftig  irgend  einmal  kann,  so  soll  dieser  Aerger  sich
noch  an  dergleichen  Instituten  Luft  machen.“

Im  September  desselben  Jahres  folgte  der  Prinz  einer  Einladung
des  Prinzen  Albert,  der  am  10.  Februar  der  Gemahl  der  Königin  Viktoria
geworden  war,  nach  Windsor.  Leider  sind  von  diesem  englischen  Aufenthalte,
  der  vom  20.  bis  24.  September  dauerte,  nur  die  Namen  von
Personen  und  Sehenswürdigkeiten  notiert.  Den  Rest  der  Herbstferien
verlebte  der  Prinz  in  Corvey.  Unterbrochen  wurde  dieser  Aufenthalt  durch
eine  Reise  zu  der  Huldigung  in  Berlin  am  15.  Oktober  und  in  Schlesien.
Darauf  folgten  „fröhliche  Hochzeitstage“  bei  der  Vermählung  der  ältesten,
am  19.  April  1816  geborenen  Schwester  Therese  mit  dem  Fürsten  Friedrich
Karl  zu  Hohenlohe-Waldenburg,  welche  am  26.  November  1840  zu  Langenburg
  gefeiert  wurde.  Bald  darauf  trat  die  schwere  Erkrankung  des  Fürsten
Franz  Joseph  ein,  welche  indessen  den  Prinzen  nicht  hinderte,  den  Abschluß
seiner  Studien  zu  betreiben.  Zur  Vorbereitung  auf  das  Examen  wurde  Bonn
gewählt.  „Hier  die  Wintermonate  still  und  traurig,“  sagt  das  Tagebuch.

 

1)  Der  Prinz  hörte  im  Sommersemester  1840  Geschichte  des  römischen  Privatrechts
  und  Prozesses  und  römisches  Erbrecht  bei  Deurer,  Zivilprozeß  bei  Mittermaier,
  Naturrecht  bei  Röder,  Nationalökonomie  bei  Rau,  endlich  bei  Zöpfl  ein
Privatissimum  über  deutsches  Staatsrecht  und  ein  Zivilprozeßpraktikum  und  Relatorium,
  ebenfalls  privatissime.
        <pb n="23" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  13

Am  14.  Januar  1841  starb  der  Fürst  Franz  Joseph.  „Traurige
Reise  nach  Corvey.  Rückkehr  nach  Bonn,“  heißt  es  in  dem  Tagebuch.
Zunächst  wurde  nun  die  Vorbereitung  auf  das  Auskultatorexamen  beendigt.
Am  3.  April  bestand  der  Prinz  die  Prüfung  in  Koblenz.  Nach  dem
Zeugnisse  vom  10.  April  hatte  er  „vorzüglich  gute  Kenntnisse  und  Fähigkeiten“
  bewiesen.  Die  Muße  nach  dem  bestandenen  Examen  verwendete
der  Prinz  für  Besuche  bei  Verwandten.  Das  Tagebuch  notiert:  „Fröhliche
Reise  nach  Castell  über  Meiningen,  Langenburg,  Kupferzell,  Wickersheim.
Wundervolle  Maitage.  Schöne  Erinnerungen  einer  fröhlichen  Vereinigung.“
Ueber  die  innere  Entwicklung  gibt  ein  Tagebuchblatt  Auskunft.

Kupferzell,  6.  Mai  1841.

Warum  sollte  man  nicht  unter  den  vielen  fühlenden  Herzen  eines
finden,  das  uns  versteht,  weil  es  uns  innig  liebt  ?  Wahr  ist's,  die  Menschen
sind  so  verschieden  gerade  in  dem  eigentlich  durchaus  Individuellen,  dem
Gefühl.  Erziehung,  Schicksal,  Verschiedenheit  der  Geistesrichtung  und
Anlage  gestatten  nicht,  daß  das  Auffassen  der  äußeren  Welt  bei  zwei
Seelen  dasselbe  sei.  Allein  sollte  darin  das  allein  bestehen,  was  wir
„Verstehen“  in  seinem  tröstlichen  Sinne  nennen?  Sollte  nicht  vielmehr  das
Erkennen  des  fremden  Gedankens,  der  uns  neuen  Auffassungsweise,  das
Inunsübergehen  des  fremden  Schmerzes,  sollten  nicht  alle  diese  möglichen
Berührungen,  dieses  immer  neue  Ineinanderleben  zweier  befreundeter
Seelen  das  wahre  Verstehen  im  tröstlichen  Sinne  sein?  Ist  ein  andres
wünschenswert  und  möglich?  Ist  aber  dieses  unmöglich?  Darum  lasse
ich  die  Hoffnung  nicht  sinken!

Nach  dem  Tode  des  Vaters  waren  die  Brüder  übereingekommen,  daß
der  dritte  von  ihnen  Fürst  in  Schillingsfürst  werden  sollte,  da  die  beiden
älteren,  Viktor  in  Ratibor  und  Chlodwig  in  Corvey,  durch  die  Rotenburger
  Erbschaft  gebunden  waren.  Im  Juni  1841  reiste  der  Prinz  nach
Schlesien  zum  Besuche  des  älteren  Bruders,  welcher  am  3.  November  1840
seinen  Einzug  im  Schlosse  Rauden  bei  Ratibor  gehalten  hatte.  Der
Nebenzweck  dieser  Reise  war  die  Anknüpfung  von  Verbindungen  mit  den
leitenden  Persönlichkeiten  des  preußischen  Ministeriums  zur  Vorbereitung
des  Eintritts  in  den  preußischen  diplomatischen  Dienst.  Der  Prinz  beschloß,
ein  Gesuch  an  den  König  zu  richten,  um  von  dem  vorgeschriebenen  Vorbereitungsdienste
  bei  der  Justiz  und  den  Verwaltungsbehörden,  welcher
nach  den  Anschauungen  des  hohen  Adels  nicht  standesgemäß  war,  dispensiert
  zu  werden.  Am  21.  September  1841  schrieb  er  der  Mutter  aus
Rauden:

„.  .  .  Unsre  Reise  nach  Breslau  ist  sehr  gut  abgelaufen.  Ich  habe
mit  Graf  Stolberg  Konferenz  gehalten,  er  war  sehr  freundlich  und  gut.
        <pb n="24" />
        1.  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Ueberhaupt  sind  wir  in  Breslau  von  den  höchsten  Herrschaften,  insbesondere
vom  Prinzen  von  Preußen,  auf  das  freundlichste  empfangen  worden,  so
daß  Graf  Styrum  sagte:  „On  voit  que  le  roi  vous  veut  du  bien.  A  votre
place  jien  protiterais.“  Und  indem  er  sich  zu  Viktor  wendete,  sagte  er:
„II  n’'y  a  pas  d'autre  moyen  d’en  profiter,  Monseigneur,  qdue  d’entrer
au  service  militaire.“  Was  freilich  Viktor  nicht  tun  kann  .  .  .“

Zur  Förderung  seiner  Pläne  hielt  sich  Prinz  Chlodwig  im  Herbst  in
Berlin  auf.  „Schöne  Versprechungen,“  notiert  das  Tagebuch.  Um  die
Entscheidung  abzuwarten,  begab  er  sich  im  Spätherbst  nach  Corvey.  Die
Entscheidung  blieb  lange  aus.  Ungeduldig  darüber  erwog  er  auch  die
Möglichkeit,  auf  den  Staatsdienst  ganz  zu  verzichten  und  in  Corvey  als
freier  Edelmann  nach  eignem  Geschmack  zu  leben.  Aber  die  innere  Nötigung
zu  politischem  Wirken  war  doch  zu  stark,  um  einen  solchen  Verzicht  auf
die  Dauer  annehmbar  erscheinen  zu  lassen.  So  schreibt  er  der  Mutter
von  Corvey  am  23.  November  1841:  „Mein  bisheriger  Aufenthalt  in
Corvey  hat  mir  die  Unmöglichkeit  mehr  und  mehr  dargetan,  mich  je  hier
zu  etablieren.  Das  hat  sein  Gutes.  Ich  steuere  nun  heimatlos  in  die
Welt  und  muß  mit  Eifer  einen  Berufszweck  verfolgen,  bei  dem  eine  solche
Heimatlosigkeit  das  Allerbeste  ist  ...  Wenn  ich  nur  endlich  Gewißheit
hätte  und  meinen  Winteraufenthalt  beginnen  könnte!  Wenn  ich  keine
Aufnahme  in  die  Diplomatie  finde,  so  werde  ich  suchen,  in  England  in
das  Militär  zu  treten,  um  dann  die  chinesische  Expedition  mitzumachen.
Der  Plan  ist  aber  noch  sehr  unreif.“

Corvey,  19.  Dezember  1841.

..  Eben  erhalte  ich  einen  Brief  von  Löwenstein,  der  mich  bestimmt,
sogleich  nach  Berlin  zu  gehen.  Mir  scheint,  als  ob  Stolberg  den  Brief
an  den  König  nicht  abgegeben  habe.  Indessen  schadet  es  nichts,  ich  bleibe
nun  den  Winter  in  Berlin  und  richte  mich  da  ein.  Bekomme  ich  eine
abschlägige  Antwort,  so  bleibe  ich  doch  bis  zum  Frühjahr  da  und  sehe,
was  andres  zu  machen  ist.

Aus  Berlin  schrieb  er  der  Mutter  am  3.  Januar  1842:  „Deinen
lieben  Brief  vom  21.  habe  ich  erhalten  und  sage  Dir  meinen  herzlichen
Dank  für  die  Wünsche  und  Hoffnungen.  Ich  will  wenigstens  meine  Kräfte
zusammennehmen  und  auf  das  Ziel  losgehen,  das  ich  mir  gesetzt  habe.
Es  kann  dem  einzelnen  Menschen  niemand  raten  in  bezug  auf  den  Lebensplan,
  mir  ist  bis  jetzt  nur  zu  viel  geraten  worden  über  das  Ziel  und  über
die  Mittel.  Dadurch  habe  ich  mich  oft  irre  machen  lassen,  indessen  hoffe
ich  jetzt  so  ziemlich  im  klaren  zu  sein.  Hier  fange  ich  nun  an  zu  arbeiten,
vieles  zu  sehen  und  zu  hören,  habe  sehr  vergnüglichen  Umgang  mit  den
Fürstenbergs  und  Löwenstein  und  andern  sehr  netten  Leuten."
        <pb n="25" />
        Aus  der  Jugend  (I8ls  bis  1847)  15

17.  Januar  1842.

Leider  kann  ich  Dir  heute  keine  sehr  gute  Nachricht  mitteilen.  Ich
habe  vom  König  Antwort  erhalten,  und  zwar  abschlägige.  Sie  lautet
wie  folgt:

Hochgeborner  Fürst!  Ich  habe  über  den  Mir  von  Euer  Liebden
unter  dem  19.  Oktober  v.  J.  zu  erkennen  gegebenen  Wunsch,  Ihre  Zulassung
  zur  diplomatischen  Prüfung  ohne  die  vorherige  reglementarische
Beschäftigung  bei  den  Gerichten  und  der  Verwaltung  betreffend,  den  Bericht
des  Ministeriums  der  auswärtigen  Angelegenheiten  erfordert.  Wenn  Ich
in  Verfolg  dessen  Anstand  nehme,  auf  jenen  Wunsch  einzugehen,  so  bestimmen
  Mich  nicht  bloß  die  Aufschlüsse,  welche  Mir  bei  dieser  Gelegenheit
über  den  augenblicklichen  Stand  der  Prüfungsverhältnisse  im  Ministerium
im  allgemeinen  zuteil  geworden  sind,  sondern  wesentlich  auch  die  Rücksichten
  auf  das  eigene  persönliche  Interesse  Euer  Liebden,  da  Sie  sich
gewiß  mit  Mir  selbst  nicht  verhehlen  wollen,  daß  eine  Bevorzugung,  wie
Euer  Liebden  solche  in  Antrag  bringen,  Sie  künftig  denen  gegenüber  in
eine  mindestens  beengte  Stellung  bringen  dürfte,  mit  denen  Sie  berufen
werden,  dem  diplomatischen  Dienst  obzuliegen.  Es  wird  Mir  daher  angenehm
  sein,  wenn  Euer  Liebden  Ihren  Entschluß,  sich  der  diplomatischen
Laufbahn  in  Meinen  Diensten  zu  widmen,  unter  Erfüllung  der  dieserhalb
bestehenden  allgemeinen  reglementarischen  Vorschriften  zur  Ausführung
bringen.

Berlin,  14.  Januar  1842.

Euer  Liebden  freundwilliger  Friedrich  Wilhelm.

So  stehen  nun  die  Sachen.  Du  kannst  Dir  denken,  daß  ich  mich
leineswegs  in  erfreulichem  Gemütszustande  befinde.

Der  Prinz  überwand  indessen  die  Vorurteile  der  „Mediatisierten“
gegen  eine  regelrechte  Beschäftigung  im  preußischen  Staatsdienste  und  verstand
  sich  dazu,  den  ihm  durch  den  König  gewiesenen  Weg  einzuschlagen.
Am  6.  April  1842  traf  er  in  Koblenz  ein,  um  als  Auskultator  bei  den
Gerichten  zu  arbeiten.

Das  Tagebuch  klagt  über  die  „Langeweile  der  ersten  Tage“,  berichtet
die  Namen  der  Tischgesellschaft,  die  aus  Offizieren  und  Beamten  bestand,
und  die  Besuche,  die  gemacht  wurden.  Unter  den  letzteren  wird  der  Oberpräsident
  von  Bodelschwingh  hervorgehoben,  „ein  liebenswürdiger  Mann,
einer,  dem  man  die  Rechtlichkeit  des  Charakters  und  den  edeln  Sinn  sowie
den  Verstand  auf  der  Stirn  geschrieben  sieht".

Die  ernste  juristische  Tätigkeit  gewährte  dem  Prinzen  bald  volle  Befriedigung,
  und  die  Muße  wurde  zu  eifrigem  Studium  benutzt.  „Was
es  heißt,  gründlich  zu  arbeiten  und  die  Wonne  davon  zu  empfinden,“  sagt
        <pb n="26" />
        16  Aus  der  Iugend  (1819  bis  1847)

das  Tagebuch,  „habe  ich  heute  und  gestern  recht  empfunden,  als  ich  mit
der  Feder  in  der  Hand  das  Bülow-Cummerowsche  Werk  1)  gründlich
studiert  habe.  Durch  das  Wiederaufleben  des  inneren  geistigen  Lebens
schwinden  alle  die  kleinlichen  äußeren  Sorgen,  das  Leben  verliert  seine
Eintönigkeit,  und  ich  lebe  wieder  ganz  eigentlich.  Es  ist  ein  glücklicher
Zufall,  der  Wille  des  Königs,  daß  ich  zu  diesem  wirklichen  Leben  zurückgekommen
  bin.  Wenn  auch  die  Form  des  hiesigen  gerichtlichen  Verfahrens
eben  keine  Bekanntschaft  mit  den  preußischen  Verhältnissen  verschafft,  so
ist  doch  die  Bildung,  welche  ich  dadurch  erlange,  das  kräftige,  klare  juristische
Denken  mehr  wert.  Die  Verhältnisse  haben  mir  den  hiesigen  Aufenthalt
als  notwendig,  als  einzig  möglich  dargestellt.  Ein  Schelm  macht's  besser,
als  er  kann.

Eines  Vorteils  muß  ich  entbehren  und  bin  dessen  doch  so  bedürftig.
Einen  Freund,  irgendeine  Seele,  der  ich  trauen  könnte,  so  ganz  bis  ins
Innerste,  dem  ich  Leiden  und  Freuden  mitteilen  könnte!  Außer  Philipp
Ernst  und  Viktor  habe  ich  nie  dergleichen  besessen.  Nur  Sternberg,  )
der  edle,  gemütvolle,  wahre  Mensch  voll  Geist  und  Streben  nach  Höherem,
ist  der  einzige  außer  jenen  beiden  (neben  Mama  und  Anmalie).  Ach,
warum  ist  der  Mensch  dem  armen  Mitmenschen  so  fremd!  Warum  gquält
sich  der  unglückliche  in  dem  lumpigen,  kurzen  Menschenleben?  Und  wofür?
Um  dann  zu  sterben.  Und  dazu  gehen  sie  alle  kalt  umeinander  herum,
nehmen  Rücksichten,  qguälen  und  betrügen  sich.“

11.  April  1842.
Das  hausbackene  Wesen  der  Koblenzer  Hautevolee  will  mir  noch
nicht  recht  gefallen.  Es  fehlt  jener  Aplomb,  jenes  Sichgehenlassen  der
großen  Welt.  Denn  das  Außerordentliche  einer  Soiree  in  einer  kleinen
Stadt  bringt  es  mit  sich,  daß  jeder  einzelne  sich  in  einem  sozusagen
überreizten  Zustand  befindet,  der  insbesondere,  wenn  die  Liebenswürdigkeit
  des  Charakters  nicht  das  Gleichgewicht  hält,  zu  sehr  ins  Gemeine  spielt.

Am  12.  April  klagt  das  Tagebuch  über  „geistige  Trägheit,  Folge  des
Berliner  Nichtstuns“.  „Was  für  ein  ganz  andrer  Mensch  wäre  ich  vielleicht
geworden,  wäre  ich  ohne  strenge  hofmeisterliche  Leitung  vielleicht  von  meinem
sechzehnten  Jahre  ab  geblieben.  Manche  Torheit  hätte  ich  begangen,  vielleicht

 

1)  v.  Bülow-Cummerow:  Preußen,  seine  Verfassung  und  Verwaltung,  sein
Verhältnis  zu  Deutschland.  Berlin  1842.  Vergl.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte,
Bd.  5,  S.  198.

2)  Freiherr  August  v.  Ungern-Sternberg,  mit  dem  der  Prinz  in  Bonn  und
Heidelberg  studiert  hatte,  geboren  zu  Mannheim  16.  August  1817,  starb  als  Großh.
badischer  Geheimer  Rat  und  Vorstand  des  Geheimen  Kabinetts  in  Karlsruhe,
20.  März  1895.
        <pb n="27" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  17

wäre  ich  untergegangen.  Allein  mir  scheint,  ohne  daß  ich  den  Verhältnissen
  zürnen  will,  daß  ich  besser  geworden  wäre.  Einer  von  Natur
ruhigen,  träumerischen,  tatschwachen  Seele  ist  die  Aufregung  des  Selbsthandelns,
  des  nicht  bloßen  Geschehenlassens  durchaus  notwendig,  wenn  sie
wirklich  zu  etwas  gelangen  will.  Ich  bin  von  Natur  passiv,  durch  diese
ewige  Bevormundung  zu  einer  großen  Ausbildung  innerer  Beschaulichkeit,
die  ich  nicht  einmal  Philosophie  nennen  kann,  gelangt,  ohne  daß  mein
Charakter  die  geringste  Festigkeit  erlangt  hätte.  Diesen  zu  erhärten  muß
jetzt  mein  Streben  sein.“

An  die  Prinzessin  Amalie.
Koblenz,  3.  Mai  1812.
..  Du  hBhast  recht,  wenn  Du  glaubst,  daß  ich  nie  unglücklich  sein

werde,  was  man  so  eigentlich  unglücklich  sein  nennt.  Denn  es  wird  immer
das  Begreifen  des  Unglücks  und  die  Fähigkeit,  darüber  nachzudenken,  mich
schützen,  daß  es  mich  nicht  ganz  erdrücke.  „Nur  der  Mensch  ist  wirklich
unglücklich,  der  nicht  die  Fähigkeit  besitzt,  darüber  zu  weinen,“  werde  ich
einmal  in  einem  Roman  sagen.  Dabei  fällt  mir  ein  Gedicht  ein,  das
ich  neulich  gemacht  habe  und  welches  hierher  paßt.  Es  sind  sogenannte
Gaselen:

Wolken  auf  am  Himmel  steigen,

Blüten  welken  an  den  Zweigen,

Und  die  Wellen  fließen  langsam,

Und  es  senkt  sich  banges  Schweigen

Auf  die  dürstenden  Gefilde.

Ach,  wie  die  Gewitterzeichen

In  den  schwülen  Sommertagen

Jenen  Lebensstunden  gleichen,

Da  das  Herz,  alt  und  verhärtet,

Tränen  wünscht,  um  zu  erweichen!

Du  hast  recht,  wenn  Du  mich  um  den  schönen  Aufenthalt  beneidest.
Seit  fast  drei  Wochen  haben  wir  hier  so  warmes  Wetter,  daß  alles  nach  Regen
seufzt.  Die  Blüten  sind  bald  vorüber,  und  die  Wälder  fangen  nun  an  zu
grünen.  Ach,  es  ist  doch  eine  schöne  Sache  um  den  silbernen  Mondschein,
der  sich  im  Rhein  spiegelt,  und  die  dunkeln  Berge  und  den  ehrwürdigen
Ehrenbreitstein  mir  gegenüber.  Hätte  ich  diese  schöne  Natur  nicht,  so
wäre  ich  bei  all  meiner  Philosophie  doch  unglücklich.  Denn  die  Menschen
sind  hier  keine  Oreaden  und  Hamadryaden.  Ich  habe  recht  liebe,  gute
Leute  kennen  gelernt  und  mag  manche  recht  gern  leiden.  Aber  es  fehlt
ihnen  jener  feine  Ton  der  Vornehmheit,  das  Sich-von-selbst-verstehen
vieler  Dinge,  Du  wirst  es  fühlen,  was  ich  damit  sagen  will.  Man  kann

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  2
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        18  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

das  nur  bei  wohlgezogenen  Leuten  oder  in  der  großen  Welt  finden.  Mein
Umgang  beschränkt  sich  mehr  oder  weniger  auf  sogenannte  ffell  mich  ghorsamscht",
  zu  denen  sogar  die  höchsten  Damen,  Exzellenzen  u.  s.  w.  gehören
(mit  rühmlichen  Ausnahmen).  Eine  schöne  Witwe  ..  21  Jahre  alt,  die
eine  recht  schöne  Altstimme  hat,  gefällt  im  ersten  Augenblick.  Aber  wie
sich  bei  aufmerksamem  Zuhören  in  ihrem  Gesange  der  Mangel  an  guter
Schule  entdeckt,  so  fand  ich  bald  in  ihrem  Wesen  eine  gewisse  pachterstöchterliche
  (verzeih  diesen  Ausdruck)  Gewöhnlichkeit,  untermischt  mit  sentimentaler
  Belesenheit  und  englischer  Sprachkenntnis,  die  mir  als  solche
Mixtur  noch  unangenehmer  ist  als  die  gewöhnliche  Natur  der  Landkonfekte,
die  nichts  andres  sein  können  und  wollen.  Die  alten  Damen  sind  nun
gar  langweilig,  und  ich  vermisse  die  Konversation  mit  meinen  Berliner
Freundinnen,  wie  Frau  von  Luck  u.  a.  Unter  den  Herren  und  überhaupt
in  der  ganzen  Gesellschaft  herrscht  bei  allen  Vorzügen  rheinischer  Gutmütigkeit
  ein  gewisser  Wirtshauston,  der  mir  zuwider  ist.  Das  einzige,
was  mich  tröstet,  ist  die  Musik.  Die  wird  viel  getrieben,  und  die  vergnügliche
  Frau  ..  und  ihre  Schwester  .  singen  und  spielen  in  jeder  Gesellschaft
  von  Anfang  bis  zu  Ende,  dann  wird  einmal  ein  Chor  oder  Trio
oder  Quartett  oder  sonst  etwas  gesungen  und  Maitrank  getrunken,  so
geht's  hier  zu,  und  man  kann  ganz  vergnügt  sein.  Mein  Gesangstalent
ist  noch  nicht  entdeckt.  Ich  nehme  jetzt  fleißig  Singstunden  und  werde
dann  nach  einiger  Uebung  plötzlich  als  der  einzig  vernünftige  Bariton  hier
auftreten  und  alles  bezaubern.  Mein  Lehrer  ist  nicht  so  übel,  er  läßt  mich
Solfeggien  von  Cherubini  singen,  bläut  mir  die  Noten  ein  und  gibt  sich
manche  Mühe,  so  daß  ich  in  zwei  Monaten  vom  Blatt  singen  werde.
Denke  dir,  welche  Lust!  Auch  lerne  ich  die  Tonarten  begreifen,  B-dur,
C-dur  und  die  Molltöne,  halbe  und  ganze  Vorzeichen  u.  s.  w.  So  daß
ich  bald  so  weit  sein  werde,  Lieder  zu  komponieren,  die  Begleitung  muß
mir  dann  mein  Lehrer  machen.

Ich  bin  gestern  in  Neuwied  gewesen  und  kann  nicht  genug  die  guten
Leute  dort  rühmen.  Statt  daß  ich,  wie  ich  gefürchtet  hatte,  wegen  meines
Auskultators  schief  angesehen  worden  wäre,  sehen  mich  die  Leute  im  Gegenteil
  mit  einer  Art  von  Staunen  als  ein  besonders  merkwürdiges  Subjekt
an.  Dies  hat  mich  nun  noch  mehr  beruhigt.  So  ist  der  Mensch.  Er
will  immer  ein  wenig  von  außen  beruhigt  sein  und  sollte  doch  zufrieden
sein,  wenn  er  sich  seines  guten  Willens  bewußt  ist.  Der  Fürst  1)  hat  etwas
sehr  Interessantes  in  seinem  leidenden  Gesicht.  Von  der  blassen  Totenfarbe
  stechen  die  schönen  Augen  ganz  merkwürdig  ab;  er  soll  sehr  talentvoll
  sein,  schön  zeichnen  u.  s.  w.  Ich  habe  ihn  nur  vom  Sehen  lieb- 



1)  Fürst  Hermann  zu  Wied  (1814  bis  1864).
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  19

gewonnen  und  bedauere  seine  zerrüttete  Gesundheit.  Schönlein,  1)  der  vor
kurzem  hier  war,  hat  ihm  große  Hoffnung  gemacht,  auch  geht  es  wirklich
besser.  Der  Prinz  Max  ist  ein  gescheiter,  gesprächiger  Mann.  Prinz
Karl  hat  den  Papa  und  die  Mama  in  Wien  viel  gesehen  und  erinnerte
sich  mit  großem  Vergnügen  an  jene  Zeit.  Während  der  Tafel  kam  Prinz
Philipp  Löwenstein,  jeune  homme  fort  élégant,  wie  immer,  womöglich
rajeuni.  Er  konnte  mir  nicht  oft  genug  sagen:  „Aber  du  siehst  sehr
gut  aus!“

Wenn  Du  vorigen  Sommer  in  Kiefernluft  die  Bemerkung  machtest,
daß  sie  den  Menschen  schlechter  mache,  so  ist  hier  gewiß  die  Bemerkung
angebracht,  daß  die  Frühlingsluft  am  Rhein  den  Menschen  verbessert.
Wenn  ich  mitunter  am  Abend  auf  der  beliebtesten  Promenade  am  Rhein
spaziere,  so  finde  ich,  daß  die  prosaischsten  Philister  eine  Art  poetischer
Verklärung  haben,  die  etwas  Rührendes  hat.  Es  ist  aber  auch  gar  nicht
anders  möglich,  denn  wenn  einem  vom  Rhein  her  eine  kühle  Blütenluft
anweht,  dann  mag  der  trübste  Gedanke  mich  niederdrücken,  gleich  bin  ich
bis  ins  Innerste  aufgefrischt  und  sehe  mit  noch  größerem  Genuß  in  die
vergoldeten  Berge  und  nach  den  friedlichen  Kirchtürmen  der  gegenüberliegenden
  Dörfer.  Dann  fängt  auch  die  Abendglocke  zu  läuten  an,  so  daß
nichts  mehr  fehlt,  um  die  Seele  in  jene  himmlische  Stimmung  zu  versetzen,
die  jeden  irdischen  Gedanken  ausschließt,  nur  nicht  den,  Euch  alle  zu  mir
her  zu  wünschen.

Seit  mehreren  Tagen  ist  dieser  Brief  liegen  geblieben,  da  mich  eine
Tour  nach  Frankfurt  und  die  auf  solche  Dampfschiffreise  folgende  Oede
vom  Schreiben  abhielt.  In  Frankfurt  saß  ich  mittags  dem  Herzog  Paul
von  Württemberg  gegenüber.  Sein  Gespräch  war  unaufhörlich,  besonders
da  er  in  seinem  Nachbarn  Rüppell,  einem  der  berühmtesten  Reisenden
unfrer  Zeit,  :2)  eine  sehr  gute  Dachrinne  für  das  Regenwasser  seiner
Erzählungen  hatte.  Ich  mußte  mir  alle  Mühe  geben,  nicht  zu  lachen
über  diesen  netten  Kerl.

Das  Dampfschiff  war  höchst  langweilig  wie  immer.  Dazu  war  ich
mit  einem  jungen  sächsischen  Offizier  bekannt  geworden,  der  sich  ganz  nach
den  Regeln  der  Komplimentierbücher  „vollendeter  Gesellschafter“  und  wie
sie  heißen,  benahm  und  dadurch  höchst  langweilig  wurde.  Nun  sitze  ich
hier  wieder  an  meinem  Schreibtisch,  studiere  meine  Akten  und  freue  mich
meines  Daseins  bei  einer  Havannazigarre  (das  Tausend  zu  50  Talern,  dies
für  Viktor  zur  Nachricht)  und  einer  Tasse  Kaffee.

 

1)  Der  berühmte  Berliner  Pathologe.
2)  Eduard  Rüppell  (1794  bis  1884),  Naturforscher  und  Reisender  in  Aegypten,
Nubien  und  Arabien.
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        20  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Ich  rate  Dir,  meine  Briefe  aufzuheben,  wie  ich  es  mit  den  Deinen
tue,  wie  überhaupt  mit  allen.  Wenn  wir  auch  keine  Bettinaschen  Briefe
herausgeben  wollen,  so  würde  es  doch  interessant  sein,  dieselben  später
wieder  zu  lesen.  Sind  wir  dann  später  zu  besseren  Resultaten  mit  uns
selbst  gelangt,  dann  ist  es  erfreulich,  den  Weg,  den  man  zurückgelegt  hat,
zu  übersehen.

Sage  Viktor,  ich  ginge  diesen  Sommer,  wenn  die  Arnimst)  nach
Winkel  am  Rhein  kommen,  dorthin,  wo  ich  vergnügliche  Stunden  zu  verleben
  hoffte  (bei  der  Bettina).

Aus  dem  Tagebuch.
3.  Juni  1842.

Vom  3.  Mai  bis  zum  3.  Juni  tritt  eine  Pause  ein  durch  die  dazwischen
  liegenden  Masern.  So  unangenehm  eine  solche  Krankheit  ist,  so
hat  sie  doch  auch  ihr  Gutes  gehabt,  denn  sie  hat  das  Uebermaß  von  Kraft
des  Körpers  absorbiert,  und  ich  kann  nicht  anders  sagen,  als  daß  eben
dadurch  und  durch  die  einsamen  Studien  und  Betrachtungen  gar  manches
im  Geist  mir  klarer  geworden  ist.  Ich  habe  sogar  diese  Einsamkeit  liebgewonnen;
  das  Einförmige  eines  Krankenbetts  hat,  wenn  nicht  besondere
Schmerzen  vorhanden  sind,  für  den  Denkfähigen  gar  manche  angenehme
Stunde,  wenngleich  auch  viele  trübe,  denn  „es  kehrt  an  das,  was  Kranke
quält,  sich  ewig  der  Gesunde  nichts“.  Scheußlich  war  das  Kindergeschrei,
und  hätte  ich  Heiratspläne,  sie  würden  durch  dieses  Plärren  meiner  Hausgenossen
  um  zehn  Jahre  verschoben  sein.  Es  gibt  in  der  Welt  wenig  Unangenehmeres
  als  Kindergeschrei.

Sowie  ich  wieder  tüchtig  arbeiten  kann,  muß  ich  mich  an  eine  gründliche
  Bearbeitung  des  Staatsrechts  begeben.  Nichts  ist  gefährlicher  als
die  Passivität  in  Betrachtung  der  staatswissenschaftlichen  Gegenstände.
Ohne  Gründlichkeit  werden  wir  insbesondere  im  Staatsdienst  entweder
blinde  Werkzeuge  oder  gar  Leute,  die  die  Fahne  nach  dem  Winde  hängen,
oder  wir  werden  einseitig  und  dadurch  der  Raub  einer  Partei.  Nur
Gründlichkeit  ist  das  Mittel,  durch  welches  die  Integrität  des  Charakters
erhalten  werden  kann.

16.  August  1842.

..  Es  ist  doch  etwas  Trauriges  um  das  Junggesellenleben.  Die
„Freiheit"  wird  immer  gerühmt.  Ja,  wer  in  Liederlichkeit  Befriedigung
findet,  dem  ist  freilich  eine  solche  Freiheit  zu  gönnen.  Aber  in  dieser  Freiheit
  des  alten  Hagestolzen  liegt  ein  furchtbarer  Keim  zu  Egoisterei  und
Herzlosigkeit.

1)  Die  Bekanntschaft  der  Bettina  von  Arnim  hatte  der  Prinz  im  Winter  1841/42
in  Berlin  gemacht.
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  21

11.  September  1842.

Studium  der  Marheinekenschen  Schrift  über  die  Bruno  Bauersche
Angelegenheit,  )  in  der  er,  wie  die  Deutschen  Jahrbücher  nachweisen,  nicht
ganz  konsequent  geblieben  ist.  Indessen  kann  man,  wenn  man,  wie  die
Jahrbücher  tun,  verschiedene  auseinandergerissene  Stellen  zusammenpaßt,
recht  leicht  Inkonsequenzen  nachweisen.

Im  Laufe  des  Sommers  wurde  der  Prinz  zu  einer  Soiree  nach
Schloß  Brühl  eingeladen  und  von  dem  König  und  der  Königin  sehr
freundlich  empfangen.  Unter  den  Gästen  erwähnt  das  Tagebuch  den
Prinzen  von  Cambridge,  den  Prinzen  von  Oranien,  Erzherzog  Johann
von  Oesterreich,  den  Großherzog  von  Mecklenburg  und  den  Erbprinzen
von  Baden,  „letzterer  höchst  liebenswürdig"“.  Bei  dem  Konzert  spielten
die  Schwestern  Milanollo.

Im  September  machte  der  Prinz  mit  seinem  Bruder  Gustav  eine
Reise  über  Straßburg,  Basel,  Solothurn,  Bern  nach  Lausanne.  Von  da
berichtet  das  Tagebuch  am  27.  September:

Bei  all  diesen  Freuden  kann  ich  doch  nicht  sagen,  daß  ich  noch  so
wie  früher  von  all  diesem  hingerissen  würde,  daß  ich  alles  aufgeben  könnte,
um  ganz  für  alle  Zukunft  hier  zu  bleiben.  Vielleicht  bin  ich  jetzt  zu  sehr
durch  und  durch  deutsch.  Vielleicht  ist  jene  innere  Unruhe  und  der  noch
wachsende  Ehrgeiz  auch  an  dieser  Veränderung  schuld.  Der  Mensch  muß
in  der  Jugend  das  Leben  versuchen,  sehen,  was  es  ihm  bringe  und  was
er  sich  und  andern  geistig  nützen  könne.  Jenes  sentimentale  Anschauen
der  Natur  schwächt  den  Geist,  der  immer  mehr  zu  Klarheit  und  Bestimmtheit
heranwachsen  soll.  Das  kann  er  nur  durch  außerordentliche  Tätigkeit  und
bestimmten  Lebenszweck.  Darum  vorwärts!

Nach  der  Rückkehr  aus  der  Schweiz  verlebte  der  Prinz  die  Herbsttage
  im  Kreise  der  Verwandten  in  Kupferzell.  Von  dort  aus  besuchte  er
Bettina  von  Arnim  in  Frankfurt.  Ueber  einen  Abend  bei  ihr  berichtet
das  Tagebuch:  „Die  Töchter  der  Bettina  liebenswürdig  und  geistreich  wie
immer.  Wenn  sie  nur  nicht  paradox  sein  wollten!  Das  ist  ganz  unnötig.
Sie  sind  so  liebenswürdig  und  so  gebildet  und  vernünftig,  daß  sie  die
Unvernunft  des  Paradoxen  recht  gut  entbehren  könnten.  Manche  tadelnde
Mitteilung  über  die  Zustände  in  Berlin  wurde  mir  gemacht.  So  zum
Beispiel  das  unnatürliche  Zusammenrufen  der  Dichter  u.  s.  w.  in  Berlin.
Nach  einer  nicht  eben  günstigen  Beurteilung  des  Tieckschen  Charakters  ging
sie  zu  Rückert  über  und  tadelte  an  ihm  insbesondere,  daß  er  ein  Mensch

 

 

1)  Der  Minister  Eichhorn  hatte  die  theologischen  Fakultäten  zu  einem  Gutuchten
  darüber  aufgefordert,  ob  Bruno  Bauer  nach  seinen  radikalen  Schriften  noch
für  fähig  und  würdig  zu  halten  sei,  Theologie  zu  lehren.
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        22  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

sei,  mit  dem  der  König  nichts  anfangen  könne,  ein  ungehobelter  sonderbarer
  Kauz,  der  stets  einen  Ueberrock  angehabt  habe  und  nun  glaube,  auch
im  Frack  gehen  zu  müssen,  was  ihm  sehr  schlecht  stehe.  Sie  machte  einen
eigentümlichen  Vergleich  zwischen  Rückerts  Gesicht  und,  wenn  ich  nicht  irre,
einem  schlapp  getretenen  Pantoffel.  Das  mitunter  etwas  harte  Urteil  über
den  König  entspringt  aus  einer  großen  Liebe  zu  ihm  und  dem  Wunsche,
ihn  als  einen  unsterblichen  König  zu  sehen,  was  er  ihrer  Ansicht  nach
nicht  anders  werden  kann  als  dadurch,  daß  er  auf  dem  einmal  betretenen
Wege  des  Fortschritts  rüstig  fortschreitet  und  sich  durch  die  Hemmungen
der  Minister,  die  sich  zu  viel  Gewalt  aneignen  wollen,  nicht  abhalten  läßt.
Das  Eigentümliche  und  Angenehme  bei  der  Bettina  ist,  daß  sie  nicht  eine
gelehrte,  verbildete,  hochtrabende  Dame,  sondern  trotz  allem  Interesse  an
gelehrten  Gegenständen  doch  ein  Naturkind  ist.  In  ihrem  Kreise  ist  alles
ungezwungen,  jeder  tut,  was  er  will,  sie  läßt  alle  Persönlichkeiten  gelten
und  schließt  sich  an  die  an,  die  ihr  gerade  für  den  Augenblick  neu  und
angenehm  sind."“

Im  Jahre  1843  beschäftigte  den  Prinzen  die  Vorbereitung  auf  das
zweite  Examen  und  die  Ueberlegung,  was  dann  zu  tun  sei.  Er  entschloß
sich,  nach  dem  zweiten  Examen  aus  dem  Justizdienste  auszuscheiden  und
sich  für  die  Verwaltung  und  die  Diplomatie  vorzubereiten:  „Also  Landrat
oder  Diplomat  oder  beides!“  heißt  es  im  Tagebuch.  Am  18.  Februar
1843  schrieb  er  an  die  Mutter:

..  .  Uebrigens  gewinne  ich  meine  juristische  Beschäftigung  immer
lieber,  einmal,  weil  ich  sehe,  daß  ich  darin  vorwärts  komme,  und  dann,
weil  der  Nutzen,  der  für  die  Regulierung  unsteter  Gedanken  daraus  entspringt,
  sehr  groß  ist.  Hätte  ich  früher  die  Ueberzeugung  gehabt,  wie  ich
sie  jetzt  habe,  daß  man  durch  die  Zivilkarriere  seinem  Standpunkt  nicht
schadet,  sondern  nützt,  indem  man  durch  das  Ungewohnte  sich  Ansehen
verschafft  und  der  Adel  nur  durch  geistige  oder  moralische  Vorzüge  oder
wenigstens  Anstrengungen  die  Stellung  behaupten  kann,  die  ihm  überall
streitig  gemacht  wird,  so  hätte  ich  manches  Jahr  meines  Lebens  gewonnen,
das  mit  bloßer  Deliberation  zugebracht  ist.  Jetzt,  wo  ich  mich  in  der
Karriere  befinde,  schweigen  alle  Stimmen,  die  früher  dagegen  waren,  und
mir  ist  bis  jetzt  noch  keine  Zurücksetzung  zuteil  geworden,  wenn  ich  sie
mir  nicht  durch  Zerstreutheit  und  Unachtsamkeit  selbst  zugezogen  habe.
Selbst  in  neuerer  Zeit  habe  ich  wieder  vollkommene  Billigung  meiner
Berufswahl  erfahren  durch  den  Herzog  von  Nassau  und  den  hiesigen
kommandierenden  General,  die  beide  mit  mir  über  die  Trostlosigkeit  des
preußischen  Militärlebens  einverstanden  waren.  Uebrigens  kümmere  ich
mich  um  das  Urteil  andrer  Menschen  jetzt  nicht  mehr  und  freue  mich
meiner  Selbständigkeit,  nachdem  ich  die  Nachwehen  der  hofmeisterlichen
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  23

Bevormundung  ganz  abgeschüttelt  habe.  Ob  ich  in  dieser  Karriere  bleibe
in  der  Zeit,  wenn  die  Bildung  vorüber  ist  und  das  Arbeiten  des  Berufs
angeht,  weiß  ich  nicht.  Mehr  Nutzen  würde  es  für  mich  gewähren,  wenn
ich  dann  in  friedlicher  Zurückgezogenheit,  womöglich  mit  Dir  zusammen,
irgendwo  leben  könnte  und  meine  Studien  fortsetzen.  Denn  ich  bin  der
Ansicht  Wilhelm  von  Humboldts,  daß  das  hauptsächlichste  Streben  des
Menschen  dahin  gehen  muß,  sich  als  Individuum  auszubilden  und  nach
Vollkommenheit  zu  ringen,  um  durch  das,  was  wir  geworden  sind,  auf
andre  zu  wirken  und  so  Nutzen  zu  stiften.  Das  kann  man  aber  besser
allein  und  im  stillen  als  in  einem  großstädtischen  Kollegium.

Die  folgende  Betrachtung  des  Tagebuchs  ist  wohl  der  Niederschlag
unbequemer  Erfahrungen  in  der  Koblenzer  Gesellschaft.

30.  Juli  1843.

..  Fuür  mich  ist  es  gut,  ja  notwendig,  überall  Mißtrauen  zu  haben.
Was  gehen  mich  diese  zufällig  in  mancher  Beziehung  mit  mir  harmonierenden
Charaktere  an!  Ich  muß  vorsichtig  sein,  sonst  gehe  ich  in  Hingebung
unter.  Ueberall  berechnen  und  beobachten  mit  dem  äußern  Schein  der
größten  Gemütlichkeit  und  Freundschaft  ist  ein  Ziel,  das  sich  jeder  Prinz
setzen  muß,  wenn  er  nicht  zu  Torheiten  geführt  werden  will,  vor  denen  jeden
andern  jugendlich  en  Charakter  die  inferiore  Stellung  schützt.  Also  Vorsicht!

O  Unnatur  der  jetzigen  Zeit,  Verderbtheit  unsers  jetzigen  Menschengeschlechts,
  glänzendes  Elend  unfrer  gesellschaftlichen  Zustände,  daß  ein
kräftiger  Mann  nur  dadurch  zum  Ziele  gelangen  kann,  daß  er  seine  Kraft
vergeudet,  seine  Sinne  abstumpft,  um  auf  diese  Weise  sich  auf  das  Niveau
seiner  Umgebung  stellen  zu  können,  daß  er  schlecht  wird,  um  den  Schlechten
nicht  unbehaglich  zu  werden!

Nachdem  der  Prinz  am  17.  August  das  Examen  bestanden  hatte,
wurde  er  am  9.  September  1843  zum  Referendarius  ernannt.  In  diesem
Monate  machte  er  eine  längere  Reise  durch  die  Schweiz  nach  Südfrankreich
und  Oberitalien,  von  Lausanne  ab  mit  dem  Bruder  Gustav,  der  dort
französische  Studien  getrieben  hatte.  In  Lyon  erlebten  die  Brüder  die
Ankunft  des  Duc  de  Nemours  zu  einer  Truppenrevue.  Er  kam  zu  Dampfschiff.
  „Unter  den  100  000  Zuschauern,“  sagt  das  Tagebuch,  „erschallte
auch  nicht  eine  Stimme.“  Vom  10.  bis  25.  Oktober  reiste  der  Prinz
allein  nach  Sardinien  und  kehrte  dann  von  Genua  aus  über  den  Splügen
zurück.  Den  November  verlebte  er  in  Kupferzell  und  ging  dann  über
Corvey  und  Berlin  nach  Rauden,  wo  er  bis  zum  Jahresschluß  verweilte.
Hier  blieb  der  Prinz  auch  die  ersten  Wochen  des  Jahres  1844  und  kehrte
nach  einem  Aufenthalt  in  Berlin  vom  8.  Februar  bis  25.  März  dorthin
zurück.  Der  April  wurde  zu  einer  Reise  nach  Wien  verwendet.
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        24  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Inzwischen  war  er  am  4.  April  der  Regierung  in  Potsdam  zur  Beschäftigung
  überwiesen  und  durch  Verfügung  des  Justizministers  vom
17.  April  „behufs  Eintritts  in  die  Administration“  mit  dem  Zeugnis
„guter  Qualifikation  und  rühmlichen  Verhaltens“  aus  dem  Justizdienst
entlassen  worden.  Am  13.  Mai  langte  der  Prinz  in  Berlin  an,  um  die
Tätigkeit  bei  der  Potsdamer  Regierung  zu  beginnen.

Tagebuch.
19.  April  1844.

Wochen  und  Monate  hat  dies  Buch  geruht.  Unterdessen  hat  sich  um
mich  her  manches  verändert,  auch  in  mir.  Jedoch  bin  ich  in  allem  diesem
bewegten  Leben  doch  nur  in  meinem  alten  Satze  bestätigt  worden,  daß
geistige  Tätigkeit  allein  den  Menschen  glücklich  machen  kann.  Alles  übrige
ist  als  Nebensache,  als  Nebenvergnügen  gar  wohltuend.  Wird  aber  die
Erholung  zum  Zweck,  so  wird  sie  mühsam,  und  dann  gibt  es  für  uns
natürlich  keine  Erholung  mehr.

An  die  Mutter.
Berlin,  16.  Mai  1844.

Ich  werde  morgen  bei  der  Regierung  in  Potsdam  eingeführt.  Gegen
Potsdam  und  seine  Bewohner  habe  ich  eine  unbegrenzte  Abneigung,  die
ich  auch  nicht  zu  verlieren  hoffe,  da  ich  jede  freie  Stunde  zu  einer  Exkursion
nach  Berlin  benutzen  werde.  Meine  Visiten  sind  abgemacht.  Die  Prinzen
habe  ich  auf  der  Eisenbahn  getroffen,  wo  ich  mit  dem  gewohnten  Humor
empfangen  wurde,  der  noch  dadurch  gesteigert  wurde,  daß  ich  meinen  Plan
mitteilte,  was  den  Prinzen  Friedrich  zu  der  Aeußerung  veranlaßte,  ich
wolle  wahrscheinlich  Landrat  werden,  ohne  daß  er  wußte,  wie  nahe  er  im
Scherz  an  der  Wahrheit  war.  Uebrigens  billigte  der  Prinz  von  Preußen
mein  Vorhaben,  bei  der  Regierung  zu  arbeiten,  und  sagte,  er  freue  sich
besonders,  „da  man  Sie  mitunter  zu  einem  Löffel  Suppe  bitten  kann“.

Tagebuch.
29.  Mai  1844.

In  der  letzten  Zeit  war  mein  Geist  zur  Wiedergabe  des  Empfundenen
wenig  geeignet.  Erst  die  friedliche  Erregung  des  Aktenlebens  erweckt
wieder  die  Fähigkeit,  das  Gedachte  wiederzugeben,  ja  es  wird  ein  Bedürfnis,
das  aufzuschreiben  und  vor  sich  zu  sehen,  was  sich  nicht  aussprechen  läßt.
Das  war  ja  auch  mein  Zweck  beim  Wiederaufnehmen  der  Karriere,  daß
ich  meiner  selbst  wieder  recht  bewußt  würde.  Und  daß  diese  Fähigkeit
nicht  untergegangen  ist,  nur  geruht  hat,  diese  Ueberzeugung  erfreut  mich
und  macht  mir  meinen  Beruf,  der  im  übrigen  nicht  beneidenswert  ist,  zu
einem  angenehmen.
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  25

25.  Juni  1844.

Durch  die  Gesetze  der  Jahre  1807  bis  1811  wurde  in  Preußen  ein
gewisser  liberaler  Geist  geweckt,  der  in  den  Jahren  1813  und  1814  das
ganze  Volk  zu  einem  merkwürdigen  Nationalenthusiasmus  bringen  konnte.
Nach  dem  Wiener  Kongreß  fanden  die  Regierungen  in  diesem  durch  ganz
Deutschland  verbreiteten  Geiste  etwas  Gefährliches,  und  wenn  auch  die
Gesetze  von  1820  und  1821  in  Preußen  auf  eine  baldige  Einrichtung  einer
ständischen  Verfassung  hindeuteten,  so  wurde  diese  Ansicht  dem  Volke  doch
bald  durch  die  Einrichtung  einer  provinzialständischen  Verfassung  genommen.
Indessen  beruhigte  man  sich  bei  einer  regelmäßigen  Verwaltung,  bei  dem
gerechten  Sinne  des  Königs,  der  mit  seinem  Volke  als  Vater  mit  seinen
Kindern  manches  Trübe  und  Fröhliche  erlebt  hatte  und  dessen  Gesinnung
die  Garantie  für  das  Bestehen  des  Guten  und  für  Nichteinführung  von
Schlechtem  so  gut  darbot  wie  jede  konstitutionelle  monarchische  Verfassung.
So  trat  der  Tod  König  Friedrich  Wilhelms  III.  ein.

Durch  die  Huldigungsreden  wurden  alle  jene  Hoffnungen  auf  eine
freie  Verfassung  erweckt,  wenngleich  das  Publikum  in  der  Wahl  der
Minister  Eichhorn,  Stolberg,  Thiele  und  andrer  Staatsbeamten  eine
Neigung  des  Königs  zu  einer  mehr  kirchlichen  Richtung  erkennen  wollte.
Diese  trat  auch  bald  deutlicher  hervor.  Zugleich  zeigte  sich  aber  auch,
daß  jene  Reden  keine  reichsständische  Verfassung  verheißen  wollten,  sondern
das  Gegenteil.  Dies  erregte  überall  Unzufriedenheit,  und  schon  anfangs
1842  trat  Mißstimmung  ein.  Mehr  noch,  als  trotz  der  Zensurgesetze,  die
eine  freiere  Besprechungserlaubnis  zu  verheißen  schienen,  von  seiten  des
Arnimschen  Ministeriums  immer  mehr  auf  Restriktion  hingearbeitet  wurde,
während  das  Oberzensurgericht  nach  freieren  Grundsätzen  viele  Artikel
freigab.  Dazu  kamen  und  kommen  jetzt  manche  materielle  Not=  und  Uebelstände,
  Arbeitsnot  in  Schlesien,  in  neuester  Zeit  das  sonst  so  notwendige
Eisenbahnaktiengesetz  u.  s.  w.  Endlich  im  allgemeinen  eine  gewisse  Schwankung
und  Prinziplosigkeit  oder,  besser  gesagt,  Systemlosigkeit  in  den  höchsten
Staatsbehörden,  Verzögerung  der  Geschäfte,  Geldnot  und  verwirrte
Finanzen,  so  daß  jetzt  die  Stimmung,  je  nach  den  Provinzen,  schlechter
wird.  Nun  schickt  man  in  der  neuesten  Zeit  einen  frommen  Mann  in
die  Rheinprovinz,  um  die  Stimmung  zu  untersuchen.  Als  wenn  dies  die
Behörden  nicht  besser  wüßten!  Dies  wird  am  Rhein  besprochen  und
kritisiert.  Der  Adel  macht  sich  durch  Gemeinheiten  einzelner  verächtlich.
Und  was  sonst  noch  alles  vorgebracht  werden  mag,  das  Ehescheidungsgesetz
  und  das  Strafgesetz  gar  nicht  zu  erwähnen.  Nehmen  wir  nun  diese
Stimmung  mit  den  Persönlichkeiten  des  jetzigen  Ministeriums  zusammen,
so  findet  sich  von  selbst,  daß  dem  Uebel  nicht  abgeholfen  werden  kann,
wenn  nicht  von  oben  her  eine  Veränderung  der  Personalien  geschieht.
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        26  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Man  darf  es  sich  nicht  verhehlen:  eine  kleine  Veranlassung,  und  wir  haben
Aufstand.  Einer  reißt  den  andern  fort.  Das  Militär  ist  unzuverlässig.
Wer  soll  den  Strom  aufhalten,  wenn  er  den  Damm  durchbricht  und
brausend  über  Wiese  und  Feld  dahinströmt!  Wer  jetzt  nicht  seinen  Kopf
oben  hält,  wer  nicht  mit  Macht  daran  arbeitet,  sich  eine  tüchtige  Bildung
zu  verschaffen,  ist  verloren.  Denn  es  wird  eine  Zeit  kommen,  wo  auf
den  Stand  nicht  mehr  gesehen  wird,  wo  sich  Hohe  und  Niedere  im  freien
Wort  gegenseitig  bekämpfen  müssen.  Die  Pflicht  der  Aristokratie  ist,  sich
zu  waffnen,  nicht  mit  Schild  und  Speer,  sondern  mit  dem  Wort  voll
Kraft,  das  sie  aus  der  Wissenschaft  schöpfe,  damit  sie  eine  feste,  wahre
und  undurchdringliche  Stütze  für  den  Thron  und  für  sich  selbst  sein  könne.
Wir  sind  die  Bäume,  auf  die  die  Untergehenden  sich  bei  der  Wasserflut
retten  können.  Sehen  wir  zu,  daß  unsere  Wurzeln  nicht  morsch  werden,
sondern  auf  festem  Grund  und  Boden  stehen!

An  die  Mutter.
Berlin,  15.  Juli  1844.
Bei  Hofe  bin  ich  fast  alle  Sonntage  zum  Diner  und  habe  mir  zu
meinem  Erstaunen  die  Gunst  der  hohen  Herrschaften  erworben.  Der  König
offerierte  mir  gestern  sogar  seine  Dose,  aus  der  ich  mit  Begeisterung  eine
Prise  nahm.

„Mitte  Juli.“  schreibt  das  Tagebuch,  „reiste  ich  nach  Corvey  und
empfand  dort  recht  wieder  den  Unterschied  der  Luft.  Hier  Geist  und
Körper  niederdrückend,  dort  erhebend.  Dazu  kam  die  freundliche  Vereinigung
  mit  Viktor,  Gustav  und  Konstantin.1)  Dann  bis  zum  Oktober
ruhiges  und  ungestörtes  Leben  in  Potsdam.  Parforcejagden,  Ende  mit
Schrecken.  Im  Dezember  nach  Rauden.  Frohes,  inniges  und  unvergeßliches
Zusammenleben  mit  Mama,  Philipp  Ernst,  Konstantin  und  Gustav.  Am
8.  Januar  1845  nach  Berlin.  Interessanter  Karneval,  Krollsche  Romantik,
Eisbahn,  Hoffeste.  Viktors  Ankunft.  Freude  über  sein  Glück.“?)

An  die  Mutter.
Berlin,  17.  Januar  1845.

Gestern  erhielt  ich  einen  Brief  von  Viktor  mit  der  Nachricht,  daß  er
erst  am  20.  hierherkommen  wird.  Zugleich  bestätigte  er  meine  Landtagsvertretung.3)
  Ich  gehe  dann  mit  Viktor  zusammen  nach  Breslau.  Wie

 

1)  Der  jüngste  der  Brüder,  geboren  8.  September  1828.
2)  Infolge  der  Verlobung  mit  der  Prinzessin  Amalie  von  Fürstenberg.
3)  Im  schlesischen  Provinziallandtag.
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  27

viel  Nutzen  diese  Landtagsvertretung  auch  für  mich  hat  —  ich  habe  schon
die  interessantesten  Gespräche  mit  Ministern  und  andern,  auch  mit  dem
Prinzen  von  Preußen  darüber  gehabt  —,  so  ist  mir  doch  unangenehm
dabei  zumute.  Ich  habe  aus  den  wenigen  Konversationen  die  Verwirrung
und  Unklarheit  der  Begriffe  in  den  höchsten  Regionen  erkannt  und  gesehen,
wie  man  jeden  Wunsch  des  Volks,  der  mit  den  Absichten  der  Regierung
nicht  übereinstimmt,  für  ein  Staatsverbrechen  ansieht.  Der  Landtag  würde
für  mich  ein  Wendepunkt  sein,  wenn  ich  nicht  als  Anfänger  das  Recht  hätte,
wenig  zu  sprechen  und  meine  Prinzipien  möglichst  noch  im  Dunkeln  zu  halten.

Der  Aufenthalt  des  Prinzen  in  Breslau  dauerte  von  Anfang  Februar
bis  zum  10.  April.  Am  19.  April  fand  die  Vermählung  des  Herzogs  von
Ratibor  mit  der  Prinzessin  Amalie  von  Fürstenberg  in  Donaueschingen
statt.  Schon  vorher  war  die  ernste  Erkrankung  des  Fürsten  Philipp  Ernst
eingetreten.  „Frohe  und  doch  schon  getrübte  Hochzeitstage,“  sagt  das
Tagebuch.  Bald  nach  der  Hochzeitsfeier  in  Donaueschingen  verschlimmerte
sich  der  Zustand,  und  am  3.  Mai  1845  trat  der  Tod  ein.  „Mit  diesem
Ereignis,“  schreibt  das  Tagebuch  am  14.  Mai,  „fängt  ein  neues  Leben
für  mich  an.  Dieser  Todesfall,  der  mir  den  genommen  hat,  der  meinem
Herzen  am  nächsten  war,  mit  dem  ich  so  unendlich  viel  Uebereinstimmendes
in  der  Art  zu  denken  und  zu  fühlen  hatte,  der  mir  den  vergangenen
Winter  wieder  so  ganz  nahe  getreten  war,  zerstört  mir  meine  innere  Heiterkeit,
  den  eigentlichen  weltlichen  Frohsinn  auf  immer.  Was  ich  niemand
vertraute,  habe  ich  ihm  gesagt,  weil  er  alles  verstand,  überall  die  Persönlichkeit
  nachsichtig  berücksichtigte,  mild  und  liebenswürdig  .“

Die  äußere  Folge  dieses  Verlustes  war  die  Entscheidung  in  dem  Leben
des  Prinzen,  die  ihn  zum  regierenden  Fürsten  von  Schillingsfürst  machte.
Im  Laufe  des  Sommers  fanden  die  Verhandlungen  statt,  die  zu  einem
Vertrage  mit  dem  Herzog  von  Ratibor  führten.  Durch  diesen  Vertrag
verzichtete  Prinz  Chlodwig  auf  Corvey,  während  der  Herzog  von  Ratibor
ihm  die  Erbfolge  in  Schillingsfürst  abtrat.  Die  Herrschaft  Treffurt  blieb
dem  Fürsten  Chlodwig,  später  hat  er  diese  Besitzung  verkauft  und  dafür
größeren  Grundbesitz  in  der  Provinz  Posen  erworben.  Das  Aufgeben
des  preußischen  Staatsdienstes  war  die  weitere  Folge.  „Am  11.  Juni,"
schreibt  das  Tagebuch,  „war  ich  bei  Arnim.  Der  Empfang  war  sehr
förmlich  und  kälter  als  sonst.  Auf  mein  Exposé  erwiderte  er  bloß,  ob
ich  nun  noch  weiter  in  Potsdam  arbeiten  wolle.  Da  ich  ihm  hierauf  sagte,
daß  dies  vielleicht  der  Fall,  aber  ohne  Ziel  sei,  gab  er  seine  Beistimmung,
mithin  zu  erkennen,  daß  es  ihm  vollständig  einerlei  sei  oder  vielmehr
erwünscht,  wenn  ich  meine  Karriere  aufgebe.  Wo  ich  nicht  das  geringste
Encouragement  finde,  tue  ich  besser,  abzugehen.  Vorerst  werde  ich  meine
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        28  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Rückkunft  nach  Potsdam  dahingestellt  sein  lassen,  auf  unbestimmte  Zeit
Urlaub  nehmen  und  dann  sehen,  was  in  Schillingsfürst  zu  machen  ist.“

Den  ganzen  Winter  1845  bis  1846  brachte  der  Fürst  in  Schillingsfürst
zu.  „Schrecklicher  Winter,“  heißt  es  in  dem  Tagebuch,  „der  doch  auch
sein  Gutes  gehabt  hat.  Der  Mensch  kann  alles  ertragen,  wenn  er  nur
will.  Voluntas  est  potestas.“  Aus  dem  einsamen  Winter  auf  Schillingsfürst
  stammt  das  folgende  Gedicht:

 

Vom  Schlosse  schau'  ich  einsam  Sie  haben  viel  tausend  Tränen
Ins  stille  Tal  hinab.  Ins  Grab  dir  nachgesandt;
Da  seh'  ich  im  Mondschein  blinken  Sie  haben  sich  wieder  getröstet,
Die  Kirche  und  das  Grab.  Sie  haben  dich  nicht  gekannt.
Da  haben  sie  dich  begraben,  Doch  meine  Tränen  fließen
Den  ich  so  heiß  geliebt,  Noch  wie  an  jenem  Tag,

Den  Freund,  den  tapfern,  treuen,  Da  man  dich  hinuntergetragen
Den  —  ach,  wie's  keinen  gibt!  Und  mir  das  Herz  zerbrach.

Aus  Briefen  an  die  Prinzessin  Amalie.
Schillingsfürst,  4.  März  1846.

 

In  die  Ferne  möcht'  ich  ziehen,  Mit  des  Südens  Kindern  möcht’  ich
Durch  die  Täler,  über  die  Höhen,  Palmenwälder  kühn  durchstreifen

Ob  auch  grause  Winterstürme  Und  auf  mut'gem  Roß  Arabiens

Um  des  Schlosses  Zinnen  wehen.  Durch  die  glühende  Wüste  schweifen.
Durch  die  Meere  sollt'’  mein  Schifflein  Mit  dem  Schwert,  dem  freiheitsstarken,
Einen  kühnen  Seemann  tragen,  Möcht'  ich  in  die  Feinde  hauen

Ob  auch  Well'  auf  Welle  drohet  Und  die  siegende  Einheit  Deutschlands
Und  die  Schiffer  bang  verzagen.  Noch  mit  brechendem  Auge  schauen.

Alles  möcht'  ich,  nur  nicht  einsam
Hinter  staub'gen  Akten  sitzen

Und  in  Schlafrock  und  Pantoffeln
Gähnend  mir  die  Feder  spitzen.

Eben  habe  ich  meinen  unruhigen,  nervösen  Brief  etwas  unterbrochen
und  zum  Fenster  hinausgeschaut.  Ach,  was  das  beruhigt!  Diese  wunderbar
  schöne  Mondnacht,  die  sich  über  die  weiten  Täler  und  die  Berge  herabgesenkt
  hat.  Es  ist  alles  so  still  und  friedlich  und  warm,  und  Frühlingslüfte
  wehen  hier  oben  auf  dem  Berg.  Doa  zieht  denn  die  Erinnerung  an
vergangene  Zeiten  mit  stiller  Wehmut  in  das  Herz,  und  was  wir  Gutes
im  Leben  einmal  gedacht  und  getan,  steigt  wieder  aus  der  Vergangenheit
empor  und  mit  diesem  die  Erinnerung  an  die  Abgeschiedenen,  ja  sie  selbst.
Ach,  es  ist  doch  ein  Trost,  daß  dies  alte  heimliche  Nest  nicht  verwaist
und  tot  in  die  schöne  Nacht  hinaussieht,  sondern  so  einem  verdorbenen
        <pb n="39" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1817)  29

Poeten  gehört,  der  dann  und  wann  selbst  in  eine  schöne  Mondnacht
hinaus  sieht.  Es  ist  mir  dann,  als  freute  sich  der  alte  Steinkasten
selbst  darüber.

14.  März  1846.

..  Ich  bekomme  jetzt  einen  sehr  guten  Pfarrer  nach  Frankenheim,
einen  ernsten,  tüchtigen  Mann  namens  Bischof,  der  neulich  hier  war.  Er
ist  von  allen  Bewerbern  der  fähigste  seinen  Zeugnissen  nach,  und  seine
Unterhaltung  war  mir  eine  Freude  in  meiner  Einsamkeit.  Ich  war  gleich
mit  ihm  ganz  zu  Hause  in  einem  philosophischen  Gespräch,  was  immer  ein
Beweis  für  ihn  ist.  Dabei  ist  er  kein  Rationalist,  sondern  ein  ordentlicher
Christ,  aber  auch  kein  Mucker,  und,  wenn  meine  Menschenkenntnis  mich
auch  oft  täuscht,  so  habe  ich  doch  für  Pfarrer,  Gouvernanten  und  Hofmeister
  einen  richtigen  Blick.

Ich  richte  den  Garten  jetzt  etwas  her,  mache  Anschläge  und  Pläne
für  Einrichtung  eines  Gartenhauses.  Anlagen  zu  machen  und  zu  bauen,
wird  mich  übrigens  nie  sehr  beschäftigen.  Ich  langweile  mich  horrend
dabei,  besonders  beim  Bauen.

7.  April  1846.

Das  Gervinussche  Buch  #)  habe  ich  gelesen.  Vieles  ist  mir  aus  der
Seele  geschrieben,  besonders  der  Ekel  vor  allem  Dogmatischen,  der  mir
durch  Traktätchen  von  Gustel  bis  zum  höchsten  Grade  gesteigert  worden
ist.  Sehr  richtig  ist  auch,  was  er  über  Schleiermacher  sagt.  Allein  in
seine  sanguinischen  Hoffnungen  kann  ich  nicht  einstimmen,  insbesondere
darin  nicht,  daß  er  seine  Hoffnungen  auf  solche  Wasserschädel  wie  Ronge
und  Czersky  verschwendet.  Zwar  würde  ich  mich  auch  über  eine  große,
allgemeine  christliche  Kirche  freuen,  die  das  Christentum  rein  und  erhaben
erfaßte,  ich  glaube  auch,  daß  so  etwas  möglich  ist,  ich  bin  aber  darin
entgegengesetzer  Ansicht,  daß  diese  kirchliche  oder  religiöse  Einigung  vor
der  politischen  möglich  sei.  Letzteres  glaube  und  hoffe  ich  nicht.  Der
religiösen  Einheit  muß  die  politische  vorangehen,  wenn  nicht  eben  durch
das  Streben  nach  religiöser  Einheit  ein  Zustand  herbeigeführt  werden  soll,
der  zum  Gegenteil  führt.  Dieser  unklare  Satz  sollte  freilich  noch  weiter
ausgeführt  werden,  doch  hoffe  ich,  Du  verstehst  ihn  schon.

Ich  kann  mich  übrigens,  soviel  ich  mir  in  letzter  Zeit  habe  vorlügen
wollen,  in  alle  Dogmen  nicht  mehr  hineinarbeiten,  und  deshalb  eben  habe
ich  einige  Stellen  in  dem  Gervinusschen  Buche  als  meine  innersten  Gedanken
erkannt.  Ich  bin  überhaupt  in  der  Einsamkeit  dieses  Winters  unendlich

 

1)  „Die  Mission  der  Deutschkatholiken.“  1846.
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        30  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

aufrichtig  gegen  mich  selbst  geworden  und  strebe  nun,  auch  gegen  andre
ebenso  aufrichtig  zu  sein.  Die  Lüge  hat  nie  in  meiner  Natur  gelegen,  und
alles,  was  davon  in  mich  gekommen  ist,  verdanke  ich  Herrn  Boltes  1)  in
ihrer  Art  vortrefflichen  Erziehung.  „Bleibe  dir  selbst  getreu“  ist  ein  Satz,
den  man  sich  mit  goldenen  Buchstaben  überall  hinschreiben  sollte.  Und
darum  muß  ich  denn  sagen,  daß  ich  durchaus  noch  nicht  ans  Heiraten  denke.
Ich  komme  mehr  und  mehr  zu  der  Ueberzeugung,  daß  das  Heiraten  für  einen
Mann  nicht  Zweck,  sondern  Mittel  sein  soll,  Mittel  zur  Veredelung  seiner
Natur.  Die  Frau  soll  „der  schattige  Fußpfad  neben  der  Heerstraße  des
Lebens“  sein.  Allein  um  solchen  Glückes  teilhaftig  zu  werden,  dazu  gehört,
daß  man  rüstig  auf  der  Heerstraße  des  Lebens  einherwandeln  könne,  daß
man  ein  Ziel  erreicht,  ein  weiteres  vor  sich  habe.  In  unserm  Stande  wird
das  Heiraten  zu  leicht  zum  Zweck  des  Lebens.  Doa  setzt  sich  so  ein  Reichsfürst
  in  sein  Schloß,  verheiratet  sich,  geht  auf  die  Jagd,  unterschreibt
Dekrete  und  denkt  wunder,  was  er  für  ein  Held  sei,  und  dabei  fühlt  er,
wenn  er  noch  so  glücklich  in  seiner  Ehe  ist,  eine  gewisse  innere  Unzufriedenheit,
  die  er  sich  nicht  erklären  kann  und  die  ihm  seine  Tage  verbittert,  und
das  ist  der  Mangel  eines  bestimmten  Ziels,  der  Mangel  an  tätiger  Teilnahme
  an  den  höheren  Interessen  der  Menschheit,  kurz,  die  Stimme  des
Gewissens,  die  er  nicht  versteht,  nicht  verstehen  kann  oder  will.  Ein  Grundbesitz
  wie  in  Schlesien,  das  regere  Leben  der  Norddeutschen  und  Preußen
gewährt  für  solche  Existenzen  schon  ganz  andre  Ersatz=  und  Anregungsmittel,
  Süddeutschland  nicht.  Und  die  Glücklichen  sind  in  diesem  Lande
und  in  unserm  Stande  nicht  die  Männer,  sondern  die  Frauen,  wenn  sie
einigermaßen  ihre  Stellung  verstehen.  Nichts  aber  läßt  einen  gescheiten,
denkenden  Menschen  leichter  in  Melancholie  verfallen  als  das  Bewußtsein,
nichts  mehr  erstreben,  wirken  und  schaffen  zu  können.  Sage  mir  nicht,
daß  mein  hiesiger  Wirkungskreis  mir  genügen  müsse.  Der  gibt  viel  zu
wenig  zu  tun,  und  alles,  was  er  zu  tun  gibt,  ist  nicht  geeignet,  die  Seele
zu  erheben.  Das  ist  gut  für  die  reiferen  Jahre,  nicht  aber  als  Schule
fürs  Leben,  und  ich  will  und  muß  noch  in  die  Schule  gehen,  ich  will  und
muß  noch  die  Wahrheit  der  Worte  Chamissos  anerkennen:  „Laß  uns
arbeiten  und  schaffen  in  unfrer  Wissenschaft,  damit  wir  nicht  auf  den
Gedanken  geraten,  uns  eine  Kugel  durch  den  Kopf  zu  jagen.“

Am  18.  April  1846  war  der  Fürst  in  die  bayrische  Kammer  der
Reichsräte  eingetreten  und  hatte  sich  an  deren  Arbeiten  in  München  beteiligt.
  Den  Niederschlag  seiner  ersten  Erlebnisse  auf  dem  Gebiete  der
bayrischen  Politik  gibt  die  folgende  Aufzeichnung  des  Tagebuchs:

 

1)  Langjähriger  Hofmeister  der  Prinzen.
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        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  31

München,  9.  Mai  1846.

Nichts  ist  im  politischen  Leben  schlimmer  und  besser  als  jene  Uebergänge
  vom  Zweifel  zum  festen  Bewußtsein.  Schlimm,  weil  sie  am  innersten
Leben  zehren,  gut,  weil  sie  dem  Zustande  des  Zweifels  ein  Ende  machen.
Ich  bin  jetzt  so  weit  gekommen.  Wenn  ich  bisher  noch  von  der  sogenannten
ultramontanen  Partei  gut  dachte,  wenn  ich  sie  für  ungefährlich  hielt,  so
ist  dieser  Gedanke,  der  mich  bisher  immer  im  Zweifel  hielt,  was  ich  zu
tun  habe,  gewichen.  Seit  meinem  Gespräche  mit  H.  J.  hat  sich  meine
Ansicht  befestigt.  Ich  sehe  nun  plötzlich  den  Abgrund,  in  den  ich  durch
die  Politik  der  Jesuiten  zu  stürzen  Gefahr  lief.  Die  Unduldsamkeit,  der
Haß  gegen  den  Protestantismus,  der  sich  bei  ihm  ganz  klar  darstellte,  die
Idee,  daß  die  Reformation  mit  allen  ihren  Folgen  nur  eine  Verirrung
gewesen,  daß  unfre  philosophischen,  literarischen  und  andern  Glanz=  oder
Größenpunkte  nur  Verirrungen  des  menschlichen  Geistes  seien,  ist  eine  zu
absurde,  meinem  innersten  Wesen  zu  diametral  entgegengesetzte  Perfidität
und  auf  eine  innere  Verworfenheit  zeigende  Korruption,  als  daß  ich  mich
je  entschließen  dürfte  und  könnte,  ohne  mein  ganzes  vergangenes  inneres
Leben,  alle  meine  teuersten  Ueberzeugungen  zu  verleugnen,  dieser  Partei
auch  nur  die  geringste  Hilfe  zu  leisten.  Ich  bitte  Gott  um  Kraft,  daß  er
die  Versuchung  dieser  Teufelsgesellschaft,  die  nur  auf  Unterjochung  der
menschlichen  Freiheit,  und  zwar  der  geistigen,  hinarbeitet,  von  mir  fernhalten
  möge,  damit  ich  weder  durch  Versprechungen  noch  durch  Drohungen
irre  gemacht  werde,  vom  rechten  Pfade  der  Wahrheit  abzugehen.  Dazu
bedarf  es  eines  offenen  Bruchs  mit  der  ganzen  Clique,  den  ich  so  bald
wie  nur  immer  möglich  herbeiführen  werde.

An  die  Prinzessin  Amalie.
München,  2.  Juni  1846.

Ich  akklimatisiere  mich,  wie  Herr  Bolte  sagt,  mehr  und  mehr  in
München.  Schon  ist  es  mir  möglich,  mit  dem  Volke  in  einem  aus
Hohenlohisch  und  Altbayrisch  zusammengesetzten  Dialekt  zu  sprechen  und
in  der  Gesellschaft  französische  Phrasen  mit  deutschen  elegant  zu  verschmelzen.
Sonst  lebe  ich,  da  die  große  Welt  sich  zerstreut  hat,  still  für  meine  Pläne
und  für  die  Kunst  und  bedauere,  daß  ich  dich  nicht  in  all  dem  Schönen
herumführen  kann.

An  die  Mutter.
Schillingsfürst,  20.  Juni  1846.
Meine  Pläne  sind  noch  unbestimmt,  da  ich  noch  abwarte,  ob  der
König  mich  zum  Vorstande  des  Landwirtschaftlichen  Zentralvereins  ernennt,
und  dann  nach  München  gehe,  um  mich  zu  orientieren.  Hier  beschäftige
        <pb n="42" />
        32  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

ich  mich  neben  meinen  Geschäften  mit  Lesung  landwirtschaftlicher  Bücher,
um  dann  recht  salbungsvoll  über  Verbesserung  der  Bodenkultur  reden  zu
können.  Das  Amt  läßt  nun  freilich  eine  Fortsetzung  der  preußischen
Karriere  nicht  zu,  allein  es  bringt  mich  in  so  genaue  Verbindung  mit  dem
Kronprinzen  und  macht  mich  zu  einer  Art  Vermittler  zwischen  dem  Kronprinzen
  und  dem  König,  daß  ich  zwar  in  eine  sehr  schwierige,  aber  ebenso
lehrreiche  als  vielleicht  für  spätere  hohe  Staatsdienstpläne  fruchtbringende
Stellung  gesetzt  werde.  Da  man  mir  diese  Stelle,  ohne  daß  ich  etwas
verlangte,  angeboten  hat,  der  ich  erst  seit  Wochen  in  München  bekannt
bin,  so  war  es  zu  ehrenvoll,  als  daß  ich  ausschlagen  konnte.

Am  26.  Juni  1846  erfolgte  die  Entlassung  aus  dem  preußischen
Staatsdienste  durch  die  Regierung  zu  Potsdam  mit  dem  Wunsche,  „daß
der  Rückblick  auf  die  Zeit  Ihres  hiesigen  Referendariats,  während  welcher
Sie  sich  mit  lebendiger  Teilnahme  dem  Geschäftsleben  widmeten,  für  Eure
Durchlaucht  nur  angenehme  Erinnerungen  mit  sich  führen  möge.

An  die  Prinzessin  Amalie.
-  Schillingsfürst,  1.  Juli  1846.

Wenn  man  in  einem  einsamen  Schlosse,  um  das  die  Winde  heulen,
ohne  menschliche  Gesellschaft,  nur  mit  Büchern  und  Jagd  beschäftigt,  seinen
Lebensmut  erhält,  so  muß  wohl  die  Luft  daran  schuld  sein.  Und  diese
Luft  ist  es  auch,  die  mich  an  der  neuen  Tätigkeit,  die  mir  bevorsteht,
Vergnügen  finden  läßt.  Allerdings  ist  diese  Landwirtschaft  wirklich  pure
Mißwirtschaft,  und  darum  studiere  ich  auch  mit  Eifer  darauf  bezügliche
Bücher.  Da  tut  sich  mir  denn  ein  neues  Feld  des  Wissens  auf,  eine
neue  Welt  der  Erkenntnis,  ich  sehe  die  Menschen  und  das  Vieh  mit  andern
Augen  an,  erhalte  Achtung  vor  Personen  und  Bestrebungen,  die  ich  früher
verachtete,  und  finde  mehr  und  mehr  den  alten  Satz  bestätigt,  daß  alle
Philosophie,  alle  Abstraktion  nur  dann  einen  Wert  hat,  wenn  sie  auf  die
konkrete  Basis  einer  möglichst  großen  und  weiten  positiven  Kenntnis  ge—
gründet  ist.  Aus  diesem  Gesichtspunkt  betrachtet  und  aus  der  Rücksicht,
daß  der  Mensch,  der  von  Natur  faul  ist,  einen  äußeren  Antrieb  zur  Beschäftigung
  haben  muß,  wenn  er  nicht  untergehen  will,  und  daß  der
Mann  nur  ein  ganzer  Mann  ist,  der  etwas  Tüchtiges  tut  (im  Gegensatz
zur  Frau,  die  etwas  sein  muß),  aus  dieser  Rücksicht  und  vielen  andern
ist  mir  die  in  Aussicht  gestellte  Tätigkeit  sehr  erwünscht  und  erfreulich.
Sollte,  was  noch  immer  nicht  bestimmt  ist,  die  Sache  für  mich  günstig
ausgehen,  so  sehe  ich  darin  einen  glücklichen  Wink  des  Schicksals.)  Wie
gern  säße  ich  jetzt  einen  Abend  bei  Euch  in  Mamas  Zimmer!  Ihr  würdet

 

1)  Der  Fürst  erhielt  das  in  Aussicht  gestellte  Amt  nicht.
        <pb n="43" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  33

Eure  Freude  haben  an  dem  frischen,  fröhlichen  Mut,  mit  dem  ich  mir
mein  Leben  zimmern  will.  Dann  wollte  ich  auch  der  lieben  Mama  ihre
Sorgen  möglichst  verscheuchen  und  ihr  sagen,  daß  Gustavs  Plan,  den
Winter  nach  Italien  zu  gehen,  gar  nicht  gefährlich  ist,  daß  es  zweierlei
Menschen  gibt  und  geben  muß:  die,  welche  sich  und  der  Welt  durch  den
freien  Gedanken  in  der  Wissenschaft  und  im  Staat  nützen,  und  andre,  die,
an  das  Gegebene  sich  haltend,  für  den  positiven  Glauben  arbeiten,  dessen
Kulminationspunkt  die  katholische  Kirche  ist.  Daß  man  aber  eines  oder
das  andre  ergreifen  könne,  wenn  man  es  aber  ergriffen  hat,  auch  ganz
durchführen  müsse,  daß  deshalb  auch  der  Aufenthalt  in  Rom  Gustav  nicht
zu  einem  Jesuiten,  sondern  zum  klaren  und  festen  katholischen  Geistlichen
machen  werde,  wie  es  Diepenbrock  und  Schwarzenberg,  welche  auch  in
Rom  waren,  geworden  sind.  Alles,  was  man  tut,  muß  man  ganz  tun;
unfre  Zeit  der  Widersprüche  und  des  Kampfes  verlangt,  daß  jeder  seine
Ueberzeugung  ausspreche,  daß  er  Partei  nehme.  Denn  nicht  jeder  ist
berufen,  zu  vermitteln,  sondern  in  einer  Partei  mitzubauen,  damit  alles
vorbereitet  werde,  wenn  Gott  die  Stunde  der  Ausgleichung  oder  der
Vereinigung  schlagen  läßt.

Mit  dem  Gefühle  innerer  Klarheit  und  männlicher  Entschlossenheit,
das  die  letzten  Briefe  erfüllt,  war  in  dem  Fürsten  die  Ueberzeugung  entstanden,
  daß  nunmehr  auch  der  Zeitpunkt  gekommen  sei,  der  ihm  am
7.  April  noch  fern  schien,  der  Zeitpunkt  für  die  Vollendung  seiner  Existenz
durch  die  Ehe.  Wir  sehen  aus  den  folgenden  Briefen,  daß  er  freundlichen
Gedanken  befreundeter  Personen,  die  ihm  zu  diesem  Glück  zu  helfen  wünschten,
nicht  mehr  ablehnend  begegnete.

An  die  Prinzessin  Amalie.
Frankfurt,  8.  August  1846.

...  In  Köln  sagte  mir  Herr  v.  Verno,  daß  die  Wittgensteins  nach
Schwalbach  kämen.  Onkel  Konstantins  Freund,  Herr  Mülhens  in  Frankfurt,
  ist  mit  der  Familie  sehr  bekannt.  Nach  seiner  Aussage  soll  diese
Familie  ganz  ausgezeichnet  sein,  und  Herr  Mülhens  ist  der  ehrenhafteste,
gemütlichste  und  eleganteste  Mensch  von  der  Welt.  La  personne  principale
soll  ein  Wunder  von  Liebenswürdigkeit  und  Natürlichkeit  sein,  fromm,  gut
u.  s.  w.  Wäre  ich  nun  nicht  ein  Vieh,  wenn  ich  diese  Gelegenheit,  sie  zu
sehen,  vorübergehen  ließe?  Die  Dame  soll  trotz  ihrer  17  Jahre  selbständig
  sein  und  nicht  leicht  zu  gewinnen.  Der  Eintritt  in  die  Familie  ist
so  leicht  wie  möglich.  In  Ostende  fand  ich  Frau  v.  Lazareff  und  Prinzeß
Fanny  Biron,  die  mit  Wittgensteins  sehr  genau  befreundet  ist.  Beider
Herzen  habe  ich  mir  durch  ungemeine  Liebenswürdigkeit,  Mondscheinpromenaden,
  Seefahrten  und  Gesang  erworben,  so  daß  sie  mich  dringend

Fürft  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  3
        <pb n="44" />
        34  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

einluden,  sie  in  Schwalbach  zu  besuchen,  wo  sie  bei  Wittgensteins  acht
Tage  bleiben  wollen.  Ohne  je  über  den  Plan  zu  sprechen,  der  mich  bewegte,
merkte  ich,  daß  sie  denselben  Wunsch  hegen,  und  da  sie  ungemein  zart  und
taktvoll,  dabei  doch  ein  wenig  intrigant  sind,  so  gehe  ich  mit  großer
Seelenruhe  in  diese  Falle,  die  ich  mir  von  andern  habe  bauen  lassen.  Das
Gewebe  von  Intrigen,  welches  ich  zu  dem  einen  Zwecke  angesponnen  habe,
die  Personen,  die,  ohne  es  zu  wissen,  dabei  tätig  waren,  ist  wahrhaft
jesuitisch,  und  ich  tue  mir  viel  darauf  zugute.  In  der  Hauptsache  aber
könnt  Ihr  wohl  überzeugt  sein,  daß  ich  nur  ehrenhaft  handeln  und  Gelzers
zehnte  Rede  )  nicht  vergessen  werde.  Ich  bin  von  dem  Ernst  des  Schritts,
der  sich  an  diese  Reise  knüpfen  kann,  wohl  überzeugt,  werde  mich  durch
keine  äußeren  Verhältnisse  bestimmen  lassen,  eine  Lüge  zum  Begleiter
meines  Lebens  zu  machen.  Ich  habe  Mut  genug  und  Ruhe  und  Selbstbewußtsein,
  um  die  Sache  vorsichtig  zu  betreiben.

Bingen,  5.  Oktober  1846.

..  .Mit  jedem  Tage  fühle  ich  mehr  und  mehr,  welches  unbeschreibliche
  Glück  mir  unverdienterweise  zugefallen  ist.  Jeder  Tag  bringt  neue
Annäherung,  und  zwar  nicht  gewöhnlicher  Art,  sondern  eine  jener  innigen,
verstandenen  Konversationen,  bei  denen  die  Augen  sich  gegenseitig  in  Freude
anleuchten,  daß  man  auch  hier,  auch  in  diesem  Punkte  so  von  Grund  der
Seele  übereinstimmt.  Um  so  anerkennenswerter  ist  dies,  als  ich,  wie  Du
weißt,  nicht  gern  ernste  Konversationen  französisch  führe,  um  so  bewunderungswerter,
  als  sie  erst  17  ½  Jahre  alt  ist.  Daß  mir  in  solchem  Beisammensein
die  Zeit  wie  im  Paradies  hingeht,  kannst  Du  denken.  Daß  noch  keine
Erklärung  erfolgt  ist,  gibt  der  ganzen  Sache  noch  einen  eigentümlichen  Reiz.

Bingen,  30.  Oktober  1846.

Nachdem  die  äußeren  Rücksichten  beseitigt,  traten  mir  nun  auf  der
Reise  die  inneren  Beziehungen  und  Rücksichten  recht  klar  und  deutlich  vor
die  Seele.  Die  Heiligkeit  der  Ehe  ward  mir  klarer,  die  Notwendigkeit
gegenseitiger  unbegrenzter  Liebe  und  unbedingten  Vertrauens  und  alle
ähnlichen  Betrachtungen  kamen  mir  vor  die  Augen  und  peinigten  mich
gewaltig.  Denn  ich  mußte  zwei  Dinge  anerkennen.  Einmal,  daß  ich  selbst
mit  meiner  Zuneigung  über  ihre  Gefühle  nicht  im  klaren  sei,  ferner  aber,
daß  eine  Reise  nach  Bingen  einer  Deklaration  sehr  nahe  kam  und  der
Rücktritt  dann  sehr  schwer  werde.  Diese  Betrachtungen  und  Skrupel
waren  es  denn  auch,  die  mein  Blut  zum  Herzen  trieben  und  mir  jene

 

1)  Gelzer,  Die  Religion  im  Leben.  Reden  an  Gebildete.  Zehnte  Rede:  Die
sittlich-religiöse  Ehe.
        <pb n="45" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  35

unbehagliche  Empfindung  gaben,  die  den  leichtsinnigsten  und  entschlossensten
Menschen  ergreift,  wenn  er  im  Begriffe  ist,  einen  für  das  ganze  Leben
entscheidenden  Schritt  zu  tun.  So  stieg  ich  denn  a  rather  pale  looking
JFoung  man  ans  Ufer  und  bewegte  mich  nach  dem  Hotel  Viktoria.  Niemand
  war  zu  Hause  bis  ½5  Uhr.  Ich  hatte  also  Zeit  zur  Ruhe.  Zur
bestimmten  Stunde  kam  ich  in  den  Salon.  Die  Fürstin  kam  zuerst,  hinter
ihr  eine  andre  schöne  große  Dame.  Alles,  was  mir  mißfallen  hatte,  sah
ich  nicht  mehr,  was  ich  aber  sah,  war  ein  freundlicher,  verständnisinniger
Blick,  der  mir  wie  ein  milder  Sonnenstrahl  ins  Herz  fiel  und  vor  dem
alle  Zweifel  und  Skrupel  wie  Eis  zerschmolzen.  Von  diesem  Augenblick
an  war  aller  embarras  weg.  Wir  unterhielten  uns  bei  Tisch  mit  jener
exklusiven,  alles  vergessenden  Gesprächigkeit,  die  aus  dem  frohen  Behagen
entspringt,  sich  nun  nach  langer  und  nicht  zu  langer  Zeit  wiederzusehen,
jenem  Behagen,  jener  Freude,  die  so  viel  Hoffnung,  so  viel  Glück  in  sich  trägt.

München,  16.  November  1846.

..JIch  bleibe  nun  noch  einige  Zeit  hier,  ungefähr  bis  zum  3.  Dezember,
dann  kehre  ich  nach  Schillingsfürst  zurück.  Ich  habe  wieder  recht  schöne,
liebe  Briefe  bekommen  und  sehe  mehr  und  mehr,  wie  sich  da  eine  ganze
Welt  des  Vertrauens  und  der  Sicherheit  für  mich  eröffnet,  die  mir  in
allen  Schwierigkeiten  und  Fatalitäten  des  Lebens  gleichsam  wie  ein  sicherer
Hafen  eine  Zuflucht  gibt.

München,  21.  November  1846.

...  Wenn  ich  erst  verheiratet  bin,  dann  werde  ich  mit  neuer  Kraft
und  Tätigkeit  an  mein  Tagewerk  gehen,  gefährlich  vielleicht,  ehrenvoll
immer.  Es  ist  eine  schöne  Sache  um  eine  großartige  Tätigkeit  für  ein
ganzes  Land.  Und  in  allen  Arbeiten  an  eine  gute,  freundliche  Frau  zu
denken,  das  ist  ein  großer  Trost  und  eine  Stärkung  .  .  Ich  kann  Gott
nicht  dankbar  genug  dafür  sein.  Ich  habe  ein  solches  Vertrauen  in  diesen
Charakter,  wie  ich  noch  selten  auf  ein  menschliches  Wesen  vertraut  habe.
Es  ist  in  Beziehung  auf  Marie  eine  Stetigkeit  und  Unveränderlichkeit  des
Gefühls  und  der  Gedanken  über  mich  gekommen,  von  der  ich  früher  keinen
Begriff  hatte.

Königs  waren  sehr  gnädig  gegen  mich.  Ich  habe  auch  die  Bekanntschaft
  des  Herzogs  von  Leuchtenberg  und  des  Kronprinzen  von  Schweden
gemacht.  Deux  jeunes  gens  fort  aimables.

Frankfurt,  30.  Dezember  1846.
Seit  drei  Tagen  bin  ich  hier,  und  wenn  ich  Dir  alles  sagen  wollte
und  könnte,  was  mich  jetzt  bewegt,  so  müßte  ich  Zeit,  Ruhe  und  immenses
Talent  haben.  Von  dem  Augenblick  an,  als  ich  abends  im  Salon,  am
        <pb n="46" />
        36  Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)

Kamin  wartend,  Marie  freundlich  und  seelenvergnügt  mir  entgegenspringen
sah  und  wir,  glücklicherweise  allein,  beide  vor  Freude  kein  Wort  sprechen
konnten,  seitdem  ich  sie  nun  jeden  Tag  sehe,  spreche  und  unfre  Konversation
nie  ausgeht,  seit  ich  sie  wiedergesehen  habe  so  schön,  aufrichtig,  edel  und
alles,  was  man  sonst  sein  kann,  liebe  ich  sie  nicht  mehr  mit  der  ruhigen
Ueberzeugung  ihrer  guten  Eigenschaften,  nicht  mehr  so,  ich  möchte  sagen,
bräutigammäßig,  sondern  ich  bin  —  c''est  une  expression  un  peu
triviale  —  verliebt,  unruhig,  fieberhaft.  ..  Und  dabei  müssen  wir
noch  etwas  Komädie  spielen,  da  die  Deklaration  erst  in  einigen  Tagen
stattfinden  kann.

Am  16.  Februar  1847  vermählte  sich  der  Fürst  zu  Frankfurt  a.  M.
mit  der  Prinzessin  Marie  zu  Sayn-Wittgenstein-Berleburg.  Das  junge
Paar  begab  sich  zunächst  nach  Corvey,  von  wo  der  Fürst  am  5.  März  an
die  Prinzessin  Amalie  schrieb:

Ich  habe  kein  andres  Gefühl  als  das  einer  fröhlichen  Frühjahrsstimmung,
  wenn  man  unter  einem  schattigen  Baum  auf  einem  nicht  zu
hohen  Berg  liegt  und  die  Wolken  über  sich  am  blauen  Himmel  ziehen
sieht.  Denn  mag  draußen  über  dem  Ziegenberg  eine  graue  Schneewolke
nach  der  andern  herüberziehen,  mich  kümmert  das  wenig,  denn  ich  bin
glücklich  und  innerlich  zufrieden,  und  ein  seltsames  Gefühl  der  Dankbarkeit
erfüllt  mein  Herz  gegen  Gott,  der  die  Schritte  der  Menschen  so  freundlich
leitet  zum  Segen  und  zur  Freude.

Wir  haben  hier  das  vernünftigste,  klarste,  schönste  Leben,  das  einem
Sterblichen  zuteil  werden  kann.  Wenn  ich  morgens  zwischen  8  und  9  Uhr
aufstehe,  mache  ich  gewöhnlich  einen  Spazierritt,  dann  komme  ich  gerade
zurück,  wenn  Marie  fertig  ist.  Dann  frühstücken  wir  zusammen  im  gelben
Zimmer,  freuen  uns  jeden  Tag  über  den  guten  Kaffee  oder  eine  neue  Sorte
Kuchen,  mit  der  uns  der  Koch  überrascht,  und  unterhalten  uns  bis  gegen
11  Uhr,  wo  ich  in  mein  Zimmer  gehe,  um  meine  Geschäfte  zu  besorgen,
während  Marie  liest,  Klavier  spielt  oder  sich  sonst  beschäftigt.  Gegen
2  Uhr  bin  ich  fertig,  dann  gehen  wir  ein  wenig  in  die  Allee,  wenn  das
Wetter  schön  ist,  um  dem  Postboten  zu  begegnen,  wo  wir  dann  auf  der
Straße  die  Briefe  lesen.  Nach  2  Uhr  essen  wir,  ebenfalls  im  gelben
Zimmer,  und  fahren  dann  im  kleinen  Wagen  gegen  Godelheim,  Brenkhausen
  oder  nach  dem  Chausseehaus  über  die  Weser,  mitunter  reiten  wir
beide,  Marie  in  einem  schönen  braunen  Kleid  und  schwarzem  Hut  auf
dem  Fuchs,  der  so  ruhig  geht  wie  ein  Badeesel.  Zurückgekehrt  finde  ich
gewöhnlich  Dedie  1)  in  meinem  Zimmer,  der  mir  seine  Angelegenheiten  und
sonstigen  Neuigkeiten  mitteilt.  Abends  lesen  wir  bis  zum  Tee  alle  mög- 



1)  Kammerrat  Dedi,  fürstlicher  Beamter  in  Corvey.
        <pb n="47" />
        Aus  der  Jugend  (1819  bis  1847)  37

lichen  Bücher  oder  machen  Musik.  .  Ein  solches  Glück  wird  aber  besonders
dadurch  gehoben,  daß  man  weiß,  daß  man  nun  doch  nicht  allein  auf  das
idyllische  Leben  angewiesen  ist,  sondern  nach  wie  vor  am  großen  Rade
der  Zeit  mitdrehen  kann  und  besser  als  vorher  und  nicht  eine  Last  von
Sorgen  uns  in  den  Schmutz  einer  mediatisierten  Langweile  herunterzieht.

Der  Aufenthalt  in  Corvey  wurde  bis  zum  29.  April  ausgedehnt.
Dann  reiste  das  fürstliche  Paar  über  Berlin  nach  Schlesien.  Am  29.  Juni
1847  fand  der  Einzug  in  Schillingsfürst  statt.
        <pb n="48" />
        Zweites  Buch
Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft

1848  bis  1850

 

 

 

In  November  und  Dezember  1847  war  der  Fürst  mit  einem  Aufsatze
„über  den  politischen  Zustand  Deutschlands,  seine  Gefahren  und  die
Mittel  zur  Abwehr“  beschäftigt,  von  dem  der  Entwurf  und  einzelne  Ausführungen
  vorliegen.  Die  durch  alle  Kreise  Deutschlands  verbreitete  Unzufriedenheit
  sollte  durch  eine  Betrachtung  der  Zustände  in  Oesterreich,
Preußen  und  den  kleineren  Staaten  erklärt  werden.  Ausgeführt  ist  die
folgende  Betrachtung  über  Preußen:

Die  Geschichte  seit  dem  Emporkommen  des  Hauses  Hohenzollern  als
Kurfürsten  und  Könige  hat  diesem  Hause  stets  die  Stellung  angewiesen,
den  Protestantismus  in  Deutschland  zu  vertreten.  Wenn  und  solange
Preußen  den  Protestantismus  in  der  weitesten  Bedeutung,  nämlich  die
freie  Entwicklung  des  menschlichen  Geistes  innerhalb  der  gesetzlichen  Sphäre
beschützte  und  als  das  Motto  seiner  Handlungen  die  Wahrheit  festhielt,
daß  eine  Regierung  dem  Geist  der  Zeit  voranschreiten  und  zuvorkommen
müsse,  so  lange  war  Preußen  an  der  Spitze  des  deutschen  Volks,  geachtet
und  gefürchtet  von  seinen  Feinden.  Wenn  und  sobald  aber  die  preußische
Regierung  ihre  Stellung  verkannte,  so  versank  sie  in  das  Labyrinth  der
Inkonsequenz,  die  jeden  Staat  an  den  Rand  des  Verderbens  bringt.  In
einem  solchen  Abgrund  lag  Preußen  1806.  Da  vermochte  es  nur  das
wahrhaft  staatsmännische  Talent  eines  Stein  und  seiner  gleichgesinnten,
begeisterten  Freunde,  den  Staat  aus  dem  Schmutze  einer  Miserabilität
ohnegleichen  zu  retten.  Die  Gesetze,  die  damals  gegeben  wurden,  haben
dem  Volke  die  Freude  am  Vaterlande  und  dadurch  die  Liebe  zu  diesem
wiedergegeben  und  mit  dieser  Vaterlandsliebe  die  Kraft,  sich  von  der
Fremdherrschaft  zu  befreien.  Allein  dieser  Erfolg  war  nur  der  Anfang
zu  weiterer  Entwicklung  des  Volks.  Die  reaktionären  Bestrebungen  der
Regierung  von  1817  bis  1840  konnten  es  nicht  verhindern,  daß  jene
Gesetzgebung  ihre  segensreichen  Früchte  trug.  Die  Städteordnung  von
1808,  die  agrarischen  Gesetze,  das  ganze  trotz  aller  Unterdrückung  des
ständischen  Lebens  fortdauernde  mehr  demokratische  System  der  Regierung,
die  Freiheit  der  Religionsübung,  die  unter  dem  philosophischen  Ministerium
Altenstein  geförderte  freie  geistige  Entwicklung,  endlich  aber  jener  unverlöschliche
  Eindruck,  den  eine  Zeit  der  Begeisterung  ohnegleichen  fort  und
fort  auf  die  alte  und  auch  auf  die  neu  heranwachsende  Generation  aus-
        <pb n="49" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  39

übte,  hatten  zur  Folge,  daß  sich  ein  wenn  auch  nicht  frei  redendes,  doch
frei  denkendes  Volk  gebildet  hatte,  ein  Volk,  das  systematisch  einer  Teil—
nahme  am  Staat  entgegengebildet  worden  war.  Dieses  Volk  glaubte  sich
zu  Anfang  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  IV.  aus  dessen  Worten  zu
einer  Hoffnung  auf  Erfüllung  seiner  Wünsche,  die  seit  dem  Jahre  1817
geschwiegen,  aber  nicht  geschlafen  hatten,  berechtigt.  Allein  die  Regierung
schlug  einen  andern  Weg  ein  als  den,  den  das  Volk  erwartete.

Bekannt  ist  das  kirchliche  System  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  III.
Es  war  nicht  auf  unbeschränkte  kirchliche  und  religiöse  Freiheit  gegründet,
was  insbesondere  seine  Maßregeln  gegen  die  katholische  Kirche  und  die
teilweise  gezwungene  Einführung  der  Union,  die  Unterdrückung  und  Verfolgung
  der  sogenannten  Altlutheraner  zeigte.  Allein,  wenn  wir  fragen,
warum  diese  Maßregeln  eine  mehr  partielle  als  allgemeine  Aufregung
hervorgerufen  haben,  warum  diese  Ereignisse  ohne  weitere  Folgen  vorübergingen,
  so  können  wir  diese  Erscheinung  nur  daraus  erklären,  daß  trotz
aller  Eigenmacht,  trotz  aller  Uebergriffe  das  Regierungssystem  Friedrich
Wilhelms  III.  ein  protestantisches  war,  daß  diese  Uebergriffe  und  Mißgriffe
  eben  aus  der  Freisinnigkeit  der  Regierung  hervorgingen  und  deshalb
die  Gewissen  nicht  beunruhigten.  Ja,  es  zeigten  diese  Handlungen  die  alten
Symptome  des  Preußentums,  die  Aufklärung  mit  dem  Stocke  zu  verkündigen,
zu  sehr  an  der  Stirn,  sie  waren  deshalb,  mehr  als  man  es  glaubt,  zu  sehr
in  Uebereinstimmung  mit  dem  Geiste  der  Nation,  als  daß  mehr  denn  eine
bloß  momentane  Unzufriedenheit  daraus  entstehen  konnte.  Die  freie  Forschung,
die  dem  Preußen  angeborene  räsonierende  Philosophie,  blieb  unangetastet.

Das  Ministerium  Eichhorn  —  wer  will  es  leugnen?  —  steht  auf
einem  antipreußischen  Grund  und  Boden.  Bekannt  und  nicht  zu  beweisen
ist  sein  System  des  orthodoxen  Protestantismus.

Ueber  die  Gefahr  der  allgemeinen  Unzufriedenheit  schreibt  der  Fürst:

Die  eigentliche  Gefahr  sind  nicht  die  Parteien  der  Kommunisten,
Sozialisten  und  Radikalen,  deren  es  in  jedem  Staat  und  zu  allen  Zeiten
gegeben  hat,  die  eigentliche  Gefahr  sind  nicht  die  im  stillen  wirkenden
Bäter  der  Gesellschaft  Jesu  und  ihrer  Freunde,  die  die  Verdumpfung  des
Volks  als  das  einzige  Heil,  den  einzigen  Rettungsanker  darstellen,  die
eigentliche  Gefahr  ist  die,  daß  die  Unzufriedenheit,  von  der  jene  Parteien
so  geschickt  Gebrauch  zu  machen  wissen,  so  allgemein  verbreitet,  so  wohl
begründet  ist.  Wie  der  Mensch,  wenn  er  zum  Bewußtsein  seiner  selbst,
wenn  er  nach  sorgfältiger  Erziehung  und  jugendlicher  Erfahrung  auf  den
Höhenpunkt  der  freien  Selbstbestimmung  und  tatkräftigen  Handelns  gelangt
ist,  nun  in  eine  Zeit  tritt,  in  der  er  jede  Hand  zurückweist,  die  ihn  weiterführen
  will,  um  allein  den  Weg  zu  betreten,  den  er  für  den  guten  hält,
        <pb n="50" />
        40  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

so  hat  auch  die  Geschichte  aller  Völker  eine  Epoche,  wo  sie  zum  Selbstbewußtsein
  und  zum  Wunsche  der  freien  Selbstbestimmung  gelangen.  In
einer  solchen  Zeit  werden  die  wohlgemeintesten  Handlungen  der  besten
Regierungen  verkannt,  die  eifrigste  Pflichterfüllung  einer  bevormundenden
Beamtenwelt  als  ungenügend  angesehen,  wenn  diese  Regierungen,  diese
Beamten  die  Mündigkeit  des  Volks  nicht  anerkennen  und  aus  Gewohnheit
oder  falsch  verstandenem  Interesse  auf  der  alten  Bahn  fortschreiten.

Wir  sind  in  Deutschland  auf  einem  solchen  Punkte  angelangt.  Wohin
wir  sehen,  regt  sich  eine  Teilnahme  des  Volks  an  den  öffentlichen  Angelegenheiten,
  wie  noch  zu  keiner  Zeit.  Aber  die  Regierungen  verkennen
diese  Bewegung.  Sie  sehen  oder  wollen  in  dieser  Bewegung  nur  das
Treiben  einer  propagandistischen  radikalen  Clique  finden  und  erfüllen  sich
mit  Mißtrauen.  Ein  Grund  der  Unzufriedenheit  ist  in  Deutschland  allgemein
  verbreitet,  jeder  denkende  deutsche  Mann  empfindet  ihn  tief  und
schmerzlich.  Es  ist  die  Nullität  Deutschlands  gegenüber  den  andern  Staaten.
Man  sage  uns  nicht,  daß  Oesterreich  und  Preußen  als  Großmächte  die
Macht  Deutschlands  nach  außen  vertreten.  Einesteils  vertritt  Oesterreich
nach  außen  gar  wenig,  weil  ihm  die  innere  Kraft  fehlt,  andernteils  hat
Preußen,  wenn  man  recht  offen  sein  will,  doch  nur  eine  geduldete  Stellung
unter  den  Großmächten  und  wird  auch  diese  Stellung,  wenn  die  politische
Bewegung  im  Innern  so  fortgeht,  wie  sie  begonnen  hat,  nicht  lange  mehr
halten.  Endlich  aber  sind  das  doch  nur  Preußen  und  Oesterreich,  und
der  übrige  Teil  von  Deutschland  spielt  immer  die  Nebenrolle  und  den
kannegießernden  Zuschauer.  Niemand  wird  leugnen,  daß  es  für  einen
denkenden,  tatkräftigen  Mann  ein  trauriges  Los  ist,  in  der  Fremde  nicht
sagen  zu  können:  ich  bin  ein  Deutscher,  nicht  mit  Stolz  die  deutsche  Flagge
auf  seinem  Schiffe  zu  sehen,  in  Bedrängnissen  keinen  deutschen  Konsul  zu
finden,  sondern  sich  sagen  zu  müssen:  ich  bin  ein  Kurhesse,  ein  Darmstädter,
ein  Bückeburger,  mein  Vaterland  war  einmal  ein  großes,  mächtiges  Land,
jetzt  ist  es  zersplittert  in  achtunddreißig  Lappen.  Und  wenn  wir  die  Karte
betrachten  und  sehen,  wie  Ostsee,  Nordsee  und  Mittelmeer  an  unfre  Küsten
schlagen  und  kein  deutsches  Schiff,  keine  deutsche  Flagge  auf  der  See  den
stolzen  Engländern  und  Franzosen  den  üblichen  Gruß  abzwingt,  muß  uns
da  nicht  die  Farbe  der  Scham  von  dem  schwarzrotgoldenen  Bande  allein
übrigbleiben  und  in  die  Wange  steigen?  Und  muß  das  elende  Gerede
über  Einheit  Deutschlands  und  deutsche  Nation  nicht  so  lange  lächerlich
und  betrübt  bleiben,  bis  das  Wort  kein  leerer  Schall,  keine  Phantasmagorie
unsers  gutmütigen  Optimismus  mehr  ist,  sondern  wir  wirklich  ein  großes,
einiges  Deutschland  haben?  Der  durch  den  Zollverein  mächtig  heranwachsenden
  Industrie  genügt  der  Handel  in  seiner  bestehenden  Ausdehnung
nicht  mehr,  der  reiche  Handelsstand  sucht  auswärtige  Märkte  und  über-
        <pb n="51" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  41

seeische  Verbindungen.  Nun  werden  sich  die  Klagen  über  die  mangelnde
deutsche  Flotte  mehren  und  die  Frage  der  Einheit  Deutschlands,  der  wirklich
politisch  vertretbaren  Einheit,  wird  mit  erneuerter  Kraft  in  der  nun  freien
Presse  behandelt  werden.

Es  ist  ein  Irrtum,  die  Revolution  durch  liberale  Reformen  in  den
Einzelstaaten  ohne  Reform  der  Gesamtverfassung  Deutschlands  verhindern
zu  wollen.  Die  freie  Presse  ist  eine  Notwendigkeit,  der  Fortschritt  ist  eine
Bedingung  der  Existenz  der  Staaten.  Aber  wenn  wir  die  Presse  freigeben
wollen,  müssen  wir  wissen  und  uns  klarmachen,  was  von  ihr  gesagt  und
wiedergesagt  in  das  Gemüt  der  Staatsbürger  dringt  und  Früchte  trägt.
Wir  müssen  uns  fragen:  wollen  wir  diese  Früchte?  Wenn  wir  fortschreiten,
  müssen  wir  mit  offenen  Augen  fortschreiten  und  die  Augen  recht
aufmachen.  Ehe  wir  ein  ganzes  Land  auf  einen  Weg  gehen  lassen,  müssen
wir  wissen,  wohin  dieser  Weg  führt.  Es  ist  eine  beklagenswerte  Täuschung
vieler  wohlmeinender  Staatsmänner,  wenn  sie  in  Deutschlands  jetzigem
Zustande  den  Fortschritt  für  etwas  Unschädliches  halten.  Der  Fortschritt
führt  zur  Revolution.  Ein  hartes  Wort,  aber  gewiß  ein  wahres!

Ueber  die  Absicht  des  ganzen  Aufsatzes  äußert  sich  die  folgende  Bemerkung:
  „Aus  dem  fraglichen  Aufsatze  ist  eine  Darstellung  zu  machen,
in  der  gezeigt  wird,  daß  der  ganze  jetzige  Fortschrittslärm  zur  Revolution
führt,  wenn  man  die  Sache  nicht  am  rechten  Punkte  anfaßt.  Solange
dies,  eine  Umgestaltung  der  deutschen  Bundesverhältnisse,  nicht  von  den
Regierungen  mit  Ernst  und  Aufopferung  angegriffen  wird,  solange  führt
das  ganze  Fortschritts=  und  Konzessionswesen  zur  Revolution.  Solange
ich  also  eine  solche  Stimmung  nicht  sehe,  bin  ich  ultrakonservativ,  weil
ich  darin  mehr  Garantie  für  die  Ruhe  des  Vaterlandes  finde.  Ich  will
nicht  Mitarbeiter  an  einer  Revolution  sein,  und  wenn  über  Deutschland
die  Revolution  nach  dem  Vorbilde  von  1789  einbricht  und  man  den  Adel
vernichtet,  so  will  ich  wenigstens  nicht  sagen,  daß  ich  mich  durch  eignen
Unverstand  dahin  gebracht  habe."“

Am  3.  März  1848  schrieb  der  Fürst  an  die  Prinzessin  Amalie  von
Schillingsfürst:  „Also  wir  stehen  jetzt  nicht  mehr  am  Vorabende  großer
Ereignisse,  sondern  mitten  darinnen.  Wir  müssen  jetzt  auf  alles  gefaßt
sein.)  Nachdem  der  erste  Augenblick  der  Aufregung  vorüber  ist,  sehe
ich  mit  Ruhe  dem  entgegen,  was  kommen  wird,  und  werde  nicht  untätig
bleiben."“

Am  31.  März  heißt  es  in  einem  Briefe  aus  München:  „Wenn  ich
Dir  bisher  nicht  geschrieben  habe,  so  war  es  nicht  Mangel  an  Schreiblust,

 

1)  Nach  den  revolutionären  Volksversammlungen,  die  in  verschiedenen  Städten
Süddeutschlands  stattfanden  und  von  den  Regierungen  geduldet  wurden.
        <pb n="52" />
        42  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

sondern  vollkommene  Unmöglichkeit.  Ich  bin  so  mit  allen  Segeln  im
Meer  der  politischen  Tätigkeit  eingefahren,  daß  ich  meine  Zeit  nur  zwischen
Konferenzen  und  Schreiben  geteilt  habe.  Ich  beschäftige  mich  jetzt  mit
der  Vorbereitung  auf  unsre  Sitzungen,  die  acht  Tage  ausgesetzt  sind.  Daß
ich  Mitglied  von  drei  Kommissionen  auf  einmal  geworden  bin,  zeugt  von
der  Absicht  meiner  Kollegen,  mich  vorzuschieben.“

Am  3.  April:  „Finster  sieht  es  allerdings  aus  in  der  Welt  bis  in
die  nächste  Nähe,  aber  keineswegs  in  meinem  Innern.  Wenn  man  erst
den  einen  unangenehmen  Moment  des  Aufwachens  aus  dem  Zivilisations—
schlaf  überstanden  und  sich  die  Augen  ausgerieben  hat  und  um  sich  sieht,
daß  das,  was  wir  von  Mord,  Totschlag,  Pest  und  Hunger,  Verarmung
und  dergleichen  gelesen  haben,  nun  auch  uns  einmal  recht  nahe  kommen
könne,  wenn  man  diesen  ersten  Schrecken  überstanden  hat,  ohne  wie  der
gute  Großherzog  von  Weimar  in  Ohnmacht  zu  fallen  —  das  Weitere
erträgt  sich  leicht.  Denn  das  innere  Licht  des  Geistes  brennt  noch  recht
hell  und  freundlich,  und  das  kann  uns  doch  niemand  auslöschen.  Auf
alle  Aeußerlichkeiten  des  Lebens  bin  ich  so  erst  in  den  letzten  Jahren  mehr
aufmerksam  geworden  und  werde  sie  leicht  wieder  entbehren.  Denn  das
werden  wir  vor  allem  verlieren,  den  Nimbus  unfrer  fürstlichen  Stellung,
auch  für  die  Pairswürde  habe  ich  keine  großen  Hoffnungen.  Ob  alles
sonst  ruhig  abgeht,  ob  wir  zu  dem  Ziele  einer  politischen  Einigung
Deutschlands  ohne  den  Zwischenraum  einer  Anarchie  und  gräßlichen  Blutvergießens
  gelangen  werden,  scheint  mir  zweifelhaft.“

Die  Befürchtung  gewaltsamer  Ereignisse,  die  sich  in  diesen  Worten
ausspricht,  findet  sich  auch  in  der  nachfolgenden  Aufzeichnung  vom  7.  April
über  die  Ergebnisse  des  Frankfurter  Vorparlaments:

Die  Versammlung  in  Frankfurt  hat  einen  Beschluß  gefaßt,  nach  dem
binnen  vier  Wochen  eine  konstituierende  Nationalversammlung  in  Frankfurt
zusammentreten  muß.

Indem  die  deutschen  Regierungen  hierzu  die  Hand  bieten,  sind  sie
verloren.  Die  konstituierende  Nationalversammlung  wird  über  die  Reorganisation
  Deutschlands  beraten.  Sie  wird  entscheiden,  ob  Deutschland
Republik  oder  konstitutionelle  Monarchie  werden  soll,  ob  die  einzelnen
Regierungen  fortbestehen  sollen  oder  nicht.

Im  günstigsten  Falle  werden  also  die  Monarchen  aus  den  Händen
des  Volks  ihre  Krone,  ihr  Mandat  zum  Weiterregieren  mit  höflichem
Dank  empfangen.  In  einem  weniger  günstigen  Falle  werden  sie  von  dem
konstituierenden  Parlament  gebeten  werden,  den  Agenten  der  provisorischen
Regierung  Platz  zu  machen.  Bis  zum  1.  Mai  ist  also  die  Existenz  der
deutschen  Regierungen  eine  gefristete.  Denn  wer  bürgt  für  den  Ausfall
der  Wahlen?  Wer  kann  diese  Wahlen  so  leiten,  daß  sie  konservativ  aus-
        <pb n="53" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  43

fallen?  Und  wenn  sie  konservativ  ausfallen,  wenn  dann  die  deutschen
Regierungen  die  Erlaubnis  erhalten,  fortzubestehen,  wird  eine  solche  Existenz
nicht  ein  bloßes  Vegetieren  sein,  ein  weitergefristetes  Dasein  bis  zu  dem
Zeitpunkte,  wo  es  einer  andern  Versammlung  nötig  scheinen  wird,  ihnen
dieses  Dasein  zu  rauben?

Soweit  ist  es  also  gekommen  durch  die  Weisheit  unfrer  Regenten!
Soweit  ist  es  gekommen,  daß  jedes  Recht  in  Zweifel  gestellt  wird,  das
seit  Jahrtausenden  bestanden  hat.  Das  wenige,  was  sich  die  deutschen
Regierungen  bis  heute  an  Kraft  und  Ansehen  erhalten  haben,  es  wird  im
günstigsten  Falle  am  1.  Mai  eine  Lächerlichkeit  sein.  Mit  der  Kraft  und
dem  Ansehen  der  Regierungen,  mit  einem  auf  gesetzlichem  Boden  gegründeten
  Rechtszustand  der  Staaten  stürzen  aber  auch  die  Rechte  der  einzelnen,
  die  persönliche  Freiheit  und  das  Eigentum  unwiderruflich  zusammen!

Ist  aber  dieser  Zustand  der  Auflösung,  den  wir  als  unvermeidlich
voraussehen,  ein  aus  dem  Willen  des  deutschen  Volks  hervorgehender,  ist
es  nicht  vielmehr  die  revolutionäre  Minderheit,  die  uns  in  einen  solchen
Abgrund  wissentlich  und  unwissentlich  stürzen  will?  Wahrlich,  ich  sage
es  mit  Schaudern,  der  Schlaf,  in  den  das  deutsche  Volk  von  seinen
Regierungen  seit  dreißig  Jahren  eingewiegt  worden  ist,  er  ist  noch  nicht
vollständig  aus  den  Augen  gerieben.  Das  deutsche  Volk  wird  aber  die
Augen  aufmachen,  wenn  die  verderbenbringende  Woge  der  Anarchie  über
seinem  Haupte  zusammenschlägt.  Dann  wird  es  staunen,  daß  es  einem
kleinen,  aber  tätigen  Häuflein  von  Republikanern  und  Kommunisten  gelungen
ist,  Deutschland  zugrunde  zu  richten.  Dann  wird  es  sich  selbst  das  fürchterliche
  Wort  zurufen:  Zu  spätl!

Ist  es  aber  jetzt  zu  spät  Der  deutsche  Mann,  der  noch  an  die
Tatkraft  und  den  guten  Willen  der  Regierungen  glaubt,  muß  nein  sagen.

Noch  haben  die  Regierungen  Zeit,  nicht  eine  konstituierende  Versammlung,
  sondern  ein  Parlament  zu  berufen.  Noch  haben  sie  Zeit,  eine
Fürstenkammer  zu  bilden,  ein  Bundeshaupt  zu  ernennen.  Die  freigewählten
  Volksvertreter  werden  neben  dem  Hause  der  Fürsten  ein  auf
breitester  Basis  gegründetes  Volksparlament  bilden.  So  gestaltet,  wird
die  Versammlung  nicht  das  Gesetz  umstürzen,  sondern  begründen.  Nur
so  und  auf  diese  Art,  nicht  aber,  wenn  die  Regierungen  ängstlich  schweigend
zusehen,  werden  sie  sich  erhalten,  wird  Deutschland  ein  einiges  freies,  wird
die  Anarchie  abgewendet  werden.

Am  12.  April  1848  schreibt  der  Fürst  seiner  Schwester:  „Man  gibt
mir  fürchterlich  zu  tun.  Heute  abend  um  6  Uhr  habe  ich  ein  Referat
Üüber  einen  Gegenstand  vorzutragen,  den  ich  eben,  das  heißt  um  5  Uhr,
erhalten  habe:  das  Wahlgesetz  zur  Versammlung  in  Frankfurt.“
        <pb n="54" />
        44  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

Am  13.  April  fand  die  Plenarsitzung  der  Kammer  der  Reichsräte
statt.  Im  Beginne  seines  Vortrags  sagte  der  Fürst:  „In  bezug  auf  das
Gesetz  im  allgemeinen  darf  ich  wohl  sagen,  daß  wir  es  mit  Freude  begrüßen.
  Es  ist  der  erste  bedeutende,  ich  möchte  sagen,  fühlbare  Schritt,
der  das  deutsche  Volk  der  Erreichung  seines  sehnlichsten  Wunsches  entgegenführt.
  Tief  im  Herzen  aller  Deutschen  lebt  der  begeisternde  Glaube
an  ein  einiges,  freies,  kräftiges  deutsches  Vaterland.  Dieser  Glaube  ist
zur  Tat,  der  Wunsch  des  Volks  ist  zum  dringenden  Verlangen  geworden.
Es  wird  ihm  ein  gesetzmäßiger  Weg  durch  diesen  Gesetzentwurf  vorbereitet,
geebnet.  Die  Versammlung  der  Volksvertreter  wird  uns  von  der  Anarchie
retten,  die  noch  immer  drohend  über  dem  Vaterlande  schwebt.  Die  Volksvertretung
  am  Bunde  wird  das  Bett  sein,  in  dem  die  Wogen  der  allgemeinen
  politischen  Erregung  als  Strom  dahinfließen  werden.  Sie  wird
es  sein  im  Gegensatze  zu  jenem  alten  Bundestage,  der  allerdings  auch  ein
Bett  war,  in  dem  aber  das  deutsche  Volk  dreißig  Jahre  geschlafen  hat  —
einen  Schlaf,  aus  dem  nur  der  Sturm  der  neuen  Zeit  mit  Gewalt  uns
erwecken  konnte.“

An  die  Prinzessin  Amalie.
München,  24.  Mai  1848.

Ich  habe  Dir  am  3.  Mai  geschrieben,  aber  nur  angefangen,  heute
will  ich  es  von  neuem  tun,  weil  mir  immer  beide  Tage  besonders  wehmütig
  ums  Herz  ist  und  Du  vor  allen  mit  mir  übereinstimmst.  1)  Es  ist
gar  wohltuend,  in  dem  wüsten  Treiben  der  politischen  Existenz  sich  von
Zeit  zu  Zeit  zurückzutauchen  in  eine  bessere  Zeit  und  in  ihren  Schmerz.
Gerade  so  ist  es,  wenn  man  von  Zeit  zu  Zeit  in  eine  Kirche  geht,  was
ich  besonders  gern  jetzt  tue,  wo  die  wunderschönen  Maiandachten  in  der
Dämmerung  gehalten  werden.  Denn  in  der  politischen  Beschäftigung,  die
recht  nützlich  und  mir  recht  angenehm  ist,  zehrt  sich  das  Gemüt  ganz  auf,
und  der  Mensch  wird  zum  berechnenden  egoistischen  Wesen.  Ich  habe  den
heutigen  Tag  mit  einem  oratorischen  Triumph  gefeiert,  auf  den  ich  sehr
stolz  bin  und  von  dem  ich  Dir  mündlich  mehr  erzählen  werde.  Unser
Landtag  zieht  sich  von  einem  Tage  zum  andern  hin,  zum  Teil  deshalb,
weil  der  Hof  Zeit  gewinnen  will  und  zu  reagieren  oder  zu  reaktionieren
anfängt.  Ein  solcher  reaktionärer  Versuch  der  Hofpartei  hat  mir  heute
Morgen  Gelegenheit  gegeben,  diese  Partei  niederzudonnern,  wodurch  nebenbei

nun  unfre  Geschäfte  beschleunigt  werden.

 

1)  Der  24.  Mai  war  der  Geburtstag,  der  3.  Mai  der  Todestag  des  Fürsten
Philipp  Ernst.

2)  Die  Rede  des  Fürsten  bezog  sich  auf  das  Gesetz  über  die  Ministerverantwortlichkeit.
  Die  Augsburger  Allgemeine  Zeitung  berichtet:  „Die  Fürsten  Waller-
        <pb n="55" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  45

Nachdem  der  Landtag  am  5.  Juni  geschlossen  war,  hatte  die  praktische
politische  Tätigkeit  des  Fürsten  zunächst  ihr  Ende  erreicht,  und  er  war
während  des  Sommers  auf  die  Rolle  des  Zuschauers  beschränkt.  Ueber
die  Tätigkeit  des  Frankfurter  Parlaments  schrieb  er  aus  Frankfurt  am
31.  August:  „Von  politischen  Verhältnissen  kann  ich  Dir  nur  so  viel  sagen,
daß  es  mit  der  deutschen  Einheit  ziemlich  schief  zu  gehen  scheint.  Man
hat  hier  die  Zeit,  wo  das  Eisen  warm  war  und  wo  man  die  Einheit
hätte  schmieden  können,  mit  dummen,  einfältigen  Schwätzereien  verbracht,
und  jetzt  sind  die  einzelnen  Nationalitäten  so  erstarkt,  insbesondere  Preußen,
daß  wir  weiter  von  der  Einheit  sind  als  je.  Die  ganze  Nationalversammlung
  ist  jetzt  lächerlich.  O  Deutschland!“

Wiesbaden,  23.  September  1848.

Wie  schnell  die  politischen  Verhältnisse  sich  ändern  können,  zeigt  die
Frankfurter  Revolte,  wo  nicht  viel  gefehlt  hätte,  daß  man  die  rote  Republik
ausrief.  Unfre  ganzen  sozialen  und  politischen  Verhältnisse  sind  furchtbar
zerrüttet,  insbesondere  im  Südwesten  von  Deutschland  und  überall  da,  wo
das  Christentum  seit  Jahren  ausgerottet  ist.  Diese  Verworfenheit  zeigt
die  Ermordung  Lichnowskys  und  Auerswalds,  über  die  ich  nicht  imstande
bin  mehr  zu  schreiben.  Es  ist  die  grausenhafteste  Tat,  die  je  die  Weltgeschichte
  gesehen  hat.  So  groß  ist  aber  die  Verblendung  unter  den
Deutschen,  daß  selbst  die  scheußlichsten  Verbrechen  ohne  Eindruck  vorübergehen
  und  das  ganze  Volk  dennoch  aus  bloßer  purer  Dummheit  der
Barbarei  und  dem  Untergang  der  Ziovilisation  jeden  Tag  mehr  und  mehr
in  die  Arme  rennt.  Es  legt  sich  mehr  und  mehr  eine  Hoffnungslosigkeit
ohnegleichen  über  mein  politisches  Bewußtsein.  Zu  dem  Aufblühen  eines
großen  freien  Deutschlands,  an  das  ich  noch  vor  zwei  Monaten  geglaubt,
gehört  ein  gesundes,  kräftiges  und  frommes  Volk.  Mit  Skeptikern  und
da,  wo  der  Zweifel  in  die  untersten  Schichten  der  Gesellschaft  eingedrungen
ist,  kann  man  kein  staatliches  Leben  mehr  hervorrufen.  Da  geht  die  soziale
und  staatliche  Ordnung  zugrunde.  Keine  Zeit  hat  in  dieser  Beziehung
mehr  Aehnlichkeit  mit  der  unsern  als  die  des  Untergangs  des  römischen
Reichs.  Christentum  und  Ziovilisation  werden  sich  ein  andres,  gesunderes
Volk  aussuchen  als  das  europäische.  Es  ist,  als  wollte  Gott  die  Ziovilisation
  nie  bis  zu  ihrem  Kulminationspunkt  kommen  lassen,  damit  der  arme
Erdenwurm  nicht  gar  zu  übermütig  werde.

 

stein,  Leiningen  und  Hohenlohe  begrüßten  das  Gesetz  als  einen  erfreulichen  Fortschritt,
  sahen  aber  in  demselben  doch  nur  einen  Uebergang  zur  Verwirklichung  des
wahren  konstitutionellen  Prinzips.“  Seit  dem  19.  April  waren  die  Sitzungen  der
Kammer  der  Reichsräte  öffentlich.
        <pb n="56" />
        46  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

Trotz  dieser  pessimistischen  Beurteilung  der  Entwicklung  entzog  sich
der  Fürst  der  an  ihn  ergehenden  Aufforderung  zu  politischer  Tätigkeit
nicht.  Durch  das  Gesetz  vom  28.  Juni  1848  war  „bis  zur  definitiven
Begründung  einer  Regierungsgewalt  für  Deutschland“  eine  „provisorische
Zentralgewalt  für  alle  gemeinsamen  Angelegenheiten  der  deutschen  Nation“
eingesetzt  worden.  Diese  hatte  unter  anderm  „die  völkerrechtliche  und
handelspolitische  Vertretung  Deutschlands  auszuüben  und  zu  diesem  Ende
Gesandte  und  Konsuln  zu  ernennen“.

Durch  Rundschreiben  der  provisorischen  Zentralgewalt  vom  20.  September
  wurden  die  Einzelstaaten  aufgefordert,  ihre  Vertretungen  im  Auslande
  zurückzuziehen  oder  durch  diese  wenigstens  erklären  zu  lassen,  daß
die  politische  Vertretung  Deutschlands  in  den  Gesamtangelegenheiten  der
Nation  ausschließlich  in  den  Händen  der  Reichsgesandten  liege.  „Eines
Tages,“  so  meldet  eine  mit  Bleistift  geschriebene,  nicht  datierte  Aufzeichnung
des  Fürsten,!)  „kam  ein  Universitätsfreund  der  Heidelberger  Zeit  zu  mir
und  teilte  mir  mit,  das  Reichsministerium  beabsichtige,  mir  eine  Mission
anzuvertrauen.  Bayrische  Abgeordnete  zum  Reichstage  hatten  meine  Tätigkeit
  im  bayrischen  Reichsrate  erzählt  und  meine  rege  Anteilnahme  an  der
Politik  jener  Tage  gerühmt.  Allerdings  warnten  mich  erfahrene  alte
Diplomaten,  setzten  mir  auseinander,  daß  das  neue  Reich  keine  Dauer
verspreche  und  rieten  mir,  mich  nicht  auf  ein  wankendes  Schiff  zu  begeben.
Ich  glaubte  ihnen  nicht.  Ich  hoffte  auf  den  Sieg  der  preußisch-deutschen
Idee.  Dazu  kam,  daß  die  Gesandten,  die  das  Reich  bis  dahin  ausgeschickt
hatte,  eine  ziemlich  triste  Rolle  gespielt  hatten,  und  ich  meinte  in  jugendlichem
  Selbstbewußtsein,  daß  ich  das  besser  machen  und  das  Reich  mit
mehr  Nachdruck  werde  vertreten  und  zur  Geltung  bringen  können.  Ich
war  jung  und  hatte  eine  mutige,  reiselustige  Frau.“  Durch  ein  Schreiben
des  Ministers  v.  Schmerling  vom  1.  November  1848  erhielt  der  Fürst  die
amtliche  Mitteilung,  daß  der  Reichsverweser  ihn  erwählt  habe,  „um  seinen
Antritt  als  Reichsverweser  an  den  Höfen  zu  Athen,  Rom  und  Florenz  zu
notifizieren".  Ein  Schreiben  des  Ministers  v.  Schmerling  vom  13.  November
  übermittelt  dem  Fürsten  die  Notifikationsschreiben  für  den  Papst,
den  König  von  Griechenland  und  den  Großherzog  von  Toskana.  Für  die
Instruktion  des  Fürsten  wird  Bezug  genommen  auf  die  ihm  übersandten
Abschriften  von  Instruktionen?)  und  auf  mündliche  Mitteilungen  des  Unter- 



1)  Diese  Aufzeichnung  stammt  offenbar  aus  den  letzten  Monaten  des  Fürsten
und  ist  anscheinend  die  einzige  Spur  des  Beginns  der  Arbeit,  die  er  noch  ausühren
  wollte.

*)  Es  waren  dies  die  Instruktionen  für  den  Reichsgesandten  v.  Raumer  in
Paris,  den  Gesandten  Dr.  Heckscher  bei  der  sardinischen  und  sizilianischen  Regierung
und  die  Reichskommissare  Welcker  und  Oberst  Mosle  in  Wien  und  Olmütz  —
        <pb n="57" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  47

staatssekretärs  v.  Biegeleben.  Unter  den  Instruktionen  befindet  sich  auch  ein
Rundschreiben  der  Zentralgewalt  vom  14.  November,  das  die  vorläufige
Stellung  und  Geschäftsführung  der  Reichsgesandtschaften  regelt,  solange
die  Einzelstaaten  noch  Gesandte  beglaubigt  haben.

Der  Fürst  verließ  in  Begleitung  seiner  Gemahlin  Schillingsfürst  im
November  1848  und  begab  sich  über  Belfort,  Lyon,  Avignon  nach  Marseille
mit  der  Absicht,  sich  dort  nach  Civitavecchia  einzuschiffen,  um  seinen  Auftrag
  zunächst  bei  dem  Papste  auszuführen.  Als  Sekretär  war  ihm  Herr
v.  Schack  zugesellt  worden.  Die  Nachricht  von  dem  Ausbruche  der
Revolution  in  Rom  und  der  Flucht  des  Papstes,  die  der  Fürst  in  Marseille
durch  römische  Prälaten  erhielt,  veranlaßte  ihn,  sich  zunächst  nach  Athen
zu  begeben.  Hierüber  berichtet  er  dem  Reichsminister  der  Auswärtigen
Angelegenheiten  am  29.  November  1848:

Da  Sie  bereits  durch  die  Zeitungen  von  den  Ereignissen  in  Rom
Kenntnis  erhalten  haben  werden,  so  unterlasse  ich  es,  die  mir  von  Augenzeugen
  mitgeteilten  Einzelheiten  zu  berichten,  sehe  mich  aber  durch  die
neueste  wichtige  Nachricht  zu  einem  kurzen  Berichte  veranlaßt.

Die  durch  die  hiesigen  Blätter  verkündigte  Nachricht  von  der  Flucht
des  Papstes  aus  Rom  unterliegt  keinem  Zweifel,  sie  ist  mir  durch  die
mündlichen  Erzählungen  zweier  geflüchteter  Prälaten  aus  der  Umgebung
Seiner  Heiligkeit  bestätigt  worden.  Der  Papst  hat  sich  danach  unter  den
Schutz  des  französischen  Gesandten  an  Bord  des  „Ténare“  begeben  und
aus  Italien  entfernt.  Welche  Richtung  das  Schiff  eingeschlagen  hat,  ist
bis  jetzt  nicht  zu  erfahren.  An  die  Rückkehr  des  Papstes  nach  Rom  ist
in  den  nächsten  Wochen  nicht  zu  denken.  Auf  diese  Art  ist  nun  für  den
Augenblick  meine  Sendung  nach  Rom  unmöglich  gemacht,  und  ich  bin
entschlossen,  am  1.  Dezember  mit  dem  Dampfschiffe  direkt  nach  Athen  abzureisen,
  um  in  der  Zwischenzeit  wenigstens  diesen  Teil  meines  Auftrags
zu  erledigen.  Möglicherweise  kann  während  dieser  Zeit  ein  Umschwung
der  Dinge  zum  Besseren  erfolgen  und  der  Papst  durch  die  Wünsche  der
Bessergesinnten  zurückgerufen  oder  durch  die  morgen  von  hier  abgehenden
französischen  Truppen  die  Ordnung  wiederhergestellt  werden.  Möglicherweise
  kann  aber  auch  die  Proklamierung  der  Republik  das  Resultat  dieser
Umwälzung  sein.  Mit  einem  solchen  Ereignisse  würde  aber  selbstredend
die  Politik  in  der  italienischen  Kriegsfrage  eine  wesentliche  Aenderung
erleiden,  und  es  möchten  dann  von  der  neuen  republikanischen  Regierung
Ansichten  manifestiert  werden,  die  mit  den  Grundsätzen  der  Zentralgewalt
in  Widerspruch  stehen.  Denn  wenn  auch  die  Zentralgewalt  von  Deutsch- 



 

betreffend  die  Stellung  der  Zentralgewalt  zu  den  Friedensverhandlungen  zwischen
Oesterreich  und  Sardinien  und  den  italienischen  Angelegenheiten.
        <pb n="58" />
        48  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

land  die  Selbständigkeit  und  nationale  Kräftigung  von  Italien  wünschen
muß  und  sich  in  die  inneren  Angelegenheiten  der  italienischen  Staaten  nicht
einzumischen  gedenkt,  so  sind  doch  mit  der  Bildung  der  neuen  radikalen
Regierungen  in  Italien  Grundsätze  in  die  italienische  Politik  gekommen,
die  eine  friedliche  Lösung  der  oberitalienischen  Frage  auf  der  von  Deutschland
  bisher  festgehaltenen  Grundlage  nicht  erwarten  lassen.

Es  ist  mir  daher  zu  wissen  nötig,  ob  meine  Mission  nach  Rom  im
Falle  der  Proklamierung  der  Republik  als  beendigt  anzusehen,  ob  ich  noch
einer  speziellen  Sendung  an  den  Heiligen  Vater,  im  Falle  seiner  gänzlichen
Entfernung  auf  lange  Zeit  von  Rom  und  dem  Kirchenstaat,  entgegenzusehen
  habe  und  endlich  welche  weiteren  Instruktionen  über  mein  Verhalten
  gegenüber  den  radikalen  Regierungen  Italiens  mir  von  dem  Reichsministerium
  gegeben  werden  wollen.

Ich  ersuche  Sie  daher,  Herr  Reichsminister,  mir  gütigst  die  nötigen
Weisungen  nach  Athen  unter  der  Adresse  der  preußischen  Gesandtschaft
zukommen  lassen  zu  wollen.

Am  1.  Dezember  schifften  sich  die  Reisenden  auf  dem  „Têelêmaque“
nach  Neapel  ein,  lagen  einen  Tag  vor  der  Stadt  und  fuhren  dann  auf
dem  „Scamandre"“  weiter  durch  die  Meerenge  von  Messina  nach  Malta,
wo  sie  einen  Tag  verweilten.  Es  folgte  dann  eine  stürmische  Fahrt  um
das  Kap  Matapan.  Erst  am  11.  Dezember  kamen  die  Reisenden  im  Piräus
an  und  nahmen  in  Athen  im  Hotel  d'Angleterre  Quartier.

An  den  Reichsminister  der  Auswärtigen  Angelegenheiten.
Athen,  17.  Dezember  1848.

Unerwartete  Hindernisse  verzögerten  die  Seereise  von  Marseille  nach
dem  Piräus,  so  daß  ich  erst  am  11.  abends  hier  eintraf.  Ich  übersandte
am  folgenden  Morgen  die  Schreiben  in  der  vorgeschriebenen  Form  an  den
Minister  Kolokotroni,  ward  von  ihm  zu  einer  Besprechung  eingeladen  und
erhielt  nach  gegebenen  Erläuterungen  das  Versprechen  möglichster  Beförderung
  meiner  Angelegenheit.

Die  feierliche  Audienz  fand  auch  gleich  am  darauffolgenden  Tage,  dem
13.  dieses  Monats,  statt.  Seine  Majestät  der  König  empfing  mich  im
Thronsaal  nicht  weit  vom  Throne  stehend  in  Gegenwart  des  Ministers
Kolokotroni,  des  Hofmarschalls  und  zweier  Adjutanten.  Meine  dem  Inhalte
des  zu  übergebenden  Schreibens  entsprechende  Anrede  hörte  der  König  mit
Aufmerksamkeit  an  und  beantwortete  sie  durch  eine  Gegenrede,  in  welcher
er  seine  Teilnahme  an  der  Bildung  der  Zentralgewalt  aussprach,  die
völkerrechtlichen  Beziehungen  Griechenlands  zu  Deutschland  berührte  und
seine  freundschaftlichen  Gefühle  für  Seine  Kaiserliche  Hoheit  den  Erzherzog
        <pb n="59" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  49

Reichsverweser  zu  erkennen  gab.  Hierauf  wurde  die  Unterhaltung  in  ungezwungener
  Weise  fortgesetzt,  und  teilnehmende  Fragen  des  Königs  über
die  deutschen  Angelegenheiten  gaben  Veranlassung  zu  ziemlich  umfassenden
Mitteilungen.

Schon  am  folgenden  Tage  wurde  ich  zur  Tafel  geladen,  eine  nach  der
hier  bestehenden  Etikette  ganz  besondere  Bevorzugung,  bei  welcher  Gelegenheit
  der  König,  der  mich  mit  ungewöhnlicher  Auszeichnung  behandelte,
mehrfach  sein  reges  Interesse  an  der  neuen  Gestaltung  Deutschlands  bekundete.


Die  Audienz  bei  Seiner  Majestät  soll  nach  dem  Versprechen  des
Ministers  in  der  für  offizielle  Mitteilungen  bestimmten  Zeitung  erscheinen.
Ich  erwarte  nun  hier  die  Nachrichten  über  die  Rückkehr  des  Papstes  nach
Rom  und  die  mir  in  meinem  ersten  Berichte  vom  29.  November  erbetenen
Befehle  des  Reichsministeriums,  um  mich  dann  nach  Italien  einzuschiffen.

Die  hier  lebenden  Deutschen  haben  sich  mir  in  corpore  vorgestellt
und  ihre  Freude  sowohl  über  die  einheitlichen  Bestrebungen  in  Deutschland
als  auch  über  die  Ankunft  eines  Reichsgesandten  ausgesprochen,  was  ich
mit  anerkennenden  und  aufmunternden  Worten  erwiderte.

Der  hier  erwähnte  Empfang  der  Deutschen  von  Athen  hatte  am
14.  Dezember  stattgefunden.  In  seiner  Antwort  auf  ihre  Begrüßung  sagte
der  Fürst:  „Sie  haben  recht,  sich  über  die  neue  Gestaltung  Deutschlands
zu  freuen.  Denn  das  ist  ja  das  Große  und  Herrliche  der  erstrebten  Einheit
  Deutschlands,  daß  wir  nun  nicht  mehr  ein  vergessenes  Volk,  ein
geographischer  Name  sind,  sondern  daß  sie  es  wissen,  die  Amerikaner
und  Russen,  die  Türken  und  Griechen,  daß  sie  es  wissen,  daß  es  ein
mächtiges  deutsches  Volk  gibt,  das  einen  Willen  hat  und  ihn  geltend  zu
machen  weiß.  Ich  aber,  meine  Herren,  kann  Ihnen  Kunde  geben  von
der  deutschen  Einheit,  daß  sie  wohl  noch  Feinde  hat,  die  sie  uns  mißgönnen,
daß  sie  aber  so  fest  in  der  Brust  jedes  Ehrenmannes  gewachsen  ist,  daß
kein  Mensch  der  Erde  sie  uns  entreißen  soll.  Mir  ist  es  in  diesem  Augenblick
  das  erhebendste  Gefühl,  meinen  deutschen  Landsleuten  zum  erstenmal
als  Vertreter  der  deutschen  Nation  gegenüberzustehen.  Ich  verdanke  dies
Gefühl  Ihrem  freundlichen  Besuche,  darum  nochmals  meinen  herzlichen
Dank.“

Am  17.  Dezember  war  abends  Diner  bei  Hofe,  am  18.  machten  der
Fürst  und  die  Fürstin  eine  Promenade  zu  Pferde  mit  dem  Könige  und
der  Königin.  Am  19.  nahmen  beide  an  einem  diplomatischen  Diner  bei
dem  österreichischen  Gesandten  v.  Prokesch  teil.  Am  20.  Dezember  gaben
die  Deutschen  ihnen  zu  Ehren  ein  Fest.  Die  Fürstin  schreibt  darüber  in
ihrem  Reisetagebuche:  „A  8½  heures  une  députation  vint  nous  chercher

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  4
        <pb n="60" />
        50  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

avec  une  voiture.  La  salle  était  décorée  de  drapeaux  allemands.  II
y  eut  un  concert  à  la  fin  de  la  première  partie  duquel  on  nous  présenta
  du  vin  du  Rhin  et  on  fit  un  discours  à  Chlodwig  auquel  il
répondit.  Un  maitre  de  musique  me  présenta  une  polka  dédiée  par
lui  à  moi.  A  10  ½  heures  nous  étions  de  retour.“  Die  Rede  des
Fürsten  galt  dem  deutschen  Volke.  „Dem  deutschen  Volke,“  sagte  er,  „dies
Glas  deutschen  Weins!  Dem  deutschen  Volke  mit  seinen  jugendlichen
Träumen  und  seinen  männlichen  Taten!  Mit  seiner  warmen  Begeisterung
und  seinen  tiefen  Gedanken!  Dem  deutschen  Volke  in  allen  Teilen  der
Welt!  Und  Ihnen  vor  allem,  den  Deutschen  in  Athen!  Mögen  Sie  von
Tag  zu  Tag  stolzer  werden,  Deutsch  zu  reden  und  Deutsche  zu  sein!  Das
deutsche  Volk  hoch!“

An  den  Reichsminister  der  Auswärtigen  Angelegenheiten.!4)
Athen,  23.  Dezember  1848.

Die  große  Zuvorkommenheit,  mit  welcher  mich  der  König  aufgenommen
hat,  gab  mir  in  der  letzten  Woche  noch  verschiedentlich  Gelegenheit,  mich
mit  Seiner  Majestät  über  politische  Dinge  zu  unterreden.  Die  deutschen
Verhältnisse  und  deren  Neugestaltung  durch  die  Zentralgewalt  bildeten
natürlich  das  Hauptthema.  Ich  fand  Seine  Mocjestät  von  aufrichtiger
Teilnahme  für  die  sich  bildende  Einheit  Deutschlands  erfüllt,  und  wenn
sich  über  diesen  und  jenen  einzelnen  Punkt  noch  ein  Vorurteil  im  partikularistischen
  Sinne  bemerklich  machte,  so  versäumte  ich  nicht,  dasselbe
durch  Darlegung  der  wahren  Absichten  der  Zentralgewalt  zu  bekämpfen.
Die  entgegenkommende  Weise,  mit  welcher  der  König  meinen  derartigen
Erläuterungen  Gehör  schenkte,  die  vielfachen,  von  lebhaftem  Interesse  für
die  Zentralgewalt  zeugenden  Aeußerungen  aus  seinem  Munde  sowohl  als
aus  dem  des  Ministers  der  Auswärtigen  Angelegenheiten,  dies  alles  läßt
mich  nicht  mehr  daran  zweifeln,  daß  der  Zweck  meiner  Sendung  erfüllt
und  die  Anbahnung  des  völkerrechtlichen  Verkehrs  zwischen  der  Zentralgewalt
  und  Griechenland  gelungen  ist.

Ich  würde  nun  nach  Erfüllung  meiner  hiesigen  Mission  mich  sofort
nach  Rom  begeben,  um  mich  meiner  Aufträge  an  den  Papst  zu  entledigen,
wenn  nicht  nach  den  neuesten  Nachrichten  der  letztere  sich  noch  als  Flüchtling
  in  Gaöta  befände.  Da  jedoch  unter  diesen  Umständen  das  Oberhaupt
der  Kirche  und  die  weltliche  Regierung  des  Kirchenstaats  als  zwei  getrennte
Potenzen  dastehen  und  ich  mich  weder  mit  einer  bloß  persönlichen  Sendung
an  den  Papst  noch  mit  irgendeiner  Mission  an  ein  von  letzterem  gesondertes

 

1)  Am  17.  Dezember  hatte  Schmerling  sein  Amt  niedergelegt.  Sein  Nachfolger
war  Heinrich  v.  Gagern.
        <pb n="61" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  51.

Gouvernement  beauftragt  glaube,  so  ist  offenbar  in  diesem  Augenblick  noch
kein  Terrain  für  ein  Auftreten  in  Rom  vorhanden.  Ich  glaube  daher  den
nicht  mehr  fernen  Moment,  daß  diese  Differenz  ausgeglichen  und  der  Papst
zurückgekehrt  ist,  abwarten  zu  müssen.  Mein  erster  Entschluß  war,  während
dieses  Zeitraums  hier  in  Athen  zu  verweilen.  Da  ich  indessen  nach  dem
überaus  glänzenden  Empfange  fürchten  mußte,  dem  königlich  griechischen
Hofe  durch  zu  lange  Anwesenheit  lästig  zu  werden,  so  habe  ich  das  freundliche
  Anerbieten  des  königlich  großbritannischen  Gesandten  Sir  Edward
Lyons,  welcher  mir  ein  englisches  Regierungsdampfschiff  zur  Disposition
gestellt  hat,  angenommen,  um  eine  Exkursion  nach  verschiedenen  griechischen
Inseln  und  benachbarten  Küsten  des  Mittelländischen  Meeres  zu  machen.
Diese  Fahrt  werde  ich  am  25.  antreten.  Etwaige  Schreiben  des  Reichsministeriums
  erbitte  ich  nach  wie  vor  unter  der  Adresse  der  preußischen
Gesandtschaft  in  Athen,  durch  welche  dieselben  nach  meinen  Anordnungen
jedenfalls  sofort  in  meine  Hände  kommen.

Am  24.  Dezember  verlebte  das  fürstliche  Paar  den  Weihnachtsabend

im  Hause  des  preußischen  Gesandten  Werther.  Am  25.  hatte  die  Fürstin
ihre  Abschiedsaudienz  bei  der  Königin.  Der  Abend  wurde  bei  Prokesch
zugebracht,  und  am  26.  abends  fand  die  Abreise  von  Athen  statt.  Das
Wetter  war  schlecht.  Wegen  des  Sturmes  mußte  das  Schiff  in  den  Hafen
von  Milo  einlaufen.  Vom  28.  meldet  das  Reisetagebuch  des  Fürsten:
Noch  immer  in  der  Bucht  von  Milo.  Der  Regen  und  Sturm  dauert
fort.  In  unserm  Salon  brennt  ein  freundliches  Kaminfeuer,  Bücher  haben
wir  genug.  Der  Sturm  heult  wie  zu  Hause  und  erweckt  in  mir  angenehme
Erinnerungen  einer  vergangenen  Zeit  und  die  Sehnsucht  nach  der  Heimat.
Es  ist  doch  etwas  Schönes  und  Freundliches  um  das  deutsche  Vaterland
trotz  Schnee  und  Sturm  und  trotz  der  politischen  Wirren.  Letztere  können
einem  freilich  die  Heimat  verleiden.

Mein  Herz,  bewegt  von  innerlichem  Streite,

Erfuhr  so  bald  in  diesem  kurzen  Leben,

Wie  leicht  es  ist,  die  Heimat  aufzugeben,

Und  doch  wie  schwer,  zu  finden  eine  zweite.

29.  Dezember.

Der  Wind  wird  etwas  weniger  stark.  Doch  ist  das  Wetter  immer
noch  zu  schlecht  zum  Ausfahren.  Die  Bucht,  in  der  wir  liegen,  mag  im
Sommer  recht  schön  sein.  Vor  uns  liegt  ein  verfallenes  Dorf  an  einem
Hügel,  der  sich  rechts  und  links  ausdehnt.  Hinter  uns  sind  ziemlich  hohe
Berge,  die  den  Meerbusen  wie  einen  See  umschließen.  Das  Meer  ist
trotzdem  bewegt.  Möven  fliegen  mit  melancholischem  Geschrei  um  das
Schiff  herum.  Das  Ganze  erinnert  mehr  an  Achenbachs  Seelandschaften
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        52  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

von  Norwegen  als  an  die  Inseln  des  Archipelagus.  Mit  Lesen,  Schreiben
und  Whistspielen  geht  die  Zeit  recht  angenehm  vorüber.  «

Am  30.  Dezember  wurde  bei  sehr  bewegter  See  die  Fahrt  fortgesetzt.
Gegen  Morgen  des  31.  lag  man  im  Angesicht  von  Rhodos:  „Leider  halten
wir  nicht  an,  sondern  fahren  zwischen  Rhodos  und  Skarpanto  durch,  die
See  ist  nicht  unangenehm.“  Den  Ort,  wo  der  Fürst  das  neue  Jahr
begann,  bezeichnet  eine  noch  erhaltene  Meldung  des  Kapitäns:  „The
position  of  Her  Majesty'’s  Steam  Vessel  Volcano  at  the  commencement
of  the  year  1849:  Latitude  35“  4  North,  Longitude  29“  21  East  of
Greenwich,  distant  324  miles  from  Jaffa.“  Am  2.  Januar  1849  lag
der  schneebedeckte  Libanon  vor  den  Reisenden,  gerade  ihnen  gegenüber  der
Berg  Karmel.  Wegen  hoher  See  war  die  Landung  in  Jaffa  unmöglich,
das  Schiff  mußte  deshalb  bei  Haifa  in  der  Bucht  von  St.  Jean  d'Acre
einlaufen.  Von  hier  aus  machte  das  fürstliche  Paar  einen  Ausflug  zu
Pferde  in  das  Heilige  Land.  Am  3.  wurde  der  Karmel  bestiegen,  am  4.  war
man  Abends  in  Nazareth,  am  8.  in  Jerusalem,  am  9.  in  Bethlehem,  am
12.  in  Ramle,  am  13.  in  Jaffa,  am  15.  wieder  auf  dem  Karmel,  da  ein
Sturm  die  Abreise  verzögerte.

Tagebuch.
Berg  Karmel,  16.  Januar  1849.

Ich  überzeuge  mich  mehr  und  mehr  von  der  Notwendigkeit  baldiger
Zentralorganisation  Deutschlands.  England  und  Rußland  machen  sich  hier
nach  Möglichkeit  breit.  Der  Orient  weiß  von  Deutschland  nichts.  Es
muß  ein  deutscher  katholischer  Konsul  nach  Jerusalem.  Der  Einfluß
Deutschlands  im  Orient  gibt

1.  Deutschland  überhaupt  mehr  Macht,

2.  befördert  den  deutschen  Handel  und  etwaige  Kolonisation.

Um  diesen  Einfluß  zu  begründen,  ist  das  religiöse  Element  des
katholischen  Klerus  zu  benutzen.  Daher  muß  diesem  Gegenstand  mehr  Aufmerksamkeit
  geschenkt  werden.

18.  Januar.

Die  Angelegenheit  der  Kolonisation  deutscher  Auswanderer  wird  in
neuerer  Zeit  mehrfach  mit  größerem  Eifer  betrieben.  Projekte  aller  Art
tauchen  auf  und  gehen  wieder  zugrunde.  Keines  wird  aber  zu  irgendeinem
gedeihlichen  Resultat  führen,  wenn  nicht  die  Zentralregierung  selbst  und
eine  unter  dem  Ministerium  des  Aeußern  stehende  ständige  Kommission
sich  damit  abgibt.  Aber  vor  allem  ist  die  deutsche  Diplomatie  damit  zu
beschäftigen.  Alles  Auswandern,  alles  Kolonisieren,  alles  Wegschicken  von
Menschen  selbst  mit  reicher  Unterstützung  in  fremde  Länder  ist  am  Ende
nichts  andres  als  eine  anständige  Art  Seelenverkäuferei,  wenn  nicht
        <pb n="63" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  53

umfassende  völkerrechtliche  Verträge  zwischen  den  betreffenden  Regierungen
abgeschlossen  werden.  Tut  man  dies  aber,  tritt  die  Zentralregierung  mit
auswärtigen  Regierungen  in  diplomatische  Verhandlungen,  so  ist  kein
Grund  vorhanden,  sich  nicht  von  dem  fernen,  schon  ziemlich  bevölkerten
und  nicht  überaus  fruchtbaren  Nordamerika  abzuwenden  und  zum  Orient
zurückzukommen.  Es  sind  drei  Inseln  im  Mittelländischen  Meere,  die
schon  europäischen  Staaten  gehört  haben  und  die  zur  Zeit  der  Macht  des
osmanischen  Reiches  von  diesem  gewonnen  wurden.  Ich  rede  von  Rhodus,
Cypern  und  Kandia.  Warum  sollte  man  nicht  jetzt  bei  der  grenzenlosen
Schwäche  der  türkischen  Regierung  trachten,  diese  Inseln  wiederzugewinnen
und  deutsche  Ansiedler  darauf  unterzubringen.  Vor  allem  geeignet  scheint
mir  Cypern.  Die  bodenlos  schlechte  türkische  Verwaltung  entvölkert  diese
Insel  von  Jahr  zu  Jahr  mehr.  Einwohner  würden  also  die  Einwanderer
wenige  vorfinden.  Die  Insel  ist  eine  der  fruchtbarsten  des  Mittelländischen
Meeres,  alle  Früchte  gedeihen  daselbst.  Die  Mineralgruben,  Kupfer  und
andres,  würden  reiche  Ausbeute  geben.  Es  gäbe  keine  vorteilhaftere  Eroberung
  als  diese  Insel  für  Deutschland.  Und  deshalb  müßte  vor  allem
dahin  getrachtet  werden,  diese  auf  friedliche  Weise,  etwa  durch  Kauf  von
der  türkischen  Regierung  zu  erlangen.  Vor  allem  müßte  sogleich  ein  geheimer
  Agent,  der  die  Insel  in  geologischer,  topographischer  und  jeder
andern  Hinsicht  untersuchte,  abgesendet  werden.  Würden  diese  Untersuchungen
  sich  als  genügend  ausweisen  und  zeigen,  daß  es  sich  der  Mühe
lohnte,  die  Insel  zu  erwerben,  so  müßte  mit  allem  Eifer  und  Klugheit  in
Konstantinopel  darauf  hingewirkt  werden.  Die  Aufgabe  der  deutschen
Zentralgewalt  in  bezug  auf  die  orientalische  Frage  scheint  mir  nicht  die
zu  sein,  de  se  joindre  aux  intrigues  absurdes  dont  s'amusent  les  diplomates
  à  Constantinople,  sondern  die  orientalische  Frage  zu  irgendeiner
Entscheidung  zu  bringen.  Bei  dem  jetzigen  Zustand  der  Frage  gewinnt
Deutschland  nichts,  verliert  aber  Zeit.  Kommt  aber  die  ganze  Geschichte
zum  Zusammenbrechen,  und  ist  Deutschland  einig,  stark,  gerüstet,  dann
kann  es  Cypern  und  mehr  noch  bei  der  allgemeinen  Teilung  fischen.  Vor
allem  aber  möge  Gott  Einheitssinn  und  Verstand  in  die  Herzen  der
patriotischen  Schwätzer  und  der  Regierungen  Deutschlands  senden,  vor
allem  müssen  wir  über  die  kleinlichen  Eifersüchteleien  des  parlamentarischen
Lebens  hinaus  sein,  wenn  wir  mit  der  alten  deutschen  Derbheit  und  Kraft
gegen  außen  auftreten  wollen.  Aber  wann  wird's  sein?  Wenn  wir  aber
auf  friedlichem  Wege  des  Vertrags  mit  der  türkischen  Regierung  oder  bei
einer  Erschütterung  der  orientalischen  Frage  Cypern  und  Rhodus  oder
sonst  was  erwerben,  so  gewinnen  wir  dadurch  ein  vortreffliches  Asyl  für
Tausende  von  Proletariern,  wir  gewinnen  Seehäfen  und  Handelsschiffe,
Marine  und  Seeleute.  Ebenso  ist  Syrien  und  Kleinasien  nicht  außer
        <pb n="64" />
        54  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

Augen  zu  lassen  und  möglichst  dahin  zu  trachten,  die  Russen  und  Engländer
  dort  zu  beschränken,  und  dazu  ist  vor  allem  nötig,  keine  protestantischen
  Bischöfe  und  Missionare  dorthin  zu  schicken,  sondern  sich  einen
Halt  an  der  katholischen  Welt  des  Orients  zu  verschaffen.  Deutsche
Konsulate,  mit  tüchtigen  Männern  besetzt,  sind  eine  der  dringendsten  Aufgaben
  des  Reichsministeriums.  Eher  aber  keine  Konsuln  als  schlechte!
Ein  Konsul  im  Orient  muß  katholisch  sein,  der  orientalischen  Sprachen
mächtig,  gewandt  und  im  Handelsfach  erfahren,  dabei  muß  der  Generalkonsul
  in  jeder  Hinsicht  ein  guter  Diplomat  sein.  Bis  jetzt  weiß  man  im
Orient  von  Oesterreich  nicht  viel  Gutes,  von  Preußen,  daß  es  den  protestantischen
  Bischof  und  Judenbekehrungen  in  Jerusalem  befördert,  von
Deutschland  gar  nichts.  Es  ist  eine  der  niederschlagendsten  Empfindungen,
als  Deutscher  im  Orient  zu  reisen.  Mehr  als  je  beklage  ich  die  Erbärmlichkeit,
  mit  der  man  die  erste  Zeit  der  Revolution  hat  verstreichen  lassen,
ohne  etwas  Tüchtiges  und  Ganzes  zu  schaffen,  damals,  wo  noch  alle  einzelnen
  Regierungen  ohne  Kraft  waren.  Doch  wozu  klagen!  Suchen  wir
zu  retten,  was  noch  zu  retten  ist!

Am  19.  konnte  das  Schiff  Haifa  verlassen  und  langte  am  21.  Januar
1849  vor  Alexandria  an.  Bis  zum  29.  dauerte  die  Quarantäne.  Am
30.  konnten  der  Fürst  und  die  Fürstin  landen  und  trafen  am  31.  in  Kairo
ein,  von  wo  in  der  Zeit  bis  zum  15.  Februar  eine  Reise  nach  Oberägypten
gemacht  wurde.  Vom  16.  bis  19.  verweilten  die  Reisenden  wieder  in
Kairo,  reisten  am  20.  Februar  nach  Alexandrien  und  vom  21.  bis  25.  nach
Malta.  Nach  mehrtägiger  Quarantäne  landete  das  fürstliche  Paar  am
6.  März  in  Neapel  und  traf  am  9.  in  Molo  di  Gaöta  ein.  In  Neapel
hatte  der  Fürst  die  folgenden  Briefe  des  Reichsministers  Heinrich  von
Gagern  gefunden:

Frankfurt,  6.  Januar  1849.

Ihren  gefälligen  Bericht  vom  17.  v.  M.  habe  ich  richtig  erhalten,  und
mit  wahrer  Teilnahme  und  Befriedigung  hat  der  Reichsverweser  durch
mich  die  Benachrichtigung  von  dem  so  sehr  entsprechenden  Empfange  erhalten,
  welchen  E.  D.  in  Athen  getroffen  haben  ...  Da  für  den  Augenblick
  dem  Reichsministerium  keinerlei  Veranlassung  zur  Verlängerung  Ihres
Aufenthalts  in  Athen  bekannt  ist,  so  soll  ich  Sie  ersuchen,  sich,  sobald  es
geschehen  kann,  zu  Seiner  Heiligkeit  dem  Papste,  sei  es  in  Gaöta  oder
wo  er  sonst  zu  treffen  sein  wird,  zu  verfügen  und  die  Uebergabe  der
Notifikation  des  Reichsverwesers  zu  bewirken.  Die  unbestimmbare,  vielleicht
nur  noch  kurze  Dauer  des  Provisoriums  liegt  diesem  Wunsche  des  Ministeriums
  zugrunde,  und  der  Art  nach  zu  urteilen,  wie  der  Aufenthalt
Seiner  Heiligkeit  in  Gasta  eingerichtet  zu  sein  scheint,  zweifle  ich  keines-
        <pb n="65" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  55

wegs  daran,  daß  der  Papst  dort  Gesandte  empfangen  werde.  Vom  Hoflager
  des  Papstes  würde  E.  D.  dann  nach  Florenz  reisen.  Ihrem  Berichte
sehe  ich  mit  vielem  Interesse  entgegen.
23.  Januar  1849.

E.  D.  wird  der  Erlaß  vom  6.  Januar,  durch  welchen  ich  Sie  ersuchte,
Seiner  Heiligkeit  dem  Papste  an  dem  Orte  seines  jetzigen  Aufenthalts  das
Notifikationsschreiben  vom  12.  November  v.  J.  zu  übergeben,  richtig  zugekommen
  sein.  Ich  erhielt  inzwischen  auch  Ihren  gefälligen  Bericht  aus
Athen  vom  23.  Dezember  v.  J.  und  bin  mit  der  Ihrer  Reise  gegebenen
Einrichtung  einverstanden.  Da  die  Zeit,  welche  Sie  für  Ihre  Abwesenheit
von  Athen  bestimmten,  unterdessen  abgelaufen  ist  und  ich  zweifle,  ob  Sie
gegenwärtiger  Erlaß  noch  daselbst  getroffen  haben  würde,  so  erhalten  Sie
denselben  in  Gaöta  durch  Vermittlung  der  Kgl.  preußischen  Gesandtschaft
in  Neapel,  an  welche  er  heute  abgeht.  Als  Anlagen  folgen  bei:

1.  Abschrift  eines  Schreibens,  welches  der  Heilige  Vater  d.  d.  Gasta
4.  v.  M.  u.  J.  an  den  Reichsverweser  gerichtet  hat,

2.  das  Antwortschreiben  des  Reichsverwesers  nebst

3.  offener  Abschrift  und

4.  Uebersetzung  desselben,
die  beiden  letzteren  zur  vorläufigen  Mitteilung  an  die  auswärtige  Kanzlei
des  Papstes.  Das  Antwortschreiben  des  Reichsverwesers  ersuche  ich  Sie
Seiner  Heiligkeit  zu  überreichen,  was  gleich  nach  erfolgter  Uebergabe  des
erwähnten  Notifikationsschreibens  wird  geschehen  können.

Auf  diese  Erlasse  berichtet  der  Fürst  am  10.  März  1849:

..  Gestern  traf  ich  hier  ein  und  begab  mich  heute  morgen  zu
Kardinal  Antonelli,  der  als  Prosegretario  di  Stato  die  Geschäfte  eines
Ministers  der  Auswärtigen  Angelegenheiten  versieht,  überreichte  demselben
das  an  den  Kardinalstaatssekretär  gerichtete  Schreiben  des  Ministeriums
sowie  Abschrift  und  Uebersetzung  des  Notifikationsschreibens  vom  12.  November
v.  J.  und  der  Antwort  Sr.  K.  H.  des  Reichsverwesers  auf  das  Schreiben
des  Heiligen  Vaters  vom  4.  Dezember,  und  bat  den  Kardinal,  bei  Seiner
Heiligkeit  um  eine  Audienz  für  mich  nachzusuchen.  Kardinal  Antonelli
erklärte  sich  sogleich  bereit,  mich  vorzustellen,  und  führte  mich  nach  vorgängiger
  Meldung  zum  Heiligen  Vater,  der  in  demselben  Hause  wohnt.
Die  Etikette  und  das  Zeremoniell  sind  in  Gasta  durch  die  Umstände  sehr
vereinfacht,  so  daß  diese  Audienz  als  eine  vollkommen  entsprechende  gelten
kann,  um  so  mehr,  als  auch  die  übrigen  neu  beglaubigten  Gesandten  und
sogar  der  belgische  Botschafter  in  gleicher  Weise  bei  dem  Heiligen  Vater
eingeführt  worden  sind.

Ich  wurde  gleich  beim  Eintreten  vom  Heiligen  Vater  mit  herzlichem
        <pb n="66" />
        56  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

Zuruf  begrüßt,  setzte  mich  nach  dem  üblichen  Zeremoniell  dem  Heiligen
Vater  gegenüber  und  erwähnte  nun  des  Zwecks  der  Sendung,  überreichte
das  Notifikationsschreiben  und  sodann  das  Schreiben  des  Reichsverwesers
vom  23.  Januar,  welches  letztere  ich  noch  mit  der  Versicherung  der  tiefen
Betrübnis  Sr.  K.  H.  über  die  Ereignisse  in  Rom  begleitete,  Gefühle,
die  ich  auch  im  Namen  von  ganz  Deutschland  aussprach.  Diese  Worte
nahm  der  Heilige  Vater  sehr  freundlich  auf  und  knüpfte  hieran  die  Bemerkung,
  wie  das  feste  Zusammenhalten  der  Regierungen  Europas  um  so
notwendiger  sei,  als  es  sich  um  einen  Kampf  der  Barbarei  gegen  Religion
und  gesellschaftliche  Ordnung  handle.  Ich  erwähnte  nun  der  einheitlichen
Bestrebungen  in  Deutschland  und  ihres  gleichen  Zwecks  der  Befestigung
staatlicher  und  sittlicher  Ordnung,  worauf  dann  der  Heilige  Vater  mit
Wärme  seine  rege  Teilnahme  an  der  Einheit  Deutschlands  zu  erkennen
gab,  das  Verhältnis  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  als  den  „nodo
gordiano  che  vuol  essere  sciolto“  bezeichnete  und  hinzufügte,  er  bete  für
die  glückliche  Beendigung  der  deutschen  Angelegenheiten.  Hierauf  sprach
der  Heilige  Vater  noch  mit  der  ihm  eignen  Liebenswürdigkeit  von  einigen
mich  persönlich  betreffenden  Angelegenheiten,  worauf  die  Audienz  beendigt
war.  Dieselbe  wird,  wie  dies  im  Hoflager  des  Papstes  nun  gebräuchlich
ist,  in  Ermanglung  eines  eignen  Organs  im  neapolitanischen  Staatsanzeiger
  veröffentlicht  werden.

Wie  dem  Reichsministerium  bereits  bekannt  sein  dürfte,  ist  auch  der
Großherzog  von  Toskana  hier  anwesend,  empfängt  aber  bis  jetzt  keine
Gesandte.  Für  den  Fall  jedoch,  daß,  wie  das  Gerücht  geht,  ein  französischer
  Gesandter  an  den  Großherzog  hier  ankommt,  würde  ich  dies  als
ein  Präzedenz  betrachten  und  auch  meinerseits  mein  Schreiben  abgeben.
Ueber  die  politischen  Verhältnisse  behalte  ich  mir  vor  in  meinem  nächsten
Berichte  Vortrag  zu  erstatten,  bemerke  nur  unterdessen,  daß  ich  mich  den
Bestrebungen  der  hiesigen  Diplomatie,  den  Papst  auf  geeignetem  Wege
in  seine  unabhängige  Stellung  in  seinen  Staaten  zurückzuführen,  anschließen
  werde.

Bericht  vom  24.  März  1849.

Der  Prosegretario  di  Stato  Seiner  Heiligkeit  des  Papstes  hat  mir
auf  mein  Ersuchen  die  Dokumente  mitgeteilt,  welche  einerseits  auf  die
Stellung  des  Heiligen  Vaters  zu  der  in  Rom  herrschenden  usurpatorischen
Regierung,  anderseits  auf  die  Verhältnisse  Seiner  Heiligkeit  zu  den  europäischen
  Regierungen  und  die  von  denselben  begehrte  Intervention  Bezug
haben.

Der  Stand  der  Interventionsfrage  ist  heute  folgender:

Auf  die  Bitte  des  Papstes  um  Intervention  haben  sich  die  vier  an-
        <pb n="67" />
        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  57

gerufenen  Mächte  1)  zur  Intervention  bereit  erklärt,  die  Regierungen  von
Neapel  und  Spanien  hatten  dies  bereits  früher  getan,  die  Antworten  der
französischen  und  der  österreichischen  Regierung  sind  vor  wenigen  Tagen
eingetroffen.  Auch  hält,  wie  mir  Kardinal  Antonelli  heute  mitteilte,
Frankreich  seine  Truppen  zur  Einschiffung  an  die  italienische  Küste  bereit.
Um  über  die  Art  der  Intervention  und  deren  Zeitpunkt  zu  beraten,  soll
in  diesen  Tagen  eine  Konferenz  der  Bevollmächtigten  von  Frankreich,
Oesterreich,  Neapel  und  Spanien  in  Gaêta  stattfinden.  Wenn  nun  gleich
die  Entscheidung  nahe  bevorsteht,  so  kann  man  sich  doch  nicht  verhehlen,
daß  die  eigentümliche  Lage  der  französischen  Regierung  gegenüber  der
Nationalversammlung  und  ihr  Verhältnis  zu  Oesterreich  im  Schoße  der
Konferenz  Schwierigkeiten  aller  Art  hervorrufen  können.  Dies  verhehlt
sich  auch  der  Kardinal-Staatssekretär  nicht,  glaubt  aber  doch  vermittelnd
eingreifen  zu  können  und  vertraut  hauptsächlich  darauf,  daß  er  die  ganze
Frage  möglichst  vom  religiösen  Standpunkte  aus  behandelt  habe,  die
politischen  Folgen  bis  nach  beendigter  Intervention  vorbehaltend.

An  das  übrige  diplomatische  Korps  sowie  an  mich  sind  keine  Mitteilungen
  ergangen.  Ich  werde  also  nur  dem  Gang  der  Verhandlungen
zu  folgen  suchen  und  seinerzeit  weiter  zu  berichten  die  Ehre  haben.

Bericht  aus  Neapel  11.  April  1849.

Da  eine  Veranlassung  zur  Verlängerung  meines  Aufenthalts  in  Gasta
nicht  gegeben  war,  so  verabschiedete  ich  mich  vorgestern  bei  dem  Heiligen
Vater  und  wurde  auf  die  freundlichste  Weise  entlassen.  Dem  Großherzog
von  Toskana  konnte  ich  das  Schreiben  des  Reichsverwesers  nicht  übergeben.
Denn  wenn  auch  der  Großherzog  wahrscheinlich  in  nächster  Zeit  einen
auswärtigen  Minister  in  seine  Nähe  berufen  und  Gesandte  empfangen
wird,  so  konnte  ich  diesen  Zeitpunkt  bei  der  voraussichtlich  nur  noch  kurzen
Dauer  des  Provisoriums  in  Deutschland  nicht  abwarten.  Ich  habe  dies
dem  Großherzog  mitgeteilt  und  mich  privatim  bei  ihm  empfohlen.  Da  ich
mit  einem  der  nächsten  Dampfschiffe  nach  Deutschland  abreise,  so  werde
ich  demnächst  die  Ehre  haben,  meine  Berichte  mündlich  zu  ergänzen.

In  einem  Briefe  aus  Neapel  vom  11.  April  1849  schreibt  der
Fürst  der  Prinzessin  Amalie:  „Mein  Aufenthalt  in  Gasta  in  der  Umgebung
des  vortrefflichen  und  edeln  Papstes  war  sehr  schön,  und  ich  rechne  ihn
zu  den  erhebendsten  Tagen  meines  Lebens.“

Noch  in  Gaêöta  hatte  der  Fürst  die  Nachricht  erhalten,  daß  König
Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Kaiserkrone  abgelehnt  hatte.  „Damit  war,“

 

1)  Oesterreich,  Frankreich,  Spanien  und  Neapel.
        <pb n="68" />
        58  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

heißt  es  in  der  obenerwähnten  Notiz,  „das  Schicksal  des  Frankfurter
Reichs  besiegelt.  Ich  verabschiedete  mich  bei  dem  Papst  und  dem  Großherzog
  von  Toskana,  an  den  ich  mein  Schreiben  nicht  abgeben  konnte,  da
er  keinen  Minister  des  Aeußern  hatte.  Er  sagte:  „Grüßen  Sie  meinen
Vetter  in  Frankfurt!“  Wir  gingen  nach  Neapel,  blieben  da  den  Monat
Mai  und  kehrten  über  Paris  nach  Frankfurt  zurück.“

Als  sich  der  Fürst  bei  dem  Erzherzog  Reichsverweser  zur  Audienz
gemeldet  und  eine  Stunde  erhalten  hatte,  wurde  ihm  eine  Stelle  in  dem
Ministerium  Grävell,  das  am  17.  Mai  der  Nationalversammlung  vorgestellt
  war,  angeboten.  Er  lehnte  ab,  „da  er  keine  Lust  hatte,  einem
Ministerium  anzugehören,  das  nur  dazu  berufen  war,  das  Reich  zu
Grabe  zu  tragen“.  Als  der  Fürst  den  Erzherzog  sah,  sprach  dieser  nicht
mehr  davon.

Mit  dem  Ende  der  Reichsgesandtschaft  war  die  aktive  Beteiligung
des  Fürsten  an  der  Politik  vorläufig  abgeschlossen.  Er  war  wieder  im
wesentlichen  auf  die  Rolle  des  Beobachters  beschränkt.  Die  Eindrücke,  die
der  allmähliche  Niedergang  der  nationalen  Hoffnungen  und  der  beschämende
Abschluß  der  Bewegung  in  ihm  erregte,  sind  aus  den  Briefen  an  die
Schwester  und  aus  den  Reden  in  der  Kammer  der  Reichsräte  zu  erkennen.

An  die  Prinzessin  Amalie.
München,  18.  November  1849.

..  Es  ist  ein  eigentümliches  Band  geistiger  Verwandtschaft,  das
uns  Geschwister  alle  fest  zusammenhält  und  von  dem  andre  Menschen
selten  einen  Begriff  haben.  Ich  habe  es  in  wenigen  Familien  gefunden.
In  der  Gesellschaft  der  großen  Welt  findet  man  solchen  Geist  selten.  Im
allgemeinen  und  insbesondere  hier  ist  die  große  Welt  im  innersten  Herzen
sehr  gemein.  Gut,  wenn  Du  willst,  freundlich,  weniger  schlecht,  als  sie
von  Landpastoren  gewöhnlich  geschildert  wird.  Aber  es  ist  gar  wenig
dahinter.  Mit  den  edeln  Menschen,  die  diese  Stadt  birgt  wie  jede  andre,
kommt  man  schwer  zusammen.  Ich  werde  in  solcher  Umgebung,  ohne  es
zu  wollen,  Demokrat;  gerade,  wie  es  mir  in  der  Kammer  geht,  wo  ich
durch  die  Partei  eingesäumter  Aristokraten,  die  es  sind  ohne  innere  Berechtigung,
  auf  die  linke  Seite  getrieben  und  zum  Beispiel  bei  der  letzten
Sitzung  veranlaßt  wurde,  die  deutsche  Nationalversammlung  gegen  stupide
Angriffe  eines  alten  Herrn  in  Schutz  zu  nehmen.  Wir  haben  eine  interessante
Sitzung  über  die  deutsche  Frage  gehabt,  und  ich  habe  vor  einer  gedrängt
gefüllten  Galerie  ziemlich  gut  gesprochen.  Ich  freute  mich  bei  dieser
Gelegenheit  meiner  Ruhe  und  Unbefangenheit.  Es  ist  ein  Glück  in  unfrer
Zeit,  wenn  man  dazu  gelangt  ist,  ohne  Verlegenheit  klar  vor  vielen
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        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  59

Menschen  zu  reden.  Meine  sehr  zahme  Rede  ist  aber  doch  zu  antiministeriell
  gefunden  worden,  und  ich  werde  dadurch  bei  Hofe  in  Verruf
kommen.  „Kein  Vernünftiger  kann  zergliedern,  was  den  Menschen  wohlgefällt.“


Die  Sitzung,  die  dieser  Brief  erwähnt,  fand  am  12.  November  statt
und  betraf  die  Haltung  der  bayrischen  Regierung  in  der  deutschen  Frage,
für  welche  die  Kammer  dem  Ministerium  ihre  „dankbare  Anerkennung“
aussprach.  Diese  „dankbare  Anerkennung“  bezog  sich,  wie  die  Verhandlungen
  ergeben,  auf  die  Ablehnung  sowohl  der  Frankfurter  Verfassung
wie  des  Dreikönigsbündnisses.  Fürst  Hohenlohe  schloß  sich  von  diesem
Votum  nicht  aus,  erklärte  aber  bezüglich  des  Beitritts  zum  Dreikönigsbündnis
  folgendes:  „Wäre  die  Frage  der  hohen  Kammer  vorgelegt  worden,
als  sie  noch  eine  offene  war,  wäre  die  hohe  Kammer  aufgefordert  worden,
sich  zu  erklären,  ob  sie  ihre  Zustimmung  zu  diesem  Bündnisse  gebe,  so
gestehe  ich,  daß  ich  geraten  haben  würde,  diese  Zustimmung  zu  erteilen.
Ich  gehe  von  dem  Grundsatze  aus,  daß  eine  starke  Zentralgewalt  nottut,
und  von  diesem  Standpunkte  aus  würde  ich  mir  die  Frage  erlaubt  haben,
ob  denn  auf  einem  andern  Wege  dem  Drange  nach  nationaler  Einigung
entsprochen  werden  könne  als  auf  dem,  der  in  großen  Grundzügen  in
dem  Dreikönigsbündnis  enthalten  ist.

Sämtliche  deutschen  Staaten  sind  konstitutionell  monarchisch;  es  kann
also  eine  autokratische  Form  der  Zentralgewalt  nicht  wohl  gedacht  werden.
Ein  Parlament  an  der  Seite  dieser  Zentralgewalt  ist  eine  allgemein  anerkannte
  Notwendigkeit.  Nun  ist  aber  meiner  Ansicht  nach  eine  kollegiale
Führung  der  Exekutive  gegenüber  einem  Parlament  eine  sehr  gefährliche
Sache.  Ein  Direktorium  von  Bevollmächtigten  —  denn  Direktoren  müssen
immer  bevollmächtigt  sein  —,  ein  Gesamtkollegium,  überhaupt  jede  von
diesen  vielköpfigen  Gestaltungen  der  Zentralgewalt  wird  immer  nach
Instruktionen  handeln.  Nun  ist  aber  einem  Parlament  gegenüber  durchaus
  notwendig,  rasch,  entschieden  und  kraftvoll  zu  handeln.  Mir  scheint,
daß  eine  solche  Kraftentwicklung,  solche  Raschheit,  solche  Entschiedenheit  in
der  Ausführung  nicht  wohl  mit  dem  Handeln  nach  Instruktionen  vereinbar
wäre;  wir  haben  dies  damals  erfahren,  als  der  Bund  in  seiner  früheren
Form  noch  existierte,  und  ich  glaube,  daß  bis  jetzt  wenigstens  das  Rätsel
noch  nicht  gelöst  ist.  Doch  ich  schweige  heute  von  alledem.  Die  Frage
über  den  Dreikönigsbund  ist  in  diesem  Augenblicke  eine  geschlossene.  Sie
ist  wenigstens  jetzt  in  ein  Stadium  getreten,  in  welchem  eine  weitere  Verteidigung
  desselben  zwecklos  ist.  Das  bayrische  Volk  hat  sich  in  seiner
Vertretung  gegen  den  Dreikönigsbund  ausgesprochen.  Die  königliche
Regierung  hat  den  Dreikönigsbund  zurückgewiesen,  gestützt  auf  die  Mehr-
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        60  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

zahl  des  bayrischen  Volks.  Meine  entgegenstehenden  persönlichen  Ansichten,
die  ich  jedoch  in  wenigen  Worten  vortragen  zu  müssen  glaubte,  müssen
deshalb  zurücktreten,  sie  berechtigen  mich  nicht,  der  Regierung  deshalb  zu
zürnen,  weil  sie  das  getan  hat,  was  die  Mehrzahl  des  Volks  will.  In
einer  Frage,  wo  es  sich  um  die  Rechte  eines  ganzen  Volks,  um  die  Selbständigkeit
  eines  Staates  handelt,  muß  die  persönliche  subjektive  Ueberzeugung
  des  einzelnen  zurücktreten.  Ich  weiß  auch  gar  keinen  andern
Weg  anzugeben,  welchen  die  Regierung  hätte  einschlagen  sollen,  um  die
Wünsche  des  Volks  mit  dem  Prinzip  der  Einigung  des  ganzen  Deutschlands
  in  Einklang  zu  bringen.  Es  ist  schwer,  ja  fast  unmöglich,  den
Wunsch  nach  nationaler  Einigung  zu  erfüllen  und  zu  der  gleichen  Zeit
die  ganze  Selbständigkeit  eines  einzelnen  Staates  aufrechtzuerhalten.  Wenn
die  Einheit  im  Jahre  1848  zugrunde  gegangen  ist,  so  ist  es  nicht  sowohl
durch  die  Sonderinteressen  der  Dynastien  als  durch  die  Feindseligkeiten  der
einzelnen  deutschen  Stämme  geschehen.  Das  ist  eine  traurige  Wahrheit;
es  ist  aber  notwendig,  daß  man  sich  die  Wahrheit  so  oft  als  möglich
gestehe.  Unter  solchen  Verhältnissen,  muß  ich  bekennen,  konnte  die  Staatsregierung
  nicht  anders  handeln,  als  sie  gehandelt  hat.“

An  die  Prinzessin  Amalie.
München,  22.  Dezember  1849.

..  Gegenwärtig  lesen  wir  immer  von  Zeit  zu  Zeit  in  Humboldts
Briefen  an  eine  Freundin.  Darin  finde  ich  meine  eignen  Gedanken  auf
jeder  Seite.  Doch  kam  ich  in  der  letzten  Zeit  sehr  wenig  zum  Vorlesen.
Meine  Tage  waren  vollkommen  absorbiert  durch  die  reichsrätliche  Tätigkeit.
Ich  habe  mir  vor  einigen  Tagen  durch  eine  recht  gute  improvisierte  Rede
einen  großen  Ruf  erworben.  Dieses  6vénement  war  an  jenem  Tage  der
Gegenstand  aller  Gespräche.  Da  der  Gegenstand  nicht  allgemeine  Bedeutung
  hatte,  so  wirst  Du  die  Sache  nicht  in  der  „Augsburger  Zeitung“
finden.  Ich  selbst  bin  gegen  diese  Erfolge  gleichgültig.  Ich  freue  mich,
daß  ich  so  etwas  zustande  bringe,  weil  es  sehr  unangenehm  ist,  wenn  in
ernsten  Zeiten  die  Form  uns  am  Handeln  hindert.  Doch  macht  mir  dergleichen
  keine  Freude.

1Z

Die  Verhandlungen  der  Kammer,  auf  die  sich  diese  Mitteilungen  beziehen,
  betrafen  die  strafrechtliche  Verfolgung  der  Pfälzer  Revolutionäre.
In  der  Sitzung  vom  18.  Dezember  hatte  Graf  Arco-Valley  im  Gegensatz
gegen  die  „jungen  Reichsräte"  sich  selbst  als  einen  „Hemmschuh  auf  dem
Wege  zur  Republik“  bezeichnet.  Die  Erwiderung  auf  diesen  Angriff  war
wohl  die  „improvisierte  Rede“,  von  der  der  Fürst  berichtet.  Ueber  die
Frage  der  Amnestie  sagt  der  Fürst  in  einer  Aufzeichnung  aus  diesen  Tagen:
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        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  61

Ich  glaube,  es  dürften  alle,  die  an  den  verbrecherischen  Bestrebungen  des
letzten  Frühjahrs  teilgenommen  haben,  in  zwei  Hauptabteilungen  zerfallen:
1.  die  eigentlichen  Demagogen  oder  Radikalen  von  Profession,

2.  Revolutionäre  aus  vorübergehenden  Motiven.

Es  ist  bekannt,  daß  eine  Partei,  eine  weitverbreitete  Sekte  besteht,
die,  mit  der  gegenwärtigen  sittlichen  und  staatlichen  Ordnung  der  Dinge
zerfallen,  eine  neue  erstrebt.  Durch  das  Studium  der  Philosophie,  insbesondere
  der  Hegelschen,  sind  die  Führer  dieser  Partei  zu  der  Ueberzeugung
gelangt,  daß  das  Christentum  eine  Lüge,  der  christliche  Staat  also  auf
Irrtum  gegründet  sei.  Sie  wollen  also  die  von  ihnen  erkannte  Wahrheit
in  Religion  und  Staat  zur  Geltung  bringen.  Was  sie  uns  Positives
bringen  wollen,  habe  ich  bei  den  eifrigsten  Forschungen  nie  recht  erfahren
können.  Wo  sie  zum  praktischen  Handeln  gezwungen  werden,  ist  das
Geltendmachen  der  Theorie,  die  ihnen  vorschwebte,  an  dem  bloß  negierenden
  Charakter  eben  dieser  Theorie  zugrunde  gegangen.  Mazzini  in  Italien,
Pierre  Leroux  in  Frankreich,  Karl  Vogt  —  ich  nenne  nur  besonders
hervorragende  Persönlichkeiten  der  Partei  —,  alle  haben  sich  bisher  nur
im  Verneinen  bedeutend  gezeigt.  Wäre  aber  auch  diese  Partei  imstande,
ein  neues  religiöses  und  soziales  Gebäude  aufzuführen,  so  könnte  sie  es
nur,  nachdem  sie  das  bestehende  vollständig  zerstört  hätte.  Hier  begegnet
sie  nun  dem  Widerstande  der  vernünftigen  Männer.  Es  ist  klar,  daß
aus  einer  Zerstörung  der  gegenwärtigen  Zivilisation  nur  Barbarei  entstehen
  kann.  Es  ist  also  Pflicht,  den  Bestrebungen  der  radikalen  Partei
mit  größter  Entschiedenheit  entgegenzutreten.  Die  radikale  Partei  ist  zu
klug,  als  daß  sie  zur  Versöhnung,  die  ihr  nichts  nutzt,  je  die  Hand  bieten
sollte.  Sie  will  eben  Kampf.  Dieser  also  Verzeihung,  Milde  zuteil  werden
zu  lassen,  wäre  Schwachheit.

Allein  gerade  diese  Partei  ist  in  der  Pfalz  wenig  vertreten.  Ihre
Führer  haben  sich  fast  alle  in  Sicherheit  gebracht.  Es  bleibt  uns  hauptsächlich
  die  zweite  Klasse,  nämlich  die  Revolutionäre  aus  vorübergehender
Veranlassung,  die  politisch  Aufgeregten,  deren  Bewegung  sich  legt  wie  die
Wellen  des  Meeres,  wenn  der  Sturm  aufhört.  Als  im  vergangenen  Jahre
die  Begeisterung  für  das  einige  Deutschland  das  Land  durchzog,  da  stellten
sich  edle  Männer  an  die  Spitze  der  Bewegung  und  sagten  dem  Volke:
„Beruhigt  euch,  wir  wollen  auf  gesetzlichem  Wege  ein  einiges  Deutschland
schaffen!“  Die  Nationalversammlung  trat  zusammen,  das  Volk  beruhigte
sich  und  wartete.  Es  wartete  ruhig  ein  ganzes  Jahr.  In  diesem  Jahre
beruhigte  sich  die  Revolution,  die  Regierungen  erstarkten.  Ja,  die  Begeisterung
  für  die  deutsche  Einheit  erkaltete  in  manchen  Herzen.  Viele  von
denen,  welche  in  Frankfurt  zusammensaßen,  hatten  selbst  nicht  Lust,  das
Werk  zustande  zu  bringen.  Als  nun  die  Verfassung  mit  Not  und  Mühe
        <pb n="72" />
        62  Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)

zustande  kam,  da  erwachte  in  vielen  Männern  von  neuem  die  Begeisterung,
die  Erregung,  wie  im  Jahre  1848.  Aber  die  Zeiten  hatten  sich  geändert.
Was  im  vorigen  Jahre  geduldet  wurde,  weil  man  es  nicht  hindern  konnte,
es  war  jetzt  Verbrechen.  Das  aber  begriff  jener  bewegliche  Teil  des  Volks
nicht.  Er  konnte  nicht  wissen,  daß  das,  was  im  März  1848  manchem
Bewegungsmann  zu  hohen  Ehren  verholfen  hatte,  nun  Vergehen  sei.  Er
kannte  die  Zeit  nicht.  Gewiß,  es  ist  schwer,  sich  immer  von  den  politischen
  Konstellationen  genaue  Rechenschaft  zu  geben,  genau  zu  berechnen,
was  gelingen  wird,  was  nicht.  Dieser  Teil  des  Volks  wußte  nicht,
daß  die  Regierung  nun  von  kräftigen  Männern  geleitet  wurde,  die
die  Revolution  zu  besiegen  wußten,  die  dem  Gesetze  Achtung  zu  verschaffen
  die  Kraft  hatten.  Diese  erregten  Gemüter  wußten  nicht,  daß
die  Zeit  vorüber  sei,  wo  man  in  Katzenmusiken  die  öffentliche  Meinung
zu  erkennen  glaubte.  Daß  das  Volk  alles  dies  nicht  wußte,  daß  es
im  Glauben  an  eine  Revolution  handelte,  die  nicht  mehr  existierte,  das
ist  der  Hauptfehler,  den  die  meisten  Angeklagten  und  Kompromittierten
begangen  haben.

Die  Stimmung  des  Fürsten  bei  dem  Schwinden  der  letzten  patriotischen
  Hoffnungen,  die  sich  an  das  Dreikönigsbündnis  geknüpft  hatten,
spricht  sich  in  einem  scharfen  Artikel  aus,  in  dem  er  in  Nr.  71  des  „Frankfurter
  Journals“  die  Thronrede  des  Königs  von  Württemberg  besprach.
„Durch  die  ganze  Thronrede,“  heißt  es  darin,  „klingt  ein  unheimlicher  Ton,
der  von  den  Gefahren  erzählt,  die  uns  von  außen  drohen,  wenn  das
württembergische  und  das  deutsche  Volk  nicht  den  väterlichen  Ermahnungen
seiner  Monarchen  folgt  und  noch  weiter  dem  Traumbilde  der  deutschen
Einheit  nachjagt.  Wir  vernehmen  ausdrücklich,  daß  die  Realisierung  des
Bundesstaates  nicht  möglich  sei,  „ohne  Verletzung  jener  feierlichen  Traktate,
worauf  unfre  Stellung  und  unfre  Unabhängigkeit  gegen  Europa  sowie
das  politische  Gleichgewicht  Europas  überhaupt  beruht#.  Wir  hören  von
den  „Gefahren,  zu  denen  das  Bündnis  vom  26.  Mai  sowohl  im  Innern
als  nach  außen  führen  muß"“.  Es  ist  also  jetzt  dem  erhabenen  Redner
klar,  daß  das  Ausland  unfre  Unabhängigkeit  gefährden  könnte,  daß  eine
Einmischung  der  fremden  Mächte  in  unfre  innersten  Angelegenheiten
bevorstehe.  So  weit  sind  wir  also  gekommen,  daß  man  die  politische
Schamhaftigkeit  in  einem  deutschen  Königreiche  ganz  ablegt  und  vor
den  Augen  von  ganz  Europa  gesteht,  daß  wir  es  nicht  mehr  wagen,
uns  eine  Verfassung  zu  geben,  wie  sie  unsern  Bedürfnissen  entspricht,
sondern  daß  die  letzte  Stimme  den  Mächten  zusteht,  die  die  Verträge
garantiert  haben!  So  weit  ist  es  also  gekommen,  daß  man  diese  Geständnisse
  einer  demokratischen  Versammlung  ohne  Scheu  macht  und
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        Die  Revolution  und  die  Reichsgesandtschaft  (1848  bis  1850)  63

machen  kann!  Wahrlich,  man  hätte  besser  getan,  in  der  Thronrede  vom
„alten  Recht“  zu  schweigen,  wenn  man  die  alte  Ehre  so  ganz  und  gar
verleugnet.“

Kurz  vor  der  Katastrophe  von  Olmütz  schreibt  der  Fürst  an  die  Prinzessin
  Amalie:

Sayn,  16.  November  1850.

.  .  Ich  war  gestern  bei  der  Prinzessin  von  Preußen  zum  Tee.  Sie
war  sehr  niedergebeugt  durch  die  neuesten  politischen  Ereignisse;  1)  sie  ist
so  von  Schmerz  und  Jammer  über  die  Berliner  Jämmerlichkeiten  erfüllt,
daß  es  einem  leid  tut,  sie  anzusehen.  Ich  möchte  sie  mit  einer  Niobe
vergleichen.  Jedenfalls  ist  der  Vergleich  auch  deshalb  richtig,  weil  sie  im
Untergang  Preußens  auch  den  Untergang  der  Zukunft  ihres  so  vortrefflichen
  und  vielversprechenden  Sohnes  betrauert.

 

1)  Entlassung  von  Radowitz  am  2.  November  nach  der  „vorläufigen  Uebereinkunft“
  in  Warschau  am  28.  Oktober,  durch  welche  die  Unionsverfassung  aufgegeben
wurde.
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        Drittes  Buch
Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

 

 

 

ür  die  Jahre  1850  bis  1866  fehlt  das  Material,  um  eine  zusammenhängende

  Darstellung  von  dem  Leben  und  Wirken  des  Fürsten  aus
seinen  eignen  Worten  herzustellen.  Ein  fortlaufendes  Tagebuch  hat  er  in
dieser  Zeit  nicht  geführt,  und  die  Briefe  an  die  Prinzessin  Amalie,  in
welchen  vor  der  Heirat  das  Innenleben  des  Fürsten  sich  aussprach,  nehmen,
seit  er  in  einer  glücklichen  Ehe  lebte,  begreiflicherweise  einen  andern
Charakter  an,  beschränken  sich  auf  tatsächliche  Mitteilungen  über  die  Erlebnisse
  und  Geschäfte  des  Tags.  Auch  fehlt  dieser  Periode  die  Einheit,
welche  in  den  Entwicklungsjahren  durch  das  Werden  der  Persönlichkeit
gegeben  ist.  Diese  ist  gewissermaßen  fertig  und  sucht  nach  einer  Gelegenheit,
  sich  in  der  Politik  zu  betätigen.  Aber  die  Zeit  war  dafür  nicht  günstig.
Der  nationale  Idealismus  des  Jahres  1848  war  in  der  Oede  der  Reaktion
  erstorben  und  ein  ehemaliger  Reichsgesandter  hatte  keine  Aussicht,
von  der  bayrischen  Regierung  geschätzt  und  im  Staatsdienste  verwendet
zu  werden.  Für  einen  nach  seiner  Bildung  und  sozialen  Stellung  konservativ
  gerichteten,  dabei  aber  von  starkem  Nationalgefühl  erfüllten  Politiker
bot  das  Bayern  der  fünfziger  Jahre  keine  Gelegenheit,  seine  Kraft  zu  betätigen.
  Es  ist  psychologisch  interessant,  wie  der  Drang  nach  politischem
Wirken  den  Fürsten  allmählich  zu  einem  Kompromiß  mit  den  Verhältnissen
führt,  in  denen  allein  ein  solches  Wirken  für  ihn  möglich  war,  wie  er  bestrebt
  ist,  seinen  Frieden  mit  dem  bayrischen  Königtum  zu  machen  und
wie  unter  der  Einwirkung  dieser  äußeren  Gegebenheiten  auch  seine  politischen
  Anschauungen  allmählich  eine  Wendung  nehmen,  die  ihn  dem  bayrischen
  Partikularismus  näher  bringt.  Er  wird  ein  Anhänger  der  Triasidee
  nicht  aus  innerer  Ueberzeugung,  aber  aus  dem  Gefühle,  daß  bei  der
scheinbaren  Aussichtslosigkeit  des  kleindeutschen  Programms,  bei  der  zweifellosen
  Unmöglichkeit  einer  großdeutschen  Politik  die  Sammlung  der  in  den
süddeutschen  und  mitteldeutschen  Staaten  vorhandenen  nationalen  Kräfte
zu  einem  dritten  Deutschland  immer  noch  den  Vorzug  verdiene  vor  der
völligen  Zersplitterung  und  Machtlosigkeit  tüchtiger  deutscher  Stämme.
Diese  bayrisch-partikularistische  Wendung  ist  besonders  deshalb  beachtenswert,
  weil  sie  auch  in  der  späteren  Wirksamkeit  des  Fürsten  an  der  Spitze
des  bayrischen  Staats  nachwirkt  und  weil  gerade  diese  Konzession  an  den
Partikularismus  die  Voraussetzung  war  für  die  nationale  Politik  des
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  65

bayrischen  Ministerpräsidenten.  Nur  ein  Staatsmann,  an  dessen  korrekt
bayrischer  Gesinnung  nicht  zu  zweifeln  war,  konnte  das  Vertrauen  König
Ludwigs  II.  gewinnen  und  die  nationale  Haltung  dieses  Fürsten  in  den
großen  und  entscheidenden  Fragen  der  deutschen  Politik  bestimmen.

1.  Paris  und  Rußland.

Im  Dezember  1850  reiste  der  Fürst  mit  seiner  Gemahlin  für  mehrere
Monate  nach  Paris.  Von  dort  schrieb  er  der  Prinzessin  Amalie  am
15.  Dezember:

..  Die  ersten  acht  Tage  benutzten  wir  neben  unsern  Einrichtungsgeschäften,
  die  verschiedenen  Theater  zu  besuchen,  weil  dies  nicht  mehr
möglich  ist,  wenn  man  abends  ausgeht  ...  Die  Theater  sind  interessant
und  lehrreich,  was  die  Sprache  anbetrifft.  Madame  Rachel  und  Madeleine
Brohan  in  der  Comedie  Francaise  sind  sehr  merkwürdig.  Letztere  wird
besonders  ihrer  Schönheit  wegen  applaudiert,  erstere  ist  über  alle  Kritik
erhaben,  so  daß  man  sogar  ihr  Judengesicht  vergißt.  Im  Thäatre  de
la  Gaité  wird  ein  Melodrama  „Paillasse“  gegeben,  das  von  Fredéric
Lemaitre  außerordentlich  gut  dargestellt  wird.  Die  neue  Oper  „LVenfant
prodigue“  von  Auber  ist  der  Gegenstand  aller  Unterhaltung.  Es  ist  die
Geschichte  aus  der  Bibel  und  spielt  in  Aegypten  und  Palästina.  Ein  größeres
Aergernis  als  diese  Oper  kann  man  sich  nicht  denken,  ja  am  Schluß
kommt  eine  Szene  vor,  wo  der  Himmel  sich  auftut  und  man  die  Engel
mit  Harfen  sieht.  Die  Dekorationen  sind  prachtvoll,  die  Musik  elend,  und
während  fünf  Stunden  muß  man  dieses  Gebärmel  mit  anhören.  Einmal
und  nicht  wieder!

Madame  Sontag  sah  ich  im  „Barbier  de  Séville“.  Ein  sonderbarer
Eindruck,  nachdem  ich  sie  zuletzt  in  ihrem  Salon  in  Berlin  gesehen  hatte.  1)

Unsre  „entrée  dans  le  monde“  haben  wir  bei  Frau  von  Narischkin
gemacht.  Sie  hat  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,  uns  möglichst  schnell
bekannt  zu  machen,  und  hat  dies  mit  der  größten  Freundlichkeit  und  Gewandtheit
  ausgeführt.  Wir  fanden  viele  Bekannte  in  ihrem  Salon  aus
Athen  und  Neapel,  so  daß  ihr  ihre  Aufgabe  erleichtert  wurde.  Tags  darauf
ließ  ich  mich  durch  den  bayrischen  Gesandten  bei  dem  Präsidenten  vorstellen.
  Die  Masse  geht  in  die  großen  Salons,  vornehme  Leute  in  die
kleinen  Appartements  des  Präsidenten.  Hier  hinein  führte  mich  Wendland.
Im  ersten  Salon  fanden  wir  den  Hofstaat  und  an  der  Tür  des  zweiten
einen  kleinen  Mann  mit  dem  Gesicht  eines  bayrischen  Chevaulegeroffiziers
  und  dem  großen  Band  der  Ehrenlegion.  Es  war  „le  Prince"“.

 

1)  Henriette  Sontag  (1803  bis  1854)  hatte  als  Gräfin  Rossi  von  1843  bis  1849
in  Berlin  gelebt.
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigleiten.  I  5
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        66  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Ich  wurde  ihm  vorgestellt,  und  dann  sprach  er  mit  mir  über  Bayern:
„J'y  ai  passé  ma  jeunesse,  à  Augsbourg,  et  j'en  conserve  toujours
un  très  bon  souvenir.“1)  Er  erzählte  von  einem  Prinzen  Hohenlohe,  den
er  in  München  gekannt  hatte.  Dann  wurde  ich  der  Prinzeß  Mathilde
vorgestellt,  einer  dicken,  schhnen  Dame  mit  Diamanten.  Bald  darauf
setzte  sich  die  ganze  Gesellschaft  in  Bewegung  und  defilierte  in  die  Tanzsäle,
  wo  das  Publikum  Spalier  bildete,  um  uns  wie  einen  großen  Hofstaat
  durchgehen  zu  sehen.  Im  Saal  wurde  ich  Lord  und  Lady  Normanby
vorgestellt.  Lord  Normanby  ist  ein  großer  krausköpfiger,  immer  lächelnder
Engländer  mit  vielen  Orden,  Lady  Normanby  ein  dickes,  impassibles
Wesen  mit  Diamanten.  Graf  Hatzfeld,  der  preußische  Gesandte,  den  ich
auch  kennen  lernte,  ein  rheinischer  Rittergutsbesitzer  dans  toute  la  force
du  terme.  Seine  Frau  eine  geistreiche  Französin.  Der  österreichische
Gesandte  Hübner  ist  eine  Môlange  zwischen  Liszt  und  Karl  von  Koschentin,)
geschickt  und  gewandt  wie  alle  österreichischen  Diplomaten.  Die  Russen
sind  zahlreich  und  für  uns  sehr  liebenswürdig,  im  übrigen  abgeschliffen
und  leer.

Gestern  abend  waren  wir  bei  der  Herzogin  von  Maillé,  einer  freundlichen
  Dame  mit  grauem  Schnurrbart.  Die  Annehnmlichkeit,  in  einen
Salon  von  wenig  Menschen  zu  kommen,  von  denen  man  niemand  kennt,
wurde  uns  da  zuteil.  Man  bleibt  jedoch  nur  eine  halbe  Stunde  in
diesen  Avant-soirkes.  Nachher  gingen  wir  zur  Fürstin  Lieven.  Dort
war  es  mir  interessant,  alle  möglichen  merkwürdigen  Leute  zu  sehen  und  kennen
zu  lernen.  Guizot  ist  eine  gleich  im  ersten  Augenblick  auffallende  Erscheinung.
  Er  ist  der  einzige  Mensch,  den  ich  in  der  Pariser  Welt  bisher
  getroffen  habe,  der  nicht  an  andre  Dinge  denkt  oder  zu  denken  scheint,
wenn  er  mit  einem  spricht.  Es  ist  dies  sehr  schwer  und  es  gehört  viel
geistige  Kraft  dazu,  in  diesem  heillosen  Geschrei  eines  Pariser  Salons
und  umgeben  von  den  verschiedenartigsten  Personen  nicht  verwirrt  zu  sein
und  zu  scheinen.  Molés)  ist  ein  ernster  Mann,  aber  auch  zerstreut,
Berryer,)  der  ebenfalls  da  war,  den  ich  aber  nicht  kennen  lernte,  sieht
aus  wie  ein  Landpfarrer.  Unter  den  Damen,  die  ich  bisher  gesehen,
zeichnet  sich  Madame  Kalergi  durch  Schönheit,  Fürstin  Grassalkowitsch
durch  rüstiges  Alter,  Madame  Gudin  durch  Fett  und  naive  Bemerkungen

 

1)  Napoleon  hatte  von  1816  ab  mit  seiner  Mutter  Hortense  mehrere  Jahre  in
Augsburg  gelebt  und  das  dortige  Gymnasium  zu  St.  Anna  besucht.

2)  Prinz  Karl  zu  Hohenlohe-Ingelfingen  (1820  bis  1890)  auf  Koschentin.

3)  Graf  Louis  Mathieu  Molé,  konservativer  Staatsmann,  Minister  unter
Louis  Philippe.

*)  Der  berühmte  Redner,  Verteidiger  Neys  und  Napoleons  nach  dem  Unternehmen
  von  Boulogne.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  67

aus.  Junge  Mädchen  sah  ich  bisher  nicht,  nur  auf  dem  Ball  bei  dem
Präsidenten  einige.

Im  allgemeinen  ist  alles  hier  sehr  vormärzlich,  mein  Kutscher  schreit
mir  immer  „oui,  Monseigneur“  zu.  Wer  einen  Orden  hat,  trägt  ihn
immer,  überall  und  zu  allen  Tageszeiten.  Das  Leben  ist  indessen  angenehm
  und  leicht,  die  Soireen,  da  deren  viele  an  demselben  Abend  sind,
kurz  und  bloße  Visiten

4.  Februar  1851.

.  .Ich  höre  einen  sehr  interessanten  cours  bei  Michel  Chevalier
über  Nationalökonomie,  wohin  ich  mit  Marie,  Fürstin  Mentschikoff  und
Frau  von  Seebach  fahre.  Das  Collège  de  France  ist  leider  so  weit,
daß  ich  die  übrigen  cours,  wie  einen  ganz  verrückten  cours  de  philosophie
bei  Michelet,  nur  ab  und  zu  besuchen  kann.  Dienstag  und  Freitag
um  7½  Uhr  liest  Blanquit)  in  dem  Conservatoire  des  arts  et  métiers
über  „6conomie  industrielle“,  eine  höchst  interessante  und  merkwürdige
Vorlesung,  die  ich  aber  der  Diners  wegen  nur  selten  besuchen  kann.  Es
ist  besonders  merkwürdig,  die  verschiedenen  Zuhörerklassen  zu  beobachten,
Damen  und  Herren  auf  den  reservierten  Plätzen  und  Blusenmänner  in
Masse  auf  dem  Amphitheater  .  Im  allgemeinen  gehe  ich  beruhigt,
um  manche  Illusion  ärmer  von  hier  fort,  also  reicher  im  Innern.  Marie
fühlt  mit  jedem  Tag  mehr  den  Wert  unfrer  stillen  Existenz  in  Schillingsfürst
  zunehmen  und  hat  nun  einen  Schritt  näher  zum  wahren  Frieden
getan.  Und  im  Augenblick,  wo  alle  diese  Erfahrungen  uns  den  Aufenthalt
in  der  Heimat  wert  und  teuer  machen,  droht  uns  eine  unabweisbare  Pflicht
in  die  Ferne  zu  führen  und  eröffnet  sich  mir  die  Aussicht  auf  eine  mühevolle
  aber  fruchtbare  Existenz.

Die  letzte  Bemerkung  bezieht  sich  auf  eine  Uebereinkunft  des  Fürsten
mit  seinem  Schwiegervater,  dem  Fürsten  zu  Sayn-Wittgenstein,  nach  welcher
der  Fürst  die  Verwaltung  der  großen  Besitzungen  in  Rußland  übernehmen
sollte,  welche  das  Erbteil  der  Fürstin  und  ihres  Bruders  von  ihrer
am  26.  Juli  1832  verstorbenen  Mutter  geb.  Prinzessin  Stephanie  von
Radziwill  bildeten.  Die  Uebersiedelung  nach  Rußland  wurde  für  den
Herbst  1851  festgesetzt.

An  die  Prinzessin  Amalie.
Schillingsfürst,  24.  Juli  1851.
..  Nach  London  zu  gehen  habe  ich  große  Lust,  doch  weiß  ich  nicht,  wie
ich  es  bei  meinen  bevorstehenden  großen  Reiseplänen  machen  soll.  Es  wird
wohl  nicht  möglich  sein,  und  ich  werde,  wenn  auch  mit  großem  Bedauern,

 

1)  Nationalökonom,  der  ältere  Bruder  des  Kommunisten.
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        68  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

darauf  verzichten  müssen,  den  Kristallpalast  und  die  Weltausstellung  zu
sehen.  Daß  durch  dieselbe  nun  der  lange  verkannte  Wert  des  Prinzen
Albert  recht  deutlich  an  den  Tag  getreten  ist,  freut  mich  sehr  und  ist  ein
neuer  Beweis,  wie  unrecht  man  tut,  wenn  man  der  sogenannten  öffentlichen
Meinung  und  dem  Urteil  des  Pöbels  über  hervorragende  Personen  Glauben
schenkt.

An  dieselbe.
Rauden,  4.  Oktober  1851.

..  Je  länger  ich  von  Schillingsfürst  weg  bin,  desto  fester  wird  in
mir  der  Entschluß,  nicht  so  bald  dahin  zurückzukehren,  und  da  bleibt  denn
nur  Rußland,  das  mit  den  dortigen  Geschäften  so  schwer  wiegt,  daß  die
kleinen  Schillingsfürster  Geschäfte  nichts  dagegen  wiegen.  Warum  ich  gern
von  Schillingsfürst  weggehe,  warum  ich  so  leicht  das  wirklich  schöne,  gemütliche
  und  reiche  Leben  dort  aufgebe  und  verschmerze,  weiß  ich  kaum.
Je  älter  wir  werden,  desto  mehr  tritt  das  ideale  Leben  in  den  Hintergrund.
Der  Mann  soll  und  will  schaffen  und  arbeiten,  der  vernünftige  Mensch
erkennt  in  der  Arbeit  die  Quelle  der  Glückseligkeit,  und  deshalb  dürste  ich
nach  Arbeit,  weil  wir  ja,  wir  mögen  uns  anstellen,  wie  wir  wollen,  doch
immer  nach  Glückseligkeit  streben.  Darum  ist  mir  das  süddeutsche  standesherrliche
  Leben  immer  ungenügend  gewesen,  weil  es  die  Faulheit  zum
Lebensberuf  stempelt.  Darum  habe  ich  durch  die  Uebernahme  von  Schillingsfürst
  etwas  meiner  Natur  und  meiner  Bildung  nicht  Entsprechendes,  sich  stets
Rächendes  getan,  und  darum  endlich  danke  ich  Gott,  daß  er  mich  da  mit
Gewalt  herausgerissen  und  auf  eine  wenn  auch  ungewisse,  gefahrvolle,
mühsame,  aber  doch  naturgemäße  Laufbahn  geworfen  hat.  Verzeih,  daß
ich  Dir  so  viel  von  meinen  inneren  und  äußeren  Verhältnissen  vorerzähle,
aber  es  ist  mir,  als  brächte  es  Dir,  wenn  auch  nur  indirekt,  Beruhigung,
wenn  Du  siehst,  daß  ich  meine  Pflicht  tue  und  nicht  aus  Leichtsinn  in  die
weite  Welt  hinein  fahre.

«  «  «  «  l
An  die  Prinzessin  Elise  Werki,  25.|/13.  Oktober  1851.
..  Wir  sind  nun  zwei  Tage  hier,  und  ich  kann  nicht  sagen,  daß
Land  und  Leute  einen  unangenehmen  Eindruck  auf  mich  gemacht  hätten.
Wäre  ich  zehn  Jahre  jünger  und  noch  voll  Lebenshoffnung  und  Erwartung
von  zu  verwirklichenden  Idealen,  so  würde  es  mich  allerdings  etwas
melancholisch  stimmen,  in  diesen  menschenleeren,  traurigen  Gegenden  zu
reisen,  von  denen  man  nicht  weiß,  ob  sie  von  vergangener  Größe  oder

 

1)  Jüngste  Schwester  des  Fürsten,  geboren  den  6.  Januar  1831,  seit  1868  vermählt
  mit  dem  Prinzen  zu  Salm-Horstmar.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  69

von  zukünftiger  reden.  Mir  scheint,  weder  das  eine  noch  das  andre.  Das
Land  kann  nie  anders  gewesen  sein  und  eine  andre  Gestalt  wird  es  auch
nie  annehmen.  Man  muß  es  nehmen,  wie  es  ist.  Es  hat  etwas  Beruhigendes,
  Wohltuendes,  diese  großartige  Einsamkeit  der  littauischen  Wälder
und  unabsehbaren  Kornfelder.  Werki  selbst  erinnert  an  Lubowitz  oder
Fürstenberg.  Es  ist  das  Oder=  oder  Wesertal,  nur  ohne  die  Dörfer  und
mit  mehr  Wald  und  Wildnis.  Die  Lage  des  Schlosses  ist  sehr  schön,  das
Schloß  selbst  und  der  Park  ganz  englisch.  Wir  werden  uns  ganz  gut
hier  eingewöhnen  ...  Ich  war  heute  beim  Generalgouverneur  in  Wilna,
Bibikoff,  einem  sehr  artigen  Manne.  Wir  bleiben  noch  ein  paar  Tage
hier  und  reisen  dann  weiter  nach  Norden  und  werden  in  Petersburg  Ende
des  Monats  eintreffen  und  im  Bariatinskyschen  Hause  wohnen,  von  dem
man  einen  Flügel  für  uns  gemietet  hat.

Die  fürstliche  Familie  verlebte  den  Winter  1851/52  in  Petersburg
und  kehrte  im  Frühling  1852  nach  Werki  zurück.  Der  Aufenthalt  in
Rußland  dauerte  bis  in  den  Sommer  1853.  Leider  sind  aus  dieser  Zeit
schriftliche  Aufzeichnungen  des  Fürsten  nicht  vorhanden.  Ein  Bild  des
häuslichen  Lebens  in  Werki  geben  Briefe  der  Prinzessin  Elise,  welche  den
Sommer  1852  im  Hause  des  Bruders  verlebte.  Einige  Auszüge  aus
diesen  Briefen,  welche  die  Frau  Prinzessin  dem  Herausgeber  gütigst  überlassen
  hat,  mögen  hier  folgen.

Werki,  26.  Juni  1852.

..  Man  sieht  vom  Schlosse  ziemlich  hoch  hinunter  auf  den  Fluß,
die  Wilia,  der  sich  durch  das  Tal  schlängelt.  Von  meinem  Zimmer  sehe
ich  nur  ein  kleines  Stückchen  des  Flusses,  da  ich  parterre  wohne  und  die
vielen  Laubbäume,  die  den  ganzen  Berg  bedecken,  mir  die  Aussicht  verbergen.
  Dicht  vor  dem  Fenster  sind  viele  Büsche,  Jasmin  u.  a.,  und  zwischen
diesen  und  den  Bäumen,  die  am  Rande  des  Berges  stehen,  ist  ein  Grasplatz
  mit  einem  Kiesweg  ringsherum.  Von  oben,  aus  dem  Salon,  sieht
man  über  die  Bäume  weg.  Da  kann  man  einen  kleinen,  ganz  von  Bäumen
eingeschlossenen  See  sehen,  der  am  Fuße  des  Berges  liegt,  links  den  weiteren
Lauf  des  Flusses  und  mehrere  ganz  im  Grün  versteckte  Häuser,  die  zu
Werki  gehören.  Das  Schönste  ist  die  Terrasse.  Im  Garten  nämlich,  am
Rande  des  Berges,  ist  ein  Stück  ausgemauert,  mit  eisernem  Geländer
darauf.  Unter  einer  großen  Linde  stehen  Bänke  und  Stühle,  und  man  hat
eine  herrliche  Aussicht  auf  den  Fluß.  Eine  weiße  griechische  Kirche  sieht
man  am  Ufer,  und  hinter  dem  Walde  auf  der  Höhe  liegt  Wilna  sehr  hübsch.
Es  sieht  sehr  nahe  aus,  man  braucht  aber  doch  eine  halbe  Stunde,  um
hinzufahren.  Die  Straße  führt  rechts  vom  Flusse  zwischen  Kiefern  den
Berg  hinauf.  Der  Horizont  ist  ringsherum  von  dunkelm  Wald  begrenzt.
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        70  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Am  Morgen  ist  es  am  schönsten  auf  der  Terrasse.  Der  Himmel  und  die
Luft  sind  klar  wie  im  September.

Bauern  habe  ich  noch  nicht  viel  gesehen,  es  wohnen  fast  gar  keine  hier,
die  Häuser  sind  von  Handwerkern  bewohnt,  die  alle  wohlhabend  sind.
Manchmal  kommen  Bettler  mit  Bittschriften  in  den  Garten.  Die  sind
gewöhnlich  von  entfernteren  Orten  und  machen  Komplimente  bis  auf  den
Boden.

28.  Juni.

Ich  sitze  in  einem  Pavillon  nahe  bei  der  Terrasse;  es  ist  ein  runder
Saal  mit  Glastüren  ringsherum.  Auf  der  Seite,  wo  ich  sitze,  sehe  ich
nur  Kiefern  und  höre  den  Wind  im  nahen  Walde  rauschen  und  die  Raben
krächzen,  deren  es  hier  eine  Menge  gibt.  Außer  Schillingsfürst  habe  ich
noch  keinen  Ort  gesehen,  wo  es  so  viele  schöne  Spaziergänge  gibt  wie  hier;
jeden  Tag  nach  Tisch  führt  mich  Marie  einen  neuen  Weg.  Heute  fuhren
wir  ein  Stück  bis  hinüber  auf  einen  waldigen  Berg,  wo  wir  ausstiegen
und  herrliche  Wege  gingen.  Es  standen  immense  Tannen  unter  den  Kiefern,
und  grüne,  sonnige  Wege  führten  zwischen  den  Bäumen  hindurch.  Alle
Augenblicke  kam  man  an  eine  weiße  Kapelle,  von  dunkeln  Tannen  umgeben.
  Dort  in  der  Nähe  ist  der  Kalvarienberg,  auf  dem  die  katholische
Kirche  steht.  Wir  stiegen  hinauf,  ehe  wir  zurückfuhren.  Man  sieht  von
dort  das  weiße  Schloß  mit  seinem  Turm  aus  dem  dichten  schwarzen  Walde
hervorragen  wie  ein  Feenschloß;  ringsherum  nichts  als  Wald.  Das  Wilde
und  Liebliche  ist  hier  vereinigt.  Wenn  die  düsteren  Wälder  traurig  stimmen,
so  wird  man  durch  den  blauen,  spiegelklaren  Fluß  wieder  erheitert  und
durch  die  reine,  klare  Luft  gestärkt.  Die  Luft  war  heute  wie  am  Meer;
im  Hause  ist  sie  dumpf,  die  Gänge  sind  so  finster  und  schmal,  die  Zimmer
hoch,  aber  meistens  auch  schmal.  Das  ganze  Haus  ist  schmal,  ohne  Seitenflügel,
  am  einen  Ende  der  Turm,  am  andern  ein  Anbau  von  Glas,  in
dem  der  Wintergarten  ist.  Schöne  Palmbäume  und  alle  möglichen  Pflanzen
sind  darin.  Aus  Chlodwigs  Zimmer  und  aus  Mariens  Schlafzimmer  führen
Türen  hinein.  In  ersterem  trinken  wir  immer  Tee  des  Abends.  Um  2  Uhr
lese  ich  Marie  vor,  jetzt  „Economie  politiqgue“  von  Say  und  um  4  Uhr
essen  wir  in  dem  hohen  hellen  Rittersaal.

22.  Juli.

Abends,  wenn  ich  das  Licht  ausgelöscht  habe,  nachdem  ich  noch  mit
Chlodwig  aufgewesen  bin,  fühle  ich  mich  oft  ganz  beseligt,  auch  seine
Gefährtin  sein  zu  dürfen,  stolz,  daß  er  seine  Gedanken  bei  mir  niederlegt.
Da  moöchte  ich  alle  Liebe  auf  ihn  ausströmen  lassen.

24.  Juli.

Abends  lesen  wir  jetzt  die  chemischen  Briefe  von  Liebig,  d.  h.  der  Doktor
liest  sie  vor  und  erklärt  vieles  von  den  Eigenschaften  des  Sauerstoffs,
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  71

Kohlenstoffs  u.  s.  w.,  da  in  diesem  Buche  schon  viele  chemische  Kenntnisse
vorausgesetzt  sind.  Chlodwig  zeichnet  dabei,  Marie  und  ich  arbeiten.
Mit  Chlodwig  bleibe  ich  nach  dem  Lesen  noch  ein  Viertelstündchen  auf.
Diese  und  meine  einsame  Morgenstunde  im  Garten  sind  mir  die  liebsten
im  Tage.
5.  September.

Chlodwig  ist  seit  dem  2.  nach  Süden  gereist  auf  die  andern  Güter,

wo  er  Jagden  machen  will,  in  14  Tagen  wird  er  wohl  erst  zurück  sein.

8.  Oktober.

Chlodwig  ist  endlich  zurück,  am  4.  kam  er,  hat  leider  nur  einen  Elchhirsch
  geschossen.  Er  sieht  besonders  wohl  aus  nach  dieser  Reise  in  den
Wäldern.  Seit  seiner  Rückkehr  ist  wieder  ein  ganz  andres  Leben  im  Hause,
es  wird  mehr  gesprochen.  Die  Tage  haben  mehr  Gehalt.

Ich  muß  Chlodwig  immer  bewundern,  wenn  er  abends  Elisabeth  1)
auf  dem  Schoße  hat  und  für  sie  zeichnet:  die  beiden  feinen  Gesichter,  seines
in  Milde  strahlend  und  der  kleine  Lockenkopf,  der  sich  beständig  bewegt,
wenn  sie  ihm  mit  den  zarten  Händchen.  das  Gesicht  streichelt,  es  gäbe  ein
wunderschönes  Bild.  Als  sie  zu  Bette  war,  fing  Chlodwig  an  uns  vorzulesen:
  „Ihr  naht  euch  wieder,  schwankende  Gestalten.“  Jetzt  geht  mir  in
dem  Buche  eine  Welt  auf.  Nach  dem  Tee  fing  der  Doktor  wieder  zu  lesen
an.  Neulich  hat  er  uns  den  Bau  des  Auges  erklärt  an  einem  Ochsenauge.
Den  Schluß  des  Tages  bildete  ein  Gespräch  mit  Chlodwig,  das  erquickend
gewesen  wäre,  wenn  ich  ihm  nicht  zu  sehr  angemerkt  hätte,  daß  sein  Herz
schwer  war.  Das  macht  mich  immer  unglücklich.  An  einem  Morgen,  als
ich  Elisabeth  die  Buchstaben  lehrte,  was  ich  lange  ausgesetzt  hatte,  weil  sie
immer  so  unaufmerksam  war,  nahm  ich  mir  vor,  nicht  ungeduldig  zu  werden,
sondern  wohl  dreißigmal  denselben  Buchstaben  zu  wiederholen  und  immer
mit  Freundlichkeit,  wie  man  eine  Melodie  vorsingt.  Ich  wurde  belohnt,
denn  sie  begriff  nun  auf  einmal.  Da  sah  Chlodwig  einen  Augenblick,  ehe
er  zu  den  Geschäften  ging,  auf  uns  mit  freundlichem  Gesicht  und  sagte:
„Das  ist  ein  gutes  System.“  Dies  war  genug,  um  mich  gut  und  freudig
zu  stimmen.

Aufzeichnung  des  Fürsten.
3.  Juli  1853.

Die  gegenwärtige  Bewegung  in  den  Naturwissenschaften,  welche  einen

Fortschritt  derselben  zuwege  gebracht  hat,  von  dem  sich  die  früheren  Jahrhunderte

  nichts  träumen  ließen,  hat  die  Forscher  dahin  geführt,  eine  Vereinigung

  von  Glauben  und  Wissen  als  eine  vollständige  Unmöglichkeit

 

1)  Die  älteste  Tochter,  geboren  30.  November  1847.
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        72  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

darzustellen.  Ja,  die  moderne  naturwissenschaftliche  Schule  erklärt  auch
der  Transzendenz  den  Krieg  und  verweist  das  Transzendentale  in  das
Gebiet  des  Glaubens.

Damit  sind  wir  auf  einer  gefährlichen  Stufe  angelangt.

Schon  jetzt  zeigt  es  sich,  daß  die  wissenschaftlich  gebildeten  Menschen
entweder  keinen  Glauben  haben  oder  sich  der  Kirche  ohne  Ueberzeugung
anschließen  und  unterordnen,  soweit  ihr  Gebiet  reicht.  Ist  aber  letzteres
mit  dem  ersteren  nicht  gleichbedeutend?  Ist  nicht  der  Glaube  desjenigen,
welcher  sich,  ohne  innerlich  davon  durchdrungen  zu  sein,  den  kirchlichen
Satzungen  unterwirft,  d.  h.  nach  den  Vorschriften  der  Kirche  handelt,
ohne  daran  zu  denken,  diese  Satzungen  für  Wahrheit  zu  halten,  ist  ein
solcher  Glaube  dann  etwas  andres  als  Pharisäismus?  Wohl  weiß
ich,  daß  sehr  wohldenkende,  tieffühlende  Menschen  diesem  sogenannten
Pharisäismus  huldigen.  Wird  aber  eine  solche  mehr  konventionelle  Höflichkeit
  gegen  die  Kirche  von  Dauer  sein?  Werden  nicht  die  Resultate
dieser  glaubenslosen  Wissenschaft  sich  auch  in  jene  Klassen  verbreiten,  die
gar  kein  Interesse  daran  haben,  sich  der  Kirche  und  ihren  Lehren,  den  von
ihr  auferlegten  Prüfungen  und  Entbehrungen  unterzuordnen?  Wird  nicht
am  Ende  die  Zersetzung  um  sich  greifen,  oder  hat  sie  nicht  vielmehr  schon
begonnen,  sich  in  die  unteren  Schichten  der  Gesellschaft  auszubreiten?
Noch  leben  die  meisten  in  der  süßen  Täuschung  der  Transzendenz,  die
Wirkungen  des  Fortschritts  in  den  Naturwissenschaften,  wie  er  sich  in  der
modernen  Schule  ausgebildet  hat,  sind  bis  jetzt  nur  fühlbar  in  der  wissenschaftlich
  gebildeten  Welt;  wird  es  aber  dabei  bleiben?  Und  wenn  sich
nun  diese  Resultate  weiter  verbreiten,  so  gehen  wir  einer  Glaubenslosigkeit
entgegen,  die  unfehlbar  zur  Auflösung  unfrer  ganzen  modernen  Zioilisation
  führen  wird.  Darum  die  Fortschritte  der  Naturwissenschaften  beklagen
zu  wollen,  wäre  kindisch.  Denn  alles  ist  zweckmäßig,  notwendig  und  gut,
weil  es  ist,  d.  h.  weil  es  sich  in  der  Entwicklung  der  Menschheit  so
herausgebildet  hat.  Allein  nötig  ist,  sich  nicht  die  Augen  zu  verschließen.
„Man  soll  die  menschlichen  Dinge  nicht  beweinen,  nicht  belachen,  man  soll
sie  zu  verstehen  trachten.“

Aus  derselben  Zeit  stammt  anscheinend  die  nachfolgende
Aufzeichnung  ohne  Datum.

Wir  sehen  in  neuester  Zeit  mehr  und  mehr  die  Ueberzeugung  vorherrschen,
  daß  Wissen  und  Glauben  vollständig  voneinander  getrennt
bleiben  müssen.  Insofern  nun  im  Protestantismus  eine  Vereinigung  von
Wissenschaft  und  Dogma  angestrebt  wurde,  hat  dieser  infolge  der  Ausbreitung
  jener  Ueberzeugung  an  Boden  verloren.  Der  wissenschaftlich  gebildete
  Mann,  dem  die  Vernunft  die  Notwendigkeit  der  Religion  und
        <pb n="83" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  73

Kirche  klarmacht,  wendet  sich,  aber  ohne  Ueberzeugung,  zur  katholischen
Kirche,  weil  diese  mehr  den  Anforderungen,  die  seine  Vernunft  an  ein
konsequentes  Dogma  stellt,  entspricht.  So  wird  sich  nach  und  nach  der
ungläubige  Teil  der  Menschheit  dem  katholischen  Dogma  nähern.  Aber
ob  dadurch  wirklich  etwas  begründet  werden  wird?  Soll  sich  die  Menschheit
  mit  einem  Dogma  begnügen,  das  sie  annimmt  aus  Notwendigkeit,  aber
ohne  innere  Ueberzeugung,  während  sie  nach  einem  Dogma  schmachtet?
Ich  glaube,  daß  das  nicht  auf  die  Dauer  der  Fall  sein  wird.  Ich  glaube
aber,  daß  die  Menschheit  sich  ein  ihrem  Standpunkte  angemessenes  Dogma
wieder  schaffen  und  dadurch  wieder  religiös  werden  wird.

Im  Jahre  1853  gab  der  Fürst  wegen  Meinungsverschiedenheiten  mit
seinem  Schwiegervater  die  Verwaltung  der  littauischen  Güter  wieder  auf.
Die  Familie  kehrte  nach  Schillingsfürst  zurück  und  behielt  für  die  folgenden
Jahre  dort  ihren  Wohnsitz.  Unterbrochen  wurde  das  Leben  in  Schillingsfürst
  durch  die  Winteraufenthalte  in  München  zur  Teilnahme  an  den
Landtagsverhandlungen  und  durch  häufige  größere  Reisen.  Von  der
Tätigkeit  des  Fürsten  in  der  Kammer  der  Reichsräte  und  von  den  Beobachtungen
  über  die  europäische  Politik,  zu  denen  ihm  seine  Reisen  Gelegenheit
  boten,  mögen  die  folgenden  Aufzeichnungen  zeugen.

2.  Rom  1856/57.

Den  Winter  1856/57  verlebte  die  fürstliche  Familie  in  Rom,  wo  der
Bruder  des  Fürsten,  Prinz  Gustav  zu  Hohenlohe,  damals  Geheimer  Kämmerer
  des  Papstes  war.  Aus  dem  Tagebuche  des  Fürsten  über  seinen
römischen  Aufenthalt  seien  hier  einige  Auszüge  mitgeteilt,  die  für  die  Kenntnis
  der  damaligen  Zustände  und  Persönlichkeiten  der  römischen  Gesellschaft

von  Bedeutung  sind.
Rom,  2.  Dezember  1856.

.  Jch  verstehe  jetzt  mehr  und  mehr  den  Unterschied,  der  zwischen
den  Jesuiten  und  ihren  Anhängern  und  den  ihnen  abgeneigten  Geistlichen
besteht.  Erstere  sehen  in  der  Abtrennung  der  Geistlichen  von  der  bürgerlichen
  Gesellschaft,  in  der  Abtötung  alles  dessen,  was  den  übrigen  Menschen
angenehm  ist,  in  der  völligen  Unabhängigkeit  von  allem,  was  mit  den  bestehenden
  Formen,  der  bestehenden  sozialen  Hierarchie  zusammenhängt,  das
Heil  und  die  Zukunft  der  Kirche,  während  die  andre  Partei  mit  den
Menschen  als  Menschen  leben  will,  den  bestehenden  Standesunterschieden
Rechnung  trägt  und  nicht  auf  die  Zerstörung  der  sozialen  Weltordnung
rechnet,  sondern  auf  deren  Bestand.  Während  die  Jesuiten  sich  auf  den
Untergang  dieser  Ordnung  gefaßt  machen,  glauben  die  andern  nicht  daran  und
meinen,  die  Ordnung  aufrechterhalten  und  sich  mit  ihr  identifizieren  zu  können.
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        74  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

12.  Dezember.
..Der  Nachmittag  verging  mit  allerlei  Gängen  in  die  Stadt,  abends
waren  verschiedene  Geistliche  bei  uns,  zuerst  der  gute  Abbé  de  Geslin,
dann  der  gescheite  und  energische  Pere  Etienne  Djunkowsky,  Präfekt  der
nördlichen  Regionen,  der  uns  viel  von  seinem  Aufenthalt  in  Lappland
erzählte.  Er  ist  auch  von  den  Jesuiten  angefeindet.  Ich  höre  jeden  Tag
neue  Intrigen  dieser  Leute  und  fange  an,  die  gute  Meinung,  die  ich  von
ihrer  Wirksamkeit  gehabt  habe,  zu  verlieren.
17.  Dezember.
..  Später  ging  ich  zu  Theiner,  1)  der  mir  von  seinen  Arbeiten  im
Archiv  erzählte,  das  er  in  der  größten  Unordnung  gefunden  hat.  Er  ordnet
nun  alles  mit  deutscher  Gründlichkeit  und  wird  sich  dadurch  um  den  Heiligen
  Stuhl  sehr  verdient  machen.  Alle  bisherigen  Archivare  hatten  diesen
Posten  nur  als  ein  Mittel  benutzt,  um  weiterzukommen,  Nunzius  zu
werden  u.  s.  w.,  und  hatten  das  Archiv  liegen  lassen
18.  Dezember.
Um  11  Uhr  war  das  Tedeum  zu  Ehren  des  Königs  von  Neapel2)
und  für  dessen  glückliche  Rettung.  Der  neapolitanische  Chargé  d'aftaires
hatte  uns  auch  dazu  eingeladen.  Wir  kamen  etwas  spät  und  begaben
uns  auf  die  diplomatische  Tribüne,  die  nicht  weit  vom  Hochaltar  aufgerichtet
  war.  Wir  fanden  dort  das  ganze  diplomatische  Korps,  daneben
mehrere  Damen.  Gegenüber  war  eine  Tribüne  für  die  römischen  Fürsten,
in  der  Mitte  eine  kleine  erhöhte  Tribüne  für  die  Königin  Christine  von
Spanien.  Der  Hochaltar  war  prächtig  verziert  mit  Kerzen  von  ungeheurer
Länge,  und  die  ganze  Feierlichkeit  mit  den  vielen  funktionierenden  weißen
Dominikanern  war  imposant.  Die  Musik  ließ  zu  wünschen  übrig  und  ist
zu  der  Kategorie  des  Gedudels  zu  rechnen.
Rom,  27.  Januar  1857.
..  Nachmittags  besuchte  ich  Gustav  im  Vatikan.  Ich  fand  einen
Franziskaner,  Pater  Petrus,  bei  ihm,  einen  Dänen.  Als  wir  gerade  zusammen
  sprachen,  wurde  der  Papst  angekündigt;  ich  zog  mich  in  das
innere  Zimmer  zurück,  der  Mönch  in  die  Kapelle,  und  Gustav  ging  dem
Heiligen  Vater  entgegen,  der  mit  Stella  und  Merode  kam  und  sich  im
Salon  etablierte.  Bald  darauf  hörte  ich,  daß  von  mir  die  Rede  war,
und  da  der  Papst  erlaubte,  daß  ich  hereinkomme,  so  erschien  ich,  setzte  mich
neben  ihn  und  wohnte  der  lebhaften  Unterhaltung  bei,  die  über  die  verschiedensten
  Gegenstände  geführt  wurde.  Wir  sprachen  von  der  Zeremonie

 

1)  Augustin  Theiner  (1804  bis  1874)  war  durch  den  Einfluß  des  Prinzen
Hohenlohe  im  Jahre  1855  zum  Präfekten  des  Vatikanischen  Archivs  ernannt  worden.
Siehe  Schulte  in  der  „Allgemeinen  Deutschen  Biographie“  Bd.  37  S.  671.

2)  Ferdinands  ll.,  der  am  11.  Dezember  einem  Attentat  entgangen  war.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  75

in  San  Pasquale,  dann  von  Stiftern,  Chanoinessen,  von  Neuchätel,  China,
Persien  u.  s.  w.  Nachher  sah  sich  der  Papst  die  ganze  Wohnung  Gustavs
mit  vielem  Interesse  an,  begrüßte  auch  den  Franziskaner,  der  zum  Vorschein
  kam,  und  war  sehr  heiter  und  teilnehmend.
1.  Februar  1857.
Heute  morgen  um  7½  Uhr  fand  die  Messe  in  der  Kapelle  des  Heiligen
  Sakraments  in  der  Peterskirche  statt,  bei  welcher  der  Papst  die
Kommunion  austeilte.  Wir  beeilten  uns  deshalb,  zur  rechten  Zeit  hinzukommen.
  Es  war  seit  langer  Zeit  wieder  einmal  ein  heller  Morgen,  die
aufgehende  Sonne  erleuchtete  prächtig  die  Säulen  der  Peterskirche.  Der
Papst  las  die  Messe  mit  besonders  kräftiger  Stimme,  es  war  eine  stille
Messe.  Dann  teilte  er  den  Damen  die  Kommunion  aus,  auch  einige
Herren  kamen.  Ich  war  nicht  dabei,  weil  ich  Aussicht  habe,  in  der  päpstlichen
  Privatkapelle  kommunizieren  zu  dürfen,  was  mir  lieber  ist  als  dieser
Trubel.
8.  Februar.
Heute  um  11  Uhr  ging  ich  in  die  Kirche  del  Gesäü,  um  eine  italienische
Predigt  zu  hören.  Ein  Jesuit  predigte  sehr  klar  und  gewählt.  Er  hatte
sich  zur  Aufgabe  gestellt,  diejenigen  zu  widerlegen,  welche  behaupten,  daß
es  der  Würde  eines  freien  Menschen  widerspreche,  seine  Vernunft  der  Kirche
zu  unterwerfen.
7.  März.
Da  wir  nicht  allein  hierhergekommen  sind,  um  Merkwürdigkeiten  zu
sehen,  sondern  hauptsächlich,  um  uns  eine  Stellung  in  der  hiesigen  Gesellschaft
  zu  machen  und  damit  Gustav  und  auch  dem  ganzen  Stand  der
Mediatisierten  zu  nützen,  so  vergehen  manche  Tage  in  scheinbar  gleichgültigen
  Vorbereitungen  zu  frivolen  Vergnügungen,  die  aber  für  uns  einen
tiefen  Sinn  haben.  Heute  waren  wir  auch  mit  den  Vorbereitungen  zur
Soiree  beschäftigt,  die  wir  geben  wollten.  Es  war  nur  ein  Versuch,  und
deshalb  hatten  wir  keine  von  den  eigentlichen  römischen  Großen,  sondern
mehr  den  eleganten  Teil  der  Gesellschaft,  der  sich  genau  kennt,  geladen,
um  als  Lockspeise  für  spätere  Soireen  eine  amüsante  Soiree  vorausgehen
zu  lassen.  Dies  gelang  auch  vollkommen.  Dadurch,  daß  wir  die  Duchessa
Zagarolo,  die  Marchesa  Calabrini  u.  a.  sowie  einige  russische  Damen
geladen  hatten  und  dazu  viele  Herren,  wurde  die  Soiree  zu  einer  jener
eleganten  Causerien,  die  dem  Salon,  wo  sie  stattfinden,  eine  eigne  Berühmtheit
  und  Basis  in  der  Gesellschaft  geben.  Daß  die  Soiree  bis
1  Uhr  dauerte,  ist  ein  Beweis,  daß  sie  gelungen  war.
8.  März.
...  Um  ½4  Uhr  ging  ich  nach  der  Kirche  von  San  Ignazio,  wo
eine  sogenannte  Jesuitenmission  stattfand.  Auf  einer  Erhöhung  saßen
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        76  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

zwei  Jesuiten,  welche  miteinander  disputierten.  Der  eine  stellte  den  Unwissenden,
  der  andre  den  Gelehrten  vor  und  nun  stritten  sie  sich  über
Gegenstände  der  Moral.  Für  heute  hatten  sie  die  üble  Gewohnheit  des
Fluchens  zum  Gegenstand  ihrer  Disputation  gemacht.  Während  der  „dotto“
die  Sünde  der  „imprecazioni“  auseinandersetzte,  fand  der  „ignorante“
doch  nichts  so  Schreckliches  darin.  Letzterer,  der  seine  Rolle  etwas  gar
zu  natürlich  spielte,  erheiterte  das  Publikum  über  alle  Maßen.  Es  mag
sein,  daß  diese  Art  des  Vortrags  dem  Volk  hierzulande  Eindruck  macht.

16.  März.

Diner.  König  Max  war  verhindert,  kam  erst  nach  dem  Diner,  als
die  Gäste  fort  waren.

Nachdem  er  fort  war,  zog  ich  schnell  meine  Uniform  an,  um  mit
Marie  zu  den  zwei  ricevimenti  zu  fahren.  Kardinal  Geißel  von  Köln
und  Kardinal  Haulik  von  Agram,  die  gekommen  sind,  um  ihren  Hut  in
Empfang  zu  nehmen,  hielten  heut  ihren  Empfang  oder  ricevimento.  Geißel
empfing  in  den  Appartements  des  Kardinals  Reisach  im  Palazzo  St.  Croce,
Haulik  im  Palazzo  di  Venezia.  Das  glänzendere  ricevimento  war  das
des  Agramer  Kardinals.  Der  Palast  war  erleuchtet.  Vor  demselben
spielten  abwechselnd  zwei  Musikbanden  Walzer  u.  dergl.  Auf  der  Treppe
wogte  eine  Menge  Fremder  und  Einheimischer  in  Uniform.  Die  Salons
waren  voll.  Gräfin  Colloredo  machte  die  Honneurs  für  den  österreichischen
Kardinal.  Alle  römischen  Damen  schmücken  sich  bei  einer  solchen  Gelegenheit
  mit  ihren  schönsten  Diamanten.  Nachdem  wir  nach  langem  Warten
unsern  Wagen  wiedererlangt  hatten,  fuhren  wir  noch  zu  Salviati,  wo  sich
die  bekannte  Gesellschaft  zusammenfand.

Sonntag,  22.  März.

...  Um  ½4  Uhr  ging  ich  in  die  Stadt,  und  da  ich  glaubte,  daß  in
San  Agostino  Predigt  sei,  so  wandte  ich  mich  dahin.  Beim  Eintreten
überraschte  mich  das  Summen  vieler  Stimmen.  Als  ich  näherkam,  erklärte
  sich  dieses  Sprechen.  In  der  ganzen  Kirche  saßen  Gruppen,  hier
Knaben,  vor  denen  ein  Geistlicher  saß  und  examinierte,  hier  kleine  Mädchen,
vor  denen  wohlgekleidete  Mädchen  aus  dem  höheren  Bürgerstand  saßen,
die  sich  ebenfalls  mit  den  Kindern  unterhielten  und  sie  belehrten,  dort  erwachsene
  Mädchen  mit  einem  alten  Geistlichen.  Alles  war  eifrig  bemüht,
die  Aufmerksamkeit  der  Schüler  war  überall  ungeteilt,  der  Eifer  der  Lehrenden
  und  ihr  Geschick  und  guter  Wille  sehr  erbaulich.  Aeltere  Leute  saßen
dabei  und  hörten  zu.  Dieser  Unterricht,  der  am  Sonntag  in  vielen  Kirchen
gegeben  wird,  ist  ein  erfreuliches  Zeichen  des  religiösen  Lebens  im  Volke,
das  man  nicht  nach  einigen  Szenen  in  der  Peterskirche  beurteilen  darf,
und  das  mehr  gepflegt  wird  als  in  vielen  andern  Ländern.
        <pb n="87" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  77

Von  hier  wanderte  ich  weiter,  der  Zufall  führte  mich  in  die  Kirche
San  Luigi  de'  Francesi.  Hier  predigte  der  Pere  Chevreaux  mit  großem
Pathos  und  vielem  Geschick  über  den  Unterschied  zwischen  Religion  und
Philosophie.  Die  Predigt  war  so  interessant,  daß  ich  bis  zu  Ende  dablieb.
Da  es  noch  immer  regnete,  so  suchte  ich  noch  eine  Kirche  auf,  trat  zuerst
in  eine  leere  Kirche,  San  Apollinare,  dann  ging  ich  auf  die  Piazza  Capranica
  und  kam  in  die  Kirche  degli  Orfanelli.  Hier  saßen  viele  Leute  und
warteten  auf  die  Predigt.  Auf  einer  kleinen  Estrade  stand  ein  rotseidener
Lehnstuhl  und  ein  Tisch.  Nach  einiger  Zeit  erschien  ein  Geistlicher,  setzte
sich  auf  den  Lehnstuhl  und  begann  seine  Predigt  oder  vielmehr  den  Unterricht
  über  die  Beichte,  der  die  ganze  Woche  jeden  Nachmittag  um  5  Uhr
stattfindet.  Der  Geistliche  redete  einfach,  klar  und  eindringlich  in  einer
ungemein  angenehmen  Weise.  Ich  wäre  gern  bis  zu  Ende  geblieben,  da  es
aber  schon  ½6  Uhr  war,  mußte  ich  vor  dem  Schluß  weg.

24.  März.

..  Nach  Tisch  ging  ich  in  den  Vatikan,  um  Gustav  in  der  Antikamera
  Gesellschaft  zu  leisten.  Ich  gehe  immer  mit  neuem  Vergnügen  die
alten  Treppen  des  Vatikans  in  der  Dunkelheit  hinauf,  bei  den  Schweizern
vorbei  in  den  großen  Hof  der  Loggien.  Es  ist  da  alles  so  still  und  feierlich,
  dabei  die  warme  Frühlingsluft,  der  Sternenhimmel,  die  hohen  Säulen
und  Galerien.  In  dem  Vorzimmer  war  es  wie  gewöhrlich  still  und  einsam.
  Wir  sprachen,  während  im  Nebenzimmer  der  Papst  Audienz  gab.

29.  März.

Da  ich  erfahren  hatte,  daß  in  der  Kirche  St.  Lucia  del  Gonfalone  ein
guter  Prediger  sei,  so  begab  ich  mich  um  10  Uhr  dahin.  Nach  dem
Evangelium  während  der  Messe  kam  der  Pfarrer,  setzte  sich  auf  einen
Lehnstuhl,  der  ihm  vor  den  Altar  gestellt  wurde,  und  begann  nun  in  einer
so  einfachen,  logischen  und  klaren  Weise  und  dabei  so  eindringlich  über
die  Beichte  zu  sprechen,  daß  ich  nur  bedauerte,  daß  sein  Auditorium  so
klein  war.  Es  waren  höchstens  zwanzig  bis  dreißig  Personen  da.  Ich
habe  selten  etwas  so  Vollkommenes  gehört.  Es  war  eine  der  Reden,  „die
mit  urkräftigem  Behagen  die  Herzen  aller  Hörer  zwingt“.  Nicht  ein  eingelerntes
  Wort,  keine  Rhetorik,  keine  Phraseologie.  Es  war  ein  neuer
Beweis  für  die  römische  Seelsorge.

4.  April.
Mit  Gustav,  der  gestern  nach  Frascati  gefahren  war,  hatte  ich  ausgemacht,
  ihn  dort  aufzusuchen...  Da  der  Wagen  geschlossen  und  der

Morgen  wunderschön  war,  setzte  ich  mich  zu  dem  Kutscher  auf  den  Bock
und  fuhr  durch  die  Campagna,  die  bei  Morgenbeleuchtung  prächtig  aussah,
  nach  Frascati.  Im  Hotel  de  Londres  erfuhr  ich,  daß  Gustav  die
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        78  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Nacht  bei  den  Kamaldulensern  zugebracht  habe.  Ich  frühstückte  daher  und
ließ  mir  ein  Pferd  kommen,  um  hinaufzureiten.  Der  Weg  ist  ungefähr
drei  Viertelstunden  weit.  Man  reitet  bei  verschiedenen  Landhäusern  und
Gärten  vorbei  und  sieht  bei  jedem  Schritt,  wie  die  Gegend  sich  weiter
und  weiter  ausbreitet.  Bald  sieht  man  Rom  in  der  Ferne,  dann  das
Meer,  rechts  die  Berge  im  Morgenduft,  darunter  die  grünen  Hügel  von
Tivoli.  Nun  ist  man  auf  der  Höhe,  und  vor  mir  lag  das  Kloster  der
Kamaldulenser.  Ein  weißgekleideter  Portier  begrüßte  mich  und  führte  mich
zu  dem  Prior,  wo  ich  Gustav  und  noch  einen  der  Mönche  fand.  Nur
der  Prior  und  dieser  Mönch  sprechen  und  zeigen  sich,  die  andern  leben
in  ihren  Häuschen  als  Einsiedler  und  versammeln  sich  nur  um  Mitternacht,
  um  im  Chor  zu  singen.  In  dem  großen  Zimmer  saßen  wir  um
einen  Kamin;  es  war  ziemlich  kalt.  Durch  die  Wärme  des  Feuers
hatte  sich  ein  Skorpion  anlocken  lassen  und  spazierte  zu  meinen  Füßen,
der  Prior  faßte  ihn  aber  alsbald  mit  einer  Feuerzange  und  warf
ihn  in  die  Flammen.  Nach  einiger  Konversation  schlug  man  mir  vor,
das  Kloster  und  die  Kirche  anzusehen,  was,  ich  mit  Vergnügen  annahm.
Die  Kirche  bietet  nichts  Besonderes  dar.  Das  Kloster  besteht  aus  einer
Reihe  kleiner  Häuser,  deren  jedes  von  einem  Mönche  allein  bewohnt  wird.
Jeder  Mönch  hat  darin  ein  Zimmer  mit  Bett  und  einigen  Möbeln,  daran
anstoßend  ein  kleines  Studierzimmerchen  und  jenseits  des  Ganges  eine
Kapelle.  Man  zeigte  mir  auch  die  Kapelle,  wo  Gustav  wohnt,  wenn  er
längere  Zeit  hier  oben  ist:  ein  hübsches  Häuschen  mit  freundlichem  Garten
und  Aussicht  auf  die  Gegend  von  Rom,  Meer,  Campagna.

Nachdem  ich  alles  gesehen  hatte  und  von  dem  Pater  Lorenzo  reichlich
mit  Rosenkränzen  beschenkt  worden  war,  ritten  wir,  Gustav  und  ich,  wieder
nach  Frascati,  besahen  uns  unterwegs  die  Villa  Falconieri,  die  dem  Kardinal,
  dem  letzten  Falconieri,  gehört  und  wo  man  interessante  al  fresco  gemalte
  Familienporträts  sieht.  In  Frascati  setzten  wir  uns  in  Gustavs
Wagen  und  fuhren  über  Marino,  wo  wir  den  Dom  besahen,  nach  Castel
Gandolfo.  Hier  stiegen  wir  am  Garten  aus  und  gingen  durch  die  schattigen
  Laubengänge  nach  dem  päpstlichen  Schloß.  Das  Innere  ist  recht
komfortabel  für  eine  päpstliche  Residenz.  Interessant  war  mir  das  von
einem  Neapolitaner  gemalte  Bild  des  Sturzes,  den  der  Heilige  Vater  in
St.  Agnese  gemacht  hat,  wo  alle  Unglücksgefährten  des  Papstes  porträtiert
sind.  Ich  sah  auch  Gustavs  Zimmer  mit  der  schönen  Aussicht  auf  den
See.  Von  hier  gingen  wir  hinunter  nach  Albano,  aßen  dort  in  der  „Post“
zu  Mittag  und  ritten  nach  Tisch  über  Ariccia  nach  Genzano,  wo  wir  in
dem  schönen  Park  der  Cesarini  umherwanderten.  Dann  ritten  wir  wieder
nach  Albano.  Es  war  ½6  Uhr  und  wir  eilten  deshalb  nach  Hause.  Der
Kutscher  des  Vatikans  brachte  uns  auch  in  weniger  als  zwei  Stunden  im
        <pb n="89" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  79

raschesten  Trabe  nach  Rom.  Als  wir  an  das  Kolosseum  kamen,  schien
der  Mond  so  hell,  daß  wir  uns  entschlossen,  auszusteigen.  Es  war  wundervoll
  still  und  heimlich,  die  Ruinen  gar  ernst  und  feierlich.

Palmsonntag,  5.  April  1857.

Um  9  Uhr  fuhren  wir  in  die  Peterskirche,  um  dem  feierlichen  Hochamt
  beizuwohnen.  Eine  große  Menschenmenge  drängte  sich  dort  zusammen,
doch  ist  die  Kirche  so  ungeheuer  groß,  daß  die  20  bis  30  000  Menschen,
die  da  versammelt  waren,  durchaus  nicht  auffielen.  Wir  nahmen  heute
zum  ersten  Male  von  unfrer  Tribüne  Besitz,  die  man  für  die  Mediatisierten
  neben  der  Tribüne  der  königlichen  Herrschaften  errichtet  hatte.  Wir
waren  sehr  nahe  am  Papst  und  konnten  die  Zeremonien,  insbesondere  die
Austeilung  der  Palmen,  sehr  bequem  ansehen.  In  der  königlichen  Tribüne
waren  der  König  von  Bayern,  die  Königin  Christine  von  Spanien,  der
Kronprinz  und  die  Kronprinzessin  von  Württemberg  und  Prinz  Karl  von
Preußen.  Alle  mit  zahlreichem  Gefolge.  Da  die  Frage  wegen  des  Ranges
noch  nicht  entschieden  war,  so  mußte  ich  darauf  verzichten,  die  Palme  aus
den  Händen  des  Papstes  zu  empfangen.  Die  Messe  dauerte  bis  ½2  Uhr.

29.  April.

Um  11  ½  Uhr  war  ich  zur  Audienz  beim  Heiligen  Vater  bestellt  und
fand  mich  zur  rechten  Zeit  ein.  Da  die  Abreise  des  Papstes  bevorsteht,
so  war  das  Vorzimmer  voll  von  Wartenden.  Vor  mir  wurden  noch
Deputationen  eingelassen,  dann  kam  Kardinal  Roberti  und  endlich  kam  ich
an  die  Reihe.  Der  Papst  empfing  mich  wie  immer  sehr  freundlich.  Da
ich  sah,  daß  er  eine  Anrede  erwartete,  so  begann  ich  damit,  ihm  zu  sagen,
daß  ich  gekommen  sei,  vor  seiner  Abreise  um  seinen  Segen  zu  bitten,  ihm
danken  wolle  für  seine  Gnaden  und  ihm  Gustav  noch  besonders  empfehlen
wolle.  Er  antwortete  darauf  sehr  freundlich,  sprach  von  Gustavs  Unwohlsein
  und  bemerkte,  daß  er  nicht  meine  Gesundheit  habe.  Dann  sprach
er  von  der  Audienz,  die  Marie  und  Fürstin  Léonille  1)  bei  ihm  gehabt
hatten,  und  von  andern  Dingen  und  verabschiedete  mich.  Ich  küßte  ihm
die  Hand  und  er  blieb  stehen,  bis  ich  an  der  Tür  war.  Er  war  besonders
heiter  und  freundlich.

4.  Mai.

Da  der  Papst  seine  Abreise  nach  Loreto  u.  s.  w.  auf  heute  festgesetzt
hatte,  so  begab  ich  mich  um  6  Uhr  früh  zu  Gustav,  den  ich  im  Begriffe
fand,  zum  Heiligen  Vater  zu  gehen.  Wir  blieben  noch  einen  Augenblick
beisammen,  besprachen  noch  einiges  und  trennten  uns  dann.  Ich  ging

 

1)  Die  zweite  Gemahlin  des  Vaters  der  Fürstin,  geborene  Bariatinsky.
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        80  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

nach  Hause  und  holte  Marie  ab,  um  in  die  Peterskirche  zu  gehen.  Hier
fanden  wir  den  Papst  schon  am  Hochaltar,  die  Messe  lesend.  Wir  hörten
diese  und  die  andre  Messe,  welche  der  Papst  nach  Beendigung  seiner  Messe
anhörte,  sahen  dann  Gustav  noch  einen  Augenblick  in  der  Kirche,  während
der  Papst  in  einem  Zimmer  vor  der  Kirche  mit  dem  Eingang  unter  dem
Monumente  des  Papstes  Alexanders  VIII.  frühstückte,  und  eilten  dann
vor  die  Kirchentür,  um  hier  den  Papst  noch  zu  sehen.  Auf  dem  Platze
waren  viele  Truppen  aufgestellt.  Dazwischen  sah  man  die  mit  Postpferden
bespannten  Reisewagen  des  Papstes.  Bald  darauf,  ungefähr  um  8  ½  Uhr,
trat  der  Papst  mit  seinem  Gefolge  aus  der  Kirche.  Als  er  in  unfrer  Nähe
war,  sagte  ihm  Paur,  daß  wir  da  seien,  da  wandte  er  sich  noch  freundlich
  gegen  uns  und  gab  uns  seinen  Segen.  Wir  gingen  nun  mit  dem
Gefolge  hinter  ihm  her  die  Stufen  hinab  und  sahen  ihn  in  den  Wagen
einsteigen.  Kardinal  Antonelli  küßte  ihm  zum  Abschied  die  Hand.  Der
Papst  segnete  noch  aus  dem  Wagen  das  Volk,  und  die  Wagen  fuhren  zur
Porta  Angelica  hinaus.  Gustav  saß  im  zweiten  Wagen.

Ueber  die  damalige  römische  Gesellschaft  sagt  das  römische  Tagebuch:

Wenn  man  von  der  römischen  Gesellschaft  spricht,  so  muß  man  drei
Kategorien  scharf  unterscheiden:  die  eigentlich  römische  Gesellschaft  oder  die
römische  Aristokratie,  das  diplomatische  Korps,  die  Fremden.  Die  römische
Gesellschaft  oder  römische  Aristokratie  ist  eine  der  besten  Gesellschaften  der
Welt.  Der  Anstand  (das  decoro),  der  dem  römischen  Volke  überhaupt
eigentümlich  und  angeboren  ist,  dieses  feine  Gefühl  für  Schicklichkeit  ist
natürlich  bei  dem  vornehmsten  Teile  des  Volkes,  der  Aristokratie,  ganz
besonders  ausgebildet  und  gibt  der  Gesellschaft  einen  Anstrich  von  Wohlanständigkeit,
  der  auf  den  zivilisierten  Menschen  einen  angenehmen  Eindruck
  hervorbringt.  Allerdings  gibt  das  der  Gesellschaft  auch  eine  gewisse
Steifheit,  die  im  Anfang  auffällt,  die  aber  bei  näherer  Bekanntschaft  verschwindet,
  wo  dann  im  vertrauteren  Umgange  die  höchst  willkommene
Zurückhaltung  und  Höflichkeit  übrigbleibt.  Im  allgemeinen  findet  man
wenig  Bildung  in  den  höheren  Klassen,  die  Männer  sind,  mit  wenigen
Ausnahmen,  sehr  unwissend,  unter  den  Frauen  findet  man  auch  wenig
gebildete,  doch  fand  ich  mehr  Wissen  unter  den  Frauen  als  unter  der
Masse  der  Männer.  Die  Erziehung  der  letzteren  ist  im  allgemeinen  höchst
mangelhaft,  sie  besuchen  weder  öffentliche  Schulen  noch  suchen  sie  irgendeine
  wissenschaftliche  Bildung  zu  erlangen.  Wenn  sie  die  Jahre  des
Elementarunterrichts  hinter  sich  haben  und  etwas  Französisch  können,  so
ist  die  Erziehung  vollendet,  und  der  junge  Mann  tritt  nun  höchst  sorgfältig
  gekleidet  in  die  Welt.  Einzelne  studieren  dann  noch  auf  der  Universität.
  Da  sie  indessen  keine  Aussicht  haben,  eine  Karriere  zu  machen,
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  81

so  fehlt  ihnen  der  Sporn,  sich  weiter  auszubilden.  Sie  treiben  sich  nun
auf  der  Straße,  auf  dem  Pincio,  in  den  Soireen  umher,  tun  ihren  Dienst
in  der  guardia  nobile,  wenn  sie  Nachgeborene  sind,  verheiraten  sich  möglichst
  früh,  wenn  sie  Aussicht  auf  selbständige  Stellung  haben,  und  freuen
sich  ihres  Daseins.  Es  sind  meistens  harmlose  Menschen,  in  den  Formen
des  gesellschaftlichen  Lebens  um  so  vollkommener,  als  ihnen  dies  Lebenszweck
  ist,  vorsichtig  wie  alle  Römer  die  Schwierigkeiten  und  Gefahren  des
Lebens  umgehend  und  höchst  erstaunt,  wenn  sie  hören,  daß  es  Menschen
gibt,  die  bei  hinreichendem  Vermögen  beflissen  sind,  „sich  abzuplagen  und
geplagt  zu  sterben“.  Die  Damen  haben  meist  eine  französische  Erziehung
erhalten,  einige  der  jüngeren  sogar  eine  originale  italienische  Bildung,
Kenntnis  ihrer  eignen  Schriftsteller,  Interesse  für  ihr  Land  und  seine  Geschichte.
  Sie  tragen  aber  ihre  Kenntnisse  wenig  zur  Schau,  weil  sie  den
Titel  eines  Blaustrumpfs  vor  allem  fürchten  und  vermeiden  wollen.

Die  Sitten  sind  im  ganzen  gut.  Jedenfalls  bemerkt  man  in  der
Gesellschaft  wenig.  Das  sogenannte  Courmachen  ist  verpönt.  Daß  unter
Damen  und  Herren  der  Gesellschaft  Verhältnisse  bestehen,  ahnt  man  nur,
zu  sehen  ist  nicht  viel.  Ich  rede  natürlich  nur  von  der  ganz  vornehmen
Gesellschaft,  den  römischen  Fürsten.  Was  unter  dem  „mezzo  ceto“,  der
zweiten  Gesellschaft,  vorgeht,  weiß  ich  nicht.  Auch  die  zur  vornehmen
Gesellschaft  zugelassenen  und  in  ihr  geduldeten  Adeligen  der  niedrigeren
Kategorie  sollen  nicht  viel  taugen,  und  es  kursieren  darüber  allerlei  Skandalgeschichten.


Das  Familienleben  in  der  römischen  Aristokratie  ist  noch  vielfach
patriarchalisch.  Gemeinsames  Morgen=  und  Abendgebet  findet  sich  in  den
ersten  Familien.  Die  Ehen  werden  nicht  nach  Neigung,  sondern  nach
Uebereinkommen  zwischen  den  Häuptern  der  Familien  abgeschlossen,  et  les
jeunes  gens  ne  s'’en  trouvent  pas  plus  mal.  Extravaganzen  junger
Mädchen  in  den  höheren  Familien  sind  unmöglich.  Bei  dem  Abschluß
der  Ehe  werden  in  dem  Heiratsvertrag  alle  Details  des  täglichen  Lebens
festgesetzt,  so  daß  das  junge  Ehepaar  seine  Existenz  genau  vorgezeichnet
erhält,  es  wird  darin  nicht  nur  die  Mitgift,  sondern  auch  deren  Verwendung
  festgesetzt,  man  weiß,  wie  oft  die  Eheleute  ins  Theater  gehen
können,  wie  viel  Reisen  sie  machen  dürfen,  wie  viel  Bediente,  Pferde,
Wagen  sie  halten  können  u.  s.  w.  Dies  ist  nötig,  weil  die  Ehen  sehr  früh
geschlossen  werden  und  Mann  und  Frau  meist  von  gleichem  Alter  und
gleicher  Unerfahrenheit  sind.

Alle  diese  Eigenschaften  und  Eigenheiten  der  Aristokratie  fallen  aber
dem  Volk  nicht  auf.  Mit  kleinen  Modifikationen  finden  sich  dieselben
Sitten  auch  bei  dem  niederen  Volk,  und  dieses  findet  es  sehr  in  der
Ordnung,  daß  gleiches  in  anderm  Maßstabe  auch  bei  der  Aristolratie

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1
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        82  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

stattfinde.  Ueberhaupt  hat  die  römische  Aristokratie  trotz  aller  ihrer  Fehler
größeres  Ansehen,  größeren  Respekt,  größere  Anhänglichkeit  beim  Volke
als  wir  in  Deutschland.  Der  bei  uns  herrschende  Neid  der  niederen
Klassen  gegen  die  höheren,  dieser  demokratisch  revoltierende  Geist,  der  bei
uns  alle  Schichten  der  Gesellschaft  durchdrungen  hat,  existiert  dort  nur  in
den  Köpfen  der  revolutionären  Sekten,  nicht  in  dem  Kern  und  in  der
Masse  des  Volks.

3.  Aus  dem  Jahre  1859.

Im  Beginn  des  Jahres  1859  begab  sich  der  Fürst  nach  Berlin,  um
sich  von  den  leitenden  Persönlichkeiten  und  den  Tendenzen  der  neuen
preußischen  Politik  durch  eigne  Anschauung  zu  unterrichten.  Ueber  seine
Eindrücke  geben  die  folgenden  Aufzeichnungen  Aufschluß.

Politische  Notizen,  gesammelt  in  Berlin  1859.

Bildung  des  Ministeriums.  Fürst  von  Hohenzollern  wird  als  geeignet
  betrachtet,  das  zu  ersetzen,  was  dem  Prinzen  von  Preußen  fehlt:
Geschäftsgewandtheit  und  Charakterstärke.  Gegengewicht  gegen  den  Einfluß
des  Herrn  von  Auerswald,  den  man  als  unzuverlässig,  falsch  und  zu  liberal
bezeichnet.  Er  hat  Schulden,  ist  faul  und  genießt  seines  Privatlebens
wegen  keine  Achtung.  Herr  von  Patow  ist  ein  guter  Geschäftsmann,  der
seine  Sache  versteht  und  die  Sympathien  der  konservativen  Partei  erworben
hat.  Bethmann-Hollweg  tritt  gegen  die  zu  streng  orthodoxe  Partei  auf,  ohne
Rationalist  zu  sein.  Herr  von  Bonin  hat  nicht  das  Vertrauen  der  Armee,
sie  hält  ihn  für  zu  liberal.  Herr  von  Voigts-Reetz  ist  in  das  Kriegsministerium
  berufen  worden,  um  die  Armee  zu  beruhigen.  Die  bevorstehende
  und  nötige  Reorganisation  der  Armee  findet  an  der  Trägheit  des
Ministers  ein  Hindernis.  Flottwell  ist  zu  alt  und  soll  bald  wieder  abtreten.
Arnim  Beoitzenburg  wollte  nur  unter  der  Bedingung  eintreten,  daß  Auerswald
  abträte.  Dies  will  der  Prinz-Regent  nicht,  da  Auerswald  sein  Freund
ist.  Schleinitz  hat  sich  das  Vertrauen  der  Diplomatie  erworben.

Berlin,  17.  Februar  1859.

Das  preußische  Kabinett  wünscht  den  Frieden  zu  erhalten,  weil  es
keine  Lust  hat,  einen  Nationa  kkrieg  zu  beginnen,  dessen  Ende  und  zwar
dessen  glückliches  Ende  einen  Nationalfrieden  bedingen,  d.  h.  die  bei  dem
Kriege  mitwirkende  Nation  zu  Hoffnungen  berechtigen  würde,  deren  Realisierung
  man  als  sehr  unbequem  ansieht.  Man  gibt  sich  also  von  hier  aus
alle  mögliche  Mühe,  das  aus  dem  Leim  gegangene  europäische  Konzert
wieder  zusammenzuleimen.  Man  stößt  aber  dabei
        <pb n="93" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  83

1.  auf  die  Unberechenbarkeit  Napoleons  III.,

2.  auf  die  politische  Unfähigkeit,  Grobheit  und  Unwahrheit  des  österreichischen
  Kabinetts,

3.  auf  den  Aerger  des  John  Bull,  der  durch  die  Pariser  Winkelzüge
seinen  Handel  beeinträchtigt  sieht  und  nicht  übel  Lust  hat,  wenn  es  doch
Geld  kosten  soll,  die  unbequeme  Wirtschaft  nun  alsbald  abzutun,  endlich

4.  auf  den  Haß  der  Russen  gegen  Oesterreich,  die  die  Haltung  Oesterreichs
  zur  Zeit  des  orientalischen  Kriegs  mit  einem  Aderlaß  in  Italien
rächen  möchten.

Daraus  folgt  also,  daß  der  Krieg  zwar  für  den  Augenblick  vermieden
werden  kann,  daß  er  vielleicht  vertagt  werden  wird,  daß  er  aber  sehr
wahrscheinlich  über  kurz  oder  lang  kommen  wird.

Der  Herzog  von  Koburg  ist  hier  und  agitiert  für  die  Versöhnung.
Da  er  ein  rühriger  Mann  ist,  so  kann  er  jedenfalls  nützlich  wirken

26.  Februar  1859.

Preußen  befindet  sich  jetzt  in  einer  besonders  günstigen  Lage.  Seine
innere  Politik  hat  ihm  die  öffentliche  Meinung  in  Preußen  und  Deutschland
  gewonnen.  Oesterreich  ist  in  einer  gefährlichen  Lage:  die  deutschen
Mittelstaaten  und  Kleinstaaten  sehen  auf  Preußen  als  den  eigentlichen
Führer  in  der  schwierigen  Zeit.  Dies  wissen  die  Herren  hier  sehr  gut.
Fürst  Hohenzollern  wird  sich  auch  sehr  wenig  um  die  Kleinstaaten  bekümmern,
sondern  ruhig  seinen  Weg  gehen.  Man  mißbilligt  hier  die  kriegerischen
Worte  in  den  süddeutschen  Kammern.

8.  März.

In  der  Zwischenzeit  ist  es  Oesterreich  gelungen,  in  den  süddeutschen
Ländern  die  öffentliche  Meinung  für  den  Krieg  zu  stimmen.  Preußen  dagegen
  hat  sich  ziemlich  isoliert,  indem  es  auf  seine  Gewalt  pocht.  Es  hatte
sich  eine  Annäherung  an  Frankreich  und  Rußland  fühlbar  gemacht,  die
von  den  Oesterreich  feindlichen  Preußen  ausgebeutet  wurde  und  die  Regierung
  in  die  gefährliche  Lage  eines  möglichen  Bündnisses  mit  Frankreich
drängte.  Die  Friedensnachrichten  haben  Preußen  aus  dieser  Gefahr  gerettet.
Die  österreichische  Zirkulardepesche  vom  22.  Februar  sieht  man  als  eine
Drohung  an  und  ist  darüber  mißgestimmt.  Jetzt  ist  Preußen  durch  den
Frieden  in  die  Lage  versetzt,  wieder  einzulenken,  und  die  öffentliche  Meinung
wird  sich  beruhigen,  die  in  den  letzten  Tagen  anfing,  sich  gegen  Preußen
zu  wenden.  Es  scheint  übrigens,  daß  man  die  Lust  nach  der  Hegemonie
in  Deutschland  noch  immer  verspürt.  Die  Neigung  zu  einer  sogenannten
Gothaischen  Politik  ist  vorhanden,  und  es  ist  nicht  unmöglich,  daß  sich
dies  demnächst  noch  deutlicher  zeigen  wird.  Die  Stellung  der  Mittelstaaten
und  Kleinstaaten  wird  recht  schwierig.
        <pb n="94" />
        84  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

14.  März.
Eine  wirklich  kleindeutsche  Politik,  wie  sie  im  Jahre  1849  versucht
wurde,  scheint  hier  wenigstens  für  den  Augenblick  nicht  angestrebt  zu  werden.
Alles  beschränkt  sich  auf  Mißtrauen  gegenüber  Oesterreich  und  auf  eifersüchtige
  kleine  Querellen.  Eine  positive  Politik  wird  nicht  verfolgt.  Das
Ministerium  hat  keine  Staatsmänner.  Das  hat  sich  auch  während  der
Debatte  im  Herrenhause  bewährt.  Der  Ausdruck  eines  großen  Teils  der
öffentlichen  Meinung  in  Preußen  findet  sich  in  der  Broschüre  „Preußen
und  die  italienische  Frage“.  1)  Bei  dieser  Reizbarkeit  preußischer  Eitelkeit
wird  hier  von  vernünftigen  Männern  bedauert,  daß  man  von  österreichischer
  Seite  nicht  vorsichtig  genug  zu  Werke  geht,  wenn  es  sich  um  Abfassung
  von  Depeschen  in  deutschen  Angelegenheiten  handelt,  und  es  wird
sehr  gewünscht,  daß  man  von  Bayern  aus  in  dieser  Beziehung  guten  Rat
geben  möchte.
22.  März.
Es  verbreitet  sich  das  Gerücht  eines  europäischen  Kriegs.  Das
Ministerium  ist  hier  nicht  mehr  recht  solid.  Es  fehlt  ein  tüchtiger  Minister
des  Innern  und  ein  Redner  im  Ministerium.  Man  weiß  nicht,  wen  man
nehmen  soll,  auch  ein  andrer  Handelsminister  ist  notwendig.

27.  März.
..Ich  wurde  hier  durch  einen  Artikel  der  „Allgemeinen  Zeitung“
überrascht,  der  mir  die  Stelle  eines  bayrischen  Ministers  der  neuen  Aera,
des  Chefs  eines  Ministeriums  der  Morgenröte  in  Aussicht  stellt.  Ob  der
König  von  Bayern  diese  Idee  haben  wird,  weiß  ich  nicht.

31.  März.

..  .  Neuere  Nachrichten  aus  München  lassen  mich  hoffen,  daß  der
Ministerkelch  diesmal  an  mir  vorübergehen  wird.

Notizen  über  eine  Reise  nach  England  im  Juni  1859.

Veranlassung  zu  der  Reise  war  die  Bitte  meiner  Tante,  der  Fürstin
Feodora  von  Hohenlohe-Langenburg,  sie  nach  England  zu  begleiten,  wohin
sie  durch  die  Krankheit  ihrer  Mutter,  der  verwitweten  Herzogin  von  Kent,)

 

1)  Von  Konstantin  Rößler.

2)  Der  Herzog  von  Kent,  jüngerer  Bruder  Wilhelms  IV.,  war  vermählt  mit
der  Prinzessin  Viktoria  von  Sachsen-Saalfeld-Koburg.  Diese  war  in  erster  Ehe
vermählt  gewesen  mit  dem  Fürsten  von  Leiningen.  Ihre  Tochter  erster  Ehe  war
die  Prinzessin  Feodora,  welche  seit  dem  18.  Februar  1828  mit  dem  Fürsten  Ernst  zu
Hohenlohe-Langenburg,  dem  Bruder  der  Mutter  des  Fürsten  Chlodwig,  vermählt
war.  Sie  war  also  die  Halbschwester  der  Königin  Viktoria.
        <pb n="95" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  85

gerufen  war.  Da  der  Fürst  von  Langenburg  krank  ist,  die  Söhne  im
Militärdienst  stehen,  so  war  es  der  Fürstin  wünschenswert,  eine  andre
verwandte  Begleitung  zu  haben  und  mir  dadurch  Veranlassung  gegeben,
zu  sehen,  wie  es  in  England  in  diesem  Augenblicke  aussieht.  Ich  beeilte
mich  also,  dem  Wunsche  der  Tante  zu  entsprechen,  verabredete  durch  Briefe
unser  Zusammentreffen  am  21.  Juni  in  Mainz  und  machte  mich  an  diesem
Tage  früh  auf  den  Weg.  Marie  begleitete  mich,  da  sie  ihre  Eltern  in
Sayn  besuchen  wollte.  In  Mainz  fanden  wir  die  Tante.  Von  Koblenz
fuhr  ich  mit  ihr  allein  den  Rhein  hinunter,  kam  um  6  Uhr  nach  Köln,
besuchte  den  Dom  und  fuhr  dann  abends  noch  bis  Aachen,  wo  wir  die
Nacht  zubrachten.  Den  andern  Morgen,  am  Fronleichnamstag,  ging  ich
erst  in  die  Kirche  und  setzte  dann  mit  der  Tante  die  Reise  bis  Ostende
fort,  wo  wir  um  6  Uhr  abends  ankamen.  Am  Bahnhof  empfing  uns
der  Kapitän  des  für  uns  herübergesandten  Schiffs,  Kapitän  Smithead,  ein
alter  ansehnlicher  Seemann  mit  weißem  Backenbart  und  majestätischer
Haltung.  Er  schlug  der  Tante  vor,  erst  am  andern  Morgen  früh  abzureisen,
  was  sie  mit  großem  Vergnügen  annahm,  da  sie  es  vorzog,  sich
erst  noch  auszuruhen.  Ich  machte  den  Abend  noch  einen  Spaziergang
nach  dem  Hafen  und  den  verschiedenen  mir  bekannten  Promenaden  von
Ostende,  wo  es  still  und  öde  war,  begrüßte  einige  Bekannte  und  ging
dann  zu  Bett.

Den  23.  Juni  früh  um  7  Uhr  waren  wir  auf  dem  Schiff,  einem
neuen,  sehr  schnell  fahrenden  Dampfer  „Frederic  William“.  Es  war  ein
heller  kühler  Tag,  die  See  wenig  bewegt,  und  nach  vier  Stunden  zwanzig
Minuten  waren  wir  vor  den  weißen  Felsenriffen  der  englischen  Küste,
kamen  bei  einem  großen  amerikanischen  Dreimaster  vorbei,  der  langsam
den  Kanal  heruntersegelte,  und  fuhren  bald  darauf  in  den  Hafen  von
Dover  ein.

Hier  hatte  sich  am  Ufer  eine  zahlreiche  Menschenmenge  aufgestellt,
angelockt  durch  die  militärische  Aufstellung,  die  der  Tante  zu  Ehren  stattfand.
  Sobald  das  Schiff  angelegt  hatte,  kamen  der  Hafenkommandant,
ein  Marineoffizier  und  der  kommandierende  General  mit  seinem  Adjutanten
in  Galauniform  auf  das  Schiff,  um  die  Tante  zu  begrüßen.  Nach  einer
kurzen  Vorbereitung  und  Umkleidung  verließen  wir  das  Schiff  und  gingen,
die  Tante  am  Arm  des  Generals,  ich  mit  den  übrigen  hinterher  durch  die
Volksmasse  und  durch  die  Spaliere  der  aufgestellten  Linientruppen  und
Milizen  auf  den  Bahnhof.  Auch  hier  fanden  sich  innerhalb  des  Bahnhofs
  militärische  Aufstellungen.  Längs  der  Waggons  stand  eine  Kompagnie
des  durch  seine  Taten  in  Lucknow  berühmten  32.  Infanterieregiments.
Von  den  Soldaten  schienen  nur  wenige  den  indischen  Feldzug  mitgemacht
zu  haben,  dagegen  sah  man  den  Offizieren  die  Wirkungen  der  indischen
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        86  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Sonne  an.  Beim  Abfahren  des  Zugs  präsentierte  die  Kompagnie  das
Gewehr  und  die  Musik  spielte  das  „God  save  the  Queen“.  Durch  die
grüne  Landschaft,  bei  freundlichen  Dörfern  und  Landhäusern  vorbei,  fuhren
wir  nun  rasch  nach  London.  Dessen  Nähe  verkündete  der  Anblick  des
imposanten  Glaspalastes  von  Sydenham  und  bald  auch  die  rauchige
Atmosphäre  der  Stadt  selbst.  Vom  Bahnhofe  brachte  uns  ein  Hofwagen
nach  dem  Palaste  der  Königin,  Buckingham-Palace,  wo  wir  an  dem  großen
Portal  von  dem  Obersten  Biddulph,  dem  Master  of  the  household  der
Königin,  empfangen  wurden.  Die  Halle  des  Palastes,  in  die  wir  nun
eintraten,  ist  wie  der  ganze  Palast  in  modernem  Baustil  mit  korinthischen
Säulen  verziert  und  mit  dicken  Teppichen  belegt.  Die  Dienerschaft,  die
uns  empfing,  waren  die  sogenannten  Pages,  Kammerdiener  in  blauem
Frack  und  schwarzen  seidenen  Strümpfen.  Während  wir  in  den  Seitengang
  eintraten,  der  zur  Treppe  führt,  kam  die  Königin  der  Tante  entgegen
  und  begrüßte  sie  aufs  freundlichste.  Wir  gingen  mit  ihr  in  ein
kleines  Kabinett,  wo  einige  Worte  gewechselt  wurden,  ich  erhielt  meinen
Teil  freundlicher  Begrüßung,  und  hierauf  führte  die  Königin  die  Tante
nach  ihren  Zimmern.  Ich  empfahl  mich,  um  in  den  Gasthof  zu  fahren,
in  welchem  mir  vom  Hofe  aus  Quartier  bestellt  war,  da  ich  wegen  Mangel
an  Raum  nicht  in  dem  Palast  einquartiert  war.  Die  Hofequipage  brachte
mich  nach  dem  Brunswick-Hotel,  Jermyn  Street,  einem  ziemlich  schlechten,
aber  seiner  Nähe  wegen  gewählten  Gasthof.  Hier  fand  ich  eine  Wohnung
mit  mehreren  Zimmern  für  mich  hergerichtet,  nahm  davon  Besitz  und
machte  dann  sofort  einen  Spaziergang.  Ich  hatte  keine  Zeit,  war  auch
durch  die  Reise  zu  sehr  zerstreut,  um  irgend  etwas  Ernsthaftes  zu  sehen
oder  zu  tun,  richtete  also  meine  Schritte  nach  dem  Hydepark,  wo  gerade
große  Promenade  war.  Kein  Volk  ist  so  wie  das  englische  der  Sklave
seiner  Sitten  und  Gebräuche,  dieses  schafsmäßige  Nachahmen  und  Nachtun
zeigt  sich  auch  bei  den  Spazierfahrten  in  dem  Hydepark.  Jeder,  der  die
Mittel  dazu  hat,  fährt,  reitet  oder  geht  dahin  und  bewegt  sich  nun  auf
dem  verhältnismäßig  kleinen  Raum  während  einer  oder  zwei  Stunden
mechanisch  umher.  Hier  bildet  sich  das,  was  man  die  fashion  nennt,  in
bezug  auf  Wagen,  Pferde  und  Morgentoilette.  Was  hier  getragen  und
gebraucht  wird,  gibt  und  bildet  die  Mode,  die  sich  dann  schnell  über
England  verbreitet.  So  hat  sich  zum  Beispiel  in  diesem  Sommer  die
violette  Farbe  bei  Herren  und  Damen  in  Halstüchern,  Handschuhen  u.  s.  w.
auf  eine  merkwürdige  Weise  eingebürgert.  Deshalb  haben  alle  Kaufleute
violette  und  lilaseidene  Gegenstände  aushängen.

An  schönen  Pferden  war  kein  Mangel,  obgleich  die  Stunde  5  Uhr
nachmittags  nicht  die  Zeit  zum  Reiten  für  die  vornehme  Welt  ist.  Diese
reitet  mittags  12  Uhr  und  geht  den  Nachmittag  oder  fährt.  Ich  konnte
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  87

es  übrigens  nicht  lange  aushalten,  da  mir  durch  die  Masse  von  Menschen,
die  Hitze  und  das  ewige  Vormirvorbeireiten  und  -fahren  der  Kopf  ganz
wüst  wurde.

Als  ich  nach  Hause  kam,  war  es  Zeit,  das  Hofkostüm,  den  schwarzen
Frack,  kurze  Hose  und  seidene  Strümpfe,  anzuziehen,  worauf  ich  dann  um
8  Uhr  zum  Diner  nach  Buckingham-Palace  fuhr.  Ich  kam  zwar  nicht
vor  8  Uhr  an,  kam  aber  doch  viel  zu  früh  und  hatte  Zeit,  mich  in  dem
für  die  königliche  Familie  bestimmten  Versammlungszimmer  umzusehen.
Es  war  dasselbe  Kabinett,  in  welches  uns  die  Königin  am  Morgen  geführt
  hatte:  rot=  und  gelbseidene  Tapeten  und  altmodische  (Empire-)  Möbel
von  demselben  Stoff.  Ein  marmorner  Kamin  und  ein  großer  Tisch  in
der  Mitte.  Zwei  Fenster  gewähren  Aussicht  auf  den  Garten.  Dieser,
ein  wohlgehaltener  kleiner  Park  mit  wunderschönen  großen  Bäumen  und
grünen  Rasenplätzen,  gewährte  beim  Untergang  der  Sonne  einen  friedlichen
  und  erfrischenden  Anblick.  Während  ich  mich  daran  erfreute,  kam
Fürst  Ernst  Leiningen,  den  ich  seit  zehn  Jahren  nicht  gesehen  hatte.  Er
ist  in  englischem  Seedienst  und  trug  auf  seinem  Frack  eine  auffallend
große  Anzahl  von  Medaillen,  die  er  während  der  Krimkampagne  erhalten
hatte.  Nach  ihm  erschien  König  Leopold  der  Belgier,  mit  seinem  alten
Fuchsgesicht  still  umherschleichend,  mit  ihm  sein  zweiter  Sohn,  ein  langer
fader  blonder  Jüngling,  der  Graf  von  Flandern.  Bald  kam  auch  Prinz
Albert,  der  mich  in  gewohnter  Weise  freundlich  begrüßte.  Er  war  den
Mittag  bei  dem  großen  Händelfest  im  Glaspalast  gewesen  und  rühmte  die
Aufführung  der  Musikstücke  durch  viertausend  Musiker  vor  fünfundzwanzigtausend
  Zuhörern.  Während  noch  hierüber  gesprochen  wurde,  kam  die
Königin  in  Begleitung  ihrer  Tochter,  der  Prinzeß  Alice,  und  der  Tante,
und  nun  zog  die  ganze  Gesellschaft,  die  Königin  mit  König  Leopold  voraus,
nach  dem  großen  Empfangssalon.  Unterwegs  schlossen  sich  uns  die
Damen  der  Königin  an,  darunter  die  Herzogin  von  Sutherland  als  Mistress
of  the  robes,  wenn  ich  nicht  irre,  und  die  Herzogin  von  Atholl,  Lady
in  waiting.  Im  großen  Saal  fanden  wir  die  eingeladenen  Gäste,  und
sofort  ging  man  zu  Tisch.  Mir  war  die  Herzogin  von  Atholl  bestimmt,
die  sich  neben  den  Prinzen  Albert  setzte.  Auf  der  andern  Seite  hatte  ich
eine  Hofdame,  ich  glaube,  sie  hieß  Miß  Bullsteel.  Beide  waren  gleich
gesprächig,  doch  erinnere  ich  mich  nichts  Genaueres  mehr  über  die  Gegenstände
  der  meinerseits  mit  einiger  Mühe  geführten  englischen  Konversation,
außer  daß  bei  Gelegenheit  eines  Gesprächs  über  russische  Zustände  die
Herzogin  von  Atholl  mit  vielem  Interesse  von  den  schwarzen  und  braunen
Käfern  sprach,  die  russische  Wohnungen  bevölkern;  ob  es  nun  ethnographisches
  Interesse  oder  entomologische  Kenntnisse  waren,  die  sie  auf
dieses  Thema  führten,  kann  ich  nicht  beurteilen.  Während  der  Tafel
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        88  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

beobachtete  ich  den  Fürsten  Paul  Esterhazy,  )  der,  eben  von  Wien  angelangt,
  neben  der  Königin  saß  und  sie  mit  sehr  lauter  Stimme  aufs  beste
unterhielt.  Er  erzählte  ihr  von  seinem  Aufenthalt  in  Rußland,  und  ich
sah,  daß  die  Königin  durch  seine  Erzählungen  sehr  erheitert  wurde.  Als
sich  die  Königin  mit  den  Damen  entfernt  hatte,  sah  ich  ihn  eifrig  mit
König  Leopold  sprechen,  auch  hörte  ich,  daß  er  über  die  neueste  österreichische
  Regierungspolitik  sprach.  Der  König  hörte  ihm  mehrenteils  aufmerksam
  zu.  Ich  kam  nun  neben  Prinz  Albert  zu  sitzen  und,  wie  natürlich,
  kam  das  Gespräch  sogleich  auf  den  österreichisch-französischen  Krieg.
Ueber  den  Kaiser  von  Oesterreich  und  dessen  Politik  sprach  er  sich  überaus
ungünstig  aus  und  behauptete,  daß  der  Erzherzog  Ferdinand  Max  nur
deshalb  keine  besseren  Resultate  in  Italien  erzielt  habe,  weil  man  von
Wien  aus  alles  hintertrieben  und  zerstört  habe,  was  er  in  Italien  getan
und  angestrebt.  Ich  erwiderte  ihm  hierauf,  daß  mir  dies  neu  sei.  „Ueberhaupt,“
  fiel  er  mir  dann  sogleich  wieder  ins  Wort,  „kann  man  sich  von
einem  Herrn  nicht  viel  versprechen,  der  von  den  Jesuiten  erzogen  wurde,
von  diesen  Menschen,  die  in  ihren  Mitmenschen  nur  das  Schlechte  anerkennen,
  die  die  menschliche  Natur  edler  Gefühle  und  Gedanken  für  unfähig
halten  und  immer  die  unlautersten  Motive  voraussetzen.“  Diese  Menschen
und  die  von  ihnen  inspirierte  Politik  sei  die  Veranlassung  der  gegenwärtigen
Wirren.  Ich  erwiderte  ihm  darauf,  daß,  wenn  ich  auch  keine  besondere
Neigung  für  die  Jesuiten  habe,  ich  doch  bemerken  müsse,  daß  die  geheimen
revolutionären  Gesellschaften  wohl  den  größten  Teil  der  Schuld  an  den
gegenwärtigen  Wirren  haben  dürften  und  daß  es  leider  das  Zeichen  einer
im  Niedergang  begriffenen  menschlichen  Gesellschaft  sei,  wenn  die  Geschicke
der  Menschheit  durch  jene  Gesellschaften  geleitet  würden.  Dies  bestritt
Prinz  Albert.  Die  geheimen  Gesellschaften  seien  nur  da  vorhanden,  wo
Mißregierung  sie  hervorrufe;  Reformen  würden  sie  unmöglich  machen,
Freiheit  der  Völker  werde  die  geheimen  Gesellschaften  verschwinden  machen.
Ich  behauptete  dagegen,  daß  mir  das  sehr  unwahrscheinlich  sei.  In  den
Republiken  des  spanischen  Amerikas  gebe  es  so  gut  geheime  Gesellschaften.
wie  in  Italien.  Unter  den  Völkern  romanischer  Rasse  werde  immer  die
Partei,  welche  nicht  an  der  Regierung  teilnimmt,  eine  geheime  Gesellschaft
bilden.  Auf  die  von  dem  Prinzen  hierauf  vorgetragene  Theorie,  daß  das
Christentum  im  philosophischen  Sinne  (Bunsen)  das  Wohl  der  Menschheit
  begründen  werde,  erwiderte  ich  ihm,  daß  das  höchstens  bei  der
deutschen  Nation  als  eine  Möglichkeit  zugegeben  werden  könne,  bei  den
romanischen  Völkern  aber  führe  Aufgeben  des  Autoritätsglaubens  zum

 

1)  Fürst  Paul  Anton  Esterhazy  (1786  bis  1866),  welcher  von  1815  bis  1842
österreichischer  Botschafter  in  London  gewesen  war.  1856  war  er  als  Krönungsbotschafter
  nach  Moskau  gegangen.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  89

sofortigen  Atheismus,  zur  Auflösung  der  sozialen  Ordnung.  Ueber  dieses
Thema  wurde  noch  vielfach  hin  und  her  geredet,  bis  endlich  der  Hof—
marschall  kam  und  bemerkte,  daß  die  Königin  uns  erwarte.  Mit  einem
Zitat  aus  den  Briefen  des  Apostels  Paulus  erhob  sich  der  Prinz,  in
dessen  ganzer  Anschauungsweise  mich  ein  gewisser  doktrinärer  Geist  anwehte,
der  mir  zeigte,  wie  unglücklich  es  für  den  Prinzen  war,  daß  er  unmittelbar
  von  einer  deutschen  Universität,  auf  der  er  nur  oberflächliche  Studien
gemacht  hat,  in  seine  jetzige  Stellung  kam,  ohne  durch  die  Berührung  mit
der  praktischen  Welt  die  Doktrin  abgeschliffen  zu  haben.  !)

Nach  Tisch  hielt  sich  der  ganze  Hof  in  dem  großen  Saale,  einer  länglichen,
  prachtvoll  dekorierten,  mit  Säulen  verzierten  Galerie,  auf.  Die
Königin  sprach  nun  mit  den  Anwesenden.  Bei  mir  erkundigte  sie  sich  mit
vieler  Teilnahme  und  in  einem  sehr  ungekünstelten,  ganz  natürlichen  Tone
(ungleich  dem  gleichgültigen  Geschnatter  kontinentaler  Souveräne)  nach
allen  Verwandten  und  zeigte  dabei  das  gute  Herz,  das  man  ihr  häufig
abgesprochen  hat.  Nach  Beendigung  des  Cercle  ging  die  Königin  in
den  benachbarten  Salon,  wo  sie  auf  einem  Kanapee  Platz  nahm,  die
Damen  und  einige  Herren  umher.  Hier  hörte  man  der  Musik  zu,  die  in
einem  Nebengemache  spielte.  Gegen  oder  nach  11  Uhr  erhob  sie  sich,  und
dies  war  das  Zeichen  zum  allgemeinen  Aufbruch.

Sonnabend  den  25.  Juni  besuchte  ich  den  österreichischen  Gesandten
Grafen  Apponyi,  der  mir  die  Nachricht  der  unglücklichen  Schlacht  am
Mincio#)  mitteilte,  die  er  eben  durch  telegrapbische  Depesche  aus  Paris
erhalten  hatte.  Er  war  äußerst  niedergeschlagen  und  sprach  mit  vieler
Bitterkeit  von  der  preußischen  Politik,  der  Oesterreich  diese  Niederlage  zu
verdanken  habe.  Werde  Oesterreich  nun  gezwungen,  einen  schimpflichen
Frieden  zu  schließen,  so  werde  sich  Napoleon  hierauf  gegen  Preußen  und
Deutschland  wenden,  und  dann  sei  Oesterreich  nicht  mehr  imstande  zu  helfen.

An  diesem  Tage  war  Lever,  d.  h.  große  Vorstellung  bei  Hofe.  Ich
ging  in  die  Nähe  des  St.  James-Palastes,  um  die  vorbeifahrenden
Equipagen  zu  sehen,  unter  denen  die  des  Lordmayors  von  London  und  seiner
Suite  sich  durch  besonderen  Glanz  auszeichneten.  Den  übrigen  Teil  des
Tages  benutzte  ich,  um  Einkäufe  zu  besorgen.  Da  die  Königin  kein  großes
Diner  hielt,  wurde  ich  nicht  eingeladen  und  konnte  bei  Apponyi  essen,  wo
ich  dann  auch  den  Abend  zubrachte  und  um  12  Uhr  nach  Hause  ging.
Da  es  Sonnabend  Abend  war,  so  waren  die  Viktualienläden,  besonders
in  den  kleineren  Straßen,  offen,  damit  die  Einkäufe  für  den  Sonntag  gemacht
werden  konnten.  Auch  fand  ich  die  Straßen  durch  viele  Betrunkene  belebt.

1)  Vergl.  die  übereinstimmende  Beurteilung  des  Prinzen  Albert  in  dem  Werke

des  Herzogs  Ernst:  „Aus  meinem  Leben“,  Bd.  I  S.  129  ff.
2)  Schlacht  bei  Solferino  am  24.  Juni.
        <pb n="100" />
        90  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Sonntag  den  26.  früh  9½  Uhr  ging  ich  in  die  mir  bekannte  Kirche
in  Farm-Street,  eine  ganz  besonders  reinliche  und  freundliche  Kirche.

Um  1  Uhr  fuhr  ich  auf  die  Eisenbahnstation  Waterloo-Bridge,  um
nach  Windsor  zu  fahren.  Auf  dem  Bahnhofe  waren  zahllose  Sonntagsleute,
  die  außerhalb  der  Stadt  Erholung  suchten.  Ich  kam  um  ½3  Uhr
nach  Windsor,  besuchte  Tante  Feodora  und  die  Herzogin  von  Kent,  die
ich  auf  dem  Wege  der  Besserung  fand,  in  Frogmore  und  ging  dann  über
die  Terrasse  des  Schlosses  Windsor  nach  dem  Bahnhofe  zurück,  von  wo
ich  mit  dem  Zuge  um  6  Uhr  nach  London  zurückfuhr,  wo  ich  um  7  Uhr
ankam.

Um  8  Uhr  war  wieder  Diner  bei  Hofe.  Hier  sah  ich  den  Prinzen
von  Wales,  der  eben  von  seiner  Kontinentreise  zurückgekommen  war.  Er
sprach  mir  viel  von  Rom  und  seiner  Seereise  nach  Gibraltar  auf  Viktors
Schiff.  Er  scheint  ein  recht  wohlerzogener  junger  Mensch,  etwas  erschreckt
durch  seinen  Vater.  Leider  ist  er  auffallend  klein  für  sein  Alter.

Zu  Tische  führte  ich  Lady  Sidney  Herbert,  die  Frau  des  gegenwärtigen
Kriegsministers,  mit  welcher  ich  übrigens  nur  wenige  Worte  wechseln
konnte,  da  die  auf  der  andern  Seite  sitzende  Prinzeß  Alice,  zweite  Tochter
der  Königin,  mir  viel  zu  erzählen  hatte.  Sie  scheint  für  ihr  Alter  wohlunterrichtet,
  ist  aufgeweckt  und  munter,  und  ihr  Gesicht  ist  trotz  der  langen
Nase,  die  sie  selbst  als  eine  Kalamität  bedauerte,  ganz  hübsch.  Nach  Tisch
war  wieder  Cercle,  bei  welchem  sich  die  Königin  lange  mit  mir  über  die
neuesten  politischen  Verhältnisse  unterhielt  und  dabei  die  Besorgnis  aussprach,
  daß  man  in  Berlin  wieder  halbe  Maßregeln  ergreifen  werde.
Eine  Befürchtung,  die  ich  vollkommen  teilte.  Unter  den  geladenen  Gästen
war  der  alte,  nun  sehr  gebrechliche  Lord  Aberdeen,  dann  ein  Mann
mit  großem  Bart,  der  mir  als  Herzog  von  Newocastle  bezeichnet  wurde,
Lord  Carlisle,  der  Statthalter  von  Irland,  ein  affektierter  Mensch,
der  ganz  die  Bewegungen  eines  alten  Ballettmeisters  hat,  endlich  Sir
Sidney  Herbert,  ein  lebhafter,  viel  gestikulierender  Mann.  Beim  Auseinandergehen
  verabschiedete  ich  mich  bei  der  Königin,  da  ich  die  Absicht
hatte,  den  nächsten  Abend  abzureisen.  Prinz  Albert  bat  mich,  ihn  den
andern  Tag  noch  zu  besuchen.

Montag  den  27.  besorgte  ich  einige  Geschäfte,  besuchte  bei  dieser
Gelegenheit  den  Tower  und  sah  mir  dann  Lincolns  Inn  an,  das  große
Gebäude,  in  dem  die  Gerichtsverhandlungen  der  Court  of  Chancery  und
andrer  Zivilgerichte  abgehalten  werden.  Ich  trat  in  einige  der  Sitzungszimmer
  und  fand,  daß  die  Verhandlungen  vor  den  mit  Perücken  gezierten
Richtern  mit  großer  Gemütlichkeit  geführt  wurden.  Leider  hatte  ich  niemand,
  der  mir  die  verschiedenen  Personen  und  ihre  Funktionen  nennen
konnte.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  91

Um  3¼  Uhr  fuhr  ich  nach  dem  Palast,  um  Prinz  Albert  meinen
Abschiedsbesuch  zu  machen.  Wie  immer,  geschah  dies  im  gewöhnlichen
Morgenanzug,  ohne  Uniform,  Stern  u.  s.  w.  Ich  wurde  in  seine  Bibliothek
geführt,  wo  ich  in  einem  in  Wien  gearbeiteten  Glasschrank  viele  deutsche
Bücher,  Kupferwerke  u.  s.  w.  sah.  Er  zeigte  mir  sogleich  die  Karte  des
Kriegsschauplatzes,  mißbilligte  den  Angriff  der  Oesterreicher,  behauptete,
die  Oesterreicher  hätten,  wenn  sie  überhaupt  angreifen  wollten,  im  Dreieck.
mit  der  Spitze  voran,  vorgehen  und  die  beiden  Seiten  des  Dreiecks  dann
auseinander  legen  sollen.  Er  kam  dann  nochmals  auf  die  ganze  österreichische
Politik  zu  sprechen,  sagte,  die  Sommation  an  Sardinien  sei  ohne  Wisserdes
  Grafen  Buol  unter  dem  Einflusse  von  Grünne  und  Windischgrätz
erfolgt.  Letzteres  zog  ich  entschieden  in  Zweifel.  Dann  zog  er  gegen  die
demokratische  Desorganisation  des  Ministers  Bach  los,  was  ich  gern  zugestand,
  endlich  erzählte  er,  Oesterreich  habe  geglaubt,  wenn  es  den  Krieg
anfange,  werde  Deutschland  gezwungen  sein,  mit  loszuschlagen,  eine
Revolution  sei  von  Oesterreich  in  München  vorbereitet  worden.  Dann
erwähnte  er  das  Gerücht,  Napoleon  wolle  dem  Kaiser  von  Oesterreich
direkt  Friedensvorschläge  machen,  und  schließlich  sagte  er  mir  Lebewohl,
indem  er  zu  dem  Kampfe  in  Deutschland  alles  Glück  wünschte.  Er  schien
aber  nicht  zu  glauben,  daß  es  dazu  kommen  werde.  Der  Prinz  von
Wales  erschien,  um  zu  sagen,  daß  die  Königin  im  Wagen  warte,  worauf
beide  eilig  fortgingen.  Ich  wanderte  nun  langsam  durch  Regent-Park
nach  Piccadilly  zurück,  besorgte  einige  Kommissionen  und  fuhr  abends  zu
Apponyi,  wo  ich  zu  Mittag  aß  und  von  wo  ich  mit  Graf  Chotek  nach
dem  Olympiatheater  ging,  wo  einige  komische  Stücke  in  großer  Vollkommenheit
  aufgeführt  wurden.  Beim  Herausgehen  aus  dem  Theater  fanden  wir
einen  Gewitterregen,  der  uns  nötigte,  in  einem  Cab  nach  Hause  zu  fahren.
Dienstag  Morgen  den  18.  besuchte  ich  einen  alten  Bekannten,  den  ich  seir
19  Jahren  nicht  gesehen  hatte,  Mister  Cauvin.  Er  freute  sich,  nach
langer  Zeit  seine  Jugenderinnerungen  an  Göttingen  und  Corvey  wieder
auffrischen  zu  können.  Da  er  ein  Literat  ist  und  die  öffentliche  Meinung
in  England  genau  kennt,  so  fragte  ich  ihn  über  die  Absichten  der  englischen
  Regierung,  über  die  Stimmung  u.  s.  w.  Ich  fragte  ihn  insbesondere,
  ob  man  nicht  fürchte,  daß,  wenn  Napoleon  Oesterreich  und
Deutschland  geschlagen  habe,  er  sich  gegen  England  wenden  werde.  Er
erwiderte  mir,  das  englische  Volk  sei  im  vergangenen  Winter  gegen
Napoleon  gewesen,  jetzt  habe  sich  die  Stimmung  ihm  zugewandt.  Dies
habe  in  zwei  Ursachen  seinen  Grund.  Erstens  in  der  Teilnahme  der
Engländer  an  der  angeblichen  Befreiung  Italiens,  für  welche  sich  der
englische  Philister  gern  begeistere,  dann  aber  in  dem  Beifalle,  den  der
Erfolg  immer  erringe.  Außerdem  glaube  man  sich  stark  und  reich  genug.
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        92  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

um  Napoleon  zu  jeder  Zeit  entgegenzutreten,  wenn  es  ihm  einfallen  sollte,
England  anzugreifen.  „Wir  haben,“  sagte  er,  „kein  System  in  der  Politik,
wir  leben  von  der  Hand  in  den  Mund.“  Cauvin  begleitete  mich  noch
auf  einigen  Touren  in  der  Stadt  und  verließ  mich  dann,  als  ich  um
5  Uhr  zum  Essen  ging.  Nach  Tisch  fuhr  ich  sogleich  auf  den  Bahnhof
und  kam  um  11  Uhr  nach  Dover,  wo  das  Dampfschiff  sogleich  nach
Ostende  abging.

Dialogue  royal.)

Der  König.  Sie  haben  mich  allein  zu  sprechen  gewünscht,  lieber
Fürst!

Ich.  Ich  sage  Eurer  Majestät  vor  allem  meinen  untertänigsten  Dank
dafür,  daß  Sie  geruht  haben,  mich  allein  zu  empfangen.  Um  so  mehr,
als  ich  kein  eigentliches  petitum  habe.  Ich  habe  nur  Gelegenheit  haben
wollen,  Eurer  Majestät  meine  untertänigsten  Dienste  anzubieten.  Ich
hätte  schon  längst  gewünscht,  Gelegenheit  zu  haben,  Eurer  Majestät  die
Gesinnungen  der  Treue  und  Anhänglichkeit  durch  die  Tat  zu  beweisen.
Jetzt  bei  dem  Tode  des  Grafen  Lerchenfeld  2)  ist  mir  der  Gedanke  gekommen,
  ob  nicht  für  mich  die  Möglichkeit  gegeben  wäre,  in  den  königlichen
  Dienst  einzutreten.  Wenn  Eure  Maojestät  die  Gnade  hätten,  mich
zu  verwenden,  so  weiß  ich,  daß  ich  durch  Vermögen  und  Stellung  in
der  Lage  wäre,  den  bayrischen  Namen  würdig  zu  vertreten  und  die  bayrische
  Fahne  mit  Energie  und  Entschiedenheit  aufzupflanzen.

Der  König.  Diese  Gesinnungen  sind  mir  sehr  erfreulich.  Ich  freue
mich  um  so  mehr  darüber,  als  ich  früher  daran  gezweifelt  habe.

(Ce  W’était  pas  tout  à  fait  cela,  c'’était  plus  poli,  mais  le  fond
était  Ie  méme.)

Wir  sind  aber  alle  jung  gewesen,  und  die  Erfahrung  ändert  manches,
Verzeihen  Sie,  daß  ich  Ihnen  das  so  offen  sage.

Ich.  Eure  Majestät  wollen  ohne  Zweifel  von  meiner  Reichsgesandtschaft
  reden.  Indessen  erlaube  ich  mir  zu  bemerken,  daß  damals  der  Erzherzog
  Johann  mich  besonders  ausgewählt  hat,  um  auch  einen  Bayern
in  die  Diplomatie  der  Zentralgewalt  aufzunehmen.  Es  war  dies  die
Hauptabsicht  bei  meiner  Ernennung,  und  der  Erzherzog  wünschte  sogar,
daß  ich  meinen  Weg  über  München  nehmen  sollte,  um  dies  Eurer  Majestät

 

1)  Die  Niederschrift  der  Unterredung  mit  König  Maximilian  II.  ist  für  die
Fürstin  aufgesetzt,  daher  die  Zwischenbemerkungen  in  französischer  Sprache.

2)  Graf  Max  Joseph  von  Lerchenfeld,  bayrischer  Gesandter  in  Wien,  war  am
3.  November  1859  gestorben.  Die  Unterredung  wird  also  im  November  1859  stattgefunden
  haben.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  93

selbst  anzuzeigen.  Ich  wurde  damals  durch  Umstände  daran  gehindert.
die  abzuwenden  außer  meiner  Macht  lag.  Auch  dachte  ich  bei  der  Annahme
  jener  Gesandtschaft,  daß  doch  die  Zentralgewalt  von  allen  Regierungen
  anerkannt  sei.  Als  sie  sich  wieder  in  Nebel  auflöste,  habe  ich  mich
sofort  zurückgezogen.

Der  König.  Ja,  jal  (Sehr  gnädig:)  Das  waren  damals  andre
Zeiten.  Jetzt  ist  dies  anders.  Bayern  ist  doch  immer  die  dritte  deutsche
Macht.  Und  ich  werde  mich  weder  von  Oesterreich  noch  von  Preußen
ins  Schlepptau  nehmen  lassen.

Ich.  Jene  Ansichten  haben  sich  jetzt  überlebt,  es  ist  ein  überwundener
Standpunkt.  Eine  Zentralgewalt  in  jenem  Sinne  ist  jetzt  nicht  mehr
möglich.  Auch  stützen  sich  Eure  Majestät  auf  die  Gesinnung  des  ganzen
bayrischen  Volkes,  das  von  einer  preußischen  Hegemonie  nun  einmal  nichts
wissen  will.

Der  König.  Sehr  wahr!  Dies  geht  so  weit,  daß  man  mir  es  in
diesem  Frühjahre  sogar  übelnahm,  daß  ich  nur  den  Schein  einer  Hinneigung
  zu  Preußen  hätte.  Dies  war  gar  nicht  der  Fall.  Ich  liebe  die
Wissenschaften  und  kann  preußische  Professoren  berufen.  Darum  werde  ich
aber  doch  die  Selbständigkeit  meines  Landes  aufrecht  zu  erhalten  wissen.
Wie  gesagt,  Ihre  Gesinnungen  machen  mir  sehr  viel  Freude.

(Ici  je  craignais  qu’il  ne  se  contentät  de  ces  phrases  et  je  repris:)

Ich.  Wenn  ich  es  gerade  jetzt  gewagt  habe,  Eure  Mojestät  mit
dieser  Bitte  zu  kommen,  so  habe  ich  noch  einen  persönlichen  Grund.  Wenn
es  Eure  Mojestät  erlauben,  so  werde  ich  ganz  offen  reden.

Der  König  nickt  gnädig.

Ich.  Der  Grund  und  die  nächste  persönliche  Anregung  kommt  durch
einen  Brief  meiner  Schwiegermutter.  Li  je  lui  raconte  la  conversation
de  Maman  avec  la  Princesse  de  Prusse.  Je  parle  de  Hatzfeldt  et
de  Louis.  (Wunsch  des  Prinzen  und  der  Prinzessin  von  Preußen,  daß
ich  in  den  preußischen  Dienst  zurückkehren  möchte.)  Ich  erwarte  nun  eine
Proposition  von  Berlin,  die  mich  in  einige  Verlegenheit  setzen  würde.
Wenn  ich  dagegen  als  Ablehnungsgrund  den  Wunsch  Eurer  Maojestät
entgegenstellen  könnte,  mich  in  Höchstihrem  Dienst  zu  verwenden,  so  würde
mich  dies  aus  der  Verlegenheit  ziehen.  Auch  würde  dies  den  Wunsch
meiner  Schwiegermutter  zugleich  erfüllen.

Der  König.  Also  glauben  Sie,  daß  dies  der  Fürstin  denselben
Dienst  erweisen  würde?

Ich.  Ja,  denn  wenn  der  Sohn  auch  in  der  preußischen  Diplomatie
wäre,  so  könnte  er  doch  an  demselben  Orte  sein,  wo  ich  Eure  Majestät
repräsentierte  und  damit  wäre  dann  derselbe  Zweck  erreicht,  denn  ich  könnte
ihn  da  auch  beaufsichtigen.
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        914.  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Der  König.  Ah  so!  Gut,  ich  werde  mir  die  Sache  überlegen
und  freue  mich  sehr  über  die  Gesinnungen,  die  Sie  mir  ausgesprochen  haben.

Hierauf  Erkundigungen  nach  Mama,  toi  u.  s.  w.

Beim  Hinausgehen  abermals:  „Ich  werde  das,  was  Sie  mir  gesagt
haben,  in  reifliche  Ueberlegung  ziehen."“

Rérérence  et  départ.

Ueber  dieselbe  Angelegenheit  schreibt  der  Fürst  an  die  Prinzessin  Elise:
Schillingsfürst,  14.  Jannar  1860.

..  .  Mit  unsern  Plänen  sieht's  noch  schwach  aus.  Der  König  ist  in
Verlegenheit.  Er  möchte  mich  wohl  verwenden,  weiß  aber  nicht,  wie  er
es  machen  soll,  da  eine  Menge  Konkurrenten  unter  den  bereits  angestellten
Diplomaten  vorhanden  sind.  Ich  würde  es  bedauern,  wenn  mir  diese
Gelegenheit,  eine  dauernde  Beschäftigung  und  feste  Lebensstellung  zu  erhalten,
wieder  entginge.  Je  älter  man  wird,  desto  nötiger  ist  ein  Beruf.  Was  uns  das
Leben  nimmt,  muß  die  Pflichterfüllung  ersetzen.  Ich  bin  nicht  geschaffen,
mein  Leben  zur  bloßen  Erfüllung  des  aristokratischen  Lebensberufs  zu  verwenden.
  So  gern  ich  anerkenne,  daß  dieser  Beruf  ernster  und  wichtiger
ist,  als  man  gewöhnlich  annimmt.  Ich  glaube  sogar,  daß  ich  der  Aufgabe
  nicht  einmal  gewachsen  bin  und  mir  persönliche  Hindernisse  im  Wege
stehen,  die  ich  nicht  zu  überwinden  imstande  bin.  Entweder  ist  dieser
aristokratische  Beruf  gut  durchgeführt,  dann  ist  er  achtungswert  und  wird
Anerkennung  finden,  oder  er  endet  in  Zersplitterung  und  mit  Sortierung
von  goldenen  Dosen  und  Weihnachtsgeschenken.  Es  sind  schon  bessere
Menschen  als  ich  dahin  gekommen.

4.  In  Rußland  und  in  Wien  1860/61.

Im  September  1860  unternahm  der  Fürst  eine  Reise  auf  die  Wittgensteinschen
  Besitzungen  in  Rußland  und  traf  am  20.  September  in  Werki  ein.

Aus  dem  Reisetagebuch:  Den  22.  waren  wir  bei  dem  Generalgouverneur
  Nasimoff  zu  Mittag  eingeladen,  der  in  Swievinic  wohnt,
einem  hübschen  Landhaus  an  der  Wilia.  Wir  waren  auf  4  Uhr  eingeladen
  und  kamen  zu  spät,  das  Diner  fand  aber  erst  gegen  ½6  Uhr
statt.  Der  Generalgouverneur  ist  ein  kleiner  Mann  mit  buschigen  Augenbraunen
  und  starkem  Schnurrbart.  Er  gibt  sich  martialische  airs,  ist
aber  ein  unbedeutender,  gutmütiger  Mann.  Seine  Frau  war  früher  eine
Schönheit  und  bewahrt  noch  einige  Reste  davon.  Sie  hat  sehr  gescheite,
liebenswürdige  Augen  und  ist  die  Seele  des  Hauses.  Das  Diner  war
schlecht  und  wurde  mangelhaft  serviert.  Da  nach  russischen  Begriffen  ein
Fürst,  der  keinen  dienstlichen  Rang  besitzt  keinen  Rang  hat,  so  stürzten
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  95

die  zwei  anwesenden  Zivilgouverneure,  als  die  Tafel  angekündigt  wurde,
vor  mir  auf  die  Damen  des  Hauses,  und  ich  ging  mit  dem  Hausherrn
und  Peter  1)  nach.  Ich  saß  neben  dem  Generalgouverneur,  der  während
des  Essens  das  absurdeste  Zeug  über  höhere  Politik  debitierte,  und  hatte
zu  meiner  Linken  ein  junges  Mädchen,  das  mit  seiner  Nachbarin  in  verschiedenen
  Sprachen  konversierte.  Ich  fand  keinen  Grund,  mich  hineinzumischen.
Nach  Tisch  besuchten  wir  den  Park,  der  das  Haus  umgibt,  und  sahen  uns
die  zwei  lebendigen  Auerochsen  an,  die  da  gehalten  werden.  Zwei  merkwürdige
  Tiere.  Während  die  übrige  Gesellschaft  scheu  hinter  den  Bäumen
versteckt  blieb,  ging  ich  mit  Peter  und  dem  Wächter  der  Tiere  ganz  nahe
heran  und  hatte  das  merkwürdige  Schauspiel,  zwei  dieser  sonderbaren
Tiere  auf  drei  Schritte  vor  mir  zu  sehen.  Sie  fraßen  ruhig  an  einigen
auf  dem  Boden  liegenden  Aesten,  ihrer  Hauptnahrung,  und  kümmerten
sich  wenig  um  uns.  Doch  sollen  sie  bisweilen  kleine  Attacken  auf  Menschen
ausführen.  Der  Park  war  wunderschön  durch  den  aufgehenden  Mond
und  die  Abenddämmerung  erhellt.  Vor  uns  floß  der  stille  Fluß  in  sanften
Windungen,  jenseits  lagen  dunkle  Kiefernwälder,  und  neben  uns  rauschte
ein  kleiner  Wasserfall  dem  Flusse  zu.  Wir  zogen  uns,  da  es  7  Uhr  war,
bald  zurück,  setzten  uns  in  unsern  Wagen  und  fuhren  nach  Werki  zurück,
wo  wir  uns  mit  astronomischen  Betrachtungen  durch  ein  Teleskop  unterbielten,
  bis  Pastor  Lipinsky  kam,  mit  dem  ich  in  ein  langes  Gespräch
über  die  neuesten  Bewegungen  in  der  protestantischen  Kirche  in  Deutschland
  geriet.  Er  wußte  merkwürdigerweise  weniger  davon  als  ich,  und
mein  Licht  leuchtete  hell.  Doch  bald  hatte  ich  auch  meine  enzyklopädische
Weisheit  verbraucht,  worauf  dann  allgemeine  Schläfrigkeit  eintrat.

25.  September  1860.

Ich  schreibe  hier  in  einem  Zelt,  das  mir  Schatten  gewährt,  da  draußen
eine  große  Sonnenglut  herrscht.  Die  Tür  ist  offen,  ich  sehe  vor  mir  den
Wald  und  höre  die  Eichen  und  Kiefern  über  mir  rauschen.

Am  23.  fuhren  wir  Morgens  in  einer  halbbedeckten  Kalesche  von
Werki  ab,  wechselten  in  Wilna  und  einigen  andern  Stationen  die  Pferde
und  kamen  durch  häßliche  öde  Gegenden  nach  Lubcz  abends  8½⅛  Uhr.
Nur  zuletzt  wurde  die  Gegend  etwas  freundlicher,  der  erste  Teil  des  Wegs
war  lediglich  Sand  und  Kiefern.  Lubcz  ist  ein  Wittgensteinsches  Gut  nahe
am  Niemen.  Das  Schloß  war  früher  großartig  und  befestigt.  Der  Brand
hat  aber  bis  auf  zwei  Türme  alles  zerstört.

Am  24.  wurde  eine  Jagd  abgehalten.  Erst  gegen  Abend  kamen  Rebhühner,
  Birkhühner  und  Bekassinen  zum  Vorschein.  Der  Tag  war  hell
und  warm  und  abends  waren  die  weite  Ebene  und  die  grünen  fer  des

 

 

1)  Fürst  Peter  z  zu  Sayn-  Wittgenstein  (1831—1887),  Bruder  der  Fürstin.
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        96  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Niemens  durch  die  untergehende  Sonne  magisch  beleuchtet.  Um  ½9  Uhr
setzten  wir  uns  in  den  Wagen,  um  das  Jagdbiwak  zu  erreichen.  Es
war  eine  prachtvolle  Mondnacht,  und  der  Anblick  der  wüsten  Ebene  mit
niedrigem  Gestrüpp,  aus  dem  der  Nebel  langsam  emporstieg,  zauberhaft.
Nach  einer  halbstündigen  Fahrt  kamen  wir  an  den  Niemen,  fuhren  auf
einem  Floß  hinüber  und  kamen  dann  in  ein  Dorf.  Hier  wurde  uns  mitgeteilt,
  daß  der  große  Wagen  nicht  weiterkönne.  Ein  einspänniger  Bauernwagen
  stand  bereit.  Wir  bestiegen  ihn  und  fuhren  nun  dem  Walde  zu.
Bald  konnte  aber  auch  dieses  Vehikel  nicht  mehr  weiter,  wir  machten  uns
zu  Fuß  auf  den  Weg  und  erreichten  bald  Koslowabor,  ein  einsames
Gehöft,  in  dessen  Nähe  die  Zelte  und  das  flackernde  Feuer  uns  angenehm
entgegenleuchteten.  Wir  machten  nun  unfre  Vorbereitungen  für  den
morgenden  Tag,  luden  die  Büchsen,  richteten  Patronen  und  legten  uns
schlafen.  Es  war  das  erstemal,  daß  ich  in  einem  Zelt  schlief.  Draußen
am  Feuer  sprachen  die  Jäger,  der  Wind  rauschte  durch  den  Wald.  Nach
und  nach  verstummten  die  Gespräche,  und  bald  fielen  wir  in  einen  angenehmen
  Schlummer,  der  jedoch  um  ½4  Uhr  mit  dem  Rufe:  „Es  ist  Zeit“
gestört  wurde.  Wir  waren  bald  fertig;  die  Büchse  auf  der  Schulter  und
einen  langen  Stock  in  der  Hand  ging  es  nun  in  den  Wald.  Zwei  Jäger
begleiteten  uns.  Allerdings  keine  Jäger,  wie  man  sie  sich  bei  uns  vorstellt.
  Sie  hatten  graue  Röcke,  weiße  Leinwandhosen  und  Sandalen.
Dessenungeachtet  sind  es  die  besten  Jäger  für  diese  Art  Jagd,  die  ich
kenne.  Es  handelte  sich  nun  darum,  in  den  Sümpfen  den  Elchhirsch  anzulocken.
  Auf  einem  freien  Platz  angelangt,  rief  der  eine  Strajnik  durch
ein  Birkenhorn,  ganz  wie  die  Hirsche  zu  tun  pflegen.  Ein  Hirsch  antwortete
nicht  weit  von  uns,  kam  aber  nicht  zum  Vorschein.  Wir  versuchten  nun
an  andern  Stellen  Hirsche  zu  locken,  aber  umsonst.  Lohnend  aber  war
der  Weg  durch  den  Wald;  der  über  zwei  Quadratmeilen  große  Sumpf
ist  bedeckt  mit  Erlen,  Birken,  Efeu  und  anderm  Laubholz.  Dabei  ist  das
Unterholz  so  dicht  und  so  mit  Schilf  durchwachsen,  in  dem  Schlinggewächse
aller  Art  wuchern,  daß  es  fast  unmöglich  ist,  durchzukommen.  Es  ist  das
vollständigste  Bild  eines  Urwaldes.  An  den  tiefsten  Stellen  sind  Sträucher
und  Bäume  in  das  Wasser  gelegt,  auf  denen  man  mühsam  hinüberwandelt,
wenn  nicht  gerade  ein  umgestürzter  Baumstamm  eine  bequeme  Brücke  baut.
An  den  meisten  Stellen  ist  aber  keine  Vorbereitung  dieser  Art  getroffen,
und  es  bleibt  nichts  andres  übrig,  als  durch  das  moorige  Wasser  und
den  Schlamm  zu  waten.  Es  ist  ein  ewiges  Platschen,  Springen  von
festem  Boden  zu  festem  Boden,  ein  Durchwinden  durch  engverwachsene
Sträucher.  So  ging  es  fünf  Stunden.  Es  wurde  viel  gerufen  durch  das
Birkenhorn.  Endlich  gaben  wir  die  Jagd  auf  und  kamen  um  9  ½  Uhr
zum  Biwak  zurück,  wo  die  zurückgebliebenen  Herren  uns  mit  einem  guten
        <pb n="107" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  97

Frühstück  empfingen.  Die  Toilette  wurde  nun  teils  in  den  Zelten  und
teils  vor  der  Tür  gemacht,  und  jetzt  pflegt  alles  der  Ruhe.

Den  Abend,  nachdem  wir  im  Freien  gegessen  hatten,  begaben
wir  uns  in  unsern  Salon,  d.  h.  wir  legten  uns  auf  einen  großen
Haufen  Stroh  neben  einem  mächtigen  Feuer  und  betrachteten  die  verschiedenen
  Sternbilder.

Montag  1.  Oktober.

Nach  Tisch  zum  Grafen  Chreptowitsch  in  Sciorsz.  Er  hatte  neue
Zeitungen  und  teilte  uns  die  Niederlage  Lamoricières  mit.  1)  Seine  Salons
sind  groß  und  im  Stile  Louis  XVI.  gebaut.  Ein  Bild  seines  Groß-=vaters,
  des  polnischen  Reichskanzlers,  fiel  mir  durch  die  Auffassung  und
durch  das  interessante  Gesicht  des  Mannes  auf.  Unfre  Zimmer  waren
ganz  nach  englischer  Art  eingerichtet.  Die  Frösche,  die  auf  dem  Vorplatze
herumhüpften,  kamen  glücklicherweise  nicht  hinein.

Am  13.  Oktober  kam  der  Kaiser  nach  Wilna.  Sonntag  den  14.  war
die  große  Parade.  Auf  dem  großen  Exerzierplatze  standen  acht  Kavallerieregimenter
  und  einige  Infanterieregimenter.  Auch  etwas  Artillerie  war
dabei.  Zufällig  stand  ich  in  der  Nähe  des  Regiments  „Prinz  Karl  von
Preußen“,  als  der  Inhaber  die  Truppen  begrüßte.  Bald  kam  auch  der
Kaiser  mit  glänzendem  Stabe  und  ritt  unter  Hurra  die  Front  ab.  Dann
begann  das  Defilieren.  Als  alles  vorüber  war,  fuhr  ich  nach  Werki  zurück,
wo  inzwischen  die  Prinzen  Karl  und  Albrecht  von  Preußen  und  Friedrich
von  Hessen  ihren  Besuch  angemeldet  hatten.  Sie  erschienen  bald  mit
ihren  Adjutanten,  sahen  alles  an,  frühstückten  im  großen  Saale  und
fuhren  dann  wieder  nach  Wilna.  Der  Adjutant  des  Prinzen  Albrecht
hatte  ein  Notizbuch,  in  welches  er  alles  eintrug,  was  sein  Prinz
gesehen  hatte,  ausgestopfte  Vögel,  Bilder  u.  s.  w.,  damit  sein  Prinz
später  wieder  daran  erinnert  werden  kann.

Abends  war  Ball  bei  dem  Gouverneur.  Alles  war  Uniformen  und
elegante  Toiletten,  die  Nichtmilitärs  in  Zivil.  Von  alten  Bekannten  begrüßte
  ich  Leon  Radziwill,  Graf  Alexander  Adlerberg  und  mehrere
preußische  Offiziere.  Als  der  Kaiser  kam,  stand  ich  zufällig  neben  einer
alten  Gräfin  Choiseul,  mit  welcher  der  Kaiser  zuerst  sprach,  und  wurde
deshalb  auch  alsbald  begrüßt  und  mit  einigen  wohlwollenden  Aeußerungen
beglückt,  was  mir  den  Neid  aller  anwesenden  „Reußen“  zuzog.  Die
fragliche  Dame  hatte  auf  ihrem  grauen  Kopfe  eine  Art  Spange  oder
Brasselett  über  der  Stirne,  an  beiden  Enden  zwei  Granatsteine,  von  den

 

1)  Die  Niederlage  der  päpstlichen  Truppen  bei  Castelfidardo  am  18.  Sextenber.
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1
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        98  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

beiden  Ohren  herunter  ein  Paket  Perlenschnüre,  eine  Coiffure  von  Tüll
auf  dem  Hinterkopf.  Sie  war  mir  durch  eine  Geschichte  interessant,  die
ihr  Ehre  macht.  Als  Napoleon  in  Wilna  war,  trug  sie  von  allen  Damen
allein  die  Chiffre  der  Kaiserin  Marie.  Napoleon  fragte  sie:  „Qu'est-ee  que
ciest  qdue  cela?“  —  „CGest  le  chiffre  de  S.  M.  ’Impératrice  Marie.“
—  „Cest  bien,  de  le  porter  en  face  de  Pennemi!“  soll  Napoleon  geantwortet
  haben.

Den  15.  waren  militärische  Uebungen  auf  dem  Erxerzierplatze  bei
Wilna.  Die  Uebung  der  Infanterie  war  schon  vorüber,  als  ich  ankam,
nur  die  Kavallerie  stand  auf  dem  Platz:  zwei  Husarenregimenter,  zwei
Ulanenregimenter  und  zwei  Dragonerregimenter.  Im  ganzen  etwa  sechstausend
  Pferde.  Erst  wurde  einzeln  in  Karriere  defiliert  mit  Abschießen  der
Pistolen  und  Schwenken  der  Lanzen,  dann  wurde  manöoriert.  Sehr
komisch  war  es,  als  eine  Batterie  gegen  die  Zuschauer  angeritten  kam,
abprotzte  und  feuerte.  Das  aus  Juden  bestehende  Publikum  schrie  „au
weih!“  und  stürzte  übereinander.  Eine  große  Frontveränderung  sämtlicher
Regimenter  wurde  mit  großer  Präzision  ausgeführt.  Die  anwesenden
Militärs  fanden,  daß  dieses  Kavalleriekorps  ganz  ausgezeichnet  manöpvrierte.
Nach  dem  Manöver  fuhr  ich  mit  Peter  nach  der  Stadt,  wo  wir  uns  bei
den  fremden  Fürsten  einschrieben.

Um  2  Uhr  war  die  Eröffnung  eines  Tunnels  durch  den  Kaiser.  Die
dazu  eingeladenen  Personen,  darunter  viele  Damen,  versammelten  sich  auf
dem  Bahnhofe,  wo  ein  in  maurischem  Stile  ausgeführtes  provisorisches
Bahnhofsgebäude  von  Holz  die  Gesellschaft  empfing.  Der  Kaiser,  sein
Gefolge  und  viele  Damen  setzten  sich  in  einen  offenen  Waggon,  der  kunstreich
  gearbeitet  war.  Ich  fuhr  mit  Peter,  Leon  Radziwill  und  zwei
Generälen  in  einem  andern  Waggon.  Am  Tunnel  angekommen,  stiegen  wir
aus  und  folgten  dem  Kaiser  zu  Fuß  in  den  durch  Kronleuchter  erhellten
Tunnel.  Die  Geistlichkeit  begleitete  den  Kaiser  bis  in  die  Mitte,  wo  er
einen  Stein  einsetzte,  auf  den  auch  der  Großherzog  von  Weimar  einige
Schläge  tat.  Letzterer  führte  dies  mit  vieler  Grazie  aus.  Dann  ging  es
im  Geschwindschritt  bis  an  das  Ende  des  Tunnels  und  wieder  zurück.
Der  Aufenthalt  war  nicht  behaglich,  da  man  ohne  Hut  ging  und  häufige
Wassertropfen  auf  den  Scheitel  bekam.  Der  Rückweg  wurde  wieder  mit
der  Eisenbahn  genommen.  Die  überall  aufgestellten  Arbeiter  begrüßten
den  Kaiser  mit  Hurrarufen.  Eigentümlich  war  in  Wilna  das  Hurra  der
Juden,  das  ganz  dem  Bläken  der  Schafe  glich.  Daß  sie  trotz  ihrer  loyalen
Demonstrationen  von  der  Polizei  vielfach  gestoßen  und  geprügelt  wurden,
versteht  sich  um  so  mehr,  als  ich  nie  ein  unverschämteres  Publikum  gesehen
  habe  als  diese  polnischen  Juden,  die  sich  überall  wie  wilde  Tiere
hinstürzen,  auch  wo  sie  gar  nicht  hingehören.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  99

Wiener  politische  Notizen  im  Januar  186  1.10

Die  gegenwärtige  Lage  Oesterreichs  ist  eine  erwartende  und  abwartende.

Daß  das  Diplom  vom  20.  Oktober  2)  niemand  zufriedengestellt  hat,
ist  bekannt.  Es  teilt  Berechtigungen  aus,  ohne  Verpflichtungen  aufzulegen,
  schwächt  die  Regierungsgewalt,  ohne  die  öffentliche  Meinung  zu
gewinnen.  Daher  Unzufriedenheit  und  Mißtrauen.

Der  Zwiespalt  im  Ministerium  zwischen  Rechberg  und  Schmerling  ist
das  Symbol  der  ganzen  Lage.

Während  die  Partei,  zu  der  Rechberg  gehört,  sich  nur  de  très  mauvaise
  gräce  den  liberalen  Strömungen  anbequemt,  hofft  die  Partei  Schmerlings
  aus  den  einmal  erlangten  freisinnigen  Maßregeln  eine  konstitutionelle
Entwicklung  des  ganzen  Staatslebens  zu  erzwingen.  Als  ich  Schmerling
besuchte,  fing  er  gleich  damit  an,  es  sei  allerdings  leichter  gewesen,  eine
der  vorhandenen  Konstitutionen,  zum  Beispiel  die  belgische  oder  die  bayrische,
zum  Muster  zu  nehmen  und  danach  eine  österreichische  Gesamtverfassung
zu  machen.  Allein  man  habe  gründlicher  zu  Werke  gehen  müssen  in  Berücksichtigung
  der  eigentümlichen  Verhältnisse  des  österreichischen  Staats.
Nicht  die  ungarischen  Zustände  allein  seien  das  Hindernis.  Diese  betreffend
äußerte  er  sich  dahin,  daß  eine  Revolution  kommen,  daß  man  aber  damit
fertig  werden  werde.  Die  altungarische  Partei  habe  nie  Sympathie  in
Ungarn  gehabt,  die  konstitutionelle  Partei  von  Deak  sei  und  werde  noch
mehr  von  der  Anarchie  überflutet.  Ueber  die  Haltung  der  Deutschen  in
Ungarn  sprach  er  sich  mit  der  größten  Verachtung  aus.  Auf  meine  Frage,
wie  sich  denn  das  Ministerium  den  vielen  Landesvertretungen  gegenüber
stellen  könne  und  ob  dies  nicht  zu  großen  Schwierigkeiten  führen  werde,
antwortete  er  rasch,  seit  seinem  Eintritt  in  das  Ministerium  habe  sich  das
wesentlich  geändert.  Man  werde  auch  nach  und  nach  dem  repräsentativen
Gesamtstaat  näherkommen.  Die  Angelegenheiten  der  protestantischen  Konfessionsverwandten
  würden  in  den  nächsten  Tagen  geordnet.  Das  Konkordat
  selbst  rühre  er  nicht  an,  da  dies  am  besten  dem  Reichsrat  überlassen
bleiben  könne.  Durch  eine  bessere  Stellung  der  Protestanten  hoffe  er  das
Verhältnis  zu  England  zu  verbessern.  Mir  scheint,  daß  Schmerling  darauf
rechnet,  sich  seiner  ihm  unbequemen  Kollegen  durch  die  Landesvertretung  zu
entledigen.  Was  in  dieser  Manipulation  Gefährliches  und  Unpolitisches  liegt,
weil  es  abermals  ein  Sichabdringenlassen  in  sich  schließt,  mag  er  wohl  nicht

 

1)  Der  jüngste  Bruder  des  Fürsten  Prinz  Konstantin  hatte  sich  im  Jahre
1859  mit  der  Prinzessin  Marie  zu  Sayn-Wittgenstein  vermählt.  Seit  dieser  Zeit
pflegte  der  Fürst  mit  seiner  Gemahlin  regelmäßig  im  Winter  einen  Aufenthalt  in
Wien  zu  machen.

2)  Das  am  20.  Oktober  erlassene  Staatsgrundgesetz,  welches  besondere  Statuten
für  die  einzelnen  Kronländer  verhieß.
        <pb n="110" />
        100  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

verkennen.  Seine  Stellung  dem  Hofe,  dem  reaktionären  Teile  des  Adels
und  der  Konkordatspartei  gegenüber  macht  ihm  aber  einen  andern  Weg
unmöglich.  Die  Furcht  vor  dem  Wort  „Konstitution“  verleitet  die  Regierung
  und  den  Kaiser,  sich  nach  und  nach  mehr  abdringen  zu  lassen,  als
die  freisinnigste  Konstitution  geben  könnte,  und  dazu  gewinnen  sie  nicht
einmal  den  Dank  der  Bevölkerung.  Man  hofft  Zeit  zu  gewinnen  und,
wenn  die  Umstände  besser  werden,  dann  um  so  energischer  den  Absolutismus
  wiederherstellen  zu  können.  In  diesem  Mangel  an  Aufrichtigkeit
liegt  die  eigentliche  Gefahr.  Doktrinäre  des  religiösen  Absolutismus,  eingesäumte
  aristokratische  Kasinomitglieder,  Hofschranzen  ohne  politische  Gesinnung
  —  das  sind  die  eigentlichen  Ratgeber  des  Kaisers.  Jetzt  ducken
sie  alle.  Bald  wird  aber  die  Zeit  kommen,  wo  sie  entweder  alle  in  der
Revolution  unterliegen  oder  in  einer  allgemeinen  Reaktion  siegen  werden.

21.  Januar  1861.

Heute  bei  Fries  fand  ich  Fürst  Jablonowski.  Nach  Tisch  ward  das
kaiserliche  Manifest  an  die  Ungarn:)  vorgelesen.  Ich  knüpfte  daran  die
Bemerkung,  daß  es  mir  sonderbar  erschiene,  von  ungarischer  Nationalität
im  Gegensatz  zur  deutschen  sprechen  zu  wollen,  da  die  Ungarn  doch  wesentlich
  deutsch  seien.  Keiner  von  allen,  die  ungarische  Tracht  tragen,  spreche
etwas  andres  als  österreichisches  Deutsch.  Außerdem  nahm  ich  Gelegenheit,
  den  Herren  die  Gefahr  ihrer  „historisch-politischen  Individualitäten“
vorzuhalten.  Jablonowski  sagte,  er  erkenne  keinen  österreichischen  Staat,
sondern  nur  einen  österreichischen  Kaiser  an.  Wenn  er  dem  Kaiser  hätte
raten  können,  so  würde  er  geraten  haben,  dem  Reichsrat  nur  beratende,
den  Provinzialversammlungen  aber  beschließende  Stimme  zu  geben.  Fries
behauptete,  die  österreichische  Monarchie  sei  so  eigentümlich  gestaltet,  daß
nur  ganz  besondere  Institutionen  dafür  paßten.  Ich  bemerkte  dagegen,
daß  mit  ihrer  Art,  den  Staat  zu  bilden,  die  Monarchie  zerfallen  werde;
ich  sei  vor  allem  Deutscher  und  würde  raten,  sogar  durch  das  demokratische
Element  die  Reichseinheit  aufrechtzuerhalten.  Diese,  die  Demokratie,  würde
schon  mit  den  Nationalitäten  fertig  werden.  Darauf  große  Einsprache
und  Entrüstung.

Es  war  interessant,  die  Ansichten  der  österreichischen  Adelspartei  zu
hören.  Sie  halten  fest  an  dem  Diplom  vom  20.  Oktober  und  glauben,
daß  damit  die  Monarchie  gerettet  werden  könne.  Ein  heilloser  Irrtum.
Die  Regierung  sieht  den  Irrtum  ein,  das  heutige  Manifest  beweist  dies.
Allein  nachdem  das  unglückliche  Diplom  einmal  gegeben  ist  und  damit

 

1)  Vom  16.  Januar,  welches  sich  gegen  das  revolutionäre  Treiben  in  Ungarn
richtete.
        <pb n="111" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  101

alle  nationalen  Leidenschaften  entfesselt  sind,  wird  das  schwer  werden,  die
Sache  wieder  in  das  Gleis  zu  bringen.

Von  einer  Reichsversammlung  mit  allgemeinen  Wahlen  wollen  die
durch  das  Diplom  begünstigten  Nationalitäten  nichts  wissen.  Ich  glaube
aber,  daß  man  mit  den  Tschechen  schon  fertig  werden  könnte.  Die  Ungarn
müßte  man  vorderhand  außer  Berechnung  lassen,  und  die  Polen  würden
sich  am  Ende  auch  fügen.  Mir  scheint,  als  wenn  weniger  das  Volk  der
einzelnen  nichtdeutschen  Landesteile,  als  die  Aristokratie  aus  Ehrgeiz  einzelner,
Beschränktheit  anderer  oder  Doktrinarismus  einiger  Professoren  an  der
Autonomie  und  dem  Diplom  festhält.

Ich  glaube,  Schmerling  ist  meiner  Ansicht  und  wird  seinen  Weg
ruhig  fortgehen.

22.  Januar  1861.

Heute  war  ich  bei  dem  großen  Diner,  welches  zu  Ehren  des  Generals
Werder,  der  die  Notifikation  der  Thronbesteigung  König  Wilhelms  I.
überbrachte,  bei  Hof  gegeben  wurde.  Damen  waren  keine  da,  was  durch
die  Abwesenheit  der  Kaiserin  erklärlich  ist.  Es  waren  alle  Notabilitäten
des  Hofs  vertreten.  Der  Obersthofmeister  Fürst  Liechtenstein  mit  seinem
weißen  Schnurrbart,  ganz  wie  ein  alter  Kater.  Ferner  der  Obersthofmarschall
  Graf  Kuefstein,  ein  Exdiplomat,  der  mir  viel  vom  Wiener  Kongreß
  erzählte,  da  ich  neben  ihn  zu  sitzen  kam.  Graf  Lanckoronski,  Oberstkämmerer,
  der  Generaladjutant  Graf  Crenneville,  ein  sehr  achtungswerter,
anständiger  Mann  mit  napoleonischen  Zügen.  Außerdem  waren  noch  da
Graf  Grünne,  Kriegsminister  Graf  Degenfeld,  Graf  Rechberg,  Feldmarschalleutnant
  Graf  Henikstein  und  dann  die  preußische  Gesandtschaft,
sowie  einige  preußische  Offiziere,  welche  dem  General  Werder  zugeteilt  sind
und  ihn  begleitet  haben.

Der  Kaiser  machte  nach  dem  Diner  Cercle.  Mit  mir  sprach  er  längere
Zeit  über  die  neapolitanischen  Zustände,  rühmte  den  Mut  der  Königin,  #)  der
es  hauptsächlich  zu  verdanken  sei,  daß  sich  der  König  so  lang  gehalten,  )  und
sprach  seine  lebhafte  Indignation  über  das  Benehmen  der  neapolitanischen
Offiziere  aus,  durch  welche  die  Königin  im  vergangenen  Sommer  verraten
worden.  Bei  der  freundlichen  und  natürlichen  Art  des  Kaisers,  zu  sprechen,
bedauerte  ich  innerlich,  daß  er  diese  Gabe  seinen  Untertanen  gegenüber  so
wenig  zu  gebrauchen  versteht.  Es  ist  ihm  nicht  möglich,  sich  durch  herablassendes
  Wesen  populär  zu  machen,  was  bei  einem  kindlichen  Volke,  wie
die  Oesterreicher,  von  großer  Bedeutung  wäre.

Heute  den  30.  war  Bürgerball.  Der  Hof  erschien  gerade,  als  wir

 

1)  Der  Schwester  der  Kaiserin  von  Oesterreich.
2)  Bis  zur  Kapitulation  von  Gaöta  am  14.  Januar.
        <pb n="112" />
        102  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

ankamen.  Der  Empfang  war  lautlos.  Man  merkte  von  seiten  des
Publikums  die  absichtliche  Gleichgültigkeit  und  eine  Art  Unzufriedenheit.
Der  Kaiser  blieb  lange  da,  stand  aber  immer  oben  auf  der  Galerie  und
sprach  mit  dem  Bürgermeister,  statt  im  Saale  herumzugehen  und  mit  den
Bürgern  zu  reden,  wie  König  Ludwig  und  König  Max  es  zu  ihrem  großen
Vorteil  tun.

4.  Februar.

Heute  hat  Graf  Rechberg  das  Präsidium  des  Ministeriums  abgegeben
und  Erzherzog  Rainer  dasselbe  übernommen.  Rechberg  bleibt  Minister
des  Auswärtigen.  Die  Leute  wissen  noch  nicht  recht,  was  sie  dazu  sagen
sollen.  Die  Stellung  eines  Erzherzogs  als  Ministerpräsident  ist  etwas
sonderbar.  Es  scheint  mir,  daß  man  auf  diese  Art  Rechbergs  Rücktritt
recht  anständig  machen  wollte,  d'avoir  cédé  le  pas  à  un  archiduc.
Schmerling  wird  die  Seele  des  Ministeriums  sein,  der  Erzherzog  den
Namen  hergeben.

Der  alte  Graf  Hartig,  mit  dem  ich  bei  Bray  eine  lange  Unterhaltung
hatte,  erzählte  mir  viel  Interessantes.  Er  behauptet,  man  habe  sich  durch
die  Ungarn  überlisten  lassen,  als  man  das  Diplom  vom  20.  Oktober  gab.
Er  hält  wie  ich  das  Diplom  für  einen  Unsinn  und  meint,  man  werde
bessere  Zustände  nur  dadurch  herbeiführen,  daß  man  mehr  Sicherheit  und
Stabilität  in  die  Gesetzgebung  bringe.  Er  glaubt,  daß  dies  auch  jetzt  der
Fall  sein  werde,  und  verspricht  sich  viel  von  den  zu  erwartenden  organischen
Einrichtungen.

5.  Tätigkeit  in  der  Kammer  der  Reichsräte  1861.
Emanzipation  der  Juden.

Im  April  1861  hatte  der  Fürst  das  Referat  in  der  Kammer  der
Reichsräte  über  einen  von  der  Zweiten  Kammer  ausgegangenen  Gesetzentwurf,
  betreffend  die  Aufhebung  gewisser  Beschränkungen  der  Freizügigkeit
  und  des  Gewerbebetriebs  der  Juden.  Indem  er  diesen  Gesetzentwurf
zur  Annahme  empfahl,  mußte  der  Fürst  dem  bei  den  Reichsräten  erhobenen
  Einwurf  entgegentreten,  daß  bei  zunehmender  Gleichberechtigung
der  Juden  der  bayrische  Staat  aufhören  werde,  ein  christlicher  Staat
zu  sein,  und  an  dessen  Stelle  der  „nackte  Rechtsstaat“  treten  werde.  Um
hier  zu  einem  richtigen  Urteil  zu  gelangen,  heißt  es  in  dem  Referat  vom
25.  April  1861,  „muß  man  sich  vor  allem  über  die  Begriffe  des  christlichen
  und  des  Rechtsstaats  klar  werden“.

Nach  der  im  Mittelalter  in  ganz  Europa  verbreiteten  Auffassung
war  der  Staat  der  Kirche  untergeordnet.  Dieses  Unterordnungsverhältnis
  versuchte  man  aus  der  Begründung  der  Staatsgewalt  durch
        <pb n="113" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  103

die  Kirchengewalt  abzuleiten  und  zu  rechtfertigen.  Religion  und  Politik,
Staat  und  Kirche  wurden  unablässig  vermischt.  Der  Staat  stand  im
Dienste  der  Kirche;  wer  nicht  Glied  der  katholischen  Kirche  war,  der
galt  überhaupt  nicht  als  berechtigtes  Glied  im  Staate,  und  wer  mit  der
kirchlichen  Lehre  und  Einrichtung  in  Widerspruch  trat,  ward  schon  darum
als  Feind  des  Staates  angesehen.  So  vor  allem  die  Juden,  welche
weniger  als  Fremdlinge  in  Europa,  denn  als  Feinde  des  Christentums
und  christlichen  Staats  als  absolut  rechtlose  Wesen  betrachtet  wurden  und
froh  sein  mußten,  im  römischen  Reiche  deutscher  Nation  als  „kaiserliche
Kammerknechte“  gegen  nicht  eben  geringe  Abgaben  Duldung  und  Schutz
vom  Kaiser  und  später  von  den  Landesherren,  denen  das  „Judenschutzrecht"
durch  Privilegien  verliehen  wurde,  zu  erlangen.  An  dieser  Auffassung
des  christlichen  Staats  änderte  auch  die  Reformation  wenig.  Sie  löste
zwar  die  alte  Verbindung  der  katholischen  Kirche  mit  dem  Staate,  aber
der  Staat  war  darum  doch  nicht  minder  „christlich"  geblieben,  wenn  man
darunter  die  konfessionelle  Exklusivität  gegenüber  den  nichtanerkannten
Religionsparteien  auch  auf  dem  Gebiete  des  Rechts  versteht.

Erst  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  begann  eine  neue
Anschauung  über  das  Verhältnis  von  Staat  und  Kirche  und  damit  über
das  Wesen  des  ersteren  Platz  zu  greifen.  Man  fing  an,  Staat  und  Kirche
als  zwei  verschiedene,  selbständige  und  von  einander  unabhängige  Organismen
  zu  erkennen,  von  denen  jeder  seine  eigentümliche  Mission  zu  erfüllen
  habe.  So  brachen  sich  gleichzeitig  die  Ideen  der  Bekenntnisfreiheit
und  des  Rechtsstaats  Bahn.  Mit  dem  Siege  der  ersteren  war  die  bis
dahin  übliche  Auffassung  des  „christlichen  Staates“  nicht  mehr  zu  halten.
Der  Staat  konnte  nicht  mehr  konfessionell  und  unduldsam  bleiben,  er  mußte
in  einem  andern  Sinne  christlich,  d.  h.  gerecht  und  duldsam  gegen  alle
Untertanenklassen,  er  mußte  zum  Rechtsstaate  oder  besser  zum  Gerechtigkeitsstaate
  werden.

Es  wurde  zwar  die  Ansicht  und  Befürchtung  ausgesprochen,  daß  der
moderne  Staat  aufgehört  habe  oder  aufhören  werde,  ein  christlicher  zu  sein,
und  man  hat  auf  den  schon  öfter  gehörten  Satz  hingewiesen:  „Der  Staat  sei
ein  atheistisches  Wesen  und  müsse  es  sein.“  Allein  ich  teile  diese  Ansicht  und
Befürchtung  durchaus  nicht,  und  eine  bessere  Theorie  hat  jenen  Irrtum  auch
längst  erkannt  und  korrigiert.  Man  hat  eingesehen,  daß  eine  überstürzende
Richtung  in  Trugschlüssen  sich  verirrt  und  übersehen  habe,  daß  sie  das
Unmögliche  voraussetzte.  Der  moderne  Staat  kann  nur  ein  christlicher  sein,
wenn  er  auch  aufgehört  hat,  der  konfessionell-feudale  Staat  des  Mittelalters
  zu  sein.  Er  kann  nur  ein  christlicher  sein,  weil  alle  Beziehungen
des  bürgerlichen  und  Familienlebens  vom  Geiste  des  Christentums  durchdrungen,
  weil  unsere  sozialen,  staatlichen  und  rechtlichen  Institutionen  auf
        <pb n="114" />
        104  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

das  Christentum  gegründet  sind,  weil  unfre  ganze  moderne  Gesittung,  da
wo  sie  überhaupt  besteht,  eine  christliche,  weil  endlich  das  im  Rechtsstaate
nach  voller  Realisierung  hinstrebende  Sittengesetz  kein  anderes  ist  als  das
christliche.  Man  kann  also  gar  nicht  darüber  streiten,  ob  der  christliche
Staat  fortbestehen  solle  oder  nicht,  weil  er  besteht  und  bestehen  wird,
solange  das  Christentum  die  Religion  des  größten  Teils  seiner  Mitglieder
  ist.

Der  moderne  Staat  hat  aber  den  mit  einer  wahrhaft  christlichen  Anschauungsweise
  unvereinbaren  Begriff  der  Rechtlosigkeit  irgendwelcher
Individuen  längst  ausgemerzt  und  den  Begriff  des  Staatsbürgertums,  auf
welchem  unser  heutiges  Staatsleben  vornehmlich  basiert  ist,  über  alle  Untertanenklassen
  ausgebreitet,  ohne  daß  deshalb,  wie  man  allgemein  wird
zugestehen  müssen,  der  christliche  Charakter  des  Staats  alteriert  worden
wäre.  War  aber  im  christlichen  Charakter  des  Staats  unserer  Zeit  kein
Hindernis  gegeben,  den  Nichtchristen  die  staatsbürgerlichen  Rechte  zu  verleihen,
  so  dürfte  der  Verleihung  aller  bürgerlichen  Rechte  an  die  Juden
noch  weniger  ein  gegründetes  Bedenken  entgegenstehen.  Jeder  moderne
Staat  kann,  ohne  seiner  ganzen  historischen  Entwicklung  untreu  zu  werden,
den  Juden  die  politische  und  rechtliche  Gleichstellung  mit  den  Christen  nicht
versagen.

Die  kurhessische  Verfassungsfrage.  Mai  1861.

Der  kurhessische  Minister  Hassenpflug  hatte  im  Herbst  1851  die  Unterstützung
  des  soeben  wiederhergestellten  Bundestags  für  den  Umsturz  der
hessischen  Verfassung  vom  5.  Januar  1831  erlangt.  Nachdem  der  anfängliche
  Widerstand  Preußens  in  Olmütz  gebrochen  war,  beschloß  der  Bundestag
  am  27.  März  1852,  die  kurhessische  Verfassung  vom  5.  Januar  1831
sei  als  unvereinbar  mit  den  Bestimmungen  der  Wiener  Schlußakte  außer
Wirksamkeit  zu  setzen.  Ein  von  der  kurhessischen  Regierung  in  Gemeinschaft
  mit  den  Bundeskommissaren  ausgearbeiteter  Entwurf  einer  neuen
Verfassung  sollte  nebst  dem  zugehörigen  Wahlgesetze  sofort  als  Gesetz  verkündigt
  und  demnächst  den  auf  Grund  dieses  Wahlgesetzes  zu  bildenden
Ständen  „zur  Erklärung“  vorgelegt  werden.  Die  Verkündigung  der  neuen
konstitutionellen  Gesetze  geschah  am  13.  April  1852.  Aber  trotz  der  rücksichtslosesten
  Anwendung  aller  Machtmittel,  welche  diese  Gesetze  der  Regierung
  gaben,  gelang  es  dieser  nicht,  die  nach  dem  oktroyierten  Wahlgesetze
gebildeten  Kammern  zu  einer  zustimmenden  Erklärung  zu  bewegen,  so  daß
der  gesetzlose  Zustand  in  Kurhessen  noch  ein  Jahrzehnt  lang  fortdauerte.
Am  15.  Juli  1858  beantragte  die  hessische  Regierung  bei  dem  Bundestage,
dieser  möge  von  einer  zustimmenden  Erklärung  der  Stände  absehen  und
die  oktroyierte  Verfassung  von  1852  garantieren.  Der  Ausschuß  der
        <pb n="115" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  105

Bundesversammlung  sprach  sich  am  26.  Juli  1859  für  den  hessischen  Antrag
  aus  und  beantragte,  der  Bundestag  möge  Hessen  auffordern,  den
Verfassungsentwurf  von  1852  für  endgültig  zu  erklären.  Hierdurch  wurde
die  in  der  allgemeinen  Depression  des  Jahres  1852  kaum  beachtete  Frage,
inwieweit  das  Recht,  welches  der  Bund  durch  seinen  Beschluß  vom
27.  März  1852  in  Anspruch  nahm,  eine  Gefahr  für  alle  deutschen  Konstitutionen
  bedeute,  zur  Diskussion  gestellt,  und  die  kurhessische  Frage
gewann  unter  diesem  Gesichtspunkte  eine  neue  Bedeutung,  welche  ihre  lebhafte
  Erörterung  in  der  Presse,  in  den  Verhandlungen  der  Regierungen
und  in  den  Landtagen  herbeiführte.  Im  November  1859  trat  die  preußische
Regierung  im  Bundestage  für  das  verletzte  Recht  Kurhessens  ein  und  verlangte
  die  Wiederherstellung  der  Verfassung  von  1831  unter  Beseitigung
ihrer  dem  Bundesrechte  widersprechenden  Bestimmungen,  während  die  Mehrheit
  des  Bundestags  unter  Oesterreichs  Führung  den  reaktionären  Prinzipien
von  1852  getreu  blieb.  In  seiner  Thronrede  vom  12.  Januar  1860  sprach
der  Prinz-Regent  aufs  neue  mit  größter  Entschiedenheit  aus,  daß  das
Zurückgehen  auf  die  Verfassung  von  1831  der  einzige  Weg  zur  Wiederherstellung
  gesetzlicher  Zustände  in  Kurhessen  sei.  Derselben  Ueberzeugung
gab  die  preußische  Regierung  am  17.  März  1860  in  einer  Erklärung  über
ihre  bevorstehende  Abstimmung  im  Bundestage  Ausdruck.  Indessen  entschied
  die  Bundesversammlung  am  24.  März  1860  nach  dem  Antrage  ihres
Ausschusses.  An  diesem  Beschlusse  hatte  auch  der  bayrische  Bundestagsgesandte
  von  der  Pfordten  teilgenommen.  Preußen  protestierte  gegen  den
Beschluß  und  verwahrte  sich  gegen  dessen  Folgen.  Das  preußische  Abgeordnetenhaus
  sprach  am  20.  April  mit  großer  Mehrheit  seine  Zustimmung
  aus.

In  Bayern  wurde  die  kurhessische  Frage  im  März  1861  in  der
Kammer  der  Abgeordneten  verhandelt.  Auf  Antrag  des  Dr.  Völk  beschloß
diese  Kammer,  „gegen  den  Bundesbeschluß  vom  27.  März  1852  und  die
demselben  zugrunde  liegenden,  dem  bayrischen  Verfassungsrechte  widersprechenden
  Prinzipien  feierlichst  Verwahrung  einzulegen“  und  dem  Könige
die  Bitte  vorzutragen,  daß  das  Staatsministerium  angewiesen  werde,  „zur
Herstellung  rechtlich  geordneter  Verfassungszustände  in  Kurhessen  nach
Kräften  mitzuwirken“.

Der  erste  dieser  Beschlüsse  wurde  der  Kammer  der  Reichsräte  zur
Kenntnisnahme,  der  zweite  zur  Beratung  mitgeteilt.  Der  Referent  der
Kammer  der  Reichsräte,  Reichsrat  von  Bayer,  bestritt  die  Kompetenz  des
bayrischen  Landtags,  sich  mit  der  Angelegenheit  zu  beschäftigen,  weil  eine
solche  Kompetenz  nur  dann  begründet  sei,  „wenn  sich  hierfür  eine  Vorschrift
  der  Verfassungsurkunde  anführen  lasse“  und  weil  nach  allgemeinen
Grundsätzen  des  deutschen  Staatsrechts  die  Entscheidung  in  Angelegen-
        <pb n="116" />
        106  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

heiten  der  auswärtigen  Politik  allein  dem  Staatsoberhaupte  zustehe.  Dementgegen
  stellte  Fürst  Hohenlohe  den  Antrag:

1.  es  sei  gegen  den  Bundesbeschluß  vom  27.  März  1852  und  die
ihm  zugrunde  liegenden  Prinzipien  und  Motive  .  feierlichst  Verwahrung
einzulegen,

2.  die  Regierung  sei  zu  ersuchen  ..  auf  geeignete  Weise  zur  Herstellung
  rechtlich  geordneter  Zustände  in  Kurhessen  nach  Kräften  hinzuwirken.

In  der  Sitzung  der  Kammer  vom  4.  Mai  1861  begründete  er  diesen
Antrag  mit  folgender  Rede:

Die  Ursachen,  welche  den  Abgeordneten  Völk  veranlaßt  haben,  seinen
Antrag  über  die  kurhessische  Frage  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  einzubringen,
  sind  Ihnen  bekannt.  Ich  will  Sie  nicht  ermüden  mit  einer
Darstellung  der  kurhessischen  Verfassungswirren..  Die  Tatsache,  an  welche
wir  hier  zunächst  anzuknüpfen  haben,  ist  die  Intervention  in  Kurhessen
im  Jahre  1850.  Ich  bin  weit  entfernt,  der  Königlichen  Staatsregierung
daraus  einen  Vorwurf  machen  zu  wollen.  Die  Intervention  in  Hessen
war  ein  Glied  in  der  Kette  der  Politik,  zu  welcher  die  bayrische  Regierung
durch  die  Ereignisse  der  Jahre  1848  und  1849  gedrängt  wurde.  Diese
Politik  fand  ihre  Berechtigung  in  der  Abneigung  der  deutschen  Stämme,
ihre  partikulare  Selbständigkeit  den  Einheitsbestrebungen  des  Jahres  1848
zum  Opfer  zu  bringen.

Folge  dieser  Abneigung  war  das  Scheitern  der  Einheitsbestrebungen
von  1848,  und  hierdurch  war  die  bayrische  Regierung  genötigt,  zum  Bundestage
  zurückzugreifen,  und  die  Intervention  war  der  Schlußstein  dieser
Politik,  zu  welcher  die  bayrische  Regierung  zum  Teil  durch  die  Volksstimmung
  gedrängt  wurde.  Die  Folge  der  Intervention  war  nun  der
vielbesprochene  Bericht  der  Bundeskommissäre  sowie  der  darauf  gegründete
Bundesbeschluß  vom  27.  März  1852.  Dieser  Bundesbeschluß  setzte  die  kurhessische
  Verfassung  von  1831  außer  Wirksamkeit  und  forderte  den  Kurfürsten
  auf,  eine  neue  Verfassung  zu  oktroyieren  und  den  Ständen  vorzulegen.


Diese  Verfassung  wurde  publiziert,  eine  Vereinbarung  mit  den  Ständen
aber  ist  bis  jetzt  nicht  zustande  gekommen.  Es  ist  das  auch  ganz  natürlich,
denn  auf  der  einen  Seite  hält  das  hessische  Volk  an  seiner  Verfassung  fest
und  erkennt  den  Rechtsbestand  des  Bundesbeschlusses  von  1852  nicht  an,
auf  der  andern  Seite  stützt  sich  der  Kurfürst  auf  die  Berechtigung,  welche
ihm  durch  die  Autorisation  des  Bundesbeschlusses  gegeben  wurde.  Das
ist  der  Kern  der  sogenannten  kurhessischen  Frage.

Ich  brauche  Sie  wohl  nicht  zu  ermüden  mit  Auseinandersetzungen
der  Rechtsfrage;  auch  darüber  sind  Sie  bereits  genügend  informiert.  Ich
        <pb n="117" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  107

brauche  mich  deshalb  nur  zu  beziehen  auf  Artikel  56  der  Wiener  Schlußakte,
  welcher  hier  besonders  in  Betracht  kommt.  In  diesem  Artikel  heißt  es:
Eine  in  anerkannter  Wirksamkeit  bestehende  landständische  Verfassung
  kann  nur  auf  verfassungsmäßigem  Wege  wieder  abgeändert

werden.
Dieser  Artikel  wurde  durch  den  Bundesbeschluß  von  1852  umgangen.
Die  Bundesversammlung  glaubte  sich  hierzu  durch  die  Interpretation  berechtigt,
  daß  unter  dem  Worte  „verfassungsmäßig“  nicht  die  Landesverfassung,
  sondern  die  Bundesverfassung  zu  verstehen  sei.  Ich  brauche
wohl  dieser  Interpretation  nicht  weiter  entgegenzutreten.  Sie  ist  nicht
gerechtfertigt  und  mag  wohl  in  neuerer  Zeit  von  der  Bundesversammlung
selbst  wieder  aufgegeben  sein.  Da  nun  ein  Bundesbeschluß  vorliegt,  der
den  Artikel  56  der  Wiener  Schlußakte  außer  acht  läßt,  so  hat  man  daraus
den  Schluß  gezogen,  daß  dadurch  der  Bestand  der  sämtlichen  Verfassungen
der  deutschen  Einzelstaaten  in  Frage  gestellt  sei.  Ich  teile  diese  Ansicht
und  glaube  daher,  daß  Grund  gegeben  ist,  sich  gegen  eine  solche  Gefährdung
auszusprechen.  Dies  ist  die  Veranlassung,  weshalb  ich  meinen  Antrag,
der  aus  zwei  Teilen,  der  Verwahrung  und  einer  Bitte  an  Seine  Königliche
  Majestät  besteht,  eingebracht  habe.  Die  Königliche  Staatsregierung
hat  zwar  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  die  Berechtigung  der  Kammer
in  Zweifel  gezogen,  über  einen  Beschluß  der  Bundesversammlung  in  Beratung
  und  Beschlußfassung  zu  treten;  es  wurde  dagegen  eingewendet,  daß
dies  ganz  außer  der  Kompetenz  der  Kammern  liege,  und  unser  sehr  verehrter
  Herr  Referent  hat  eben  wiederholt  die  Kompetenz  der  Kammern
bestritten.  Dies  wäre  ganz  richtig,  wenn  der  Bundesbeschluß  in  gar
keinem  Bezug  zur  bayrischen  Verfassung  stände.  Dies  ist  aber  nicht  der
Fall.  Die  Königliche  Staatsregierung  hat  vielmehr  mitgewirkt  zur  Fassung
dieses  Bundesbeschlusses,  sie  hat  sich  ferner  zu  den  demselben  zugrunde
liegenden  Prinzipien  bekannt  und  könnte,  wenn  sie  auch  wollte,  den  Konsequenzen
  desselben  sich  nicht  mehr  entziehen.  Denn  ein  Bundesbeschluß
ist  ein  bindendes  Gesetz,  ich  sage  nicht  für  die  einzelnen  Staaten,  sondern
für  die  Regierungen,  welche  eben  durch  die  Bundesverfassung  genötigt  sind,
einen  solchen  Bundesbeschluß  nach  Möglichkeit  zur  Durchführung  zu  bringen.
Wenn  es  nun  der  Majorität  der  Bundesversammlung  gefallen  sollte,
wieder  auf  diesen  Bundesbeschluß  zurückzukommen  oder  einen  auf  gleichen
Prinzipien  basierenden  Beschluß  zu  fassen,  so  würde  keine  deutsche  Regierung
in  der  Lage  sein,  sich  dieser  Majorität  zu  entziehen,  und  wenn  dieser  Beschluß
  auf  die  bayrische  Verfassung  Bezug  hätte,  so  würde  auch  die  bayrische
Regierung  einem  solchen  Bundesbeschlusse  in  Anbetracht  dieser  Präzedenz
nicht  entgegenzutreten  vermögen.  Man  sagt  zwar,  dies  sei  nicht  möglich,
weil  die  Verhältnisse  bei  uns  nicht  derart  seien  wie  die  kurhessischen  Ver-
        <pb n="118" />
        108  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

hältnisse,  welche  den  Bundesbeschluß  von  1852  provoziert  haben.  Ich
teile  vollkommen  die  ausgesprochene  Hoffnung,  daß  wir  nie  in  eine  ähnliche
  Lage  versetzt  werden  können;  aber  es  handelt  sich  hier  nicht  um
Hoffen  oder  Glauben,  sondern  um  Rechtsprinzipien  und  Rechtsfragen,  und
in  dieser  Beziehung  können  wir  nicht  positiv  genug  sein.  Ist  aber  eine
Gefahr  oder  Gefährdung  der  bayrischen  Verfassung  aus  dem  Bundesbeschluß
  abzuleiten,  so  dürfte  damit  auch  die  Kompetenz  der  Kammern,
sich  mit  der  Beratung  dieses  Beschlusses  zu  befassen,  gegeben  sein,  und  es
wird  sich  darum  handeln,  welche  Mittel  angewendet  werden  müssen,  um
einer  solchen  Gefährde  entgegenzutreten.  Es  handelt  sich  um  Aufrechterhaltung
  der  Staatsverfassung.  Ich  beziehe  mich  mit  dem  Herrn  Referenten
auf  den  §  25  Titel  VII  der  Verfassungsurkunde;  durch  diesen  Paragraphen
wird  der  Eid  normiert,  welchen  die  Stände  zur  Aufrechterhaltung  der
Staatsverfassung  schwören.  In  diesem  Eide  liegt  aber  nicht  bloß  die  Verpflichtung,
  nichts  zu  tun,  was  der  Staatsverfassung  zuwiderläuft,  sondern
auch  die  Pflicht  und  das  Recht,  darüber  zu  wachen,  daß  die  Staatsverfassung
  von  allen  Seiten  respektiert  werde.  Bei  wirklichen  Verfassungsverletzungen
  sind  den  Ständen  die  Wege  vorgezeichnet.  Es  sind  dies  die
Anklage  und  die  Beschwerde.  Von  diesen  kann  hier  nicht  die  Rede  sein.

Hier  handelt  es  sich  um  eine  mittelbare  Verfassungsverletzung,  als
welche  die  Gefährde  der  Verfassung  anerkannt  werden  muß.  Die  bayrische
Regierung  hat  zu  dieser  Gefährde  beigetragen,  und  deshalb  ist  eine  Verwahrung
  und  eine  Bitte  an  die  Krone  jedenfalls  berechtigt.

Man  hat  zwar  die  Opportunität  dieses  Antrags  bestritten  und  behauptet,
  es  sei  gar  nicht  nötig,  eine  Verwahrung  auszusprechen  ..  .  Ich
teile  nun  vollkommen  das  Vertrauen  in  den  guten  Willen  der  Staatsregierung
  und  der  derzeitigen  Herren  Minister,  nie  etwas  unternehmen  zu
wollen,  was  der  Staatsverfassung  entgegen  ist.  Ich  habe  aber  nachzuweisen
  versucht,  daß  es  hier  nicht  allein  auf  den  Willen  der  Regierung
ankommt,  ich  glaube  ferner,  daß  der  Wille  der  Regierung  nicht  ausreicht
und  daß  er  unterstützt  werden  muß  durch  eine  Verwahrung  von  seiten
der  Kammer.  Auch  würde  die  Hinweisung  auf  die  guten  Absichten  der
Staatsregierung  nur  dann  begründet  sein,  wenn  positive  Belege  dafür
vorhanden  wären,  daß  sie  sich  von  dem  Bundesbeschluß  und  den  demselben
  zugrunde  liegenden  Prinzipien  lossage.

Welche  Erklärung  hat  aber  der  Königliche  Staatsminister  abgegeben?

Ich  habe  die  Aeußerung  des  Herrn  Staatsministers  in  der  Kammer
der  Abgeordneten  nachgelesen  und  habe  im  allgemeinen  gefunden,  daß  derselbe
  die  Berechtigung  des  Bundes,  den  Beschluß  vom  Jahre  1852  in  der
Art  und  Weise  zu  fassen,  wie  er  wirklich  gefaßt  worden  ist,  vollkommen
anerkennt.  Denn  Seine  Exzellenz  der  Herr  Staatsminister  sagen:
        <pb n="119" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  109

„Ich  glaube,  meine  Herren,  Sie  werden  aus  dieser  Darlegung
die  Ueberzeugung  gewonnen  haben,  daß  nicht  Willkür  geübt  worden
ist,  sondern  daß  die  Bundesversammlung,  auf  dem  Boden  der
Bundesgesetze  stehend,  sich  berechtigt  fand,  in  der  Weise  vorzugehen,
  wie  es  geschehen  ist.“

Sie  werden  in  nicht  gar  langer  Zeit  von  seiten  des  Ministertisches
wieder  dieselbe  Erklärung  hören.  Sie  werden  hören,  daß  das  Staatsministerium
  den  Standpunkt  der  Regierung  in  dieser  Frage  wahre  und
die  Berechtigung  des  Bundes  vollkommen  aufrechterhalten  müsse.

Ich  halte  also  die  Verwahrung  für  nötig.  Ich  gehe  aber  noch  weiter
und  beantrage  eine  Bitte  an  die  Krone.

Der  Herr  Referent  hat  das  ganze  Gewicht  seiner  Beweisführung  gegen
diese  Bitte  gerichtet,  die  Zulässigkeit  derselben  bestritten  und  seine  Ansicht
insbesondere  dadurch  zu  begründen  versucht,  daß  diese  Bitte  in  keinem
Zusammenhange  mit  der  bayrischen  Verfassung  stehe,  also  vollständig
außerhalb  des  Wirkungskreises  der  Kammern  sich  bewege

Ich  habe  schon  darauf  hingewiesen,  daß  die  Aufrechterhaltung  der
Staatsverfassung  zu  den  Befugnissen  der  Kammern  gehört;  wenn  also
eine  Beziehung  zwischen  dem  Bundesbeschlusse  und  dessen  Motiven  mit
dem  Bestande  unfrer  Verfassung  erwiesen  ist,  wenn  daraus  Befürchtungen
für  unfre  Verfassung  hergeleitet  werden,  so  ist  auch  die  Befugnis  der
Kammern  gegeben,  nach  §  19  Titel  VII  der  Verfassungsurkunde  daraus
hervorgehende  Anträge  und  Wünsche  an  die  Krone  zu  bringen

Man  hat  darauf  hingewiesen,  daß  es  nicht  an  der  Zeit  sei,  einen
solchen  Antrag  zu  bringen,  weil  der  Bund  jetzt  nicht  mehr  in  der  Lage
sei,  einen  Beschluß  in  dieser  Angelegenheit  zu  fassen.  Ich  verweise  hier
nur  auf  den  Bundesbeschluß  von  1860,  in  welchem  eine  Aufforderung  an
die  kurhessische  Regierung  enthalten  ist,  zur  Feststellung  des  Verfassungswerks
  unverzüglich  Einleitung  zu  treffen  und  wieder  an  die  Bundesversammlung
  Bericht  zu  erstatten.  Die  Sache  wird  also  jedenfalls  wieder
am  Bunde  zur  Sprache  kommen,  und  es  wird  der  Königlichen  Staatsregierung
  Gelegenheit  gegeben  sein,  ihre  Ansichten  wiederholt  am  Bunde
auszusprechen,  sie  wird  diese  dann  durch  die  kundgegebenen  Meinungen
der  Kammern  verstärken  können.

Ich  muß  nun  zum  Schlusse  eilen  und  erlaube  mir  nur  noch,  auf  die
politische  Seite  der  Frage  aufmerksam  zu  machen.

Es  ist  wahr,  daß  die  kurhessische  Frage  als  ein  Mittel  zu  Agitationen
und  politischen  Umtrieben  benutzt  wird,  sie  wird  benutzt,  um  Mißtrauen
zwischen  Regierung  und  Volk  hervorzurufen.  Die  kurhessische  Frage  hat
deshalb  eine  unangenehme  Seite;  dies  kann  aber  bei  der  Entscheidung
der  vorliegenden  Rechtsfrage  nicht  ins  Gewicht  fallen
        <pb n="120" />
        110  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

In  einer  Zeit  aber,  wo,  wie  ein  Redner  der  Kammer  der  Abgeordneten
sagt,  die  Revolution  das  „fait  accompli“  auf  ihr  Banner  schreibt,  ist  es
notwendig,  daß  die  konservativen  Elemente  des  Staatslebens  das  Recht
auf  ihr  Banner  schreiben  und  dieses  Banner  hoch  erheben.  Ich  fordere
Sie  auf,  meine  hohen  Herren,  zu  zeigen,  daß  Sie  wirklich  eine  konservative
  Versammlung  sind,  indem  Sie  das  Recht  unabhängig  von  politischen
Rücksichten  aufrechterhalten.  Ich  bitte  Sie,  meinem  Antrage  zuzustimmen.

Bei  der  Abstimmung  wurde  der  Antrag  des  Fürsten  mit  29  gegen
8  Stimmen  abgelehnt.  Mit  dem  Fürsten  stimmten  Graf  von  Giech,  Graf
Fugger-Hoheneck,  Graf  zu  Pappenheim,  Präsident  von  Harleß,  Freiherr
von  Franckenstein,  Graf  von  Holnstein  und  Herr  von  Heintz.

Bekanntlich  wurde  die  hessische  Verfassungsfrage  im  Jahre  1862  im
Sinne  des  von  dem  Fürsten  Hohenlohe  vertretenen  Rechtsstandpunkts  entschieden.
  Am  8.  März  1862  stellten  Oesterreich  und  Preußen  den  gemeinsamen
  Antrag  beim  Bundestage,  die  hessische  Regierung  aufzufordern,  die
geeigneten  Schritte  zu  tun,  damit  die  im  Jahre  1852  außer  Wirksamkeit
gesetzte  Verfassung  von  1831  vorbehaltlich  derjenigen  zunächst  auf  verfassungsmäßigem
  Wege  zu  vereinbarenden  Abänderungen,  welche  zur  Herstellung
  der  Uebereinstimmung  mit  den  Bundesgesetzen  erforderlich  seien,
wieder  in  Wirksamkeit  trete.  Am  24.  Mai  nahm  der  Bundestag  den
preußisch-österreichischen  Antrag  an,  am  26.  Mai  fiel  das  reaktionäre
Ministerium  in  Kassel  und  am  22.  Juni  1862  wurde  die  hessische  Verfassung
  von  1831  wiederhergestellt.

Der  Fürst  hatte  im  Beginne  des  Jahres  1861  in  einer  Korrespondenz
  mit  seinem  Bruder  die  Frage  erwogen,  ob  ihm  als  dem  Besitzer  des
von  Friedrich  Wilhelm  IV.  bestätigten  zweiten  Familienfideikommisses
Ratibor-Corvey,  nämlich  der  Herrschaft  Treffurt,  ein  Sitz  im  preußischen
Herrenhause  gebühre.  Nach  einem  Briefe  des  Herzogs  von  Ratibor  vom
14.  April  1861  hatte  sich  der  König  bereit  erklärt,  ein  Immediatgesuch
des  Fürsten,  betreffend  dessen  Eintritt  in  das  Herrenhaus,  entgegenzunehmen,
da  er  in  dessen  Eintritt  „einen  qualitativen  Gewinn  für  Krone  und  Staat
in  so  schwerer  Zeit“  sehen  würde.  Nach  der  Kammerverhandlung  über
Kurhessen  antwortete  der  Fürst  auf  diese  Mitteilung:

München,  14.  Mai  1861.

..  .  Was  die  obenerwähnte  Angelegenheit  betrifft,  so  will  ich  Dir
ganz  offen  sagen,  daß  ich  mich  in  einer  eigentümlichen  Verlegenheit  befinde.
Ich  wünsche  allerdings  in  das  Herrenhaus  aufgenommen  zu  werden.
Allein  ich  kenne  die  hiesigen  Verhältnisse  und  Stimmungen  zu  genau,  um
nicht  zu  wissen,  daß  mir  ein  direkter  Schritt,  der  darauf  abzielt,  sehr  übelgenommen
  werden  würde.  Ich  habe  mir  die  spezifisch  bayrische  Partei,
        <pb n="121" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  111

den  Hof,  ja  selbst  den  König  durch  meine  Rede  in  der  kurhessischen
Frage  spinnefeind  gemacht.  Vernehmen  nun  diese  Herren,  daß  ich
„auf  meinen  besonderen  Wunsch“  zum  Mitgliede  des  Herrenhauses  ernannt
worden  bin,  so  wird  daraus  der  Schluß  gezogen,  daß  ich  meine  hiesige
Stellung  ganz  verlassen  wolle,  daß  ich  also  aufhören  wolle,  Bayer  zu  sein,
daß  ich  gar  nichts  mehr  von  ihnen  wissen  wolle.  Dies  ist  aber  nicht  der
Fall;  ich  glaube  im  Gegenteil,  daß  beide  Stellungen  sich  recht  gut  vereinigen
lassen.  Man  wird  mir  ferner  folgendes  vorwerfen:  man  wird  sagen,  ja
jetzt  begreifen  wir,  warum  der  Fürst  Hohenlohe  sich  in  der  kurhessischen
Frage  so  entschieden  ausgesprochen  hat.  Wir  haben  es  ja  immer  gesagt,
es  ist  bloß  die  Partei  des  Nationalvereins,  die  die  kurhessische  Frage  in
Bayern  aufs  Tapet  gebracht  hat.  Der  Fürst  Hohenlohe  gehört  also  auch
zu  der  Partei,  denn  er  hat  sich  ja  um  eine  Stelle  im  preußischen  Herrenhaus
  beworben,  er  will  also  Bayern  an  Preußen  verkaufen  und  was
dergleichen  Unsinn  mehr  ist.

Wenn  also  der  König  die  Gnade  hätte,  mich  auf  Grund  dessen,  daß
ich  Besitzer  des  von  Seiner  Majestät  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm  IV.  bestätigten
  zweiten  Fideikommisses  bin,  ohne  daß  ich  mich  darum  bewerbe,  zum
Mitgliede  des  Herrenhauses  zu  ernennen,  so  würde  ich  dafür  sehr  dankbar
sein,  und  ich  könnte  hier  die  Sache  als  eine  sich  ganz  von  selbst  verstehende
Folge  meines  preußischen  Grundbesitzes  darstellen.  Eine  Eingabe  ist  mir
in  diesem  Augenblick  sehr  schwer.

6.  Reisen  nach  Baden,  Schlesien  und  Berlin,  Paris  und
Karlsruhe  und  zum  Frankfurter  Fürstentag
(1861  bis  1863).

Baden--Baden,  17.  Juli  1861.

Die  Nachricht  von  dem  Attentat  )  veranlaßte  mich,  nach  Baden  zu
reisen,  um  dem  König  von  Preußen  meine  Verehrung  zu  bezeigen.

Ich  fand  schon  unterwegs  mehrere  hohe  Persönlichkeiten,  die  ebenfalls
nach  Baden  reisten,  teils  im  Auftrage  ihrer  Souveräne,  teils  aus  eignem
Antriebe,  so  Graf  Adlerberg  u.  a.

In  Baden  war  noch  alles  voll  Entrüstung  über  die  Tat  und  voll
Freude  über  die  wunderbare  Rettung  des  Königs.  Die  Pistole  soll  eigentlich
à  bout  portant  abgefeuert  worden  sein.  Die  Kontusion  ist  ziemlich  stark,
doch  geht  der  König  aus,  obgleich  sein  Hals  noch  etwas  steif  ist,  wie  ich
heute  auf  der  Promenade  bemerkte,  als  er  mit  mir  sprach.

Ich  meldete  mich  gestern  bei  meiner  Ankunft  bei  den  diensttuenden

 

1)  Das  Attentat  des  Studenten  Becker  am  14.  Juli  1861.
        <pb n="122" />
        112  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Adjutanten  und  hörte  von  ihnen  verschiedene  Details  der  Tat,  die  übrigens
in  allen  Zeitungen  stehen.  Merkwürdig  war  eine  Glückwunschadresse,
welche  dem  Adjutanten  des  Königs  aus  Tharandt  geschickt  wurde.  Sie
lautete  ungefähr:  „Die  preußischen  Studenten  Tharandts  reiben  zur  Freude
über  die  glückliche  Rettung  des  Königs  unter  Pereat  des  Attentäters  einen
patriotischen  Salamander.“

Heute  war  ich  bei  dem  badischen  Minister  von  Roggenbach.  Wir
kamen  bald  auf  die  deutsche  Politik  zu  sprechen.  Er  äußerte  sich  darüber
ungefähr  in  folgender  Weise:  es  sei  ein  unbegründeter  Vorwurf,  wenn
man  ihn  mit  dem  Nationalverein  identifiziere  oder  ihm  vorwerfe,  daß  er
Preußen  zu  einer  unionistischen  Politik  treiben  wolle.  Er  halte  den
Nationalverein  für  unnütz  und  für  positiv  nachteilig,  er  sei  die  irreguläre
Truppe  in  dem  Feldzuge.  Vor  allem  handle  es  sich  darum,  daß  man
auf  preußischer  Seite  wisse,  was  man  wolle.  Sei  man  überhaupt  dort
zu  ängstlich,  um  sich  an  die  Spitze  von  Deutschland  zu  stellen,  so  möge
man  den  Wagen  nicht  aus  der  Remise  ziehen.  Da  aber  doch  auch  von
den  ängstlichen  Leuten  zugegeben  werden  müsse,  daß  etwas  zu  geschehen
habe,  um  dem  Bedürfnisse  größerer  Einheit  zu  entsprechen,  da  es  im
Interesse  der  Erhaltung  der  einzelnen  Dynastien  sei,  nicht  bei  der  Verteidigung
  unhaltbar  gewordener  Positionen  zu  beharren,  so  sei  es  nötig,
sich  über  das  Ziel  klar  zu  werden.  Seiner  Ansicht  nach  dürfe  Preußen
weder  eine  Annexionspolitik  noch  eine  Unionspolitik  verfolgen.  Ersteres
verstehe  sich  von  selbst.  Unter  letzterem  verstehe  er  eine  Politik,  welche
die  Konzentration  auf  Gebiete  übertrage,  wo  sie  nicht  nötig,  nicht  praktisch
und  für  die  Erhaltung  der  einzelnen  Staaten  gefahrbringend  sei,  wie  zum
Beispiel  die  Einheit  der  Gesetzgebung  u.  dergl.  Ihm  scheine  es  vor  allem
nötig,  daß  die  einzelnen  deutschen  Staaten  das  aufgeben,  was  sie  faktisch
gar  nicht  haben,  nämlich  die  Verteidigung  Deutschlands  und  die  Vertretung
Deutschlands  dem  Auslande  gegenüber.  Oesterreich  müsse  seinen  eignen  Weg
gehen  und  werde  es  tun,  wenn  es  einmal  aufgegeben  habe,  Tendenzpolitik  zu
treiben,  und  sich  der  Interessenpolitik  zuwende.  Dann  werde  es  einsehen,  daß
es  sich  des  Ballasts  seiner  deutschen  Politik  entledigen  müsse.  Wenn  dann
in  den  deutschen  Mittelstaaten  der  österreichische  Einfluß  aufhöre,  würden
auch  diese  sich  eher  zu  einem  Anschlusse  an  die  preußische  Politik  verstehen.

Im  Verfolg  des  Gesprächs  kamen  wir  auf  die  Stellung  der  deutschen
Standesherren  zu  sprechen.  Roggenbach  bemerkte,  er  sehe  mit  Freude,
wie  viele  deutsche  Standesherren  die  traurige  Rolle  aufgeben,  sich  in  dem
Schlepptau  der  partikularistischen  Junkerpolitik  mitziehen  zu  lassen.  Die
Standesherren  müßten  dies  zu  ihrer  Selbsterhaltung  aufgeben.  Ihre
Stellung  sei  eine  allgemein  deutsche,  ihre  Politik  müsse  deshalb  auch  eine
deutsche  werden.  Sie  seien  das  Element,  an  dem  sich  die  deutsche  Rechts-
        <pb n="123" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  113

bildung  aufrichten  könne  u.  s.  w.  Teilweise  waren  dies  allerdings  captationes
  benevolentiae,  allein  Wahres  liegt  darin.  Er  ermahnte  zu  einer
allgemeinen  deutschen  standesherrlichen  Genossenschaft.  Ich  teilte  ihm  die
desfallsigen  Versuche  und  Hindernisse  mit.

Der  König  empfing  mich  mit  der  gewohnten  Freundlichkeit,  dankte
mir  für  meine  Teilnahme,  und  daß  ich  sogleich  gekommen  sei.  Ich  bat
um  Entschuldigung,  die  Zahl  der  Audienzen  noch  um  eine  vermehrt  zu
haben  u.  s.  w.  Er  war  noch  angegriffen  und  müde  und  setzte  sich  auf
einen  Lehnstuhl,  ich  ihm  gegenüber  an  seinem  Schreibtische.  Er  sprach
erst  von  Berlin,  vom  Herrenhaus,  vom  Reichsrat  in  München  u.  a.  Dann
sagte  er:  „Sie  erinnern  sich,  als  ich  Sie  voriges  Jahr  hier  sah,  da  waren
alle  deutschen  Regierungen  mit  Preußen  einverstanden,  !)  man  hatte  Vertrauen
  zu  mir.  Jetzt  ist  das  anders  geworden,  es  ist  viel  Mißtrauen  und
gibt  allerlei  Dissense.“  Wir  kamen  dann  auf  die  kurhessische  Frage  zu
sprechen,  die  er  mit  großer  Sachkenntnis  behandelte.  Hier  seien  Oesterreich
und  Bayern  am  schwierigsten.  Er  verkenne  allerdings  nicht,  daß  es  ihm
leichter  gewesen  sei,  einzulenken,  da  seit  dem  Umsturz  der  hessischen  Verfassung
  in  Preußen  ein  Regierungswechsel  stattgefunden  habe,  in  Oesterreich,
  wo  weder  der  Kaiser  noch  der  Minister  gewechselt  hätten,  sei  die
Aenderung  der  Politik  in  der  kurhessischen  Frage  schwieriger,  allein  es
gebe  nun  einmal  keinen  Weg  als  den  der  Umkehr.  Schließlich  dankte  er
mir  noch  einmal  und  ich  verabschiedete  mich.

Aufzeichnung  aus  dem  Jahre  1862.

Es  gibt  unter  den  deutschen  Staatsmännern  und  Politikern  viele,
welche  der  Bewegung,  welche  in  neuester  Zeit  das  deutsche  Volk  erfaßt  hat,
die  Berechtigung  absprechen,  indem  sie  meinen,  der  politische  Zustand  Deutschlands,
  wenn  er  auch  manches  zu  wünschen  übriglasse,  sei  doch  im  ganzen
zufriedenstellend,  und  nur  böser  Wille  vermöge  das  Gute  zu  verkennen,
welches  uns  die  bestehende  Gesamtverfassung  biete.  Sie  vergleichen  Deutschland,
  wie  es  heute  ist,  mit  dem  Deutschland  des  Reichsdeputationshauptschlusses
  und  finden,  daß  denn  doch  die  Föderativorganisation  des  Deutschen
Bundes,  wie  sie  aus  den  mühsamen  Verhandlungen  des  Wiener  Kongresses
hervorgegangen,  der  Desorganisation  des  Deutschen  Reiches  weit  vorzuziehen
sei.  In  diesem  Punkte  mögen  sie  wohl  recht  haben;  denn  auch  die  entschiedensten
  Mängel  in  unfrer  heutigen  Militärorganisation  sind  Vorzüge
im  Vergleich  mit  den  Römermonaten  und  Kreiskontingenten  des  Deutschen
Reiches;  auch  die  beklagenswertesten  Beschlüsse  des  Bundestags  sind  weisheitsvolle
  Kraftstücke  im  Vergleich  mit  den  Verhandlungen  des  Regensburger

 

1)  Bei  der  Fürstenversammlung  in  Baden  im  Juni  1860.
Furfst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  8
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        114  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Reichstages,  und  unsere  gegenwärtige  Kleinstaaterei  wird  sich  immer  noch
großstaatlich  genug  ausnehmen,  wenn  man  sie  mit  dem  buntgeflickten  Kleide
der  Karte  des  Deutschen  Reiches  zur  Zeit  des  Friedens  von  Lunéville  vergleicht.

Wenn  dessenungeachtet  auch  die  anerkennenswerten  Seiten  unfrer
Bundesverfassung  wenig  gewürdigt  werden  und  der  Wunsch  nach  Reform
derselben  sich  mit  immer  größerer  Entschiedenheit  kundgibt,  so  liegt  dieser
Erscheinung  unter  vielen  bekannten  Ursachen  eine  zugrunde,  die  vielleicht
noch  nicht  genügend  hervorgehoben  wurde.  Es  ist  eine  bekannte  Tatsache,
daß  in  keinem  Teile  von  Deutschland  „die  deutsche  Einheit“  eine  größere
Popularität  genießt  als  in  den  südwestdeutschen  Staaten.  Während  Oesterreich
  und  Preußen  die  Frage  der  Verbesserung  der  Bundesverfassung  nur
nebenbei  anerkennen  oder  als  Mittel,  sei  es  zur  Aufrechterhaltung  ihres
Einflusses  in  Deutschland,  sei  es  zur  eignen  Vergrößerung  benutzen,  wird
im  südwestlichen  Deutschland  die  Frage  der  Reform  der  Bundesverfassung
als  eine  Lebensfrage  betrachtet  und  bildet  fortwährend  den  Gegenstand
ängstlichen  Nachdenkens  für  den  Politiker  und  spannender  Aufregung  für
die  Massen.  -

Kein  vernünftiger  Mensch  wird  den  Grund  dieser  Erscheinung  in  demagogischen
  Umtrieben  suchen  wollen.  Bewegungen  solcher  Art  lassen  sich
nicht  künstlich  erzeugen,  sie  wurzeln  tiefer.  Wir  glauben,  daß  dieser  tiefere
Grund  in  der  mehr  oder  weniger  bewußten  Ueberzeugung  beruht,  daß  ein
großer  Teil  der  deutschen  Nation  von  der  Bestimmung  der  Geschicke  Deutschlands
  ausgeschlossen  ist,  weil  diese  Geschicke  in  ihren  Beziehungen  zu  den
übrigen  Nationen  durch  Oesterreich  und  Preußen  mit  Ausschluß  der  übrigen
16  Millionen  Deutscher  bestimmt  und  geleitet  werden.  Dieses  Gefühl  der
Ausgeschlossenheit  ist  um  so  bitterer  und  schwerer  zu  tragen,  als  gerade
im  südwestlichen  Deutschland  der  eigentliche  Kern  des  germanischen  Stammes
liegt  und  sich  rein  erhalten  hat,  während  in  Oesterreich  und  Preußen  das
deutsche  Element  vielfach  mit  slawischen  Elementen  gemischt  erscheint.  Hier,
im  Südwesten  von  Deutschland,  ist  die  Wiege  unfrer  größten  Fürstengeschlechter.
  Aus  diesem  Teile  von  Deutschland  sind  vorzugsweise  die
Männer  hervorgegangen,  die  auf  die  ganze  geistige  Entwicklung  der  Nation
den  entschiedensten  Einfluß  geübt  haben;  ja  noch  bis  auf  die  neueste  Zeit
waren  selbst  in  Oesterreich  und  Preußen  die  hervorragendsten  Staatsmänner
  von  süddeutschem  Stamme.  Dieses  bittere  Gefühl  ist  um  so  schmerzlicher,
  je  mehr  diese  Volksstämme  sich  ihrer  geistigen  und  materiellen  Ueberlegenheit
  bewußt  werden  und  dennoch  ihre  politische  Tätigkeit  auf  mehr
oder  weniger  lokale  Interessen  beschränkt  sehen.

Wenn  es  aber  unbestreitbar  feststeht,  daß  zur  politischen  Ausbildung
und  Kräftigung  eines  Volkes  die  Teilnahme  an  den  Interessen  der  Menschheit,
  an  dem,  was  man  gewöhnlich  große  Politik  nennt,  unumgänglich  nötig
        <pb n="125" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  115

ist,  und  daß  sich  in  kleinlichen,  beschränkten  Verhältnissen  der  Horizont  des
Individuums  verengert  und  damit  Tatkraft,  gesundes  Urteil  und  Charakterstärke
  zugrunde  gehen  und  einer  spießbürgerlichen  Weichmütigkeit,  einem
ungesunden  Kosmopolitismus  Platz  machen,  so  kann  man  nicht  leugnen,
daß  der  Ruf  nach  deutscher  Einheit,  wie  er  sich  in  den  mittleren  und
kleineren  deutschen  Staaten  erhebt,  nichts  andres  ist  als  das  Streben
eines  Kranken,  der  des  Uebels  sich  bewußt  nach  dem  Heilmittel  verlangt,
das  ihn  vom  Untergange  retten  kann.

Es  gibt  philosophische  Sozialpolitiker,  die  uns  das  Wort  entgegenhalten
  werden:  die  Deutschen  sind  ein  Kulturvolk,  weniger  berufen  zum
Eingreifen  in  die  äußeren  Geschicke  der  Welt  als  zur  Pflege  der  geistigen
Entwicklung  und  zur  Lösung  der  großen  Fragen  der  Menschheit.  Wer
sich  damit  tröstet,  dem  wünschen  wir  die  Resignation  der  Juden.  Denn
auch  die  Juden  waren  ein  Kulturvolk.  Zu  dieser  Resignation  haben  wir
es  noch  nicht  gebracht.  Wir  glauben,  daß  das  deutsche  Volk  noch  nicht
so  tief  gesunken  ist,  um  sich  mit  dem  Bewußtsein,  ein  Kulturvolk  zu  heißen,
über  seine  politische  Machtlosigkeit  zu  trösten.

Reise  nach  Schlesien  und  Berlin  im  Winter  1862.

Der  Zweck  meiner  Reise  war  ein  doppelter.  Einmal  die  Frage  wegen
des  Verkaufs  von  Treffurt  in  Rauden  zu  besprechen  und  ferner  erst  mit
Viktor  wegen  des  Herrenhauses  zu  sprechen  und  dann  später  in  Berlin
dasselbe  Thema  in  Ordnung  zu  bringen,  womit  sich  auch  noch  weitere
Pläne  in  Verbindung  bringen  ließen.

In  Rauden  kam  ich  am  31.  Dezember  an,  fuhr  dort  sogleich  bei
grimmiger  Kälte  auf  die  Saujagd,  ohne  etwas  zu  schießen.

Den  andern  Tag  war  großes  Neujahrsdiner,  wo  dann  auch  Justizrat
  Engelmann  und  Wiese  erschienen,  mit  denen  ich  die  Treffurter  Sache
absprach.

Nachdem  ich  noch  in  Rauden  einige  Tage  mit  Jagen  zugebracht  hatte,
kam  Karl  von  Koschentin.  )  Mit  ihm  hatte  ich  noch  einige  interessante
Gespräche  über  die  gegenwärtige  politische  Lage  Preußens.

Er  gesteht  wie  alle  übrigen  gescheiten  Leute  in  Preußen,  daß  der
Regierung  nichts  übrigbleibe,  als  sich  entweder  mit  Energie  an  die  Spitze
der  Bewegung  zu  stellen  oder  eine  mehr  konservative  Haltung  einzunehmen.
Mit  der  bloßen  liberalen  Gutmütigkeit  kann  die  Regierung  bloß  das  erreichen,
  daß  sie  es  mit  den  Herren  und  den  Demokraten  gleichzeitig  verdirbt,
  wie  dies  auch  die  Erfahrung  bei  den  Wahlen  gezeigt  hat.  Diese  sind
aus  drei  Gründen  so  demokratisch  ausgefallen:

 

 

 

1)  Prinz  Karl  zu  Hohenlohe--Ingelfingen  (1820  bis  1890).
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        116  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

1.  weil  sich  die  Bauern  und  Bürger  vor  den  Lasten  der  neuen  Militärorganisation
  fürchten  und  glauben,  daß  nur  die  Demokraten  frech  genug
sein  würden,  den  Wünschen  des  Königs  in  betreff  der  Militärorganisation
entschieden  entgegenzutreten,

2.  weil  das  Ministerium  den  Landräten  die  Einwirkung  auf  die
Wahlen  verboten  hat,  wodurch  diese  dann  in  die  Hände  der  demokratischen
Kreisrichter  fielen,

3.  weil  die  Kreuzzeitungspartei  eher  rote  Demokraten  als  Liberal-Konservative
  zu  haben  wünschte,  ihre  Teilnahme  also  eine  sehr  zweifelhafte  blieb.

In  Oppeln  traf  ich  Regierungsrat  Rudloff,  1)  mit  dem  ich  nach  Breslau
fuhr.  Seine  Ansichten  gingen  ungefähr  auf  dasselbe  hinaus,  was  ich  soeben
gesagt  habe.  Ich  brachte  den  Tag  mit  Rudloff  in  Breslau  zu,  erfuhr  von
ihm  manches  über  die  gegenwärtige  Situation,  sprach  ihn  auch  über  mein
Herrenhausprojekt  und  erhielt  den  Rat,  mit  Geheimrat  von  Obstfelder  in
Berlin  zu  sprechen.  Abends  traf  ich  mit  Viktor  und  Fürst  Karl  Lichnowsk:
auf  der  Eisenbahn  zusammen  und  kam  den  14.  Morgens  in  Berlin  an.
Hier  wurden  während  des  Tages  die  nötigen  Meldungen  gemacht,  in  der
„Maison  dorée"  zu  Mittag  gegessen  und  dann  der  Abend  auf  dem  Kasino
beschlossen.  Die  übrigen  Tage  wurden  mit  verschiedenen  Visiten  hingebracht.
Zwei  Abende  war  ich  bei  der  Königin  zum  Tee.  Ich  saß  den  ersten  Abend
am  Teetisch  der  Königin  zwischen  Frau  von  Lazareff  und  Hugo,  )  den
zweiten  zwischen  der  Königin  und  Frau  von  Lazareff.  Am  Sonntag  den
19.  war  Ordensfest.  Die  Eingeladenen  fanden  sich  um  ½  12  Uhr  in  der
neuen  Schloßkapelle  ein,  die  mit  einer  für  protestantische  Kirchen  überreichen
Pracht  ausgestattet  ist.  Es  wimmelte  von  Dekorierten  aller  Art.  Rechts
vom  Altar  waren  Fauteuils  für  die  königliche  Familie  aufgestellt,  links
gegenüber  waren  die  Sitze  der  Ritter  des  Schwarzen  Adlerordens.  Auf
den  übrigen  Sitzen  nahmen  nach  der  Rangordnung  die  übrigen  Ritter
Platz.  Die  königliche  Familie  erschien  um  12  ½  Uhr,  die  Damen  in  Schleppkleidern.
  Nun  begann  der  Gottesdienst  nach  der  protestantischen  unierten
Liturgie,  die  Gesänge  des  Domchors  vortrefflich  vorgetragen.  Die  Predigt
hielt  ein  Württemberger,  Hofmann.  Sie  war  taktvoll  und  inhaltreich  und
sehr  gut  vorgetragen.  Er  sprach  von  der  Klarheit,  Entschlossenheit  und
Hingebung  an  Christus  als  den  drei  Eigenschaften,  die  den  Ritter  zu  zieren
hätten.  Nach  dem  Gottesdienst  war  großes  Diner  von  fünfhundert  Gedecken.
Ich  saß  zwischen  zwei  Hofdamen,  Gräfin  Brandenburg  und  Gräfin  Schwerin.
Neben  letzterer  saß  der  Feldmarschall  Wrangel,  der  gegen  das  Dessert  zu
immer  heiterer  und  lärmender  wurde.  Diese  Stimmung  wurde  auch  unter

 

1)  Mit  diesem  war  der  Fürst  als  Auskultator  in  Koblenz  bekannt  geworden.
2)  Fürst  Hugo  zu  Hohenlohe-Oehringen,  Herzog  von  Ujest  (1816  bis  1897).
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  117

der  ziemlich  gemischten  Gesellschaft  in  den  andern  Sälen  immer  vorherrschender.
  Um  4½  Uhr  war  alles  zu  Ende.
Berlin,  18.  Januar  1862.

Heute  um  ½3  Uhr  war  ich  bei  dem  Kronprinzen.  Nach  einigen
allgemeinen  Konversationen  kam  er  auf  unfre  Familienverhältnisse  zu
sprechen,  auf  die  Fideikommisse  von  Ratibor  und  Corvey,  auch  Treffurt
  u.  s.  w.  Ich  erklärte  ihm  dies  auf  seinen  Wunsch  und  unterließ  nicht  zu
betonen,  daß  ich  mich  noch  weiter  in  Preußen  anzukaufen  gedächte.  Er
hob  dies  hervor  und  sagte,  daß  ihn  das  um  so  mehr  freue,  als  er  mit
Bedauern  erfahren  habe,  daß  ich  zwar  einmal  die  Absicht  gehabt  habe,
mich  um  einen  Sitz  im  Herrenhause  zu  bewerben,  diese  Absicht  aber  aufgegeben
  habe.  Ich  bemerkte  hierauf,  daß  ich  mich  im  vergangenen  Jahre
an  meinen  Bruder  gewendet  hätte,  um  ihn  wegen  des  Herrenhauses  zu
fragen.  Er  habe  mir  darauf  günstige  Nachrichten  darüber  gegeben.  Ich
hätte  es  aber  damals  und  während  der  Zeit  des  bayrischen  Landtages
nicht  gewagt,  eine  Eingabe  in  diesem  Betreff  zu  machen.  Daraus  sei  dann
das  irrtümliche  Gerücht  entstanden,  ich  hätte  erst  gewollt  und  dann  die
Absicht  wieder  aufgegeben.  Dies  sei  keineswegs  der  Fall.  Ich  würde  im
Gegenteil  jeden  Augenblick  die  nötigen  Schritte  tun  und  fände  die  Tätigkeit
im  preußischen  Herrenhause  sehr  vereinbar  mit  meiner  Tätigkeit  in  Bayern,
da  wir  dort  nur  alle  drei  Jahre  Landtag  hätten.  Was  die  politische  Seite
der  Sache  betreffe,  so  sei  dies  für  mich  auch  keine  Schwierigkeit.  Ich  sei
nun  einmal  in  München  als  Preuße  verschrien  und  werde  also  weder
eine  bessere  noch  eine  schlechtere  Stellung  dadurch  in  Bayern  bekommen.
Diese  letztere  Aeußerung  motivierte  ich  nun,  indem  ich  in  einer  längeren
Auseinanderlegung  meine  politische  Lebensgeschichte  vortrug,  mit  einer  drastischen
  Beschreibung  der  Reichsgesandtschaft  anfangend  und  dann  übergehend
zu  meiner  politischen  Stellung  in  Bayern,  mein  Votum  von  1849  hervorhob
  und  meine  damalige  Stellung  als  Kleindeutscher  charakterisierte.  Der
Prinz  hörte  mit  der  größten  Aufmerksamkeit  zu  und  sprach  dann  ganz
offen  seine  ebenfalls  kleindeutsche  Ansicht,  seine  Freude  über  die  Tätigkeit
des  Herrn  von  Roggenbach  aus,  stimmte  mir  aber  vollkommen  bei,  als
ich  bemerkte,  daß  bei  der  herrschenden  Stimmung  in  Süddeutschland,  bei
den  sehr  feinen  und  unbekannten  Projekten  des  Kaisers  Napoleon  nur  mit
der  größten  Vorsicht  vorgegangen  werden  dürfe.  Schließlich  bat  ich  den
Kronprinzen,  dem  König  zu  sagen,  daß  ich  keineswegs  meine  Absichten
auf  den  Eintritt  in  das  Herrenhaus  aufgegeben  habe,  sondern  jeden  Augenblick
  bereit  sei,  wenn  es  der  König  wünsche,  die  nötigen  Schritte  zu  tun.  )

 

1)  Der  Fürst  gab  den  Gedanken,  in  das  Herrenhaus  einzutreten,  infolge  des
preußischen  Verfassungskonfliktes  ganz  auf.  Am  12.  Dezember  1862  schrieb  er  dem
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        118  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Berlin,  21.  Januar  1862.

Heute  Abend  war  ich  wieder  bei  der  Königin  zum  Tee.  Ich  hatte
mit  ihr  ein  längeres  Gespräch  über  Literatur  und  Literatentum,  bei
welcher  Gelegenheit  sie  sehr  vernünftige  Ansichten  über  den  Umgang  mit
Gelehrten  und  die  Gefahren  dieses  Umgangs  kundgab.  Der  König  kam
wie  immer  etwas  später,  war  recht  heiter  und  mitteilend,  saß  aber  entfernt
von  mir,  so  daß  ich  ihn  nur  gegen  Ende  der  Soiree  einen  Augenblick
sprechen  konnte.

24.  Januar.

Heute  Mittag  ließ  mir  die  Königin  sagen,  ich  solle  um  ½4  Uhr
„im  Morgenanzuge“  zu  ihr  kommen.  Da  ich  wußte,  daß  trotz  aller
anglomanen  Tendenzen  der  Ueberrock  doch  noch  nicht  als  Morgenanzug
bei  Hofe  eingeführt  ist,  so  zog  ich  den  Frack  an  und  erlaubte  mir  nur
die  schwarze  Halsbinde.  Die  Königin  war  aber  noch  spazieren  gefahren
und  hatte  die  Gräfin  Haacke  beauftragt,  mir  unterdessen  Gesellschaft  zu
leisten.

Um  4  Uhr  kam  die  Königin,  entließ  die  Gräfin,  setzte  sich,  wie  sie
war,  in  Hut  und  Mantel  an  einen  Tisch  im  Fenster  und  bedeutete  mir,
mich  an  das  andre  Ende  des  Tisches  zu  setzen.

Sie  sagte,  sie  habe  gewünscht,  mir  einige  Fragen  vorzulegen,  die  ich
ihr  ganz  offen  ohne  Rücksicht  darauf,  was  und  wer  sie  sei,  als  alter  Bekannter
  beantworten  solle.  Sie  sei  früher  durch  den  Fürsten  von  Hohenzollern
  mit  der  Politik  in  Verbindung  gewesen.  Dessen  Gesundheitsumstände
  hätten  aber  seine  Entfernung  unumgänglich  nötig  gemacht.  Sie
mische  sich  gar  nicht  in  politische  Dinge,  sie  sehe  die  Minister  nur  zum
Tee,  könne  also  von  ihnen  nichts  erfahren.  Sie  gestehe  mir  offen,  daß
sie  sehr  niedergeschlagen  sei.  So  schlimm  habe  sie  sich  das  Regieren  nicht
gedacht,  so  trostlos  habe  sie  nicht  geglaubt,  daß  ihr  die  Verhältnisse  in
ihrer  neuen  Stellung  und  nach  kurzer  Zeit  erscheinen  würden.  Der  König
sei  irritiert  und  mißgestimmt,  man  sehe  allgemein  schwarz  in  die  Zukunft,
die  Menschen,  mit  denen  man  zu  tun  habe,  die  Führer  der  Parteien,
schienen  ihr  so  unangenehm,  so  wenig  Gentlemen  nach  dem  englischen  Begriffe,
  alles  stehe  sich  so  schroff  gegenüber,  daß  sie  beunruhigt  sei,  besonders
da  ihr  von  allen  Seiten  die  Verhältnisse  als  bedenklich  geschildert  würden.

„Wir,  der  König  und  ich,“  fuhr  sie  fort,  „sind  alte  Leute,  wir  können
am  Ende  nichts  mehr  tun,  als  für  die  Zukunft  arbeiten.  Aber  für  unsern
Sohn  wünschte  ich  eine  glücklichere  Lage  voraussehen  zu  können.“

 

Herzog  von  Ratibor:  „Es  käme  mir  indelikat  vor,  mich  bei  Seiner  Majestät  um
eine  Stelle  im  Herrenhaus  zu  bewerben,  wenn  ich  voraussehen  zu  müssen  glaubte,
daß  ich  über  kurz  oder  lang  mit  den  Allerhöchsten  Orts  gehegten  Ansichten  in  Widerspruch
  geraten  würde.“
        <pb n="129" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  119

Nun  ging  sie  über  auf  die  äußere  Politik.  Hier  spiele  die  deutsche
Frage  die  Hauptrolle.  Man  feinde  sie  persönlich  deshalb  an  und  verleumde
  sie.  Ihr  Standpunkt  sei  weder  der  eines  unbeweglichen  Stillstehens
  noch  der  einer  Eroberungspolitik,  sie  stehe  in  der  Mitte  zwischen
den  Parteien,  sie  wolle  jedem  deutschen  Fürsten  seine  Rechte  erhalten,  ohne
doch  auf  der  andern  Seite  ihr  Ohr  den  dringenden  Wünschen  und  Bedürfnissen
  der  Zeit  zu  verschließen.

Nachdem  sie  geendet  hatte,  überlegte  ich  mir  kurz,  was  sie  eigentlich
wolle.  Klar  wurde  mir  aber  ihre  Absicht  noch  nicht,  doch  glaubte  ich  am
besten  zu  tun,  ihr  offen  meine  Ansicht  zu  sagen.  Ich  fing  damit  an,  ich
habe  immer  den  alten  Spruch  1)  für  wahr  gehalten,  den  Dahlmann  an
die  Spitze  seiner  Politik  gestellt  habe:  „Man  müsse  die  menschlichen  Dinge
nicht  beweinen  und  nicht  belachen,  man  müsse  sie  zu  verstehen  trachten."“
Ich  könne  deshalb  den  gegenwärtigen  Zustand  von  Preußen  durchaus  nicht
für  so  bedenklich  ansehen.  Ich  bat  sie,  nicht  zu  vergessen,  daß  Preußen
ein  durch  seine  vierzigjährige  Legislation  gründlich  demokratisiertes  Land
sei.  Diese  Demokratisation  datiere  aus  einer  Zeit,  die  das  preußische
Volk  als  seine  schönste  Zeit  verehre.  Ich  wies  auf  das  Ordensfest  als
ein  echt  preußisches,  aber  demokratisches  hin.  Wenn  dieser  Geist  unter
der  Regierung  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  IV.  zurückgedrängt  sei,  so
sei  dies  eben  nur  ein  Zurückdrängen  gewesen,  und  mit  der  neuen  Regierung,
  mit  den  Hoffnungen,  die  sie  erregt,  sei  der  alte  demokratische
Geist  wieder  kräftig  hervorgetreten.  Dies  sei  ein  Grund  der  demokratischen
Wahlen.  Ein  andrer  Grund  sei  der,  daß  der  Bauer  und  die  übrigen
steuerpflichtigen  Untertanen  geglaubt  hätten,  Demokraten  würden  eher  geeignet
  sein,  durch  ihre  Frechheit  das  Budget  zu  vermindern  als  Ministerielle.
Wegen  der  Wahlen  aber  die  Kammer  aufzulösen,  würde  ich  für  einen
großen  Fehler  ansehen.  Es  könnten  im  Laufe  der  Sitzungsperiode  Umstände
  eintreten,  die  einen  solchen  Schritt  nötig  machten,  darüber  könne
ich  mir  ein  Urteil  nicht  erlauben.

Ferner  machte  ich  die  Königin  darauf  aufmerksam,  daß  das  konstitutionelle
  Leben  in  Preußen  erst  seit  ungefähr  zehn  Jahren  existiere,  daß
manche  Erscheinung,  die  man  als  eine  politische  Katastrophe  ansehe,  nichts
weiter  sei  als  ein  Symptom  des  Entwickelungsprozesses,  durch  den  wir
in  den  süddeutschen  Staaten  schon  viel  früher  hindurchgegangen  seien.
Der  Kampf  des  Rechtsstaats  mit  dem  feudalen  Staate  des  Mittelalters
sei  in  Preußen  natürlich  viel  heftiger  als  anderswo.  Es  sei  dies  ein
Kampf,  der  den  Engländern  noch  bevorstehe,  den  die  Kontinentalstaaten
zum  größten  Teile  bereits  durchgekämpft  hätten.

 

1)  Spinoza.
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        120  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Bedauernswert  sei  es  allerdings,  daß  wir  in  unserm  politischen  Leben
nicht  mit  Gentlemen  zu  tun  hätten,  dies  sei  aber  ein  Begriff,  der  uns
überhaupt  abgehe.

Was  die  auswärtige  Politik  anbetreffe,  so  könne  ich  ihre  Auffassung
nur  billigen.  Es  sei  auch  eine  zuwartende  Politik  jetzt  nötiger  als  je.
Die  deutsche  Frage  werde  dann  ihrer  Lösung  näher  geführt,  wenn  das
revolutionäre  Prinzip  in  Europa  die  Oberhand  gewinne,  sie  werde  aber
von  ihrer  Lösung  dann  entfernt,  wenn  das  Prinzip  des  historischen  Rechts
mehr  Chancen  habe.  In  der  neuesten  Zeit  scheine  die  letztere  Eventualität
eingetreten  zu  sein.  In  einem  solchen  Augenblick,  wenn  nur  der  geringste
Schein  gesicherter  Zustände  auftauche,  denke  kein  Monarch  in  Deutschland
daran,  auf  irgendein  Recht  zu  verzichten,  das  seiner  aristokratischen
Bureaukratie  Nachteil  bringen,  zum  Beispiel  die  Zahl  der  Gesandtenstellen
vermindern  könne  u.  dergl.  Die  deutsche  Frage  sei  eine  unendlich
schwierige,  und  ich  sehe  zurzeit  gar  keine  Möglichkeit,  zu  irgendeinem  befriedigendem
  Resultat  zu  gelangen.  Es  entspann  sich  hierauf  noch  ein
Zwiegespräch  über  denselben  Gegenstand,  über  die  Entrüstung,  welche  die
Bernstorffsche  Note  1)  hervorgerufen  habe  u.  s.  w.,  Klagen  über  die  feindliche
  Haltung  der  „Allgemeinen  Zeitung“,  über  Lerchenfeld  u.  a.

Schließlich  sagte  die  Königin,  sie  müsse  noch  von  meiner  eignen
Stellung  sprechen:  „Leonille  2)  hat  mir  oft  gesagt,  sie  wünsche,  daß  Sie
eine  Stellung  in  Preußen  einnehmen  möchten.  Es  ist  dies  auch  mein
Wunsch.  Sie  sind  uns  nötig“"  —  hierauf  verschiedene  schmeichelhafte
Aeußerungen.  „Ich  glaube,  der  einzige  Weg  ist,  wenn  Sie  in  das  Herrenhaus
  kämen.  Wäre  dies  denn  nicht  möglich?  Könnten  Sie  es  mit  Ihrer
Stellung  in  Bayern  vereinigen?  Denn  die  dürfen  Sie  nicht  aufgeben.
Wir  haben  so  wenig  Beziehungen  mit  Süddeutschland,  daß  uns  ein  solches
Band  sehr  nötig  ist.“  Das  war  also  der  Zweck,  die  Vermittlerrolle
zwischen  preußischen  Projekten  und  Süddeutschland!

Ich  erklärte,  daß  ich  allerdings  Erkundigungen  eingezogen  habe  über
die  Möglichkeit,  in  das  Herrenhaus  zu  kommen,  daß  ich  das  Projekt  voriges
Jahr  nur  verschoben,  nicht  aufgegeben  habe,  und  daß  ich  es  wieder  aufgreifen
  würde,  wenngleich  ich  noch  Schwierigkeiten  begegnen  würde.

 

1)  Das  Bundesreformprojekt  des  sächsischen  Ministers  von  Beust,  welches  das
Alternat  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  im  Bundespräsidium  vorschlug,  hatte
Preußen  durch  eine  Note  vom  20.  Dezember  1861  beantwortet,  in  welchem  die
Bildung  eines  Bundesstaats  innerhalb  des  Staatenbunds  als  möglich  und  allein
ausführbar  hingestellt  wurde.  Dagegen  protestierten  Oesterreich  und  die  Mittelstaaten
  in  identischen  Noten  am  2.  Februar  1862.

2)  Die  Stiefmutter  der  Fürstin  Hohenlohe,  Fürstin  Leonille  zu  Sayn-Wittgenstein,
  welche  der  Königin  Augusta  nahe  befreundet  war.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  121

Nach  einigen  weiteren  Aeußerungen  über  mich  stand  sie  auf,  sprach
noch  in  einem  fort,  indem  sie  nach  der  Tür  ging,  drehte  sich  dann  an  der
Tür  um,  gab  mir  die  Hand,  die  ich  respektvoll  mit  meinen  Lippen  berührte,
und  verschwand.

Paris,  Winter  1862.

Aus  einem  Briefe  an  die  Prinzessin  Elise.
Paris,  22.  Februar  1862.

..Ich  gestehe  dir,  daß  ich  mich  nicht  besonders  hier  unterhalte.
Das  eigentliche  Amusement  existiert  für  mich  nur  insofern,  als  es  Ausruhen
  von  der  Arbeit  ist.  Wenn  man  aber  in  meinem  Alter  keine  Arbeit
hat,  so  langweilt  man  sich.  Mein  Interesse  ist  nicht  hier,  sondern  zu
Hause.  Was  ich  hier  sehe,  erfüllt  mich  insofern  mit  Aerger,  als  ich  eine
große  Nation  mit  einem  nationalen  Zentrum,  großen,  weltumfassenden
Interessen,  Plänen  und  Gedanken  erblicke,  während  daheim  Uneinigkeit,
Zersplitterung  nationaler  Kräfte,  Pläne  und  Gedanken  herrscht,  und
Deutschland  nicht  die  Stellung  einnimmt,  die  es  in  einer  Zeit,  wie  die
unfrige,  einnehmen  sollte.  Wir  werden  hier  angesehen  wie  die  Polen,
wie  eine  überlebte  Nation,  von  deren  Uneinigkeit  man  Nutzen  zieht,  und
deren  Reste  man  aufzuzehren  sich  anschickt.  Das  trägt  dazu  bei,  mir
den  Aufenthalt  zu  verbittern.  Ich  bin  nun  einmal  zu  sehr  Politiker,  um
nicht  alles,  was  ich  sehe,  damit  in  Beziehung  zu  setzen

Paris,  23.  Februar.

Die  Predigt,  welche  ich  heute  in  der  Kirche  St.  Klothilde  gehört  habe,
war  in  mehrfacher  Beziehung  interessant.

Ich  ging  mit  der  Fürstin  Wittgenstein  schon  um  2  Uhr  hin,  obgleich
die  Predigt  erst  um  3  ¼  Uhr  anfing.

Die  Kirche  ist  in  schönem  gotischen  Stil  gebaut  und  erst  im  Jahre
1857  fertig  geworden.  Die  Glasmalereien  sind  mittelmäßig.  Die  Orgel
hat  einen  sehr  schönen  Ton,  doch  wurde  sie  während  der  Vespergesänge
zu  sehr  im  Pastoralstil  gespielt,  die  Musik  war  eine  Art  Schweizerarie
mit  Variationen.  Der  Prediger  Pater  Felix  (Jesuit),  ein  kleiner  Mann  von
mittleren  Jahren,  vielleicht  dreißig,  vielleicht  vierzig  Jahre  alt.  Er  spricht
sehr  deutlich,  mitunter  etwas  theatralisch,  aber  im  ganzen  ausgezeichnet.

Sein  Thema  war  die  Einladung  zu  Beiträgen  zu  einem  Karmeliterkloster,
  welches  in  Meaux  gegründet  werden  soll.  Er  beantwortete  die
Frage,  wozu  die  Klöster  überhaupt  und  die  Karmeliterinnen  insbesondere
nötig  sind,  durch  Hinweisung  auf  den  Egoismus  unsrer  Zeit,  der  sich
überall  geltend  mache,  der  die  Familie  zerstöre  und  die  Staaten  zerstöre.
„L’ôgoisme  dans  I’Etat,“  sagte  er  unter  anderm,  „'est  la  tyrannie  en
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        122  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

haut,  le  servilisme  en  bas,  la  dépravation  partout.“  Dieser  Egoismus,
das  Grundübel  unfrer  Zeit,  gebe  sich  in  drei  Strömungen  kund:  als
Habsucht,  Sinnlichkeit  und  Hochmut.  Diesem  Egoismus  wirkten  die  Karmeliterinnen
  entgegen,  indem  sie  das  Gelübde  der  Armut,  der  Keuschheit
und  des  Gehorsams  ablegten.  Es  war  eine  wohldurchdachte  und  gut  vorgetragene
  Predigt.

24.  Februar.

Heute  abend  waren  wir  bei  Galiera,  wo  sich  die  Gesellschaft  des
Faubourg  St.  Germain  vereinigt  fand.  Auch  Thiers  war  da,  ebenso
Montalembert  und  der  ehemalige  Minister  Graf  Duchätel.  Der  Duc  de
Valencay,  der  von  Berlin  angekommen  war,  erzählte  von  der  dort  herrschenden
Stimmung.  Ein  alter  M.  de  Pontois  beklagte  den  Mangel  der  Einigkeit
in  Deutschland.  Canofari,  ehemaliger  Gesandter  des  Königs  von  Neapel,
geht  mit  mißgestimmtem  Gesicht  umher.  Er  ist  ein  gescheiter  Diplomat,
der  aber  wohl  umsonst  auf  die  Wiederherstellung  des  Königreichs  Neapel
wartet.  Man  spricht  viel  von  den  Szenen,  die  im  Senat  stattgefunden
haben.  Die  Rede  des  Prinzen  Napoleon  4)  beschäftigt  alles.  Ich  habe
die  Ueberzeugung,  daß  diese  Rede  nicht  ohne  die  Zustimmung  des  Kaisers
gehalten  worden  ist,  obgleich  gestern  der  Duc  de  Tacher  und  Duc  de
Bassano  versicherten,  man  solle  nicht  glauben,  daß  der  Kaiser  diese  Ansichten
  teile.  Im  Gegenteil,  der  Kaiser  fühlt,  daß  die  Besetzung  von  Rom
ihm  bei  der  demokratischen  Partei  schadet,  und  hat  diese  Gelegenheit  benützt,
um  durch  seinen  Vetter  der  Demokratie  eine  Konzession  machen  zu  lassen,
um  ihr  Sand  in  die  Augen  zu  streuen.

Paris,  9.  März.

Die  deutsche  Frage  beschäftigt  zur  Zeit  alle  Staatsmänner  nicht  nur
in  Deutschland,  sondern  in  ganz  Europa.

Es  ist  dies  auch  ganz  natürlich.  Jede  Frage  der  Gegenwart,  die
von  der  Revolution  ausgebeutet  wird,  muß  die  Aufmerksamkeit  denkender
Männer  in  um  so  höherem  Grade  beschäftigen,  je  begründeter  die  Klagen
und  Mißstimmungen  sind,  die  diesen  „Fragen“  zugrunde  liegen.  Was
man  heutzutage  „Fragen“  nennt,  sind  große  Bewegungen,  Oszillationen
der  Menschheit,  Rätsel,  die  gelöst  werden  müssen.  Die  deutsche  Frage  ist
nicht  bloß  in  den  Köpfen  der  Demagogen  entstanden,  sie  ergibt  sich  aus
der  Natur  der  Dinge  und  durchdringt  die  Männer  aller  Parteien  in
Deutschland.  Denn  ein  ganzes  Volk,  dessen  einzelne  Stämme,  verbunden
durch  gemeinsame  Sprache  und  Literatur,  bewegt  durch  gleiche  Interessen,
infolge  der  erleichterten  Verkehrsmittel  mit  jedem  Tag  in  immer  engere

 

1)  Bei  der  Adreßdebatte  im  Senat  hatte  der  Prinz  Napoleon  am  22.  Februar
eine  sehr  heftige  Rede  gegen  den  legitimistischen  Grafen  Laroche  Jaquelein  gehalten.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  123

Verbindung  treten,  wird  auf  die  Dauer  einen  Zustand  staatlicher  Zersplitterung
  nicht  ertragen,  der  es  zum  Spielball  fremder  Intrigen  und
zum  Spott  fremder  Nationen  macht.

Hierin  liegt  die  große  Gefahr.  Hieraus  erklärt  es  sich,  daß  auch  die
friedlichsten,  konservativsten  Leute  in  Deutschland  dahin  geführt  werden,
zu  erklären:  wir  müssen  durch  die  Revolution  zur  Einheit  kommen,  weil
wir  auf  gesetzlichem  Wege  das  Ziel  nicht  erreichen  können.

Damit  gewinnt  die  Demagogie  die  Allianz  der  ehrlichen  Leute  und
wird  zu  einer  Macht,  der  keine  Regierung  gewachsen  ist.  Es  fragt  sich
nun:  kann  die  Revolution,  die  zwar  nicht  in  nächster  Nähe  bevorsteht,
die  aber  unvermeidlich  ist,  wenn  nicht  vorgebeugt  werde,  auf  dem  Wege
der  Reform  vermieden  werden?

Die  Projekte,  welche  bisher  von  den  Regierungen  ausgegangen  sind,
um  zur  Reform  des  Bundes  zu  führen,  sind  durchaus  unpraktisch.  Das
Projekt  des  Herrn  von  Beust  )  ist  nichts  als  ein  Schachzug  gegen  Preußen.
Ueberzeugt,  daß  Preußen  nicht  darauf  eingehen  wird,  haben  die  Mittelstaaten
  dieses  wohlfeile  Anerbieten  gemacht,  das  sie  zu  realisieren  nie
Gelegenheit  haben  werden.

Das  Wort  „großdeutsch"  hat  zwei  Bedeutungen.  Entweder  heißt
es  „eine  große  deutsche  Republik“,  in  welche  auch  die  deutsch-österreichischen.
Länder  mitausgenommen  werden  sollen,  oder  es  ist  nichts  als  eine  Phrase,
mit  der  Preußen  entgegengearbeitet  und  der  gutmütige  Spießbürger  in
Schlaf  gehalten  wird.  Der  großdeutsche  Föderatiostaat  kann  in  der  Theorie
richtig  sein,  er  ist  aber  unpraktisch  und  unmöglich.  Er  setzt  das  Aufgeben
gewisser  Hoheitsrechte  von  seiten  der  Souveräne  voraus,  wozu  sich  diese
nur  dann  verstehen  werden,  wenn  sie  von  der  Revolution  gedrängt  sind;
käme  es  aber  soweit,  wäre  die  Revolution  eine  Macht  geworden,  die  die
deutschen  Fürsten  zu  irgend  etwas  drängen  könnte,  so  würde  sie  sich  nicht
mit  dem  Föderativstaat  begnügen.

Ein  praktisches  großdeutsches  Programm  hat  nie  existiert  und  wird
nie  existieren.

Der  Antagonismus  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  kann  beklagt,
aber  nicht  wegdemonstriert  werden.  Es  ist  ebenso  unmöglich,  daß  Oesterreich
  unter  Preußen,  wie  daß  Preußen  unter  Oesterreich  stehe.  Die
Monarchen  und  die  Diplomaten  können  da  nichts  zu=  und  nichts  abtun.
Die  Völker  wollen  es  nicht.  Alles  was  man  von  der  Wiederherstellung
eines  Deutschen  Reichs  unter  dem  Hause  Habsburg  redet,  ist  eitel
Träumerei.

Will  man  aber  keine  großdeutsche  Republik,  sieht  man  ein,  daß  die

 

1)  Siehe  Seite  120.
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        124  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Fortdauer  des  gegenwärtigen  Zustands  zur  Revolution  führt,  so  muß  man
sich  nach  einem  Projekte  umsehen,  das  innerhalb  des  Bereiches  der  Möglichkeit
  liegt.  Da  kommt  man  denn  folgerichtig  wieder  auf  die  Idee  des
Herrn  von  Radowitz  zurück:  Bundesstaat  unter  Preußen  und  Bündnis
mit  Oesterreich.

Diese  Idee  ist  gescheitert,  weil  im  Jahre  1849  die  Geister  noch  nicht
von  der  Ueberzeugung  durchdrungen  waren,  daß  alle  andern  Pläne  unmöglich
  seien.  Seitdem  sind  aber  13  Jahre  verflossen,  und  jene  Idee
gewinnt  mit  jedem  Tage  neue  Anhänger.  Die  Idee  des  Bundesstaats  ist
aber  ferner  gescheitert  an  dem  Widerstand  der  katholischen  Partei  in
Deutschland,  an  der  Abneigung  dieser,  sich  unter  einem  protestantischen
Kaiser  zu  einigen.  Ich  glaube,  die  katholische  Partei  ist  hier  im  Irrtum.
Durch  den  Anschluß  an  die  großdeutsche  Partei,  durch  das  Festhalten  des
großdeutschen  Programms  hindert  sie  die  Reform  ohne  irgend  eine  Aussicht
  auf  die  Verwirklichung  ihrer  Wünsche.  Sie  arbeitet  für  die  Stagnation
und  damit  für  die  Revolution,  während  sie  unter  einem  preußischen  Kaiser
nichts  verlieren,  sondern  nur  größere  Freiheit  für  die  Kirche  erlangen
wird.  Der  Zustand  der  Katholiken  in  Preußen,  verglichen  mit  dem  Zustand
der  Katholiken  im  übrigen  Deutschland,  beweist  dies.

In  die  Hand  dieser  Partei  ist  es  jetzt  gegeben,  zu  entscheiden,  ob  die
Reform  des  Deutschen  Bundes  auf  friedlichem  Wege  oder  auf  dem  Wege
der  Revolution  geschehen  soll.  Schließt  sie  sich  der  Idee  des  Nationalvereins
  an,  so  werden  die  Regierungen  gezwungen,  nachzugeben.  Es  wird
damit  in  die  Bewegung  ein  konservatives  Element  hineingetragen,  welches
dafür  Bürgschaft  leistet,  daß  die  Bewegung  eine  Reformbewegung
bleiben  wird.  «

In  diesem  Sinne  wäre  ein  Wort  des  Grafen  Montalembert  von
großer  Wichtigkeit  und  zündender  Wirkung.

10.  März.

Heute  habe  ich  Montalembert  in  diesem  Sinne  bearbeitet.  Er  hat
mir  zwei  Gründe  entgegengehalten:

1.  klagt  er  über  die  preußische  Intoleranz  gegen  die  Katholiken,  insbesondere
  in  betreff  der  Universitäten.  Er  sagt,  daß  die  den  Katholiken
feindliche  Politik  Friedrich  Wilhelms  III.  die  Katholiken  gegen  Preußen
aufgebracht  habe.  Dazu  komme,  daß  die  Katholiken  in  Deutschland  „par
Ssuite  d’un  préjugé  et  de  traditions“  an  dem  österreichischen  Kaiserhause
hingen  und  deshalb  gegen  Preußen  seien,

2.  aber  hält  er  die  Idee  des  Herrn  von  Radowitz  deshalb  für  unausführbar,
  weil  Oesterreich  den  Einheitsstaat  nicht  halten  könne.  Oesterreich
  sei  für  den  Föderatiostaat  gemacht  und  könne  die  widerstrebenden
Stämme  auf  die  Dauer  nicht  in  den  Einheitsstaat  einzwängen.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  125

Ich  verteidigte  die  Ideen  des  Herrn  von  Schmerling  und  suchte  den
ersten  Punkt  zu  widerlegen.  Darüber  wurden  wir  unterbrochen.

Karlsruhe,  26.  September  1862.

Während  meines  Aufenthalts  in  Karlsruhe  hatte  ich  Gelegenheit,
mehrere  Gespräche  mit  Roggenbach  zu  führen,  die  teilweise  mich  selbst,
teilweise  allgemeine  politische  Fragen  betrafen.  Zunächst  wurde  bei  einem
Souper  bei  Roggenbach  zwischen  ihm  und  mir  und  den  beiden  Holstein
die  preußische  Frage  diskutiert.  Der  gegenwärtige  Zustand  sei,  sagte  Prinz
W.  Holstein,  die  Folge  der  Macht  und  des  Einflusses,  den  die  Kreuzzeitungspartei
  noch  immer  nicht  bloß  im  Herrenhause,  sondern  auch  gegenüber
  der  Krone  und  der  Gesellschaft  ausübe.  Unter  diesem  Drucke  leide
alles.  Es  wurde  viel  hin  und  her  geredet  über  Detailfragen,  Kreisordnung
  u.  a.,  worauf  Prinz  Fr.  Holstein  Gewicht  legte,  wogegen  Roggenbach
  hervorhob,  es  handle  sich  vor  allem  darum,  daß  die  Aristokratie
oder  ein  Teil  derselben  sich  an  die  Spitze  der  Bewegung,  soweit  sie  das
Recht  vertrete,  stelle  und  in  die  liberale  Partei  konservative  Elemente
hineintrage,  statt  in  die  konservativen  Fraktionen  liberale  Elemente  hineintragen
  zu  wollen.  Das  übrige  werde  sich  dann  schon  finden.

In  betreff  der  deutschen  Frage  führte  er  aus,  diese  könne  nicht  diskutiert
  werden,  solange  nicht  eine  große  europäische  Frage,  etwa  die  orientalische,
  den  Hebel  abgebe,  durch  welchen  die  Großmächte  zu  Konzessionen
gegenüber  Deutschland  gezwungen  würden.  Deutschland  könne  sich  nicht
de  but  en  blanc  als  Einheitsstaat  konstituieren,  ohne  das  europäische
Gleichgewicht  in  Frage  zu  stellen  und  ohne  also  sofort  eine  Koalition
gegen  sich  hervorzurufen,  was  dann  vermieden  werden  würde,  wenn  die
betreffende  europäische  Frage  die  Großmächte  scheide  und  Gelegenheit  gebe,
die  Konzession  in  betreff  der  deutschen  und  holsteinischen  Frage  als  Gewicht
  der  Allianz  in  die  Wagschale  zu  werfen.

Auf  dem  Hofball  kamen  W.  Holstein  und  Roggenbach  nochmals  auf
die  preußische  Frage  zurück,  und  Roggenbach  betonte,  es  müsse  sich  vor
allem  eine  regierungsfähige  Partei  im  Herrenhause  bilden,  diese  müsse  dann
zum  Beispiel  in  den  Fragen  wegen  Verfassungsverletzung,  Interpretation  der
Verfassung  u.  s.  w.  die  Initiative  ergreifen,  etwa  in  Form  einer  Interpellation,
  und  dann  dem  Lande  gegenüber  sich  Achtung  erwerben  und  dadurch
  bei  eintretender  Krisis  in  der  Lage  sein,  die  Augen  auf  sich  zu
ziehen  als  auf  Männer,  aus  welchen  eine  Regierung  zusammengesetzt  werden
könne.

Bei  der  letzten  Konferenz  mit  Roggenbach  im  Ministerium,  wo  wir
allein  waren,  kamen  wir  zuerst  auf  die  Stellung  Oesterreichs  in  Deutschland
  zu  sprechen.  Hier  führte  er  nun  aus,  daß  es  sich  für  Oesterreich
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        126  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

nur  darum  handle,  seine  Stellung  gegenüber  Deutschland  und  seinen  Einfluß
  auf  ein  bestimmtes  Maß  zu  reduzieren  und  seine  Stellung  innerhalb
der  Möglichkeit  zu  fixieren.  Jetzt  gehe  Oesterreich  von  der  Idee  aus,
Preußen  zu  zerstören  und  sich  an  die  Spitze  des  Reichs  der  Mitte  zu
setzen.  Dies  sei  eine  unausführbare  Aufgabe,  da  Oesterreich  derselben
nicht  gewachsen  sei.  Durch  das  Anregen  der  deutschnationalen  Frage  treibe
Oesterreich  ein  sehr  gefährliches  Spiel,  da  es  die  nationalen  Sympathien
seiner  deutschen  Bevölkerung  für  Deutschland  rege  mache,  für  die  es  keine
Form  gebe  und  worüber  der  Einheitsstaat  zugrunde  gehe.  Europa  werde
nie  dulden,  daß  das  protestantische  Preußen  zerstört  werde,  diese  Zerstörung
  sei  aber  die  Vorbedingung  der  österreichischen  Herrschaft  in  Deutschland.
  Wenn  also  der  Zweck,  welchen  enthusiastische  Köpfe  in  Oesterreich
erreichen  wollten,  nicht  erreichbar  sei,  so  bleibe  eine  fruchtlose  Agitation,
die  für  Oesterreich  selbst  von  den  gefährlichsten  Folgen  sein  werde.  Das
großdeutsche  Programm  sei  ein  radikales,  sowie  es  aufhöre,  ein  negatives
zu  sein.  Mit  meiner  Idee,  daß  durch  ein  Parlament  ohne  gleichzeitige
starke  Zentralregierung  der  Revolution  ein  Organ  geschaffen  werde,  war  er
einverstanden.  «

Ueber  meine  eigne  Stellung  sagte  er  am  Schlusse  der  Unterredung:
Bei  der  Thronbesteigung  des  jetzigen  Kronprinzen  werde  man  sich  nach
einem  Manne  umsehen,  dessen  solide  Stellung,  Bildung  und  Gesinnung
für  die  Uebernahme  des  Postens  des  Ministerpräsidenten  geeignet  sei,  da
wisse  er  nun  niemand  als  mich,  und  es  sei  auch  bereits  für  mich  vorgearbeitet.
  Als  Minister  des  Auswärtigen  schlug  er  für  diesen  Fall  Usedom
  vor.  C□ch  denke  aber,  er  wird  sich  selbst  im  Auge  gehabt  haben,
denn  Usedom  ist  dazu  ganz  ungeeignet.)

Sein  Programm  scheint  etwas  Cavourisches  zu  haben.  Er  will
Preußen  auf  Kosten  von  Oesterreich  an  die  Spitze  von  Deutschland  bringen.
Wenn  Oesterreich  zerstört  wird,  fallen  die  deutsch-österreichischen  Provinzen
ohnehin  an  Deutschland.  Das  ist  das  fin  mot  des  kleindeutschen  Parteiprogramms.
  Oesterreich  soll,  wenn  einmal  Kleindeutschland  konstituiert
ist,  das  Venetien  für  Deutschland  werden.  Deshalb  hat  Herr  Metz  von
Darmstadt  aus  der  Schule  geschwätzt,  als  er  die  Oesterreicher  Schmerzenskinder
  nannte.  Das  war  verfrüht.  Der  Ruf  wird  in  einiger  Zeit  wiederkommen.


Roggenbach  meint,  daß  alle  diese  Versammlungen  in  Frankfurt,  Weimar
  u.  s.  w.  Fiasko  machen  werden.  Auf  meinen  Einwurf,  daß  man  mich
nicht  kenne,  wenn  ich  etwa  in  die  Lage  käme,  preußischer  Ministerpräsident
zu  werden,  antwortete  Roggenbach  mit  großer  Naivität:  „Wenn  man  einen
Braten  serviert,  so  gibt  man  auch  die  Sauce  dazu.  Die  liefert  dann  die

Presse.“
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  127

Reise  nach  Frankfurt  zum  Deutschen  Fürstentag.

Freitag  den  14.  August  Abreise  von  München  um  6  Uhr  Morgens
über  Ulm  und  Stuttgart.

Bei  dem  öfteren  Wechseln  der  Waggons  kam  ich  mit  Graf  Waldstein,
Mitglied  des  österreichischen  Herrenhauses,  zusammen,  der  ebenfalls  aus
Interesse  an  dem  Fürstentag  nach  Frankfurt  reiste.  Er  erzählte  mir
manches  Interessante  über  die  böhmischen  Zustände  und  schien  der  gesamtstaatlichen
  Partei  anzugehören.  Seine  Urteile  über  die  tschechisch-deutsche
Aristokratenpartei  waren  äußerst  vernünftig.  Auf  den  Bahnhöfen  in  Ulm
und  auf  der  Route  sah  man  schon  die  Vorbereitungen  zur  Dekorierung.
Die  Hitze  Üüberstieg  alle  Begriffe.  In  einem  Zustande  von  Gekochtsein
kamen  wir  nach  Frankfurt.  Ich  fand  ein  bescheidenes  Zimmer  im  Hotel
de  Russie  und  beeilte  mich,  mich  umzuziehen  und  zu  Tisch  zu  gehen.  Hier
fand  ich  zu  meiner  freudigen  Ueberraschung  Mülhens,  mit  dem  ich  dann
den  Abend  verlebte.  Wir  gingen  nach  Tisch  zu  Madame  Metzler,  dann
einen  Augenblick  ins  Theater,  wo  wir  den  letzten  Akt  des  „Kaufmanns  von
Venedig“  sahen.

Ueber  die  Sache  selbst  habe  ich  bis  jetzt  nichts  gehört.  Das  Publikum
  ist  hier  hauptsächlich  mit  Ausschmücken  der  Häuser,  mit  dem  bevorstehenden
  Einzug,  der  Wohnung  der  hohen  Herrschaften  und  ähnlichen
Dingen  beschäftigt.

15.  August.

Um  10  Uhr  zum  Herzog  von  Koburg.  Ich  sand  ihn  glücklich  darüber,
daß  der  Gedanke,  welchen  der  Kaiser  eingegeben  hatte,  ausgeführt  worden
sei.  Er  meint,  der  Kaiser  solle  den  deutschen  Fürsten  sogleich  eine  neue
Bundesverfassung  vorschlagen,  gewissermaßen  oktroyieren.  Preußen  werde
dann  auf  vierzehn  Tage  aus  dem  Bunde  austreten,  dann  aber  sehr  glücklich
sein,  wenn  man  es  wieder  aufnehmen  wolle.  Der  König  von  Bayern  sei
wütend,  die  andern  Monarchen  sehr  konsterniert,  es  sei  eine  sehr  komische
Situation,  daß  die  Herren,  die  eben  erst  die  deutsche  Fahne  in  ihren
Ländern  verboten  hätten,  nun  gezwungen  seien,  unter  einer  prächtigen
schwarzrotgoldenen  Fahne  in  ihren  Wohnungen  in  Frankfurt  zu  seuszen.

Von  hier  ging  ich  zu  Pfordten.  )  Er  war  sehr  freundlich,  schien
aber  die  ganze  Situation  sehr  bedenklich  anzusehen.  Daß  man  gar  nichts
vorher  mitgeteilt  habe,  scheint  ihm  sonderbar.  Daß  ihn  seine  Freundschaft
für  Oesterreich,  seine  Antipathie  gegen  Preußen  dahin  geführt  hat,  machte
ihm  einen  unangenehmen  Eindruck.  Er  ist  offenbar  betroffen  darüber  und
gegen  Oesterreich  mißgestimmt.  Mir  machte  es  ein  wahres  Vergnügen,

 

1)  Freiherr  von  der  Pfordten  war  Vertreter  Bayerns  beim  Bundestage  von
1859  bis  1864.
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        128  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

ihn  in  dieser  Klemme  zu  sehen,  die  ich  den  bayrischen  Herren  schon  lange
vorausgesagt  habe.  Ich  bin  neugierig  auf  den  König,  der  auf  einmal
ungeheure  preußische  Sympathien  haben  soll.

Nachmittags  5  Uhr  begab  ich  mich  mit  Mülhens  und  dem  Prinzen
Bernhard  Solms,  mit  dem  ich  gegessen  hatte,  in  das  Beifußsche  Haus,
von  dessen  Balkon  wir  den  Einzug  des  Kaisers  mitansehen  wollten.

Um  6  Uhr  kam  der  Kaiser  in  einer  offenen  zweisitzigen  Kalesche.  Da
man  geglaubt  hatte,  er  werde  mit  großem  Gefolge  mit  acht  Pferden  u.  s.  w.
kommen,  so  erkannte  ihn  niemand,  und  er  fuhr  ohne  Hurra  vorbei.  Nur
Frau  von  Bethmann  auf  unserm  Balkon  warf  einige  Bukette  hinunter,
die  aber,  glücklicherweise  für  den  Kaiser,  nicht  in  den  Wagen  fielen.

Abends  wanderten  wir  noch  in  den  Straßen  umher,  und  um  9  Uhr
fuhr  ich  zur  Madame  Metzler,  wo  ich  bis  11  Uhr  blieb.  Ich  kam  gerade
nach  Hause,  als  der  König  von  Hannover  anfuhr.

Heute  den  16.  großes  Treiben  auf  den  Straßen,  die  Souveräne  besuchen
  sich  gegenseitig,  das  Publikum  staunt  und  kritisiert.

Die  Situation  scheint  jetzt  folgende:  Oesterreich  wird  ein  Delegiertenprojekt
  vorlegen,  über  dessen  Detail  noch  nichts  bekannt  ist.  Der  Herzog
von  Koburg  und  Herr  von  Kerstorf  sollen  die  Idee  dazu  gegeben  haben.

Der  König  von  Bayern  und  der  Großherzog  von  Baden  sind  nicht
günstig  gestimmt.  Württemberg  will  annehmen.  Von  Hannover  weiß  ich
nichts.  Die  Oesterreicher  sind  bei  der  Sache  am  sichersten.  Kommt  nichts
zustande,  so  können  sie  sagen:  wir  haben  alles  tun  wollen,  aber  die  deutschen
Souveräne  wollen  nicht.  Entsteht  dann  Unzufriedenheit,  Revolution  u.  s.  w.,
so  ziehen  sie  sich  in  ihren  Gesamtstaat  zurück  und  fischen  im  trüben.
Stimmen  aber  die  Souveräne  zu,  so  steht  Oesterreich  an  der  Spitze  seines
ersehnten  Siebzigmillionenreichs.  Insofern  ist  der  Coup  sehr  geschickt,  ob
im  Interesse  von  Deutschland,  ist  eine  andre  Frage.

Nachmittags.

Es  scheint,  daß  das  Projekt  der  künftigen  Verfassung  doch  nicht  so
übel  ist:  ein  Direktorium,  Fürstenrat,  darin  eine  Stimme  für  die  Reichsunmittelbaren,
  dann  Delegiertenhaus  mit  ziemlich  weitgehenden  Befugnissen.
An  Preußen  will  man  dann  eine  Deputation  der  Fürsten  senden,  um  es
zum  Beitritt  aufzufordern.  Morgen  wird  also  die  erste  Beratung  sein.
Gott  gebe,  daß  der  Widerspruch,  der  sich  erheben  wird,  nicht  zu  einem
Zerfall  des  Ganzen  führe!

Mein  Tag  wurde  großenteils  auf  der  Straße  zugebracht.  Ueberall
traf  ich  Minister  und  Diplomaten,  Apponyi  von  London,  Larisch,
Schrenck  u.  a.  Dem  Herzog  von  Augustenburg  machte  ich  meinen  Besuch
im  „Englischen  Hof".

Abends  Ermüdung  und  Spaziergang  im  Zoologischen  Garten.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  129

Um  11  Uhr  desselben  Tags  kam  noch  Hermann)  zu  mir  und  teilte
mir  mit,  daß  er  am  andern  Tage  eine  Besprechung  mit  dem  bei  dem
Herzog  von  Koburg  angestellten  Regierungsrat  Samwer  haben  werde  über
die  den  Reichsunmittelbaren  im  Fürstenrat  zugedachte  Stimme.  Er
wünscht,  daß  ich  auch  dabeisein  möchte.

18.  August.

Infolgedessen  ging  ich  heute  Morgen  zum  Herzog  von  Koburg,
wo  ich  den  Herzog  mit  Erbach,  Hermann  und  einigen  Herren  beim  Frühstück
  fand.

Es  wurde  über  das  neue  Verfassungsprojekt  gesprochen,  und  ich  erfuhr
erst  hier  die  Details.

Es  soll  ein  Bundesdirektorium  aus  fünf  Stimmen  gebildet  werden.
Eine  Stimme  Oesterreich,  eine  Preußen,  eine  Bayern.  Die  Fürstenversammlung
  besteht  aus  der  bisherigen  Bundesversammlung.

Den  Standesherren  ist  ein  Anteil  an  einer  Kuriatstimme  im  Fürstenrat
zugedacht.  Hiergegen  hat  sich  schon  Opposition  erhoben.  Es  handelte  sich
also  bei  der  Beratung  mit  Hermann  und  Samwer  darum,  ob  man  darauf
hinarbeiten  solle,  uns  in  den  Bundesrat  zu  bringen.  Wir  waren  aber
der  Ansicht,  daß  es  zweckmäßiger  sei,  wenn  wir  möglichst  danach  trachteten,
in  den  Fürstenrat  zu  kommen.  Viel  ist  nicht  dabei  zu  machen,  nur  würde
dadurch  das  Prinzip  der  Ebenbürtigkeit  gewahrt.  Samwer  meinte  dies
auch.  Uebrigens  glaubt  er,  daß  die  Frage  des  Bundesstaats  durch  diese
Verfassung  nicht  beseitigt  sei.  Diese  Verfassung  werde  nicht  lange  dauern
und  dann  die  Frage  des  Bundesstaats  wieder  auftauchen.

Jetzt  um  11  Uhr  ist  die  Versammlung  beim  Kaiser,  wo  der  Kaiser
den  Souveränen  das  Projekt  vortragen  wird.  Es  heißt,  der  König  von
Bayern  werde  die  Antwortrede  halten.  Dann  werden  die  Souveräne  in
Beratung  treten,  die  noch  einige  Tage  dauern  wird.  Man  spricht  davon,
eine  Fürstendeputation  mit  dem  König  von  Sachsen  an  der  Spitze  nach
Baden  zu  dem  König  von  Preußen  zu  schicken.  An  einen  Austritt  Preußens
aus  dem  Bunde  glaubt  man  nicht,  besonders  wenn  Hannover  beitritt.

Montag  den  17.  August  kam  ich  zu  dem  Entschlusse,  nach  München
zu  gehen  und  Donnerstag  wieder  zurückzukehren,  da  in  diesen  Tagen  eine
Pause  eintreten  mußte.  Die  Fürstenversammlung  hatte  sich  zu  einem  Briefe
an  den  König  von  Preußen  entschlossen.

Nach  einem  Aufenthalt  von  einem  Tage  in  München  kam  ich  Donnerstag
  den  20.  wieder  nach  Frankfurt  zurück.  Der  König  von  Sachsen2)  war

 

1)  Fürst  Hermann  zu  Hohenlohe-Langenburg,  der  gegenwärtige  Statthalter  in
Elsaß-Lothringen.

)Welcher  am  19.  August  mit  dem  Schreiben  der  Versammlung  an  den  König
von  Preußen  nach  Baden  gereist  war.

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  9
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        130  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

noch  nicht  wieder  da.  Ich  ging  Abends  zum  Herzog  von  Koburg,  wo  ich  Hermann
  fand.  Hier  bemerkte  ich  sogleich,  daß  die  Lage  sich  vollkommen
geändert  hatte.  Der  Herzog  lamentierte,  daß  nichts  zustande  kommen
werde.  Von  seinem  Schwager,  dem  Großherzog  von  Baden,  werde  gegen
das  ganze  Projekt  agitiert.  Hinter  dem  Großherzog  stehe  die  Gothaische
Partei  mit  Häusser  und  Bluntschli  an  der  Spitze,  die  Oesterreich  Opposition
  machen  wolle.  Der  Großherzog  verhindere  alles,  hetze  die  Fürsten
gegen  Oesterreich  auf  und  sei  gegen  den  Kaiser  persönlich  unhöflich.

Ich  ging  dann  mit  Hermann  nach  Hause,  der  die  Absicht  hatte,  den
andern  Morgen  nach  Langenburg  abzureisen.

Freitag  21.  August.

Heute  Morgen  in  den  Abgeordnetentag,  der  in  einem  schönen  Saale
des  sogenannten  Saalbaus  abgehalten  wird.  Die  Galerien  sind  geräumig.
Die  ständige  Kommission  des  Abgeordnetentags  schlug  vor,  gleich  ohne
weitere  Prozedur  das  Bureau  zu  wählen  und  proponierte  Bennigsen,  Unruh
und  Barth,  die  dann  sogleich  zu  Präsidenten  gewählt  wurden.  Bennigsen
hielt  eine  Art  Antrittsrede  mit  wohlklingender  Stimme  und  großer  Gewandtheit.
  Er  sieht  jung  aus  und  hat  ganz  die  Sicherheit  eines  Mannes,  der
sich  viel  im  öffentlichen  Leben  bewegt  hat.  Unruh  ist  der  preußische
Regierungsrat,  wie  er  im  Buche  steht.  Barth  war  mir  bekannt.  Von  den
Reden,  die  gehalten  wurden,  war  die  bedeutendste  die  von  Häusser,  der
den  Standpunkt  seiner  Partei  gegenüber  dem  Reformprojekt  des  Kaisers
sehr  klar  darlegte.  Ich  sah  daraus  sogleich,  daß  die  liberale  Partei  in
Deutschland  von  Oesterreich  nichts  wissen  will  und  an  der  preußischen
Spitze  festhält  und  dem  Programm  des  Nationalvereins.  Welcker,  der
sehr  alt  geworden  ist,  sprach  mit  gewohntem  Eifer  für  Reichsverfassung.
Schulze-Delitzsch  hielt  eine  sehr  schöne  Rede,  die  aber  besser  für  eine
Volksversammlung  gepaßt  hätte.  Einige  andre  Redner  waren  unter  aller
Kritik  widerwärtig,  so  ein  deklainierender  Jude  Fischer  aus  Breslau,  ein
Herr  Becker  und  einige  andre  Unbekannte.

Nachmittags  war  ich  wieder  da,  konnte  aber  nur  bis  4  Uhr  bleiben  und
hörte  daher  die  Rede  von  Völk  nicht,  die  gut  gewesen  sein  soll.  Um  5  Uhr
aß  ich  mit  Larisch,  der  als  altenburgischer  Minister  hier  ist,  im  „Russischen
Hof“  zu  Mittag.  Dieser  ist  nun  in  gewohnter  ehrlicher  Weise  offen  gegen
das  österreichische  Bundesreformprojekt.  Er  hält  die  Reform  ohne  vollkommene
  Gleichstellung  beider  Großmächte  für  unmöglich  und  die  Gleichstellung
  beider  Großmächte  im  Bunde  für  unausführbar.  Wolle  man,  so
sagte  er,  den  Bund  mit  Oesterreich,  so  könne  man  nur  eine  Föderation
in  der  bisherigen  Weise  beibehalten.  Ein  Bundesstaat  mit  Oesterreich  an
der  Spitze  setze  eine  Demütigung  Preußens  voraus,  zu  der  mitzuwirken  die
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  131

kleinen  Souveräne  keine  Lust  und  kein  Interesse  haben  und  die  sich  Preußen,
und  insbesondere  das  preußische  Volk  und  die  preußische  Armee,  nicht
gefallen  lassen  würden.  Dieser  Ansicht  sind  Oldenburg,  Baden,  Meiningen,
Altenburg  und  andere.  Darmstadt  und  Nassau  gehen  mit  Oesterreich,
ebenso  Sachsen,  wahrscheinlich  weil  der  kluge  Herr  von  Beust  meint,  daß
doch  nichts  daraus  wird.  Bayern  verhält  sich  abwartend,  Württemberg
ebenfalls  zweifelhaft.  Da  das  Reformprojekt  die  liberale  Masse  nicht
befriedigt,  so  sagen  sich  die  Souveräne:  warum  sollen  wir  unfre  Selbständigkeit
  aufgeben,  wenn  wir  damit  nicht  einmal  Dank  bei  unsern
Liberalen  ernten?  Für  Oesterreich  tun  sie  natürlich  keinen  Schritt  trotz
der  zur  Schau  getragenen  Sympathie.  Das  Wegbleiben  Preußens  ist  den
Herren  ohne  Ausnahme  ein  prächtiger  Vorwand,  nichts  zu  tun.  Nun
unterstützt  sie  der  Deutsche  Abgeordnetentag.  Hätten  diese  Professoren  ihr
Interesse  gekannt,  sie  würden  das  Parlament  gehabt  haben,  auch  wenn
es  nur  Delegierte  waren,  sie  hatten  eine  Handhabe  und  konnten  daraus
später  machen,  was  die  Umstände  erlaubten.  Statt  dessen  reiten  diese
Schafsköpfe  auf  der  Reichsverfassung  herum,  die  ihnen  kein  Mensch  geben
wird,  und  sitzen  in  der  Luft.  Ich  habe  mich  wieder  einmal  überzeugt,
daß  die  Deutschen  für  die  deutsche  Einheit  noch  nicht  reif  sind.  Ob  sie
es  je  werden,  weiß  Gott.

Bei  Roggenbach  fand  ich  eine  Anzahl  preußisch  gesinnter  Diplomaten,
die  die  Köpfe  zusammensteckten.  Hier  ist  das  Hauptquartier  derer,  die
das  Projekt  nicht  wollen,  weil  sie  Oesterreich  nicht  in  Deutschland  wollen.
Sie  wollen  reindeutsch  bleiben,  keine  Konzession  an  Oesterreich.  Hier
vermischt  sich  der  Liberalismus  mit  der  Sorge  für  die  Aufrechterhaltung
der  Partikularsouveränität  und  persönlichem  Ehrgeiz.  Hier  wird  besonders
darauf  Gewicht  gelegt,  daß  Preußen  nicht  majorisiert  werden  dürfe.  Alle
diese  Herren  sind  preußisch  gesinnt.  An  sie  schließen  sich  aber  auch  im
geheimen  die  an,  die  bis  jetzt  noch  äußerlich  österreichisch  waren  und
sind  und  die  über  das  Gebaren  der  Feinde  Oesterreichs,  trotz  äußerlicher
Demonstrationen  des  Mißvergnügens,  innerlich  herzlich  froh  sind,  daß
sie  den  Kopf  aus  der  österreichischen  Bundesreformschlinge  wieder  herausziehen
  können.

Heute  den  22.  hatte  in  der  Nacht  um  1  Uhr  Oesterreich  ein  Projekt
herumgeschickt,  in  welchem  es  den  Fürsten  vorschlägt,  die  ihnen  günstigsten
Hauptpunkte  in  der  heutigen  Konferenz  endgültig  anzunehmen  und  nur
über  die  Details  und  über  Nebensachen  Ministerkonferenzen  beraten  zu
lassen.  Darüber  große  Konsternation  unter  den  kleinen  Opponenten.  Selbst
der  Herzog  von  Koburg  findet,  daß  das  zuviel  sei,  das  könnten  sich  die
Kleinen  nicht  gefallen  lassen.  Großes  Herumfahren  der  Minister  am  frühen
Morgen.  Um  11  Uhr  findet  die  Fürstenkonferenz  statt.  Es  scheint  aber,
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        132  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

daß  Oesterreich  die  Partie  verloren  hat.  Meiner  Ansicht  nach  hatte  man
sich  in  Wien  über  die  Stimmungen  der  mittleren  und  kleinen  Fürsten
getäuscht.  Man  glaubte  sie  in  der  Tasche  zu  haben  und  dachte  mit  einem
Coup  d’Etat  Preußen  zugrunde  richten  zu  können.  Dies  ist  nun  nicht
gelungen,  da  die  deutschen  Souveräne  sofort  gegen  Oesterreich  Front
machten,  als  dies  merken  ließ,  es  wolle  die  andern  unterdrücken.  Hätte
Oesterreich  sein  Terrain  besser  gekannt,  so  würde  es  dieses  Manöver
unterlassen  haben  oder  es  mußte  noch  revolutionärer  vorgehen  und  die
Demokratie  durch  eine  demokratische  Verfassung  gewinnen.

22.  August.

Oesterreich  hat  gestern  früh  den  Vorschlag,  den  es  in  der  Nacht  gemacht
  hatte,  wieder  zurückgezogen,  wie  es  scheint,  auf  Veranlassung  des
Königs  von  Sachsen.  Dann  fand  die  Konferenz  statt,  in  der  viel  diskutiert
worden  sein  soll.  Man  hat  sich  bis  zu  Artikel  6  geeinigt,  den  Artikel  3
aber  —  über  das  Direktorium  —  ausgesetzt.  Ueber  diesen  findet  heute
Mittag  eine  Beratung  statt.  Die  kleinen  Souveräne  wollen  sich  dem
Fünferdirektorium  nicht  so  unbedingt  unterwerfen,  sie  wollen,  daß  dieses
der  Ausdruck  der  Gesamtsouveränität  der  deutschen  Bundesstaaten,  nicht
aber  ein  Herrscher  über  die  andern  sei.  Deshalb  wollen  sie,  daß  das
Direktorium  dem  Fürstenrat  eine  Art  Rechenschaftsbericht  vorlegen  müsse.
Die  Könige  sind  mit  dem  Direktorium  von  5  nicht  zufrieden,  Sachsen
proponiert  6  Direktoren,  davon  sollen  2  Oesterreich  und  Preußen,  Bayern  1,
Sachsen,  Württemberg,  Hannover  zusammen  2  haben  und  der  letzte  von
den  andern  Fürsten  gewählt  werden.

Morgen  wird  darüber  beim  Kaiser  abgestimmt.  Wenn  dieser  Punkt
beseitigt  ist,  wird  das  übrige  wohl  in  kurzer  Zeit  beendigt  sein,  so  daß
Mittwoch  alles  zu  Ende  sein  kann.

Abends  war  Ball  bei  Baron  Bethmann.  Ich  fand  da  eine  Menge
Bekannte,  so  u.  a.  Herrn  von  Vincke  (Gisbert),  der  jetzt  hier  wohnt,
Sternberg,  Dumreicher,  Zachariä  aus  Göttingen.  Der  Großherzog  von
Baden  nahm  mich  beiseite,  um  mir  seine  Ansichten  auseinanderzusetzen.  Der
Großherzog  von  Weimar  lud  mich  ein,  im  Herbst  nach  Weimar  zu  kommen.
Ebenso  sprach  ich  mit  dem  Herzog  und  dem  Erbprinzen  von  Meiningen,
mit  Rechberg,  Crenneville,  Schrenck  und  vielen  andern.  Die  Nachricht,  daß
die  bayrische  Kammer  sich  für  den  Verfassungsentwurf  ausgesprochen  habe,
machte  viel  Sensation.

Herr  von  Kerstorf  bemerkte,  daß  es  Zeit  sei,  daß  die  Souveräne  von
Frankfurt  wieder  abreisten,  „sie  fingen  an,  das  Publikum  zu  langweilen.“

Fürst  und  Fürstin  Metternich  waren  ebenfalls  auf  dem  Ball.  Letztere
in  einer  etwas  auffallenden  Toilette  und  sehr  bemalt.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  133

Heute  Nachmittag  war  Pferderennen,  wohin  ich  mit  Lerchenfeld
und  Hompesch  fuhr.  Auf  der  Tribüne  für  die  Souveräne  waren  der
Kaiser,  der  Kurfürst  von  Hessen,  der  Herzog  von  Meiningen  und  einige
andre.

Nach  dem  Rennen  ging  ich  noch  zum  Großherzog  von  Baden.  Er
erzählte  mir  aus  der  Fürstenkonferenz,  daß  diejenigen  Souveräne,  welche
an  der  Reformakte  etwas  auszusetzen  fänden,  von  Oesterreich  und  der
Majorität  terrorisiert  würden.  Er  habe  sich  erlaubt,  darauf  aufmerksam
zu  machen,  daß  man  doch  nicht  ohne  Geschäftsordnung  diskutieren  könne,
sein  Einwurf  sei  aber  nicht  berücksichtigt  worden.  Man  habe  fortgefahren
zu  sprechen,  und  zuletzt  habe  der  Kaiser  gesagt:  „Wir  wollen  es  einmal
mit  der  Abstimmung  über  die  einzelnen  Paragraphen  probieren“,  und  aus
dem  Probieren  sei  dann  Ernst  geworden.  Gleich  nach  der  Vorlesung  des
ersten  Artikels  über  den  Zweck  des  Bundes  habe  der  Kaiser  gefragt,  ob
jemand  etwas  dagegen  zu  erinnern  habe.  Da  niemand  das  Wort  ergriffen,
so  habe  er,  der  Großherzog,  bemerkt,  er  müsse  doch  darauf  aufmerksam
machen,  daß  dieser  Artikel  die  wichtigsten  staatsrechtlichen  Fragen  in  sich
schließe,  da  sich  aber  keiner  der  Herren  darüber  ausspreche,  so  nehme  er
an,  daß  man  eben  keine  Diskussion  wolle.  Darüber  allgemeines  Mißvergnügen.
  Man  habe  ihn  gefragt,  ob  er  etwas  Besseres  wüßte  u.  s.  w.  Ueberhaupt
  werde  durch  Terrorismus  und  Intrige  jede  von  der  österreichischen
Ansicht  abweichende  Ansicht  niedergehalten.  Der  Großherzog  scheint  von
der  Ansicht  auszugehen,  daß  hier  Preußen  zugrunde  gerichtet  werden
soll,  und  daß  er  berufen  ist,  dies  zu  hindern.  Abends  traf  ich  bei  Madame
Metzler  den  Fürsten  Metternich,  Rechberg,  den  Erbprinzen  von  Meiningen
und  einige  Diplomaten  und  viele  elegante  Damen  von  Frankfurt.  Ich
machte  mich  bald  aus  dem  Staube.

24.  August.

Nachmittags  vor  meiner  Abreise  ging  ich  noch  einen  Augenblick  zum
Herzog,  der  eben  aus  der  Fürstenkonferenz  kam  und  sehr  befriedigt  über
deren  Resultat  war  (sechs  Stimmen  im  Direktorium).  Er  hat  Hoffnung,
daß  die  Sache  zustande  kommen  werde.

Um  4  Uhr  reiste  ich  nach  Sayn  ab,  überzeugt,  daß  im  standesherrlichen
Interesse  nichts  zu  tun  sei,  und  ermüdet  von  einer  Existenz,  die  dadurch
peinlich  wurde,  daß  ich  nur  halb  hörte  und  erfuhr,  was  geschah,  und  dabei
  zu  einem  Urteil  aufgefordert  wurde  von  Leuten,  die  eingeweiht  waren,
über  Dinge,  die  ich  eben  nur  halb  kannte,  und  durchdrungen  von  der
Wahrheit  des  Spruchs:  „Wo  deines  Amtes  nicht  ist,  da  laß  deinen
Fürwitz!“
        <pb n="144" />
        134  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

7.  Schleswig-Holstein.

München,  18.  Februar  1864.

Gestern  war  ich  bei  Bodenstedt.  Ich  hatte  erfahren,  daß  er  wünsche,
daß  ich  in  den  Schleswig-Holstein-Verein  eintreten  möchte,  und  daß  dies
das  Mittel  sei,  um  Minister  zu  werden,  was  er  und  die  liberale  Partei
in  Bayern  für  nötig  halten.  Bodenstedt  beklagte,  daß  ich  nicht  früher
gekommen  sei,  da  ich  dann  im  Verein  hätte  nützen  können.  Jetzt  sei  es
schon  zu  spät.  Er  beklagte  sich  über  Schrenck  und  dessen  Untätigkeit,
glaubt,  daß  der  König,  wenn  er  einen  andern  Minister  hätte,  ganz  anders
auftreten  würde,  und  teilte  mir  mit,  daß  Schrenck  dem  Könige  schon  über
die  schleswig-holsteinsche  Frage  gesprochen  habe,  Deutschland  sehe  auf
den  König,  habe  Schrenck  gesagt  u.  s.  w.

Heute  war  ich  nun  bei  Schrenck.  )  Dieser  fing  damit  an,  mir  zu
sagen,  er  habe  gehört,  ich  werde  in  ihren  Verein  eintreten.  Auf  mein
Verneinen  hielt  er  mir  eine  Vorlesung,  daß  man  in  einer  so  heiligen
Sache  mit  seiner  Ansicht  nicht  hinter  dem  Berge  halten  dürfe  u.  s.  w.
Ich  erwiderte  darauf,  daß  ich  mit  meiner  politischen  Meinung  nie  hinter
dem  Berge  halte,  wenn  ich  berufen  sei,  meine  Ansicht  zu  äußern,  daß
ferner  jeder  Mensch  in  Bayern  wisse,  welcher  Ansicht  ich  angehöre,  daß
mir  aber  folgende  Erwägung  den  Eintritt  in  den  Verein  unmöglich  mache:
ich  glaube  nämlich,  daß  die  schleswig-holsteinschen  Vereine  demnächst  in
der  Lage  sein  würden,  sich  über  die  Alternative  zu  entscheiden,  ob  sie  den
gesetzlichen  Weg  verlassen  wollten  oder  ob  sie,  der  Macht  weichend,  sich
in  das  Privatleben  zurückziehen  wollten.  Beide  Entschlüsse  seien  mir  unangenehm.
  Wenn  ich  einmal  einem  Verein  beiträte,  so  würde  ich  auch
alle  logischen  Folgerungen,  die  man  daraus  ziehen  und  die  sich  daraus
ergeben  würden,  akzeptieren.  Auf  halbem  Wege  stehen  zu  bleiben,  sei
meine  Sache  nicht.  Da  ich  aber  die  Revolution  in  gewissen  Verhältnissen
als  eine  logische  Folge  dieser  Vereine  kommen  sähe,  so  hielte  ich  es  für
zweckmäßig,  mich  nicht  zu  beteiligen.

Auf  den  Einwurf  Schrencks,  daß  der  Verein  aus  sehr  soliden  Leuten
zusammengesetzt  sei  —  er  zitierte  Ringseis  —,  bemerkte  ich  ihm,  daß  ich
ohne  Selbstüberschätzung  behaupten  müsse,  daß  eben  mein  Beitritt  dem
Verein  eine  politische  Firbung  geben  werde.  Im  Verlauf  des  Gesprächs
setzte  ich  ihm  mein  Programm  auseinander,  machte  ihm  klar,  daß  es  sich
für  Bayern  um  eine  Existenzfrage  handle,  und  daß  zur  Aufrechterhaltung
der  Selbständigkeit  Bayerns  die  Zusammenberufung  eines  deutschen  mittelstaatlichen
  Parlaments  und  eine  entschiedene  Politik  nötig  sei.

1)  Minister  des  Auswärtigen  und  des  Handels  1859  bis  1864.
        <pb n="145" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  135

München,  12.  März  1864.

In  der  Zwischenzeit  sind  verschiedene  Ereignisse  eingetreten.

Der  Tod  des  Königs1)  wird  an  der  Politik  in  der  schleswig-holsteinschen
  Frage  zunächst  nichts  ändern.  Schrenck  wird  im  Amt  bleiben.

Die  Sache  selbst  steht  jetzt  folgendermaßen:

Hannover  hat  einen  Antrag  gestellt  oder  stellen  wollen,  Dänemark
solle  durch  den  Bund  zur  Aufgebung  der  Kaperei  deutscher  Schiffe  aufgefordert
  werden.  (Oesterreich  ist  dagegen,  der  Antrag  wird  also  unterbleiben.)
  Im  Weigerungsfalle  solle  Dänemark  durch  den  Bund  der  Krieg
erklärt  werden.  Die  Vormächte  wollen  aber  vom  Bund  nichts  wissen.

Ebenso  soll  Darmstadt  verlangt  haben,  die  Bundestruppen  sollten
an  dem  Krieg  gegen  Dänemark  teilnehmen.  Auch  dies  wird  von
Oesterreich  und  Preußen  abgewiesen.  Hilfe  einzelner  deutscher  Staaten
will  man  annehmen,  aber  keine  Bundeshilfe.  Die  Vormächte  wollen  die
Sache  selbst  in  der  Hand  behalten.

Der  Antrag  auf  Beratung  wegen  der  Erbfolgefrage  soll  in  die  Länge
gezogen  werden.  Von  einer  Einberufung  der  holsteinschen  Stände  wollen
die  deutschen  Großmächte  nichts  wissen.  Man  will  nur  freie  Hand  haben.
Herr  von  Bismarck  hat,  wie  es  scheint,  Oesterreich  ins  Schlepptau
genommen.

Die  Sendung  des  Erzherzogs  Albrecht  ist  teilweise  allgemeinen  Inhalts,
  Anknüpfung  freundlicherer  Beziehungen.  Aber  auch  spezielle  Vorschläge
  sollen  gemacht  worden  sein,  insbesondere  wegen  der  Stellung  der
Anträge  beim  Bunde,  die  mit  den  Ansichten  der  österreichischen  Regierung
nicht  übereinstimmen.  Die  bayrische  Regierung,  insbesondere  der  verstorbene
  König  Max,  sind  aber  festgeblieben.

Fürst  Hohenlohe  gehörte  zu  den  entschiedenen  Anhängern  des  Herzogs
Friedrich.  Am  12.  Mai  1864  richtete  er  in  Gemeinschaft  mit  zwölf  andern
Mitgliedern  der  Kammer  der  Reichsräte  das  folgende  Schreiben  an  den
Minister  von  Beust,  welcher  auf  der  Londoner  Konferenz  den  Deutschen
Bund  vertrat:

Eurer  Exzellenz  liegen  bereits  eine  Reihe  von  Zuschriften  vor,  welche
als  Ausdruck  der  in  Deutschland  herrschenden  Rechtsüberzeugung  hinsichtlich
  des  deutsch-dänischen  Konfliktes  gelten  dürfen.  Wenn  die  unterzeichneten
  Mitglieder  der  Kammer  der  Reichsräte  des  Königreichs  Bayern
in  gleichem  Sinne  sich  hiermit  schriftlich  an  Eure  Exzellenz  wenden,  so
geschieht  es  nicht  bloß  in  vollem  Einklange  mit  dem  von  der  eignen
Landesregierung  beharrlich  festgehaltenen  Standpunkte,  sondern  auch  in  der
freudigen  Anerkennung,  daß  Eure  Exzellenz  für  dieselbe  Ueberzeugung,  für

1)  König  Maximilian  II.  gestorben  10.  März  1864.
        <pb n="146" />
        136  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

dasselbe  Recht  von  je  Ihr  gewichtiges  Wort  in  die  Wagschale  gelegt  haben.
Es  ist  das  altverbriefte  Recht  der  Herzogtümer  Schleswig  und  Holstein
auf  untrennbare  Zusammengehörigkeit  unter  ihrem  eignen  Herzoge;  es  ist,
nach  dem  Ableben  Friedrichs  VII.,  Königs  von  Dänemark  und  Herzogs
von  Schleswig-Holstein,  der  rechtsbegründete  Anspruch  des  legitimen  Herzogs
Friedrich  VIII.  von  Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg  auf  die
Thronfolge  in  den  Herzogtümern  Schleswig  und  Holstein.  Nach  unbestrittenen
  und  unbestreitbaren  Prinzipien  des  Privatrechtes  wie  des  öffentlichen
Rechtes  steht  niemand,  also  auch  nicht  den  europäischen  Großmächten,
die  Befugnis  zu,  über  klare  Rechte  dritter  Personen  —  hier  des  Herzogs
Friedrich  VIII.,  der  Stände  der  Herzogtümer  und,  soweit  es  Holstein
betrifft,  des  Deutschen  Bundes  —  eine  diese  Rechte  beeinträchtigende  Verfügung
  zu  treffen.  Je  unheilvoller  und  gefahrdrohender  der  Rückschlag
sein  würde,  welchen  eine  solche  Verfügung  auf  das  Rechtsbewußtsein  der
deutschen  Nation  ausüben  müßte  und  je  empfindlicher  hierdurch  die  Ehre
und  die  Interessen  Deutschlands  verletzt  würden,  um  so  zuversichtlicher
geben  wir  uns  der  Hoffnung  hin,  daß  Eure  Exzellenz  als  legaler  Vertreter
des  Deutschen  Bundes  auf  der  Londoner  Konferenz  alles  aufbieten  werden,
eine  den  Rechten  des  legitimen  Erbfolgers,  des  schleswig-holsteinschen  Volkes
sowie  des  Deutschen  Bundes  entsprechende  Lösung  herbeiführen  zu  helfen.

Da  der  Landtag  zurzeit  nicht  einberufen  ist  und  hiermit,  wie  in
Ermanglung  einer  Vertretung  des  Volkes  am  Bunde,  es  nur  den  einzelnen
als  solchen  gestattet  ist,  ihrer  Besorgnis  wie  ihrer  gewissenhaften  Ueberzeugung
  in  dieser  ganz  Deutschland  tief  berührenden  Frage  Ausdruck  zu
geben,  so  bitten  wir  Eure  Exzellenz,  in  diesem  Sinne  gegenwärtiges  Schreiben
genehmigen  und  es  zugleich  als  Zeugnis  der  festen  Zuversicht  hinnehmen
zu  wollen,  mit  welcher  wir  Deutschlands  Ehre  und  Interessen  in  die  Hände
Eurer  Exzellenz  gelegt  sehen.

Herr  von  Beust  erwiderte  hierauf:
London,  20.  Mai  1864.

Eure  Durchlaucht  haben  mir  ein  von  mehreren  Mitgliedern  der
Kammer  der  Reichsräte  des  Königreichs  Bayern  unterzeichnetes  Schreiben,
d.  d.  München,  12.  lI.  M.,  zu  übersenden  die  Geneigtheit  gehabt,  welches
einen  neuen  gewichtigen  Ausdruck  der  in  Deutschland  herrschenden  Rechtsüberzeugung
  hinsichtlich  des  deutsch-dänischen  Konflikts  enthält.  Ich  danke
Eurer  Durchlaucht  verbindlichst  für  diese  gefällige  Mitteilung,  die  mir  um
so  wertvoller  sein  mußte,  als  sie  neben  den  mir  bereits  vorliegenden  Kundgebungen
  einen  abermaligen  und  sehr  erfreulichen  Beweis  dafür  liefert,
wie  lebhaft  die  hochwichtige  Angelegenheit,  die  mich  hierher  geführt
hat,  von  allen,  auch  den  konservatiosten  Kreisen  der  Nation  in  ihrer
        <pb n="147" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  137

ganzen  Bedeutung  für  die  politische  Zukunft  Deutschlands  erkannt  und
gewürdigt  wird.

Mit  gutem  Gewissen  darf  ich  mir  das  Zeugnis  geben,  daß,  soweit
es  auf  meine  Bestrebungen  ankommt,  das  schmeichelhafte  Vertrauen,  welches
in  der  erwähnten  Zuschrift  sich  ausgedrückt  findet,  nicht  unbegründet  ist.
Aber  ich  hege  zugleich  die  Zuversicht,  daß  auch  der  Erfolg  meiner  Bemühungen
dieses  Vertrauen  rechtfertigen  wird.  1)  Ich  hoffe,  daß  es  gelingen  soll,
eine  Lösung  der  schleswig-holsteinschen  Frage  herbeizuführen,  welche  die
Rücksichten  auf  das  Rechtsbewußtsein  und  die  politischen  Interessen  der
deutschen  Nation  mit  den  Rücksichten  auf  die  Wünsche  der  Bevölkerung
der  Herzogtümer  vereinigt.

Aufzeichnung  über  eine  Reise  von  Aussee  über  Wildalpen
  nach  München.
2.  bis  10.  Oktober  1864.

...  In  Linz  kaufte  ich  mir  eine  „Presse“  und  ersah  daraus,  daß
Minister  Schrenck  seinen  Abschied  genommen  hat.

In  München  Ankunft  um  10  Uhr.

Den  andern  Morgen  besorgte  ich  einige  Kommissionen,  kam  dann  in
die  Ludwigsstraße,  wo  ich  Venninger  traf,  der  mir  zu  meiner  Ernennung
zum  Ministerpräsidenten  gratulierte.  Er  sagte,  in  der  Banksitzung  sei  ich
als  solcher  genannt.  Bald  darauf  begegnete  ich  dem  Handelsgerichtsrat
Völderndorff,  mit  dem  ich  spazieren  ging.  Er  sprach  auch  von  dem  Ministerwechsel
  und  erzählte,  daß  man  in  Franken  allgemein  auf  mich  rechne  und
auf  mich  baue.  Wir  sprachen  über  das,  was  der  Minister  des  Auswärtigen
in  Bayern  jetzt  zu  tun  habe  und  waren  beide  einverstanden,  daß  die  Einwirkung
  auf  den  jungen  König  jetzt  das  wichtigste  sei,  sonst  Vorsicht  in
den  Bestrebungen,  Bayern  an  die  Spitze  der  Mittelstaaten  zu  bringen.
Strengere  Handhabung  der  inneren  Verwaltung,  keine  Reaktion,  gegen
außen  Vorsicht  und  Unabhängigkeit.

 

1)  In  der  Sitzung  der  Londoner  Konferenz  vom  17.  Mai  hatte  der  preußische
Vertreter  die  deutsche  Erklärung  verlesen,  welche  für  die  Herzogtümer  vollständige
politische  Unabhängigkeit  forderte.  Obwohl  hierdurch  die  Erbfolge  des  dänischen
Königs  nicht  ausgeschlossen  war,  wurde  dieser  Antrag  doch  von  Dänemark  sofort
abgewiesen.  Dadurch  war  die  Möglichkeit  einer  Entscheidung  für  die  Personalunion
mit  Dänemark  endgültig  beseitigt  und  die  Fortsetzung  des  Kriegs  mit  dem  Ziele
der  völligen  Trennung  der  Herzogtümer  von  Dänemark  gesichert.  Beust  hatte  in
der  Sitzung  namens  des  Bundes  die  Erklärung  abgegeben:  „que  la  majorité  de
lIa  Diete  ne  consentirait  pas  à  une  solution  dui  méme  sous  la  forme  d'un  arrangement
  conditionnel  ou  éCventuel  rétablirait  l’union  entre  les  Duchés  et  le  Danemarc.“
  Graf  Beust:  „Aus  drei  Vierteljahrhunderten“",  Bd.  I  S.  383.
        <pb n="148" />
        138  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Oettingen  lamentiert  über  die  Schwierigkeiten,  die  ein  Standesherr
in  dieser  Stellung  haben  würde.  Harleß  erzählte,  daß  der  König  sich
geäußert  habe,  er  werde  keinen  Standesherrn  zum  Minister  machen.

Die  neuesten  Nachrichten  nennen  Hompesch  als  Minister  der  auswärtigen
  Angelegenheiten.  Als  ich  ihn  in  den  „Vier  Jahreszeiten“"  bei  Tisch
fand,  war  er  nicht  angenehm  überrascht,  mich  zu  sehen.  Dies  bestätigt
mir,  daß  er  Hoffnung  hat.  Im  Theater  sah  ich  den  König.  Er  sieht  wohl
aus.  Mir  kam  es  aber  vor,  als  wenn  er  schon  den  mißtrauischen  Ausdruck
  seines  Vaters  annehme.

Meine  Gegner  sind  die  Hofleute,  der  niedere  Adel,  die  Ultramontanen
und  die  österreichische  Partei.  Der  gebildete  Mittelstand  ist  für  mich,  desgleichen
  die  Demokraten.  Es  scheint  aber,  als  ob  preußische  und  österreichische
  Einflüsse  sich  geltend  machten,  eine  Reaktion  in  Bayern  anzubahnen.
  Diese  wollen  mich  nicht,  und  in  dieser  Ueberzeugung  bin  ich  denn
auch  ruhig  und  unbehelligt  wieder  abgereist.

Aus  einem  Briefe  an  die  Prinzessin  Elise.
Aussee,  29.  Oktober  1864.

..  Die  „Presse“  hat  einen  geharnischten  Artikel  aus  München  gegen
mich  gebracht.  Sie  wirft  mir  vor,  ich  erscheine  jedesmal,  wenn  ein
Ministerwechsel  bevorstehe,  in  München  und  spricht  in  sehr  wegwerfendem
Ton  von  dieser  ungerechtfertigten  Prätension.  Auch  meine  Jugend  wirft
sie  mir  vor!  Ich  gestehe,  daß  mich  der  Artikel  etwas  geärgert  hat.  Es
ist  aber  recht  gesund,  wenn  man  auch  mitunter  geschimpft  wird.

Aus  einem  Briefe  an  Herrn  von  Mülhens  in  Baden.
Schillingsfürst,  23.  November  1864.
Minister  bin  ich  trotz  der  öffentlichen  Stimme  nicht  geworden.  Die
bayrische  Dynastie  will  keinen  Mediatisierten  als  Minister.  Es  soll  dies
Hauspolitik  sein.  Ich  kann  mich  darüber  nicht  betrüben.  Besser  Ministerkandidat
  als  abgetakelter  Minister

An  König  Ludwig.
8  8  München,  3.  April  1865.

Eure  Königliche  Majestät  haben  zu  befehlen  geruht,  den  Gegenstand,
der  mich  zur  Bitte  einer  Audienz  veranlaßt  hat,  zu  Allerhöchster  Kenntnis
zu  bringen,  und  ich  zögere  nicht,  diesem  Befehle  zu  folgen  und  die  Bitte,
die  ich  mündlich  vorzutragen  beabsichtigte,  schriftlich  zu  den  Füßen  Eurer
Königlichen  Majestät  zu  legen.

Eure  Königliche  Majestät  haben  mir  seit  Allerhöchstderen  Regierungsantritt
  stets  nur  Beweise  Allerhöchster  Gnade  zuteil  werden  lassen.  Ich
        <pb n="149" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  139

bin  darauf  stolz  und  dafür  tief  dankbar.  Die  wahre  und  innige  Verehrung,
welche  ich  für  Eure  Königliche  Majestät  im  Herzen  trage,  läßt  mich  dringend
wünschen,  dieses  gnädigen  Wohlwollens  und  insbesondere  der  Achtung
Eurer  Königlichen  Majestät  nicht  verlustig  zu  werden.

Der  Beginn  des  Landtags  hat  aber  in  mir  die  Befürchtung  erregt,
daß  es  möglich  sei,  Eure  Königliche  Majestät  könnten  über  meine  Wirksamkeit
in  der  Kammer  und  über  die  Motive  meiner  Handlungen  Berichte  erhalten,
die  mich  in  falschem  Lichte  erscheinen  lassen.

Gewohnt,  bei  den  Beratungen  des  Landtags  nur  nach  Ueberzeugung
und  treu  meinem  geschworenen  Eide  zu  handeln,  verhehle  ich  mir  nicht  die
Möglichkeit,  in  einzelnen  Fällen  mit  der  Staatsregierung  nicht  in  Uebereinstimmung
  zu  sein.  Die  erhabene  Gesinnung  Eurer  Königlichen  Majestät
weiß  die  Unabhängigkeit  der  Vertreter  des  Landes,  zu  denen  auch  die
Reichsräte  gehören,  zu  würdigen.  In  dieser  Beziehung  fürchte  ich  also
nichts.  Wohl  aber  fürchte  ich  falsche  Darstellung  in  betreff  der  Motive
meiner  Handlungen.

Sollten  daher  Eure  Königliche  Majestät  in  vorkommenden  Fällen  meine
Reden  und  Tun  im  Reichsrate  für  wichtig  genug  halten,  denselben  Allerhöchstihre
  Aufmerksamkeit  zuzuwenden  und  darüber  Aufklärung  für  nötig
erachten,  so  würde  ich  Eurer  Königlichen  Majestät  zum  tiefgefühltesten
Danke  verpflichtet  sein,  wenn  Allerhöchstdieselben  diese  Aufklärungen  direkt
von  mir  zu  befehlen  oder  durch  Allerhöchstihr  Kabinett  einfordern  zu  lassen
die  Gnade  haben  wollten.

Das  ist  die  alleruntertänigste  Bitte,  die  ich  Eurer  Königlichen  Majestät
mündlich  vorzutragen  beabsichtigte  und  die  ich  hier  schriftlich  niederzulegen
  wage.

Zwei  Schreiben  an  die  Königin  Viktoria  von  England  über
die  sozialen  und  politischen  Verhältnisse  Deutschlands,
1864,  1865.

Im  April  1864  erhielt  der  Fürst  einen  Brief  seiner  Tante,  der  Fürstin
Feodora  von  Hohenlohe-Langenburg,  in  welchem  diese  ihm  einen  Wunsch
ihrer  Schwester,  der  Königin  Viktoria,  aussprach.  4)  Die  Königin  klagte
darüber,  seit  dem  Tode  des  Prinzen  Albert  von  der  Verbindung  mit
Deutschland  gewissermaßen  abgeschnitten  zu  sein,  sich  mit  niemand  offen
aussprechen  und  von  niemand  genaue,  unparteiische  Ansichten  hören  zu
können.  Sie  hegte  Vertrauen  zu  dem  Fürsten,  als  dem  alten  Freunde  des
Prinzen  Albert,  und  wünschte  durch  ihn  in  bezug  auf  die  sozialen  und

 

1)  Siehe  Seite  84.
        <pb n="150" />
        140  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

politischen  Verhältnisse  von  Deutschland  au  courant  erhalten  zu  werden.
Bei  der  Aufmerksamkeit,  mit  welcher  man  in  England  deutsche  Einflüsse
verfolgte,  sollten  diese  Berichte  an  die  Königin  durch  die  Vermittlung  der
Fürstin  Feodora  übersandt  werden.  Namentlich  sollte  der  Fürst  die
schleswig-holsteinsche  Sache  und  deren  Bedeutung  für  Deutschland  besprechen,
  da  die  Engländer  diese  nicht  verständen.  Auf  den  Wunsch  der
Königin  Viktoria  erstattete  der  Fürst  die  nachfolgenden  beiden  Berichte
vom  4.  Mai  1864  und  15.  April  1865,  ein  politisches  Glaubensbekenntnis
unmittelbar  vor  dem  Ausbruch  der  großen  Bewegung,  die  den  Fürsten
selbst  zum  politischen  Handeln  an  leitender  Stelle  berief.

München,  4.  Mai  1864.

Eure  Königliche  Majestät  haben  mir  den  ehrenvollen  Auftrag  erteilt,
von  Zeit  zu  Zeit  Bericht  über  die  sozialen  und  politischen  Zustände  von
Deutschland  abzustatten.  Ich  erlaube  mir,  diesem  Auftrage  in  nachstehendem
Folge  zu  leisten.

Was  die  sozialen  Zustände  betrifft,  so  sind  diese  zu  allen  Zeiten  in
Deutschland  mit  den  religiösen  so  eng  verbunden  gewesen,  daß  der  religiösen
Bewegung  in  Deutschland  zunächst  Erwähnung  zu  tun  ist.

Vor  allem  ist  es  eine  bemerkenswerte  Erscheinung,  daß  sich  die
Gegensätze  der  gläubigen  und  nichtgläubigen  Richtung  immer  schroffer
gestalten.  Während  die  im  Westen  von  Deutschland  herrschende  Richtung,
deren  Repräsentanten  in  einigen  Ländern  sogar  das  Kirchenregiment  in
der  Hand  haben,  den  Grundsatz  aufstellen,  daß  die  Reformation  auf
halbem  Weg  stehen  geblieben  sei,  von  der  katholischen  Kirche  zu  viele  Elemente
in  sich  aufgenommen  und  dadurch  sich  dem  Fortschritt  verschlossen  habe,
daß  aber  jetzt  die  Zeit  gekommen  sei,  das  Christentum  im  Geiste  der  Zeit
umzubilden  und  das  Glaubensbekenntnis  dem  wirklich  bestehenden  Glauben
und  damit  den  Bedürfnissen  einer  nicht  mehr  orthodox  gläubigen  Gemeinde
entsprechend  zu  reformieren,  schließt  sich  im  Gegensatz  zu  dieser  protestantischen
  Bewegungspartei  die  orthodox  lutherische  Glaubensgenossenschaft
fester  aneinander  an.  Diese  bestreitet  die  Notwendigkeit  des  Fortschritts
und  der  zeitgemäßen  Entwicklung  des  Protestantismus,  sie  hält  sich  an
die  Bibel  und  an  Luther,  ja  ein  Teil  derselben  würde  gern  in  den  Schoß
der  katholischen  Kirche  zurückkehren,  wenn  diese  ihr  nur  einige  Konzessionen
  im  Dogma,  insbesondere  in  der  Lehre  von  der  Rechtfertigung  durch
den  Glauben,  machen  wollte  oder  könnte.  Da  dies  nicht  möglich  ist,  so
bildet  sie  wenigstens  innerhalb  ihrer  Kirche  eine  strenge  Gläubigkeit  aus,
modifiziert  ihre  Liturgien  in  einer  der  katholischen  ähnlichen  Art  und
nimmt  so  viel  als  immer  möglich  von  den  Werken  der  katholischen
Kirche  in  ihre  Sitten  und  Gebräuche  auf.  Die  Institution  der  Diakonissen,
        <pb n="151" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  141

die  Brüder  des  Rauhen  Hauses  in  Hamburg  und  Berlin,  die  Johanniterritter
  u.  s.  w.  sind  Beweise  dieses  Strebens.

Außerhalb  dieser  christlichen  Parteien  steht  die  große  Schule  des
Materialismus  oder  Nihilismus,  vertreten  durch  die  Koryphäen  der
materialistischen  Philosophie  und  Naturforschung.  Darunter  sind  Männer
von  großem  positiven  Wissen  und  gewissenhaftem  Streben,  die  aber  im
Verfolg  ihrer  Studien  zur  Ableugnung  alles  dessen  gelangt  sind,  was  sie
nicht  mit  dem  Mikroskop  erfassen  können.  Wären  diese  Theorien  auf
die  Schule  beschränkt,  so  würde  die  Gefahr  nicht  groß  sein.  In  Deutschland
  aber  ist  die  Bildung  eine  so  verbreitete,  das  Volk  selbst  nimmt  so
lebhaften  Anteil  an  dem,  was  die  Professoren  sagen,  die  Wissenschaft  ist,
wenn  ich  mich  so  ausdrücken  soll,  so  demokratisiert,  daß  solche  Theorien
nicht  ohne  bedenklichen  Einfluß  auf  unfre  sozialen  Zustände  bleiben  werden.
Allerdings  haben  wir  kein  Proletariat  in  der  Ausdehnung  wie  England,
Belgien  und  Frankreich.  Die  Arbeiterbevölkerungen  sind  auf  verhältnismäßig
  wenige  einzelne  Punkte  zusammengedrängt,  und  große  Teile  von
Deutschland,  wie  namentlich  Bayern,  haben  vorzugsweise  eine  ruhige  Ackerbaubevölkerung.
  Bei  den  Fortschritten  der  Industrie  wird  aber  auch  die
Arbeiterbevölkerung  an  Zahl  zunehmen  und  einen  um  so  nachteiligeren
Einfluß  auf  die  sozialen  und  politischen  Zustände  ausüben,  je  tiefer  in
dieselbe  eine  halbe,  falsche  und  subversive  Bildung  eingedrungen  ist.

Was  die  politischen  Zustände  betrifft,  so  löst  sich  in  Deutschland  im
gegenwärtigen  Augenblick  alles  in  die  schleswig-holsteinsche  Frage  auf.  Daß
diese  Frage  eine  so  große  Bedeutung  erlangen  konnte,  hat  seinen  Grund
zunächst  in  dem  Umstand,  daß  die  Deutschen  ein  Rechtsvolk  sind,  daß
Rechtsfragen  stets  den  größten  Anklang  finden,  wie  denn  Prozesse  in
manchen  Gegenden  von  Deutschland  zu  den  erheiternden  Beschäftigungen
in  der  Erholungszeit  des  Landmanns  gehören.  Abgesehen  aber  hiervon
fühlt  jeder  in  Deutschland  die  tiefere  Bedeutung  der  schleswig-holsteinschen
Frage  für  unfre  inneren  Zustände.  Jeder  weiß,  daß  in  jener  Frage  die
deutsche  Frage  entschieden  wird.  Im  Anfang  hatte  es  den  Anschein,  als
wenn  die  deutschen  Mittelstaaten,  die  eigentlich  reindeutschen  Staaten,
durch  die  schleswig-holsteinsche  Sache  zu  einer  größeren  politischen
Geltung  gelangen  könnten.  Hier  liegt  der  Grund,  warum  diese  Frage
in  den  deutschen  Ländern  außerhalb  Preußens  und  Oesterreichs  eine
größere  Bewegung  hervorgerufen  hat.

Wer  die  Erschütterungen,  welche  Deutschland  in  den  letzten  fünfzig
Jahren  bewegt  haben,  aufmerksam  beobachtet,  wird  finden,  daß  deren
eigentliches  Motiv  in  der  Unzufriedenheit  der  Bewohner  der  Mittelstaaten
und  Kleinstaaten,  einer  Bevölkerung  von  ungefähr  neunzehn  Millionen
Menschen,  zu  finden  ist,  die  sich  von  der  Teilnahme  an  den  Geschicken
        <pb n="152" />
        142  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Europas  ausgeschlossen  sehen.  Diese  Bevölkerung  der  Mittelstaaten  und
Kleinstaaten  Deutschlands  sieht  sich  in  dem  Zustand  großjährig  gewordener
Männer,  denen  die  Verwaltung  ihrer  eignen  Angelegenheiten  vorenthalten
wird.  Ein  solcher  Zustand  wird  auf  die  Dauer  unerträglich.  Man  hat
dagegen  eingewendet,  der  materielle  Zustand  der  Mittelstaaten  sei  ein
befriedigender,  und  es  sei  eine  Torheit,  einen  andern  Zustand  anzustreben,
in  welchem  jedenfalls  größere  materielle  Opfer  als  die  bisherigen  erfordert
würden.  Allein  dieser  Ehrgeiz  oder,  um  es  besser  auszudrücken,  dieses
Bedürfnis  nach  Ehre  und  Ansehen  ist  ein  Zeichen  der  Lebensfähigkeit  des
deutschen  Volks,  das  Ehre  und  Ansehen  höher  stellt  als  das  bloße  materielle
Genügen.  Um  also  aus  diesem  Zustande  herauszukommen,  hat  man  im
Jahre  1848  die  sogenannte  deutsche  Einheit  angestrebt.  Denn  diese  Bewegung
  begann  in  Südwestdeutschland.  Sie  hat  sich  als  unpraktisch
erwiesen,  da  weder  Oesterreich  noch  Preußen  sich  einer  idealen  Macht
unterwerfen  konnten.

Eine  Partei  hat  sodann  die  preußische  Hegemonie  durchführen  wollen.
Sie  ist  an  dem  Ablehnen  des  preußischen  Königshauses  gescheitert.

Jenes  obenerwähnte  Streben  blieb  aber  bestehen,  weil  es  auf  einer
tatsächlichen  Grundlage  beruhte.  So  fand  sich  die  schleswig-holsteinsche
Frage,  die  den  deutschen  Mittelstaaten  und  Kleinstaaten,  wenn  sie  sich
hätten  einigen  können,  die  Möglichkeit  gewährt  hätte,  eine  politische  Stellung
in  Europa  zu  erringen.  Das  Volk  glaubte  den  Augenblick  gekommen  und
drängte  die  Regierungen.  Diese,  uneinig  und  unfähig,  ließen  den  günstigen
Augenblick  vorübergehen.  Als  nun  die  deutschen  Großmächte  die  Sache
in  die  Hand  nahmen,  schwanden  die  politischen  Hoffnungen,  welche  das
süddeutsche  Volk  an  die  schleswig-holsteinsche  Sache  geknüpft  hatte,  ohne
daß  aber  das  Interesse  an  der  Sache  abnahm.  Nun  wandte  sich  die
öffentliche  Meinung  wieder  mehr  Preußen  zu,  da  man  die  Hoffnung  hegt,
Preußen  werde  nach  den  kriegerischen  Erfolgen  die  Rechte  der  Herzogtümer
nicht  untergehen  lassen.

Das  deutsche  Volk  hat  seit  1848  in  der  politischen  Bildung  Fortschritte
gemacht,  es  hat  insbesondere  warten  gelernt.  Es  hat  gelernt,  daß  man
in  politischen  Dingen  nicht  mit  dem  Kopfe  durch  die  Wand  rennt.  Es  ist
aber  bei  dieser  Lage  der  Sache  und  bei  der  in  Deutschland  durchgängig
herrschenden  Stimmung  unausbleiblich,  daß  die  Folgen  einer  das  Rechtsbewußtsein
  des  Volks  verletzenden  Lösung  der  schleswig-holsteinschen  Frage
für  Deutschland  und  insbesondere  für  die  Existenz  der  Mittelstaaten  und
Kleinstaaten  von  den  bedenklichsten  Folgen  sein  würde.  Nicht  daß  daraus
ein  sofortiger  revolutionärer  Ausbruch  hervorgehen  könnte.  Dazu  ist  die
Masse  des  Volks  zu  ruhig  und  zu  schwer  erregbar.  Aber  es  würde  eine
Mißachtung  der  Regierungen,  denen  man  einen  großen  Teil  der  Schuld
        <pb n="153" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  143

zuschieben  würde,  weil  sie  nicht  rechtzeitig  eingegriffen,  eine  langsame,
schleichende  Unzufriedenheit  entstehen,  die  auf  die  Dauer  zu  einer  Untergrabung
  der  Existenz  der  Dynastien  dieser  Staaten  führen  müßte.

Dies  erkennen  auch  die  Staatsmänner  dieser  Staaten  vollkommen  an,
und  hieraus  erklärt  es  sich,  daß  konservative  Männer  wie  Beust  und
Pfordten  in  dieser  Frage  mit  der  Bewegungspartei  gehen.

Wenn  ich  mich  nicht  täusche,  ist  man  auch  in  Preußen  zu  dieser
Ueberzeugung  gelangt.  Denn  was  die  Mittelstaaten  und  Kleinstaaten  zugrunde
  richten  würde,  müßte  auch  in  Preußen,  wenn  auch  erst  später,
verderbliche  Folgen  herbeiführen.  Denn  Preußen  ist  ein  deutsches  Land,
und  seine  Regierung  muß,  mag  sie  wollen  oder  nicht,  auf  die  Strömung
der  öffentlichen  Meinung  Rücksicht  nehmen,  während  Oesterreich  als  vorherrschend
  flawischer  Staat  auf  seine  deutsche  Bevölkerung  und  deren
Stimmung  wenig  Rücksicht  zu  nehmen  pPflegt  und  es  auch  nicht  nötig  hat.
Die  schleswig-holsteinsche  Frage  ist  also  eine  Rechtsfrage  für  das  Volk,
eine  Machtfrage  für  die  Regierungen  und  eine  Existenzfrage  für  den  Bund,
das  heißt  für  die  Mittelstaaten  und  Kleinstaaten.  Ich  bitte  Eure  Mcjestät
um  Entschuldigung,  so  weitläufig  in  einer  Sache  gewesen  zu  sein,  über
die  Eure  Majestät  ohne  Zweifel  besser  unterrichtet  sind  als  ich.  Meine
Berichte  können  selbstverständlich  keine  politischen  Neuigkeiten  bringen,  da
ich  den  Zentralpunkten  der  europäischen  Politik  fernstehe.  Sie  sollen  nur
der  Ausdruck  der  politischen  Meinung  der  gebildeten  Klasse  in  Deutschland
sein,  und  als  solche  bitte  ich  meine  Darstellung  im  allgemeinen  nachsichtig
beurteilen  zu  wollen.

München,  15.  April  1865.

Eure  Majestät  wollen  gnädigst  entschuldigen,  wenn  ich  dem  im  Mai
vorigen  Jahres  vorgelegten  Berichte  erst  jetzt  einen  zweiten  folgen  lasse.
Mein  Aufenthalt  im  österreichischen  Gebirge  und  die  Entfernung  vom
Schauplatze  der  Politik  während  des  vergangenen  Sommers  machte  es
mir  schwer,  ein  Urteil  über  die  politischen  Dinge  in  Deutschland  abzugeben.
Seitdem  ich  hierher  zurückgekehrt  bin,  habe  ich  öfters  versucht,  das  Versäumte
  nachzuholen,  ich  fand  aber,  daß  ich,  sowie  ich  zu  schreiben  anfing,
in  den  widerwärtigen  Stil  unfrer  Zeitungen  geriet  und  konnte  mich  nicht
entschließen,  das  Geschriebene  Eurer  Majestät  vorzulegen.

Ich  muß  es  nun  aber  dennoch  wagen,  auch  auf  die  Gefahr  hin,  durch
meine  Darstellung  einen  ungünstigen  Eindruck  zu  machen,  die  Fortsetzung
meiner  politischen  Beobachtungen  einzusenden,  die  am  Ende  doch  größtenteils
  Resultate  der  Lektüre  von  Zeitungen  und  Zeitschriften  sein  können,
weshalb  ich  um  gnädige  nachsichtige  Beurteilung  bitte.  Die  Frage,  welche
im  vergangenen  Frühjahr  noch  ganz  Deutschland  in  Aufregung  hielt,  ist
        <pb n="154" />
        144  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

in  den  Hintergrund  getreten.  Es  wird  zwar  noch  viel  von  Schleswig-Holstein
  gesprochen  und  geschrieben,  allein  die  Teilnahme  im  Volk  hat  sich
vermindert.  Es  beweist  dies  die  Richtigkeit  meiner  früheren  Behauptung,
daß  das  Interesse  für  die  Herzogtümer,  welches  sich  im  vorigen  Jahre  in
so  stürmischer  Weise  kundgab,  weniger  der  schleswig-holsteinschen  als  der
deutschen  Frage  galt,  welche  bei  diesem  Konflikt  zur  Lösung  zu  kommen
versprach.  Nachdem  nun  die  Sache  eine  Frage  der  Macht  und  des  Einflusses
  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  geworden  ist,  hat  sich  die  aufgeregte
  Stimmung  der  Massen  gelegt  oder  eine  andre  Richtung  genommen.
Allerdings  trägt  zu  dieser  Beruhigung  auch  die  Befriedigung  bei,  die  man
darüber  empfindet,  daß  die  Herzogtümer  aufgehört  haben,  dänisch  zu  sein,
aber  dies  hindert  nicht,  daß  sich  in  den  süddeutschen  Staaten  mehr  und
mehr  das  Gefühl  der  Mißstimmung  verbreitet  über  die  passive  Rolle,  zu
welcher  diese  Staaten  bei  der  die  deutschen  Interessen  berührenden  Frage
verurteilt  sind.

Dieses  Gefühl  teilen  Regierungen  und  Volk  in  gleichem  Maße,  und
es  erscheint  deshalb  für  die  Regierungen  notwendig,  die  Mittel  zu  suchen,
aus  dieser  Lage  herauszukommen.  Bayrische  Staatsmänner  sehen  die
Rettung  in  der  sogenannten  Trias,  d.  h.  in  dem  festeren  Zusammenschluß
der  Mittelstaaten  und  deren  Organisation  zu  einem  Bundesstaat  unter  der
Hegemonie  Bayerns.  Ein  Bundesstaat,  der  mit  Oesterreich  und  Preußen
zusammen  den  eigentlichen  Deutschen  Bund  zu  bilden  hätte.

Der  Verwirklichung  dieser  Idee  treten  aber  noch  viele  zunächst  unübersteigliche
  Hindernisse  entgegen.  Zunächst  die  Abneigung  der  verschiedenen
Dynastien,  auf  einen  Teil  ihrer  Souveränitätsrechte  zugunsten  desjenigen
Herrscherhauses  zu  verzichten,  welches  an  die  Spitze  des  engeren  Bundes
zu  treten  hätte.  Ich  glaube,  daß  weder  der  König  von  Sachsen  noch  der
König  von  Württemberg  Lust  haben  werden,  zugunsten  unseres  jugendlichen
Königs  auf  irgendein  Recht  zu  verzichten.  Auch  der  König  von  Hannover
wird  dazu  keine  Neigung  verspüren.

Ein  zweites  Hindernis  bildet  die  Abneigung  der  demokratischen  Partei
gegen  den  Triasgedanken.  Die  süddeutsche  und  mitteldeutsche  Demokratie
gehört  zum  Teil  dem  Nationalverein  an  und  erstrebt  in  diesem  die  Organisation
  eines  deutschen  Bundesstaats  unter  der  Führung  Preußens.  Die
Regierung  des  Herrn  von  Bismarck  halten  sie  für  ein  vorübergehendes
Uebel,  nach  dessen  Entfernung  der  Gedanke  doch  zur  Ausführung  kommen
werde.  Die  übrigen  Demokraten  sind  bewußte  oder  unbewußte  Republikaner,
  die  auf  die  Zeit  warten,  wo  ein  demokratischer  Sturm  des  Kontinents
die  Throne  erschüttern  und  die  glücklichen  Zeiten  einer  konstituierenden
Nationalversammlung  für  ganz  Deutschland  wiederbringen  werde.  Bei
der  Abneigung  gerade  dieses  Teils  der  öffentlichen  Meinung,  die  sich  am
        <pb n="155" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  145

entschiedensten  zur  Geltung  zu  bringen  weiß,  ist  eine  Reform  der  Bundesverfassung
  in  der  angedeuteten  Richtung  sehr  schwierig.

Ein  drittes  Hindernis  für  die  bayrische  Idee  liegt  in  der  Abneigung
Oesterreichs  und  Preußens  gegen  die  Trias.  In  Oesterreich  will  man  die
Aufrechterhaltung  des  Bundes,  wie  er  ist,  und  widerstrebt  auch  aus  dem
Grunde  der  Bildung  einer  dritten  Staatengruppe,  weil  in  derselben  protestantische
  und  katholische  Staaten  in  Verbindung  gebracht  werden,  ein
Gedanke,  der  den  Ultramontanen  unangenehm  ist.  Vielleicht  vertraut  man
auch  in  Wien  auf  den  Zerfall  des  ganzen  Deutschen  Bundes,  um  dann
aus  den  abfallenden  Stücken  die  österreichische  Monarchie  gegen  die  deutschen
Grenzen  hin  besser  zu  arrondieren.  Ich  bin  in  die  Geheimnisse  der  Wiener
Hof=  und  Staatskanzlei  zu  wenig  eingeweiht,  um  darüber  ein  Urteil  zu
haben.

Die  preußische  Politik  sieht  in  der  Trias  sowohl  eine  Beeinträchtigung
der  preußischen  Hegemonie  über  Deutschland  als  auch  ein  Hindernis  der
Vergrößerung  Preußens  im  Norden  von  Deutschland.  Hier  werden  also
die  bayrischen  Gedanken  auf  entschiedenen  Widerspruch  stoßen.

Ich  fürchte  daher,  daß  die  Mittelstaaten  dazu  verdammt  sein  werden,
nach  wie  vor  in  dem  gegenwärtigen  Zustand  zu  verbleiben,  bis  sie  einmal
in  einem  großen  europêäischen  Konflikt  als  Opfer  von  notwendigen  Territorialveränderungen
  fallen  werden.

Mir  scheint  dieser  Zustand  beklagenswert  nicht  allein  im  Interesse  der
bedrohten  Staaten,  sondern  sogar  im  Interesse  der  deutschen  Großmächte
selbst.  Oesterreich  bedarf  keiner  Territorialvergrößerungen.  Eine  geordnete
innere  Verwaltung  und  geregelte  Finanzen  sind  ihm  zu  allen  Zeiten  nötiger
und  genügen,  um  seine  Macht  dauernd  zu  begründen,  insbesondere  wenn
dazu  natürliche  Allianzen  kommen.  Preußen  könnte  seinen  deutschen  Bundesstaat
  nur  infolge  einer  ganz  besonders  günstigen  Konstellation  der  europäischen
  Lage  ausführen  und  nur  dann,  wenn  Oesterreich  von  der  Karte  von
Europa  verschwände.  Die  politische  Lage  von  Europa  war  im  Jahre  1848
der  Durchführung  des  Bundesstaats  günstig.  Man  hat  damals  in  Preußen
die  Gelegenheit  nicht  benutzt.  Eine  solche  Gelegenheit  wird  so  bald  nicht
wiederkommen.  Oesterreich  wird  trotz  Italien,  trotz  schlechter  Finanzen
und  trotz  Konkordat  nicht  von  der  Karte  von  Europa  verschwinden.  Die
Vorbedingungen  des  Zustandekommens  eines  deutsch-preußischen  Bundesstaats
  werden  also  noch  lange  nicht  gegeben  sein.  Unterdessen  kann  aber
der  gegenwärtige  Zustand  des  Deutschen  Bundes  zu  der  heillosesten  Konfusion
  führen,  zu  einer  Verwirrung,  die  ihre  Schwingungen  auch  nach
Wien  und  Berlin  tragen  würde.

Aus  diesem  Grunde  würde  ich  es  im  Interesse  von  Oesterreich  und

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdtgkeiten.  1  10
        <pb n="156" />
        146  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Preußen  für  zweckmäßig  halten,  wenn  diese  Staaten,  den  gegebenen  tatsächlichen
  Verhältnissen  Rechnung  tragend,  sich  nicht  allein  der  Konstituierung
der  dritten  Staatengruppe  nicht  entgegenstellten,  sondern  ihren  Einfluß
geltend  machten,  um  dieselbe  formell  zustande  zu  bringen.  Unter  diesem
Einfluß  würde  sowohl  die  Abneigung  der  einzelnen  deutschen  Souveräne
in  den  Hintergrund  treten,  als  auch  die  Sympathien  und  Antipathien  der
demokratischen  Partei  an  Bedeutung  verlieren.  Ich  glaube,  die  deutschen
Großmächte  würden  damit  die  Ruhe  von  Deutschland  und  Europa  auf
lange  Jahre  sichern,  indem  sie  eine  Hauptursache  der  Unruhe  und  Unzufriedenheit
  in  Deutschland  beseitigten.

Ich  sehe  keine  andre  Lösung  des  deutschen  Rätsels.  Man  wird  nie
zum  Ziel  kommen,  wenn  man  den  tatsächlichen  Verhältnissen  nicht  die
nötige  Rechnung  trägt.  Zu  diesen  gehört  vor  allem  der  indioviduelle
Charakter  der  deutschen  Volksstämme  und  die  Zähigkeit,  mit  der  sie  an
ihren  Stammeseigentümlichkeiten  festhalten.  Das  Gleichmachen  in  politischer
  und  sozialer  Beziehung  geht  in  Frankreich  und  Italien,  wo  der
Nationalcharakter  eine  größere  Gleichförmigkeit,  weniger  individuelle  Selbständigkeit
  hat.  Wie  aber  in  Deutschland  die  Volksstämme  noch  deutlich
zu  unterscheiden  sind,  in  die  sich  Deutschland  in  der  Zeit  Karls  des
Großen  teilte,  wie  noch  heute  die  Württemberger  den  alemannischen  und
suevischen,  die  Bayern  den  bojoarischen  Charakter  beibehalten  haben,  wie
man  das  lebhafte  Wesen  der  Franken  in  Mitteldeutschland,  das  gemessene
und  tüchtige  der  Sachsen  unter  der  westfälischen  und  hannoverschen  Bevölkerung
  erkennt,  so  hat  im  allgemeinen  das,  was  man  gewöhnlich  Partikularismus
  nennt,  in  dem  deutschen  Nationalcharakter  seine  feste  Wurzel
und  ist  mit  Theorien  nicht  auszutilgen.

Da  wo,  wie  in  Preußen  und  Oesterreich,  der  Einfluß  der  Slawen
sich  geltend  gemacht  hat,  ja  teilweise  überwiegend  vorherrscht,  ist  die  staatliche
  Vereinigung  und  Gleichmachung  leicht  gewesen.  In  dem  von  dem
slawischen  Elemente  unberührten  Teile  des  südlichen  und  westlichen  Deutschlands
  ist  die  Zersplitterung  geblieben,  weil  sie  durch  den  Volkscharakter
bedingt  ist.  Diese  Staaten  zu  einer  nur  einigermaßen  praktischen  föderativen
Verbindung  zusammenzubringen,  wird  schwer,  aber  immer  noch  leichter  sein,
als  sie  einem  Staat  wie  Preußen  oder  Oesterreich  in  irgendwelcher  Form,
ob  staatlich  oder  bundesstaatlich,  zu  inkorporieren.  In  politischen  Dingen
ist  aber  immer  nur  das  Mögliche  zu  erstreben,  so  schmerzlich  es  sein  mag,
liebgewordene  theoretische  Pläne  aufzugeben.

Wenn  ich  schließlich  zusammenfassen  soll,  womit  sich  zurzeit  das
Publikum  in  Deutschland  beschäftigt,  was  den  Gegenstand  der  Unterhaltung
politisch  gebildeter  und  ungebildeter  Menschen  ausmacht,  so  sind  dies
folgende  Punkte:
        <pb n="157" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  147

1.  die  päpstliche  Enzyklika,  1)  die  im  allgemeinen  unter  den  deutschen
Katholiken  keinen  günstigen  Eindruck  gemacht  hat,

2.  die  Frage,  wer  in  Preußen  bei  dem  Kampfe  zwischen  Regierung
und  Volk  den  Sieg  davontragen  wird,

3.  die  damit  zusammenhängende  Lösung  der  schleswigholsteinschen
Frage,  ob  der  Herzog  Friedrich  selbständiger  Monarch  von  Schleswig-Holstein
  oder  dieses  preußische  Provinz  werden  wird,

4.  der  amerikanische  Krieg.  Dieser  greift  besonders  in  Süddeutschland
  tief  in  die  materiellen  Interessen  ein.  Nicht  allein  leiden  unsre  Baumwollspinnereien
  in  einer  Weise,  die  deren  Existenz  in  Frage  stellt,  sondern
auch  die  Kapitalbesitzer,  die  ihr  Geld  in  amerikanischen  Papieren  angelegt
haben,  sehen  mit  Spannung  auf  die  Entwicklung  des  Kriegs  und  ersehnen
den  endlichen  Frieden  und  den  Sieg  der  Nordstaaten.  Dazu  kommt,  daß
die  Sympathie  der  demokratischen  Bevölkerung  Süddeutschlands  aus  politischen
  Gründen  auf  seiten  der  Nordstaaten  steht.

Was  endlich  Bayern  betrifft,  so  kann  ich  die  Bemerkung  nicht  unterdrücken,
  daß  wir  den  liebenswürdigsten  Monarchen  haben,  der  mir  noch
je  vor  Augen  gekommen  ist.  Er  ist  eine  durchaus  edle,  poetische  Natur.
Sein  Wesen  ist  so  außerordentlich  einnehmend,  weil  man  fühlt,  daß  seine
Höflichkeit  der  Ausdruck  eines  wohlwollenden  Herzens  ist.  Dabei  fehlt  es
ihm  nicht  an  Verstand  und  Charakter.  Ich  hoffe,  daß  die  Aufgaben,
welche  ihm  während  seiner  Regierung  bevorstehen,  nicht  seine  Kräfte  übersteigen
  möchten.

Die  vorstehenden  Aufzeichnungen  des  Fürsten  über  seine  Reisen  und
über  politische  Eindrücke  geben  kein  Bild  von  dem  reichen  und  glücklichen
Familienleben  des  Schloßherrn  auf  Schillingsfürst,  das  sich  gerade  in  dieser
ruhigen  Periode  von  1853  bis  1866  stetig  entwickelte.  Am  30.  November
1847  war  dem  fürstlichen  Paare  die  älteste  Tochter  Elisabeth  geboren,
am  6.  Juli  1851  die  Prinzessin  Stephanie.  Am  5.  Juni  1853  wurde
ihm  der  Stammhalter  geschenkt,  der  jetzt  regierende  Fürst  Philipp  Ernst.
Ein  am  14.  Oktober  1857  geborener  Sohn  Albert  wurde  den  Eltern  im
Frühling  1866  durch  die  Diphtheritis  entrissen.  Endlich  wurden  am  6.  August
1862  die  Zwillinge  Prinzen  Moritz  und  Alexander  geboren.

Im  Jahre  1858  erwarb  der  Fürst  das  Haus  an  der  Briennerstraße
in  München,  welches  er  dann  während  der  Sitzungen  des  Reichsrats  mit
seiner  Familie  bewohnte.  Im  Jahre  1865  kaufte  er  ein  Bauernhaus  in

 

1)  Die  Enzyklika  „Kuanta  Cura“  vom  8.  Dezember  1864  mit  dem  „Syllabus“.
        <pb n="158" />
        148  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Alt-Aussee  in  Steiermark,  das  er  zu  einer  Villa  umbauen  ließ.  Dort
pflegte  die  Familie  seitdem  einen  Teil  des  Sommers  zu  verbringen.  In
der  Erziehung  der  Kinder  unterstützte  die  Eltern  die  jüngste  Schwester  des
Fürsten,  Prinzessin  Elise,  welche  bis  zu  ihrer  Vermählung  mit  dem  Prinzen
zu  Salm-Horstmar  im  Jahre  1868  im  Hause  des  Bruders  ihre  Heimat
hatte.  Aus  ihren  Briefen,  deren  Einsicht  dem  Herausgeber  freundlichst
gewährt  wurde,  seien  hier  einige  kurze  Notizen  mitgeteilt,  welche  das
Leben  und  den  Geist  des  Hauses  beleuchten.  Die  Prinzessin  Amalie,  die
Vertraute  der  Jugend  des  Fürsten,  heiratete  1857  gegen  den  Wunsch
der  Familie  den  Hofmaler  Richard  Lauchert.  Die  hierdurch  herbeigeführte
zeitweilige  Entfremdung  dauerte  nur  wenige  Jahre.  Die  Prinzessin  Salm
schreibt  darüber:  „Später  hat  sich  meine  Schwester  mit  allen  Brüdern
wieder  ganz  ausgesöhnt  und  hat  auch  mit  meinem  Bruder  Chlodwig
wieder  schöne  Stunden  verlebt.  Die  Brüder  sahen  ein,  daß  der  treffliche
Mann,  um  dessentwillen  sie  alles  verlassen  hatte,  ihrer  wert  war.  Er
war  nicht  nur  ein  talentvoller  Künstler,  sondern  ein  vorzüglicher,  zuverlässiger
  Charakter.  Leider  ist  er  schon  1868  gestorben,  sie  waren  nur
11  ½  Jahre  verheiratet.“

Ueber  das  Verhältnis  des  Fürsten  zu  seinen  Geschwistern  schreibt  die
Prinzessin:  „Alle  Geschwister  haben  in  allen  zweifelhaften  Fällen  bei  ihm  ihre
Zuflucht  gesucht.  Die  große  Klarheit  und  Ruhe,  der  Ernst  und  die  brüder-—
liche  Liebe.  die  man  immer  spürte,  gaben  seinen  Ratschlägen  ein  großes
Gewicht.  Unsrer  Mutter  Milde  war  in  Amalie  und  Chlodwig  übergegangen.
  Er  hatte  Akten  angelegt  über  jedes  seiner  Geschwister,  um  die
Fäden  ihrer  Angelegenheiten  jederzeit  wieder  anknüpfen  zu  können.  Wenn
man  in  Schillingsfürst  in  seinem  kleinen  Schreibkabinett  saß,  er  an  seinem
Schreibtisch  und  eines  von  uns  auf  einem  kleinen  Fauteuil  daneben,  wenn
er  von  seiner  Arbeit  aufsah  und  sich  gleich  in  die  Angelegenheit  vertiefte,
die  man  ihm  vortrug  —  das  ist  eine  unbeschreibliche  Erinnerung,  man
spürt  noch  heute  seinen  durchdringenden  Blick.“  „Chlodwig,"  heißt  es  in
einem  Briefe  der  Prinzessin  aus  dem  Jahre  1852,  „muß  ich  immer  mehr
bewundern,  wie  ruhig,  uneigennützig  und  geduldig  er  handelt.  Man  mag
sagen,  was  man  will,  über  „männliche  Energie,  kräftiges  Auftreten“  u.  s.  w.
—  das  ist  alles  recht  schön,  aber  „a  noble  mind“  und  ga  refined  one“
geht  über  alles  und  ist  besser  allein,  ohne  jene  Eigenschaften,  als  umgekehrt.
Heute  sprach  er  sich  wieder  einmal  über  das  Heiligste  aus.  Ich  weiß
nicht,  was  mir  das  für  einen  eignen  Eindruck  macht,  wie  es  mich  bewegt,
wenn  ich  aus  seinem  Munde  den  Namen  „Christus“  höre,  das  ist  so  tiefgefühlt,
  wenn  es  von  ihm  kommt.“

Ueber  die  Lage  von  Schillingsfürst  schreibt  die  Prinzessin:  „Im
Sommer  war  das  Leben  dort  anziehend  durch  die  weite  Aussicht,  die
        <pb n="159" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  149

großartige  Stille  oben  auf  dem  Berge,  den  Sonnenglanz,  der  die  großen
Zimmer  durchleuchtete,  und  die  glorreichen  Sonnenuntergänge.  Die  Nähe
von  Langenburg,  wo  damals  noch  der  Fürst  Ernst,  Bruder  meiner  Mutter
und  Vater  des  jetzigen  Statthalters,  wohnte,  ein  Mann  von  alter  ritterlicher
  Art  mit  seiner  geistvollen  und  schönen  Gemahlin,  !)  war  für  uns
von  großem  Wert.  Nähere  adelige  Nachbarschaft  gab  es  nicht,  so  daß
Schillingsfürst  doch  im  ganzen  ein  einsamer  Ort  genannt  werden  konnte.
Für  meine  liebe  Schwägerin,  die  von  Jugend  her  so  etwas  nicht  gewohnt
war,  war  dies  in  mancher  Beziehung  schwer,  zumal  die  trockene  Luft,  der
Mangel  eines  Flusses  und  der  scharfe  Wind,  ohne  den  Schillingsfürst
selten  war,  ihrer  Gesundheit  nicht  zuträglich  schien.  Dies  veranlaßte
öftere  Badereisen  nach  Schwalbach  und  Schlangenbad  oder  an  die  See.
Auch  nach  Rauden  bei  Ratibor,  nach  England  und  später  auch  nach  Wien:)
wurden  öfters  Reisen  unternommen.  Meines  Bruders  eigentlicher  Natur
war  dies  viele  Hin=  und  Herreisen  nicht  sympathisch.  Aber  er  nahm  von
allem  das  Beste  heraus,  machte  überall  interessante  Notizen,  hatte  mit
allen  Menschen  lehrreiche  Gespräche  und  stellte  sein  eignes  Ich  immer  in
den  Hintergrund.

Von  allen  seinen  Reisen  und  Aufenthaltsorten  machte  mein  Bruder
an  den  Winterabenden  in  Schillingsfürst  Zeichnungen  in  ein  großes
flaches  Buch.  Er  hatte  dabei  das  jüngste  Kind  auf  dem  Schoße,  die
älteren  standen  daneben,  und  alle  schauten  mit  größter  Begier  in  das  Buch,
in  welchem  sie  ihre  eignen  Porträts  in  den  verschiedensten  Situationen
und  die  Porträts  ihrer  Eltern,  Verwandten  und  Dienstboten  unter  der
Hand  ihres  Vaters  entstehen  sahen.  Es  entstanden  auf  diese  Weise  viele
Bücher,  welche  eine  ganze  Familiengeschichte  enthalten.

Mein  Bruder  liebte  die  Jagd  und  war  ein  geschickter  Schütze,  aber
es  geschah  mit  Maß.  In  seinen  letzten  Jahren  im  Reichskanzlerpalais
sagte  er  einmal  zu  mir:  Ich  kann  keine  Geweihe  mehr  sehen,  denn  die
Jagd  ist  eine  Abgötterei  geworden.“

Zur  Ergänzung  der  Mitteilungen  der  Prinzessin  Elise  mögen  die
folgenden  Aufzeichnungen  der  Schwägerin  des  Fürsten,  Prinzessin  Konstantin
  zu  Hohenlohe,  dienen,  welche  nicht  das  häusliche,  sondern  das  gesellschaftliche
  Leben  des  Fürsten  betreffen.

„Mein  Schwager  Chlodwig,“  schreibt  die  Prinzessin,  „erschien  mir
stets  als  ein  Uebergangscharakter,  der,  tief  in  den  feudalen  Anschauungen
der  Reichsunmittelbaren  wurzelnd,  ein  intuitives  lebhaftes  Verständnis  für

 

1)  Siehe  Seite  84.
)  Siehe  Seite  99.
        <pb n="160" />
        150  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

alle  liberalen  Strebungen  hatte,  die  erst  in  unsrer  modernsten  Zeit  zum
Durchbruch  gekommen  sind.  Seiner  milden  Lebensphilosophie  war  es  gegeben,
  Schroffheiten  abzustumpfen,  Gegensätze  zu  vermitteln.  Ob  die
Gegensätze  in  der  eignen  Brust  ihn  nicht  oft  schmerzlich  erschütterten,  hat
er  in  undurchdringliches  Schweigen  gehüllt.  Mir  erschien  seine  unwandelbare
  Ruhe  nur  eine  Folge  der  Selbstüberwindung  nach  langen  Seelenkämpfen.


Er  nahm  sich  mit  väterlicher  Fürsorge  seines  jüngsten  Bruders  Konstantin
  an,  der  zur  Zeit  des  Todes  der  geliebten  Mutter  kaum  dem  Knabenalter
  entwachsen  war.  Er  und  seine  Frau  vermittelten  auch  unfre  Heirat,
und  Marie  freute  sich,  eine  Cousine  in  ihren  engeren  Familienkreis  zu  bringen.
Als  solche  hat  sie  mich  stets  bevorzugt.  Sie  kamen  auch  alle  Jahre,  uns
als  junges  Ehepaar  zu  besuchen.  Die  damals  so  exklusive,  vornehme  und
glänzende  Wiener  Gesellschaft  übte  auf  meine  Schwägerin  einen  unwiderstehlichen
  Reiz.  Ihr  Mann  war  weniger  dafür  empfänglich,  aber  wie
immer  wollte  er  kein  Störenfried  sein  und  beteiligte  sich  mit  heiterer
Resignation  an  allen  prunkvollen  Festen,  auf  denen  die  schöne  Erscheinung,
der  kostbare  Schmuck  seiner  geliebten  Fürstin  Aufsehen  erregten.  Oft  begleitete
  er  mich  in  eine  Vorlesung,  die  mich  interessierte,  während  die
beiden  übermütigeren  Ehehälften  sich  in  einer  Offenbachschen  Operette
besser  unterhielten.  In  den  Jahren  1866  bis  1870  änderten  sich  diese
harmlosen  Beziehungen,  denn  Chlodwigs  bekannte  politische  Gesinnungen
und  sein  Erlaß  gegen  das  Konzil  erregten  großes  Mißfallen  in  Wien.
Das  machte  meinem  Mann  große  Sorgen,  der  selbst  seines  Bruders  politisches
  Vorgehen  lebhaft  mißbilligte.  Doch  Chlodwigs  kamen  nach  wie
vor.  Sie  wollten  sich  naiv  ihren  Anteil  an  dem  gewohnten  festlichen
Treiben  nicht  schmälern  lassen,  und  er  tat,  als  merke  er  nicht  die  kühle
Steifheit,  mit  der  man  ihm  begegnete,  lächelte  höchstens,  wenn  einer  gar
zu  plump  sich  seiner  Begrüßung  entzog.  Seine  würdige  verschlossene
Haltung  hielt  jeden  direkten  Angriff  ab,  so  daß  jede  peinliche  Erörterung
unterbleiben  mußte.  Unser  Kaiser  war  ihm  stets  freundlich  gesinnt,  was
in  den  letzten  Jahren  der  Elsässer  Statthalterschaft  und  des  Reichskanzlertums
  sich  bis  zur  Herzlichkeit  steigerte.  Der  Kaiser  bedauerte,  das  Goldene
Vlies  nicht  dreien  Brüdern  Hohenlohe  gleichzeitig  verleihen  zu  können.
Außer  meinem  Manne  hatte  auch  der  älteste  Bruder  Ratibor  das  Vlies
erhalten,  weil  er  sich  stets  tatkräftig  österreichischer  Interessen  in  Berlin
annahm.  Gleich  nach  dem  Tode  des  Herzogs  von  Ratibor  wurde  Chlodwig
  durch  das  Goldene  Vlies,  diesen  exklusiosten  aller  Orden,  ausgezeichnet.
Wir  hatten  viele  gemütliche  Begegnungen  im  einsamen  Wildalpen,  wo
mein  Mann  eine  der  schönsten  Gemsjagden  unfrer  Monarchie  gepachtet
hatte.  Meine  Schwägerin  flammte  auf  in  leidenschaftlicher  Erregung  für
        <pb n="161" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  151

dies  neue  edle  Weidwerk.  Ihr  Gatte  kam  seinem  Weidmannsberufe
stets  korrekt  nach,  aber  mit  viel  geringerer  Passion.  Er  nahm  lateinische
Klassiker  auf  seinen  Stand  mit,  was  meine  Söhne,  die  damals  noch  im
Gymnasium  schwitzten,  mit  Staunen  erfüllte.  Ich  erinnere  mich,  daß  ich
einmal  in  den  letzten  Jahren  auf  dem  Stand  mit  ihm  war.  Um  uns
die  lange  Wartezeit  abzukürzen,  rezitierte  er  mir  aus  dem  Gedächtnis  ohne
Stocken  die  längsten  und  schönsten  Gedichte.  In  unfrer  poetischen  Begeisterung
  verpaßte  er  denn  auch  die  Gemsböcke,  die  ihm  zugetrieben
waren.  Zum  Schlusse,  als  wir  schon  aufbrechen  sollten,  fesselte  ihn  eine
Meise,  die,  von  all  dem  Geknatter  und  Geknalle  erschreckt,  ängstlich  Schutz
bei  ihm  suchte.  Wir  verspäteten  uns  beträchtlich,  da  er  damals  schon  sehr
langsam  ging.  Man  war  um  uns  besorgt  und  hatte  uns  Jäger  entgegengeschickt.
  Das  unauslöschliche  Gelächter  der  Gesellschaft,  die  nicht  glauben
wollte,  daß  wir  uns  auf  einer  Gemsjagd  wegen  einer  Meise  aufgehalten
hatten,  störte  Chlodwigs  passive  Ruhe  nicht  im  geringsten.“

8.  Das  Jahr  1866.

Aufzeichnung  des  Fürsten.
München,  21.  März  1866.

Bei  der  bevorstehenden  oder  beabsichtigten  Demonstration  1)  muß  man
sich  vor  allem  klar  werden  über  Zweck  und  Mittel,  man  muß  sich
fragen,  ob  der  Zweck  erreichbar  ist  und  die  Mittel,  die  uns  zu  Gebote
stehen,  Erfolg  versprechen.

Der  Zweck  soll  sein:  die  Regierung  durch  die  Bildung  eines  Vereins
zu  einer  mehr  entschiedenen  Haltung,  zu  tätigem  Eingreifen  in  die
gegenwärtige  Krisis  zu  veranlassen  und  ihr  dabei  gleichzeitig  die  Allianz
der  Nation,  wenigstens  des  südwestlichen  Teiles  derselben,  durch  die
Voranstellung  des  Planes  der  Zusammenberufung  eines  deutschen  Parla--ments
  zu  sichern.

Das  tätige  Eingreifen  der  Regierung  soll  befördert  werden,  damit
eine  Einigung  der  Mittel=  und  Kleinstaaten  zustande  komme.

Hier  fragt  es  sich:  ist  dieser  Teil  des  Programms  jetzt  erreichbar?
Was  die  Dynastien  anbetrifft  und  die  sie  vertretenden  Regierungen,  so
können  wir  auf  Beistimmung  nur  rechnen  bei  Sachsen;  Württemberg  ist
zweifelhaft,  Baden  feindlich,  die  kleinen  Herzogtümer  und  ganz  Norddeutschland
  auf  preußischer  Seite.  Alle  diese  Staaten  würden  nur  dann

 

1)  Näheres  über  die  beabsichtigte  „Demonstration“  war  nicht  zu  ermitteln.
Die  Veranlassung  ergibt  der  nachfolgende  Brief  des  Prinzen  Karl  von  Bayern.
        <pb n="162" />
        152  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

dem  Ruf  Bayerns  folgen,  wenn  sie  durch  eine  populäre  Agitation  gedrängt
würden.  Darauf  ist  aber  nicht  zu  rechnen.

Schon  im  eignen  Land  würde  die  Idee  eines  deutschen  Parlaments
jetzt  mit  Mißtrauen  betrachtet  werden.  Die  Situation  ist  jetzt  derart,
daß  eine  naive,  unbefangene  Anregung  der  Berufung  eines  deutschen
Parlaments  mit  Hohngelächter  aufsgenommen  werden  würde;  es  müßte
also  das  Parlament  der  Mittelstaaten,  das  sogenannte  Triasparlament,
vorzugsweise  betont  werden.

Ist  aber  hier  auf  Zustimmung  zu  rechnen?  Die  ultramontane  Partei
will  davon  nichts  wissen,  die  Fortschrittspartei,  soweit  sie  nationalvereinlich
ist,  geht  von  der  preußischen  Spitze  nicht  ab,  sie  will  abwarten.  Die
demokratische  Fortschritts=  oder  Volkspartei  ist  bei  uns  zu  schwach,  um
darauf  irgendeine  Rücksicht  zu  nehmen.  Es  bleibt  also  nur  die  großdeutsch-liberale
  Fraktion.  Diese  ist  zurzeit  ohne  Einfluß;  wenigstens  ist
ihr  Einfluß  zu  gering,  um  durch  das  Aufstellen  eines  Programms  die
bayrische  Nation  mit  fortzureißen.

In  Württemberg  ist  die  Parteigruppierung  eine  ähnliche,  Baden  ist
teils  ultramontan,  teils  nationalvereinlich,  der  Norden  ist  ganz  für  den
Nationalverein,  es  ist  also  auch  außerhalb  Bayerns  für  das  Triasparlament
keine  Begeisterung  zu  erwecken.

Das  tätige  Eingreifen  der  Regierung  soll  ferner  darin  bestehen,  aus
der  Neutralität  heraus  und  in  eine  entschiedene  Allianz  mit  Oesterreich
zu  treten.

Dieser  Zweck  wird  auch  ohne  unfre  Mitwirkung  erreicht  werden.
Entweder  geht  Oesterreich  an  den  Bund,  überträgt  die  Besetzung  Holsteins
den  Bundestruppen  oder  Bundeskommissären,  was  Preußen  nicht  leiden
wird,  dann  ist  der  Krieg  mit  Preußen  da,  und  die  Allianz  mit  Oesterreich
folgt  von  selbst.

Oder  Oesterreich  geht  nicht  an  den  Bund  und  schlägt  allein  los,  was
unwahrscheinlich  ist,  dann  wird  die  sofortige  kategorische  Frage  beider
deutscher  Großmächte  an  die  Mittelstaaten,  ob  ja  oder  nein,  nicht  einen
Augenblick  auf  sich  warten  lassen.  Dann  kann  aber  Bayern,  ob  gern
oder  ungern,  nur  mit  Oesterreich  gehen.

Die  Aufstellung  der  Parlamentsidee  der  deutschen  Mittelstaaten  könnte
aber  noch  zu  unerwarteten  Resultaten  führen,  die  für  Bayern  wenig  erwünscht
  wären.  Wer  steht  uns  dafür,  daß,  wenn  die  Parlamentsidee
plötzlich  in  Anregung  gebracht  und  Beifall  finden  würde,  Preußen  nicht
darauf  einginge,  die  Bundesreform  offiziell  und  direkt  in  Vorschlag  brächte,
wie  sie  dieselbe  schon  offiziös  angedeutet  hätte.  Dann  säßen  wir  mit  einem
Male  in  der  Union  von  1849.

Sollte  ich  mich  aber  in  allen  diesen  Punkten  täuschen,  sollte  es  doch
        <pb n="163" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  153

zweckmäßig  und  nötig  sein,  in  der  vorgeschlagenen  Weise  zur  Bildung
eines  Vereins  vorzuschreiten,  so  ist  ein  wichtiger  Punkt  zu  berücksichtigen.
Politische  Demonstrationen  müssen  weder  von  hominibus  novis  noch  von
solchen  ausgehen,  die  nicht  ganz  oder  nicht  mehr  das  ungeteilte  Vertrauen
des  Volkes  besitzen.  Wenigstens  dürfen  diese  beiden  Kategorien  nicht
allein  die  Demonstration  versuchen.  Demonstrationen  können  nur  dann
auf  Erfolg  rechnen,  wenn  an  deren  Spitze  Männer  stehen,  die  das  Volk
(ob  mit  Recht  oder  Unrecht,  bleibt  sich  gleich)  als  die  Männer  seines
Vertrauens  ansieht.  Stehen  diese  an  der  Spitze,  so  können  wir  uns  ihnen
anschließen,  treten  wir  aber  allein  auf,  so  werden  wir  als  fürwitzige
Aristokraten  verhöhnt  werden  und  uns  für  ewige  Zeiten  unmöglich  machen.
Ich  rechne  zu  den  Vertrauensmännern,  von  denen  die  Demonstration  ausgehen
  müßte,  unter  andern  folgende  Persönlichkeiten:  Pötzl,  Schlör,
Hegnenberg,  Lerchenfeld,  Stenglein  und  vor  allen  andern  Völk  und
Marquard  Barth.

Der  Zweck  der  Demonstration  ist  von  Anfang  an  verfehlt,  wenn  sie
nicht  eine  zündende  Wirkung  ausübt.  Diese  freiwilligen  politischen  Taten
sind  nur  dann  gerechtfertigt,  wenn  sie  die  Manifestation  eines  alle  Herzen
durchglühenden  Gedankens  sind,  wenn  in  dem  Augenblick,  wo  sie  stattfinden,
  jeder  ausrufen  muß:  „Das  ist  das  Richtige!“  Nur  keinen  Schlag
ins  Wasser,  besonders  wenn  das  Wasser  trüb  ist!

Darum  fasse  ich  den  Schluß  in  die  Worte  des  ersten  Briefes  an  die
Korinther  Kap.  9,  Vers  26:

„Ich  laufe  aber  also,  nicht  als  aufs  Ungewisse,  ich  fechte  also,  nicht
als  der  in  die  Luft  streichet.“

Prinz  Karl  von  Bayern  an  den  Fürsten.

München,  23.  März  1866.
Eurer  Durchlaucht
sende  ich  Ihre  Bemerkungen  vom  21.  d.  M.,  die  ich  heute  selbst  zurückbringen
  wollte,  mit  bestem  Dank  zurück.

Das  Programm  Bayerns,  Oesterreich  zu  unterstützen,  wenn  es  zum
Bundesstandpunkt  zurückkehrt,  wird  von  allen  Parteien  gebilligt.  Ein  in
dieser  Richtung  tätiger  Verein  ist  überflüssig.  Ein  Verein,  der  die  sofortige
  Berufung  eines  Parlaments  für  Gesamtdeutschland  oder  für  die
Mittelstaaten  verlangt,  ist  unpraktisch  und  deshalb  lächerlich.  Einen  solchen
Gedanken  hatte  ich  nicht.

Das  Parlament  soll  einstweilen  nur  unter  den  Bedingungen  entsprechender
  Reform  der  Bundesverfassung  figurieren,  an  die  Bayern  seinen
Anschluß  an  Oesterreich  zu  knüpfen  hätte.
        <pb n="164" />
        154  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Mir  dünkt,  eine  günstigere  Gelegenheit,  ohne  Revolution  zu  einer
Bundesreform  zu  kommen,  als  heute  dürfte  so  bald  nicht  wiederkehren,
und  würde  ich  noch  heute  eine  in  dieser  Richtung  tätige,  allenfalls  auch,
im  Falle  steigender  Verwicklung,  Zusammenberufung  des  Landtags  bezielende
  Vereinigung  großdeutscher  Liberalen  für  praktisch  halten.

Möglich  jedoch,  daß  Sie  recht  haben,  daß  auch  hiezu  die  Zeit  noch
nicht  gekommen.

Ich  habe  übrigens  Pfordten  im  Verdacht,  in  aller  Stille  nebenbei
Rheinbundpolitik  zu  treiben;  wie  dann?

Dies  die  Bemerkungen,  auf  die  ich  vorhatte  die  Aufmerksamkeit  Eurer
Durchlaucht  zu  lenken.

Ich  einstweilen  werde  den  Rat  der  Vorsicht  nicht  vergessen,  für  welchen
ich  den  aufrichtigsten  Dank  wiederhole,  und  verharre

Eurer  Durchlaucht

ergebenster  Diener
gez.  Karl.

Journal.!))
München,  11.  April  1866.

Heute  Diner  beim  König.  Nach  der  Tafel  im  Wintergarten  fing  der
König  an,  mit  mir  von  Politik  zu  sprechen,  und  äußerte  sich  besorgt  wegen
der  von  Preußen  aufgestellten  Parlamentsidee.  Ich  sagte,  die  Parlamentsidee
  werde  immer  wieder  auftauchen,  jetzt  sei  der  Moment  für  Bayern
günstiger  als  zu  irgendeiner  andern  Zeit.  Die  demokratische  Partei  werde
nicht  unbedingt  mit  Bismarck  gehen,  während  dies  bei  einem  liberalen
preußischen  Ministerium  der  Fall  sein  würde.  Preußen  erstrebe  jetzt  nur
die  Suprematie  in  Norddeutschland.  Hier  unterbrach  mich  der  König  und
sagte:  „Jetzt,  aber  später  werden  sie  auch  noch  mehr  verlangen.“  Ich
bezweifelte  dies  und  fügte  bei,  daß  ich  glaube,  Bayern  werde  sich  jetzt  mit
Preußen  verständigen  können,  und  Preußen  werde  nichts  dagegen  haben,
wenn  wir  uns  eine  ansehnlichere  Stellung  in  Süddeutschland  bilden  wollten.
Darauf  sprach  er  dann  von  dem  Einfluß,  den  Bismarck  auf  den  König
habe  und  der  unbeschränkt  sei.  Die  Königin  und  der  Kronprinz  seien
gegen  Bismarck.  Nach  mir  sprach  der  König  mit  Maurer,  2)  der  auch
in  meinem  Sinne  sprechen  wollte,  und  mir  nachher  sagte,  er  habe  den
König  besonders  ermahnt,  sich  jetzt  nicht  zu  fürchten  und  die  Gelegenheit
zu  benützen.

 

1)  Hier  beginnen  die  regelmäßig  fortlaufenden  Aufzeichnungen  des  Fürsten,
die  er  sein  „Journal“  nannte.
2)  Staatsrat  von  Maurer  (1790  bis  1872),  Mitglied  der  Kammer  der  Reichsräte.
        <pb n="165" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  155

München,  31.  Mai  1866.

Gestern  Abend  angekommen.  Die  Adresse  ist  gestern  Morgen  beraten
worden.  Arco-Valley,  den  ich  auf  dem  Bahnhof  fand,  erzählte  mir,  daß
Zu  Rhein  eine  gegen  Preußen  gerichtete  Verschärfung  der  Adresse  begutachtet
  und  in  längerer  Rede  befürwortet,  Wilhelm  Löwenstein  eine  Milderung
im  preußischen  Interesse  beantragt  habe.  Die  Kammer  nahm  aber  das
Projekt  von  Harleß  als  genügend  scharf  und  würdig  an.  Ich  glaube,
Stauffenberg  hat  die  Sitzung,  wenn  auch  nicht  absichtlich,  doch  nicht  ohne
innere  Befriedigung  unmittelbar  vor  meiner  Ankunft  angesetzt.  Er  wollte
mir  die  Gelegenheit  nehmen,  ein  politisches  Glaubensbekenntnis  abzulegen.
Vielleicht  hatte  er  aber  auch  nur  den  Plan,  so  bald  wie  möglich  wieder
acht  Tage  Ferien  zu  machen,  um  heute  abreisen  zu  können.

Die  Stimmung  ist  hier  gegen  Preußen.  Die  Sympathien  für  Preußen,
die  in  der  Armee  geherrscht  haben,  sind  verschwunden,  wie  man  sagt.  Ich
ging  gestern  lange  mit  Bodenstedt  auf  dem  Dultplatz  auf  und  ab,  der
insbesondre  für  Volksbewaffnung  sprach,  natürlich  neben  den  stehenden
Heeren.  Es  sei  nun  einmal  ein  Schlagwort  der  Demokratie,  und  wenn
die  Leute  sich  diese  Kosten  und  Unannehmlichkeiten  machen  wollten,  so  solle
man  sie  damit  beglücken.  Revolution  werde  dadurch  nicht  entstehen.

Der  König  hat  sich  unter  den  Münchner  Bürgern  durch  seine  Reise
nach  der  Schweiztj#)  sehr  geschadet.  Man  soll  ihm  öffentlich  auf  der  Straße
Schimpfworte  nachgerufen  haben;  bei  der  Fahrt  nach  der  Kirche  am
Eröffnungstag  des  Landtags  ist  er  vom  Publikum  nicht  behurrat  worden,
und  man  hat  ihn  kaum  gegrüßt.  Nun  hat  er  den  Polizeidirektor  Pfeufer,  ?)
wie  man  sagt,  deshalb  nach  Augsburg  als  Regierungsdirektor  versetzt
(als  wenn  die  Polizei  die  Stimmung  machen  könnte),  und  Fritz  Luxburg  s)
zum  Polizeidirektor  ernannt,  der  darüber  unglücklich  ist  und  sich  noch  nicht
entschieden  hat,  ob  er  annehmen  soll.

Pfordten  erklärt  wiederholt,  daß  er  die  Wirtschaft  satt  habe,  bleibt
aber  doch  und  wird  wahrscheinlich  als  Bundesbevollmächtigter  zu  den
Konferenzen  gehen.  Ich  begreife  nicht  recht,  wie  dies  mit  dem  Landtag
zusammenpassen  wird,  da  dann  kein  Minister  da  ist,  der  die  Vorlagen
der  Regierung  vertreten  kann.

Man  erzählt,  der  König  habe  die  Kammern  nicht  persönlich  eröffnen
wollen,  da  seien  denn  der  alte  König  Ludwig  und  der  Prinz  Karl  nach

 

1)  Die  Reise  nach  der  Schweiz,  wo  der  König  den  Schauplatz  des  „Tell“  besuchte,
  wurde  irrtümlich  von  der  öffentlichen  Meinung  als  eine  Begegnung  mit
Richard  Wagner  ausgelegt.

2)  Später  Minister  des  Innern.

*)  Graf  Luxburg,  1871  Präfekt  in  Straßburg,  dann  Regierungspräsident  in
Würzburg.
        <pb n="166" />
        156  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Berg  gefahren  und  hätten  ihm  la  lecon  gemacht.  Der  Schlußsatz  der
Adresse  der  Reichsräte  ist  auch  eine  gute  Lehre:

„Wo  die  Hingebung  eines  Monarchen  an  seine  in  der  Gegenwart
doppelt  schweren  Regentenpflichten  vom  Vertrauen  zu  seinem  Volke  getragen
  ist  und  hinwiederum  das  Vertrauen  des  Volks  sich  durch  jene
Hingebung  gestärkt  und  gehoben  fühlt,  da  kann  Fürst  und  Volk  mit  Zuversicht
  selbst  in  eine  dunkle  Zukunft  blicken.  Einigt  uns  ein  solches  Band
wechselseitigen  Vertrauens,  dann  dürfen  wir  mit  Eurer  Majestät  hoffen,
daß,  wenn  es  trotz  aufrichtiger  Bemühung  um  Frieden  zum  Waffenkampfe
für  das  Recht  kommen  sollte,  die  Tapferkeit  unsers  Heeres  und  des  Volkes
treue  Vaterlandsliebe  mit  Gott  den  Sieg  erlangen  werde.“

München,  1.  Juni  1866.

Prinz  Reußt)  fürchtet,  daß  die  antipreußischen  Demonstrationen  in
der  bayerischen  Kammer  das  Resultat  haben  werden,  schließlich  die  preußische
Bevölkerung  gegen  die  süddeutschen  Staaten  aufzubringen  und  dadurch
den  Krieg  zu  befördern.  Er  behauptet,  Preußen  werde  immer  mehr  und
mehr  in  die  Defensive  gedrängt.  Oesterreich  werde  durch  die  künstliche
Steigerung  des  Kriegsenthusiasmus  zum  Krieg  genötigt  werden.  Das
Projekt  der  Bundesreform,  welches  er  mir  mitteilte,  bezieht  sich  auf  wenige
Punkte,  läßt  die  Zentralgewalt  ganz  aus  dem  Spiel  und  wird  niemand
befriedigen.  Ich  sagte  ihm  dies  heute  und  machte  ihn  aufmerksam,  daß
Bismarck  durch  eine  Parlamentsberufung  ohne  gleichzeitige  Organisierung
einer  Zentralgewalt  nur  die  Revolution  befördere.  Vielleicht  ist  dies  seine
Absicht.  Meiner  Ansicht  nach  wäre  eine  Versammlung  von  Ministern  mit
gleichzeitiger  Zuziehung  von  Vertrauensmännern  aus  den  Kammern,  die
dann  zusammen  ein  Projekt  einer  Bundesverfassung  zu  beraten  und  ein
Wahlgesetz  zu  beschließen  hätten,  der  einzig  praktische  Weg  zum  Ziele.

München,  3.  Juni  1866.

Gestern  Abend  war  wieder  Bierkrawall  im  Sterngarten.  Die  Landwehr
  schoß  auf  die  Tumultuanten,  wobei  ein  Mensch  getötet  und  zwei
verwundet  wurden.  Ich  hörte  das  Schießen,  dachte  aber,  es  sei  Feuerwerk
in  einem  der  Biergärten.  Daß  dieser  Unfug  durch  bezahlte  Leute  veranlaßt
wird,  unterliegt  gar  keinem  Zweifel.  Heute  Nachmittag  soll  beim  Löwenbräu
  der  Lärm  wieder  beginnen.  Wer  es  anstiftet,  ist  nicht  klar.  Die
Liberalen  sagen,  es  seien  die  Ultramontanen,  die  Revolution  machen  wollten,
um  den  jungen  König  zu  vertreiben;  die  andern  sagen,  es  seien  Bismarcksche
Agenten,  die  den  Spektakel  veranlaßten,  um  Bayern  zu  nötigen,  einen
Teil  seiner  Truppen  von  der  Grenze  ab  und  nach  dem  Innern  zu  ziehen.

 

1)  Preußischer  Gesandter  in  München.
        <pb n="167" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  157

Die  Konferenzen  scheinen  auf  Schwierigkeiten  zu  stoßen.  Degenfeld,  )
den  ich  heute  traf,  sagte,  daß  Oesterreich  Bedingungen  stelle,  die  ohne
Zweifel  die  ganze  Konferenz  scheitern  machen  würden.  Es  scheint,  man
will  in  Oesterreich  den  Krieg  um  so  mehr,  je  mehr  man  hört,  daß  in
Preußen  wenig  oder  keine  Kriegsbegeisterung  herrscht.  Ich  zweifle  nicht
mehr  an  dem  Krieg.  Napoleon  wird  sich  dann  schließlich  mit  Italien  und
Preußen  verbinden,  und  wenn  die  südwestdeutschen  Staaten  zu  viel  Lärm
machen,  werden  sie  gemeinschaftlich  von  Frankreich  und  Preußen  besetzt
werden.  Wir  sind  militärisch  zu  wenig  organisiert,  als  daß  hier  auf
großen  Wiederstand  zu  rechnen  wäre.

Die  Entlassung  des  Polizeidirektors  Pfeufer  ist  verursacht  durch  einen
offenen  Bericht  desselben  an  den  König  über  die  notorisch  schlechte  Stimmung
der  Hauptstadt.  Man  hat  ihn,  ohne  ihn  davon  zu  benachrichtigen,  seines
Amtes  entsetzt  und  zum  Regierungsdirektor  in  Augsburg  ernannt.  Der
Minister  des  Innern,  statt  dagegen  zu  remonstrieren,  hat  sich  diesen
sultanischen  Eingriff  seitens  des  Kabinetts  als  echt  bureaukratische  Schlafmütze
  gefallen  lassen.  Solange  der  König  durch  die  Erbärmlichkeit  des
Beamten=  und  Hofadels  in  seinen  Einfällen  unterstützt  wird,  so  lange
wird  er  fortfahren,  sich  als  einen  Halbgott  anzusehen,  der  sich  alles  erlauben
  kann,  und  für  den  die  übrige,  wenigstens  die  bayrische,  Welt  geschaffen
  ist.

4.  Juni.

Gestern  Abend  erzählte  mir  jemand,  Blome  7)  sei  der  Chef  der  Kriegspartei
  in  Oesterreich  und  dringe  um  so  mehr  auf  Krieg,  als  er  glaube,
jetzt  sei  der  geeignete  Moment,  um  die  weltliche  Macht  des  Papstes  in
ihrem  früheren  Umfang  wiederherzustellen.  Wenn  die  Jesuiten,  unter
deren  Einfluß  selbst  Bismarck  steht,  den  Krieg  für  ihre  Interessen  nötig
erachten,  dann  kann  uns  kein  Gott  den  Krieg  abwenden.  Seit  ich  das
weiß,  zweifle  ich  nicht  mehr,  daß  es  in  vierzehn  Tagen  losgeht.

München,  5.  Juni.

Oesterreich  wird  den  Kongreß  oder  die  Konferenzen  nicht  beschicken.
Daraus  folgern  die  Leute,  daß  der  Krieg  sofort  ausbrechen  wird,  insbesondere
  wenn  es  wahr  wäre,  daß  Preußen  in  Wien  erklären  wolle,  die
Zusammenberufung  der  Stände  in  Holstein  werde  von  Preußen  als  Casus
belli  angesehen  werden.  Infolgedessen  allgemeiner  Schrecken  in  München.
Dagegen  sagt  Könneritz,)  Bismarck  sei  in  einer  scheußlichen  Lage,  er  sehe
nun  ein,  daß  er  sich  zu  weit  vorgewagt  habe,  daß  die  Stimmung  gegen

 

1)  Württembergischer  Gesandter.
2)  Der  österreichische  Gesandte  in  München.
3)  Sächsischer  Gesandter.
        <pb n="168" />
        158  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

ihn  zu  sehr  überhandnehme,  die  Militärorganisation  nicht  genüge  und
die  Landwehr  nicht  den  nötigen  kriegerischen  Geist  habe.  Das  Gardekorps
könne  nicht  von  Berlin  weg,  weil  die  Stimmung  dort  zu  schlecht  sei,  und
infolge  aller  dieser  Dinge  spreche  man  von  Abdankung  des  Königs.  Ob
dies  eine  zu  sächsisch  gefärbte  Anschauung  ist,  weiß  ich  nicht.

In  betreff  der  schleswig-holsteinschen  Sache  soll  ein  Projekt  be—
sprochen  werden,  nach  welchem  der  Herzog  Friedrich  zugunsten  seines
Sohnes  auf  die  herzogliche  Krone  verzichten  und  eine  Vormundschaft  eingesetzt
  werden  solle,  dann  könne  Preußen  eher  nachgeben  (7).

Wenn  wirklich  in  Preußen  ein  Thron=  und  Systemwechsel  eintritt,
dann  wird  die  preußische  Nationalvereinspartei  in  Bayern  wieder  stärker
und  die  Position  der  bayrischen  Regierung  schwieriger  werden.

München,  7.  Juni  1866.

Je  länger  ich  hier  bin,  desto  klarer  wird  mir  die  Lage  der  Dinge  in
Bayern.  Es  muß  sich  erst  langsam  alles  vor  mir  aufrollen,  damit  ich
ein  richtiges  Bild  bekomme,  und  dazu  gehören  viele  langweilige  Besuche
und  Abende  auf  dem  Klub.

Gestern  war  Berchtold  1)  lange  bei  mir  und  erzählte  mir  von  den
Unterhaltungen  der  Abgeordneten  im  Adreßausschuß.  Pfordten  hat  seine
Politik  offen  dargelegt  und  die  Zustimmung  aller  Parteien  erhalten.  Man
hat  ihm  gesagt,  gegen  ihn  habe  man  nichts,  wohl  aber  gegen  seine  unfähigen
  Kollegen.  Bayern  hält  am  Standpunkte  des  Bundes  fest,  und
darin  wird  Pfordten  von  allen  Parteien  unterstützt.  Die  Linke  der  Kammer
stimmt  ungern  mit,  aber  sie  kann  kein  andres  Programm  finden.  Die
Trias  ist  dabei  nicht  ausgeschlossen  und  wird  ebenfalls  vorbereitet.  Berchtold
erzählte  mir,  es  gehe  das  Gerücht,  ich  hätte  mich  mit  der  Fortschrittspartei,
Barth  und  Völk  verständigt,  und  diese  wolle  den  König  zu  sich  herüberziehen,
  Wagner  zurückrufen  lassen  und  mich  dann  zu  ihrem  Ministerkandidaten
  machen.  Ich  komme  sehr  unschuldig  zu  dieser  Ehre  und  habe
außer  mit  Herrn  Umbbscheiden,  2)  dem  ich  oft  auf  der  Straße  begegne,  da
er  in  meiner  Nachbarschaft  wohnt,  mit  keinem  Abgeordneten  der  Linken
gesprochen.  Da  Pfordten  aber  jetzt  fester  steht  als  je,  so  ist  von  einer
solchen  Kombination,  die  mir  sehr  unangenehm  wäre,  keine  Rede.

9.  Juni.
Heute  ist  die  Adreßdebatte  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  zu  Ende

geführt  worden.  Sie  hat  zwei  Tage  gedauert.  Im  allgemeinen  hat  man
das  Ministerium  Pfordten  wenig  angegriffen.  Für  unbedingten  Anschluß

 

1)  Fortschrittlicher  Parlamentarier.
2)  Justizbeamter,  ehemals  Mitglied  des  Frankfurter  Parlaments.
        <pb n="169" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  159

an  Oesterreich  hat  sich,  soviel  ich  gehört  habe,  keine  Stimme  erhoben.
Diese  Ungewißheit  und  das  Schwankende  der  ganzen  Lage  veranlaßte  die
Abgeordneten  zu  vorsichtigen  Reden.  Im  ganzen  wurde  viel  Unbedeutendes
gesagt,  da  niemand  mit  der  Farbe  herauswollte.

Der  Referent,  Professor  Edel  von  Würzburg,  sagte  ungefähr  das,
was  man  gewöhnlich  in  der  „Allgemeinen  Zeitung“  liest.  Er  war  grenzenlos
langweilig.  Die  Linke,  Völk  und  Hofmann  sprachen  in  sehr  gewundenen
Redensarten.  Ein  Abgeordneter  der  Pfalz  sagte,  man  dürfe  nicht  mit
Oesterreich  und  nicht  mit  Preußen  gehen,  aber  auch  nicht  neutral  bleiben,
sondern  müsse  das  Heer  zur  Disposition  des  deutschen  Parlaments  stellen,
worauf  ihm  Pfordten  erwiderte,  er  möchte  ihm  doch  erst  sagen,  wo  das
deutsche  Parlament  zu  finden  sei.

Pfordten  sprach  klar  wie  immer  und  stellte  sich  ganz  auf  den  Standpunkt
  des  Bundesrechts.  Damit  wird  er  freilich  nicht  weit  kommen,  wenn
der  Bund  durch  den  Krieg  der  beiden  Großmächte  zerrissen  sein  wird.
Für  die  engere  Verbindung  der  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten,  die
sogenannte  Trias,  scheint  die  Stimmung  jetzt  sehr  günstig.  Ob  dieser
Plan  aber  ernstlich  durchgeführt  werden  wird,  ist  mir  noch  zweifelhaft.

Die  Debatten  über  die  Geldfrage  werden  Ende  der  Woche  in  der
Zweiten  Kammer  beginnen,  dann  bekommen  wir  diese  Diskussionen  in  der
Woche  vom  17.  zum  28.  Juni.  Ich  werde  dabei  wahrscheinlich  Gelegenheit
haben,  gegen  das  Staatspapiergeld  zu  sprechen.

Der  Krieg  scheint  jetzt  unvermeidlich.  Ich  habe  allen  Grund,  zu  vermuten,
  daß  Napoleon  mit  Preußen  einverstanden  ist  und  die  Sachen  so
gehen  werden,  wie  ich  es  schon  früher  geschrieben  habe.

München,  16.  Juni  1866.

Schlag  auf  Schlag  kommen  jetzt  merkwürdige  Nachrichten.  Erst  der
Austritt  Preußens  aus  dem  Deutschen  Bund  infolge  der  Mobilisierungs-=erklärung
  der  Bundesarmee  —  nun  heute  die  Nachricht  von  dem  Einmarsch
der  Preußen  in  Sachsen,  der  Abreise  des  Königs  Johann  nach  Prag  und
dem  Rückzug  der  sächsischen  Truppen  über  die  böhmische  Grenze.  An
Hannover  hat  Preußen  eine  Sommation  ergehen  lassen,  zu  entwaffnen
oder  es  werde  einrücken,  ebenso  an  Kurhessen.  So  ist  denn  der  Plan  der
Teilung  Deutschlands  so  ziemlich  fertig.  Wir  hier  lassen  uns  schieben,
bald  von  Preußen,  dann  wieder  von  Oesterreich  und  haben  keinen  festen  Plan.

Die  bayrische  Armee  ist  in  keinem  genügenden  Zustand.  Der  Prinz
Karl  als  Oberfeldherr  ist  zu  alt.  Die  Offiziere  haben  kein  rechtes  Vertrauen
  in  die  eigne  Kraft.  Ich  glaube  nicht,  daß  wir  große  Lorbeeren
ernten  werden  bei  der  noch  so  guten  Gesinnung  der  Mannschaft  und  trotz
der  angeborenen  Rauflustigkeit  der  Bayern.
        <pb n="170" />
        160  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

In  der  Kammer  der  Abgeordneten  wird  am  Montag  die  Debatte
über  die  31  Millionen  stattfinden,  die  für  militärische  Zwecke  nötig  sind.
Ich  bin  neugierig,  die  Reden  über  Papiergeld  zu  hören.  Brater  und  Kolb
sind  meiner  Ansicht  und  dagegen.

Der  König  sieht  jetzt  niemand.  Er  wohnt  mit  Taxis  1)  und  dem
Reitknecht  Völk  auf  der  Roseninsel  und  läßt  Feuerwerke  abbrennen.  Auch
die  Reichsräte,  welche  ihm  die  Adresse  überbringen  wollten,  sind  nicht
empfangen  worden.  Ein  Fall,  der  im  konstitutionellen  Leben  Bayerns
unerhört  ist.  Ergebenheitsadressen  nicht  zu  empfangen,  und  zwar  von  dem
getreuen  Reichsrat,  das  stimmt  die  hohe  Kammer  sehr  trüb.  Die  eigentlichen
  Münchener  räsonieren  wieder  recht.  Andre  Leute  kümmern  sich
nicht  um  die  Kindereien  des  Königs,  da  er  ja  die  Minister  mit  den
Kammern  ganz  ungestört  regieren  läßt.  Es  ist  aber  sein  Benehmen
unklug,  weil  es  dazu  Gelegenheit  bietet,  ihn  verhaßt  zu  machen.  Um
1  Uhr  war  ich  bei  Reuß,  der  seine  Abberufung  erwartet.  Louis?)  will
eintreten.  Er  muß  es  auch,  wenn  er  seine  Stellung  in  Preußen  nicht  ganz
verderben  will.

Das  große  Publikum  sieht  die  ganze  Krisis  mit  einer  gewissen  Gleichgültigkeit,
  mit  einem  objektiven  Interesse  an.  Daß  die  gegenwärtigen  Zustände
  nicht  dauern  können,  das  sieht  jedermann  ein.  Warum  für  die
Erhaltung  derselben  Krieg  führen?  Könneritz  meint,  Bayern  werde  doch
nicht  aktiv  auftreten.

Heute  Abend  ist,  wie  Stauffenberg  erzählt,  hier  Judenkrawall  angesagt.
Ich  glaube  es  aber  nicht.

München,  19.  Juni  1866.

Infolge  des  Antrags  auf  Mobilisierung  des  Bundesarmeekorps  hat
Preußen  seinen  Austritt  aus  dem  Bund  angekündigt  und  hat  Sachsen,
Hannover  und  Hessen  angegriffen.  Die  bayrische  Regierung,  die  bis  jetzt
in  einem  Zwischenzustand  angeblicher  Unparteilichkeit  war  und  sich  schmeichelte,
darin  bleiben  zu  können,  ist  plötzlich  zu  ihrem  Erstaunen  aus  ihrem  Traum
aufgeweckt  und  genötigt  worden,  sich  auf  die  österreichische  Seite  zu  stellen.
Sie  hat  dem  preußischen  Gesandten  angekündigt,  daß  sie  die  diplomatischen
Verbindungen  abbreche,  und  Reuß  ist  mit  Louis  heute  abend  um  6  Uhr
abgereist.  Ich  habe  ihm  noch  auf  der  Eisenbahn  Lebewohl  gesagt,  es  war
dort  die  französische,  die  russische,  die  italienische  Gesandtschaft,  ferner
Quadt,  Deroy  und  ich.

Reuß  ist  mit  schwerem  Herzen  abgereist,  da  er  ohne  Zweifel  nicht

 

1)  Ordonnanzoffizier  Prinz  Paul  Taxis.
2)  Prinz  Ludwig  zu  Sayn-Wittgenstein,  Bruder  der  Fürstin,  damals  bei  der
preußischen  Gesandtschaft  in  München.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1836  161

wieder  hierher  zurückkehren  wird.  Alvensleben  bleibt  noch  einige  Zeit  hier,
um  alles  in  Ordnung  zu  bringen.

Die  verschiedensten  Gerüchte  werden  hier  verbreitet.  Einen  Tag  sagt
man,  die  Preußen  seien  in  Hof,  den  andern  Tag,  die  Oesterreicher  hätten
Görlitz  mit  Sturm  genommen,  ein  Erzherzog  sei  geblieben  u.  s.  w.,  dann
will  jemand  ein  Telegramm  gelesen  haben  von  jemand  in  der  Nähe  von
Frankfurt,  der  dort  Kanonendonner  gehört  habe.

Unfre  Armee  ist  nicht  in  besonderem  Stand,  und  die  Oesterreicher
tun  gut,  noch  Truppen  zur  Unterstützung  nach  Süddeutschland  zu  schicken,
es  werden  in  diesen  Tagen  Oesterreicher  erwartet.

Ich  fürchte,  daß  jetzt  der  Krieg  sehr  lang  und  sehr  blutig  werden
wird.  Man  wird  sich  nur  nach  und  nach  an  den  Krieg  gewöhnen,  aber
die  Gewohnheit  wird  kommen,  und  wenn  die  Deutschen  einmal  im  Raufen
sind,  dann  wissen  sie  kein  Ende  zu  finden.

Die  Rheinpfälzer  haben  eine  Deputation  hierher  geschickt,  um  sich  zu
beklagen,  daß  man  sie  den  Franzosen  preisgebe.  Der  Kaiser  Napoleon
lasse  schon  herumfragen,  ob  die  Bevölkerung  französisch  werden  wolle.
Das  charakterlose  Volk  dort,  das  nie  eine  Anhänglichkeit  an  irgendeinen
Souverän  und  ebensowenig  an  Deutschland  gehabt  hat,  wird  sich  leicht
französisch  machen  lassen.  Das  empört  die  dortigen  Patrioten,  und  sie
schicken  Deputationen,  um  zu  bitten,  daß  man  sie  schütze.  Wo  aber  eine
Armee  hernehmen,  um  die  französischen  Truppen  abzuhalten?  Unsre
Truppen  haben  genug  zu  tun,  um  die  Preußen  abzuhalten,  für  die  Pfalz
bleibt  nichts  übrig.

Heute  war  eine  lange  Reichsratssitzung,  in  der  ich  einen  Antrag  zur
Garantie  gegen  die  Nachteile  des  Papiergeldes  einbrachte.  Die  Kammer  und
das  Ministerium  waren  aber  nicht  damit  einverstanden,  und  so  zog  ich  ihn
zurück,  da  meine  Absicht  nur  darin  bestand,  die  Frage  zur  Sprache  zu  bringen.

Heute  Abend  fand  ich  Pfordten  im  Klub.  Er  klagte  über  den  Krieg,
der  die  Zerreißung  Deutschlands  zur  Folge  haben  werde,  er  wiederholte:
„Das  ist  das  Ende  von  Deutschland!“  Ich  glaube  es  jetzt  fast  auch.  Preußen
wird  sich  in  Norddeutschland  arrondieren  als  großer  preußischer  Staat,
wir  in  Süddeutschland  werden  unter  französischer  oder  österreichischer
Protektion  fortvegetieren,  bis  auch  unfre  Stunde  geschlagen  haben  wird,
und  ein  Teil  an  Frankreich,  ein  Teil  an  Oesterreich  fallen  wird.

Baron  Guttenberg  kam  spät  auf  den  Klub  und  erzählte,  die  Preußen
hätten  sich  in  der  Nähe  von  Hof  gezeigt.  Taxis  1)  habe  darauf  schnell
seine  Truppen  gesammelt  und  ihnen  entgegengeschickt,  worauf  sie  wieder
über  die  Grenze  zurückgegangen  wären  ohne  Gefecht.  Das  soll  richtig  sein.

 

1)  General  Prinz  Taxis  war  der  Schwiegervater  des  Freiherrn  von  Guttenberg.
Fürfst  Hohenlohe,  Denkwürdigketiten.  I  11
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        162  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Leidenhayn  erzählt,  man  räsoniere  in  seinem  „Klub“  über  den  Krieg.
„Was  wir  denn  gegen  die  Preußen  hätten,  wozu  wir  für  den  Augustenburg
  Krieg  führten?“  so  sagten  die  dortigen  Gäste.  „Wenn  der  Max  noch
lebte,“  setzte  er  hinzu,  „so  würde  es  nicht  soweit  gekommen  sein.“

München,  21.  Juni  1866.

Heute  hatten  wir  unfre  letzte  Sitzung  über  ein  Gesetz,  die  Erweiterung
  des  Rechts  der  Bank  zur  Emission  von  Banknoten  betreffend.
Pfordten  hielt  am  Schluß  der  Sitzung  eine  Abschiedsrede,  in  der  er
hervorhob,  daß  die  bayrische  Regierung  das  ihrige  getan  habe,  um  den
Krieg  abzuhalten  u.  s.  w.  Um  1  Uhr  aß  ich  mit  einer  Anzahl  Reichsräte
  und  Gustav  Castell  1)  im  „Bayrischen  Hof“.  Gustav  Castell  war  in
Bamberg  gewesen,  um  dort  in  der  Residenz  Anordnungen  für  das  Hauptquartier
  zu  treffen  und  war  gestern  abend  hierher  zurückgekehrt.  Prinz.
Karl  ist  gestern  Mittag  mit  seinem  ganzen  Hauptquartier  nach  Bamberg  abgereist.
  Von  der  Tann  ist  Generalquartiermeister,  eine  Unzahl  Offiziere  u.  s.  w.
reisten  im  Gefolge  mit;  desgleichen  ein  österreichischer  General  Huyn.
Prinz  Luitpold  ist  auch  ins  Hauptquartier,  der  König  geht  morgen  dahin
ab,  wie  man  sagt,  wird  sich  aber  nur  kurze  Zeit  dort  aufhalten.  Es  wird
heute  wieder  von  Schlachten  gesprochen.  So  soll  in  Sachsen  oder  Böhmen
ein  Kavalleriegefecht  gewesen  sein  und  bei  Oppeln  eine  große  Schlacht
stattgefunden  haben.  Doch  ist  nichts  Sicheres  bekannt.  Die  Stimmung
ist  hier  nicht  begeistert.  Man  ist  von  der  Notwendigkeit  des  Krieges
überzeugt,  beklagt  ihn  aber  und  geht  ungern  mit.  München  ist  verödet,
die  Leute  stehen  an  den  Schaufenstern  der  Buchhandlungen,  sehen  die
Landkarten  an  und  erzählen  sich  die  Gerüchte.

Dusemann  war  eben  bei  mir  und  erzählte,  der  „Neue  bayrische  Kurier“
halte  sich  darüber  auf,  daß  ich  Reuß  auf  die  Bahn  begleitet  habe.  Als
wenn  darin  eine  Sympathie  für  Preußen  zu  finden  wäre.  Ich  konnte
doch  Louis  nicht  abreisen  lassen,  ohne  ihm  das  Geleit  zu  geben.

Gestern  Abend  war  ich  um  11  Uhr  auf  der  Eisenbahn,  um  österreichische
  Truppen  durchpassieren  zu  sehen.  Es  waren  aber  nur  Wagen
mit  Bedeckung  von  Italienisch  sprechenden  Soldaten.  Eine  Menge  Zuschauer
  lustwandelte  dort  umher.  Ueberhaupt  ist  alles  immer  auf  den
Beinen,  um  nach  dem  Bahnhof  zu  gehen  und  dort  die  Truppenzüge  zu
betrachten.  Ich  gestehe,  daß  mich  der  Anblick  traurig  stimmt,  da  es  sich
um  einen  Krieg  in  Deutschland  und  zwischen  Deutschen  handelt.

Hier  überlegt  man,  ob  man  seine  Kostbarkeiten  nicht  in  die  Schweiz

 

1)  Graf  Gustav  Castell-Castell,  damals  Artilleriehauptmann  und  Adjutant
des  Königs.
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        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  163

bringen  solle.  Ich  habe  indessen  doch  wieder  vernünftige  Leute  gehört,
die  solche  Fluchtversuche  für  einfältig  halten.
München,  26.  Juni  1866.

Gestern  Abend  von  Baden  zurückkehrend,  erfuhr  ich,  daß  der  Herzog
von  Augustenburg  hier  sei.  Ich  ging  heute  Nachmittag  zu  ihm.  Er  lud
mich  ein,  bei  ihm  zu  essen,  wo  ich  Samwer,  einen  Dr.  Lorenzen  und  einen
Major  Schmidt  fand.  Nach  Tisch  fuhren  wir  beide  zu  Schack  und  dann
in  den  Englischen  Garten.  Er  erzählte  mir  seine  ganze  politische  Lebensgeschichte
  seit  1863.  Er  ist  merkwürdig  ruhig  und  vertrauensvoll  und
zweifelt  nicht  an  dem  Gelingen  seiner  Sache.  Neu  war  mir,  daß  der
König  von  Preußen  und  Bismarck  mit  ihm  vollkommen  einverstanden  waren,
bis  zu  der  Reise  Bismarcks  nach  Biarritz.  1)  Nach  dessen  Rückkehr  suchte
Bismarck  alle  möglichen  Ausflüchte  und  Umwege,  und  brachte  dann  die
ganze  Sache  so  weit,  wie  sie  jetzt  ist.  Er,  der  Herzog,  war  zu  allen  möglichen
  Konzessionen  bereit.  Bismarck  wollte  aber  die  Annexion.  Der  Vertrag
  mit  Italien  war  schon  vor  der  Gasteiner  Konvention  abgeschlossen,)
und  Bismarck  hat  den  Krieg  schon  seit  zwei  Jahren  vorbereitet  und  alle
darauf  bezüglichen  Maßregeln  getroffen.  Damals  scheiterte  die  Sache  an
dem  Widerstand  des  Königs,  der  „nicht  über  den  Graben  wollte“.  Deshalb
allein  schloß  man  die  Gasteiner  Konvention  ab.  Der  Herzog  sagt,  die
ganze  Geschichte  mit  der  deutschen  Reform,  mit  dem  Parlament  u.  s.  w.  sei
lauter  Schwindel.  Bismarck  wolle  nur  die  Arrondierung  Preußens,  was
er  von  Preußen  aufgeben  müsse  nach  dem  Kricg,  sei  ihm  ganz  gleichgültig,
wenn  er  nur  mehr  Quadratmeilen  durch  anderweitige  Entschädigungen  erhalte.
Er  will  Hannover,  Schleswig-Holstein  und  Hessen,  vielleicht  auch  Sachsen.

Der  Herzog  hofft,  daß  Oesterreich  und  die  übrigen  deutschen  Staaten
schließlich  siegen  würden.

Vom  Herzog  von  Koburg  sagte  er,  es  sei  einer  von  den  Leuten,  die
immer  eine  Rolle  spielen  wollten  und  es  nicht  abwarten  könnten,  bis
wieder  das  Rad  herumgegangen  sei,  wo  sie  an  ihrer  Stelle  wieder  eingreifen
  könnten.  Er  selbst  versteht  das  Warten.  Das  muß  man  ihm
lassen.  Er  macht  einen  überaus  guten  Eindruck  mit  seiner  Ruhe  und  seinem
ehrlichen,  guten  Gewissen.  Er  wartet  nun  hier  auf  den  König,  weiß
aber  noch  nicht,  wo  er  sich  nun  hinwenden  wird.

Im  übrigen  ist  es  hier  ruhig.  München  ist  wie  ausgestorben.  Die
Nachricht  vom  Siege  der  Oesterreicher  in  Italien  3)  hat  große  Freude  erregt.

 

1)  Gemeint  ist  wohl  der  Aufenthalt  in  Biarritz  im  Oktober  1864.

2)  Ueber  die  Verhandlungen  mit  Italien  im  Sommer  1865  siehe  Sybel,  „Begründung
  des  Deutschen  Reichs“,  Bd.4  S.  129  der  Volksausgabe.

3)  Schlacht  bei  Custozza  am  24.  Juni.
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        164  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Thurnau,  28.  Juni.

Seit  gestern  bin  ich  hier.  Von  München  bis  Nürnberg  merkte  man
nichts  von  den  Kriegszeiten.  In  Nürnberg  fing  es  an,  militärisch  lebendig
zu  werden.  In  Bamberg  war  eine  Batterie  des  3.  Artillerieregiments.
Ich  fand  den  Hauptmann  von  Massenbach,  dem  ich  meine  „Allgemeine
Zeitung“  gab,  worüber  er  sehr  erfreut  war.  Die  Soldaten  benahmen  sich
wie  rohe  Bauernlümmel  am  Sonntag,  sie  johlten  und  lärmten  greulich.
Der  Restaurateur  des  Bahnhofs  klagte  mir  sein  Leid  über  die  traurigen
Zeiten.  Da,  wo  sonst  Kissinger  Badegäste  in  eleganter  Toilette  zu  Mittag
aßen,  tobte  das  Kriegsvolk.  Auf  dem  Weg  nach  Lichtenfels  begegnete  ich
Zügen  mit  Kürassieren.  In  Lichtenfels  standen  Vorposten  aus.  Hier
herum  ist  alles  leer.  Wer  weiß,  ob  nicht  die  Preußen  hereinkommen,  ehe
ich  wieder  abreise.  Doch  wird  sie  die  verlorene  Schlacht  in  Böhmen,  1)
von  der  man  heute  in  der  Zeitung  liest,  wohl  etwas  vorsichtiger  machen.

München,  3.  Juli  1866.

Die  neuesten  Nachrichten  vom  böhmischen  Kriegsschauplatz  bringen
hier  eine  Stimmung  hervor,  die  nicht  eben  für  die  Charakterfestigkeit  der
Bevölkerung  spricht.  Jetzt  finden  auf  einmal  die  Leute,  es  sei  doch  besser
gewesen,  neutral  zu  bleiben,  gegen  die  preußischen  Zündnadelgewehre  könne
man  doch  nichts  machen  u.  s.  w.  Dazu  kommt,  daß  unfre  Armee,  welche
die  Hannoveraner  sehr  gut  hätte  befreien  können,  Wochen  verloren  hat,
ohne  daß  dafür  ein  Grund  besteht  oder  wenigstens  bekannt  ist.  Man
hörte  im  bayrischen  Hauptquartier  den  Kanonendonner  von  Langensalza
und  hat  sich  nicht  gerührt.  Wenn  man  freilich  den  Krieg  von  München
aus  dirigiert,  wenn  sich  das  Hauptquartier  der  Leitung  eines  ehemaligen
Professors2)  unterordnet  und  die  Befehle  erst  aus  dem  Ministerium  des
Auswärtigen  erhält,  dann  kann  man  keinen  Krieg  führen.  Die  Indignation
der  bayrischen  Offiziere  soll  darüber  groß  gewesen  sein.  Infolge  alles
dessen  verlieren  die  schwachen  Leute  den  Mut,  die  andern  schimpfen  noch
ärger  als  je.  Daß  die  gegenwärtige  Bundesmilitärverfassung  sich  nicht
bewährt  hat,  daß  auch  die  gegenwärtige  Bundesverfassung  sich  überlebt  hat,
das  wird  nach  und  nach  allen  Leuten  klar.  Gestern  Abend  7  Uhr  ging
ich  vom  „Bayrischen  Hof“,  wo  ich  an  der  Table  d’'hote  mit  den  Herren  des
Herzogs  von  Augustenburg  gegessen  hatte  (der  Herzog  ist  auf  einige  Tage
nach  Langenburg),  nach  Hause.  Ich  kam  aber  erst  nach  1½  Stunden
zu  Hause  an;  denn  in  der  Ludwigstraße  fand  ich  Tauffkirchen,  )  Deroy

 

1)  Das  Treffen  bei  Trautenau  am  27.  Juni.
2)  von  der  Pfordten  war  in  Würzburg  und  Leipzig  Professor  gewesen.
3)  Graf  Tauffkirchen,  damals  Stadtrichter  in  München.
        <pb n="175" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  165

und  Gustav  Castell,  denen  sich  andre  anschlossen.  Da  stand  man  und
politisierte  eine  Stunde.  In  der  Briennerstraße  fand  ich  Gräfin  Lerchenfeld
  mit  sechs  alten  Damen,  die  mich  umringten  und  ebenfalls  politische
Diskussionen  begannen.  Dann  zog  ich  mit  den  Damen  nach  der  Redaktion
der  „Bayrischen  Zeitung“",  um  das  Extrablatt  zu  kaufen,  wo  aber  nichts
Neues  zu  lesen  war.  Man  fängt  an  hier  einzusehen,  daß  wir  uns  wohl
blamieren  dürften.  Die  Zögerung  Pfordtens  in  diesem  Winter  trägt  ihre
übeln  Früchte.  Es  kommt  mir  vor,  als  wenn  wir  uns  zwischen  zwei
Stühle  zu  setzen  im  Begriff  wären.  Vielleicht  wird  jetzt  das  bayrische
Armeekorps  energisch  vorgehen.  Frau  von  der  Tann  behauptet  es.  Es
ist  zu  hoffen,  doch  wäre  es  besser  gewesen,  unter  dem  Eindruck  der  ersten
günstigen  Gefechte  in  Böhmen  und  der  Nachricht  von  Italien  vorzurücken
und  die  Hannoveraner  zu  entsetzen.  Jetzt  ist  dieser  günstige  Augenblick
versäumt,  und  ich  kann  es  der  „Ostdeutschen  Post“  nicht  übelnehmen,
wenn  sie  über  Bayern  loszieht.

Der  König  ist  wieder  in  Berg.  Die  „Bayrische  Zeitung“  verkündet,
zur  Verbindung  mit  den  Ministern  werde  jetzt  ein  Telegraph  errichtet
zwischen  Berg  und  München,  auch  bleibe  Staatsrat  Pfistermeister  zu  dem
Zweck  des  beschleunigten  Verkehrs  des  Königs  mit  den  Ministern  hier
in  München!

München,  5.  Juli  1866.

Die  Nachrichten  aus  Böhmen  bringen  hier  eine  sehr  niedergeschlagene
Stimmung  hervor.  Dazu  kommt,  daß  die  bayrische  Armee  aus  purer
Unfähigkeit  ihrer  Führer  den  Hannoveranern  nicht  zu  Hilfe  gekommen  ist.
Die  „Bayrische  Zeitung“  entschuldigt  dies  damit,  „daß  man  im  Hauptquartier
  nicht  gewußt  habe,  wo  die  Hannoveraner  seien".  Kann  man  sich
etwas  Absurderes  denken?!  In  unserm  Kriegsministerium  geht  es  nach
altem  bureaukratischen  Schlendrian  her.  Selbstzufriedenheit  und  Langsamkeit
  überall.  Der  Kriegsminister  von  Lutz  ist,  soviel  ich  in  den  Ausschußsitzungen
  der  Kammer  der  Reichsräte  beurteilen  konnte,  ein  Mann
von  sehr  geringen  geistigen  Fähigkeiten.  Ein  solcher  Mann,  der  sich  noch
dazu  neulich  seinen  Kopf  beim  Aufsteigen  aufs  Pferd  an  die  Tür  anrannte
und  dadurch  noch  unfähiger  wurde,  leitet  jetzt  die  bayrische  Armeeverwaltung.
Prinz  Karl  ist  ein  alter  ängstlicher  Herr,  die  Generalstabsoffiziere  sind
zum  Teil  nicht  gescheiter  als  der  Minister.  Ich  sehe  mit  Schrecken  auf
den  Fortgang  des  Krieges.  Gut  ist  es  wenigstens,  daß  unsere  bayrischen
Soldaten  ganz  besonders  rauflustig  sind,  insbesondere  wenn  sie  gut  genährt
werden.  Es  ist  möglich,  daß  die  Soldaten  das  wieder  gutmachen  werden,
was  ihre  Führer  verfehlen.

Hier,  wo  man  schon  in  ruhigen  Zeiten  keine  andre  Erholung  kennt,
als  zu  räsonieren,  nimmt  das  Schimpfen  und  Besserwissen  kein  Ende.
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        166  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Die  Nachricht  der  vorgestrigen  Schlacht  zwischen  Königgrätz  und
Josefstadt  hat  ganz  besonders  aufgeregt.

Jemand,  der  nicht  ohne  Einfluß  ist,  hat  die  Idee  gehabt,  mich  zum
Kultusminister  in  Vorschlag  zu  bringen,  er  hat  mich  vorher  fragen  lassen.
Ich  habe  aber  gedankt,  da  ich  erstens  jetzt  nicht  Minister  werden  will,
zweitens  nicht  mit  diesen  Kollegen,  und  drittens  nicht  Kultusminister,
wo  ich  mich  vor  Intrigen  aller  Arten  nicht  mehr  retten  könnte.  Dazu
kommt,  daß  das  Kultusministerium  die  Musikanstalten  unter  sich  hat,  wo
ich  dann  noch  das  Vergnügen  hätte,  mit  Richard  Wagner  u.  s.  w.  in  Konflikt
zu  kommen.  Ich  wäre  da  wie  verraten  und  verkauft.

Nachmittags  6  Uhr.

Mit  Pfordten  und  mehreren  Diplomaten  zu  Mittag  gegessen.  Pfordten
erzählte  mir,  daß  der  Vorschlag  zu  einem  Waffenstillstand  von  Paris  nach
Wien  abgegangen  sei.  So  sscheint  also  der  Friede  in  Aussicht.  Es  sei  denn,
daß  man  mit  Preußen  den  Krieg  allein  fortsetzen  wollte,  was  ich  für  eine
Torheit  halten  würde.  An  der  Table  d’hote  stritt  Pfordten  mit  Könneritz.
Ersterer  behauptete,  Bismarck  sei  ihm  noch  lieber  als  die  liberale  preußische
Partei,  die  ebensowenig  Achtung  vor  dem  Recht  hätte.  Rosty  #1)  meinte,
Oesterreich  werde  den  Krieg  mit  Preußen  fortsetzen,  nachdem  es  Italien
aufgegeben  habe.  Allgemeine  Freude  ist  darüber,  daß  die  Bayern  sich  auch
wenigstens  geschlagen  haben.  Die  Preußen  sind  in  Brückenau  und  in
Neustadt  a.  S.  Das  8.  Armeekorps  des  Prinzen  Alexander  von  Hessen
läßt  nichts  von  sich  hören,  und  deshalb  haben  sich  die  preußischen  Truppen
zwischen  dem  8.  und  7.  Armeekorps  hereingedrängt.  Nun  wird  der
Waffenstillstand  auch  diesen  Feldzug  beendigen.

München,  7.  Juli  1866.

Gestern  hatte  ich  in  Ansbach  zu  tun  und  fuhr  deshalb  um  6  Uhr
von  hier  ab.  Auf  dem  Bahnhof  begegnete  mir  der  Redakteur  der  „Neuesten
Nachrichten“,  der  mir  ein  Telegramm  zeigte,  daß  Napoleon  die  Bedingung
stelle,  Preußen  solle  Böhmen  verlassen,  sonst  werde  er  die  Rheinprovinz
besetzen.  Ich  habe  seitdem  nichts  mehr  von  dieser  Bedingung  gehört.  In
Ansbach  erfuhr  ich,  daß  die  Börse  in  Frankfurt  in  Friedenshoffnungen
schwelge  und  sich  die  Kurse  ungeheuer  gehoben  hätten.  In  Ansbach  wollte
alles  einpacken.  Alles  fürchtete  die  Preußen.  Die  Feigheit  der  Menschen
ist  noch  größer,  als  ich  es  je  gedacht  habe.  Was  mich  besonders  ärgert,
ist,  daß  auch  die  Behörden  den  Kopf  verloren  hatten.  Da  sieht  man  recht
das  Demoralisierende  unsrer  Bureaukratie.  Männer  gibt  es  nirgends,
sondern  nur  tintenklecksende  alte  Weiber.  Weil  ein  paar  hundert  Kürassiere

 

1)  Oesterreichischer  Gesandtschaftssekretär.
        <pb n="177" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  167

und  Ulanen  den  Kopf  verloren  hatten  und  bei  einem  Kavalleriegefecht
davongeritten  waren  und  von  Fulda  bis  Würzburg  atemlos  kamen,  verlor
  ganz  Unterfranken  den  Mut.  Von  der  Unfähigkeit  unfrer  Militärverwaltung
  werden  mir  viele  Beispiele  erzählt.  Der  Präsident  Zu  Rhein
telegraphierte  nach  München,  man  möchte  doch  ja  befehlen,  daß  Würzburg
nicht  verteidigt  werde,  wenn  die  Preußen  kämen!  Unterdessen  waren
die  Preußen  schon  längst  wieder  über  die  bayrische  Grenze  zurück.

Das  Gefecht  der  Bayern  bei  Diedorf  und  Roßdorf#)  war  sehr  anständig.
  General  Zoller  hat  sich  gut  bewährt.  Man  hat  sogar  Gefangene
gemacht  und  keinen  Gefangenen  verloren.  Hier  wird  fortwährend  Unsinn
  geschwatzt.  So  erzählt  man,  der  Kaiser  von  Oesterreich  sei  durchgekommen,
  um  sich  in  das  Hauptquartier  des  Prinzen  Karl  zu  begeben
und  von  da  nach  Petersburg  zu  reisen!  Dann  soll  er  wieder  nach  Paris
oder  nach  Straßburg  gehen  u.  dergl.

Ich  fange  an  zu  glauben,  daß  wir  noch  weit  vom  Frieden  sind.
Wenn  es  wahr  ist,  daß  Napoleon  den  Preußen  zu  schroffe  Bedingungen
macht,  zum  Beispiel  Wiedereinsetzung  der  vertriebenen  deutschen  Fürsten,
Abzug  aus  Böhmen  während  der  Waffenruhe  u.  s.  w.  (ich  sage  „schroff“  im
Sinne  der  Preußen),  dann  wird  der  König  von  Preußen  nicht  darauf  eingehen,
  und  dann  rückt  Napoleon  in  die  Rheinprovinz.  Dann  haben  wir
einen  europäischen  Krieg.  Das  wird  sich  nächstens  entscheiden.  Es  spricht
vieles  für  diese  Ansicht.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  es  Napoleon  gelegen
sein  würde,  wenn  Preußen  die  jetzigen  Friedensbedingungen  nicht  annähme,
dann  hätte  er  die  beste  Gelegenheit,  die  Rheinprovinz  zu  besetzen.  In
diesem  Fall  würde  es  aber  möglich  sein,  daß  Deutschland  sich  gegen  Frankreich
  wendete.  Die  Verwirrung  der  politischen  Angelegenheiten  in  Deutschland
  würde  den  höchsten  Grad  erreichen.  Ich  hoffe,  daß  ich  mich  täusche,
aber  unmöglich  wäre  diese  Wendung  nicht.  Vorderhand  ist  der  Waffenstillstand
  wohl  nicht  zu  bezweifeln.  Was  aber  nachher  kommt,  ist  unklar.
Daß  es  so  schnell  aus  sein  sollte  wie  im  Jahre  59,  ist  mir  unwahrscheinlich.
  Nach  neueren  Nachrichten  soll  die  Panik  der  Würzburger  ohne
Grund  gewesen  sein,  da  gar  keine  versprengten  Kavalleristen  dort  angekommen
  seien.  #

München,  13.  Juli  1866.

Die  letzten  Tage  hier  waren  Tage  großer  Aufregung  über  die
Gefechte  in  und  bei  Kissingen.:)  Das  Publikum  machte  seiner  Aufregung
durch  Schimpfen  Luft,  wie  es  unter  gewöhnlichen  Leuten  zu  geschehen
pflegt.  Heute  hatte  ich  Gelegenheit,  mit  einem  Offizier  zu  Mittag  zu  essen

 

1)  Gefecht  bei  Hünfeld  am  4.  Juli.
2)  Am  10.  Juli.
        <pb n="178" />
        168  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

(Dürig),  der  Ordonnanzoffizier  des  Generals  Zoller  war  und  dessen  Leiche
hierher  begleitete.  Dürig  hat  alle  Gefechte  mitgemacht  und  erzählte  uns
vieles.  Die  Soldaten  haben  sich  überall  sehr  tüchtig  geschlagen.  Die
oberste  Leitung  des  Generalstabs  und  des  Verpflegungswesens  scheint
viel  zu  wünschen  zu  lassen.  Von  Kissingen  erzählte  er,  daß  die  Badegäste
noch  am  Tage  des  Gefechts  früh  morgens  in  den  Straßen  umhergingen,
bis  auf  einmal  die  erste  Granate  in  die  Straßen  fiel,  dann  verkrochen  sie
sich  in  die  Keller,  wo  mancher  Badegast  zugrunde  gegangen  sein  mag.
Zoller  wurde  von  einer  Granate  getötet,  die  auch  Dürigs  Pferd  tötete.
Beide  stürzten  gleichzeitig.  Dürig  hob  Zoller  wieder  auf,  der  aber  tödlich
verwundet  war.  Das  Stück  der  Granate  hatte  ihm  die  rechte  Seite  in  der
Lebergegend  weggerissen.  Dürig  brachte  die  Leiche  aus  dem  Gefecht  und
hat  sie  dann  mit  großem  Glück  durch  die  preußische  Gefechtslinie  nach
Schweinfurt  gefahren,  wo  sie  ankam,  als  man  dort  von  derselben  Richtung,
aus  der  er  herkam,  die  Preußen  erwartete.

Heute  ist  Dürig  wieder  nach  Bamberg  zurück.  Ueber  den  Waffenstillstand
  herrschen  die  verschiedensten  Gerüchte.  Die  einen  sagen,  er  sei
abgeschlossen,  die  andern,  die  Verhandlungen  hätten  sich  zerschlagen.  Ich
glaube  immer,  daß  man  sich  allerseits  nach  Frieden  sehnt  und  die  Preußen
nur  die  Verhandlungen  in  die  Länge  gezogen  haben,  um  Zeit  und  viel
Terrain  zu  gewinnen.  Wenn  der  Waffenstillstand  nicht  zustande  kommt,
so  kommen  wir  in  die  üble  Lage,  mit  Frankreich  gegen  Preußen  fechten  zu
müssen,  eine  politische  Position,  die  ich  für  unehrenhaft  halte.  Es  wird
dann  bald  eine  Zeit  kommen,  wo  das  deutsche  Bewußtsein  dagegen  reagieren
und  diejenigen  verdammen  wird,  die  einen  solchen  Bund  eingegangen  haben.
Und  doch  kann  man  uns  nicht  zumuten,  gleichzeitig  gegen  Oesterreich  und
Frankreich  zu  kämpfen.  Es  gibt  Lagen  wie  die,  in  der  sich  Bayern  im
Jahre  1805  befand,  wo  man  zu  einem  undeutschen  Bündnis  gezwungen
wird  ohne  irgendeinen  Ausweg!  Das  Leichenbegängnis  des  Generals
Zoller  gestern  war  imposant.  Ich  hatte  mich  dem  Zug  angeschlossen  und
ging  neben  dem  Kriegsminister  hinter  dem  Prinzen  Adalbert.  Die  Leichenrede
  war  unbedeutend.  Der  Pfarrer  brauchte  den  höchst  unpassenden
Ausdruck:  der  Verlebte  sei  ein  Opfer  seiner  Vaterlandsliebe  gefallen.
Das  kann  man  höchstens  von  jemand  sagen,  der  ermordet  worden  ist,
nicht  aber  von  einem  auf  dem  Felde  der  Ehre  Gefallenen.

Die  Deputierten  der  Stadt  München  haben  Pfordten  einen  Besuch
gemacht,  um  eine  Aenderung  des  Ministeriums  in  betreff  der  Kollegen
Pfordtens  zu  verlangen.

Ich  betrachte  die  jetzige  Katastrophe  mit  großer  Ruhe.  Sie  war  unvermeidlich,
  weil  der  Gegensatz  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  zum
Austrag  und  zur  Entscheidung  kommen  mußte;  und  es  war  besser  jetzt
        <pb n="179" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  169

als  zehn  Jahre  später.  Sie  ist  aber  heilsam,  weil  sie  viele  verrottete  Zustände
  in  Deutschland  aufräumt  und  namentlich  den  Mittel=  und  Kleinstaaten
  ihre  Nichtigkeit  und  Erbärmlichkeit  recht  klar  ad  hominem  demonstriert.
  Daß  dies  für  die  Dynastien  ein  Unglück  ist,  gebe  ich  zu,  für  die
Völker  ist  es  ein  Glück.

Der  König  hat  Dürig  nicht  empfangen  (obgleich  er  ihm  auf  Veranlassung
  Holnsteins  !)  ein  Pferd  geschenkt  hat).  Aber  ein  „oberster
Kriegsherr“,  der  einen  vom  Schlachtfeld  rückkehrenden  Offizier  nicht  empfängt!
  Ist  so  etwas  nicht  zum  Schimpfen?

München,  13.  August  1866.

Bei  meiner  Ankunft  in  München  am  12.  Abends  ging  ich  in  den
Klub,  wo  ich  Gustav  Castell  und  Tauffkirchen  fand.  Letzterer  teilte  mir
mit,  daß  Bayern  zu  Gebietsabtretungen  genötigt  werden  würde.  Man
spricht  von  der  Abtretung  eines  Teils  der  Pfalz  an  Frankreich  und  eines
Teils  von  Unterfranken  an  Darmstadt.  Ob  Bayreuth  an  den  Herzog  von
Koburg  abgetreten  werden  soll,  ist  noch  unentschieden.  Die  Kriegskosten,
die  Bayern  zu  zahlen  haben  wird,  sollen  sich  auf  dreißig  Millionen  Gulden
belaufen.

Der  Herzog  von  Augustenburg  ist  wieder  hier,  nachdem  er  seinen
Bruder  Christian  in  der  Schweiz  besucht  hatte.

Gestern  Abend  war  ich  in  einer  Volksversammlung.  Ich  hielt  dort  trotz
einer  Hitze  von  25  0  und  einer  Stickluft  von  Menschenausdünstung  und  Biergeruch
  bis  11  Uhr  aus.  Kolb  sprach  gegen  den  Anschluß  an  Preußen,  Völk  für
denselben.  Die  Stimmung  in  der  Versammlung  war  geteilt.  Allgemein  war
nur  der  Beifall,  wenn  die  Tapferkeit  der  Armee  gelobt,  wenn  die  Führung  derselben
  verdammt,  und  wenn  auf  von  der  Pfordten  geschimpft  wurde.  Die  Versammlung
  war  merkwürdig  durch  die  Erregtheit,  die  sich  in  den  Gesichtern
der  Zuhörer  kundgab.  Ich  fand  im  Saal  keinen  Platz  und  brachte  den  Abend
auf  einem  Gestell  für  Bierfässer  in  dem  Büfett  zu,  von  wo  aus  man
sehen  und  hören  konnte,  ohne  gesehen  zu  werden,  was  für  mich  besonders
wichtig  war.  «

In  der  großen  Politik  liegt  jetzt  alles  an  der  Entscheidung  des  Königs
von  Preußen.  Bismarck  will  dem  Wunsch  des  Kaisers  Napoleon  nachgeben
  und  ihm  Saarbrücken,  Luxemburg  und  einen  Teil  der  bayrischen
Pfalz  geben,  der  König  sträubt  sich  dagegen.  Wenn  der  König  nicht  nachgibt,
  so  entsteht  Krieg  zwischen  Preußen  und  Frankreich.  Dann  werden
wir  mit  Oesterreich  und  Frankreich  gegen  Preußen  gehen.  Ob  dieser  Entschluß
  sehr  deutschpatriotisch  ist,  will  ich  nicht  entscheiden,  ob  er  Beifall
im  Volk  finden  wird,  bezweifle  ich;  doch  scheint  mir,  es  wird  so  kommen.

 

1)  Oberst-Stallmeister  Graf  von  Holnstein.
        <pb n="180" />
        170  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Patriotismus  und  Volksstimmung  kommen  jetzt  wenig  in  Betracht.  Wollte
man  diese  Eventualität  vermeiden,  so  müßte  man  sich  mit  Preußen  verständigen,
  und  dazu  ist  weder  in  Berlin  noch  in  München  große  Lust.

Die  depossedierten  deutschen  Souveräne  intrigieren  an  allen  auswärtigen
  Höfen  um  Intervention  des  Auslands.  Die  offiziellen  und
nichtoffiziellen  Agenten  laufen  sich  die  Beine  ab.  Das  deutsche  Volk  hält
Reden  und  schimpft,  und  unterdessen  bereiten  sich  die  Tatsachen  ohne  seine
Mitwirkung  vor,  die  es  dann  plötzlich  vor  sich  stehen  haben  wird  und  zu
denen  es  dann  wird  schweigen  müssen  und  zahlen.  So  war  es  immer,
und  so  wird  es  auch  noch  eine  Zeitlang  bleiben.

München,  18.  August  1866.

Gestern  war  ich  beim  neuen  Kriegsminister,  1!)  um  ihm  meinen  Gegenbesuch
  zu  machen.  Es  ist  ein  eleganter  Offizier,  dem  man  es  ansieht,
daß  er  ein  großes  Vermögen,  eine  unabhängige  Stellung  und  feine  Bildung
hat.  Im  Gegensatz  zu  seinem  Vorgänger  Lutz,  der  ein  geschraubtes,  ungesundes
  Wesen  hatte,  macht  er  einen  frischen,  angenehmen  Eindruck;  und
doch  behauptet  man,  daß  dieser  Kriegsminister  nicht  die  Fähigkeiten  habe,
die  Armee  neu  zu  organisieren.  Was  der  bayrischen  Armee  fehlt,  ist
gründliche  fachwissenschaftliche  Bildung  und  die  nötigen  Bildungsanstalten.
Man  hat  dies  dem  Prinzen  Karl,  wie  mir  der  alte  M.  versichert,  seit
dreißig  Jahren  gepredigt,  dieser  fand  aber  die  Bildung  vollkommen  genügend.

Von  den  Berliner  Friedensunterhandlungen  erzählt  man  u.  a.  folgendes:
  von  der  Pfordten  sagte  Bismarck,  er  begriffe  nicht,  warum  man  Bayern
so  harte  Friedensbedingungen  mache,  da  doch  Sachsen,  Württemberg  und
Hessen  so  günstige  Bedingungen  erhielten.  Darauf  sagte  Bismarck:  „Was
wollen  Sie?  Für  Sachsen  verwendet  sich  Oesterreich,  für  Württemberg
und  Darmstadt  Rußland  —  für  Sie  verwendet  sich  niemand!“  Eine
bittere  Kritik  der  von  der  Pfordtenschen  Politik.

Man  hat  sich  hier  les  bonnes  gräces  des  Kaisers  Napoleon  verschaffen
  wollen  und  hat  Perglas  nach  Paris  geschickt.  Der  ist  aber  gar
nicht  einmal  von  Napoleon  empfangen  worden,  und  seine  Mission  ist  gescheitert.
  Wäre  ich  schadenfroh,  so  würde  mich  das  freuen.

Gestern  ging  das  Gerücht,  Bayern  habe  mit  Preußen  eine  Allianz
geschlossen  und  ihm  hunderttausend  Mann  zur  Verfügung  gestellt,  wogegen
Preußen  auf  jede  Gebietsabtretung  und  Geldentschädigung  verzichtet  habe.
Nähere  Erkundigungen  ergaben  aber,  daß  dies  Gerücht  erfunden  war.  Der
König  beschäftigt  sich  mit  Erfindung  von  Dekorationen  für  die  Oper  „Wilhelm
  Tell“  und  läßt  sich  Kostüme  machen  für  Opern,  die  er  dann  anzieht

 

1)  Freiherr  von  Pranckh.
        <pb n="181" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  171

und  womit  er  in  seinem  Zimmer  umhergeht.  Unterdessen  handelt  es  sich
darum,  dem  Königreich  Bayern  dreißigtausend  Einwohner  in  Franken  und
siebenhunderttausend  in  der  Pfalz  wegzunehmen.

Der  Herzog  von  Nassau  ist  hier.  Er  trägt  eine  blaue  Brille  und
sieht  wie  ein  Käuzchen  aus.  Warum  er  in  Uniform  geht,  weiß  ich  nicht;
vielleicht  haben  ihm  die  Preußen  seine  Zivilkleider  weggenommen.  Ich
finde  es  begreiflich  und  vom  „rein  menschlichen“  Standpunkt  aus  zu  entschuldigen,
  wenn  sich  diese  vertriebenen  oder,  wie  man  jetzt  zu  sagen  pflegt,
„depossedierten“"  Monarchen  an  die  fremden  Mächte  um  Hilfe  gegen  Preußens
„Vergewaltigung“  wenden.  Vom  deutschen  Standpunkt  aus  läßt  es  sich
aber  nicht  rechtfertigen,  und  im  Interesse  Deutschlands  ist  ihnen  das  Mißlingen
  ihrer  Intrigen  zu  gönnen.

Meine  Anwesenheit  wird  noch  immer  mit  großem  Mißtrauen  betrachtet.
Wenn  der  Geheimrat  Aretin  ein  wirklicher  Basilisk  wäre,  so  hätte  er  mich
mit  seinen  Blicken  schon  längst  vergiftet.  Auch  in  vielen  andern  Blicken  sehe
ich  solche  mißtrauischen  Gedanken.  Prinz  Ludwig  ist  noch  nicht  außer
Gefahr.  Man  hat  die  Kugel  noch  nicht  gefunden.

Bayern  wird  wahrscheinlich  zwanzig  Millionen  Gulden  zahlen  und
einen  kleinen  Teil  von  Unterfranken  und  ein  Stück  von  Oberfranken,
Hof  u.  s.  w.  abtreten  müssen.  Das  ist  das  Neueste.

Bei  der  Beratung  des  Gesetzentwurfs  über  die  an  Preußen  zu
zahlende  Kriegsentschädigung  hatte  die  Kammer  der  Abgeordneten  den
Wunsch  ausgesprochen,  „Seine  Majestät  der  König  wolle  allergnädigst
geruhen,  dahin  zu  wirken,  daß  durch  einen  engen  Anschluß  an  Preußen
der  Weg  betreten  werde,  welcher  zurzeit  allein  dem  angestrebten  Endziele
entgegenführen  kann,  Deutschland  unter  Mitwirkung  eines  freigewählten
und  mit  den  erforderlichen  Befugnissen  ausgestatteten  Parlaments  zu
einigen,  die  nationalen  Interessen  wirksam  zu  wahren  und  etwaige  Angriffe
des  Auslands  erfolgreich  abzuwehren“.

Der  Referent  der  Kammer  der  Reichsräte,  Freiherr  von  Thüngen,
konnte  diesen  Antrag  zur  Zustimmung  nicht  empfehlen,  sondern  nur  etwa
in  folgender  Fassung:  „Wir  wünschen,  daß  Seine  Majestät  der  König  im
Falle  eines  Angriffs  des  Auslands  auf  deutsches  Gebiet  mit  allen  Kräften
des  Volks  und  des  Heeres  diesem  Angriffe  entgegentreten  werde.“  Fürst
Hohenlohe  trat  dagegen  in  der  Sitzung  der  Kammer  der  Reichsräte  vom
31.  August  1866  für  den  Antrag  ein.  „Mir  scheint,“  sagte  er,  „dieser
Antrag  von  hoher  Bedeutung  zu  sein.  Er  führt  uns  mit  einem  Male  in
die  deutsche  Frage  und  zeugt  von  einer  Meinungsänderung  des  ganzen
Landes  von  so  durchgreifender  Art,  wie  sie  mir  in  meinem  politischen  Leben
noch  nicht  vorgekommen  ist.  Als  ich  vor  siebzehn  Jahren  in  der  Sitzung
        <pb n="182" />
        172  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

vom  12.  November  1849  der  Neugestaltung  Deutschlands  im  Sinne  der
damaligen  Vorschläge  Preußens  im  Sinne  des  engeren  Anschlusses  an
Preußen  das  Wort  redete,  tat  ich  es  und  mußte  es  tun  unter  der  ausdrücklichen
  Anerkennung,  daß  ich  mich  mit  den  Anschauungen  des  bayrischen
Volks  im  Widerspruch  befände.  Ich  habe  mich  damals  den  Anschauungen
  der  Majorität  gefügt.  Seitdem  sind  zahlreiche  Projekte  im  großdeutschen
  Sinne  aufgetaucht  und  wieder  verschwunden.  Ich  habe  sie  nie
für  praktisch  durchführbar  gehalten.  Heute  nun  sehen  wir  uns  einem
Antrage  der  großen  Mehrheit  der  Abgeordnetenkammer  gegenüber,  der  die
Neugestaltung  Deutschlands  im  engen  Anschlusse  an  Preußen  anstrebt.  Sie
werden,  meine  hohen  Herren,  es  konsequent  finden,  wenn  ich  mich  diesem
Antrage  anschließe  und  Ihnen  dessen  Annahme  empfehle.  Wenn  Sie  staunend
fragen,  wie  es  möglich  ist,  daß  ein  solcher  Umschwung  in  der  Meinung
des  bayrischen  Volks  stattfinden  konnte,  so  ist  die  Antwort  darauf  sehr  leicht.

Nach  dem  Austritte  Oesterreichs  aus  dem  Deutschen  Bunde,  nach  der
Sprengung  des  Deutschen  Bundes  trat  an  uns  die  Frage:  was  wird  aus
Bayern?  Drei  Wege  blieben  uns  offen.  Die  Gründung  des  Südwestdeutschen
Bundes,  die  Isolierung  Bayerns  und  die  Anlehnung  an  Preußen.  Daß
die  Gründung  des  Südwestdeutschen  Bundes  in  das  Bereich  der  Möglichlichkeit
  gehöre,  hat  wohl  noch  niemand  im  Ernste  behauptet.  Es  ist  mir
wenigstens  noch  kein  wirklicher  Anhänger  dieses  sogenannten  Winkeldeutschlands
  vorgekommen.  Ebenso  unmöglich  erscheint  mir  die  Stellung  Bayerns  als
selbständiger,  unabhängiger  Staat  in  der  Mitte  der  europäischen  Großmächte.
Niemand  wird  behaupten,  daß  eine  solche  Stellung  eines  Staats  von  fünf
Millionen  möglich  ist  ohne  Anlehnung  an  eine  größere  Macht.  Es  könnte
also  nur  die  Frage  sein,  ob  wir  uns,  wie  zur  Zeit  des  Rheinbunds,  an
Frankreich  oder  ob  wir  uns  an  Preußen  anlehnen  wollen.

Nun  muß  ich  zur  Ehre  unsers  Vaterlands  konstatieren,  daß  selbst
in  den  schlimmsten  Tagen  unfrer  neuesten  Geschichte  sich  kein  Fürsprecher
für  einen  französischen  Bund  gefunden  hat,  mit  Ausnahme  vielleicht  eines
Münchner  Winkelblatts,  das  diesen  Gedanken  verteidigt  hat.  Es  bleibt
also  nur  das  Bündnis  mit  Preußen.  Hier  entsteht  nun  die  Frage,  ob
es  jetzt  schon  an  der  Zeit  sei,  dieses  Bündnis  anzustreben.  Man  könnte
dagegen  einwenden  und  es  ist  dies,  wenn  auch  nicht  in  dieser  hohen
Kammer,  getan  worden,  es  sei  Bayerns  nicht  würdig,  jetzt  schon  dem
siegreichen  Feinde  die  Hand  zu  reichen.  Ich  gestehe,  daß  ich  diesen  Einwand
  nie  verstanden  habe.  Wir  haben  Frieden  mit  Preußen  geschlossen,
Friede  aber  bedeutet  Versöhnung  und  schließt  jeden  Gedanken  der  Rache
und  Bitterkeit  aus.  Es  ist  die  Prärogative  zivilisierter  Völker,  den  Krieg
als  eine  politische  Notwendigkeit  anzusehen  im  Gegensatze  zu  den  Negerstämmen
  Mittelafrikas,  die  den  Krieg  aus  Beutelust  und  Blutdurst  führen,
        <pb n="183" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  173

und  schließlich  ihre  Gefangenen  schlachten  und  verzehren.  Bei  zivilisierten
Völkern  hört  die  feindliche  Gesinnung  auf,  wenn  die  politische  Notwendigkeit
  verschwunden  ist,  um  so  mehr  bei  Völkern  eines  und  desselben  Stammes,
  welche  aufeinander  angewiesen  sind.  Ein  andrer  Einwand,  der
hier  gemacht  wurde,  besteht  darin,  daß  man  erst  abwarten  wolle,  wie  der
Norddeutsche  Bund  sich  gestalten  wird,  ehe  man  erklärt,  ob  man  eintreten
wolle  oder  nicht.  Allein,  bedenken  Sie,  meine  hohen  Herren,  daß  solches
Abwarten  für  Bayern  sehr  gefährlich  werden  kann.  Wer  steht  Ihnen
dafür,  daß  die  gegenwärtige  Ruhe  Europas  ungestört  bleiben  wird?  Tritt
aber  ein  Ereignis  ein,  das  diese  Ruhe  erschüttert,  so  steht  Bayern  allein
und  verlassen  da.  Was  es  aber  heißt,  keinen  Fürsprecher,  keinen  Freund,
keinen  Alliierten  zu  haben,  hat  der  Herr  Staatsminister  des  Aeußern  in
Berlin  zur  Genüge  erfahren.  Ich  halte  es  aber  für  zweckmäßiger,  jetzt,
wo  noch  alles  im  Flusse  ist,  wo  man  noch  im  Organisieren  begriffen  ist,
die  Stellung  zum  Norddeutschen  Bunde  zu  erstreben,  jetzt,  wo  es  noch
möglich  ist,  für  die  Selbständigkeit  Bayerns  und  seiner  Dynastie  günstige
Bedingungen  zu  erlangen,  als  anzuklopfen,  um  mich  eines  Bildes  zu  bedienen,
  welches  der  sehr  verehrte  zweite  Herr  Präsident  gebraucht  hat,  an
einem  fertigen  Hause,  das  sozusagen  kristallisiert  ist,  und  dessen  Tore  verschlossen
  sein  können.  Dann  werden  wir  entweder  ausgeschlossen  bleiben,
oder  wir  müssen  uns  Bedingungen  fügen,  die  für  unfre  Dynastie  und
für  unfre  Stammeseigentümlichkeit  vernichtend  sein  können.  Man  hat
auch  gesagt,  Preußen  will  unser  Bündnis  gar  nicht;  ich  glaube  die  Stimmung
  in  Preußen  zu  kennen  und  muß  behaupten,  daß  diese  Abneigung
gegen  einen  Bund  mit  Süddeutschland  nur  bei  einer  Partei,  bei  der  sogenannten
  Kreuzzeitungspartei,  existiert,  der  das  konstitutionelle  Leben  in
Süddeutschland  ein  Greuel  ist.  Das  preußische  Volk  in  seiner  Majorität
teilt  diese  Abneigung  nicht  und  ebensowenig  die  Regierung.  Wenn  die
preußische  Regierung  uns  keinen  Vorschlag  gemacht  hat,  um  uns  zum
Eintritt  in  den  Bund  oder  zu  einem  Bündnisse  einzuladen,  so  ist  dies  bei
der  Stellung  Preußens  zu  Frankreich  sehr  natürlich.  Dies  kann  aber  für
die  süddeutschen  Länder  und  ihre  Vertreter  kein  Grund  sein,  ihre  Meinung
zu  verschweigen.  Ich  sollte  denn  doch  meinen,  daß,  wenn  auch  Preußen
Grund  hat,  auf  Frankreich  Rücksicht  zu  nehmen,  die  deutsche  Nation  groß
genug  ist,  zu  sagen,  was  sie  will,  was  sie  für  gut,  für  recht  und  für
zweckmäßig  hält  für  ihr  eignes  Wohl,  unbekümmert,  was  jenseits  des
Rheins  gewünscht  und  gehofft  wird.  Auch  bin  ich  der  Ansicht,  daß  die
angebliche  feindselige  Stimmung  in  Frankreich  gegenüber  von  Deutschland
eine  durch  unlautere  Parteibestrebungen  künstlich  gemachte  ist.  Das
französische  Volk  ist  zu  großgesinnt,  zu  selbstbewußt  und  zu  edel,  um  sich
zu  fürchten  vor  der  Konstituierung  eines  geeinigten  Deutschlands.
        <pb n="184" />
        174  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Ich  gestehe,  daß  die  Formulierung  des  Antrags  zu  wünschen  übrigläßt.
  Wenn  aber  der  Anschluß  an  Preußen  notwendig  ist,  wenn  er  jetzt
schon  notwendig  ist,  so  ist  es  Pflicht,  dies  auszusprechen,  wie  es  der  vorliegende
  Antrag,  wenn  auch  in  unvollkommener  Weise,  tut.  Ich  sehe  in
dem  Antrage  keine  Mediatisierung  Bayerns,  sondern  nur  den  Wunsch  des
Landes,  auf  irgendeine  Weise  aus  der  Isolierung  herauszutreten.  Er
kann  also  nur  die  Grundlage  weiterer  Unterhandlungen  bilden.  Ich
empfehle  also  dessen  Annahme  im  Interesse  unsers  Vaterlands,  im  Interesse
  Bayerns,  im  Interesse  der  Erhaltung  Deutschlands.“

Der  Antrag  der  Kammer  der  Abgeordneten  wurde  von  den  Reichsräten
  abgelehnt.  Mit  Ja  stimmten  außer  dem  Fürsten  Hohenlohe  nur  die
Reichsräte  Graf  von  Fugger-Babenhausen,  Graf  von  Pappenheim  und
Fürst  von  Oettingen-Wallerstein.

In  derselben  Sitzung  verhandelten  die  Reichsräte  über  den  weiteren
Antrag  der  Kammer  der  Abgeordneten:

„Seine  Majestät  der  König  wolle  dem  bayrischen  Volke  den  gebotenen
Fortschritt  in  der  Entwicklung  der  inneren  staatlichen  Einrichtungen,  namentlich
die  Reform  der  Heeresverfassung,  eine  gesetzliche  Regelung  des  Schulwesens
auf  freisinniger  Grundlage  sowie  die  Sicherung  voller  Gewissensfreiheit
gewähren  und  die  ungesäumte  Vorlage  der  Entwürfe  zu  den  sozialen
Gesetzen  anordnen.“

Diesem  Wunsche  stimmte  die  Kammer  der  Reichsräte  in  der  Sitzung
vom  31.  August  1866  bei.  Dagegen  stimmten  die  Erzbischöfe  von  Scherr
und  von  Deinlein,  Bischof  von  Dinkel,  Graf  von  Seinsheim  und  die  Freiherren
  Karl  und  Karl  Maria  von  Aretin.

Journal.
München,  1.  September  1866.

Der  zum  Zweck  der  Beratung  des  Friedenschlusses  berufene  Landtag
ist  nun  zu  Ende.  Die  Vorlage  des  Friedensvertrages  gab  mir  keine
Veranlassung  zum  Reden,  und  ich  glaubte  schon  ruhig  durchgekommen  zu
sein,  als  die  Kammer  der  Abgeordneten  bei  Beratung  eines  Finanzgesetzes
einen  Antrag  fast  einstimmig  annahm,  der  die  Regierung  bittet,  den  engen
Anschluß  an  Preußen  und  ein  deutsches  Parlament  zu  erstreben.  So  kam
also  diese  Frage  auch  an  uns,  und  nun  konnte  ich  nicht  mehr  schweigen.
Jedermann  kannte  meine  Gesinnungen  und  erwartete  von  mir,  daß  ich  diesem
Antrag  das  Wort  reden  würde.  Ich  habe  dies  auch  in  der  gestrigen
Sitzung  getan.  Es  ist  nicht  dem  geringsten  Zweifel  unterworfen,  daß  die
öffentliche  Meinung  in  Bayern  in  allen  Landesteilen,  in  allen  Klassen  für
den  Anschluß  an  Preußen  ist.  Allerdings  ist  dies  nicht  die  Meinung  des
Hofs  und  der  Minister.  Diese  sehen  darin  eine  Mediatisierung  Bayerns
        <pb n="185" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  175

und  wehren  sich  dagegen;  ebenso  die  ultramontane  Partei,  die  aber  mehr
und  mehr  Boden  verliert.  Die  Gegner  von  Preußen  haben  aber  ein
Gegenprojekt  gegen  den  Anschluß  nicht  aufgestellt.  Einen  Anschluß  an
Oesterreich  hat  niemand  vorgeschlagen,  selbst  die  ultramontane  Partei  nicht,
einen  Anschluß  an  Frankreich  und  das  Wiederaufleben  des  Rheinbundes
wagt  niemand  vorzuschlagen;  für  den  südwestdeutschen  Bund  erhebt  sich
keine  Stimme,  ebensowenig  glaubt  jemand,  daß  Bayern  allein  bleiben  könne.
Trotzdem  wird  mir  ohne  Zweifel  meine  Rede  in  der  Hofpartei  und  von
den  Ultramontanen  sehr  übelgenommen  werden.  Meine  Chancen  für  das
Ministerium  werden  dadurch  sehr  vermindert.  Da  ich  nun  aber  doch  einmal
  den  Ruf  eines  Preußenfreundes  habe  und  dieser  Ruf  auch  durch  meine
politische  Vergangenheit  gerechtfertigt  wird,  so  war  für  mich  keine  Wahl,
als  dieser  Ansicht  treu  zu  bleiben  und  sie  offen  zu  vertreten,  um  so  mehr,
als  ich  die  ganze  Kammer  der  Abgeordneten  hinter  mir  habe.  In  der
Kammer  der  Reichsräte  war  die  Opposition  gegen  mich  sehr  schwach.
Pfordten  hatte  wegen  des  von  einem  bayrischen  Soldaten  ermordeten
preußischen  Offiziers  1)  ein  Telegramm  unfreundlichen  Inhalts  von  Bismarck
erhalten  und  bat  die  Reichsräte,  ja  nicht  zu  heftig  gegen  Preußen  aufzutreten.
  So  fand  ich  wenig  energische  Opposition  in  der  Kammer,  und
Pfordten  war  die  preußisch  gefärbte  Rede  recht  angenehm.  In  der  ultramontanen
  Presse,  namentlich  im  „Volksboten“  und  im  „Neuen  bayrischen
Kurier"“  werde  ich  ohne  Zweifel  recht  geschimpft  werden.

Man  hofft  hier  in  ultrabayrischen  Kreisen  durch  Hinziehen  und  Abwarten
  noch  etwas  zu  gewinnen.  Man  glaubt  immer  noch,  daß  es  möglich
sein  werde,  Bayern  selbständig  zu  erhalten.  Man  hofft  wie  die  Familie
Micawber  in  „David  Copperfield“,  „that  something  will  turn  up“.  Darüber
  vergeht  die  Zeit,  und  Bayern  geht  so  ganz  langsam  seinem  Untergang
  entgegen.  Wenn  man  sich  zu  entscheidenden  Unterhandlungen  mit
Preußen  entschließen  könnte,  so  würde  man  jetzt  noch  eine  ganz  erträgliche
Stellung  für  König  und  Land  erreichen  können.  Das  wird  man  aber  nicht
tun  und  bei  der  ersten  großen  europäischen  Krisis  irgend  jemand  zur  Beute
fallen.  Ich  habe  wenigstens  meine  Meinung  gesagt.

München,  11.  Oktober  1866.
Meine  Reise  nach  München  ist  in  einen  recht  interessanten  Moment
gefallen  und  war  mir  zur  Orientierung  sehr  nützlich.  Gleich  bei  meiner
Ankunft  ließ  ich  Dr.  Schanzenbach  2)  rufen,  um  Philipp  Ernsts  Knie  zu

 

1)  Ein  bayrischer  Soldat  hatte  aus  einem  Eisenbahnwagen  heraus  einen
preußischen  Offizier  erschossen.
2)  Angesehener  Arzt,  der  sich  der  Kundschaft  der  vornehmen  Gesellschaft  erfreute.
        <pb n="186" />
        176  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

untersuchen.  Nachdem  er  das  nötige  Pflaster  verordnet  hatte,  ging  er
gleich  auf  die  Politik  über.  Ich  sah  ihm  an,  daß  mit  ihm  etwas  vorgegangen
  sein  mußte;  er  hatte  eine  Atmosphäre  von  staatsmännischer
Wichtigkeit  um  sich,  die  mir  an  ihm  neu  war.  Das  Rätsel  löste  sich  sofort;
  denn  er  erzählte  mir,  er  sei  jetzt  seit  vierzehn  Tagen  fast  jeden  Abend  mit
dem  König  bei  Paul  Taxis  zusammengekommen.  Sein  Urteil  über  den  König
ist  sehr  günstig;  es  stellt  sich  mehr  und  mehr  heraus,  daß  alle  Mißgriffe
und  Unterlassungen,  deren  sich  der  König  schuldig  gemacht  hat,  durch  das
Kabinett  veranlaßt  worden  sind.  Mein  Gefühl  hat  mich  nicht  getäuscht;
es  ist  wahr,  daß  Pfistermeister  und  Lutz  1)  den  König  absichtlich  isoliert
haben,  um  ungestört  ihr  Protektionswesen  zu  treiben  in  Gemeinschaft  mit
Pfordten  und  Bomhard.  So  ist  es  gekommen,  daß  der  König  von  dem
Trauergottesdienst  für  die  Armee  nichts  wußte.  Pfistermeister  war  es,  der
den  König  abgehalten  hat,  der  Beerdigung  des  Generals  Zoller  beizuwohnen.
Pfistermeister  hat  den  König  abgehalten,  die  Spitäler  zu  besuchen  u.  s.  w.
Es  scheint,  daß  Schanzenbach  mit  dazu  beigetragen  hat,  dem  König  die
Augen  zu  öffnen.  Dann  hat  der  König  den  früheren  Minister  Neumayr.)
konsultiert,  und  so  kam  er  zu  dem  Entschluß,  das  Kabinett  zu  ändern,  und
Neumayr,  Tauffkirchen  und  Feilitzsch  zu  berufen.  Die  Unterhandlungen
schweben  noch.  Neumayr  soll  Kabinettsminister  oder  Minister  des  Königlichen
Hauses  werden.  Die  beiden  andern  sollen  als  Kabinettsräte  eintreten.
Pfordten  wird  dann  weggehen  müssen.  Der  König  will  mich  an  Pfordtens
Stelle  haben  und  hat  dies  gesagt,  woraus  dann  die  Zeitungsartikel  entstanden
sind.  Dagegen  wird  nun  von  der  ultramontanen  Partei  und  wahrscheinlich
auch  von  Neumayr  gearbeitet,  der  mir  meine  Angriffe  bei  einer  Diskussion
in  der  Kammer  nicht  vergessen  kann.  Die  Stimmung  im  allgemeinen  ist
noch  immer  gleich  günstig  für  mich.  Meine  Rede  hat  mir  viel  genützt,
weil  die  große  Mehrheit  eine  Verständigung  mit  Preußen,  solange  der
Norddeutsche  Bund  nicht  fest  organisiert  ist,  für  notwendig  hält,  und  ich
das  ungescheut  zuerst  ausgesprochen  habe.  Pfordtens  planlose  Politik  wird
allgemein  verdammt.  Gleich  den  Tag  nach  meiner  Ankunft  wurde  ich  wieder
durch  einen  Artikel  der  „Neuesten  Nachrichten“  überrascht,  in  welchem  bestimmt
versichert  wurde,  ich  sei  ausersehen,  Pfordten  zu  ersetzen.  Die  guten
Münchner,  die  alle  die  „Neuesten  Nachrichten“  zum  Kaffee  lesen,  nahmen
natürlich  die  Nachricht  für  bare  Münze.  Da  hatte  mich  einer  in  Gala
zum  König  fahren  sehen,  der  andre  wollte  gesehen  haben,  wie  der  König
zu  mir  gekommen  sei,  um  mich  zu  bitten,  das  Ministerium  anzunehmen,

 

)  Ministerialrat  Pfistermeister,  Chef  des  Zivilkabinetts  des  Königs,  Appellationsgerichtsrat
  Lutz,  der  spätere  Minister,  im  Kabinett  beschäftigt.
:)  Max  von  Neumayr,  ehemals  Gesandter  in  Stuttgart  und  Minister  des
Innern.
        <pb n="187" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  177

ein  dritter  wollte  wissen,  ich  hätte  abgelehnt,  weil  man  mich  früher  übergangen
  habe  u.  dergl.

Die  Wahrheit  scheint  zu  sein,  daß  der  König  den  Plan  nicht  aufgegeben
  hat,  daß  aber  von  allen  Seiten  dagegen  intrigiert  wird.  Vechhioni,)
bei  dem  ich  heute  Nachmittag  war,  meint  auch,  daß  es  sehr  möglich  sei,
daß  die  früheren  Kabinettsräte  wieder  in  ihre  Stellen  eingesetzt  würden
und  daß  alles  beim  alten  bleibe.  Die  „Augsburger  Postzeitung“  prophezeit
Unheil  aus  meiner  Ernennung  zum  Minister,  die  andern  Lokalzeitungen
sehen  darin  den  Anfang  einer  paradiesischen  Zeit;  die  „Augsburger  Allgemeine“
ignoriert  mich  vornehm.

Jedenfalls  werden  diese  Intrigen  noch  einige  Monate  fortgehen.
Das  Provisorium  im  Kabinett  soll  noch  bis  zum  1.  Dezember  fortdauern,
wie  mir  von  der  Tann  sagt.  Wenn  aber  Pfistermeister  definitiv  abgesetzt
sein  wird,  so  können  Pfordten  und  Bomhard  nicht  bleiben.

Ob  ich  Minister  werde,  hängt  davon  ab,  ob  Neumayr  es  in  seinem
Interesse  erachtet,  seine  Popularität  durch  meinen  Eintritt  in  das  neue
Ministerium  zu  erhöhen,  oder  ob  er  fürchtet,  daß  ich  ihm  schaden  könne.
Ist  letzteres  der  Fall,  so  wird  ohne  Zweifel  der  gute  Bray#)  oder  eine
andre  Nullität  aus  der  bayrischen  Diplomatie  zum  Minister  des  Aeußern
gemacht.

München,  3.  November  1866.

Am  25.  Oktober  erhielt  ich  einen  Brief  Holnsteins  3)  vom  18.,  in
welchem  er  mich  zu  einer  Besprechung  nach  München  über  den  Eintritt
ins  Ministerium  einlädt,  und  den  darauffolgenden  Tag  einen  zweiten  Brief
mit  dem  Rundschreiben  des  Ministers  von  der  Pfordten  und  dem  Auftrag
des  Königs,  meine  Ansicht  darüber  auszusprechen.  Ich  machte  mich  also
sofort  an  die  Arbeit  und  war  einige  Tage  darauf  fertig.  Am  31.  kam
ich  nach  München.  Tauffkirchen  war  der  erste,  den  ich  sah.  Ich  zeigte
ihm  das  Rundschreiben  und  mein  Gutachten,  mit  welchem  er  vollkommen
einverstanden  war,  bis  auf  den  Schluß,  wo  ich  dann  seinem  Rat  entsprechend
einige  Modifikationen  anbrachte.

Den  1.  November  kam  Holnstein.  Er  fing  damit  an,  mir  im  Namen
des  Königs  das  Ministerium  des  Hauses  und  des  Aeußern  und  die
Ministerpräsidentschaft  anzubieten,  und  stellte  mir  gleichzeitig  die  Uebertragung
  der  Kronoberstkämmererstelle  in  Aussicht.  Un  honneur  que  je
goüte  fort  médiocrement.  Ich  gab  ihm  dann  das  Gutachten  und  beriet

 

1)  Chefredakteur  der  „Münchner  Neuesten  Nachrichten“.

:)  Graf  Bray-Steinburg,  damals  Gesandter  in  Wien,  1870  Minister  des
Aeußern.

3)  Oberst-Stallmeister  Graf  Holnstein.

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  I  12
        <pb n="188" />
        178  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

mit  ihm  die  etwaigen  Aenderungen  in  den  übrigen  Ministerien.  Wir
wurden  darüber  einig,  daß  Bomhard  auch  ausscheiden  müsse,  daß  aber
die  übrigen  Minister  bleiben  könnten.  Der  Schluß  der  ganzen  Sache
wurde  aber  noch  vertagt,  wenn  Holnstein  mit  Neumayr  gesprochen  haben
würde.  Dies  sollte  den  2.  geschehen.  Unterdessen  ging  ich  auf  Erkundigungen
  aus  und  fand,  daß  eigentlich  zurzeit  kein  Grund  zu  einer  Ministerveränderung
  gegeben  sei,  und  daß  ich  auf  keinen  außerordentlich  günstigen
Empfang  in  der  öffentlichen  Meinung  würde  rechnen  können.  Man  würde
im  allgemeinen  wohl  meinen  Eintritt  ins  Ministerium  billigen,  allein  ein
besonderer  Wunsch  besteht  zurzeit  nicht.  Die  Parteien  haben  sich  noch
nicht  organisiert,  und  die  antipreußische  Stimmung  hat  sich  noch  nicht
genügend  beruhigt.  Zudem  kann  ich  mir  nicht  verhehlen,  daß  allen  Mitteilungen
  Holnsteins  zufolge  der  Wunsch  des  Königs,  mich  zum  Minister
zu  haben,  aus  seiner  Passion  für  Wagner  hervorgeht.  1)  Der  König  erinnert
sich,  daß  ich  einmal  die  Entfernung  Wagners  als  etwas  Unnötiges  bezeichnet
  habe,  und  hofft,  daß  ich  ihm  die  Rückkehr  Wagners  ermöglichen
würde.  Ein  Wagner-Ministerium  zu  bilden,  dazu  habe  ich  aber  keine
Lust,  wenn  ich  auch  die  Rückkehr  Wagners  später  für  kein  besonderes
Unglück  halte.  Dies  und  die  Erwägung,  daß  ich  nach  dem  Beginn  des
Landtags  oder  vielleicht  unmittelbar  vorher  eine  bessere  Stellung  haben
würde  als  jetzt,  wo  das  Ministerium  nur  durch  eine  Hofintrige  zustande
gekommen  schiene,  machte  es  mir  ganz  erwünscht,  daß  Holnstein  am  andern
Tage  kam  und  sagte,  daß  Neumayr  ganz  entschieden  gegen  mich  sei.  Da
nun  aber  Neumayr  jetzt  schon  dem  König  zuwider  ist  und  sich  nicht  lange
halten  wird,  so  wird  er  mir  nicht  lange  schaden.  Unterdessen  wird  sich
Holnstein  in  der  Gunst  des  Königs  zu  halten  suchen  und  meine  Interessen
vertreten.  Nun  höre  ich  allerdings  auch  von  andrer  Seite,  namentlich
von  Dönniges?)  und  Umbscheiden,  daß  die  Kammer  auf  meiner  Seite  sein
würde,  wenn  ich  unmittelbar  vor  dem  Zusammentritt  des  Landtags  ein
Ministerium  bildete,  daß  aber,  wenn  das  Ministerium  bis  nach  Eröffnung
des  Landtags  bliebe,  die  Veränderung  schwieriger  werden  könnte.  Ich
habe  deshalb  Tauffkirchen  in  einem  Brief  freie  Hand  gelassen,  wenn  er
es  für  nötig  hält,  in  diesem  Sinne  zu  wirken.  Die  Intrigen  Neumayrs
habe  ich  durch  die  Einwirkung  von  Dönniges  und  Unbbscheiden  ungefährlich
  gemacht  und  damit  das  Terrain  für  mich  günstig  vorbereitet.

 

1)  In  einem  Briefe  vom  17.  Januar  1867,  welcher  in  Nr.  574  der  „Münchner
Neuesten  Nachrichten“  vom  8.  Dezember  1904  veröffentlicht  ist,  nimmt  Richard
Wagner  für  sich  die  Ehre  in  Anspruch,  dem  König  Ludwig  zuerst  den  Rat  erteilt
zu  haben,  sich  dem  Fürsten  Hohenlohe  anzuvertrauen  und  seinen  Rat  einzuholen.

2)  von  Dönniges  (1814  bis  1872)  damals,  nachdem  er  als  bayrischer  Geschäftsträger
  in  der  Schweiz  abberufen  war,  ohne  Amt  in  München  lebend.
        <pb n="189" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  179

Wenn  also  der  König  doch  noch  auf  dem  Gedanken  bestehen  sollte,  daß
ich  vor  dem  Zusammentritt  des  Landtags  ein  Ministerium  bilde,  so  habe
ich  Einleitungen  getroffen,  daß  er  mich  telegraphisch  zurückrufen  läßt.
Unterdessen  wird  die  Presse  in  meinem  Sinne  bearbeitet.

Ich  reise  heute  abend  ab  und  werde  suchen,  die  Sachen  so  schnell
als  möglich  zu  erledigen,  um  zu  rechter  Zeit  wieder  hier  sein  zu  können,
oder  wenigstens  à  portée  eines  Telegramms,  welches  mir  nach  Rauden
an  Viktor  zu  adressieren  wäre.

Die  Projekte,  die  hier  gemacht  werden,  sind  wirklich  so  dumm  und
landesgefährlich,  daß  ich  bei  aller  Bescheidenheit  meinen  Eintritt  ins  Ministerium
  als  eine  Notwendigkeit  ansehe.  Ich  bin  einem  Komplott  auf  der
Spur,  welches  Neumayr  zum  Ministerpräsidenten  und  Bray  zum  Minister
des  Aeußern  machen  will.  Je  l’ai  ebruité  und  habe  damit  vielleicht  der
Sache  die  Spitze  abgebrochen.

In  dem  Seite  177  erwähnten  Rundschreiben  des  Ministers  von  der
Pfordten,  welches  am  5.  November  1866  abgesendet  wurde,  wird  über
die  künftige  Stellung  Bayerns  zu  Norddeutschland  folgendes  gesagt:

„Der  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  kann  auf  keinen  Fall  als
Ziel  der  bayrischen  Politik  betrachtet  werden.  Seit  dem  Jahre  1848  hat
Bayern  konsequent  den  Grundsatz  befolgt,  jeder  Reform  des  Deutschen
Bundes  zuzustimmen,  an  welcher  sich  Oesterreich  und  Preußen  gleichmäßig
beteiligen,  aber  mit  einer  dieser  beiden  Großmächte  allein  in  kein  Verfassungsbündnis
  einzutreten,  sowohl  im  bayrischen  als  im  allgemeinen
deutschen  Interesse,  weil  darin  ebenso  die  Mediatisierung  Bayerns  wie  die
Zerreißung  Deutschlands  liegen  würde.  Diesem  Grundsatze  gemäß  hat
die  bayrische  Regierung  die  Reichsverfassung  von  1849  abgelehnt  und
ihren  Beitritt  zu  dem  sogenannten  Dreikönigsbündnis  mit  dem  Erfurter
Parlament  verweigert.  Diesem  Grundsatze  gemäß  hat  sie  im  Jahre  1863
nach  dem  Mißlingen  des  Fürstentags  sich  nicht  dazu  verstanden,  eine  Neugestaltung
  des  Bundes  ohne  Preußen  durchzuführen.  Diesem  selben  Grundsatze
  gemäß  wird  sie  auch  jetzt  von  einem  Eintritte  in  den  Norddeutschen
Bund  absehen  müssen.“

Hiergegen  wendet  sich  das  vorerwähnte  Gutachten  des  Fürsten.  Es
heißt  darin:

Wie  die  Tätigkeit  der  bayrischen  Regierung  in  der  deutschen  Frage
seit  1849  eine  wesentlich  negative  war,  so  geht  die  Absicht  des  Herrn
Ministers  von  der  Pfordten  auch  jetzt  dahin,  die  bayrische  Selbständigkeit
durch  negative  Bestrebungen  zu  erhalten.

Mir  scheint  aber  die  Lage  Bayerns  nach  den  neuesten  Ereignissen  zu
gefahrvoll,  um  in  einer  abwartenden  Haltung  die  genügende  Sicherheit
        <pb n="190" />
        180  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

für  die  Selbständigkeit  des  Throns  und  die  Unabhängigkeit  des  Landes
erblicken  zu  können.  Das  Uebergewicht  Preußens  in  Deutschland  ist  seit
dem  Austritt  Oesterreichs  aus  dem  Bunde  und  seit  der  Vergrößerung
Preußens  eine  Tatsache.  Das  vergrößerte  Preußen  beherrscht  den  deutschen
Norden,  steht  an  der  Spitze  von  dreißig  Millionen  Einwohnern  und  verfügt
  über  eine  Armee  von  nahezu  achthunderttausend  Mann.  Ein  Freundschaftsbündnis
  zwischen  Bayern  und  dem  deutschen  Norden  ist  die  Allianz
eines  Stärkeren  mit  einem  Schwächeren,  die  gerade  so  lange  von  Preußen
respektiert  wird,  als  dies  im  Interesse  Preußens  liegt.

Anders  ist  es  mit  einem  Verfassungsbündnisse,  welches,  wie
die  Erfahrung  zeigt,  dauernde  Garantien  bietet.  Was  dem  Deutschen
Bunde  trotz  seiner  Mängel  eine  fünfzigjährige  Dauer  gewährte,  war  sein
Charakter  als  Verfassungsbündnis.  Und  obgleich  Preußen  seit  Jahrzehnten
  an  dessen  Auflösung  gearbeitet  hat,  konnte  die  Zerstörung  des
Bundes  nur  durch  das  Zusammentreffen  außerordentlicher  Umstände  erreicht
werden.  Bayern  hat  auch  bisher  nie  ohne  den  Schutz  eines  solchen  Verfassungsbündnisses
  bestanden,  denn  der  deutsche  Reichsverband  sowohl  wie
der  Rheinbund  können  als  solche  gelten.

Nun  soll  aber  das  Experiment  der  selbständigen  Stellung  in  einem
Augenblicke  versucht  werden,  in  welchem  die  Existenz  der  Mittelstaaten,
abgesehen  von  allem  andern,  schon  durch  das  Streben  der  Völker  nach
großen  Staatenbildungen  und  durch  die  prekäre  Lage  Europas  überhaupt
gefährdet  erscheint.

Wäre  Bayern  ein  Staat,  der  sich  selbst  genügte  und  selbst  genügen
könnte,  so  wäre  die  Gefahr  geringer.  Allein,  würde  sich  Bayern  selbst
genügen  können  in  politischer  Beziehung  im  Falle  einer  Bedrohung  seiner
Grenzen?

Würde  es,  auf  eigne  Kraft  angewiesen,  auch  nur  die  Pfalz  gegen
Frankreich  verteidigen  können?

Ebensowenig  genügt  es  sich  selbst  in  der  Regelung  der  volkswirtschaftlichen
  Verhältnisse.  Wenn  sich  der  Zollverein  auf  Norddeutschland
zurückzöge  und  sich  gegen  den  Süden  abschlösse,  so  bliebe  ihm  immer  noch
ein  Gebiet  von  dreißig  Millionen.  Diese  Maßregel  könnte  aber  die
Industrie  Bayerns  nicht  ertragen.  Wenn  der  Norddeutsche  Bund  in
bezug  auf  die  Regelung  des  Verkehrs,  auf  Eisenbahnen,  Post=  und
Telegraphenwesen,  auf  Münze,  Maß  und  Gewicht  gemeinschaftliche  Einrichtungen
  trifft,  wenn  für  Zivilrecht  und  Strafrecht  eine  einheitliche
Gesetzgebung  entsteht,  und  wenn  Bayern  von  all  diesen  Vorteilen  ausgeschlossen
  bleibt,  so  wird  damit  eine  Anziehungskraft  auf  die  süddeutsche
Bevölkerung  ausgeübt,  deren  Folgen  sich  nur  zu  bald  erkennen  lassen
werden.
        <pb n="191" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  181

Man  hat  in  letzter  Zeit  mit  gewisser  Beruhigung  auf  Belgien  und
die  Schweiz  hingewiesen,  um  die  Möglichkeit  des  Bestehens  für  Bayern
als  alleinstehender  Staat  nachzuweisen.  Allein  man  vergißt  dabei,  daß
die  Schweiz  und  Belgien  teils  abgegrenzte,  teils  bestimmt  ausgeprägte
Nationalitäten  sind,  die  sich  in  dieser  Absonderung  wohl  fühlen  und  darin
durch  manche  äußeren  Umstände  unterstützt  werden,  die  Bayern  fehlen,
insbesondere  aber,  daß  sie  durch  keine  Nationalsympathien  zu  einem  größeren
Ganzen  hingezogen  werden.

Dies  führt  mich  aber  zu  der  größten  Gefahr,  die  der  bayrischen
Selbständigkeit  droht.  Das  bayrische  Volk,  darüber  darf  man  sich  keiner
Illusion  hingeben,  ist  von  dem  Einheitstrieb,  der  alle  deutschen  Stämme
erfaßt  hat,  durchdrungen.  Dieser,  wie  das  Rundschreiben  sich  ausdrückt,
„seit  Dezennien  erwachte  Einheitstrieb“  ist  durch  zahlreiche  Kundgebungen
der  deutschen  Regierungen  gepflegt  und  gefördert  worden.  Der  Antrag
der  Kammer  der  Abgeordneten  vom  30.  August  hat  diesem  Streben  abermals
  Ausdruck  verliehen.

Bei  einer  eintretenden  Katastrophe,  etwa  bei  dem  Tode  des  Kaisers
der  Franzosen,  werden  die  revolutionären  Elemente  wieder  in  den  Vordergrund
  treten.  Das  Streben  der  deutschen  Bevölkerungen  nach  Einigung
wird  in  einem  solchem  Falle  Dimensionen  annehmen,  die  gar  nicht  zu  berechnen
  sind.  Schon  jetzt  gewinnt  diese  Stimmung  in  Süddeutschland
mehr  und  mehr  Boden.  Jetzt  ist  es  noch  möglich,  sich  auf  den  partikularistischen
  Geist  der  süddeutschen  Bevölkerung  zu  stützen,  um  die  partikulare
  Selbständigkeit  in  gewissem  Grade  zu  erhalten.  Jetzt  ist  die  Abneigung
  der  Süddeutschen  gegen  Preußen  und  ihre  Anhänglichkeit  an  die
angestammten  Fürstenhäuser  noch  stark  genug,  um,  gestützt  auf  diese  Elemente,
  günstige  Bedingungen  beim  Abschlusse  eines  neuen  Bundesvertrags
zu  erlangen.  Diese  Stimmung  wird  aber  nicht  immer  dauern,  deshalb
wäre  sie  jetzt  zu  benutzen,  und  zwar  bei  der  Beratung  eines  neuen  deutschen
Verfassungswerks.

Wenn  es  allgemein  anerkannt  wird,  daß  durch  die  Auflösung  des
Deutschen  Bundes  die  Existenz  der  Mittelstaaten  bedroht  ist,  wenn  es  Pflicht
eines  Ministers  Seiner  Majestät  des  Königs  ist,  diesen  Gefahren  entgegenzutreten
  und  die  Rechte  des  Monarchen  und  seine  Selbständigkeit  zu  verteidigen,
  so  müssen  die  Wege  eingeschlagen  werden,  die  diesen  Zweck  am
sichersten  erreichen  und  die  Krone  auf  möglichst  lange  Zeit  hinaus  vor
äußeren  und  inneren  Angriffen  bewahren.  Das  Rundschreiben  sagt  mit
vollem  Recht,  „daß  die  Mittelstaaten  nicht  sowohl  durch  ihre  Macht,  als
durch  ihre  geschichtlichen  und  vertragsmäßigen  Rechte  existieren“".  Darum
gebietet  es  aber  die  Pflicht  der  Selbsterhaltung,  sich  sobald  als  möglich
  wieder  auf  den  Boden  vertragsmäßiger  Rechte  zu  stellen.
        <pb n="192" />
        182  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Journal.
München,  12.  Dezember  1866.

Von  Wien  gestern  früh  zurückkehrend,  schrieb  ich  sofort  an  Tauffkirchen,
  um  ihn  zu  bitten,  zu  mir  zu  kommen.  Er  erschien  um  1  Uhr
und  teilte  mir  mit,  daß  er  Holnstein  zwar  noch  nicht  gesprochen  habe,
aber  aus  Aeußerungen  Schanzenbachs  entnehme,  daß  Neumayrs  Einfluß
fester  stehe  als  je,  und  daß  auch  Holnstein  sich  von  ihm  habe  überzeugen
lassen,  daß  die  Kammer  gegen  mich  sei.  Neumayr  habe  beim  König
Ludwig  und  Prinz  Karl  wahrscheinlich  die  Verpflichtung  eingegangen,
mich  vom  Ministerium  fernzuhalten,  und  dadurch  die  Befürchtungen
beschwichtigt,  die  beide  hohe  Herren  gegen  seinen  Eintritt  ins  Kabinett
gehegt  hatten.  Es  scheint  also,  daß  es  mit  meinem  Eintritt  ins  Ministerium
nichts  sein  werde.  Jedenfalls  werde  aber,  meint  Tauffkirchen,  die  Kammer
sich  für  mein  Programm  entscheiden,  und  dann  werde  meine  Stellung  um
so  besser.  Abends  begegnete  ich  Tauffkirchen,  der  zu  Holnstein  berufen
war.  Er  versprach,  dann  um  8  Uhr  zu  mir  zu  kommen.  Dies  geschah,  und
nun  zeigte  es  sich,  daß  die  Situation  wesentlich  verändert  war.  Pfordten
hatte  nach  der  Ankunft  des  Königs  in  der  Nacht  vom  10.  bis  11.  sein
Entlassungsgesuch  eingereicht,  Neumayr  liegt  krank  zu  Bett,  und  der
König  verlangt  Holnsteins  Rat.  Tauffkirchen  hat  ihm  also  geraten,  den
König  zu  bestimmen,  Pfordtens  Entlassung  anzunehmen,  das  Ministerium
bis  zum  Zusammentritt  und  zur  Meinungsäußerung  der  Kammern  durch
Staatsrat  Daxenberger  verwalten  zu  lassen  und  dann  erst  das  Ministerium
zu  bilden.  Das  stimmt  mit  meinen  früheren  Vorschlägen  überein.  Jedenfalls
  wird  sich  die  Kammer  in  meinem  Sinne  aussprechen,  und  dann  ist
meine  Ernennung  sicher  und  meine  Stellung  eine  sehr  gute.

Heute  früh  war  Tauffkirchen  bei  mir  und  sagte  mir,  daß  dies  geschehen
sei.  Der  König  geht  nach  Hohenschwangau  und  nimmt  Lutz  mit.  Dieser
ist  nicht  gegen  mich  und  wird  nun  dadurch  noch  gewonnen  werden,  daß
man  ihm  das  Justizministerium  in  Aussicht  stellt.  So  bin  ich  sicher,  daß
in  der  Zwischenzeit  keine  Intrigen  gegen  mich  angezettelt  werden.  Neumayr
  wird  dann  gestürzt,  und  Assessor  Riedel  kommt  als  einfacher  Kabinettssekretär
  oder  Rat  ins  Kabinett.

Den  17.  Dezember.

Freitag  den  14.  Abends  kam  Holnstein  zu  mir  und  teilte  mir  den
Wunsch  des  Königs  mit,  daß  ich  mit  Schlör  1)  reden  möchte,  den  der
König  im  Ministerium  behalten  will.  „Ich  solle  mich  mit  demselben  verständigen,“
  da  Neumayr  dem  König  gesagt  hatte,  daß  alle  Minister  ihre

 

1)  Schlör  war  als  Direktor  der  Ostbahnen  und  einflußreicher  Abgeordneter
der  erste  Handelsminister  in  Bayern  geworden.  Er  war  damals  Vertreter  des
Wahlkreises  Amberg.
        <pb n="193" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  183

Entlassung  nehmen  würden,  wenn  ich  ins  Ministerium  einträte.  Am
andern  Morgen  kam  Tauffkirchen  mit  dem  Brief  des  Appellationsgerichtsrats
  Lutz,  in  dem  dieser  Auftrag  für  mich  enthalten  war,  und  mit  meiner
Kritik  des  Pfordtenschen  Rundschreibens  zu  mir,  damit  ich  beide  Aktenstücke
bei  meiner  Unterredung  mit  Schlör  zur  Hand  hätte.  Ich  fand  Schlör  auf
dem  Ministerium  und  gab  ihm  die  Papiere  mit  dem  nötigen  Kommentar.
Das  Resultat  der  Besprechung  war,  daß  wir  in  den  Hauptpunkten
einverstanden  waren,  doch  hielt  Schlör  die  Erstrebung  eines  Bundesvertrags
  mit  Preußen  im  Augenblick  nicht  für  zweckmäßig  und  nötig.
Ich  versprach  ihm  nun  ein  Programm  auszuarbeiten  und  ihm  vorzulegen.
  Dies  Resultat  beeilte  ich  mich  sofort  dem  König  durch  Holnstein
  mitzuteilen.  Mein  am  Abend  aufgesetztes  Programm  besprach  ich
am  Sonntag  mit  Dönniges,  gab  es  dann  an  Tauffkirchen,  der  es  nicht
entschieden  genug  fand  und  nun  ein  neues  Programm  verfaßte,  das  er
mir  Montag  brachte  und  mit  dem  ich  mich  um  so  mehr  einverstanden  erklären
  konnte,  als  ich  in  der  Zwischenzeit  von  Reuß  gehört  hatte,  daß
man  aus  Rücksicht  auf  Frankreich  wegen  der  bevorstehenden  Beratungen
des  norddeutschen  Parlaments  auf  Unterhandlungen  mit  Süddeutschland
sich  nicht  einzulassen  geneigt  sei.  Ich  fragte  Tauffkirchen  am  Schluß
unsrer  Beratung,  ob  er  damit  einverstanden  sei,  daß  ich  Schlör  sage,
daß  er  das  Programm  gemacht  habe,  und  knüpfte  daran  die  Frage,  ob
er  zur  Uebernahme  des  Ministeriums  des  Innern  eventuell  bereit  sei.  Er
bejahte  beides  und  fügte  die  Bitte  bei,  daß  er  auch  vor  dem  Lande  als
der  Verfasser  des  Programms  genannt  werde,  wenn  es  soweit  komme,
was  ich  ihm  auch  zusagte,  da  ich  das  Motir,  sich  dadurch  mehr  Boden
in  der  öffentlichen  Meinung  zu  gewinnen,  vollkommen  anerkennen  mußte.

Am  Abend  desselben  Tages  gab  ich  Schlör  das  Programm.  Er
brachte  es  am  andern  Tage  (Dienstag)  und  erklärte  sich  damit  einverstanden.
Tauffkirchen  war  anwesend.  Es  wurden  einige  Abänderungen  beschlossen,
und  so  schickte  ich  es  an  Holnstein.  Da  ich  aber  in  der  Zwischenzeit
erfahren  hatte,  daß  die  Ernennung  Tauffkirchens  zum  Minister  auf  große
Mißbilligung  im  Lande  stoßen  würde,  so  faßte  ich  das  Schreiben  an
Holnstein  so  ab,  daß  daraus  hervorging,  ich  beabsichtige  keine  Abänderung
des  Ministeriums  mit  Ausnahme  vielleicht  des  Justizministers,  für  dessen
Ersatz  ich  Präsident  Neumayr!)  in  Vorschlag  brachte.  Nun  am  20.  warte
ich  auf  die  Antwort  des  Königs.

Das  in  den  vorstehenden  Aufzeichnungen  erwähnte  „Programm“  hat
folgenden  Wortlaut:

 

1)  Ludwig  von  Neumayr,  Appellationsgerichtspräsident,  Bruder  des  ehemaligen
Ministers,  bedeutender  Jurist,  Landtagsabgeordneter  für  den  Wahlkreis  München.
        <pb n="194" />
        184  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

1

1.  Als  der  wenn  auch  entfernte,  doch  unverrückt  im  Auge  zu  behaltende
Zielpunkt  der  Politik  Bayerns  erscheint  uns  die  Erhaltung  Deutschlands,
die  Vereinigung  der  Gesamtzahl  und,  soweit  dies  unmöglich,  der  größeren
Zahl  der  deutschen  Stämme  zu  einem  Bundesstaat,  geschützt  gegen  außen
durch  eine  starke  Zentralgewalt  und  im  Innern  durch  eine  parlamentarische
Verfassung,  unter  gleichzeitiger  Wahrung  der  Integrität  des  Staats  und
der  Krone  Bayern.

Dieses  Ziel  direkt  und  unmittelbar  zu  verwirklichen,  halten  wir  nicht
an  der  Zeit.  Oesterreich,  aus  dem  Bunde  geschieden,  sucht  im  Augenblick
einen  Haltpunkt  in  seinen  außerdeutschen  Elementen.  Die  Bildung  eines
süddeutschen  Bundesstaats  unter  Führung  dieses  Gesamtösterreichs  halten
wir  weder  für  wünschenswert  noch  für  ausführbar.  Preußen  in  Bildung
eines  dem  Einheitsstaate  sich  nähernden  Bundes  mit  den  kleineren  Staaten
des  deutschen  Nordens  begriffen,  will  heute  selbst  den  Eintritt  der  süddeutschen
  Staaten  in  diesen  Bund  nicht,  und  auch  wir  halten  bedingungslosen
  Eintritt  Bayerns  in  den  Norddeutschen  Bund  nicht  für  den  geeigneten
Weg,  zur  Einheit  zu  gelangen.  Wir  würden  das  Streben  nach  solchem
Aufgehen  im  preußischen  Staate  mit  den  Pflichten  der  Räte  der  Krone
Bayern  für  gänzlich  unvereinbar  halten.

Ja,  wir  würden  es  als  einen  unnützen  und  deshalb  besser  zu  unterlassenden
  Versuch  ansehen,  mit  Preußen  in  diesem  Augenblick  und  ehe
Norddeutschland  selbst  das  Bedürfnis  solcher  Einigung  fühlt,  über  eine
Vereinigung  zu  irgendeiner  andern  Form  des  Bundesstaats  in  Unterhandlung
  zu  treten.

Ein  Südwestdeutscher  Bund  mit  parlamentarischer  Verfassung  wäre
zwischen  den  Staaten  Bayern,  Württemberg,  Baden  und  dem  nicht  mit
Norddeutschland  vereinigten  Teile  von  Hessen  vielleicht  anzustreben,  wenn
der  Wunsch  nach  solcher  Einigung  in  der  Bevölkerung  der  sämtlichen
genannten  Staaten  lebendig  wäre.  Dies  ist  aber  so  wenig  der  Fall,  daß
von  einem  Versuche,  der  nur  dazu  dienen  könnte,  die  innere  Zerfahrenheit
zu  offenbaren  und  zu  vergrößern,  entschieden  abzuraten  ist.

Es  ist  sonach  richtig,  daß  in  der  Frage  der  organischen  Wiedervereinigung
  aller  deutschen  Stämme  Bayern  heute,  wir  sagen  leider,  zu
einer  abwartenden  Haltung  gezwungen  ist.

2.  Mit  diesem  Ausspruche  ist  aber  nicht  die  heutige  Aufgabe  der
bayrischen  Politik  bezeichnet.

Bayern  als  Staat  zweiten  Ranges  kann  nicht  ohne  Allianz  mit  einer
europäischen  Großmacht  bestehen.  Es  bedarf  einer  solchen  Stütze  namentlich
  in  einem  Augenblick,  in  welchem  die  Verfassung  des  Deutschen  Bundes
zerrissen  ist  und  die  Möglichkeit  ernster  europäischer  Konflikte  nicht  bestritten
        <pb n="195" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  185

werden  kann.  Der  Großstaat,  an  welchen  sich  Bayern  anzuschließen  und
als  dessen  Bundesgenosse  im  Kriegsfalle  es  sich  offen  zu  erklären  hat,  ist
nach  unfrer  bestimmten  Ueberzeugung  Preußen.

Es  ist  nicht  Oesterreich,  dessen  Organismus  eine  Gewähr  einstigen
Erreichens  unsers  Zielpunktes  nicht  bietet,  es  ist  nicht  Frankreich,  welches,
abgesehen  von  den  Bedenken,  die  das  Wiedererstehen  eines  von  der  Geschichte
  gebrandmarkten  Bundes  finden  müssen,  ein  solches  Bündnis  wohl
nur  im  Interesse  der  Arrondierung  seiner  Grenzen  eingehen  könnte.

Durch  die  Allianz  mit  Preußen  sind  wir  allein  imstande,  nicht  die
Erhaltung  des  Friedens  in  Europa  zu  sichern,  aber  doch  ein  Gewicht  für
die  Erhaltung  des  Friedens  in  die  Wagschale  zu  werfen.

Aber  nicht  Bundesgenossenschaft  allein;  die  gegenwärtigen  Machtverhältnisse
  bringen  es  mit  Notwendigkeit  mit  sich,  daß  Bayern,  gegen
bestimmte  Garantie  der  Souveränität  seines  Königs,  im  Falle  eines  Kriegs
sich  der  Führung  Preußens  unterstellt,  weshalb  bei  der  Organisation
unsrer  Wehrkräfte  auf  diese  Möglichkeit  Bedacht  zu  nehmen  ist.  Eine  solche
Allianz  sofort  anzubahnen,  halten  wir  für  geboten.

Wenn  es  aber  offen  ausgesprochen  werden  muß,  daß  Bayern  im
Falle  eines  Angriffs  auf  Preußen  an  dessen  Seite  stehen  würde,  so  ist
doch  wohl  selbstverständlich,  daß  neben  dieser  Allianz  die  freundschaftlichen
Beziehungen  mit  den  übrigen  Mächten  und  vor  allem  mit  dem  Kaisertum
Oesterreich  soweit  möglich  zu  wahren  sind.

3.  Bezüglich  der  deutschen  Mittelstaaten  der  südwestlichen  Gruppe  wird
sich  nach  dem  Vorgetragenen  unfre  Politik  in  dem  Streben  betätigen,  die
gleiche  Allianz  mit  Preußen  und  mit  uns  herzustellen.

II

1.  Dem  Zielpunkte  der  bayrischen  Politik  in  der  nationalen  Frage
entsprechend,  ist  es  Aufgabe  der  bayrischen  Regierung,  dahin  zu  wirken,
daß  Gesetzgebung  und  Verkehr  in  allen  deutschen  Staaten  gemeinschaftlich
und  gleichartig  geregelt  werden.

2.  Die  Beratung  und  Durchführung  der  sozialen  Gesetzgebung  sowie
der  allgemeinen  Prozeßordnung  sind  diesem  Grundsatz  entsprechend  zu
leiten  und  möglichst  zu  beschleunigen.

3.  Die  Heeresorganisation  ist  nach  den  Grundsätzen  der  allgemeinen
Wehrpflicht,  doch  unter  Vermeidung  derjenigen  Mißstände  durchzuführen,
welche  in  der  preußischen  Heeresverfassung  zu  gegründeten  Klagen  Veranlassung
  geben.

Gesetzliche  Regelung  aller  im  Falle  eines  Krieges  zulässigen  Ausnahmebestimmungen
  erscheint  nötig.

Die  Untersuchung  und  Aburteilung  gemeiner  Verbrechen  und  Vergehen
        <pb n="196" />
        186  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

der  Soldaten  im  Frieden  ist  den  Zivilgerichten  zu  überlassen,  wobei  Gesetzesverletzungen
  der  Offiziere  als  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Standesehre
  erklärt  und  deshalb  nach  wie  vor  militärgerichtlicher  Aburteilung
unterliegen  können.

4.  Den  erschütterten  Handels=  und  Bodenkredit  durch  Assoziation  des
Kapitals  zu  heben  und  zu  unterstützen,  ist  dringend  geboten.  Im  Staatshaushalt
  ist  strengste  Ordnung  und  Vereinfachung  der  Perzeption  durchzuführen.
  Auf  allmähliche  Beseitigung  der  Gefahren,  welche  dem  Kredit
des  Staats  aus  dessen  Haftung  für  Bankgeschäfte  und  die  Ausgabe  von
Staatsnoten  entstehen  könnten,  ist  hinzuwirken.

5.  Strenge  Unterordnung  aller  Kreise  der  Verwaltung  unter  das
Gesetz  wird  allmählich  Achtung  vor  dem  Gesetze  auch  im  Volke  zur  Folge
haben.  Vereinfachung  und  damit  Kräftigung  des  gesamten  Verwaltungsorganismus
  und  einheitliche  Leitung  des  gesamten  Sicherheitsdienstes  werden
genügen,  um  den  berechtigten  Anforderungen  bezüglich  der  öffentlichen
Ordnung  und  Sicherheit  zu  entsprechen.  Wirklichen  Mängeln  der  Gesetze
in  dieser  Richtung  ist,  wenn  solche  bestehen,  durch  Antrag  auf  Modifizierung
derselben  abzuhelfen.

6.  Vollkommene  Unabhängigkeit  des  Richterstandes  und  der  Rechtspflege
  ist  zu  wahren  und  die  Aufsicht  über  die  Richterbeamten  durch  ein
Disziplinargesetz  zu  regeln.  Die  Disziplin  der  Anwälte  und  Notare  wird
durch  Kammern  vermittelt,  die  von  den  Betreffenden  zu  wählen  sind.

7.  Der  Friede  unter  den  Konfessionen  und  insbesondere  der  Friede
mit  der  katholischen  Kirchengewalt  ist  unter  gewissenhafter  Beobachtung
der  bestehenden  Gesetze  zu  wahren.  Kein  Opfer  ist  zu  scheuen,  um  bezüglich
des  öffentlichen  Unterrichts  den  Anforderungen  der  Zeit  zu  entsprechen.

8.  Das  Recht  des  Landtags,  die  Regierung  um  Vorlage  von  Gesetzentwürfen
  zu  bitten,  wird  anerkannt.

9.  Die  Erweiterung  der  Kammer  der  Reichsräte  ist  durch  Vorlage
eines  Gesetzentwurfs  zu  bewirken.

10.  Nötig  endlich  erscheint  es,  die  Zuständigkeit  des  Ministerrats  zu
regeln  und  hierdurch  die  Bildung  und  Erhaltung  eines  einheitlichen  Gesamtministeriums
  zum  Schutz  der  Krone  und  der  Verfassung  zu  ermöglichen.

Aufzeichnung  des  Fürsten  aus  diesen  Tagen.

Bei  der  Uebernahme  des  Ministeriums  sind  noch  einige  Punkte  in
Erwägung  zu  ziehen.

Die  Bildung  eines  Gesamtministeriums  ist  notwendig,  damit  sämtliche
Ministerien,  geleitet  von  demselben  Geist  und  denselben  Grundsätzen,  zusammenwirken.
  Die  darauf  bezüglichen  Vorschläge,  die  Instruktion  für
ein  solches  Gesamtministerium  und  für  den  Ministerpräsidenten  würden
        <pb n="197" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  187

Gegenstand  einer  späteren  Vorlage  sein.  Der  Vorstand  des  Kabinetts
könnte  gleichzeitig  Minister  ohne  Portefeuille  sein;  dies  gewährte  den
Vorteil,  daß  der  direkte  Ratgeber  der  Krone  den  Kammern  verantwortlich
wäre.  Die  Verfassung  kennt  aber  keinen  Minister  ohne  Portefeuille,  die
Kröierung  dieses  Ministeriums  würde  die  Zustimmung  der  Kammern  zu
einer  Verfassungsänderung  bedingen,  und  ich  glaube  deshalb,  daß  man
vorderhand  davon  absehen  und  es  bei  der  beschlossenen  Ernennung  des
Herrn  von  Neumayr  bewenden  lassen  sollte.

Was  die  einzelnen  Minister  betrifft,  so  dürfte  Herr  von  Pechmann
in  seinem  Amte  zu  belassen  sein.  Er  ist  ein  anständiger,  geachteter  Mann,
der  durch  die  Vorlage  seiner  sozialen  Gesetzentwürfe  Gelegenheit  hat,  das
Vertrauen  des  Landes  zu  erwerben.  Ebenso  ist  gegen  Herrn  von  Pfretzschner
  und  Herrn  von  Schlör  nichts  zu  erinnern.

Minister  Gresser  fehlt  es  vielleicht  an  der  nötigen  Energie,  doch  würde
dieser  Mangel  durch  das  Zusammenwirken  des  Gesamtministeriums  in
wichtigen,  die  kirchlichen  Angelegenheiten  betreffenden,  Fragen  zu  heben  sein.

Minister  Bomhard  dürfte  am  zweckmäßigsten  durch  Herrn  von  Neumayr
  zu  ersetzen  sein.

Graf  Tauffkirchen  hält  seinen  Eintritt  in  das  Ministerium  aus  Rücksicht
  auf  die  bureaukratischen  Vorurteile  nicht  für  opportun  und  würde
eine  Ernennung  zum  Ministerialrat  im  Ministerium  des  Aeußern  vorziehen.
Die  Besetzung  der  erledigten  Reichsratstellen  dürfte  am  zweckmäßigsten
durch  die  Berufung  solcher  Männer  geschehen,  die  das  Vertrauen  des
Landes,  loyale  Gesinnung  und  praktische  Erfahrungen  im  Staatsleben  oder
in  volkswirtschaftlichen  Zweigen  haben.  Ich  nenne  Graf  Hegnenberg-Dux,
Dingler  in  der  Pfalz,  Neuffer  oder  Fikentscher  in  Regensburg.

Journal.
München,  22.  Dezember  1866.

Gestern  Abend  um  11  Uhr  kam  Holnstein  zu  mir  und  sagte  mir,  der
König  sei  angekommen,  sei  aber  noch  zweifelhaft,  da  von  seiten  der
königlichen  Familie,  namentlich  des  Königs  Ludwig,  sehr  gegen  mich  gearbeitet
  werde.  Man  halte  mich  für  einen  Verräter,  der  Bayern  an
Preußen  bringen  wolle  u.  s.  w.  Was  die  Sache  noch  mehr  verzögere,  sei
die  Ungewißheit  wegen  Neumayr,  dessen  Entlassung  aber  wohl  kommen
werde.  Während  wir  noch  sprachen,  kam  ein  Jäger  des  Königs,  der
Holnstein  das  Entlassungsgesuch  Neumayrs#)  brachte.  Damit  wäre  also

 

1)  Neumayr  war  seit  seiner  Entlassung  als  Minister  des  Innern  im  November
1865  außer  Dienst.  Mit  dem  „Entlassungsgesuch“  muß  also  ein  Gesuch,  bei  den
bevorstehenden  Veränderungen  im  Ministerium  nicht  herangezogen  zu  werden,
gemeint  sein.
        <pb n="198" />
        188  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

wieder  ein  Hindernis  beseitigt.  Nun  schrieb  Holnstein  noch  ein  Billett  an
Lutz,  um  ihm  vorzuschlagen,  heute  mit  ihm  über  die  Sache  zu  sprechen.

Die  Besprechung  mit  Lutz  hat  stattgefunden.  Er  ging  auf  alle  einzelnen
Punkte  des  Programms  ein  und  hatte  über  einige  noch  genauere  Auskunft
zu  verlangen,  namentlich  über  die,  welche  das  Innere  betreffen.  Er  wollte
wissen,  ob  ich  in  dem  Ausdruck  „strenge  Unterordnung  unter  das  Gesetz
wird  u.  s.  w.“  die  Absicht  habe,  eine  größere  Abhängigkeit  der  Verwaltung  von
den  Gerichten  zu  veranlassen,  die  Verwaltung  mehr  binden  wolle  und  dies
durch  Vorlegung  von  Gesetzentwürfen  zu  tun  beabsichtige.  Gegen  den
Verwaltungsgerichtshof  hatte  er  nichts  zu  erinnern.  In  der  Frage  wegen
der  Unabhängigkeit  des  Richterstandes  und  der  Rechtspflege  fragte  er,  ob
damit  positive  Aenderungen  beabsichtigt  würden,  was  ich  ebenfalls  verneinte
und  nur  hervorhob,  daß  bei  einem  Programm,  wenn  es  veröffentlicht
würde,  sämtliche  Zweige  der  Verwaltung  durchgegangen  werden  müßten
und  dieser  Grundsatz  also  nicht  übergangen  werden  könne.

In  betreff  des  Friedens  der  Konfessionen  fragte  er,  ob  ich  zu  Konzessionen
  gegenüber  der  Kirche  neige  und  zu  Abänderungen  oder  Verbesserungen
zugunsten  der  Kirche  geneigt  wäre,  was  ich  so  allgemein  verneinte.  Ich
hielte,  sagte  ich,  eine  Verständigung  mit  der  Kirche,  namentlich  über  das
Verhältnis  des  Konkordats  zur  Verfassung  für  wünschenswert.  Die  gesetzliche
  Regelung  des  Ministerrats  halte  er  für  bedenklich,  namentlich  abermalige
  Vorlage  des  Verantwortlichkeitsgesetzes  an  die  Kammern,  der  Zweck
werde  auch  ohne  es  erreicht.

Schließlich  kamen  wir  dahin  überein,  daß  ich  auf  eine  sofortige
Aenderung  des  Ministeriums  verzichten  wolle,  damit  die  einzelnen  Minister
noch  Gelegenheit  hätten,  sich  gegen  etwaige  Angriffe  vor  den  Kammern
zu  rechtfertigen.  Selbst  der  Justizminister  solle  bleiben.  Vor  den  Weihnachtstagen
  sei  jetzt  mit  dem  König  nichts  zu  machen.  Ich  könnte  also  heute
abreisen,  möchte  aber  am  27.  abends  wieder  hier  sein,  damit  ich  vom
28.  an  zur  Disposition  des  Königs  stehe.

Am  27.  Abends  kam  ich  wieder  nach  München  zurück  und  setzte  den
nunmehrigen  Ministerialrat  von  Lutz,  der  an  der  Spitze  des  königlichen
Privatkabinetts  steht,  von  meiner  Rückkehr  in  Kenntnis.  Er  kam  den  andern
Vormittag  den  28.  zu  mir.  Hier  erklärte  er  mir,  der  König  habe  die
Absicht,  mich  zum  Minister  des  königlichen  Hauses  und  des  Aeußern  an
Pfordtens  Stelle  zu  ernennen.  Von  der  Ernennung  zum  Ministerpräsidenten
  sei  auch  die  Rede  gewesen,  und  er  frage  deshalb,  ob  bestimmte
Zusicherungen  durch  den  Grafen  Holnstein  gemacht  worden  seien.  Ich
erwiderte,  daß  dies  allerdings  der  Fall  gewesen  sei,  daß  ich  aber  um  so
weniger  Wert  auf  den  Titel  Ministerpräsident  lege,  als  derselbe  eine
Solidarität  des  Ministeriums  und  eine  Vertretung  der  Repräsentation
        <pb n="199" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  189

durch  mich  voraussetze,  von  der  jetzt  keine  Rede  sei  und  auch  keine  Rede
sein  könne.  Ich  würde  deshalb  vorziehen,  mich  mit  der  Vorstandschaft
im  Ministerrat  zu  begnügen.  Wir  hatten  dann  eine  längere  Besprechung
über  den  Rang  und  erwogen  das  Für  und  Wider  der  Frage,  ob  ich  mir
den  Rang  vorbehalten  solle  oder  nicht.  Ich  kam  zuletzt  zu  dem  Entschluß,
die  Rangfrage  nicht  als  Bedingung  meines  Eintritts  zu  behandeln.

Wir  kamen  dann  auf  die  noch  zu  besprechenden  Punkte  des  Programms.
Was  die  Beziehung  zur  Kirchengewalt  betrifft,  so  machte  er  darauf  aufmerksam,
  diesen  Punkt  lieber  auszulassen,  da  es  den  Anschein  gewinnen
könne,  als  wolle  man  der  ultramontanen  Partei  Konzessionen  machen,  was
sofort  einen  Sturm  erregen  werde.  Im  übrigen  ließ  mich  der  König
auffordern,  die  Grundzüge  meiner  politischen  Anschauungen  in  einem
besonderen  Schreiben  niederzulegen  und  dies  an  den  König  zu  richten,
darin  zugleich  mich  darüber  auszusprechen,  ob  ich  bereit  sei,  wie  dies
Pfordten  getan  habe,  jedes  Schriftstück  an  Gesandte  oder  auswärtige
Regierungen  vorher  dem  König  vorzulegen.  Ich  beeilte  mich,  zu  erklären,
daß  ich  keinen  Anstand  nähme,  dies  zu  versichern,  da  es  mir  nur  von
Wert  sein  müsse,  der  Zustimmung  des  Königs  in  allen  vorzunehmenden
Schritten  sicher  zu  sein.  In  der  Frage  wegen  Besetzung  von  Gesandtenposten
  erklärte  er,  daß  der  König  immer  bereit  sein  würde,  auf  meine
Vorschläge  einzugehen,  doch  mache  er  mich  darauf  aufmerksam,  daß  die
Gesandten  mit  dem  hiesigen  Adel  zusammenhingen  und  daß  jede  Abberufung
eines  solchen  mir  eine  große  Anzahl  von  Feinden  machen  werde.  (Das
bin  ich  gewohnt.)

In  der  Frage  wegen  des  Kabinetts  und  seiner  Stellung  gegenüber
dem  Ministerium  erklärte  er  mir  seine  Ansicht,  nachdem  er  Neumayrs
Bestrebungen  charakterisiert  hatte.  Er  hält  eine  Einwirkung  des  Königs
auf  die  Geschäfte  für  nötig,  will  nicht,  daß  der  König  bloß  die  Unterschreibmaschine
  in  den  Händen  seiner  verantwortlichen  Minister  sei,  und  will  dem
König  diese  Stellung  wahren.  Im  übrigen  versprach  er,  loyal  und  offen
mit  mir  zu  verkehren.  Dönniges  rät  er  entschieden  nicht  im  Ministerium
zu  verwenden;  er  wäre  nur  in  der  Schweiz  zu  brauchen,  aber  an  keinem
Hofe,  in  Florenz  nicht  wegen  des  schlechten  Eindruckes,  den  das  in  Rom
machen  würde.  An  anderen  Höfen  nicht  wegen  seiner  Grobheit  u.  s.  w.
Ich  könnte  mich  übrigens  aus  den  Akten  selbst  überzeugen.

Auch  auf  die  Besetzung  der  Reichsratstellen  kamen  wir  zu  sprechen,
ich  wies  auf  Hegnenberg  hin,  dessen  Ernennung  mir  wünschenswert  sei.
Er  hatte  dagegen  nur  einzuwenden,  daß  nach  seiner  Ansicht  ein  ganz
populärer  Name  oder  eine  tüchtige  juristische  Arbeitskraft  gewählt  werden
müsse.  Hegnenbergs  Zeit  sei  schon  vorüber.  Ich  erwiderte  darauf,  daß
was  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  abgenützt  sei,  in  der  Kammer  der
        <pb n="200" />
        190  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

Reichsräte  noch  sehr  brauchbar  sein  könne,  und  deshalb  werde  auch  Hegnenbergs
  Ernennung  von  großem  Werte  und  gutem  Eindruck  im  Lande  sein.  Er
meinte,  Präsident  Neumayr  sei  besser.  Der  ist  aber  in  der  Zweiten  Kammer
nicht  zu  entbehren.  Endlich  muß  ich  noch  erwähnen,  daß  ich  des  Streites
gedachte,  welcher  vor  einigen  Jahren  in  den  beiden  Kammern  über  das
Recht  der  Anträge  geführt  worden  ist.  Ich  machte  deshalb  darauf  aufmerksam,
  daß  ich  auch  jetzt  noch  dieselbe  Ansicht  hätte,  und  Lutz  war  einverstanden,
  daß  dieser  Punkt  in  dem  an  den  König  einzureichenden  Schreiben
zu  erwähnen  sei.  Wegen  Wagner,  meinte  er,  möchte  ich  nichts  erwähnen,
er  werde  jedenfalls  nicht  vor  dem  Frühjahr  zurückkommen.

Nach  der  Besprechung  ging  ich  zu  Tauffkirchen,  der  darin  eine  Schlinge
fand,  daß  Lutz  mir  gesagt  habe,  ich  möchte  das  Programm  kürzer  zusammenfassen.
  Man  rede  in  der  Stadt,  daß  ich  meinen  Ansichten  untreu  würde,
und  deshalb  sei  es  ratsam,  mich  strikte  an  das  zu  halten,  was  ich  schon
einmal  schriftlich  von  mir  gegeben  habe,  sonst  werde  man  wieder  sagen,
daß  ich  noch  ein  Programm  eingereicht  habe.

Ich  tat  dies  auch  und  schrieb  dann  das  Schreiben  vom  29.  Dezember  1)
an  den  König  und  einen  Nachtrag,  in  welchem  ich  mich  zur  Vorlage  der
„Erlasse“  an  den  König  bereit  erklärte.  Beide  Schreiben  gingen  am
Morgen  des  29.  an  den  Kabinettssekretär  ab.

Am  Nachmittag  besuchte  ich  den  Minister  des  Innern,2)  dem  ich  die
Lage  der  Dinge  auseinandersetzte.  Er  war  anfangs  etwas  befangen,  und
ich  konnte  ihm  seine  Mißstimmung  gegen  mich  ansehen.  Ich  teilte  ihm  die
Punkte  meines  Programms  mündlich  mit.  Er  sprach  mir  von  seinen
Maßregeln  bezüglich  der  Presse.  Dann  bemerkte  er,  ich  würde  ohne  Zweifel
auch  Vorsitzender  des  Ministerrats  werden,  und  da  werde  nun  die  Schwierigkeit
entstehen,  daß  der  Vorsitzende  bisher  immer  das  Gesamtministerium  bei
Angriffen  in  den  Kammern  verteidigt  habe,  das  werde  nun  in  betreff  der
vorliegenden  Gesetzentwürfe  nicht  der  Fall  sein  können.  Ich  schwieg  darauf,
da  ich  ihm  nicht  mitteilen  wollte,  daß  ich  den  König  um  Ernennung  zum
Vorsitzenden  des  Ministerrats  gebeten  habe.

Bei  Minister  Gresser  3)  fand  ich  dieselbe  etwas  erschreckte  und  befangene
Aufnahme.  Er  hörte  auch  meine  Mitteilungen  aufmerksam  an  und  teilte
mir  dann  seine  Grundsätze  mit,  nach  welchen  er  das  Kultusministerium
leite.  Möglichste  Unabhängigkeit  der  Kirche,  soweit  kirchliche  Dinge  berührt
sind,  Hebung  des  Unterrichts,  Entziehung  der  Schulaufsicht  aus  den  ausschließlichen
  Händen  des  Klerus  u.  s.  w.

 

1)  Das  Konzept  dieses  Schreibens  ist  nicht  erhalten.
2)  Freiherr  von  Pechmann.
3)  Kultusminister.
        <pb n="201" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  191

Um  7  Uhr  ging  ich  zu  Pfretzschner,  !)  den  ich  in  seinem  Ministerium
fand.  Ich  teilte  ihm  den  Zweck  meines  Besuches  mit.  Er  sagte,  er  wisse
schon  durch  Schlör  von  meinem  Programm.  Er  gestand,  daß  ihm  besonders
daran  gelegen  sei  zu  wissen,  daß  mein  Programm  die  Selbständigkeit  Bayerns
betone.  Er  ist  gegen  den  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund,  über  die
Frage  des  Süddeutschen  Bundes  verhielt  er  sich  reserviert.  Allianz  mit
Preußen,  Unterordnung  unter  Preußens  Führung  im  Fall  des  Krieges
unter  Garantien  gab  er  zu.  Doch  wollte  er  die  Freiheit  Bayerns  gewahrt
wissen,  auch  anderweitige  Bündnisse  abzuschließen.  Dann  kam  er  auf  meine
Rede,  gestand  zu,  daß  sie  zu  verschiedenen  Auslegungen  Veranlassung  gebe,
daß  sie  aber  gewisse  Befürchtungen  erweckt  habe.  Die  bayrische  Partei
könne  eben  nicht  glauben,  daß  es  die  Fortschrittspartei  mit  ihrer  Versicherung,
die  Unabhängigkeit  Bayerns  nicht  antasten  zu  wollen,  ernst  meine.

Dann  kam  er  auf  die  Frage  der  Solidarität  der  Minister,  daß  sie  sich
stets  an  Pfordten  angeschlossen  hätten,  ein  Herz  und  eine  Seele  gewesen
wären.  Wenn  nun  der  Ministerwechsel  eine  Aenderung  der  Politik
bedeute,  so  müsse  er  sich  fragen,  ob  er  dann  bleiben  könne.  Ich  verwies
ihn  auf  die  Worte  meines  Programms,  sagte,  daß  Schlör  und  Lutz  sich
damit  einverstanden  erklärt  hätten.  Er  deutete  an,  daß  dann  ein  neues
Programm  verfaßt  werden  könnte,  was  ich  aber,  nachdem  ich  nun  meine
Grundsätze  dem  König  vorgelegt  habe,  als  unzweckmäßig  ablehnte,  um
so  mehr,  als  man  mir  ohnedies  vorwerfe,  mein  Programm  jeden  Tag  zu
ändern.

Heute,  Sonntag  den  30.,  war  Morgens  Dr.  Lang  bei  mir,  der  mir
interessante  Mitteilungen  über  die  Einrichtung  von  Preßbureaus  machte  und
dem  ich  mit  wenigen  Worten  mein  Programm  mitteilte.  Er  wird  das
für  seine  autographische  Korrespondenz  verwerten.  Dann  kam  Marquardsen
aus  Erlangen,  dem  ich  ebenfalls  meine  Grundsätze  mitteilte,  und  von  dem
ich  hörte,  daß  er  damit  ganz  einverstanden  ist,  und  mir  auch  die  Zustimmung
  seiner  Freunde  in  Aussicht  stellte.  Dann  kam  Schanzenbach,  der
in  seiner  etwas  poetischen  Weise  politisierte  und  namentlich  Tauffkirchen  als
den  geeignetsten  Minister  des  Innern  bezeichnete.  Abends  kam  Tauffkirchen
zu  mir,  um  mir  verschiedene  Flöhe  ins  Ohr  zu  setzen.  Zunächst  behauptete
er,  es  seien  wieder  Schwankungen  im  Kabinett  eingetreten,  es  scheine,  daß  man
wieder  von  mir  abgehen  wolle,  und  man  scheine  zu  erwarten,  daß  ich  selbst
dem  König  die  Mittel  an  die  Hand  gebe,  mit  der  Feststellung  des  Ministeriums
bis  nach  dem  Landtag  zu  warten.  Dann  kam  er  auf  die  Gefahren,  die
mir  drohten,  wenn  ich  in  dieses  Ministerium  einträte,  ich  würde  mich  abnützen,
  endlich  kam  er  darauf,  ich  möchte  lieber  Völderndorff  ins  Ministerium

 

1)  Finanzminister.
        <pb n="202" />
        192  Aus  den  Jahren  1850  bis  1866

nehmen  (als  Ministerialrat),  da  man  seine  Ernennung  zum  Ministerialrat
  als  ein  Armutszeugnis  für  mich  auffasse,  da  seine  Tätigkeit  bei  meinem
Programm  bekannt  geworden  sei.  Ich  glaubte  zwar  die  Gefahr,  die  mir
aus  dem  Eintritt  in  das  bestehende  Ministerium  erwachsen  würde,  nicht,
da  die  Ansichten  über  das  Ministerium  im  Lande  sehr  geteilt  sind  und  die
Agitation  gegen  dasselbe  vor  allem  durch  Tauffkirchen  ins  Werk  gesetzt  ist,
eine  Agitation,  die  ich  nun  schon  den  ganzen  Sommer  im  Gang  sehe  und
die  schließlich  zum  Sturz  des  Ministers  von  der  Pfordten  geführt  hat.  Indessen
  hielt  ich  die  Sache  doch  zu  wichtig,  um  nicht  mit  Lutz  zu  reden,  und
ging  noch  um  10  Uhr  Abends  zu  ihm.  Er  sagte,  von  einem  Schwanken
in  der  Meinung  des  Königs  bezüglich  meiner  sei  keine  Rede.  Die  Verzögerung
  in  der  Ausfertigung  habe  lediglich  formelle  Gründe;  er  habe
noch  mit  den  Ministern  gesprochen  und  deren  Beistimmung  zu  dem
Programm  erholt,  nur  Pfretzschner  habe  eine  gemeinschaftliche  Beratung
haben  wollen,  dem  sei  er  aber  übers  Maul  gefahren,  und  nun  sei  alles
in  Ordnung.  Morgen  würde  ich  die  Aufforderung  erhalten,  zum  König
zu  kommen,  träte  ich  jetzt  zurück,  so  würde  ich  den  König  in  die  größte
Verlegenheit  setzen  und  mich  dem  Vorwurf  oder  dem  Verdacht  aussetzen,
daß  ich  im  letzten  Augenblick  vor  dem  Landtag  zurückgeschreckt  sei.  Ich
beeilte  mich,  ihm  zu  erwidern,  daß  ich  nicht  daran  dächte,  zurückzutreten,
daß  ich  lediglich  geglaubt  hätte,  entgegenkommen  zu  müssen,  im  Fall  der
König  etwa  verzöge,  noch  mit  der  definitiven  Bildung  des  Ministeriums
zu  warten.  Nun  kamen  wir  überein,  die  ganze  Sache  beruhen  zu  lassen
und  er  versprach  mir,  auch  mit  dem  König  nicht  mehr  darüber  zu  reden.

Am  darauffolgenden  Tage,  dem  31.  Dezember,  kam  Ministerialrat  Lutz
um  12  ½  Uhr  zu  mir  und  sagte  mir,  der  König  wolle  mich  um  1  Uhr
sehen.  Ich  hatte  nur  gerade  Zeit,  mich  in  Frack  und  weiße  Krawatte  zu
„werfen",  und  da  kein  Wagen  da  war,  mit  einer  Droschke  in  die  Residenz
zu  fahren.

Der  Adjutant  führte  mich  in  die  Zimmer  des  Königs,  die  eigentlichen
Wohnzimmer.  Hier  fand  ich  den  König  im  schwarzen  Frack  mit  Stern.
Er  empfing  mich  sehr  freundlich,  dann  setzte  er  sich  auf  das  Kanapee  und
lud  mich  ein,  mich  auf  einen  Fauteuil  zu  setzen.  Ich  dankte  ihm  für  das
Vertrauen,  das  er  in  mich  gesetzt  habe.  Er  sagte  dann,  ich  hätte  nicht
Ministerpräsident  werden  wollen.  Ich  erwiderte,  daß  ich  dies  deshalb
abgelehnt  hätte,  weil  diese  Stelle  hier  nicht  existiert  habe,  doch  würde  ich
ihm  für  die  Verleihung  des  Vorsitzes  im  Ministerrat  sehr  dankbar  sein.
Er  sprach  dann  über  die  Minister,  meinte,  es  wäre  doch  besser,  wenn  ich
Ministerpräsident  geworden  wäre,  „dann  könnte  ich  die  andern  Minister
besser  in  Ordnung  halten"“,  klagte  über  die  Minister,  sprach  ungünstig  über
Pfretzschner,  der  schwankend  sei,  sehr  günstig  über  Schlör,  ziemlich  gut
        <pb n="203" />
        Aus  den  Jahren  1850  bis  1866  193

über  Pechmann  und  indifferent  über  Bomhard.  Dann  erinnerte  er  sich
beifällig  eines  Gesprächs,  das  wir  am  7.  April  gehabt  hatten,  und  wo  ich
ihm  geraten  hatte,  sich  mehr  an  Preußen  zu  halten.  Darauf  kamen  wir
auf  den  Krieg  zu  sprechen,  auf  den  Prinzen  Alexander  von  Hessen,  auf
verschiedene  andre  Gegenstände.  Er  fragte  mich  nach  meiner  Korrespondenz
mit  der  Königin  Viktoria,  nach  dem  Prinzen  von  Wales,  nach  Prinz
Albert  u.  s.  w.  Auch  von  der  Presse  wurde  gesprochen.  Ich  sagte,  wenn
doch  schon  in  den  Wirtshäusern  räsoniert  werde,  so  sei  es  gleichgültig,
ob  das  gesprochene  Wort  auch  noch  in  den  kleinen  Blättern  veröffentlicht
werde.  Dies  führte  auf  die  Frage  des  Biertrinkens,  auf  das  Münchner
Klima,  auf  das  Münchner  Volksleben  und  vieles  andre.  Hegnenberg
empfahl  ich  ihm  in  den  Reichsrat,  sprach  auch  über  die  Erweiterung  der
Kammer  der  Reichsräte  und  sagte  dann,  daß  ich  noch  nicht  in  der  Ministeruniform
  kommen  würde.  Er  meinte,  das  sei  ganz  unnötig.  Ich  erwiderte,
daß  ich  mich  als  Beamter  betrachten  würde,  wenn  ich  einmal  den  Dienst
übernommen  hätte,  und  daß  ich  auch  auf  meinen  Rang  verzichte.  Dies
wollte  er  nicht  zugeben  und  versicherte,  er  werde  deshalb  die  nötigen  Befehle
  an  das  Oberstkämmereramt  ergehen  lassen.  Ich  nahm  dies  dankend
an.  Dann  sagte  er,  er  hoffe  mich  später  noch  länger  zu  sprechen,  und
entließ  mich.

Ich  habe  seitdem  gehört,  daß  er  sehr  entzückt  war  über  unfre  interessante
Konversation.  Noch  muß  ich  nachtragen,  daß  auch  darauf  die  Rede  kam,
daß  sein  Großvater  und  seine  Onkels  gegen  mich  seien,  daß  er  sich  aber
nicht  habe  irre  machen  lassen.  Ich  sprach  ihm  meine  Bewunderung  über
seine  Charakterfestigkeit  aus.  Auch  erklärte  ich  ihm,  warum  sein  Vater
so  mißtrauisch  gegen  mich  gewesen  sei.

Die  Ernennung  des  Fürsten  zum  Minister  des  königlichen  Hauses

und  des  Aeußern  und  zum  Vorsitzenden  des  Ministerrats  erfolgte  am
31.  Dezember  1866.

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  I  18
        <pb n="204" />
        Viertes  Buch
Das  bayrische  Ministerium

1867  bis  1870

 

 

 

Aufzeichnung  vom  4.  Januar  1867.

Resultate  der  Diskussion  im  heutigen  Ministerrate.

Dd  ich  die  Gründe  entwickelt  hatte,  welche  mich  zu  dem  Antrage
veranlaßten,  den  Gesetzentwurf  )  jetzt  noch  nicht  zu  beraten,  sondern
ihn  erst  den  Regierungen  von  Württemberg,  Hessen  und  Baden  mit  dem  Ersuchen
  mitzuteilen,  sich  darüber  auszusprechen,  ob  sie  geneigt  wären,  gemeinschaftliche
  Konferenzen  der  Minister  des  Aeußern  und  des  Kriegs  zu
veranstalten,  welche  über  die  Frage,  ob  eine  gemeinschaftliche,  gleichartige
Heeresreorganisation  in  den  genannten  Staaten  eingeführt  werden  solle,
zu  beraten  hätten,  wurde  mir  vom  Kriegsminister  entgegengehalten,  daß
er  wünschen  müsse,  sobald  als  möglich  mit  der  Beratung  des  vorliegenden
Gesetzentwurfs  zu  Ende  zu  kommen.  Dies  könne  aber  während  des  gegenwärtigen
  Landtags  nicht  geschehen,  wenn  nicht  sofort  zur  Beratung  im
Ministerrat,  im  Staatsrat  und  in  den  Kammern  geschritten  würde.  Er
müsse  1868  fertig  sein  und,  wenn  er  nicht  im  Frühjahr  anfange,  werde
er  bis  dahin  nicht  fertig.  Schlör  sagte,  es  werde  wohl  nichts  dabei  herauskommen,
  die  Württemberger  hätten  eine  andre  Idee.  Indessen  gebe  er  zu,
daß  man  den  Versuch  wagen  könne.  Die  Herren  vereinigten  sich  schließlich
zu  der  Ansicht,  daß  man  die  Beratung  des  Gesetzentwurfs  im  Ministerrat
  anfangen  solle.  Ich  könnte  unterdessen  die  nötigen  Anfragen  an  die
betreffenden  Regierungen  stellen  lassen.

Die  Verhandlungen  mit  den  süddeutschen  Regierungen  wurden  durch
eine  Depesche  an  die  bayrischen  Gesandtschaften  vom  9.  Januar  eingeleitet
und  führten  zu  einer  Uebereinkunft  mit  Württemberg  vom  18.  Februar,
nach  welcher  der  Freiherr  von  Varnbüler  die  vier  Südstaaten  zum
3.  Februar  zu  Konferenzen  in  Stuttgart  einladen  sollte.  Eine  „Punktation“
stellte  die  Gegenstände  fest,  bezüglich  deren  gemeinsames  Vorgehen  zu
erstreben  sei,  und  durch  ein  „geheimes  Uebereinkommen“  einigten  sich
Bayern  und  Württemberg  dahin,  sich  bei  den  Konferenzen  durch
etwaigen  Widerspruch  Badens  und  Hessens  nicht  aufhalten  zu  lassen,
sondern  die  Einrichtungen,  über  welche  Einstimmigkeit  nicht  zu  erzielen

 

1)  Ueber  die  Heeresreorganisation.
        <pb n="205" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  195

sei,  unter  sich  einzuführen.  Bezüglich  der  süddeutschen  Festungen  bestimmte
das  geheime  Uebereinkommen,  daß  Baden  veranlaßt  werden  solle,  Rastatt
zu  erhalten,  während  Bayern  und  Württemberg  Ulm  und  Neu-Ulm  als
einen  gemeinschaftlichen  Waffenplatz  erhalten  und  verwalten  wollten.

Gemäß  der  Uebereinkunft  wurden  die  Einladungen  nach  Stuttgart
von  der  württembergischen  Regierung  vollzogen.

Inzwischen  gaben  die  Verhandlungen  der  Kammer  der  Abgeordneten
über  die  an  den  König  zu  richtende  Adresse  dem  Fürsten  die  erste  Gelegenheit,
  sich  über  die  Ziele  seiner  deutschen  Politik  öffentlich  auszusprechen.


Rede  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  am  19.  Januar  1867.

Meine  Herren!  Der  Ihnen  vorliegende  Antrag  gibt  mir  die  erwünschte
Gelegenheit,  die  Stellung  zu  bezeichnen,  welche  die  Staatsregierung  der
deutschen  Frage  gegenüber  einzunehmen  beabsichtigt.

Ich  werde  versuchen,  dieses  mit  möglichster  Bestimmtheit  zu  tun.

Nach  der  Auflösung  des  Deutschen  Bundes  und  mit  dem  Austritt
Oesterreichs  aus  Deutschland  ist  die  Stellung  der  deutschen  Mittelstaaten
vollkommen  verändert  und  unleugbar  gefährdet.

Ich  unterlasse  es,  einen  Rückblick  auf  die  bayrische  Politik  der  letzten
Jahre  zu  werfen  und  zu  untersuchen,  ob  Bayern  Mittel  und  Gelegenheit
geboten  waren,  dieser  gefahrvollen  Wendung  der  Dinge  vorzubeugen.

Die  praktische  Politik  ist  angewiesen  auf  die  Tatsachen  der  Gegenwart;
die  Vergangenheit  kann  sie  der  Beurteilung  der  Geschichte  überlassen.

Meine  Herren!  Ich  habe  zu  verschiedenen  Zeiten  die  Gelegenheit
gehabt,  mich  über  das  Verhältnis  Bayerns  zu  Deutschland  auszusprechen,
und  habe  dies  stets  mit  größter  Offenheit  getan.  Ich  bezeichne  auch  heute
noch  als  den  Zielpunkt  der  bayrischen  Politik:  die  Erhaltung  Deutschlands,
die  Einigung  der  Gesamtzahl  der  deutschen  Stämme  und,  soweit  dies  nicht
möglich  ist,  der  größeren  Zahl  derselben  zu  einem  Bunde,  geschützt  nach
außen  durch  eine  kräftige  Zentralgewalt  und  im  Innern  durch  eine  parlamentarische
  Verfassung,  unter  gleichzeitiger  Wahrung  der  Integrität  des
Staates  und  der  Krone  Bayerns.

Wenn  ich  nun,  meine  Herren,  diesen  Bund  als  den  Zielpunkt  der
bayrischen  Politik  anerkenne,  so  darf  ich  mich  doch  der  Wahrnehmung
nicht  verschließen,  daß  ein  solches  Ziel  jetzt  und  unmittelbar  nicht  zu  erreichen
  ist.

Preußen  war  beim  Abschlusse  des  Prager  Friedens  veranlaßt,  sich
auf  die  Bildung  eines  engeren  Bundesverhältnisses  nördlich  von  der  Linie
des  Mains  zu  beschränken,  und  hat  diese  Beschränkung  durch  Unterzeichnung
  des  Friedensvertrages  als  für  sich  bindend  anerkannt.  Sie
        <pb n="206" />
        196  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870

können  diese  Tatsache  beklagen,  Sie  werden  aber  die  Folgen  nicht  bestreiten
können,  welche  sich  daran  knüpfen.

Es  folgt  daraus,  daß  Preußen  jeden  Versuch  der  süddeutschen  Staaten,
der  auf  den  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  gerichtet  wäre,  zurückweisen
  muß.

Es  folgt  daraus  ferner,  daß  die  Staatsregierung  nicht  versuchen  kann,
über  die  Vereinigung  Bayerns  mit  dem  Norddeutschen  Bund  in  Unterhandlungen
  zu  treten.

Ich  muß  überdies  ebenso  offen  aussprechen,  daß  die  Entwicklung  der
norddeutschen  Bundesverhältnisse,  wie  sie  sich  jetzt  gestaltet,  eine  so  entschiedene
  Hinneigung  zum  Einheitsstaate  bekundet,  daß  ich  es  mit  der
Würde  des  Landes  und  den  Pflichten  der  Staatsregierung  nicht  vereinbar
halte,  den  bedingungslosen  Eintritt  in  diesen  Norddeutschen  Bund  anzustreben.
  Ich  wenigstens  würde  einem  solchen  bedingungslosen  Eintritt
meine  Stimme  nicht  geben  und  die  Verantwortung  desselben  nicht  übernehmen.


Auch  glaube  ich  nicht,  daß  man  sich  bei  der  Bildung  des  Norddeutschen
Bundes  durch  die  Rücksicht  auf  den  Süden  von  Deutschland  aufhalten
lassen  wird.  Ebensowenig  wird  man  im  gegenwärtigen  Augenblick  zugunsten
  des  Eintrittes  der  süddeutschen  Staaten  Modifikationen  in  der
Gestaltung  des  Norddeutschen  Bundes  vornehmen.  "

Wir  dürfen  uns  nicht  täuschen,  die  Entwicklung  Deutschlands  auf
dem  Wege  der  Einigung  schreitet  nur  langsam  vorwärts.

Wenn  ich  nun  die  Schwierigkeiten  anerkenne,  die  der  organischen
Wiedervereinigung  der  deutschen  Stämme  in  den  Weg  treten,  so  bin  ich
doch  anderseits  fest  entschlossen,  mich  jedem  Schritt  entgegenzustellen,  der
die  Erreichung  des  von  mir  bezeichneten  Zieles  verhindern  könnte.

Meine  Herren!  Die  Staatsregierung  wird  keinen  südwestdeutschen
Bund  unter  dem  Protektorate  einer  nichtdeutschen  Macht  schließen.  Ein
solches  Bündnis  ist  in  der  zweiten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts
einfach  eine  Unmöglichkeit.  Ebenso  ist  Bayern  nicht  in  der  Lage,  ein  Verfassungsbündnis
  süddeutscher  Staaten  unter  der  Führung  Oesterreichs  abzuschließen.
  Wenn  ich  den  Gang  der  Entwicklung  der  inneren  Zustände
Oesterreichs  richtig  beurteile,  so  scheint  mir  das  deutsche  Element  mehr  in
den  Hintergrund  zu  treten  und  die  Regierung  ihre  Stütze  in  den  außerdeutschen
  Elementen  der  Monarchie  zu  suchen.

Ein  Verfassungsbündnis  mit  einem  so  gestalteten  Oesterreich  erscheint
weder  wünschenswert  noch  ausführbar.

Wohl  aber  werde  ich  es  mit  Freuden  begrüßen,  wenn  die  österreichische
Monarchie  aus  den  inneren  Kämpfen,  in  welchen  sie  begriffen  ist,  gekräftigt
und  gestärkt  hervorgeht,  damit  sie  ihre  zivilisatorische  Mission  als  östliche
        <pb n="207" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  197

Grenzmacht  erfüllen  könne.  Ich  werde  mich  bemühen,  darauf  hinzuwirken,
daß  die  freundschaftlichsten  Beziehungen  Bayerns  zu  Oesterreich  erhalten
und  gefördert  werden.

Meine  Herren!  Die  Staatsregierung  wird  auch  nicht  die  Hand  bieten
zur  Bildung  eines  in  sich  abgeschlossenen  südwestdeutschen  Bundesstaates,
weil  unzweifelhaft  eine  Uebereinstimmung  der  Regierungen  und  Bevölkerungen
in  dieser  Beziehung  nicht  zu  erreichen  ist  und  weil  ein  solcher  Bundesstaat
die  Kluft  zwischen  dem  Süden  und  Norden  von  Deutschland  noch  erweitern
  würde.

Wenn  ich  aber  erklärt  habe,  daß  die  Staatsregierung  keinen  Schritt
zu  tun  gedenkt,  der  uns  vom  Ziele  der  deutschen  Gesamtpolitik  entfernt,
so-  darf  ich  mich  auf  diesen  negativen  Standpunkt  nicht  beschränken.  Es
würde  dies  die  Proklamierung  der  Isolierungspolitik  sein.  Bayern  als
Staat  zweiten  Ranges  kann  nicht  ohne  Allianz  mit  einer  europäischen
Großmacht  bestehen.  Es  bedarf  einer  solchen  Stütze  namentlich  im  gegenwärtigen
  Augenblick,  in  welchem  die  Verfassung  des  Deutschen  Bundes
zerrissen  ist  und  die  Möglichkeit  europäischer  Konflikte  nicht  bestritten  werden
kann.  Der  Großstaat  aber,  an  welchen  sich  Bayern  anzuschließen  und  als
dessen  Bundesgenosse  es  im  Falle  eines  Krieges  gegen  das  Ausland  sich
offen  zu  erklären  hat,  ist  Preußen.

Diese  Bundesgenossenschaft,  die  in  der  Aufgabe  der  bayrischen  Regierung
  liegt,  bringt  es  mit  sich,  daß  Bayern  gegen  bestimmte  Garantie
der  Souveränität  des  Königs  sich  im  Falle  eines  Krieges  gegen  das  Ausland
  der  Führung  Preußens  unterstelle;  sie  bringt  es  mit  sich,  daß  das
bayrische  Heer  in  einer  Art  und  Weise  organisiert  wird,  die  eine  gemeinschaftliche
  Kriegführung  ermöglicht.  Diese  Bundesgenossenschaft  wird  an
Wert  gewinnen,  wenn  es  gelingt,  nicht  nur  die  Wehrkraft  Bayerns  zu
erhöhen,  sondern  auch  die  übrigen  südwestdeutschen  Staaten  zur  Einrichtung
einer  gleichmäßigen  und  kräftigen  Heeresorganisation  zu  bestimmen.  Die
Staatsregierung  ist  bestrebt,  diese  Uebereinstimmung  herbeizuführen  und
damit  die  Annäherung  des  Südens  von  Deutschland  an  den  Norden  zu
fördern,  zugleich  aber  auch  die  eigne  Unabhängigkeit,  soweit  dies  an  uns
liegt,  vor  Annexionsgelüsten,  von  welcher  Seite  sie  auch  kommen  mögen,
zu  wahren.

Erlauben  Sie  mir  nun,  meine  Herren,  zum  Schlusse  noch  einmal  die
Aufgabe  der  bayrischen  Politik  in  wenigen  Worten  zusammenzufassen!
Es  ist  die  Anbahnung  eines  Verfassungsbündnisses  mit  den  übrigen  Staaten
Deutschlands,  sobald  und  soweit  dies  unter  Wahrung  der  bayrischen
Souveränitätsrechte  und  der  Unabhängigkeit  des  Landes  möglich  ist;
bis  zur  Erreichung  dieses  Zieles  die  Schaffung  einer  achtunggebietenden
Macht,  nicht  durch  die  Organisation  des  Heeres  allein,  sondern  auch  durch
        <pb n="208" />
        198  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

den  Ausbau  unfrer  inneren  Staatseinrichtungen  auf  freisinniger  Grundlage,
  durch  Hebung  des  Selbstbewußtseins  und  des  Vertrauens  in  unfre
eigne  staatliche  Existenz.

Wenn  uns  dies  gelingt,  so  wird  man  unser  Bündnis  suchen,  und  wir
werden  nicht  nötig  haben,  uns  ängstlich  nach  einem  schirmenden  Dach  umzusehen;
  dann  wird  es  auch  gelingen,  für  die  wichtige  Frage  über  die
Reorganisation  des  Zollvereins  eine  würdige  und  den  Irnteressen  des
Landes  entsprechende  Lösung  zu  erzielen.

Aus  einem  Schreiben  des  Freiherrn  von  Roggenbach
an  den  Fürsten.
Neuwied,  24.  Januar  1867.

..  Wer  wie  ich  sechs  Jahre  lang  mit  der  politischen  und  moralischen
Verwirrung  zu  tun  hatte,  die  die  Herren  von  Beust  und  von  der  Pfordten
durch  ihre  Staatsschriften,  ihre  Agenten  und  Preßorgane  in  den  armen
Köpfen  unfrer  süddeutschen  Landsleute  angerichtet  haben,  und  wer  sich
über  die  Gefahren  nicht  täuscht,  welche  durch  die  babylonische  Sprachverwirrung
  für  den  Bestand  und  die  Zukunft  unsers  Volkstums  und  der
deutschen  Staatsentwicklung  schließlich  bereitet  wurden,  der  muß  mit  innigster
und  aufrichtigster  Freude  Ihre  Aeußerung  begrüßen.  Sie  sagt  mir,  daß
ein  so  bedeutender  Staat  wie  Bayern  und  ein  so  wichtiges  Element  des
europäischen  Völkersystems  wie  das  süddeutsche  endlich  wieder  unter  den
Einfluß  einer  verständigen  und  ehrlichen,  einfachen  und  besonnenen  Leitung
zurückgekehrt  ist  und  daß  die  finstern  Mächte  entfernt  sind,  welche  seit
Jahren  an  der  Herbeiführung  eines  Brandes  geschürt  haben,  von  dem  sie
hofften,  er  werde  Preußen  und  eine  gesunde  Kulturentwicklung  in  Deutschland
  verzehren,  der  aber  nun  schließlich  sie  selbst  und  ihre  bösen  Ränke

verschlungen  hat.

Journal.
Münnchen,  25.  Januar  1867.

Reuß  1)  las  mir  eine  Depesche  von  Bismarck  vor,  in  welcher  die
Befriedigung  der  preußischen  Regierung  über  meine  Erklärung  in  der
Kammer  ausgesprochen  wird.  Daran  knüpft  Bismarck  Aeußerungen  über
die  Heeresorganisation  und  Finanzen,  die  mir  Reuß  noch  vorlegen  wird,  um
sie  technisch  beantworten  zu  lassen.

In  betreff  der  deutschen  Frage  sagte  die  Depesche,  daß  man  sich  in
Süddeutschland  täusche,  wenn  man  glaube,  Preußen  wolle  die  Verbindung
mit  dem  Süden  auf  denselben  Grundlagen  wie  im  Norden.  Hier  seien

 

1)  Prinz  Reuß,  damals  preußischer  Gesandter  in  München.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  199

sie  durch  die  Rücksicht  auf  ihre  eigne  Sicherheit  zu  einem  strafferen  Zusammenschließen
  genötigt  gewesen.  Was  den  Süden  betreffe,  so  sei  Preußen
zufrieden,  wenn  es  die  Garantie  habe,  daß  der  Süden  sich  nicht  an  fremde
Mächte  anlehnen  werde,  und  daß  die  gemeinsame  Wahrung  und  Pflege
der  materiellen  Interessen  gesichert  sei.  Preußen  werde  in  der  Verschmelzung
des  Südens  mit  dem  Norden  so  weit  gehen,  als  dies  Bayern  wünsche.
Wenn  man  die  Autonomie  im  Süden  nicht  in  derselben  Weise  beschränken
wolle  wie  im  Norden,  so  sei  es  auch  bereit,  in  Unterhandlungen  auf  einer
weiteren  Grundlage  einzugehen.

Auf  die  Frage,  wie  ich  mir  die  Verfassung  und  namentlich  die  Beschränkung
  der  Autonomie  dächte,  behielt  ich  mir  die  weitere  Aeußerung
vor.  Er  erklärte  sich  bereit,  bei  seiner  Regierung  anzufragen,  ob  ich  seine
Depesche  dem  König  vorlesen  dürfe,  was  ich  für  notwendig  erachtete.

Am  3.  Februar  wurden  die  Stuttgarter  Konferenzen  unter  dem  Vorsitze
  des  Freiherrn  von  Varnbüler  eröffnet.  Außer  den  vier  Ministern  der
auswärtigen  Angelegenheiten  nahmen  die  Kriegsminister  und  mehrere
Kommissare  an  den  Verhandlungen  teil.

In  der  einleitenden  Besprechung  äußerte  der  badische  Minister  von
Freydorf,  er  möchte  wünschen,  daß  dem  bei  den  vorgeschlagenen  gemeinsamen
  Maßregeln  doch  wohl  vor  allem  maßgebend  gewesenen  Bestreben
der  Einigung  Deutschlands,  welches  nach  der  Auffassung  der  badischen
Regierung  dringend  einen  unumwundenen  Anschluß  an  die  preußische
Wehrverfassung  erheische,  in  bestimmter  Weise  Ausdruck  gegeben  werde
und  schlage  deshalb  eine  Kundgebung  folgenden  Wortlauts  vor:

„Die  versammelten  Vertreter  der  vier  süddeutschen  Regierungen  erkennen
  es  als  ein  nationales  Bedürfnis,  die  Wehrkräfte  ihrer  Länder
nach  den  Prinzipien  der  preußischen  Wehrverfassung  einzurichten,  so  daß
sie  als  Bestandteile  eines  deutschen  Heeres  im  Kriegsfalle  anwendbar  werden.“

Fürst  Hohenlohe  führte  dagegen  aus,  daß  der  badische  Antrag  leicht
mißverständliche  Auffassung  finden  könne,  hauptsächlich  weil  die  vorgeschlagene
  Fassung  der  dermaligen  Gestaltung  der  politischen  Verhältnisse
  Deutschlands  doch  nicht  vollständig  entsprechen  dürfte.  Die  weiteren
Debatten  bezogen  sich  wesentlich  auf  die  Frage,  bis  zu  welchem  Grade  der
Anschluß  an  das  preußische  Wehrsystem  durchgeführt  werden  solle.  Durch
kommissarische  Beratungen  der  Kriegsminister  wurde  schließlich  ein  Schlußprotokoll
  vereinbart,  das  die  Zustimmung  aller  Mitglieder  der  Konferenz
fand.  Der  badische  Minister  gab  dabei  unter  Bezugnahme  auf  die  schon
im  Laufe  der  mündlichen  Verhandlungen  mehrfach  von  ihm  kundgegebenen
Aeußerungen  über  die  Stellung,  welche  seine  Regierung  in  der  Frage
über  die  Regelung  der  deutschen  Verfassungsverhältnisse,  insbesondere  dem
        <pb n="210" />
        200  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

zu  gründenden  Norddeutschen  Bunde  gegenüber,  einnehmen  zu  müssen  glaube,
nachstehende  Erklärung  zu  Protokoll:

„Die  Großherzoglich  badische  Regierung  ist  der  Ansicht,  daß  die
hier  getroffenen  Verabredungen  etwaigen  militärischen  Vereinbarungen  des
Großherzogtums  mit  dem  Königreich  Preußen,  beziehungsweise  den  norddeutschen
  Staaten,  nicht  im  Wege  stehen  und  behält  sich  nach  Umständen
solche  Vereinbarungen  vor."

Der  hessische  Minister  von  Dalwigk  erklärte  darauf,  „daß  auch  er  in
Anbetracht  der  eigentümlichen  Stellung,  welche  die  hessische  Regierung
dem  zu  gründenden  Norddeutschen  Bunde  gegenüber  einzunehmen  haben
werde,  sich  veranlaßt  finden  müsse,  die  Zustimmung  seiner  Regierung  zu
den  Beschlüssen  mit  einem  Vorbehalte  zu  begleiten,  wie  solcher  eben  von
der  Großherzoglich  badischen  Regierung  vorgetragen  worden“.

Das  am  5.  Februar  unterzeichnete  Schlußprotokoll  1)  beginnt  mit  der
Erklärung,  daß  die  Versammelten  es  als  ein  nationales  Bedürfnis  erkennen,
die  Wehrkräfte  ihrer  Länder  zu  erhöhen  und  so  zu  organisieren,  daß  sie
zu  achtunggebietender  gemeinsamer  Aktion  befähigt  werden.  Sie  einigen
sich  deshalb  zu  einer  möglichsten  Erhöhung  ihrer  Militärkräfte  unter  einer
den  Prinzipien  der  preußischen  nachgebildeten  Wehrverfassung.  Als  solche
Prinzipien  werden  aufgestellt:  die  allgemeine  Wehrpflicht,  die  dreijährige
Präsenz,  die  Einteilung  der  Wehrpflicht  in  die  Dienstpflicht  im  stehenden
Heere,  die  Reservepflicht  und  die  Landwehrpflicht.  Erstrebt  wird  eine
Gleichartigkeit  der  Organisation,  welche  die  Heere  zu  gemeinsamer  Aktion
befähigt,  gleiche  taktische  Einheiten,  möglichste  Uebereinstimmung  der  Reglements,
  der  Feuerwaffen  und  Munition,  gemeinschaftliche  Uebungen  und
gleichmäßige  Ausbildung  der  Offiziere.  „Bezüglich  der  Festungen  Ulm  und
Rastatt“  heißt  es  am  Schlusse  des  Protokolls,  „wird  ein  Entschluß  bis
nach  Beendigung  der  möglichst  zu  beschleunigenden  Liquidationsverhandlungen
  aufgeschoben.“?)

1)  Abgedruckt  bei  Aegidi  und  Klauhold,  Das  Staatsarchiv,  Bd.  XII  Nr.  2733.

2)  Artikel  7  des  Prager  Friedens  bestimmte,  daß  in  Frankfurt  a.  M.  eine
Kommission  zusammentreten  sollte,  bei  welcher  sämtliche  Forderungen  an  den
ehemaligen  Deutschen  Bund  anzumelden  und  zu  liquidieren  seien.  Oesterreich  und
Preußen  wollten  sich  in  dieser  Kommission  vertreten  lassen.  Allen  andern  Staaten
des  ehemaligen  Bundes  stand  die  gleiche  Befugnis  zu.  Artikel  8  gab  Oesterreich  das
Recht,  aus  den  ehemaligen  Bundesfestungen  das  kaiserliche  Eigentum  und  von  dem
beweglichen  Bundeseigentum  den  matrikularmäßigen  Anteil  Oesterreichs  fortzuführen
  oder  sonst  darüber  zu  verfügen.  Die  „Liquidationskommission"  trat  im  Herbst
1866  zusammen  und  führte  ihre  Arbeit  bis  zum  Sommer  1867  so  weit  durch,  daß
Oesterreich  und  Holland,  letzteres  für  Luxemburg  und  Limburg,  für  ihre  Ansprüche
in  Geld  abgefunden  wurden.  Auch  die  Ansprüche  der  übrigen  Staaten  wurden

rechnerisch  festgestellt.  Es  wurde  aber  beschlossen,  eine  tatsächliche  Teilung  nicht
auszuführen,  vielmehr  die  endgültige  Erledigung  der  Frage  zu  vertagen.
        <pb n="211" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  201

Unmittelbar  nach  den  Stuttgarter  Konferenzen  am  6.  Februar  1867
hatte  der  Fürst  in  Mühlacker  eine  Besprechung  mit  dem  Großherzog
Friedrich  von  Baden.  An  denselben  schrieb  er:

München,  19.  Februar  1867.
Eure  Königliche  Hoheit

haben  mir  erlaubt,  mich  schriftlich  direkt  an  Höchstdieselben  zu  wenden,
wenn  es  mir  nötig  schiene,  über  die  in  Mühlacker  besprochenen  politischen
Fragen  weitere  Mitteilungen  zu  machen.  Der  gegenwärtige  Augenblick  der
bevorstehenden  Eröffnung  des  norddeutschen  Reichstags  läßt  es  für  die
süddeutschen  Regierungen  dringend  geboten  erscheinen,  sich  über  die  Haltung
zu  verständigen,  die  sie  den  Beschlüssen  des  norddeutschen  Parlaments
gegenüber  einzunehmen  haben.  Es  ist  vorauszusehen,  daß  nach  dem
Schlusse  der  Verhandlungen,  wenn  diese  zu  einem  befriedigenden  Resultate
führen,  an  uns  die  Frage  gestellt  werden  wird,  in  welcher  Weise  wir
unser  Verhältnis  zum  Norddeutschen  Bunde  regeln  wollen.

Hierbei  dürfte  es  sich  um  folgende  Punkte  handeln:

1.  Erhaltung  der  eignen  Souveränität,

2.  Kräftigung  Deutschlands  zur  Beseitigung  äußerer  Gefahren,

3.  Befriedigung  des  nationalen  Strebens  im  Volke,

4.  Offenhalten  des  Beitritts  Deutsch-Oesterreichs.

Ich  glaube,  daß  das  gemeinschaftliche  Vorgehen  der  süddeutschen
Staaten  Bayern,  Württemberg,  Baden  und  (soweit  es  sein  kann)  Hessen
auf  folgender  Basis  ratsam  wäre:

1.  Wir  bieten  Preußen  und  dem  Norddeutschen  Bunde  an,  in  einen
unauflöslichen  Bund  einzutreten.

2.  Preußen  führt  das  Präsidium  und  den  Oberbefehl  im  Krieg.

3.  Die  vier  Staaten  treten,  und  zwar

Bayern  mit  6,

Württemberg  mit  4,

Baden  mit  3,

Hessen  mit  2  Stimmen
in  den  also  erweiterten  Bundesrat  ein,  der  die  Geschäfte  des  Bundes
leitet  und  die  Streitigkeiten  unter  den  Bundesgliedern  entscheidet.

4.  Durch  Vertrag  wird  festgesetzt:

das  allgemeine  deutsche  Indigenat  und  Heimatsrecht,

der  Deutsche  Zollverein,

gleiches  Maß,  Gewicht  und  Münze,

das  Bankwesen,

gleiche  Rechtshilfe  (Prozeßordnung),

gleiche  Grundsätze  in  Beziehung  auf  Post,  Eisenbahn,  Telegraphenwesen
  und  Schiffahrt.
        <pb n="212" />
        202  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

5.  Die  unter  4.  vorgesehenen  gemeinsamen  Angelegenheiten  werden  auf
Initiative  des  Bundesrats  geregelt,  und  soweit  Gesetze  zu  erlassen  sind,  wird
auf  dem  bezüglich  der  Wechsel=  und  Handelsgesetzgebung  eingeschlagenen  Wege
verfahren.  Die  Gesetzgebung  bleibt  im  Norden  dem  Reichstag  des  Norddeutschen
  Bundes,  im  Süden  den  Kammern  der  vier  Staaten.  Bezüglich  der
Militärverfassung  erkennt  Preußen  die  Stuttgarter  Konferenzbeschlüsse  an.

6.  Zur  Marine  des  Bundes  und  zur  Vertretung  der  Handelsinteressen
durch  Konsulate  trägt  der  Süden  eine  durch  Vertrag  festzusetzende  Quote  bei.

7.  Der  Anteil  an  den  Kosten  und  an  der  Besatzung  der  Bundesfestungen
  und  Bundeshäfen  wird  im  Prinzip  gleichfalls  durch  Vertrag
geregelt  und  durch  den  Bundesrat  festgesetzt.

8.  Bedingung  des  Abschlusses  ist  gleichzeitiger  Abschluß  einer  Allianz
des  gesamten  Deutschlands  mit  Oesterreich,  in  welcher  die  Integrität  des
deutschen  Gebiets  gegenseitig  garantiert,  dagegen  von  Oesterreich  unter
Modifizierung  des  Prager  Friedens  der  Deutsche  Bund  anerkannt  wird.

Ich  lege  auf  letzteren  Punkt  deshalb  großes  Gewicht,  weil  bei  den
hier  sich  mehr  und  mehr  fühlbar  machenden  Einflüssen  Oesterreichs  nur
dadurch  die  Stimmung  und  Zustimmung  zum  Abschluß  eines  Bundesvertrags
  mit  Preußen  zu  gewinnen  sein  wird,  wenn  gleichzeitig  Oesterreich
in  der  Allianz  eine  Entschädigung  dafür  geboten  werden  kann,  daß  es
seinen  Einfluß  auf  Süddeutschland  durch  das  Zustandekommen  eines
Bundes  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norden  vermindert  sieht.  Indem
ich  Eurer  Königlichen  Hoheit  diese  Skizze  vorzulegen  mir  erlaube,  bitte
ich  um  Höchstderen  Aeußerung  über  dieselbe  und  darüber,  ob  Eure  Königliche
  Hoheit  eine  detailliertere  Darlegung  befehlen.  Ich  würde  für  eine
baldgnädige  Antwort  aus  dem  Grunde  besonders  dankbar  sein,  weil  ich
von  Stuttgart  in  den  nächsten  Tagen  Eröffnungen  entgegensehe,  die  ich
nicht  eher  beantworten  will,  ehe  ich  die  Ansicht  Eurer  Königlichen  Hoheit  kenne.

Schließlich  erlaube  ich  mir  zu  bemerken,  daß  die  Ratifikationsurkunde
über  die  Stuttgarter  Konferenz  Seiner  Majestät  dem  Könige  vorliegt  und
in  diesen  Tagen  abgehen  wird.  Ich  wage  die  Bitte,  die  Auswechslung
der  Ratifikationen  gnädigst  sobald  als  möglich  anbefehlen  zu  wollen,
wenn  unfre  Urkunde  in  Karlsruhe  ankommt,  da  mir  die  Veröffentlichung
der  Resultate  der  Konferenz  in  allseitigem  Interesse  geboten  erscheint.

Ueber  die  Beurteilung,  welche  die  ersten  öffentlichen  Erklärungen  des
Fürsten  in  Berlin  gefunden  hatten,  schrieb  ihm  der  bisherige  preußische
Gesandte  in  München,  Prinz  Reuß:

Berlin,  20.  Februar  1867.

Seit  gestern  früh  bin  ich  hier  und  habe  den  Grafen  Bismarck  sogleich
gesehen  und  ihm  viel  von  München  und  von  Ihnen  erzählen  müssen.  Ich
        <pb n="213" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  203

brauche  Ihnen  nicht  erst  zu  sagen,  daß  er  die  besten  Wünsche  für  das
Reüssieren  Ihres  Ministeriums  hegt  und  alles  tun  wird,  was  in  seinen
Kräften  steht,  um  Sie  zu  unterstützen.  Ich  besprach  mit  ihm  Ihren
Wunsch  mit  Beziehung  auf  ein  eventuelles  Eingeständnis  der  Existenz  des
geheimen  Vertrags.  1)  Graf  Bismarck  sah  ein,  daß  es  Ihnen  und  auch
der  württembergischen  Regierung  angenehm  und  für  Ihre  Stellung  dem
Lande  gegenüber  vorteilhaft  sein  würde,  wenn  Sie  den  geheimen  Vertrag
avouieren  könnten.  Er  hat  nichts  dagegen,  daß  dies  seinerzeit  geschieht,
und  möchte  nur  abwarten,  bis  der  Spektakel  in  der  französischen  Kammer
sich  etwas  gelegt  haben  wird.  Also  vielleicht  bis  nach  den  Interpellationen
über  die  auswärtige  Politik  des  Kaisers.:)  Dann  ist  er  der  Ansicht,  auf
die  Sache  durch  scheinbare  Indiskretionen  in  den  Zeitungen  vorzubereiten;
er  würde  aber  gern  Ihre  Ansichten  hören,  falls  Sie  die  Oeffentlichkeit
auf  eine  andre  Weise  haben  möchten.  3)  Er  trug  mir  auf,  Ihnen  zu
schreiben  und  Ihnen  zugleich  zu  sagen,  daß,  wenn  Sie  das  Bedürfnis
fühlen  sollten,  in  dieser  oder  einer  andern  Angelegenheit  sich  direkt  an  ihn
zu  wenden,  er  sehr  gern  bereit  sein  würde,  den  Weg  der  direkten  Privatkorrespondenz
  zu  betreten.  Er  hat  vollständiges  Vertrauen  in  Werthern,)
glaubt  aber,  daß,  bevor  derselbe  zu  dem  Grad  von  Vertraulichkeit  Ihnen
gegenüber  gelangt  sein  sollte,  es  Ihnen  vielleicht  lieber  sein  dürfte,  sich
gegen  ihn  (Bismarck)  auszusprechen.  Montgelas  5)  wird  von  ihm  als  ein
guter  Geschäftsmann  und  ehrlicher  Mensch  bezeichnet,  er  meint  aber,  daß
es  darüber  hinaus  aufhöre  und  intimere  Geschäfte  nicht  leicht  mit  ihm
anzuknüpfen  seien.

In  demselben  Sinne  schrieb  dem  Fürsten  der  Herzog  von  Ratibor:

Berlin,  3.  März  1867.
Heute  Abend  war  ich  bei  Putbus  auf  einem  Ball  und  hatte  dort
Gelegenheit,  mit  Bismarck  zu  sprechen.  Er  kam  von  selbst  auf  Dich  zu
sprechen,  indem  er  am  Büfett  ein  Glas  Champagner  auf  Dein  Wohl  und
das  Gedeihen  Deiner  dortigen  Bestrebungen  trank.  Ich  erzählte  ihm,  daß
Du  mir  geschrieben,  und  er  ist  ganz  darin  einverstanden,  daß  man  dort
vorsichtig  zu  Werke  gehen  müsse.  Man  verlange  hier  von  Bayern  gar

 

1)  Das  gleichzeitig  mit  dem  Friedensvertrage  geschlossene  Schutz=  und  Trutzbündnis.


2)  Die  Debatte  der  französischen  Kammer  über  die  auswärtige  Politik  fand
vom  14.  bis  18.  März  statt.

)  Die  Veröffentlichung  des  Schutz=  und  Trutzbündnisses  erfolgte  am  19.  März
1867,  unmittelbar  nach  der  ersten  Verhandlung  des  Norddeutschen  Reichstags,
welche  Luxemburg  berührte.  Sybel,  Begründung  des  Deutschen  Reichs,  Bd.  6  S.  58.

4)  Der  preußische  Gesandte  in  München.

5)  Bayrischer  Gesandter  in  Berlin.
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        204  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

nichts  mehr,  als  es  uns  geben  wolle,  wenn  er  keinen  Taler  bekommen
könne,  nehme  er  einen  Silbergroschen.  Man  werde  durchaus  nicht  drängen.
Die  materiellen  Interessen  Süddeutschlands  —  das  könne  man  Deinen
Gegnern  dort  vorhalten  —  bedingten  einen  Vertrag  mit  dem  Norddeutschen
Bunde;  ohne  einen  solchen  sei  auch  der  Zollverein  gefährdet  und  dadurch
der  ganze  Wohlstand  der  dortigen  Länder  aufs  Spiel  gesetzt.  Das  könne
den  Leuten  dort  nicht  oft  genug  gesagt  werden.  Er  empfiehlt  Vorsicht
und  keine  Uebereilung.  Er  nimmt  das  größte  Interesse  an  allem,  was  in
München  geschieht.

Die  Königin  sprach  sich  gestern  in  demselben  Sinne  aus  und  grüßt
Dich  vielmals.  Feldmarschall  Wrangel  läßt  Dir  auch  Glück  wünschen  zu
Deinen  bisherigen  Erfolgen,  hofft  das  Beste  für  die  Zukunft  und  empfiehlt
sich  Dir.  Auch  Herr  von  Vincke  sprach  mit  mir  über  Dich  und  freute
sich  darüber.  Du  siehst,  daß  alle  Parteien  hier  für  Dich  sind.  Bismarck
betrachtet  auch  die  Führung  Bayerns  unter  den  süddeutschen  Staaten  als
selbstverständlich  und  hat  alle  Anträge  von  Württemberg  und  Baden
zurückgewiesen,  die  nicht  im  Verein  mit  Bayern  gemacht  wurden.

Großherzog  Friedrich  von  Baden  an  den  Fürsten

Hohenlohe.  ·
Karlsruhe,  4.  März  1867.

Empfangen  Sie  meinen  besten  Dank  für  Ihre  beiden  Briefe  vom
19.  und  20.  Februar,  aus  denen  ich  mit  großer  Freude  entnehmen  durfte,
daß  unfre  Besprechung  in  Mühlacker  der  Beginn  eines  vertraulichen  Verkehrs
  wurde,  dessen  Wert  ich  sehr  zu  schätzen  weiß.

Wir  begegneten  uns  in  dem  Streben  einer  engeren  Verbindung  des
Südens  mit  dem  Norden  von  Deutschland,  und  wir  haben  dabei  schon
besprochen,  in  welchen  verschiedenen  Stadien  der  Entwicklung  wir  uns
dieses  Einigungswerk  vollbracht  denken.

Mit  aufrichtigem  Danke  habe  ich  somit  Ihre  Vorschläge  als  einen
hoch  anzuerkennenden  Versuch  begrüßt,  dieses  Streben  mehr  und  mehr  zu
betätigen,  und  werde  nun  nach  gründlicher  Prüfung  versuchen,  Ihnen
meine  Anschauungen  darüber  in  Kürze  darzulegen.

Im  allgemeinen  bin  ich  gern  bereit,  auf  Ihre  Vorschläge  zu  näherer
Beratung  einzugehen,  würde  aber  sehr  wünschen,  über  das  Detail  derselben
noch  weitere  Mitteilungen  von  Ihnen  zu  erhalten,  um  die  ganze  Ausdehnung
  und  Tragweite  einzelner  Punkte  näher  kennen  zu  lernen.

Die  vier  Grundgedanken  Ihrer  Vorschläge  betrachte  ich  als  den  Ausdruck
  für  die  in  den  süddeutschen  Staaten  zu  überwindenden  Schwierigkeiten
  und  Vorurteile.  Ich  erkenne  darin  den  Kreis  von  Rücksichten,  welche
Sie  zu  nehmen  genötigt  sind,  um  einen  Uebergangszustand  für  eine  innigere
        <pb n="215" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  205

Vereinigung  mit  dem  Norden  vorzubereiten.  Ich  verkenne  aber  auch  nicht
die  Schwierigkeit,  diese  vier  Grundsätze  so  zu  verbinden,  daß  sie  dem  mehr
und  mehr  sich  befestigenden  Norddeutschen  Bunde  annehmbar  gemacht
werden  können.

Der  erste  Satz  unter  den  acht  Punkten,  in  welchen  Sie  die  Grundlage
  des  gemeinschaftlichen  Vorgehens  der  süddeutschen  Staaten  erblicken,
bezeichnet  das  Verhältnis  zu  Norddeutschland  als  einen  unauflöslichen
Bund,  und  zwar  als  einen  weiteren  Bund  im  Gegensatz  zu  dem  engeren
Norddeutschen.  Dieser  Gedanke  genügt,  um  alle  übrigen  Punkte  als  mehr
oder  weniger  untergeordnet  erscheinen  zu  lassen,  insofern  als  dieselben  von
einer  Vereinbarung  mit  Preußen  abhängen.  Ich  unterlasse  es  daher,  mich
auf  das  einzelne  schon  heute  näher  einzulassen,  und  will  nur  zwei  Fragen
Ihrer  freundlichen  Erwägung  empfehlen.

Diejenigen  Teile  der  Gesetzgebung,  wobei  es  unerläßlich  ist,  eine  volle
Gleichmäßigkeit  über  Deutschland  zu  verbreiten,  sind  vorzugsweise  auf  dem
Gebiete  materieller  Interessen  zu  finden.  Es  wird  dabei  die  Frage  des
Zollvereins  wohl  die  leichteste  Handhabe  gewähren,  um  die  Schwierigkeit
zu  lösen,  welche  jetzt  noch  in  dem  Mangel  einer  Zusammenfassung  aller
deutschen  Staaten  in  einem  gemeinsamen  Reichstag  besteht.  Vertrauliche
Mitteilungen  aus  Berlin  sagen  uns,  daß  der  Eintritt  von  Vertretern  süddeutscher
  Regierungen  in  den  Bundesrat  und  süddeutscher  Abgeordneten
in  den  Norddeutschen  Reichstag  für  Zollangelegenheiten  und  somit  die  Verwandlung
  desselben  in  ein  Zollparlament  als  eine  vielleicht  nahe  bevorstehende
  erste  nähere  Verbindung  von  Nord  und  Süd  zu  erwarten  stehe.
Ein  solcher  Anfang  würde  sich  wohl  sehr  bald  weiter  ausbilden  und  über
andre  Gebiete  verbreiten.  Die  ganze  so  schwierige  Gesetzgebungsfrage  würde
dadurch  auf  natürlichem,  praktischem  Wege  eine  gute  Lösung  finden,  und
es  dürfte  wohl  geraten  sein,  diese  Lösung  durch  einen  dahinzielenden
Vorschlag  vorzubereiten.

Die  Aussicht  auf  Beteiligung  der  süddeutschen  Staatsregierungen  und
Landesvertretungen  bei  den  entsprechenden  Organen  des  Norddeutschen
Bundes,  insbesondere  die  Aussicht  auf  Bildung  eines  Zollparlaments,
würde  dann  wohl  auch  dem  Punkt  4  Ihrer  Vorschläge  eine  modifizierte
Gestalt  verleihen,  indem  dann  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  teilweise
zu  erlangen  wäre,  was  dort  Verträge  festsetzen  sollen.

Sofern  nun  aber  ein  Bundesvertrag  zwischen  den  einzelnen  süddeutschen
Staaten  und  dem  Norddeutschen  Bunde  abgeschlossen  werden  will,  der
nach  dem  Vorbilde  der  alten  bisherigen  deutschen  Bundesakte  gestaltet
werden  soll,  frage  ich  mich,  ob  es  nicht  ratsamer  wäre,  sich  möglichst
streng  an  diesen  alten  Bundesvertrag  anzuschließen  und  danach  zu  streben,
dessen  entwicklungsfähige  Keime  zur  Reife  zu  bringen.  So  wenig  auch
        <pb n="216" />
        206  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

diese  alte  Institution  während  ihres  langen  Bestehens  Gutes  zu  leisten
vermochte,  da  es  keine  Abhilfe  gegen  die  Rivalität  zweier  Großmächte  in
einem  Bunde  gibt,  dürfte  doch  nun  die  Voraussetzung  geschaffen  sein,  mit
welcher  die  wesentlichsten  Bestandteile  der  alten  Bundesverfassung  sich
vereinen  lassen.  Diese  Voraussetzung  ist  der  Prager  Friede,  das  Ende
des  langjährigen  und  für  Deutschland  so  schädlichen  Dualismus.

Der  Artikel  IV  des  Prager  Friedens  stellt  eine  nationale  Verbindung
der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  in  Aussicht.  Oesterreich
  erkennt  diesen  weiteren  Bund  in  seiner  Neugestaltung  im  voraus  an.

Dies  ist  der  zweite  Punkt,  den  ich  besonders  behandeln  wollte,  d.  h.
Nr.  8  Ihrer  Vorschläge.

Sie  halten  es  mit  Bezug  auf  den  sich  mehr  und  mehr  in  München
fühlbar  machenden  Einfluß  Oesterreichs  für  unerläßlich,  zur  Gewinnung
der  Zustimmung  Bayerns  für  den  Abschluß  eines  Bundesvertrags  mit
Preußen,  wenn  Oesterreich  durch  eine  Allianz  mit  Deutschland  dafür  entschädigt
  wird,  daß  es  seinen  Einfluß  in  Süddeutschland  durch  das  Zustandekommen
  eines  Bundes  desselben  mit  dem  Norden  vermindert  sieht.

Ich  kann  mir  lebhaft  denken,  wie  schwierig  es  für  Sie  sein  muß,  die
österreichischen  Sympathien  in  gewissen  maßgebenden  Kreisen  zu  behandeln
und  diesen  gegenüber  den  neuen  Standpunkt  des  Prager  Friedens  zu.  vertreten.
  Auch  erkenne  ich  gewiß  sehr  gern  an,  daß  gewisse  Vorurteile  nur
bekämpft  werden  können,  indem  man  ihnen  möglichst  schonend  entgegentritt.
  Ich  bin  daher  gern  bereit,  auch  diesen  wichtigsten  Punkt  Ihrer  Vorschläge
  weiter  mit  Ihnen  zu  erörtern,  wenngleich  ich  mit  einer  solchen
Bedingung  des  Vertragsschlusses  mit  Preußen  mich  nicht  befreunden
könnte.  Ich  möchte  Ihnen  aber  in  jeder  Weise  bestätigen,  daß  es  mir
ernst  darum  zu  tun  ist,  Sie,  soweit  ich  kann  und  darf,  in  Ihrer  schönen,
aber  schweren  Aufgabe  zu  unterstützen.

Meine  Gründe  gegen  den  Vorschlag  einer  solchen  Allianz  von  ganz
Deutschland  mit  Oesterreich  unter  den  angegebenen  Voraussetzungen  sind
mehrfacher  Art.

Zunächst  erscheint  mir  nötig  zu  wissen,  ob  Preußen  geneigt  ist,  eine
solche  Bedingung  anzunehmen,  damit  nicht  durch  Ablehnung  derselben  die
gewünschte  Verständigung  verhindert  werde.  Ich  kann  nicht  glauben,  daß
Preußen  geneigt  sein  wird,  den  Prager  Frieden  gerade  in  seinem  wichtigsten
Punkte  zu  modifizieren  und  damit  eine  europäische  Frage  aufzuwerfen,
welche  der  genannte  Friedensvertrag  eben  vermeiden  will,  indem  er  die
nationale  Verbindung  von  Süd=  und  Norddeutschland  als  eine  innere
Frage  vom  Auslande  anerkennen  läßt.

Eine  Garantie  des  deutschen  Gebiets  Oesterreichs  halte  ich  nicht  für
ratsam,  solange  dieses  Reich  mit  den  unheilvollsten  Entwicklungsleiden  zu
        <pb n="217" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  207

kämpfen  hat,  die  stets  die  Gefahr  in  sich  tragen,  Deutschland  in  seiner
eignen  inneren  Entwicklung  zu  stören  oder  in  äußere  Verlegenheiten  zu
verwickeln.

Es  sollte  demnach  wohl  die  Konsolidierung  des  österreichischen  Kaiserstaats
  abgewartet  werden  können,  bevor  Deutschland  eine  Verpflichtung
eingeht,  deren  Erfüllung  vielleicht  kaum  ausführbar  sein  dürfte.

Endlich  gestatte  ich  mir  einen  Zweifel  darüber  zu  äußern,  ob  es  in
Bayerns  Interesse  liegen  kann,  Preußen  gegenüber  als  der  Vertreter
österreichischer  Interessen  zu  erscheinen,  bevor  Oesterreich  selbst  einen  solchen
Wunsch  zu  erkennen  gegeben  hat.

Dürfte  es  unter  diesen  Verhältnissen  nicht  richtiger  sein,  die  Regelung
der  Beziehungen  des  durch  Bündnis  vereinten  Deutschlands  zu  Oesterreich
in  dem  Bundesvertrage  auf  ähnliche  Weise  in  Aussicht  zu  stellen,  wie
dies  in  dem  Verfassungsentwurfe  des  Norddeutschen  Bundes  in  betreff  der
süddeutschen  Staaten  geschieht?

Diese  Form  ist  viel  eher  für  alle  Teile  annehmbar  und  dürfte  wohl
den  Interessen,  welche  Sie  zu  berücksichtigen  suchen,  in  genügender  Weise
entsprechen.

Eine  Bearbeitung  aller  derartigen  Vorschläge  halte  ich  zwar  für
wünschenswert,  um  sich  auf  die  Zeit  vorzubereiten,  wo  das  Verfassungswerk
  des  Norddeutschen  Bundes  seinen  Abschluß  wird  erreicht  haben.  Insofern
  aber  seit  unsrer  Besprechung  in  Mühlacker  die  Lage  der  Verhältnisse
  sich  bedeutend  verändert  hat,  indem  entscheidende  Aussprüche  in  Paris
und  Berlin  über  manche  Fragen  ganz  neues  Licht  verbreitet  haben,  erscheint
  es  mir  wünschenswert,  daß  wir  uns  diesen  Verhältnissen  gegenüber
vorerst  noch  zuwartend  verhalten.

Die  Verhandlungen  des  Reichstags  in  Berlin  und  die  ganze  Entwicklung
  des  Norddeutschen  Bundes  werden  uns  wohl  in  nicht  ferner  Zeit
sichere  Anhaltspunkte  für  den  Inhalt  und  die  Formen  der  von  uns  erstrebten
  Verbindung  bringen.  Es  wird  uns  dann  leicht  sein,  solche  zu
erfassen  und  weiter  zu  verwerten.

Ich  glaube  mich  indessen  mit  Ihnen  in  Uebereinstimmung  zu  befinden,
wenn  ich  das  zunächst  anzustrebende  Bundesverhältnis  mit  Preußen  als
einen  Uebergangszustand  bezeichne,  der  damit  endet,  daß  eine  Verfassung
sämtliche  deutsche  Gebiete  soll  umfassen  können.  Mit  großem  Interesse
und  aufrichtiger  Dankbarkeit  werde  ich  Ihre  weiteren  Mitteilungen  empfangen.

Nach  Empfang  dieses  Schreibens  sandte  der  Fürst  den  Ministerialrat
Grafen  Tauffkirchen  nach  Karlsruhe,  um  dem  Großherzog  die  Absichten
der  bayrischen  Regierung  näher  zu  erläutern.  Nach  dessen  Rückkehr  schrieb
er  dem  Großherzog:
        <pb n="218" />
        208  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

München,  14.  März  1867.

Eurer  Königlichen  Hoheit  erlaube  ich  mir  meinen  untertänigsten  Dank
für  das  gnädige  Schreiben  vom  4.  d.  M.  auszusprechen,  sowie  für  die
huldvolle  Aufnahme,  welche  Eure  Königliche  Hoheit  dem  Grafen  Tauffkirchen
  zuteil  werden  zu  lassen  geruht  haben.

Der  Brief  Eurer  Königlichen  Hoheit  und  der  Bericht  des  Grafen
Tauffkirchen  haben  mir  einen  neuen  Beweis  der  freundlichen  Gesinnung
gegeben,  mit  welcher  Eure  Königliche  Hoheit  mich  beehren,  auch  geben  sie
Zeugnis  von  einer  solchen  Annäherung  der  Ansichten,  daß  meine  Hoffnungen
  auf  ein  gedeihliches  Zusammenwirken  der  südwestdeutschen  Staaten
in  der  deutschen  Frage  neu  belebt  ist.

Ehe  ich  aber  auf  die  besprochenen  Fragen  näher  eingehe,  bitte  ich
Eure  Königliche  Hoheit,  mir  zu  gestatten,  die  bestimmte  Versicherung  vorauszuschicken,
  daß  meine  in  dem  Briefe  vom  19.  Februar  über  die  Anbahnung
  freundlicher  Verhältnisse  zu  Oesterreich  gemachten  Bemerkungen
in  keiner  Weise  durch  Einflüsse  des  Wiener  Hofs  oder  der  hier  bestehenden
  österreichischen  Partei  veranlaßt,  sondern  der  Ausdruck  meiner  eignen
bestimmten  Ueberzeugung  waren,  nach  welcher  eine  Allianz  zwischen  Deutschland
  und  Oesterreich  als  das  geeignete  Mittel  erscheint,  europäische  Verwicklungen
  fernzuhalten  und  den  Frieden  zu  sichern,  dessen  die  südwestdeutschen
  Staaten  nicht  minder  als  Oesterreich  dringend  bedürftig  sind.

Wenn  ich  nun  das  Resultat  des  bisherigen  Gedankenaustausches  zusammenfasse,
  so  glaube  ich  meinen  Standpunkt,  und  zwar  bis  jetzt  nur
als  eine  höchst  persönliche  Ansicht,  in  folgenden  Sätzen  bezeichnen  zu  dürfen.

Der  Zeitpunkt,  in  welchem  die  zum  Abschluß  des  Norddeutschen  Bundes
  drängende  preußische  Regierung  gemäß  Artikel  711)  des  Verfassungsentwurfs
  die  vertragsmäßige  Regelung  der  Verhältnisse  zu  Süddeutschland
verlangen  wird,  steht  nahe  bevor.  Es  ist  dringend  zu  wünschen,  daß  in
solchem  Augenblick  eine  Einigung  der  südwestdeutschen  Staaten  über  ihre
dann  in  dieser  Frage  einzunehmende  Haltung  bereits  so  weit  als  möglich
erzielt  sei.

Diese  Einigung  wird  namentlich  ohne  Verzug  dann  anzubahnen  sein,
wenn  die  Basis,  auf  der  sie  beruht,  unabhängig  von  den  Modifikationen

 

1)  Artikel  71  des  Entwurfs  lautete:  „Die  Beziehungen  des  Bundes  zu  den
süddeutschen  Staaten  werden  sofort  nach  Feststellung  der  Verfassung  des  Norddeutschen
  Bundes  durch  besondere  dem  Reichstage  zur  Genehmigung  vorzulegende
Verträge  geregelt  werden."“

Auf  Antrag  von  Lasker  und  Migquel  erhielt  der  Artikel  durch  Beschluß  des
Reichstags  vom  10.  April  den  Zusatz:  „Der  Eintritt  der  süddeutschen  Staaten  oder
eines  derselben  in  den  Bund  erfolgt  auf  Vorschlag  des  Bundespräsidiums  im  Wege
der  Bundesgesetzgebung.“
        <pb n="219" />
        Fürst  Chlodwig  zu  Hohenlohe
zur  Zeit  des  bayrischen  Ministeriums.
        <pb n="220" />
        <pb n="221" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  209

ist,  welche  die  Beratungen  des  Parlaments  in  den  Entwurf  der  norddeutschen
  Verfassung  bringen  können.

Die  staatsrechtliche  Basis,  auf  der  wir  allein  uns  frei  und  korrekt
bewegen  können  und  jeder  Bedingung  überhoben  sind,  ist  Artikel  IV  des
Prager  Friedens.  Derselbe  gestattet  die  Bildung  eines  deutschen  Staatenbundes
  mit  Ausschluß  Oesterreichs  nach  dem  Vorbild  der  Deutschen  Bundesakte
  vom  8.  Juni  1815  unter  den  durch  die  Zeitverhältnisse  gebotenen
Modifikationen,  während  zurzeit  die  Statthaftigkeit  einer  näheren  unter  den
Begriff  des  Bundesstaates  fallenden  Vereinigung  mit  dem  Norden,  namentlich
eines  gemeinsamen  gesetzgebenden  Körpers  nach  den  Schlußworten  des
gedachten  Artikels  zweifelhaft  erscheint.

Zu  dem  doppelten  Zwecke,  1.  diese  Zweifel  zu  heben  und  hierdurch
in  die  Lage  versetzt  zu  werden,  den  berechtigten  Forderungen  der  Nation
zu  entsprechen,  2.  der  Gefahr  einer  Störung  des  Friedens  in  Mitteleuropa
zu  begegnen,  wäre  zugleich  eine  Allianz  mit  Oesterreich  anzubahnen,  und
zwar  in  ähnlicher  Weise,  wie  solches  in  Artikel  71  des  Entwurfs  der
Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  bezüglich  der  Regelung  des  Verhältnisses
  zu  Süddeutschland  geschehen.

Erst  nach  Abschluß  einer  solchen  Allianz  wird  zum  Ausbau  des
deutschen  Verfassungswerks  mit  Zentralgewalt  und  Parlament  geschritten
werden  können.

Ich  glaube  hiernach  meine  Gedanken  in  folgenden  vier  Punkten  sormulieren
  zu  können:

1.  Bayern,  Württemberg,  Baden  und  Sübhessen  einigen  sich,  dem
Norddeutschen  Bunde  gemeinschaftlich  die  Gründung  eines  dem  früheren
Deutschen  Bunde  nachgebildeten  Staatenbundes  mit  Ausschluß  Oesterreichs
anzutragen.

2.  Den  Beratungen  über  diesen  gemeinschaftlichen  Antrag  ist  die
Bundesakte  vom  8.  Juni  1815  zugrunde  zu  legen  und  nur  so  weit  zu  modifizieren,
  als  es  die  durch  Austritt  Oesterreichs  veränderte  Lage,  die  Uebertragung
  des  Präsidiums  an  Preußen  und  die  Sicherung  des  Zollvereins
nötig  machen.

3.  Diesem  neuen  Bundesvertrage  ist,  ähnlich  dem  Artikel  71  der
Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes,  ein  Artikel  über  Anbahnung  einer
Allianz  mit  Oesterreich  beizufügen.

4.  Der  Ausbau  dieses  Verfassungswerks  zu  einem  Bundesstaate  mit
parlamentarischer  Verfassung  wäre  vorzubehalten.

Eine  Formulierung  der  mir  nötig  scheinenden  Modifikationen  der
Bundesakte  will  ich  heute  unterlassen,  indem  ich  die  Vorschläge,  welche  Herr
Staatsminister  Mathy  dem  Grafen  Tauffkirchen  zuzusichern  die  Güte  hatte

und  welchen  ich  mit  lebhaftem  Interesse  entgegensehe,  erwarte.
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigketten.  1  14
        <pb n="222" />
        210  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Bezüglich  der  Art,  wie  sich  die  vier  Staaten  zu  solchem  gemeinsamen
Antrag  an  den  Norddeutschen  Bund  zu  einigen  hätten,  für  heute  nur  so
viel,  daß  die  Berufung  eines  süddeutschen  Parlaments  zu  diesem  Zwecke
mir  nicht  wünschenswert  erscheint,  im  Gegenteil,  je  geheimer  dieses  Einigungswerk
  betrieben  wird,  um  so  mehr  Aussicht  dafür  gegeben  ist,  der  Einwirkung
  störender  Einflüsse  überhoben  zu  sein.

Eure  Königliche  Hoheit  haben  mit  dem  Ministerialrat  Grafen  Tauffkirchen
  die  Frage  berührt,  ob  nicht  zu  versuchen  wäre,  die  Ansicht  des
Grafen  Bismarck  über  eine  Allianz  mit  Oesterreich  zu  erforschen.  Der
dermalige  Stand  der  orientalischen  Frage  legt  demselben  offenbar  die
größte  Reserve  in  dieser  Beziehung  auf,  und  würde  deshalb  vielleicht  vorzuziehen
  sein,  den  ganzen  eben  dargelegten  Plan  vorläufig  und  bis  wenigstens
Bayern,  Württemberg  und  Baden  Einigung  über  dessen  Grundzüge  erzielt
haben,  gänzlich  geheimzuhalten.

Für  diesen  Brief  des  Fürsten  dankte  der  Großherzog  umgehend  am
16.  März.  Im  Begriff,  nach  Berlin  abzureisen,  verschob  er  die  Fortführung
der  sachlichen  Verhandlung  bis  zur  Rückkehr  von  dieser  Reise.  In  Berlin
wollte  er,  ohne  das  Projekt  des  Fürsten  dem  Grafen  Bismarck  mitzuteilen,
doch  dessen  Ansichten  über  die  Entwicklung  des  Verhältnisses  zu  Süddeutschland
  zu  erforschen  suchen.  „Da  ich  nun  aber,“  schreibt  der  Großherzog
  weiter,  „nicht  zu  lange  Zeit  vorübergehen  lassen  möchte,  ohne  Sie
über  meine  Beurteilung  Ihres  jüngsten  Schreibens  zu  unterrichten,  will
ich  Ihnen  hierzu  eine  mündliche  Gelegenheit  verschaffen.  Staatsrat
Dr.  Gelzer  hat  es  übernommen,  nach  München  zu  reisen,  wo  er  wohl  am
Dienstag  dem  19,  eintreffen  kann.  Er  ist  mein  langjähriger,  intimer  und
wohlerprobter  Freund.  Das  hieraus  entspringende  unbedingte  Vertrauen
zu  ihm  vergönnt  mir,  dasselbe  auf  die  vielfachsten  Gebiete  des  Lebens  auszudehnen,
  und  daher  ist  er  denn  auch  von  Ihren  Vorschlägen  und  Briefen
sowie  von  meinen  Anschauungen  genau  unterrichtet.  Es  würde  mich  sehr
freuen,  wollten  Sie  die  Güte  haben,  Herrn  Staatsrat  Gelzer  auch  Ihr
Vertrauen  zu  schenken,  und  ihm  Gelegenheit  geben,  sowohl  meine  als  insbesondere
  seine  eignen  Anschauungen  darzulegen.  Ich  empfehle  ihn  daher
recht  angelegentlich  Ihrem  Wohlwollen.“  Gelzers  Name  war  dem  Fürsten
schon  aus  seiner  Jugend  vertraut,  da  seine  religiösen  Schriften  besonders
von  der  Mutter  des  Fürsten  geschätzt  waren.  1)  Die  Wahl  dieses  Mannes
zur  mündlichen  Verhandlung  der  deutschen  Frage  war  daher  dem  Fürsten
besonders  willkommen,  und  nachdem  Gelzer  am  21.  März  in  München  eingetroffen
  war,  fanden  zwischen  ihm  und  dem  Fürsten  Besprechungen  statt,

 

1)  Siehe  Seite  34.
        <pb n="223" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  211

die  zu  einem  vollkommenen  Einverständnis  führten.  In  denselben  Tagen
war  auch  zum  gleichen  Zwecke  der  württembergische  Minister  Freiherr  von
Varnbüler  in  München  anwesend.

Journal.
12.  März  1867.

Nachdem  sich  Wagner  vorgestern  bei  mir  angemeldet,  nachher  aber
wieder  entschuldigt  hatte,  da  er  krank  geworden  war,  schrieb  ich  ihm  heute,
um  ihn  abends  zu  mir  zu  bitten.  Er  kam  um  ½7.  Anfangs  war  er  etwas
befangen,  sprach  von  allgemeinen  Dingen  und  entschuldigte  sich,  daß  er
überhaupt  eigentlich  kein  Recht  habe,  zu  mir  zu  kommen.  JIch  setzte  ihn  in
eine  behaglichere  Stimmung,  indem  ich  ihm  sagte,  wir  hätten  zwei  Vereinigungspunkte,
  wir  seien  von  derselben  Partei  gehaßt  und  einig  in  gleicher  Verehrung
  für  den  König.  Darauf  wurde  er  mitteilender,  sprach  von  der  Art,
wie  man  den  König  behandelt  und  gequält  habe,  so  daß  er  zweimal  ihm
geschrieben  habe,  er  würde  abdanken,  erzählte  unter  Beteuerungen,  daß  er
sich  damit  nicht  rühmen  wolle,  daß  er  mich  dem  König  als  Minister
empfohlen  habe;  dann  kam  er  auf  die  Aufgabe  Bayerns  als  ein  deutscher
Staat,  dessen  Bevölkerung  die  Gewandtheit  der  Franken  mit  der  Phantasie
der  Schwaben  und  der  Naturkraft  der  Bayern  vereinige,  daß  der  König
ganz  der  Mann  sei,  diesen  deutschen  Staat  zu  regieren  und  das  Ideal
des  Deutschtums  zu  verwirklichen,  kam  dann  auf  seine  Kunstrichtung  zu
sprechen,  auf  seine  hiesigen  Erfahrungen,  auf  seine  Pläne  mit  der  Einrichtung
  einer  Kunstschule,  auf  die  Hindernisse,  die  ihm  in  den  Weg  gelegt
worden  seien,  und  endlich  auf  das  Kabinett.  Dazwischen  sprach  er  von
der  Notwendigkeit,  daß  ich  im  Ministerium  bleibe.  Worauf  ich  ihm  erwiderte,
  daß  dies  nicht  von  mir  abhinge.  Ich  könne  nicht  dafür  einstehen,
daß  man  nicht  das  Vertrauen  des  Königs  in  mich  untergrabe,  und  sei
dessen  um  so  weniger  sicher,  als  der  König  nach  der  Tradition  des  Königlichen
Hauses  nicht  direkt,  sondern  nur  durch  das  Kabinett  mit  mir  verkehre.
Er  sagte  nun,  daß  dies  nicht  so  bleiben  könne,  worauf  ich  ihn  darauf
aufmerksam  machte,  daß  es  sehr  gefährlich  sei,  sich  mit  dem  Kabinett  in
einen  Kampf  einzulassen,  er  wisse  das  am  besten.  Mein  politisches  Programm
  erwähnte  er,  worauf  ich  auf  einige  Einzelheiten  noch  einging.

Schließlich  sprach  er  noch  die  Hoffnung  aus,  daß  der  König  nie  das
Vertrauen  in  mich  verlieren  würde.

In  der  Sitzung  der  Kammer  der  Abgeordneten  vom  16.  März  1867
war  über  den  Antrag  der  Abgeordneten  Dr.  Edel  und  Dr.  Völk  betreffend
die  Errichtung  eines  Obersten  Verwaltungsgerichtshofs  verhandelt  worden.
Der  Antrag  entsprach  einem  Beschlusse  der  Kammer  vom  27.  Juni  1865,
weshalb  nach  einer  eingehenden  Befürwortung  durch  den  Abgeordneten
        <pb n="224" />
        212  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Dr.  Edel  sich  niemand  weiter  zum  Worte  meldete.  Der  Präsident  schloß
deshalb  die  Diskussion  vorbehaltlich  einer  Schlußbemerkung  des  Referenten
und  der  Regierungsvertreter.  Darauf  erhob  sich  der  Minister  von  Bomhard
und  erklärte  die  Frage  für  noch  nicht  so  reif,  daß  die  Staatsregierung
nicht  noch  Zeit  beanspruchen  müsse,  um  sie  näher  in  Erwägung  zu  ziehen.
Der  Präsident  bemerkte  nach  dieser  Rede,  daß  er  die  Aeußerung  des  Staatsministers
  der  Justiz  als  einen  Wiedereintritt  in  die  Diskussion  betrachte
und  annehme,  daß  Herr  von  Bomhard  als  Abgeordneter  gesprochen  habe,
indem  dessen  Aeußerung  mit  der  sonstigen  Stellung  des  Staatsministeriums
kaum  vereinbar  sei.  In  der  nun  wieder  eröffneten  Diskussion  ging  der
Abgeordnete  Dr.  Völk  zu  einem  scharfen  Angriffe  vor,  erinnerte  daran,
daß  schon  am  27.  Juni  1865  der  Staatsminister  des  Innern  erklärt  habe,
daß  man  sich  eingehend  mit  der  Frage  eines  Verwaltungsgerichtshofs
beschäftigt  habe  und  daß  er  von  der  Notwendigkeit  dieser  Einrichtung
durchdrungen  sei.  „Es  ist  für  ein  Staatsleben  in  jetziger  Zeit,“  sagte  er,
„keine  Kleinigkeit,  wenn  man  ihm  auch  nur  mit  einem  Schein  von  Berechtigung
  nachsagen  kann,  daß  es  ein  steuerloses  sei,  und  das  sagt  man
dem  bayrischen  Staatswesen  zurzeit  nach.“

Journal.  6
17.  März  1867.

Am  Sonntag  dem  17.  März  1867  kam  ich  Abends  ½  12  Uhr  von  Ansbach
  zurück.  Ich  fand  einen  Brief  von  Minister  Schlör,  in  welchem  mir
derselbe  mitteilte,  daß  den  Tag  vorher  eine  Szene  in  der  Kammer  der
Abgeordneten  stattgefunden  habe,  die  ihn  bestimmte,  mich  zu  bitten,  einen
Ministerrat  Montag  den  18.  anzusetzen.  Bomhard  hatte  nämlich  in  der
Sitzung  am  Sonnabend  bei  der  Beratung  über  den  Verwaltungsgerichtshof
  ganz  unnötigerweise  das  Wort  ergriffen  und  in  einer  Weise  gesprochen,
die  es  offenkundig  machte,  daß  über  den  Verwaltungsgerichtshof  eine
Meinungsverschiedenheit  unter  den  Ministern  stattfände.  Nachdem  ich  nun
vorher  einer  Ausschußsitzung  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  beigewohnt
hatte,  kamen  um  1  Uhr  die  Minister  bei  mir  zusammen.  Hier  wurde  nun
dem  Justizminister  Bomhard  sein  Unrecht  vorgeworfen  und  ihm  deutlich
zu  verstehen  gegeben,  daß  er  seinen  Abschied  nehmen  möchte.  Er  gab  zu,
daß  er  in  seiner  Rede  etwas  zu  weit  gegangen  sei,  bestritt  aber,  daß  dies
seine  Entlassung  zur  Folge  haben  müsse.  Er  werde  nicht  abgehen,  aber
dem  König  die  Sache  vortragen  und  dem  König  die  Entscheidung  anheimstellen.
  Hierauf  ging  er  weg.  Wir  andern,  mit  Ausnahme  des  Ministers
Pranckh,  blieben  nun  noch  beisammen  und  berieten,  was  wir  zu  tun  hätten,
und  kamen  dann  überein,  daß  Schlör  bis  zum  andern  Tag  ein  Promemoria
für  den  König  ausarbeiten  solle.  Montag  Abends  aß  Varnbüler  mit  Schlör
        <pb n="225" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  213

und  Tauffkirchen  bei  mir  zu  Mittag,  und  nach  Tisch  wurde  viel  über  das
Verhältnis  Süddeutschlands  zum  Norddeutschen  Bunde  gesprochen.

Den  andern  Vormittag  verhandelte  ich  mit  Varnbüler  über  die  deutsche
Frage,  und  mittags  kamen  die  Minister  mit  Ausnahme  Bomhards  wieder
bei  mir  zusammen.  Das  Promemoria  Schlörs  schien  uns  allen  zu  grob,
so  daß  Gresser  beauftragt  wurde,  ein  höflicheres  auszuarbeiten.  Damit
der  König  nicht  allein  von  Bomhard  Nachricht  erhielte  und  sich  vielleicht
ihm  gegenüber  engagiere,  so  schlug  ich  vor,  mich  zu  ermächtigen,  den  andern
Tag  zum  König  zu  gehen  und  ihm  vorläufig  mündlich  den  Stand  der
Sache  darzulegen.  Ich  schrieb  also  an  Lutz,  er  möge  den  König  bitten,
mich  statt  Pfretzschner,  der  in  die  Reichsratssitzung  mußte,  zu  empfangen,
um  ihm  eine  dringende  Sache  im  Namen  des  Ministerrats  vorzutragen.
Abends  um  ½  12  Uhr  bekam  ich  die  Antwort,  der  König  wünsche  erst  zu
wissen,  worum  es  sich  handle,  ehe  er  mich  empfange.  Am  andern  Morgen
antwortete  ich,  ich  hätte  nur  den  Auftrag,  mündlich  dem  König  die  Ansichten
  des  Ministerrats  vorzutragen,  wenn  der  König  wolle,  daß  ich  eine
schriftliche  Eingabe  mache,  so  müsse  ich  erst  den  Ministerrat  berufen,  um
einen  Kollektivantrag  zu  veranlassen.

Auf  dieses  Schreiben  erfolgte  umgehend  die  Antwort,  daß  der  König
den  Fürsten  am  selben  Tage  nach  ½1  Uhr  empfangen  werde.

Am  30.  April  erfolgte  die  Entlassung  des  Justizministers  von  Bomhard.
Ein  Gesetzentwurf  betreffend  die  Errichtung  eines  Verwaltungsgerichtshofs
wurde  der  Kammer  der  Abgeordneten  am  27.  November  1867  vorgelegt.

Bericht  an  den  König,  die  Verhältnisse  Bayerns  zu
den  übrigen  deutschen  Bundesstaaten  betreffend.

München,  20.  März  1867.
Um  in  den  Verhandlungen  über  die  Stellung  Bayerns  gegenüber  den
übrigen  deutschen  Staaten,  wie  solche  von  Preußen  angekündigt,  mit
Württemberg,  Baden  und  Hessen  vorbereitet,  mit  Oesterreich  ohne  Zweifel
zu  eröffnen  sind,  mit  Aussicht  auf  Erfolg  vorgehen,  wie  überhaupt  in  der
gegenwärtigen  überaus  schwierigen  Lage  seine  Aufgabe  erfüllen  zu  können,
bedarf  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  vor  allem  andern  der  völligen
Sicherheit,  daß  er  mit  den  Ansichten  seines  Königs  und  Herrn  über  Ziele
und  Wege  vollständig  übereinstimme,  er  bedarf  des  Vertrauens  Eurer
Königlichen  Majestät,  und  zwar  in  dem  Maße,  daß  sowohl  das  Land  als
die  obengenannten  Regierungen  über  das  Bestehen  dieser  Uebereinstimmung
und  dieses  Vertrauens  keinen  Augenblick  im  Zweifel  sein  können.  Eure
Königliche  Majestät  werden  nicht  verkennen,  daß,  wenn  diese  Ueberzeugung
nicht  eine  festbegründete  und  allgemeine  ist,  jeder  Versuch  gedeihlicher
        <pb n="226" />
        214  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Lösung  der  schwebenden  Frage  schon  in  seinem  Beginne  ein  verfehlter  sein
würde.  Zur  Begründung  dieser  Ansicht  erlaubt  sich  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  an  die  letzten  Wochen  zu  erinnern,  in  welchen  umlaufende
Gerüchte  genügt  haben,  eingeleitete  Vorbesprechungen  mit  dem  Großherzog
von  Baden  und  dem  württembergischen  Minister  von  Varnbüler  ins
Stocken  zu  bringen  und  die  Partei,  welche  in  Karlsruhe  auf  Eintritt  in
den  Norddeutschen  Bund  hinarbeitet,  zu  kräftigen.

Diese  Erwägungen  müssen  daher  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
die  Pflicht  auflegen,  Eurer  Königlichen  Majestät  den  Standpunkt,  den  er
bei  den  bevorstehenden  Unterhandlungen  einzunehmen  für  nötig  findet,  schon
jetzt  mit  aller  Offenheit  und  mit  möglichster  Genauigkeit  vorzulegen.

Nur  wenn  Eure  Königliche  Majestät  diesen  Standpunkt  im  wesentlichen
  zu  genehmigen  geruhen,  ist  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  in  der
Lage,  die  ihm  allergnädigst  übertragene  Aufgabe  zu  erfüllen,  und  er  kann
um  so  hoffnungsvoller  ans  Werk  gehen,  je  bestimmter  und  zweifelloser  die
Form  ist,  in  welcher  ihm  Eure  Königliche  Majestät  diese  Uebereinstimmung
zu  erkennen  zu  geben  geruhen  würden.

Die  Gefahr,  welche  dem  Königreiche  durch  die  Fortdauer  des  gegenwärtigen
  Zustandes  droht,  ist  eine  doppelte:

1.  Jede  europäische  Verwicklung,  sie  mag  für  die  eine  oder  die  andre
europäische  Großmacht  günstig  ausgehen,  wird,  wenn  sie  Deutschland  berührt,
für  den  Bestand  Bayerns  und  seine  Selbständigkeit  die  größte  Gefahr
bringen.

2.  Das  Streben  des  deutschen  Volkes,  den  nationalen  Gedanken  auch
gegen  den  Willen  der  Regierungen  zu  verwirklichen,  kann  zu  inneren  Kämpfen
führen,  bei  welchen  die  Dynastie  bedroht  wäre.

Es  muß  also  die  Aufgabe  der  Staatsregierung  sein:

1.  Bündnisse  zustande  zu  bringen,  durch  welche  der  Gefahr  europäischer
Verwicklungen  vorgebeugt  wird,  und

2.  eine  nationale  Einigung  Deutschlands  anzustreben,  welche  den
berechtigten  Forderungen  der  Nation  genügt,  ohne  die  Souveränitätsrechte
Eurer  Königlichen  Majestät  oder  die  Integrität  Bayerns  zu  beeinträchtigen.

Je  weniger  es  bestritten  werden  kann,  daß  Bayern  im  gegenwärtigen
Augenblicke  noch  in  der  Lage  ist,  jedes  dieser  Ziele  zu  verhindern,  um
so  unzweifelhafter  erscheint  es,  daß  Bayern  für  Erreichung  dieser  Ziele  ein
sehr  gewichtiges  Wort  mitzusprechen  vermag.

Diese  Möglichkeit  beruht  aber  in  Umständen  vorübergehender  Natur,
und  die  gebotene  Gelegenheit  dürfte  nur  eine  kurzgemessene  sein.

Mit  dem  Eintritt  einer  allgemeinen  europäischen  Verwicklung,  mit
dem  Ausbruch  einer  intensiven  nationalen  Bewegung  in  Süddeutschland
ist  diese  Gelegenheit  unwiederbringlich  verloren.  Aus  diesen  Erwägungen
        <pb n="227" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  215

glaubt  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  vor  allem  der  Ansicht  entgegentreten
zu  sollen,  als  könne  es  den  Interessen  des  Königreichs  entsprechen,  abzuwarten,
  bis  Oesterreich  wieder  in  die  Lage  käme,  die  frühere  Stellung  in
Deutschland  einzunehmen.  Ich  halte  eine  solche  Aenderung  der  Verhältnisse
Oesterreichs  bei  der  dermaligen  Gestaltung  der  österreichischen  Monarchie
weder  für  wahrscheinlich,  noch  glaube  ich,  daß  der  Wiedereintritt  Oesterreichs
in  den  Deutschen  Bund  bei  dem  unbedingten  Widerspruch  Preußens  möglich
ist,  wie  es  denn  nach  den  mir  von  Wien  zugekommenen  Nachrichten  auch
nicht  in  den  Intentionen  der  österreichischen  Regierung  liegt.

Jedenfalls  würde  der  Versuch  zu  einem  europäischen  Kriege  führen,
der  die  Existenz  Bayerns  in  Frage  stellen  müßte.

Aber  auch  von  solcher  Kriegsgefahr  abgesehen,  würde  bei  Fortdauer
einer  abwartenden  und  gänzlich  isolierten  Stellung  Bayerns  Preußen  nicht
verfehlen,  aus  dieser  Isolierung  bei  Behandlung  der  schwebenden  materiellen
Fragen  Vorteile  zu  ziehen,  welche  den  Wohlstand  des  Landes  und  indirekt
die  Erhaltung  gesetzlicher  Zustände  im  Lande  in  hohem  Maße  gefährden  würden.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt  daher  verpflichtet  zu  sein,
den  Eintritt  in  die  von  Preußen  angekündigten  Verhandlungen  über  das
Verhältnis  der  süddeutschen  Staaten  zu  dem  Norddeutschen  Bunde  dringend
anraten  und  vorher,  soweit  irgend  möglich,  eine  Verständigung  über
gemeinschaftliches  oder  doch  gleichartiges  Vorgehen  der  südwestdeutschen
Staaten  in  dieser  Frage  herbeiführen  zu  sollen.  Mehren  sich  schon  täglich
die  Anzeichen,  daß  Preußen  mit  Inangriffnahme  der  Frage  lange  zu  warten
nicht  gesonnen  sei,  in  welcher  Beziehung  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
auf  die  Rede  des  Königs  von  Preußen  vom  24.  Februar  und  auf  die
Rede  des  Grafen  Bismarck  am  11.  März  1867  1)  Bezug  nimmt,  so

 

1)  Die  Thronrede  König  Wilhelms  vom  24.  Februar  (bei  Eröffnung  des  konstituierenden
  Reichstags  des  Norddeutschen  Bundes)  sagte  in  bezug  auf  Süddeutschland:
„Die  Ordnung  der  nationalen  Beziehungen  des  Norddeutschen  Bundes  zu  unsern
Landsleuten  im  Süden  des  Mains  ist  durch  die  Friedensschlüsse  des  vergangenen
Jahres  dem  freien  Uebereinkommen  beider  Teile  anheimgestellt.  Zur  Herbeiführung
dieses  Einverständnisses  wird  unsfre  Hand  den  süddeutschen  Ländern  offen  und
entgegenkommend  dargereicht  werden,  sobald  der  Norddeutsche  Bund  in  Feststellung
seiner  Verfassung  weit  genug  vorgeschritten  sein  wird,  um  zur  Abschließung  von
Verträgen  befähigt  zu  sein.  Die  Erhaltung  des  Zollvereins,  die  gemeinsame  Pflege
der  Volkswirtschaft,  die  gemeinsame  Verbürgung  für  die  Sicherheit  des  deutschen
Gebiets  werden  Grundbedingungen  der  Verständigung  bilden,  welche  voraussichtlich
von  beiden  Teilen  angestrebt  werden.“  Die  Rede  des  Grafen  Bismarck  vom  11.  März
sagte  von  Süddeutschland:  „Was  dann  noch  die  wichtige  Machtfrage  betrifft,  so
halte  ich  die  Vereinigung  von  Norddeutschland  und  Süddeutschland  allen  Fragen
gegenüber,  wo  es  sich  um  den  Angriff  des  Norddeutschen  Bundes  handelt,  in  allen
Punkten  gesichert.  Sie  ist  gesichert  durch  das  Bedürfnis  des  Südens  und  durch
die  Pflicht  des  Nordens,  ihm  beizustehen.“
        <pb n="228" />
        216  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

erscheint  es  um  so  mehr  unverschieblich,  mit  den  südwestdeutschen  Staaten
über  gleichartige  Behandlung  der  Frage  ins  Benehmen  zu  treten.

Als  den  bezüglich  dieses  Einigungswerkes  zu  betretenden  Weg  glaubt
nun  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  Eurer  Königlichen  Majestät  ganz
ausschließend  denjenigen  vorschlagen  zu  sollen,  welcher  mit  den  geltenden
Staatsverträgen  übereinstimmt,  also  korrekt  ist  und  den  Frieden  nicht
gefährdet,  welcher  Anknüpfungspunkte  sucht  in  der  jüngsten  Vergangenheit,
also  vernünftig  konservativ  ist  und  welcher  mehr  als  jeder  andre  die
Stellung  Bayerns  und  die  Rechte  Eurer  Königlichen  Majestät  zu  wahren
geeignet  ist.

Die  Basis  bildet  der  Friede  von  Prag  vom  23.  August  1866,  welcher
im  Artikel  IV  feststellt:

1.  daß  Deutschland  ohne  Beteiligung  und  mit  Ausschluß  Oesterreichs
neu  zu  konstituieren  sei,

2.  daß  den  südwestdeutschen  Staaten  freistehe,  eine  nationale  Verbindung
mit  dem  deutschen  Norden  zu  vereinbaren,  daß  jedoch

3.  den  südwestdeutschen  Staaten  im  Gegensatz  zu  den  Staaten  des
Norddeutschen  Bundes  eine  internationale  unabhängige  Existenz  zu  wahren  sei.

Dieses  letztere  Erfordernis  ist  gewahrt  durch  Abschluß  eines  Staatenbundes,
  während  ein  Bundesstaat,  der  sich  von  ersterem  insbesondere  durch
ein  Organ  für  gemeinsame  Gesetzgebung  (Bundesparlament)  unterscheidet,
die  gezogene  Grenze  überschreiten  würde.

Die  jüngste  Vergangenheit,  an  welche  anzuknüpfen  wäre,  ist  der
Deutsche  Bund,  aus  dem  Oesterreich  ausgeschieden,  der  aber,  wenn  auch
formell  aufgehoben,  doch  bezüglich  der  tatsächlichen  Verbindung  der  deutschen
Staaten  untereinander  nicht  als  vollständig  gelöst  erachtet  werden  kann.
Die  Deutsche  Bundesakte  vom  8.  Juni  1815  würde  also  eine  geeignete
Grundlage  bieten.

Eine  Rekonstituierung  des  Deutschen  Bundes  mit  Ausschluß  der  österreichischen
  Staaten  unter  Zugrundelegung  der  Bundesakte  und  mit  nur
denjenigen  Modifikationen  derselben,  welche  durch  die  eingetretenen  Aenderungen
von  selbst  geboten  sind,  dies  ist  die  Basis,  auf  welcher  nach  der  Ueberzeugung
des  treugehorsamst  Unterzeichneten  Einigung  der  südwestdeutschen  Staaten
zu  erzielen  und  mit  dem  Norddeut  schen  Bund  zu  unterhandeln  wäre.

Es  würde  hierdurch  unter  dem  Namen  „Deutscher  Bund“  ein  Staatenbund
  geschaffen,  der  allerdings  den  Uebergang  zu  engerer  bundesstaatlicher
Vereinigung  bilden,  zurzeit  jedoch  als  ein  Verfassungsbündnis  im  rechtlichen
  Sinne  des  Wortes  nicht  aufgefaßt  werden  könnte.

Mitglieder  dieses  Staatenbundes  wären

der  Norddeutsche  Bund,
Bayern,
        <pb n="229" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  217

Württemberg,
Baden  und
das  südliche  Hessen.

Das  Präsidium  hätte  Preußen  als  Vormacht  des  Norddeutschen  Bundes.

Auf  günstige  Verteilung  des  Stimmenverhältnisses  wäre  möglichst
Bedacht  zu  nehmen.

Für  die  Regelung  der  Militärverhältnisse  wären  der  Separatvertrag
vom  22.  August  1866  und  die  Stuttgarter  Beschlüsse  maßgebend.

Artikel  19  der  Bundesakte  wäre  in  einer  die  Existenz  des  Zollvereins
sichernden  Weise  zu  modifizieren.

Der  Schwerpunkt  der  Gesetzgebung  hätte  in  den  Kammern  der  Einzelstaaten
  und  für  den  Norddeutschen  Bund  in  dessen  Bundesrat  und  Parlament
  zu  beruhen.

Eintritt  süddeutscher  Abgeordneter  in  dieses  Parlament  wäre  abzulehnen.


In  allem  übrigen  würde  die  Selbständigkeit  der  Einzelstaaten  unberührt
  bleiben.

So  gewiß  sich  auf  diesem  Wege  eine  Einigung  Deutschlands  anbahnen
läßt,  die  gegebenen  Falles  auch  den  deutschen  Provinzen  Oesterreichs  die
Möglichkeit  späteren  Eintrittes  offen  läßt,  so  gewiß  wird  auf  die  Dauer
eine  solche  Form  den  berechtigten  Wünschen  der  deutschen  Nation  bezüglich
ihres  Anteiles  an  der  gemeinsamen  Gesetzgebung  und  der  kräftigen  Wahrung
der  deutschen  Interessen  nach  Außen  nicht  genügen.

Das  Mittel,  bei  dem  naturgemäßen  und  unaufshaltsamen  Fortschreiten
dieses  deutschen  Einigungswerkes  europäische  Verwicklungen  zu  vermeiden
und  die  Integrität  der  Einzelstaaten  und  namentlich  Bayerns  zu  wahren,
findet  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  in  Anbahnung  einer  Allianz  dieses
Deutschen  Bundes  mit  Oesterreich,  welche  beiden  die  Möglichkeit  friedlicher
  Rekonstituierung  und  Entwicklung  sichern  würde.

Ganz  analog  dem  Artikel  71  des  Entwurfes  der  Verfassung  des  Norddeutschen
  Bundes  wäre  daher  in  der  neuen  Akte  des  Deutschen  Bundes
festzustellen,  daß  eine  Allianz  dieses  Bundes  mit  Oesterreich  sofort  anzubahnen
  sei.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  war  bisher  nur  imstande,  mit
der  äußersten  Vorsicht  indirekte  Erkundigungen  über  Aufnahme  dieses
seines  Gedankens  einzuziehen.  Jedoch  schon  diese  Erkundigungen  haben
Aussicht  dafür  gegeben,  daß  eine  solche  Anregung  weder  in  Wien  noch  in
Berlin  ungünstige  Aufnahme  finden  werde.

In  Karlsruhe  scheint  man  bereit,  auf  den  Plan  einzugehen,  auch  an
Einwilligung  der  württembergischen  Regierung  zweifelt  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  nicht.
        <pb n="230" />
        218  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Auf  dieser  Basis  nun  in  Stuttgart,  Karlsruhe  und  Darmstadt  Unterhandlungen
  zu  eröffnen  und  in  Berlin  und  Wien  Anknüpfungspunkte  zu
suchen,  dies  ist  es,  wozu  ihn  zu  ermächtigen  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
an  Eure  Königliche  Majestät  hiermit  den  allerehrfurchtsvollsten  Antrag  stellt.
Welches  auch  der  Ausgang  dieser  Verhandlungen  sein  mag,  so  viel  ist
gewiß  und  wohl  zu  erwägen,  daß  schon  deren  Eröffnung  die  Stellung
Bayerns  zu  Preußen  in  den  schwebenden  und  teilweise  brennenden  materiellen
Fragen,  nämlich:
a)  der  Liquidation  des  Bundeseigentums,
b)  der  Aufhebung  des  Salzmonopols,
c)  der  Erneuerung  des  Zollvereins,)

in  erheblicher  Weise  verbessern  wird.

Eurer  Königlichen  Majestät  Ministerrat  hat  sich  nach  Vortrag  dieses
Berichtes  mit  den  Ausführungen  und  Anträgen  desselben  mit  Ausnahme
des  in  der  Sitzung  des  Ministerrates  nicht  anwesenden  Staatsministers
von  Bomhard  einverstanden  erklärt.

Marginalreskript  des  Königs  auf  den  vorliegenden  Bericht:

Die  hierneben  erbetene  Ermächtigung  erteilt

München,  am  30.  März  1867.  *
Ludwig.

Aufzeichnung  des  Fürsten.
Gespräch  mit  Ministerialrat  Lutz  den  29.  März  1867.

Lutz  war  ganz  blaß  vor  innerer  Aufregung,  als  ich  zu  ihm  kam.
Er  wußte,  daß  es  sich  um  seine  ganze  Zukunft  handle.  Ich  fing  damit
an,  ihm  zu  sagen,  daß  ich  noch  keine  Gelegenheit  gehabt  habe,  mich  mit
einem  Kandidaten  für  das  Justizministerium  zu  besprechen.  Ich  habe
andre  Pläne,  wie  er  auch  von  Tauffkirchen  bereits  gehört  habe.  Diese
Pläne  könnten  aber  nicht  ohne  ein  vollständiges  Revirement  des  Ministeriums
  ausgeführt  werden.  Es  handle  sich  von  ihm  selbst.  Es  sei  nun
jetzt  für  mich  schwer,  wenn  nicht  unmöglich,  eine  Aenderung  des  Ministeriums
  in  Vorschlag  zu  bringen,  da  ich  mit  den  übrigen  Ministern  in

 

1)  Preußen  hatte  in  Artikel  VII  des  Friedensvertrags  vom  22.  August  1866  den
provisorischen  Fortbestand  des  Zollvereins  zugestanden,  sich  aber  eine  sechsmonatige
Kündigungsfrist  vorbehalten  und,  nachdem  durch  die  Verfassung  des  Norddeutschen
Bundes  außer  den  Zöllen  auch  die  indirekten  Steuern  für  Bundessache  erklärt
waren,  sofort  eine  dementsprechende  Aenderung  der  Zollvereinsgesetzgebung  gefordert.
Demgemäß  mußte  zunächst  das  bayrische  Salzmonopol  fallen,  worüber  am  9.  Mai,
1867  ein  Vertrag  zustande  kam.
        <pb n="231" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  219

keinem  Zwiespalt  sei  und  namentlich  für  Gresser  und  Pechmann  wahre
Achtung  hege.  Indessen  könne  es  wünschenswert  und  notwendig  erscheinen,
in  den  nächsten  Monaten  ein  Ministerium  zu  haben,  auf  das  die  Welt
und  namentlich  unsre  Nachbarn  mit  Achtung  sähen,  und  da  sei  es  nun
nötig,  daß  gescheite  Leute  in  das  Ministerium  kämen,  da  hätte  ich  nun
auch  an  ihn  gedacht.  Dann  setzte  ich  ihm  auseinander,  wie  es  nicht
möglich  sei,  daß  er  allein  an  Bomhards  Stelle  in  das  Ministerium  trete,
und  sagte,  die  Schwierigkeit  liege  nur  darin,  daß,  wenn  jetzt  das  Justizministerium
  besetzt  werde,  für  ihn  später  kein  Platz  sei.

Er  erwiderte,  wie  dankbar  er  das  Vertrauen  anerkenne,  das  ich  in
ihn  setze,  doch  glaube  er,  daß  er  bei  dem  Könige  auf  Widerspruch  stoßen
werde.  Er  erzählte,  daß  er  schon  früher  vom  Minister  Koch  für  das
Kultusministerium  in  Vorschlag  gebracht  worden  sei,  und  daß  dies  damals
an  dem  Widerspruch  des  Königs  gescheitert  sei.  Auch  könne  er  nicht  sich
selbst  in  Vorschlag  bringen.

Ich  erwiderte,  daß  ich  jetzt  keine  Intrige  gegen  meine  Kollegen  beginnen
  könne,  da  kein  Anlaß  dazu  gegeben  sei,  dieser  Anlaß  könne  aber
später  kommen.  Es  könne  auch  ohne  Anlaß  dringend  erscheinen,  neue,
junge  Kräfte  in  das  Ministerium  zu  bringen.  Für  diesen  Fall  wäre  es
erwünscht,  wenn  er  sich  möglich  erhielte  und  die  Besetzung  des  Justizministeriums
  noch  auf  Monate  hinausschiebe.

Auf  die  Frage,  ob  ein  Hinschleppen  mit  Bomhard  möglich  sei,  versicherte
  ich  ihm,  daß  wir  uns  dann  zu  sehr  blamieren  würden.

Endlich  kamen  wir  überein,  daß  er  dem  Könige  sagen  wolle,  ich  hätte
zwar  an  Steyrer  1)  gedacht,  hätte  aber  noch  nicht  mit  ihm  gesprochen  und
hielte  es  für  wünschenswert,  wenn  die  Sache  noch  in  suspenso  bleibe  und
das  Ministerium  noch  so  fortgeführt  werde,  nachdem  Bomhard  seine  Entlassung
  erhalten  habe.

Uebrigens  müsse  er  mir  offen  sagen,  daß  sich  Einflüsse  geltend  machten,
die  den  König  in  andrer  und  günstigerer  Weise  für  Bomhard  bestimmten.
Er  habe  also  den  König  in  dieser  Beziehung  nicht  mehr  in  der  Hand  und
könne  für  nichts  einstehen.

Bericht  an  den  König,  Verhandlungen  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde  betreffend.
München,  31.  März  1867.
Eure  Königliche  Majestät  haben  durch  Allerhöchstes  Signat  vom
30.  dieses  Monats  den  treugehorsamst  Unterzeichneten  zu  ermächtigen  geruht,
in  Stuttgart,  Karlsruhe  und  Darmstadt  Unterhandlungen  zu  eröffnen,  um

 

1)  Damals  Ministerialrat  im  Justkizministerium.
        <pb n="232" />
        220  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

zwischen  den  südwestdeutschen  Staaten  eine  Verständigung  über  gemeinschaftliches
  oder  doch  gleichartiges  Vorgehen  gegenüber  den  bevorstehenden
Verhandlungen  mit  Preußen  und  dem  Norddeutschen  Bunde  herbeizuführen.

Inzwischen  hat  das  Streben  Württembergs  und  Badens,  in  dieser
Frage  mit  Eurer  Königlichen  Majestät  Regierung  sich  in  Uebereinstimmung
zu  setzen,  tatsächlichen  Ausdruck  gefunden.

Der  württembergische  Staatsminister  Freiherr  von  Varnbüler  und
der  Großherzoglich  badische  Staatsrat  Dr.  Gelzer  waren,  der  letztere  in
besonderem  Auftrag  des  Großherzogs  von  Baden,  in  jüngster  Zeit  in
München,  um  die  Grundlagen  einer  Uebereinkunft  vorläufig  mit  dem  treugehorsamst
  Unterzeichneten  zu  besprechen.

Das  Ergebnis  der  Besprechungen  mit  Freiherrn  von  Varnbüler  ist  in
anliegender  Skizze  1)  niedergelegt,  welche  mit  den  von  Eurer  Königlichen
Majestät  genehmigten,  im  Original  wieder  anliegenden  Vorschlägen  vom
20.  dieses  Monats  vollständig  übereinstimmt  und  deshalb,  wenn  auch  ohne
jeden  offiziellen  Charakter,  doch  die  gegründete  Hoffnung  dafür  ergibt,  daß
Württemberg  sich  dem  vom  treugehorsamst  Unterzeichneten  aufgestellten
Plane  durchweg  anschließen  wird.

Auch  Staatsrat  Gelzer  erklärte  sich  im  Auftrag  des  Großherzogs  von
Baden  mit  den  ihm  mitgeteilten  Grundzügen  der  bei  den  Unterhandlungen
mit  Norddeutschland  zu  beobachtenden  Haltung  vollkommen  einverstanden.

Die  Aussicht,  eine  Uebereinstimmung  Bayerns,  Württembergs  und
Badens  auf  dem  vorgeschlagenen  Wege  herbeizuführen,  ist  demnach  eine
wohlbegründete.  Anderseits  schreiten  die  Ereignisse  mit  jede  Voraussicht
hinter  sich  lassender  Schnelligkeit  vor.  Das  norddeutsche  Parlament  —
hieran  ist  kaum  mehr  zu  zweifeln  —  wird  im  nächsten  Monat  seine  Aufgabe
zu  Ende  geführt  haben.

Der  Gedanke  einer  Allianz  des  zu  bildenden  deutschen  Staatenbundes
mit  Oesterreich  scheint  nach  offiziösen  Kundgebungen  in  Berlin  und  Wien
alle  Aussicht  auf  Erfolg  zu  bieten,  und  handelt  es  sich  vielleicht  nur  um
den  ersten  Schritt.  Gleichzeitig  tritt  die  luxemburgische  Frage  mit  großem
Ernste  an  Deutschland  heran  und  mahnt  dringend  zur  Einigung.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  hält  es  für  unabweisbare  Pflicht,
Eure  Königliche  Majestät  auf  diese  Verhältnisse  und  auf  die  Gefahren,
welche  eine  Zögerung  für  die  Stellung  Bayerns  in  dieser  Frage  mit  sich
bringen  muß,  in  allertiefster  Ehrfurcht  aufmerksam  zu  machen  und  verbindet
  hiermit  die  alleruntertänigste  Bitte,  die  Allerhöchste  Genehmigung
darauf  zu  erstrecken,  daß  die  mit  Freiherrn  von  Varnbüler  besprochene

 

1)  Diese  „Skizze“  ist  nicht  erhalten.  Ihr  Inhalt  ergibt  sich  aus  dem  Berichte
vom  20.  März  und  aus  dem  nachfolgenden  Vertrag  vom  6.  Mai  1867.
        <pb n="233" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  221

Uebereinkunft  abgeschlossen  und  derselben  entsprechend  mit  den  übrigen
südwestdeutschen  Staaten  unterhandelt  werde.

Marginalreskript  des  Königs  auf  den  vorstehenden  Bericht:

Die  hier  gestellte  Bitte  genehmige  Ich  mit  dem  Beisatze,  daß  die  unter
Ziffer  II  formulierte  Ablehnung  des  Eintrittes  der  süddeutschen  Staaren
in  den  Norddeutschen  Bund  beim  Abschluß  des  Uebereinkommens  noch  in
entschiedenerer  Weise  ausgesprochen  und  in  der  Folge  strengstens
festgehalten  werden  soll,  und  daß  Mir  die  unter  Ziffer  IV  6  enthaltene
Anerkennung  der  Notwendigkeit  eines  Parlaments  1)  nicht  unbedenklich,  aber
auch  entbehrlich  zu  sein  scheint,  und  daß  Ich  dieselbe  deshalb  vermieden
sehen  möchte.  Ziffer  IV  8  verstehe  Ich  und  genehmige  Ich  deshalb  in
dem  Sinne,  daß  die  vertragsmäßige  Regelung  2)  sogleich  mit  der  Regelung
der  allgemeinen  Beziehungen  und  vor  dem  Inkrafttreten  der  neuen  Bundesverträge
  erfolge.

München,  11.  April  1867.  Z
Ludwig.

In  diesem  Zeitpunkte  wurde  der  Gang  der  Verhandlungen  durch  die
internationale  Verwicklung  unterbrochen,  welche  der  französische  Plan  der
Erwerbung  Luxemburgs  verursachte.

Am  1.  April  1867  Nachmittags  erhielt  Herr  von  Werthern  das
folgende  Telegramm  des  Grafen  Bismarck:

Es  würde  dringend  erwünscht  sein,  von  Eurer  Exzellenz  Nachricht  zu  erhalten,
  welchen  Eindruck  dem  dortigen  Kabinett  der  angebliche  Verkauf  von
Luxemburg  an  Frankreich  macht  und  auf  welche  Stimmung  in  Bayern,  falls
wir  darüber  in  Weiterungen  mit  Frankreich  gerieten,  zu  rechnen  wäre.

Bismarck.

Eine  Aufzeichnung  des  Fürsten  ohne  Datum  berichtet  den  Inhalt
dieses  Telegramms  und  fährt  dann  fort:

Werthern  antwortete:  Die  öffentliche  Meinung  erwarte,  daß  Preußen
die  Rechte  Deutschlands  in  Luxemburg  wahre.  Kabinett  (d.  h.  Ministerium)
trage  der  Stimmung  Rechnung,  wenn  es  auch  die  Verhältnisse  unbefangen
beurteile.  Heute  habe  ich  Werthern  darauf  aufmerksam  gemacht,  in  seinem
schriftlichen  Berichte  an  Bismarck  die  Festigkeit  der  öffentlichen  Meinung

 

1)  Nach  dieser  Bestimmung  sollte  „bezüglich  der  Fortbildung  der
Bundesgesetzgebung  die  Berechtigung  nationaler  Vertretung  am  Bunde  anerkannt“
werden.  Zurzeit  sollte  die  Gesetzgebung  des  Bundes  von  der  Zustimmung  im
Süden  der  Ständekammern,  im  Norden  des  norddeutschen  Parlaments  abhängig
  sein.

2)  Des  Verhältnisses  zu  Oesterreich.
        <pb n="234" />
        222  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

in  Bayern  nicht  allzusehr  hervorzuheben.  Es  sei  viel  Parteitreiben  dabei,
und  die  Stimmung  könne  jeden  Augenblick  umschlagen.

Am  2.  April  erging  an  den  bayrischen  Gesandten  in  Berlin,  Grafen
von  Montgelas,  die  folgende  Depesche:

Gestern  Abend  sprach  mir  Baron  Werthern  den  Wunsch  des  Grafen
Bismarck  aus,  die  Ansicht  der  Königlichen  Regierung  in  der  Luxemburger
Angelegenheit  zu  kennen.  Ich  habe  mich  beeilt,  die  Beschlüsse  Seiner
Majestät  des  Königs,  meines  allergnädigsten  Herrn,  einzuholen  und  entspreche
  nunmehr  dem  ausgesprochenen  Wunsche  in  nachstehender  Weise:

Graf  Bismarck  wird  die  Schwierigkeit  einer  bindenden  Aeußerung  in
einer  Angelegenheit  anerkennen,  von  der  mir  bis  jetzt  jede  offizielle  Kenntnis
fehlt,  in  welcher  ich  vielmehr  auf  Zeitungsgerüchte  und  auf  die  gestern
Abend  hier  eingetroffene  telegraphische  Notiz  der  Erklärung  des  Grafen
Bismarck  im  Reichstage  1)  hingewiesen  bin.

Soweit  hiernach  eine  Beurteilung  möglich  ist,  teilt  die  Königliche
Regierung  den  von  dem  Grafen  Bismarck  angedeuteten  Standpunkt  vollkommen
  und  möchte  nur  demselben  noch  beifügen,  daß  sie  im  Hinblick  auf
die  Verträge  vom  19.  April  1839  und  27.  Juli  1839  jede  Veräußerung
des  Großherzogtums  Luxemburg  ohne  freie  Einwilligung  der  Wallramschen
Linie  des  Hauses  Nassau,  als  Rechtsnachfolgers,  für  unzulässig  hält.
Jedenfalls  vertraut  die  bayrische  Regierung,  daß  Graf  Bismarck  nichts
unterlassen  hat  und  nichts  unterlassen  wird,  was  dazu  dienen  kann,  die
Rechte  Deutschlands  in  dieser  Sache  auf  friedlichem  Wege  zu  wahren.

Sollten,  was  Gott  verhüten  wolle,  die  Dinge  eine  noch  ernstere
Wendung  nehmen,  so  erwartet  die  Königliche  Regierung,  daß  ihr  vom
Grafen  Bismarck  vertrauliche  Mitteilung  ohne  Verzug  zuteil  werde.

E.  H.  wollen  Seiner  Exzellenz  dem  Herrn  Grafen  von  Bismarck
Kenntnis  von  dem  Inhalte  dieser  Depesche  geben.

Laut  Telegramm  an  Werthern  vom  2.  April  wünschte  Graf  Bismarck
durch  Vermittlung  Bayerns  zu  erfahren,  welche  Haltung  er  im  Falle  eines
Kriegs  mit  Frankreich  von  Oesterreich  zu  erwarten  habe.  Nachdem  eine
Anfrage  durch  chiffriertes  Telegramm  an  den  banyrischen  Gesandten  in
Wien  ergangen  war,  richtete  der  Fürst  an  diesen  noch  an  demselben  Tage
das  folgende  Schreiben:

Durch  chiffriertes  Telegramm  vom  Heutigen  habe  ich  E.  H.  aufgefordert
zu  versuchen,  Verlässiges  über  die  Stimmung  der  Kaiserlichen  Regierung  im
Falle  kriegerischer  Wendung  der  Luxemburger  Frage  zu  erfahren.

 

1)  Am  1.  April  auf  die  Interpellation  Bennigsen.
        <pb n="235" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  223

Zwar  geben  die  letzten  Aeußerungen  der  preußischen  Regierung  zu
keinen  direkten  und  bestimmten  Befürchtungen  Veranlassung,  allein  sie  sind
doch  geeignet,  zu  ernster  Prüfung  der  Frage  aufzufordern,  welche  Stellung
die  Königliche  Regierung  einzunehmen  habe.  Die  Königliche  Regierung
hat  neben  dem  dringenden  Bedürfnisse  und  Wunsche  der  Erhaltung  des
Friedens  die  ihr  dem  gesamten  Deutschland  und  insbesondere  Preußen
gegenüber  obliegenden  Verpflichtungen  im  Auge  zu  behalten  und  in  dieser
Erwägung  eine  Anfrage  des  Grafen  Bismarck  durch  die  in  Abschrift  anliegende
  Depesche  beantwortet.

Wenn  schon  in  meinem  Rundschreiben  vom  24.  Februar  1867  der
Wert  freundlicher  Beziehungen  Bayerns  und  des  übrigen  Deutschlands  zu
Oesterreich  hervorgehoben  wurde,  so  tritt  die  Bedeutung  einer  solchen
freundlichen  Beziehungen  Ausdruck  gebenden  Aeußerung  der  Kaiserlichen
Regierung  durch  die  jüngste  Komplikation  so  sehr  in  den  Vordergrund,
daß  die  Frage  der  Erhaltung  des  Friedens  wohl  vorzugsweise  von  der
Stellung  abhängen  dürfte,  welche  die  Kaiserliche  Regierung  in  dieser  Sache
einzunehmen  sich  entschließt.

Welchen  Wert  die  Erhaltung  des  Friedens  im  gegenwärtigen  Augenblick
  für  Oesterreich  hat,  wie  selbst  bewaffnete  Neutralität  die  Entwicklung
der  angebahnten  Aenderungen  des  Verfassungslebens  in  Oesterreich  gefährden
  würde,  wird  von  Herrn  von  Beust  sicher  zugegeben  werden.  Durch
eine  den  deutschen  Interessen  günstige  Haltung  könnte,  wie  kaum  zu
zweifeln,  die  österreichische  Regierung  nicht  bloß  dieser  Gefahr  begegnen,
sondern  Beziehungen  zu  Deutschland  wieder  anknüpfen,  die  im  allseitigen
Wunsche  und  Interesse  liegen.  Jedenfalls  ist  es  der  bayrischen  Regierung
von  der  höchsten  Wichtigkeit,  von  den  Entschlüssen  Oesterreichs  in  dieser
Beziehung  Kenntnis  zu  erhalten.

Im  Auftrage  Seiner  Majestät  des  Königs,  meines  allergnädigsten
Herrn,  beauftrage  ich  Sie,  sobald  irgend  möglich  vertrauliche  Anfrage  in
dieser  Richtung  an  Herrn  von  Beust  zu  stellen,  und  ermächtige  Sie,  demselben
Kenntnis  von  dem  Inhalte  dieser  Depesche  zu  geben.  Ueber  die  Antwort
und  alle  auf  diese  Frage  bezüglichen  Vorkommnisse  wollen  E.  H.  mir  mit
möglichster  Beschleunigung  berichten.

Am  3.  April  fand  ein  Ministerrat  statt,  in  welchem  der  Fürst  sich
der  einstimmigen  Zustimmung  seiner  Kollegen  zu  den  bisher  von  ihm  getanen
  Schritten  versicherte.  An  demselben  Tage  telegraphierte  Graf  Bismarck
  an  Herrn  von  Werthern:

„Sagen  Sie  dem  Fürsten  Hohenlohe  ganz  vertraulich  folgendes:
Diplomatische  Eröffnungen  Frankreichs  behaupten,  daß  der  luxemburgische
Handel  abgeschlossen  sei.  Der  Kaiser  könne  nicht  mehr  zurück,  obwohl  ich
        <pb n="236" />
        224  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Benedetti  gesagt  habe,  daß  wir  nach  Lage  der  öffentlichen  Meinung  nicht
weichen  können  und  werden.  Graf  Perponcher  berichtet  dagegen  aus  dem
Haag,  daß  der  Abschluß  nicht  erfolgt  sei,  und  er  hoffe,  ihn  zu  hindern.
Nach  Stand  der  Dinge  in  Deutschland  müssen  wir  meines  Erachtens  eher
den  Krieg  wagen,  so  wenig  auch  das  Objekt  Luxemburg  an  sich  des  Kriegs
wert  ist.  Die  Auffassung  der  Sache  in  der  Nation,  deren  Ehrgefühl  ins
Spiel  gezogen,  ist  das  entscheidende.  Jedenfalls  sollten  wir  beide  den
günstigen  Einfluß  des  Inzidenzfalls  auf  Konsolidierung  der  nationalen
Sache  nach  Kräften  ausbeuten  und  uns  daneben  vom  Kriege,  der  schnell
eintreten  kann,  materiell  nicht  überraschen  lassen.  Die  englische  Regierung
scheint  den  Krieg  im  geheimen  nicht  ganz  ungern  zu  sehen,  hoffend,  daß
Frankreich  unterliegen  werde,  vielleicht  bereit,  dazu  mitzuwirken,  sobald  das
Glück  uns  günstig  ist."

Herr  von  Werthern  sendete  dieses  Telegramm  dem  eben  an  der
königlichen  Tafel  speisenden  Fürsten  zu.

Aufzeichnung  des  Fürsten  „über  den  Vortrag  bei  Seiner
Majestät  dem  Könige  den  4.  April,  vormittags  11  Uhr“".

In  der  heutigen  Audienz  hielt  ich  dem  Könige  über  den  Stand  der
luxemburgischen  Angelegenheit  Vortrag.  Fragte,  welche  Antwort  auf  die
Depesche  des  Grafen  Bismarck  von  gestern  zu  geben  sei  und  erhielt  die
Ermächtigung,  zu  erklären,  daß  im  Falle  eines  Kriegs  Bayern  an  der
Seite  Preußens  in  Gemäßheit  des  geheimen  Vertrags  stehen  werde,  daß
es  aber  die  süddeutschen  Verhältnisse  dringend  wünschenswert  erscheinen
ließen,  daß  Bismarck  das  Ergebnis  der  Anfrage  nach  Wien  abwarte,  ehe
zu  äußersten  Entschlüssen  geschritten  werde.

Anmn5.  April  wurde  durch  eine  Note  an  Herrn  von  Werthern  bestätigt,
  „daß,  falls  es  in  der  Luxemburger  Angelegenheit  zu  einem  kriegerischen
  Konflikte  mit  Frankreich  kommen  sollte,  die  bayrische  Regierung
ihre  Stellung  an  der  Seite  Preußens  und  der  übrigen  deutschen  Staaten
als  durch  die  abgeschlossenen  Verträge  feststehend  erachtet".

Zur  Beschleunigung  der  am  2.  April  mit  Oesterreich  angeknüpften
Verhandlungen  wurde  zunächst  am  3.  April  Julius  Fröbel1)  nach  Wien
geschickt.  Dieser  kam  am  7.  April  früh  nach  München  zurück  und  berichtete

 

1)  Fröbel,  der  von  1862  bis  1866  im  Dienste  der  österreichischen  Regierung
gestanden  hatte  und  damals  in  Stuttgart  für  die  württembergische  Regierung
arbeitete,  war  bereits  am  26.  Februar  im  Auftrage  des  Fürsten  nach  Wien  gegangen,
um  die  Stellung  des  Freiherrn  von  Beust  zu  dem  deutschen  Programm  des  Fürsten
zu  erkunden.  Fröbel,  Ein  Lebenslauf,  Bd.  II  S.  469.
        <pb n="237" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  225

—  zufolge  einer  Aufzeichnung  des  Grafen  Tauffkirchen  —,  er  habe  mit  Beust
am  4.  April  abends  gesprochen.  Beust  habe  gesagt:  mit  Frankreich  sei  er
in  keiner  Weise  engagiert.  Wohlwollende  Neutralität  liege  in  der  Natur
der  Dinge.  Sich  selbst  in  die  Aktion  zu  engagieren,  habe  Oesterreich  zurzeit
  kein  Motiv.  Ja,  wenn  Preußen  zu  Gegenleistungen  bereit  wäre.
Namentlich  in  der  orientalischen  Frage  durch  Sicherstellung  gegen  eine
Besetzung  Bulgariens  durch  Rußland.  Man  habe  aber  Beweise,  daß
Preußen  den  Bestrebungen  der  Regierung  im  Lande  feindlich  entgegentrete.
Dies  müsse  jedenfalls  aufhören.  Ueberhaupt  müsse  Preußen  selbst  kommen.
Bayern  habe  durch  die  Verträge  die  zu  einer  Vermittlerrolle  nötige  Selbständigkeit
  verloren.  Außerdem  brachte  Fröbel  folgende  Notizen:  Beust
müsse  sehr  vorsichtig  sein.  Die  hohe  Adelspartei  sei  ihm  feind.  Sie  würde,
wenn  sie  siegte,  ein  Ministerium  Metternich  mit  absolutistischem  Regiment
und  französischem  Bündnis  herbeiführen.  Die  Erfolge  Beusts  auf  dem
Landtage  in  Prag#)  könnten  für  seine  Stellung  entscheidend  sein.  Heinrich
von  Gagern  teile  jetzt  ganz  das  bayrische  Programm.  Fröbel  vermutete,
daß  Napoleon  eher  einen  Kongreß  als  den  Krieg  wolle.)

Graf  Tauffkirchen  bemerkte:  die  Selbständigkeit  Bayerns  sei  durch
den  Vertrag  so  wenig  aufgehoben,  daß  derselbe  dem  Könige  von  Bayern
das  Recht  selbständiger  Kriegserklärung  sichere  und  für  diesen  Fall  Preußen
zur  Hilfe  verpflichte.  Habe  Oesterreich  an  der  Erhaltung  einer  Selbständigkeit
  Bayerns  und  Süddeutschlands  und  der  Nichtausdehnung  des
Norddeutschen  Bundes  auf  dasselbe  Interesse,  so  könne  es  solches  nicht
besser  als  durch  Annahme  der  Vermittlung  sichern.

Aufzeichnung  des  Fürsten  vom  8.  April  1867.

Heute  Vortrag  beim  Könige.  Ich  las  ihm  die  Depesche  von  Bismarck
vor,  welche  die  friedliche  Wendung  der  Luxemburger  Sache  mitteilt.  Dann
kam  er  auf  allerlei  Nebendinge.  Später  auf  das  Ministerium.  Hier  fragte
er,  wen  von  den  Ministern  ich  als  besonders  fähig  ansehe.  Ich  nannte
Schlör.  Dann  sprach  er  von  Pranckh  und  Orff,  ich  empfahl  letzteren,  er
sprach  für  Pranckh.  Zuletzt  schien  er  einzulenken.  Dann  kam  er  auf
Gresser,  sagte,  daß  dieser  nicht  der  Stelle  gewachsen  sei,  und  verlangte,
die  Minister  sollten  sich  mit  ihm  brouillieren  sowie  mit  Bomhard,  damit
man  ihn  los  würde.  Ich  sagte,  das  sei  gar  nicht  möglich,  doch  könne

 

1)  Die  Neuwahlen  nach  Auflösung  des  böhmischen  Landtags,  welche  vom.
22.  bis  29.  März  vorgenommen  waren,  hatten  eine  starke,  verfassungstreue  deutsche.
Majorität  ergeben.  Beust  selbst  wurde  von  der  Handelskammer  von  Reichenberg
gewählt.  Beust,  Aus  drei  Vierteljahrhunderten,  Bd.  II  S.  111.

2)  Die  Aufzeichnungen  des  Grafen  Tauffkirchen  stimmen  überein  mit  Fröbels
eignem  Berichte.  Ein  Lebenslauf,  Bd.  II  S.  477.

Fürfst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  15
        <pb n="238" />
        226  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

man  ihn  leicht  irgendwo  als  Regierungspräsidenten  unterbringen,  wozu  er
fähig  sei.
Depesche  an  die  bayrische  Gesandtschaft  in  Berlin.
München,  9.  April  1867.

In  dem  Berichte  vom  6.,  hier  eingetroffen  am  8.  d.  M.,  ist  betont,
daß  Graf  Bismarck  eine  bestimmte  Erklärung  der  bayrischen  Regierung
über  die  Stellung  wünsche,  welche  dieselbe  im  Falle  des  Ausbruchs  eines
Kriegs  mit  Frankreich  einnehmen  würde.  Ich  hielt  diese  Frage  schon  durch
mein  chiffriertes  Telegramm  vom  6.  d.  M.  und  durch  gleichlautende  Erklärungen
  an  Herrn  von  Werthern  gelöst,  habe  jedoch  nicht  verfehlt,  die
weiteren  Befehle  Seiner  Majestät  des  Königs  einzuholen,  durch  welche  ich
nunmehr  zu  der  Erklärung  ermächtigt  bin,  daß  die  bayrische  Regierung,
wenn  in  der  Luxemburger  Frage  zwischen  dem  Könige  von  Preußen  und
dem  Kaiser  der  Franzosen  ein  Krieg  ausbrechen  sollte,  den  Fall  des  Separatvertrags
  d.  d.  Berlin,  22.  August  1866  für  zweifellos  gegeben  erachtet,
demnach  für  diesen  Fall  dem  Vertrage  entsprechend  zu  handeln  bereit  sein
würde.  Mit  dieser  Erklärung  verbinde  ich  jedoch  die  wiederholte  Versicherung,
  daß  die  Königliche  Regierung,  weit  entfernt,  zum  Kriege  zu
drängen,  an  allen  zur  Erhaltung  eines  ehrenvollen  Friedens  geeigneten
Schritten  teilzunehmen,  überhaupt  alle  hierzu  geeigneten  Mittel  zu  erschöpfen
bereit  ist.

Die  Depesche  trägt  den  Genehmigungsvermerk  des  Königs  vom  9.  April.

Großherzog  Friedrich  von  Baden  an  den  Fürsten

Hohenlohe.
Karlsruhe,  9.  April  1867.

An  demselben  Tage,  an  dem  ich  von  Berlin  zurückgekehrt  war,  meldete
sich  Staatsrat  Gelzer  bei  mir  an,  um  mir  mündlich  über  seine  Reise  nach
München  zu  berichten.  Was  er  mir  über  die  Aufnahme,  die  ihm  bei
Ihnen  zuteil  geworden  und  über  den  Gedankenaustausch,  der  in  bezug
auf  die  wichtigsten  Fragen  der  Gegenwart  mit  Ihnen  stattgefunden,
mitteilte,  konnte  nur  in  hohem  Grade  die  Eindrücke  bestätigen,  die  ich
seinerzeit  von  der  Unterredung  in  Mühlacker  zurückbrachte.

Staatsrat  Gelzer  hat  Ihnen  in  meinem  Namen  die  Versicherung  gegeben,
  daß  sein  Besuch  hauptsächlich  den  Sinn  habe:  auch  außerhalb  des
formellen  Geschäftsganges  ein  Vertrauensverhältnis  zwischen  Ihnen  und
mir  zu  befestigen,  das  für  die  glückliche  Lösung  der  nationalen  Aufgaben
mir  in  hohem  Grade  wünschenswert  erscheint.  Staatsrat  Gelzer  sprach
mir  wiederholt  mit  dankbarer  Befriedigung  davon,  wie  sehr  das  Vertrauen,
womit  er  Ihnen  entgegentrat,  in  der  wohltuendsten  Weise  erwidert  wurde;
        <pb n="239" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  227

und  gerade  auf  diese  Vertrauensbasis  setze  ich  den  höchsten  Wert  bei  allen
unsern  Berührungen  in  Gegenwart  und  Zukunft.

Was  nun  die  Punktation  betrifft,  die  auf  Ihren  Wunsch  während
der  Anwesenheit  des  Staatsrats  Gelzer  in  München  als  Grundlage
künftiger  Unterhandlungen  mit  Berlin  entworfen  und  mir  mitgeteilt  wurde,
so  wissen  Sie  sowohl  aus  meinen  mündlichen  und  schriftlichen  Erklärungen
als  aus  den  eingehenden  Darlegungen  des  Staatsrats  Gelzer,  wie  ich  im
Grunde  meines  Herzens  zu  den  hier  vorliegenden  Fragen  und  Zielen  stehe.
Es  war  ganz  in  meinem  Sinne  gehandelt,  wenn  Gelzer  in  seinen  Unterredungen
  mit  Ihnen  sowie  mit  dem  Herrn  Grafen  von  Tauffkirchen  allen
Nachdruck  auf  die  drei  Tatsachen  legte:

1.  daß  die  Vereinigung  von  Süd=  und  Norddeutschland  in  einen
einzigen  Bundesstaat  —  sei  es  durch  Eintritt  der  Südstaaten  in  den
Norddeutschen  Bund,  sei  es  durch  Weiterentwicklung  des  Zollvereins  —  mir
stets  als  das  wünschenswerteste  Ziel  vor  Augen  steht,  zu  dessen  Erreichung
ich  vor  keinem  persönlichen  Opfer  zurückschrecken  würde,

daß  aber,  solange  dieses  Ziel  noch  nicht  erreichbar  ist,  ich  es  für  geboten
  halte,  mich  keinem  Versuche  zu  entziehen,  der  uns  dem  gewünschten
Ziele  wenigstens  um  einige  Schritte  näherbringt;

2.  daß  ich  eben  darum  mich  schon  früher  bereit  erklärte  und  auch
jetzt  wieder  diese  Erklärung  erneure:  den  von  Ihnen  ausgehenden  Vorschlägen
zu  einer  Verständigung  über  gemeinsame  Unterhandlungen  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde  vertrauensvoll  entgegenzukommen,  weil  ich  gerade  auf
das  aufrichtige  Zusammengehen  mit  Ihnen,  solange  ich  der  eignen  Ueberzeugung
  nicht  untreu  werden  muß,  den  größten  Wert  lege,  daß  ich  mit
einem  Worte  es  für  eine  vaterländische  Pflicht  halte,  Ihre  Stellung  und
Ihren  Einfluß  in  Bayern,  soviel  an  mir  liegt,  zu  unterstützen;

3.  daß  ich  den  für  Sie  maßgebenden  Wunsch,  für  Erhaltung  des
europäischen  Friedens  und  für  die  Verhütung  einer  Zerreißung  Deutschlands
  in  zwei  feindselige  Lager  nach  besten  Kräften  zu  wirken,  vollkommen
zu  würdigen  weiß,  und  daß  ich  in  diesem  Zusammenhange  Ihre  auf
Oesterreich  bezüglichen  Vorschläge  auffasse,  wie  sie  in  Nr.  VI  der  von
Ihnen  entworfenen  Punktation  formuliert  sind.

Das  Bisherige,  in  diese  drei  Tatsachen  Zusammengefaßte  glaubte  ich
noch  einmal  hervorheben  zu  müssen,  um  meine  Gesinnung  und  Stellung
Ihren  Bestrebungen  gegenüber  in  ihren  innersten  Beweggründen  darzulegen.
  Es  liegt  mir  daran,  daß  Sie  über  meine  Absichten  und  Ueberzeugungen
  vollkommen  ins  klare  gesetzt  seien.

Eine  andre  Frage  ist  nun  aber  die:  welche  Aussichten  für  die  entworfenen
  Punktationen  gegenwärtig  in  Berlin  vorhanden  seien?  Während
        <pb n="240" />
        228  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

meiner  dortigen  Anwesenheit  sind  mir  zwei  Wahrnehmungen  am  bedeutungsvollsten
  in  dieser  Beziehung  erschienen:

Einmal  glaube  ich  nicht,  daß  man  dort  für  irgendein  andres  Interesse
ein  offenes  Ohr  und  ein  eingehendes  Verständnis  erwarten  darf,  bis  die
norddeutsche  Bundesverfassung  gesichert  ist.

Sodann  konnte  ich  mich  dort  überzeugen,  daß  nach  Annahme  der
norddeutschen  Bundesverfassung  sofort  die  Beratung  einer  Zollvereinsrevision
  (wie  dies  auch  gar  nicht  anders  zu  erwarten  war)  die  erste  Stelle
vor  allen  sonstigen  Unterhandlungen  einnehmen  wird.  Hierauf  glaube  ich
Sie  um  so  entschiedener  aufmerksam  machen  zu  müssen,  weil  mir  in  Berlin
von  dem  Grafen  Bismarck  nicht  verhehlt  wurde,  welchen  ungünstigen  Eindruck
  dort  eine  Denkschrift  in  der  Zollvereinssache  gemacht  hatte,  welche
gerade  in  jenen  Tagen  von  München  eingetroffen  war.  )

Für  Ihre  neueste  gütige  Mitteilung  in  betreff  der  Genehmigung,
welche  Sie  von  dem  Könige  erlangten,  in  den  hier  genannten  Fragen
die  ersten  Schritte  zu  tun,  bin  ich  Ihnen  sehr  dankbar.

Mit  Ihnen  wünsche  ich  von  Herzen,  daß  die  Luxemburger  Angelegenheiten
  keine  neuen  Störungen  in  die  Entwicklung  der  deutschen  Verhältnisse
  bringen.  Immerhin  kann  aber  diese  Frage  ein  Probestein  werden
für  den  wahren  Gehalt  der  deutschen  Nation,  und  in  diesem  Falle  dürfte
Einigung  und  Kräftigung  daraus  erwachsen.

Bericht  an  den  König.
München,  10.  April  1867.

Die  Frage  wegen  Abtretung  des  Großherzogtums  Luxemburg  an
Frankreich  hat  in  wenigen  Tagen  die  Gefahr  eines  Kriegs  zwischen  Preußen
und  Frankreich  in  drohende  Nähe  gerückt.  Daß  sich  Bayern  der  Teilnahme
an  einem  solchen  Kriege  nach  dem  Wortlaute  des  Allianzvertrags  vom
22.  August  1866  und  der  Stimmung  im  Lande  nicht  würde  entziehen
können,  steht  außer  Zweifel.  Um  so  dringender  ist  es,  jede  gebotene
Möglichkeit  zu  ergreifen,  die  Kriegsgefahr  zu  beseitigen  oder  äußerstenfalls
  durch  eine  Allianz  zu  verringern,  die  geeignet  ist,  den  Rücken  zu  sichern.

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  ist  auch  die  Aufforderung  des  Grafen
Bismarck  aufzufassen,  über  die  Geneigtheit  Oesterreichs  zum  Abschluß
einer  Allianz  mit  Preußen  und  Bayern  Erkundigungen  einzuziehen.

Die  offiziellen,  durch  den  Grafen  Bray  in  dieser  Beziehung  eingeleiteten
Schritte  haben  zu  der  ziemlich  kühlen  Antwort  geführt,  welche  Eurer
Königlichen  Majestät  aus  der  vorliegenden  Depesche  vom  7.  d.  M.  ersichtlich
  ist.  Eingehender  sprach  Baron  Beust  über  die  Frage  mit  einer
Privatperson,  welche  im  Auftrage  des  treugehorsamst  Unterzeichneten  sich

1)  Denkschrift  des  bayrischen  Ministerialrats  Weber.
        <pb n="241" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  229

zur  Erforschung  der  Ansichten  des  Ministers  nach  Wien  begeben  hatte.))
Hiernach  wäre  Oesterreich  nicht  absolut  abgeneigt,  eine  aktiv  freundliche
Stellung  zu  Preußen  in  der  Sache  einzunehmen,  es  würde  sich  vielmehr
nur  darum  handeln,  die  Gegenleistungen  und  Garantien  festzustellen,  die
Preußen  und  Deutschland  überhaupt,  und  zwar  insbesondere  in  der  orientalischen
  Frage,  der  österreichischen  Regierung  dafür  bieten  würde.
Könnte  es  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  gelingen,  eine  Vermittlung
  der  Interessen  Preußens  und  Oesterreichs  in  dieser  Frage  zu
erzielen,  so  würde  hierdurch  die  Stellung  Bayerns  in  den  Unterhandlungen
mit  Preußen  einen  Vorschub  der  wesentlichsten  Art  gewinnen.  Eben  deshalb
hält  es  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  für  wichtig,  kein  Mittel,  das  zu
diesem  Ziele  führen  könnte,  zu  versäumen.  Als  ein  solches  Mittel,  welches,
selbst  wenn  es  von  direktem  Erfolge  nicht  begleitet  wäre,  doch  indirekt
zur  Ebnung  manches  Hindernisses  dienen  könnte,  habe  ich  bereits  mündlich
Eurer  Königlichen  Majestät  die  Sendung  eines  Vertrauensmanns  nach
Berlin  und  Wien  bezeichnet.  Welche  Aufgaben  mit  dieser  Mission  zu
verbinden  wären,  ergibt  der  anliegende  Entwurf  einer  Instruktion,  welchen
der  treugehorsamst  Unterzeichnete  der  Allerhöchsten  Genehmigung  unterstellt.
Als  die  Person,  welche  mit  dieser  ebenso  wichtigen  wie  schwierigen
Mission  zu  betrauen  wäre,  bringt  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  Eurer
Königlichen  Majestät  den  Ministerialrat  im  Ministerium  des  Aeußern,
Grafen  Tauffkirchen,  alleruntertänigst  in  Vorschlag  .  .  .  Es  wird  dem
treugehorsamst  Unterzeichneten  zur  Beruhigung  gereichen,  wenn  Eure
Königliche  Majestät  vor  der  Fassung  des  definitiven  Entschlusses  den  Grafen
Tauffkirchen  empfangen  und  sich  Allerhöchstselbst  davon  überzeugen  wollten,
ob  die  Auffassung  der  vorliegenden  Aufgabe  seitens  des  Grafen  den
Intentionen  Eurer  Königlichen  Majestät  vollkommen  entspricht.

Der  dem  Berichte  beigefügte  Entwurf  einer  Instruktion  bezeichnet  als  die
Aufgabe  der  Mission  des  Grafen  Tauffkirchen  an  die  Höfe  von  Berlin  und  Wien:

1.  die  einer  Allianz  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  entgegenstehenden
Hindernisse  zu  ermitteln  und,  soweit  möglich,  zu  beseitigen,

2.  eine  solche  Allianz  im  allgemeinen  oder  doch  speziell  bezüglich  der
Luxemburger  Frage  zum  Abschluß  zu  bringen  und  derselben  für  Bayern,
vorbehaltlich  der  Genehmigung  Seiner  Majestät  des  Königs,  beizutreten,

3.  dafür  von  Preußen  günstige  Bedingungen  bei  den  über  die  Stellung
Bayerns  und  der  übrigen  südwestdeutschen  Staaten  zum  Norddeutschen
Bunde  zu  eröffnenden  Unterhandlungen  zu  erzielen  und  ein  Uebereinkommen
hierüber,  vorbehaltlich  der  Genehmigung  Seiner  Majestät  des  Königs,
abzuschließen.

1)  Fröbel.  Siehe  Seite  224.
        <pb n="242" />
        230  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Nach  der  Zustimmung  des  Königs  trat  Graf  Tauffkirchen  seine  Reise
an.  Aus  Berlin  schrieb  er  dem  Fürsten  am  14.  April:

„Bismarck  hat  mich  in  ganz  auffallender  Weise  mit  Aufmerksamkeit
überschüttet.  Er  scheint  Oesterreich  sehr  notwendig  zu  brauchen.  Desto
besser,  wenn  es  gelingt,  dort  Eingang  zu  finden..  Der  König  von
Preußen  sprach  sich  über  Eure  Durchlaucht  in  der  allervertrauensvollsten,
anerkennendsten  Weise  aus  und  trug  mir  viele  Grüße  an  Sie  auf  .“

In  Wien  war  die  Mission  des  Grafen  erfolglos.  Nach  einer  Unterredung
  mit  dem  Freiherrn  von  Beust  am  Vormittage  des  18.  April  schrieb  er
dem  Fürsten  am  19.  April:  „Ich  halte  es  für  ganz  zweifellos,  daß  der  dem
Könige  zu  gebende  Rat  kein  andrer  sein  kann,  als  mich  zurückzurufen."!)

Fürst  Hohenlohe  an  die  bayrische  Gesandtschaft  in
Berlin.
München,  23.  April  1867.

Baron  Werthern  hat  mir  vor  einigen  Tagen  eine  Depesche  des  Grafen
Bismarck  vorgelesen,  in  welcher  die  Königlich  preußische  Regierung  zu
wissen  wünscht,  ob  die  Königlich  bayrische  Regierung  in  eigner,  freier
Entschließung  bereit  sei,  die  Verantwortlichkeit,  welche  der  Schutz  der
Unabhängigkeit  Luxemburgs  direkt  oder  indirekt  haben  kann,  mit  Preußen
zu  teilen.  Die  Depesche  hebt  ferner  hervor,  daß  sich  die  deutschen  Regierungen
  darüber  klar  werden  müßten,  was  ihrem  Interesse  entsprechend
sei,  entweder  die  Folgen,  die  aus  der  verweigerten  Konzession  an  Frankreich
  erwachsen  könnten,  zu  tragen  —  und  in  diesem  Falle  frage  es  sich,
ob  Bayern  gehörig  gerüstet  sei  —  oder  diese  Folgen  abzulehnen,  in  welchem
Falle  sich  die  betreffenden  Regierungen  erklären  müßten,  ob  sie  die  Ablehnung
  des  Kriegs  und  die  ihr  zugrunde  liegende  Zustimmung  zu  einer
friedlichen  Politik  vor  der  Oeffentlichkeit  zu  vertreten  entschlossen  seien.

Nachdem  die  Königliche  Regierung  schon  durch  die  Depesche  vom
9.  April  d.  J.  ihre  Bereitwilligkeit  erklärt  hat,  in  ehrlichem  Vollzuge  des
Separatvertrags  vom  22.  August  1866  der  preußischen  Regierung  in  den
Entwicklungen  der  Luxemburger  Frage  zur  Seite  zu  stehen,  so  folgt  daraus,
daß  ihr  Entschluß  auch  unabhängig  von  den  ihr  zurzeit  noch  unbekannten
Phasen  der  in  dieser  Frage  von  der  Königlich  preußischen  Regierung
befolgten  Politik  feststeht.  Es  dürfte  ihr  jedoch  in  diesem  Falle  um  so
weniger  eine  Verantwortung  für  den  etwaigen  Ausbruch  des  Kriegs  zur
Last  zu  legen  sein,  als  ihr  eine  Einwirkung  auf  die  betreffenden  Entschließungen
  nicht  möglich  war.

 

1)  Die  Unterredung  ist  wiedergegeben  in  der  Depesche  Beusts  vom  19.  April
an  den  Grafen  Wimpffen  in  Berlin,  abgedruckt  bei  Beust,  Aus  drei  Vierteljahrhunderten,
  Bd.  II  S.  119.
        <pb n="243" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  231

In  eigner,  freier  Entschließung,  also  abgesehen  von  dem  Allianzvertrage,
  hält  dagegen  die  Königlich  bayrische  Regierung  dafür,  vor  einem
zur  Aufrechterhaltung  der  Ehre  und  europäischen  Stellung  Deutschlands
nötigen  Kriege  nicht  zurückzuschrecken,  jedoch  anderseits  kein  Mittel  unversucht
  zu  lassen,  welches  zur  Erhaltung  eines  diese  Ehre  und  Machtstellung
  wahrenden  Friedens  führen  kann.  Sie  muß  die  Erhaltung  eines
solchen  Friedens  um  so  dringender  wünschen,  je  größer  und  imminenter
das  Unheil  ist,  das  ein  Krieg  mit  Frankreich  über  den  Süden  Deutschlands
bringen  würde,  und  je  schwieriger  es  für  die  militärischen  Kräfte  des  südwestlichen
  Deutschlands  sein  dürfte,  einem  Angriff  der  französischen  Armee
genügenden  Widerstand  entgegenzusetzen.

Die  Königliche  Regierung  findet  eine  weitere  Veranlassung  zum
dringenden  Wunsche  für  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens  in  der  Haltung
des  kaiserlich  königlich  österreichischen  Kabinetts,  welches  sich,  nach  den
neuesten  aus  Wien  eingetroffenen  Nachrichten,  zurzeit  auf  eine  abwartende
Neutralität  zu  beschränken  entschlossen  ist.  Wenn  es  hiernach  nicht
zweifelhaft  sein  kann,  daß  eine  solche  friedliche  Politik  den  Interessen
Bayerns  vorzugsweise  entspricht,  so  nimmt  die  Königliche  Regierung  auch
keinen  Anstand  zu  erklären,  daß  sie  diese  Politik  und  ihre  Folgen  auch
vor  der  Oeffentlichkeit  zu  vertreten  entschlossen  sei.  Das  kann  sie  aber
erst  dann,  wenn  ihr  das  Maß  der  Konzessionen  bekannt  sein  wird,  welche
zum  Zwecke  der  Aufrechterhaltung  des  Friedens  an  Frankreich  gemacht
werden  sollen.  Die  Königliche  Regierung  muß  sich  daher  die  Beantwortung
dieses  Teils  der  an  sie  gestellten  Frage  bis  zu  dem  Zeitpunkte  vorbehalten,
wo  ihr  über  den  Stand  der  Unterhandlungen  zwischen  den  beteiligten
Mächten  und  über  die  Bedingungen  des  Ausgleichs  der  zwischen  Preußen  und
Frankreich  schwebenden  Differenz  nähere  Aufschlüsse  zugekommen  sein  werden.

Soweit  der  Königlichen  Regierung  durch  Mitteilungen  des  Baron  Beust
der  Inhalt  der  österreichischen  Vermittlungsvorschläge  1)  bekannt  ist,  steht
sie  übrigens  schon  jetzt  nicht  an,  diese  für  eine  annehmbare  Verhandlungsbasis
  zu  erklären  und  hat  nur  den  Wunsch  beizufügen,  daß  Frankreich
gleichzeitig  die  neuen  Verhältnisse  in  Deutschland  anerkenne.

Die  Frage  des  Zustands  der  bayrischen  Armee  wird  von  dem  königlichen
  Generalmajor  und  Generalquartiermeister  Grafen  von  Bothmer,
welcher  sich  heute  zu  diesem  Zwecke  nach  Berlin  begeben  hat,  in  rückhaltloser
  Weise  beantwortet  werden.

Ich  ersuche  E.  H.,  dem  Herrn  Grafen  von  Bismarck  diese  Depesche
vorlesen  und  um  Mitteilung  über  den  gegenwärtigen  Stand  der  Unterhandlungen
  bitten  zu  wollen.

 

1)  Ueber  Oesterreichs  Vorschläge  vom  12.  April  siehe  Sybel  Bd.  VI  S.  92.
        <pb n="244" />
        232  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Die  inzwischen  fortgesetzten  Verhandlungen  mit  Württemberg  über  die
Regelung  der  Beziehungen  zu  Norddeutschland  führten  zu  einer  Verständigung,
  welche  in  der  nachfolgenden  „Ministerialerklärung“  vom
6./16.  Mai  1867  ausgesprochen  wurde:

Die  Unterzeichneten,  durchdrungen  von  dem  hohen  Werte  gemeinsamen
Vorgehens  der  südwestdeutschen  Staaten,  insbesondere  Bayerns  und
Württembergs,  bei  den  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  gemäß  Artikel  71
des  Verfassungsentwurfes  zu  pflegenden  Verhandlungen,  haben  sich  mit
Allerhöchster  Genehmigung  ihrer  Souveräne  über  folgende  Punkte  geeinigt:

J.

Bayern  und  Württemberg  sind  bereit,  auf  Anregung  Preußens  in
Unterhandlungen  über  Abschluß  des  im  Artikel  IV  des  Prager  Friedens
vorbehaltenen  nationalen  Bundes  mit  dem  deutschen  Norden  zu  treten.

II.

Der  Eintritt  in  einen  gemeinsamen  Bund  unter  Ausdehnung  der
Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  auf  die  Südstaaten,  kann  als  Basis
für  diese  Unterhandlungen  nicht  anerkannt  werden,  vielmehr  ist  der  Abschluß
  eines  weiteren  Bundes  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  anzustreben.

III.

Für  die  Verfassung  dieses  weiteren  Bundes  sind  die  Prinzipien  der
Bundesakte  vom  8.  Juni  1815  mit  den  durch  den  Austritt  Oesterreichs
und  die  Anforderungen  der  Zeit  gebotenen  Aenderungen  zum  Ausgangspunkte
  zu  nehmen.

IV.

Die  bayrische  Regierung  behält  sich  die  Vorlage  eines  Entwurfes  vor,
dessen  Grundzüge  hiermit  wie  folgt  festgestellt  werden:

1.  der  Bund  besteht  aus  dem  Norddeutschen  Bunde,  Bayern,
Württemberg,  Baden  und  Südhessen.

2.  Zweck  des  Bundes  ist,  die  nationale  Zusammengehörigkeit  zu
wahren,  die  Integrität  des  Bundesgebiets  zu  erhalten  und  die  Wohlfahrt
seiner  Bewohner  zu  fördern.  Alle  Bundesglieder  haben  als  solche  gleiche
Rechte;  sie  verpflichten  sich  gleichmäßig,  die  Bundesakte  unverbrüchlich  zu
halten.

3.  Die  Angelegenheiten  des  Bundes  werden  von  einem  Bundesrate
unter  dem  Vorsitze  Preußens  geführt,  bei  welchem

Preußen  17,

Bayern  6
und  die  übrigen  souveränen  Fürsten  und  freien  Städte  des  Bundes  die
in  Artikel  VI  der  Bundesakte  vom  8.  Juni  1815  vorgesehene  Stimmenzahl
  haben.
        <pb n="245" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  233

4.  Die  Artikel  III  und  IV  des  Entwurfes  der  Verfassung  des  Norddeutschen
  Bundes  werden  als  Basis  der  Verhandlungen  über  Feststellung
der  gemeinsamen  Bundesangelegenheiten  anerkannt.

5.  Um  späteren  Schwierigkeiten  bei  der  Gesetzgebung  des  Bundes
vorzubeugen,  und  mit  Rücksicht  auf  die  unter  der  Herrschaft  der  früheren
Bundesakte  gemachten  Erfahrungen,  soll  die  Regelung  jeder  einzelnen  dieser
gemeinsamen  Angelegenheiten,  soweit  möglich,  auf  dem  Wege  des  Vertrages
als  Bundesgrundgesetz  erfolgen.

6.  Bezüglich  der  Fortbildung  dieser  Gesetzgebung  ist  die  Berechtigung
nationaler  Vertretung  am  Bunde  anzuerkennen,  zurzeit  jedoch,  und  solange
das  Verhältnis  eines  erweiterten  Bundesparlamentes  zu  dem  Parlament
des  Norddeutschen  Bundes  unüberwindliche  Schwierigkeiten  bieten  würde,
soll  die  Gesetzgebung  des  weiteren  Bundes  von  der  Zustimmung  im
Süden  der  Ständekammern  und  im  Norden  des  norddeutschen  Parlamentes
abhängig  sein.  Der  Bundesrat  bereitet  die  Bundesgesetzgebung  vor.

7.  Die  Exekutive  steht  im  Norden  dem  Präsidium  des  Norddeutschen
Bundes,  im  Süden  den  einzelnen  Souveränen  zu.

8.  Zu  dem  doppelten  Zwecke,  die  Schwierigkeiten,  welche  aus  den
Schlußworten  des  Artikel  IV  des  Prager  Friedens  für  die  nationale  Entwicklung
  des  weiteren  Bundes  entstehen  könnten,  zu  beseitigen  und  eine
Bürgschaft  für  Erhaltung  des  europäischen  Friedens  zu  schaffen,  ist  dem
Bundesvertrage  die  dem  Artikel  71  des  Entwurfes  der  Verfassung  des
Norddeutschen  Bundes  nachgebildete  Bestimmung  beizufügen,  daß  eine
Allianz  des  Bundes  mit  Oesterreich  anzubahnen  sei,  soferne  solche  nicht
gleichzeitig  mit  Abschluß  des  Bundesvertrages  zu  erreichen  ist.1)

V.

Bezüglich  der  Militärverhältnisse  der  süddeutschen  Staaten,  insbesondere
Bayerns  und  Württembergs,  zum  Norden,  hat  es  bei  den  abgeschlossenen
Allianzverträgen  und  unter  den  süddeutschen  Staaten  unter  sich  bei  den
Stuttgarter  Beschlüssen  vom  5.  Februar  1867  sein  Bewenden.

VI.

Die  Unterhandlungen  selbst  sollen  nach  vorheriger  Anregung  der
preußischen  Regierung  in  Form  von  Ministerkonferenzen  in  Berlin  stattfinden.
VII.

Vorläufige  Aeußerungen  Bayerns  und  Württembergs  in  dieser  Frage
sollen,  soweit  tunlich,  gegen  Preußen  erst  nach  vorherigem  Einvernehmen
erfolgen,  jedenfalls  aber  sofort  gegenseitig  mitgeteilt  werden,  und  wird  als
Form  für  diese  Mitteilung  direkte  Korrespondenz  der  Unterzeichneten  festgesetzt.


1)  Die  spätere  Fassung  dieser  Nummer  siehe  S.  244.
        <pb n="246" />
        234  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

VIII.
Bayern  übernimmt  es,  den  Anschluß  Badens  und  Hessens  zu  dieser
Punktation  womöglich  zu  vermitteln  und  bietet  Württemberg  in  dieser
Beziehung  seine  guten  Dienste  an.

Durch  Schreiben  des  bayrischen  Staatsministeriums  vom  6.  Mai
wurden  Baden  und  Hessen  zum  Beitritt  zu  dieser  Vereinbarung  aufgefordert.

Gleichzeitig  erfolgte  eine  vertrauliche  Mitteilung  des  Projekts  an  die
österreichische  Regierung.

Die  bayrisch-württembergische  Vereinbarung  wurde  von  dem  badischen
Ministerium  eingehend  geprüft.  Der  Minister  des  Auswärtigen  von  Freydorf
  machte  dazu  folgende  Bemerkungen:

1.  Aus  Nr.  I,  II  und  IV8  ist  alles  zu  entfernen,  was  dem  Eintritt
süddeutscher  Staaten  in  den  Norddeutschen  Bund  widerspricht.

2.  Nr.  V  ist  so  zu  fassen,  daß  weitere  Vereinbarungen  süddeutscher
Staaten  mit  Preußen  oder  dem  Norddeutschen  Bunde  in  militärischen  Angelegenheiten
  nicht  ausgeschlossen  sind.  (Baden  trat  damals  mit  Preußen
in  Verhandlungen  über  eine  Militärkonvention.)

3.  Nr.  IV5  ist  „rein  unmöglich“,  wenn  der  Bund  in  absehbarer  Zeit
zustande  kommen  soll.

4.  Nr.  IV3  und  6  sind  ebenso  unmöglich,  daher  ist  eine  Gesetzgebung
durch  die  Vermehrung  des  Norddeutschen  Reichstags  durch  eine  Anzahl
süddeutscher  Abgeordneter  erforderlich.

Graf  Bismarck,  dem  diese  Verbesserungsvorschläge  mit  dem  bayrischwürttembergischen
  Uebereinkommen  mitgeteilt  waren,  bemerkte  darüber  dem
badischen  Gesandten  von  Türkheim  in  Berlin  am  14.  Mai  1867:  er  werde
einem  Bunde  nach  Maßgabe  des  Protokolls  vom  6.  Mai  nicht  zustimmen,
wolle  dies  aber  nicht  so  bestimmt  öffentlich  aussprechen.  Ueber  die  von
Baden  vorgeschlagenen  Modifikationen  behielt  er  sich  die  Erklärung  vor,  bis
Bayern  und  Württemberg  ihnen  zugestimmt  hätten.  Für  jetzt  wollte  er  nur  so
viel  mit  Bestimmtheit  sagen,  daß  Preußen  fürs  erste  einen  weiteren  Bund
mit  dem  Süden  wünsche  und  denselben  namentlich  als  die  Grundlage  für
die  Erneuerung  des  Zollvereins  betrachte,  daß  aber  für  Bund  wie  für
Zollverein  eine  Form  einfacher  Beschlußfassung  über  gemeinsame,  nicht
immer  lange  vorauszusehende  Angelegenheiten  gefunden  werden  müsse.
Ohne  diese  unerläßliche  Voraussetzung  würde  er  lieber  auf  Bund  und
Zollverein  mit  dem  Süden  oder  mit  den  Staaten,  die  grundsätzlich  widerstreben,
  verzichten.  Baden  sollte  nach  dem  Wunsche  des  Grafen  Bismarck
in  diesem  Sinne  die  Verhandlungen  fortsetzen.  Im  gleichen  Sinne  schrieb
Bismarck  an  den  preußischen  Gesandten  in  Karlsruhe  am  17.  Mai:  „Die
Basis  der  Ministerialerklärung  vom  6.  Mai  ist  für  uns  unannehmbar.  Die
        <pb n="247" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  235

Gemeinschaftlichkeit  der  Gesetzgebung  (Nr.  IV  4)  betrachten  wir  als  ein  Benefizium
  nicht  sowohl  für  uns,  für  den  Norddeutschen  Bund,  als  für  die  süddeutschen
  Staaten.  In  betreff  der  Zollangelegenheiten  namentlich  können  wir
uns  unmöglich  auf  ein  Verhältnis  einlassen,  welches  für  eine  gemeinsame  Maßregel
  außer  dem  Beschluß  des  Reichstags  noch  die  Zustimmung  von  acht  süddeutschen
  Kammern  erfordern  und  einer  jeden  der  letzteren  praktisch  ein  Veto
geben  würde.  Der  einzige  für  uns  annehmbare  Modus  einer  gemeinsamen  Zollgesetzgebung
  ist  eine  zum  Behufe  derselben  eintretende  Erweiterung  des  Bundestags
  und  des  Reichstags  durch  die  Teilnahme  von  Vertretern  Süddeutschlands.“

Inzwischen  hatte  die  badische  Regierung  ihre  Abänderungsvorschläge
zu  dem  Protokoll  vom  6.  Mai  in  München  mitgeteilt  und  nachdem  diese
durch  den  Fürsten  Hohenlohe  zum  Teil  angenommen  waren,  schien  das
so  modifizierte  Uebereinkommen  eine  mögliche  Grundlage  für  gemeinsame
Verhandlungen  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  zu
bieten.  Durch  Entschließung  des  Großherzogs  vom  27.  Mai  1867  wurde
daher  das  Ministerium  ermächtigt,  „unter  Zugrundelegung  der  bayrischwürttembergischen
  Ministerialerklärung  vom  6./16.  Mai  mit  den  in  der  Note
des  Fürsten  Hohenlohe  vom  22.  d.  M.  vorgeschlagenen  Modifikationen  gemeinschaftlich
  mit  den  drei  andern  Regierungen  in  Verhandlungen  über
die  Gründung  eines  weiteren  Bundes  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem
Norddeutschen  Bunde  einzutreten“.

Indessen  wurde  der  Lauf  dieser  Verhandlungen  durch  die  eigne  Initiative
der  preußischen  Regierung  in  der  Frage  des  Zollvereins  unterbrochen.  Ende
Meit  teilte  der  preußische  Gesandte,  Baron  Werthern,  dem  Fürsten  Hohenlohe
mit,  daß  Graf  Bismarck  eine  Konferenz  von  Ministern  in  Berlin  zu  veranstalten
  gedenke,  um  über  die  Rekonstruktion  des  Zollvereins  und  die  damit
zusammenhängenden  Fragen  zu  beraten.  Der  Fürst  vermutete,  daß  dabei  auch
der  Anschluß  der  süddeutschen  Staaten  an  den  Norddeutschen  Bund  zur
Sprache  kommen  könne  und  wünschte  daher  vor  der  Berliner  Konferenz  die
Verständigung  mit  den  übrigen  süddeutschen  Staaten  zum  Abschluß  zu  bringen.
Deshalb  erklärte  er  dem  Baron  Werthern,  daß  ihm  die  Vertagung  der  Konferenz
  bis  Ende  Juni  erwünscht  sein  würde.  Gleichzeitig  berichtete  der  bayrische
Gesandte  in  Stuttgart,  daß  Varnbüler  mit  dem  Fürsten  zur  Beratung  über  die
bevorstehenden  Zollkonferenzen  zusammenzutreffen  wünsche.  Infolgedessen  begab
  sich  der  Fürst  am  30.  Mai  1867  zu  einer  Besprechung  mit  Varnbüler  nach
Nördlingen.  Er  war  von  dem  Ministerialrat  Grafen  Tauffkirchen  begleitet.

Aufzeichnung  des  Grafen  Tauffkirchen.
München,  30.  Mai  1867.
Auf  die  bei  den  Akten  befindliche  Einladung  begab  sich  der  Königliche
Staatsminister  Fürst  Hohenlohe  mit  dem  Königlichen  Ministerialrate  Grafen
        <pb n="248" />
        236  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Tauffkirchen  am  Heutigen  mit  Frühzug  nach  Nördlingen,  woselbst  Freiherr
von  Varnbüler  bereits  anwesend  war.

In  dem  Wohnzimmer  des  Bahnhofsvorstands  fand  hierauf  zwischen
den  drei  Genannten  folgende  Besprechung  statt.

Baron  Varnbüler  las  seine  Depesche  an  Grafen  Degenfeld  vom  29.
vor  und  behändigte  sie  zu  weiterer  Verfügung  dem  Fürsten.

Er  fügte  erläuternd  bei:  die  Sendung  des  Grafen  Tauffkirchen  hat
in  Paris  eine  sehr  tiefgehende  Mißstimmung  hervorgerufen.  Der  französische
Gesandte  in  Stuttgart,  dem  er  wahrheitsgemäß  erklärt,  daß  er  an  dieser
Mission  weder  Anteil  noch  von  derselben  Kenntnis  habe,  gebrauchte  die
Worte:  „Bayern  wird,  wenn  es  zum  Kriege  kommt  und  Frankreich  siegreich
  ist,  teuer,  sehr  teuer  für  diesen  Schritt  büßen  müssen.“  Die  Berichte
des  Baron  Wächter  aus  Paris  stimmten  hiermit  überein.  Auch  Baron
Beust  habe  sich  Baron  Thumb  gegenüber,  der  instruktionsgemäß  über  die
Frage  der  Rekonstituierung  Deutschlands  die  größte  Zurückhaltung  beobachtet
  habe,  ungünstig  und  unfreundlich  über  den  bayrisch-württembergischen
  Plan  geäußert.  Varnbüler  las  eine  Stelle  aus  einer  neueren
Depesche  Thumbs  vor,  nach  welcher  —  so  wenigstens  las  Varnbüler  —
Beust  ihm  gesagt  habe:  er  gedenke  nicht,  den  Ultramontanen  in  Bayern
ein  Pflaster  abzugeben.  Das  Wort  „Allianz“  werde  nun  einmal  mit  den
Konflikten  zwischen  Preußen  und  Frankreich  in  Beziehung  gebracht  und
errege  in  Paris  den  größten  Anstoß.  Es  sei  demnach  sehr  geraten,  eine
andre  Fassung  zu  substituieren,  und  er  müsse  für  Württemberg  auf  dieser
Aenderung  um  so  mehr  bestehen,  als  ja  bei  den  Beratungen  in  Wirklichkeit
  diesem  Ausdrucke  solche  aggressive  Bedeutung  nicht  entfernt  unterlegt
worden  sei.

Varnbüler  fuhr  fort:  Nach  den  neuesten  Berichten  aus  Berlin  bestehe
daselbst  zurzeit,  eben  um  einen  außerdem  drohenden  Krieg  mit  Frankreich
zu  vermeiden,  die  Absicht,  in  nationaler  Einigung  mit  dem  Süden  vorzuschreiten,
  durchaus  nicht.  Varnbüler  las  Stellen  aus  einem  Berichte  des
Gesandten  Baron  Spitzemberg  vom  24.  Mai  1867  vor,  wonach  Graf
Bismarck  demselben  eröffnet,  er  gedenke  sich  für  jetzt  auf  Regelung  der
Zollvereinsangelegenheiten  zu  beschränken  und  werde,  wenn  es  nicht  einer
der  Südstaaten  ausdrücklich  verlange,  nicht  weiter  gehen.  Auch  eine  besondere
  Militärkonvention  verlange  er  nicht.  Energische  und  gleichmäßige
Durchführung  der  Stuttgarter  Beschlüsse  genüge  ihm.  Spitzemberg  habe
darauf  angeregt,  ob  es  nicht  geraten  sei,  zur  Abkürzung  der  nach  Pfingsten
beabsichtigten  Zollkonferenzen,  denselben  zur  Feststellung  der  Grundlagen
Ministerkonferenzen  vorhergehen  zu  lassen.  Bismarck  sei  auf  diesen  Gedanken
  sehr  bereitwillig  eingegangen.  Er  meinte,  die  Einladung  solle  auf
Konferenzen  der  Minister  des  Aeußern  ohne  vorher  festgestelltes  Programm
        <pb n="249" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  237

gestellt  und  dieses  in  der  Einladung  auf  den  Zollverein  und  mit  demselben
in  direkter  Verbindung  stehende  Gegenstände  beschränkt  werden,  wie  die
Patentgesetzgebung  und  das  Gewerbewesen.  Die  Minister  der  größeren
Staaten  des  Norddeutschen  Bundes  wären  einzuladen.  Er  fürchte,  daß
man  in  München  argwöhnisch  sein  werde  und  würde  wünschen,  daß  Varnbüler
  bei  Fürst  Hohenlohe  sondiere.  Er,  Varnbüler,  habe  den  Gedanken
freudig  —  jedoch  unter  ausdrücklicher  Beschränkung  der  Konferenz  auf
Zollvereinsangelegenheiten  —  akzeptiert,  indem  er  bei  dem  gegenwärtigen
Streben,  die  Empfindlichkeit  Frankreichs  zu  schonen  und  Oesterreich  zu
verbinden,  den  günstigsten  Augenblick  zu  solchen  Unterhandlungen  gegeben
erachte.  Die  Einladung  in  München  habe  er  jedoch  Bismarck  überlassen.
Nachdem  er  von  dort  erfahren,  daß  Fürst  Hohenlohe  dilatorisch  geantwortet
  und  die  Absicht  bestehe,  die  Einladung  zu  wiederholen,  auch  wirklich
gestern,  den  29.,  Nachts  11  Uhr  eine  solche  wiederholte  Einladung  an  ihn
durch  Baron  Rosenberg  gelangt  und  vermutlich  derselbe  Auftrag  gleichzeitig
an  Baron  Werthern  ergangen  sei,  habe  er  diese  mündliche  Aufklärung
nötig  erachtet.

Bezüglich  der  Stellung,  welche  die  württembergische  Regierung  zur  Frage
selbst  einnehmen  würde,  fügte  er  bei,  an  der  Punktation  vom  6.  Mai  1867,
die  Angelegenheit,  soweit  möglich,  durch  Vertrag  zu  regeln,  festzuhalten.

Der  Zollvertrag  würde

1.  das  Zollgebiet,

2.  die  Einnahmequellen,

3.  den  Verteilungsmodus
festzustellen  haben.

Als  Einnahmequellen  wären  die  Zölle,  die  Rüben-,  Salz=  und  allenfalls
  Tabaksteuer  anzuerkennen,  Getränkesteuern  dagegen  abzulehnen.  Neue
Steuern  sollen  nur  durch  Vereinbarung  eingeführt  werden  können.

Auf  Gleichheit  der  Verteilung  sei  zu  bestehen.  Ob  der  Vertrag  auf
Zeit,  ob  kündbar  oder  unkündbar  abzuschließen,  lasse  er  noch  dahingestellt.

Im  übrigen:  Beschlußfassung  einer  aus  Volkswahl  hervorgegangenen
Versammlung  zu  übertragen.

Die  Anschauungen  der  Weberschen  Denkschrift  hätten  in  Berlin  übeln
Eindruck  gemacht  und  würden,  wenn  sie  von  Bayern  aufrecht  erhalten
würden,  dessen  Austritt  aus  dem  Zollverein  zur  Folge  haben.  Er  könne
sich  denselben  gleichfalls  nicht  anschließen.  Da  Bismarck  die  Absicht  zu
erkennen  gegeben  habe,  diese  Ministerkonferenzen  noch  vor  seiner  Abreise
nach  Paris  (am  5.  Juni)  abzuhalten,  so  sei  ein  rascher  Entschluß  nötig.
Varnbüler  übergab  eine  bei  der  württembergischen  Instruktion  berücksichtigte.
Zusammenstellung  der  korrespondierenden  Bestimmungen  des  Zollvereinsvertrags
  und  der  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes.
        <pb n="250" />
        238  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Bezüglich  der  Militärverhältnisse  bemerkte  Varnbüler  schließlich,  daß
die  württembergische  Regierung  in  Vorbereitung  eines  Wehrverfassungsgesetzes
  unausgesetzt  tätig,  auch  zur  Ausführung  der  mit  Bayern  angebahnten
Vereinbarungen  bereit  sei  und  hierauf  einen  großen  Wert  lege,  um  allenfallsigen
  späteren  Prätensionen  Preußens  ein  Fait  accompli  entgegensetzen
zu  können.

Fürst  Hohenlohe  sprach  Baron  Varnbüler  für  diese  Mitteilungen
seinen  Dank  aus  und  erkannte  deren  Dringlichkeit  in  dem  Maße  an,  daß
er  sich  entschloß,  den  eben  abgehenden  Postzug  zur  Rückkehr  nach  München
zu  benutzen,  um  noch  heute  Seiner  Majestät  in  den  beiden  zur  Sprache
gebrachten  Angelegenheiten  Bericht  erstatten  zu  können.

Zum  Schluß  betonte  Baron  Varnbüler  den  Wunsch  einträchtigen
Vorgehens  Bayerns  und  Württembergs  und  deutete  an,  wie  wichtig  es
für  Bayern  im  gegenwärtigen  Augenblicke  wäre,  in  Berlin  durch  eine
Persönlichkeit  vertreten  zu  sein,  welche  über  die  häufigen  Schwankungen
der  dortigen  Anschauungen  sichere  Nachrichten  zu  geben  imstande  wäre.

Um  3  Uhr  35  Minuten  waren  Fürst  Hohenlohe  und  Graf  Tauffkirchen
  in  München  zurück  und  übergab  ersterer,  nachdem  er  durch  Baron
Werthern  erfahren  hatte,  daß  eine  weitere  Einladung  zu  Ministerkonferenzen
noch  nicht  an  ihn  gelangt  sei,  noch  am  selben  Abend  zu  Berg  den  anliegenden
  Antrag.  )

Bericht  an  den  König.
München,  30.  Mai  1867.

Auf  telegraphische  Einladung  des  Freiherrn  von  Varnbüler  hat  sich
der  treugehorsamst  Unterzeichnete  heute  früh  zu  einer  vertraulichen  Besprechung
nach  Nördlingen  begeben.

Gegenstand  derselben  war  eine  an  Herrn  von  Varnbüler  bereits  gelangte,
dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  aber  bereits  angekündigte  und  stündlich
von  ihm  erwartete  telegraphische  Einladung  der  preußischen  Regierung  zur
Teilnahme  an  Konferenzen  der  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,
welche  in  den  nächsten  Tagen  in  Berlin  eröffnet  werden  sollen.  Diese
Ministerkonferenz  soll  die  Zollkonferenz  einleiten  und  sich  auf  die  Frage  der
Rekonstituierung  des  Zollvereins  beschränken.  Nach  Varnbülers  Eröffnungen
legt  nicht  bloß  die  württembergische  Regierung  auf  allseitige  Annahme
dieser  Einladung  den  größten  Wert,  sondern  hat  sich  auch  Freiherr  von
Beust  mit  den  Zielen  dieser  Konferenz  unbedingt  einverstanden  erklärt.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt  um  so  mehr  zur  Annahme  der
Einladung  raten  zu  sollen,  als  nach  Artikel  VII  des  Berliner  Friedens

 

1)  Der  nachfolgende  Bericht.
        <pb n="251" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  239

vom  22.  August  1866  eine  Berechtigung  zur  Ablehnung  nicht  besteht  und
überdies  die  Kündigung  des  Zollvereins  zu  befürchten  wäre,  endlich  gerade
der  gegenwärtige  Augenblick,  der  Preußen  wegen  der  gespannten  Verhält—
nisse  zu  Frankreich  Mäßigung  auferlegt,  zu  solchen  Unterhandlungen  höchst
günstig  erscheint.

Ueber  die  Instruktion  des  treugehorsamst  Unterzeichneten  wird  weiterer
Antrag  erfolgen.

Ferner  hat  Freiherr  von  Varnbüler  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
die  anliegende  Note  übergeben,  in  welcher  der  Austausch  der  von  Eurer
Majestät  genehmigten  Ministerialerklärung  vom  6.  d.  M.  von  einer  Aenderung
der  Fassung  des  Artikels  IV  Ziffer  8  abhängig  gemacht  wird,  welche  geeignet
ist,  die  von  Oesterreich  in  der  Eurer  Majestät  vorliegenden  Note  vom
15.  I.  M.  erhobenen  Bedenken  gegen  das  Wort  „Allianz“  zu  beseitigen,  welche
sohin  als  eine  entschiedene  und  durchaus  unbedenkliche  Verbesserung  zu
erklären  ist.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  muß  den  größten  Wert  auf  alsbaldigen
  Austausch  dieser  Ministerialerklärung  legen  und  stellt  demgemäß
den  alleruntertänigsten  Antrag:

Eure  Königliche  Majestät  wollen  genehmigen,  daß  sofort  auf  telegraphischem
  Wege

1.  die  Einwilligung  zur  Teilnahme  an  den  Ministerkonferenzen  unter
der  Bedingung,  daß  dieselben  auf  Angelegenheiten  des  Zollvereins  beschränkt
bleiben,  erteilt  und

2.  der  von  Freiherrn  von  Varnbüler  beantragten  Modifikation  der
Ministerialerklärung  vom  6.  Moi  zugestimmt  werde.

Marginalreskript  des  Königs:

Diese  beiden  Anträge  genehmigt
Schloß  Berg,  30.  Mai  1867.
Ludwig.

„Allerhöchstes  Signat“  vom  30.  Mai  1867.

Ich  bin  bei  Genehmigung  der  zwischen  Bayern  und  Württemberg
gepflogenen  Verhandlungen  sowie  der  nach  Karlsruhe  und  Darmstadt  gerichteten
  Aktenstücke  von  der  wiederholt  von  Ihnen  hervorgehobenen  Voraussetzung
  ausgegangen,  es  sei  die  Einleitung  von  Verhandlungen  zwischen
Süddeutschland  und  Preußen  über  eine  Rekonstituierung  des  Bundes  nicht
von  den  südwestdeutschen  Regierungen  anzuregen  und  werde  keinenfalls
von  Bayern  angeregt  werden,  daß  mir  aber  jetzt  doppelte  Vorsicht  vonnöten
zu  sein  scheint,  da  es  sich  nicht  bloß  um  Wahrung  der  Selbständigkeit
Bayerns,  sondern  im  Hinblick  auf  die  gereizte  Stimmung  Frankreichs  und
        <pb n="252" />
        240  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Oesterreichs  gegen  Preußen  bei  der  auf  Seite  der  ersteren  einmal  bestehenden
und  für  dieselben  maßgebenden,  gleichviel  ob  berechtigten  oder  nicht  berechtigten
  Auffassung  des  Prager  Friedens,  auch  um  Fernhaltung  der  Gefährdung
des  europäischen  Friedens  handelt.

Ludwig.

Schreiben  des  Fürsten  an  die  bayrische  Gesandtschaft
zu  Wien.
München,  30.  Mai  1867.

Die  ausschließend  zu  vertraulicher  Kenntnisnahme  erfolgte  Mitteilung
der  Grundlagen,  über  welche  die  Königliche  Regierung  eine  Einigung  der
süddeutschen  Staaten  bezüglich  ihrer  nationalen  Beziehungen  zum  übrigen
Deutschland  zu  erzielen  sucht,  hat  eine  mündliche  Aeußerung  des  Freiherrn
von  Beust,  welche  die  Königliche  Gesandtschaft  am  12.  Mai  1867  berichtet  hat,
und  eine  wesentlich  weitergehende  Note  des  Kaiserlichen  Kabinetts  vom  15.  I.  M.,
welche  mir  Graf  Trauttmansdorff  vorgelesen  hat,  hervorgerufen.  Die
offene  Darlegung  der  letzteren  macht  der  Königlichen  Regierung  eine  ebenso
offene  Erwiderung  zur  Pflicht.

Weder  die  bayrische  noch  eine  andre  der  süddeutschen  Regierungen  hat
einen  Vertrag  eingegangen,  welcher  sie  in  ihrer  Berechtigung,  ihre  nationalen
Beziehungen  zum  übrigen  Deutschland  nach  eignem  freien  Ermessen  zu  regeln,
irgendwie  beschränkte.  Der  Nikolsburger  Präliminarvertrag  vom  26.  Juli
1866,  auf  dessen  Artikel  II  der  zwischen  Preußen  und  Bayern  am  22.  August
1866  abgeschlossene  Friedensvertrag  in  Artikel  V  Bezug  nimmt,  enthält  eine
solche  Beschränkung  und  namentlich  die  dem  Artikel  IV  des  Prager  Friedens
vom  23.  August  1866  beigefügte  Klausel  1)  nicht.  Er  enthält  keine  Ver- 



1)  Artikel  III  des  Berliner  Friedens  (zwischen  Preußen  und  Bayern)  vom
22.  August  1866:  „Seine  Mjestät  der  König  von  Bayern  erkennt  die  Bestimmungen
des  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  zu  Nikolsburg  am  26.  Juli  1866  abgeschlossenen
Präliminarvertrags  an  und  tritt  denselben,  soweit  sie  die  Zukunft  Deutschlands
betreffen,  auch  seinerseits  bei.“

Artikel  IV  des  Prager  Friedens  vom  23.  August  1866:  „Seine  Mojestät  der
Kaiser  von  Oesterreich  erkennt  die  Auflösung  des  bisherigen  Deutschen  Bundes  an
und  gibt  seine  Zustimmung  zu  einer  neuen  Gestaltung  Deutschlands  ohne  Beteiligung
des  österreichischen  Kaiserstaats.  Ebenso  verspricht  Seine  Majestät,  das  engere
Bundesverhältnis  anzuerkennen,  welches  Seine  Majestät  der  König  von  Preußen
nördlich  von  der  Linie  des  Mains  begründen  wird,  und  erklärt  sich  damit  einverstanden,
  daß  die  südlich  von  dieser  Linie  gelegenen  deutschen  Staaten  in  einen
Verein  zusammentreten,  dessen  nationale  Verbindung  mit  dem  Norddeutschen  Bunde
der  näheren  Verständigung  zwischen  beiden  vorbehalten  bleibt  und  der  eine
internationale,  unabhängige  Existenz  haben  wird.“  Der  Zusatz  der
letzten  acht  Worte  unterscheidet  den  Prager  Frieden  von  dem  sonst  gleichlautenden
Artikel  II  der  Nikolsburger  Präliminarien.
        <pb n="253" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  241

pflichtung,  sondern  nur  den  Ausdruck  der  Berechtigung  der  südwestdeutschen
Staaten,  einen  Staatenverein  unter  sich  zu  bilden.  Wenn  die  Königlich
bayrische  Regierung  sich  bei  den  Friedensunterhandlungen  durch  der  Kaiserlichen
  Regierung  nicht  unbekannte  Umstände  isoliert  und  hierdurch  veranlaßt
  fand,  einen  Allianzvertrag  am  22.  August  mit  Preußen  abzuschließen,
so  hat  sie  hierdurch  die  Verträge  und  insbesondere  den  Prager  Frieden
vom  23.  August,  an  welchem  sie  keinen  Teil  hatte,  sicherlich  nicht  verletzt.

Ueber  die  Frage,  ob  diese  Verträge  mit  den  von  Preußen  zu  Prag
eingegangenen  Zusagen  unvereinbar  sind,  findet  sich  die  Königliche  Regierung
zurzeit  nicht  veranlaßt  eine  Ansicht  auszusprechen,  muß  sich  jedoch  dagegen
verwahren,  daß  dieses  ihr  Stillschweigen  als  Zustimmung  aufgefaßt  werde.
Dagegen  erkennt  die  bayrische  Regierung  die  moralische  Verpflichtung  vollkommen
  an,  bei  ihren  künftigen  Verträgen  mit  Preußen  den  von  dieser
Macht  durch  den  Prager  Frieden  angenommenen  Standpunkt  auch  ihrerseits
  festzuhalten  und  die  volle  Verantwortung,  welche  sie  treffen  würde,
wenn  durch  ihre  Teilnahme  an  einer  Abweichung  von  diesem  Vertrage
europäische  Verwicklungen  hervorgerufen  würden.  Sie  ist  sich  bewußt,
diese  Richtung  bei  ihren  Beziehungen  zu  den  übrigen  deutschen  Staaten
konsequent  und  nicht  ohne  Erfolg  vertreten  zu  haben,  sie  glaubt  derselben
auch  bei  dem  Vorschlage  vom  6.  Mai  treu  geblieben  zu  sein  und  muß  der
Auffassung,  daß  in  diesem  Vorschlage  eine  Abweichung  vom  Prager
Frieden  zu  finden  sei,  mit  Bestimmtheit  entgegentreten.

Daß  durch  vorherige  Bildung  eines  süddeutschen  Staatenvereins  die
Rekonstituierung  Deutschlands  nach  Maßgabe  des  Prager  Friedens  —
also  ohne  Oesterreich  —  erleichtert  worden  wäre,  ist  nicht  zu  bezweifeln.
Der  Grund  des  Nichtzustandekommens  eines  solchen  Vereins  lag  bis  jetzt
in  der  rein  negativen  Haltung  der  württembergischen,  badischen  und  hessischen
  Regierung  und  in  dem  Mangel  jedes  Anklangs  dieser  Idee  im  Volke,
Umstände,  welche  einen  solchen  Versuch  als  vom  Anbeginn  verfehlt  hätten
erscheinen  lassen.  Die  bayrische  Regierung  mußte  sich  deshalb  bis  jetzt
auf  die  teilweise  Einigung  beschränken,  welche  in  den  Beschlüssen  der  Stuttgarter
  Konferenz  Ausdruck  gefunden  hat.

Für  den  demnächst  eintretenden  Fall  nun,  daß  bei  Abschluß  des
Norddeutschen  Bundes  ein  Verein  der  süddeutschen  Staaten  nicht  bestehe,
begegne  ich  zwei  extremen  Ansichten.

Nach  der  einen  wäre  die  Voraussetzung,  unter  welcher  Preußen  eine
beschränkende  Verbindlichkeit  übernommen  habe,  nicht  eingetreten,  habe  also
Preußen  nun  unbeschränkte  Befugnis,  sich  vertragsmäßig  mit  den  südwestdeutschen
  Staaten  nach  Belieben  zu  verbinden.

Nach  der  andern  wäre  die  Bildung  eines  süddeutschen  Staatenvereins

Vorbedingung,  ohne  welche  jede  nationale  Annäherung  der  süddeutschen
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  I  16
        <pb n="254" />
        242  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Staaten  oder  eines  derselben  an  den  Norddeutschen  Bund  einen  Bruch
des  Prager  Friedens  begründe.
Ich  kann  keine  dieser  beiden  Auffassungen  als  richtig  anerkennen.
Der  Artikel  IV  des  Prager  Friedens  enthält  zwei  Hauptsätze:

1.  die  Anerkennung  des  Rechts  der  deutschen  Staaten,  einen  nationalen
Bund  an  Stelle  des  früheren  Deutschen  Bundes  mit  Ausschluß  von  Oesterreich
  zu  bilden,

2.  die  Beschränkung  dieses  Rechts  durch  die  Verpflichtung  Preußens,
den  Staaten  südlich  des  Mains  innerhalb  dieses  Bundes  eine  internationale,
unabhängige  Existenz  zu  lassen.

Der  in  einer  international  unabhängigen  Existenz  einzelner  Staaten
innerhalb  eines  nationalen  Bundes  liegende  Widerspruch  löst  sich  durch
einen  Rückblick  auf  das  frühere  Bundesrecht,  namentlich  Artikel  II  der
Bundesakte  vom  8.  Juli  1815,  1)  welcher  die  Selbständigkeit  der  den
Beschlüssen  der  Bundesversammlung  unterworfenen  einzelnen  Staaten
anerkennt.

Eine  Einigung  der  süddeutschen  Staaten  mit  Norddeutschland  auf  den
Grundlagen,  auf  denen  auch  die  frühere  Bundesakte  beruhte,  ist  demnach
dem  Prager  Frieden  nicht  zuwiderlaufend.  Eine  solche  Einigung  glaubt
die  bayrische  Regierung  auch  ohne  vorherige  Gründung  eines  südwestdeutschen
  Staatenvereins  anstreben  zu  können,  ohne  hierdurch  die  mit  der
Abweichung  von  den  Grundsätzen  des  Prager  Friedens  verbundene  Verantwortung
  auf  sich  zu  laden.

Erachtet  sich  die  Königliche  Regierung  hiernach  vollkommen  berechtigt,
auch  ohne  vorherige  Zustimmung  andrer  Regierungen  auf  dem  von  ihr
betretenen  Wege  vorzuschreiten,  so  mußte  ihr  doch  der  Rat  der  Kaiserlichen
  Regierung,  eine  rein  zuwartende  Stellung  einzunehmen,  die  Verpflichtung
  auferlegen,  die  Frage  der  Opportunität,  der  tatsächlichen
nationalen  und  politischen  Rücksichten  wiederholt  und  reiflich  zu  prüfen.
Bayern,  welches  durch  die  Ereignisse  des  letzten  Jahres  aus  Deutschland
sicherlich  nicht  ausgeschieden  ist,  hat  die  nationale  Pflicht  und  Aufgabe,
das  zerrissene  nationale  Band  sobald  möglich  neu  zu  knüpfen.  In  dem
Gefühle  dieser  Pflicht  stimmt  die  Regierung  mit  dem  weitaus  größten  Teile
des  Volks  überein.

Bayern  hat,  wie  aus  dem  Wortlaut  des  Artikels  I  der  Punktation
vom  6.  Mai  1867  erhellt,  nicht  die  Absicht  einer  Initiative  in  dieser
Beziehung,  sondern  glaubt  solche  dem  Norddeutschen  Bunde  überlassen
zu  sollen.

 

1)  „Völkerrechtlicher  Verein  der  deutschen  souveränen  Fürsten  und  freien
Städte“",  B.  A.  1,  2.
        <pb n="255" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  243

Wenn  jedoch  das  Anerbieten  von  solchen  Unterhandlungen  von
Preußen  erfolgte,  so  würde  die  Königliche  Regierung  eine  Weigerung,
diesen  Unterhandlungen  beizutreten,  im  eignen  Lande  nicht  zu  vertreten
imstande  sein.  Doch  gesetzt,  es  gelänge  ihr,  solche  nationale  Regungen
gewaltsam  niederzudrücken,  so  würde  ihr  zweifellos  die  Macht  fehlen,  die
übrigen  südwestdeutschen  Staaten  zu  gleicher  Passivität  zu  bestimmen.  Württemberg,
  Baden,  Hessen  werden  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  unterhandeln.
  Bayern  hat  die  Wahl,  bei  diesen  Unterhandlungen  eine  einflußreiche
  Stellung  einzunehmen  und  Ueberschreitungen  der  durch  die  Verträge
gezogenen  Grenzen  möglichst  zu  hindern,  oder  sich  jedes  Einflusses  auf
diese  Neugestaltung  zu  begeben,  ohne  deshalb  den  möglicherweise  aus  denselben
  entstehenden  Gefahren  zu  entgehen.

Die  materiellen  Interessen  Bayerns  und  des  übrigen  Deutschlands
sind  so  mannigfach  verknüpft,  daß  Bayern  es  auf  eine  Zerreißung  dieser
Bande  nur  im  Falle  der  äußersten  Notwendigkeit  und  immer  mit  Gefahr
für  die  eigne  staatliche  Existenz  ankommen  lassen  könnte.  Die  Königliche
Regierung  demnach  will  und  kann  sich  nicht  von  Unterhandlungen  mit  dem
Norddeutschen  Bunde  über  die  Rekonstituierung  Deutschlands  ausschließen.

Die  Königliche  Regierung,  welche  den  Wunsch  und  das  Streben  einer
Wiederannäherung  Oesterreichs  an  Deutschland  deutlich  genug  manifestiert
hat,  wird  bei  diesen  Unterhandlungen  bestrebt  sein,  alle  nach  ihren  oben
dargelegten  Ansichten  dem  Prager  Frieden  zuwiderlaufenden  Stipulationen,
alle  eine  spätere  friedliche  Annäherung  an  Oesterreich  hindernden  Verträge
fernzuhalten.  Ich  glaube,  daß  die  Kaiserliche  Regierung  das  Gewicht
dieser  Gründe,  daß  sie  die  Gefahr,  welche  in  einem  Ausschluß  Bayerns  aus
Deutschland  für  friedliche  Regelung  der  deutschen  Verhältnisse  und  insbesondere
  für  Regelung  der  Beziehungen  zu  einem  durch  Ausbau  seiner
Verfassung  neu  gekräftigten  Oesterreich  liegen  würde,  kaum  wird  verkennen
können.  Ich  hoffe  demnach,  daß  die  Kaiserliche  Regierung  sich  zu  der
Tätigkeit  der  bayrischen  Regierung  in  dieser  Frage  wenn  nicht  beistimmend,
doch  auch  nicht  hindernd  verhalten  und  es  unterlassen  wird,  der  bayrischen
Regierung  in  Erreichung  ihrer  Ziele  hindernd  in  den  Weg  zu  treten.

Um  übrigens  jede  Mißdeutung  des  in  Artikel  IV  Ziffer  8  der  Punktation
vortommenden  Worts  „Allianz“  zu  beseitigen,  sind  die  bayrische  und  die
württembergische  Regierung  über  eine  andre,  das  Wort  vermeidende
Fassung  dieser  Stelle  übereingekommen.

Der  Königliche  Gesandte  erhält  den  Auftrag,  dem  Freiherrn  von  Beust
von  dem  Inhalt  dieser  Depesche  in  vertraulichster  Weise  und  mit  dem
ausdrücklichen  Ersuchen  Kenntnis  zu  geben,  dieselbe  als  ausschließend  für
die  Kaiserliche  Regierung  bestimmt  und  zu  weiterer  Mitteilung  nicht  geeignet
  erachten  zu  wollen.
        <pb n="256" />
        244  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Gemäß  den  vorstehenden  Verhandlungen  wurde  die  Fassung  von
Artikel  IV  Ziffer  8  der  Ministerialerklärung  vom  6.  Mai  dahin  geändert:

„Dem  Bundesvertrage  ist  die  dem  Artikel  71  des  Entwurfs  der  Verfassung
  des  Norddeutschen  Bundes  nachgebildete  Bestimmung  beizufügen,
daß  eine  der  Gemeinsamkeit  der  Nationalität  entsprechende  Verbindung  mit
Oesterreich  anzustreben  sei,  sofern  solche  nicht  gleichzeitig  mit  Abschluß  des
Bundesvertrags  zu  erreichen  ist.“

In  dieser  Form  wurde  der  Vertrag  am  31.  Mai  1867  vollzogen,
gleichzeitig  mit  ihm  die  folgende

„Besondere  Uebereinkunft"

über  gemeinsames  Vorgehen  Württembergs  und  Bayerns  bei  den  Unterhandlungen
mit  dem  Norddeutschen  Bunde.

J.

Für  den  Fall,  daß  das  Erfordernis  der  Einstimmigkeit  zu  Abänderungen
der  Bundesgesetze  nicht  durchzusetzen  ist,  soll  darauf  bestanden  werden,
daß  zur  Aenderung  einer  Bestimmung  des  Bundesvertrags  bei  Annahme
des  in  Artikel  IV  Ziffer  3  der  Ministerialerklärung  vorgesehenen  Stimmenverhältnisses
  eine  Majorität  von  drei  Vierteilen  erforderlich  sein  soll.

II.

Es  soll  darauf  bestanden  werden,  daß  der  Anteil  der  Bundesglieder
an  dem  Rechte  der  Bundeskriegserklärung,  die  Vertretung  der  Zollvereinsinteressen
  durch  Generalkonsulate  und  die  nach  Verhältnis  ihres  Wertes
für  die  einzelnen  Bundesländer  zu  regelnde  Beisteuer  zur  deutschen  Marine
durch  Vertrag  festgestellt  werden.

III.

Auch  mit  dem  Fürsten  von  Liechtenstein  wird  die  bayrische  Regierung
über  die  Stellung,  welche  er  in  dieser  Frage  einzunehmen  gedenkt,  ins
Benehmen  treten.

Aufzeichnung  des  Fürsten  über  die  Ministerkonferenz
am  3.  Juni  1867  in  Berlin.

Nachdem  ich  gestern  um  5  20  Uhr  von  München  abgereist  war,  kam
ich  heute  um  12  Uhr  in  Berlin  an.  Graf  Montgelas  empfing  mich  auf
dem  Bahnhofe  und  begleitete  mich  nach  dem  Hotel  de  Rome,  wo  ich  sofort
  eine  Einladung  zu  einer  um  2  Uhr  stattfindenden  Ministerkonferenz
vorfand.  Zuvor  kam  Baron  Varnbüler  und  teilte  in  allgemeinen  Grundzügen
  den  Stand  der  Sache  mit  und  die  Vorschläge  der  preußischen
Regierung.  Um  2  Uhr  fuhr  ich  mit  Ministerialrat  Weber  zum  Grafen
Bismarck.  Dort  fanden  wir  die  Minister  von  Varnbüler,  Dalwigk  und
        <pb n="257" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  245

Freydorf  sowie  die  Geheimräte  Delbrück  und  Philipsborn,  dann  den
Legationsrat  von  Nordeck,  der  mit  Freydorf  gekommen  war.

Bismarck  leitete  die  Verhandlungen  mit  einem  kurzen  Vortrag  ein  und
gab  uns  das  Protokoll,  welches  den  Standpunkt  der  Regierung  kennzeichnet.
Ich  ergriff  sofort  das  Wort,  bemerkte,  daß  ich  gekommen  sei,  um  die
Bereitwilligkeit  der  bayrischen  Regierung  zu  bekunden,  sich  an  den  Verhandlungen
  über  die  Rekonstruktion  des  Zollvereins  zu  beteiligen,  obgleich
ich  von  dem  Programm  und  Plan  des  Gegenstands  der  Verhandlungen
gar  keine  Kenntnis  gehabt  habe,  müsse  aber  bemerken,  daß  der  Standpunkt
der  preußischen  Regierung,  wie  er  in  dem  Protokoll  ausgesprochen  sei,
durchaus  nicht  mit  den  Ansichten  der  bayrischen  Regierung  übereinstimme.
Der  Eintritt  unfrer  Abgeordneten  in  das  Norddeutsche  Parlament  sei
eine  Einrichtung,  die  bei  uns  auf  keine  Zustimmung  rechnen  könne.  Hierauf
fragte  Baron  Varnbüler,  wie  denn  die  preußische  Regierung  sich  das
legislative  Organ  zusammengesetzt  denke,  worauf  Bismarck  erwiderte:
analog  dem  früheren  Bundestag  werde  die  Einteilung  der  Stimmen  in
dem  Bundeszollrat  sein.  Das  legislative  Organ  sei  eine  dem  Norddeutschen
  Reichstage  analoge  Körperschaft,  gewählt  aus  direkten  Wahlen,
ein  Abgeordneter  auf  100  000  Einwohner.  Die  Kompetenz  sei  bestimmt
durch  die  Verträge.  Er  erkläre,  daß  wenn  wir  Bedenken  trügen,  dem
Zollparlament  zuzustimmen,  Preußen  vorziehe,  daß  wir  in  Süddeutschland
  ein  eignes  Zollgebiet  bildeten,  das  sich  dann  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde  und  dem  Norddeutschen  Zollverein  auf  möglichst  guten
Fuß  setzen  könne.  Preußen  werde  aber  nicht  von  dem  Projekte  abgehen.
Die  Auflösung  des  Zollvereins  werde  die  Folge  der  Nichtannahme  sein.
Was  die  Wahl  der  Abgeordneten  betrifft,  so  rät  Bismarck  zu  direkten
Wahlen,  er  überlasse  das  aber  uns  und  empfehle  die  Streichung  der  Diäten.

Ich  führte  nun  aus,  daß  wir  uns  ein  Zollparlament  ganz  anders
gedacht  hätten.  Wir  hätten  eine  Versammlung  im  Auge  gehabt,  welcher
das  Norddeutsche  Parlament  und  die  süddeutschen  Kammern  gewisse  Rechte
abzutreten  hätten,  welche  auf  die  Zoll=  und  Handelsangelegenheiten  Bezug
haben,  nicht  aber  einen  Eintritt  in  das  Norddeutsche  Parlament.  Nachdem
  Varnbüler  und  Freydorf  sich  für  die  preußischen  Vorschläge  erklärt
hatten  und  Dalwigk  bemerkt  hatte,  daß  ihm  wohl  auch  nichts  andres  übrig
bleiben  werde,  als  zuzustimmen,  hob  Bismarck  noch  einmal  die  Vorteile
hervor,  die  ein  Zollvereinsparlament  vor  der  bisherigen  Einrichtung  haben
werde.

Ich  gab  zu,  daß  bezüglich  der  reinen  Zollangelegenheiten  solche  Vorleile
  nicht  zu  verkennen  seien,  müsse  jedoch  auf  die  politische  Seite  der
Frage  aufmerksam  machen.  Die  Beschickung  des  Norddeutschen  Parlaments
zum  Zwecke  der  Zollvereinsverhandlungen  werde  uns  nach  und  nach  in
        <pb n="258" />
        246  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

den  Norddeutschen  Bund  führen.  Es  widerstrebe  uns  aber,  uns  indirekt
und  nach  und  nach  da  hineinziehen  zu  lassen.  Wenn  wir  eintreten  wollten,
würden  wir  schon  von  selbst  kommen.  Ich  schlüge  deshalb  nochmals  vor,
eine  besondere  Versammlung  zu  berufen,  der  das  Norddeutsche  Parlament
gewisse  auf  den  Zollverein  bezügliche  Befugnisse  abzugeben  hätte,  ebenso
wie  auch  die  süddeutschen  Staaten  zugunsten  des  Parlaments  auf  ihre
bezüglichen  Befugnisse  verzichten  würden.

Hiergegen  erklärte  sich  Bismarck  ganz  entschieden.  Darin  liege  eine
Auflösung  des  Norddeutschen  Bundes.  So  lieb  ihm  der  Zollverein  sei,
so  könne  er  doch  nicht  den  Norddeutschen  Bund  dem  Zollverein  opfern.
Minister  von  der  Heydt  stimmte  dem  bei.

Bismarck  führte  dann  noch  aus,  daß  wenn  man  gemeinschaftliche  Einrichtungen
  wolle,  man  auch  auf  Teile  seiner  Selbständigkeit  verzichten  müsse.
Er  erkenne  meine  Offenheit  an,  erkläre  aber  hier,  was  er  öffentlich  nicht
sagen  würde,  daß  Preußen  die  süddeutschen  Staaten  nicht  inkommodieren
werde.  Der  preußischen  Regierung  liege  nichts  an  unserm  Eintritt  in
den  Norddeutschen  Bund,  sie  würde  durch  den  Eintritt  von  achtzig  süddeutschen
  Abgeordneten  in  den  Reichstag  nur  in  große  Verlegenheit  kommen.
Varnbüler  meinte,  man  könne  ja  die  Versammlung  „Zollabgeordnetenversammlung“"
  nennen,  und  Dalwigk  erinnerte  an  die  englische  Verfassung.
Der  Reichstag  könne  sich  nach  englischer  Analogie  in  ein  Komitee  verwandeln
  u.  s.  w.  Nachdem  hierüber  kein  weiterer  Beschluß  gefaßt  wurde,
nahm  nun  Bismarck  einen  Konventionsentwurf  vor,  den  er  uns  vorlas.

Hierüber  wurde  bis  abends  ½9  Uhr  diskutiert  und  das  Protokoll
entworfen,  welchem  den  darauffolgenden  Tag  von  Württemberg  und
Baden  zugestimmt,  während  von  mir  eine  besondere  Erklärung  abgegeben
wurde.

Es  ist  keinem  Zweifel  unterworfen,  daß  Preußen  eher  den  Zollverein
aufgeben  als  die  Idee  des  Parlaments  fallen  lassen  wird.  Was  Seine
Maojestät  beschließen  soll,  ist  schwer  zu  raten.  Für  Annahme  spricht  der
Umstand,  daß  von  weiteren  Bundesverfassungsberatungen  abgesehen  werden
kann,  wenn  wir  den  Zollverein  haben,  dann  die  Gefahren,  die  aus  der
Auflösung  des  Zollvereins  entstehen.  Will  der  König  mit  einem  andern
Ministerium  die  Auflösung  des  Zollvereins  versuchen,  so  bin  ich  gern  bereit,
zurückzutreten.

Während  der  Präliminarvertrag  vom  4.  Juni  von  Baden  und  Württemberg
  sofort,  von  Hessen  am  7.  Juni  unterzeichnet  wurde,  erklärte  Fürst
Hohenlohe,  daß  er  diesen  Entwurf  einstweilen  nur  als  einen  preußischen
Vorschlag  betrachten  könne,  über  den  er  die  Erklärung  der  bayrischen
Regierung  vorbehalten  müsse.  In  München  schien  Artikel  7  des  Vertrags
        <pb n="259" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  247

mit  der  Erhaltung  der  Selbständigkeit  des  bayrischen  Staats  unvereinbar.
Nach  diesem  Artikel  sollte  die  gemeinsame  Gesetzgebung  über  Zölle  und
indirekte  Steuern  durch  den  Bundesrat  des  Zollvereins  als  gemeinschaftliches
Organ  der  Regierungen  und  ein  Parlament  als  gemeinschaftliche  Vertretung
der  Bevölkerungen  ausgeübt  werden.  „Die  Uebereinstimmung  der  Mehrheitsbeschlüsse
  beider  Versammlungen,“  sagte  der  Vertrag,  „ist  zu  einem
Vereinsgesetz  erforderlich  und  ausreichend.“  Bayern  widersprach  der  Einrichtung
  einer  gemeinsamen,  den  Einzelstaat  bindenden  Gesetzgebung  in
Zollangelegenheiten,  welche  eine  Mediatisierung  der  Einzelstaaten  zu  bedeuten
schien  und  wünschte  die  Entwicklung  der  gemeinsamen  Angelegenheiten  des
Zollvereins  auf  den  Weg  des  Vertrags  zu  verweisen.

Zur  Vertretung  dieses  Standpunkts  wurde  der  bereits  zum  Gesandten
in  St.  Petersburg  ernannte  Graf  Tauffkirchen  am  14.  Juni  noch  einmal
nach  Berlin  gesandt.  Er  hatte  in  dem  entscheidenden  Punkte  keinen  Erfolg,
erreichte  aber  zweierlei:  daß  Bayern  im  Zollbundesrate  sechs  statt  vier
Stimmen  führen  solle  und  daß  bei  Verhandlungen  mit  Oesterreich  und  mit
der  Schweiz  Vertreter  der  angrenzenden  Staaten  zugezogen  werden  sollten.
Auch  wurde  für  die  gesetzgebende  Versammlung  der  Name  „Zollparlament"
vereinbart.  Mit  einem  diese  Bestimmungen  enthaltenden  Protokolle  wurde
der  Vertrag  vom  4.  Juli  vollzogen.  Die  Unterzeichnung  des  definitiven
Zollvereinsvertrags  durch  die  Vertreter  aller  Mächte  fand  zu  Berlin  am
8.  Juli  statt.

Journal.
München,  18.  Juli  1867.

Heute  nach  dem  Ministerrat  ging  ich  zu  Lutz,  um  ihm  zu  sagen,  daß
es  mit  der  Vakatur  des  Justizministeriums  nicht  mehr  länger  gehe  und
daß  ich  mich  entschlossen  hätte,  ihn  in  Vorschlag  zu  bringen.  Er  war
davon  angenehm  berührt,  riet  aber,  die  Sache  noch  bis  zur  Rückkehr  des
Königs  von  Paris  1)  zu  verschieben.  Ich  glaube,  er  fürchtete,  man  könne
ihn  dann  um  seine  Reise  nach  Paris  bringen.  Er  klagte  dann  über  den
Minister  des  Innern  und  versicherte  mir,  daß  es  nicht  mehr  länger  mit
ihm  gehe.  Die  Abgeordneten  machten  sich  über  ihn  lustig  und  die  Angelegenheit
  mit  dem  Bürgermeister  von  Nürnberg  breche  ihm  beim  König
den  Hals.  Dort  war  ein  Herr  von  Wächter  Bürgermeister.  Diesen  schlug
Pechmann  dem  König  als  Regierungsdirektor  vor.  Der  König  sagte,  er
wolle  nicht,  denn  dann  werde  in  Nürnberg  ein  Radikaler  gewählt  und  es
entstünden  Schwierigkeiten  wegen  der  Bestätigung.  Pechmann  insistierte
und  behauptete,  es  würde  jedenfalls  ein  Konservativer  gewählt,  und  dann

 

1)  König  Ludwig  reiste  am  20.  Juli  nach  Paris  und  kehrte  am  29.  zurück.
        <pb n="260" />
        248  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

gab  der  König  nach.  Nun  zeigt  es  sich,  daß  die  Nürnberger  einen  sehr
fortschrittlich  gesinnten  Herrn  von  Stromer  wählen  wollen  und  daß  die
Behauptungen  Pechmanns  aus  der  Luft  gegriffen  sind.  Wir  stimmten
beide  in  dem  ungünstigen  Urteil  über  Pechmann  überein  und  Lutz  versichert,
daß  Pfeufer  Aussicht  habe,  Minister  des  Innern  zu  werden.  Auf  diese
Art  erreiche  ich  meinen  Zweck.  Schließlich  fragte  ich  ihn  noch,  wie  es
mit  meinem  Antrag  wegen  Hegnenberg-Dux  stehe  und  erhielt  die  erfreuliche
  Nachricht,  daß  der  König  nichts  dagegen  einzuwenden  habe,  so  hoffe
ich,  Graf  Hegnenberg  zum  Gesandten  in  Berlin  zu  bekommen.  Den  Antrag
  wegen  der  Uebertragung  des  Justizministeriums  an  Lutz  werde  ich
also  jetzt  ins  reine  schreiben  und  dem  König  geben,  sobald  er  von
Paris  zurückkommt.

In  das  „Programm“  des  Fürsten,!)  welches  die  Genehmigung  des
Königs  und  der  im  Amite  bleibenden  Minister  gefunden  hatte,  war  auch
die  „einheitliche  Leitung  des  gesamten  Sicherheitsdienstes“  als  zu  erreichendes
  Ziel  vorgesehen.  Auf  eine  Anfrage  des  Ministerpräsidenten
nach  dem  Stande  der  Arbeiten  für  die  Vorbereitung  dieser  Reform  erwiderte
  der  Minister  des  Innern  Freiherr  von  Pechmann  am  11.  Juli  1867,
daß  „der  vielfach  angeregten  Umgestaltung  des  Gendarmeriekorps  in  ein
Zivilinstitut  dermalen  und  für  die  nächste  Zukunft  die  erheblichsten  Bedenken
und  Schwierigkeiten  entgegenständen",  daß  sich  insbesondere  die  Gewißheit
ergeben  habe,  „daß  im  Falle  der  Vornahme  dieser  Umgestaltung  der
Gesamtaufwand  für  die  Gendarmerie  (gegenwärtig  1500000  Gulden)  nicht  unbeträchtlich
  zu  erhöhen  und  gleichwohl  die  periodische  Ergänzung  des  Mannschaftsstandes
  aufs  äußerste  gefährdet  sein  würde".  Der  Minister  hatte
sich  danach  für  ein  System  entschieden,  nach  welchem  die  Gendarmerie  ein
militärisches  Institut  bleiben,  Offiziere  und  Mannschaften  dem  Militärstande
  angehören  und  unter  militärischer  Disziplin  und  Gerichtsbarkeit
stehen,  in  bezug  auf  die  ihnen  zugewiesenen  Zivildienstleistungen  aber  in
ein  „unmittelbares  Verhältnis  zu  den  Polizeibehörden“  gebracht  werden
sollten.  Die  administrative  Leitung  der  Gendarmerie  sollte  von  dem  Kriegsministerium
  auf  das  Staatsministerium  des  Innern  übergehen  und  in
dessen  Budget  der  Gesamtaufwand  für  die  Gendarmerie  eingestellt  werden.
Der  Minister  berief  sich  für  diese  Ordnung  des  Gendarmeriedienstes  auf
das  Vorbild  Preußens  und  die  dort  und  in  andern  Staaten  gemachten
Erfahrungen.

Fürst  Hohenlohe  wendete  sich  gegen  dieses  Projekt  in  dem  folgenden,
eigenhändig  konzipierten  Schreiben  an  den  Minister  des  Innern.

 

1)  Siehe  Seite  186.
        <pb n="261" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  249

München,  21.  Juli  1867.

Der  Unterzeichnete  hat  die  schätzbare  Note  Seiner  Exzellenz  vom
11.  d.  M.  empfangen  und  beehrt  sich,  dafür  seinen  verbindlichsten  Dank
auszusprechen.

Er  bedauert  jedoch,  mit  der  hiernach  in  Aussicht  stehenden  Maßregel
sein  Einverständnis  nicht  erklären  zu  können.  Die  vollständige  Reorganisation
der  Gendarmerie  ist  eine  absolute  Notwendigkeit,  wenn  das  in  Angriff
genommene  Werk  innerer  Reformen  in  allen  Richtungen  mit  Erfolg  ausgeführt
  werden  soll;  sie  ist  deshalb  ein  Postulat  der  Politik  im  allgemeinen,
und  eben  deshalb  glaubt  der  Unterzeichnete  auch,  indem  er  die  Feststellung
der  Detailbestimmungen  und  die  Gestaltung  der  Einrichtung  an  sich  als
selbstverständlich  lediglich  zum  Ressort  des  Königlichen  Staatsministeriums
des  Innern  gehörig  unberührt  läßt,  bei  der  Entscheidung  über  das  Grundprinzip,
  welches  bei  der  Reform  zu  befolgen  sein  wird,  wesentlich  beteiligt
zu  sein  und  erlaubt  sich  deshalb,  auf  die  Frage  näher  einzugehen.

Die  schätzbare  Note  von  11.  d.  M.  läßt  im  Eingang  ersehen,  daß  auch
Seine  Exzellenz  der  Staatsminister  des  Innern  Freiherr  von  Pechmann
die  Umgestaltung  der  Gendarmerie  in  ein  Zivilinstitut  als  das  wahrhaft
Richtige  ansehen.  Der  Unterzeichnete  teilt  nicht  nur  diese  Ansicht,  sondern
er  ist  vollständig  überzeugt,  daß  die  Regierung  mit  einer  andern  Maßregel
  gar  nicht  in  die  bevorstehende  Budgetberatung  eintreten  kann,  daß  jeder
Versuch,  die  Gendarmerie  als  einen  Teil  des  Militärstands  zu  erhalten,
die  ganze  Reform  nutzlos  machen  und  überdies  ein  völlig  aussichtsloser
sein  würde,  welcher  der  Regierung  eine  eklatante  Niederlage  in  der
Kammer  wie  in  der  öffentlichen  Meinung  bereiten  müßte.  Daß  der  Beseitigung
  dieses  Militärverbands,  insbesondere  aber  der  Abschaffung  der
militärischen  Offiziere  große  Schwierigkeiten  entgegengestellt  werden  würden,
hat  sich  der  Unterzeichnete  nie  verhehlt,  allein  gerade  dieser  letztere  Punkt
ist  es,  bei  dem  die  Reform  des  Instituts  vor  allem  anfangen  muß;  denn
er  ist  es  zumeist,  welcher  verhindert,  daß  die  Gendarmerie  den  berechtigten
Anforderungen  entspricht.  Es  ist  eine  so  große  Anomalie,  die  zum  Polizeidienste
  und  zur  Ausführung  der  Befehle  der  Verwaltungsbehörden  bestimmten
  Organe  unter  das  Kommando  von  Vorgesetzten  zu  stellen,  welche
der  Sache  völlig  fremd  sind,  vom  Polizeiwesen  gar  keine  Kenntnis  haben,
nicht  die  mindeste  Erfahrung  im  Sicherheitsdienste  besitzen  und  den  Verwaltungsbehörden
  nicht  subordiniert  sind,  daß  nur  die  gewichtigsten  Gründe
eine  solche  in  sich  selbst  widersprechende  Einrichtung  motivieren  könnten.

Diese  Gründe  kann  nun  der  Unterzeichnete  nirgends  auffinden.

Weshalb  das  Hinwegfallen  des  sehr  teuren  Apparats  eines  Gendarmeriekerpskommandos
  und  einer  Anzahl  von  Stabsoffizieren  die  Kosten  der
Gendarmerie  vermehren  soll,  ist  nicht  wohl  abzusehen.  Aber  selbst  wenn
        <pb n="262" />
        250  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

die  Kosten  der  Gendarmerie  durch  Organisation  derselben  als  Zivilinstitut
auf  das  Doppelte  steigen  würden,  so  würde  die  Kammer  jedenfalls  für
eine  richtig  reorganisierte  Gendarmerie  eher  drei  Millionen  zahlen  als  für
das  gegenwärtige  Institut  auch  nur  eine  halbe  Million  bewilligen.  Daß
aber  die  bisherige  Ergänzung  der  Gendarmerie  nicht  gerade  das  beste
Material  zuführt,  daß  vielmehr  vielfach  junge,  unerfahrene,  mehr  dem
Lebensgenusse  als  dem  Dienste  ergebene  Soldaten  nicht  die  richtige  Schutzmannschaft
  sind,  darüber  herrscht  im  ganzen  Lande  nur  eine  Stimme.
Wenn  übrigens  die  Ergänzung  der  Gendarmerie  bisher  so  schwierig  war,
so  ist  dies  erfahrungsgemäß  gerade  die  Abneigung  brauchbarer  Elemente,
sich  unter  das  Kommando  von  Militäroffizieren  zu  stellen  und  mit  Exerzieren
  und  andern  für  den  Sicherheitsdienst  völlig  unnötigen  militärischen
Uebungen  und  Dienstleistungen  behelligt  zu  werden.

Die  militärische  Organisation  der  Gendarmerie  reduziert  sich  nach  der
beabsichtigten  Reform  auf  die  Beibehaltung  der  militärischen  Disziplin,
die  Militärgerichtsbarkeit  und  die  Besetzung  der  Offizierstellen  mit  Linienoffizieren,
  obwohl  auch  in  dieser  Beziehung  eine  Konzession  an  das  von
dem  Unterzeichneten  vertretene  Prinzip  durch  die  in  Aussicht  gestellte  Beförderung
  von  tüchtigen  Brigadiers  gemacht  wird.  Die  militärische  Disziplin
  kann  selbstverständlich  bleiben,  ohne  daß  die  Gendarmerie  dem
Militärstande  angehört;  es  ist  hier  nur  auf  die  Grenzzollwache  zu  verweisen.
  Die  Militärgerichtsbarkeit  ist  um  so  unmöglicher  aufrechtzuerhalten,
  als  sie  künftig  auch  bei  dem  Heere  auf  ein  Minimum  beschränkt  sein
wird.  Es  kann  sich  daher  nur  noch  fragen,  ob  die  Offiziere  zur  Polizei
oder  zum  Militärstande  gehören  sollen.  Diese  Frage  ist  aber  durch  die  gar
nicht  zu  umgehende  Konzession  entschieden,  daß,  „sobald  die  Gendarmerieoffiziere
  auf  Anordnung  des  Ministeriums  des  Innern  oder  einer  Kreisregierung
  zu  Zivildienstleistungen  kommandiert  sind,  dieselben  den  hierbei
erhaltenen  näheren  Anordnungen  pünktlich  Folge  zu  leisten  hätten“.  Jemand
  Gehorsam  gegen  die  Befehle  einer  Stelle  auflegen  zu  wollen,  welche
ihm  nicht  vorgesetzt  ist,  erscheint  aber  ein  innerer  Widerspruch  und  deshalb
völlig  untunlich.  Ob  das  Kriegsministerium  ein  Interesse  daran  haben
kann,  ein  Korps  zu  besitzen,  welches  weder  im  Frieden  noch  in  Kriegszeiten
  zur  Armee  zugewiesen  werden  darf,  und  welches  überdies  „andern
Militärbefehlshabern  als  seinen  speziellen  Vorgesetzten  fernerhin  nicht  mehr
unterstellt  sein  soll“,  also  einen  Staat  im  Staate  bildet,  darf  billig  bezweifelt
werden,  und  endlich  mag  hervorgehoben  werden,  daß  die  Sache  durch
Einstellung  des  Budgets  der  Gendarmerie  in  das  Budget  des  Ministeriums
des  Innern  entschieden  sein  dürfte,  denn  ein  Militärinstitut  auf  das
Budget  des  Zivildienstes  zu  stellen,  kann  wohl  nicht  beabsichtigt,  jedenfalls
  nicht  durchführbar  sein.
        <pb n="263" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  251

Der  Unterzeichnete  ersucht  Seine  Exzellenz  dringend,  die  Frage  nochmals
  in  Erwägung  ziehen  zu  wollen.  Eine  Erkundigung  über  die  Stimmung
  der  Mitglieder  des  Landtags  wird  Seine  Exzellenz  überzeugen,  daß
ein  Projekt  wie  das  in  Betracht  kommende  auch  nicht  die  geringste  Aussicht
  auf  Erfolg  hat,  und  außerdem  würde  der  Unterzeichnete  lebhaft  bedauern,
  wenn  er  bei  Beratung  dieses  Vorschlags  im  Ministerrat  demselben
mit  Entschiedenheit  entgegentreten  müßte.

Journal.
24.  Juli  1867.

Seit  der  Abreise  des  Königs  beschäftigte  mich  zuerst  die  nordschleswigsche
  Frage.  Frankreich  hat  in  Berlin  eine  Mitteilung  machen  lassen,
daß  es  die  Garantieforderung  wegen  der  Deutschen  seitens  Preußens!)
nicht  für  begründet  halte.  Thile  ist  darüber  beunruhigt.  Die  Antwort  von
Dänemark  an  Preußen  in  derselben  Sache  lautet  ausweichend,  doch  schließt
sie  eine  Verständigung  nicht  aus.  Es  wäre  klug,  wenn  Preußen  die  Sache
nicht  auf  die  Spitze  treiben  wollte.  Ich  habe  dies  Werthern  gesagt  und
ihn  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  Preußen  sehr  isoliert  bleiben  würde.
Mit  Lesourd,  dem  französischen  Legationssekretär,  habe  ich  auch  in  dieser
Sache  gesprochen  und  zur  Vorsicht  geraten.

In  der  Zwischenzeit  ist  die  Reise  des  Sultans  durch  Bayern  aufgetaucht
  und  machte  mir  viel  zu  tun.  Anfragen  in  London  und  Paris
führten  zu  dem  Resultat,  daß  der  Sultan  am  25.  in  Nürnberg  übernachten
  werde.  Ich  beantragte  sofort  beim  König,  er  möge  einen  königlichen
  Prinzen  abordnen,  um  den  Sultan  zu  begrüßen,  und  mich  ebenfalls
absenden.  Dies  wurde  genehmigt.  Ich  telegraphierte  nun  an  Ferad
Pascha  nach  Aachen  und  zeigte  ihm  dies  an  und  offerierte  ein  Souper.
Die  Antwort  lautete,  daß  der  Sultan  das  Souper  nicht  annehme,  da  er
die  Stunde  seiner  Ankunft  nicht  bestimmen  könnte,  dagegen  sich  freuen
würde,  den  Prinzen  zu  sehen.  Von  Graf  Pückler  aus  Koblenz  kam  die
Liste  der  vierzig  hoffähigen  Türken,  die  an  dem  Souper  teilzunehmen  hätten.
So  war  nun  alles  zur  Reise  bereit,  und  Hof  und  Stall  wurden  in  Bewegung
  gesetzt,  das  Nötige  nach  Nürnberg  zu  schaffen.

25.  Juli.

Nachdem  die  Vorbereitungen  soweit  getroffen  waren,  machte  ich  mich
heute  früh  auf  den  Weg  zur  Eisenbahn,  die  Tasche  voll  Telegrammen  an

 

1)  Am  18.  Juni  hatte  Preußen  durch  eine  Note  seines  Gesandten  in  Kopenhagen
  „die  nötigen  Garantien  für  den  Schutz  der  Deutschen“  und  die  Uebernahme
eines  Teils  der  Schuld  der  Herzogtümer  für  die  Voraussetzung  der  im  Prager
Frieden  (Artikel  5)  vorgesehenen  Rückgabe  der  nördlichen  Distrikte  von  Schleswig  an
Dänemark  erklärt.  Dies  führte  zur  Einmischung  Frankreichs.
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        252  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

die  Regierungspräsidenten,  Stadtkommandanten  u.  s.  w.,  die  ich  dem
Prinzen  Adalbert  zur  Genehmigung  vorlegte  (er  war  zur  rechten  Zeit
auf  der  Eisenbahn)  und  dann  absandte.  Um  6  Uhr  stieg  ich  zum  Prinzen
in  den  Salonwagen.  Wir  unterhielten  uns  ganz  gut.  Der  Prinz  ist
recht  angenehm  und  war  äußerst  liebenswürdig.  Seine  politischen  Ansichten
  zeugen  von  vielem  Verständnis.

In  Gunzenhausen  wollte  ich  eine  Tasse  Kaffee  trinken,  fand  aber  auf
dem  Weg  zur  Restauration  den  Revierförster  Geiger  und  mußte  deshalb,
da  ich  denselben,  der  halb  blind  war  und  seiner  Augen  wegen  nach  Nürnberg
  reiste,  nicht  vom  Platz  bringen  konnte,  wieder  hungrig  einsteigen.
Hier  fand  ich  nun  den  Prinzen  vor  einem  Haufen  von  zwölf  Würsteln,
vielem  Brot  und  einer  Maß  Bier.  Er  aß  alle  zwölf  Würsteln!  Mir
wurde  ganz  flau  vom  Zusehen.  Um  12  Uhr  waren  wir  in  Nürnberg.
Den  offiziellen  Empfang  hatten  wir  uns  verbeten.  So  war  außer  dem
Eisenbahnpersonal  in  Uniform  niemand  da.  Der  Prinz  lud  mich  ein,
mich  zu  ihm  in  den  Wagen  zu  setzen.  Das  Volk  begrüßte  uns  mit  sehr
freundlichen  Hochrufen.  Der  Prinz  war  über  diese  Manifestationen  sehr
erfreut.

Um  1  Uhr  war  Diner,  dem  die  Generalität  beiwohnte.  Nach  Tisch
war  Siesta,  wie  der  Prinz  es  nennt.  Um  4  Uhr  besahen  wir  das  Schloß.
Als  der  Prinz  sich  aber  zu  tief  in  die  Marterkammern,  unterirdischen
Gänge  u.  s.  w.  vertiefte,  verlor  ich  mich  mit  Moy  1)  und  machte  einen
Spaziergang  durch  die  Stadt,  die  auffallend  belebt  war.  Ganz  Franken
war  hierher  mit  der  Eisenbahn  gekommen.  Als  wir  wieder  auf  die  Burg
in  unfre  Wohnung  kamen,  erhielten  wir  die  Nachricht,  daß  der  Sultan
um  10  Uhr  abends  ankommen  werde.

Demgemäß  wurde  die  Abfahrt  von  der  Burg  um  9  Uhr  festgesetzt.
Moy  und  Graf  Kreith  fuhren  voraus.  Ich  mit  dem  Prinzen  in  einem
Galawagen  nach.

Die  Straßen  waren  voll  von  Menschen,  Kopf  an  Kopf.  Wir  warteten
im  königlichen  Salon.  Pünktlich  um  10  Uhr  wurde  das  Zeichen  gegeben,
daß  der  Zug  nahe.  Bald  kam  er  unter  atemloser  Spannung  der  Menge
herein.  Die  Musik  fing  an  zu  spielen.  Der  Zug  konnte  lange  nicht  auf
den  richtigen  Platz  kommen,  um  dem  Sultan  das  Aussteigen  auf  dem
Teppich  vor  dem  Prinzen  zu  ermöglichen.  Unterdessen  hatte  das  Publikum
  die  Dächer  der  Waggons  erklettert,  um  das  Aussteigen  mitanzusehen,
zum  großen  Aerger  des  türkischen  Gesandten  in  Berlin,  der  früher  ausgestiegen
  war  und  dem  diese  Nürnberger  Rücksichtslosigkeit  sehr  mißfiel.

Endlich  konnte  der  Wagen  geöffnet  werden.  Der  Sultan,  ein  kleiner

 

1)  Oberzeremonienmeister  von  Moy.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  253

Mann  mit  schwarzem  Bart  und  freundlichen  schwarzen  Augen,  stieg  aus,
Der  Prinz  geleitete  ihn  in  den  Salon,  hielt  ihm  dort  eine  stattliche  Anrede
  in  französischer  Sprache,  die  Ferad  Pascha  übersetzte.  Während  der
Anrede  des  Prinzen  kratzte  sich  der  Sultan  den  Bart  und  sah  sehr  gelangweilt
  aus.  Erst  als  ihm  Ferad  die  Rede  übersetzt  hatte,  antwortete  er
sehr  leise,  worauf  der  Prinz  wieder  einige  höfliche  Worte  erwiderte.  Dann
stellte  uns  der  Prinz  dem  Sultan  vor;  als  er  meinen  Namen  nannte,
reichte  der  Sultan  mir  die  Hand,  ich  stand  aber  so  weit,  daß  ich  erst
nach  einem  wie  Bescheidenheit  aussehenden  Zögern  die  Hand  ergreifen
konnte.  Nachdem  die  Vorstellung  beendigt  war,  bestieg  der  Sultan  den
Wagen;  erst  wollte  er  Ferad  im  Wagen  haben,  der  Prinz  aber  drang
sehr  artig  darauf,  die  Ehre  haben  zu  dürfen,  mit  ihm  zu  fahren,  und
Ferad,  der  in  der  Nähe  sein  mußte,  wurde  nun  sofort  von  mir  eingeladen,
in  den  nächsten  zweisitzigen  Wagen  einzusteigen.  Ich  setzte  mich  zu  ihm,  überließ
Graf  Zech,  für  die  kaiserlichen  Prinzen,  die  noch  irgendwo  in  einem  Wagen
sitzengeblieben  waren,  zu  sorgen,  und  wollte  fortfahren  lassen.  Nun  erklärte
  aber  Ferad  Pascha,  der  premier  chambellan  müßte  auch  mit,  so
daß  wir  denselben  zwischen  uns  einklemmten.  Wir  kamen  durch  die  furchtbare
  Volksmenge  endlich  glücklich  im  „Bayrischen  Hof“  an.  Die  Leute  waren
ziemlich  anständig,  johlten  nur  bisweilen  und  guckten  mit  der  größten
Neugierde  in  die  Wagen,  waren  natürlich  desappointiert,  wenn  sie  meine
bayrische  Uniform  statt  des  erhofften  Turbans  zu  sehen  bekamen.

Im  Hotel  ging  der  Prinz  mit  dem  Sultan  in  einen  besonderen
Salon.  Ich  wurde  ebenfalls  eingeladen,  mich  dozu  zu  setzen.  Der  Sultan
saß  auf  einem  Kanapee,  hatte  ein  Bein  untergeschlagen  und  unterhielt
sich  mit  Hilfe  Ferad  Paschas  mit  uns.  Bald  darauf  sagte  der  Prinz:
„Ich  denke,  jetzt  könnten  wir  gehen.“  Worauf  dann  allgemein  Aufbruch
  war.

26.  Juli.

Der  Sultan  hatte  sich  gestern  entschlossen,  in  Nürnberg  bis  heute
Mittag  zu  bleiben.  Wir  konnten  also  ausschlafen,  was  um  so  wünschenswerter
  war,  als  das  Souper  mit  dem  Prinzen  Adalbert  bis  1  Uhr  dauerte.

Heute  früh  kam  die  Nachricht,  daß  König  Otto  )  heute  Nacht  versehen
worden  sei.:)  Das  wird  wieder  viel  zu  tun  geben.

Um  11  Uhr  fuhr  ich  mit  Moy  hinunter.  Wir  besuchten  erst  Ferad
Pascha.  Dann  als  der  Prinz  nachkam,  ging  ich  hinunter,  um  dem  Abschiedsbesuch
  des  Prinzen  beim  Sultan  beizuwohnen.  Der  Sultan  saß  mit
dem  Prinzen  auf  einem  Kanapee.  Eine  Türe,  die  auf  den  Balkon  ging,
war  offen,  so  daß  die  Nachbarn  und  sogar  einzelne  aus  dem  Volk  auf

 

1)  Von  Griechenland,  der  in  Bamberg  residierte.
2)  Mit  den  Sterbesakramenten.
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        254  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

der  Straße  die  Entrevue  mitansehen  konnten.  Der  Prinz  bat  den  Sultan,
einen  Augenblick  auf  den  Balkon  zu  treten,  um  sich  den  Leuten  zu  zeigen.
Es  wurde  dann  etwas  Hoch  gerufen,  doch  mehr  aus  Scherz  als  aus  irgendwelcher
  Sympathie  für  den  Sultan,  die  man  auch  den  Nürnbergern  in
keiner  Weise  zumuten  kann.

Die  Konversation  wurde  wieder  durch  Ferad  Pascha  geführt.  Der
Sultan  hat  ein  blasiertes,  skeptisches,  aber  freundliches  Wesen.  Sehr  viel
Bewußtsein  seiner  Würde.  Er  macht  ganz  den  Eindruck  wie  ein  polnischer
Gutsbesitzer.  Sein  Tarbusch  ist  anders  als  die,  welche  ich  im  Orient  gesehen
  habe.  Es  scheint,  daß  die  Mode  sich  geändert  hat.  Die  jetzigen
roten  Mützen  haben  die  Form  umgestülpter  kleiner  Blumentöpfe  und  sind
sehr  häßlich.  Er  trug  einen  schwarzen  Anzug  wie  ein  protestantischer
Pfarrer,  der  kleine  Prinz  von  zehn  Jahren  ebenso.  Auf  dem  Bahnhof,
wohin  wir  uns  nach  dem  Besuch  begaben,  wurde  der  Kleine  herbeigeholt
und  saß  mit  sehr  ernster  Miene  vor  Prinz  Adalbert.

Hier  dauerte  die  Konversation  noch  geraume  Zeit.  Endlich  kam  die
Meldung,  daß  alles  fertig  sei.  Der  Prinz  begleitete  den  Sultan  bis  an
den  Waggon,  dort  wurde  Abschied  genommen.  Der  Sultan  gab  auch  mir
noch  die  Hand,  stieg  ein,  und  nach  einigem  Zögern  fuhr  der  Zug  ab.  Auf
dem  Weg  vom  Gasthof  zum  Bahnhof  fuhr  ich  wieder  mit  Ferad  Pascha.
Ich  fragte  ihn  nach  seinen  politischen  Eindrücken.  Er  meinte,  man  sei  allgemein
  sehr  friedlich  gesinnt.  Nur  die  schleswigsche  Frage  habe  ihn  etwas
beunruhigt.  Der  König  von  Preußen  habe  sich  aber  in  sehr  friedlicher
Weise  geäußert.  ·

Mir  sagte  er  in  seiner  orientalischen  Manier  viel  Schmeichelhaftes,
daß  er  sich  gefreut  habe,  „un  des  hommes  les  plus  distingués  de  l'Allemagne“
  kennen  gelernt  zu  haben,  wofür  ich  ihm  dann  die  Erwiderung
an  den  Kopf  schleuderte,  daß  ich  sehnlichst  gewünscht  hätte,  „de  faire  la
connaissance  de  Phomme  d’Etat  qui  depuis  bien  des  années  avait  pu
conduire  la  politigue  de  Empire  Ottoman  avec  tant  de  talent  et  de
succès“.  Schließlich  beauftragte  mich  Prinz  Adalbert,  ihm  ein  Telegramm
aufzusetzen,  um  dem  König  das  Resultat  unfrer  Mission  und  die  „remerciments
  sincèeres“  des  Sultans  auszusprechen.

Dann  um  1  Uhr  Diner  und  420  Uhr  Abreise  nach  München,  womit
  diese  sehr  interessante  Episode  schloß.

Von  König  Otto  keine  bessere  Nachricht.

Auf  der  Rückreise  nach  Nördlingen  erhielt  ich  das  Telegramm,  daß
König  Otto  um  6¼  Uhr  Abends  gestorben  sei.

München,  5.  August  1867.

Gestern  war  ich  um  12  Uhr  nach  Berg  zum  König  bestellt.  Ich  fand
auf  der  Eisenbahn  den  reußischen  Gesandten  Herrn  von  Schmertiing,
        <pb n="267" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  255

der  um  dieselbe  Zeit  seine  Audienz  hatte.  In  Starnberg  fanden  wir  eine
offene  Kalesche  vom  Hof,  welche  uns  nach  Berg  brachte.  Herr  von
Schmertzing  war  sehr  erstaunt  über  das  ländliche  Aussehen  des  königlichen
Etablissements.  Die  ganze  Hofhaltung  ist  fast  bürgerlich.  Die  Gänge
wimmeln  immer  von  Spülweibern  und  Mägden,  die  allerlei  Gefäße  tragen.
Sauer!)  empfing  uns  an  der  Treppe.  Während  der  reußische  Gesandte
beim  König  war,  ging  ich  zu  Ministerialrat  Lutz,  um  ihn  über  das  Ministerium
  zu  fragen.  Die  Entlassung  von  Pechmann  scheint  in  den  Hintergrund
  getreten  zu  sein.  Was  den  Justizminister  betrifft,  so  zeigte  er  eine
lange  Liste  aller  nur  irgend  denkbaren  Kandidaten,  die  er  mit  dem  König
besprochen  hat.  Die  Hauptkandidaten  sind  Neumayr,  Steyrer,  Seuffert
und  Metz.  Neumayr  und  Metz  sind  mir  unangenehm,  weil  sie  zu  der
Koterie  der  Ministermacher  gehören.  Steyrer  ist  schwerfällig.  Seuffert
ist  auch  nicht  geeignet.  Die  Abgeordneten,  die  darauf  verzeichnet  waren,
wie  Hohenadel,  Streit,  Stenglein  u.  s.  w.  sind  auch  keine  passenden  Leute;
ich  bleibe  bei  der  Ansicht,  daß  Lutz  der  einzige  ist,  der  mir  paßt.  Er  ist
ein  gescheiter,  energischer  Mann.  In  den  politischen  Ansichten  stimmt  er
mit  mir  überein,  und  im  Ministerrat  werde  ich  an  ihm  eine  Stütze  haben.
Ich  sagte  daher  Lutz,  daß  ich  den  Antrag,  der  ihn  vorschlägt,  dem  König
geben  würde.

Bald  darauf  wurde  ich  zur  Audienz  gerufen.  Der  König  war  sehr
liebenswürdig.  Er  teilte  mir  sofort  mit,  daß  die  Königin  von  Griechenland
  die  Masern  habe,  ich  also  nicht  nach  Bamberg  zu  gehen  brauche.
Dann  kamen  wir  auf  die  griechische  Frage2)  zu  sprechen,  wobei  ich  ihm
Tauffkirchens  Vorschlag  mitteilte,  wonach  die  Sache  in  Petersburg  besprochen
  werden  solle,  womit  er  einverstanden  war.  Er  legt  keinen  Wert
auf  die  ganze  Sache  und  will  sie  fallen  lassen.

Ich  erzählte  ihm  nun,  daß  Napoleon  wegen  der  mexikanischen  Katastrophe
  nach  Salzburg  komme,  las  ihm  einen  Brief  von  Dönniges  vor,
der  über  die  deutschen  Sympathien  des  Kaisers  Napoleon  spricht,  kam
dann  auf  Hegnenberg,  mit  dessen  Ernennung  nach  Berlin  der  König
einverstanden  ist,  3)  auf  die  Reise  Holnsteins  nach  Dessau  und  anderes.  Endlich
  zog  ich  meinen  Antrag  bezüglich  des  Justizministers  vor,  worin  ich
Lutz  in  Vorschlag  bringe.  Ich  fragte,  ob  ich  ihm  denselben  direkt  geben
dürfe,  da  es  sich  wohl  nicht  passe,  ihn  durch  Lutz  selbst  geben  zu  lassen.
Er  war  damit  einverstanden,  sagte  aber,  er  könne  Lutz  nicht  entbehren.

 

1)  Flügeladjutant  von  Sauer.

2)  Finanzielle  Forderungen  des  Königs  Ludwig  I.  an  die  griechische  Regierung
  aus  der  Zeit  der  bayrischen  Herrschaft.

:)  Graf  Hegnenberg-Dux  lehnte  den  Berliner  Posten  ab,  worauf  Freiherr  von
Perglas,  bis  dahin  in  Paris,  nach  Berlin  ernannt  wurde.
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        256  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Worauf  ich  erwiderte,  daß  ich  den  Antrag  als  acquit  de  conscience  geschrieben
  hätte  und  er  ihn  überlegen  möchte.

Beim  Weggehen  sprach  er  noch  über  Paris,  erzählte,  daß  der  Kaiser
ihn  gewarnt  habe,  sich  nicht  zu  tief  mit  Preußen  einzulassen  und  entließ
mich  dann  mit  Grüßen  an  meine  Frau,  der  er  ein  Bukett  schickt.

Ich  ging  dann  wieder  hinunter,  frühstückte  mit  Herrn  von  Schmertzing
und  Sauer  und  fuhr  dann  nach  München  zurück.

Auch  von  Paumgarten  war  die  Rede.  Der  König  glaubte,  Paumgarten
  sei  schon  Gesandter  in  London,  während  ich  ihm  den  Grafen
Hompesch  nannte,  der  auch  gut  angeschrieben  zu  sein  scheint.  Dönniges
nach  Italien  zu  schicken  wäre  ihm  nicht  unangenehm,  doch  sagte  ich  ihm,
daß  ich  mich  noch  näher  erkundigen  würde.

Bericht  an  den  König.
München,  4.  August  1867.

Wenn  es  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  wagt,  eine  Frage  zu  berühren,
  die  dem  Kreise  der  seiner  Amtstätigkeit  zugewiesenen  Gegenstände
fernliegt,  so  wollen  Eure  Königliche  Majestät  diesen  Schritt  durch  die
allergnädigste  Erwägung  entschuldigen,  daß  es  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
  als  Vorsitzendem  des  Königlichen  Ministerrats  obliegt,  diejenigen
Hemmnisse  sofort  zur  Kenntnis  Eurer  Königlichen  Majestät  zu  bringen,
welche  sich  einer  ersprießlichen  Tätigkeit  des  Ministerrats  entgegenstellen.
Zu  solchen  Hemmnissen  muß  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  die  längere
Erledigung  des  Justizministeriums  rechnen,  wenn  er  auch  sehr  wohl  weiß,
daß  einer  früheren  Wiederbesetzung  des  Königlichen  Justizministeriums
unüberwindliche  Schwierigkeiten  entgegenstanden.

Jetzt  aber  naht  sich  im  Gesetzgebungsausschusse  der  Kammer  der  Abgeordneten
  die  Beratung  des  neuen  Zivilprozesses  ihrem  Ende.  Bevor
die  letzte  Feststellung  erfolgt,  sollte  der  verantwortliche  Chef  des  Justizwesens
  denselben  nochmals  prüfen,  um  die  Interessen  der  Regierung  vollständig
  zu  wahren;  bei  den  Verhandlungen  im  Ausschusse  der  Reichsratskammer
  kann  der  Justizminister  ohnedies  nicht  fehlen.  Die  Entwerfung
des  Budgets  ist  nicht  länger  zu  verschieben,  und  es  kann  ein  solches  für
den  Justizdienst  unmöglich  von  einem  andern  endgültig  aufgestellt  werden
als  von  demjenigen,  welcher  es  den  Kammern  gegenüber  zu  vertreten  hat.
Endlich,  so  unbedeutend  an  sich  die  Sache  ist,  macht  doch  der  in  Aussicht
stehende  Juristentag  gleichfalls  eine  baldige  Entscheidung  zum  Bedürfnis,
da  es  sicherlich  eine  für  Bayern  höchst  empfindliche  Kritik  hervorrufen
müßte,  wenn  zur  Zeit  der  Versammlung  das  Justizwesen  eines  obersten
Leiters  entbehren  müßte.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  257

Alle  diese  Gründe  haben  den  treugehorsamst  Unterzeichneten  veranlaßt,
eine  entsprechende  Persönlichkeit  zu  suchen,  welche  er  Eurer  Königlichen
Majestät  zur  Wiederbesetzung  des  Postens  in  Vorschlag  bringen  könnte.
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  die  Wahl  eine  sehr  schwere  ist.  Denn  wenn
auch  vor  allem  von  dem  zu  ernennenden  Justizminister  verlangt  werden
muß,  daß  er  ein  tüchtiger  Jurist  und  Geschäftsmann  und  als  solcher  nicht
bloß  seinen  näheren  Amtsgenossen,  sondern  in  weiteren  Kreisen  anerkannt
sei,  so  glaubt  doch  der  treugehorsamst  Unterzeichnete,  daß  diese  Eigenschaften
allein  nicht  genügen  dürften.

Das  bayrische  Justizwesen  und  die  Justizverwaltung  selbst  bedürfen
einer  durchgreifenden  und  gründlichen  Reform.  Nur  ein  Mann  von
wahrer  Energie,  der  streng  zu  sein  versteht,  ohne  tyrannisch  zu  werden,
wird  die  schwere  Aufgabe  lösen  können,  aber  auch  nur  ein  Mann,  welcher
im  bureaukratischen  Leben  nicht  den  Blick  für  die  Fehler  und  Mängel
seines  Berufsstands  verloren  hat  und  welcher  die  Bedürfnisse  der  Gegenwart
  hinsichtlich  einer  volkstümlichen,  vom  hergebrachten  Schlendrian  befreiten,
  Justizverwaltung  erkennt.

Dies  alles  aber  würde  nach  der  Ansicht  des  treugehorsamst  Unterzeichneten
  nicht  ausreichen,  wenn  der  neue  Justizminister  nicht  zugleich
eine  Persönlichkeit  ist,  welcher  die  Vertretung  des  Landes  mit  Vertrauen
entgegenkommt  und  welche  die  Unterstützung  derselben  zu  finden  hoffen
darf,  um  die  unumgänglich  nötigen  pekuniären  und  disziplinären  Maßregeln
  bei  der  Kammer  durchzusetzen.

Endlich  erfordert  es  wohl  die  allgemeine  politische  Lage,  daß  in  dieser
Hinsicht  Uebereinstimmung  des  in  das  Ministerium  eintretenden  Mannes
mit  den  übrigen  Ministern  stattfinde,  und  ist  es  daher  schon  aus  diesen
Rücksichten  untunlich,  eine  Persönlichkeit  aus  einer  jener  Parteien  zu
wählen,  welche  nach  der  einen  oder  andern  Seite  hin  die  extremen  Ansichten
  vertreten.

Faßt  nun  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  zusammen,  was  nach
seiner  innersten  Ueberzeugung  von  dem  zu  ernennenden  Justizminister  gefordert
  werden  muß,  und  prüft  er  die  möglicherweise  in  Betracht  zu  ziehenden
  höheren  Justizbeamten,  so  muß  er  nach  reiflicher  Ueberlegung  als  den
würdigsten  Kandidaten  den  Ministerialrat  Lutz  bezeichnen.  Da  Eure
Königliche  Majestät  denselben  seit  Jahren  kennen,  wird  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  sich  kurz  zu  fassen  haben  und  kann  wohl  darüber,  daß  in
ihm  ein  Minister  gefunden  wäre,  welchem  die  Wahrung  der  Selbständigkeit
  Bayerns  am  Herzen  liegt,  ebenso  hinweggehen  als  darüber,  daß  derselbe
  die  nötige  Energie  und  Willensstärke  besitzt,  im  Justizwesen  die  gebotenen
  Reformen  durchzuführen.  Was  aber  die  spezielle  Befähigung  im
Justizdienste  betrifft,  so  hat  sich  Herr  von  Lutz  durch  seinen  hervorragenden

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten  1  17
        <pb n="270" />
        258  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Anteil  an  der  Beratung  des  deutschen  Handelsgesetzbuchs  nicht  bloß  in  der
bayrischen,  sondern  in  der  deutschen  Justizwelt  einen  ehrenvollen  Namen
erworben,  und  glaubt  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  noch  besonders
bemerken  zu  müssen,  daß  Ministerialrat  von  Lutz  dem  Koteriewesen  und
den  persönlichen  Beeinflussungen,  welche  sich  in  den  höheren  Beamtenkreisen
  der  Justiz  mitunter  fühlbar  machen  sollen,  fernsteht  und  daher  der
rechte  Mann  wäre,  auch  in  dieser  Hinsicht  durchzugreifen.  Der  treugehorsamst
  Unterzeichnete  verkennt  nicht,  daß  der  Vorschlag,  Eure  Königliche
  Majestät  wollen  einen  so  treuen  und  zuverlässigen  Arbeiter  Allerhöchstihrem
  unmittelbaren  Dienste  entziehen,  eine  nicht  geringe  Anforderung
enthält;  allein  die  Ueberzeugung,  daß  es  das  Interesse  Eurer  Königlichen
Majestät  unabweisbar  verlangt,  den  Posten  des  Justizministers  mit  einem
vollkommen  geeigneten  Manne  zu  besetzen,  legt  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
  die  Pflicht  auf,  dennoch  mit  diesem  alleruntertänigsten  Antrage
hervorzutreten.

Journal.
München,  23.  August  1867.

Nachdem  mir  durch  den  französischen  Gesandten  gestern  der  Wunsch
des  Kaisers  Napoleon  1)  ausgesprochen  worden  war,  mich  hier  auf  dem
Bahnhof  zu  sehen,  und  nachdem  ich  auch  von  dem  König  noch  gestern
Abend  den  Auftrag  erhalten  hatte,  den  Kaiser  und  die  Kaiserin  in  seinem
Namen  zu  begrüßen,  begab  ich  mich  um  /12  Uhr  Mittags  auf  den  Bahnhof,
um  den  Zug  zu  erwarten.

Dieser  kam  um  die  bestimmte  Stunde.  General  Fleury  fragte  gleich,
ob  ich  da  sei,  und  ich  wurde  sodann,  nachdem  der  Schlag  geöffnet  war,
vom  Kaiser  eingeladen,  hereinzusteigen.

Nachdem  der  Kaiser  mich  begrüßt  und  seine  Dankbarkeit  für  Seine
Majestät  den  König  über  den  Empfang,  den  er  in  Bayern  gefunden  hatte,
ausgesprochen,  erwähnte  er,  daß  er  für  Bayern  noch  lebhaftes  Interesse
fühle,  da  er  hier  seine  Jugend  zugebracht  habe.  Ich  benutzte  die  Gelegenheit,
  ihn  daran  zu  erinnern,  daß  er  mir  schon  vor  Jahren  in  Paris
diese  Gesinnungen  ausgesprochen  habe,  als  ich  die  Ehre  gehabt  hätte,  ihm
vorgestellt  zu  werden.

Dann  nahm  er  mich  beiseite  an  eines  der  Waggonfenster  und  begann
  die  politische  Konversation  mit  den  Worten:  „Vous  trouvez  beaucoup
de  difficultes?“  Ich  erwiderte,  daß  allerdings  die  Lage  der  Mittelstaaten
eine  schwierige  sei.  Dazu  komme,  fuhr  der  Kaiser  fort,  noch  die  Presse,

 

1)  Auf  der  Rückreise  von  Salzburg,  wo  vom  18.  bis  23.  August  die  Begegnung
mit  dem  Kaiser  von  Oesterreich  stattgefunden  hatte.  König  Ludwig  hatte  den  Kaiser
am  17.  August  in  Augsburg  empfangen.
        <pb n="271" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  259

worauf  ich  erwiderte:  „La  presse  chez  nous  est  encore  tres  peu
civilisèée.

Lachend  antwortete  er:  „Oui,  chez  nous  aussi  elle  n'est  pas  très
civilisée.“

Dann  fuhr  er  ernsthaft  fort,  er  hoffe,  daß  der  Friede  erhalten  werde.
Er  sei  immer  für  den  Frieden,  die  Menschheit  bedürfe  des  Friedens,  und
der  Gedanke,  daß  die  Vergrößerung  und  Kräftigung  eines  Landes  eine
Drohung  für  einen  Nachbarstaat  sei,  „est  passée  de  mode  .  Viel  hänge
freilich  von  Preußen  ab.  Die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich  sei  leicht
irritiert,  und  es  komme  darauf  an,  ob  Preußen  den  Norddeutschen  Bund
noch  weiter  ausdehnen  wolle.  Ich  erinnerte  nun  daran,  daß  Bismarck
selbst  erklärt  habe,  er  könne  uns  nicht  brauchen.  „Oui,  M.  de  Bismarck,“
antwortete  der  Kaiser,  „am’'a  aussi  parlé  avec  beaucoup  de  modération,
mais,“  fügte  er  lächelnd  bei,  „il  prétend  que  ce  sont  les  Etats  du  midi
qdui  le  forcent  à  aller  plus  loin."“

Ich  erwiderte,  daß  dies  Drängen  nur  von  einer  Partei  ausgehe,  und
daß  man  sich  im  allgemeinen  in  betreff  des  Eintritts  in  den  Norddeutschen
Bund  abgekühlt  habe.

Dann  sagte  er,  indem  er  mich  halb  fragend  ansah:  „e  regrette  que
vous  nD’ayez  pu  former  la  confédération  (oder  union)  des  Etats  du  midi
de  lAllemagne.  Mais  C'était  impossible?“  Ohne  auf  die  Frage
näher  einzugehen,  verwies  ich  auf  die  materiellen  Interessen,  die  uns  mit
dem  Norden  von  Deutschland  verbinden,  und  bemerkte,  daß  die  Abneigung
gegen  einen  Süddeutschen  Bund  zum  Teil  ihren  Grund  in  der  Befürchtung
fände,  daß  dadurch  diese  materiellen  Interessen  geschädigt  werden  könnten.
Er  wiederholte  dann  nochmals  die  Friedensversicherungen,  und  ich  benutzte
die  Gelegenheit,  zu  sagen,  daß  eine  Einigung  von  Oesterreich,  Preußen
und  dem  übrigen  Deutschland  und  eine  Allianz  dieser  Konföderation  mit
Frankreich  jedenfalls  das  beste  Mittel  zur  Erhaltung  des  Friedens  und
zum  Schutze  der  Zivilisation  sei.  Was  der  Kaiser  beifällig  aufzunehmen
schien,  indem  er  sagte:  „Oui,  la  civilisation  est  bien  menacée.“  Er  sprach
noch  von  den  Gefahren  der  sozialen  Bewegung  und  brach  dann  das
Gespräch  ab.

Darauf  kam  die  Kaiserin,  die  mir  von  meinem  Bruder  1)  und  meiner
Schwägerin  in  Salzburg,  von  meiner  Familie  u.  s.  w.  sprach,  und  daran
eine  längere  Unterhaltung  über  die  Urlaube  der  Minister  knüpfte,  bis  der
Kaiser  kam  und  erinnerte,  daß  es  Zeit  sei,  abzureisen.  Er  bedauerte,
nicht  länger  mit  mir  sprechen  zu  können,  trug  mir  auf,  dem  König  seinen
Dank  auszusprechen,  worauf  ich  den  Waggon  verließ.  Mit  mir  war  noch

 

1)  Dem  österreichischen  Obersthofmeister  Prinzen  Konstantin  zu  Hohenlohe.
        <pb n="272" />
        260  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

im  Waggon  gewesen  der  französische  Gesandte  und  seine  Frau,  und  Herr
von  Radowitz,  #)  der  sich  der  besonderen  Gunst  des  kaiserlichen  Hofs
erfreut.

Großherzog  Friedrich  von  Baden  an  den  Fürsten

Hohenlohe.
Karlsruhe,  29.  August  1867.

Seit  Sie  die  Güte  hatten,  mir  zu  schreiben,  ist  eine  so  lange  Zeit
verstrichen,  daß  ich  fast  Anstand  nehme,  noch  auf  die  damals  berührten
Gegenstände  zurückzukommen.  Ein  Dank  kann  aber  nie  zu  spät  kommen,
und  somit  hoffe  ich,  daß  Sie  ihn  auch  heute  noch  freundlich  aufnehmen
wollen.

Eine  gründliche  Veränderung  der  Verhältnisse  hat  aber  inzwischen
stattgefunden  und  die  damals  uns  bewegende  Luxemburger  Frage  hat  bereits
andern  den  Platz  geräumt.

Die  Lage  der  Verhältnisse  von  Südwestdeutschland  hat,  wie  mir
scheint,  eine  Verbesserung  erfahren  durch  Erneuerung  und  Umngestaltung
des  Zollvereins.  Wir  haben  wenigstens  ein  festeres  Band  mit  Norddeutschland
  geschlungen  und  können  daraus  noch  bessere  Verbindungen  in
politischer  Beziehung  entwickeln.

Diese  Aussicht  scheint  mir  einen  wesentlichen  Antrieb  zur  Salzburger
Zusammenkunft  gegeben  zu  haben.  Die  Verhinderung  eines  Bündnisses
zwischen  Südwest=  und  Norddeutschland  bildet,  wie  ich  mich  persönlich
überzeugte,  einen  fortwährenden  Gegenstand  der  Sorge  in  Paris.

Die  Haltung  der  süddeutschen  Regierungen  wird  für  die  weitere  Entwicklung
  der  französisch-österreichischen  Absichten  von  entscheidender  Bedeutung
  werden.  Wir  werden  vielleicht  schon  bald  in  der  Lage  sein,  vorläufige
  Fragen  zu  beantworten,  und  es  treten  daher  von  neuem  die  Aufgaben
  an  uns  heran,  mit  denen  wir  beide  unfre  ersten  geschäftlichen
Berührungen  pflegten.

Im  Hinblick  auf  diese  etwa  bevorstehenden  Aufgaben  schien  es  mir
von  Bedeutung,  Ihre  Aufmerksamkeit  einem  Verhältnis  zuzuwenden,  dessen
Vorzüge  ich  für  so  hervorragend  erachte,  daß  ich  nicht  versäumen  wollte,
Ihnen  die  Möglichkeit  zu  geben,  davon  Nutzen  zu  ziehen.

Als  der  König  von  Württemberg  nach  Paris  reiste,  traf  ich  unterwegs
  mit  ihm  zusammen,  und  da  sprach  er  mir  von  dem  Wunsch,  mit
dem  König  von  Preußen  zusammenzutreffen,  wenn  derselbe  etwa,  wie  gewöhnlich,
  im  Spätsommer  zu  uns  ins  Land  kommen  sollte.  Da  der  König
von  Württemberg  meist  bis  Ende  September  in  Friedrichshafen  residiert,

 

1)  Legationsrat  an  der  preußischen  Gesandtschaft.
        <pb n="273" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  261

so  schlug  ich  ihm  vor,  eine  solche  Begegnung  zu  vermitteln,  insofern  die
Absicht  des  Königs  von  Preußen  sich  realisiere,  den  Geburtstag  der  Königin
Augusta  auf  Schloß  Mainau  zuzubringen.  Ich  versprach  dem  König  von
Württemberg,  ihn  sofort  in  Kenntnis  zu  setzen,  wenn  diese  Pläne  der
preußischen  Majestäten  feststehen.

Es  ist  nun  sehr  wahrscheinlich,  daß  diese  Absichten  sich  erfüllen  werden,
da  der  König  von  Preußen  schon  bald  in  Baden--Baden  erwartet  wird.

Wie  erfreulich  es  wäre,  wenn  der  König  von  Bayern  sich  entschließen
könnte,  diese  Gelegenheit  zu  benutzen,  um  ebenfalls  den  König  von  Preußen
am  Bodensee  aufzusuchen,  bedarf  keiner  Versicherung.  Hingegen  will  ich
nicht  versäumen,  Ihnen  diese  Frage  ans  Herz  zu  legen  und  dabei  die
Versicherung  zu  geben,  daß  ich  mich  glücklich  schätzen  würde,  dem  König
auf  Schloß  Mainau  die  Gelegenheit  dazu  zu  bieten.  Die  Entfernung  von
Hohenschwangau  nach  Lindau  ist  gering,  und  von  Lindau  aus  könnte  der
König  an  einem  Tage  hin  und  zurück  einen  Besuch  auf  Mainau  abstatten.
Es  versteht  sich  aber  von  selbst,  daß  wenn  der  König  auch  länger  bei  uns
vorlieb  nehmen  will,  es  mich  sehr  erfreuen  würde.

Ich  stelle  daher  meine  Vermittlung  sowohl  als  auch  meine  Gastfreundschaft
  Ihrem  Könige  zur  Verfügung  und  würde  mich  freuen,
wenn  Sie  ebenfalls  daran  teilnehmen  wollten.  Ich  glaube  indessen
Ihnen  allein  überlassen  zu  müssen,  ob  Sie  meinen  Gedanken  verwerten
wollen  oder  nicht.  Sie  würden  mich  sehr  verbinden,  wenn  Sie  mir
bald  eine  Andeutung  über  eine  etwaige  Annahme  meines  Vorschlags
geben  wollten,  damit  ich  mich  rechtzeitig  mit  dem  Könige  von  Preußen
in  Verbindung  setzen  könnte.  Der  Geburtstag  der  Königin  von  Preußen
ist  der  30.  September,  und  vorher  gehen  beide  Majestäten  nach  Hohenzollern.


Möchten  Sie  meine  Absicht  nicht  verkennen  und  überzeugt  bleiben
von  der  ausgezeichneten  Verehrung

Ihres  ergebenen
Friedrich,  Großherzog  von  Baden.

Bericht  an  den  König.
Aussee  1.  September  1867.

Eurer  Königlichen  Majestät  beehrt  sich  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
alleruntertänigst  zu  berichten,  daß  er  ein  Schreiben  des  Großherzogs  von
Baden  erhalten  hat,  in  welchem  derselbe  den  Vorschlag  einer  Zusammenkunft
  Eurer  Königlichen  Majestät  mit  den  Königen  von  Preußen  und  von
Württemberg  macht.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  hält  sich  verpflichtet,  dieses  Schreiben
        <pb n="274" />
        262  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

ehrfurchtsvollst  in  Vorlage  zu  bringen.  Eure  Königliche  Majestät  werden
Allerhöchstselbst  am  besten  zu  ermessen  vermögen,  inwiefern  ein  solcher
Vorschlag  Allerhöchstihren  Interessen  entspricht.

Wenn  es  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  erlaubt  ist,  seine  Ansicht
ehrfurchtsvollst  auszusprechen,  so  erlaubt  er  sich  zu  bemerken,  daß  die
Zusammenkunft  mit  dem  Könige  von  Preußen  und  der  Besuch  auf  der
Insel  Mainau  gemeinschaftlich  mit  dem  Könige  von  Württemberg  manche
Vorteile  bietet.

Abgesehen  von  dem  Zweck,  die  freundschaftlichen  Beziehungen  Eurer
Königlichen  Majestät  mit  dem  königlich  preußischen  Hofe  zu  erhalten,
würde  die  Anwesenheit  Eurer  Königlichen  Majestät  bei  der  Zusammenkunft
  der  süddeutschen  Monarchen  einseitige  Verabredungen,  die  den
Intentionen  und  dem  Interesse  Eurer  Königlichen  Majestät  zuwiderlaufen,
  verhindern.

Indem  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  indessen  alles  dem  weisen
Ermessen  Eurer  Königlichen  Majestät  anheimstellt,  bittet  er  um  den
Allerhöchsten  Befehl,  in  welchem  Sinne  er  auf  das  Schreiben  des  Großherzogs
  antworten  soll.

Großherzog  Friedrich  von  Baden  an  den  Fürsten

Hohenlohe.
Karlsruhe,  5.  September  1867.

Aus  Ihrer  heute  erhaltenen  freundlichen  Antwort  vom  1.  September
habe  ich  mit  Dank  entnommen,  daß  Sie  meinen  Vorschlag  gern  aufnehmen.
Ich  beeile  mich  daher,  Sie  in  Kenntnis  zu  setzen,  daß  ein  Brief  des  Königs
von  Preußen  heute  mich  benachrichtigt,  daß  es  ihn  sehr  freuen  werde,
wenn  Seine  Majestät  der  König  von  Bayern  ihn  während  seines  Aufenthalts
  bei  uns  besuchen  wolle.  Dem  Könige  erscheint  Schloß  Mainau
ebenfalls  als  geeignetster  Punkt  für  diese  Begegnung.  Er  wird  wohl  bald
nach  Eröffnung  des  Reichstags  Baden  besuchen,  einige  Tage  dort  bleiben
und  dann  nach  Mainau  kommen.  Die  Tage  stehen  noch  nicht  fest,  werden
aber  wohl  bald  bestimmt  werden,  und  dann  werde  ich  Sie  sofort  davon  in
Kenntnis  setzen.

Nun  aber  habe  ich  noch  die  Frage,  ob  Sie  es  für  richtig  und  der
Sache  förderlich  halten,  wenn  ich  selbst  an  den  König  von  Bayern  schreibe,
um  ihn  einzuladen,  nach  Mainau  zu  kommen.  Ich  würde  in  diesem  Falle
dem  König  sagen,  daß,  da  der  König  von  Württemberg  dorthin  kommen
wolle,  um  den  König  von  Preußen  zu  besuchen,  es  mir  eine  Pflicht  scheine,
ihm  die  Möglichkeit  zu  gewähren,  den  gleichen  Schritt  in  angenehmer
Weise  tun  zu  können  u.  s.  w.  Ich  würde  Ihnen  dankbar  sein,  wenn  Sie
mir  Ihre  Ansicht  darüber  mitteilen  wollten.
        <pb n="275" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  263

Ministerialrat  von  Lutz  an  den  Fürsten  Hohenlohe.
Hohenschwangau,  10.  September  1867.

Einen  Tag  nach  Ihrem  Schreiben  vom  Anfang  dieses  Monats  kam
das  Schreiben  Eurer  Durchlaucht  an  Seine  Majestät  den  König  nebst  dem
beigebogenen  Briefe  des  Großherzogs  von  Baden  dahier  an.  Ich  werde
kaum  Ursache  haben,  Eurer  Durchlaucht  näheres  über  die  Aufnahme  der
Sache  an  der  entscheidenden  Stelle  zu  schreiben.  Daß  ich  gefaßt  darauf
war,  manche  Rede  halten  zu  müssen,  wenn  es  zur  Annahme  der  Einladung
nach  Mainau  kommen  sollte,  werden  Eure  Durchlaucht  ohnedies  sehr  wohl
ermessen  können.  Ich  habe  es  denn  auch  nicht  daran  fehlen  lassen,  alle
Gründe  für  die  Reise  nach  Mainau  ins  Feld  zu  führen  und  so  namentlich
den  Beweggrund,  welchen  Eure  Durchlaucht  mir  an  die  Hand  zu  geben
die  Güte  hatten,  und  welcher  von  der  Rührigkeit  des  Herrn  von  Varnbüler
  hergenommen  ist  —  aber  bis  jetzt  vergebens.  Bis  heute  wurden  jeden
Tag  die  Gründe  für  und  wider  in  Erwägung  gezogen;  die  Gründe  gegen
die  Reise  wurden  aber  von  Seiner  Majestät  mit  so  viel  Schärfe  aufgesucht
und  ward  denselben  so  großes  Gewicht  beigelegt,  daß  ich  heute  endlich
den  Befehl  erhielt,  Eurer  Durchlaucht  zu  schreiben,  Seine  Majestät  zögen
es  vor,  die  Einladung  nach  Mainau  dankend  abzulehnen.  Seine  Mojestät
haben  mir  befohlen,  Eurer  Durchlaucht  folgendes  dabei  zu  sagen:  nach
der  Ansicht  Seiner  Majestät  gehe  aus  der  Zeit  der  Einladung  und  aus
den  Motiven  des  Großherzogs  unzweideutig  hervor,  daß  die  Absicht  dahin
gehe,  mit  der  Zusammenkunft  in  Mainau  eine  politische  Demonstration
gegen  die  Salzburger  Zusammenkunft  zu  machen,  welche  etwa  dahinauslaufe,
  daß  die  süddeutschen  Fürsten  laut  vor  aller  Welt  ihre  Abneigung
gegen  die  Teilnahme  an  einem  französisch-österreichischen  Bündnisse  und
gegen  jede  Einmischung  Frankreichs  und  Oesterreichs  in  die  deutschen
Angelegenheiten,  anderseits  aber  ihr  Festhalten  an  Preußen  und  an  dem
Bestreben  nach  dem  Anschlusse  Süddeutschlands  an  Norddeutschland
dokumentieren  wollten,  alles  dieses  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  daß  dies
von  Frankreich  oder  Oesterreich  übel  vermerkt  werde.  In  welchem  Sinne
eine  solche  Trutzerklärung  von  dem  Großherzoge  aufgefaßt  werde,  dafür
gebe  die  badische  Thronrede  genügenden  Aufschluß.  1)  Nun  sei  zwar  Bayern
sicher  nicht  gewillt,  französisch-österreichische  Bündnisse  zu  suchen,  sondern
wolle  ehrlich  und  treu  an  dem  abgeschlossenen  Bündnisse  festhalten,  aber
auf  den  Standpunkt  des  Großherzogs  könne  sich  Seine  Majestät  deshalb

 

1)  In  seiner  Thronrede  vom  5.  September  hatte  der  Großberzog  gesagt:
„Die  Friedensverträge  haben  .  .Preußen  an  die  Spitze  des  Norddeutschen
Bundes  gestellt  und  den  süddeutschen  Staaten  vorbehalten,  eine  nationale  Einigung
mit  diesem  Bunde  einzugehen.  Mein  Entschluß  steht  fest,  dieser  nationalen  Einigung
unausgesetzt  nachzustreben.“
        <pb n="276" />
        264  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

doch  nicht  stellen,  und  zu  einer  Trutzerklärung  gegen  die  andern  Mächte,
die  Bayern  mehr  als  nötig  an  Preußen  knüpfe  und  letzteres  nur  noch  zu
weiteren  Uebergriffen  ermutigen  werde,  scheine  die  Salzburger  Zusammenkunft
  keinen  genügenden  Anlaß  zu  bieten.  Man  scheine  die  Sache  in
Berlin  selbst  jetzt  ruhiger  zu  betrachten  als  anfangs,  wie  unzweideutig
aus  der  gemäßigten  Sprache  der  offiziösen  Presse  hervorgehe.  Dazu
komme,  daß  in  Mainau  doch  leicht  weitere  Propositionen  gemacht  werden
könnten,  deren  Ablehnung  in  der  Tat  unangenehmere  Folgen  haben  könne
als  die  Vermeidung  der  Gelegenheit  zu  deren  Proposition.

Beifügen  soll  ich,  daß  Seine  Majestät  nichts  dagegen  zu  erinnern
fänden,  sondern  sogar  nicht  ungern  sehen  würden,  wenn  Eure  Durchlaucht
nach  der  Mainau  gingen  und  etwa  den  Herrn  Ministerialrat  von  Völderndorff
  mit  sich  nehmen  wollten.  Wenn  mich  Eure  Durchlaucht  fragen,  wie
das  letztere  zu  verstehen  sei,  so  kann  ich  nur  auf  den  Schlußsatz  Ihres
Briefs  hinweisen,  wo  es  heißt:  „Wenn  Seine  Majestät  mich  allein  hinschicken,
  so  genügt  das  nicht.“  Alle  Versuche  der  Interpretation  dieser
Stelle  in  dem  Sinne,  daß  Ihren  Absichten  mit  Völderndorffs  Beiordnung
nicht  genügt  werde,  haben  nicht  zum  Ziele  geführt.  Den  Brief  des  Großherzogs
  lege  ich  wieder  bei,  ich  habe  für  den  Fall  des  Bedürfens  Abschrift
zurückkehalten.  Wenn  Eure  Durchlaucht  nochmals  in  einem  Berichte
auf  die  Sache  zurückkommen  wollen,  so  ist  vielleicht  doch  noch  ein  andres
Resultat  zu  erreichen.  Letzteres  ist  übrigens  nur  meine  Privatmeinung.

Ueber  den  Justizminister  hoffe  ich  in  den  nächsten  Tagen  Entscheidendes
melden  zu  können.:)

Bericht  an  den  König.
Aussee,  13.  September  1867.

Durch  Schreiben  des  Kabinettssekretärs  Eurer  Königlichen  Majestät
ist  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  der  Auftrag  erteilt  worden,  die  von
Seiner  Königlichen  Hoheit  dem  Großherzog  von  Baden  angeregte  Zusammenkunft
  mit  den  Königen  von  Preußen  und  von  Württemberg  dankend
abzulehnen.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  wird  diesem  Befehle  sofort  nachkommen
  und  erlaubt  sich  dabei,  ehrfurchtsvollst  zu  berichten,  daß  nach
einem  gestern  eingetroffenen  Telegramm  des  Staatsrats  Daxemberger  der
König  von  Württemberg  die  gemeinschaftliche  Begegnung  mit  dem  König
von  Preußen  abgelehnt,  sich  dagegen  vorbehalten  hat,  dem  Könige  von
Preußen  allein  einen  Besuch  auf  Mainau  zu  machen.  Hiermit  fällt  die

 

1)  Die  Ernennung  des  Ministerialrats  Lutz  zum  Justizminister  erfolgte  am
16.  September,  gleichzeitig  die  Ernennung  des  Polizeidirektors  Lipowsky  zum
Kabinettssekretär  des  Königs.
        <pb n="277" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  265

Voraussetzung,  auf  welche  der  in  dem  alleruntertänigsten  Antrage  vom
1.  d.  M.  enthaltene  Vorschlag  gegründet  war,  und  bietet  sich  ein  passendes
Motiv  zur  Ablehnung.

Nachdem  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  indessen  gestern  ein  Schreiben
des  Großherzogs  auf  die  vorläufige  Anzeige  des  treugehorsamst  Unterzeichneten,
  daß  er  an  Seine  Königliche  Majestät  Bericht  erstatten  werde,
erhalten  hat,  in  welchem  der  Großherzog  schreibt:

„Ich  beeile  mich,  Sie  in  Kenntnis  zu  setzen,  daß  ein  Brief  des
Königs  von  Preußen  heute  mich  benachrichtigt,  daß  es  ihn  sehr
freuen  werde,  wenn  Seine  Majestät  der  König  von  Bayern  ihn
während  seines  Aufenthalts  bei  uns  besuchen  wolle,“
so  muß  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  dem  Allerhöchsten  Ermessen
Eurer  Königlichen  Majestät  anheimstellen,  ob  Allerhöchstdieselben  es  für
angemessen  erachten,  dem  Könige  von  Preußen,  und  zwar  zu  einer  andern
Zeit  als  der  König  von  Württemberg,  einen  Besuch  abzustatten,  der  in
diesem  Falle  ohne  alle  politische  Bedeutung  und  nur  ein  Akt  der  Höflichkeit
sein  würde.  Inwiefern  derselbe  den  Charakter  einer  Erwiderung  eines
von  Seiner  Majestät  dem  Könige  von  Preußen  Seiner  Majestät  gemachten
Besuchs  tragen  würde,  vermag  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  bei  seiner
Unkenntnis  der  früheren  Vorgänge  nicht  zu  ermessen,  auch  glaubt  er  sich
jeder  weiteren  Beurteilung  der  nun  den  Charakter  einer  Etikettenfrage
annehmenden  Angelegenheit  enthalten  zu  sollen.

An  den  Großherzog  von  Baden.
Aussee,  13.  September  1867.

Eurer  Königlichen  Hoheit  gnädiges  Schreiben  vom  5.  d.  M.  habe  ich
gleichzeitig  mit  der  Antwort  Seiner  Majestät  des  Königs  auf  meinen
Bericht  über  die  Begegnung  mit  Seiner  Majestät  dem  König  von  Preußen
erhalten.  Seine  Majestät  trägt  mir  auf,  Eurer  Königlichen  Hoheit  seinen
herzlichen  Dank  für  die  freundliche  Vermittlung  einer  Begegnung  mit  den
Königen  von  Preußen  und  Württemberg  zu  sagen,  glauben  aber  jetzt,  nachdem
  die  Nachricht  eingelaufen  ist,  daß  Seine  Majestät  der  König  von
Württemberg  die  Zusammenkunft  abgelehnt  und  sich  vorbehalten  haben,
einen  gesonderten  Besuch  bei  Seiner  Majestät  dem  König  von  Preußen
zu  machen,  auch  seinerseits  nicht  in  der  Lage  zu  sein,  die  freundliche  Einladung
  Eurer  Königlichen  Hoheit  anzunehmen.

Ich  habe  nun  den  Inhalt  des  letzten  Schreibens  Eurer  Königlichen
Hoheit  Seiner  Majestät  dem  König  mitgeteilt  und  Allerhöchstdemselben
anheimgestellt,  über  den  etwaigen  gesonderten  Besuch  Beschluß  zu  fassen.

Was  die  Frage  Eurer  Königlichen  Hoheit  betrifft,  so  kann  ich  zwar
der  Entschließung  Eurer  Königlichen  Hoheit  nicht  vorgreifen,  glaube  aber
        <pb n="278" />
        266  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

bei  der  gegenwärtigen  Wendung,  welche  die  Frage  der  Zusammenkunft  der
Monarchen  genommen  hat,  ehrfurchtsvollst  raten  zu  sollen,  keine  Einladung
an  Seine  Majestät  den  König,  meinen  allergnädigsten  Herrn,  ergehen
lassen  zu  wollen.  Wenn  es  möglich  ist,  den  König  zu  einem  Besuche  bei
Seiner  Majestät  dem  König  von  Preußen  und  bei  Eurer  Königlichen
Hoheit  zu  bestimmen,  werde  ich  die  nötigen  Schritte  tun.  Sollte  ich  die
Einladung  Eurer  Königlichen  Hoheit  später  für  erforderlich  halten,  so  darf
ich  mir  wohl  erlauben,  darauf  zurückzukommen.

Bericht  an  den  König.
München,  19.  September  1867.

Aus  dem  Schreiben  des  Kabinettssekretärs  Eurer  Königlichen  Moajestät
hat  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  ersehen,  daß  Eure  Königliche  Majestät
beabsichtigen,  den  Gegenbesuch  dem  König  von  Preußen  nicht  auf  der
Mainau,  sondern  bei  passender  Zeit  in  Berlin  zu  machen.  Wenn  der
treugehorsamst  Unterzeichnete  dessenungeachtet  auf  diesen  Gegenstand  zurückzukommen
  sich  erlaubt,  so  geschieht  dies  im  Gefühl  der  Verantwortung,
die  ihm  seine  Stellung  auferlegt  und  ihn  verpflichtet,  das  Interesse  Eurer
Königlichen  Majestät  nach  Kräften  zu  wahren.

Er  erlaubt  sich  daher,  nachstehendes  ehrfurchtsvollst  vorzutragen.

Nachdem  der  Großherzog  von  Baden  und  der  König  von  Preußen,
wie  dies  aus  dem  Briefe  des  Großherzogs  ersichtlich  ist,  bestimmt  auf  den
Besuch  Eurer  Königlichen  Majestät  rechnen  und  nachdem  auch  der  diesem
alleruntertänigsten  Berichte  beiliegende  Brief  des  Großherzogs  in  derselben
Meinung  geschrieben  zu  sein  scheint,  würde  das  Unterlassen  dieses  Besuchs
—  der,  wie  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  aus  dem  Schreiben  des
Ministerialrats  Lutz  entnehmen  zu  müssen  glaubt,  ein  Gegenbesuch  Eurer
Königlichen  Majestät  wäre  —  jedenfalls  große  Verstimmung  hervorrufen.

Hiermit  nimmt  die  Frage  eine  politische  Bedeutung  an,  und  der  treugehorsamst
  Unterzeichnete  darf  Eurer  Königlichen  Majestät  seine  Befürchtung
nicht  verschweigen,  daß  bei  der  Stellung,  welche  Preußen  jetzt  in  Deutschland
  einnimmt  und  bei  den  Mitteln,  welche  der  preußischen  Regierung  zu
Gebote  stehen,  eine  solche  Verstimmung  des  preußischen  Monarchen  für
Eure  Königliche  Majestät  wie  für  Bayern  die  nachteiligsten  Folgen  haben
könnte.

Es  können  Zeiten  und  Verhältnisse  eintreten,  wo  Eure  Koönigliche
Mojestät  der  freundlichen  Gesinnungen  des  Königs  von  Preußen  bedürfen,
und  diese  Zeiten  können  so  bald  eintreten,  daß  eine  Verzögerung  der
Wiederherstellung  dieser  freundschaftlichen  Beziehungen  im  höchsten  Grade
bedenklich  erscheint.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  kann  es  deshalb  nicht  unterlassen,
        <pb n="279" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  267

Eurer  Königlichen  Majestät  ebenso  ehrfurchtsvollst  als  dringend  zu  raten,
in  eignem  Allerhöchstem  Interesse  einen  Besuch  auf  der  Mainau  zu  machen.

Sollten  Eure  Königliche  Majestät  anders  beschließen,  so  glaubt  der
treugehorsamst  Unterzeichnete  durch  diese  alleruntertänigste  Darlegung  seiner
Pflicht  genügt  zu  haben  und  kann  die  Verantwortung  für  alle  Folgen,
welche  die  Unterlassung  des  angeregten  Besuchs  mit  sich  führen  wird,  von
sich  ablehnen.

Großherzog  Friedrich  von  Baden  an  den  Fürsten

Hohenlohe.
Karlsruhe,  23.  September  1867.

Empfangen  Sie  meinen  besten  Dank  für  Ihr  freundliches  Schreiben
vom  13.  d.  M.,  aus  dem  ich  mit  Freuden  entnahm,  daß  Sie  noch  nicht
ganz  die  Hoffnung  aufgeben,  Seine  Majestät  den  König  von  Bayern  zu
einem  gesonderten  Besuche  seines  Herrn  Oheims  bewegen  zu  können.

Ich  bedaure  sehr,  daß  mein  Vorschlag  einer  gleichzeitigen  Begegnung
der  drei  Monarchen  in  Stuttgart  einen  Anlaß  gab,  nach  München  Bedenken
  darüber  zu  äußern,  und  daß  dadurch  Ihr  König  sich  abhalten  ließ,
eine  Sache  auszuführen,  welche  bei  der  nahen  Verwandtschaft  mit  dem
König  von  Preußen  so  unbedenklich  wäre.

Zur  Unterstützung  Ihrer  Bemühungen  erlaube  ich  mir  daher,  über
die  Reisepläne  der  preußischen  Majestäten  Ihnen  noch  folgendes  mitzuteilen:

Am  27.  September  trifft  der  König  auf  Schloß  Mainau  ein  und
bleibt  dort  bis  zum  2.  Oktober,  an  welchem  Tage  die  Reise  nach  Hohenzollern
  angetreten  wird.  Am  1.  Oktober  wird  der  König  den  König  von
Württemberg  bei  uns  empfangen,  und  es  ist  wahrscheinlich,  daß  am  folgenden
Tage  die  preußischen  Majestäten  diesen  Besuch  auf  der  Reise  nach  Hohenzollern
  in  Friedrichshafen  erwidern  werden.

Hienach  wäre  immer  noch  die  Möglichkeit  vorhanden,  daß  Ihr  König
entweder  auf  Mainau  oder  in  Hohenzollern,  etwa  in  Sigmaringen,  dem
König  von  Preußen  einen  gesonderten  Besuch  abstatten  könnte.  Der
Aufenthalt  in  diesem  Fürstentum  wird  doch  wohl  mindestens  drei  Tage
in  Anspruch  nehmen,  und  mein  Onkel,  der  Fürst  von  Hohenzollern,  wird
sich  gewiß  sehr  freuen,  Ihren  König  bei  sich  bewirten  zu  dürfen.  Auch
hierfür  übernehme  ich  die  eventuelle  Vermittlung.

Moöchten  Sie  in  diesen  Mitteilungen  nur  die  Absicht  erkennen,  Ihnen
möglichst  nützlich  zu  sein  bei  Ausführung  Ihres  schwierigen  Amts.

Fürst  Hohenlohe  an  den  Großherzog  von  Baden.
München,  30.  September  1867.
Eurer  Königlichen  Hoheit  gnädigstes  Schreiben  vom  23.  d.  M.  habe
ich  bisher  nicht  beantworten  können,  da  die  Entscheidung  des  Königs
        <pb n="280" />
        268  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

meines  allergnädigsten  Herrn,  nicht  erfolgt  war  und  ich  immer  noch  die
Hoffnung  nicht  aufgegeben  hatte,  daß  die  Reise  nach  der  Mainau  noch
stattfinden  werde.  Nun  ist  indessen  der  negative  Entschluß  gefaßt,  und  ich
erlaube  mir,  Eure  Königliche  Hoheit  zu  bitten,  mich  auf  den  Ausdruck
meines  Bedauerns  beschränken  zu  dürfen  und  mich  von  der  weiteren  Ausführung
  der  Gründe  des  Entschlusses  zu  dispensieren.

Die  Bemühungen  des  Fürsten  hatten  schließlich  den  Erfolg,  daß
König  Ludwig  sich  entschloß,  den  König  von  Preußen  auf  dessen  Rückreise,
die  ihn  von  Sigmaringen  nach  Nürnberg  führte,  auf  bayrischem  Gebiete
zu  begrüßen.  Die  Begegnung  fand  am  6.  Oktober  1867  Nachmittags
von  4  bis  6  Uhr  auf  dem  Bahnhofe  zu  Augsburg  statt.

Am  28.  September  traten  die  Kammern  zusammen.  Ihre  erste  Aufgabe
  war  die  Beratung  des  neuen  Zollvereinvertrags.

Rede  des  Fürsten  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  am
8.  Oktober  1867.

Meine  Herren!  Die  Vorlagen,  welche  Sie  soeben  entgegengenommen
haben,  gehören  wohl  zu  den  wichtigsten,  welche  im  Laufe  dieser  Landtagsperiode
  Ihrer  Beratung  unterstellt  worden.

Die  große  politische  Bedeutung  derselben  mag  es  gerechtfertigt  erscheinen
  lassen,  wenn  ich  davon  Anlaß  nehme,  einige  Worte  über  die
äußere  Politik  der  Staatsregierung  und  insbesondere  über  unfre  Stellung
zur  deutschen  Frage  zu  sprechen.

Sie  sind  mir,  als  ich  das  letztemal  Gelegenheit  hatte,  diese  Frage
zum  Gegenstand  meines  Vortrages  in  diesem  hohen  Hause  zu  machen,
mit  einem  so  hohen  Grad  ehrenden  Vertrauens  entgegengekommen,  daß  ich
fürchten  müßte,  dieses  Vertrauens  verlustig  zu  gehen,  wollte  ich  Ihnen
nicht  jetzt,  nach  Ablauf  fast  eines  Jahres,  rückhaltlos  über  die  Tätigkeit
der  Staatsregierung  in  einer  Angelegenheit  Rechenschaft  ablegen,  die  ebenso
tief  das  Nationalgefühl  des  deutschen  Volkes  berührt,  wie  sie  in  dessen
wichtigste  materielle  Interessen  eingreift.

Ich  werde  versuchen,  Ihnen  und  damit  dem  Lande  gegenüber  den
Beweis  zu  liefern,  daß  die  Staatsregierung  die  Ziele,  welche  ich  damals
als  diejenigen  der  bayrischen  Politik  bezeichnet  habe,  nicht  aus  dem  Auge
verloren,  daß  sie  sich  unablässig  bemüht  hat,  sie  zu  erreichen;  wie  sie  denn
auch  die  Hoffnung  des  Gelingens  und  damit  die  Hoffnung  in  die  Zukunft
Deutschlands  und  Bayerns  nicht  aufgegeben  hat.

Ich  weiß,  daß  man  von  einer  Seite  diese  Bemühungen  für  ungenügend
erklärt,  daß  man  das  Ziel  als  gegeben,  als  leicht  zu  erreichen  betrachtet,
        <pb n="281" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  269

und  daß  man  die  einfachste  Lösung  der  deutschen  Frage  in  dem  Eintritt
Süddeutschlands  in  den  Norddeutschen  Bund  erblickt.

Meine  Herren!  Wenn  es  die  Staatsregierung  schon  damals,  als
nur  der  Entwurf  der  norddeutschen  Bundesverfassung  bekannt  war,  mit
ihrer  Pflicht  nicht  vereinbar  hielt,  den  bedingungslosen  Eintritt  in  den
Norddeutschen  Bund,  das  heißt  den  Eintritt  ohne  vorherige  Abänderung
der  Bundesverfassung  anzustreben,  so  muß  sie  um  so  mehr  jetzt,  wo  diese
Verfassung  abgeschlossen  ist  und  eine  Umgestaltung  derselben  nicht  in
Aussicht  steht,  auf  ihrem  Standpunkt  beharren.

Gründe  der  äußeren  und  inneren  Politik  haben  Preußen  veranlaßt,
die  norddeutschen  Staaten  mit  einer  Verfassungsform  zu  umschließen,  der
man  das  Verdienst  nicht  absprechen  kann,  die  staatliche  Einheit  des  Nordens
von  Deutschland  anzubahnen,  die  sich  aber  eben  deshalb  in  ihrer  Entwicklung
  von  dem  Charakter  einer  Bundesverfassung  im  eigentlichen  Sinne
des  Wortes  mehr  und  mehr  entfernen  dürfte.

Wohl  habe  ich  es  anerkannt,  daß  kein  Bundesverhältnis  dem  nationalen
Bedürfnisse  genügt,  wenn  nicht  von  den  einzelnen  Kontrahenten  die  entsprechenden
  Opfer  zum  Gedeihen  des  Ganzen  gebracht  werden;  allein  das
Maß  der  Opfer,  welches  der  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  den
süddeutschen  Staaten  auflegen  würde,  entspricht  nicht  dem  Grade  der
Selbständigkeit,  welchen  diese  Staaten  sich  zu  erhalten  berechtigt  und,
wie  ich  annehmen  darf,  ihrer  überwiegenden  Mehrheit  nach  auch  entschlossen
  sind.

Die  freie  konstitutionelle  Entwicklung  Süddeutschlands,  wie  sie  sich
seit  fünfzig  Jahren  gestaltet  hat,  gibt  dem  süddeutschen  Volk  zu  diesem
Entschluß  das  Recht  und  die  Kraft.

Es  kann  hierbei  füglich  unerörtert  bleiben,  inwieweit  die  Nikolsburger
Präliminarien  und  der  Prager  Frieden  einen  berechtigten  Grund  abgeben
würden,  der  Ausdehnung  der  norddeutschen  Bundesverfassung  auf  das
gesamte  Deutschland  entgegenzutreten.  Jene  Verträge  sind  indessen  unter
Berücksichtigung  realer  Machtverhältnisse  abgeschlossen,  deren  Bedeutung
derjenige  nicht  verkennen  darf,  der  dazu  berufen  ist,  mit  gegebenen  Tatsachen
  zu  rechnen,  und  der  verpflichtet  ist,  alles  zu  vermeiden,  was  die
Entwicklung  der  Geschicke  unsers  Vaterlandes  in  unberechenbar  gewaltsame
Bahnen  leiten  könnte.

Die  preußische  Regierung  hat  zudem  selbst  erklärt,  sie  verlange  die
Verbindung  mit  dem  Süden  keineswegs  auf  derselben  Grundlage  wie
jene,  auf  welcher  der  Bund  mit  den  norddeutschen  Staaten  beruht;  es
bedürfe  nur  eines  unzweideutigen  Ausdrucks  der  nationalen  Gemeinschaft,
welcher  gleichzeitig  die  Gewißheit  gebe,  daß  die  süddeutschen  Staaten  nicht
einer  feindseligen  Tendenz  gegen  Norddeutschland  verfallen,  und  daß  die
        <pb n="282" />
        270  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Pflege  der  gemeinsamen  materiellen  Interessen  des  deutschen  Volkes  durch
gemeinsame  organische  Einrichtungen  sichergestellt  werde.

Wenn  demnach  Gründe  der  äußeren  Politik  sowohl  als  Rücksichten
auf  die  Erhaltung  der  Selbständigkeit  des  Landes  die  Verbindung  Bayerns
mit  dem  deutschen  Norden  auf  der  Grundlage  der  norddeutschen  Bundesverfassung
  nicht  möglich  erscheinen  ließen,  so  mußte  die  Staatsregierung
einen  andern  Weg  suchen,  um  diese  Verbindung  zu  bewirken.  Denn  die
Staatsregierung  konnte  und  wollte  sich  der  Aufgabe  nicht  entziehen,  welche
von  mir  am  23.  Januar  mit  den  Worten  bezeichnet  wurde:

„Durch  vertragsmäßige  Vereinbarung  einen  Zusammenschluß
Deutschlands  zu  ermöglichen  auf  Grundlagen,  die  mit  der  In—
tegrität  des  Staates  und  der  Krone  vereinbar  sind.“

Es  ließen  sich  hier  drei  verschiedene  Wege  denken.

Einmal:  die  Bildung  zweier  Bundesstaaten,  eines  süddeutschen
gegenüber  dem  norddeutschen,  mit  gemeinsamen  Organen  für  einzelne  bestimmte
  Zwecke,

zweitens:  ein  internationaler  Bund  aller  ein  zelnen  deutschen  Staaten,
analog  der  früheren  deutschen  Bundesverfassung,

und  drittens:  ein  internationaler  Bund  der  süddeutschen  Staaten
mit  dem  Norddeutschen  Bunde.  "

Gegen  den  Versuch  einer  organischen  Verbindung  eines  für  sich  bestehenden
  süddeutschen  Bundesstaates  mit  dem  nördlichen  Deutschland  sprach
die  Abneigung  derjenigen  Staaten,  mit  welchen  Bayern  diesen  süddeutschen
Bundesstaat  gründen  müßte.  Es  sprach  dagegen  die  Schwerfälligkeit  eines
Organismus,  in  welchem  der  Keim  des  Unfriedens  gelegen  hätte,  und
endlich  die  Gefahr  der  Weiterausbildung  des  Gegensatzes  zwischen  dem
Norden  und  dem  Süden  von  Deutschland.

Die  internationale  Verbindung  sämtlicher  deutscher  Staaten  auf
Grund  eines  völkerrechtlichen  Vertrags  war  durch  die  Auflösung  des
früheren  Deutschen  Bundes  und  durch  den  eben  erst  ins  Leben  getretenen
norddeutschen  Bundesstaat  unmöglich  geworden.  Es  konnte  Preußen  nicht
zugemutet  werden,  die  norddeutsche  Bundesverfassung,  die  Frucht  seiner
Siege,  wieder  aufzugeben.

Es  blieb  also  der  Staatsregierung  kein  andrer  Weg,  als  auf  die
Wiedervereinigung  Deutschlands  hinzuarbeiten  unter  Anerkennung  der
bestehenden  Tatsachen.

Diese  Tatsachen  lagen  vor:  in  dem  Austritt  Oesterreichs  aus  dem
Bunde,  in  dem  festgeschlossenen  norddeutschen  Bundesstaate  und  in  den
auf  sich  selbst  angewiesenen  süddeutschen  Staaten.

Der  Weg  einer  internationalen  Verbindung  der  letzteren  mit  dem
Norddeutschen  Bunde  war  also  vorgezeichnet.
        <pb n="283" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  271

Die  Vorbedingung  zur  Erreichung  eines  günstigen  Resultats  in  dieser
Richtung  erblickte  die  Staatsregierung  in  einer  Uebereinstimmung  der
süddeutschen  Staaten  untereinander  über  die  Schritte,  die  zu  geschehen
hätten,  sowie  über  die  Zugeständnisse,  die  zu  machen  wären,  um  eine
praktisch  wertvolle  Verbindung  mit  dem  Norden  herzustellen.  In  diesem
Gedanken  begann  die  Staatsregierung  alsbald,  nachdem  ich  die  Leitung
der  Geschäfte  übernommen  hatte,  diplomatische  Verhandlungen,  welche  sich
zuvörderst  auf  eine  gemeinsame  Aktion  hinsichtlich  derjenigen  Maßregeln
bezogen,  die  ein  loyaler  Vollzug  der  mit  Preußen  abgeschlossenen  Schutzund
  Trutzbündnisse  notwendig  machte.

Es  ist  Ihnen  bekannt,  daß  deshalb  zu  Stuttgart  ein  Zusammentritt
der  süddeutschen  Minister  stattfand,  daß  hier  in  bezug  auf  die  militärische
Organisation  eine  Reihe  wichtiger  Einverständnisse  erzielt  wurde,  und  ich
hoffe,  daß  die  Militärkonferenzen,  welche  damals  für  den  Monat  Oktober
verabredet  wurden,  und  welche  demgemäß  in  Bälde  dahier  zusammentreten
werden,  die  gleichmäßige  Organisation  der  süddeutschen  Wehrkräfte  weiter
entwickeln  werden.

Sobald  dieses  Resultat  erreicht  war,  begannen  auch  Verhandlungen
auf  dem  politischen  Gebiete.  Ich  brauche  wohl  nicht  zu  versichern,  daß
diese  Verhandlungen  mit  großen  Schwierigkeiten  verknüpft  waren  —
Schwierigkeiten,  welche  durch  die  bedenkliche  Gestaltung  der  Luxemburger
Frage  nicht  wenig  erhöht  wurden.

Es  würde  hier  zu  weit  führen,  den  Gang  und  die  Phasen  der  Unterhandlungen
  im  einzelnen  darzulegen;  ich  beschränke  mich  darauf,  als  das
Resultat  im  allgemeinen  zu  bezeichnen,  daß  dieselben  zu  einer  vorläufigen
Verständigung  über  die  Grundlagen  geführt  haben,  auf  welchen  mit  dem
Norddeutschen  Bunde  unterhandelt  werden  sollte.

Hierbei  wurde  der  Gedanke  einer  Allianz  dieses  Staatenbundes  mit
Oesterreich  als  einer  notwendigen  Ergänzung  der  nationalen  Bestrebungen
festgehalten.

Meine  Herren!  Ich  bin  weit  davon  entfernt,  die  Ereignisse  der
jüngsten  Vergangenheit  zu  ignorieren  oder  der  vergeblichen  Arbeit  mich
anschließen  zu  wollen,  das  Geschehene  ungeschehen  zu  machen.  Ich  bin  auch
jetzt  wie  früher  der  Ansicht,  daß  ein  Verfassungsbündnis  der  süddeutschen
Staaten  unter  der  Führung  Oesterreichs  nicht  möglich  ist.  Dabei  will  ich
nicht  anstehen,  zu  erklären,  daß  uns  weder  von  Oesterreich  noch  von
Frankreich  in  dieser  Richtung  irgendwelche  Andeutungen  oder  Vorschläge
gemacht  worden  sind.  Je  weniger  wir  aber  jetzt  die  Gefahr  einer  unheilbaren
  Trennung  Deutschlands  in  ein  Süd=  und  Norddeutschland  zu  besorgen
  haben,  um  so  dringender  tritt  an  uns  die  Anforderung  heran,
Oesterreich,  als  dem  natürlichen  Verbündeten  Preußens  sowohl  wie  des
        <pb n="284" />
        272  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

südlichen  Deutschlands,  einen  Weg  nicht  zu  verschließen,  der  allein  geeignet
ist,  den  Frieden  Europas  auf  sicherster  Grundlage  zu  verbürgen.

Diese  Erwägung  konnte  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Grundzüge  bleiben,
welche  die  Staatsregierung  für  eine  deutsche  Gesamtverfassung  festhalten
zu  müssen  glaubte.

Im  allgemeinen  können  diese  Grundlagen  dahin  definiert  werden,  daß
die  in  Artikel  3  und  4  des  ursprünglichen  Entwurfs  der  norddeutschen
Bundesverfassung  enthaltenen  Gegenstände  —  sonach  ein  nicht  unbedeutendes
Gebiet  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung  —  für  gemeinsam  erklärt  und
als  Bundesangelegenheiten  behandelt  werden  sollten,  und  daß  im  übrigen
die  Verbindung  den  Charakter  eines  Staatenbundes  unter  preußischem
Präsidium  zu  tragen  habe.

Während  diese  Verhandlungen  im  Gang  waren,  erhielt  die  Staatsregierung
  die  Einladung  zur  Teilnahme  an  den  Berliner  Zollkonferenzen.
Die  Staatsregierung  konnte  sich  derselben  um  so  weniger  entziehen,  als
sie  hierzu  durch  die  Bestimmungen  des  Berliner  Friedensvertrages  sowohl
wie  durch  die  Fürsorge  für  die  materiellen  Interessen  des  Landes  verpflichtet
  war.

Der  Vertrag,  welcher  aus  diesen  Konferenzen  hervorging,  liegt  Ihrer
Beurteilung  vor.  #

Sie  werden  unschwer  erkennen,  daß  die  Bedingungen,  an  welche
Preußen  die  Aufrechterhaltung  des  Zollvereins  knüpfte,  nicht  ohne  Einfluß
auf  den  weiteren  Fortgang  des  begonnenen  Werkes  bleiben  konnten.  Die
Staatsregierung  mußte  notwendigerweise  das  Inslebentreten  der  neuen
Organisation  des  Zollvereins  mit  seinen  Folgen  abwarten,  um  danach  zu
ermessen,  in  welcher  Form  neben  derselben  der  beabsichtigte  Staatenbund
zur  Durchführung  gebracht  werden  könne.

Die  Staatsregierung  sieht  demnach  ihre  Aufgabe  nicht  als  gelöst  an.
Sie  wird  die  Politik,  die  sie  als  die  allein  richtige  erkennt,  nach  wie  vor
festhalten.  Sie  wird  es  versuchen,  in  Uebereinstimmung  mit  ihren  süddeutschen
  Bundesgenossen  und  unter  Berücksichtigung  bestehender  Verträge,
auf  den  gewonnenen  Grundlagen  die  nationale  Verbindung  mit  dem
deutschen  Norden  herzustellen.

Die  Staatsregierung  ist  sich  aber  der  Verantwortlichkeit  bewußt,  die
ihr  die  Pflicht  der  staatlichen  Selbsterhaltung  Bayerns  und  die  gefahrvolle
Lage  Europas  auflegt.

Daraus  ergibt  sich  von  selbst  die  Richtung,  welche  die  Staatsregierung
einhalten  wird.

Ich  will  es  versuchen,  diese  Richtung  möglichst  klar  und  einfach
auszudrücken.

Wir  wollen  nicht  den  Eintritt  Bayerns  in  den  Norddeutschen  Bund,
        <pb n="285" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  273

wir  wollen  kein  Verfassungsbündnis  der  süddeutschen  Staaten  unter  der
Führung  Oesterreichs;  wir  wollen  keinen  südwestdeutschen  Bundesstaat,
der  für  sich  abgeschlossen  wäre  oder  sich  gar  an  eine  nichtdeutsche  Macht
anlehnte;  wir  wollen  ebensowenig  eine  Großmachtspolitik  und  glauben
nicht,  daß  Bayern  in  einer  Vermittlerrolle  das  Endziel  seiner  Politik  zu
suchen  hat.

Das  ist  es,  was  wir  nicht  wollen.

Was  wir  aber  wollen,  und  was  wir  auch  ferner  anstreben  werden,
ist  die  nationale  Verbindung  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde,  und  damit  die  Einigung  des  zurzeit  getrennten  Deutschlands
  in  der  Form  eines  Staatenbundes.

Es  ist  dies  dasselbe,  was  die  Nikolsburger  Präliminarien  und  der
Prager  Frieden  anerkennen.

Meine  Herren!  Ich  sage  nicht  Verbindung  Bayerns  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde,  ich  sage  Verbindung  der  süddeutschen  Staaten.  Und
ich  wünschte,  daß  darüber  vollständige  Klarheit  herrsche.  Wie  sich  die
Verhältnisse  jetzt  gestaltet  haben,  wäre  es  nach  meiner  Ueberzeugung  weder
politisch  korrekt  noch  zweckmäßig  noch  auch  —  man  gebe  sich  keinen  Illusionen
  hin  —  in  friedlicher  Weise  durchführbar,  daß  einzelne  Staaten
südlich  des  Mains  mit  Norddeutschland  in  nähere  Verbindung  träten.

Das  nationale  Band,  das  zwischen  uns  und  dem  Norddeutschen  Bunde
geschaffen  werden  soll,  muß  den  ganzen  Süden  umfassen.  Nur  in  dieser
Form  ist  es  zulässig  und  zurzeit  erreichbar.

Hiermit  habe  ich  Ihnen,  meine  Herren,  dargelegt,  nach  welchen  Grundsätzen
  ich  die  auswärtige  Politik  Bayerns  bisher  geführt  habe,  und  das
Ziel  bezeichnet,  welches  die  Staatsregierung  zu  erreichen  bestrebt  ist.

Sie  werden  bei  Beratung  der  Ihnen  heute  gemachten  Vorlagen  Gelegenheit
  haben,  sich  auszusprechen,  ob  der  Weg,  den  die  Staatsregierung
eingeschlagen  hat,  den  Ansichten  des  Landes  entspricht.

Welches  Urteil  Sie  aber  auch  über  meine  politische  Tätigkeit  fällen
mögen,  darin  werden  Sie  mit  mir  übereinstimmen,  daß  das  Band  nicht
zerrissen  werden  darf,  welches  die  materiellen  Interessen  Deutschlands
sichert  und  ohne  welches  eine  nationale  Verbindung  irgendeiner  Art
unbedingt  nicht  gedacht  werden  kann.

Die  Rede  des  Fürsten  wurde  in  Berlin  gut  ausgenommen.  Die
amtliche  Provinzial-Korrespondenz  erkannte  in  der  Erklärung  des  Fürsten
ein  ernstes  nationales  Streben  und  hoffte,  die  Politik  des  bayrischen
Ministerpräsidenten  werde  für  die  weitere  Entwicklung  der  deutschen  Sache
von  wichtigen  Erfolgen  sein.  Preußen  lege  weniger  Wert  auf  Namen,

unter  welchen  die  nationalen  Beziehungen  gepflegt  werden,  als  auf  die
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  18
        <pb n="286" />
        274  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

tatsächliche  einigende  Gemeinschaft  für  die  praktischen  Aufgaben  und  Interessen
  der  Nation.  Die  offiziöse  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  rühmte
die  antidualistische  Tendenz  in  der  Rede  des  Fürsten,  bemerkte  bezüglich
der  Ablehnung  des  Eintritts  in  den  Norddeutschen  Bund,  daß  Preußen
keine  Anstrengungen  machen  würde,  diesen  Entschluß  zu  ändern.  Ueber
die  Aeußerungen  betreffend  die  Bildung  eines  Staatenbunds  zwischen
Norddeutschland  und  den  süddeutschen  Staaten  sowie  über  die  Allianz  mit
Oesterreich  seien  weitere  Aufklärungen  abzuwarten.  Gegenüber  der  Erklärung,
  daß  dieser  Staatenbund  den  ganzen  Süden  umfassen  müsse  und
daß  kein  einzelner  süddeutscher  Staat  eine  nähere  Verbindung  mit  dem
Norddeutschen  Bunde  eingehen  dürfe,  wurde  betont,  daß  in  dieser  Beziehung
jeder  einzelne  süddeutsche  Staat  seine  freie  Entschließung  haben  müsse.
In  der  Kammer  der  Abgeordneten  begegnete  die  Regierungsvorlage  keinen
wesentlichen  Schwierigkeiten.  Der  Gesetzentwurf  betreffend  die  Wahl  der
Abgeordneten  zum  Zollparlament  schrieb  die  Wahlberechtigung  jedem  zu,
„der  dem  Staate  eine  direkte  Steuer  entrichtet"“.  Gegen  diese  Beschränkung
des  allgemeinen  Stimmrechts  wendete  sich  ein  Antrag  der  Abgeordneten
Kolb  und  von  Stauffenberg,  daß  „jeder  selbständige  Angehörige  des
bayrischen  Staats“  Wähler  sein  solle.  Der  Antrag  wurde  von  der  Kammer
abgelehnt.  Am  22.  Oktober  wurde  die  Vorlage  in  der  Kammer  der  Abgeordneten
  mit  117  gegen  17  Stimmen  angenommen.

Anders  entwickelten  sich  die  Dinge  in  der  Kammer  der  Reichsräte.  Der
Ausschuß  dieser  Kammer  hatte  die  Regierungsvorlage  mit  neun  gegen  eine
Stimme  verworfen.  Am  26.  Oktober  fand  die  Verhandlung  im  Plenum  statt,
deren  ungünstiger  Verlauf  außer  Zweifel  stand.  Diese  Aussicht  bewog  den
Fürsten,  einem  Amendement  des  Fürsten  Löwenstein-Wertheim-Rosenberg,
welches  wenigstens  die  Gefahr  einer  sofortigen  end  gültigen  Ablehnung  zu  beseitigen
  versprach,  freundlich  zu  begegnen.  Das  Amendement  lautete:  „In
Erwägung,  daß  die  Kammer  der  Reichsräte  stets  bereit  sein  wird,  dem  Fortbestehen
  des  Zollvereins  und  dem  großen  Nutzen,  den  derselbe  dem  Lande
gewährt,  Opfer  zu  bringen,  sobald  dieselben  sich  nur  auf  dem  Boden  der
materiellen  Interessen  bewegen,  nicht  aber,  wenn  sie  die  Selbständigkeit
Bayerns  in  Gefahr  stellen,  beschließt  die  Kammer,  den  vorliegenden  Verträgen
  ihre  Zustimmung  nur  unter  der  ausdrücklichen  Bedingung  zu  erteilen,
  daß  das  dem  Staate  Bayern  in  dem  bisherigen  Zollvereinsvertrage
zustehende  Recht  der  Zustimmung  oder  Verwerfung  in  allen  das  Zollwesen
und  die  innere  Besteuerung  betreffenden  Fragen  auch  in  den  neuen  Verträgen
  Ausdruck  finde."“

Fürst  Hohenlohe  erklärte,  daß  er  als  Reichsrat  keinen  Anstand  nehme,
für  dieses  Amendement  zu  stimmen,  daß  er  als  Vertreter  der  Regierung
sich  nicht  in  der  Lage  sehe,  sich  über  den  Erfolg  dieses  Amendements  aus-
        <pb n="287" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  275

zusprechen,  daß  aber  die  Regierung  sich  für  verpflichtet  halte,  wenn  der
Antrag  zum  Beschlusse  erhoben  werde,  ihm  eingehende  Würdigung  zuteil
werden  zu  lassen.  Darauf  wurde  der  Antrag  Löwenstein  mit  47  gegen
3  Stimmen  angenommen.  An  demselben  Abend  noch  reiste  der  Fürst
mit  dem  Berichterstatter  der  Kammer  der  Reichsräte,  dem  Freiherrn  von
Thüngen,  nach  Berlin,  um  das  bayrische  liberum  veto  noch  einmal  in
loyaler  Weise  zu  vertreten.

Ueber  die  Berliner  Reise  findet  sich  die  folgende  Aufzeichnung  des
Fürsten.

Notizen  über  die  Reise  nach  Berlin  am  27.  Oktober  1867.

Abreise  von  München  infolge  des  Kammerbeschlusses  der  Reichsräte,
um  zu  versuchen,  ob  weitere  Konzessionen  bezüglich  des  Vetos  von  Preußen
zu  erreichen  und  um  Herrn  von  Thüngen  Gelegenheit  zu  geben,  sich  selbst
von  der  Lage  der  Dinge  in  Berlin  zu  überzeugen.  Am  27.  kamen  wir,
Thüngen,  Weber  und  ich,  in  Berlin  an.  Perglas  1)  auf  dem  Bahnhof,
der  mir  mitteilte,  daß  Bismarck  uns  um  2  Uhr  empfangen  werde.

Um  2  Uhr  zu  Bismarck.  Ich  stellte  Thüngen  vor,  indem  ich  den
Zweck  unfrer  Reise  darlegte.

Thüngen  ergriff  sodann  das  Wort,  rechtfertigte  in  einer  Ansprache
die  Auffassung  der  Kammer  der  Reichsräte  und  sprach  den  Wunsch  aus,
daß  durch  ein  Entgegenkommen  Preußens  die  Zustimmung  der  Reichsräte
ermöglicht  werden  möge,  darauf  hindeutend,  daß  das  Bündnis  zwischen
Bayern  um  so  fester  werden  würde,  wenn  es  nicht  durch  Zwang  herbeigeführt
  werde.

Bismarck  entwickelte  in  längerer  Auseinandersetzung  den  Standpunkt
der  preußischen  Regierung,  beteuerte  seine  deutsche  Gesinnung,  verwies  auf
die  Verhandlungen  des  Friedensvertrages,  in  welchem  er  die  Interessen
Bayerns  den  in  dem  entgegengesetzten  Sinne  geltend  gemachten  Strömungen
entgegengestellt  habe,  versicherte  aber,  daß  die  Rücksicht  auf  ihre  Bundesgenossen
  die  preußische  Regierung  abhalte,  weitere  Konzessionen  an  Bayern
zu  machen.

Thüngen  schlug  nun  vor,  wenn  auch  nicht  den  Regierungen,  doch  der
Majorität  der  nichtpreußischen  Abgeordneten  im  Parlament  ein  Einspruchsrecht
  zuzugestehen.

Wogegen  Bismarck  einwendete,  daß  dadurch  die  norddeutsche  Verfassung
  gefährdet  würde.  Er  versicherte  dann,  daß  es  der  preußischen
Regierung  fern  liege,  auf  die  süddeutschen  Staaten  irgendeinen  Druck
ausüben  zu  wollen.

 

1)  Der  neuernannte  bayrische  Gesandte  in  Berlin.
        <pb n="288" />
        276  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Dem  Wunsch  Thüngens  auf  Verlängerung  der  Ratifikationsfrist  bis
nach  neuen  Wahlen  in  Bayern,  glaubte  Bismarck  auch  nicht  entsprechen
zu  können,  versicherte  aber,  daß  er  auch  dann,  wenn  wir  verhindert  wären,
die  Ratifikationsfrist  einzuhalten,  dieselben  Bedingungen  gewähren  wolle,
die  er  im  Juni  geboten  habe.  Er  sprach  offen  und  nicht  nach  der  Art
der  Pferdehändler.

Wir  entfernten  uns  nun,  nachdem  uns  Bismarck  auf  5  Uhr  zum
Diner  geladen  hatte.

Hier  fanden  wir  Delbrück  und  Keudell  nebst  einigen  Mitgliedern  der
Familie.  Delbrück  bestätigte  das,  was  Bismarck  gesagt  hatte,  bedauerte,
wenn  ich  aus  dem  Ministerium  ausscheiden  müsse,  versicherte  aber,  daß
man  keine  Konzessionen  machen  könne.

Herr  von  Keudell  war  vollkommen  unterrichtet  über  die  Stimmung
in  Bayern.

Ich  fragte  noch  Bismarck,  ob  er  bezüglich  der  Festung  Ulm  irgendeinen
  Druck  auf  die  württembergische  Regierung  ausgeübt  habe,  was  er
entschieden  verneinte.  Es  sei  Preußen  im  Gegenteil  sehr  angenehm,  wenn
Bayern  mehr  Einfluß  in  Ulm  erlange.  Sollte  Württemberg  von  Preußen
einen  Beitrag  zur  Unterhaltung  von  Ulm  verlangen,  so  würden  sie  diesen
gewähren  und  gar  keine  Rechte  in  Ulm  beanspruchen  während  des  Friedens;
doch  müßten  sie  dann  nur  verlangen,  daß  man  als  Gegenleistung  Ludwigshafen
  befestige,  was  der  strategisch  wichtigste  Punkt  sei.  Rastatt  habe
wenig  Bedeutung  und  sei  nur  für  Baden  wichtig.  Ludwigshafen  und
Germersheim  seien  die  eigentlichen  wichtigen  Festungen  für  eine  Aktion
gegen  Frankreich.

Von  Oesterreich  hätten  wir  nichts  zu  befürchten.  Oesterreich  habe
gar  kein  Bündnis  mit  Frankreich,  da  sonst  sofort  ein  Bündnis  mit  Rußland
  in  Aussicht  stehe,  und  auch  England  nicht  zusehen  könne,  wenn
Frankreich  die  Ostseehäfen  blockiere.

Das  Verhältnis  zu  Oesterreich  werde  sich  nach  und  nach  bessern.
Eine  Verbindung  Oesterreichs,  der  süddeutschen  Staaten  und  Preußens
bezeichnete  er  als  „couronnement  de  Teeuvyre“.

Am  andern  Morgen,  dem  28.,  Audienz  beim  König.  Er  forderte  uns  auf,
zu  reden.  Baron  Thüngen  setzte  seine  Ansichten  und  die  der  Kammer  der
Reichsräte  auseinander.  Der  König  antwortete  sehr  eingehend,  aber  sehr
bestimmt,  daß  er  sich  auf  keine  Modifikation  des  Vertrags  einlassen  könne,
der  eine  Abänderung  der  Bundesverfassung  voraussetze.  Glaubten  wir
nicht  beitreten  zu  können,  so  sollten  wir  austreten.  Doch  glaube  er  nicht,
daß  die  Majorität  des  Landes  auf  seiten  der  Reichsräte  sei.

Dann  sprach  er  länger  über  die  preußische  Politik  im  allgemeinen.
Preußen  sei  zu  den  Annexionen  gegen  seinen  Willen  gedrängt  worden.
        <pb n="289" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  277

Fünfzig  Jahre  hätte  man  ruhig  im  Lande  gelebt,  und  es  sei  weder  seinem
Vater  noch  seinem  Bruder  noch  ihm  selbst  je  eingefallen,  sich  an  dem
Besitz  seiner  Nachbarn  zu  vergreifen,  bis  die  Ereignisse  des  Jahres  1866
ihn  dazu  genötigt.  Er  habe  Bayern  gegenüber  Mäßigung  bewiesen.

Am  Abend  des  28.  verließen  die  bayrischen  Vertreter  Berlin  und
kamen  am  29.  Oktober  Abends  nach  München  zurück.  Der  Freiherr  von
Thüngen  war  durch  diese  Reise  überzeugt  worden,  daß  das  gewünschte
Veto  für  Bayern  nicht  zu  erreichen  sei.  Am  30.  Morgens  machte  der  Fürst
dem  Ausschuß  der  Kammer  der  Abgeordneten  Mitteilung  über  das  Ergebnis
  der  Reise.  Dieser  Ausschuß  beschloß  darauf,  der  von  den  Reichsräten
  beschlossenen  Modifikation  des  Vertrags  nicht  beizutreten.  Dieser
Antrag  wurde  an  demselben  Nachmittag  in  einer  Plenarsitzung  der  Kammer
der  Abgeordneten  ohne  Diskussion  angenommen.  Desgleichen  ein  Antrag
des  Ausschusses:  die  zuversichtliche  Erwartung  auszusprechen,  die  Staatsregierung
  werde  dahin  wirken,  daß  die  Präsidialmacht  Preußen  das  ihr
nach  §  12  des  Vertrags  eingeräumte  Einspruchsrecht  nicht  in  einer  den
wirtschaftlichen  Interessen  Bayerns  nachteiligen  Weise  üben  werde.  Fürst
Hohenlohe  hatte  zu  diesem  Antrage  erklärt,  die  Staatsregierung  habe  gegen
die  Fassung  des  von  dem  Ausschusse  vorgeschlagenen  Wunsches  um  so
weniger  etwas  einzuwenden,  als  preußischerseits  erklärt  worden  sei,  von
dem  Rechte  zum  Widerspruch  gegen  eine  von  Preußens  Verbündeten
gewünschte  Abänderung  der  gemeinschaftlichen  Gesetzgebung  oder  Verwaltungsvorschriften
  jedenfalls  nur  dann  Gebrauch  machen  zu  wollen,  wenn  durch
solche  Abänderung  nach  Preußens  wohlerwogener  Ueberzeugung  das  Gedeihen
oder  die  Einnahmen  des  Zollvereins  gefährdet  würden.  Am  Abend  des
30.  Oktober  verhandelten  die  kombinierten  Ausschüsse  beider  Kammern.
Am  31.  Oktober,  dem  letzten  Tag  vor  Ablauf  der  vertragsmäßigen  Ratifikationsfrist,
  um  11  Uhr  fand  die  Plenarversammlung  der  Kammer  der
Reichsräte  statt.  Vorher  hatte  der  Ausschuß  dieser  Kammer  mit  8  gegen
1  Stimme  die  Zustimmung  zu  den  Verträgen  beschlossen.  In  der
öffentlichen  Sitzung  sprach  sich  der  Freiherr  von  Thüngen  in  demselben
Sinne  aus.  Die  Annahme  erfolgte  mit  35  gegen  13  Stimmen.  An
demselben  Abend  wurde  die  Ratifikation  des  Vertrags  nach  Berlin  mitgeteilt.


Unterredung  mit  Baron  Beust,  6.  November  1867.1)

Baron  Beust  begann  mit  der  Eröffnung  dessen,  was  er  in  Paris  und
London  erfahren,  bemerkte,  daß  der  Kaiser  Napoleon  die  Idee  eines  Kon- 



1)  Es  war  die  erste  Begegnung  des  Fürsten  mit  Beust.  Siehe  Graf  Beust,  Aus
drei  Vierteljahrhunderten,  Bd.  11  S.  138.
        <pb n="290" />
        278  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

gresses  zur  Regelung  der  römischen  Frage  noch  immer  verfolge,  auch  sei  es
nötig,  den  Kaiser  darin  zu  unterstützen.  Es  werde  nicht  von  einem  Kongreß
der  katholischen  Mächte,  sondern  von  einem  Kongresse  aller  Mächte  gesprochen,
  welche  katholische  Untertanen  haben.  Er  meinte,  wir  hätten  schon
eine  Einladung  erhalten,  was  ich  verneinte.  Es  werde  sich  allerdings  von
den  Geldmitteln  handeln,  die  zur  Unterhaltung  des  Papstes  nötig  seien,
etwa  einem  obligatorischen  Peterspfennig.  Doch  ließ  er  das  wieder  fallen
und  kam  darauf  auf  die  deutsche  Frage.

Er  erzählte,  daß  er  mit  Goltz  in  Paris  eine  längere  Unterhaltung
gehabt  und  diesen  darauf  aufmerksam  gemacht  habe,  daß  die  deutsche  Frage
in  einer  Weise  geregelt  werden  müsse,  die  den  Franzosen  den  Vorwand
zum  Kriege  nehme.  Die  Vorstellung  herrsche  nun  einmal,  daß  Preußen
ganz  Deutschland  sich  einverleiben  wolle,  und  diese  Vorstellung  müsse  man
den  Franzosen  benehmen  durch  Bildung  eines  süddeutschen  Bundes,  einer
Konföderation  oder  Union.  Die  Form  sei  gleichgültig.  Goltz  habe  sich
damit  einverstanden  erklärt  und  diesen  Zustand,  dieses  Projekt  ein  „provisorisches
  Definitivum“  genannt.  Beust  gab  zu,  daß  ein  solches  Arrangement
nur  mit  der  Zustimmung  Preußens  zu  erreichen  sei,  denn  Baden  werde
nur  auf  Befehl  Preußens  zustimmen.  Varnbüler  1)  habe  sich  damit  einverstanden
  erklärt,  jedoch  gegen  ein  süddeutsches  Parlament  protestiert.
Beust  schien  darauf  wenig  Wert  zu  legen.  Er  meinte,  die  internationale
Verbindung  des  Südens  mit  dem  Norden  bestehe  schon  durch  die  Schutzund
  Trutzbündnisse  und  den  Zollvereinsvertrag,  es  handle  sich  jetzt  nur
um  die  im  Prager  Frieden  vorgesehene  Einigung  der  süddeutschen  Staaten
unter  sich.  Er  riet  wiederholt  dazu,  die  Sache  zu  überlegen,  was  ich  versprach.
  Auf  meine  Frage,  wie  er  sich  das  Verhältnis  Oesterreichs  dazu
denke,  sagte  er,  Oesterreich  wolle  daraus  fernbleiben,  da  es  glaube,  dadurch
die  Sache  zu  fördern.  Er  behauptet,  der  Friede  sei  nur  dann  zu  erhalten,
wenn  eine  solche  süddeutsche  Vereinigung  gebildet  werde.  Wenn  wir  deshalb
  Schritte  in  Berlin  tun  wollten,  so  werde  er  uns  unterstützen.  Es
ist  ungefähr  die  Idee  eines  Rheinbunds  unter  preußischem  Protektorat,
die  hier  wieder  auftaucht.  Bezeichnend  war  auch  die  Aeußerung,  in  Rom
sei  jetzt  die  revolutionäre  Partei  besiegt,)  die  Regierungen  in  Europa
hätten  wieder  mehr  Macht,  man  müsse  also  jetzt  die  Gelegenheit  benutzen
und  auch  in  Deutschland  das  revolutionäre  Element  bekämpfen.

Der  Gedanke  Beusts  und  des  Kaisers  Napoleon  würde  wohl  in  einer

 

1)  Beust  hatte  eine  Besprechung  mit  Varnbüler  am  6.  November  im  Eisenbahnzuge
  zwischen  Bietigheim  und  Stuttgart.  Nach  einem  Berichte  des  badischen
Gesandten  in  Stuttgart  hatte  Beust  gesagt,  jedes  Zeichen  selbständigen  Lebenstriebs
der  süddeutschen  Staaten  würde  im  Sinne  des  Friedens  wirken.

2)  Durch  die  Niederlage  Garibaldis  bei  Mentana  am  3.  November.
        <pb n="291" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  279

Union  der  süddeutschen  Staaten  in  militärischer  und  diplomatischer  Beziehung
  seine  Realisierung  finden.

Auf  meine  Frage,  ob  denn  das  bloße  Abwarten  diesen  Zweck  nicht
ebenso  erreiche,  meinte  er  sehr  eifrig,  damit  werde  der  Krieg  nicht  vermieden.


Es  scheint,  daß  die  entschiedene  Absicht  besteht,  uns,  wenn  wir  nicht
gutwillig  auf  den  Gedanken  eingehen,  bei  der  ersten  Gelegenheit  dazu  zu
zwingen.

Jedenfalls  dürften  vor  allem  in  Berlin  und  Stuttgart  Erkundigungen
einzuziehen  sein,  was  Bismarck  davon  hält  und  was  Varnbüler  zugesagt  hat.

Bayern  kann  sich  am  Ende  eine  solche  Union  gefallen  lassen,  wenn
damit  kein  wirklicher  Bundesstaat  gebildet  werden  soll.  Ob  Württemberg
und  Baden  ihre  Gesandten  aufgeben  wollen  und  süddeutschen  Bundesgesandten
  die  Vertretung  ihrer  Interessen  zu  übertragen  geneigt  sein  werden,
steht  dahin.  Auch  die  militärische  Einigung  hat  noch  keine  großen  Fortschritte
  gemacht  und  berechtigt  zu  geringen  Hoffnungen.

Bericht  an  den  König  über  die  Lage  der  süddeutschen
Staaten.
München,  23.  November  1867.

Eure  Königliche  Majestät  haben  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
durch  Allerhöchst  Ihren  Sekretär  den  Auftrag  erteilen  lassen,  über  die
dermalige  Lage  der  süddeutschen  Staaten  und  den  Stand  des  Erfolges
des  von  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  angestrebten  Zieles  eines
Bündnisses  unter  denselben  Bericht  zu  erstatten.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  erlaubt  sich  daher,  nachstehendes
alleruntertänigst  vorzutragen.

Wie  Eurer  Königlichen  Majestät  aus  den  früher  erstatteten  Berichten
bekannt  ist,  hatten  die  mit  den  süddeutschen  Staaten  im  März  dieses
Jahres  begonnenen  Unterhandlungen  den  Zweck,  eine  gemeinsame  Basis
für  die  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  anzuknüpfenden  Verhandlungen
zu  schaffen.

Das  Resultat  war  die  zwischen  Bayern  und  Württemberg  abgeschlossene
  Ministerialerkläürung  vom  16./31.  Mai  l.  J.,  inhaltlich
welcher  gewisse  Gegenstände  allgemeinerer  Natur  künftig  als  gemeinsame
deutsche  Angelegenheiten  der  Behandlung  in  einem  weiteren  zwischen
Norddeutschland  und  den  süddeutschen  Staaten  abzuschließenden  Bunde
unterstellt  werden  sollten.

Nachdem  jedoch  in  der  Zwischenzeit  die  Verhandlungen  über  die
Erneuerung  des  Zollvereins  stattgefunden  hatten,  glaubte  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  vorerst  weitere  Schritte  unterlassen  und  erst  das  Insleben-
        <pb n="292" />
        280  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

treten  des  neuen  Zollvereins  mit  seinen  Folgen  abwarten  zu  sollen,  ehe
weitere  Unterhandlungen  über  eine  Verbindung  mit  dem  Norddeutschen
Bunde  begonnen  werden  könnten.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  unterließ  es  daher  auch,  die  projektierte
  Ministerialerklärung  zwischen  Bayern  und  Baden  zum  Abschlusse
zu  bringen  und  hat  mit  Genehmigung  Eurer  Königlichen  Majestät  am
5.  August  l.  J.  eine  Depesche  an  den  Königlichen  Gesandten  in  Karlsruhe
abgesendet,  in  welcher  der  Wunsch  der  Königlichen  Regierung  ausgesprochen
wurde,  die  Unterhandlungen  vorläufig  beruhen  zu  lassen.

Aus  einer  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  vor  kurzer  Zeit  durch
den  Königlich  württembergischen  Gesandten  vorgelesenen  Depesche  des
Ministers  von  Varnbüler  ergibt  sich,  daß  auch  die  Königlich  württembergische
  Regierung  weitere  Schritte  zurzeit  unterlassen  will,  welche  eine
Verbindung  mit  dem  Norden  Deutschlands  zum  Zwecke  hätten.  1)

So  ist  nun  diese  Unterhandlung  vorläufig  als  beruhend  anzusehen.
Allein  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  kann  sich  nicht  verhehlen,  daß  mit
diesem  rein  negativen  Verhalten  den  Interessen  Bayerns  nicht  gedient  wäre;
die  Zustände,  wie  sie  zurzeit  liegen,  sind  so  unfertig,  die  Strömung  der
öffentlichen  Meinung  ist  so  gewaltig,  daß,  wenn  die  Regierung  die  Initiative
aus  der  Hand  gibt,  andre  Elemente  über  sie  hinweg  Ereignisse  hervorrufen
  können,  welche  die  Selbständigkeit  Bayerns  bedrohen  würden.  Der
Zustand  der  Zerrissenheit  Deutschlands,  wie  er  gegenwärtig  besteht,  scheint
der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Bevölkerung  so  unerträglich,  daß  sie  sich
immer  von  neuem  bemühen  wird,  eine  Aenderung  zu  veranlassen,  und
bietet  man  nicht  eine  annehmbare  Form  der  Einigung,  so  gewinnt,  das
ist  vorauszusehen,  nach  und  nach  der  Gedanke  des  unbedingten  Eintritts
in  den  Norddeutschen  Bund  immer  mehr  Anhänger.  Dies  ist  insbesondere
bei  Baden  und  Hessen  der  Fall,  deren  Verhalten  stets  zweifelhaft  bleibt
und  das  ruhige  Abwarten  fast  zur  Unmöglichkeit  macht.

Es  ist  aber  in  jüngster  Zeit  ein  neues  Element  in  diese  schwierige
politische  Frage  eingetreten.  Dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  sind
Andeutungen  geworden,  daß  eine  abwartende  Stellung  der  süddeutschen
Staaten  auch  den  Regierungen  von  Oesterreich  und  Frankreich  Besorgnisse
einflößt,  und  daß  dort  die  Bestimmungen  des  Prager  Friedens  erst  dann

 

1)  Am  11.Dezember  1867  erklärte  der  Freiherr  von  Varnbüler  bei  der  Beratung
des  Budgets  des  Auswärtigen  in  der  Zweiten  Kammer,  es  sei  entschiedene  Ansicht
der  Regierung,  daß,  nachdem  sie  die  beiden  Verträge  mit  Preußen  abgeschlossen  und
damit  ihre  nationale  Pflicht  erfüllt  habe,  kein  Grund  sei,  über  diese  Grenzlinie
hinauszugehen.  Schon  am  7.  November  hatte  der  württembergische  Geschäftsträger
eine  Note  des  Freiherrn  von  Varnbüler  von  gleichem  Inhalt  dem  badischen  Minister
von  Freydorf  mitgeteilt.
        <pb n="293" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  281

als  erfüllt  betrachtet  werden,  wenn  die  in  denselben  in  Aussicht  genommene
Einigung  der  süddeutschen  Staaten  nicht  ganz  aussichtslos  ist.

Wenn  es  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  auch  nicht  ratsam  scheint,
die  süddeutschen  Staaten  zu  einem  Bundesstaate  nach  Analogie  des  Norddeutschen
  Bundes  zusammenzuschließen,  ein  Unternehmen,  welches  überdies
auf  entschiedenen  Widerspruch  sowohl  bei  Württemberg  als  insbesondere
bei  Baden  stoßen  würde,  so  glaubt  doch  der  treugehorsamst  Unterzeichnete,  daß
jetzt  der  Zeitpunkt  gekommen  sein  dürfte,  wo  diese  Staaten  zu  einer  Verbindung
  die  Hand  bieten  würden,  welche  wenigstens  gemeinsame  militärische
Einrichtungen  und  eine  gemeinsame  Beratung  über  gleichmäßige  politische
Haltung  zur  Folge  haben  könnte.

Ob  dann  hieraus  eine  weitere  politische  Verbindung,  ein  süddeutscher
Staatenverein  zu  gestalten  sein  wird,  hängt  zunächst  von  der  Haltung  der
preußischen  Regierung  ab,  ohne  deren  Zustimmung  weder  Baden  noch
auch  Hessen  und  selbst  kaum  Württemberg  auf  einen  solchen  Gedanken
eingehen  werden.

Es  wird  demnach  nunmehr  nötig,  vorerst  sich  der  wohlwollenden
Aufnahme  eines  Vorgehens  in  dem  obenbemerkten  Sinne  von  seiten  Preußens
zu  versichern,  ferner  über  die  in  einem  Gespräche  des  Barons  Beust  mit
dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  nur  im  allgemeinen  angedeuteten  Gedanken
  der  österreichischen  und  französischen  Regierung  nähere  Nachricht
einzuziehen,  und  endlich  sich  im  allgemeinen  der  Mitwirkung  Württembergs
zu  versichern.

Alle  diese  Schritte  können  aber  nur  höchst  vertrauliche  sein  und  müssen
mit  der  größten  Vorsicht  und  Diskretion  behandelt  werden;  dieselben  sollen
nur  zur  Information  dienen  und  in  keiner  Weise  bindende  Verpflichtungen
für  Bayern  in  das  Auge  fassen.

Insofern  Eure  Königliche  Majestät  hiermit  einverstanden  sind  und
die  Ermächtigung  zu  dieser  vorbereitenden  Information  zu  erteilen  geruhen,
wird  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  dieselbe  in  Angriff  nehmen  und
deren  Erfolg  unter  weiterer  Antragstellung  allerehrfurchtsvollst  berichten.

Marginalreskript  des  Königs  auf  vorstehenden  Bericht:

Ich  bin  wegen  der  Unabhängigkeit  Meiner  Krone  und  wegen  der
Selbständigkeit  des  Landes  sehr  besorgt.  Deshalb  habe  Ich  Sie  zu  einer
Darstellung  der  politischen  Lage  veranlaßt.  Es  gibt  Mir  nun  Ihr  Bericht
doch  einige  Beruhigung,  da  Ich  hieraus  wahrnehme,  daß  es  Ihnen  gelingen
werde,  die  drohenden  Gefahren  durch  Bildung  eines  süddeutschen  Staatenvereins
  abzuwehren.  Ich  spreche  Ihnen  für  Ihre  Tätigkeit  gerne  Meinen
Dank  und  Meine  Anerkennung  aus  und  bin  auch  mit  den  von  Ihnen
        <pb n="294" />
        282  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

vorgeschlagenen  Schritten  einverstanden.  Da  diese  Angelegenheit  Meine
Aufmerksamkeit  unausgesetzt  in  Anspruch  nimmt,  so  sind  Mir  Ihre  Berichte
ganz  genehm.
Hohenschwangau,  26.  November  1867.
Ludwig.

Fürst  Hohenlohe  an  den  Freiherrn  von  Varnbüler  in
Stuttgart.
München,  30.  November  1867.

Eure  Exzellenz  haben  die  Anschauung  geteilt,  daß  die  Angelegenheit,
welche  in  der  Ministerialerklärung  vom  16./31.  Mai  d.  J.  ihren  Ausdruck
  gefunden,  und  welche  zum  Zwecke  hatte,  zwischen  der  Königlich
württembergischen  und  der  Königlich  bayrischen  Regierung  ein  Einverständnis
zu  erzielen,  auf  welche  Weise  die  im  Prager  Frieden  in  Aussicht  genommene
nationale  Verbindung  des  Südens  mit  dem  Norden  anzubahnen  sei,  vorläufig
  auf  sich  zu  beruhen  habe.  Was  mich  betrifft,  so  bin  ich  dabei
nicht  von  der  Ansicht  ausgegangen,  eine  solche  Vereinigung  aufzugeben,
denn  ich  halte  es  nach  wie  vor  für  eine  dringende  Notwendigkeit,  dieselbe
auf  einer  die  Selbständigkeit  der  Südstaaten  gewährleistenden  Grundlage
zu  erstreben,  um  nicht  Gefahr  zu  laufen,  durch  die  wachsende  Gewalt  der
nationalen  Zentripetalkräfte  wider  unsern  Willen  in  die  norddeutsche
Bundesverfassung  hineingeführt  zu  werden.  Ich  habe  aber  geglaubt,  vorerst
mit  der  Zollvereinsangelegenheit  ins  reine  kommen  zu  müssen,  und  darf
wohl  annehmen,  daß  auch  hierin  Eure  Exzellenz  meine  Ansicht  teile.

Nunmer  tritt  die  Frage,  was  zu  geschehen  habe,  unabweisbar  heran,
und  ich  glaube  mich  nicht  zu  täuschen,  wenn  ich  behaupte,  daß  die  Agitation
sich  nicht  lange  mehr  still  verhalten  wird,  wenn  die  Regierungen  der  Südstaaten
  sich  auf  eine  lediglich  negative  Tätigkeit  beschränken  wollten.

Ich  habe  überdies  Anhaltspunkte  dafür,  daß  eine  bloß  negative  Politik
auch  nach  andern  Richtungen  hin  nicht  entsprechend  erachtet  werden  würde.
Es  ist  Eurer  Exzellenz  ohne  Zweifel  gleichfalls  bekannt,  daß  in  Kreisen,
deren  Gewicht  nicht  unterschätzt  werden  darf,  die  Ansicht  besteht,  der
Abschluß  der  Allianzverträge  und  des  Zollvereinsvertrages  entspreche  nur
dann  den  Bestimmungen  des  Prager  Friedens,  wenn  auch  der  als  Voraussetzung
  der  nationalen  Verbindung  des  Südens  mit  dem  Norden  in  Artikel  IV.
(nach  jener  Ansicht)  stipulierte  Verein  der  süddeutschen  Staaten  unter
sich  in  das  Leben  trete.  Man  mag  hiermit  einverstanden  sein  oder  nicht,
ignorieren,  meine  ich,  können  wir  im  Süden  diese  Anschauung  nicht,  um
so  weniger,  als  ich  Andeutungen  erhalten  habe,  daß  schon  ein  Versuch
in  dieser  Richtung,  der  Beginn  von  Verhandlungen,  in  jenen  Kreisen  sehr
angenehm  berühren  würde.
        <pb n="295" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  283

Nachdem  nun  Seine  Majestät  der  König  mich  ermächtigt  hat,  die
erforderlichen  Schritte  zu  tun,  liegt  mir  bei  der  Achtung,  welche  ich  stets
gegen  das  hohe  staatsmännische  Talent  Eurer  Exzellenz  gehegt  habe,  und
bei  dem  lebhaften  Wunsche,  nur  gemeinsam  mit  Württemberg  in  der
deutschen  Frage  vorzugehen,  vor  allem  daran,  Eurer  Exzellenz  Ansicht  in
der  Sache  zu  kennen.  Ich  habe  die  in  das  Auge  zu  fassende  Frage  einstweilen
als  einfache  Privatarbeit  t)  etwas  zu  formulieren  versucht  und  erlaube
mir  diese  Skizze  ganz  vertraulich  Eurer  Exzellenz  anliegend  zu  übersenden.
Es  würde  mir  von  höchstem  Werte  sein,  Ihre  Ansicht  im  allgemeinen  und
über  einzelne  Detailbestimmungen  zu  hören.  Wenn  einzelnes,  wie  zum
Beispiel  die  Zuziehung  eines  preußischen  Bevollmächtigten  in  die  Militärkommission,
  zu  weit  zu  gehen  scheint,  ?)  so  liegt  hierbei  der  Gedanke  zugrunde,
daß  ohne  Zustimmung  und  tätige  Beihilfe  Preußens  eine  Vereinigung  der
süddeutschen  Staaten  in  irgendwelcher  Form  eine  Unmöglichkeit  sein  würde,
und  daß  also,  um  diese  Geneigtheit  zu  erzielen,  demselben  günstige  Bestimmungen
  aufzunehmen  eine  unumgängliche  Notwendigkeit  ist.

Die  Frage,  in  welcher  Weise  die  legislativen  Faktoren  ihre  Tätigkeit
bezüglich  der  gemeinsamen  Angelegenheiten  geltend  zu  machen  hätten,  habe
ich  noch  unberührt  gelassen.

Ich  wiederhole  jedoch,  daß  ich  diese  Skizze  nicht  als  Minister  des
Auswärtigen,  sondern  lediglich  als  Freund  Eurer  Exzellenz  vorlege,  und
daß  ich  weitere  Schritte  nicht  unternehmen  wollte,  ohne  die  Ansicht  Eurer
Exzellenz  gehört  zu  haben.

Entwurf.

Im  Hinblick  auf  Artikel  IV  des  Prager  Friedens,  welcher  eine  Vereinigung
  der  südlich  des  Mains  gelegenen  deutschen  Staaten  zur  Voraussetzung
  einer  nationalen  Vereinigung  mit  Norddeutschland  nimmt,  sind
Ihre  Majestäten  und  Königlichen  Hoheiten,  die  Könige  von  Bayern  und
Württemberg  und  die  Großherzoge  von  Baden  und  Hessen,  letzterer  für
die  südlich  vom  Main  gelegenen  Teile  des  Großherzogtums,  übereingekommen
  wie  folgt:

I.  Abteilung.
Art.  1.

Die  Königreiche  Bayern  und  Württemberg,  das  Großherzogtum
Baden  und  der  südlich  gelegene  Teil  des  Großherzogtums  Hessen  ver- 



1)  Der  nachfolgende  Entwurf  war  eine  Arbeit  des  Ministerialrats  Freiherrn
von  Völderndorff.  Ueber  dessen  nahe  geschäftliche  und  persönliche  Beziehungen  zu
dem  Fürsten,  siehe  die  aus  seinem  Nachlaß  herausgegebene,  leider  unvollendete  Schrift:
„Vom  Reichskanzler  Fürsten  von  Hohenlohe",  München  1902.

2)  Artikel  6  Absatz  2  des  nachfolgenden  Entwurfs.
        <pb n="296" />
        284  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

binden  sich  zu  einem  Staatenverein  und  führen  fortan  den  Namen:
„Vereinigte  Süddeutsche  Staaten".

Art.  2.

Die  gemeinsamen  Angelegenheiten  dieses  Vereines  werden  von  einer
Vereinsbehörde  geregelt,  welche  aus  Vertretern  jedes  der  Vereinigten
Staaten  gebildet  wird.

Der  Sitz  der  Vereinsbehörde  befindet  sich  an  dem  jeweiligen  Vorort.

Art.  3.

In  der  Vereinsbehörde  führt  Bayern  6,  Württemberg  4,  Baden  3,
Hessen  2  Stimmen.

In  derselben  Weise  wechselt  und  zwar  jährlich  der  Vorort,  so  daß
in  fünfzehn  Jahren  Darmstadt  zweimal,  Karlsruhe  dreimal,  Stuttgart  viermal
  und  München  sechsmal  Vorort  ist.

Der  jeweilige  Vorortsstaat  führt  in  der  Vereinsbehörde  den  Vorsitz.

Art.  4.

Die  Vereinsstaaten  verpflichten  sich,  alle  Streitigkeiten,  sowohl  mit
Vereinsgliedern  als  mit  auswärtigen  Staaten,  vor  die  Vereinsbehörde
zu  bringen.

Die  ersteren  werden,  falls  eine  gütliche  Ausgleichung  nicht  zu  erzielen
ist,  vor  ein  Austrägalgericht  verwiesen,  über  dessen  Berufung,  Zusammensetzung
  und  Verfahren  sofort  detaillierte  Bestimmungen  erfolgen  werden.

Streitigkeiten  mit  Nichtvereinsstaaten  werden,  sobald  die  Vereinsbehörde
  den  Vereinsstaat  im  Rechte  befindet,  als  gemeinsame  Sache  behandelt

  werden.
Art.  5.

Das  Heer  der  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  ist  ein  gemeinsames,
vorbehaltlich  der  für  Hessen  bestehenden  besonderen  Vereinbarungen.

Es  wird  in  demselben  eine  gleiche  Organisation  und  gleiche  Einrichtungen
eingeführt,  soweit  dies  für  eine  Aktion  im  Felde  nötig  oder  nützlich  ist.

Im  Frieden  steht  jeder  Heeresteil  unter  dem  alleinigen  Befehle
des  betreffenden  Staatsoberhauptes;  er  ist  nur  von  diesem  in  Eid  zu
nehmen  und  kann  nur  innerhalb  der  betreffenden  Landesgrenzen  verwendet
werden,  vorbehaltlich  jedoch  der  Bestimmungen  hinsichtlich  der  Besetzung
der  Bundesfestungen.

Art.  6.

Zur  Aufrechthaltung  der  Gemeinsamkeit  der  Heereseinrichtungen  und
zur  Ausarbeitung  und  Ueberwachung  der  hierauf  bezüglichen  Maßregeln
besteht  am  jeweiligen  Vororte  eine  Militärkommission,  in  welcher  jeder
Vereinsstaat  (Hessen  ausgenommen)  vertreten  ist,  und  je  eine  Stimme
führt.
        <pb n="297" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  285

Es  bleibt  hierbei  vorbehalten,  wegen  Vertretung  Preußens  in  dieser
Kommission  durch  einen  Bevollmächtigten  mit  beratender  Stimme  weitere

Vereinbarung  zu  treffen.
Art.  7.

Es  wird  zur  Ausbildung  der  süddeutschen  Offiziere  in  München
eine  gemeinsame  Kriegsakademie,  in  Stuttgart  eine  gemeinsame  Equtitationsschule,
  in  Karlsruhe  eine  gemeinsame  Ingenieur=  und  Artillerieschule  errichtet
  werden.  Jedes  Jahr  finden  gemeinsame  Uebungen  von  Heeresteilen
aller  drei  obengenannten  Staaten  statt,  wobei  der  Oberbefehl  von  dem
jeweiligen  Vorortsstaate  geführt  wird.

Art.  8.

Als  Festungen  der  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  werden  erklärt:
Ulm,  Rastatt  und  Germersheim.

Die  oberste  Aufsicht  und  Leitung  derselben  steht  der  Militärkommission
zu.  Im  übrigen  sind  für  deren  Besatzung,  Befehligung  und  Instandhaltung
  die  Grundsätze  des  früheren  Bundesreglements  maßgebend.

Die  Militärkommission  wird  diese  sofort  der  benötigten  Revision
unterstellen  und  zugleich  für  das  Gebiet  der  Vereinigten  Süddeutschen
Staaten  ein  vollständiges  Defensivsystem  entwerfen,  welches  schleunigst  und
auf  gemeinsame  Kosten  in  Ausführung  zu  bringen  ist.

Art.  9.

Die  Vertretung  nach  außen  übt  jeder  Vereinsstaat  da,  wo  er  eine
solche  für  nötig  erachtet,  selbst  aus.  Jedoch  ist  jeder  Vereinsstaat,  welcher
an  einem  auswärtigen  Hofe  eine  Gesandtschaft  unterhält,  verpflichtet,  auch
den  Schutz  der  Angehörigen  eines  Vereinsstaates,  welcher  daselbst  keinen
Vertreter  hat,  gleich  dem  der  eignen  zu  übernehmen.  Wo  keiner  der  Vereinigten
  Süddeutschen  Staaten  diplomatisch  vertreten  ist,  soll  für  die  Angehörigen
  des  süddeutschen  Vereinsgebietes  der  Schutz  der  preußischen
Gesandten  erwirkt  werden.

Art.  10.

Hinsichtlich  der  Konsulate  soll  dahin  gewirkt  werden,  daß  gemeinsame
süddeutsche  Konsuln  aufgestellt  werden.  An  überseeischen  Plätzen  und  wo
es  sonst  zweckmäßig  erscheint,  soll  für  die  Angehörigen  der  Vereinsstaaten
der  Schutz  der  norddeutschen  Konsuln  erwirkt  werden.

Art.  11.

In  den  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  besteht  ein  gemeinsames
Indigenat  mit  der  Wirkung,  daß  hinsichtlich  des  Aufenthaltes,  des  Gewerbe-,
  Fabrik=  und  Handelsbetriebes,  der  Zulassung  zu  öffentlichen  Aemtern,
der  Besteuerung  und  des  Genusses  aller  sonstigen  bürgerlichen  Rechte,
endlich  in  betreff  des  Rechtsschutzes  und  der  Rechtsverfolgung  der
        <pb n="298" />
        286  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Angehörige  eines  Vereinsstaates  als  Landeseingeborner  behandelt  wird.
Diejenigen  Bestimmungen,  welche  die  Armenversorgung  und  die  Aufnahme
in  den  lokalen  Gemeindeverband  betreffen,  werden  hierdurch  nicht  berührt.
Ebenso  bleiben  bis  auf  weiteres  die  Verträge  in  Kraft,  welche  zwischen
den  einzelnen  Bundesstaaten  in  Beziehung  auf  die  Uebernahme  von  Auszuweisenden,
  die  Verpflegung  erkrankter  und  die  Beerdigung  verstorbener
Staatsangehöriger  bestehen.

Seine  Militärpflicht  in  der  aktiven  Armee,  der  Reserve  und  der
Landwehr  kann  im  Frieden  jeder  Angehörige  der  Vereinigten  Süddeutschen
Staaten  in  dem  Staate,  in  welchem  er  sich  dauernd  aufhält,  erfüllen.

Art.  12.

Es  soll  für  das  Gesamtgebiet  der  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten
ein  gemeinsames  Zivil=  und  Kriminalrecht  und  ein  gemeinsamer  Zivil=  und
Kriminalprozeß  bestehen.  Hierbei  soll  zugleich  die  Gemeinsamkeit  dieser
Gesetzgebung  mit  jener  des  Norddeutschen  Bundes  soweit  möglich  angestrebt
  werden.

Art.  13.

Zur  fortdauernden  Wahrung  der  Rechtseinheit  sollen  alsbald  nach
Verwirklichung  der  gemeinsamen  Gesetzgebung  gemeinsame  Obergerichte  in
das  Leben  gerufen  werden.

Schon  jetzt  wird  für  die  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  ein  gemeinsamer
  oberster  Gerichtshof  in  Handelssachen  zu  Nürnberg  errichtet.

Art.  14.

Außerdem  sind  Vereinsangelegenheiten:

1.  die  Ordnung  des  Maß=  und  Gewichtssystems,  das  Münzwesen
und  die  Feststellung  der  Grundsätze  über  Emission  von  fundiertem  und
unfundiertem  Papiergeld;

2.  die  allgemeinen  Bestimmungen  über  das  Bankwesen;

3.  die  Erfindungspatente;

4.  der  Schutz  des  geistigen  Eigentums;

5.  der  Flößerei=  und  Schiffahrtsbetrieb  auf  den  mehreren  Staaten
gemeinsamen  Wasserstraßen  und  der  Zustand  der  letzteren  sowie  die  Flußund
  sonstigen  Wasserzölle;

6.  Bestimmungen  über  die  wechselseitige  Vollstreckung  von  Erkenntnissen
  in  Zivilsachen  und  Erledigung  von  Requisitionen  überhaupt;

7.  Maßregeln  der  Medizinal=  und  Veterinärpolizei.

Art.  15.

Zwischen  den  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  und  dem  Norddeutschen
Bunde  soll  ein  internationales  Band,  insoweit  dieses  nicht  bereits  durch
        <pb n="299" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  287

die  Allianz=  und  Zollvereinsverträge  besteht,  dadurch  erzielt  werden,  daß
im  Wege  des  Vertrages  die  in  Artikel  13  bis  14  aufgeführten  Gegenstände
  gemeinsam  geregelt  werden.

Eine  zweite  Abteilung  des  Entwurfs  enthält  Bestimmungen  über  die
„nationale  Verbindung“  der  Vereinigten  Süddeutschen  Staaten  mit  dem
Norddeutschen  Bunde.

Freiherr  von  Varnbüler  beantwortete  das  Schreiben  des  Fürsten  vom
30.  November  1867  um  Neujahr  1868  dahin,  daß  die  gemeinsame  Durchführung
  der  militärischen  Einrichtungen  notwendig  sei,  daß  er  aber  betreffs
  der  übrigen  Punkte  zweifeln  müsse,  daß  diese  zu  einer  organischen
Einigung  der  süddeutschen  Staaten  Stoff  liefern,  und  daß  die  Tätigkeit
eines  Bundesorgans  ohne  gemeinsame  Volksvertretung  die  öffentliche
Meinung  befriedigen  werde.  Ein  süddeutsches  Parlament  aber  wollte
er  nicht.

Vom  4.  bis  7.  Dezember  1867  fanden  in  München  Konferenzen  der
Kriegsminister  von  Bayern,  Württemberg  und  Baden  statt  zur  Ausführung
  der  Stuttgarter  Beschlüsse  vom  5.  Februar.  Fürst  Hohenlohe  eröffnete
  diese  Konferenzen  mit  folgender  Ansprache:

Ich  erlaube  mir  vor  Beginn  der  militärischen  Konferenz  Ihnen,
meine  Herren,  als  den  Vertretern  der  Königlich  württembergischen  und  der
Großherzoglich  badischen  Regierung  den  Dank  der  bayrischen  Staatsregierung
  auszusprechen  dafür,  daß  Seine  Majestät  der  König  von  Württemberg
  und  Seine  Königliche  Hoheit  der  Großherzog  von  Baden  Sie  beauftragt
  haben,  an  der  Konferenz  teilzunehmen.  Es  tritt  damit  eine  Ergänzung
  der  Stuttgarter  Februarkonferenzen  ein,  die  wir  nicht  hoch  genug
anschlagen  können.

Wenn  es,  wie  ich  nicht  zweifle,  die  Absicht  aller  süddeutschen  Regierungen
  ist,  an  den  mit  Preußen  abgeschlossenen  Allianzverträgen  festzuhalten
und  bei  kommenden  Eoentualitäten  gemeinsam  mit  unsern  Alliierten  des
deutschen  Nordens  die  Integrität  des  deutschen  Gebiets  zu  verteidigen,  so
wird  das  Zusammengehen  der  süddeutschen  Staaten  die  Erreichung  dieses
Zwecks  nicht  stören,  sondern  fördern.

Die  Verständigung  der  süddeutschen  Staaten  unter  sich  wird  uns
vom  deutschen  Norden  nicht  entfernen,  sondern  die  Erfüllung  unfrer  Allianzpflichten
  erleichtern;  sie  wird  uns  gestatten,  jene  Besonderheiten  zu  pflegen,
auf  deren  Erhaltung  wir  in  Süddeutschland  Wert  legen;  sie  wird  uns
gestatten,  den  Grad  der  Selbständigkeit  zu  erhalten,  den  wir  unbeschadet
des  gemeinsamen  Ziels  erhalten  dürfen;  sie  wird  uns  endlich  stärken  und
zu  wertvollen  Alliierten  machen.
        <pb n="300" />
        288  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

In  diesem  Sinne  wünsche  ich  den  bevorstehenden  kameradschaftlichen
Beratungen  das  beste  Gedeihen  und  den  erfolgreichsten  Fortgang.

Die  Verhandlungen  wurden  nach  dieser  Begrüßung  von  den  militärischen
  Bevollmächtigten  allein  fortgesetzt.  Die  schließlichen  Vereinbarungen
wurden  in  zwei  Protokollen  vom  7.  Dezember  1867  bekundet.  Das  erste
dieser  Protokolle  stellt  zunächst  fest,  daß  den  Stuttgarter  Beschlüssen  in
allen  Punkten  allseitig  nachgekommen  sei,  soweit  es  den  einzelnen  Staaten
bisher  möglich  gewesen.  Zur  Ergänzung  und  Erläuterung  der  früheren
Vereinbarungen  wurde  als  wünschenswert  erklärt,  im  Einklange  mit  der
inzwischen  ergangenen  norddeutschen  Bundeskriegsverfassung,  soweit  immer
tunlich,  die  Kriegsformation  von  2%  und  die  Friedenspräsenz  von  1%
und  damit  prinzipiell  die  dreijährige  Präsenz  zu  erreichen.  Die  übrigen
Bestimmungen  betreffen  die  Erhaltung  eines  tüchtigen  Unteroffizierstands,
die  Friedensstärke  der  Reiterei,  die  Notwendigkeit  übereinstimmender  Exerzierreglements,
  übereinstimmende  Abzeichen  für  die  Offizierschargen  und
gleiche  Benennungen  der  Unteroffizierschargen.  Das  zweite  Protokoll  verpflichtet
  die  drei  Regierungen  zu  Verhandlungen  über  im  kommenden
Sommer  oder  Herbst  zu  veranstaltende  gemeinschaftliche  Uebungen  und
enthält  bezüglich  der  Festungen  folgende  Bestimmung:

„Vom  militärischen  Standpunkte  aus  betrachtet  kann  die  Frage  über
die  Festungen  Süddeutschlands  nur  im  Zusammenhange  mit  dem  Verteidigungssystem
  von  ganz  Deutschland  einer  gedeihlichen  Lösung  zugeführt
werden,  und  erkennen  es  daher  die  hier  versammelten  Kriegsminister  in
dieser  Beziehung  als  militärisches  Bedürfnis,  daß  ein  Organ  bestehe,
welches  unter  stetem  Hinblick  auf  das  Verteidigungssystem  Deutschlands
überhaupt  die  näheren  Anhaltspunkte  für  die  einzelnen  festen  Plätze  und
Positionen  regelt.

Nachdem  jedoch  die  Durchführung  dieses  Bedürfnisses  vorerst  nach
den  verschiedensten  Seiten  in  Erwägung  gezogen  werden  muß,  so  soll  hier
lediglich  das  Bestehen  desselben  konstatiert,  ein  definitiver  Beschluß  jedoch
nicht  ausgesprochen  sein."“

Bericht  an  den  König,  die  Neubildung  der  Kammer
der  Reichsräte  betreffend.
München,  12.  Dezember  1867.

In  dem  Programm,  welches  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  vor
Eintritt  in  sein  Amt  Eurer  Königlichen  Majestät  vorgelegt  hat  und  welches
die  Billigung  Allerhöchstderselben  fand,  ist  auch  die  Reform  der  Kammer

der  Reichsräte  als  eine  anzustrebende  Maßregel  aufgeführt.
Um  diesem  für  notwendig  und  den  Staatsinteressen  ersprießlich  erachteten
  Verlangen  Rechnung  zu  tragen,  erlaubt  sich  der  treugehorsamst
        <pb n="301" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  289

Unterzeichnete  Eurer  Königlichen  Majestät  sechs  Gesetzentwürfe  1)  vorzulegen,
durch  welche  nach  seiner  Ueberzeugung  ohne  Gefährdung  der  wahrhaft
konservativen  Grundlagen  der  Verfassung  die  Institution  der  Ersten
Kammer  den  steten  Anfechtungen  entzogen  würde  und  gegen  die  berechtigten
  Bemängelungen,  welche  dieselbe  in  jüngster  Zeit  mehrfach  gefunden,
Abhilfe  geschaffen  wäre.

Die  sechs  Gesetzentwürfe  stehen  in  innigem  Zusammenhange.  Der
Entwurf  über  Abänderung  des  Fideikommißedikts  schafft  dem
bürgerlichen  großen  Grundbesitze  die  Möglichkeit,  in  die  erbliche  Pairie
einzutreten;  er  beseitigt  sonach  die  Ausschließlichkeit  dieses  Privilegiums,
ohne  dessen  konservativen  Charakter  zu  zerstören.

Der  Entwurf  über  Abänderung  des  Titels  VI  §  3  der  Verfassungsurkunde
  ruft  hingegen  eine  Anzahl  alter  adliger,  mit  großem
Grundbesitz  versehener  Familien  in  den  Reichsrat,  welche  bisher,  offenbar
ohne  inneren  Grund,  dadurch  von  demselben  ausgeschlossen  waren,  daß  sie  in
ihrem  Familieneigentum  den  uralten,  echt  germanischen  Grundsatz  des  Gemeinguts
  aufrechterhalten  haben.  Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  ist
der  Meinung,  daß  in  einer  Ersten  Kammer  des  Königreichs  Bayern
Familien  wie  die  Crailsheim,  Egloffstein,  Seckendorff,  Thüngen,  Tacher  u.  s.  w.
nicht  unvertreten  sein  sollten

Ebenso  führt  der  Entwurf  über  die  Stellvertretung  der  erblichen
  Reichsräte  dazu,  daß  die  von  der  Verfassung  in  die  Erste  Kammer
berufenen  Familien  mehr,  als  jetzt  infolge  häufiger  und  schwer  zu  vermeidender
  Hindernisse  der  Fall  ist,  wirklich  zur  Ausübung  ihrer  Standschaft
  gelangen.2)

Dieser  Vermehrung  des  erblichen  Elements  gegenüber  schien  es
erforderlich,  auch  dem  königlichen  Ernennungsrechte  eine  weitere  Ausdehnung
  zu  vindizieren,  und  diesem  Zwecke  entspricht  der  Entwurf
eines  Gesetzes,  welches  die  in  §  4  Titel  VI  der  Verfassungsurkunde  normierte
  Zahl  von  ½  auf  ½  erhöhen  soll.

Was  endlich  den  Entwurf  über  Erweiterung  der  Reichsratskammer
  speziell  betrifft,  so  erlaubt  sich  zu  dessen  Begründung  der
treugehorsamst  Unterzeichnete  im  allgemeinen  auf  die  Motive  desselben
allerehrfurchtsvollst  sich  zu  beziehen.  Er  glaubt  bei  dem  Versuche  einer
Reform  des  Instituts  sich  auf  das  Notwendigste  beschränken  zu  sollen,
und  insbesondere  eine  vollständige  Neugestaltung  der  Verfassungsbestimmungen
  über  die  Erste  Kammer  nicht  vorschlagen  zu  sollen,  da  eine  solche

1)  Die  sechs  Gesetzentwürfe  waren  eine  Arbeit  des  Freiherrn  von  Völderndorff.
  Siehe  dessen  Schrift:  „Vom  Reichskanzler  Fürsten  von  Hohenlohe“,  S.  22.
)  Der  Gesetzentwurf  wollte  den  erblichen  Mitgliedern  die  Befugnis  einräumen,
sich  für  die  Dauer  der  Session  durch  ein  Familienmitglied  vertreten  zu  lassen.
Fürst  Hohenlohe,  Dentwurdigkeiten.  i  19
        <pb n="302" />
        290  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

zu  weitläufigen  Debatten  und  möglicherweise  zu  weitgehenden  Vorschlägen
in  der  Abgeordnetenkammer  führen  könnte,  während  der  Entwurf  in  der
kurzen  Fassung,  die  ihm  gegeben  wurde,  zwar  den  dringendsten  Bedürfnissen
Rechnung  trägt,  aber  im  großen  ganzen  die  Grundlage  der  verfassungsmäßigen
  Institution  der  Ersten  Kammer  unangetastet  beläßt.

Der  Entwurf  über  die  Beschlußfähigkeit  der  Kammer  der
Reichsräte  gründet  sich,  wie  die  Motive  näher  ausführen,  auf  einen
von  hervorragenden  Mitgliedern  dieser  Kammer  bereits  früher  gestellten
Antrag  und  wird  einem  höchst  dringenden  Bedürfnisse  abhelfen.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubte,  ehe  in  dem  Ministerrate  die
in  Frage  stehenden  Entwürfe,  welche  als  von  dem  Gesamtstaatsministerium
ausgehend  den  Kammern  vorzulegen  sein  dürften,  einer  Beratung  unterzogen
  würden,  vorerst  die  Befehle  Seiner  Königlichen  Majestät  einholen
zu  sollen  und  erlaubt  sich  demnach  den  allerehrfurchtsvollsten  Antrag  zu
stellen,  Eure  Königliche  Majestät  möchten  die  Beratung  der  sechs  anliegenden
  Entwürfe  im  Ministerrate  Allerhöchst  anzuordnen  geruhen.

Aus  den  Motiven  der  Gesetzentwürfe  sei  folgendes  mitgeteilt:

1.  Abänderung  des  Fideikommißedikts.

Man  kann  darüber  zweifelhaft  sein,  ob  das  Institut  der  Fideikommisse,
  wie  solches  in  der  bayrischen  Verfassung  hergestellt  ist,  an  sich
zweckmäßig  und  daher  neu  einzuführen  wäre.  Allein  darüber  besteht  wohl
kein  Zweifel,  daß,  wenn  das  Gesetz  die  Errichtung  von  Fideikommissen
einmal  zuläßt,  die  Beschränkung  desselben  auf  den  Adel  weder  mit  den
materiellen  Verhältnissen  noch  mit  den  Ansichten  der  Gegenwart  über  die
Gleichheit  vor  dem  Gesetze  im  Einklang  steht.  Wenn  deshalb  die  Staatsregierung
  diese  Anomalie  zu  beseitigen  strebt  und  durch  Aufhebung  des
bisherigen  Vorrechts  der  adligen  Familien  jedem  die  Befugnis  einräumt,
sein  Eigentum  in  der  bisher  nur  dem  Adel  möglichen  Form  zugunsten
der  Familie  zu  binden,  so  wird  dies  keinenfalls  als  unbillig  oder  unzeitgemäß
  angefochten  werden  können.

Aber  auch  nicht  als  unbillig  oder  indifferent  erscheint  eine  solche  Ausdehnung
  des  Fideikommißrechts,  denn  es  wird  dadurch  dem  bürgerlichen
Grundbesitz  der  Eintritt  in  die  Reichsratskammer  geöffnet,  es  hört  das
Institut  der  erblichen  Reichsratswürde  auf,  ein  Privilegium  des  Adels
zu  sein,  und  wird  Gemeingut  der  ganzen  Nation.

2.  Gesetzentwurf  über  die  Verleihung  der  erblichen  Reichsratswürde
an  im  Gesamtbesitze  befindliche  Personen.

Die  Verfassungsurkunde  geht  nicht  nur  von  dem  Prinzip  aus,  daß
fideikommissarischer  Verband  des  Grundbesitzes  ohne  gleichzeitige  Herrschaft
  des  Erstgeburtsbesitzes  unzulässig  sein  solle.  Dieselbe  will  auch,
        <pb n="303" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  291

wo  eine  solche  Erstgeburtsbevorzugung  nicht  stattfindet,  dem  Familiengrundbesitz
  eine  politische  Bedeutung  nicht  beigelegt  wissen.

Es  läßt  sich  nun  anführen,  daß  das  Fideikommißinstitut  in  der  zurzeit
  geltenden  beschränkten  Sukzessionsweise  besteht,  und  man  kann  mit
guten  Gründen  der  Ansicht  sein,  daß,  wenn  einmal  das  Vermögen  zugunsten
  der  Familie  gebunden  werden  dürfe,  den  Nutzgenuß  auch  allen
Familiengenossen  zusammen  zu  gönnen,  billiger  und  natürlicher  sei  als  die
Bevorzugung  der  zufällig  Erstgeborenen.  Allein  die  Regierung  wollte  nicht
eine  so  tiefgreifende  und  immerhin  erheblichen  Bedenken  unterliegende  Neuerung
  vorschlagen,  glaubte  vielmehr  das  Fideikommiß  als  solches  einfach,
wie  es  einmal  in  Bayern  hergebracht,  bestehen  lassen  zu  müssen.  Dagegen
  ist  es  so  ungerechtfertigt,  den  Familienbesitz,  welcher  auf  dem  alten
echt  deutschen  Grunde  des  gemeinsamen  Nutzgenusses  aller  Familienglieder
beruht,  in  seiner  politischen  Bedeutung  dem  auf  Erstgeburtsrecht  Stehenden
gegenüber  zurückzusetzen,  daß  hierin  eine  Aenderung  angezeigt  scheint.  Die
Frage  der  Teilbarkeit  des  Nutzgenusses  und  der  Verwaltung  ist  lediglich
eine  innere  Angelegenheit  der  Familie  und  kann  die  Bedeutung  des  Grundbesitzes
  als  solchen  nicht  ändern  oder  mindern.

Nun  ist  die  Zahl  an  Gütern  der  bezeichneten  Art  in  den  fränkischen
Provinzen  nicht  unbedeutend,  ja,  es  ist  eigentlich  der  größere  Teil  des
Familiengrundbesitzes  in  Bayern  infolge  jener  Bestimmungen  bisher  in
der  Reichsratskammer  unvertreten  geblieben.  Eine  Aenderung  hierin  muß
daher  als  ebenso  billig  wie  zweckmäßig  erachtet  werden.

3.  Gesetzentwurf,  die  lebenslänglichen  Reichsräte  betreffend.

Unter  den  Mängeln,  welche  sich  zurzeit  in  betreff  der  Zusammensetzung
  der  Kammer  der  Reichsräte  ganz  besonders  fühlbar  machen,  wird
ohne  Zweifel  der  Umstand  hervorzuheben  sein,  daß  in  derselben  zu  wenig
eigentlich  juristisch,  administrativ,  finanziell  und  militärisch  gebildete  Mitglieder
  zu  finden  sind  und  eben  deshalb  die  Uebertragung  der  Referate
in  solchen  Fragen  auf  große  Schwierigkeiten  stößt.

So  politisch  richtig  nun  auch  der  in  der  Verfassungsurkunde  für  die
Zusammensetzung  der  Reichsratskammer  aufgestellte  Grundsatz  ist,  daß  das
Ernennungsrecht  des  Königs  in  einem  gewissen  Verhältnisse  zu  den  übrigen
Kategorien  stehen  muß,  und  so  wenig  es  sich  anempfehlen  möchte,  durch  die
Statuierung  eines  unbegrenzten  sogenannten  Pairsschubs  den  Charakter
der  Unabhängigkeit  der  Ersten  Kammer  zugunsten  der  einem  raschen  Wechsel
unterworfenen  jeweiligen  politischen  Zeitströmung  aufzugeben,  so  erscheint
doch  anderseits  die  Zahl,  die  in  der  Verfassungsurkunde  für  das  Ernennungsrecht
  des  Königs  vorgeschrieben  ist,  als  eine  zu  eng  bemessene,
und  es  wird  dies  noch  in  höherem  Grade  der  Fall  sein,  wenn  die  Kammer
etwa  noch  durch  gewählte  Mitglieder  verstärkt  werden  sollte.  Alle  diese
        <pb n="304" />
        292  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Gründe  sprechen  dafür,  die  beantragte  Erhöhung  der  Verhältniszahl  der
lebenslänglichen  zu  den  erblichen  Reichsräten  von  ½  auf  ½  vorzunehmen.

4.  Gesetzentwurf  betreffend  die  Erweiterung  der  Reichsratskammer.

Dieser  Gesetzentwurf  will  die  Erweiterung  der  Kammer  der  Reichsräte
  durch  29  gewählte  Mitglieder  herbeiführen,  nämlich

a)  5  Vertreter  der  Universitäten,  des  Polytechnikums  und  der  Akademie,

b)  8  Vertreter  des  Handels  und  der  Industrie,

Jc)  8  Vertreter  des  Grundbesitzes  und

d)  8  Vertreter  der  Städte.

Wenn  die  Regierung  nicht  eine  Umgestaltung,  sondern  eine  Erweiterung
  der  Reichsratskammer  vorschlägt,  so  geht  sie  vor  allem  davon  aus,
daß  in  dem  Zweikammersystem  —  sofern  dasselbe  überhaupt  eine  reelle
politische  Bedeutung  haben  soll  —  die  Erste  Kammer  durch  Erblichkeit
und  lebenslängliche  Ernennung  eine  gewisse  Ständigkeit  erhalten  muß,
daß  sie  dadurch  das  konservative  Element  zu  besonderer  Geltung  bringen
soll  und  eben  damit  befähigt  wird,  die  rasch  wechselnde  momentane  Stimmung
  des  politischen  Lebens  vor  einem  Uebermaß  und  einer  Ueberstürzung
zu  bewahren.  Ferner  wird  sich  nicht  verkennen  lassen,  daß  der  zurzeit
durch  die  erblichen  Reichsräte  vertretene  Grundbesitz  ein  historisch  wie
dem  materiellen  Gewichte  der  Interessen  zufolge  wohl  berechtigtes  Element
einer  Pairskammer  zu  bilden  geeignet  ist;  endlich,  daß  das  Recht  der
königlichen  Ernennung  ein  notwendiges  Mittel  bildet,  um  solche  Kapazitäten
  zu  der  gesetzgebenden  Tätigkeit  beizuziehen,  welche  in  andrer  Weise
hierzu  nicht  gewonnen  werden  könnten.  Demnach  ergibt  sich,  daß  dasjenige,
  was  in  bezug  auf  Reform  der  Reichsratskammer  zu  geschehen
hat,  in  einem  Beiziehen  solcher  Elemente  bestehen  muß,  durch  welche,  ohne
den  Grundcharakter  des  Instituts  zu  verwischen,  eine  lebendigere  Entwicklung
  der  momentan  im  politischen  Leben  wirkenden  Meinungen  und
Reibungen  ermöglicht  wird.

Es  muß  also  eine  Verstärkung  durch  gewählte  Mitglieder  eintreten.

Die  Anzahl  der  gewählten  Reichsräte  soll  selbstverständlich  in  einem
gewissen  Verhältnisse  zu  den  übrigen  Kategorien  stehen,  und  wenn  der
Entwurf  29  Mitglieder  durch  Wahl  berufen  lassen  will,  so  ist  dies  etwa
das  Doppelte  der  zurzeit  lebenslänglich  ernannten,  und  werden  die  erblichen
Mitglieder  künftig  nicht  zahlreicher  sein  als  die  gewählten  und  ernannten
zusammengerechnet.

Die  Kategorien,  aus  welchen  gewählt  werden  soll,  anlangend,  so  ist
eine  allgemeine  Wahl  nach  örtlichen  Bezirken  von  vornherein  ausgeschlossen.
Denn  es  wäre  kein  innerer  Grund  vorhanden,  der  auf  diesem  Prinzip
beruhenden  Zweiten  Kammer  eine  auf  derselben  Basis  ruhende  Vertretung
in  der  Ersten  Kammer  entgegenzusetzen.  Anderseits  glaubte  die  Regierung
        <pb n="305" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  293

eine  Abänderung  im  Wahlmodus  durch  Beschränkung  auf  die  höheren
Steuerklassen  allein  nicht  für  genügend  und  auch  nicht  für  zweckmäßig
ansehen  zu  können,  da  hierdurch  die  Erste  Kammer  als  lediglich  auf  dem
Vorzug  des  Geldes  ruhend  in  der  allgemeinen  Volksanschauung  schwerlich
zu  einem  gesteigerten  Ansehen  gelangen  würde.

Hiernach  ergibt  sich  von  selbst  die  vorgeschlagene  Wahl  nach  Standesklassen,
  und  zwar  müßten  hierbei  nicht  die  früheren,  historisch  gewordenen,
sondern  die  in  dem  modernen  Staatsleben  ausgebildeten  Kategorien  der
Bevölkerung  in  das  Auge  gefaßt  werden.  Was  hier  speziell  die  Geistlichkeit
  betrifft,  so  ist  dieselbe  bisher  schon  in  entsprechender  Weise  in  der
Kammer  der  Reichsräte  vertreten  und  konnte  daher  bei  der  Aufstellung
übergangen  werden.

Rede  des  Fürsten  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  bei  Beratung
  des  Gesetzes  über  die  Wehrverfassung  am  13.  Dezember
1867.

Bei  der  gestrigen  und  heutigen  Debatte  ist  auch  das  Gebiet  der  auswärtigen
  Politik  betreten  worden.  Ich  will  es  indessen  unterlassen,  auf  manche
Behauptung,  welche  aufgestellt  wurde,  auf  manche  bittere  Bemerkung,  die
gefallen  ist,  näher  einzugehen;  ich  würde  sonst  in  die  Notwendigkeit  versetzt
  sein,  die  Grundsätze  Ihnen  nochmals  vorzuführen,  die  ich  für  die
bayrische  Politik  festhalten  zu  müssen  geglaubt  habe,  und  ich  würde  fürchten,
Sie  durch  die  Wiederholung  derselben  zu  ermüden.  Zudem  sind  gerade
jene  Behauptungen  auf  Befürchtungen  von  eintretenden,  kommenden  Ereignissen
  gegründet,  an  denen  eine  Partei  mit  einer  gewissen  Vorliebe  festzuhalten
  pflegt.  Ich  beschränke  mich  deshalb  für  heute  auf  einige  allgemeine
  Bemerkungen.  Darin  werden  Sie,  meine  Herren,  mit  mir  übereinstimmen,
  daß  unfre  Zeit  eine  gesteigerte  Anstrengung  in  militärischen
Dingen,  eine  möglichste  Erhöhung  unfrer  Wehrkraft  unabweisbar  fordert.
Wir  leben  in  einer  Zeit  des  Uebergangs.  Alte  Allianzen  sind  zerrissen
und  neue  sind  in  der  Bildung  begriffen,  die  Leiden  Europas  haben,  wenn
ich  so  sagen  darf,  einen  akuten  Charakter  angenommen,  und  die  fieberhafte
Erregung  läßt  auf  den  baldigen  Eintritt  großer  Erschütterungen  schließen.
Welcher  Art  die  Entwicklung  dieser  Krisen  sein  wird,  vermag  niemand  zu
sagen,  allein  darüber  wird  kein  Zweifel  bestehen,  daß  auch  wir  davon
nicht  unberührt  bleiben  können.  Wir  werden  Opfer  zu  bringen  haben,
aber  diese  Opfer  werden  nur  dann  das  Maß  des  Erträglichen  nicht  übersteigen,
  wenn  wir  zu  rechter  Zeit  Sorge  tragen,  den  kommenden  Gefahren
gerüstet,  und  ausreichend  gerüstet,  entgegenzugehen.  Die  Entwicklung  Europas
  und  Deutschlands  mag  sich  wie  immer  gestalten,  Bayern  muß  durch
ausreichende  Entfaltung  der  ihm  innewohnenden  Kraft  diejenige  Achtung
        <pb n="306" />
        294  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

erwerben,  deren  es  bedarf,  und  als  Teil  des  großen  Ganzen  jene  Stellung
einnehmen,  die  seiner  allein  würdig  ist.  Daß  zu  diesem  Zwecke  unsre
gegenwärtige  Wehrverfassung  nicht  ausreicht,  ist  gestern  und  heute  in
beredten  Worten  dargelegt  worden;  daß  aber  auch  eine  bloße  Reform
unsrer  Wehrverfassung  unter  Belassung  der  Prinzipien  nicht  ausreicht,
ist  gleichfalls  außer  Zweifel.  Ebensowenig  endlich  würde  ein  dem
schweizerischen  nachgebildetes  Wehrsystem  dem  Zwecke  genügen.  Es  blieb
also  der  Staatsregierung  kein  andres  Mittel,  als  zu  der  Wehrverfassung
zu  greifen,  welche  den  Erfolg  für  sich  hat  und  welche  uns  die  Gewißheit
gibt,  eine  schlagfertige  Armee  zu  schaffen,  und  welche  namentlich  den  Vorteil
  hat,  durch  gleiche  Formation  und  gleiche  Bildung  ein  zu  gemeinsamer
Aktion  mit  unserm  Alliierten  taugliches  und  dem  seinigen  ebenbürtiges  Heer
herzustellen.  Durch  die  Einführung  dieser  Heeresverfassung  werden  wir
der  Armee  dasjenige  Vertrauen  in  die  eigne  Kraft  und  die  eigne  Tüchtigkeit
verschaffen,  ohne  welches  die  Erreichung  kriegerischer  Erfolge  nicht  zu
denken  ist;  wir  werden  mit  diesem  Wehrsystem  uns  dem  gesamten  Deutschland
  näher  und  inniger  anschließen,  wir  werden  aber  zugleich  auch  damit
diejenige  Selbständigkeit  wahren  und  erhalten,  welche  Bayern  unbeschadet
der  durch  das  Schutz=  und  Trutzbündnis  eingegangenen  Verpflichtung  erhalten
  kann  und  soll,  indem  wir  der  etwa  drohenden  Gewalt  das  mit  der
nötigen  Macht  unterstützte  Recht  entgegenstellen.  Ich  empfehle  Ihnen
daher  den  Gesetzentwurf  zur  Annahme.

Journal.
München,  19.  Februar  1868.

Das  Resultat  der  Wahlen  1)  hat  die  ultramontane  Partei  übermütig
gemacht,  und  sie  glauben  nun,  es  sei  nötig,  daß  auch  die  Regierung  sofort
zu  ihr  übergehen  müsse.  Das  kopflose  und  unstete  Wesen  des  Kabinettssekretärs
  Lipowsky  bietet  ihr  dazu  die  Möglichkeit.  Dieser  Mann,  der  es
mit  allen  Parteien  halten  will  und  darin  die  wahre  Staatsweisheit  erblickt,
  hört  viel  und  verdaut  wenig,  intrigiert  aber  desto  mehr.  Der
Artikel  der  „Süddeutschen  Presse“,  der  der  ultramontanen  Partei  entgegentritt,
  hat  seine  Indignation  erregt,  die  er  auch  Fröbel  ausgesprochen  hat.
Trotzdem  glaube  ich  nicht,  daß  der  König  ihm,  wie  er  sagt,  zu  dieser
Aeußerung  Veranlassung  gegeben  hat.  Die  ultramontane  Partei  freilich
ist  über  Fröbels  Artikel  indigniert,  und  zwar  deshalb,  weil  er  ihre  Pläne
durchkreuzt,  die  darauf  abzielen,  die  Regierung  von  der  Fortschrittspartei
zu  trennen,  sie  ganz  in  das  ultramontane  Lager  herüberzuziehen.  Es  geht
das  Gerücht,  man  wolle  Schrenck  an  die  Stelle  von  Schlör  bringen.  Trautt- 



1)  Zum  Zollparlament,  die  am  10.  Februar  stattgefunden  hatten.
        <pb n="307" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  295

mansdorff!)  möchte  Schlör  entfernen  und  dafür  einen  gescheiteren  einerseits
und  ultramontaneren  Minister  anderseits  hineinbringen.  Er  behauptet,  er
wolle,  daß  ich  bleibe,  will  aber  zugleich,  daß  ich  eine  bestimmte  Schwenkung
nach  der  Seite  der  Ultramontanen  mache.  Fröbel  meint,  daß  er  mit  Beust
in  Widerspruch  sei.  Ich  teile  nicht  diese  Ansicht.  Ich  glaube,  daß  Beust
hier  mit  den  Ultramontanen  und  in  Wien  gegen  sie  agiert.

Morgen  wird  die  Wahl  von  Schlör  hier  entschieden.  Ich  höre  verschiedene
  Vermutungen.  Die  einen  glauben,  daß  er  gewählt  wird,  die
andern  meinen  das  Gegenteil.  Jedenfalls  wäre  dessen  Entfernung  aus
dem  Ministerium  kein  Unglück.

München,  22.  Februar  1868.

Schlör  ist  also  gestern  gewählt  worden.  Wäre  er  nicht  durchgedrungen,
so  hätte  er  wahrscheinlich  bald  aus  dem  Ministerium  austreten  müssen;  so
kann  er  bleiben.  Ob  dies  ein  Vorteil  ist,  steht  dahin.  Bei  Trauttmansdorff
  hatte  ich  eine  lange  Unterredung  mit  Feilitzsch  über  die  Presse  im
allgemeinen.  Wir  stimmten  darin  überein,  daß  nichts  ohne  Geld  zu  machen
sei,  und  daß  wir,  da  uns  dies  fehlt,  nicht  viel  ausrichten  werden.

Dr.  Haas  hat  Völderndorff  Artikel  gebracht,  die  er  in  verschiedene
Blätter  hat  einrücken  lassen,  und  die  in  meinem  Interesse  die  Angelegenheit
der  Burg  von  Nürnberg  )  besprechen  und  Pfordten  verdammen.  Völderndorff
  wußte  nicht,  wie  er  sich  die  Freundlichkeit  des  ultramontanen  österreichischen
  Preßagenten  deuten  solle,  bis  ich  ihm  sagte,  daß  auch  Trauttmansdorff
  mir  habe  zu  verstehen  gegeben,  daß  man  von  jener  Seite
einen  Sturz  des  gegenwärtigen  Ministeriums  nicht  wolle.  Der  Moment
scheint  den  Herren  zu  ungünstig,  gutes  Einvernehmen  mit  Preußen  vorzuziehen.
  Sie  fürchten  den  Eindruck,  den  mein  Sturz,  wenn  er  durch  die
österreichische  Partei  veranlaßt  würde,  in  Berlin  hervorrufen  könnte.
Die  Dummheiten  des  Königs  von  Hannovers)  haben  in  Berlin  eine
irritierte  Stimmung  gegen  Oesterreich  hervorgebracht,  die  sie  kein  Interesse
haben  jetzt  zu  vermehren.  So  scheint  es,  werde  ich  einige  Zeit  Ruhe
haben.  Der  Stephansorden  wird  diese  Stimmung  konstatieren.

 

1)  Graf  Trauttmansdorff,  österreichischer  Gesandter.

)  Nach  dem  Friedensschlusse  hatte  der  König  von  Bayern  durch  einen  Brief
vom  30.  August  1866  dem  König  Wilhelm  angeboten,  die  „ehrwürdige  Burg  seiner
Ahnen“  gemeinsam  mit  ihm  zu  besitzen  und  bei  etwaigem  Aufenthalte  in  Bayern
zu  bewohnen,  welches  Anerbieten  König  Wilhelm  mit  Dank  annahm.  Zu  einer
Abtretung  des  Eigentums  und  überhaupt  zu  einem  Staatsvertrage  darüber  kam  es
nicht.  Dies  wurde  durch  eine  offiziöse  Aeußerung  vom  15.  Februar  1868  festgestellt.

3)  König  Georg  von  Hannover  feierte  am  18.  Februar  1868  in  Hietzing  seine
silberne  Hochzeit  und  empfing  eine  Massendeputation  von  Hannoveranern,  welcher
er  in  einer  Tischrede  seine  Hoffnung  auf  Wiederherstellung  seiner  Herrschaft  aussprach.
  Die  hannoversche  Legion,  welche  bei  Gelegenheit  der  Luxemburger  Ver-
        <pb n="308" />
        296  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Lipowsky  war  Abends  bei  mir,  um  über  die  fremde  Presse  zu  klagen
und  mich  im  Auftrag  des  Königs  zu  bitten,  Schritte  dagegen  zu  tun.  Sein
eigentlicher  Zweck  war  aber  zu  hören,  ob  ich  ihm  nicht  etwas  über  den
Nachfolger  des  kranken  Ministers  von  Pechmann  sagen  würde.  Er  machte
sich  sehr  lieb  und  schien  auf  eine  Eröffnung  der  Art  zu  warten.  Ich
schwieg  aber.  Außerdem  sprach  er  von  Gerüchten  über  den  König  und
beklagte  sich  über  die  Münchner  und  ihre  bösen  Zungen.

Heute  kam  die  Prinzeß  Maria  Theresia  mit  dem  Prinzen  Ludwig#
an.  Ich  empfing  sie  mit  Moy  und  Trauttmansdorff  auf  dem  Bahnhof.
Sie  glänzte  ganz  in  ihren  neuen  Toiletten  und  war  sehr  nett  und  graziös.
Wir  wurden  vorgestellt,  begleiteten  sie  an  den  Wagen  und  fuhren  dann
nach  Hause.  Die  höchsten  Herrschaften  hielten  ihren  feierlichen  Einzug,
von  dem  ich  nichts  sah.  Der  König  liegt  zu  Bett.  Es  gibt  wenig  Leute,
die  glauben,  daß  er  krank  sei.

München,  24.  Februar  1868.

Fröbel  erzählt  mir  soeben,  daß  er  von  Baron  Gruben,  dem  Taxisschen
Beamten  in  Regensburg,  neulich  einen  Mahnbrief  erhalten  habe,  sich  mit
der  klerikalen  Partei  zu  verständigen.  Gruben  ist,  wie  mir  Fröbel  sagt,
ein  Agent  des  Jesuitenordens,  der  zum  Fürsten  Taxis  gesetzt  ist,  um  das
große  Vermögen  im  Interesse  des  Ordens  zu  exploitieren.  Er  war  mit
Dörnberg  der  Hauptagent  während  des  Fürstentages  im  Jahre  1863  und
hat  damals  mit  Fröbel  das  Verfassungsprojekt  beraten  und  dem  Kaiser
vorgelegt,  jedoch  die  zu  demokratischen  Beisätze  Fröbels  gestrichen,  woran
dann  die  Sache  scheiterte.  Man  hatte  damals  in  Regensburg  weitgehende
Pläne;  der  Erbprinz  sollte  die  Rheinlande  bekommen,  und  es  wurde  deshalb
  auch  mit  Napoleon  unterhandelt.  Daher  die  Wut  der  Regensburger
Ultramontanen  gegen  Fröbel.

Pascal  Duprat,  der  bekannte  Republikaner,  war  kürzlich  hier  bei
Fröbel  und  hat  ihm  seine  Erlebnisse  in  Ungarn,  woher  er  kam,  erzählt.
Die  ungarische  Linke  zweifelt  an  dem  Fortbestand  des  gegenwärtigen
liberalen  Regimes  in  Oesterreich  und  unterhandelt  deshalb  schon  in  Aussicht
  auf  eintretende  Katastrophen  mit  den  Südslawen,  um  das  große  Donaureich
  oder  die  Donauföderation  zustande  zu  bringen  oder  vorzubereiten.

 

wicklung  gebildet  worden  war,  war  im  Januar  1868  aus  der  Schweiz  nach  Frankreich
  übergetreten.  Am  20.  Februar  wurde  Graf  Beust  in  den  Delegationen  wegen
der  massenhaften  Uebersendung  österreichischer  Pässe  für  die  Welfenlegionäre  durch
die  Wiener  Polizeidirektion  in  die  Schweiz  und  wegen  der  Bankettrede  des  Königs
Georg  interpelliert.

1)  Prinz  Ludwig  von  Bayern  hatte  sich  am  20.  Februar  1868  zu  Wien  mit
Maria  Theresia,  Erzherzogin  von  Oesterreich-Este-Modena,  vermählt.
        <pb n="309" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  297

Die  Südslawen  wollen  von  einem  Anschluß  an  Rußland  nichts  wissen,
nehmen  aber  das  russische  Geld,  um  damit  ihre  eignen  Pläne  zu  fördern.

4.  März.

Die  letzten  Tage  war  ich  sehr  in  Anspruch  genommen.  Der  Tod  des
Ministers  Pechmann  und  die  Frage,  wer  ihn  ersetzen  solle,  beschäftigte
mich  vor  allem.  Da  es  mir  schien,  als  wolle  Lipowsky  mich  bei  der
Wiederbesetzung  des  Ministerpostens  umgehen,  so  erklärte  ich  Mittwoch
im  Ministerrat,  daß  ich  bemerke,  man  wolle,  ohne  mich  zu  fragen,
das  Ministerium  ergänzen;  sei  dies  wirklich  der  Fall,  so  würde  ich
um  meine  Entlassung  bitten.  Dies  wirkte.  Die  Minister  bekamen
einen  heilsamen  Schrecken,  der  König  wurde  sofort  davon  in  Kenntnis
gesetzt,  und  am  Donnerstag  Abend  ließ  er  mich  rufen,  um  mit  mir
von  allerlei  zu  reden.  Er  kam  auch  auf  das  Ministerium  des  Innern,
fragte  nach  Hörmann,  den  ich  aber  nicht  als  geeignet  bezeichnete.  Die
Partei  Neumayr  arbeitet  für  Hörmann.  Freitag  kam  Lipowsky,  um
mich  direkt  um  meine  Ansicht  zu  fragen.  Ich  sagte  ihm  offen,  daß  ich
Hörmann  nicht  wolle  wegen  seiner  Beziehung  zur  Neumayrschen  Clique.
Wir  besprachen  noch  Schubert,  den  er  sehr  rühmt,  und  Pfeufer,  den  er
nicht  sehr  protegiert.

Samstag  kam  die  Nachricht  vom  Tode  des  Königs  Ludwig  1.74)
Darüber  viele  Geschäfte,  Telegramme,  Notifikationen  u.  s.  w.

Die  Ministerfrage  ist  damit  etwas  in  den  Hintergrund  getreten.  Dazu
ist  der  König  wieder  krank,  Fieber  u.  s.  w.

Im  Ausschuß  am  Montag  wurde  das  Budget  des  Ministeriums  des
Aeugeren  beraten.  Der  Referent  wollte  mir  für  die  Gesandtschaften  nur
200  000  Gulden  bewilligen,  ich  erklärte  aber,  daß  ich  nicht  unter  250  000  Gulden
heruntergehen  könnte  und  meine  Entlassung  nähme,  wenn  man  mir  sie
nicht  bewillige.  Darüber  große  Verstimmung  im  Ausschuß  und  schließlich
Zustimmung  zu  meiner  Forderung.

Gestern,  Dienstag  den  3.  März,  viele  Besuche  im  Ministerium.  Darunter
  Stenglein,  der  wissen  wollte,  ob  wir  uns  ebenso  passiv  bei  den
nächsten  Kammerwahlen  verhalten  würden  wie  diesmal  bei  den  Wahlen
zum  Zollparlament.  Was  ich  verneinte.  Er  sagte,  daß  in  diesem  Fall,
wenn  wir  den  Kammermitgliedern  zur  Wahl  verhelfen  wollten,  die  Bildung
einer  liberalen  Partei  in  Aussicht  stehe.

München,  22.  März  1868.

Heute  Abend  war  Lipowsky  bei  mir  und  sagte  mir,  Seine  Majestät
habe  ihn  beauftragt,  mich  zu  fragen,  welche  Punkte  ich  ihm  in  betreff

 

1)  Starb  in  Nizza  am  29.  Februar.
        <pb n="310" />
        298  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

der  Besetzung  des  Ministeriums  des  Innern  vortragen  wolle.1!)  Seine
Majestät  könne  mich  nicht  empfangen,  da  Allerhöchstderselbe  eine  geschwollene
Backe  habe.

Ich  erwiderte,  daß  ich  Seiner  Majestät  die  Bitte  vorgetragen  hätte,
mich  vor  der  Entscheidung  über  die  Frage  der  Wiederbesetzung  des  Ministeriums
  mündlich  zu  hören,  und  daß  ich  auf  dieser  Bitte  bestehen  müsse
und  mich  auf  weiteres  nicht  einließe.  Im  Falle  Seine  Majestät  mir
diese  Bitte  nicht  gewähren  sollten,  müsse  ich  mir  meine  Entschließung  vorbehalten.
  Lipowsky  beteuerte,  daß  er  sein  Möglichstes  getan  habe,  den
König  zu  veranlassen,  mich  heute  zu  sehen,  es  sei  ihm  aber  nicht  gelungen.
Ich  sagte,  es  tue  mir  leid,  darauf  bestehen  zu  müssen.  Ich  sei  mir  das
selbst  schuldig.

Am  30.  März  wurde  der  Regierungspräsident  von  Hörmann  zum
Minister  des  Innern  ernannt.

Bericht  an  den  König.
München,  30.  März  1868.

Durch  den  Königlich  preußischen  Gesandten  ist  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  in  Kenntnis  gesetzt,  daß  Seine  Königliche  Hoheit  der  Kronprinz
  von  Preußen  zu  der  am  20.  April  stattfindenden  Vermählung  des
Kronprinzen  von  Italien  nach  Turin  reisen  und  dabei  München  berühren
wird.  Die  Zeit  der  Reise  dürfte  auf  die  Woche  nach  Ostern  fallen.

Nachdem  der  König  von  Preußen  und  andre  Mitglieder  des  preußischen
  Königshauses  verschiedene  Besuche  am  Hofe  Eurer  Königlichen
Majestät  gemacht  haben,  welche  Eure  Königliche  Majestät  zu  erwidern
noch  nicht  in  der  Lage  waren,  so  dürften  vielleicht  Rücksichten  der  zwischen
den  Allerhöchsten  Höfen  bestehenden  Etikette  dem  Kronprinzen  von  Preußen
den  Besuch  am  Hofe  Eurer  Königlichen  Majestät  nicht  gestatten.

Da  aber  der  Kronprinz  über  den  Brenner  nach  Italien  reist,  so  kann
er  München  nicht  umgehen.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt  dies  zur  Kenntnis  Eurer
Königlichen  Majestät  bringen  zu  sollen,  indem  er  fürchtet,  es  möchte  Eure
Königliche  Majestät  vielleicht  nicht  angenehm  berühren,  wenn  der  Kronprinz
  von  Preußen  sich  hier  aufhielte,  ohne  seinen  Besuch  am  Allerhöchsten
Hofe  zu  machen.  Wäre  dies  der  Fall,  würden  Eure  Königliche  Majestät
wünschen,  den  Besuch  des  Kronprinzen  zu  empfangen,  so  könnte  der  treugehorsamst
  Unterzeichnete  die  Angelegenheit  durch  Baron  Perglas  in  Berlin

 

1)  Der  Fürst  hatte  durch  Bericht  vom  21.  März  um  eine  Audienz  nachgesucht,
um  über  die  Wiederbesetzung  der  Stelle  des  Ministers  des  Innern  seine  Ansichten
mündlich  darzulegen.
        <pb n="311" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  299

zur  Sprache  bringen  lassen  und  das  etwa  vorliegende  Etikettenhindernis
durch  Hinweis  auf  einen  von  Eurer  Königlichen  Majestät  beabsichtigten
Besuch  in  Berlin,  dessen  Zeitpunkt  nicht  berührt  zu  werden  brauchte,
beseitigen.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  erlaubt  sich  daher  ehrfurchtsvollst
um  die  Allerhöchsten  Befehle  zu  bitten,  ob  und  in  welcher  Richtung  er
den  Baron  Perglas  mit  Instruktionen  versehen  soll.

In  der  Sitzung  der  Kammer  der  Abgeordneten  vom  6.  April  1868
hatte  der  Abgeordnete  Ruland  die  Regierung  heftig  angegriffen  wegen
verschiedener  in  der  „Süddeutschen  Presse“  enthaltenen  Artikel.

Fürst  Hohenlohe  sagte  darauf:  ich  muß  vor  allen  Dingen  hervorheben,
  daß  die  Staatsregierung  eine  eigentliche  Regierungspresse  nicht  besitzt.
Sie  wollte  kein  Regierungsorgan  und  ließ  deshalb  die  „Bayrische  Zeitung“
eingehen.  Die  „Süddeutsche  Presse“  ist  kein  Regierungsorgan.  Sie  erhält
keine  Instruktionen,  und  die  Regierung  ist  also  für  die  Aeußerungen,  welche
in  der  „Süddeutschen  Presse“  enthalten  sind,  nicht  verantwortlich.  Sie
können  dieses  Verhältnis  vielleicht  auffallend  finden,  indessen  werden  Sie
mir  recht  geben,  wenn  ich  sage,  ich  habe  eine  zu  hohe  Meinung  von  der
Presse  im  allgemeinen,  um  mir  ein  größeres,  bedeutenderes  Organ  der
Presse  zu  denken,  welches  nach  Instruktionen  arbeiten,  welches  nach  Vorschrift
  oder  nach  Anweisung  denken  könnte.  Ein  solches  Organ  wäre  nur
denkbar  in  der  beschränkten  Form  eines  Staatsanzeigers,  für  dessen  einzelne
Teile  die  Regierung  verantwortlich  sein  kann.

Ich  muß  also  die  Angriffe,  welche  gegen  die  Staatsregierung  bezüglich
der  Regierungspresse  erhoben  worden  sind,  als  gegenstandslos  bezeichnen.

Bericht  an  den  König,  die  süddeutsche  Frage  betreffend.
München,  10.  April  1868.

Durch  das  am  5.  d.  M.  ergangene  Allerhöchste  Signat  verlangen
Eure  Königliche  Majestät  Aufklärung,  aus  welchen  Gründen  der  Versuch
einer  Bildung  eines  süddeutschen  Staatenvereins  gescheitert  ist.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  beeilt  sich  demzufolge,  nachstehendes
alleruntertänigst  vorzutragen.

Die  Gründung  eines  süddeutschen  Staatenvereins,  welcher  die  Voraussetzung
  des  Artikels  IV  des  Prager  Friedens  erfüllen  sollte,  hatte  von
vornherein  nur  dann  eine  Aussicht  auf  Erfolg,  wenn  die  Idee  die  vollständige
  Billigung  Eurer  Königlichen  Majestät  fand  und  damit  die  Hoffnung
  gegeben  war,  daß  Allerhöchstdieselben  der  beabsichtigten  diplomatischen
Aktion  die  unbedingteste  Zustimmung  erteilen  würden.
        <pb n="312" />
        300  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Aus  dem  Allerhöchsten  Signate  vom  28.  Januar  1)  d.  J.  glaubte
aber  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  entnehmen  zu  sollen,  daß  Eure
Königliche  Majestät  den  beabsichtigten  Vertragsabschluß  keineswegs  vollkommen
  billigten,  und  daß  bei  Allerhöchstdenselben  Bedenken  gegen  denselben
vorwalteten.  Dies  mußte  in  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  vom
Anfange  an  die  Befürchtung  erwecken,  daß  der  Erfolg  der  vorgeschlagenen
Maßregeln  zweifelhaft  sein  werde.

Demungeachtet  hatte  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  nicht  versäumt,
dem  Befehl  Eurer  Königlichen  Majestät  gemäß  die  Sache  dem  Ministerrate
  vorzulegen;  er  hat,  um  eine  sorgfältige  und  ersprießliche  Beratung
zu  ermöglichen,  jedem  der  Herren  Staatsminister  ein  Exemplar  des  Vertragsentwurfes
  mitgeteilt  und  den  Gang  der  bisherigen  Verhandlungen
sowie  die  Gründe,  welche  ihn  zu  dem  Vorschlage  bestimmt  hatten,  schriftlich
  dargelegt.  Auch  in  dem  Ministerrate  zeigte  sich  für  den  Vorschlag
keine  Sympathie,  es  wurden  bei  den  Besprechungen  fast  von  sämtlichen
Ministern  Bedenken  erhoben,  und  nur  der  Kriegsminister  sprach  sich  wenigstens
der  Hauptsache  nach  für  eine  Verständigung  der  süddeutschen  Staaten
untereinander  aus.

Soviel  hat  sich  schon  jetzt  herausgestellt,  daß  im  Staatsministerium
jene  vollständige  Uebereinstimmung  der  Ansichten  über  die  Rätlichkeit  und
Nützlichkeit  des  Projektes  nicht  besteht,  welche  zur  Durchführung  einer  so
umfassenden  Reform  vollkommen  unentbehrlich  ist.

Abgesehen  von  diesen  dem  Plane  entgegenstehenden  Umständen,  haben
sich  inzwischen  die  äußeren  und  inneren  politischen  Verhältnisse  so  gestaltet,
daß  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  auf  einen  Erfolg  der  Eurer  Königlichen
  Majestät  am  Anfange  dieses  Jahres  vorgeschlagenen  diplomatischen
Schritte  nicht  mehr  rechnen  kann.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  war  darüber  nie  im  Zweifel,  daß
die  direkten  Wahlen  zum  Zollparlamente  dasjenige  Resultat  haben  würden,
welches  sie  nunmehr  in  dem  größten  Teile  von  Bayern  und  in  ganz
Württemberg  gehabt  haben,  denn  es  waren  schon  längst  Anzeichen  genug
vorhanden,  welche  den  nunmehr  offen  zutage  getretenen  Bund  der  klerikalen
und  demokratischen  Elemente  erkennen  ließen.  Nachdem  nun  aber  dieses
Bündnis  zu  solchen  bedeutenden  äußeren  Resultaten  bereits  geführt  hat,
und  nachdem  in  der  unter  dem  Deckmantel  konservativer  Interessen  betriebenen
  Agitation  auch  republikanische  Tendenzen  auftauchen,  würde  ein
süddeutscher  Staatenbund  ohne  gleichzeitige  Gewährung  eines  gemeinsamen,
dem  norddeutschen  Parlament  entgegengesetzten  süddeutschen  Parlaments
auch  nicht  die  geringste  Aussicht  mehr  haben,  in  der  öffentlichen  Meinung

 

1)  Liegt  nicht  vor.
        <pb n="313" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  301

der  Bewohner  Süddeutschlands  Boden  zu  gewinnen.  Die  Gewährung
eines  süddeutschen  Parlaments  aber  wäre  nach  Ansicht  des  treugehorsamst
Unterzeichneten,  so  wie  sich  die  Sache  jetzt  gestaltet  hat,  die  äußerste  Gefahr,
denn  die  Verbindung  Ultramontaner  und  Republikaner  würde  dieses  Parlament
  nur  dazu  benutzen,  um  die  Autorität  der  süddeutschen  Einzelregierungen,
  gegen  welche  schon  jetzt  ihre  zügellose  Presse  Tag  und  Nacht
mit  allen  Mitteln  wirkt  und  wühlt,  gänzlich  zugrunde  zu  richten  und
damit  jene  Pläne  fördern,  welche  als  ihr  Endziel  die  republikanische
Föderativverfassung  Süddeutschlands  mit  dem  Anschluß  an  die  Schweiz
im  Auge  haben.  Es  liegen  Anzeichen  vor,  daß  dieser  Plan  von  Frankreich
aus  nicht  ungern  gesehen  würde,  weil  man  jenseits  des  Rheines  hofft,
über  derartig  zerrüttete  Staatenbildungen  leicht  ein  Protektorat  ausüben
zu  können.

Was  die  äußeren  politischen  Verhältnisse  betrifft,  so  ist  Eurer  Königlichen
  Majestät  aus  den  früheren  Anträgen  des  treugehorsamst  Unterzeichneten
  bekannt,  daß  derselbe  nur  deshalb  den  schwierigen  Plan,  einen
süddeutschen  Verein  zu  gründen,  neuerdings  und  in  solch  bestimmter  Weise
aufgegriffen  hat,  weil  gegen  Ende  des  vorigen  Jahres  jene  Konstellationen  eingetreten
  waren,  unter  welchen  allein  die  Durchführung  eines  solchen  Vereins
möglich  ist;  es  ist  dies  einerseits  die  Entente  cordiale  zwischen  Oesterreich
und  Frankreich  und  anderseits  die  Geneigtheit  Preußens,  zur  Erhaltung
des  Friedens  dadurch  beizutragen,  daß  es  seinen  Einfluß  auf  Baden  und
Hessen  anwendet  und  zugleich  einen  gelinden  Druck  auf  Württemberg
ausübt,  um  diese  Staaten  zu  einer  Erfüllung  der  Prager  Stipulationen
zu  veranlassen.  Von  diesen  beiden  Vorbedingungen  ist  zurzeit  keine  mehr
vorhanden.  Zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  ist  sichtlich  eine  Erkaltung
eingetreten;  es  scheint,  daß  Frankreich  die  Hoffnung  aufgegeben  habe,
Oesterreich  zu  einer  ihm  nützlichen  Aktion  zu  bewegen,  und  daß  es  deshalb
seine  Pläne  auf  andre  Weise  zu  erreichen  strebt.  Preußen  aber,  welches
zur  Zeit  jener  vertraulichen  Vorbereitung,  welche  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
  auf  Grund  der  Allerhöchsten  Ermächtigung  vom  26.  November
vorigen  Jahres  begonnen  hatte,  sich  wenigstens  nicht  ablehnend  verhalten
hatte,  ist  seitdem  offenbar  andrer  Meinung  geworden.  Die  dezidierten
Erklärungen  gegen  das  Projekt  eines  süddeutschen  Bundes,  welche  Baden
in  seiner  offiziellen  „Karlsruher  Zeitung“  geben  ließ,  und  die  wiederholt
durch  preußische  offiziöse  Blätter  provozierten  Erklärungen,  daß  an  einen
solchen  süddeutschen  Bund  nicht  gedacht  werde,  lassen  erkennen,  daß  Preußen
keineswegs  mehr  gesonnen  ist,  einen  desfallsigen  Plan  zu  unterstützen.  ))

 

1)  Baden  wollte  von  Anfang  an  auf  das  Projekt  des  Südbunds  nur  dann
näher  eingehen,  wenn  gleichzeitig  mit  dessen  Gründung  eine  nähere  Verbindung
mit  dem  Norddeutschen  Bunde  in  Aussicht  genommen  würde.  Bismarck  hielt  in
        <pb n="314" />
        302  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Unter  diesen  Verhältnissen  wäre  jeder  Versuch,  eine  Maßregel  wie
die  seinerzeit  Eurer  Königlichen  Majestät  proponierte  durchzuführen,  ohne
alle  Aussicht  auf  Erfolg,  und  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt,
daß  Bayern  sich  einem  Mißerfolg  dieser  Art  nicht  aussetzen  dürfe.  Sollten
sich  diese  Verhältnisse  ändern  und  für  Gründung  eines  süddeutschen  Staatenvereins
  sich  wiederum  günstiger  gestalten,  so  wird  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  nicht  versäumen,  die  Sache  neuerdings  in  Angriff  zu  nehmen,
denn  er  ist  nach  wie  vor  der  Ueberzeugung,  daß  die  größte  Gefahr  für
Süddeutschland  noch  immer  in  den  nicht  erfüllten  Bestimmungen  des  Prager
Friedens  liegt.  Zu  diesem  Zweck  wird  er  den  Gang  der  Ereignisse  und  die
politischen  Konstellationen  genau  verfolgen,  um  in  der  Lage  zu  sein,  im
richtigen  Augenblick  den  Plan  wieder  aufgreifen  zu  können.  Allein,  wie
bereits  im  Eingange  dieses  Berichtes  ehrerbietigst  bemerkt  wurde,  nur
wenn  Eure  Königliche  Majestät  sowohl  als  das  Gesamtstaatsministerium
einem  solchen  Plane  unbedingt  und  mit  vollem  Vertrauen  zustimmen,
läßt  sich  ein  Erfolg  hoffen.

Königliches  Signat  auf  vorstehenden  Bericht:

Ich  habe  von  Ihrer  Darstellung  Einsicht  genommen  und  sehe  weiteren
Berichten  entgegen.  ·
München,  15.  April  1868.
Ludwig.

Journal.
München,  18.  April  1868.

Nachdem  mir  der  Kronprinzt)  gestern  hatte  sagen  lassen,  daß  er  mich
heute  zu  sprechen  wünsche  und  ich  bei  ihm  frühstücken  möchte,  begab  ich
mich  um  9  Uhr  zu  ihm.

Er  berührte  zu  Anfang  flüchtig  meine  Stellung  zum  Könige,  worauf
ich  aber  nicht  weiter  einging.  Wir  kamen  dann  auf  die  große  Politik
zu  sprechen.  Ich  benutzte  die  Gelegenheit,  ihn  zu  warnen,  daß  Preußen
ja  nicht  zu  übergreifend  gegen  den  Süden  vorgehen  möchte,  wies  auf  die

 

einer  Unterredung  mit  dem  babischen  Gesandten  in  Berlin  am  1.  Dezember  1867
das  Projekt  des  Südbunds  für  in  vielen  Punkten  unannehmbar,  widerriet  aber
dessen  sofortige  Abweisung  und  empfahl  die  Fortsetzung  der  Verhandlungen.  In
derselben  Zeit  lehnte  er  den  in  einem  Privatschreiben  des  Ministers  Mathy  ausgesprochenen
  Wunsch,  er  möge  sich  bereit  erklären,  Baden  in  den  Norddeutschen  Bund
aufzunehmen  und  nur  den  Zeitpunkt  mit  Rücksicht  auf  die  europäische  Lage  noch
unbestimmt  zu  lassen,  ab  und  empfahl  dabei  der  badischen  Regierung,  „nicht  mit
zu  großer  Schärfe  Ziele  zu  bezeichnen,  welche  den  mächtigsten  süddeutschen  Staat  in
entgegengesetzte  Bahnen  treiben  müßten“.

1)  Der  Kronprinz  von  Preußen  traf  am  17.  April  in  München  ein  und  stieg
in  der  Residenz  ab.  Er  blieb  bis  zum  18.  Abends.
        <pb n="315" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  303

republikanisch-ultramontanen  Tendenzen  in  Württemberg  hin,  auf  die
Stimmung  in  Bayern  und  vor  allem  auf  Frankreich.  Er  schien  das  einzusehen,
  sprach  dann  länger  über  Württemberg  und  die  dortigen  Tendenzen,
nicht  über  Baden  und  verhielt  sich  überhaupt  sehr  zurückhaltend.  Als
die  Rede  auf  die  preußischen  Intrigen  in  Oesterreich  kam,  schien  er  dies
zu  mißbilligen,  wie  denn  überhaupt  aus  seinen  Reden  eine  gewisse  Opposition
  gegen  Bismarck  hervorzuleuchten  schien.

Ueber  den  Krieg  mit  Frankreich  sagte  er,  daß  die  Allianz  der  süddeutschen
  Staaten  mit  Preußen  selbstverständlich  das  gemeinsame  Vorgehen
mit  Preußen  bedinge,  fragte,  wer  der  Oberbefehlshaber  der  bayrischen
Truppen  sein  werde,  ging  dann  über  auf  die  Kriegstüchtigkeit  der  preußischen
Armee  und  meinte,  daß  diese  der  französischen  mindestens  gleich  sei.  Auch
die  Tapferkeit  der  bayrischen  Armee  hob  er  hervor.  Im  allgemeinen
sprach  er  sich  sehr  friedlich  aus,  sagte,  daß  er  den  Krieg  verabscheue,  und
daß  der  Krieg  zwar  zuweilen  unvermeidlich,  aber  nie  als  Mittel  zum  Zweck
zu  empfehlen  sei.

Er  scheint  die  Einigung  Deutschlands  unter  preußischer  Führung  als
selbstverständlich  vorauszusetzen,  dagegen  schien  mir,  daß  er  die  moralischen
Mittel  den  gewaltsamen  vorzieht.

Berlin,  26.  April  1868.

Von  8  Uhr  bis  heute  früh  7  Uhr  verbrachte  ich  die  Zeit  größtenteils
schlafend,  was  ich  um  so  bequemer  tun  konnte,  als  ich  den  ganzen  Waggon
für  mich  allein  hatte.  Gegen  Leipzig  zu  sah  ich  von  Zeit  zu  Zeit  aus
dem  Wagen  und  bemerkte  an  den  Stationen  verschiedene  nahrungsuchende
Zollparlamentsmitglieder  in  verwahrlostem  Zustand.  Später  wurden  die
Mitglieder  mitteilend,  man  trank  zusammen  schlechten  Kaffee  und  aß  belegte
Butterbrote.

Um  12  ½  Uhr  waren  wir  in  Berlin.  Die  ganze  Gesandtschaft  und
Staatsrat  Weber  empfingen  mich.  Viktor  war  noch  in  Potsdam,  kam  aber
bald,  nachdem  ich  Besitz  von  meiner  Wohnung  ergriffen  hatte.  Ein  sehr
hübscher  Salon  und  ein  geräumiges  Schlafzimmer  im  dritten  Stock.

Um  3  Uhr  kam  Perglas,  der  mir  verschiedene  politische  Mitteilungen
machte.  Er  sagt,  man  wisse  nicht,  was  Bismarck  tun  werde,  wenn  ein
Antrag  auf  Erweiterung  der  Kompetenz  des  Zollparlaments  gestellt  werde;
Bismarck  sei  unberechenbar.  In  der  Frage  der  Festungen  zeigte  er  mir
eine  Antwort,  die  ihm  Bismarck  geschickt  hat  und  die  entgegenkommend
ist.  Ich  fürchte,  er  hat  sich  etwas  zu  schnell  eingelassen.

Varnbüler  kommt  noch  nicht.  Er  liegt  zu  Bett,  doch  glaubt  man,
daß  er  nicht  wirklich  krank  ist,  sondern  nur  den  schlechten  Empfang  fürchtet.

Mit  Viktor  sprach  ich  über  die  Schwierigkeit  meiner  Lage.  Dann
kam  Roggenbach,  der  versicherte,  Bluntschli  habe  nicht  die  Absicht,  einen
        <pb n="316" />
        304  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Antrag  auf  Erweiterung  der  Befugnisse  des  Zollparlaments  zu  stellen.
Es  komme  ganz  darauf  an,  ob  die  Stellung  eines  solchen  Antrags  meine
eigne  Lage  in  Bayern  verschlimmere;  in  diesem  Fall  werde  Bismarck
Mittel  finden,  die  nationalliberale  Partei  daran  zu  hindern.  Roggenbach
wollte,  nachdem  ich  ihm  die  Nachteile  auseinandergesetzt  hatte,  die  mir  ein
solcher  Antrag  brächte,  darauf  wirken,  daß  er  unterbleibe,  nur  müsse  ich  suchen,
auf  die  Bayern  zu  wirken,  was  durch  Luxburg  geschehen  kann.  Das
einzige,  was  Bluntschli  beabsichtige,  sei,  den  einzelnen  Staaten  die  Möglichkeit
  zu  verschaffen,  sich  in  gewissen  Fragen  dem  Zollparlament  anzuschließen,
  d.  h.  einzelne  Gegenstände  ihres  Staates  dem  Zollorganismus
einzufügen.

Dann  kam  er  noch  auf  eine  ihm  eigene  Idee,  er  meinte,  ob  man
nicht  die  Ueberschüsse  aus  den  Zolleinnahmen  für  bestimmte  Festungen
verwenden  könne,  aus  denen  man  eine  Art  Bundesfestungen  machen
würde.  Der  Zollbundesrat  müsse  dann  durch  eine  Militärkommission
verstärkt  werden.

Abends  war  ich  im  Theater.  Dort  kam  Graf  Henckel  von  Donnersmarck
  zu  uns  und  erklärte,  die  Nationalliberalen  seien  alle  dafür,  mich
als  ersten  Vizepräsidenten  zu  wählen,  und  nun  möchte  man  sich  mit  den  Freikonservativen
  über  die  Wahl  des  zweiten  Vizepräsidenten  einigen.  Die  Zuneigung
  der  Nationalliberalen  wird  mir  ordentlich  unheimlich,  doch  fängt
die  Ansicht  an  Boden  zu  gewinnen,  daß  man  nicht  guttun  würde,  die
süddeutschen  Antipathien  durch  weitergehende  Anträge  zu  reizen.  Ich  hoffe
die  Freikonservativen  noch  dahin  zu  bringen,  daß  sie  sich  gegen  einen
Antrag  auf  Erweiterung  der  Zollparlamentskompetenz  erklären.  Es  ist
hier  ein  sehr  wohlorganisiertes  Fraktionswesen,  das  seine  Vorteile  hat.

Bismarck  habe  ich  noch  nicht  gesprochen.  Heute  ist  die  Eröffnung.
Perglas  muß  als  bayrischer  Zollbundesrat  das  Hoch  auf  den  König  von
Preußen  ausbringen,  was  ihn  sehr  beschäftigt.  Es  läßt  sich  aber  nicht
vermeiden.

Berlin,  28.  April  1868.

Gestern  war  um  12  Uhr  der  Gottesdienst,  dem  ich  in  der  katholischen
Kirche  beiwohnte,  und  um  1  Uhr  Eröffnung  des  Zollparlaments.  Die  Versammlung
  im  Weißen  Saal  war  höchst  glänzend.  Als  wir  hineintraten,
war  der  Saal  noch  fast  leer,  da  der  protestantische  Gottesdienst  in  der
Schloßkapelle  noch  nicht  beendigt  war.  Wir  begrüßten  uns  gegenseitig.
Ich  fand  viele  alt  gewordene  Jugendbekannte,  so  Roßhirt,  den  ich  seit
Heidelberg,  Oheimb,  den  detmoldschen  Minister,  den  ich  seit  Bonn  nicht
mehr  gesehen  hatte.  Ersterer  ist  ultramontanes  Mitglied  des  Zollparlaments,
Oheimb  ist  detmoldscher  Bundesrat.  Nach  und  nach  füllte  sich  der  Saal
mit  Beamten  und  Offizieren,  die  man,  um  den  Saal  zu  füllen,  dazu  ein-
        <pb n="317" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  305

geladen  oder  befohlen  hatte.  Endlich  war  die  Predigt  zu  Ende,  und  es
ging  der  Zug  des  Königs  die  Treppe  herunter.  Alles  war  sehr  glänzend.
Der  König  ging  durch  den  Saal,  hielt  sich  nur  bei  mir  auf,  um  sich  nach
dem  Befinden  Seiner  Majestät  unsers  Königs  zu  erkundigen.  Dann
verließ  er  wieder  den  Saal,  und  unterdessen  stellte  sich  alles  auf,  links
neben  dem  Thron  die  Mitglieder  des  Bundesrats,  Bismarck  und  Perglas
an  der  Spitze,  rechts  waren  leere  Stühle  für  die  Prinzen,  und  wir  standen
dem  Thron  gegenüber.  Nun  kam  der  König  mit  den  Prinzen,  nahm  auf
dem  Thron  stehend  Platz,  bedeckte  sich  und  las  die  Thronrede.  Wir  waren
alle  sehr  gespannt;  die  Rede  machte  auf  mich  einen  beruhigenden  Eindruck
und  wird  wohl  auch  so  im  allgemeinen  wirken.  Das  Hoch  beim  Eintritt
  des  Königs  brachte  der  Alterspräsident  Baron  Frankenberg  aus.  Am
Schluß  der  Thronrede  geschah  dies  durch  Perglas.  Die  Formel  war  vorher
  diskutiert  worden  zwischen  Perglas,  Delbrück  und  Bismarck,  ob  „König
von  Preußen“  oder  „König  Wilhelm“.  Man  entschied  sich  für  „König
Wilhelm“,  weil  man  fand,  daß  dies  rücksichtsvoller  für  die  Süddeutschen
sei.  Perglas  machte  seine  Sache  ganz  gut.  Nach  der  Eröffnung  wurde
durch  den  Alterspräsidenten  die  Sitzung  für  3  Uhr  nachmittags  angesetzt.
Ich  hatte  vorher  Audienz  beim  König.  Derselbe  empfing  mich  wie  gewöhnlich
  sehr  liebenswürdig.  Er  beklagte  sich  über  die  ganz  unbegründeten
Befürchtungen  der  Süddeutschen.  Es  sei  ungerecht,  meinte  der  König,
ihm  Eroberungsgelüste  zuzuschreiben.  Er  klagte  dann  über  die  Insulten,
mit  welchen  er  in  Süddeutschland  verfolgt  würde.  Ich  entschuldigte  uns,
daß  wir  nichts  gegen  die  Presse  tun  könnten,  da  die  Gesetzgebung  mangelhaft
  sei.  Er  erwiderte,  daß  er  uns  auch  keinen  Vorwurf  mache.  Wir
sprachen  dann  von  dem  Zollparlament.  Ich  betonte,  daß  es  wünschenswert
  sei,  wenn  sich  dasselbe  ziemlich  ruhig  verhalte  und  keine  Kompetenzüberschreitung
  anstrebe.  Der  König  sagte,  er  sei  damit  einverstanden,  verwies
  aber  auf  die  Elemente,  welche  sich  in  Darmstadt  geltend  machten
und  die  auf  den  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  drängten,  da  ihre
Stellung  unhaltbar  sei.  Uebrigens  gab  er  gleichzeitig  zu,  daß  die  Franzosen
dies  als  eine  Ueberschreitung  der  Mainlinie  ansehen  würden,  und  daß  es
dann  zum  Krieg  kommen  könne,  wenn  nämlich  Preußen  auf  diese  Wünsche
einginge.  Da  der  König  müde  war  und  noch  andre  Leute  warteten,  so
dauerte  die  Audienz  nur  ganz  kurze  Zeit.

Um  3  Uhr  war  dann  Sitzung  des  Zollparlaments.  Hier  fand  nur
die  Auslosung  in  die  Abteilungen  statt.  Um  4  Uhr  machte  ich  einige
Besuche,  um  6  Uhr  war  Diner  bei  Perglas  mit  Viktor,  Luxburg  und
Berchem.  Um  8  Uhr  hatte  ich  mit  Bismarck  ausgemacht  ihn  zu  besuchen.
Ich  fand  ihn  wie  gewöhnlich  sehr  liebenswürdig  und  zuvorkommend.

Ueber  das  Zollparlament  äußerte  er  sich  zurückhaltend.  Er  sprach  die
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  20
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        306  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Hoffnung  aus,  daß  alles  ruhig  verlaufen  werde.  Wir  kamen  dann  auf
die  Festungsfrage  zu  sprechen,  wo  er  seine  Uebereinstimmung  mit  dem
Plan  der  Auseinandersetzung  des  Bundeseigentums  aussprach,  die  Notwendigkeit
  hervorhob,  daß  Bayern  bei  der  Frage  der  Verwaltung  und  der
Besatzung  von  Ulm  die  vorwiegende  Stellung  haben  müsse,  daß  Württemberg
  mehr  bei  Rastatt  beteiligt  sei,  und  daß  es  Preußen  nicht  einfalle,  die  süddeutschen
  Staaten,  namentlich  Württemberg  und  Baden,  durch  Herauszahlenlassen
  von  Geldern  zu  benachteiligen.  Es  handle  sich  darum,  Süddeutschland
  verteidigungsfähig  zu  machen.  Man  müsse  sich  über  die  Unterhaltung
  von  Mainz,  Rastatt  und  Ulm  verständigen.  Dies  werde  sich
dann  bei  der  Beratung  über  die  Auseinandersetzung  des  Bundeseigentums
schon  ergeben.  Was  den  Krieg  mit  Frankreich  anbetreffe,  so  sei  es  ebenso
  unmöglich,  darüber  etwas  Sicheres  zu  sagen,  als  über  das  Wetter,
welches  im  Juli  sein  werde.  Doch  glaube  er  nicht  an  den  Krieg,  da
Frankreich  sich  zweimal  besinnen  werde,  ehe  es  mit  Deutschland  anbinde.
Der  französische  Kriegsplan  bestehe  darin,  in  Süddeutschland  mit
50  000  Mann  einzufallen  und  diese  Staaten  zur  Neutralität  zu  zwingen.
Da  werde  dann  ein  schwieriger  Moment  für  Süddeutschland  kommen,
denn  Preußen  werde  zwar  sofort  200  000  Mann  bei  Koblenz  und  bald
500000  dort  haben  und  damit  auf  Paris  marschieren,  allein  dazu  gehöre
Zeit.  Seien  wir  gerüstet  und  könnten  wir  die  Franzosen  auphalten,  so
sei  dies  um  so  besser.

Um  neun  Uhr  ging  ich  zur  Königin.  Sie  sprach  sehr  lange  über
den  König  von  Bayern  und  drückte  ihre  Sympathie  für  ihn  aus.  Sie
hoffte,  daß  er  sich  bald  verheiraten  werde.  Später  kam  der  König,  dann
Roggenbach,  Watzdorf  und  Viktor.  Es  war  von  verschiedenen  Dingen  die
Rede,  besonders  von  der  Adresse,  1)  die  alle  Konservativen  mißbilligen.
Bismarck  soll  dagegen  sein,  doch  äußert  er  sich  vorsichtig.  Man  will  es
hier  offenbar  mit  der  nationalliberalen  Partei  nicht  verderben.

In  der  Sitzung  des  Zollparlaments  vom  28.  April  1868  wurde
Fürst  Hohenlohe  mit  238  von  301  gültigen  Stimmen  (59  waren  auf  den
Freiherrn  von  Thüngen  gefallen)  zum  ersten  Vizepräsidenten  gewählt.

Er  nahm  die  Wahl  mit  den  Worten  an:

Gestatten  Sie,  meine  Herren,  Ihnen  meinen  tiefgefühlten  Dank  zu
sagen  für  die  Ehre,  die  Sie  mir  erweisen,  indem  Sie  mich  zu  Ihrem
ersten  Vizepräsidenten  ernennen.  Ich  weiß  zwar  wohl,  daß  ich  diese  Ehre
nicht  eignem  Verdienste,  sondern  der  Rücksicht  verdanke,  welche  ein  großer

 

1)  Der  nationalliberale  Antrag  Metz  und  Genossen  ging  dahin,  daß  das  Zollparlament
  eine  Adresse  an  den  König  von  Preußen  richten  solle.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  307

Teil  dieser  Versammlung  den  süddeutschen  Mitgliedern  derselben  schuldig
zu  sein  glaubt.  Allein  diese  Ueberzeugung  vermindert  nicht,  sondern  er—
höht  meine  Dankbarkeit.  Denn,  ich  darf  wohl  sagen,  Sie  reichen  uns
damit  freundschaftlich  die  Hand,  die  wir  ergreifen  in  dem  Vertrauen,  daß
süddeutsche  Eigenart  und  süddeutsche  Anschauungen  in  dieser  Versammlung
  Achtung  und  Anerkennung  finden  werden,  daß  es  gelingen  werde,
die  Aufgabe,  die  uns  der  Vertrag  vom  8.  Juli  v.  J.  zugewiesen  hat,  in
patriotischer  Eintracht  und  Hingebung  zu  lösen.

Journal.
Berlin,  29.  April,  Abends.

Heute  Morgen  war  zunächst  Sitzung  der  Abteilungen.  Ich  fand
Franckenstein,  Aretin  und  Eichthal,  die  Mitglieder  derselben  Abteilung  waren.
Zum  Vorsitzenden  wurde  Twesten  gewählt,  zu  Schriftführern  einige  Unbekannte.


Dann  begann  die  Wahl  des  Präsidenten  und  des  Vizepräsidenten.
Das  dauerte  einige  Stunden.  Simson  wurde  mit  großer  Mehrheit  gewählt,
  ich  desgleichen,  worauf  ich  meine  Dankrede  hielt,  die  guten  Eindruck
  machte,  da  ich  sie  frei  und  fließend  vortrug.  Auch  der  Inhalt
wurde  allseitig  als  taktvoll  gerühmt.  Ich  war  froh,  auf  diese  Weise
debütiert  zu  haben.  Es  ist  keine  Kleinigkeit,  vor  dieser  Versammlung  zu
sprechen.  Unmittelbar  darauf  ließen  sich  mir  eine  Menge  Mitglieder  vorstellen.


Hugos  1)  Wahl  konnte  erst  im  zweiten  Skrutinium  zustande  kommen.

Dann  ging  ich  nach  Hause,  um  mich  umzuziehen,  und  um  4  Uhr
fuhren  wir  zu  dem  großen  Bankett.  Es  war  eine  äußerst  glänzende
Versammlung,  sehr  merkwürdig,  der  König  und  die  Königin  sehr  liebenswürdig.
  Abends  Kasino  und  Theater.

Berlin,  8.  Mai  1868.

Nachdem  ich  gestern  Morgen  um  acht  Uhr  in  Berlin  angekommen  war,
schickte  ich  zunächst  zu  Roggenbach,  um  über  den  Stand  der  Verhandlungen
über  die  Adresse  genaue  Auskunft  zu  erhalten.  Roggenbach  kam  auch
bald  und  teilte  mir  den  Wortlaut  seiner  motivierten  Tagesordnung  mit,
der  ich  vollständig  beistimmen  zu  können  glaubte.  Auch  mit  Tauffkirchen
und  Luxburg,  die  etwas  später  kamen,  wurde  die  Sache  durchgesprochen,
und  es  zeigte  sich,  daß  nach  vorhergegangenen  Fraktionsbesprechungen
der  Antrag  auf  einfache  Tagesordnung  die  meisten  Aussichten  auf  Annahme
  haben  werde.  Der  Austritt  der  Fraktion  von  Thüngen  war  nach

 

1)  Fürst  Hugo  zu  Hohenlohe-Oehringen,  Herzog  von  Ujest.
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        308  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

wie  vor  beschlossen,  wenn  die  einfache  Tagesordnung  nicht  angenommen
werde,  und  die  beiden  württembergischen  Minister  waren  entschlossen,
ebenfalls  den  Saal  zu  verlassen.  Ich  ging  mit  der  Absicht,  für  die
motivierte  Tagesordnung  zu  stimmen,  in  die  Sitzung.  1)

Bennigsen  sprach  zuerst  als  Referent  für  die  Adresse.  Er  war
durchaus  ruhig  und  gemäßigt,  und  seine  Rede  machte  guten  Eindruck.
Thüngen  sprach  darauf  in  versöhnlicher  Absicht,  aber  nicht  besonders  gut.
Der  Ausdruck,  daß  die  Freundschaft  zwischen  Süd=  und  Norddeutschland
„eine  zarte  Pflanze“  sei,  war  offenbar  unglücklich  gewählt,  denn  er  erregte
  große  Heiterkeit  in  der  Versammlung.  Nach  ihm  sprach  Blankenburg
  für  einfache  Tagesordnung  und  Bluntschli  für  die  Adresse.  Blankenburg
  hatte  einfache  Tagesordnung  beantragt,  aber  mit  Motiven  versehen,
die  sehr  annehmbar  waren.  Seine  Rede  war  geistreich,  aber  etwas  zu
sehr  auf  die  Heiterkeit  des  Hauses  berechnet.  Bluntschli  sprach  lang,
weitläufig,  ermüdete  die  Versammlung  und  schadete  dadurch  seiner  Sache.
Ich  fand  nun,  daß  nur  die  Nationalliberalen  und  die  dem  Eintritt  in
den  Norddeutschen  Bund  huldigenden  Süddeutschen  gegen,  und  daß  alle
andern  Fraktionen  für  die  einfache  Tagesordnung  seien  mit  Ausnahme
jener  Mitglieder,  welche  wie  Ujest  und  Roggenbach  die  motivierte  Tagesordnung
  unterzeichnet  hatten.  So  wäre  ich  als  bayrischer  Minister  in
die  schiefe  Stellung  geraten,  nicht  allein  gegen  die  Konservativen  und
Ultramontanen,  sondern  auch  gegen  föderalistische  Fraktionen  zu  stimmen.
Damit  hätte  ich  trotz  des  gemäßigten  Wortlauts  der  motivierten  Tagesordnung
  mich  auf  den  Standpunkt  der  Partei  gestellt,  die  in  ihren
letzten  Zielen  die  Aufhebung  der  Selbständigkeit  der  Einzelstaaten  anstrebt.
Eine  solche  Stellung  wäre  mehr  als  schief  gewesen  und  hätte  die  bayrische
Regierung  als  solche  kompromittiert.  Nachdem  alle  Redner  gegen  die
Adresse  die  Festhaltung  an  den  Verträgen,  Thüngen  selbst  —  zum  Entsetzen
seiner  Partei  —  die  Fortentwicklung  auf  dem  Wege  des  Vertrags  hervorgehoben
  hatten,  entschloß  ich  mich,  der  einfachen  Tagesordnung  beizustimmen
und  besprach  dies  auch  mit  Edel  und  einigen  andern  Bayern,  die  meinen
Entschluß  vollkommen  billigten.  Selbst  Stauffenberg,  der  gegen  die  ein- 



1)  Die  motivierte  Tagesordnung  des  Freiherrn  von  Roggenbach  lautete:  „In
Erwägung,  daß  die  Neugestaltung  des  Zollvereins  auf  Grund  des  Zollvertrags
durch  Berufung  von  Vertretern  des  deutschen  Volks  zu  einer  gemeinsamen  Gesetzgebungstätigkeit
  das  Unterpfand  einer  stetigen  Fortentwicklung  der  nationalen
Institutionen  gewährt  und  den  berechtigten  nationalen  Ansprüchen  auf  wirksame
Einigung  der  Staatskräfte  eine  befriedigende  Erfüllung  sichert,  in  Erwägung,  daß
ein  einmütiges  Zusammenwirken  für  die  Aufgaben  des  Zollparlaments  dieses  Ziel
am  meisten  zu  fördern  geeignet  ist,  wird  über  den  Adreßantrag  die  Tagesordnung
beantragt.“
        <pb n="321" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  309

fache  Tagesordnung  zu  stimmen  gezwungen  war,  riet  mir  dazu,  dafür
zu  stimmen.  Die  Majorität  nahm  dann  die  einfache  Tagesordnung  an,  )
und  damit  wurde  einer  mehrtägigen  unliebsamen  Debatte  ein  Ende  gemacht.
Nach  der  Sitzung  wurde  dieses  Resultat  vielfach  besprochen,  indessen
neigt  sich  die  größere  Mehrheit  aller  Urteilsfähigen  dahin,  dasselbe  als
günstig  anzusehen.  Denn  wenn  auch  damit  die  nationale  Frage  vertagt
ist,  so  entspricht  dies  doch  der  gegenwärtigen  Stimmung  in  Süddeutschland
und  wird  wesentlich  zur  Beruhigung  der  Gemüter  beitragen,  was  vorläufig
  die  Hauptsache  ist,  wenn  nicht  die  Annäherung  der  deutschen
Stämme  aneinander  bedroht  werden  soll.  Den  Franzosen  gegenüber
würde  ich  ein  andres  Resultat  gewünscht  haben,  denn  diese  werden  darüber
  Freude  empfinden.  Allein  wenn  damit  die  Irritation  in  Frankreich
beschwichtigt  und  der  Friede  gesichert  wird,  so  ist  das  auch  ein  günstiges
Resultat.

Bismarck  hat  sich  bei  der  ganzen  Debatte  und  bei  den  vorhergehenden
Besprechungen  sehr  zurückhaltend  benommen.  Man  sagt,  die  Kriegsbefürchtungen
  nehmen  hier  zu,  namentlich  infolge  von  Nachrichten  aus.
England.  Ich  werde  heute  diplomatische  Besuche  machen  und  hoffe  näheres.
zu  erfahren.

Am  21.  Mai  fand  in  der  neuen  Börse  ein  Bankett  statt,  welches
die  Stadt  Berlin  zu  Ehren  der  süddeutschen  Abgeordneten  zum  Zollparlament
gab.  Graf  Bismarck  hielt  die  erste  Rede,  welche  mit  einem  herzlichen
„Auf  Wiedersehen!“  an  die  süddeutschen  Brüder  schloß.  Darauf  erwiderte
Fürst  Hohenlohe:

Die  Begeisterung,  welche  die  Worte  des  Bundeskanzlers  in  den  Herzen
der  Süddeutschen  hervorgerufen  haben,  mag  Ihnen  beweisen,  daß  eine
Annäherung  zwischen  Süd  und  Nord  stattgefunden  hat,  welche  nicht  vermindert,
  sondern  vermehrt  worden  ist  durch  die  Arbeit  des  Zollparlaments.
Ich  glaube,  Sie  werden  mit  mir  übereinstimmen,  wenn  ich  sage:  die
Arbeit  deutschen  Geistes  hat  das  Band  der  Stämme  enger  geschlungen.
Diesem  Verständnis  deutschen  Geistes  ist  eine  Mission  zuteil  geworden,
herrlicher  und  höher  als  andre  sogenannte  ziovilisatorische  Missionen.
(Stürmischer  Beifall.)  Lassen  Sie  uns  in  diesem  Geist,  lassen  Sie  uns
in  dieser  Mission  zusammenhalten,  und  in  diesem  Sinne  bringe  ich  ein
Hoch  der  Vereinigung  der  deutschen  Stämmel!

Nach  dem  Fürsten  redete  Völk  auf  „die  Zukunft  des  deutschen
Staats“.

 

1)  Mit  186  gegen  150  Stimmen.  Die  Majorität  bestand  aus  den  Konservativen,
  der  Fortschrittspartei  und  der  süddeutschen  Fraktion.
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        310  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Journal.
Berlin,  23.  Mai  1868.

Infolge  der  vielen  ermüdenden  Sitzungen  mußte  ich  meine  Aufzeichnungen
  aussetzen.  Von  Wichtigkeit  kam  auch  wenig  vor.  Die  Sitzungen
waren  interessant,  sind  indessen  stenographiert  und  gedruckt.  Außerhalb
der  Sitzung  war  ein  Gespräch  mit  Varnbüler  über  die  Festungsfrage  und
einige  Unterredungen  mit  Bismarck  und  endlich  eine  von  Bluntschli  gewünschte
  Besprechung  wichtig.  Varnbüler  sieht  meine  Stellung  hier  mit
scheelen  Augen  an,  der  Vizepräsident  des  Zollparlaments,  meine  guten
Beziehungen  zu  Bismarck,  der  von  mir  weiß,  daß  ich  ihn  nicht  betrüge,
meine  Stellung  zum  Hofe  u.  s.  w.,  das  alles  „giftet“  ihn  und  hat  ihn  veranlaßt,
  seinem  Unwohlsein,  welches  nicht  zu  bestreiten  ist,  eine  größere
Ausdehnung  zu  geben,  als  es  vielleicht  nötig  gewesen  wäre.  Bei  meiner
ersten  Unterhaltung  mit  Varnbüler  wurde  die  Festungsfrage  verhandelt.!)
Varnbüler  wollte  auf  eine  Verständigung  kommen,  glaubte  mit  mir  allein
leicht  fertig  zu  werden  und  wollte  deshalb  direkte  Verhandlungen  mit  mir
führen.  Ich  aber  berief  Völderndorff  von  München  mit  den  Akten.  Bei
der  Besprechung  kamen  wir  darin  überein,  daß  eine  Verständigung  vor
der  Berufung  der  Liquidationskommission  nötig  sei  zwischen  Bayern  und
Württemberg.  Daß  sie  aber  zustande  kommen  wird,  das  ist  die  Frage,
und  deshalb  ging  ich  auf  den  Wunsch  Varnbülers  nicht  ein  und  gab  die
Zusammenberufung  der  Liquidationskommission  nicht  auf,  sondern  faßte
das  Protokoll  in  einer  Art,  daß  die  Berufung  der  Liquidationskommission
nicht  von  dem  Zustandekommen  der  Verständigung  zwischen  Bayern  und
Württemberg  (über  Ulm)  abhängig  gemacht  werde.  Varnbüler  wünscht
auch,  daß  vor  dem  Ausbruch  eines  Krieges  mit  Frankreich  Preußen  Zusicherungen
  mache,

1.  daß  wir  nach  dem  Krieg  an  den  Friedensverhandlungen  teilnehmen,

2.  daß  nach  dem  Krieg  der  Rechtszustand  bleibe,  wie  er  ist.

1)  Die  Bundesliquidationskommission  (siehe  Seite  200)  hatte  sich  am  31.  Juli
1867  vertagt,  ohne,  wie  Bayern  gewünscht  hatte,  die  tatsächliche  Auseinandersetzung
durchzuführen.  Die  gegenseitigen  Ansprüche  waren  nur  rechnerisch  festgestellt
worden.  Diese  Rechtslage  hinderte  die  freie  Verfügung  der  Territorialstaaten  über
das  in  den  süddeutschen  Festungen  befindliche  bewegliche  Material.  Die  bayrische
Regierung  hatte  daher  im  April  1868  Verhandlungen  angeregt  mit  dem  Zwecke,
„die  bisher  noch  bestehende  faktische  Gemeinschaft  des  beweglichen  Eigentums  der
ehemaligen  Bundesfestungen  durch  definitive  Teilung  auseinanderzusetzen“".  Den
Mitgliedern  der  hierzu  zu  berufenden  Kommission  sollte  nach  dem  Wunsche  der
bayrischen  Regierung  zugleich  die  Beratung  über  die  Bildung  einer  ständigen  süddeutschen
  Militärkommission  und  über  ein  gemeinsames  Festungsreglement  übertragen
werden.  Ueber  die  Verhältnisse  der  Festung  Ulm,  die  wegen  ihrer  geographischen
Lage  nur  als  ein  einheitlich  verwalteter  Waffenplatz  ihren  Zweck  erfüllen  konnte,
war  eine  Verständigung  zwischen  Bayern  und  Württemberg  äußerst  dringlich.
        <pb n="323" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  311

Ich  machte  dagegen  darauf  aufmerksam,  daß  Preußen  nicht  darauf  eingehen
  werde.  Varnbüler  wünschte  zu  wissen,  ob  ich  nichts  dagegen  hätte,
ohne  Zweifel,  um  sich  darauf  bei  Bismarck  zu  berufen.  Ich  setzte  indessen,
da  ich  morgen  abreise,  Perglas  davon  in  Kenntnis,  um  zu  überwachen,
was  Varnbüler  tut.

Bluntschli  war  bei  mir,  um  mir  zu  sagen,  daß  doch  nun  etwas  geschehen
  müsse,  um  die  nationale  Sache  zu  fördern,  man  könne  aber  nichts
tun  ohne  Bismarck,  und  Bismarck  habe  Rücksichten  auf  Bayern,  und  deshalb
  komme  viel  auf  uns  an.  Er  führte  dann  aus,  daß  es  für  Baden
und  Hessen  unmöglich  sei,  länger  so  zu  bleiben,  wie  sie  jetzt  sind,  Bismarck
würde  sie  auch  in  den  Norddeutschen  Bund  aufnehmen,  kümmere  sich  gar
nicht  um  Frankreich,  wohl  aber  um  Bayern.  Ob  man  uns  denn  nicht
etwas  bieten  könne,  eine  Ausnahmestellung,  wodurch  wir  so  bevorzugt
wären,  daß  wir  dann  uns  leichter  in  eine  Verbindung  einlassen  könnten.
Bayern  sei  ein  Staat  von  berechtigter  Bedeutung,  den  man  nicht  ebenso
wie  Baden  und  Hessen  behandeln  könne.

Auf  meine  Frage,  was  er  sich  denn  unter  der  bevorzugten  Stellung
Bayerns  denle,  sagte  er,  die  Diplomatie  und  das  Heer  könne  man  Bayern
belassen  und  dem  König  ein  Ehrenamt  einräumen,  etwa  ein  Reichsvikariat.
Ich  setzte  ihm  auseinander,  daß  es  sehr  schwer  sei,  diese  Konzessionen  als
genügend  darzustellen.  Die  Gegner  des  Eintritts  in  den  Norddeutschen
Bund  würden  sich  dadurch  nicht  bestimmen  lassen.  Die  Dynastie  würde
nicht,  um  einer  Eventualität  zu  entgehen,  die  noch  nicht  feststehe,  etwas
sicheres  Unangenehmes  annehmen.  Uebrigens  stellte  ich  ihm  anheim,  mir
einmal  schriftlich  seine  Ansichten  mitzuteilen.  Roggenbach,  den  ich  nachher
sprach,  war  entgegengesetzter  Ansicht.  Er  meinte,  man  solle  jetzt  gar  nichts
tun.  Es  sei  gar  kein  Grund  dazu  vorhanden.

Berlin,  24.  Mai  1868.

Bei  meinem  Abschiedsbesuch  bei  Bismarck  kam  zunächst  die  Rede  auf
das  Zollparlament,  auf  dessen  Erfolg,  auf  die  Thronschlußrede,  die  den
Nationalliberalen  nicht  gefallen  habe,  was  Bismarck  mit  einem  gewissen
Empressement  hervorhob,  und  dann  lenkte  ich  das  Gespräch  auf  die  Militärund
  Festungsfrage.  Er  wiederholte  in  dieser  Beziehung,  was  er  mir
schon  gesagt  hatte,  daß  er  nämlich  vorziehe,  wenn  die  Beratungen  mit
dem  bayrischen  Militärbevollmächtigten  allein  ohne  den  württembergischen
gepflogen  würden,  da  aus  einer  gemeinschaftlichen  Beratung  leicht  Beunruhigung
  der  öffentlichen  Meinung  hervorgehen  könnte.  Was  die
Festungsfrage  betreffe,  so  legt  er  augenscheinlich  großen  Wert  auf  die
Auseinandersetzungskommission  und  bat,  die  Sache  nicht  fallen  zu  lassen.
Ueber  die  militärische  Bedeutung  von  Ulm  sprach  er  sich  nicht  deutlich
        <pb n="324" />
        312  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

aus,  doch  schien  aus  seinen  Aeußerungen  die  Befürchtung  hervorzugehen,
daß,  wenn  wir  Ulm  ganz  an  Württemberg  überließen  und  nicht  vorher
die  Festung  ganz  eingelegt  würde,  dann  Oesterreich  bei  Gelegenheit  die
Hand  darauf  legen  würde.  Wie  bedenklich  überhaupt  die  Stellung  von
Oesterreich  gegenüber  von  Bayern  sei,  suchte  er  nachzuweisen,  indem  er
erzählte,  daß  man  in  Nikolsburg  sich  zu  einer  Abtretung  von  Oesterreichisch-Schlesien
  bereit  erklärt  habe,  wenn  man  dafür  die  Grenze  an  den  Inn
verlege;  ebenso  hätten  kühne  Politiker  in  Nikolsburg  von  einer  Abtretung
des  alten  österreichischen  Württembergs  vom  Schwarzwald  bis  Ulm  gesprochen.
  Jedenfalls  muß  bei  der  Auseinandersetzung  von  dem  Besatzungsrecht
  Bayerns  in  Ulm  gesprochen  werden.  Es  ist  gut,  daß  wir  uns
Varnbüler  gegenüber  nicht  weiter  gebunden  haben,  als  wir  es  taten,  und
es  ist  notwendig,  daß  wir  bei  der  Beratung  mit  den  württembergischen
Kommissaren  nicht  das  Geringste  aufgeben,  da  uns  Preußen  aus  Furcht
vor  der  künftigen  Besetzung  Ulms  durch  Oesterreich  entschieden  unterstützen
wird.  Die  Zusammenberufung  der  Liquidationskommission  wünscht  Bismarck
nicht  vor  Ende  August,  da  er  ihr  doch  eine  so  große  Wichtigkeit  beilegt,
daß  er  nicht  gut  ohne  Kenntnis  des  dort  Vorgehenden  bleiben  möchte  und
seinen  Urlaub  nicht  früher  unterbrechen  will.

Ich  fragte  dann,  ob  seit  der  Eröffnung  des  Grafen  Wimpffen  über
das  Gespräch  zwischen  mir  und  Beust  im  November  die  Frage  des  süddeutschen
  Bundes  nicht  von  österreichischer  Seite  wieder  angeregt  worden
sei.  Er  bemerkte  natürlich,  daß  ich  die  Frage  nur  deshalb  gestellt  hatte,
um  zu  wissen,  was  er  zu  dem  süddeutschen  Bunde  sage,  und  erklärte
sofort,  er  selbst  sei  eigentlich  gar  kein  Gegner  desselben,  er  teile  nicht  die
Ansicht,  daß  dadurch  die  Trennung  Deutschlands,  die  Verewigung  der  Mainlinie
  geschaffen  werde,  führte  dies  aber  nicht  weiter  aus.  Doch  fügte  er
bei,  wenn  er  sich  nicht  dafür  aussprechen  könne,  so  liege  der  Grund  darin,
daß  er  damit  die  öffentliche  Meinung  und  insbesondere  die  Nationalliberalen
  verletzen  würde,  die  darin  ein  Attentat  auf  die  Einigung  der
deutschen  Stämme  erblickten.  Er  erkenne  im  Gegenteil  darin  ein  Mittel
zur  Verständigung.  Auf  meine  Bemerkung,  daß  eine  Verständigung  zwischen
Preußen  und  Oesterreich  von  Bedeutung  sei,  um  diesen  Plan  zu  fördern,
sagte  er,  daß  Beust  sich  immer  zurückhaltend  benehme,  daß  er  die  Tauffkirchensche
  Mission  falsch  dargestellt  und  nicht  benützt  habe,  daß  die  Folge
davon  eine  engere  Verbindung  zwischen  Rußland  und  Preußen  gewesen
sei.  Er  verkannte  nicht  die  Rücksicht,  die  Beust  den  Franzosen  schuldig
war,  bedauerte  aber,  ob  nun  aufrichtig  oder  nicht,  daß  eine  Annäherung.
zwischen  Preußen  und  Oesterreich  bis  jetzt  nicht  möglich  gewesen  sei.  Was
die  Kriegsfrage  anbetrifft,  so  wiederholte  er  mir,  was  er  bereits  früher
gesagt,  daß  die  Franzosen  nur  320  000  Mann  ins  Feld  stellen  könnten,
        <pb n="325" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  313

Norddeutschland  aber  500000  zu  seiner  sofortigen  Disposition  habe.  Er
erzählte  mir  ferner  ein  Gespräch,  welches  er  gestern  gehabt,  wo  ein  Gegner
der  Allianzverträge  aus  Württemberg  sich  dahin  ausgesprochen  habe,  beim
Ausbruch  eines  Krieges  mit  Frankreich  müßten  wir  alle  gegen  Frankreich
gehen.  Er  (Bismarck)  habe  ihm  darauf  erwidert,  daß  es  eine  ganz
ungerechtfertigte  Vermutung  sei,  wenn  man  glaube,  Preußen  werde  die
Allianzverträge  zu  Eroberungskriegen  benützen.  Er  wisse  nicht,  was
Preußen  erobern  solle,  er  zählte  die  Länder  an  der  Grenze  auf,  nannte
Polen,  Böhmen,  Belgien  und  das  Elsaß.

Schließlich  schieden  wir  auf  das  freundschaftlichste.  Ich  unterließ  es,  die
Frage  der  Beglaubigung  des  bayrischen  Gesandten  beim  Norddeutschen
Bund  zu  berühren,  da  ich  es  für  zweckmäßiger  hielt,  mich  keiner  ausweichenden
  Antwort  auszusetzen,  und  vorziehe,  dies  bei  Werthern  zur  Sprache
zu  bringen.

Rede,  gehalten  im  „Bayrischen  Hof“  beim  Diner  am
Konstitutionsfest.
26.  Mai  1868.

Meine  Herren!  Wenn  es  einen  Tag  gibt,  an  welchem  wir  stolz  sein
können,  uns  Bayern  zu  nennen,  wenn  es  ein  Fest  gibt,  das  uns  berechtigt,
mit  hoher  Befriedigung  auf  die  Vergangenheit  und  mit  freudiger  Zuversicht
in  die  Zukunft  zu  blicken,  so  ist  es  das  heutige  Fest  der  Einigung  zwischen
Fürst  und  Volk,  jener  Einigung,  die  die  Grundlage  unfrer  Freiheit,  unfrer
Selbständigkeit,  unfrer  staatlichen  Existenz  ist.  Deß  wir  aber  dieses  Fest
in  ungetrübter  Freude  feiern,  das  verdanken  wir  unsrer  Dynastie,  und
darum  ist  es  gerechtfertigt,  wenn  heute  vor  unserm  dankbaren  Blicke  die
erhabenen  Gestalten  der  Monarchen  aufsteigen,  in  deren  Hände  in  dieser
Zeit  die  Geschicke  unsers  Vaterlandes  geruht  haben.

Und  hier  sehen  wir  zuerst  König  Maximilian  I.,  den  das  Volk  mit
Recht  den  Guten  nennt,  den  unvergeßlichen  Geber  der  Verfassung,  den
seltenen  Monarchen,  der  aus  eignem  freien  Antriebe  das  staatsrechtliche
Band  dargeboten,  welches  nun  seit  fünfzig  Jahren  Krone  und  Volk  zu
einträchtigem  Handeln  umschlingt.

Wir  sehen  König  Ludwig  I.,  wie  er  fest  und  selbstbewußt  den  Thron
der  Väter  betritt  und  in  langer  und  segensreicher  Regierung  und  in
längerem  segensreichem  Leben  gerecht  und  beharrlich  die  Ziele  verfolgt,  die
sein  hoher  Geist  ihm  als  die  richtigen  vorzeichnete.  Was  König  Ludwig
Bayern  war,  was  er  der  Welt  war,  das  haben  beredtere  Lippen  vor
kurzem  geschildert;  jede  Beredsamkeit  muß  aber  zurücktreten  vor  seinen
Werten  und  vor  den  Tränen,  mit  denen  sein  Volk  ihn  zur  letzten  Ruhestätte
  geleitet  hat.
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        314  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Ein  harmonisches  Bild  bietet  die  Erinnerung  an  den  König  Max  II.,
dessen  warme  Begeisterung  für  Wahrheit  und  Recht,  dessen  freundliche
  Milde,  dessen  sorgsame  Gewissenhaftigkeit  ihn  stets  die  Mittel
finden  ließen,  den  Frieden  mit  seinem  Volke  zu  erhalten  oder,  wenn  er
erschüttert  war,  ihn  wieder  zu  festigen.

Und  über  diesem  ganzen  Fürstenhause  schwebt  ein  Geist  der  Treue,
der  die  Versuchung  fernhält,  die  da  drehen  und  deuten  möchte  an  dem
gegebenen  Fürstenwort.

So  ist  unser  allergnädigster  König  und  Herr,  des  jetzt  regierenden
Königs  Ludwig  II.  Majestät,  unter  Auspizien  erhabener  Vorbilder  an  die
Regierung  getreten.

Auch  ihm  ward  eine  reiche  Fülle  geistiger  Gaben  zuteil,  in  höherem
Maße  vielleicht  als  irgend  einem  seiner  Vorgänger.  Wir  sehen  darin  um  so
mehr  eine  sichere  Gewähr  für  die  Zukunft,  als  es  dem  Könige  in  der  kurzen
Zeit  seiner  Regierung  gelungen  ist,  die  Fortbildung  unsrer  inneren  Zustände
in  einer  Weise  zu  fördern,  die  zu  den  schönsten  Hoffnungen  berechtigt.
Und  wie  heute  der  König  in  edeln  Worten  an  sein  Volk  es  ausgesprochen
hat,  „daß  auch  er  nach  dem  Vorbild  seiner  Ahnen  das  Banner  der  Verfassung
  hochhalten  werde“,  so  bringen  wir  ihm  heute  den  Ausdruck  des
Dankes,  der  Verehrung  und  der  Liebe  dar,  der  Liebe  seines  Volkes,  die
das  wahre  Fundament  jedes  Fürstenthrones  ist.

Bericht  des  bayrischen  Gesandten  in  Berlin,  Freiherrn
von  Perglas.
Berlin,  25.  Mai  1868.

Nachdem  Eure  Durchlaucht  bereits  mündlich  von  mir  über  eine  Mitteilung
  des  französischen  Botschafters  in  Berlin  unterrichtet  worden  sind,
ermangle  ich  nicht,  dieselbe  hier  schriftlich  vorzutragen.

Herr  Benedetti  kam  gestern  zu  mir  und  beklagte  sich  formell  über
den  Ausdruck  eines  Passus  in  der  Rede,  welchen  Eure  Durchlaucht  bei
dem  Feste  in  der  Börse  gebraucht  hätten,  als  Hochdieselben  nämlich  von
„angeblich  zivilisatorischer  Mission  einer  andern  Nation“  gesprochen  hätten.
Da  durch  den  öffentlichen  Beifall,  welcher  diesem  Gedanken  und  seiner
Fassung  gezollt  worden  sei  und  durch  die  hier  desfalls  verbreitete  und
geltende  Ansicht  der  Passus  unverkenntlich  sich  auf  Frankreich  beziehe,  bedaure
  er  lebhaft,  daß  Eure  Durchlaucht  sich  bewogen  gefunden  hätten,
diesen  Ausdruck  als  Minister  von  Bayern  öffentlich  zu  gebrauchen,  denn  er
werde  von  der  Presse  ausgebeutet  und  wegen  des  noch  verletzenderen
Worts  „angeblich“  in  Frankreich  einen  sehr  übeln  Eindruck  verursachen.
Er  müsse  dieses  Verfahren  Eurer  Durchlaucht  als  nicht  „courtois“  bezeichnen,
  insbesondere  im  Hinblick  auf  die  äußerste  Reserve  der  fran-
        <pb n="327" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  315

zösischen  Regierung  und  die  absolute  Zurückhaltung  der  französischen  Botschaft
  in  Berlin  bei  Gelegenheit  der  Zusammenkunft  des  Zollparlaments
und  überhaupt  der  inneren  Angelegenheiten  Deutschlands,  daher  ihm  die
Haltung  Eurer  Durchlaucht  hier  nicht  billig  und  gerechtfertigt  erscheine
und  er  mir  nicht  vorenthalten  wolle,  daß  er  in  diesem  Sinne  nach  Paris
berichtet  habe,  da  überdies  sein  Eindruck  von  allen  Personen  geteilt  werde,
mit  welchen  er  über  die  Sache  verkehrt  habe.

Herr  Benedetti  hatte  den  Ausfall  auch  als  auf  die  Person  des  Kaisers
gerichtet  bezeichnet.  Hier,  wie  überhaupt  bezüglich  seiner  Beschwerde,  wies
ich  zurück  jede  direkte  Absicht  einer  offiziellen  ministeriellen  Verletzung  der
Rücksichten  gegen  Frankreich  von  seiten  Eurer  Durchlaucht  und  erinnerte
vielmehr  den  Botschafter  an  meine  Mission  in  Paris,  während  welcher
Eure  Durchlaucht  fortwährend  durch  mich  Beweise  an  die  französische
Regierung  haben  gelangen  lassen  von  dem  Werte,  den  Hochdieselben  auf
gute  und  intime  Rapports  mit  der  französischen  Regierung  legten  —  ich
könnte  nicht  zugeben,  daß  Eure  Durchlaucht  eine  Nation  resp.  die  französische
  bezeichnet  hätten,  am  wenigsten  aber  die  Person  des  Kaisers.

Herr  Benedetti  ersuchte  mich,  von  seiner  Mitteilung  Eurer  Durchlaucht
  Nachricht  geben  zu  wollen.  Er  beharrte  bei  seiner  empfindlichen
Auffassung,  bewahrte  aber  den  Ton  der  freundlichen  und  guten  Beziehungen,
  welche  zwischen  mir  und  ihm  bestehen.

Aufzeichnung  des  Fürsten  vom  28.  Mai  1868.

Die  Depesche  des  Freiherrn  von  Perglas  veranlaßte  mich,  bei  Gelegenheit
  eines  Gesprächs  mit  dem  Marquis  de  Cadore  diesem  mein
Erstaunen  auszudrücken  über  die  mir  von  Benedetti  durch  Perglas  zugegangene
  Mitteilung.  Ich  bemerkte  ihm  dabei,  daß  es  vollkommen  irrig
sei,  wenn  der  Botschafter  in  Berlin  darin  eine  Aeußerung  des  bayrischen
Ministers  erblicke,  daß  ich  als  Zollparlamentsabgeordneter  gesprochen,  auch
der  französischen  Nation  nicht  Erwähnung  getan  habe  und  deshalb  nur
bedaure,  wenn  die  überdies  nur  unvollkommen  wiedergegebene  Aeußerung
Anlaß  zu  Mißverständnissen  habe  geben  können.

An  den  bayrischen  Gesandten  in  Berlin.
München,  28.  Mai  1868.
Infolge  der  in  Ihrem  Berichte  enthaltenen  Mitteilung  begab  ich  mich
gestern  zu  dem  hier  beglaubigten  Kaiserlichen  Gesandten  Marquis  de
Cadore  und  drückte  ihm  mein  Erstaunen  aus,  wie  Herr  Benedetti  dazu
komme,  mir  eine  derartige  Eröffnung  durch  E.  H.  machen  zu  lassen.  Ich
müsse  annehmen,  daß  dies  lediglich  eine  Privatansicht  des  Herrn  Benedetti
        <pb n="328" />
        316  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

sei,  was  Herr  de  Cadore  ebenfalls  nicht  bezweifelte.  Ich  fügte  ferner  bei,  daß
meine  Aeußerung  nicht  als  die  Ansicht  der  bayrischen  Regierung  gelten
könne,  daß  ich  überdem  bei  jenem  Toast  der  französischen  Nation  keine
Erwähnung  getan  hätte  und  daß  ich  bedaure,  wenn  diese  Aeußerung  zu
Mißverständnissen  Anlaß  gegeben  habe.  Ich  teile  E.  H.  dies  lediglich
als  Notiz  zu  Ihren  Akten  mit,  ohne  damit  den  Auftrag  zu  einer  weiteren
Mitteilung  irgendeiner  Art  zu  verbinden.

Journal.
München,  5.  Juni  1868.

Gestern  war  ich  bei  dem  Diner,  welches  der  französische  Gesandte
dem  hier  durchreisenden  Prinzen  Napoleon)  gab.  Anwesend  waren
außer  dem  Gefolge  des  Prinzen  und  dem  Personal  der  französischen  Gesandtschaft:
  Graf  Castell,  Graf  Moy,  General  von  der  Tann,  Herr  von
Schrenck,  der  österreichische  und  der  italienische  Gesandte.

Ich  saß  neben  dem  Prinzen.  Während  der  Tafel  sprach  er  von  verschiedenen
  Gegenständen  der  inneren  Verwaltung  Bayerns,  von  der  Zusammensetzung
  der  Kammer  der  Reichsräte,  von  der  Tätigkeit  der  Kammer,
vom  Budget  u.  s.  w.  Er  schien  sehr  genau  bekannt,  und  seine  Fragen
bezweckten  nur  die  Bestätigung  von  dem,  was  man  ihm  schon  früher  gesagt
  hatte.

Nach  Tisch  im  Lauf  des  Abends  zog  der  Prinz  mich  beiseite  und.
ließ  sich  auf  ein  tiefer  eingreifendes  politisches  Gespräch  ein.

Er  sprach  über  Württemberg,  das  er  genau  kennt,  erzählte,  daß  der
Geist  der  württembergischen  Offiziere  sich  eigentümlich  geändert  habe,  daß.
die  württembergischen  Offiziere  mißvergnügt  seien,  einer  kleinen  Armeeanzugehören,
  und  sich  danach  sehnten,  Teile  einer  deutschen  Armee  zu  werden.
Dann  sprach  er  vom  Zollverein,  von  den  Gefahren,  die  in  der  neuen
Organisation  für  die  Selbständigkeit  der  einzelnen  süddeutschen  Staaten.
lägen,  es  sei  kein  Vertrag,  sondern  ein  Verein,  der  uns  zu  Teilen  eines
größeren  Ganzen  mache,  erwähnte  des  bereits  in  der  bekannten  Depesche
des  Grafen  Quadt  berührten  Vergleichs  mit  Belgien,  schloß  aber  damit,
daß  nichts  zu  machen  sei.  Auch  der  Allianzverträge  erwähnte  er  und  bestritt
  die  Gegenseitigkeit  derselben.  Er  erzählte,  er  habe  Bismarck  gefragt,
ob  er  den  Casus  toederis  anerkennen  werde,  wenn  einmal  Bayern,  um.
Tirol  zu  erobern,  Krieg  gegen  Oesterreich  anfangen  werde,  worauf  ihm
Bismarck  geantwortet  habe:  „de  droit,  oui,  de  fait,  non.“

 

1)  Prinz  Napoleon  hielt  sich  auf  seiner  Reise  durch  Deutschland  vom  3.  bis
5.  Juni  in  München  auf.  König  Ludwig  hatte  sich  nicht  entschließen  können,  ihn
zu  empfangen.
        <pb n="329" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  317

Der  süddeutsche  Bund  sei  früher  möglich  gewesen,  jetzt  nicht  mehr.
Württemberg  würde  nur  zugunsten  einer  grande  Allemagne  auf  seine
Autonomie  verzichten,  nicht  aber  zugunsten  Bayerns.  Ja,  wenn  der  König
von  Bayern  alles  aufs  Spiel  setzen  wollte,  aufs  Pferd  steigen  und  mit
Hilfe  der  Revolution  den  König  von  Württemberg  und  den  Großherzog
von  Baden  vertreiben  wollte,  dann  sei  es  möglich,  ein  süddeutsches  Königreich
zu  gründen,  das  an  Oesterreich  und  Frankreich  gute  Alliierte  haben  werde.
Er  fügte  bei:  „Je  n’'ai  jamais  compris  la  triade  avec  deux  souverains
et  une  confédération.“  Nur  eine  zentralisierte  Monarchie  könnte  die
Trias  begründen.  Das  sei  aber  ein  gefährlicher  Weg,  und  dazu  gehöre
ein  schon  gereifter  Monarch,  der  sehr  populär  in  Deutschland  und  der
sehr  kühn  vorzugehen  entschlossen  sei.

Auf  die  Kriegsfrage  übergehend,  erlaubte  ich  mir  zu  sagen,  daß  es
mir  unbegreiflich  scheine,  wie  man  in  Frankreich  zum  Krieg  drängen  könne.
Niemand  werde  dabei  gewinnen.

Er  gab  dies  zu,  sagte  aber,  man  müsse  die  Eigentümlichkeit  des  französischen
  Charakters  in  Anschlag  bringen.  Der  Franzose  könne  nicht  warten
wie  der  Deutsche.  Was  er  für  zweckmäßig  halte,  das  suche  er  sofort
auszuführen.  Die  Stockung  des  Verkehrs  sei  groß,  der  Franzose  glaube,
daß  die  Beunruhigung  nach  dem  Krieg  aufhören  werde;  und  da  der  gegenwärtige
  Zustand  ihm  unerträglich  sei,  so  hoffe  er  zu  Ruhe  und  Frieden
und  zur  Geschäftshebung  durch  den  Krieg  zu  kommen.

„Quant  à  moi,“  setzte  er  hinzu,  je  trouve  que  la  guerre  est  un
immense  malheur  qdu’'il  faut  éviter  à  tout  prix,  elle  n'aura  que  des
Conséquences  funestes  et  vous  serez  perdus  les  premiers.  T'unite
allemande  sera  faite.  Vous  avez  donc  tout  intéréèét  à  désirer  la  paix.“

Er  sei  übrigens  überzeugt,  daß  Preußen  den  Krieg  nicht  wolle,
Preußen  könne  nichts  dabei  gewinnen.  Es  habe  keinen  Grund,  die  Entwicklung
  Deutschlands  zu  überstürzen.  Uebrigens,  wenn  er  auch  glaube,
daß  die  Selbständigkeit  der  süddeutschen  Staaten  bedroht  sei,  so  glaube  er
nicht,  daß  jetzt  Gefahr  drohe,  der  gegenwärtige  Zustand  könne  noch  lange
Jahre  fortdauern.

Durch  das  ganze  Gespräch  zog  sich  eine  große  Bewunderung  für
Bismarck  und  großer  Respekt  vor  den  preußischen  Institutionen.  Alles
was  man  von  den  inneren  Schwierigkeiten  der  preußischen  Lage  sage,  sei
dummes  Zeug  und  Uebertreibung.  Er  kennt  die  Schattenseiten  des  preußischen
  Wesens  sehr  genau,  spricht  den  Süddeutschen  mehr  Talent,  mehr
Selbstgefühl  und  größeren  Lebensgenuß  zu,  während  der  Norddeutsche
sich  nie  Ruhe  gönne  und  stets  nach  Gewinn  laufe.  Allein  er  legt  großen
Wert  auf  die  merkwürdige  Disziplin  im  preußischen  Volk,  auf  das  Heerwesen
  und  die  Verwaltung.
        <pb n="330" />
        318  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Schließlich  sprach  er  vom  König.  Er  sagte:  „On  dit  que  votre  roi
est  charmant,  qufil  a  beaucoup  Tiesprit  et  de  talent,  mais  il  est
timide?“  Ich  erwiderte,  daß  ich  deshalb  bedaure,  daß  er  ihn  nicht  kennen
gelernt  habe,  doch  sei  der  König  sehr  leidend  gewesen  und  bedürfe  der
Bewegung  in  der  Gebirgsluft,  was  er  sehr  natürlich  fand.

Bericht  an  den  König.
München,  5.  Juni  1868.

Eure  Königliche  Majestät  erlaubt  sich  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
  alleruntertänigst  um  Gewährung  eines  Urlaubs  vom  12.  Juni
bis  Ende  des  Monats  zu  bitten,  um  sich  nach  den  überaus  anstrengenden
Arbeiten  während  des  vergangenen  Winters  und  während  seines  Aufenthalts
  in  Berlin  etwas  in  der  Gebirgsluft  erholen  zu  können.

Dabei  wagt  er  der  Allerhöchsten  Erwägung  anheimzugeben,  ob
Eure  Königliche  Majestät  geruhen  wollen,  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
  vorher  noch  eine  Audienz  zu  bewilligen,  um  über  seinen  Aufenthalt
  in  Berlin  und  insbesondere  über  sein  Gespräch  mit  dem  Prinzen
Napoleon  mündlich  Bericht  zu  erstatten.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  würde  in  der  Gewährung  dieser
Bitte  zugleich  ein  Mittel  erblicken,  um  den  stets  von  neuem  von  Parteien
und  einzelnen  ehrgeizigen  Individuen  verbreiteten  Gerüchten,  nach  welchen
Eure  Königliche  Majestät  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten  Allerhöchstihr
  Vertrauen  entzogen  hätten,  ein  Ende  zu  machen.

Marginalreskript  des  Königs:

Nachdem  ich  Sie  in  Audienz  empfangen  habe,  gewähre  ich  den  erbetenen
  Urlaub  mit  dem  Wunsche,  daß  derselbe  zur  nötigen  Erholung
und  Stärkung  gereichen  möge.

Schloß  Berg,  13.  Juni  1868.  Z
Ludwig.

Journal.
Aussee,  15.  Juni  1868.

Vor  meiner  Abreise  von  München  hatte  ich  gewünscht,  dem  König  noch
einen  Vortrag  über  meinen  Aufenthalt  in  Berlin  sowie  über  das  Gespräch
mit  dem  Prinzen  Napoleon  zu  halten,  und  bat  deshalb  in  einem  Antrag  um
Audienz.  Der  Sekretär  Lipowsky  antwortete  mir,  daß  der  König  „als  Zeichen
des  allerhöchsten  Vertrauens“  mich  wahrscheinlich  am  Tage  der  Prozession
empfangen  werde.  Während  der  Kirche  erhielt  ich  die  Nachricht,  daß  der
König  mich  unmittelbar  nach  der  Prozession  sehen  wolle.

Ich  fand  den  König  auffallend  liebenswürdig  und  heiter.  Er
        <pb n="331" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  319

erkundigte  sich,  ob  die  Bukette,  die  er  mir  von  Hohenschwangau  gesandt,
richtig  und  gut  angekommen  seien,  worauf  ich  Gelegenheit  nahm,  ihm
nochmals  dafür  zu  danken.  Wir  sprachen  dann  von  meinem  Aufenthalt
in  Berlin,  ich  erzählte,  daß  ich  bessere  Eindrücke  mit  weggenommen  hätte,
als  ich  anfangs  gefürchtet,  daß  man  die  staatliche  Berechtigung  Bayerns
auch  in  der  nationalliberalen  Partei  anerkenne,  daß  man  einsehe,  Bayern
sei  zu  groß,  um  in  ein  Verhältnis  zum  Norddeutschen  Bund  wie  Sachsen
oder  Mecklenburg  zu  treten,  jedenfalls,  sagte  ich,  sei  zurzeit  nichts  von
Preußen  zu  befürchten.  Es  kam  dann  die  Rede  auf  die  ultramontane
Partei,  über  die  sich  der  König  sehr  ungehalten  zeigte.  Ich  hob  hervor,
daß  man  sie  im  Interesse  der  Dynastie  gebrauchen,  sie  aber  stets  sich  vom
Leibe  halten  müsse.  Die  Ultramontanen  hätten  die  Absicht,  Bayern  an
Oesterreich  zu  bringen,  man  könne  ihnen  also  nicht  trauen.  Das  sah  der
König  ein.  Als  ich  bemerkte,  daß  diese  Partei  auf  meinen  Sturz  hinarbeite
  und  ein  neues  Ministerium  schon  fertig  habe,  sagte  er,  daß  die
Ernennung  der  Minister  von  ihm  abhinge.  Ueber  meinen  Toast  am
Tage  des  Verfassungsfestes  äußerte  er  sich  sehr  zufrieden  und  hob  besonders
  die  schwungvolle  Sprache  hervor.  Dann  sprach  er  von  den
Ministern,  sagte,  daß  ich  dieselben  mehr  beherrschen  müsse,  sie  müßten  tun,
was  ich  wolle,  da  ich  Ministerpräsident  sei.  Ich  erwiderte,  daß  dazu  nur
das  Vertrauen  des  Königs  und  der  Beweis  nötig  sei,  daß  ich  das  Vertrauen
  des  Königs  hätte,  dies  geschähe  am  besten,  wenn  er  mich  öfters  persönlich
  sähe  und  mir  direkt  seine  Aufträge  an  den  Ministerrat  erteile.  Auf  den
Besuch  des  Prinzen  Napoleon  übergehend,  meinte  er,  daß  man  ja  die  üble
Laune  des  Kaisers  (wenn  dieselbe  hervorgerufen  sei  dadurch,  daß  er  den
Prinzen  nicht  empfangen  habe)  dadurch  beschwichtigen  könne,  wenn  er
ihm  einen  höflichen  Brief  schreibe.  Ich  bestritt  dies  und  sagte:  „qui
s'excuse,  s'accuse,“  auch  ließe  sich  jetzt  nichts  machen;  wolle  der  König
später  etwas  tun,  um  den  französischen  Hof  zu  gewinnen,  so  könne  dies
durch  einen  kurzen  Besuch  in  Paris  am  besten  geschehen.  Als  ich  ihm
sagte,  daß  der  Prinz  Napoleon  sehr  bedauert  habe,  ihn  nicht  zu  sehen,  da
er  schon  so  viel  von  Seiner  Majestät  gehört  habe,  so  schien  ihn  das  zu
wurmen,  und  er  kam  öfters  darauf  zurück.  Es  war  dann  noch  von  den
„Meistersingern“  die  Rede,  die  am  21.  aufgeführt  werden  sollen,  von
Wagner  und  von  Frau  von  Bülow.  Schließlich  bat  ich  um  Urlaub  auf
vierzehn  Tage.

Abends  kam  Gustav  Castell  zu  mir  ins  Theater.  Er  erzählte,  daß
ihm  Holnstein  gesagt  habe,  ich  stünde  jetzt  wieder  fest  beim  König,  nachdem
  ich  vor  einigen  Wochen  gewankt  hätte.  Holnstein  habe  erzeählt,
Lipowsky  habe  mit  Platen  unterhandelt,  der  mich  ersetzen  solle.  Dies
muß  aber  ein  Mißverständnis  sein.  Ich  glaube  eher,  daß  man  mit  Windt-
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        320  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

horst  unterhandelt  hat.  Jedenfalls  hat  aber  Lipowsky  gegen  mich  intrigiert.
  Ich  beauftragte  daher  vor  meiner  Abreise  am  andern  Morgen
Völderndorff,  sich  nach  jemand  umzusehen,  der  Lipowsky  ersetzen  könne,
zugleich  auch  herauszubringen,  ob  diese  Unterhandlungen  über  meinen
Nachfolger  wirklich  stattgefunden  hätten  oder  nicht,  damit  ich  nach  meiner
Rückkehr  auf  seine  Entfernung  hinarbeiten  kann.

In  dem  Protokoll  vom  7.  Dezember  1867  1)  war  als  ein  militärisches
Bedürfnis  die  Bildung  eines  Organs  bezeichnet  worden,  welches  „unter
stetem  Hinblick  auf  das  Verteidigungssystem  Deutschlands  überhaupt  die
näheren  Anhaltspunkte  für  die  einzelnen  Plätze  und  Positionen“  regeln
sollte.  Die  Lösung  dieser  Aufgabe  sollte  nach  der  ursprünglichen  Absicht
mit  der  Fortsetzung  der  Verhandlungen  über  die  Regelung  der  unter  den
deutschen  Staaten  bestehenden  Eigentumsgemeinschaft  durch  die  hierfür  eingesetzte
  Kommission?)  verbunden  werden.  Am  9.  April  1868  regte  die
bayrische  Regierung  die  Wiederaufnahme  der  am  31.  Juli  1867  vertagten
Arbeiten  der  Liquidationskommission  an  und  schlug  vor,  den  süddeutschen
Kommissaren  zugleich  die  Beratung  über  die  Einrichtung  einer  süddeutschen
Militärkommission  zu  übertragen.  Baden  stimmte  diesem  Vorschlage  im
allgemeinen  zu  unter  der  Voraussetzung,  daß  die  zu  ernennenden  Kommissare
  über  die  Zusammensetzung  und  Kompetenz  der  zu  bildenden  ständigen
Kommission  in  freie  Beratungen  eintreten  sollten.  Nachdem  aber  die  Verhandlungen
  zwischen  Bayern  und  Württemberg  über  Ulm  in  Berlin  zu
einem  Vertrage  geführt  hatten,  :)  in  welchem  die  süddeutsche  Militärkommission
  vorausgesetzt  wurde,  mußte  zur  Ausführung  dieses  Vertrags  die
baldige  Lösung  der  in  dem  Protokoll  vom  7.  Dezember  1867  gestellten
Aufgabe  erwünscht  sein.  Außerdem  wünschte  Bayern  jetzt,  daß  diese  Kommission
  ins  Leben  treten  möge,  ehe  die  Liquidationskommission  ihre  Arbeiten
wieder  aufnähme.  Man  wollte  dadurch  dem  Bestreben  der  badischen  Regierung,
  welches  auf  eine  Vertretung  des  Norddeutschen  Bundes  in  der  zu
bildenden  Kommission  gerichtet  war,  rechtzeitig  begegnen.  Deshalb  legte
der  bayrische  Gesandte  in  Karlsruhe  dem  dortigen  Ministerium  am  3.  Juli
1868  den  Entwurf  „der  allgemeinen  Grundlagen  für  Organisation  einer  süddeutschen
  Militärkommission“  vor,  welche  am  15.  Juli  in  München  ins  Leben
treten  sollte.  Der  Entwurf  sah  eine  sehr  weitgehende  Kompetenz  der  Kommission
  vor.  Die  Festungsbehörden  sollten  ihr  „unterstellt  und  eidlich  verpflichtet
  werden“  und  „alle  Weisungen  unmittelbar  durch  sie  empfangen“.
Die  badische  Regierung  fand  diese  Aufforderung,  insbesondere  wegen  der

 

1)  Siehe  Seite  288.
2)  Siehe  Seite  200.
3)  Siehe  Seite  310.
        <pb n="333" />
        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  321

Kürze  der  Frist  „überraschend  und  verletzend“  und  lehnte  am  6.  Juli  die
Einladung  ab.

Bericht  an  den  König.
Münnchen,  10.  Juli  1868.

Nachdem  mündliche  Mitteilungen  des  großherzoglich  badischen  Gesandten
zu  der  Befürchtung  Veranlassung  geben,  daß  die  von  dem  treugehorsamst
Unterzeichneten  gemeinschaftlich  mit  dem  Kriegsminister  in  Anregung  gebrachte
süddeutsche  Militärkommission  in  Karlsruhe  auf  Bedenken  stoßen  wird  und
diese  vielleicht  durch  mündliche  Besprechung  mit  dem  Großherzoge  selbst
gehoben  werden  können,  erlaubt  sich  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  um
die  Allerhöchste  Ermächtigung  zu  bitten,  sich  unter  dem  Vorwand  von  Privatangelegenheiten
  nach  Baden-Baden  begeben  zu  dürfen,  um  dort  zu  versuchen,
die  Bedenken  des  Großherzogs  zu  beseitigen  und  seine  Zustimmung  zu  den
betreffenden  Vorschlägen  zu  erlangen.

Zugleich  erlaubt  sich  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  ehrfurchtsvollst
um  die  weitere  Allerhöchste  Ermächtigung  zu  bitten,  sich  bei  dieser  Gelegenheit
in  Stuttgart  aufzuhalten,  um  mündlich  die  Ratifikation  des  Ulmer  Vertrags
bei  Freiherrn  von  Varnbüler  zu  betreiben.

Journal.
Baden,  14.  Juli  1868.

Am  13.  früh  kam  ich  in  Stuttgart  an,  wo  ich  ein  Telegramm  Varnbülers
  fand,  der  mir  seine  Rückkehr  von  seinem  Landsitz  auf  10  Uhr  in
Aussicht  stellte.  Schon  um  9  Uhr  schickte  er  aber,  um  zu  fragen,  ob  er
mich  besuchen  könne,  worauf  ich  mich  zu  ihm  begab.

Er  empfing  mich  mit  der  Bemerkung,  daß  er  soeben  die  Ratifikation
des  Königs  empfangen,  deshalb  das  Protokoll  aufzusetzen  angeordnet  habe
und  bereit  sei,  die  Unterzeichnung  desselben  und  den  Austausch  sogleich  vorzunehmen.
  Er  hob  dann  hervor,  welche  Konzessionen  Württemberg  gemacht
habe.  1)  Durch  die  Uebertragung  der  Vizegouverneurstelle  an  Bayern,  resp.
durch  das  Wegfallen  des  württembergischen  Vizegouverneurs  sei  die  zweite
Stadt  des  Königreichs  beim  Verhinderungsfalle  des  Gouverneurs  in  die
Hände  Bayerns  gegeben;  ebenso  sei  auch  der  Geniedirektor  ein  großes
Opfer,  und  er  habe  dies  alles  nur  sehr  schwer  durchsetzen  können.  Auch
werde  ihm  dies  große  Schwierigkeiten  in  der  Kammer  machen,  denen  er
nur  dann  mit  Erfolg  entgegentreten  könne,  wenn  wir  ihm  anderseits  in
der  Frage  der  Verkehrsverhältnisse  entgegenkämen.  Hier  habe  er  sich  schon
mit  Herrn  von  Schlör  verständigt,  und  er  bäte,  daß  ich  die  Absichten  des

 

1)  Bayern  wurde  durch  den  Ulmer  Vertrag  das  Recht  eingeräumt,  den  Vizegouverneur
  und  den  Geniedirektor  zu  ernennen.
Fürst  Hohenlohe  Denkwürdigkeiten.  I  21
        <pb n="334" />
        322  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Herrn  von  Schlör  unterstützen  möchte.  Als  seine  Wünsche  bezeichnete  er
die  Abkürzung  des  Termins,  innerhalb  dessen  von  Heidenheim  nach  Ulm
nicht  gebaut  werden  könne,  die  Frage  des  Anschlusses  südlich  von  Ulm
und  die  beschleunigte  Ausführung  der  Bahn  von  Ansbach  nach  Crailsheim.
Er  wünscht,  daß  diese  Punkte  in  einem  Staatsvertrag  zusammengefaßt
werden  möchten.  Ich  erwiderte  ihm,  daß  ich  mit  Schlör,  der  in  Urlaub
sei,  darüber  noch  nicht  gesprochen  habe,  versprach  aber  mein  möglichstes
zu  tun,  seinen  Wünschen  entgegenzukommen.  Was  die  Militärkommission
betrifft,  so  ist  er  von  deren  Notwendigkeit  überzeugt.  An  den  Punkten,
die  in  München  aufgesetzt  wurden,  hat  er  nur  zu  erinnern:  1.  die  Eisenbahnen,
  deren  Erwähnung  in  dieser  Allgemeinheit  er  nicht  zugeben  will,
da  die  Militärs  vom  Eisenbahnwesen  nichts  verstünden,  er  könne  deren
Leitung  nicht  aus  der  Hand  geben,  sondern  höchstens  das  Gutachten  über
die  Anlage  derselben  vom  strategischen  Standpunkt  aus  gewähren,  sowie
2.  die  Frage  wegen  des  Vorsitzes.  Wenn  die  Kommission  in  München
zusammentrete,  so  sei  der  gleichzeitige  bayrische  Vorsitz  zuviel.  Wäre  sie
irgendwo  sonst,  so  habe  er  gegen  den  bayrischen  Vorsitz  nichts  zu  erinnern.
Er  habe  vom  preußischen  Gesandten  erfahren,  daß  man  es  in  Baden  übelgenommen
  habe,  daß  wir  in  Berlin  die  Besprechung  gehalten  und  das
Protokoll  vom  23.  Mai  unterzeichnet  hätten,  die  Majorisierung  geniere
Baden  und  erhebe  man  überhaupt  dort  Schwierigkeiten.  Es  werde  mir
wohl  nicht  schwer  fallen,  das  Mißverständnis  beim  Großherzog  aufzuklären.


Er  sei  bereit,  zu  einer  Beratung  jemand  abzuschicken,  rate  aber,  die
Liquidationskommission  noch  hinauszuschieben,  um  vorher  noch  Zeit  zu  einer
Beratung  der  süddeutschen  Staaten  und  zum  Zustandebringen  der  Festungskommission
  (wie  er  sie  zu  nennen  rate)  zu  gewinnen.

Wenn  die  Liquidationskommission  auf  den  10.  oder  20.  September
vertagt  werde,  so  könne  man  die  Vorberatung  im  Lauf  des  August  vornehmen.
  Am  1.  September  sei  ohnedies  alles  noch  auf  Reisen.

Er  sprach  dann  noch  über  die  Wahlen,  die  so  schlecht  ausgefallen  seien,
weil  die  Ultramontanen,  auf  deren  Unterstützung  die  Regierung  gerechnet
habe,  im  letzten  Augenblick  umgeschlagen  hätten,  und  zwar  infolge  direkter
Weisung  aus  Rom!

Dann  kam  er  noch  auf  Degenfeld!1)  zu  sprechen,  den  er  abberufen
will,  sobald  er  es  tun  kann,  nämlich  sobald  die  ritterschaftlichen  Wahlen
vorüber  seien,  in  welcher  Klasse  Degenfeld  Freunde  habe,  und  dann  werde
er  entweder  Linden  oder  Soden  schicken.  Wäre  es  ihm  nicht  möglich,
Linden  zu  ernennen,  so  möchte  ich  ihm  aus  der  Verlegenheit  helfen,  indem

 

1)  Württembergischer  Gesandter  in  München.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  323

ich  ihm  einen  Brief  zugunsten  Sodens  schriebe.  Er  werde  mir  darüber
Nachricht  geben.

Nachdem  diese  Besprechung  zu  Ende  war,  wurde  das  Protokoll  unterzeichnet.
  Der  Austausch  der  Urkunden  wird  durch  Gasser  erfolgen,  der
noch  im  Bett  lag.

Um  2  Uhr  fuhr  ich  nach  Baden.  Dort  empfing  mich  ein  Brief  des
großherzoglichen  Adjutanten  mit  der  Bitte,  um  8  Uhr  Abends  zum  Großherzog
  zu  kommen.  Ich  fand  den  Großherzog  wieder  ganz  hergestellt;
begann  meine  Ansprache  sofort  mit  der  Darlegung  der  Verhältnisse  und
der  Aufklärung  des  Mißverständnisses,  darauf  hinweisend,  daß  eine  Abmachung
  mit  Württemberg  nicht  stattgefunden  habe  und  die  Besprechung
über  die  Militär=  resp.  Festungskommission  sich  nur  an  die  Ulmer  Beratungen
  angeknüpft  habe,  legte  ausführlich  die  Notwendigkeit  einer  Verständigung
  der  süddeutschen  Staaten  über  die  Festungsfrage  dar,  betonte,
daß,  gerade  bei  den  in  Baden  und  Württemberg  herrschenden  Befürchtungen
vor  einer  Herauszahlung,  eine  vorher  feststehende  Abmachung  und  die
Bildung  eines  Verwaltungsorgans  nützlich  sein  werde  und  bat  um  Zustimmung.
  Ich  erklärte,  daß  eine  Teilnahme  Preußens  an  der  Kommission
von  Bayern  und  Württemberg  nicht  zugegeben  werden  könne  und  daß  ich
befürchte,  wenn  nichts  ausgemacht  sei,  werde  die  Liquidationsverhandlung
zu  gegenseitiger  größerer  Verstimmung  dieser  Staaten  gegenüber  von  Norddeutschland
  führen.  Ich  hob  endlich  hervor,  daß  gerade  die  Angriffe,
welche  gegen  den  Gedanken  der  süddeutschen  Militärkommission  seitens  der
ultramontanen  Presse  erhoben  würden,  beweisen,  daß  dieselbe  nicht  zur  Auflösung
  der  Allianzverträge  führen  werde,  mithin  auch  Baden  dadurch  nicht
auf  eine  seiner  bisherigen  Politik  entgegengesetzte  Bahn  gedrängt  werden  solle.

Der  Großherzog  antwortete  sehr  eingehend.  Er  legte  seine  Politik  dar,
die  durchaus  nicht  darauf  ausgehe,  seine  Souveränität  preiszugeben,  sondern
deren  Grundgedanke  nur  der  sei,  daß  sich  die  kleineren  Staaten  Deutschlands
  vor  unbegründetem  Souveränitätsschwindel  zu  hüten  hätten  und
sich  über  ihre  Machtstellung  keine  Illusionen  machen  sollten.  Durch  das
Festhalten  an  den  Allianzverträgen,  durch  Anlehnung  an  Preußen  werde
ihre  Existenz  gesichert.  Er  strebe  nicht  nach  dem  Eintritt  in  den  Norddeutschen
  Bund,  allein  das  Militärwesen  müsse  möglichst  mit  dem  preußischen
auf  gleichen  Fuß  gebracht  werden.  Die  Militärkommission,  wie  wir  sie
im  Auge  hätten,  bilde  eine  Macht  der  süddeutschen  Staaten,  die  gegen
Preußen  angewendet  werden  könne,  wenn  ein  Umschlag  stattfinde  und  die
ultramontan-demokratischen  Elemente  hier  zur  Herrschaft  kämen.  Er  wolle
Ausbildung  des  Allianzvertrags  auf  Grundlage  des  Prager  Friedens,  und
diese  werde  durch  eine  Militärkommission  für  ganz  Deutschland,  gemeinschaftliche
  Verwaltung  sämtlicher,  nicht  bloß  der  süddeutschen  Bundes-
        <pb n="336" />
        324  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

festungen  am  besten  erreicht.  Dies  werde  am  leichtesten  bei  Gelegenheit
der  Liquidationsverhandlungen  bewerkstelligt  werden  können.  Ich  erwiderte
darauf,  daß  eine  Herrschaft  der  ultramontan-demokratischen  Elemente  noch
in  weitem  Felde  stehe,  trete  diese  ein,  so  werde  damit  gleichzeitig  ein  solcher
Umschwung  stattfinden,  daß  man  dann  keine  Militärkommission  brauche,
sondern  dann  würden  die  Allianzverträge  gekündigt.  Auf  die  Kommission
komme  es  also  dann  nicht  mehr  an.  Was  den  Prager  Frieden  betreffe,
so  setze  dieser  ja  gerade  die  Vereinigung  der  süddeutschen  Staaten  voraus.
Unser  Vorschlag  sei  also  viel  mehr  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Prager
Frieden  als  der  Gedanke  des  Großherzogs.  Wolle  der  Großherzog  bei
Beratung  über  die  Militärkommission  Vorschläge  machen,  die  auf  eine
Verbindung  der  süddeutschen  Militärkommission  mit  der  Militärgewalt  des
Nordens  Bezug  hätten,  so  stehe  das  ihm  immer  frei.  Wir  wollten  auch
keine  Trennung,  wir  wollten  für  den  Kriegsfall  die  gemeinsame  Aktion,
aber  keine  Teilnahme  eines  preußischen  Kommissars  an  den  Beratungen
der  Kommission.  Das  könnten  und  dürften  wir  nicht  zugeben.  Unfre
Stellung  sei  eine  andre  als  die  Badens,  und  diese  müßten  wir  zu  erhalten
suchen.  Auch  sähe  ich  dies  gegenüber  dem  König  als  eine  Ehrensache  an.
Er,  der  Großherzog,  könne  als  Souverän  eine  nationale  Politik  befolgen
und  so  weit  gehen,  als  er  wolle,  ich  als  bayrischer  Minister  könne  nicht
dem  König  raten,  auf  seine  Selbständigkeit  zu  verzichten.  Ich  bat  deshalb,
wenigstens  die  Beratung  nicht  zurückzuweisen.  Damit  erklärte  sich  der  Großherzog
  einverstanden  und  meinte,  die  Kriegsminister  könnten  ja  zusammentreten,
  um  die  Frage  der  Militärkommission  sowie  die  Grundlagen,  von
welchen  bei  der  Liquidationsverhandlung  auszugehen  sei,  zu  besprechen.
Mit  der  Verschiebung  des  Termins  zur  Eröffnung  der  Liquidationsverhandlungen
  war  er  einverstanden,  um  so  mehr,  als  er  Wert  darauf  legt,
daß  General  Beyer,  der  noch  nicht  wieder  hier  ist,  gehört  werde.

Ich  bat  um  die  Erlaubnis,  mit  Freydorf  das  Nähere  besprechen  zu
dürfen,  was  er  auch  zugestand.

14.  Juli,  Abends.

Herr  von  Freydorf  kam  heute  Abend  von  Karlsruhe  zu  mir.  Ich
wiederholte  in  betreff  der  Mißverständnisse  das,  was  ich  schon  dem  Großherzog
  gesagt  hatte,  und  empfahl  ihm  die  Angelegenheit  der  Militärkommission.
Herr  von  Freydorf  hatte  (wie  mir  Riederer  1)  später  bestätigte)  eigentlich  die
Absicht,  sich  auf  nichts  einzulassen.  Ihm  scheint  es  im  Interesse  seiner
Stellung  zur  liberalen  Partei  des  Landes  bedenklich,  sich  einem  Schritt  anzuschließen,
  der  ihm  von  der  nationalliberalen  Partei  als  ein  Abweichen
von  seinen  preußischen  Tendenzen  ausgelegt  werden  könnte,  er  gesteht  dies

 

1)  Freiherr  von  Riederer,  bayrischer  Gesandter  in  Karlsruhe.
        <pb n="337" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  32

S□#

sogar  offen  zu.  Er  drang  also  sofort  darauf,  daß  wir  den  ursprünglichen  Plan
festhalten  und  die  Frage  der  Festungskommission  während  der  Liquidationsverhandlung
  beraten  möchten,  wo  sich  dann  der  heilsame  Einfluß  preußischen
Rates  geltend  machen  werde.  Das  Abkommen,  welches  im  Oktober  1866
vorgeschlagen  worden  war,  schwebte  ihm  dabei  als  maßgebend  vor.
Dagegen  erwiderte  ich  sofort,  daß  die  Zeiten  sich  geändert  hätten,  was
damals  möglich  gewesen,  sei  jetzt  nicht  mehr  durchzuführen,  und  bayrischeroder
  württembergischerseits  werde  auf  eine  Teilnahme  Preußens  an  der
Verwaltung  der  süddeutschen  Festungen  nicht  eingegangen  werden.  Auch
an  einzelnen  Bestimmungen  der  zwischen  dem  bayrischen  Kriegsminister  und
Suckow  festgesetzten  Punkte  hatte  er  manches  auszusetzen,  behauptete  nicht
zu  verstehen,  wie  die  Kommission  gegen  den  Willen  der  Regierungen  Geld
durch  Majorisierung  bewilligen  könne,  wiederholte  den  Einwurf,  der  schon
durch  Riederer  berichtet  wurde,  daß  die  Kommission  einen  Verzicht  auf
einzelne  Souveränitätsrechte  seitens  der  süddeutschen  Staaten  voraussetze,
und  gebärdete  sich  ganz  unzugänglich  und  ängstlich  wie  immer,  wenn  es
sich  davon  handelt,  etwas  zu  tun,  was  in  Berlin  Anstoß  erregen  könnte.
Ich  beruhigte  ihn,  indem  ich  ihm  die  Stelle  aus  Perglas'  Bericht  vorlas,
  wonach  der  König  von  Preußen  seine  Zufriedenheit  mit  dem  Gedanken
der  süddeutschen  Militärkommission  ausgesprochen  habe,  widerlegte  die
Einwürfe  bezüglich  der  einzelnen  Punkte  des  Vorschlags  und  legte  ihm
dar,  daß  wir  an  eine  feindliche  Stellung  Preußen  gegenüber  nicht  dächten,
sondern  die  Verbindung  zwischen  der  Militärkommission  und  dem  preußischen
Kriegsministerium,  wenn  auch  auf  diplomatischem  Wege,  aufrechtzuerhalten
willens  seien.  Er  solle  nicht  das  Unmögliche  anstreben,  sondern  das  Gute,
was  in  der  Kommission  liege,  annehmen.  Nun  kam  er  auf  die  formellen
Schwierigkeiten,  sagte,  daß  der  Großherzog  abreise,  daß  der  Kriegsminister
noch  nicht  da  sei,  daß  sie  sich  noch  nicht  schlüssig  machen  könnten  u.  s.  w.
Um  nun  doch  zu  einem  Resultat  zu  kommen  und  die  badische  Regierung
aus  ihrer  negativen  Haltung  herauszubringen  und  wenigstens  ihre  Anwesenheit
  bei  der  Vorberatung  zu  erwirken,  schlug  ich  vor,  er  möge  das
wenigstens  zugeben,  daß  eine  Vorberatung  über  die  bei  der  Liquidationskommission
  einzunehmende  Haltung  unter  den  süddeutschen  Staaten  resp.
deren  Vertretern  stattfinde  und,  um  die  Teilnahme  daran  für  Baden  zu
ermöglichen,  proponierte  ich  den  Zusammentritt  dieser  Vorberatungskommission
  in  München  am  20.  August.  Sei  es  nötig,  so  könne  man  den
Beginn  der  Liquidationskommission  etwa  bis  zum  10.  September  vertagen.
Das  gab  er  endlich  zu,  um  so  mehr,  als  ich  ihn  versicherte,  daß  der  Großherzog
  damit  einverstanden  sei.  Wir  kamen  nun  dahin  überein,  daß,  ganz
abgesehen  von  der  bisherigen  Korrespondenz,  unter  Hinweisung  auf  unfre
mündliche  Beratung  seitens  Bayerns  der  Vorschlag  gemacht  werden  solle,
        <pb n="338" />
        326  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

eine  Beratung  der  zur  Liquidationskommission  abzuordnenden  Mitglieder
oder  auch  der  Kriegsminister  (oder  wenigstens  des  badischen  Kriegsministers,
worauf  der  Großherzog  Wert  zu  legen  scheint)  in  München  am  20.  August
zusammentreten  soll,  wo  1.  über  die  Grundsätze,  von  welchen  die  süddeutschen
  Regierungen  bei  der  Liquidationsverhandlung  ausgehen  wollen,
Verständigung  herbeigeführt  werden  solle,  und  wo  2.  auch  von  seite  Bayerns
und  Württembergs  der  Vorschlag  einer  ständigen  Festungs=  resp.  Militärkommission
  in  Beratung  gezogen  werden  soll.  Zwar  behauptete  Freydorf,
das  werde  zu  keinem  Resultat  führen,  da  man  ja  noch  nicht  wisse,  ob
die  Liquidationsverhandlungen  dazu  führen  werden,  das  Objekt  für  diese
Kommission  frei  zu  machen;  allein  er  hatte  gegen  die  Beratung  nichts  einzuwenden
  und  will  die  Sache  dem  Großherzog  und  dem  Ministerrat  vorlegen.
  Wir  haben  also  nicht  abzuwarten,  was  sie  uns  hier  antworten,
sondern  sofort  die  nötigen  Einleitungen  zu  treffen.  Bis  dahin  können  dann
auch  die  Vorarbeiten  für  die  Liquidationskommission  schon  so  weit  sein,  daß
das  nötige  Material  vorbereitet  ist.
15.  Juli.

Heute  Morgen  war  ich  bei  dem  preußischen  Gesandten  Grafen  Flemming.
Ich  nahm  keinen  Anstand,  ihm  mitzuteilen,  was  ich  mit  Freydorf  abgemacht
habe.  Er  fragte  nach  dem  Grund,  warum  wir  den  ursprünglichen  Gedanken,
die  Beratung  über  die  Militärkommission  bei  Gelegenheit  der  Liquidationskommission
  vorzunehmen,  wieder  aufgegeben  hätten.  Ich  sagte  ihm,  daß
eine  Militärkommission,  die  aus  der  Liquidationskommission  hervorgehe,
in  welcher  preußische  Kommissare  sitzen,  jedenfalls  in  Süddeutschland  mit
Mißtrauen  betrachtet  werden  würde,  daß  ich  das  Zustandekommen  einer
solchen  Kommission  im  allgemeinen  Interesse  für  notwendig  hielte  und  daß
wir  die  Teilnahme  eines  preußischen  Kommissars  oder  Bevollmächtigten  an
den  Beratungen  nicht  zugeben  würden.  Der  Vorschlag  der  gemeinschaftlichen
Verwaltung  der  früheren  deutschen  Bundesfestungen,  wie  er  im  Oktober
1866  gemacht  worden  sei,  wäre  jetzt  unmöglich.  Auch  widerlegte  ich  die
Befürchtungen,  die  von  seiten  Freydorfs  im  preußischen  Interesse  gegen  die
süddeutsche  Militärkommission  gemacht  worden  waren,  indem  ich  auf  den
oft  ausgesprochenen  Willen  der  süddeutschen  Regierungen  hinwies,  an  den
Allianzverträgen  festzuhalten.

Graf  Flemming  bat  mich,  ihm  diese  Punkte  genau  zu  diktieren,  um
darüber  seinem  König  Bericht  erstatten  zu  können,  worauf  ich  um  so  lieber
einging,  als  ich  dadurch  Gelegenheit  hatte,  die  Angelegenheit  in  einer  Weise
dem  König  gegenüber  dargelegt  zu  sehen,  wie  sie  unsern  Intentionen  am
meisten  entspricht.

Graf  Flemming,  auf  dessen  Rat  der  Großherzog  viel  Gewicht  legt,
erklärte  sich  mit  der  Beschickung  der  Beratung  am  20.  August  einverstanden,
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  327

was  zu  der  Hoffnung  Anlaß  gibt,  daß  die  badische  Regierung  sich  bei
der  fraglichen  Beratung  vertreten  lassen  wird.
Am  16.  Juli  früh  reiste  ich  wieder  von  Baden  ab.

Bericht  an  den  König.
München,  22.  Juli  1868.

Wenn  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  wagt,  Eurer  Königlichen
Majestät  seine  Ansicht  in  einer  Angelegenheit  darzulegen,  die  zu  denen
gehört,  welche  dem  Allerhöchsteignen  Ermessen  vorbehalten  zu  werden
pflegen,  so  darf  er  vielleicht  auf  Nachsicht  rechnen,  wenn  Eure  Königliche
Majestät  allergnädigst  in  Erwägung  ziehen  wollen,  daß  es  Entschlüsse  im
Privatleben  Eurer  Königlichen  Majestät  gibt,  die  von  wesentlichem  Einflusse
  auf  die  Interessen  des  Staats  im  allgemeinen  sind.

Eure  Königliche  Majestät  haben  den  treugehorsamst  Unterzeichneten
mit  der  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  mit  der  Sorge  für  die
Erhaltung  der  Monarchie  und  der  Rechte  Eurer  Königlichen  Majestät
betraut.  Alles,  was  sonach  auf  das  Wohl  des  Staats,  auf  dessen  Selbständigkeit
  und  Machtstellung  Einfluß  haben  kann,  muß  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  zum  Gegenstand  seiner  steten  Aufmerksamkeit  machen.

Hierzu  gehören  vor  allem  die  Beziehungen  Eurer  Königlichen  Majestät
zu  fremden  Souveränen.

Eure  Königliche  Majestät  kennen  die  bedenkliche  Lage,  in  welcher  sich
die  Mittelstaaten  Deutschlands  und  insbesondere  Bayern  seit  dem  Kriege
von  1866  befinden.  Mit  der  Auflösung  des  Deutschen  Bundes  ist  Bayern
in  eine  Lage  versetzt,  die  große  Vorsicht  und  Klugheit  erheischt,  wenn  das
Königreich  bei  eintretenden  größeren  Erschütterungen  seine  Selbständigkeit
erhalten  soll.  Kann  nun  auch  das  Königreich  in  der  gegenwärtigen  Lage
keine  Bündnisse  mit  fremden  Mächten  eingehen,  so  liegt  doch  in  den  freundschaftlichen
  Beziehungen  Eurer  Königlichen  Majestät  zu  fremden  Souveränen,
insbesondere  zu  solchen,  deren  Stimmen  im  Rate  der  europäischen  Mächte
gehört  und  beachtet  werden,  eine  nicht  zu  unterschätzende  Garantie.  Zu
solchen  Mächten  gehört  ohne  Zweifel  Rußland.  Die  persönlichen  Beziehungen
  Eurer  Königlichen  Majestät  zu  dem  russischen  Hofe  sind  zurzeit
  die  besten  und  freundschaftlichsten.  Der  treugehorsamst  Unterzeichnete
hat  dies  im  Interesse  Eurer  Königlichen  Majestät  stets  mit  Freude  und
Beruhigung  wahrgenommen.  Er  kann  deshalb  nur  wünschen,  daß  dieses
Verhältnis  ungestört  erhalten  bleiben  möchte.  Hierzu  bietet  wohl  die
Anwesenheit  der  kaiserlichen  Familie  in  Kissingen  den  erwünschten  Anlaß.
Eure  Königliche  Majestät  haben  dies  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
gegenüber  anzuerkennen  und  Allerhöchstihre  Absicht,  dem  Kaiser  und  der
Kaiserin  von  Rußland  dort  einen  Besuch  zu  machen,  auszusprechen  geruht.
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        328  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  würde  also  nicht  wagen,  nochmals  auf
diesen  Gegenstand  zurückzukommen,  wenn  er  nicht  Grund  hätte  zu  befürchten,
  daß  Eurer  Königlichen  Majestät  von  andrer  Seite  entgegengesetzter
  Rat  gegeben  und  die  Ansicht  ausgesprochen  werden  könnte,  es
sei  ein  solcher  Besuch  nicht  nötig  oder  ohne  jede  politische  Bedeutung.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt  im  Gegenteil,  daß  die  Unterlassung
  dieses  Besuchs  ohne  allen  Zweifel  vom  keaiserlich  russischen  Hofe
nicht  nur  als  ein  Zeichen  der  Gleichgültigkeit,  sondern  als  eine  direkte
Beleidigung  angesehen  werden  würde.  Träte  infolgedessen  in  der  kaiserlichen
  Familie  eine  Verstimmung  ein,  so  würden  bei  kommenden  Ereignissen,
in  welchen  Eurer  Königlichen  Majestät  der  Schutz  oder  die  Fürsprache
des  russischen  Hofs  erwünscht  sein  könnte,  Allerhöchstdieselben  statt  des
Schutzes  und  der  Fürsprache  entschiedener  Feindseligkeit  begegnen.  Nach
der  Ansicht  des  treugehorsamst  Unterzeichneten  hat  also  ein  wenn  auch
kurzer  Besuch  in  Kissingen,  etwa  nur  mit  kleinem  Gefolge,  vielleicht  bei
Gelegenheit  des  Geburtsfests  der  Kaiserin,  eine  sehr  große  und  weitgreifende
Bedeutung.  Um  nicht  dem  Verdachte  Raum  zu  geben,  der  treugehorsamst
Unterzeichnete  teile  die  Ansicht  jener,  welche  dem  Besuche  Eurer  Königlichen
Mojestät  in  Kissingen  eine  geringe  Bedeutung  beilegen,  hält  sich  der  treugehorsamst
  Unterzeichnete  verpflichtet,  Eurer  Königlichen  Majestät  seine
ehrfurchtsvollste  Ansicht  auszusprechen  und  in  dem  Bewußtsein  treuester
Anhänglichkeit  an  Eure  Königliche  Majestät  dringend  zu  raten,  Allerhöchstdieselben
  wollen  geruhen,  der  kaiserlich  russischen  Familie  in  Kissingen  einen
Besuch  abzustatten.

König  Ludwig  begab  sich  am  2.  August  in  Begleitung  des  Prinzen
Otto  nach  Kissingen  und  verblieb  daselbst  in  lebhaftem  Verkehr  mit  dem
russischen  Kaiserpaare  bis  zum  10.  August.

Am  13.  August  ging  Fürst  Hohenlohe  nach  Kissingen.

Journal.
Starnberg,  28.  September  1868.

Durch  den  königlichen  Befehl  war  ich  veranlaßt,  mich  hierher  zu  begeben,
  um  als  Minister  des  Hauses  der  Vermählung  der  Herzogin  Sophie
mit  dem  Duc  d'Alengon,  Sohn  des  Herzogs  von  Nemours,  anzuwohnen.
Zu  Trauungszeugen  waren  der  Prinz  Adalbert  und  Minister  Pfretzschner
bestimmt.  Da  letzterer  vorzog,  in  Starnberg  zu  übernachten,  so  entschloß
  ich  mich,  schon  gestern  Nachmittag  ½3  Uhr  hierherzufahren.  Wir
kamen  um  4  Uhr  an,  nahmen  Besitz  von  unsern  Zimmern  im  Gasthof
„am  See“  und  gingen  dann  spazieren,  um  5  Uhr  aßen  wir  zu  Mittag
und  gingen  dann  wieder  Abends  an  das  Seeufer  in  der  Hoffnung,  etwas
von  den  Beleuchtungen  zu  sehen,  die  angeblich  zu  Ehren  der  in  Berg
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  329

weilenden  Kaiserin  von  Rußland  stattfinden  sollten.  Es  wurde  aber  9  Uhr,
und  da  nichts  kam,  so  zogen  wir  vor,  uns  nicht  weiter  zu  langweilen,  und
legten  uns  bald  zu  Bett.  Das  Feuerwerk  und  die  Beleuchtung  soll  sehr
schön  gewesen  sein,  war  aber  von  hier  aus  wenig  zu  sehen.  Es  war
Sonntag,  und  so  hatte  sich  ein  zahlreiches  biertrinkendes  Publikum  vor
unsern  Fenstern  etabliert,  das  schauderhaft  lärmte  und  johlte.  Mitunter
sangen  sie  „volkstümliche  Weisen“,  die  aber  sofort  in  bestialisches  Schreien
ausarteten.  Ich  schlief  aber  doch  bald  ein,  um  so  mehr,  als  ein  heilsamer
Regenguß  die  Bande  vertrieb.  Heute  Morgen  ging  ich  auf  den  Bahnhof,
um  die  Kaiserin  von  Rußland  abreisen  zu  sehen.  Auch  Tauffkirchen  )
war  da,  um  sich  der  Kaiserin  zu  präsentieren.  Der  König  begleitete  die
Kaiserin  und  fuhr  auch  mit  ihr  auf  der  Eisenbahn  gegen  München  mit,
ich  weiß  nicht  bis  wohin.

Um  10  Uhr  fuhren  wir  in  meinem  Wagen,  den  ich  gestern  hatte
hierherkommen  lassen,  nach  Possenhofen.  Es  war  noch  nicht  11  Uhr,
weshalb  wir  noch  in  unfre  Zimmer  geführt  wurden.  In  dem  meinigen
roch  es  sehr  schlecht.  Bald  kam  die  Zeit  der  Trauung,  die  in  einem  Saal
des  Schlosses,  der  zur  Kapelle  umgewandelt  war,  stattfand.  Die  Hochzeitsgäste
  versammelten  sich  in  dem  anstoßenden  Salon,  wo  ein  Klavier  den
engen  Raum  noch  mehr  beschränkte.  Pfretzschner  und  ich  beeilten  uns,
uns  allen  hohen  Herrschaften  vorstellen  zu  lassen.  Außer  der  Familie  des
Herzogs  Max  waren  da  Prinz  Adalbert  und  Prinz  Karl.  Letzterer  begrüßte
  mich  nur  von  weitem  mit  einem  Gesicht,  wie  man  einen  Skorpion
anzusehen  pflegt.  Dann  Graf  und  Gräfin  Trani.  Die  Erbprinzessin
Taxis  trug  ein  violettes  oder  veilchenfarbenes  Gewand  mit  weißem  Besatz.
Ferner  waren  da  der  Graf  von  Paris  und  sein  Bruder  Duc  de  Chartres,
zwei  junge  wohlgebildete  Prinzen,  die  aber  eher  den  Eindruck  preußischer
als  französischer  Prinzen  machen.  Der  Duc  de  Nemours  sieht  aus  wie
ein  eleganter  Franzose  du  cercle  de  ’union.  Er  trug  den  Hubertus,
ebenso  sein  Sohn,  der  Bräutigam.  Der  Duc  de  Nemours  erinnert  an
die  Bilder  Heinrichs  IV.,  doch  hat  er  einen  eigentümlichen  Ausdruck,  der
auf  Pedanterie  schließen  läßt.  Der  junge  Duc  d'Alenqon  ist  ein  hübscher
junger  Mensch  von  frischem  Aussehen.  Der  Prince  de  Joinville  und  sein
Sohn,  der  Duc  de  Penthievre,  sehen  nicht  auffallend  aus.  Ersterer  ist
etwas  alt  und  gebeugt,  zu  alt  für  sein  Alter,  liebenswürdig  und  höflich.
Der  Duc  de  Penthieèvre  hat  ein  gelbes,  etwas  jüdisches  Gesicht  und  spricht
gedehnt,  war  aber  mir  gegenüber  sehr  freundlich  und  mitteilend.  Herzog
August  von  Koburg  ist  langweilig  wie  immer.  Interessant  war  mir,  seine
Frau  kennen  zu  lernen,  die  Prinzessin  Klementine,  eine  gescheite,  lebhafte

 

1)  Graf  Tauffkirchen  war  damals  bayrischer  Gesandter  in  St.  Petersburg.
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        330  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Dame.  Die  Prinzessin  Joinville,  eine  brasilianische  Prinzeß,  ist  etwas
mumienhaft,  mit  großen  rollenden  Augen  in  einem  langen  blassen  faltigen
Gesicht.  Dann  waren  noch  zwei  Töchter  Nemours'  da,  eine  erwachsene
und  eine  kleine.  Alles  war  en  robe  montante.  Die  Braut  in  weißer
Seide,  mit  Orangenblüten  garniert,  mit  Coiffure  von  Orangenblüten  und
Tüllschleier.  Auf  den  Aermeln  Atlaslitzen,  nach  Analogie  des  Leibregiments.
Eine  Hofdame  der  Nemours  war  in  feuerfarbener  Seide  mit  strohgelbem
Besatz.  Als  alles  beisammen  war,  ging  man  in  die  Kapelle.  Das  Brautpaar
  kniete  vor  dem  Altar.  Links  dahinter  Prinz  Adalbert,  hinter  diesem
wir  beiden  Minister  und  dann  hinter  uns  die  Herren  des  Hauses  Orléans.
Auf  der  andern  Seite  der  Duc  de  Nemours  und  die  Herzogin  sowie  alle
Prinzessinnen.  Haneberg  begann  die  Zeremonie  mit  einer  passenden  Anrede.
Niemand  weinte,  nur  der  Herzog  Max  hatte  einigemale  ein  sehr  weinerliches
  Aussehen.  Die  Braut  sah  sehr  gleichmütig  aus.  Vor  dem  Jawort
machte  der  Bräutigam  erst  seinem  Vater  ein  Kompliment  und  ebenso  die
Braut  ihren  Eltern.  Das  Ja  der  Herzogin  klang,  als  wollte  sie  sagen:
„von  mir  aus  ja“,  oder  „meinetwegen“.  Doch  will  ich  damit  nichts
Böses  sagen,  mir  klang  es  so.  Nach  der  Trauung  küßte  ich  der  Herzogin
die  Hand  und  beglückwünschte  sie.  Sie  schien  recht  zufrieden  und  vergnügt.
  Die  Pause  zwischen  der  Trauung  und  dem  Diner  brachten  wir
in  unserm  Zimmer  zu.  Ich  vergaß  noch  zu  sagen,  daß  während  der
Messe  die  Militärmusik  im  Freien  spielte  zur  Begleitung  des  Gottesdienstes.
Es  fing  an  mit  der  Ouvertüre  zu  einer  Oper  von  Verdi,  ich  weiß  nicht,
ob  es  die  „Traviata“  oder  der  „Trovatore“  war.  Es  war  eine  etwas  gemäßigte
  Tafelmusik.

Das  Diner  fand  unten  in  zwei  Sälen  statt.  In  einem  Saal  saßen
alle  königlichen  Herrschaften  und  ich  mit  Pfretzschner,  im  andern  die  Hofleute.
  Der  Toast  auf  das  Brautpaar  wurde  ohne  Reden  getrunken.  Ich
saß  zwischen  der  jungen  Prinzeß  von  Koburg  und  dem  Herzog  Ludwig.
Das  Diner  war  nicht  besonders  lang,  aber  auch  nicht  besonders  gut.
Nach  Tisch  wurde  noch  etwas  herumgestanden,  und  dann  ging  alles  auseinander.
  Die  Orléansschen  Herrschaften  reisten  sofort  um  4  ½  Uhr  ab,
ebenso  die  andern  Prinzen.  Nur  der  Herzog  von  Nemours  bleibt  bis
übermorgen  mit  seinen  Kindern.

Wir  fuhren  in  einem  herzoglichen  Wagen  nach  Starnberg  zurück,
von  wo  aus  wir  heute  noch  nach  München  mit  dem  Zug  um  8  Uhr
zurückkehren.

Bei  Tisch  wurde  der  Brautchor  aus  „Lohengrin“  gespielt.  Es  muß
der  Exbraut  des  Königs  sonderbar  zumute  gewesen  sein.  Eigentümlich
war  auch  das  Zusammentreffen,  daß  gerade  am  Vorabend  der  See
und  Berg  beleuchtet  waren  (für  die  Kaiserin),  und  daß  auf  diese
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        Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)  331

Weise  der  König  seiner  ehemaligen  Braut  den  „Polterabend“  verherrlichen
  mußte.

Der  Comte  de  Paris  sprach  mit  mir  von  Krieg  und  Frieden  und
behauptet,  man  sei  im  Volk  in  Frankreich  gegen  den  Krieg.  Doch  sei  es
schwer,  die  öffentliche  Stimme  in  Frankreich  zu  beurteilen,  da  die  Presse
zu  wenig  unabhängig  sei.

Er  ist  ein  recht  vernünstiger,  wohlwollender  Mann,  der  sich  zu  einem
konstitutionellen  König  von  Frankreich  wohl  eignen  würde.

München,  1.  Oktober  1868.

Bei  dem  heutigen  Empfang  der  Diplomaten  erschien  auch  der  pägpstliche
  Nunzius  und  brachte  mir  einen  Artikel  der  „Neuesten  Nachrichten“,
in  welchem  die  Verleihung  der  Goldenen  Rose  durch  den  Papst  an  die
Königin  von  Spanien  und  die  Ordensverleihung  an  Bucher  in  Passau
einer  Kritik  unterzogen  wird.  Der  Nunzius  beklagte  sich  darüber.  Ich
erwiderte  ihm,  daß  ich  diese  Ausschreitungen  bedaure,  und  daß  ich  bereit
sei,  wenn  er  mir  deshalb  den  Antrag  auf  strafgerichtliche  Verfolgung  des
genannten  Blattes  zukommen  lasse,  die  nötigen  Schritte  zu  tun,  wie  ich
dies  fremden  Gesandten  gegenüber  bisher  getan  habe.

Was  Bucher  betreffe,  so  könne  ich,  fügte  ich  bei,  übrigens  mein  Erstaunen
  nicht  unterdrücken,  wie  die  päpstliche  Regierung  einem  Manne
eine  Auszeichnung  zuteil  werden  lasse,  der  es  sich  zur  Aufgabe  setze,  die
bayrische  Regierung  in  einer  gemeinen  und  pöbelhaften  Weise  zu  beschimpfen,
einem  Manne,  dessen  persönlicher  Charakter  der  schlechteste  sei,  und  den
ich  als  einen  „Chenapan“  bezeichnen  müsse.  Durch  solche  Ordensverleihungen
  könnten  die  Beziehungen  zwischen  befreundeten  Regierungen
nicht  gefördert  werden.

Der  Nunzius  war  durch  diese  etwas  rücksichtslose  Aeußerung  ziemlich
frappiert,  behauptete  nichts  davon  zu  wissen,  berief  sich  darauf,  daß  man
Bucher  in  Rom  als  einen  der  Kirche  ergebenen  Mann  geschildert  habe,
und  deutete  an,  daß  die  Sache  durch  Kardinal  Reisach  in  Szene  gesetzt
worden  sei.  Ich  nahm  dies  als  wahr  an,  bemerkte  aber  noch  schließlich,
daß  die  Kirche  nicht  gewinne,  wenn  ihr  Oberhaupt  einem  gemeinen  Journalisten
  gegen  den  Bischof,  dessen  Frömmigkeit  und  Eifer  von  niemand
in  Zweifel  gezogen  werde,  recht  gebe.

Die  Bemühungen  des  Fürsten  in  Baden  )  hatten  den  Erfolg  gehabt,
daß  die  badische  Regierung  in  die  Verhandlungen  über  Bildung  einer
süddeutschen  Festungskommission  eintrat.  Entscheidend  dafür  war  besonders

 

1)  Siehe  Seite  323.
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        332  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

der  Rat  der  preußischen  Regierung.  )  Am  31.  Juli  erklärte  der  badische
Gesandte  in  München,  Robert  von  Mohl,  die  Zustimmung  seiner  Regierung
zu  dem  Zusammentritt  einer  Kommission  am  21.  September  „zur  Vorberatung
  über  die  Bildung  einer  Festungskommission“.  Am  24.  August
wurde  die  Einladung  nach  München  durch  Entschließung  des  Großherzogs
angenommen.  Die  Instruktion  der  badischen  Bevollmächtigten  ging  auf
möglichste  Förderung  der  Verbindung  Süddeutschlands  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde  und  Verhinderung  alles  dessen,  was  dieser  Verbindung
zum  Nachteil  gereichen  könnte.  Als  das  einfachste  Mittel  hierfür  wurde
die  Erhaltung  des  gemeinsamen  Eigentums  an  dem  Festungsmobiliar  bezeichnet.
  Am  21.  September  trat  die  Kommission  in  München  zusammen.
Bayern  war  durch  den  Fürsten  Hohenlohe  und  den  Kriegsminister  von
Pranckh,  Württemberg  durch  den  Kriegsminister  Freiherrn  von  Wagner,
den  Staatsrat  von  Scheurlen  und  den  Oberst  von  Suckow,  Baden  durch
den  Kriegsminister  General  von  Beyer  und  Robert  von  Mohl  vertreten.
Preußen  hatte  seinen  Gesandten  in  München  dahin  instruiert,  daß  Preußen
keine  volle  Beteiligung  an  der  zu  bildenden  Kommission  verlange,  daß  ihm
vielmehr  die  Zuziehung  in  bestimmten  Fällen  und  unter  bestimmten  Voraussetzungen
  genüge,  und  daß  ein  Scheitern  der  Verhandlungen  an  der  Frage
der  Beteiligung  Preußens  zu  vermeiden  sei.  Nach  vielfachen  Diskussionen
in  den  ersten  Sitzungen  machte  Bayern  in  der  Sitzung  vom  25.  September
den  den  badischen  Absichten  entgegenkommenden  Vorschlag,  der  preußische
Militärbevollmächtigte  am  Sitze  der  Militärkommission  solle  von  allen
Verhandlungen  in  Kenntnis  gesetzt,  bei  wichtigen  Gegenständen  solle  seine
Aeußerung  im  voraus  eingeholt  und  tunlichst  berücksichtigt  werden,  zu
Festungsinspektionen  solle  Preußen  eingeladen  werden.  Am  27.  September
sprach  der  preußische  Gesandte  in  Karlsruhe  wiederholt  die  Ansicht  seiner
Regierung  aus,  daß  Preußen  an  der  Militärkommission  teilzunehmen
nicht  verlange  und  das  Zustandekommen  des  Vertrags  wünsche.  Nach
einem  vorläufigen  Abschluß  der  Verhandlungen  der  Kommission  am
26.  September  wurde  zur  Redaktion  der  Ergebnisse  eine  Pause  verabredet
und  die  nächste  Sitzung  auf  den  5.  Oktober  festgesetzt.  In  diesem  Stadium
wurde  das  Gelingen  des  Werks  durch  Württemberg  in  Frage  gestellt.
Baden  hatte  bei  seiner  Zustimmung  den  Vorbehalt  gemacht,  daß  die
Festungskommission  erst  nach  dem  Beginne  der  Verhandlungen  der
Liquidationskommission  und  nach  der  Zustimmung  Preußens  zu  den  Ver- 



1)  Der  badische  Kriegsminister  General  von  Beyer  hatte  am  19.  und  20.  Juli
in  Berlin  mit  Roon,  Moltke  und  Thile  verhandelt,  und  am  21.  und  22.  in  Ems
dem  Könige  Vortrag  gehalten.  Dieser  war  durch  den  Bericht  des  preußischen  Gesandten
  über  die  Badener  Verhandlungen  (S.  320)  befriedigt.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  333

einbarungen  über  die  Beteiligung  des  Norddeutschen  Bundes  ins  Leben
treten  sollte.  Hieran  anknüpfend  erklärte  Württemberg  nunmehr,  daß  der
Abschluß  des  Vertrags  vor  dem  Beginne  der  Liquidationsverhandlungen
keinen  Sinn  mehr  habe.  Auch  sei  es  sachgemäß,  die  Einräumungen  zugunsten
  Preußens  und  des  Norddeutschen  Bundes  vor  Bildung  der
Festungskommission  in  Verhandlungen  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  festzustellen.
  Gegen  den  bayrischen  Vorsitz  in  der  Festungskommission  wurde
eingewendet,  daß  hiermit  der  Schein  einer  bayrischen  Hegemonie  in  Süddeutschland
  hervorgerufen  werde.  Schließlich  einigte  man  sich  dahin,  daß
die  in  Artikel  7  des  Vertrags  aufsgenommenen  Einräumungen  zugunsten
Preußens  wieder  gestrichen  wurden,  worauf  Baden  diesen  Satz  in  den
Vorbehalt  aufnahm,  mit  dem  es  dem  Vertrage  zustimmte.

Journal.
München,  4.  Oktober  1868.

Gestern  kam  Herr  von  Baur,  der  württembergische  Legationssekretär,
zu  mir  und  brachte  mir  eine  Depesche  seines  Ministers,  von  der  er  eine
Abschrift  zurückließ,  die  so  abgefaßt  war,  daß  ich  annehmen  mußte,  daß
Württemberg  die  Verhandlungen  über  die  Festungskommission  ganz  abbrechen
  wolle.  Ich  konnte  mir  dieselbe,  die  im  Widerspruch  mit  früheren
Aeußerungen  Varnbülers  stand,  nicht  zusammenreimen,  und  teilte  sie
Völderndorff  mit,  der  sofort  zu  extremen  Schritten  riet.  Ich  legte  sie
indessen  ruhig  beiseite  und  wartete  auf  die  Ankunft  des  württembergischen
Bevollmächtigten,  der  auch  heute  ankam.  Im  Laufe  der  Konversation  mit
demselben  zeigte  es  sich,  daß  seit  dem  Abgang  jener  Depesche  in  Stuttgart
wieder  ein  Umschwung  stattgefunden  hat,  und  nun  erklärt  sich  Württemberg
  bereit,  auf  den  Abschluß  des  Vertrags  einzugehen,  wenn  der  Vertrag
bezüglich  der  Stellung  von  Preußen  in  einer  Art  modifiziert  wird,  daß
die  eigentliche  Feststellung  des  Verhältnisses  der  süddeutschen  Festungen
zum  Norddeutschen  Bund  bis  zur  Verhandlung  der  Liquidationskommission
ausgesetzt  bleibt.  Ich  bedaure  dies,  weil  bei  der  Liquidationskommission
Preußen  eine  Pression  ausüben  wird,  aber  Scheurlen  erklärte,  daß  man
diese  Pression  in  Stuttgart  nicht  fürchte,  und  sich  derselben  lieber  aussetze,
  als  daß  man  selbst  ein  Angebot  mache.  Wir  riskieren  am  Ende
wenig  dabei,  und  da  dies  das  einzige  Mittel  ist,  die  Kommission  zustande
zu  bringen,  so  werde  ich  die  Modifikation  annehmen.

Vor  ½2  Uhr  fuhr  ich  zum  Empfang  auf  dem  Oktoberfest.  Ich  nahm
Oettingen  mit  mir,  der  keinen  Wagen  hatte.  Wir  kamen  gegen  ½2  Uhr
hinaus.  Dort  fanden  wir  das  diplomatische  Korps  und  einige  andre
uniformierte  Herren  im  Zelt.  Der  König  kam  um  2  Uhr  und  wurde  mit
Hurra  empfangen.  Erst  sprach  er  mit  dem  diplomatischen  Korps  und
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        334  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

dann  mit  uns.  Mit  mir  sprach  er  absichtlich  sehr  lange  über  die  Kaiserin,
über  politische  Dinge,  über  die  Intrigen,  die  gegen  mich  gemacht  würden,
und  daß  er  davon  nichts  wissen  wolle,  und  war  überhaupt  auffallend
liebenswürdig.  Der  Cercle  dauerte  sehr  lange,  dann  besah  er  sich  die
Tiere,  worauf  die  Preisverteilung  stattfand,  und  schließlich  das  abscheuliche
Pferderennen,  ein  wahrer  Skandal,  der  aber  nicht  abzustellen  ist.

München,  6.  Oktober  1868.

Heute  Morgen  war  der  Prediger  der  freien  Gemeinde  in  Nürnberg,
ein  gewisser  Scholl,  bei  mir,  um  mir  eine  Eingabe  seiner  Gemeinde  an
das  Kultusministerium  zu  bringen.  Sie  beschwert  sich  darin,  daß  ihr
Prediger  alle  Handlungen  vornehmen  könne,  die  sich  auf  den  Kultus  beziehen,
  nur  nicht  am  Grabe  reden,  da  er  nicht  das  bayrische  Indigenat
habe.  Ich  verstehe  das  nicht,  daß  man  das  bayrische  Indigenat  haben
muß,  um  eine  Grabrede  zu  halten!

Der  Mann  sah  recht  germanisch  aus,  lange,  ins  Graue  spielende  Haare,
einen  Schnurrbart  und  kleinen  Zwickelbart,  schwarz  angezogen,  ungeheuer
groß  und  schwärmerischen  Aussehens.  Die  Deutschen  bleiben  Schwärmer
selbst  im  Unglauben.  Er  sagte  nur,  sie  hätten  kein  Dogma,  ihr  Bekenntnis
sei  das:  Humanität  zu  verbreiten,  sittliches  Leben  u.  s.  w.  Nachdem  er  mir
seine  Angelegenheiten  expliziert  hatte,  fragte  ich  ihn  nach  der  politischen
Richtung  der  Gemeinde.  Er  sagte,  ein  Teil  sei  großdeutsch-demokratisch,
der  andre  größere  Teil  nationalliberal,  mit  den  Ultramontanen  hätten  erstere
kein  Bündnis.  Ihr  Zusammengehen  bei  den  Zollparlamentswahlen  sei
lediglich  ein  zufälliges,  vorübergehendes.

Nach  ihm  kam  Oberbaurat  Ritgen  von  Gießen,  der  mir  vom  germanischen
  Nationalmuseum  sprach.  Er  erzählte,  daß  er  an  der  Geschichte  des
Wohnhauses  arbeite,  und  machte  nunmehr  interessante  historische  Bemerkungen
  über  die  Entwicklung  der  menschlichen  Wohnungen,  deren  Ursprung
in  Hochasien  sei  und  die  sich  alle  in  gleicher  Weise  entwickelt  hätten.
Ursprünglich  Zusammenleben  mit  dem  Vieh,  dann  Trennung,  und  später
Trennung  der  Familienmitglieder  durch  Abteilungen  der  Räume.  Er  will
es  publizieren.

München,  10.  Oktober  1868.

Nachdem  wir  mit  Württemberg  im  reinen  waren,  glaubte  ich,  daß
die  Konferenz  nun  zu  einem  baldigen  Abschluß  kommen  werde.  Leider
aber  erhielt  General  Beyer  von  Karlsruhe  nicht  die  Ermächtigung  zum
Unterzeichnen  und  entschloß  sich  deshalb,  gestern  Abend  selbst  nach  Karlsruhe
zurückzufahren,  um  dort  Instruktionen  zu  erholen  für  den  hier  zurückbleibenden
  Gesandten.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  335

Die  beiden  württembergischen  Bevollmächtigten  kamen  gestern  um  5  Uhr
zu  mir,  und  da  sie  den  ganzen  Tag  auf  eine  Sitzung  gewartet  hatten,  so
hatten  sie  sich,  um  die  Zeit  zu  vertreiben,  mit  Trinken  beschäftigt.  Staatsrat
  Scheurlen  sah  sehr  rot  aus  und  roch  wie  ein  altes  Weinfaß.  Er
lud  mich  ein,  mit  ihm  bei  Marschal  zu  essen,  einer  Restauration  auf  dem
Dultplatz.  Ich  nahm  dies  an  und  fand  dort  außer  Völderndorff  noch
Baur  und  einen  württembergischen  Finanzrat  Knapp.  Es  wurde  viel
gegessen  und  noch  mehr  getrunken,  Scheurlen  hielt  dann  eine  lange
Rede  auf  mich,  in  welcher  er  mein  „deutsches  Herz“  und  das  „im  Auge
behalten  großer  Ziele“  hervorhob,  worauf  ich  antwortete,  daß,  wenn
man  mir  sonst  wohl  das  Lob  versöhnlichen  Charakters  gegeben  habe,  ich
heute  die  Wahrheit  dieses  Lobes  selbst  anerkennen  dürfe,  nachdem  es  mir
gelungen  sei,  die  schwäbischen  Querköpfe  zu  Freunden  zu  haben.  Ich
schloß  dann  mit  einem  Hoch  auf  den  schwäbischen  Volksstamm  und  auf
die  hier  anwesenden  Vertreter  desselben.  Um  8  Uhr  trennte  sich  die
Gesellschaft  „in  gehobener  Stimmung“.  Ich  ging  mit  Suckow  ins  Theater,
wo  ich  von  General  Beyer  Abschied  nahm.

11.  Oktober  1868.

Gestern  Mittag  erhielt  ich  die  Nachricht,  daß  die  badischen  Bevollmächtigten
  ihre  Instruktion  hätten.  Ich  beeilte  mich  sofort,  die  Einladung
zur  Konferenz  auf  3  Uhr  abzusenden.  Um  3  Uhr  war  alles  da.  Nur
der  Kriegsminister  Pranckh  fehlte.  Wir  schickten  nach  ihm,  doch  war  er
nirgends  zu  finden.  Ich  hielt  also  die  Sitzung  ohne  ihn,  wir  vereinigten
uns  bald,  und  um  5  Uhr  waren  wir  glücklich  fertig.  Etwa  um  6  Uhr
ging  ich  zum  Kriegsminister,  um  ihm  die  Beschlüsse  mitzuteilen  und  ihn
zur  Unterzeichnung  auf  ½  8  Uhr  einzuladen.  Ich  fand  ihn  eben  in  sein
Bureau  zurückgekehrt,  wo  er  gerade  erst  meinen  Brief  von  Mittags  erbrochen
hatte.  Von  12  Uhr  bis  6  Uhr  war  er  also  spazieren  gegangen.  Um  das
Maß  voll  zu  machen,  fragte  er,  ob  es  nötig  sei,  daß  er  um  ½8  Uhr
käme,  da  er  bei  sich  zu  Hause  um  8  Uhr  eine  Spielpartie  hätte!  Er
sah  aber  doch,  daß  er  durch  diese  Frage  eine  Dummheit  gesagt  hatte,  und
versicherte  sofort,  daß  er  kommen  würde.  Ich  war  den  ganzen  Tag  im
Ministerium  gewesen  und  hatte  nur  eine  halbe  Stunde  verwendet,  um  bei
Quatresous!)  zu  essen.  Der  Kriegsminister,  den  die  Sache  doch  zunächst
anging,  verwendet  also  sechs  Stunden  des  Tags  zum  Spazierengehen  und
den  Abend  zur  Spielpartie,  an  einem  Tag,  wo  wirklich  die  Ehre  Bayerns
auf  dem  Spiele  stand,  denn  hätten  wir  gar  nichts  zustande  gebracht,
so  wären  wir  ungeheuer  ausgelacht  worden!

 

1)  Ein  Weinrestaurant.
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        336  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Abends  wurde  unterzeichnet,  ich  hielt  eine  Abschiedsrede,  man  dankte
mir  für  die  vorzügliche  Leitung  der  Verhandlungen,  und  alles  ging  um
9  Uhr  auseinander.

Der  „Vertrag,  die  Errichtung  einer  Festungskommission  betreffend“,
vom  10.  Oktober  1868  1)  bestimmt,  daß  der  Sitz  der  Kommission  zwischen
München,  Stuttgart  und  Karlsruhe  jährlich  wechseln  soll  und  daß  Bayern
„vorläufig  zunächst  auf  drei  Jahre“  den  Vorsitz  führt.  Jeder  Staat  kann
mehrere  Vertreter  ernennen,  die  aber  zusammen  nur  ein  Votum  abgeben.
Aufgabe  der  Kommission  ist,  die  Verwaltung  der  drei  Festungen  Ulm,
Rastatt,  Landau,  ihre  Verteidigungsfähigkeit  nach  militärischen  und  technischen
  Rücksichten,  ihr  strategisches  Verhältnis  zueinander  sowie  zu  den
übrigen  deutschen  Festungen  und  Defensivanlagen  zu  überwachen,  auch
den  Bau,  die  Unterhaltung  und  die  Vorsorge  für  die  militärische  Benutzung
  strategisch  wichtiger  Eisenbahnen  und  Straßen  zu  erwägen.  Sie
inspiziert  die  Festungen.  Gegenüber  den  Regierungen  ist  die  Kommission
eine  „beratende  und  vorschlagende  Behörde“.  Die  Regierung,  welche  ein
Votum  der  Kommission  nicht  berücksichtigt,  ist  verpflichtet,  den  übrigen
Regierungen  ihre  Gründe  mitzuteilen.  Artikel  7  des  Vertrags  bestimmt:
„Die  drei  Regierungen  anerkennen  die  Notwendigkeit  des  Zusammenhangs
des  Defensivsystems  von  Nord=  und  Süddeutschland  und  verpflichten  sich,
die  Prinzipien  für  die  Wahrung  dieses  Zusammenhangs  sowie  für  die
Verwaltung  des  bisherigen  gesamten  Bundesfestungsmaterials  in  der  demnächst
  einzuberufenden  Liquidationskommission  dementsprechend  zu  regeln.“
Artikel  8  bestätigt,  daß  die  mit  Preußen  geschlossenen  Allianzverträge  durch
die  Bildung  der  Kommission  nicht  berührt  werden.  Im  Kriegsfalle  wird  die
Tätigkeit  der  Festungskommission  suspendiert.  Gleichzeitig  mit  dem  „Vertrage“
  wurden  zwei  „Protokolle“  gezeichnet.  Das  eine  dieser  Protokolle
bekundet  die  Verständigung  der  drei  Regierungen  über  ihre  bei  den  bevorstehenden
  Verhandlungen  der  Liquidationskommission  einzunehmende  Haltung.
Alle  drei  Regierungen  erklären  eine  Verteilung  des  vormaligen  beweglichen
Bundeseigentums,  sei  es  in  Natur  oder  durch  Teilung  des  durch  eine
Versteigerung  erzielten  Erlöses,  für  unzulässig.  Bayern  würde  von  sich
aus  gegen  eine  Ablösung  des  in  den  einzelnen  Festungen  liegenden  Materials
  durch  die  Territorialstaaten  nichts  einzuwenden  haben.  Da  aber
Baden  und  Württemberg  widersprechen,  so  wird  verabredet,  einen  solchen
Antrag  nicht  zu  stellen  und  eventuell  dagegen  zu  stimmen.  Baden  erachtet
als  das  Erstrebenswerteste  die  Verwaltung  des  gemeinschaftlichen  Eigentums
durch  eine  gesamtdeutsche  Kommission  unter  dem  Vorsitz  Preußens.  Da
aber  Bayern  dem  widerspricht,  „so  verpflichten  sich  Württemberg  und

 

1)  Abgedruckt  in  Hirths  Annalen  des  Deutschen  Reichs  1872,  S.  1579.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  337

Baden,  vorerst  weder  einen  solchen  Antrag  zu  stellen  noch  für  diese  Modalität
  zu  stimmen“.  Bayern  und  Württemberg  wünschen  die  Verwaltung
des  Materials  durch  die  Festungskommission.  Da  aber  Baden  eine  so
weitgehende  Kompetenz  dieser  Kommission  nicht  zugestehen  will,  so  soll  die
Verwaltung  den  Territorialregierungen  zustehen  und  durch  die  Festungskommission
  nur  überwacht  werden.  Ein  „Separatprotokoll“  vom  10.Oktober
bestimmt  zunächst,  daß  sowohl  das  ebengenannte  Protokoll  wie  der  Vertrag
  vor  dem  Zusammentritt  der  Liquidationskommission  der  preußischen
Regierung  mitzuteilen  sind.  Ferner  erklärt  Baden,  daß  „die  Festungskommission
  erst  nach  Beendigung  der  Verhandlungen  der  Liquidationskonferenz
  und  nach  Zustimmung  Preußens  zu  der  Feststellung  der  Beteiligung
  des  Norddeutschen  Bundes  definitiv  ins  Leben  treten  könne“  und
daß  seine  Zustimmung  zu  dem  Vertrage  als  „Lnter  diesem  Vorbehalt
erteilt  zu  erachten  sei".  Ferner  erklärt  die  badische  Regierung  zu  Artikel  7
des  Vertrags,  daß  sie  im  Gesamtinteresse  Deutschlands  eine  Beteiligung  des
Norddeutschen  Bundes  an  der  Wirksamkeit  der  Festungskommission  erstreben
müsse  mindestens  in  der  Form,  daß  die  Kommission  dem  an  ihrem  Sitze
befindlichen  preußischen  Militärbevollmächtigten  von  dem  Ergebnisse  aller
ihrer  Verhandlungen  Mitteilung  mache  und  bei  wichtigeren  Fragen  dessen
Ansicht  vernehme  und  daß  dem  Norddeutschen  Bunde  zustehe,  sich  bei
den  periodischen  Inspektionen  der  Festungen  durch  einen  Abgeordneten
vertreten  zu  lassen.

Aus  einem  Schreiben  an  den  bayrischen  Gesandten
Freiherrn  von  Perglas  in  Berlin.
München,  8.  November  1868.
..  Die  Frage  des  Verhältnisses  von  Preußen  und  Oesterreich  habe
ich  noch  viel  hin  und  her  überlegt.  Ich  muß  dabei  vorausschicken,  daß
ich  mit  Ihnen  übereinstimme,  daß  weder  uns  noch  Europa,  d.  h.  dem
europäischen  Frieden,  mit  einer  bloßen  Allianz  der  deutschen  Großmächte
genutzt  wird.  Abgesehen  von  den  Bedingungen,  welche  eine  solche  Allianz
mit  sich  bringen  kann  und  die  uns  speziell  in  bedenklicher  Weise  berühren
könnten,  sind  Allianzen  auch  leicht  lösbar  und  bieten  niemand  eine  Garantie,
  wenn  der  Zweck  erreicht  ist,  zu  welchem  sie  geschlossen  wurden.
Was  uns  allein  retten  kann  und  was  auch  allein  geeignet  ist,  den  europäischen
  Frieden  dauernd  zu  sichern,  ist  ein  staatsrechtlicher  Bund,  welcher
Oesterreich,  Preußen  (resp.  den  Norddeutschen  Bund)  und  Bayern  zusammenfassen
  würde.  Ich  sage  „Bayern“,  indem  ich  damit  die  süddeutsche  Gruppe
verstehe,  welcher  Bayern  vorzustehen  berufen  wäre.
Wir  hätten  damit  die  Schaffung  einer  großen  Zentraldefensivmacht
in  Europa,  „ohne  deren  Willen  kein  Kanonenschuß  abgefeuert  würde“.
Fürst  Hobenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  22
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        338  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Es  versteht  sich  dabei  von  selbst,  daß  Preußen  die  Aufnahme  Gesamtösterreichs
  mit  Ungarn  bewilligen  und  daß  es  die  Interessen  Oesterreichs
an  der  unteren  Donau  zu  den  seinigen  machen,  sich  also  zu  einer  sehr
großartigen  Politik  emporschwingen  müßte.  Ich  weiß,  daß  Bismarck
darauf  antworten  würde:  „Ich  kann  nicht  die  russische  Allianz  aufgeben
gegen  Eintausch  eines  Bundesgenossen,  dessen  ich  nie  sicher  bin.“

Allein  hier  kommt  es  wieder  auf  den  Unterschied  zwischen  Allianz
und  staatsrechtlichem  Bund  an,  und  die  Bedenken  Bismarcks  würden
zurücktreten,  wenn  es  gelänge,  die  deutschen  Verhältnisse  in  einer  dauernden
Art  definitiv  zu  regeln.

Hier  liegt  ein  Problem  vor,  welches  ich  heute  noch  nicht  gelöst  habe,
dessen  Lösung  ich  aber  als  eine  Notwendigkeit,  als  etwas  nicht  zu  Umgehendes
  ansehe.

Es  fragt  sich  nur,  zieht  Preußen  den  unvermeidlichen  Krieg  mit  Frankreich
  mit  allen  seinen  Gefahren,  dem  Aufgeben  der  Inkorporation  Süddeutschlands
  in  den  Nordbund  vor?  Mit  andern  Worten:  Verzichtet
Preußen  darauf,  die  Mainlinie  zu  überschreiten,  gegen  den  Vorteil
der  dauernden  Konstituierung  seiner  gegenwärtigen  Macht?  Tut  Preußen
dies,  so  ist  die  Frage  lediglich  die  der  Formulierung  eines  Verfassungsprojekts.
  Will  aber  Preußen  oder  kann  es  auf  dem  bisherigen  Wege  nicht
umkehren,  so  wird  es  auch  auf  keinen  Schritt  eingehen,  der  jenen  Verzicht
unbedingt  voraussetzt.

Hier  ist  aber  weniger  Graf  Bismarck  maßgebend  als  die  öffentliche
Stimmung  und  namentlich  die  Stimmung  im  Lager  der  nationalliberalen
Partei.  Ich  würde  daher  bitten,  erst  die  Aeußerungen  dieser  Kreise  aufmerksam
  zu  verfolgen,  ehe  Sie  sich  mit  Bismarck  oder  andern  offiziellen
Persönlichkeiten  in  ein  wenn  auch  noch  so  allgemeines  Gespräch  wieder
einlassen.

Solange  das  preußische  Volk  und  die  dasselbe  leitende  nationalliberale
  Partei  alles  eher  aufs  Spiel  setzen,  als  auf  den  Weg  der  Herrschaft
  „des  Adlers  vom  Fels  zum  Meer“  verzichten  will,  1)  so  lange  wird
Bismarck  sich  auf  nichts  einlassen,  so  lange  ist  auf  eine  Umkehr  nicht  zu
rechnen.

 

1)  Emanuel  Geibel  war  in  jenen  Tagen  die  Pension,  welche  er  aus  der
Königlichen  Kabinettskasse  bezog,  und  die  Münchner  Ehrenprofessur  entzogen  worden,
weil  er  den  König  Wilhelm  bei  dessen  Besuche  in  Lübeck  mit  einem  Gedichte  begrüßt
  hatte,  das  mit  den  Worten  schloß:

Und  sei's  als  letzter  Wunsch  gesprochen,
Daß  noch  dereinst  dein  Aug  es  sieht,
Wie  übers  Reich  ununterbrochen

Vom  Fels  zum  Meer  dein  Adler  zieht.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  339

In  der  Zwischenzeit  will  ich  die  Sache  theoretisch  ausarbeiten,  um
auf  alle  Fälle  gesichert  zu  sein.  Konsul  Schwab  schreibt,  daß  der  Krieg
in  Frankreich  beschlossene  Sache  sei  und  im  Januar  ausbrechen  werde.
Ich  teile  diese  Befürchtung  nicht,  wohl  aber  die,  daß  der  Krieg  unvermeidlich
  ist  —  wenn  auch  erst  bei  einer  den  Franzosen  günstigen
Gelegenheit  —,  wenn  jene  Gestaltung  einer  Defensivmacht  im  Herzen  von
Europa  nicht  gelingen  sollte

München,  Ende  November  1868.

Gestern  war  die  Taufe  der  neugeborenen  Prinzessin.1)  Um  12  Uhr
begab  ich  mich  in  die  Residenz  im  Frack  und  weißer  Halsbinde;  die
Uniform  war  verbannt,  weil  die  Taufe  ganz  en  famille  sein  sollte,  der
Prinzessin  Alexandra  wegen.

Ich  fand  dort  die  Königin  und  die  königlichen  Prinzen  Otto,  Ludwig
und  Leopold,  die  Prinzeß  Ludwig,  Graf  und  Gräfin  Trani.  Beide
Prinzessinnen  waren  in  blauem  Atlas  mit  weißem  Pelz  verbrämt.  Die
Prinzeß  Alexandra  in  einer  lila  Jacke  und  Hut.  Die  Taufe  fand  in  dem
Weißen  Saal  statt,  der  vor  den  Gemächern  des  Prinzen  Adalbert  ist,  die
Einrichtung  zu  einer  Kapelle  war  recht  geschmackvoll  arrangiert.

Die  Prinzessinnen  standen  links,  die  Prinzen  rechts,  Prinzeß  Alexandra
mit  dem  Prinzen  Adalbert  vor  dem  Altar  vor  roten  Betschemeln.  Die
kleine  Prinzeß  Isabella  trug  die  Kerze.  Sie  sah  mit  ihren  roten  lockigen
Haaren  gar  niedlich  aus  und  war  sehr  stolz  auf  ihr  Amt.  Die  beiden
Söhne  des  Prinzen  trugen  spanische  Orden  in  Miniaturformat,  der  ältere
das  Goldene  Dlies,  der  jüngere  den  Orden  Karls  III.  Sie  zeigten  mir
ihn  nach  der  Taufe,  wo  ich  mit  den  Kindern  bekannt  wurde.  Die  Prinzeß
Alexandra  beantwortete  alle  Tauffragen  sehr  geläufig.  Der  Domdechant
Reindl  hielt  eine  taktvolle  Rede.  Die  Namen  der  kleinen  Prinzeß  sind
Elvira,  Alexandra,  Klara,  Cäcilie,  Eugenie.  Der  Name  Elvira  mißfällt
der  Prinzeß  Adalbert,  die  ihn  mit  Recht  zu  theatralisch  findet,  aber  Prinz
Adalbert  findet  ihn  sehr  hübsch.  Er  sagte  mir:  „Die  Mutter  ist  eine
Spanierin,  deshalb  ist  es  sehr  passend,  daß  die  eine  Tochter  Isabella  und
die  andre  Elvira  heißt.“

Nach  der  Taufe  wurde  Schokolade  serviert,  und  nach  einem  langen
Cercle  wurden  wir  um  2  Uhr  entlassen.

Um  4  Uhr  war  das  Begräbnis  des  Staatsrats  Hermann.  2)  Sein
Tod  ist  ein  Verlust.  Mir  war  er  eine  interessante  Persönlichkeit  durch
seine  anregenden  Gespräche.  Dekan  Mayer  hielt  eine  recht  interessante

 

1)  Prinzessin  Elvira,  Tochter  des  Prinzen  Adalbert  und  der  Prinzessin  Amalie,
Infantin  von  Spanien,  geboren  am  22.  November  1868.
)  Nationalökonom  und  Statistiker,  starb  am  23.  November  1868.
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        340  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Rede,  doch  begriff  ich  nicht,  warum  er  mit  so  besonderem  Nachdruck  die
Phrase  wiederholte:  „Der  Herr  Zebaoth  hat's  gewollt,  wer  will's  ihm  wehren!“
Daran  denkt  ja  niemand.  Mir  scheint,  daß  er  den  Herrn  Zebaoth  des
Wohlklanges  wegen  so  oft  in  seinen  großen  Mund  nahm.  Um  6  Uhr
war  Ministerrat,  der  bis  nach  11  Uhr  dauerte.  Außer  der  Frage  der
katholischen  Universität  wurde  auch  die  Reorganisation  der  Kammer  der
Reichsräte  eingehend  diskutiert.  Schlör  sprach  sich  merkwürdigerweise
gegen  die  Erweiterung  durch  gewählte  Mitglieder  aus.  Die  andern
Minister  stimmten  für  die  Wahl,  modifizierten  aber  meinen  Vorschlag
dahin,  daß  nur  zwei  Mitglieder  in  jedem  Kreis  von  den  dreihundert  Höchstbesteuerten
  genommen  werden  sollten,  dazu  die  Vertreter  der  Universitäten
und  der  Akademie  sowie  des  Polytechnikums.  So  wird  wohl  der  Antrag
in  der  Kammer  durchgehen.  Minister  Hörmann  wird  nun  den  Antrag
an  den  König  stellen.  Die  Reichsräte  gehen  mit  dem  Gedanken  um,  selbst
einen  Entwurf  einzubringen,  doch  wird  es  besser  sein,  wenn  wir  ihnen
zuvorkommen.

Um  ½  12  Uhr  war  ich  endlich  fertig.  Jedenfalls  war  der  gestrige
Tag  einer  der  mühsamsten  Ministertage.

München,  6.  Dezember  1868.

Gestern  war  Graf  Usedom  auf  seiner  Rückreise  nach  Florenz  bei  mir
und  benützte  seinen  Besuch,  mir  einen  Vortrag  über  seine  Tätigkeit  in
Florenz  während  des  Jahres  1866  zu  halten.

Er  begann  damit,  zu  erzählen,  wie  man  von  Florenz  aus  schon  im
Jahre  1865  Versuche  gemacht  habe,  die  Oesterreicher  zum  Verkauf  von
Venedig  zu  veranlassen.  Der  Abgesandte,  ein  gewisser  Landau,  habe  in
Wien  viel  Anklang  gefunden,  sogar  Graf  Mensdorff  habe  sich  nicht  abgeneigt
  gezeigt,  doch  sei  die  Sache  an  dem  Widerspruch  des  Kaisers  und
der  Militärpartei  gescheitert,  welche  es  nicht  mit  der  militärischen  Ehre
Oesterreichs  für  vereinbar  gehalten  hätten,  Venedig  ohne  Kampf  aufzugeben.
Dies  benützte  nun  Usedom,  um  die  Italiener  zum  Bündnis  mit  Preußen
zu  drängen,  um  anderseits  die  preußischen  Pläne  in  Deutschland  mit  der
Hilfe  Italiens  zur  Ausführung  zu  bringen.  Govone  wurde  nach  Berlin
geschickt.  Lamarmora,  der  der  Ansicht  war,  man  könne  ja  warten,  bis
die  reife  Frucht  den  Italienern  in  den  Schoß  falle,  war  dagegen.  Usedom
aber  machte  geltend,  daß,  wenn  Preußen  ohne  Italien  Krieg  führe,  das
Resultat  zweifelhaft  sei,  und  wenn  Oesterreich  siege,  Italien  nicht  auf
Venedigs  Abtretung  rechnen  könne.  Dieses  Räsonnement  scheint  den
Ausschlag  gegeben  zu  haben.  So  kam  das  Bündnis  mit  Italien  zustande.
Während  nun  England  und  Frankreich  auf  Lokalisierung  des  Krieges
drangen,  drängte  Preußen  auf  den  Einmarsch  der  Italiener  in  Ungarn.
        <pb n="353" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  341

Daher  die  Instruktionen  Bismarcks  und  die  darauf  verfaßte  bekannte  Note
Usedoms.  Das  Dementi  sei  dann  von  Bismarck  gemacht  worden,  der  ihn,
Usedom,  nicht  leiden  könne  und  die  Akten  in  Varzin  nicht  gehabt  habe,
aus  welchen  er  sich  hätte  überzeugen  können,  daß  Usedom  seinen  Instruktionen
gemäß  gehandelt  habe.

Auf  meine  Frage,  was  denn  Lamarmora  zu  der  Veröffentlichung
der  Note  veranlaßt  habe,  erwiderte  Usedom,  dies  sei  ein  Coup  monté  aus
Frankreich,  um  Preußen  mit  Italien  zu  entzweien  und  ihn  in  Florenz
unmöglich  zu  machen.  Dies  sei  aber  den  Franzosen  nicht  gelungen,  da
die  bekannte  Note  den  Italienern  nur  die  Aufrichtigkeit  Preußens  bewiesen
habe.  So  hätte  er  auch  von  allen  Seiten  die  freundlichsten  Zuschriften
von  Italienern  bekommen,  und  Lamarmoras  Coup  sei  verfehlt.  Er  behauptet,
  die  italienische  Einheit  sei  in  ganz  Italien  populär,  niemand
wolle  auf  die  alten  Zustände  zurück,  die  Behauptungen  in  Rom,  Italien
werde  nächstens  zerfallen  u.  s.  w.  seien  Lügen.  Die  Franzosen  machten,
fuhr  er  fort,  sehr  viele  Fehler,  sie  behandelten  die  italienische  Regierung
als  Vasallen  und  zeichneten  sich  durch  Ueberhebung  und  Unverschämtheit
aus,  wodurch  sie  sich  die  Italiener  zu  Feinden  machten.  Der  Keiser  stütze
sich  auf  die  klerikale  Partei  in  Frankreich  und  werde  dadurch  zu  dieser
Politik  gegenüber  Italien  gedrängt.  Lamarmora  sei  auf  französischer
Seite,  weil  er  nichts  wolle  als  die  Präponderanz  Piemonts,  die  Herrschaft
der  piemontesischen  Partei  in  Italien,  nicht  aber  das  Aufgehen  Piemonts
in  Italien;  es  sei  die  italienische  Kreuzzeitungspartei.  Dem  König  von
Preußen  sei  die  Allianz  mit  Italien  sowie  der  Krieg  mit  Oesterreich  sehr
schwer  gefallen.  Seine  alten  legitimistischen  Ideen  hätten  ihm  den  Entschluß
  erschwert.  Habe  er  aber  einmal  einen  Entschluß  gefaßt,  so  halte
er  daran  fest.

In  der  deutschen  Frage  und  über  das  Verhältnis  Preußens  zu
Oesterreich  äußerte  sich  Usedom  sehr  vorsichtig.  Meine  Darlegung  unfrer
Bemühungen  im  Jahre  1867  für  einen  weiteren  Bund  Süddeutschlands
mit  dem  Norddeutschen  Bund  hörte  er  sehr  aufmerksam  an  und  schien
mit  mir  darin  übereinzustimmen,  daß  Preußen  einen  Fehler  gemacht  habe,
uns  diesen  Plan  durch  die  Abschließung  der  Zollvereinsverträge  zu  durchkreuzen.
  Jetzt,  meinte  er,  müßte  man  abwarten,  man  könne  keinen
Acker  pflügen,  solange  er  gefroren  sei.

Interessant  war  mir  seine  Ansicht  über  die  nordschleswigsche  Frage.
Er  sagte,  wir  sind  alle  einig,  daß  man  einen  Teil  im  Norden  abtreten
muß,  doch  auf  die  militärischen  Positionen  Düppel  und  Alsen  nicht
verzichten  darf,  aber  der  König  ist  eigensinnig  und  macht  Schwierigkeiten.


Von  Bismarck  sagt  er,  er  sei  fanatisch  für  den  Frieden  und  werde
        <pb n="354" />
        342  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

sich  sehr  vorsichtig  benehmen,  um  Frankreich  und  Oesterreich  keinen  Anlaß
zum  Krieg  zu  geben.

Bei  Gelegenheit  einiger  lobender  Bemerkungen  über  Hompesch  hob
Usedom  hervor,  daß  im  Juni  1866  Bismarck  darauf  gedrungen  habe,  daß
Italien  an  Bayern  den  Krieg  erkläre.  Er  (Usedom)  habe  es  aber  verhindert.


München,  6.  Dezember  1868.

Da  Usedom  Auskunft  über  die  Frage  der  englisch-indischen  Ueberlandpost
  haben  wollte,  so  ging  ich  heute  zu  ihm  und  gab  ihm  dieselbe  nach
Lage  der  Akten.  Dabei  kamen  wir  wieder  in  ein  längeres  Gespräch.  Er
zeigte  mir  einen  Brief  eines  württembergischen  Nationalliberalen,  der
darauf  hinweist,  daß  die  dortige  nationalliberale  Partei  Gefahr  laufe,
beim  Volk  allen  Boden  zu  verlieren,  wenn  man  in  Preußen  im  Innern
eine  reaktionäre  Politik  befolge.  Ich  bemerkte  darauf,  daß  besonders  die
ungeschickte  Rede  des  Justizministers  Leonhardt)  und  die  pietistische
Richtung  Mühlers  hier  Anstoß  erregten,  was  er  vollkommen  zugab.  Nur
meinte  er,  daß  der  König  sich  schwer  dazu  entschließen  würde,  diese
Männer  zu  entlassen.  Der  Kultusminister  stehe  unter  dem  Einfluß  seiner
frommen  Frau,  weshalb  man  das  Kultusministerium  „das  Ministerium
Adelheid“  nenne.  Diese  Frau  sei  sehr  rührig  und  mische  sich  in  alles.
Dann  kamen  wir  auf  die  ultramontane  Partei  zu  sprechen,  wobei  wir
darin  vollkommen  übereinstimmten,  daß  deren  Intrigen  eine  große  Gefahr
für  die  ganze  Entwicklung  des  menschlichen  Geschlechtes  seien  und  daß  die
meisten  Menschen  diese  Gefahr  zu  leicht  nehmen.  Von  Gustav  und  den
gegen  ihn  gerichteten  Intrigen  sprach  er  mit  vieler  Sachkenntnis.

Schon  gestern  hatte  Usedom  bemerkt,  daß  in  Berlin  eine  große
Konfusion  in  der  Organisierung  der  Kompetenz  der  preußischen  gegenüber
  den  Behörden  des  Norddeutschen  Bundes  herrsche.  Heute  kam  er
darauf  zurück.  Der  Norddeutsche  Bund  sei  eigentlich  „ridikül".  Man
könne  keinem  Preußen  zumuten,  im  Norddeutschen  Bund  aufzugehen,  in
Deutschland  ja,  das  sei  etwas  andres.  Als  ich  ihm  sagte,  da  liege  wohl
der  alte  Gedanke  an  den  Kaiser  von  Deutschland  noch  vor,  sagte  er,  ja,
das  sei  besser  und  man  könne  damit  den  König  von  Preußen  erhöhen,
ohne  daß  die  andern  Souveräne  tiefer  gestellt  zu  werden  brauchten.
Eine  etwas  schwer  zu  beweisende  Behauptung!  Bei  Gelegenheit,  als  wir

 

1)  Der  Justizminister  Leonhardt  hatte  am  30.  November  bei  Vorlage  des
Entwurfs  der  neuen  preußischen  Hypothekengesetzen  twürfe  die  Hoffnung  ausgesprochen,
daß  dieses  neue  Recht  in  kurzem  für  ganz  Deutschland  Geltung  gewinnen  werde.
Wenn  das  Gesetz  sich  bewähre,  werde  es  für  den  Norddeutschen  Bund  angenommen
werden,  und  zwischen  diesem  Momente  und  der  Einführung  in  Süddeutschland
werde  ein  nur  nach  Monaten  zu  berechnender  Zeitraum  liegen.
        <pb n="355" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  343

von  Bismarck  sprachen,  erzählte  mir  Usedom  als  ein  Beispiel  wie  man
seine  Ansichten  ändern  könnte,  daß  es  Bismarck  war,  der  Manteuffel  nach
Olmütz  trieb.  Bismarck  hielt  damals  die  österreichische  Allianz  für  das
einzige  Heilmittel  und  blieb  dieser  Ansicht,  bis  er  sich  als  Bundestagsgesandter
  davon  überzeugte,  daß  dies  nicht  möglich  sei.

München,  21.  Dezember  1868.

Heute  war  Fröbel  bei  mir,  der  eben  von  Berlin  und  Wien  zurückkam.
Er  erzählte  mir,  daß  er  in  Wien  die  Stimmung  vollständig  verändert
gefunden  habe.  Während  man  voriges  Jahr  noch  an  den  Zerfall  Oesterreichs
  geglaubt  habe,  sei  jetzt  das  Selbstvertrauen  wieder  groß,  und  man
gehe  schon  wieder  soweit,  ganz  bestimmt  zu  verlangen,  Süddeutschland
müsse  sich  an  Oesterreich  anschließen,  damit  Oesterreich  nicht  ganz  magyarisiert
  werde.  Auf  die  kleinen  deutschen  Dynastien  brauche  man,  meint  man
dort,  keine  Rücksicht  zu  nehmen,  da  diese  sich  feindlich  oder  unbrauchbar
erwiesen  hätten.  Dies  ist  die  Stimmung  in  den  deutschparlamentarischen
Kreisen.  Die  Minister  äußern  sich  vorsichtiger.  Mit  Beust  hatte  Fröbel
ein  längeres  Gespräch,  in  welchem  dieser  ihm  wegen  der  Haltung  der
„Süddeutschen  Presse“  Vorwürfe  machte,  später  sich  aber  beruhigte.  Beust
behauptet,  sich  nicht  in  die  deutschen  Angelegenheiten  mischen  zu  wollen.
Allein  aus  seinen  Gesprächen  ging  doch  hervor,  daß  er  es  nicht  ehrlich
meint.  Im  allgemeinen  bezeichnet  Fröbel  die  Stimmung  in  Wien  so,  daß
dort  eine  friedliche  Lösung  der  deutschen  Frage  nicht  für  möglich  gehalten
  wird.

Mit  Bismarck  hat  Fröbel  eine  einstündige  Unterredung  gehabt.
Bismarck  sagte,  er  werde  Süddeutschland  gegenüber  sich  passiv  verhalten.
Die  Entwicklung  Deutschlands  könne  noch  dreißig  Jahre  dauern,  und  das
schade  nicht.  Es  sei  eine  große  Entwicklung,  die  Zeit  brauche.  Vom
Zollparlament  verspricht  sich  Bismarck  die  weitere  Ausbildung  der  deutschen
Verhältnisse.  Er  besprach  auch  das  Jahr  1866  und  meinte,  daß  wenn
er  auch  damals  ganz  Süddeutschland  und  Deutsch-Oesterreich  mit  Preußen
hätte  vereinigen  können,  er  es  nicht  getan  haben  würde,  weil  damit  zu
viele  heterogene  Elemente  zusammengeworfen  worden  wären  und  daraus
keine  dauernde  Gestaltung  geschaffen  worden  wäre.  Gegen  den  süddeutschen
Bund  hatte  er  nichts  zu  erinnern,  doch  gab  er  zu,  daß  damit  die  erneute
Teilnahme  Oesterreichs  an  den  deutschen  Verhältnissen  ermöglicht  werde,
woraus  Schwierigkeiten  entstehen  könnten.  Von  einem  Bedrohen  der
süddeutschen  Selbständigkeit  seitens  Norddeutschlands  hatte  Fröbel  in  Berlin
nichts  gemerkt.  Unfre  Selbständigkeit  werde  von  Oesterreich  aus  bedroht.
Ein  Brief  eines  Mannes  aus  Wien,  der  keine  politische  Stellung  habe,
aber  mit  Beust  in  Verbindung  stehe,  und  den  Fröbel  hier  erhalten  hat,
        <pb n="356" />
        344  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

beweist,  daß  man  in  Wien  an  eine  Verständigung  mit  Preußen  auf  unsre
Kosten  denkt.
München,  31.  Dezember  1868.

Der  österreichische  Gesandte  Graf  Ingelheim  )  führte  heute  bei  dem
diplomatischen  Donnerstagsbesuch  das  Gespräch  auf  die  Rede  des  Ministers
von  Varnbüler?)  und  bemerkte,  daß  damit  jede  Hoffnung  auf  den  Südbund
  abgeschnitten  sei.  Ich  erwiderte,  daß  ich  dies  ohne  jedes  Erstaunen
gelesen  habe,  weil  mir  die  Ansichten  Varnbülers  bekannt  seien  und  ich
ebenso  die  Tendenzen  des  württembergischen  Volks  kenne,  welche  dahin
gingen,  vor  allem  seine  Autonomie  zu  erhalten.  Ohne  Aufgabe  eines
Teils  dieser  Selbständigkeit  aber  sei  auch  der  Südbund  nicht  denkbar,
weshalb  derselbe  in  Württemberg  wenig  Aussicht  habe,  es  sei  denn,  man
gehe  auf  den  Plan  ein,  eine  süddeutsche  Föderation  von  Republiken  zu
bilden,  was  jedenfalls  weder  im  Interesse  noch  im  Plane  der  süddeutschen
Regierungen  liege.3)  Ingelheim  riet  nun  zu  einer  Verabredung  der  süddeutschen
  Staaten  dahin  gehend,  sich  gegenseitig  zu  verpflichten,  keinen
Schritt  weiter  zur  Annäherung  an  Preußen  zu  machen.  Nur  dadurch
könne  die  Gefahr  einer  Absorbierung  durch  Preußen  abgewendet  werden.
Ich  wandte  dagegen  ein,  daß  eine  solche  Verabredung  nur  einen  negativen
Zweck  habe  und  wohlüberlegt  sein  wolle.  Der  Prager  Frieden  stipuliere
die  nationale  Verbindung  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Nordbunde

 

1)  Nachfolger  des  am  14.  November  von  dem  Könige  in  Abschiedsaudienz  empfangenen
  Grafen  Trauttmansdorff.  Am  12.  Dezember  hatte  Fürst  Hohenlohe  sein
Beglaubigungsschreiben  entgegengenommen.

2)  Bei  der  Adreßdebatte  der  Zweiten  Kammer  am  18.  und  19.  Dezember  hatte
Varnbüler  gesagt:  die  Vereinigung  der  süddeutschen  Staaten,  die  man  von  der
Regierung  verlangt,  ist  nichts  andres  als  der  Südbund  ..  .  Also  nicht  bloß  eine
Verständigung  mit  den  Nachbarstaaten,  sondern  ein  staatliches  Gebilde.  Ich  frage
nun:  ist  ein  solches  möglich  .  .  Sie  werden  mir  zugeben,  daß  eine  staatliche
Organisation  etwas  zu  tun,  eine  Kompetenz  haben  muß.  Wie  wollen  Sie  nun  diese
für  Ihre  Zentralgewalt,  für  Ihr  Parlament  bestimmen?  Doch  nicht  geringer  als
die  Kompetenz  des  norddeutschen  Bundesrats?  Dann  müßten  die  süddeutschen
Staaten  an  das  Bundesorgan  abtreten  alle  diejenigen  Gegenstände,  welche  in  den
15  Ziffern  des  Artikels  IV  der  norddeutschen  Bundesverfassung  aufgeführt  sind.
Dabei  haben  Sie  zu  bedenken,  daß  Württemberg  und  Baden  in  den  Bundesorganen
gegenüber  von  Bayern  stets  in  der  Minorität  wären  ..  Das  ganze  württembergische
  Volk  würde  gegen  ein  solches  Experiment  sich  erheben  .  Wenn  Sie  alle
die  Gegenstände  ins  Auge  fassen,  welche  dem  Bunde  zufielen,  so  würde  gewiß  bald
der  Gedanke  Platz  greifen,  wenn  wir  einmal  solche  Dinge  haben  sollen,  so  wollen
wir  sie  lieber  mit  ganz  Deutschland  als  mit  Bayern  gemeinschaftlich  haben.

3)  Die  württembergische  Volkspartei  hatte  den  Südbund  in  ihr  Programm
aufgenommen.  Ihr  Vertreter  Karl  Mayer  sagte  in  der  Adreßdebatte  vom  18.  und
19.  Dezember:  „Ich  glaube,  wenn  wir  den  Südbund  gründen,  machen  wir  keinen
Hemmschuh  für  die  republikanische  Entwicklung  Europas."“
        <pb n="357" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  345

(was  Ingelheim  zuerst  bestreiten  wollte,  was  ich  ihm  aber  durch  Vorlesen
des  Artikels  IV  des  Prager  Friedens  beweisen  konnte).  Ich  zeigte  ihm
dann,  daß  Oesterreich  selbst  die  Notwendigkeit  einer  neuen  Gestaltung
Deutschlands  in  Artikel  IV  anerkannt  habe,  daß  also  diese  Gestaltung
stattfinden  müsse  und  daß  man  sich  auf  eine  negative  Haltung  nicht  beschränken
  dürfe,  ohne  dem  Prager  Frieden  zuwiderzuhandeln.  Die  Verbindung
  der  süddeutschen  Staaten  in  Form  eines  Staatenvereins  und
dessen  Verbindung  mit  Norddeutschland  sei  nicht  unmöglich,  und  deshalb
dürfe  man  keinen  Vertrag  abschließen,  der  möglicherweise  ein  solches  Ziel
ausschließe.  Uebrigens  wollte  ich  mir  seinen  Rat  überlegen.

Der  bayrische  Gesandte  in  Karlsruhe  Freiherr  von  Riederer  hatte  am
15.  Januar  berichtet,  daß  Großherzog  Friedrich  von  Baden  ihm  bei
mehreren  Gelegenheiten  den  Wunsch  ausgedrückt  habe,  mit  König  Ludwig
in  einen  persönlichen  Gedankenaustausch  über  die  politische  Lage  Deutschlands
  zu  treten.  Hierauf  bezieht  sich  der  folgende  Bericht  des  Fürsten
vom  22.  Januar  1869:

Eure  Königliche  Majestät  haben  dem  treugehorsamst  Unterzeichneten
durch  Schreiben  Allerhöchstihres  Kabinettssekretärs  den  Auftrag  erteilen
zu  lassen  geruht,  sich  über  den  in  der  Depesche  des  Königlichen  Gesandten
in  Karlsruhe  angedeuteten  Wunsch  des  Großherzogs  von  Baden,  mit  Eurer
Königlichen  Majestät  zusammenzutreffen,  gutachtlich  zu  äußern.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  muß  diese  Begegnung  um  so  mehr
als  im  Interesse  Eurer  Königlichen  Majestät  liegend  bezeichnen,  als  die
Begründung  persönlicher  freundschaftlicher  Beziehungen  zwischen  Eurer
Königlichen  Majestät  und  dem  Großherzog  von  Baden  wesentlich  dazu
beitragen  wird,  die  Bemühungen  des  treugehorsamst  Unterzeichneten  zu
unterstützen,  Baden  von  einer  einseitigen  Politik  abzuhalten  und  dahin  zu
führen,  eine  mit  der  Politik  der  übrigen  süddeutschen  Staaten  mehr
harmonierende  Stellung  einzunehmen.  Der  Umschwung,  welcher  sich  in
dieser  Beziehung  in  der  Stimmung  des  badischen  Volks  vorbereitet,  scheint
diese  Aenderung  der  badischen  Politik  fördern  zu  wollen,  und  ein  Zusammentreffen
  mit  Eurer  Königlichen  Majestät  wird  dem  Großherzog  von
Baden  Vertrauen  und  Mut  geben,  sich  mehr  demjenigen  Teile  seiner
Untertanen  zu  nähern,  welcher  das  Aufgeben  der  badischen  Selbständigkeit
als  ein  Unglück  für  das  Land  betrachtet.  Eure  Königliche  Majestät  wissen,
daß  die  Tätigkeit  des  Ministers  in  gewissen  Situationen  nicht  ausreicht.
Das  persönliche  Hervortreten  Eurer  Königlichen  Majestät  und  Allerhöchstderen
  Zusammentreffen  mit  den  übrigen  deutschen  Monarchen  kann  zurzeit
  noch  auf  die  Gestaltung  der  Dinge  in  Deutschland  bedeutenden
        <pb n="358" />
        346  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Einfluß  ausüben  und  die  Stellung  Bayerns  zu  der  machen,  auf  welche
das  Königreich  durch  seine  Geschichte  und  die  ihm  innewohnende  Kraft
Anspruch  machen  darf.  Möchten  Eure  Königliche  Majestät  diesen  Zeitpunkt
  nicht  unbenutzt  vorübergehen  lassen!

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  würde  eine  Begegnung  Eurer
Königlichen  Majestät  mit  dem  Großherzog  von  Baden  als  ein  folgenreiches
Ereignis  betrachten  und  könnte  dasselbe  nur  mit  Freuden  begrüßen.
Nachdem  der  Großherzog  Eurer  Königlichen  Majestät  bereits  beim  Regierungsantritt
  einen  Besuch  gemacht  hat,  dürfte  einem  Besuche  Eurer  Königlichen
Majestät  in  Karlsruhe  vom  Standpunkte  der  Etikette  ein  Hindernis  nicht
im  Wege  stehen,  ja  derselbe  aus  diesem  Grunde  einer  Begegnung  am
dritten  Orte  vorzuziehen  sein.

Aus  einem  Schreiben  an  Professor  Aegidi  in  Bonn.))
München,  28.  Februar  1869.

.  Ich  will  den  müßigen  Streit  nicht  berühren,  ob  der  Prager
Frieden  und  die  Nikolsburger  Präliminarien  den  Verein  süddeutscher
Staaten  als  den  einzigen  Weg  offen  lassen,  mit  dem  Norden  in  nähere
Verbindung  zu  kommen  oder  nicht.  Ich  fasse  die  Sache  nur  vom  praktischen
Gesichtspunkte  ins  Auge.

Wer  die  süddeutschen  Zustände  aufmerksam  beobachtet,  wird  leicht  erkennen,
  daß  die  Gefahr  für  Deutschland  in  der  mehr  und  mehr  um  sich
greifenden  Entfremdung  zwischen  Süddeutschland  und  Norddeutschland  liegt.
Je  strammer  das  Band  gezogen  wird,  welches  die  Staaten  des  Norddeutschen
  Bundes  umschließt,  um  so  schwerer  wird  es  dem  Süddeutschen,
sich  mit  dem  Gedanken  einer  Vereinigung  mit  dem  Norden  zu  befreunden.
Die  nationale  Abneigung  der  süddeutschen  Stämme  gegen  die  Norddeutschen
ist  eine  nicht  zu  leugnende  Tatsache.  Diese  Abneigung,  verbunden  mit  der
Furcht  vor  dem  Aufgehen  in  dem  preußisch-deutschen  Einheitsstaate,  hat  seit
dem  Jahre  1866  auffallend  zugenommen,  und  alle  Feinde  Preußens  und
Deutschlands  benutzen  diese  Stimmung,  um  die  Kluft  von  Tag  zu  Tag  zu
erweitern.  So  werden  die  süddeutschen  Staaten  unmerklich  zu  einer  feindlichen
  Stellung  gegenüber  dem  Norden  geführt,  und  bricht  irgendeine  von
den  Gegnern  Preußens  gewünschte  und  geförderte  Katastrophe  aus,  so
tritt  die  Gefahr  nahe,  daß  Süddeutschland  von  Norddeutschland  dauernd
abgetrennt  werde.  Um  diese  Gefahr  abzuwenden,  ist  es  nötig,  sobald  als

 

1)  Aegidi,  mit  welchem  der  Fürst  im  Zollparlament  zusammengetroffen  war,
hatte  ihm  am  7.  Februar  einen  Entwurf  eines  süddeutschen  Staatenvereins  gesandt,
  dessen  Inhalt  sich  im  wesentlichen  auf  den  der  Schutz=  und  Trutzbündnisse
beschränkte  und  nur  durch  die  Bildung  des  „Vereins“  als  solche  eine  Förderung
  der  süddeutschen  Verfassungsfrage  herbeiführen  wollte.
        <pb n="359" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  347

möglich  aus  allen  Provisorien  herauszukommen  und  die  Neugestaltung
Deutschlands  ernstlich  zu  Ende  zu  führen.

Diese  Neugestaltung  kann  aber,  wie  die  Dinge  heute  liegen,  nicht
durch  einfachen  Eintritt  der  süddeutschen  Staaten  in  den  Norddeutschen
Bund  bewerkstelligt  werden.  Wer  sich  dieses  Ziel  setzt,  wird  das  Provisorium
  und  damit  den  gegenwärtigen  prekären  Zustand  ins  Unbestimmte
verlängern.  Wird  aber  zugegeben,  daß  das  Provisorium  gefahrbringend
ist,  so  wird  anerkannt,  daß  wir  sobald  als  möglich  zu  einer  Form
gelangen  müssen,  die  den  Süddeutschen  die  Erhaltung  ihrer  Autonomie,
ihrer  Eigentümlichkeit,  ihres,  ich  möchte  sagen,  gemütlichen  Staatslebens
garantiert  und  gleichzeitig  die  Verbindung  mit  dem  Norden  ermöglicht.

Haben  die  Süddeutschen  diese  Garantie,  so  werden  sie  sich  nach  und
nach  in  das  große  deutsche  Gemeinwesen  einleben,  wenn  nicht,  nicht!

Ein  süddeutscher  Staatenverein,  der  mehr  wäre  als  eine  bloße  völkerrechtliche
  Allianz,  ein  Verein,  an  dessen  Spitze  ein  gemeinsames  Bundesorgan
  (wenn  auch  ohne  Parlament)  stände,  gemeinsame  Regelung  der
Militärangelegenheiten  und  der  auswärtigen  Politik,  gemeinsame  Leitung
der  Verkehrsangelegenheiten  u.  s.  w.  —  dies  würde  etwa  die  Form  sein,
welche  den  süddeutschen  Staaten  jene  obenerwähnte  Garantie  bieten  könnte,
und  hiermit  wäre  denn  auch  den  Süddeutschen  der  feste  Boden  geschaffen,
von  welchem  aus  sie  den  norddeutschen  Brüdern  ehrlich  und  ohne  Rückhalt
  die  Hand  reichen  könnten.  Niemand  gibt  gern  die  Hand  über  einen
Graben  hinüber,  wenn  er  nicht  vorher  auf  dem  diesseitigen  Ufer  festen

Fuß  gefaßt  hat.

Fürst  Hohenlohe  hatte  schon  im  November  1868  den  Versuch  gemacht,
  die  badische  Regierung  zur  Aufgabe  ihres  Vorbehalts,  daß  die
süddeutsche  Festungskommission  erst  nach  Beendigung  der  Liquidationsverhandlungen
  ins  Leben  treten  sollte,  zu  bestimmen.  Er  wünschte  die
Festungskommission  sofort  in  Wirksamkeit  zu  setzen  und  durch  diplomatische
Verhandlungen  mit  Preußen  die  Frage  des  Festungsmobiliars  zu  erledigen,
so  daß  ein  neuer  Zusammentritt  der  Liquidationskommission  überflüssig  geworden
  wäre.  Baden  ging  darauf  nicht  ein.  Trotz  dessen  setzte  die
bayrische  Regierung  die  Bemühung  fort,  vor  dem  Zusammentritt  der
Liquidationskommission,  wenigstens  eine  Garantie  dafür  zu  erhalten,  daß
nicht  in  dieser  von  den  preußischen  Vertretern  eine  gemeinsame  Verwaltung
des  Festungsmaterials  gefordert  werden  würde.

Einen  Einblick  in  diese  Verhandlungen  gewährt  der  nachfolgende
Entwurf  eines  Schreibens  an  den  bayrischen  Gesandten  in  Berlin,  welcher
nach  einem  Vermerk  auf  dem  Manuskript  „in  veränderter  Form“  abgegangen
  ist.  Er  stammt  aus  dem  Ende  Februar  1869.
        <pb n="360" />
        348  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Auf  die  Anfrage,  welche  ich  unter  dem  15.  v.  M.  durch  E.  H.
an  den  Grafen  Bismarck  über  die  Maßregeln  stellen  ließ,  welche  Preußen
bezüglich  der  Behandlung  des  früheren  beweglichen  Bundeseigentums  etwa
als  geeignet  erachten  würde,  und  von  welchen  Ansichten  die  Königlich
preußische  Regierung  in  dieser  Beziehung  bei  der  Instruierung  ihrer  Bevollmächtigten
  zu  der  in  Aussicht  genommenen  Liquidationskommission  ausgehen
  würde,  hat  mir  Graf  Bismarck  durch  den  Freiherrn  von  Werthern
am  28.  v.  M.  eine  Mitteilung  zugehen  lassen.  Diese  gibt  die  Bereitwilligkeit
  der  Königlich  preußischen  Regierung  zu  erkennen,  auf  den
Wunsch  der  süddeutschen  Regierungen  einzugehen,  das  gemeinsame  Eigentum
  an  jenem  Festungsmateriale  fortbestehen  zu  lassen,  welches  sich  aus  der
Zeit  des  ehemaligen  Deutschen  Bundes  her  in  Ulm,  Rastatt  und  Landau
noch  befindet,  zeigt  aber  gleichzeitig,  daß  die  Königlich  preußische  Regierung,
solange  die  Gemeinschaft  fortbesteht,  auf  eine  gemeinschaftliche  Beaufsichtigung
  des  Materials  nicht  verzichten  zu  können  glaubt.  Wenn  ich  somit
  in  dieser  Aeußerung  eine  Begründung  der  Hoffnung  erblicke,  daß  die
insbesondere  von  den  Regierungen  von  Württemberg  und  Baden  nicht
gewünschte  Ablösung  des  vormaligen  Bundeseigentums  vermieden  werden
könne,  so  kann  ich  auch  ein  zu  weitgehendes  und  für  uns  unannehmbares
Verlangen  darin  nicht  erblicken,  daß  die  Wahrung  der  Eigentumsrechte
Norddeutschlands  auf  dem  Wege  gegenseitiger  Beaufsichtigung  zur  Ausführung
  gebracht  werde.  Die  protokollarische  Vereinbarung  vom  10.  Oktober
v.  J.,  welche  wir  sofort  zur  Kenntnis  der  Königlich  preußischen  Regierung
  gebracht  haben,  1)  spricht  denn  auch  keineswegs  davon,  Norddeutschland
  vollständig  von  jeder  Mitwirkung  auszuschließen,  im  Gegenteil
ist  hier  bereits  eine  Mitwirkung  desselben,  solange  das  gemeinsame  Eigentum
  fortdauert,  bestimmt  in  Aussicht  genommen.  Nur  über  das  Maß
dieser  Beteiligung  war  uns  bisher  die  Ansicht  der  Königlich  preußischen
Regierung  nicht  bekannt,  und  der  Umstand,  daß  von  verschiedenen  Seiten
die  Errichtung  einer  Festungskommission  als  beabsichtigt  bezeichnet  wurde,
welcher  nicht  nur  die  Aussicht,  sondern  auch  die  Verwaltung  des  in  den
süddeutschen  Festungen  befindlichen  Materials  übertragen  werden  sollte,
mußte  der  Königlichen  Regierung  im  Hinblick  auf  die  protokollarische  Vereinbarung
  der  süddeutschen  Staaten  vom  10.  Oktober  v.  J.,  in  welcher
eine  solche  Festungskommission  ausdrücklich  ausgeschlossen  wird,  die  Pflicht
auferlegen,  schon  jetzt  zu  erklären,  daß  sie  auf  einen  derartigen  Vorschlag
einzugehen  nicht  in  der  Lage  wäre.

Wenn  die  Königliche  Regierung  diese  Erklärung  heute  wiederholen  zu

 

1)  Durch  Mitteilung  des  Fürsten  Hohenlohe  an  den  preußischen  Gesandten
vom  14.  Oktober  1868.
        <pb n="361" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  349

müssen  glaubt,  so  bestimmt  sie  hierzu  der  Bericht  des  Königlichen  Majors
Freiherrn  von  Freyberg  über  eine  mit  dem  Grafen  von  Bismarck  gepflogene
Unterredung,  aus  welcher  hervorgeht,  daß  Seine  Exzellenz  eine  Kommission,
gemischt  aus  Vertretern  aller  beteiligten  Staaten  des  Südens  und  aus
solchen  des  Nordbundes,  mit  der  Sorge  der  Instandsetzung  und  zeitgemäßen
  Verbesserung  der  fortifikatorischen  und  artilleristischen  Mittel
u.  s.  w.  als  wünschenswert  bezeichnet  hat.  Wenn  ich  hierin  auch  keinen
offiziellen  Vorschlag  der  preußischen  Regierung,  sondern  lediglich  die  im
Laufe  eines  Gesprächs  über  militärische  Dinge  hervorgetretene  Aeußerung  über
das  im  militärischen  Interesse  Wünschenswerte  erblicken  zu  können  glaube,
so  zeigt  doch  diese  Aeußerung  Seiner  Exzellenz,  zu  welchen  Vorschlägen
die  Beratung  über  die  Behandlung  des  früheren  Bundeseigentums  führen
kann,  und  bestätigt  die  Notwendigkeit  des  in  meiner  Depesche  vom  15.  v.  M.
niedergelegten  Wunsches,  vor  dem  Zusammentritt  der  Ligquidationskommission
  die  Anschauungen  der  Königlich  preußischen  Regierung  kennen
zu  lernen,  um  schon  jetzt  in  der  Lage  zu  sein,  Vorschläge  als  unannehmbar
  zu  bezeichnen,  welche  eine  gedeihliche  Lösung  der  Aufgabe  der  Ligquidationskommission
  zu  hindern  geeignet  wären.

Ich  bemerke  hierbei,  daß,  wenn  meine  Depesche  vom  15.  v.  M.  davon
spricht,  daß  Forderungen  vermieden  werden,  welche  dazu  führen  könnten,
das  Band  zu  lockern,  welches  zwischen  den  süddeutschen  Staaten  und  dem
Norddeutschen  Bunde  noch  besteht,  ich  dabei  nur  an  jenes  Band  denken
konnte,  welches  eben  in  der  Gemeinsamkeit  des  Eigentums  an  dem  früheren
Bundesfestungsmaterial  liegt.  An  das  Schutz=  und  Trutzbündnis,  welches
zwischen  Bayern  und  Preußen  besteht  und  auf  welches  Graf  Bismarck
meine  Aeußerung  bezogen  zu  haben  scheint,  konnte  ich  schon  aus  dem
Grunde  nicht  denken,  weil  nach  Ansicht  der  Königlich  bayrischen  Regierung
der  Allianzvertrag  lediglich  ein  Akt  der  äußeren  Politik  gewesen  ist.  Auch
mußte  mir  der  Gedanke,  daß  die  Regelung  des  gemeinsamen  Festungsmaterials
  irgendeinen  Einfluß  auf  den  Allianzvertrag  äußern  könnte,
um  so  ferner  liegen,  als  in  dem  gleichfalls  der  Königlich  preußischen
Regierung  mitgeteilten  Vertrage  vom  10.  Oktober  v.  J.  ausdrücklich  erklärt
  ist,  die  Bestimmungen  der  Allianzverträge  sollten  durch  die  Vereinbarung
  über  die  Festungskommission  in  keiner  Weise  berührt  werden.

Ich  bin  weit  davon  entfernt,  auch  nur  die  Möglichkeit  zuzugeben,
daß  durch  irgendeinen  Anlaß  der  inneren  Politik  die  Vereinbarung  berührt
  oder  gelockert  werden  könnte,  welche  zur  gegenseitigen  Garantierung
der  Integrität  ihres  Gebiets  zwischen  Bayern  und  Preußen  bestehen.
Mag  die  Angelegenheit  des  früheren  Bundeseigentums  zu  allseitiger
Zufriedenheit  gelöst  werden  oder  nicht,  mag  ein  gemeinsames  Eigentum
zwischen  Norddeutschland  und  Süddeutschland  forterhalten  bleiben  oder
        <pb n="362" />
        350  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Bayern  sich  zur  Ablösung  seines  Anteils  veranlaßt  sehen,  die  Königlich
bayrische  Regierung  wird  an  dem  Schutz=  und  Trutzbündnis  loyal  festhalten.
  Die  durch  jene  Bündnisse  geschaffene  nationale  Gemeinsamkeit  in
der  Verteidigung  deutschen  Bodens  steht  nach  unfrer  Ueberzeugung  so
über  allen  Zweifel  erhaben,  daß  verschiedene  Ansichten  über  jene  Detailfragen
  in  keiner  Weise  dieses  feste  Band  erschüttern  können.

Ich  freue  mich,  aus  der  Mitteilung  des  Freiherrn  von  Werthern  zu
entnehmen,  daß  Graf  Bismarck  in  dieser  Hinsicht  mit  mir  die  gleiche  Anschauung
  teilt.  Was  nun  die  Grundsätze  betrifft,  von  welchen  bei  der
Regelung  des  gemeinsamen  Festungsmaterials  ausgegangen  werden  dürfte,
so  eröffnet  die  Mitteilung  des  Freiherrn  von  Werthern  die  Aussicht,  daß
sich  die  Königlich  preußische  Regierung  darin  mit  der  Königlich  bayrischen
Regierung  werde  einverstanden  erklären  können,  daß  die  Verwaltung
jenes  Materials  keine  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  gemeinsame  sein  solle.

Der  Ansicht  der  Königlichen  Regierung  würde  es  mehr  entsprechen,
wenn  die  Verwaltung  des  in  Süddeutschland  gelegenen  Materials  nicht
den  süddeutschen  Territorialregierungen,  wie  dies  im  Protokoll  vom
10.  Oktober  v.  J.  vereinbart  wurde,  sondern  der  Festungskommission  selbst
übertragen  würde.  Nur  um  dem  Wunsche  Badens  nachzukommen,  hat
sich  die  Königliche  Regierung  jener  Fassung  des  Protokolls  angeschlossen.
Wie  indessen  diese  Regelung  auch  stattfinden  mag,  darin  waren  die  süddeutschen
  Regierungen  einig,  daß  dem  Norddeutschen  Bunde  als  Miteigentümer
  eine  Beteiligung  an  der  Oberaufsicht  des  gemeinschaftlichen  Materials
zugestanden  werden  müsse.  Es  dürfte  nicht  schwer  sein,  eine  Form  zu
finden,  in  welcher  diese  gegenseitige  Inspizierung  des  Materials,  welches
in  den  früheren  Bundesfestungen  lagert,  stattfinden  könnte.  Ich  gebe  mich
also  der  Hoffnung  hin,  daß  die  etwa  bestehenden  Differenzen  in  der  Anschauung
  der  beiden  Regierungen  bald  gelöst  werden  können,  und  füge
noch  bei,  daß  es  wohl  am  zweckmäßigsten  sein  würde,  die  süddeutsche  Festungskommission
  sofort  ins  Leben  treten  zu  lassen,  nachdem  durch  eine  zwischen
den  süddeutschen  Staaten  und  dem  Norddeutschen  Bunde  getroffene  Verständigung
  die  in  Artikel  VII  des  Vertrags  vom  10.  Oktober  v.  J.  vorbehaltene
  Beteiligung  des  Norddeutschen  Bundes  an  der  Oberausfsicht  über
die  Verwaltung  des  Festungsmaterials  geregelt  sein  wird.

Indem  ich  E.  H.  bitte,  diese  Depesche  zur  Kenntnis  des  Herrn
Grafen  von  Bismarck  zu  bringen  u.  s.  w.

Diese  Verhandlungen  mit  Preußen  führten  zu  keinem  Ergebnis.  Im
März  1869  erklärte  der  preußische  Gesandte,  daß  Graf  Bismarck  jedenfalls
  der  schleunigen  Einberufung  der  Liquidationskommission  entgegensehe.
Am  9.  März  konferierte  Fürst  Hohenlohe  auf  Befehl  des  Königs  mit
        <pb n="363" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  351

Varnbüler  in  Nördlingen,  und  das  Ergebnis  dieser  Besprechung  war,  daß
am  10.  März  die  Liquidationskommission  auf  den  4.  April  zusammenberufen
wurde.

Der  Nachlaß  des  Fürsten  bietet  leider  nur  wenige  Zeugnisse  von  dem
lebhaften  Verkehr  mit  Ignaz  von  Döllinger,  welcher  in  der  Periode  vor
dem  Zusammentritt  des  Vatikanischen  Konzils  eine  so  bedeutsame  Einwirkung
  auf  die  Kirchenpolitik  des  Fürsten  geübt  hat.  Dieser  Verkehr
war  naturgemäß  in  der  Hauptsache  ein  persönlicher,  und  nur  zur  Ergänzung
mündlichen  Austausches  wurden  gelegentlich  kurze  Briefe  geschrieben.

Am  23.  März  1869  übersendet  Döllinger  dem  Fürsten  den  Entwurf
zu  dem  nachfolgenden  Rundschreiben  vom  9.  April.

Das  Rundschreiben  ist  bis  auf  die  Schlußsätze,  beginnend  mit  den
Worten:  „Ich  habe  bisher  gewartet“,  von  Döllinger  verfaßt.  Eine  französische
  Uebersetzung  des  Rundschreibens  hat  der  Fürst  eigenhändig  geschrieben.

Rundschreiben  an  die  bayrischen  Gesandtschaften
vom  9.  April  1869.

Es  läßt  sich  gegenwärtig  mit  Bestimmtheit  annehmen,  daß  das  von
Seiner  Heiligkeit  dem  Papste  Pius  IX.  1)  ausgeschriebene  Allgemeine  Konzilium,
  wenn  nicht  unvorhergesehene  Ereignisse  dazwischentreten,  wirklich
im  Dezember  stattfinden  wird.  Ohne  Zweifel  wird  dasselbe  von  einer
sehr  großen  Zahl  von  Bischöfen  aus  allen  Weltteilen  besucht  und  zahlreicher
  werden  als  irgendein  früheres  und  wird  also  auch  in  der  öffentlichen
  Meinung  der  katholischen  Welt  die  hohe  Bedeutung  und  das  Ansehen,
welches  einem  ökumenischen  Konzilium  zukommt,  entschieden  für  sich  und
seine  Beschlüsse  in  Anspruch  nehmen.

Daß  das  Konzilium  sich  mit  reinen  Glaubensfragen,  mit  Gegenständen
der  reinen  Theologie  beschäftigen  werde,  ist  nicht  zu  vermuten,  denn  derartige
  Fragen,  welche  eine  konziliarische  Erledigung  erheischten,  liegen
gegenwärtig  nicht  vor.  Die  einzige  dogmatische  Materie,  welche  man,
wie  ich  aus  sicherer  Quelle  erfahre,  in  Rom  durch  das  Konzilium  entschieden
  sehen  möchte  und  für  welche  gegenwärtig  die  Jesuiten  in  Italien
wie  in  Deutschland  und  anderwärts  agitieren,  ist  die  Frage  von  der  Unfehlbarkeit
  des  Papstes.  Diese  aber  reicht  weit  über  das  rein  religiöse
Gebiet  hinaus  und  ist  hochpolitischer  Natur,  da  hiermit  auch  die  Gewalt
der  Päpste  über  alle  Fürsten  und  Völker,  auch  die  getrennten,  in  weltlichen
  Dingen  entschieden  und  zum  Glaubenssatz  erhoben  wäre.

 

1)  Durch  Bulle  vom  29.  Juni  1868.
        <pb n="364" />
        352  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Ist  nun  schon  diese  höchst  wichtige  und  folgenreiche  Frage  ganz  geeignet,
  die  Aufmerksamkeit  aller  Regierungen,  welche  katholische  Untertanen
haben,  auf  das  Konzil  zu  lenken,  so  muß  ihr  Interesse,  richtiger  ihre  Besorgnis,
  sich  noch  steigern,  wenn  sie  die  bereits  im  Gange  befindlichen
Vorarbeiten  und  die  Gliederung  der  für  diese  in  Rom  gebildeten  Ausschüsse
  ins  Auge  fassen.  Unter  diesen  Ausschüssen  ist  nämlich  einer,  welcher
sich  bloß  mit  den  staatskirchlichen  Materien  zu  befassen  hat.  Es  ist  also
ohne  Zweifel  die  bestimmte  Absicht  des  römischen  Hofes,  durch  das  Konzilium
  wenigstens  einige  Beschlüsse  über  kirchlich-politische  Materien  oder
Fragen  gemischter  Natur  feststellen  zu  lassen.  Hierzu  kommt,  daß  die  von
den  römischen  Jesuiten  herausgegebene  Zeitschrift,  die  „Civilta  cattolica",
welcher  Papst  Pius  in  einem  eignen  Breve  die  Bedeutung  eines  offiziösen
  Organs  der  Römischen  Kurie  zugesprochen  hat,  es  erst  kürzlich  als
eine  dem  Konzilium  zugedachte  Aufgabe  bezeichnet  hat,  die  Verdammungsurteile
  des  päpstlichen  Syllabus  vom  8.  Dezember  1864  in  positive  Beschlüsse
  oder  konziliarische  Dekrete  zu  verwandeln.  Da  diese  Artikel  des
Syllabus  gegen  mehrere  wichtige  Arxiome  des  Staatslebens,  wie  es  sich
bei  allen  Kulturvölkern  gestaltet  hat,  gerichtet  sind,  so  entsteht  für  die
Regierungen  die  ernste  Frage:  ob  und  in  welcher  Form  sie  teils  die  ihnen
untergebenen  Bischöfe,  teils  später  das  Konzil  selbst  hinzuweisen  hätten
auf  die  bedenklichen  Folgen,  welche  eine  solche  berechnete  und  prinzipielle
Zerrüttung  der  bisherigen  Beziehungen  von  Staat  und  Kirche  herbeiführen
müßte.  Es  entsteht  ferner  die  Frage,  ob  es  nicht  zweckmäßig  erscheine,
daß  die  Regierungen  gemeinschaftlich,  etwa  durch  ihre  in  Rom  befindlichen
Vertreter,  eine  Verwahrung  oder  Protestation  gegen  solche  Beschlüsse  einlegten,
  welche  einseitig,  ohne  Zuziehung  der  Vertreter  der  Staatsgewalt,
ohne  jede  vorhergehende  Mitteilung  über  staatskirchliche  Fragen  oder  Gegenstände
  gemischter  Natur  von  dem  Konzilium  gefaßt  werden  möchten.  Es
erscheint  mir  unumgänglich  nötig,  daß  die  beteiligten  Regierungen  gegenseitiges
  Einverständnis  über  diese  ernste  Angelegenheit  zu  erzielen  versuchen.


Ich  habe  bisher  gewartet,  ob  nicht  von  einer  oder  der  andern
Seite  eine  Anregung  ausgehen  werde;  nachdem  dies  aber  nicht  geschehen
und  die  Zeit  drängt,  sehe  ich  mich  veranlaßt,  Eure  zu  beauftragen,
vorstehende  Angelegenheit  bei  der  Regierung,  bei  welcher  Sie  beglaubigt
sind,  zur  Sprache  zu  bringen,  um  über  deren  Gesinnungen  und  Anschauungen
  bezüglich  dieser  wichtigen  Sache  Erkundigung  einzuziehen.

Eure  wollen  dabei  der  Erwägung  vorgedachter  Regierung  die
Frage  unterstellen,  ob  nicht  eine  gemeinsame,  wenn  auch  nicht  kollektive
Maßnahme  der  europäischen  Staaten  in  einer  mehr  oder  minder  identischen
Form  zu  ergreifen  wäre,  um  den  römischen  Hof  über  die  dem  Konzil
        <pb n="365" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  353

gegenüber  von  ihnen  einzunehmende  Haltung  im  voraus  nicht  im  ungewissen
  zu  lassen  und  ob  nicht  etwa  eine  Konferenz  von  Vertretern
sämtlicher  beteiligten  Regierungen  als  das  geeignetste  Mittel  erachtet  werden
könnte,  jene  gemeinsame  Haltung  einer  eingehenden  Beratung  zu  unterziehen.

Eure  wollen,  wenn  es  gewünscht  wird,  Abschrift  dieser  Depesche
in  den  Händen  des  Hern.  zurücklassen  und  über  die  Aufnahme,
welche  dieselbe  gefunden  hat,  baldigst  berichten.

Gleichzeitig  mit  diesem  Rundschreiben  erging  an  die  katholisch-theologischen
  und  an  die  juristischen  Fakultäten  der  bayrischen  Universitäten  die
Aufforderung  zur  Aeußerung  auf  die  nachfolgenden  von  Döllinger  formulierten
  Fragen:

1.  Wenn  die  Sätze  des  Syllabus  und  die  päpstliche  Unfehlbarkeit
auf  dem  nächsten  Konzilium  zu  Glaubenswahrheiten  erhoben  werden,  welche
Veränderungen  würden  hierdurch  in  der  Lehre  von  den  Beziehungen  zwischen
Staat  und  Kirche,  wie  sie  bisher  in  Deutschland  praktisch  und  theoretisch
gehandhabt  wird,  herbeigeführt?

2.  Würden  in  dem  vorausgesetzten  Falle  die  öffentlichen  Lehrer  der
Dogmatik  und  des  Kirchenrechts  sich  verpflichtet  erachten,  die  Lehre  von
der  göttlich  angeordneten  Herrschaft  des  Papstes  über  die  Monarchen  und
Regierungen  (sei  es  als  Potestas  directa  oder  indirecta  in  temporalia)
als  jeden  Christen  im  Gewissen  verpflichtend  zugrunde  zu  legen?

3.  Würden  die  Lehrer  der  Dogmatik  und  des  Kirchenrechts  sofort  sich
verpflichtet  erachten,  die  Lehre,  daß  die  persönlichen  und  realen  Immunitäten
  des  Klerus  Juris  divini  seien,  also  auch  zum  Gebiete  der  Glaubenslehre
  gehören,  in  ihre  Vorträge  und  Schriften  aufzunehmen?

4.  Gibt  es  allgemein  anerkannte  Kriterien,  nach  welchen  sich  mit
Sicherheit  bestimmen  läßt,  ob  ein  päpstlicher  Ausspruch  ex  cathedra,  also
nach  der  eventuell  festzustellenden  Konziliumsdoktrin  unfehlbar  und  für
jeden  Christen  im  Gewissen  verpflichtend  sei;  und  wenn  es  solche  Kriterien
gibt,  welches  sind  dieselben?

5.  Inwieweit  dürften  die  angestrebten  neuen  Dogmen  und  ihre  notwendigen
  Konsequenzen  auch  einen  alterierenden  Einfluß  auf  den  Volksunterricht
  in  Kirche  und  Schule  und  auf  die  populären  Lehrbücher
(Katechismus  u.  s.  w.)  ausüben?

Am  31.  Oktober  1867  hatte  die  Regierung  den  Entwurf  eines  Schulgesetzes
  bei  der  Kammer  der  Abgeordneten  eingebracht.  Dieser  Gesetzentwurf
  wurde  schon  vor  der  Diskussion  in  der  Kammer  der  Gegenstand
einer  lebhaften  Agitation  der  ultramontanen  Partei,  weil  er  prinzipiell

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  28
        <pb n="366" />
        354  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

das  ausschließliche  Recht  des  Staats  auf  Leitung  und  Beaufsichtigung  der
Schule,  mit  Ausnahme  des  Religionsunterrichts,  feststellte,  demgemäß  an
die  Stelle  des  Pfarrers  als  alleinigen  Ortsschulinspektors  eine  örtliche
Schulinspektion  setzte,  an  der  die  Gemeinde,  die  Kirche,  die  Familie  und  der
Lehrerstand  gleichmäßig  beteiligt  waren,  und  gleichzeitig  die  technische  Beaufsichtigung
  des  Unterrichts  staatlichen  Bezirksschulinspektoren  übertrug.
In  diesen  Maßregeln  sah  die  ultramontane  Partei  die  Trennung  der  Schule
von  der  Kirche  und  die  Entchristlichung  der  Schule.  Eine  Adresse  des
bayrischen  Episkopats  an  den  König  war  durch  Handschreiben  vom
13.  Oktober  1868  dem  Kultusminister  „zur  sorgfältigen  und  unparteiischen
Prüfung“  überwiesen  worden.  Die  Beratungen  der  Kammer  der  Abgeordneten
  fanden  vom  15.  bis  23.  Februar  1869  statt  und  endigten
mit  der  Annahme  des  Gesetzes  durch  eine  Mehrheit  von  114  gegen  26
Stimmen.  Fürst  Hohenlohe  beteiligte  sich  an  der  Diskussion  nicht.  Am
26.  Februar  kam  der  Entwurf  an  die  Kammer  der  Reichsräte,  in  welcher
der  Bischof  von  Dinkel  Referent  und  der  protestantische  Oberkonsistorialpräsident
  von  Harleß  Korreferent  war,  beide  entschiedene  Gegner  der  prinzipiellen
  Bestimmungen  des  Entwurfs.  Bezeichnend  für  die  politische  Lage
ist  ein  Brief  Döllingers  an  den  Fürsten  vom  15.  April  1869.  „Eure
Durchlaucht,“  schreibt  Döllinger,  „werden  es  mir  nicht  als  Unbescheidenheit
  deuten,  wenn  ich  mir  erlaube,  den  diesen  Morgen  geäußerten  mündlichen
  Bemerkungen  noch  zur  Ergänzung  ein  paar  schriftliche  nachfolgen
zu  lassen.

Indem  ich  mich  als  treuer  Diener  meines  Königs  auf  den  Standpunkt
der  Königlichen  Regierung  stelle  und  meinen  Blick  auf  die  gegenwärtige
Lage,  die  Parteienstellungen  und  die  bevorstehenden  Landtagswahlen  richte,
ergeben  sich  mir  folgende  Erwägungen:

Es  liegt  im  Interesse  der  Regierung,  daß  noch  vor  dem  Beginn  der
Wahlen  eine  versöhnliche  und  vertrauenerweckende  Maßregel  von  ihr
ausgehe.  Bei  der  Mehrheit  des  Klerus  (hoch  und  niedrig)  ist  nun  einmal,
  hauptsächlich  infolge  des  Schulgesetzentwurfs,  die  Ansicht  verbreitet,
daß  die  Regierung  ihn  in  seiner  bisherigen  Stellung  zu  beeinträchtigen
und  zurückzudrängen  beabsichtige.  Daß  bei  der  Beratung  des  Entwurfs
keine  Vertreter  der  Pfarrgeistlichkeit  zugezogen  wurden,  hat  diese  Ansicht
sehr  befestigt.  Wenn  nun  die  Regierung  ankündigte:  bei  den  großen
Meinungsdifferenzen,  welche  sich  zwischen  den  drei  Faktoren  der  Gesetzgebung
  hinsichtlich  dieses  Gesetzes  herausgestellt  haben,  erscheint  eine  nochmalige
  Erwägung  desselben  mit  Zuziehung  der  Beteiligten,  also  einerseits
des  Klerus,  anderseits  des  Lehrerstandes,  zweckmäßig,  und  die  Regierung
behält  sich  vor,  das  so  gereifte  Gesetz  den  beiden  Kammern  des  künftigen
Landtags  vorzulegen,  so  würde  diese  Maßregel  allseitig  befriedigen,  und
        <pb n="367" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  355

insbesondere  würde  der  Klerus  in  seiner  Mehrheit  bei  den  Wahlen  wohl
eine  andre,  ruhigere  und  besonnenere  Haltung  beobachten,  als  sonst,  wie  ich
besorge,  der  Fall  sein  dürfte.  Habe  ich  doch  erst  vor  wenigen  Tagen  von
einer  Seite  her,  von  welcher  ich  es  nicht  erwartete,  den  Wunsch  äußern
hören,  daß  das  gegenwärtige  Ministerium  durch  ein  andres  ersetzt  werden
möge.

Kommt  das  Gesetz  wirklich  zur  Diskussion  im  Reichsrate,  so  ist  die
notwendige  Folge  davon,

a)  daß  alle  Leidenschaften  wieder  aufgeregt  werden,

b)  daß  Herr  Minister  von  Gresser  sozusagen  zwischen  die  beiden
Mühlsteine  der  beiden  Kammern  gerät,  da  er  durch  die  in  der  Abgeordnetenkammer
  bereits  getanen  Aeußerungen  und  gegebenen  Zusagen  gebunden
erscheint  und  voraussichtlich  einer  sehr  großen  Majorität  des  Reichsrats
ohne  Möglichkeit  einer  Verständigung  gegenüberstehen  wird,

c)  daß  auf  die  Regierung  der  ungünstige  Schein  fällt,  als  ob  sie  —
und  zwar  in  einer  so  hochwichtigen  Frage  —  unterlegen  sei,  ein  Schein,  der
durch  freiwilliges  Zurückziehen  und  Ankündigung  einer  neuen  Revision
vermieden  wird.

Alles  dem  Ermessen  Eurer  Durchlaucht  anheimstellend,  verharre  ich
verehrungsvoll
Eurer  Durchlaucht
untertänigster
Döllinger.“

In  der  Sitzung  der  Kammer  der  Reichsräte  vom  19.  April  1869
begann  die  Plenarberatung.  Fürst  Hohenlohe  hielt  an  diesem  Tage  folgende
Rede:

Ich  muß  mir  erlauben,  in  der  allgemeinen  Diskussion  das  Wort  zu
ergreifen,  weil  ich  es  für  Pflicht  halte,  in  einer  Frage,  die  in  so  eklatanter
Weise  die  Gegensätze  der  Parteien  wachgerufen  hat,  nicht  stillzuschweigen,
sondern  offen  meine  Meinung  zu  bekennen.

Es  gibt  Zeiten  und  Fragen,  in  welchen  man  nicht  neutral  bleiben
kann.  Unsre  Zeit  ist  eine  solche,  und  der  Gegenstand  der  Diskussion  liegt
so,  daß  jeder,  der  berufen  ist,  im  öffentlichen  Leben  zu  wirken,  die  Pflicht
hat,  zu  sagen,  wie  er  dazu  steht.  Ueber  die  Notwendigkeit  der  Reform
unsers  Schulwesens  sind  die  Meinungen,  wie  es  scheint,  ungeteilt,  wenn
auch  über  die  Art  und  Weise  der  Ausführung  der  Reform  die  Ansichten
auseinandergehen.  Schon  vor  zwanzig  Jahren  hat  ein  beredtes  Mitglied
dieser  hohen  Kammer,  das  wir  noch  zu  den  unsrigen  zählen,  die  durchgreifende
  Reform  unsers  Elementarschulwesens  als  eine  unerläßliche  Not—
        <pb n="368" />
        356  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

wendigkeit  bezeichnet.  Jener  Herr  Reichsrat  sagte  damals:  „Ich  hoffe,
man  wird  endlich  von  der  in  früherer  Zeit  so  ziemlich  verbreiteten  Ansicht
abgekommen  sein,  daß  das  Glück  des  Staats  in  der  Verdummung  der
unteren  Klasse  beruhe;  unfre  erleuchtete  Staatsregierung  wird  die  Ueberzeugung
  hegen,  daß  Gefahr  für  den  Staat  nicht  durch  Bildung  des  Volks,
wohl  aber  durch  das  Gegenteil,  durch  Mangel  an  Bildung,  entstehen  könne,
daß  die  Kraft  der  Nation  und  mit  derselben  der  Nationalwohlstand  zunächst
  auf  der  Intelligenz  des  Volks  beruhe.  Von  dieser  Ueberzeugung
ausgehend,  wird  sie  nicht  säumen,  die  Sünden  der  Vergangenheit  gutzumachen
  und  zunächst  unser  Schulwesen  der  gründlichsten  Revision  zu
unterstellen;  hiermit  zugleich  aber  wird  sie  eine  Hauptursache  zunehmender
Verarmung  beseitigen.“

Indem  ich  mich  diesen  Worten  aus  vollem  Herzen  anschließe,  glaube
ich,  daß  ich  wohl  von  keiner  Seite  dieses  hohen  Hauses  einem  Widerspruch
begegnen  werde.  Diese  Mahnung  war  nicht  die  einzige,  welche  durch  die
Kammer  an  die  Staatsregierung  gerichtet  wurde.  Ich  erinnere  Sie  nur
an  den  Gesamtbeschluß  der  beiden  Kammern  vom  Jahre  1866,  in  welchem
um  die  Vorlage  eines  Schulgesetzes  auf  freisinniger  Grundlage  gebeten
wurde.  )  Die  Staatsregierung  ist  diesen  Wünschen  nachgekommen  und  hat
ein  diesen  Forderungen  entsprechendes  Gesetz  vorgelegt.  Seitdem  hat  zuerst
  außerhalb  der  Landesvertretung  und  dann  in  den  Kammern  die
Diskussion  begonnen.  Es  ist  einer  der  Vorzüge  des  konstitutionellen
Lebens,  daß  Fragen,  welche  die  öffentliche  Meinung  aufregen,  durch  die
Diskussion  der  gesetzlichen  Vertreter  verarbeitet  und  geklärt  werden  und
daß  infolgedessen  die  Ruhe  in  die  Gemüter  zurückkehrt.  Auch  in  der  vorliegenden
  Frage  war  dies  der  Fall  und,  wenn  mich  nicht  alles  täuscht,
hat  die  anfängliche  Aufregung  gegen  das,  wie  man  es  zu  nennen  beliebte,
heillose  Schulgesetz  einer  mehr  unbefangenen  Auffassung  Platz  gemacht.
Auch  die  Beratungen  Ihres  Ausschusses  zeigen,  soweit  die  Protokolle
darüber  Auskunft  geben,  nichts  von  einer  leidenschaftlichen  Erregung  der
Herren  Mitglieder,  und  auch  die  Reden  der  beiden  Herren  Referenten
zeigen  die  ruhige  und  unbefangene  Beurteilung  des  vorliegenden  Gesetzentwurfs.
  Jene  vielgehörte  Klage,  daß  durch  ein  Schulgesetz,  wie  das
von  der  Regierung  entworfene,  die  Kirche  in  ihren  Rechten  bedroht  werde,
fängt  wenigstens  außerhalb  der  Kammer  an  zu  verstummen,  denn,  wer
unbefangen  das  Gesetz  beurteilt,  wird  nach  und  nach  zu  der  Ueberzeugung
kommen,  daß  der  Unterschied  zwischen  dem  gegenwärtigen  Zustande  und
den  Vorschlägen  der  Staatsregierung  nicht  so  groß  sei,  als  man  ursprünglich
  geglaubt  hatte.  Allerdings  gehen  die  Beschlüsse  des  Ausschusses  und

 

1)  Siehe  Seite  174.
        <pb n="369" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  357

die  Aeußerungen  des  Herrn  Erzbischofs  von  Scherr  weit  über  den  Gesetzentwurf
  sowie  über  die  bestehenden  Verhältnisse  hinaus.  Diese  Beschlüsse
gehen  zum  Teil  wohl  aus  dem  grundsätzlichen  Bestreben  hervor,  der  Kirche
den  vorwiegenden,  wenn  auch  nicht  ausschließlichen  Einfluß  auf  die  Volksschule
  zu  vindizieren,  ein  Bestreben,  das  auch  in  dem  Breve  Seiner  Heiligkeit
  des  Papstes  Pius  IX.  an  den  Erzbischof  von  Freiburg  vom  14.  Juli
1864  seinen  sehr  bestimmten  Ausdruck  gefunden  hat.  Hier  nun  begegnen
sich  zwei  entgegengesetzte  Strömungen.  Denn,  wenn  die  Kirche  die  unbeschränkte
  Einwirkung  auf  den  Volksunterricht  in  Anspruch  nimmt,  so
kann  anderseits  der  Staat  seine  Rechte  auf  die  Leitung  der  Volksbildung
und  -erziehung  ebensowenig  aufgeben.  Könnten  wir  freilich  von  einer
idealen  Auffassung  des  Staats  und  der  Kirche  ausgehen,  so  müßten  wir
zu  der  Folgerung  kommen,  daß  es  für  den  Staat  nur  erwünscht  sein
kann,  wenn  der  Kirche,  der  Spenderin  des  Heils  und  des  Trostes,  der  großen
Erzieherin  des  Menschengeschlechts,  ein  möglichst  großer  Einfluß  auf  die
Volkserziehung  eingeräumt  würde.  Allein  wir  stehen  nicht  auf  einem
idealen  Standpunkt,  sondern  auf  dem  Boden  des  positiven  Verfassungsrechts,
  und  dieses  allein  ist  für  uns  maßgebend.  Dieses  Verfassungsrecht
ist  der  Ausdruck  der  Idee  des  modernen  Staats,  wie  er  sich  aus  dem
politischen  Leben  der  Nation  entwickelt  hat  und  an  welchem  das  bayrische
Volk  festhalten  will.  Ich  weiß  wohl,  daß  der  Ausdruck  „moderner  Staat"
in  gewissen  Kreisen  perhorresziert  wird,  allein  ich  wüßte  keinen  andern
Namen  für  den  Staat,  der  dazu  berufen  ist,  unser  ganzes  Kulturleben
zu  schützen  und  zu  pflegen  und  der  den  christlichen  Glauben  nicht  gefährdet,
sondern  nur  gefördert  hat,  wie  mir  selbst  die  hier  anwesenden  Mitglieder
des  hohen  Klerus  bestätigen  werden,  wenn  ich  sie  verweise  auf  die  großartigen
  Kundgebungen  katholischer  Gesinnungen,  welche  in  neuerer  Zeit
stattgefunden  haben.  Die  Schwierigkeit  für  ein  harmonisches  Zusammenwirken
  beider  Gewalten,  der  Kirche  und  des  Staats,  liegt  aber  meines
Erachtens  darin,  daß  in  neuerer  Zeit  Aeußerungen  kundgegeben  sind,  die
eine  Abneigung  der  in  der  Kirche  zurzeit  herrschenden  Partei  gegen  den
Staat  erkennen  lassen.

Ich  erinnere  Sie  an  die  Enzyklika  Gregors  XVI.  „mirari  vos“,
welche  die  gesetzliche  Sicherstellung  der  Gewissensfreiheit  eine  „sententia
erronea  et  absurda“,  ein  „deliramentum“,  eine  irrige  und  absurde
Meinung,  einen  Wahnsinn  nennt.  Ich  erinnere  Sie  an  die  Enzyklika
vom  8.  Dezember  1864,  welche  die  Freiheit  des  Kultus  zu  den  verdammenswerten
  Irrtümern  rechnet,  ich  erinnere  endlich  an  die  Stelle  derselben
Enzyklika,  welche  aufs  bestimmteste  in  Abrede  stellt,  daß  der  Papst  sich
je  mit  dem  Fortschritt,  je  mit  dem  Liberalismus  und  je  mit  der  modernen
Zivilisation  versöhnen  und  vergleichen  könne.
        <pb n="370" />
        358  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Wenn  Herr  Präsident  von  Harleß  von  „revenants“  gesprochen  und
dieselben  aus  dem  Gebiete  des  Rationalismus  des  vorigen  Jahrhunderts
hat  erscheinen  lassen,  so  kann  ich  es  Ihrer  Erwägung  anheimgeben,
ob  die  Aeußerungen,  die  ich  Ihnen  eben  vorgeführt  habe,  nicht  auch
zur  Kategorie  der  revenants  und  zwar  aus  einer  längst  verflossenen
Zeit  zu  zählen  wären,  und  ob  nicht  dann  ein  revenant  den  andern
hervorruft.

Ich  bin  übrigens  weit  entfernt,  diese  Kundgebungen  einer  Kritik
unterstellen  zu  wollen,  ich  will  dieselben  nur  anführen,  um  zu  zeigen,  daß
hier  die  Tatsache  eines  Widerspruchs  zwischen  jenen  Aeußerungen  und
dem  modernen  Liberalismus  nicht  nur,  sondern  auch  mit  dem  positiven
bayrischen  Verfassungsrechte  besteht.  Ich  erinnere  Sie,  um  das  zu  beweisen,
  daran,  daß  die  Verfassung  die  Gewissensfreiheit  als  eines  der
Grundrechte  des  bayrischen  Volks  verkündet  und  garantiert.

Die  Verfassung  ist  eine  liberale,  sie  ist  das  Produkt  des  modernen
Liberalismus,  sie  erkennt  ausdrücklich  an,  daß  das  „Fortschreiten  zum
Bessern“  —  es  sind  dies  die  Worte  der  Verfassung  selbst  —  „nach  geprüften
  Erfahrungen  nicht  ausgeschlossen  sei“.

Dieser  Widerspruch,  diese  prinzipielle  Verschiedenheit  der  Auffassung
stört  jenes  harmonische  Zusammenwirken  von  Staat  und  Kirche,  auf  welches
ich  mir  vorhin  als  das  Ideal  hinzuweisen  erlaubte.  Unter  solchen  Umständen,
bei  so  entschiedenen  Gegensätzen  mußte  für  die  Staatsregierung,  wenn  sie
ein  Schulgesetz  vorlegen  wollte,  nichts  andres  übrigbleiben,  als  ein  Akkomodement
  oder,  wie  man  es  auch  zu  nennen  pflegt,  einen  Modus  vivendi
vorzuschlagen.

Dieser  Vorschlag  hat  allerdings  die  Nachteile  jedes  Mittelwegs,  allein
nach  dem  Obengesagten  war  ein  prinzipieller  Ausgleich  nicht  denkbar.  Ich
bin  also  der  Ansicht,  daß  wir  uns  damit  begnügen  sollten,  den  Gesetzentwurf
  im  wesentlichen  nach  den  Vorschlägen  der  Staatsregierung  anzunehmen,
  er  bietet  manche  Verbesserungen,  die  den  Gemeinden  und  den
Lehrern  zugute  kommen,  und  er  wird  auch  meiner  Ueberzeugung  nach  die
Kirche  nicht  schädigen.

Meine  hohen  Herren!  Es  wird  zu  allen  Zeiten  Menschen  geben  —
ja,  es  ist  die  große  Mehrzahl  —,  die  in  dem  Kampf  und  Sturm  des  Lebens
Schiffbruch  zu  leiden  fürchten  oder  Schiffbruch  gelitten  haben,  und  die
sich  in  den  sichern  Hafen  der  Kirche  flüchten,  um  bei  ihr  Trost,  Hilfe
und  Versöhnung  zu  finden.  Die  Menschheit  bedarf  dieser  helfenden,
tröstenden  und  versöhnenden  Kirche  zu  allen  Zeiten,  und  die  56  Schulinspektoren
  werden  sie  nicht  erschüttern.  Ob  die  Menschheit  auch  einer
streitenden  und  verdammenden  Kirche  bedarf,  das  mögen  die  Theologen
entscheiden.
        <pb n="371" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  359

Das  Schulgesetz  wurde  in  dem  Landtage  nicht  verabschiedet,  da  eine
Verständigung  zwischen  beiden  Kammern  nicht  zu  erzielen  war.

Die  im  April  und  Mai  eingegangenen  Antworten  der  Mächte  auf  das
Rundschreiben  vom  9.  April  wurden  Döllinger  mitgeteilt,  welcher  darauf
dem  Fürsten  die  folgenden  „Bemerkungen“  einsendete:

Wie  groß  die  Wahrscheinlichkeit  sei,  daß  mit  der  Proklamation  der
päpstlichen  Unfehlbarkeit  auf  dem  Konzil  Ernst  gemacht  werden  solle,  dürfte
sich  aus  folgendem  ergeben:

a)  Die  Sache  wird  schon  seit  längerer  Zeit  betrieben.  Rom  hat  seit
etwa  sieben  oder  acht  Jahren  nachdrücklich  zur  Haltung  von  Provinzialsynoden
  und  Diözesansynoden  gedrängt  und  dabei  zu  bewirken  gewußt,
daß  der  Artikel  von  der  päpstlichen  Unfehlbarkeit  schon  in  die  Beschlüsse
oder  Akten  dieser  Synoden  aufgenommen  worden  ist.

b)  Die  zwei  deutschen  Bischöfe,  welche  bisher  eigne  Schriften  über
das  Konzil  herausgegeben  haben,  Ketteler  von  Mainz)  und  Feßler  von
St.  Pölten,  2)  haben  sich  beide  zugunsten  des  neu  zu  machenden  Dogmas  erklärt.
  Feßler  ist  bereits  vom  Papst,  wie  zur  Belohnung,  zum  Sekretär
des  Konzils  ernannt  worden.

c)  Wenn  die  Jesuiten  gleichzeitig  in  Rom  und  in  Deutschland  in  der
„Civiltà“  wie  in  den  „Laacher  Stimmen“  ankündigen,  daß  das  Konzil  das
neue  Dogma  machen  werde,  so  ist  das  bei  der  Macht,  Organisation  und
umfassenden  Personenkenntnis  des  Ordens  von  großem  Gewichte.

d)  Wer  die  Bischöfe  in  den  romanischen  Ländern  kennt,  weiß,  daß
die  übergroße  Mehrheit  derselben  in  Italien,  Spanien,  selbst  in  Frankreich
der  Unfehlbarkeitstheorie  anhängt.  Es  wird  ihnen  das  als  ein  Fundamentalartikel
  schon  in  den  Seminarien  beigebracht.  Selbst  die  nordamerikanischen
  Bischöfe  haben  sich  durch  das  Mittel  eines  in  ihre  Synodaldekrete
  eingerückten  Paragraphen  bereits  einfangen  lassen.  Von  den
italienischen,  deren  wohl  an  130  auf  dem  Konzil  erscheinen  können,  wird
voraussichtlich  jeder  dafür  stimmen.  Von  der  Tragweite  der  Sache  haben
diese  Bischöfe  —  ich  meine  die  italienischen  und  spanischen  und  einen
großen  Teil  der  französischen  —  keinen  Begriff.

Folgen  des  neuen  Glaubenssatzes  von  der  Unfehlbarkeit  des  Papstes:

1.  Der  Syllabus  von  1864  wird  eo  ipso  ein  mit  unfehlbarer  Autorität
  bekleidetes  Glaubensdekret.

 

1)  Ketteler,  Das  allgemeine  Konzil  und  seine  Bedeutung  für  unfre  Zeit,  1869.
2)  Feßler,  Das  letzte  und  das  nächste  allgemeine  Konzil  1869.  Feßler  wurde
am  27.  März  1869  zum  ersten  Sekretär  des  Konzils  ernannt.
        <pb n="372" />
        360  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

2.  Der  Papst  bestimmt  aus  eigner  souveräner  Autorität  die  Grenzen
zwischen  Kirche  und  Staat.  In  Gegenständen  gemischter  Art  entscheidet
einzig  das  unfehlbar  gewordene  Urteil  des  Papstes,  von  welchem  dann
kein  Nachfolger  mehr  abweichen  darf.

3.  Die  Bulle  Pauls  IV.,  die  jeden  andersgläubigen  Fürsten  abzusetzen
  u.  s.  w.  gebietet,  wird  Dogma  (man  nennt  sie  die  Bulle  „Cum  er
apostolatus  officio").

4.  Desgleichen  die  Bulle  „Unam  Sanctam“.

5.  Da  die  Päpste  die  gegenwärtig  allenthalben  beseitigten  Immunitäten
  des  Klerus  für  eine  auf  göttlicher  Anordnung  beruhende  Sache  (Juris
divini)  erklärt  haben,  so  würde  dies  Glaubenssatz  werden.

6.  Infolge  davon  würde  zum  Beispiel  jeder  Bischof,  ja  jeder  Geistliche
überhaupt  der  weltlichen  Gerichtsbarkeit  ganz  entzogen  sein,  oder  dies  doch
nur  wie  im  österreichischen  Konkordat  als  ein  einstweiliger  Notstand  vom
Papste  auf  gewisse  Zeit  geduldet  werden,  würde  Klerus  und  Kirchengut
nur  mit  Erlaubnis  des  Papstes  besteuert  werden  können  u.  s.  w.

7.  Es  würde  für  die  Katholiken  Gewissenspflicht  werden,  immer  einem
katholischen  Beherrscher  vor  dem  wenn  auch  angestammten,  aber  einem
andern  Religionsbekenntnis  angehörigen  Landesfürsten  den  Vorzug  zu
geben.  Diese  Konsequenz  könnte  auch  in  unsern  Tagen  bald  sehr  praktisch
werden.

Damit  sind  jedoch  die  teils  möglichen,  teils  sicheren  Folgen  noch  nicht
erschöpft.

Entscheidend  für  den  Mißerfolg  der  durch  die  Zirkulardepesche  vom
9.  April  eröffneten  Politik  war  die  Haltung  der  österreichischen  Regierung.
Es  ist  daher  geboten,  an  dieser  Stelle  die  bereits  mehrfach  veröffentlichte
Antwort  des  österreichischen  Reichskanzlers  einzufügen.

Graf  Beust  an  den  österreichischen  Gesandten  Grafen
Ingelheim  in  München.
Wien,  15.  Mai  1869.1)

Der  Königlich  bayrische  Gesandte  Herr  Graf  von  Bray  hat  mir  von

einer  Depesche  Kenntnis  gegeben,  welche  seine  hohe  Regierung  an  ihn

gerichtet  hat,  um  die  Frage  bei  uns  in  Anregung  zu  bringen,  welche

Haltung  die  europäischen  Regierungen  gegenüber  dem  nach  Rom  einberufenen

  ökumenischen  Konzil  anzunehmen  haben  werden.  Graf  Bray  hat

diese  Depesche  mir  in  Händen  gelassen,  und  ich  übersende  Eurer  Exzellenz
im  Anschlusse  eine  Abschrift  derselben  zu  persönlicher  Kenntnisnahme.

 

1)  Die  Depesche  ist  auch  abgedruckt  und  verteidigt  in  den  Erinnerungen  des
Grafen  Beust,  Aus  drei  Vierteljahrhunderten,  II.  S.  278.
        <pb n="373" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  361

Unter  Berufung  auf  die  ihr  zugekommenen  Nachrichten  über  die  Vorbereitungen
  zu  der  bevorstehenden  Kirchenversammlung  und  über  vermutete
Absichten  des  römischen  Hofes  richtet  die  Königlich  bayrische  Regierung  an
uns  —  wie  ohne  Zweifel  auch  an  andre  Kabinette  —  die  Anfrage,  ob  nicht
zum  Schutze  der  modernen  Staatsprinzipien  vorbeugende  Maßregeln,  wie  zum
Beispiel  Abmahnungen  an  die  Bischöfe  der  einzelnen  Länder  oder  Protestation
in  Rom  ins  Auge  zu  fassen  seien,  und  ob  es  nicht  für  angezeigt  gehalten
werde,  ein  Einverständnis  über  derartige,  wenn  nicht  kollektive,  doch  möglichst
identische  Schritte  durch  gemeinsame  Beratungen,  vielleicht  selbst  durch  eine
Konferenz  von  Vertretern  sämtlicher  beteiligten  Regierungen,  herbeizuführen.

Ich  habe  diese  Mitteilung,  wie  die  hohe  Wichtigkeit  ihres  Gegenstandes
es  erheischt,  der  aufmerksamsten  Erwägung  unterzogen,  und  mich  zugleich
für  verpflichtet  gehalten,  vor  Beantwortung  der  von  dem  Herrn  Fürsten
von  Hohenlohe  angeregten  weittragenden  Fragen  mich  vertraulich  sowohl
mit  dem  Kaiserlich  Königlich  österreichischen  wie  mit  dem  Königlich  ungarischen
Ministerium  zu  beraten.

Im  vollen  Einverständnisse  mit  den  Ministerien  beider  Reichshälften
und  mit  allerhöchster  Ermächtigung  Seiner  Majestät  des  Kaisers  und
Königs  habe  ich  nunmehr  die  Ehre,  durch  Eurer  Erxzellenz  gefällige  Vermittlung
  dem  Münchner  Kabinette  in  Erwiderung  auf  seine  Anfrage  die
nachstehenden  Bemerkungen  mitzuteilen.

Eine  Regierung,  welche  wie  die  österreichisch-ungarische  die  Freiheit
der  verschiedenen  Religionsbekenntnisse  innerhalb  der  freiheitlich  konstituierten
bürgerlichen  Gesellschaft  zum  leitenden  Grundsatze  erhoben  hat,  würde  nach
unfrer  Auffassung  die  volle  Konsequenz  ihres  Prinzips  nicht  festhalten,
wenn  sie  einem  in  der  Verfassung  der  katholischen  Kirche  begründeten
Vorgange,  wie  es  die  Einberufung  eines  allgemeinen  Konzils  ist,  ein  System
präventiver,  einschränkender  Maßnahmen  gegenüberstellen  wollte.  Es  wird,
was  diesen  prinzipiellen  Ausgangspunkt  für  unfre  Betrachtung  betrifft,
zugleich  darauf  hingewiesen  werden  dürfen,  daß,  soviel  bis  jetzt  bekannt,
keine  derjenigen  Mächte,  von  denen  der  Grundsatz  der  Unabhängigkeit  der
Kirche  am  vollständigsten  anerkannt  und  in  deren  Bereich  er  am  tiefsten
in  das  öffentliche  Bewußtsein  eingedrungen  ist,  Besorgnisse  über  mögliche
Beschlüsse  des  künftigen  Konzils  an  den  Tag  gelegt  oder  sich  bereits  mit
dem  Gedanken  an  abwehrende  Gegenmaßregeln  beschäftigt  hat.

Steht  es  nun  aber  als  allgemeine  Regel  fest,  daß  den  anerkannten
Religionsgesellschaften  in  ihren  inneren  Lebensäußerungen,  solange  diese
nicht  mit  dem  staatlichen  Standpunkte  kollidieren,  die  vollste  Freiheit  gelassen
werden  müsse,  so  hat  die  Kaiserliche  und  Königliche  Regierung  in  der  Sachlage,
  wie  sie  sich  bis  heute  darstellt,  keine  genügenden  Motive  des  Rechts
oder  der  Opportunität  zu  erblicken  vermocht,  um  schon  jetzt  dem  an  sich
        <pb n="374" />
        362  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

so  beachtungswerten  Vorschlage  der  Königlich  bayrischen  Regierung  Folge
zu  geben.

Ueber  den  Verlauf  des  Konzils  können  nämlich  dermalen  nur  Vermutungen,
  mehr  oder  weniger  wahrscheinliche,  aufgestellt  werden.  Nicht
einmal  über  das  Programm  der  Beratungsgegenstände  des  Konzils  sind
andre  offizielle  Aufschlüsse  als  die  übersichtlichen  Andeutungen  der  päpstlichen
Einberufungsbulle  vorhanden.  Das  Gebiet  der  wirklich  rein  dogmatischen
Fragen  wird  ohnehin  niemand  dem  allgemeinen  Kirchenrate  streitig  machen
wollen.  Was  aber  staatskirchliche  Angelegenheiten  sowie  diejenigen  Materien
  betrifft,  welche  mit  der  Konfession  zugleich  das  bürgerliche  Recht
berühren,  so  läßt  sich  heute  schwerlich  schon  ein  Urteil  darüber  gewinnen,
ob  die  Gefahr  vorhanden  sei,  daß  die  in  diesem  Bereiche  seither  hervorgetretenen
  Gegensätze  durch  Verhandlungen  und  Beschlüsse  des  Konzils
noch  geschärft  und  zu  größerer  Gefährlichkeit  für  die  Ruhe  der  Staaten
gesteigert  werden  könnten.  Wir  können  das  Vorhandensein  einer  solchen
Gefahr  weder  bestätigen  noch  in  Abrede  stellen.  Doch  dürfte  im  allgemeinen
  kaum  vorauszusetzen  sein,  daß  die  Bischöfe  der  katholischen  Welt,
die  der  großen  Mehrzahl  nach  in  Ländern  mit  vollkommen  säkularisierter
Gesetzgebung  leben  und  wirken  müssen,  nicht  eine  genaue  Kenntnis  der
praktischen  Notwendigkeit  unsers  Zeitalters  nach  Rom  mitbringen  sollten.
Und  wenn  die  Erwartung  berechtigt  ist,  daß  es  dem  Zwecke  der  Erhaltung
des  Friedens  zwischen  Staat  und  Kirche  an  Wortführern  unter  den  Prälaten
des  Konzils  nicht  fehlen  werde,  so  liegt  es  vielleicht  nicht  im  Interesse  der
Regierungen,  diese  Stimmen  als  von  Staats  wegen  patronisiert  erscheinen
zu  lassen  und  dadurch  in  ihrer  Autorität  zu  beeinträchtigen.  Es  läßt  sich
ferner  dermalen  noch  nicht  erkennen,  wie  die  päpstliche  Kurie,  welche  in
der  jetzigen  Weltlage  die  Präzedenzien  früherer  Jahrhunderte  in  bezug  auf
die  Teilnahme  der  weltlichen  Fürsten  an  den  Konzilien  nicht  wird  erneuern
können  noch  wollen,  gegenüber  den  Regierungen  hinsichtlich  derjenigen
Verhandlungsgegenstände  sich  zu  verhalten  gedenkt,  in  welchen  die  Beschlüsse
des  Konzils  nicht  ohne  staatliche  Anerkennung  zur  Ausführung  gelangen
könnten.  Nach  unfrer  Auffassung  sind  aber  die  Regierungen  vollkommen
in  der  Lage,  die  in  dieser  Richtung  etwa  erforderlich  werdenden  Schritte
des  Kirchenregiments  abzuwarten.  Würde  demnächst  das  versammelte  Konzil
sich  wirklich  anschicken,  in  die  Rechtssphäre  der  Staatsgewalt  überzugreifen,
oder  würden  sich  bestimmte  Indizien  für  eine  derartige  Absicht  in  authentischer
Weise  herausstellen,  dann  wäre  auch  nach  der  Ansicht  der  Kaiserlichen  und
Königlichen  Regierung  der  Fall  sicher  nicht  auszuschließen,  daß  neben  den
abwehrenden  und  abmahnenden  Schritten  der  einzelnen  Staaten  auch
gemeinsame  Beratungen  der  Kabinette  zum  Zwecke  übereinstimmender
Wahrung  der  Staatshoheitsrechte  sich  als  nötig  oder  nützlich  erweisen
        <pb n="375" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  363

könnten.  Dagegen  vermögen  wir  nicht  dafür  zu  stimmen,  daß  der  bloßen
Präsumtion  möglicher  Eingriffe  in  diese  Rechte  die  Tatsache  einer  diplomatischen
  Konferenz  entgegengestellt  und  dadurch  —  abgesehen  von  der
erhöhten  Schwierigkeit,  auf  so  unsicherem  Grunde  zu  festen  Einverständnissen
zu  gelangen  —  vielleicht  der  Schein  einer  beabsichtigten  Kontrolle  und
Beschränkung  der  Freiheit  der  katholischen  Kirche  hervorgerufen  und  die
Spannung  der  Gemüter  ohne  Not  vermehrt  werden  könnte.

Die  hier  dargelegte  Auffassung  hat  übrigens  die  Kaiserlich  Königliche
Regierung  nicht  abhalten  können,  die  von  dem  Königlich  bayrischen  Kabinette
ausgegangene  Anregung  zu  einem  Meinungsaustausche  über  diese  bedeutungsvolle
  Angelegenheit  in  ihrem  ganzen  Werte  anzuerkennen.  Wir  fühlen
uns  dem  Herrn  Fürsten  von  Hohenlohe  für  die  Mitteilung  seiner  Ansicht
und  für  den  uns  dadurch  gebotenen  Anlaß,  unser  Verhältnis  zur  Sache
darzulegen,  aufrichtig  verpflichtet,  und  Eure  Exzellenz  wollen  es  übernehmen,
dieser  Gesinnung  bei  Seiner  Durchlaucht  den  wärmsten  Ausdruck  zu  verleihen.
  Eine  Abschrift  des  gegenwärtigen  Erlasses  sind  Sie  ermächtigt
dem  Herrn  Ministerpräsidenten,  falls  es  gewünscht  wird,  zur  Verfügung

zu  stellen.
von  Beust.

Von  dem  Fürsten  Hohenlohe  geschriebener  Artikel  für  die
„Augsburger  Abendzeitung“.  «

Die  Antwort  des  Grafen  Beust  auf  die  Depesche  des  Fürsten  Hohenlohe
  betreffend  das  Konzil  ist  ein  zu  eigentümliches  Aktenstück,  als  daß  wir
es  unterlassen  könnten,  demselben  einige  erläuternde  Worte  zu  widmen.

Graf  Beust  geht  zunächst  von  dem  Grundsatze  aus,  daß  eine  Regierung,
welche  wie  die  österreichisch-ungarische  die  Freiheit  aller  verschiedenen  Religionsbekenntnisse
  innerhalb  der  freiheitlich  konstituierten  Gesellschaft  zum  leitenden
Grundsatze  erhoben  hat,  dem  Konzil  kein  „System  präventiver,  einschränkender
  Maßnahmen“  gegenüberstellen  könne.  Wer  die  Depesche  des
Fürsten  Hohenlohe  gelesen  hat,  wird  mit  Erstaunen  hören,  daß  sie  ein
System  präventiver,  einschränkender  Maßnahmen  enthalte.  Von  einem
solchen  Vorschlage  ist  in  der  Depesche  keine  Spur  zu  finden.  Der  bayrische
Minister  erkundigt  sich  danach,  welche  Haltung  die  Regierungen  dem  Konzil
gegenüber  einzunehmen  beabsichtigen,  und  schlägt  bestimmte  Wege  vor  zur
Verständigung  unter  den  Regierungen  zu  dem  Zwecke,  die  römische  Kurie
über  die  Anschauungen  dieser  Regierungen  nicht  im  Zweifel  zu  lassen.  Der
Zweck  der  bayrischen  Regierung  war  also  kein  andrer,  als  die  Regierungen
aufzufordern,  ihre  Stellung  gegenüber  dem  Konzil  ernstlich  ins  Auge  zu
fassen.  Allerdings  würde  Graf  Beust  berechtigt  gewesen  sein,  die  Opportunität
  und  die  Berechtigung  „einschränkender  Maßnahmen"“  zu  bezweifeln,
        <pb n="376" />
        364  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

wie  er  es  in  dem  darauffolgenden  Satze  tut,  nachdem  es  sich  aber  davon
  nicht  handelt,  ist  sein  Einwurf  ebenso  unbegründet  wie  die  der  bayrischen
Regierung  untergeschobene  Absicht  eine  willkürliche  Maßnahme.

Graf  Beust  behauptet  weiter,  über  den  Verlauf  des  Konzils  könnten
nur  Vermutungen  aufgestellt  werden,  während  er  doch  wohl  durch  seinen
Gesandten  unterrichtet  sein  mußte,  daß  das  offizielle  Organ  des  Heiligen
Stuhls  und  alle  maßgebenden  Persönlichkeiten  in  Rom  über  die  Ziele  des
Konzils  kein  Hehl  gemacht  haben.  Denn  es  ist  ohne  Zweifel  dem  österreichischen
  Gesandten  in  Rom  so  gut  wie  jedermann  bekannt,  daß  die
Unfehlbarkeit  des  Papstes  zum  Dogma  erhoben  werden  soll  und  daß  die
Absicht  besteht,  die  Sätze  des  Syllabus  in  konziliarische  Beschlüsse  zu  verwandeln.
  Graf  Beust  mußte  daher  so  gut  wissen,  wie  man  es  in  München
weiß,  daß  die  Tendenz  einer  in  der  Kirche  herrschenden  Partei  dahin  geht,
das  Verhältnis  zwischen  Kirche  und  Staat  in  einer  Weise  schroff  zu  gestalten,
daß  dem  Staat  nur  die  Unterwerfung  oder  die  vollständige  Trennung  übrigbleibt.
  Wenn  Graf  Beust  dessenungeachtet  nicht  an  diese  Tatsache  glauben
will,  wenn  er  die  Hoffnung  ausspricht,  daß,  im  Falle  das  versammelte
Konzil  sich  anschicke,  in  die  Rechtssphäre  des  Staats  überzugreifen,  es  immer
noch  Zeit  sei,  abwehrende  oder  abmahnende  Schritte  zu  ergreifen,  so  übersieht
  der  österreichische  Staatsmann,  daß  das  Konzil  sich  eben  nicht  „anschicken“
  dürfte,  überzugreifen,  sondern  sofort  handeln  und  übergreifen  wird,
ohne  daß  den  Regierungen  dann  etwas  andres  übrigbleiben  wird,  als  zu
protestieren.  Wenn  sich  aber  Graf  Beust  der  Erwartung  hingibt,  die
Bischöfe  würden  eine  genaue  Kenntnis  der  praktischen  Notwendigkeiten
unsers  Zeitalters  mit  nach  Rom  bringen,  und  es  werde  dem  Zrecke  der
Erhaltung  des  Friedens  zwischen  Staat  und  Kirche  an  Wortführern  unter
den  Prälaten  des  Konzils  nicht  fehlen,  so  erfreut  sich  der  Graf  eines
beneidenswerten  Optimismus,  der  sich  um  so  praktischer  ausnimmt,  wenn
man  ihn  der  eben  beendigten  Schwurgerichtsverhandlung  in  Linz  1)  gegenüberstellt.
  Wir  glauben  nicht  zu  irren,  wenn  wir  behaupten,  daß  keiner  der
österreichischen  Bischöfe  die  Verkündigung  des  Dogmas  der  Unfehlbarkeit
zu  verhindern  suchen  wird.  In  diesem  Dogma  liegt  die  Zukunft  des
Ultramontanismus,  in  ihm  liegt  der  Keim  der  absolutistischen  Organisation
der  Hierarchie,  es  ist  die  Krönung  des  Werks,  dem  die  ultramontane  Partei
seit  Jahren  zustrebt,  und  kein  Bischof  wird  es  wagen,  diesem  Ziel  entgegenzutreten.
  Aus  dem  Konzil  wird  die  Hierarchie  stärker  und  mächtiger  hervorgehen
  und  den  Kampf  gegen  die  moderne  Zidvilisation  mit  frischen  Kräften

 

1)  Bischof  Rudigier  von  Linz  wurde  durch  das  Schwurgericht  wegen  seines
Hirtenbriefs  vom  12.  September  1868,  in  welchem  er  das  neue  Staatsgrundgesetz
behandelt  hatte,  wegen  Versuchs  der  Störung  der  öffentlichen  Ruhe  zu  zwölf  Tagen
Kerker  verurteilt.  Der  Kaiser  begnadigte  ihn  am  folgenden  Tage.
        <pb n="377" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  365

beginnen.  Ob  das  „freiheitlich  konstituierte“  Oesterreich  zu  seinen  übrigen
Schwierigkeiten  auch  noch  eine  Vertiefung  des  Risses  zwischen  Staatsgewalt
und  Kirchengewalt  brauchen  kann,  mag  der  geistreiche  Staatsmann  an  der
Donau  mit  sich  selbst  ausmachen.  Bedauerlich  bleibt  es  immer,  daß  die
mahnende  Stimme  des  Fürsten  Hohenlohe  in  Wien  unbeachtet  verhallt  ist.
Wir  wollen  dabei  nicht  untersuchen,  ob,  wie  ein  Schweizer  Blatt  behauptet,
der  Wunsch,  die  Schwierigkeiten  der  inneren  Lage  Bayerns  zu  vermehren,
die  Veranlassung  ist,  daß  der  österreichische  Staatsmann  sich  nicht  auf  jene
Antwortdepesche  beschränkte,  sondern  die  österreichischen  Gesandtschaften
beauftragte,  den  Bemühungen  des  Fürsten  Hohenlohe  namentlich  an  den
deutschen  Höfen  soviel  möglich  entgegenzuarbeiten.  Wir  wollen  nicht  untersuchen,
  ob  trotz  aller  wohlklingenden  Phrasen  die  alte  traditionelle  Politik
auch  heute  noch  in  der  Wiener  Staatskanzlei  ihr  Interesse  darin  findet,
mit  dem  Jesuitenorden  Hand  in  Hand  zu  gehen,  um  denselben  bei  gelegener
Zeit  in  der  auswärtigen  Politik,  sei  es  gegen  Rußland  in  Polen,  sei  es
gegen  Preußen  in  Westfalen  und  am  Rhein,  sei  es  wo  immer,  zu  verwerten
  und  zu  verwenden,  uns  genügt  es  vorläufig,  angedeutet  zu
haben,  daß  die  Depesche  des  Grafen  Beust  sich  lediglich  in  Scheingründen
bewegt  und  die  eigentlichen  Motive,  welche  die  österreichische  Regierung  abhalten,
  sich  zu  einer  bestimmten  Haltung  gegenüber  dem  Konzil  zu  entschließen,
mit  Stillschweigen  übergeht.  Wir  geben  damit  aufmerksamen  Politikern
Stoff  zum  Nachdenken.

Döllingers  „Bemerkungen“  zu  den  ihm  mitgeteilten
Antworten  der  Mächte.

Der  italienische  Gesandte  Herr  Artom  scheint  die  Angelegenheit  mehr
weltmännisch  als  staatsmännisch  anzusehen.  Wenn  er  meint,  die  Regierungen
könnten  sich  den  bedenklichen  Folgen  von  Konziliumsbeschlüssen  einfach  durch
Nichtannahme  derselben  entziehen,  so  übersieht  er  dabei,  daß,  wenn  einmal
gewisse  Sätze  als  Glaubenslehre  (oder  „juris  divini“,  wie  man  kirchlicherseits
  sich  ausdrückt)  durch  das  Konzil  proklamiert  sind,  dann  der  Klerus
sie  auch  als  solche  dem  Volke  verkündigt  und  sie  demselben  als  nunmehr
zum  Wesen  der  Religion  gehörig  und  unbedingt  jeden  Christen  verpflichtend
darstellt;  dies  kann  dann  keine  Regierung  der  Welt  mehr  hindern,  noch
auch  die  Folgen,  die  sich  daran  knüpfen  werden,  abwehren.  An  solchen
Faits  accomplis  läßt  sich  nichts  mehr  ändern.  Seine  Hinweisung  auf  das
Konzil  von  Trient,  dessen  Beschlüsse  ja  auch  einige  Staaten  nicht  angenommen
  hätten,  geht  von  einer  ganz  unrichtigen  Voraussetzung  aus.
Die  dogmatischen  Dekrete  dieses  Konzils  sind  in  allen  katholischen
Ländern  ohne  irgendeine  Widerrede  angenommen  worden,  oder  vielmehr  sie
bedurften  gar  keiner  Annahme,  sie  galten  sofort  von  selbst;  nur  die  dis-
        <pb n="378" />
        366  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

ziplinären  Verordnungen  (3.  B.  über  geistliche  Immunitäten  oder  die  Strafen
eines  Duells  und  ähnliches)  wurden  von  einigen  Staaten  (z.  B.  Frankreich)
zurückgewiesen.  Nun  sollen  aber  gerade  auf  diesem  Konzil  neue  Glaubenslehren,
  und  zwar  solche,  welche  in  kirchenpolitischer  Hinsicht  höchst  bedenklich
werden  würden,  aufgestellt  werden.  Wenn  dies  wirklich  geschieht,  so  wäre
es  völlig  vergeblich,  daß  die  Regierungen  etwa  hintennach  kämen  mit  der
Erklärung:  „wir  nehmen  sie  nicht  an,“  man  würde  ihnen  lachend  erwidern,
  eure  Völker,  von  ihren  Priestern  belehrt,  glauben  sie  bereits,  ohne
euch  darum  zu  fragen.  Wird  zum  Beispiel  die  Unfehlbarkeit  des  Papstes
zum  Dogma  erhoben,  so  ist  eo  ipso  die  berühmte  Bulle  „Unam  Sanctam“
Regula  fidei,  unverbrüchliche  Glaubensvorschrift  für  die  ganze  katholische
Welt,  und  damit  ist  die  vollständige  Oberherrschaft  des  Papstes  über  alle
Monarchen  und  Regierungen  auch  in  weltlichen  Dingen  und  in  der  Politik
mit  einem  Male  zum  göttlich  geoffenbarten  Dogma  gestempelt,  welches  nun
konsequenterweise  auch  in  den  Katechismen,  im  Beichtstuhl  und  auf  allen
Kanzeln  und  Kathedern  gelehrt  werden  muß.  Die  römischen  Jesuiten  in  der
„Civiltàa“  haben  vor  wenigen  Tagen  (in  ihrem  Heft  vom  3.  April  S.  21)
diese  Konsequenzen  bereits  vollkommen  und  mit  aller  Offenheit  akzeptiert.
Man  steuert  also  in  Rom  mit  klarem  Bewußtsein  auf  dieses  Ziel  los.

Nach  der  Ansicht  des  Herrn  von  Beust  wäre  zu  besorgen,  daß  ein
zeitiges  Hervortreten  der  Regierungen  eher  ermutigend  auf  die  ultramontane
Partei  wirken  und  sie  in  Rom  zu  entschlossenem  Fortschreiten  auf  der
betretenen  Bahn  bestimmen  möchte.

Es  ist  aber  dagegen  zu  erinnern,  daß  die  römische  Kurie  selber  schon
seit  Jahrhunderten  sich  vorzugsweise  durch  das  Motiv  der  Furcht  hat
leiten  lassen  und  daß  sie  alsbald  zurückzuweichen  oder  einzuhalten  pflegt,  wo
sie  auf  energischen  Widerstand  stößt,  ganz  besonders  dann,  wenn  dieser
Widerstand  ein  kombinierter  mehrerer  Mächte  wäre.  Wozu  noch  kommt,
daß  nach  übereinstimmenden  Berichten  in  Rom  auch  eine  gemäßigte,  oder
antijesuitische  Partei  besteht,  zu  welcher  selbst  einige  Kardinäle  gehören.
Diese  Partei  würde  sich  durch  eventuelle  Erklärungen  oder  Schritte  der
Regierungen  ermutigt  und  gestärkt  fühlen  und  sich  in  den  Stand  gesetzt
sehen,  dem  bis  jetzt  allerdings  überwiegenden  Einflusse  der  Gegenpartei,
welche  die  neuen  Dogmen  anstrebt,  sich  mit  Erfolg  zu  widersetzen.

Zirkular  an  die  königlichen  Gesandtschaften
vom  29.  Mai  1869.1)

Nachdem  nunmehr  auch  die  Erklärungen  der  bei  den  letzten  Neuwahlen
mehrfach  Gewählten  abgegeben  sind  und  sonach  die  Zusammensetzung  der

 

1)  Veröffentlicht  im  Oktober  1869  durch  die  „Donauzeitung“  A.  A.-Z.  17.  10.
1869  Nr.  290.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  367

künftigen  Kammert!)  vollständig  bekannt  ist,  ergibt  sich,  daß  in  derselben
vertreten  sein  werden:  1  Mitglied  der  Volkspartei,  56  Mitglieder  der
Fortschrittspartei,  20  Mitglieder  der  Mittelpartei,  sonach  77  Liberale  und
77  von  der  klerikalen  Partei  vorgeschlagene  Kandidaten.

Der  Regierung  konnte  dieses  Resultat  nicht  unerwartet  sein;  es  ist
eine  bekannte  Erfahrung  im  politischen  Leben,  daß  in  erregten  Zeiten,  und
wenn  sich  die  Bestrebungen  der  Parteien  in  leidenschaftlicher  Weise  gesteigert
  haben,  stets  die  Extreme  von  einem  gewissen  äußerlichen  Erfolg
begleitet  sind  und  diejenigen  Parteien,  welche  mit  Ruhe  und  Besonnenheit
vorangehen  wollen,  für  eine  Zeitlang  in  dem  Wahlkampfe  in  der  Minderheit
  bleiben.

Bei  der  großen  Rührigkeit,  insbesondere  der  klerikalen  Richtung,  bei
den  bedeutenden  Mitteln  zur  Agitation,  über  welche  sie  verfügt,  wäre
sogar  ein  Sieg  dieser  Partei  keineswegs  unmöglich  gewesen  und  war  sogar
von  verschiedenen  Seiten  erwartet  worden.  Um  so  mehr  kann  die  Regierung
  sich  damit  zufrieden  erklären,  daß  es  ungeachtet  aller  Anstrengungen
ihren  Gegnern  nicht  gelungen  ist,  die  Majorität  in  der  Kammer  zu  erlangen,
  und  daß  selbst  das  gegenwärtige  Resultat  nur  dadurch  erreicht
werden  konnte,  daß  die  antiliberale  Richtung,  um  deren  Sieg  es  sich  im
Schoße  dieser  Partei  eigentlich  handelte,  mittels  der  vorgeschobenen  Sorge
für  die  Selbständigkeit  der  Krone  und  des  Landes  und  mittels  der  wohlbenutzten
  Abneigung  der  Mehrheit  des  Volkes  gegen  eine  Unterwerfung
unter  preußische  Oberhoheit  maskiert  wurde.  Die  ausgesprochene  Anschauung
  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Bevölkerung  aber,  nicht  in  den
Norddeutschen  Bund  eintreten  zu  wollen,  kann  die  Regierung  nur  als
eine  —  wenn  auch  von  den  gegnerischen  Führern  nicht  beabsichtigte  —
Zustimmung  zu  der  von  ihr  bisher  verfolgten  Politik  ansehen,  denn  gerade
dieser  Grundsatz  war  es,  der  die  äußere  Politik  Bayerns  bisher  leitete,
und  welchen  zu  verlassen  das  Ministerium  weder  Anlaß  noch  Neigung
gehabt  hätte.  Dagegen  hat  es  selbst  die  extremste  klerikale  Richtung  nicht
gewagt,  mit  einem  Programm  aufzutreten,  welches  den  Bruch  der  Allianzverträge,
  eine  Anlehnung  an  eine  fremde  Macht  oder  auch  nur  eine  internationale
  Politik  gefordert  hätte,  vielmehr  haben  selbst  die  ausgesprochensten
Feinde  des  Ministeriums  für  notwendig  gehalten  zu  betonen,  daß  auch  sie
eine  nationale  Verbindung  mit  den  norddeutschen  Stammesgenossen  anstreben.
Ueberdies  hat  sich  gezeigt,  daß  jedenfalls  in  den  Städten  und  in  einem
großen  Teile  des  Landes  die  klerikale  Richtung  überhaupt  keinen  Boden  hat.

Unter  diesen  Umständen  ist  dem  gegenwärtigen  Ministerium  sein  Verhalten
  klar  vorgezeichnet.  Dasselbe  hat  keine  Veranlassung,  solange  Seine

 

1)  Die  Wahlen  hatten  am  20.  Mai  stattgefunden.
        <pb n="380" />
        368  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Majestät  der  König  ihm  sein  Allerhöchstes  Vertrauen  bewahrt,  die  Geschäfte
niederzulegen,  und  noch  viel  weniger,  eine  andre  als  die  bisherige  Politik
im  Innern  sowohl  als  nach  außen  einzuschlagen.  Was  insbesondere  die
Gesetzgebung  in  inneren  Angelegenheiten  betrifft,  so  ist  allerdings  bei  der
voraussichtlich  schwankenden  Majorität  zurzeit  ein  weiteres  Vorangehen
in  den  Reformbestrebungen  nicht  wohl  tunlich;  es  ist  dies  aber  auch
keineswegs  nötig.  Denn  es  wird  nur  zum  Besten  des  Landes  dienen,
wenn  die  vielen  umfangreichen  neuen  Gesetze  allmählich  sich  in  dem  sozialen
Leben  einzubürgern  Zeit  haben,  wenn  eine  Pause  in  der  bisherigen  Fruchtbarkeit
  der  Legislation  eintritt,  und  wenn  man  eine  Konsolidierung  der
bisherigen  Erfolge  abwartet,  ehe  man  mit  Neuerungen  weiter  vorangeht.
Daß  aber  die  bisherigen  Errungenschaften  wieder  aufgehoben  würden  und
eine  den  Bestrebungen  der  letzten  Jahre  entgegenarbeitende  Strömung  in
der  Gesetzgebung  Platz  greifen  könnte,  dazu  reicht  die  Macht  der  klerikalen
Partei  in  der  Kammer  nicht  aus;  ganz  abgesehen  davon,  daß  sich  jetzt
schon  Anzeichen  finden,  es  werde  sich  alsbald  innerhalb  dieser  77  klerikal
Gewählten  eine  Scheidung  vollziehen,  indem  hierunter  eine  große  Anzahl
wohldenkender,  ruhiger  und  patriotischer  Männer  zu  zählen  sind,  welche
keineswegs  geneigt  sein  werden,  die  Zwecke  der  extremen  Parteiführer
mitzuverfolgen.

Die  äußere  Politik  der  Regierung  hat,  wie  ich  bereits  oben  erwähnt
habe,  materiell  die  Zustimmung  des  Landes  gefunden,  und  es  wird  deshalb
das  Ministerium  wie  bisher  auch  fortan  bestrebt  sein,  die  Selbständigkeit
der  Krone  im  vollsten  Maße  zu  wahren,  ohne  dabei  die  Aufgabe  aus  den
Augen  zu  lassen,  welche  die  Friedensverträge  des  Jahres  1866  für  die
künftige  Entwicklung  Deutschlands  ausgesprochen  haben,  die  Aufgabe,  die
Trennung  zwischen  dem  Norden  und  Süden  Deutschlands  durch  ein
nationales  Band  wieder  aufzuheben,  welches  Macht  und  Ansehen  des
Vaterlandes  gegen  fremde  Angriffe  sichert,  ohne  der  Gleichberechtigung  der
Stämme  und  ihrer  Fürsten  einen  Eintrag  zu  tun.

Ich  ersuche  Sie,  in  diesem  Sinne  sich  bei  der  Regierung,  bei  welcher
Sie  akkreditiert  sind,  auszusprechen,  und  benütze  diesen  Anlaß  u.  s.  w.

Journal.
Berlin,  3.  Juni  1869.
Abreise  von  München  gestern  abend  6  Uhr.  Auf  dem  Bahnhof  fand
ich  Arco-Valley  mit  Familie.  Arco  fuhr  mit  mir,  was  mir  insofern
unangenehm  war,  als  er  Konversation  machte,  was  mir  auf  der  Eisenbahn
sehr  unbequem  ist;  ich  legte  mich  daher  bald  in  die  Ecke  und  schlief.  Um
4  Uhr  früh  kamen  wir  nach  Hof,  wo  er  mich  aufweckte,  um  Kaffee  zu
trinken.  Dort  traf  ich  eine  Anzahl  Abgeordneter,  Franckenstein,  Zu  Rhein
        <pb n="381" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  369

und  ähnliche,  auch  mehrere  Fortschrittler.  Arco-Valley  verspätete  sich  in
Altenburg  und  mußte  zurückbleiben.

In  Berlin  fand  ich  Viktor,  Perglas  und  das  Personal  der  Gesandtschaft.
  Ich  fuhr  mit  Viktor  ins  Hotel,  zog  mich  schnell  an  und  fuhr
dann  um  2  Uhr  zu  der  Eröffnung  des  Zollparlaments,  welche  ohne  alle
Zeremonie  im  Weißen  Saal  durch  Delbrück  geschah.  Wir  waren  im  Frack.
Nachher  war  eine  Sitzung,  in  der  nur  Formalien  abgemacht  wurden.

4.  Juni  1869.

Gestern  bei  der  ersten  Sitzung  wurde  ich  von  vielen  alten  Bekannten
begrüßt,  u.  a.  von  dem  im  Reichstag  berühmten  Finanzredner  Benda,  der
mit  mir  vor  fünfundzwanzig  Jahren  bei  der  Regierung  in  Potsdam  war.
Er  hat  sich  seit  jener  Zeit  so  verändert,  daß  ich  ihn  nicht  wiedererkannt
hätte.  Damals  ein  junger  schöner  Mann  mit  schwarzen  Locken,  jetzt  ein
alter  Professor  mit  grauem  Haar  und  ohne  Zähne.  Andre  sind  wieder
gar  nicht  verändert.  Ich  mache  die  Erfahrung,  daß  leidenschaftliche
Charaktere  am  schnellsten  alt  werden,  während  ruhige  Naturen  die  äußere
Hülle  am  wenigsten  abnutzen  und  sich  deshalb  „konservieren“.

Eben  komme  ich  aus  der  Sitzung,  in  der  ich  wieder  zum  ersten  Vizepräsidenten
  gewählt  worden  bin.  Ich  war  bis  zum  letzten  Augenblick
zweifelhaft,  ob  ich  mich  bei  meiner  Antwort  auf  wenige  Worte  beschränken
oder  etwas  mehr  sagen  sollte.  Nun  zeigte  ich  Viktor  die  Rede,  wie  ich
sie  aufgesetzt  hatte  und  wie  ich  sie  dann  wirklich  gehalten  habe,  und  dieser
riet  mir  unbedingt  dazu,  da  sie  auf  die  Versammlung  den  besten  Eindruck
machen  werde  und  es  mir  am  Ende  gleichgültig  sein  könne,  was  die
ultramontane  Partei,  mit  der  ich  es  doch  verdorben  hätte,  dazu  sage.
Was  Viktor  vorausgesagt  hatte,  war  auch  der  Fall.  Meine  Rede  wurde
lebhaft  begrüßt  und  hat  mir  meine  Position  verstärkt.  Ich  wurde  nachher
vielfach  behändedrückt.  Bei  der  Lage  der  Dinge,  wie  sie  sich  nach  und
nach  gestaltet,  ist  es  notwendig,  immer  klar  zu  sagen,  was  man  denkt,
und  nur  nie  sich  dem  Vorwurf  auszusetzen,  daß  man  nicht  den  Mut  habe,
seine  Ueberzeugung  zu  bekennen.  Simson  wurde  wieder  zum  ersten  Präsidenten
  und  Hugo  zum  zweiten  Vizepräsidenten  gewählt.

Rede.

Indem  Sie  mich  zum  zweiten  Male  zu  Ihrem  Vizepräsidenten  erwählen,
  erweisen  Sie  mir  eine  Ehre,  für  welche  ich  Ihnen  zu  aufrichtigem
Danke  verpflichtet  bin.  Diese  Ehre  ist  um  so  größer,  als  ich  im  vergangenen
  Jahre  nicht  Gelegenheit  hatte,  Beweise  für  meine  Befähigung
zu  dem  mir  übertragenen  Amte  abzulegen.  Wenn  Sie  mir  heute  dessenungeachtet

  Ihre  Stimmen  geben,  so  bin  ich  berechtigt,  das  Motiv  Ihres
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  24
        <pb n="382" />
        370  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Vertrauens  in  der  Beurteilung  meiner  außerhalb  des  Kreises  dieser  Versammlung
  liegenden  Tätigkeit  zu  suchen.  Damit  gewinnt  aber  Ihre  Abstimmung
  für  mich  eine  höhere  politische  Bedeutung.  Das  Votum  dieser
Versammlung  gibt  mir  den  Mut,  auszuharren  auf  dem  Wege,  den  ich
für  den  richtigen  halte,  auszuharren  in  dem  Bestreben,  die  Versöhnung,
Verständigung  und  Eintracht  der  deutschen  Stämme  nach  Kräften  zu
fördern.

In  diesem  Geiste  nehme  ich  das  mir  übertragene  Amt  an  und  bitte
Sie  nur  noch,  mir  Ihre  wohlwollende  Nachsicht  nicht  zu  entziehen,  wenn
ich  berufen  sein  sollte,  die  Verhandlungen  dieser  hohen  Versammlung  zu
leiten.

Berlin,  7.  Juni  1869.

Gestern  war  ich  zum  Diner  nach  Potsdam  eingeladen.  Ich  fuhr
um  ¾2  Uhr  auf  den  Bahnhof,  wo  ich  Hugo  und  Stillfried  fand,
mit  denen  ich  in  einen  Waggon  stieg.  In  Neuendorf  (zu  meiner  Zeit
hieß  es  Nowawes)  fanden  wir  die  königlichen  Equipagen,  die  uns  nach
Babelsberg  brachten.  Ich  war  seit  vierundzwanzig  Jahren  nicht  dort  gewesen.
  Das  Schloß  ist  sehr  schön  geworden,  noch  schöner  der  Park.  Wo
zu  meiner  Zeit  nur  elende  Anpflanzungen  waren,  ist  jetzt  ein  schöner
englischer  Park  mit  großen  Bäumen.  Alles  prächtig  gehalten.  Beim  Diner
waren  der  König,  die  kronprinzlichen  Herrschaften,  der  Prinz  von  Hessen
mit  Prinzeß  Alice  und  alle  sonstigen  Herrschaften.  Der  König  war
liebenswürdig  wie  immer,  erkundigte  sich  nach  dem  König  von  Bayern
und  Prinz  Otto,  ließ  sich  aber  sonst  nicht  in  politische  Gespräche  ein.  Die
Kronprinzeß  sprach  viel  eingehender,  fragte,  wann  der  König  kommen
werde,  und  erging  sich  in  deutsch-politischen  Erörterungen.  Prinzeß  Alice
erinnerte  mich  an  Osborne.  Ueberhaupt  war  man  sehr  liebenswürdig
und  sagte  mir  viel  Schmeichelhaftes  über  meine  Rede.  Ich  saß  neben
Prinz  Georg,  mit  dem  ich  viel  über  Wagner  sprach.  Nach  Tisch  kam
eine  Menge  kleiner  Prinzen  und  Prinzessinnen,  die  den  alten  König  umringten
  und  ihm  die  Hand  küßten.  Es  sah  recht  hübsch  und  patriarchalisch
aus.  Um  6  Uhr  war  ich  wieder  zurück,  ging  dann  noch  zu  Perglas,  wo
ich  eigentlich  hätte  essen  sollen,  und  begrüßte  die  dort  eingeladenen  Größen,
die  bei  der  Zigarre  in  „angegessenem  Zustand“  im  Salon  saßen.  Abends
machte  ich  einen  Spaziergang  zu  Kroll,  wo  ich  die  „süddeutsche  Fraktion“
fand:  Schrenck,  Franckenstein,  Aretin  u.  s.  w.,  mit  denen  ich  freundschaftlich
  nach  Hause  wanderte.

Heute  Morgen  war  Zollparlament.  Ich  hatte  die  nationalliberale
Partei  bewogen,  die  Frage  wegen  des  bayrischen  Wahlgesetzes  zum  Zollparlament,
  die  voriges  Jahr  unangenehme  Debatten  veranlaßt  hatte  und
die  wieder  auftauchen  wollte,  fallen  zu  lassen,  indem  ich  ihnen  versprach,
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  371

eine  beruhigende  Rede  zu  halten.  Dies  tat  ich  auch;  die  Rede  erntete
Bravos,  und  wir  kamen  ohne  Diskussion  über  die  ganze  Geschichte  weg.
Um  6  Uhr  war  Diner  bei  dem  amerikanischen  Gesandten.  Ich  saß  neben
seiner  Frau,  einer  alten  Amerikanerin,  sehr  elegant,  mit  der  ich  scheußliches
Englisch  sprach.  Sie  schwärmt  für  Erckmann-Chatrian  und  empfiehlt
seine  Bücher  allen  young  ladies.  Nachdem  wir  die  verschiedenartigsten
Weine  getrunken  hatten,  brachte  Mister  Bancroft  einen  Toast  auf  den
König  von  Bayern  aus.  Ich  erwiderte,  daß  ich  diesen  Toast  dem  König
melden  würde,  der  eine  große  Sympathie  für  die  Amerikaner  habe,  daß
seine  Worte  um  so  mehr  Wert  hätten,  als  sie  von  einem  so  ausgezeichneten
Manne  wie  Mister  Bancroft  kämen,  sprach  noch  von  der  Verbrüderung
der  Nationen  und  von  der  Hoffnung,  welche  alle  Wohlgesinnten  beseele,
daß  die  Völker  dieses  Ziel  erreichen  würden,  und  trank  dann  in  einem
nicht  sehr  glücklichen  Uebergang  auf  das  Wohl  des  Mannes,  der  diese
Hoffnung  teile,  nämlich  auf  Mister  Bancroft.  Die  Rede  war  nicht
sehr  abgerundet,  aber  doch  erträglich.
Berlin,  8.  Juni  1869.

Heute  Morgen  war  Perglas  lange  bei  mir,  um  mit  mir  über  die
Liquidationsverhandlungen  zu  sprechen.  Während  er  da  war,  kam  auch
ein  Herr  Sterkow  (oder  wie  er  heißt),  der  mit  dem  Zeichen  (—)  Korrespondenzartikel
  in  die  „Allgemeine  Zeitung“  schreibt.  Ein  wohlunterrichteter
Mann,  aber  der  Typ  eines  Preßhusaren.  Dann  fuhr  ich  Visiten.  Zuerst
bei  Prinz  August  von  Württemberg,  der  mir  seinen  mit  Jagdgegenständen
reich  verzierten  Saal  zeigte,  dann  zu  verschiedenen  Prinzen,  wo  ich  mich
einschrieb,  und  endlich  zu  Moltke,  mit  dem  ich  ein  langes  Gespräch  über
den  Krieg  hatte,  das  ich  besonders  aufzeichnen  werde.  Es  ist  ein  merkwürdiger,
  klarer,  entschlossener  Mann.  Um  4  Uhr  war  großes  Diner  bei
Hof  zu  Ehren  des  Vizekönigs  von  Aegypten.  Wir  fuhren,  Viktor  und
ich  zusammen,  in  der  Galaequipage.  Im  Schloß  war  schon  alles  versammelt,
  mit  Ausnahme  des  Königs.  Der  Vizekönig  kam  etwas  früher
als  der  König.  Er  ist  ein  kleiner  Mann  mit  einem  Bartj;  trotz  seiner
gestickten  Uniform  und  dem  Schwarzen  Adler  machte  er  mir  den  Eindruck
eines  französischen  Cafewirts.  Bei  Tisch  saß  ich  neben  Boguslaw  Radziwill
  und  Viktor.  Ersterer  sprach  schwärmerisch  von  seinen  verschiedenen
Kindern,  die  im  geistlichen  Stande  sind.  Eine  Tochter  Nonne  und  zwei
Söhne  Geistliche.  Es  war  rührend,  wie  er  mir  erzählte,  daß  er  seine
Tochter,  die  für  ihn  eine  wahre  Freundin  gewesen  sei,  so  ungern  habe
ins  Kloster  gehen  lassen,  daß  sie  jetzt  aber  sehr  glücklich  sei.  Sie  ist
barmherzige  Schwester.  Nach  Tisch  hatte  ich  eine  lange  Unterhaltung  mit
Prinzeß  Karl,  dann  mit  Prinzeß  Alice,  die  sehr  heiter  und  liebenswürdig
ist,  endlich  mit  der  Kronprinzeß,  für  die  ich  ein  ganz  besonderes  tendre
        <pb n="384" />
        372  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

habe,  und  dann  ließ  ich  mich  dem  Vizekönig  vorstellen,  der  glücklich  war,
mit  mir  über  Aegypten  sprechen  zu  können.  Er  spricht  sehr  gut
Französisch.  Alles,  was  Berlin  an  großen  Tieren  besitzt,  war  anwesend.
Auch  Bluntschli  traf  ich,  mit  dem  ich  über  Jesuiten,  Konzil  und
Protestantentag  redete.

Nun  bin  ich  aber  von  alldem  ganz  schwindlig,  um  so  mehr,  als  man
die  grauenhafte  Idee  hatte,  eine  Militärblechmusik  während  der  Tafel
spielen  zu  lassen,  was  wahrhaft  betäubend  wirkte.

Gespräch  mit  General  von  Moltke  am  8.  Juni  1869.

Bei  einem  Besuche  bei  General  von  Moltke  kam  die  Rede  auf  die
süddeutschen  Verhältnisse.  Moltke  verkannte  nicht,  was  wir  bisher  getan
hätten,  bemerkte  aber,  daß  wir  möglicherweise  bei  einem  auswärtigen
Kriege  die  Politik  des  Zuspätkommens  befolgen  würden.  Wir  seien  nicht
gerüstet  und  würden  diese  Politik  befolgen,  ohne  uns  eines  Vertragsbruchs
schuldig  zu  machen.  Ich  erwiderte,  daß  man  zu  einer  tüchtigen  Ausbildung
  der  Armee  viel  Geld  brauche.  Dieses  werde  aber  von  den
Kammern  abhängen.  Diese  teilen  sich  in  Ultramontane  und  Liberale.
Letztere  bewilligten  überall  nicht  gern  Geld  für  die  Armee.  Erstere  würden
mehr  Geld  bewilligen,  wenn  sie  nicht  die  Befürchtung  hegten,  daß  der
Krieg  doch  schließlich  mit  dem  Verlust  der  Selbständigkeit  des  Landes  ende.
Hätte  diese  Partei  die  Gewißheit,  daß  der  Krieg  das  Resultat  des  Verlusts
  der  Selbständigkeit  nicht  habe,  so  würden  sie  eher  zu  Geldbewilligungen
  bereit  sein.  Eine  solche  Garantie  biete  uns  nur  ein  staatsrechtliches
Band  unter  den  süddeutschen  Staaten.  Moltke  erwiderte,  ohne  auf  letzteren
Punkt  einzugehen,  daß  die  Befürchtung  vollkommen  grundlos  sei.  (Das
gleiche  wurde  mir  eingehend  von  dem  General  der  Artillerie  Prinzen
Hohenlohe  auseinandergesetzt.)

Auf  den  Krieg  selbst  eingehend,  sagte  er:  Frankreich  werde  keinen  Krieg
beginnen,  wenn  Oesterreich  nicht  mitgeht,  so  dumm  seien  die  Franzosen
nicht.  Sie  wüßten  zu  gut,  daß  sie  Preußen  nicht  gewachsen  seien,  wenn
sie  allein  angriffen.  Oesterreich  aber  sei  jetzt  nicht  gerüstet.  Wenn  der
Krieg  mit  Frankreich  und  Oesterreich  ausbreche,  so  werde  sich  Preußen
in  seinem  Feldzugsplan  nicht  irre  machen  lassen.  Man  werde  alle  Streitkräfte
  auf  Frankreich  werfen  und  die  Oesterreicher  möchten  unterdessen
tun,  was  sie  wollten,  und  wenn  sie  bis  Berlin  marschierten.

Was  Ulm  betrifft,  so  sagte  Moltke,  es  sei  eine  österreichische  Festung
und  habe  wenig  Wert.  Man  könne  es  aber  doch  nicht  aufgeben.

Bezüglich  der  Liquidationskommission  erwähnte  er  nur,  daß  man  in
Preußen  nichts  wolle,  als  sich  vergewissern,  daß  die  Kanonen,  welche  doch
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  373

Preußen  mitgehörten,  so  placiert  seien,  daß  man  sie  nicht  gleich  weg—
nehmen  könne.
Berlin,  10.  Juni  1869.

Gestern  eine  kurze  Sitzung  des  Zollparlaments.  Göler  wollte  über
einen  Artikel  des  Vertrags  mit  Japan  eine  nationalgefärbte  Rede  halten.
Ich  hielt  ihm  meine  Gründe  entgegen,  und  er  verschluckte  seine  schöne  Rede
und  schwieg.  Eine  seltene  Selbstbeherrschung.

Nachmittags  Fahrt  nach  Potsdam,  wohin  wir  zum  Theater  „in
kleiner  Uniform“  eingeladen  waren.  Wir  kamen  um  6  Uhr  dort  an,  begaben
  uns  von  der  Station  Wildpark  zu  Fuß  in  das  Neue  Palais,  wo
man  uns  unterdessen,  bis  das  Theater  anging,  ein  Zimmer  gab.  Wir
brachten  aber  den  größten  Teil  der  Zeit  auf  der  Terrasse  zu,  obgleich  das
Wetter  nicht  sehr  schhn  war.  Um  7  Uhr  begann  das  Theater.  Es  ist
ein  hübsches  kleines  neukonstruiertes  Theater  im  Neuen  Palais.  Die
höchsten  Herrschaften  saßen  vorn  auf  Stühlen.  In  der  Mitte  die  Kronprinzeß
  mit  Prinzeß  Alice  von  Hessen.  Links  der  Vizekönig,  rechts  der
König  von  Preußen,  dann  die  übrigen  Prinzen.  Hinter  der  Kronprinzeß
saßen  die  Prinzeß  Charlotte  und  die  Prinzeß  von  Hessen,  zwei  Mädchen
von  sechs  oder  acht  Jahren,  und  zwischen  sich  hatten  sie  den  Sohn  des
Vizekönigs.  Die  beiden  Mädchen  waren  sehr  vertraut  mit  ihrem  Spielkameraden
  im  roten  Tarbusch  und  dem  impassibeln  türkischen  Gesicht.  Die
kleine  Prinzeß  von  Hessen  arrangierte  ihm  den  seidenen  Büschel  auf  seinem
Tarbusch,  und  als  das  Theater  vorbei  war  und  sie  wegging,  küßte  sie  ihn,
worüber  er  sehr  erstaunt  war.  Sie  fragte  ihn  auch,  wo  denn  seine  Mama
wäre,  worüber  er  keine  Auskunft  geben  konnte.  So  erzählte  die  Kronprinzeß
  nachher.  Das  Theater  bestand  aus  einem  französischen  Lustspiel
„Les  souliers  de  bal“  und  einem  horrend  dummen  Ballett  unter  dem  wenig
französischen  Titel  „La  fete  du  jour  de  naissance“.  Unter  anderm  kam
auch  ein  „pas  styrien“  zur  Aufführung.  Zwei  Tänzer  in  kurzen  schwarzen
Schwimmhosen,  rosenfarbenem  Trikot  und  weißen  Socken  bis  etwas  über
die  Knöchel  tanzten  mit  zwei  Damen  mit  roten  Strümpfen.  Die  übliche
Bewegung  der  Daumen  in  den  Hosenträgern  fehlte  nicht,  dazu  sang  ein
Chor  abenteuerlicher  Steirer,  mit  grünen  Hüten  und  roten  Westen,  die
bekannten  angeblichen  Gebirgsjodler  „Wenn  ich  nun  von  der  Alpe  weka
geh  u.  s.  w.“,  durch  und  durch  Berliner  Holdrio.  Viktor  und  ich  sowie
Fritz,  die  wir  nebeneinander  saßen,  unterhielten  uns  sehr  darüber.

Nach  dem  Theater  war  Souper,  wo  ich  zwischen  General  Loö  und
Aristarchi  Bei  saß.  Dann  war  Cercle,  und  um  10  Uhr  wurden  wir
entlassen,  um  mit  dem  Extrazug  nach  Berlin  zurückzufahren.  Bismarck
lud  mich  ein,  mit  ihm  zu  fahren,  und  benützte  die  Gelegenheit,  mit  mir
von  Geschäften  zu  sorechen.
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        374  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

12.  Juni  1869.

Gestern  übergab  mir  Simson  das  Präsidium  des  Zollparlaments  bei
Beratung  des  neuen  Zollgesetzes.  Ich  brachte  die  166  Paragraphen  in
drei  Stunden  durch.  Glücklicherweise  kam  keine  Streitigkeit  und  Unannehmlichkeit
  vor.  Die  Redner  sprachen  alle  von  der  Sache  und  niemand
machte  Unfug.  So  ging  mein  erster  Versuch  glücklich  ab,  und  ich  bin  nun
genug  eingewöhnt,  um  auch  bei  weniger  ruhigen  Sitzungen  zu  präsidieren.
Simson  war  sehr  unwohl,  und  wenn  es  bis  Montag  nicht  besser  ist,  so
wird  er  ernstlich  krank.  Dann  bleibt  mir  der  Vorsitz  für  den  Rest  der
Session,  doch  hoffe  ich  nicht.  Um  5  Uhr  war  Diner  bei  Scheidt,  Geheimer
Kommerzienrat,  im  Hotel  Royal.  Ein  langes  lärmendes  Vergnügen  mit
viel  Wein.

Abends,  um  mir  Bewegung  zu  machen,  Kegelpartie  im  Unionsklub
bis  ½1  Uhr.

Unterredung  mit  Bismarck  am  12.  Juni  1869.

Nach  einem  Diner  bei  Bismarck  lud  dieser  mich  und  Varnbüler  ein,
mit  ihm  in  den  Garten  zu  gehen.  Bismarck  brachte  sofort  das  Gespräch
auf  das  Konzil,  das  ihn  ganz  besonders  zu  interessieren  scheint.  Er  erging
sich  zunächst  in  allgemeinen  Bemerkungen  und  sprach  seine  Uebereinstimmung
mit  meiner  Auffassung  aus.  Varnbüler  dagegen  verteidigte  seinen  Standpunkt,
  welcher  darin  besteht,  die  in  Rom  beabsichtigten  Extravaganzen  als
einen  Nagel  zum  Sarg  der  ultramontanen  Bestrebungen  anzusehen.  Ich
verteidigte  dagegen  die  Ansicht,  daß  eine  solche  Hoffnung  sich  als  trügerisch
erweisen  und  die  Beschlüsse  des  Konzils  nicht  allein  die  katholische  Kirche
schädigen,  sondern  auch  den  Staat  in  Gefahr  bringen  würden.

Nachdem  Varnbüler  aber  sich  bereit  erklärt  hatte,  seinen  Standpunkt
insoweit  aufzugeben,  daß  er  sich  von  gemeinsamen  Schritten  nicht  ausschließen
werde,  kam  Bismarck  auf  den  Vorschlag,  es  sollten  die  deutschen  Staaten
gemeinsame  vertrauliche  Schritte  in  Rom  tun,  um  dort  vor  zu  weitgehenden
  Maßregeln  abzumahnen.  1)  Er  denke  sich,  sagte  Graf  Bismarck,

 

1)  Bismarck  hatte  bereits  in  der  Depesche  an  Arnim  vom  26.  Mai  1869,  in
welcher  dessen  Antrag  auf  Sendung  von  Oratores  zum  Konzil  abgewiesen  wird,
dem  Gesandten  geschrieben:  „Seine  Majestät  der  König  haben  mich  ermächtigt,
mit  der  Königlich  bayrischen  Regierung  und  eventuell  mit  den  übrigen  süddeutschen
Regierungen  in  vertrauliche  Verhandlungen  zu  treten  und  womöglich  im  Namen
des  gesamten  Deutschlands,  auf  welches  es  uns  zunächst  hier  nur  ankommen  kann,
gemeinsame  Einwirkungen  auf  die  Kurie  zu  versuchen,  welche  ihr  die  Gewißheit
geben  würden,  daß  sie  bei  etwa  beabsichtigten  Ausschreitungen  einem  entschiedenen
Widerstand  der  deutschen  Regierungen  begegnen  werde.“  Friedrich,  Geschichte  des
Vatikanischen  Konzils,  Bd.  I  S.  785.
        <pb n="387" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  375

die  Sache  so:  Bayern  solle  an  die  deutschen  Regierungen  den  betreffenden
Vorschlag  machen,  dann  würden  sich  die  preußische  und  die  übrigen  Regierungen
  damit  einverstanden  erklären,  und  diese  Noten  könnten  dann
dem  Bevollmächtigten,  welchen  Bayern  in  Form  eines  Reisenden  von
Distinktion  nach  Rom  schicken  müsse,  als  Beglaubigung  dienen.  Der  betreffende
  Bevollmächtigte  müsse  keinen  offiziellen  Charakter  haben,  sondern
zu  seinem  Vergnügen  nach  Rom  reisen,  dürfe  aber  dort  über  seine  Qualität
als  offiziöser  Bevollmächtigter  keinen  Zweifel  lassen.  Wer  diese  Person
sei,  müsse  freilich  noch  überlegt  werden.  Wir  gingen  verschiedene
Persönlichkeiten  durch,  konnten  aber  zurzeit  niemand  finden  und  beschlossen,
  daß  die  Frage  der  Person  des  Abzusendenden  noch  in  suspenso
bleiben  solle.

Den  andern  Tag  kam  der  Geheime  Rat  Abeken,  Referent  für  die
Konzilsachen  im  auswärtigen  Ministerium,  zu  mir,  und  wir  verabredeten
die  in  dem  anliegenden  Promemoria  enthaltenen  Schritte.

Promemoria.
Berlin,  14.  Juni  1869.

Am  13.  Juni  begab  ich  mich  im  Auftrage  des  Herrn  Ministers  zu
dem  hier  anwesenden  Königlich  bayrischen  Staatsminister  und  Minister
des  Aeußern,  Herrn  Fürsten  von  Hohenlohe,  Durchlaucht,  um  demselben
nebst  andern  auf  das  bevorstehende  ökumenische  Konzil  bezüglichen  Schriftstücken
  auch  die  unter  dem  28.  v.  M.  an  den  Königlichen  Gesandten  in
München  gerichtete  Depesche  vorzulegen.  Seine  Durchlaucht  erklärte  sich
mit  dem  Inhalt  derselben  vollkommen  einverstanden  und  fügte  noch  hinzu,
daß  er  ebenso  einverstanden  sei  mit  dem  in  bezug  auf  die  Form  des
in  Rom  zu  tuenden  Schrittes  ihm  mündlich  gemachten  Vorschlage  des
Grafen  Bismarck,  daß  die  vertraulichen  Vorstellungen  und  Mahnungen
durch  eine  von  der  Königlich  bayrischen  Regierung  in  vertraulicher  Mission
nach  Rom  zu  entsendende  Persönlichkeit  gemacht  werden  sollten.  Dieser
Abgesandte  würde  nicht  im  Namen  Bayerns  allein,  sondern  im  Namen
aller  deutschen  Regierungen  zu  sprechen  haben,  deren  Beteiligung  an  diesem
Schritte  durch  besondere  Schreiben,  welche  dem  Abgesandten  gleichsam  zur
Beglaubigung  seines  gemeinschaftlichen  Auftrags  dienen  würden,  zu  konstatieren
  sei.

Der  Königlich  bayrische  Herr  Minister  sprach  seine  Absicht  aus,  nunmehr
  ohne  weiteres  mit  dem  Vorschlage  zu  einer  solchen  Sendung  und
zur  Verständigung  über  die  Sprache,  die  in  Rom  geführt  werden  solle,
wofür  Seine  Durchlaucht  die  in  der  diesseitigen  Depesche  vom  28.  Mai
angedeuteten  Grundsätze  billigte,  sich  an  die  Regierungen  von  Württemberg,
  Baden  und  Hessen-Darmstadt  zu  wenden.  Die  Persönlichkeit,  welche
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        376  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

zu  der  Sendung  zu  wählen,  müsse  er  vorerst  noch  in  suspenso  lassen.
Von  der  erfolgten  Mitteilung  an  die  gedachten  Höfe  versprach  der  Fürst
hierher  Mitteilung  zu  machen,  damit  der  Vorschlag  von  preußischer  Seite
unterstützt  werde.  Ob  Sachsen  von  seiten  Bayerns  oder  von  seiten  Preußens
aufzufordern  sei,  möge  noch  weiterer  Erwägung  vorbehalten  bleiben.

Im  Laufe  der  Besprechung  zeigte  sich  Seine  Durchlaucht  der  Fürst
Hohenlohe  auch  dem  von  preußischer  Seite  angeregten  Gedanken  nicht  abgeneigt,
  daß  neben  den  Schritten  in  Rom  auch  an  die  deutschen  Bischöfe
vor  ihrem  Abgange  nach  dem  Konzil  respektive  bei  der  ihnen  dafür  zu
erteilenden  Erlaubnis  eine  Kundgebung  der  deutschen  Regierungen,  und
zwar  ebenfalls  in  völliger  Uebereinstimmung  des  Inhalts,  gerichtet  würde,
um  ihnen  den  Standpunkt,  welchen  die  Regierung  dem  Konzil  gegenüber
einnehme,  klarzumachen  und  sie  vor  der  Teilnahme  an  Beschlüssen,
welche  in  die  Rechte  des  Staats  übergriffen,  zu  warnen.  Hierüber  wollte
der  Königlich  bayrische  Herr  Minister  indes  noch  weitere  Mitteilung  erwarten;
  der  nächste  nach  Rom  hin  zu  tuende  Schritt  solle  aber  dadurch
nicht  aufgehalten  werden.

Bei  dem  mündlichen  Vortrage,  welchen  ich  dem  Herrn  Ministerpräsidenten
  Grafen  Bismarck  noch  am  12.  vor  seiner  Abreise  hierüber  erstattete,
  erklärte  sich  derselbe  mit  der  von  dem  Königlich  bayrischen  Herrn
Ministerpräsidenten  beabsichtigten  Behandlung  der  Sache  vollkommen  einverstanden.


Abeken.

Journal.
Berlin,  19.  Juni  1869.

In  der  gestrigen  Sitzung  des  Zollparlaments  kam  der  Metzsche  Antrag
zur  Beratung,  der  dahin  ging,  den  Zollbundesrat  aufzufordern,  Maßregeln
  zu  ergreifen,  um  das  gleichzeitige  Tagen  von  Einzellandtagen  mit
dem  Zollparlament  zu  verhindern.  Nun  ist  Metz  ein  unverschämter,  gemeiner
  Schreier,  und  der  Ton  des  Antrags  hatte  mich  schon  lange  geärgert.
Ich  dachte  aber,  es  würde  von  irgendeiner  Seite  eine  Modifikation  kommen,
und  kümmerte  mich  nicht  darum.  Als  ich  nun  in  die  Sitzung  kam,  hörte
ich  zu  meinem  Erstaunen,  daß  selbst  die  süddeutsche  Fraktion  keine  Einwendung
  erheben  wolle.  Nun  wußte  ich  aber  zu  gut,  daß  Metz  dem  Antrag
eine  solche  Deutung  geben  würde,  die  es  mir  schließlich  unmöglich  machen
würde,  zuzustimmen.  Da  der  Antrag  an  sich  zweckmäßig  war,  so  machte
ich  noch  in  der  Sitzung  eine  Modifikation  und  zeigte  sie  Schrenck,  Varnbüler
  und  Simson.  Alle  fanden  meine  Fassung  anständiger.  Varnbüler
aber,  der  von  einer  großen  Eifersucht  über  meine  Stellung  im  Parlament
beseelt  ist,  riet  mir  ab,  die  Modifikation  einzubringen,  es  sei  nicht  nötig,
Delbrück  werde  schon  etwas  sagen  u.  s.  w.,  nur  weil  er  wußte,  daß  ich
        <pb n="389" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  377

mir  wieder  einen  parlamentarischen  Sukzeß  erringen  würde.  Da  ich  nun
unsre  lieben,  gemütlichen  Landsleute  kenne,  so  schwieg  ich,  war  aber  um
so  mehr  entschlossen,  meinen  Antrag  einzubringen.  Nun  kam  die  Dis—
kussion.  Der  Referent  stellte  den  Antrag  sehr  harmlos  dar.  Ein  Hesse
sprach  dagegen,  und  nun  wollte  man  schon  schließen,  worauf  dann  Metz
nur  allein  noch  gesprochen  haben  würde.  Ich  bat  also  ums  Wort  und
motivierte  kurz  meinen  Antrag.  Darauf  sprach  Metz,  gerade  wie  ich  es
vorausgesehen  hatte,  mit  Ausfällen  auf  den  süddeutschen  Partikularismus,
in  seinem  gewöhnlichen,  verletzenden,  marktschreierischen  Ton.  Da  ich  gesagt
hatte,  der  Antrag  verletze  in  der  Form  mein  ästhetisch-diplomatisches  Gefühl,
so  gab  er  mir  einen  kleinen  Hieb,  rühmte  aber  meine  „nationale  Gesinnung“
und  erklärte  sich  mit  meiner  Modifikation  einverstanden  und  zog  seinen
Antrag  zurück.  So  kam  denn  mein  Antrag  fast  einstimmig  zur  Annahme.
Fast  alle  Ultramontanen  stimmten  mit.  Ich  habe  dadurch  mir  den  Boden
in  München  für  die  Rückkehr  wieder  smooth  gemacht,  ohne  mir  hier  zu
schaden.  Was  meine  Rede  anbetrifft,  so  hatte  ich  den  Fehler  begangen,
sie  vorher  zu  notieren,  wodurch  sie  schlecht  wurde,  wie  ich  nachher  aus
den  stenographischen  Aufzeichnungen  ersah.  Der  Erfolg  blieb  aber  doch.

Nach  der  Sitzung  fuhr  ich  in  den  Friedrichshain,  den  ich  noch  nie
gesehen  hatte,  da  er  am  Ende  der  Königstraße  liegt.  Eine  hübsche,
englische  Anlage.

Abends  war  ich  mit  Karl  und  Kraft  im  Wallnertheater,  um  „Heydemann
  und  Sohn“  zu  sehen.  Ein  außerordentlich  amüsantes  Stück.  Das
Wallnertheater  ist  das  einzige,  das  ich  besuche.  Das  Ballett  „Fantaska“  habe
ich  einmal  gesehen.  Es  ist  das  unsinnigste  Zeug,  der  glänzendste  Blödsinn,
der  noch  je  auf  dem  Theater  dargestellt  wurde.  Die  Ausstattung  ist
prachtvoll,  doch  ist  es  schade,  so  viel  Geld  auf  ein  so  wahnsinniges
Machwerk  zu  verwenden.  Wenn  man  sieht,  wie  solche  Sachen  bewundert
werden,  so  überschleicht  einen  das  wehmütige  Gefühl,  daß  die  Menschheit
zurückgeht.

Gespräch  mit  Graf  Bismarck.
Berlin,  23.  Juni  1869.

Der  preußische  Minister  sprach  zuerst  von  der  Beendigung  des  Parlaments
  und  dessen  Resultaten  und  von  der  Haltung  der  Parteien,  er  erklärte
  sich  sehr  zufrieden,  daß  wenigstens  etwas  zustande  gebracht  worden
sei.  Was  die  politischen  Diskussionen  betrifft,  so  habe  er  die  Parteiführer
darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  es  gegenüber  der  Stimmung  in  Süddeutschland
  ganz  unfruchtbar  sei,  Fragen  zu  berühren,  bei  welchen  doch
nur  eine  süddeutsche  Minderheit  über  die  süddeutsche  Mehrheit  mit  Hilfe
der  Norddeutschen  den  Sieg  davontragen  werde.
        <pb n="390" />
        378  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Davon  abspringend,  berührte  er  die  Frage  der  Liquidationskommission,
erklärte  sein  Einverständnis  mit  den  Münchner  Verabredungen  und  fügte
bei,  daß  er  den  Antrag  bei  dem  König  von  Preußen  gestellt  habe,  diese
Vereinbarungen  genehmigen  zu  wollen;  er  habe  nur  noch  den  Wunsch,
der  ihm  durch  das  Kriegsministerium  nahegelegt  worden  sei,  und  der  darin
bestehe,  es  möchten  Mitglieder  der  Subkommission,  bayrische  und  preußische
(oder  auch  andre),  eine  Reise  nach  Landau  machen,  um  dort  zu  beraten,
ob  es  nicht  zweckmäßiger  sei,  das  bewegliche  Material  nach  Germersheim
zu  bringen  und  Landau  ganz  aufzugeben.  Er  bat  mich,  ich  möchte  die
Sache  in  München  in  Anregung  bringen.  Auf  die  deutsche  Frage  zurückkehrend,
  erging  sich  Graf  Bismarck  in  einer  längeren  Darlegung  der
Gründe,  weshalb  Preußen  gar  nicht  daran  denke,  irgendwie  die  Selbständigkeit
  Bayerns  oder  der  andern  süddeutschen  Staaten  zu  beeinträchtigen.
Baden  habe  für  Preußen  keinen  Wert,  und  das  Entgegenkommen  Badens
könne  von  Preußen  nicht  berücksichtigt  werden.  Dort  seien  Offiziere,  aber
keine  Soldaten  —  politisch  gesprochen.  Damit  könne  man  nichts  machen.

Die  Entwicklung  in  Deutschland  werde  sehr  langsam  gehen,  und
Preußen  habe  noch  zu  viel  im  Norddeutschen  Bund  zu  tun,  um  sich  darauf
einzulassen,  heterogene  Elemente  in  den  Bund  aufzunehmen  oder  mit  denselben
  einen  Bund  einzugehen,  der  den  Kristallisationsprozeß  des  Norddeutschen
  Bundes  nur  stören  würde.

Darauf  bemerkte  ich,  es  liege  in  dem  gegenwärtigen  Zustand  von
Deutschland  eine  große  Gefahr  sowohl  für  den  Norden  als  den  Süden.
Solange  Frieden  bleibe,  habe  dies  nichts  zu  sagen,  aber  breche  der  Krieg
aus,  so  würde  man  sich  in  Süddeutschland  fragen,  wozu  führen  wir  den
Krieg?  Siegen  wir,  so  werden  wir  nachher  in  den  Norddeutschen  Bund
eintreten,  werden  wir  besiegt,  so  sind  wir  auch  verloren.  Um  solche  Erwägungen
  zu  beseitigen,  um  den  Süden  zu  rückhaltloser  freudiger  Mitwirkung
  zu  bringen,  sei  es  notwendig,  ihm  die  Garantie  seiner  Selbständigkeit
  nach  dem  Kriege  zu  verschaffen,  und  dies  geschehe  durch  einen
weiteren  Bund  nach  Analogie  des  alten  Deutschen  Bundes  zwischen  Süddeutschland
  und  dem  Norden.  Ich  fragte  also  Graf  Bismarck,  ob  er  auch
diese  Verbindung  als  eine  solche  ansehe,  welche  die  Entwicklung  und  Ausbildung
  des  Norddeutschen  Bundes  störe.  Er  erwiderte  eifrig,  da  müsse
er  sich  nicht  klar  ausgedrückt  haben,  dieser  Gedanke  sei  ihm  fern,  jede
Verbindung,  die  wir  ihm  böten,  werde  er  dankbar  annehmen.  Jene  Befürchtungen
  seien  aber  unbegründet;  erstens  werde  Preußen  nach  dem  Krieg,
wenn  er  mit  Hilfe  Süddeutschlands  geführt  werde,  nicht  so  niederträchtig
sein,  seinen  Bundesgenossen  Bedingungen  vorzuschreiben,  die  sie  nicht  annehmen
  könnten,  und  dann  werde  der  Krieg  jedenfalls  für  Preußen  siegreich
ausfallen,  da  Frankreich  Preußen  nicht  gewachsen  sei.  Er  führte  das
        <pb n="391" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  370

—

durch  Aufzählung  der  preußischen  Truppen  und  durch  Vergleichung  mit
den  Franzosen  weitläufig  aus.  Außerdem  wies  er  auf  die  Allianz  mit
Rußland  hin,  widerlegte  meine  Einwände  bezüglich  einer  antipreußischen
Stimmung  in  Rußland,  indem  er  nachwies,  daß  dies  nur  die  Preßmanöver
der  Hietzinger  Intriganten  seien,  welche  durch  Vermittlung  des  Großfürsten
  Konstantin  gleichzeitig  dieselben  Artikel  in  die  „Moskauer  Zeitung“,
den  „Beobachter“  und  die  „Sächsische  Zeitung“  einrücken  ließen.

An  den  Bruch  der  Allianzverträge  seitens  der  süddeutschen  Staaten
glaube  er  nicht  im  entferntesten.  Auch  sei  dies  für  Bayern  viel  zu  gefährlich,
  da  trotz  seiner  deutschen  Gesinnung  und  seinem  guten  Willen
im  Fall  des  Bruchs  der  Allianzverträge  dann  eine  Strömung  eintreten
könne,  die  zur  Teilung  Bayerns  zwischen  Norddeutschland  und  Oesterreich
führen  würde.  Er  würde  dagegen  sein,  aber  er  werde  es  in  einem  solchen
Falle  nicht  hindern  können.  Die  Allianz  Frankreichs  mit  Italien  habe
für  ersteres  keinen  Wert,  die  Italiener  würden  nicht  marschieren,  wenn
auch  Viktor  Emanuel,  der  durch  Geld  und  Frauenzimmer  zu  allem  zu
bringen  sei,  einen  Vertrag  mit  Frankreich  abschließen  wolle.

Er  kam  dann  auf  die  französische  Diplomatie  zu  reden,  äußerte  sich
wegwerfend  über  Grammont  und  Moustier,  günstig  über  Benedetti.
Dann  ging  er  auf  die  Erinnerungen  von  1866  über.  Hier  erzählte  er,
der  eigentliche  Grund,  weshalb  er  sich  beeilt  habe,  den  Frieden  in  Nikolsburg
  zu  schließen,  habe  in  der  ungarischen  Frage  gelegen.  Sie  hätten
nicht  daran  gedacht,  die  ungarische  Revolution  loszulassen,  wenn  sich
Frankreich  nicht  eingemischt  hätte.  In  dem  Augenublick  der  französischen
Einmischung  habe  man  aber  den  Krieg  mit  Frankreich  befürchten  müssen,
und  deshalb  habe  er  dann  Klapka  losgelassen.  Nun  sei  aber  daraus  die
Gefahr  entstanden,  diese  Bewegung  zu  einer  Ausdehnung  heranwachsen
zu  sehen,  die  zu  europäischen  Verwicklungen  geführt  und  namentlich  Rußland
  beunruhigt  haben  würde.  Die  Befürchtung,  den  Krieg  so  große
Dimensionen  annehmen  zu  sehen,  die  Rücksicht  auf  die  Gefahren,  welchen
die  preußische  Armee  durch  Cholera  und  Fieber  ausgesetzt  gewesen,  hätten
ihn  veranlaßt,  in  Nikolsburg  entschieden  auf  Frieden  zu  dringen,  selbst
mit  Anbieten  seiner  Entlassung.

„Man  glaubt  immer,“  sagte  er,  „ich  hätte  damals  nur  in  Triumphen
geschwommen,  und  ich  kann  Sie  versichern,  daß  ich  nie  eine  schrecklichere
Zeit  durchgemacht  habe.  Alle  im  Hauptquartier  sahen  mich  wie  einen
Verräter  an,  und  wenn  ich  an  den  hohen  Fenstern  des  Schlosses  stand,
so  dachte  ich  oft:  „Tust  du  nicht  am  Ende  besser,  wenn  du  da  hinunterspringst?“
  Ich  habe  oft  im  Konseil  solche  Szenen  gehabt,  daß  ich  aufsprang,
  hinauslief,  die  Türe  zuwarf,  mich  aufs  Bett  legte  und  wie  ein
Schloßhund  heulte.“
        <pb n="392" />
        380  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Von  der  Bundesverfassung  sprechend,  sagte  er,  mit  dem  König  von
Sachsen  hätte  man  einen  Bundesvertrag  schließen  können,  das  sei  ein
vernünftiger,  gewissenhafter  Mann  von  deutscher  Gesinnung.  Mit  dem
König  von  Hannover  sei  dies  nicht  möglich  gewesen,  deshalb  habe  man
Hannover  annektieren  müssen.

Schließlich  fragte  ich  ihn  noch  über  mein  Projekt  eines  weiteren
Bundes.  Er  erklärte,  auf  Verhandlungen  eingehen  zu  wollen,  doch  möchte
ich  dies  direkt  mit  ihm  tun.  (Ich  bemerke,  daß  ich  besonders  betont  hatte,
daß  es  sich  nur  von  einem  Staatenbund  wie  in  der  alten  Bundesverfassung
handle,  ohne  Parlament.)  Auch  möchte  ich  ihm  eigenhändig  schreiben,
wie  er  mir  eigenhändig  antworten  werde.  Natürlich  sollte  dies  nur  eine
vorläufige  unverbindliche  Korrespondenz  sein,  was  nicht  ausschließt,  daß
wir  die  Korrespondenz  als  eine  sehr  ernste  und  vorsichtig  zu  behandelnde
Sache  zu  betrachten  haben.  Das  Resultat  des  Gesprächs  ist,  Bismarck
will  zurzeit  nichts  von  Süddeutschland,  er  glaubt  nicht  an  den  Krieg  mit
Frankreich,  er  ist  aber  im  Fall  des  Krieges  ebenso  wie  Moltke  überzeugt,
daß  Preußen  siegen  wird,  und  er  wird  Bayern  zu  vernichten  trachten,
wenn  es  den  Allianzvertrag  nicht  hält.

Berlin,  23.  Juni  1869.

Mit  Roggenbach  das  Verfassungsprojekt  besprochen.  Er  sagt,  die
nationalliberale  Partei  und  Preußen  überhaupt  sehe  in  einem  solchen
Projekt  nur  eine  Desorganisation  des  bisher  bestehenden  Zustands.  Sie
wollen  alles  oder  nichts.  Keine  gemeinschaftliche  Gesetzgebungsarbeit,  sagt
man  hier,  ohne  Unterordnung  unter  die  Gewalt  des  Bundes.

Baden  werde  nicht  zustimmen  wegen  der  Furcht,  majorisiert  zu  werden.

Er  rät:  kein  Parlament,  weder  süddeutsches  noch  norddeutsches,
Zurückkommen  auf  das  frühere  Projekt:  Staatenbund,  gemeinschaftliche
Militärangelegenheiten,  Analogie  des  alten  Bundes.  Keine  weiteren
Konzessionen  an  die  süddeutschen  Nationalliberalen.

München,  3.  Juli  1869.

Gestern  erhielt  ich  um  12  ½  Uhr  Mittags  ein  Telegramm  von  Lipowsky,
welches  mir  mitteilte,  daß  der  König  mich  und  Schlör  in  Berg  zu  sehen
wünsche  zwischen  2  und  3  Uhr.  Der  Wagen,  hieß  es  am  Schluß,  werde
uns  in  der  Wohnung  abholen.  Zuerst  dachte  ich,  daß  der  Nachsatz  ein
Irrtum  sei,  es  fand  sich  aber  wirklich  ein  Wagen  ein,  der  uns  durch  den
Fürstenrieder  Park  nach  Berg  brachte.  Wir  kamen  dort  nach  3  Uhr
an.  Der  König  empfing  mich  zuerst.  Er  gab  mir,  was  er  selten  tut,
die  Hand  und  war  sehr  liebenswürdig.  Ich  sprach  ihm  zuerst  von  meinem
Bericht  über  das  Gespräch  mit  Bismarck  und  führte  die  Gründe,  weshalb
jetzt  an  eine  weitere  Bedrohung  Bayerns  durch  Preußen  nicht  zu  denken
        <pb n="393" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  381

sei,  weiter  aus.  Der  König  ist  immer  voll  Mißtrauen,  was  in  seinem
äußerst  skeptischen  Wesen  begründet  ist.  Den  Allianzvertrag,  behauptete
er,  könnten  wir  jeden  Augenblick  lösen,  es  sei  darin  ein  Passus,  der  uns
dies  ermögliche,  was  ich  natürlich  bestreiten  mußte,  wogegen  ich  zugab,
daß  man  jeden  Vertrag  kündigen  kann,  wenn  man  es  in  seinem  Interesse
findet.  Dies  aber  sei  hier  nicht  der  Fall.  Ich  führte  die  Gefahr  aus,
die  uns  das  bringen  würde.  Besser  sei  es,  ein  Bündnis  nach  Art  des
Deutschen  Bundes  mit  Preußen  abzuschließen.  Dagegen  seien  zwar  die
Minister,  die  behaupteten,  daß  ein  solches  Bündnis  den  Fortschrittlern  zu
wenig  und  den  Ultramontanen  zu  viel  sei.  Der  König  erwiderte  sehr
treffend,  das  sei  gleichgültig,  auf  die  öffentliche  Meinung  dürfe  man  nicht
zu  viel  geben.  Auch  begreife  er  nicht,  was  die  Minister  damit  zu  tun
hätten.  „Sie  sind  ja  Minister  des  Aeußern,  die  andern  geht  das  gar
nichts  an.“

Ich  erwiderte,  daß  die  auswärtige  Politik  auf  die  Lage  des  ganzen
Ministeriums  so  viel  Einfluß  habe,  daß  man  es  den  Ministern  nicht  übelnehmen
  könne,  wenn  sie  wissen  wollen,  was  ich  tue.  Dazu  kommt,  daß
der  König  den  andern  Ministern  sein  Erstaunen  ausspricht,  wenn  sie  nichts
von  dem  wissen,  was  im  Ministerium  des  Aeußern  geschieht,  wodurch
diese  Herren  natürlich  gegen  mich  aufgehetzt  werden.  Das  ist  so  die  Natur
des  Königs,  die  Leute  hintereinander  zu  hetzen.  Ich  kann  das  nur  durch
die  größte  Ehrlichkeit  und  Offenheit  konterkarieren.  In  bezug  auf  das
Konzil  machte  ich  einen  kurzen  Vortrag  über  die  gegenwärtige  Lage.  Der
König  fand  wieder  sehr  richtig  den  Kern  der  Sache,  indem  er  bemerkte,
daß  das  Recht  der  Staaten  der  Kirche  gegenüber  auf  den  Konkordaten
beruhe  und  diese  durch  einseitiges  Vorgehen  der  Kirche  verletzt  würden.
Wir  kamen  dann  auf  die  Todesstrafe.  Der  König  erwähnte,  es  habe
ihn  vielfach  beschäftigt,  daß  ich  ihm  in  der  letzten  Unterredung  gesagt
hätte,  ich  sei  ein  Gegner  der  Todesstrafe.  Wir  besprachen  weitläufig  die
bekannten  Gründe  für  und  gegen.1)  Endlich  machte  er  mich  noch  auf
die  Aquarelle  aufmerksam,  die  er  in  seinem  Zimmer  hatte,  und  entließ
mich  dann.  Schlör  wurde  dann  gerufen,  und  als  er  wiederkam,  aßen
wir  mit  Sauer  zu  Mittag  und  fuhren  nach  Starnberg,  wo  wir  den
Bahnzug  nach  München  bestiegen  und  um  ½9  Uhr  nach  Hause  kamen.

Der  König  war  wie  immer  sehr  scharfsinnig  in  seinen  Fragen  und
Antworten.  Es  ist  schade,  daß  seine  Fähigkeiten  so  brach  liegen  und  er

 

1)  Die  Kammer  der  Abgeordneten  hatte  am  22.  März  1867  in  namentlicher
Abstimmung  mit  87  gegen  44  Stimmen  einen  Antrag  angenommen,  „daß  dem  gegenwärtig
  versammelten  Landtage  ein  Gesetzentwurf  über  die  Abschaffung  der  Todesstrafe
vorgelegt  werde“.
        <pb n="394" />
        382  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

sich  mehr  und  mehr  auf  die  schlechte  Gesellschaft  des  Bereiters  Hornig
beschränkt.  Gestern  Abend  wollte  er  noch  nach  der  Riß  fahren,  wahrscheinlich
  um  der  Ankunft  des  Kaisers  von  Oesterreich  zu  entgehen.

Die  Kommission  zur  „Auseinandersetzung  des  vormaligen  beweglichen
Bundeseigentums“  war  am  4.  April  1869  zusammengetreten.  Die  endgültigen
  Vereinbarungen  enthält  das  Protokoll  der  neunten  Sitzung  vom
6.  Juli  1869.  Dieses  Protokoll  bestimmt:!)

1.  Eine  Teilung  des  gemeinsamen  Materials  der  vormaligen  Bundesfestungen
  Mainz,  Ulm,  Rastatt,  Landau  wird  zurzeit  nicht  beschlossen.
Dieses  Material  verbleibt  im  gemeinschaftlichen  Eigentum  der  auf  der
Konferenz  vertretenen  Staaten  und  wird  „im  Interesse  des  allgemeinen
deutschen  Verteidigungssystems  verwaltet,  erhalten  und  ergänzt"“.

2.  Das  Material  in  Ulm,  Rastatt,  Landau  wird  durch  die  Territorialregierungen,
  das  in  Mainz  durch  den  Norddeutschen  Bund  verwaltet.

3.  Die  Kosten  der  Unterhaltung  und  Ergänzung  tragen  die  Staaten,
welche  die  Verwaltung  übernehmen.

4.  Alljährlich  im  Monat  September  findet  eine  Inspizierung  statt
durch  besondere  Kommissionen,  deren  Zusammensetzung  für  die  verschiedenen
Festungen  bestimmt  ist,  und  zwar  so,  daß  in  jeder  Kommission  Preußen
und  der  Norddeutsche  Bund  und  die  süddeutsche  Festungskommission  neben
der  Territorialregierung  vertreten  sind.

5.  Der  Umfang  der  Inspektion  und  der  Geschäftsgang  der  Kommissionen
ist  bestimmt.

6.  Der  preußische  Militärbevollmächtigte  am  Sitze  der  süddeutschen
Festungskommission  wird  von  den  Ergebnissen  der  Verhandlungen  der
letzteren,  soweit  sie  das  bewegliche  Eigentum  betreffen,  fortlaufend  unterrichtet.
  Bei  Beratungen  der  Festungskommission,  welche  wesentliche
Aenderungen  der  Substanz  des  Festungsmaterials  betreffen,  wird  er  zugezogen.


7.  Bei  denjenigen  Fragen,  welche  sich  auf  die  Wahrung  des  Zusammenhangs
  des  Defensivsystems  zwischen  Norddeutschland  und  Süddeutschland
  beziehen,  und  in  solchen  Angelegenheiten,  welche  von  wesentlichem
Einflusse  auf  das  gesamte  deutsche  Verteidigungssystem  sind,  werden  die
süddeutschen  Regierungen  vor  Erledigung  solcher  Gegenstände  die  Ansichten
  des  Norddeutschen  Bundes  in  der  Regel  durch  Vermittlung  des
Militärbevollmächtigten  hören,  und  wenn  sie  den  Vorschlägen  des  Norddeutschen
  Bundes  nicht  Folge  geben,  dem  Norddeutschen  Bunde  die  Gründe
mitteilen.

 

1)  Abgedruckt  in  Hirths  Annalen  des  Deutschen  Reichs,  1872,  S.  1579.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1370)  383

An  den  bayrischen  Gesandten  Baron  Perglasin  Berlin.
München,  12.  Juli  1869.

Euer  Hochwohlgeboren  haben  in  Ihrem  Bericht  vom  8.  d.  M.,  welchen
ich  Seiner  Majestät  vorgelegt  habe,  Ihre  Anschauungen  über  die  Haltung
der  preußischen  Regierung  gegenüber  dem  Konzil  in  einer  Weise  dargelegt,
die  eine  Kritik  der  Schritte  der  bayrischen  Regierung  deutlich  erkennen
läßt.  Ich  glaubte  in  der  ganzen  Sache  Euer  Hochwohlgeboren  bisher
stets  mit  voller  Bereitwilligkeit  Auskunft  über  die  Motive  gegeben  zu
haben,  welche  mich  veranlaßten,  die  Initiative  in  dieser  Angelegenheit  zu
ergreifen.  Jene  Kritik  läßt  mich  aber  ersehen,  daß  ich  mich  nicht  deutlich
  genug  ausgesprochen  haben  muß,  da  Sie  von  der  Ansicht  auszugehen
scheinen,  als  habe  die  bayrische  Regierung  ohne  Rücksicht  auf  ihre
katholische  Bevölkerung  und  ohne  sich  der  Stütze  bewußt  zu  sein,  welche
diese  Bevölkerung  der  Macht  und  Selbständigkeit  der  Krone  bietet,  unbedacht
  die  Frage  angeregt  und  damit  die  Sympathien  eines  Teils  des
Landes  verscherzt.  Wenn  überhaupt  zugegeben  wird,  und  darüber  dürfte
kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  weltlichen  Regierungen  es  sich  selbst  schuldig
sind,  nicht  unvorbereitet  das  Konzil  an  sich  herankommen  zu  lassen,  so
mußte  eine  Regierung  die  Initiative  ergreifen.  Es  braucht  aber  keiner
machiavellistischen  Suppositionen,  um  einzusehen,  daß  die  preußische  Regierung
  als  eine  akatholische  nicht  in  der  Lage  war,  den  ersten  Schritt  zu
tun.  Er  würde  nicht  allein  ihre  Stellung  gegenüber  den  katholischen
Untertanen  erschwert  haben,  sondern  auch  als  ein  unberechtigter  bezeichnet
worden  sein.  Das  gleiche  gilt  von  Württemberg  und  Baden.  Oesterreich
hatte  seine  eignen  Gründe,  ein  doppeltes  Spiel  zu  spielen.

So  blieb  von  den  deutschen  Regierungen  nur  Bayern.  Gerade  aber  um
Konflikte  zu  vermeiden,  die  das  bevorstehende  Konzil,  wenn  es  die  angekündigten
Beschlüsse  faßt,  mit  sich  bringen  würde,  gerade  um  den  Frieden  zwischen  der
Staatsregierung  und  der  katholischen  Bevölkerung  nicht  noch  mehr  gefährden
zu  lassen,  mußte  die  bayrische  Regierung  darauf  denken,  wie  jenen  extremen
Beschlüssen  entgegenzuarbeiten  sei.  Daß  eine  einzelne  Regierung  in  Rom  nichts
ausrichten  werde,  war  klar.  Nur  vereinigte  Maßregeln  aller  oder  mehrerer
Regierungen  können  dort  Eindruck  machen,  und  um  diese  herbeizuführen,  war
eine  Mitteilung  an  die  Regierungen  der  andern  beteiligten  Staaten  nötig.

Die  bayrische  Regierung  hat  damit  zwar  die  Sympathien  des  Jesuitenordens
  verscherzt,  wenn  sie  diese  überhaupt  je  gehabt  hat,  sie  hat  aber  die
Zustimmung  aller  guten  Katholiken  erworben,  die  nicht  unter  dem  Einfluß
  jenes  Ordens  stehen,  und  sie  glaubt  in  keiner  Weise  ein  Aergernis
bereitet  zu  haben.  Auch  kann  sie  hoffen,  jene  religiösen  Konflikte  entfernt
zu  haben,  welche  für  die  Stellung  Bayerns  und  für  das  Heil  der  Kirche
selbst  verderblich  werden  könnten.
        <pb n="396" />
        384  Das  bayrische  Ministerium  (I867  bis  1870)

Aus  einem  Bericht  an  den  König  vom  14.  Juli  1869.

..  Sämtliche  Regierungen  stimmen  darin  überein,  daß  dem  Konzil
auf  dem  religiösen  Gebiete  die  vollständigste  Freiheit  der  Entscheidung
gewahrt  bleiben,  daß  dagegen  ebenso  entschieden  jedes  Herübergreifen  dieser
geistlichen  Versammlung  in  das  Gebiet  des  Staats  abgewehrt  werden
müsse,  und  daß  Konziliarbeschlüsse  von  der  Beschaffenheit,  wie  sie  der
Unterzeichnete  vorhersieht,  die  höchste  Gefahr  für  den  religiösen  Frieden
und  für  die  Ruhe  des  sozialen  Lebens  mit  sich  bringen  werden.

Dagegen  besteht  darüber  eine  Differenz,  ob  schon  jetzt  Schritte,  um
derartige  Beschlüsse  zu  verhindern,  geschehen  sollen  oder  ob  man  zuwarten
soll,  bis  derartige  Beschlüsse  gefaßt  seien.  Wenn  die  Motive,  welche  für
die  letztere  Alternative  angeführt  werden,  wirklich  die  richtigen  wären,
wenn  es  nämlich  wirklich,  wie  namentlich  österreichischerseits  hervorgehoben
wird,  unglaublich  wäre,  daß  die  Mehrheit  der  Bischöfe  sich  zu  solchen
extremen  Entscheidungen  hinreißen  lassen  werde,  so  ließe  sich  allerdings
gegen  ein  Zuwarten  nicht  viel  einwenden.  Allein  die  von  dem  treugehorsamst
  Unterzeichneten  gehegte  Besorgnis  ist  nach  allen  Informationen
eine  wohlbegründete,  und  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  kann  sich  der
Meinung  nicht  entschlagen,  daß  auch  jene  Staaten,  welche  diese  Besorgnis
nicht  zu  hegen  vorgeben,  in  Wirklichkeit  nicht  von  diesen  Motiven,  sondern
von  andern  geleitet  werden,  insbesondere  von  einer  gewissen  Eifersucht
  auf  die  Initiative  Bayerns,  dann  wohl  auch,  weil  es  im  Interesse
mancher  Staaten  gelegen  scheint,  wenn  namentlich  Bayern  noch  tiefer
in  die  Kämpfe  mit  der  ultramontanen  Partei  verwickelt  und  dadurch  in
seiner  politischen  Aktion  nach  außen  gelähmt  wird.

Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt  daher,  daß,  ungeachtet  dieser
gegen  seine  Maßregel  von  einzelnen  Staaten  versuchten  politischen  Diversion,
  dennoch  auf  dem  betretenen  Wege  vorgegangen  werden  sollte,  jedoch
mit  um  so  größerer  Vorsicht  und  Delikatesse  .  Es  erscheint  jetzt  als
wünschenswert,  daß  durch  einen  zuverlässigen  und  seiner  Persönlichkeit  wie
seinem  sozialen  Stande  nach  passenden  Bevollmächtigten  der  deutschen
Staaten  in  Rom  die  nötigen  Schritte  geschehen,  um  einen  näheren  Aufschluß
  über  die  beabsichtigten  Maßregeln  zu  erlangen  und  um  nochmals
auf  die  Gefahren  aufmerksam  zu  machen,  welche  für  den  religiösen  Frieden
und  die  Kirche  selbst  aus  den  Beschlüssen  des  Konzils  hervorgehen  müßten,
die  in  die  Rechtssphäre  des  Staats  übergreifen  würden.

Marginalreskript  des  Königs:
Die  bisherigen  Verhandlungen  haben  die  Schwierigkeiten  nachgewiesen,
die  Regierungen  zu  einem  gemeinsamen  präventiven  Vorgehen  in  der
Konzilfrage  zu  bestimmen,  aber  dazu  gedient,  die  Aufmerksamkeit  zu  schärfen
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  385

und  somit  ihren  Zweck  teilweise  erfüllt.  Die  Abordnung  eines  Agenten
ohne  Kreditiv,  jedoch  mit  der  Bestimmung,  im  Namen  sämtlicher  deutschen
Regierungen  zu  sprechen,  scheint  mir  gegenüber  der  bisherigen  Ablehnung
gemeinschaftlichen  Handelns  und  der  verschiedenen  Stellung  der  verschiedenen
  Regierungen  nicht  recht  ausführbar  und  im  Erfolge  zweifelhaft.
Halten  Sie  aber  dafür,  daß  Verfassung  und  Gesetze  Mittel  zur  Abwehr
ausreichend  nicht  in  die  Hand  geben  und  daß  daher  Ihre  Sorge  für  volle
Sicherung  meines  königlichen  Oberaufsichtsrechtes  und  der  staatlichen
Interessen  nebiges  Mittel  nicht  umgehen  läßt,  so  will  ich  nicht  hindern,
daß  Sie  es  anwenden,  verfüge  jedoch  in  diesem  Falle,  daß  Sie  mir
hierüber  Bericht  erstatten  und  über  die  Person  des  Abgeordneten  gutachtlichen
  Vorschlag  machen.
Hohenschwangau,  31.  Juli  1869.
Ludwig.

An  den  Grafen  Bismarck.
München,  5.  August  1869.

Eure  Exzellenz  haben  die  Güte  gehabt,  mit  Baron  Varnbüler  und
mir  über  die  in  Konzilsangelegenheiten  zu  ergreifenden  weiteren  Maßregeln
sich  zu  besprechen,  und  es  wurde  damals  als  das  zweckmäßigste  anerkannt,
einen  gemeinsamen  Bevollmächtigten  in  vertraulicher  Mission  nach  Rom
zu  senden,  um  auf  die  Entschließungen,  welche  dort  gefaßt  werden,  in
mäßigender  Weise  einzuwirken.  Wie  ich  mich  seither  überzeugt  habe,  wird
diese  Maßregel  insolange  nicht  auf  die  Zustimmung  der  sämtlichen
deutschen  Regierungen  rechnen  können,  als  nicht  zugleich  mit  dem  Vorschlage
auch  die  Persönlichkeit  benannt  werden  kann,  welcher  die  ebenso  schwierige
als  delikate  Mission  übertragen  werden  sollte.  Eine  solche  Persönlichkeit
zu  finden  ist  mir  bisher  nicht  gelungen.  Ich  wollte  die  Gründe,  weshalb
ich  in  der  besprochenen  Angelegenheit  noch  nicht  weiter  vorgegangen  bin,
Eurer  Exzellenz  nicht  länger  vorenthalten,  behalte  mir  aber  weitere  Mitteilung
  vor,  sobald  es  mir  gelungen  sein  wird,  einen  Vertreter  zu  finden,
dessen  allseitige  Akzeptation  gehofft  werden  kann.

Graf  Bismarck  an  den  Fürsten  Hohenlohe.
Varzin,  11.  August  1869.
Eurer  Durchlaucht  danke  ich  verbindlichst  für  die  gefällige  Mitteilung
vom  5.  d.  M.,  welche  mir  verspätet  über  Berlin  zugegangen  ist.  Von
seiten  der  diesseitigen  Regierung  bitte  ich  das  Einverständnis  mit  der
Wahl  jeder  Persönlichkeit,  welche  der  Königlich  bayrischen  für  den  beabsichtigten
  Zweck  geeignet  erscheinen  wird,  vorauszusetzen.  Eurer  Durchlaucht
  wird  es  zur  Genugtuung  gereichen,  daß  schon  jetzt  die  Besprechungen

Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  25
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        386  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

der  deutschen  Regierungen  untereinander,  wie  sie  auf  die  von  Bayern
ergangene  Anregung  stattgefunden,  in  Rom  im  Sinne  der  Vorsicht  und
des  Friedens  nicht  ohne  Wirkung  geblieben  sind.  Es  gibt  dort  eine
Partei,  welche  mit  bewußter  Entschlossenheit  den  kirchlichen  und  politischen
Frieden  Europas  zu  stören  bestrebt  ist,  in  der  fanatischen  Ueberzeugung,  daß
die  allgemeinen  Leiden,  welche  aus  Zerwürfnissen  hervorgehen,  das  Ansehen
der  Kirche  steigern  werden,  anknüpfend  an  die  Erfahrungen  von  1848
und  auf  die  psychologische  Wahrheit  fußend,  daß  die  leidende  Menschheit
die  Anlehnung  an  die  Kirche  eifriger  sucht,  als  die  irdisch  befriedigte.  Der
Papst  indessen  soll  angesichts  des  Widerstands,  der  sich  in  Deutschland
ankündigt,  bedenklicher  und  dem  Einflusse  jener  Partei  weniger  zugänglich
  geworden  sein.

Wir  haben  ohne  Zweifel  in  der  parlamentarischen  Gesetzgebung,  in
Norddeutschland  wenigstens,  eine  durchschlagende  Waffe  gegen  jeden  ungerechten
  Uebergriff  der  geistlichen  Gewalt.  Aber  besser  ist  es  gewiß,  wenn
wir  nicht  gezwungen  werden,  von  derselben  Gebrauch  zu  machen,  und  ich
halte  es  daher  für  eine  Wohltat,  die  den  geistlichen  wie  den  weltlichen
Obrigkeiten  erwiesen  wird,  wenn  der  Konflikt  zwischen  beiden  sich  durch
die  von  uns  besprochenen  Warnungen  und  Vorsorgen  verhüten  läßt.
Auf  unser  Episkopat  hat  das  Kultministerium  sich  bemüht  in  vertraulichem
  Wege  vorbeugend  einzuwirken.

Mit  meiner  Gesundheit  geht  es  langsam  besser,  und  wenn  ich  mich
auch  von  den  Landtagsverhandlungen  nach  Möglichkeit  fernhalte,  so  hoffe
ich  doch  für  den  Norddeutschen  Bund  zu  Anfang  des  Jahres  vollkommen
geschäftsbereit  zu  sein.

Genehmigen  Sie  den  Ausdruck  der  ausgezeichnetsten  Hochachtung,  mit
der  ich  die  Ehre  habe  zu  sein

Eurer  Durchlaucht
gehorsamster  Diener
von  Bismarck.

Journal.!)
Warschau,  10.  August  1869.
Gestern  früh  fuhr  ich  über  Pilchowitz  nach  Gleiwitz,  um  von  da  nach
Warschau  zu  reisen.  In  Kattowitz  bestiegen  wir  den  polnischen  Zug,  auf
dem  schon  Polnisch  sprechende  Kondukteure  waren.  In  Sosnowize  wurde
das  Gepäck  revidiert,  da  aber  der  Marschall  Berg  dorthin  Befehle  erteilt
hatte,  so  wurden  wir  ohne  Revision  durchgelassen.  Der  Zug  war  sehr
besetzt,  doch  ließ  man  uns  allein.  Ich  las  die  ganze  Zeit  den  „General

 

1)  Von  einer  Reise  nach  den  Wittgensteinschen  Gütern.
        <pb n="399" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  387

Leberecht  von  Knopf“,  fand  aber  die  Lektüre  etwas  ermüdend,  wie  alle
gar  zu  lang  ausgesponnenen  Satiren.  In  Warschau  empfing  uns  ein
Adjutant  des  Feldmarschalls,  der  mich  in  einer  kaiserlichen  Equipage  in
das  Hotel  Viktoria  geleitete,  und  zwar  durch  den  erleuchteten  Salon  der
kaiserlichen  Familie,  wo  auch  der  Oberpolizeimeister,  ein  General  in  großer
Uniform,  mir  vorgestellt  wurde.  Das  Publikum  wurde  mir  zulieb  auf  die
Seite  gepufft,  und  ich  ward  wie  ein  gekröntes  Haupt  angestaunt.  Nach
einem  kleinen  Souper  ging  ich  um  11  Uhr  zu  Bett.  Heute  machte
ich  früh  einen  Spaziergang  in  dem  schönen  Jardin  de  Saxe,  und
nach  dem  Frühstück  fuhr  ich,  dem  Feldmarschall  Berg  einen  Besuch  zu
machen.  Er  empfing  mich  sehr  freundlich,  führte  mich  in  sein  Kabinett,
d.  h.  einen  großen  Salon  mit  Säulen,  wo  er  mir  während  1½  Stunden
über  hohe  Politik  sprach.  Er  ging  davon  aus,  daß  die  Ruhe  in  Europanur
  erhalten  und  die  Möglichkeit  einer  Entwaffnung  nur  dann  geschaffen
werden  könne,  wenn  Oesterreich,  Rußland  und  das  übrige  Deutschland
einig  wären.  Diese  Entente  sei  aber  sehr  schwer  herzustellen.  Er  erklärte
mir  nun  die  Gründe,  wodurch  Oesterreich  und  Rußland  einander  feind
geworden  seien.  Um  dies  zu  tun,  ging  er  zurück  auf  die  Geschichte  von
1840  bis  1854.  Der  erste  Grund  sei  Krakau.  Er  erzählte,  wie  er  die
Beseitigung  der  Republik  Krakau  in  Berlin  durchgesetzt  habe.!)  Damals,
als  der  Vertrag  zwischen  ihm,  Canitz  und  Ficquelmont  in  Berlin  unterzeichnet
  wurde,  habe  er  vorgeschlagen,  Oesterreich  die  Bedingung  aufzuerlegen,
  das  Salz  von  Wieliczka  zu  einem  bestimmten  Preis  an  Rußland
  abzugeben  und  sich  zu  verpflichten,  Krakau  nicht  zu  befestigen.  Kaiser
Nikolaus  habe  dies  nicht  genehmigt.  Bald  darauf  habe  Oesterreich  Krakau
befestigt,  und  dies  habe  Kaiser  Nikolaus  verletzt.

Im  Jahre  1849,  als  der  ungarische  Krieg  schlecht  ging,  habe  der
Kaiser  von  Oesterreich  den  Kaiser  von  Rußland  um  Hilfe  gebeten.  Berg
wurde  damals  nach  Wien  abgeschickt,  um  die  Vorbereitungen  zum  Krieg
zu  treffen.  Er  erzählte  nun,  wie  er  nach  Brünn  zum  Kaiser  von  Oesterreich,
  nach  Wien  zu  Schwarzenberg  und  nach  Preßburg  gefahren  sei.
Alles  wurde  schnell  und  freundschaftlich  verabredet.  Der  Kaiser  von  Rußland
  kam  nach  Warschau,  dort  besuchte  ihn  der  Kaiser  von  Oesterreich.
Alles  war  abgemacht  bis  auf  den  Oberbefehl.  Der  Kaiser  Nikolaus
wünschte,  daß  Paskiewitsch  den  Oberbefehl  haben  solle,  weil  er  den  Ehrgeiz
  Paskiewitschs  kannte.  Allein  Kaiser  Franz  Josef  erklärte,  daß  sich
dies  mit  seiner  Ehre  nicht  vereinigen  lasse,  da  es  sich  um  einen  Krieg
gegen  seine  Untertanen  handle.  „Plutöt  périr  qu'agir  contre  mon
honneur!“  habe  er  gesagt,  worauf  ihn  Kaiser  Nikolaus  umarmt  hätte.

 

1)  Treitschke,  Deutsche  Gedichte,  Bd.  V  S.  546.
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        388  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Nun  aber  wurde  Paskiewitsch  tückisch  und  boshaft  und  tat  alles,  um  die
Kampagne  schlecht  zu  führen,  wodurch  er  nichts  andres  erreichte,  als  dem
österreichischen  General  mehr  Vorteil  zuzuwenden.

Der  dritte  Grund  der  Szission  kam  dann  noch  dazu  während  des
Krimkriegs,  wo  Oesterreich  eine  Armee  in  Galizien  aufstellte,  was  den
Russen  den  größten  Schaden  brachte.  Da  entbrannte  denn  die  Abneigung
gegen  Oesterreich  auch  im  russischen  Volk.

Graf  Berg  scheint  ein  Anhänger  der  alten  nordischen  Allianz.  Er
wünscht  dieselbe  wiederhergestellt  zu  sehen,  beklagt,  daß  Gortschakow  die
Avancen,  die  Beust  in  Petersburg  gemacht,  zurückgewiesen  habe,  und  hofft,
daß  es  doch  noch  gelingen  werde,  auf  eine  Politik  zurückzukommen,  die
Europa  den  Frieden  erhalten  werde.  Nur  wenn  Rußland,  Oesterreich
und  Preußen  zusammengingen,  würde  Frankreich  ruhig  sein,  und  England
sich  den  drei  alliierten  Mächten  anschließen.  Heute  Nachmittag  will
er  mir  die  Politik  der  russischen  Regierung  gegenüber  der  katholischen
Kirche  auseinandersetzen.

Graf  Berg  kam  um  4  Uhr  zu  mir,  um  sein  politisches  Gespräch
weiter  fortzusetzen.  Er  erzählte  mir  den  ganzen  polnischen  Aufstand  von
1863.  Die  Polen  würden  nicht  angefangen  haben,  wenn  sie  nicht  von
Frankreich  und  England  das  Versprechen  erhalten  hätten,  sie  zu  unterstützen.
  Daraufhin  wurde  die  ganze  Insurrektion  von  den  Chefs  der
Bewegung  eingeleitet.  Er  berührte  dann  die  Periode  des  Ministers
Wielopolski,  der  auch  von  seinen  eignen  Leuten  betrogen  wurde,  und
kam  dann  auf  die  Zeit,  wo  er  selbst  die  Verwaltung  zu  führen  hatte.
Die  ganze  Polizei  war  in  den  Händen  von  Polen.  Er  nahm  deshalb
60  Offiziere  und  3000  Soldaten  und  schaffte  sich  damit  eine  Polizei  für
einige  Wochen.  Dreimal  gelang  es  ihm,  die  geheime  Nationalregierung
aufzuheben  und  zu  verurteilen  und  dreimal  kamen  wieder  neue.  Bis  beim
dritten  Male  die  Polen  die  Sache  aufgaben.

Bei  den  Untersuchungen,  welche  hierauf  folgten,  fand  sich,  daß
der  Klerus  wesentlich  kompromittiert  war.  Es  konnte  daher  nicht  vermieden
  werden,  einzelne  Geistliche  zu  entfernen.  Die  Bischöfe  waren  im
allgemeinen  gut.  Nachdem  der  Erzbischof  Fialkowski  von  Warschau  gestorben
  war,  wurde  auf  Empfehlung  der  Frau  von  Meggendorf  ein  in
Petersburg  beschäftigter  junger  Geistlicher  zum  Erzbischof  gemacht,  er  hieß
Felinsky.  Dieser  war  aber,  wie  man  erst  später  erfuhr,  bei  Mieroslawski
gewesen,  hatte  Barrikaden  gebaut  und  war  wegen  einer  unglücklichen  Liebe
in  den  geistlichen  Stand  getreten.  Dieser  machte  nun  auch  den  Revolutionsschwindel
  mit,  bis  man  ihn  wegschickte.

Von  Lubienski  erzählte  er,  daß  er  anfangs  ganz  vernünftig  gewesen,
später  aber  plötzlich  umgeschlagen  sei.  Er  stand  in  Korrespondenz  mit
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  389

Ledochowski  und  Chigi,  die  ihn  aufhetzten.  Er  starb  auf  der  Reise,  weil
er  zuviel  Obst  gegessen,  sich  einen  Ruhranfall  zugezogen  hatte  und  diesen
durch  starken  Wein  kurieren  wollte.

Nachdem  er  mir  dies  und  vieles  andre  erzählt  hatte,  fuhr  mich
Graf  Berg  in  seinem  offenen  Wagen,  von  Tscherkessen  begleitet,  nach
dem  Schloß  Lazienki,  wo  uns  seine  Schwägerin  und  seine  Nichte  erwarteten.
Es  war  noch  der  Chef  des  Generalstabs  von  Minkwitz  da  und  ein  andrer
General  sowie  ein  junger  Graf  Berg,  der  Neffe  des  Generals.  Das  Diner
fand  in  einem  sehr  schönen  Saal  statt,  und  nach  Tisch  tranken  wir  auf
einem  Balkon,  von  dem  man  die  Aussicht  auf  den  Garten  hat,  Kaffee.
Es  war  leider  etwas  kühl.  Bei  warmem  Wetter  muß  der  Aufenthalt  in  dem
von  Teichen  und  Gartenanlagen  umgebenen  Schlosse  sehr  angenehm  sein.

Heute  den  11.  August  fuhren  wir  mit  dem  Zug  um  10  Uhr  nach
Biala,  wo  wir  um  3  Uhr  ankamen.

Biala,  13.  August  1869.

Der  heutige  Tag  war  bestimmt  zum  Besuch  des  Guts  Olszyn.  Es
ist  einige  Meilen  von  hier  entfernt.  Wir  fuhren  um  8  Uhr  weg.  Der
Weg  geht  durch  Felder,  wo  Hafer  geschnitten  wurde,  und  durch  den  Wald.
Alles  fremde  Güter.  Eine  halbe  Stunde  von  Olszyn  kamen  wir  in  den
eignen  Wald,  etwa  tausend  Morgen,  meistens  kleine  Eichen  und  Buchen,
ohne  Wert  hierzulande.  Olszyn  ist  ein  trauriger  Ort.  Der  Boden  ist
aber  nicht  schlecht.  Dort  empfing  uns  der  Pächter  Herr  Gerlicz,  der
früher  ein  bedeutendes  Vermögen  und  eignen  Besitz  hatte,  das  aber  alles
durchgebracht  hat  und  nun  Pächter  ist.  Im  Salon  hingen  einige  Oelbilder,
  die  er  gemalt  hat.  Auffallend  war  eine  heilige  Magdalena,  ein
sehr  dekolletiertes  Frauenzimmer  mit  einem  roten  Schurz,  welches  vor
einem  Tisch  kniet,  auf  dem  ein  von  innen  beleuchteter  Totenkopf  liegt,  der
die  Formen  der  Heiligen  erleuchtet.  Nachdem  wir  die  Gebäude  besehen,
eine  Bauerndeputation  angehört  und  den  Obstgarten  bewundert  hatten,
betrachteten  wir  die  Photographien  der  Verwandtschaft  im  Salon  und  ich
unterhielt  mich  mit  Madame  Gerlicz,  einer  blonden  feinen  Polin,  für  die  Oberst
Devel,  der  Landrat  des  Kreises,  schwärmt.  Er  war  auch  anwesend.  Herr
Gerlicz  und  Oberst  Devel  hatten  sich  Arm  in  Arm  photographieren  lassen,
und  das  Bild  hängt  im  Kabinett  der  Madame  Gerlicz.  Wir  mußten
dann  das  pflichtmäßige  Diner  essen  und  schließlich  eine  große  Produktion
der  Madame  Gerlicz  auf  dem  Flügel  mitanhören.  Gerlicz  sagte:  „Ma
femme,  elle  est  artiste.“  Es  war  von  Chopin,  und  sie  spielte  mit  großer
Fertigkeit.  Als  wir  um  5  Uhr  nach  Hause  kamen,  waren  schon  die  beiden
jungen  Grafen  Berg  angekommen,  die  Neffen  des  Marschalls,  die  morgen
mit  uns  jagen  sollen.
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        390  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

14.  August.

Heute  Jagd.  Um  8½  Uhr  fuhren  wir  von  Biala  weg.  Ich  mit
einem  der  jungen  Berg,  die  andern  folgten.  Auf  einem  Hügel  an  der
Eisenbahn  fand  sich  die  Jagdgesellschaft  zusammen.  Der  Oberst  Devel
in  Uniform,  sein  Adjutant,  ein  Major  von  der  Gendarmerie,  ein  Ablösungskommissär
  und  verschiedene  andre  Tschinowniks.  Wir  hofften  Wölfe
zu  schießen,  das  Wetter  war  schön,  und  wir  glaubten,  daß  es  nicht  fehlen
könne.  Aber  wir  jagten  den  ganzen  Tag  ohne  Resultat.  Die  verschiedenen
  Sonntagsschützen,  die  statt  Jagdtaschen  alte  Geldtaschen  umhängen
  hatten,  freuten  sich  eines  reichhaltigen  Frühstücks  und  wurden
Abends  zu  einem  großen  Diner  eingeladen,  das  von  8  bis  11  Uhr  dauerte.
Mir  tat  der  Spaziergang  im  Wald  sehr  wohl.  Die  jungen  Grafen  Berg
sind  sehr  wohlerzogene  nette  Leute,  mit  denen  ich  mich  befreundete.  Der
eine  war  in  Ischl,  um  Gemsen  zu  jagen,  was  ihm  natürlich  nicht  gelang.
Ich  proponierte  ihm,  nächstes  Jahr  zu  uns  zu  kommen.

16.  August.

Abfahrt  um  8  Uhr  nach  Domaczew  zur  Jagd.  Wir  fuhren  am  Bug
her,  dann  durch  den  Fluß  nach  dem  Dorf  Domaczew.  Von  da  nach  dem
Wald  führt  der  Weg  durch  eine  desolate  Sandwüste.  Ich  habe  selten
etwas  Traurigeres  gesehen,  dazu  der  graue  Himmel  mit  schweren  Regenwolken,
  die  sich  auch  bald  zu  entladen  begannen.  In  einem  Dorf  am
Wald  war  die  „Oblawa“,  die  Treiber,  etwa  zweihundert  an  der  Zahl,  in  den
malerischsten  Kostümen.  Die  Frauen  in  braunen  Roöcken,  mit  sonderbaren
roten  oder  weißen  Mützen  auf  dem  Kopf.  Die  Männer  auch  in  Braun
und  mit  Sandalen  von  Birkenrinde.  Die  Jagd  war  wenig  ergiebig.  Der
eine  Graf  Berg  schoß  einen  Wolf,  wir  sahen  nichts.  Der  Regen  wurde
immer  stärker,  und  wir  kamen  ziemlich  naß  zu  dem  Wagen.

17.  August.

Fahrt  durch  die  Wälder  von  Kuzawka  nach  Januwka;  hier  waren
gegen  vierhundert  Bauern  zur  Oblawa  versammelt.  Alle  mit  ihren  braunen
Röcken,  roten  Schärpen  und  Strohhüten,  auch  Juden  waren  aufgeboten.
Man  sah  verschiedene  Judenbuben  mit  langen  Stecken,  um  sich  gegen  die
Wölfe  zu  verteidigen.  Großes  Geschrei,  bis  die  Oblawa  in  Bewegung
gesetzt  wurde.  Dann  gingen  wir  auf  die  Stände.  Ich  bekam  einen  Platz
an  einer  schmalen  Waldwiese.  Lange  hörte  man  nichts.  Endlich  gingen
die  Treiber,  dann  plötzlich  fielen  rechts  und  links  einige  Schüsse.  Ich  sah
weit  auf  der  Wiese  zwei  Wölfe  und  dachte  schon,  daß  alles  vorbei  sei,
da  kam  plötzlich  ein  großer  weißlichgelber  Wolf  in  vollem  Lauf  über  die
Wiese  gegen  mich.  Ich  schoß.  Er  stürzte,  raffte  sich  wieder  auf  und
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  391

verschwand.  Ich  lief  nach,  sah  ihn  noch  einmal,  wollte  wieder  schießen,
da  versagte  das  Gewehr.  Nun  glaubte  ich  schon,  er  sei  schlecht  geschossen.
Nach  dem  Treiben  fand  er  sich  aber  wenige  Schritte  hinter  mir  verendet.
Große  Freude  und  Aufregung.  Alle  andern  Wölfe,  deren  es  sieben  waren,
wurden  gefehlt.  Nur  zwei  Rehe  und  einige  Hasen  waren  geschossen.  Nach
einem  zweiten  Treiben,  bei  welchem  ich  einen  Fuchs  schoß,  verließ  ich  die
Jagd,  um  nach  Holiszow  zu  fahren.
20.  August  1869.

Um  11½  Uhr  fuhren  wir  von  Biala  ab  und  kamen  um  ½6  Uhr
in  Warschau  an.  Die  beiden  jungen  Bergs  erwarteten  mich  mit  der
Equipage  ihres  Onkels  und  fuhren  mich  ins  Hotel.  Nach  dem  Essen  kam
Graf  Berg  und  lud  mich  für  morgen  zum  Diner  ein.  Er  brachte  mir
ein  ganzes  Paket  der  von  seiner  diplomatischen  Kanzlei  jeden  Tag  gemachten
Zeitungsberichte,  aus  welchen  ich  mich  über  den  Stand  der  Politik  unterrichten
  konnte.  Der  alte  Marschall  hat  eine  rührende  Zärtlichkeit  für
seine  Neffen  und  Adoptivsöhne.  Er  spricht  gern  von  ihnen  und  ist  glücklich,
  daß  ich  ihnen  die  Freude  machen  will,  sie  zur  Gemsjagd  einzuladen.
Graf  Berg  ist  überhaupt  ein  sehr  guter  Mann,  der  seine  schwierige  Stellung
  mit  großem  Takt  und  aller  nur  irgend  möglichen  Rücksicht  ausfüllt.
Jeden  Tag  wird  es  mir  aber  deutlicher,  daß  zwischen  Polen  und  Russen
kein  Friede  möglich  ist.  Die  Antipathie  liegt  in  den  Rassen.  Der  Russe
ist  energisch,  rücksichtslos,  gefühllos  und  dabei  klug.  Der  Pole  leidenschaftlich,
  feinfühlend,  leicht  verletzt  und  nicht  ausdauernd.  „Le  Français
du  Nord“",  wie  er  sich  gern  nennt.  Die  Unterdrückung  der  einen  Rasse
durch  die  andre  tritt  überall  zutage.  Der  Haß  wird  dadurch  stets  von
neuem  angefacht.  Man  glaubt  in  Rußland  zu  sein,  wenn  man  über  die
Grenze  bei  Sosnowize  fährt,  und  doch  ist  man  in  einem  durchaus  antirussischen
  Lande,  dessen  Bewohner  nur  so  lange  russisch  bleiben,  als  sie
durch  die  russischen  Soldaten,  Beamten  und  Priester  unterdrückt  werden.
Jetzt  setzen  sie  ihre  Hoffnung  auf  Oesterreich  und  auf  eine  angeblich  bevorstehende
  Revolution  in  Rußland.  Ich  glaube,  sie  täuschen  sich.  Der
russische  Koloß  liegt  wie  ein  Alp  auf  Polen,  und  ich  zweifle,  daß  sie  ihn
je  dauernd  werden  abschütteln  können.

Wien,  25.  August  1869.

Nach  zweitägigem  Aufenthalt  in  Rauden  heute  früh  in  Wien  angekommen.
  Besuch  um  3  Uhr  bei  Graf  Beust.  Er  war  sehr  liebenswürdig
  und  zuvorkommend  wie  immer.  Erzählte  zunächst  von  seinem
Zeitungskrieg  mit  Preußen,")  hoffte,  daß  nun  alles  vorüber  sein  werde,

 

1)  Veranlaßt  durch  die  Depesche  des  Herrn  von  Thile  vom  4.  August,  welche
gegen  Aeußerungen  Beusts  in  den  Delegationen  Verwahrung  einlegte.
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        392  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

hob  aber  hervor,  daß  es  sehr  schwer  sei,  jede  Verstimmung  zu  vermeiden.
Die  Aeußerungen  in  den  Delegationen  seien  in  Berlin  falsch  aufgefaßt
worden.  Im  allgemeinen  von  dem  Verhältnis  zwischen  Preußen  und
Oesterreich  sprechend,  meinte  er,  und  das  habe  er  auch  Werthern  oft  gesagt,
  daß  eine  Verständigung  nur  dann  möglich  sei,  wenn  Oesterreich  sich
entschlösse,  Preußen  in  Deutschland  freie  Hand  zu  lassen,  dann  werde
Preußen  sofort  davon  profitieren,  damit  verliere  Oesterreich  aber  die
freundliche  Stimmung  Frankreichs,  und  die  russisch-französische  Allianz  sei
die  Folge  davon.  Damit  würden  die  Interessen  Oesterreichs  im  Orient
aufs  schwerste  bedroht,  und  Oesterreich  sei  schließlich  doch  nicht  sicher,  ob
ihm  die  Allianz  Preußens  gegenüber  von  Rußland  den  Ersatz  für  die
freundschaftlichen  Gesinnungen  Frankreichs  biete.  So  folge  aus  einem
Schritt  ein  zweiter,  und  man  müsse  die  ganze  Reihenfolge  im  Auge  behalten.
  Ich  hob  hervor,  daß  ich  gerade  deshalb,  weil  ich  für  Oesterreich
eine  dauernde  Stellung  innerhalb  einer  Vereinigung  von  Oesterreich,
Preußen  und  Süddeutschland  wünschte,  auf  die  verschiedenen  Projekte  gekommen
  sei,  denn  dazu  nötige  uns  ja  auch  das  eigne  Interesse,  welches  die
Verständigung  Oesterreichs  und  Preußens  auf  unfre  Kosten  durchaus  nicht
wünschen  lasse.

Beust  erinnerte,  daß  er  ebendeshalb  auch  den  süddeutschen  Bund
(ohne  Oesterreich)  als  eine  Garantie  des  Friedens  ansehe,  worauf  ich  ihm
bemerkte,  daß  der  süddeutsche  Bund  an  der  Eifersucht  Württembergs  das
größte  Hindernis  finde,  ein  Hindernis,  welches  eben  nur  durch  Mittel
beseitigt  werden  könnte,  welche  ich  als  zu  abenteuerlich  dem  Könige  nicht
vorschlagen  könne.  (Adoptierung  des  Programms  der  süddeutschen  Demokratie.)

Nach  diesen  und  ähnlichen  Gesprächen  empfahl  ich  mich.  Noch  muß
ich  bemerken,  daß  auch  das  Konzil  zur  Sprache  kam.  Ich  machte  Beust
darauf  aufmerksam,  daß  über  die  Pläne  in  Rom  nicht  zu  zweifeln  sei,
erwähnte  Manning,  die  „Civiltà“  u.  s.  w.  Er  gab  das  zu,  erwähnte  aber,  daß
man  sich  gedulden  müsse.  Er  hoffe  auf  eine  Spaltung  innerhalb  des
österreichischen  Klerus,  diese  würde  sich  aber  nicht  vollziehen,  wenn  sich
die  Regierung  nicht  ganz  passiv  verhielte.  Er  hofft  viel  in  diesem  Sinne,
d.  h.  im  liberalen,  vom  Bischof  von  Salzburg.

Aus  einem  Brief  Döllingers.
Herrnsheim  bei  Worms,  5.  September  1869.
Der  Brief  behandelt  die  Antwort,  welche  die  theologische  Fakultät  in
München  auf  die  Fragen  der  Regierung  (siehe  Seite  353)  gegeben  hatte.
Der  Entwurf  zu  dem  Gutachten,  welcher  von  Döllinger  verfaßt  war,  ist
„durch  die  Kollegen  nicht  gerade  wesentlich  verändert  worden,  aber  es  sind
Zusätze,  Erweiterungen  hinzugekommen,  welche  —  die  Klugheit,  d.  h.  das
        <pb n="405" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  393

Bestreben,  bei  den  kirchlichen  Autoritäten  möglichst  wenig  anzustoßen,  eingegeben
  hat.  Aber  wie  vorsichtig  und  behutsam  sie  nun  auch  lautet,  sie
wird  dennoch  ohne  allen  Zweifel  in  Rom,  in  Regensburg,  in  Würzburg,
überhaupt  bei  der  ultramontanen  Partei  das  stärkste  Mißfallen  erregen.
Ich  habe  mich  zuletzt  selbst  gewundert,  daß  meine  Kollegen  doch  so  viel  zu
sagen  sich  entschließen  konnten,  mehr  als  vielleicht  das  große,  gemischte
Publikum  aus  dem  Dokument,  wenn  es  bekannt  werden  sollte,  herauslesen
wird.  Aber  sie  sind  freilich  von  der  Größe  des  Unheils,  welches  der
Kirche  droht,  ebenso  stark  überzeugt  wie  ich.

Erst  vor  wenigen  Stunden  hat  mich  der  Bischof  von  Orleans,  !)  der
zu  einem  Besuche  hierhergekommen  war,  verlassen.  Aus  seinen  Mitteilungen
ersehe  ich,  daß  die  Zahl  der  Bischöfe,  welche  den  römisch-jesuitischen  Plänen
abgeneigt  sind  und  ihnen  entgegentreten  wollen,  doch  bedeutend  größer  ist,
als  ich  zu  hoffen  wagte.  Er  glaubt  auf  die  Stimmen  von  fast  fünfzig
französischen  Bischöfen  rechnen  zu  können,  meint  aber  zugleich,  daß  auf  die
Haltung  der  deutschen  Bischöfe  sehr  viel  ankomme,  ja  daß  diese  eigentlich
den  Ausschlag  zu  geben  berufen  seien.  Selbst  in  Italien  sind  nach  seiner
Versicherung  mehrere  Prälaten  geneigt,  sich  den  Gegnern  der  Unfehlbarkeitstheorie
  anzuschließen.  Die  Ansicht  nämlich,  daß  die  Proklamierung  dieses
neuen  Dogmas  sehr  inopportun  sei  und  nur  die  Verlegenheiten  der  Bischöfe
vermehren  würde,  scheint  glücklicherweise  dort  sehr  verbreitet  zu  sein."“

Kardinal  Prinz  Hohenlohe  an  den  Fürsten.
Rom,  15.  September  1869.

..  Vielleicht  besinnt  sich  der  Heilige  Vater  noch,  doch  zweifle  ich  daran.
Bei  allem  Respekt  für  das  Oberhaupt  der  Kirche  wird  mein  Gehorsam  auf
eine  harte  Probe  gestellt.  Ich  vertraue,  Gott  wird  mir  beistehen.

Oft  frage  ich  mich,  was  soll  ich  tun  in  diesen  Stürmen?  Man  hat
mich  so  viel  als  möglich  isoliert.  Um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,  halten
Reisach  und  der  Rektor  der  hiesigen  deutschen  Anstalt  (Anima)  Monsignore
Gaßner  u.  a.  jeden  Deutschen  ab,  mich  zu  besuchen,  und  dann  das  fortwährende
  Hetzen  beim  Heiligen  Vater,  so  daß  er  in  fortwährender  Aufregung
  gegen  mich  ist;  alles  das  und  vieles  andre  macht  meine  Stellung
zu  einer  schwierigen.  Ich  habe  durch  das  Isolement  allerdings  den  Vorteil,
  mehr  freie  Stunden  für  mich  zu  haben.  Ich  würde,  wenn  Döllinger
hierherkäme,  ihn  bei  mir  logieren,  oder  wenn  du  oder  er  einen  verläßlichen
  Theologen  (weltlich  oder  geistlich)  wüßtet,  den  ihr  mir  zur  Zeit  des

 

1)  Ueber  die  Zusammenkunft  des  Bischofs  Dupanloup  mit  Döllinger  und  Lord
Acton  in  Herrnsheim  bei  Worms  siehe  Friedrich,  Geschichte  des  Vatikanischen  Konzils,
Bd.  II  S.  396.
        <pb n="406" />
        394  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Konzils  und  womöglich  schon  vorher  schicken  wolltet,  so  würde  ich  ihn  bei
mir  logieren  und  verköstigen,  und  es  wäre  mir  sehr  lieb,  einen  solchen  Mann
in  meiner  Nähe  zu  haben  so  lange  als  möglich.

Von  den  Jesuiten  wird  jetzt  wieder  die  große  Komödie  aufgeführt,
wonach  sie  vor  dem  Publikum  in  zwei  Parteien  geteilt  sind,  aber  au
fond  sind  sie  eins  und  werden  von  einem  Zentrum  regiert.  Es  existieren
also  vor  dem  Publikum  zwei  Parteien  unter  den  Jesuiten.  Die  einen
schreien  und  jubilieren  für  die  Unfehlbarkeit  des  Papstes  (wie  z.  B.  die
„Civiltàä“),  um  Pius  IX.  für  sich  zu  haben,  provozieren  alle  guten
Katholiken,  die  nicht  jesuitisch  sind,  gegen  die  Unfehlbarkeit  zu  sprechen,
entfernen  sie  dadurch  vom  Papst,  so  daß  der  Papst  die  Herren  der
„Civilta“  für  seine  Leibhusaren  auserlesen  muß.  Die  andre  Partei,  worunter,
  wie  es  scheint,  auch  der  Pater  Bekr,  der  General,  (früher  glaubte
ich,  Döllinger  gehöre  au  fond  auch  dazu)  schütteln  bedächtig  den  Kopf  wie
alte  erfahrene  Leute,  die  Pius  IX.  als  einen  leichtfertigen  Jungen  ansehen,
aber  nur  im  tiefen  Vertrauen.  Diese  halten  sich  die  Türe  offen,  sei  es  für  ein
nächstes  Pontifikat,  sei  es  namentlich  für  den  Episkopat,  zum  Beispiel  den
französischen,  und  sobald  sich  der  Wind  hier  einmal  gedreht  haben  würde,
werden  die  Jesuiten  die  ersten  sein,  die  die  „Civilta“  (dies  Spielzeug,  erfunden
  für  Pius  IX.)  perhorreszieren,  sich  über  Pius  IX.  lustig  machen
und  die  „Civiltà“-Väter  womöglich  nach  Australien  schicken,  woher  man  sie
dann  später  einmal  als  reumütige  Sünder  wieder  zurückkommen  lassen
kann.  Ein  Beispiel  haben  wir  im  vorigen  Jahrhundert,  wo  in  Rom  die
Jesuiten  die  Gallicam  propositionem  verabscheuten,  während  gleichzeitig
in  Frankreich  der  Jesuitengeneral  mit  seinen  bons  peres  die  Gallicam  propositionem
  unterschrieb  und  verteidigte,  und  dies,  weil  sie  dadurch  hofften,
die  Bourbonen  und  das  Parlament  u.  s.  w.  von  der  Idee  der  Aufhebung
des  Ordens  abzubringen.

Ich  glaube,  daß  die  Frage  der  Unfehlbarkeit  des  Papstes  von  der
der  Jesuiten  vollständig  zu  trennen  ist.  Wie  die  Unfehlbarkeit  auch  entschieden
wird,  den  Jesuiten  ist  dies  im  Grunde  einerlei.  Sie  werden  nach  wie  vor
ihre  falsche  Moral,  ihre  Intrigen  und  ihr  gottloses  Treiben  mit  Gemütlichkeit
  fortsetzen.  Sie  haben  die  Frage  der  Unfehlbarkeit  jetzt  nur  als  eine
Standarte  aufgebracht  und  diese  Standarte  der  „Civiltà“  in  die  Hand  gegeben,
damit  sie  dem  Papst  damit  Wind  vormacht.  Der  Papst,  entzückt  davon,
ohne  zu  ahnen,  was  die  alte  Jesuitenpartei  sagt  und  tut,  wirft  sich  der
„Civiltà“  gerührt  in  die  Arme,  umfaßt  gar  in  seiner  Verblendung  den  ganzen
Orden  als  die  Retter  seiner  Ehre  in  der  (ganz  unnötig  aufgebrachten)
Unfehlbarkeitsfrage,  flieht  alle  andern,  macht  den  Jesuiten  alle  möglichen
Konzessionen,  und  les  bons  peres  lachen  sich  ins  Fäustchen.  Wie  erklärt
sich's,  daß  Dupanloup  überall  herumfährt  und  gegen  die  Unfehlbarkeit  des
        <pb n="407" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  395

Papstes  agitiert?  Er  ist  doch  auch  Jesuit  (wenn  er  gleich  jetzt  so  tut,
als  habe  er  sich  von  ihnen  getrennt)  —  nur  um  une  masse  de  monde
zu  kompromittieren  und  womöglich  im  entscheidenden  Augenblick  in  einen
Chausseegraben  zu  werfen.  Die  Unfehlbarkeitsentscheidung,  günstig  oder
ungünstig,  bringt  uns  in  der  Jesuitenfrage  nicht  vor  noch  zurück.  Wohl
aber  hat  die  Unfehlbarkeitsfrage  Pius  IX.  den  Jesuiten  so  in  die  Arme
gebracht,  daß  von  allen  den  Plänen  und  Ideen  Pius'’  IX.  gegen  die  Jesuiten
keine  Spur  mehr  übrig  ist.  Die  Patres  wissen,  daß  sie  Pius  IX.  nur
dadurch  festhalten  können,  daß  er  in  die  Enge  getrieben  wird  und  sich  zu
ihnen  flüchten  muß.  Pius  IX.  muß  vollständig  isoliert  bleiben,  deshalb
hetzen  sie  ihn  auch  gegen  alle  Regierungen,  damit  er,  mit  allen  Regierungen
verfeindet,  nie  mehr  auf  einen  grünen  Zweig  komme.

..  Wenn  das  Konzil  zustande  kommt,  so  mag  wohl  manches  anders
kommen,  als  wir  fürchten.  Aber  eben  darum,  daß  es  anders  komme,  muß
man  sich  rühren.  Du  bist  einer  der  wenigen,  die  das  einsehen.

Wie  gesagt,  ist  es  mir  etwas  bange,  wenn  ich  sehe,  daß  Dupanloup
sich  nun  auf  einmal  als  Konvertit  geriert,  überall  herumfährt  —  auch  zum
Kölner  Erzbischof  vor  der  Fuldaer  Konferenz  —,  und  man  auch  in  Paris,
sogar  in  den  Kreisen  des  Erzbischofs  von  Paris,  sich  einredet,  Dupanloup
habe  sich  ganz  geändert.  Mit  Casa  Borghese,  sagt  er,  habe  er  sich  ganz
verfeindet  und  hat  sich  der  Fürstin  Rospigliosi  (natürlich  nur  geistig)  in
die  Arme  geworfen.  Ob  er  aber  nicht  gerade  im  entscheidenden  Augenblick
  seine  neue  Partei  in  den  Graben  wirft?  Hoffen  wir  das  Beste!  Ein
sehr  nützlicher,  verläßlicher  Mann  ist  Hefele,  der  neuernannte  Bischof
von  Rottenburg.  Man  scheint  hier  seine  Prakonisation  noch  hinausschieben
zu  wollen

Bericht  an  den  König.
München,  23.  September  1869.
Eurer  Königlichen  Majestät  beehrt  sich  der  treugehorsamst  Unterzeichnete
ehrfurchtsvollst  anzuzeigen,  daß  er  heute  den  Besuch  des  österreichischen
Ministers  Grafen  Beust  erhalten  hat,  welcher  auf  seiner  Rückkehr  von
Baden  und  der  Schweiz  nach  Wien  sich  einen  Tag  in  München  aufhält.
Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  glaubt,  daß  der  Inhalt  des  Gesprächs
mit  dem  Grafen  Beust  für  Eure  Königliche  Majestät  nicht  ohne  Interesse  sein
dürfte  und  erlaubt  sich  darüber  im  nachstehenden  alleruntertänigst  zu  berichten.
Der  Besuch,  den  der  österreichische  Minister  bei  Ihrer  Moajestät  der
Königin  von  Preußen  in  Baden  gemacht  hat,  war  bloß  ein  Akt  der  Courtoisie.
  Ueber  Politik  hat  Graf  Beust  mit  der  Königin  nicht  gesprochen.
Dies  erscheint  auch  um  so  wahrscheinlicher,  als  die  Tatsache  des  Besuchs
und  der  Einladung  zum  Diner  bei  der  Königin  vollständig  dem  Zweck
        <pb n="408" />
        396  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

entsprach,  der  nach  dem  Erachten  des  treugehorsamst  Unterzeichneten  darin
bestand,  vor  der  Welt  die  besseren  Beziehungen  Oesterreichs  zu  Preußen
zu  dokumentieren.  Von  Baden  ging  Graf  Beust  zunächst  nach  Straßburg,  um
der  dort  in  der  Nähe  wohnenden  Familie  Pourtales  einen  Besuch  zu  machen,
wo  er  mit  dem  österreichischen  Botschafter  Fürsten  Metternich  zusammentraf.
Die  Erwähnung  dieses  Besuchs  führte  natürlich  auf  die  Verhältnisse  in  Frankreich.
  Graf  Beust  kann  so  wenig  wie  irgend  jemand  voraussehen,  was
beim  Eintritt  des  Todes  des  Kaisers  Napoleon  in  Frankreich  geschehen
wird.  Er  glaubt  aber,  und  hat  dies  dem  Kaiser  durch  den  Fürsten
Metternich  sagen  lassen,  daß  nur  das  Aufgeben  des  persönlichen  Regimes
und  das  unbedingte  Eintreten  in  die  konstitutionelle  Regierungsform  die
Dynastie  retten  könne.  Graf  Beust  hat  dem  Kaiser  deshalb  dringend  anempfohlen,
  auf  dem  Wege  der  Reform  der  Staatsverfassung  nicht  stehen
zu  bleiben.  Er  hat  auf  das  Beispiel  Oesterreichs  hingewiesen,  wo  die
Folge  des  Konstitutionalismus  Beruhigung  der  Gemüter  und  Wiederaufblühen
  der  Geschäfte  und  eine  gesicherte  Stellung  gegen  außen  gewesen  sei.
Was  die  Reise  der  Kaiserin  nach  dem  Orient  1)  betrifft,  so  behauptete  Graf
Beust,  daß  dieselbe  unternommen  werde,  um  die  Kaiserin,  die  ihrer  ultramontanen
  Richtung  wegen  sehr  unpopulär  sei,  den  Franzosen  etwas  aus
dem  Gesicht  zu  bringen.

Der  wichtigste  Besuch,  den  der  österreichische  Minister  auf  seiner  Reise
gemacht  hat,  war  ohne  Zweifel  der  bei  dem  russischen  Minister  Fürsten
Gortschakow  in  der  Schweiz.  Er  hatte  mit  ihm  eine  mehrstündige  Konferenz,
in  welcher  über  die  ganze  europäische  Lage  gesprochen  wurde.  Es  scheint
aus  den  Mitteilungen  über  die  Unterhaltung  mit  ziemlicher  Sicherheit
hervorzugehen,  daß  der  Zweck  der  Reise  Beusts  vor  allem  darin  bestand,
in  Anbetracht  der  bevorstehenden  Ereignisse  in  Frankreich  ein  besseres  Einvernehmen
  mit  den  nordischen  Mächten  herbeizuführen.  Graf  Beust  gab
zu,  daß  der  treugehorsamst  Unterzeichnete  seine  Ansicht  richtig  formuliere,
als  er  ihm  sagte,  es  erscheine  nötig,  daß  die  soliden  Mächte  des  europäischen
Kontinents  sich  gegenüber  den  in  Frankreich  vorauszusehenden  Eventualitäten
dahin  verständigten,  vorläufig  ihre  gegenseitigen  kleinen  Mißverständnisse
auf  sich  beruhen  zu  lassen,  oder,  wie  Beust  sich  ausdrückte,  „die  Häkeleien
beiseite  zu  lassen"“.  Man  sei,  fügte  er  bei,  selbstverständlich  weit  davon
entfernt,  diesen  „guten  Beziehungen“  eine  bestimmte  Form  zu  geben.  Von
einer  Allianz  sei  keine  Rede,  und  man  unterlasse  das,  um  Frankreich  nicht
zu  verletzen,  welches  in  einer  nordischen  Allianz  immer  eine  Koalition  sehen
werde.  Aber  man  hat  sich  verständigt,  und  im  Interesse  des  europäischen
Friedens  ist  damit  viel  erreicht.

 

1)  Zur  Eröffnung  des  Suezkanals.
        <pb n="409" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  397

Die  Befürchtung,  daß  eine  Verständigung  Oesterreichs  und  Preußens
auf  Kosten  der  süddeutschen  Staaten  stattfinden  könnte,  dürfte  hierbei  nicht
außer  acht  gelassen  werden.  Der  treugehorsamst  Unterzeichnete  hat  deshalb
  den  Grafen  Beust  sorgfältig  sondiert  und  hat  zu  seiner  Beruhigung
gefunden,  daß  der  österreichische  Minister  nach  wie  vor  den  gleichen  Wert
auf  die  Erhaltung  des  Status  quo  legt;  denn  er  nahm  die  Darlegung  des
treugehorsamst  Unterzeichneten  über  das  Unsinnige  der  Gerüchte,  welche
Bayern  die  Absicht  zuschreiben,  in  den  Norddeutschen  Bund  einzutreten,
mit  entschiedenem  Beifall  und  großem  Interesse  auf,  was  nicht  der  Fall
gewesen  wäre,  wenn  er  etwa  seine  Absicht  geändert  hätte.  Dabei  bemerkte
er,  daß  theoretisch  der  Zustand  in  Deutschland  unbefriedigend  sei,  daß  es
aber  am  Ende  in  der  Politik  nicht  auf  Theorien,  sondern  auf  die  tatsächlichen
  Verhältnisse  ankomme,  und  diese  seien  für  Süddeutschland  nicht
ungünstig.

Journal.
München,  28.  September  1869.

Heute  Morgen  erhielt  ich  ein  Telegramm  mit  der  Aufforderung,  mich
bereit  zu  halten,  um  12  Uhr  von  einem  königlichen  Wagen  abgeholt  zu
werden,  da  mich  der  König  um  2  Uhr  sprechen  wolle.  Ich  tat  dies  und
wurde  um  12  Uhr  abgeholt.  Minister  Hörmann  fuhr  mit.  Unterwegs
besprach  ich  mit  ihm  die  Thronrede  und  überzeugte  ihn,  daß  sie,  so  wie
sie  jetzt  vorgeschlagen  wurde,  nicht  bleiben  könne.  Wir  fuhren  ziemlich
rasch  durch  den  Fürstenrieder  Park  und  kamen  um  2  Uhr  an;  Sauer
empfing  uns.  Zur  bestimmten  Stunde  wurde  ich  zum  König  geführt,  der
mir  die  Hand  drückte  und  mich  mit  ganz  besonderer  Liebenswürdigkeit
behandelte.  Er  hoffte  mich  dadurch  zu  bestimmen,  mich  so  auszusprechen,
wie  er  es  wünschte,  nämlich,  daß  es  nicht  nötig  sei,  daß  er  die  Kammern
selbst  eröffne.  Dies  tat  ich  aber  nicht,  sondern  sagte  ihm,  mir  sei  die
Thronrede  und  Adreßdebatte  zuwider,  aber  ich  könnte  ihm  nicht  verschweigen,
daß  man  über  ihn  schimpfen  werde,  wenn  er  nicht  selbst  zur  Eröffnung
käme.  Darüber  wurde  nun  hin  und  her  geredet,  immer  versuchte  er  wieder
mich  zu  der  Aeußerung  zu  bewegen,  es  sei  nicht  nötig,  bis  er  sich  endlich
überzeugte,  daß  es  ihm  nichts  helfe.  Er  runzelte  die  Stirne  nach  allen
Richtungen,  es  half  ihm  aber  nichts,  und  schließlich  erklärte  er,  er  werde
sich  die  Sache  überlegen.  Wir  sprachen  dann  von  allem  möglichen,  und
die  Unterhaltung  dauerte  über  zwei  Stunden.  Nach  mir  kam  Hörmann
an  die  Reihe,  der  dann  die  üble  Laune  schlucken  mußte,  in  die  sich  der
König  meinetwegen  hineingearbeitet  hatte.  Schließlich  wurde  auch  noch
Perglas  gerufen.  Ich  ging  unterdessen  im  Park  spazieren.  Ich  hatte
Sauer  gesagt,  daß  ich  das  tun  würde,  und  dieser  glaubte  deshalb  erst  beim
        <pb n="410" />
        398  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

König  anfragen  zu  müssen.  Ueber  Lipowsky  äußerte  sich  der  König  dem
Minister  Hörmann  gegenüber  sehr  wegwerfend.  Es  scheint,  daß  Lipowsky
sich  seine  Stellung  durch  sein  unsinniges  Geschwätz  verdorben  hat.  Als
alle  Audienzen  vorbei  waren,  aßen  wir,  ich,  Hörmann,  Perglas  und  Sauer
in  einem  Gartenpavillon  zu  Mittag.  Es  war  6  Uhr  geworden,  und  nach
Tisch  fuhren  wir  nach  Starnberg,  um  mit  der  Eisenbahn  hierher  zurückzufahren.


Heute  Abend  um  10  Uhr  war  ich  noch  im  Klub,  wo  ich  nur  einen
verschlafenen  Kellner  fand.  Dies  sind  die  Zerstreuungen  von  München.
Die  Kammer  der  Abgeordneten  hat  einige  Wahlen  beanstandet,  dadurch
sind  neun  Abgeordnete  außerstande,  den  Präsidenten  mitzuwählen,  ein
Abgeordneter  ist  verhaftet,  kann  also  nicht  erscheinen,  so  daß  die  Kammer
144  Mitglieder  zählt.  Davon  gehören  72  der  ultramontanen  und  72  der
liberalen  Partei  an.  Morgen  ist  Präsidentenwahl;  wenn  sie  sich  nicht
verständigen,  so  kommt  keine  Wahl  zustande,  und  dann  lösen  wir  die  Kammer
auf.  Ich  denke  aber,  man  wird  sich  vereinigen  und  Edel  wählen.  Es  ist
schade,  denn  so  hätten  wir  vier  Wochen  Ruhe  gehabt,  während  neu  gewählt
worden  wäre.

29.  September.

Die  Präsidentenwahl  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  hat  noch
immer  zu  keinem  Resultat  geführt.  71  Stimmen  für  Edel  und  71  für
Weiß.  Die  Abgeordneten  erwarten,  daß  wir  die  Kammer  auflösen.  Völderndorff
  rät,  so  lange  fortwählen  zu  lassen,  bis  einer  krank  wird.  Doch  dürfte
das  nicht  möglich  sein.  Ueberall  große  Aufregung.  Heute  Abend  war
ich  in  dem  Trauerspiel  „Drahomira“  von  Weilen.  Schrecklicher  Unsinn  und
Phrasen.  Professor  Zachariä  von  Göttingen  besuchte  mich  in  der  Loge.

Der  Kardinal  Prinz  Hohenlohe  an  den  Fürsten.
Tivoli,  3.  Oktober  1869.

...  Was  den  Professor  Friedrich  betrifft,  so  soll  er  ja  kommen,  nur
wäre  es  gut,  die  Sache  geheimzuhalten,  bis  er  bei  mir  ist.  In  den
Unterhandlungen  mit  ihm  wird  es  gut  sein,  ihm  zu  sagen,  daß  er  den
Hauptzweck  seines  Aufenthalts  hier  nicht  mitteilt,  sondern  einen  andern
Grund,  Rom  zu  sehen  oder  dergleichen.  Du  wirst  das  besser  verstehen,
als  ich  es  sagen  kann.

Was  Sigmund  betrifft,  so  habe  ich  allerdings  Grund  zu  vermuten,
daß  er  sich  nach  und  nach  der  ultramontanen  Partei  genähert  hat,  wenn
auch  nicht  aus  Ueberzeugung,  doch  aus  Interesse,  „weil  er  es  nicht  mit

 

1)  Bayrischer  Gesandter  in  Rom.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  399

den  Leuten  verderben  will“.  Dann  soll  er  aber  nicht  mehr  Gesandter
bleiben  unter  Deinem  Ministerium,  wenn  er  ehrlich  handeln  will.  Denn
wenn  zum  Beispiel  Kardinal  Antonelli  ihm  sagt:  „Le  Prince  de  Hohen--lohe
  veut  faire  le  théologien“,  so  könnte  er  ihm  darauf  eine  bündige
Antwort  geben,  das  tut  er  aber  nicht,  sondern  erzählt  das  noch  obendrein
mit  einer  gewissen  unpassenden  Manier  andern.  Und  seine  Beziehungen
zu  dem  Corps  diplomatique  sind  auch  verfahren.  Nachdem  er  mich  jede
Woche  zweimal  besuchte  und  jetzt  gar  nicht  mehr  kommt,  nachdem  er  hier
einen  immensen  Nutzen  hätte  stiften  können  durch  festes  würdiges  Auftreten,
  statt  dessen  ganz  passiv  (und  nicht  einmal  immer  das)  bleibt,  so
habe  ich  einigen  Verdacht  über  seine  veränderte  Stellung,  die  er  wohl
eingenommen  haben  mag,  hauptsächlich  um  sich  nicht  zu  schaden  für  die
Zukunft.  Nun  ist  aber  zu  bedenken,  daß  es  jetzt  schon  zu  spät  ist,  vor
dem  Konzil  einen  andern  herzuschicken.  Indessen  ein  anständiger  Mensch,
der  tut,  was  Du  ihm  sagst,  sich  auch  in  wichtigen  Fällen  mit  den  Gesandten
  gleichgesinnter  Regierungen  ins  Einvernehmen  setzt,  sicher  in  seinen
Ansichten,  namentlich  nicht  ultramontan  ist,  Dich  verteidigt,  wo  es  nottut
—  aber  wo  findet  man  das  alles  vereinigt?  Ich  wünschte  sehr,  daß
beim  Konzil  ein  würdiger  sicherer  Vertreter  von  Bayern  wäre,  aber  ich
fürchte,  daß  es  schwer  sein  wird,  einen  zu  finden.  Wenn  Döllinger  keine
Persona  minus  grata  hier  wäre,  so  wäre  er  sehr  geeignet  dazu.  Uebrigens
jemand,  der  kein  Lumen  mundi  wäre  und  dem  man  einen  tüchtigen  Adlatus
gäbe,  in  der  Art  wie  Professor  Huber,  wäre  auch  gut.!)

Journal.
München,  6.  Oktober  1869.

Am  Sonnabend  hörte  ich,  daß  Haneberg)  sich  bemüht  habe,  die  Abgeordneten
  zu  einer  milderen  Stimmung  zu  bewegen.  Ich  ging  deshalb
zu  ihm;  er  sagte  mir,  daß  er  es  versucht  habe,  daß  es  ihm  aber  nicht
gelungen  sei,  wenngleich  der  Wunsch  bestehe,  sich  dem  Terrorismus  des
Herrn  Weiß,  der  die  ultramontane  Partei  beherrscht,  zu  entziehen.  Sonntag
war  das  Oktoberfest.  Montag  keine  Sitzung.  Dienstag  sollte  das  letzte
Skrutinium  sein.  Es  blieben  mir  also  noch  zwei  volle  Tage  zur  Unterhandlung.
  Ich  ließ  sofort  alle  Minen  springen,  Völderndorff,  Hegnenberg,
  Dönniges  u.  a.  machten  sich  auf  die  Beine.  Es  war  ein  immerwährendes
  Hin=  und  Herrennen.  Die  Sache  war  dadurch  schwierig,  daß
meine  Kollegen  aus  verschiedenen  Gründen  gegen  die  Verständigung  und

 

1)  Der  bayrische  Gesandte  von  Sigmund  wurde  noch  im  Oktober  nach  dem
Haag  versetzt.  Zu  seinem  Nachfolger  wurde  Graf  Tauffkirchen  berufen.
2)  Damals  Abt  von  St.  Bonifaz  in  München.
        <pb n="412" />
        400  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

für  Auflösung  intrigierten.  Endlich  gelang  es,  die  ultramontane  Partei
zu  bestimmen,  mir  Montag  um  11  Uhr  eine  Deputation  zu  schicken.  Diese
kam  und  beriet  mit  mir.  Sie  hatten  zum  Wortführer  den  Advokaten
Schüttinger  aus  Bamberg  bestellt,  der  dann  auch  erklärte,  sie  hätten  die
Majorität  und  wollten  die  beiden  Präsidenten  wählen.  Ich  machte  den
Herren  begreiflich,  daß  dies  keine  Verständigung  möglich  mache;  sie
sollten  wenigstens  ohne  vorherige  Bestimmung  eines  Kandidaten  für  das
Präsidium  eine  Besprechung  mit  Abgeordneten  der  Linken  vornehmen.
Das  wollten  sie  aber  nicht,  sondern  verlangten,  daß  die  Wahl  von
Weiß  zum  ersten  Präsidenten  außer  Diskussion  bleiben  müsse.  Nun  kamen
abends  die  Bevollmächtigten  der  Fortschrittspartei  zu  mir.  Diese  erklärten,
sie  könnten  sich  nur  dann  auf  eine  Unterredung  einlassen,  wenn  alle
Kandidaten  diskutiert  würden,  dagegen  seien  sie  bereit,  von  ihrem  Kandidaten
  (Edel)  abzugehen.  Unter  diesen  Unterhandlungen  kam  der  Dienstag
heran  und  mit  ihm  wieder  die  Abstimmung.  71  gegen  71.  Nun  trat
der  Ministerrat  zusammen.  Trotzdem  daß  die  Unterhandlung  im  Gang
war  und  Hörmann  dies  wußte,  beantragte  er  sofortige  Auflösung.  Ich
erwiderte,  daß  dies  mich  kompromittieren  würde  und  wurde  äußerst  unangenehm.
  Stürmische  Szene  im  Ministerrat.  Schließlich  gaben  die
Herren  nach.  Ich  telegraphiere  an  den  König  um  Aufschub.  Der  König
gewährt  ihn.  Da  kommt  gestern  Abend  der  Abgesandte  der  Ultramontanen
und  sagt,  die  Fraktion  könne  sich  nicht  darauf  einlassen,  Weiß  noch  in
Frage  zu  stellen.  Um  9  Uhr  kommt  die  Fortschrittspartei  und  sagt,  daß
sie  unter  diesen  Umständen  sich  auf  keine  Besprechung  einlasse.  Damit
war  die  Unterhandlung  zu  Ende,  und  die  Auflösung  wurde  beschlossen  und
entsprechend  an  den  König  telegraphiert.  Ich  fürchte,  daß  wir  bei  der
Auflösung  nichts  gewinnen  werden.  Doch  konnte  ich  mich  nicht  länger
widersetzen,  da,  wenn  weitere  Unterhandlungen  nicht  zum  Ziel  geführt
hätten,  mir  der  Vorwurf  nicht  erspart  worden  wäre,  die  Sache  in  die
Länge  zu  ziehen,  und  man  das  Mißlingen,  welches  nicht  unwahrscheinlich
war,  mir  schlecht  ausgelegt  haben  würde.  Hätten  die  Minister  weniger
gedrängt,  so  wäre  es  möglich  gewesen,  mit  Ruhe  zur  Verständigung  zu
kommen.  Jedenfalls  wird  man  mir  den  Versuch  der  Verständigung  später
um  so  mehr  danken,  je  schlechter  das  Resultat  der  Wahl  ausfallen  wird.
Ein  Umschwung  der  öffentlichen  Meinung,  die  jetzt  für  Auflösung  ist,
wird  eintreten.  Doch  ist  das  ein  geringer  Trost.  Vorläufig  haben  wir
sechs  Wochen  Ruhe.
München,  26.  Oktober  1869.

Die  Ankunft  des  Königs  von  Württemberg,  die  Sonnabend  den  23.
Abends  10  Uhr  stattfand,  hatte  nicht  die  gewöhnlichen  Unruhen  und
Schreibereien  veranlaßt,  da  der  König  diesmal  von  besonderer  Liebens-
        <pb n="413" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  401

würdigkeit  beseelt  und  seinem  königlichen  Nachbarn  alle  möglichen  Liebenswürdigkeiten
  zu  erweisen  bereit  war.  Leider  kam  aber  der  König  von
Württemberg  im  strengsten  Inkognito  hierher,  so  daß  das  Anerbieten  der
Wohnung  in  der  Residenz  und  andre  Höflichkeiten  nicht  angenommen
wurden.  Doch  fuhr  unser  König  nach  Augsburg  entgegen  und  mit  den
Herrschaften  hierher,  wo  Souper  auf  dem  Bahnhofe  war.  Sonntag  1  Uhr
hatte  ich  Audienz  bei  dem  König  von  Württemberg.  Ich  hatte  dem  König
sagen  lassen,  ob  er  nicht  am  Montag,  wo  kein  Hofdiner  war,  bei  mir
essen  wolle.  Er  lehnte  es  aber  ab.  Als  ich  nun  Montag  mein  Diner
den  Ministern  und  Staatsräten  gab,  ließ  er  Schlör  während  des  Essens
abholen,  eine  Rücksichtslosigkeit,  die  ich  ihm  sehr  übelnehme,  da  er  die
Stunde  meines  Diners  wußte.

Viel  liebenswürdiger  war  der  Großherzog  von  Weimar,  der  heute
Morgen  ankam.  Ich  hatte  dem  Adjutanten  einen  Besuch  per  Karte  gemacht,
  worauf  er  sich  bei  mir  um  7  Uhr  anmeldete.  Wir  sprachen  sehr
lange  über  die  gegenwärtigen  Zustände,  über  den  König,  über  die  Wahlen,
über  das  Konzil  u.  s.  w.  Da  er  nun  besonders  in  letzterer  Beziehung
Fragen  stellte,  die  ich  ziemlich  ausführlich  beantworten  mußte,  so  wurde
meine  Auseinandersetzung  mitunter  etwas  lang,  so  daß  ich  bemerken
konnte,  wie  ihn  der  Schlaf  übermannte.  Denn  seine  Augen  verloren
ihren  wenigen  Glanz,  was  mich  dann  sofort  zur  Abkürzung  meiner
Vorlesung  veranlaßte.  Dann  lebte  er  wieder  auf  und  war  überhaupt
„recht  nett“  und  liebenswürdig.

Morgen  ist  Ministerrat,  wo  das  Rundschreiben  Hörmanns  besprochen
werden  soll.  Ich  bin  darauf  sehr  neugierig.

München,  22.  November  1869.

Die  Wahleni)  scheinen  zuungunsten  des  Ministeriums  ausfallen  zu
wollen.  Gestern  sagte  mir  Feilitzsch,  daß  in  diesem  Falle  Hörmann  seine
Entlassung  geben  wolle.  Lutz  hat  Völderndorff  heute  gesagt,  daß  das
ganze  Ministerium  die  Entlassung  geben  müsse,  da  doch  nichts  mehr  zu
machen  sei.  Lutz  konspiriert  aber  ohne  Zweifel  mit  Schlör,  um  mich  und
einige  andre  Minister  hinauszudrücken  und  vielleicht  selbst  Minister  des
Aeußern  oder  wenigstens  Vorsitzender  des  Ministerrats  zu  werden.  Unter
diesen  Umständen  scheint  die  Partie  verloren  oder  wenigstens  sehr  verwickelt.

Um  11  Uhr  ging  ich  zu  Döllinger,  um  ihm  die  Instruktion  Tauffkirchens
  zur  Einsicht  zu  geben.  Wir  besprachen  die  Situation,  und  da
erzählte  er  mir,  er  habe  eben  ein  Handbillett  des  Königs  erhalten,  welches
ihn  wegen  seiner  Broschüre  gegen  die  Infallibilität  belobt,  und  zugleich  einen

 

1)  Die  Wahlen  fanden  am  16.  und  25.  November  statt.
Fürft  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  I  26
        <pb n="414" />
        402  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Brief  von  Sauer,  den  er  aber  noch  nicht  gelesen  habe.  Wir  lasen  ihn
nun  zusammen,  und  hier  fand  sich,  daß  Sauer  ihn  um  Rat  fragt,  was
er  in  der  gegenwärtigen  schwierigen  Lage  dem  König  vorschlagen  soll,
insbesondere  was  der  König  tun  soll,  wenn  etwa  das  Ministerium  seine
Entlassung  nach  dem  Ergebnis  der  Wahlen  einreiche.  Ob  er  raten  solle,
sie  anzunehmen  oder  nicht.  Ich  machte  nun  mit  Döllinger,  der  gerade
mehrere  Leute  hatte,  aus,  daß  er  in  diesen  Tagen  zu  mir  kommen  solle,
wo  wir  das  Nötige  besprechen  und  ausdenken  wollten,  was  er  Sauer
raten  solle.  Zugleich  solle  er  jetzt  schon  an  Sauer  schreiben,  er  würde
ihm  den  gewünschten  Rat  erteilen.  Es  handelt  sich  jetzt  darum,  ein  kurzes
Memoire  zu  machen,  um  darin  die  Ratschläge  zusammenzufassen,  die
darauf  abzuzielen  hätten,  der  König  soll  das  Ministerium  entlassen,
d.  h.  die  Entlassung  annehmen,  und  mich  mit  der  Bildung  eines  neuen
Ministeriums  beauftragen,  oder  besser  gesagt,  mir  sagen,  ich  solle  ihm
Vorschläge  machen.  Zugleich  könnte  ihm  Döllinger  sagen,  wenn  der
König  dies  nicht  wolle,  so  möchte  er  gleich  die  Minister  an  Stelle
der  zu  entlassenden  ernennen.  Mit  Völderndorff  bin  ich  über  folgende
übereingekommen:

Ich  Minister  des  Aeußern  wie  bisher,  Pfretzschner  Finanzen,  Pranckh
Krieg,  Pfeufer  Inneres  (Hörmann  in  die  Pfalz),  Schubert  Kultus,  Lutz
Justiz,  Hegnenberg  an  Schlörs  Stelle.

Dies  würde  also  Döllinger  mitzuteilen  sein.

Wenn  der  König,  wie  dies  aus  dem  Briefe  Sauers  hervorgeht,  mein
Entlassungsgesuch  nicht  anzunehmen  Lust  hat,  sondern  mich  in  einem  neuzubildenden
  Ministerium  belassen  will,  so  wäre  dem  König  zu  raten,  nicht
mich  mit  der  Bildung  eines  neuen  Ministeriums  zu  beauftragen,  da  dies
den  Traditionen,  welche  hierzulande  üblich  sind,  nicht  entspricht,  sondern
gleich  diejenigen  Minister  durch  neue  zu  ersetzen,  welche  er  nicht  beizubehalten
  willens  ist.  Dadurch  wird  dem  ganzen  Getriebe  des  Ehrgeizes,
welches  während  einer  Ministerkrisis  zutage  zu  treten  pflegt,  die  Wurzel
abgeschnitten,  und  die  Beruhigung  des  Landes  tritt  schneller  ein.

Ich  weiß,  daß  die  ultramontane  Partei  mir  nichts  zumuten  wird,
was  ich  nicht  tun  kann.  Eine  Verständigung  ist  deshalb  möglich,  wenn
nicht  gleichzeitig  Minister  ernannt  werden,  mit  welchen  ich  nicht  gehen
kann.  Ich  würde  daher  zu  behalten  raten:  Pfretzschner,  Pranckh,  Lutz,
dagegen  die  Entlassung  annehmen  seitens  der  Minister  Gresser,  Hörmann
und  Schlör.  An  Stelle  Gressers  wäre  Staatsrat  Schubert  zu  ernennen,
der  für  den  Augenblick  genügt  und  später  durch  einen  andern  ersetzt
werden  kann.  Gresser  könnte  an  seine  Stelle  in  den  Staatsrat  kommen.
An  die  Stelle  Hörmanns  würde  ich  Pfeufer  ernennen  und  Hörmann  als
Präsidenten  in  die  Pfalz  schicken.  Endlich  wäre  Schlör  durch  Graf
        <pb n="415" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  403

Hegnenberg  zu  ersetzen,  einen  Mann,  dessen  Integrität  des  Charakters,
dessen  politische  Vergangenheit  und  Talent  von  immensem  Wert  wären
und  dessen  Ernennung  wesentlich  zur  Beruhigung  des  Landes  beitragen
würde.  Ich  getraue  mir,  Hegnenberg  zur  Annahme  zu  bewegen,  weshalb
es  zweckmäßig  wäre,  mich  zu  beauftragen,  mit  ihm  zu  verhandeln,  wenn
der  König  nicht  vorzieht,  ihn  sofort  zu  ernennen.  In  diesem  Falle
müßte  ich  rechtzeitig  in  Kenntnis  gesetzt  werden,  um  ihn  zu  verhindern,
die  Ernennung  abzuweisen.  Auf  dieser  Ernennung  beruht  die  ganze
Aussicht  des  Erfolgs  der  vorgeschlagenen  Kombination.

München,  23.  November  1869.

Heute  ¾11  Uhr  in  die  Kapelle  des  Pfarrers  der  Ludwigskirche,  wo
die  Trauung  Tauffkirchens  mit  Ernestine  Pfeffel  zelebriert  wurde.  In
dem  Salon  des  Pfarrers  versammelte  man  sich.  Es  war  die  „Elite“  der
Gesellschaft  anwesend.  Die  Braut  im  eleganten  weißen  Atlaskostüm  mit
Orangenblüten,  Tauffkirchen  im  Frack  mit  dem  schwarzen  Kordon  des
schwedischen  Nordsternordens.  Ich  war  Tauffkirchens  Trauzeuge  und  hatte
einen  eignen  Betschemel  mit  rotem  Samt  in  der  Kapelle.  Als  alles  versammelt
  war,  ging  man  in  die  Kapelle.  Der  Pfarrer  Weber  von  der
Frauenkirche  hielt  die  Rede,  in  welcher  viele  Gemeinplätze  enthalten  waren,
der  man  es  aber  anmerkte,  daß  er  lebhaften  Anteil  nahm,  da  er  der  langjährige
  Beichtvater  von  Ernestine  Pfeffel  ist.  Hinter  mir  kniete  die  alte
Pocci,  die  ihrem  Schnupfen  oder  ihrer  Rührung  durch  häufiges  lärmendes
Niesen  Luft  machte.  Nach  der  Trauung  ging  man  wieder  in  den  Salon
des  Pfarrers,  wo  umarmt  wurde.  Von  da  fuhr  man  zu  Pfeffel,  wo
Champagner  getrunken  und  wieder  umarmt  wurde.  Nachmittags  fuhren
die  Neuvermählten  nach  Italien.

Hier  ist  alles  in  Aufregung  wegen  der  Wahlen.  Die  Ultramontanen
haben  ohne  Zweifel  gesiegt.  Das  Ministerium  wird  seine  Entlassung
einreichen,  wenn  die  Wahlen  bekannt  sein  werden.  Alle  kleinen  Ambitionen
werden  rege,  die  Raben  rüsten  sich  zum  Fluge,  da  sie  ein  Aas  wittern.
Das  Ministerium  sagt:  „Es  will  Abend  werden,  und  der  Tag  neigt
sich  zu  Ende.“  Ich  sehne  mich  danach,  den  Feinden  offen  und
rückhaltlos  entgegentreten  zu  können.  Ich  kann  nicht  daran  denken,  zu
bleiben,  wenn  ich  die  Majorität  der  Kammer  gegen  mich  habe,  und  ich
gestehe,  daß  ich  gerne  abgehe.  Drei  Jahre  Ministerium  ist  vorläufig
genug.

Morgen  wird  sich  die  Sache  entscheiden.  Wenn  die  Majorität  der
ultramontanen  Partei  ganz  entschieden  gegen  mich  ist,  reiche  ich  wahrscheinlich
  mit  dem  ganzen  Ministerium  meine  Entlassung  ein.  Wir  werden
dann  sehen,  was  der  König  tut.
        <pb n="416" />
        404  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Der  Kardinal  Prinz  Hohenlohe  an  den  Fürsten.
Rom,  26.  November  1869.

Ich  habe  Dir  neulich  durch  die  Post  geschrieben.  Der  Brief  war,
wie  Du  bemerkt  haben  wirst,  darauf  berechnet,  daß  er  auf  der  Post  gelesen
  würde  resp.  in  der  Staatssegretaria.  Secramondo  hatte  gegen  seinen
Nachfolger  alle  möglichen  horreurs  hier  verbreitet,  deshalb  habe  ich  auf
alle  Weise  dem  Unfug  entgegenzuarbeiten  gesucht  ...  Daß  der  Bischof
von  Passau  nicht  kommt,  ist  schade.  Es  wird  manchen  herben  Kampf
geben,  und  ich  fürchte,  die  Ultramontanen  werden  die  Majorität  haben.
Frech  und  waghalsig  sind  sie,  und  wenn  auch  für  den  Augenblick  der
Papst  ziemlich  verstimmt  ist  ob  der  verschiedenen  Manifestationen,  als  da
sind  Dupanloup,  !)  nordamerikanische  Bischöfe  2)  u.  s.  w.,  so  glaube  ich,
im  entscheidenden  Augenblicke  wird  die  freche  Partei  alle  zu  überschreien
suchen.  Ich  bin  jetzt  obendrein  noch  recht  unwohl,  so  daß  ich  mich  in
einer  ziemlich  melancholischen  Stimmung  befinde.

Dupanloups  Brief  ist  gut.  Man  sieht,  Janus  und  andre  Bücher
sind  ihm  in  die  Nase  gestiegen

Es  scheint,  daß  Haneberg  nun  auch  nicht  kommen  wird  zum  Konzil,
während  er  doch  alles  Recht  als  Konsultor  hatte.  Kardinal  Schwarzenberg
  wünscht  sehr,  Döllinger  hier  zu  haben,  aber  er  weiß  nicht,  wie  er
es  anfangen  soll.  Ich  riet  ihm,  ihn  als  seinen  Theologen  zu  berufen,
aber  er  schien  mir  noch  unentschlossen.  Friedrich  wird  nun  wohl  gegen
Ende  des  Monats  kommen.  Man  hat  es  übrigens  so  eingerichtet,  daß
die  Kardinäle,  die  nicht  zur  Partei  gehören,  möglichst  wenig  zu  tun  bekommen.
  Man  hatte  davon  gesprochen,  ich  solle  die  deutschen  Bischöfe
hier  bei  mir  wöchentlich  empfangen.  Ich  habe  mich  aber  bei  der  großen
Irritation  der  Parteien  dazu  nicht  entschließen  können,  um  so  mehr,  als,
wie  ich  glaube,  der  Papst  ziemlich  mißtrauisch  gegen  mich  ist  und  er  am
Ende  gar  noch  in  seinem  Wahn  den  Bischöfen  verbieten  könnte,  sich  bei
mir  zu  versammeln.  Kardinal  Schwarzenberg  hat  mir  versprochen,  die
Bischöfe  bei  sich  in  der  Anima  zu  versammeln.

Journal.
München,  26.  November  1869.

Heute  kamen  die  Minister  bei  mir  zusammen,  um  die  Nachricht  über
den  Ausfall  der  Wahlen  bei  mir  entgegenzunehmen.  Ich  begann  damit,

 

1)  Dupanloups  „Lettre  au  clergé  de  son  diocése  relativement  à  la  définition  de
Pinfallibilité  au  prochain  concile“  vom  11.  November  1869  erschien  in  der  „Gazette
de  France“.  Friedrich,  Geschichte  des  Vatikanischen  Konzils,  Bd.  II  S.  396.

Die  nordamerikanischen  Bischöfe  hatten  sich  bei  der  Durchreise  durch  Paris

gegen  die  Opportunität  der  Definition  der  Unfehlbarkeit  ausgesprochen.  Friedrich
Bd.  II  S.  378.
        <pb n="417" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  405

Hörmann  aufzufordern,  über  das  Resultat  der  Wahlen  Vortrag  halten
zu  wollen,  was  sehr  schnell  beendigt  war,  da  die  Zahl  bereits  bekannt
und  kein  Zweifel  war,  daß  die  Ultramontanen  80,  die  Liberalen  nur  74
Stimmen  hätten.  Darauf  entstand  eine  Pause.  Ich  benützte  dieselbe  sofort,
um  das  Wort  zu  ergreifen  und  den  Herren  auseinanderzusetzen,  daß  ich
es  sei,  gegen  den  sich  die  allgemeine  Antipathie  in  der  patriotischen  Partei
richte,  ich  rekapitulierte  mein  früheres  Programm,  hob  die  Aenderung  in
der  Stimmung  des  Landes  hervor  und  stellte  die  Frage  an  die  Minister,
ob  sie  nicht  glaubten,  daß  die  Aufregung  sich  beschwichtigen  ließe  und
ein  Modus  vivendi  mit  der  Kammer  dann  herzustellen  sein  werde,  wenn
ich  das  Ministerium  verließe.  Sie  möchten  mir  darauf  offen  ihre  Antwort
  sagen.

Hörmann  ergriff  sofort  das  Wort,  um  zu  erklären,  daß  er  jedenfalls
sich  mir  anschließen  werde,  da  ihn  das  Mißtrauensvotum  des  Landes  vor
allen  getroffen.  Er  rechtfertigte  sich  in  eingehender  Weise,  indem  er  nachwies,
  daß  eine  Regierung  in  der  gegenwärtigen  Zeit  nicht  parteilos  sein
könne.  Es  handle  sich,  den  modernen  Staat  gegen  die  reaktionären  Gelüste
  der  Ultramontanen  zu  verteidigen.  Wie  die  Regierung  bestehen
könne,  wenn  sie  in  diesem  Kampfe  nicht  Partei  nehmen  wolle!

Ihm  schloß  sich  Gressert)  an,  indem  er  eine  würdige  Handbewegung
machte.  Er  schien  einen  römischen  Senator  darstellen  zu  wollen  und  war
äußerst  pathetisch.

Pfretzschner,  der  nun  das  Wort  ergriff,  gestand  „mit  aller  kollegialen
Offenheit“  zu,  daß  allerdings  die  Animosität  der  Parteien  sich  gegen  die
drei  Kollegen  gerichtet  habe,  und  „ließ  die  Frage  unentschieden“,  ob  durch
eine  partielle  Modifikation  des  Ministeriums  nicht  am  besten  der  Verlegenheit
  abgeholfen  werden  könne.

Schlör  sprach  sodann  gegen  den  Gedanken  einer  allgemeinen  Entlassung
  des  Ministerrats.  Er  deutete  darauf  hin,  daß  man  ja  auch  bei
der  Entlassung  des  Ministers  Bomhard  nicht  den  Weg  der  allgemeinen
Entlassung  eingeschlagen  habe,  sprach  von  der  schlimmen  Lage,  in  welche
das  Ministerium  wohl  auch  aus  dem  Grunde  gekommen  sei,  weil  die
Solidarität  des  Ministerrats  nur  leerer  Schall  gewesen,  führte  verschiedene
Fälle  an,  welche  beweisen  sollten,  daß  ich  das  Ministerium  im  ganzen  in
die  Verantwortung  von  Handlungen  hineingezogen  hätte,  ohne  daß  die
andern  Minister  etwas  davon  gewußt  hätten.  Er  erwähnte  rühmend,  wie
Pfordten  jeden  Ministerrat  mit  Vorlegung  von  Depeschen  begonnen  habe,
tadelte,  daß  Ernennungen  im  diplomatischen  Korps  stattgefunden  hätten,

 

1)  Der  Minister  des  Kultus  und  Unterrichts,  der  durch  sein  Schulgesetz  die
besondere  Feindschaft  der  Ultramontanen  sich  zugezogen  hatte.
        <pb n="418" />
        406  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

ohne  daß  das  Ministerium  etwas  davon  erfahren,  und  daß  die  Liquidationsverhandlungen
  beendet  worden  seien  ohne  Zutun  der  übrigen  Minister.
Er  schien  offenbar  seine  Absicht  dahin  zu  richten,  mir  die  Schuld  der
gegenwärtigen  Lage  in  die  Schuhe  schieben  zu  wollen,  um  die  andern
Minister  gegen  mich  aufzubringen.  Ich  widerlegte  sofort  die  einzelnen
Vorwürfe,  bemerkte,  daß,  wenn  Pfordten  im  Jahre  1866  die  Depeschen
vorgelegt  habe,  dies  sehr  natürlich  gewesen  sei,  führte  den  Herren  vor,
daß  ich  öfters  versucht  hätte,  die  äußere  Politik  zum  Gegenstand  der
Beratung  im  Ministerrat  zu  bringen,  stets  aber  sehr  wenig  Aufmerksamkeit
  gefunden  habe,  vindizierte  mir  das  Recht  der  Ernennungen
im  diplomatischen  Korps,  sogut  wie  Schlör  sich  das  Recht,  Eisenbahnbeamte
  anzustellen,  nicht  streitig  machen  lassen  werde,  wies  nach,
daß  die  Liquidationsverhandlung  erst  nach  einem  Ministerratsbeschluß
angefangen  worden  sei,  und  rechtfertigte  mich  vollständig.  Darauf  kam
Pranckh,  der  in  seiner  gewöhnlichen  derben  Weise  erklärte,  wenn  man  sich
die  Achtung  der  Welt  erhalten  wolle,  müsse  man  jetzt  seine  Entlassung
einreichen,  und  was  der  König  dann  tun  wolle,  sei  seine  und  nicht  unfre
Sache.

Hörmann  sprach  dann  noch  eingehend  und  sehr  treffend  in  dem  obenerwähnten
  Sinne.

Lutz  erklärte  sich  dahin,  er  halte  es  für  bedenklich,  wenn  das  System
des  Parlamentarismus  und  der  Majoritätsregierung  eingeführt  werden
wolle,  deshalb  würde  er  einen  partiellen  Ministerwechsel  vorgezogen  haben,
nach  der  Aeußerung  Pranckhs  könne  er  aber  nur  auch  der  Gesamtentlassung
  zustimmen  und  werde  nicht  allein  bleiben.  Jedenfalls  erkläre
er  sich  gegen  ein  Koalitionsministerium,  in  welches  etwa  Weiß  oder  ein
andrer  Patriot  eintrete.  In  einem  solchen  werde  er  nicht  bleiben.

Schlör  kam  dann  wieder  auf  den  Fall  der  Entlassung  Bomhards
zurück,  der  ihm  als  ein  Muster  vorschwebte,  und  schloß  mit  dem  Vorschlag,
ich  möchte  nach  Hohenschwangau  gehen  und  dem  König  die  Lage  der  Dinge
mündlich  auseinandersetzen.

Dagegen  erklärte  ich  mich  jedoch  sofort  auf  das  entschiedenste,  da
ich  nicht  Lust  hätte,  die  Sache  zu  verwickeln,  sondern  sie  klar  haben
wollte.  Der  König  könnte  mir  die  Entlassung  verweigern,  und  dann  werde
man  mir  den  Vorwurf  machen,  daß  ich  den  König  dazu  bestimmt  habe.

Schließlich  resümierte  ich  als  Vorsitzender,  indem  ich  bemerkte,  daß
ein  Majoritätsbeschluß  in  dieser  Sache  nicht  gefaßt  werden  könne.  Jedenfalls
  sei  ich  aber  entschlossen,  bis  morgen  Mittag  12  Uhr  meine  Entlassung
  zu  geben.  Die  Herren  moöchten  sich  bis  dahin  die  Sache  überlegen.
Man  kam  dann  überein,  daß  Lutz  einen  Entwurf  einer  Eingabe  an  den
König  machen  solle,  den  er  morgen  mitbringen  wird.
        <pb n="419" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  407

28.  November  1869.

Am  27.  brachte  Lutz  seinen  Entwurf  in  den  Ministerrat.  Die  Darstellung
  gefiel  mir  nicht,  da  sie  manches  Ueberflüssige  enthielt.  Doch  wurde
sie  modifiziert,  wenn  auch  unvollständig.  Nachmittags  wurde  unterzeichnet.
Abends  kam  Holnstein  zu  mir,  der  mir  erzählte,  man  behaupte,  ich  würde
nicht  abgehen,  da  ich  die  Besoldung  nicht  entbehren  könne.  Ich  beruhigte
ihn  durch  die  Versicherung,  daß  das  Entlassungsgesuch  bereits  abgegangen
sei.  Es  wird  mir  immer  klarer,  daß  ich  nicht  bleiben  kann.  Ich  würde
nur  dann  bleiben  können,  wenn  die  ultramontane  Partei  bestimmt  erklärte,
daß  sie  meine  Politik  billigt,  was  sie  nicht  tun  wird.  Der  Neid  und  die
Mißgunst  meiner  Kollegen  im  Reichsrat  würden  Waffen  in  die  Hand
bekommen,  gegen  die  ich  wehrlos  wäre,  wenn  sie  mir  vorwerfen  könnten,
ich  bliebe  aus  Eigennutz  gegen  den  Willen  und  ohne  das  Vertrauen  des
Landes.  Ich  würde  diesen  Angriffen  in  kürzester  Zeit  unterliegen,  und
dann  nicht  mehr  wie  jetzt  mit  Ehren,  sondern  mit  Spott  und  Schande
weggeschickt  werden.  Gehe  ich  jetzt,  so  werde  ich  regrettiert  und  bleibe
immer  wieder  möglich.  Auch  kann  ich  mit  Schlör  nicht  bleiben.

Entlassungsgesuch  des  Fürsten.
München,  29.  November  1869.

Als  mir  Eure  Königliche  Majestät  vor  nun  drei  Jahren  die  Gnade
erwiesen,  mich  zur  Leitung  des  Staatsministeriums  des  königlichen  Hauses
und  der  auswärtigen  Angelegenheiten  und  zum  Vorsitze  im  Ministerrate
zu  berufen,  begann  ich  meine  amtliche  Tätigkeit  mit  einer  öffentlichen  Erklärung,
  in  welcher  ich  die  Zielpunkte  der  bayrischen  Politik  in  folgende
Sätze  zusammenfaßte:

Anbahnung  eines  Verfassungsbündnisses  mit  den  übrigen  Staaten
Deutschlands,  sobald  und  soweit  dies  unter  Wahrung  der  bayrischen
Souveränitätsrechte  und  der  Unabhängigkeit  des  Landes  möglich  ist;  bis
zur  Erreichung  dieses  Zieles  die  Schaffung  einer  achtunggebietenden  Macht,
nicht  durch  die  Organisation  des  Heeres  allein,  sondern  auch  durch  den
Ausbau  unfrer  inneren  Staatseinrichtungen  auf  freisinniger  Grundlage.

Die  Zustimmung  Eurer  Mgajestät  hat  es  dem  unter  meinem  Vorsitze
vereinigten  Ministerium  möglich  gemacht,  diese  Grundsätze  während  der
Zeit  meiner  Amtsführung  im  wesentlichen  zur  Ausführung  zu  bringen.
Wenn  auch  die  politische  Gesamtlage  Europas  nicht  gestattete,  ein  Verfassungsbündnis
  zu  schließen,  in  welchem  nach  meiner  Ueberzeugung  die
Existenz  Bayerns  mehr  als  bisher  gesichert  erschiene,  so  ist  es  doch  gelungen,
  die  guten  Beziehungen  Bayerns  zu  den  verbündeten  deutschen
Staaten  in  einer  Weise  zu  pPflegen,  welche  jene  Stütze  gewährt,  ohne
        <pb n="420" />
        408  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

welche  ein  Staat  in  der  Lage  Bayerns  nicht  bestehen  kann.  Die  Erneuerung
  des  Zollvereins  hat  die  wirtschaftlichen  Interessen  Bayerns  sichergestellt
  und  das  Ergebnis  der  Verhandlungen  über  das  frühere  deutsche
Bundeseigentum  hat  die  nötige  Gemeinsamkeit  mit  den  deutschen  Staaten
in  militärischen  Angelegenheiten  befestigt,  ohne  Bayern  Opfer  aufzulegen,
die  mit  der  Selbständigkeit  des  Königreichs  nicht  vereinbar  gewesen  wären.
Die  Durchführung  der  sozialen  Gesetze  bildet  die  freisinnige  Grundlage
für  den  Ausbau  der  inneren  Zustände  des  Landes,  wie  auch  in  der  neuen
Heeresorganisation  der  Keim  jener  achtunggebietenden  äußeren  Macht  gelegt
  ist,  welche  ich  damals  als  die  Lebensbedingung  des  bayrischen  Staats
bezeichnet  hatte.  Diese  Grundsätze  und  ihre  Konsequenzen  sind  aber  schon
vom  ersten  Tage  meiner  amtlichen  Tätigkeit  an  von  einer  zu  jener  Zeit
nur  wenige  Stimmen  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  zählenden  Partei
bekämpft  worden.  Diese  Partei  hat  seitdem  nicht  aufgehört,  die  Tätigkeit
der  Räte  der  Krone  als  eine  verderbliche  für  Eure  Königliche  Majestät
und  das  Land  zu  bezeichnen.  Es  ist  ihr  gelungen,  das  von  ihr  zur  Schau
getragene  Mißtrauen  in  weitere  Kreise  zu  verbreiten.

Eure  Königliche  Majestät  haben  mich  während  dieser  Zeit  trotz  alledem
  mit  einem  Grade  des  Allerhöchsten  Vertrauens  beehrt,  der  mich  zu
um  so  tieferer  Dankbarkeit  verpflichtet,  als  mir  bewußt  ist,  welche  Anstrengungen
  seitens  meiner  Gegner  bei  Eurer  Königlichen  Majestät  selbst
gemacht  wurden,  um  dieses  Allerhöchste  Vertrauen  zu  untergraben.

Gestützt  auf  diese  gnädigen  Gesinnungen,  konnte  ich  bisher  die  Angriffe
der  Gegner  unbeachtet  lassen.  Nach  dem  Ausfall  der  jüngsten  Wahlen
aber  war  es  meine  Pflicht,  in  Erwägung  zu  ziehen,  ob  ich  auch  noch
ferner  imstande  sei,  Eurer  Königlichen  Majestät  meine  Dienste  mit  Erfolg
zu  weihen.  Ich  mußte  mir  die  Frage  verneinen.  Die  alleruntertänigste
Vorstellung  des  Gesamtministeriums  vom  gestrigen  Datum  hat  Eurer
Königlichen  Majestät  die  Gründe  darzulegen  versucht,  aus  welchen  die
Fortführung  der  Geschäfte  durch  das  gegenwärtige  Ministerium  nicht
ratsam  erscheint.

Indem  ich  mich  den  Schlußfolgerungen  der  in  jenem  Schriftstücke
enthaltenen  Ausführungen  anschließe,  kann  ich  nur  noch  hervorheben,  daß
ich  gegenüber  einer  Kammer,  welche  die  Gegner  des  Ministeriums  in  festgeschlossener
  Majorität  vereinigt,  und  gegenüber  der  Opposition  der
Kammer  der  Reichsräte,  der  ich  in  erhöhtem  Maße  ausgesetzt  wäre,  weil
mir  dieselbe  den  Mangel  des  Vertrauens  im  Lande  zu  jeder  Zeit  entgegenhalten
  würde,  es  nicht  mit  meiner  Pflicht  vereinbaren  zu  können  glaube,
ein  Amt  ferner  zu  führen,  zu  dessen  erfolgreicher  Erfüllung  eine  energischere
Tätigkeit  gehört,  als  die  ist,  welche  mir  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen
  ermöglicht  würde.
        <pb n="421" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  409

Indem  ich  daher  Eure  Königliche  Majestät  ehrfurchtsvollst  zu  bitten
wage,  die  mir  übertragenen  Geschäfte  andern  Händen  anvertrauen  zu
wollen,  welche  zurzeit  mehr  geeignet  sind,  die  Interessen  Eurer  Königlichen
Majestät  zu  wahren,  lege  ich  an  den  Stufen  des  Thrones  den  Ausdruck
des  unauslöschlichen  Dankgefühls  nieder,  zu  welchem  mich  die  Beweise  des
Vertrauens  und  der  Gnade  Eurer  Königlichen  Majestät,  deren  ich  in  den
letzten  drei  Jahren  in  so  reichem  Maße  teilhaftig  geworden  bin,  für  alle
Zeiten  verpflichten  werden.

An  den  König.
München,  1.  Dezember  1869.

Eure  Königliche  Majestät  haben  mir  durch  Allerhöchstihren  Kabinettssekretär
  aussprechen  lassen,  daß  mir  Allerhöchstihr  Vertrauen  auch  jetzt
noch  zur  Seite  stehe,  und  daß  ich  deshalb  ungeachtet  des  Ausfalls  der
Wahlen  die  Geschäfte  fortführen  möge.  Gegenüber  diesem  Allerhuldvollsten
Beweise  des  Königlichen  Vertrauens  kann  es  mir  nicht  länger  geziemen,
meine  Ueberzeugung  zur  Geltung  zu  bringen,  daß  ich  Eurer  Königlichen
Majestät  und  dem  Lande  möglicherweise  später  bessere  Dienste  leisten
könnte,  wenn  ich  mich  jetzt  von  der  politischen  Tätigkeit  zurückziehen  würde.
Es  ist  vielmehr  meine  Pflicht,  dem  Allerhöchsten  Wunsche  zu  gehorchen,
und  habe  ich  demnach  nunmehr  zu  erwägen,  in  welcher  Weise  ich  Eurer
Königlichen  Majestät,  indem  ich  auf  meinem  Posten  ausharre,  am  meisten
nützlich  sein  könne.

Ich  kann  nun  in  dieser  Hinsicht  wohl  als  den  Willen  Eurer
Königlichen  Majestät  ansehen,  daß  ich  nicht  die  Aufgabe  haben  soll,
den  Parteikampf,  welcher  unglücklicherweise  im  Lande  allzusehr  überhandgenommen
  hat,  noch  mehr  zu  steigern  und  mit  einseitigen  Maßregeln  den
Versuch  zu  machen,  die  sogenannte  patriotische  Partei  zu  Boden  zu  werfen.
Vielmehr  glaube  ich,  daß  Eure  Majestät  den  Versuch  gemacht  wünschen,
ob  nicht  die  gemäßigten  und  loyalen  Elemente  dieser  Partei  mit  denen
der  andern  zu  gemeinsamem  Wirken  für  das  Beste  des  Landes  vereinigt
und  die  bestehende  Kluft  im  Volke  geschlossen  werden  könne.  Versöhnung
wird  also,  wie  ich  glaube,  die  Hauptaufgabe  sein,  die  ich  mir  zu  stellen
habe  und  wohin  sich  die  Politik  Eurer  Königlichen  Majestät  Regierung
zu  richten  haben  wird.

In  der  äußeren  Politik  wird  dies  eine  Veränderung  nicht  nötig
machen.  Wie  Eurer  Majestät  bekannt  ist,  ist  mein  Bestreben  in  dieser
Richtung  nie  ein  andres  gewesen  als  die  Politik  der  Versöhnung  zwischen
den  streitenden  deutschen  Großmächten,  ebenso  wie  die  Versöhnung  zwischen
den  unabweisbaren  Forderungen  des  nationalen  Gedankens  und  dem
Rechte  der  Gleichberechtigung  aller  deutschen  Stämme,  dem  unbestreitbaren
        <pb n="422" />
        410  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Rechte  der  bayrischen  Selbständigkeit  und  der  unantastbaren  Souveränität
der  Krone  Eurer  Königlichen  Majestät.  Allerhöchstderselben  ist  jeder
Schritt  bekannt  und  Eure  Königliche  Majestät  haben  jeden  Schritt  gebilligt,
  welchen  ich  in  der  Leitung  der  äußeren  Politik  getan  habe.  Auch
glaube  ich  nicht,  daß  die  Mehrzahl  der  sogenannten  patriotischen  Partei
etwas  andres  will,  als  was  seit  den  letzten  Jahren  geschehen,  daß  sie
ebensowenig  wie  Eurer  Königlichen  Majestät  Ministerium  die  Zerreißung
der  Allianzverträge,  des  Zollvereins,  der  nationalen  Rechtsgemeinsamkeit
begehrt,  welche  den  Süden  und  den  Norden  verbinden.  Es  bedarf  daher
wohl  nur  einer  loyalen  und  offenen  Darlegung  der  Tatsachen  und  einer
klaren  Bezeichnung  der  Endziele,  um  das  bestehende  Mißtrauen  zu  beseitigen.


Sollte  aber  dies  nicht  der  Fall  sein,  sollte  sich  das  Mißtrauen  an
meine  Person  heften  oder  sollte  die  Mehrzahl  der  patriotischen  Partei
wirklich  andre  Tendenzen  verfolgen  und  eine  antinationale  Politik  anstreben,
  dann  allerdings  würde  es  mir  mit  dem  besten  Willen,  dem  Befehle
  Eurer  Königlichen  Majestät  nachzukommen,  doch  unmöglich  sein,
länger  die  Geschäfte  fortzuführen.  Denn  ein  Aufgeben  des  Programms,
mit  welchem  ich  das  Ministerium  des  Aeußern  übernommen  habe,  den
Verzicht  auf  das  Bestreben,  die  trostlose,  durch  das  Jahr  1866  geschaffene
Lage  Deutschlands  zu  beseitigen  und  auf  Grund  des  Prager  Friedens  den
Süden  und  Norden  Deutschlands  wieder  verfassungsmäßig  zu  einer  höheren
Einheit  zu  verbinden,  könnte  ich  niemals  eingehen.  Doch  bezweifle  ich,
wie  gesagt,  daß  die  patriotische  Partei  eine  solche  Politik  verlangt.  Was
dagegen  die  innere  Politik  betrifft,  so  ist  kein  Zweifel,  daß  hier  eine
Wendung  insofern  eintreten  muß,  als  die  Regierung  volle  Unparteilichkeit
wiederzugewinnen  und  mit  Gewissenhaftigkeit  festzuhalten  hat.  Diese
Unparteilichkeit  dürfte  sich  aber  nicht  durch  Schwäche  gegenüber  den  Exzessen
aller  Parteien,  sondern  in  dem  Bestreben  dokumentieren,  ohne  Rücksicht
auf  die  Parteien  dem  Gesetze  Achtung  zu  verschaffen.  Hierzu  gehört  vor
allem  die  Wiederbelebung  des  Glaubens  an  die  Unparteilichkeit  der  Beamten,
wodurch  allein  ihrem  Vorgehen  wieder  Achtung  und  Nachdruck  verschafft
werden  kann.  Es  muß  vermieden  werden,  daß  die  Entscheidungen  der
Staatsbehörden  als  von  der  Parteigesinnung  diktiert  erscheinen.  Die
Regierung  und  ihre  Organe  müssen  objektiv  handeln  und  damit  zeigen,
daß  sie  über  den  Parteien  stehen.  Wird  nun  einerseits  in  dieser  Richtung
vorgegangen  werden  müssen,  so  wird  man  anderseits  auch  die  dringendsten
Wünsche  der  sämtlichen  Parteien,  soweit  sie  berechtigt  sind,  nicht  länger
unbefriedigt  lassen  dürfen.

Zu  diesen  rechne  ich  in  erster  Reihe  die  Gewährung  des  allgemeinen
direkten  Wahlrechts.  Ich  würde  daher  die  Allerhöchste  Genehmigung
        <pb n="423" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  411

Eurer  Königlichen  Majestät  erbitten  müssen,  daß  schon  in  der  nächsten
Thronrede  in  dieser  Beziehung  Erklärungen  gegeben  werden.  Als  zweite
mit  dieser  verbundene  Maßregel  erscheint  die  Reform  der  Kammer  der
Reichsräte.  Eurer  Mazjestät  ist  bekannt,  daß  ich  dieses  Verlangen  bereits
beim  Eintritt  in  mein  jetziges  Amt  unter  die  vorgeschlagenen  Maßregeln
meines  Programms  aufgenommen  habe.  Ich  halte  es  für  nötig,  diese
Frage  nicht  länger  beruhen  zu  lassen,  würde  jedoch,  um  den  Wünschen
Eurer  Königlichen  Majestät  entgegenzukommen,  das  Wahlprinzip  aufgeben
und  an  dessen  Stelle  das  Prinzip  der  Präsentation  zu  setzen  vorschlagen.
Endlich  glaube  ich  auch  hinsichtlich  der  von  der  vorigen  Kammer  dringend
gewünschten  Einräumung  des  Rechts  der  Initiative  von  Eurer  Königlichen
Mgjestät  die  Ermächtigung  erbitten  zu  sollen,  einem  unfruchtbaren  Streite
zwischen  Krone  und  Landesvertretung  ein  Ende  zu  machen.

Um  nun  diese  Maßregeln  in  dem  Sinne  durchzuführen,  wie  ich  glaube,
daß  sie  durchgeführt  werden  sollen,  wird  allerdings  notwendig  werden,
eine  Modifikation  des  Ministeriums  eintreten  zu  lassen  und  insbesondere
das  Ministerium  des  Innern  mit  einem  Manne  zu  besetzen,  der  imstande
ist,  mit  voller  Ueberzeugung  für  diese  Richtung  der  Politik  einzutreten  und
der  die  Fähigkeit  besitzt,  dieselbe  vor  der  Kammer  zu  verteidigen.  Nachdem
der  Staatsminister  von  Hörmann,  welchem  es  an  Befähigung  hierzu,  an
Hingebung  an  Eure  Königliche  Majestät  und  an  Energie  keineswegs  fehlt,
seinen  Austritt  aus  dem  Ministerium  für  unvermeidlich  hält  und  auch
Eure  Königliche  Majestät  diese  Ansicht  teilen,  würde  es  sich  zunächst  um
die  Besetzung  der  beiden  Ministerien  des  Innern  1)  handeln.  Eure
Königliche  Majestät  haben  mir  durch  Allerhöchstderen  Kabinettssekretär  die
Frage  stellen  lassen,  ob  ich  mit  der  Wahl  des  Staatsrats  Schubert  für
die  Stelle  des  Ministers  des  Innern  für  Kirchen=  und  Schulangelegenheiten
und  mit  der  Ernennung  des  Präsidenten  Lerchenfeld  zum  Minister  des
Innern  einverstanden  sei.  Was  den  Staatsrat  von  Schubert  betrifft,  so
habe  ich  gegen  denselben  nichts  einzuwenden.  Bezüglich  des  Freiherrn  von
Lerchenfeld  dagegen  erlaube  ich  mir,  nachstehende  ehrfurchtsvollste  Bedenken
vorzutragen.  Freiherr  von  Lerchenfeld  ist  ein  tüchtiger  Beamter  und  ehrenhafter
  Charakter.  Bei  der  Wahl  eines  Ministers,  insbesondere  wenn  derselbe
  in  ein  Ministerium  tritt,  welches  einen  bestimmt  ausgeprägten
Charakter  trägt,  sind  aber  nicht  allein  die  Eigenschaften  des  zu  Wählenden
ins  Auge  zu  fassen,  sondern  es  ist  auch  der  politische  Ruf  in  Anschlag
zu  bringen,  welchen  derselbe  genießt.  Nun  gilt  Freiherr  von  Lerchenfeld
als  ultramontan.  Er  mag  diesen  Ruf  nicht  verdienen,  allein  er  hat  als
Präsident  ein  Verhalten  gezeigt,  welches  mit  Grund  zu  diesem  Urteil

 

1)  Das  Ministerium  des  Innern  und  das  Kultusministerium.
        <pb n="424" />
        412  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Anlaß  gibt,  und  seine  Ernennung  an  Hörmanns  Stelle  würde  deshalb
einem  Systemwechsel  gleichgeachtet  werden,  die  Hoffnungen  der  Gegner
des  Ministeriums  verstärken,  obwohl  nicht  befriedigen  und  gleichzeitig  das
Vertrauen  des  liberalen  Teils  der  Bevölkerung  zu  dem  Ministerium  auf
das  tiefste  erschürtern.  Diese  Ernennung  trüge  das  Gepräge  der  Nachgiebigkeit
  gegenüber  der  ultramontanen  Partei  in  einem  Grade,  der  den
Charakter  der  Versöhnung  und  des  Ausgleichs  weit  überschreiten  würde.
Ohne  also  mich  mit  mir  selbst  in  Widerspruch  zu  setzen,  könnte  ich  nicht
mit  Freiherrn  von  Lerchenfeld  gemeinsam  in  einem  Ministerium  wirken.
Ehe  Eure  Königliche  Majestät  über  diese  Punkte  einen  Allerhöchsten
Entschluß  fassen  und  ehe  ich  überhaupt  raten  könnte,  eine  Modifikation
des  Ministeriums  vorzunehmen  und  damit  die  bestehende  Krisis  zu  beendigen,
  würde  ich  es  für  geradezu  unumgänglich  nötig  halten,  daß  Eure
Königliche  Majestät  vorher  dem  Ministerium  einen  reellen  Boden  schaffen
und  ihm  die  Existenz  möglich  machen,  indem  Allerhöchstdieselben,  dem  konstitutionellen
  Gebrauche  folgend,  die  Häupter  der  Gegenpartei,  welche  die
Majorität  der  Kammer  der  Abgeordneten  hat,  hören  und  deren  Ansichten
und  Vorschläge  entgegennehmen.  Eure  Königliche  Majestät  vergeben  dadurch
  nichts  dem  der  Krone  zustehenden  Rechte  der  alleinigen  und  letzten
Entscheidung  über  die  Wahl  der  Minister  und  können,  wenn  Allerhöchstdieselben
  diese  Vorschläge  gehört  haben,  unbeirrt  nach  Allerhöchstihrem
eignen  Ermessen  handeln.  Allein  Eure  Königliche  Majestät  sind  König
des  ganzen  Landes  und  aller  Parteien,  und  ich  bin  fest  überzeugt,  es
liegt  in  Eurer  Königlichen  Majestät  wohlverstandenem  Interesse,  wenn
Allerhöchstdieselbon  auch  die  andre  Seite  hören.  Man  wird  darin  einen
Beweis  der  landesväterlichen  Unparteilichkeit  finden,  und  ich  glaube,  die
vielen  ehrlichen  Anhänger  Eurer  Königlichen  Majestät,  welche  sich  ohne
Zweifel  in  den  Reihen  der  sogenannten  Patrioten  finden,  sind  dieser
Allerhöchsten  Gnade  nicht  unwürdig.  Wenn  ich  demnach  Eurer  Königlichen
Majestät  meine  alleruntertänigste  Anschauung  unterbreiten  darf,  so  glaube
ich,  daß  Allerhöchstdieselben  vor  allem  einen  und  den  andern  Führer  der
patriotischen  Partei,  zum  Beispiel  Ministerialrat  Weiß,  Staatsrat  von
Schrenck  oder  Freiherrn  von  Thüngen  entweder  nach  Hohenschwangau
bescheiden  oder  durch  Allerhöchstihren  Kabinettssekretär  nicht  nur  über  die
Lage  im  allgemeinen,  sondern  speziell  über  die  Bildung  eines  Ministeriums
aus  jener  Partei  und  dessen  Programm  befragen  sollten.  Entsprechen
diese  Vorschläge  den  Ansichten  Eurer  Königlichen  Majestät  nicht,  so  haben
Eure  Königliche  Majestät  dann  erst  den  vollen  Anlaß,  meine  obige  ehrfurchtsvolle
  Darlegung  in  Betracht  zu  ziehen,  und  ich  wiederhole,  falls  dieselbe
  Eurer  Königlichen  Majestät  genehm  ist,  wie  ich  es  bereits  telegraphisch
anzuzeigen  mir  erlaubt  habe,  meine  volle  Bereitwilligkeit,  den  Befehlen
        <pb n="425" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  413

Eurer  Königlichen  Majestät  gemäß  das  Ministerium  fortzuführen.  Dann
nur  wird  das  Ministerium  mit  Sicherheit  vor  die  Kammer  treten  und
kann  die  baldige  Wiederholung  der  Krisis  vermieden  werden.

Journal.
Hohenschwangau,  3.  Dezember  1869.

Resultat  der  Besprechungen  in  Hohenschwangau.

Der  König  und  seine  Umgebung  sind  durch  die  zahlreichen  Briefe  von
allen  Seiten,  die  sie  von  München  bekommen  haben,  zu  der  unerschütterlichen
  Ueberzeugung  gekommen,  daß  Hörmann  und  Gresser  nicht  zu  halten
sind  und  daß  diese  beiden  Minister  gewechselt  werden  müssen.  Ich  widersprach
  und  schlug  vor,  die  Aenderung  des  Ministeriums  bis  nach  der
Kammereröffnung  und  den  ersten  Debatten  zu  vertagen.  Die  Befürchtung,
daß  dies  zu  größeren  Eingriffen  führen  und  das  Werk  der  Versöhnung
mit  dem  Lande  hindern  könne,  überwog  aber  in  einem  Grade,  daß  ich
mit  meiner  Ansicht  nicht  durchdrang.

Der  König  versicherte  mich  seines  vollen  Vertrauens  und  wollte  zuerst
die  Entlassung  aller  Minister  annehmen  und  mich  mit  der  Neubildung
des  Ministeriums  respektive  den  betreffenden  Vorschlägen  beauftragen.  Ich
lehnte  dies  ab,  da  hierzu  nicht  der  Moment  sei.  Es  werde  bei  dieser
Neubildung  doch  nichts  andres  herauskommen  als  hbchstens  die  Entfernung
  Hörmanns  und  Gressers,  wozu  da  die  großen  Worte  von  Neubildung
  des  Ministeriums  anwenden.  Auch  sei  dies  gegen  die  bisherige
Uebung.  Nun  beauftragte  mich  der  König,  ihm  für  Hörmann  und
Gresser  andre  Minister  vorzuschlagen.  Pracher  und  Lerchenfeld,  gegen  die
ich  mich  bestimmt  erklärte,  ließ  er  sallen,  wollte  aber  dagegen  von  Feder
und  Pfeufer  nichts  wissen.  Ich  diskutierte  mit  ihm  über  diese  und  kam
schließlich  zu  dem  Resultat,  daß  ich  nach  Rücksprache  mit  den  Ministern
und  nach  näheren  Erkundigungen  auch  bei  Hörmann  selbst,  „der  am  besten
seinen  Nachfolger  nennen  könne“,  dem  König  in  den  nächsten  Tagen
schreiben  solle.

Mit  der  Vorlage  eines  Wahlgesetzes  an  die  Kammer  ist  der  König
einverstanden.  Ferner  soll  ich  Eisenhart1)  Vorschläge  machen  über  die  Form,
in  welcher  die  Entlassung  der  Minister  zu  geschehen  habe  und  in  welcher
das  Promemoria  der  Minister  zu  bescheiden  wäre.

 

1)  Am  21.  September  1869  war  der  Ministerialrat  von  Lipowsky  seiner
Funktion  als  Sekretär  des  Königs  enthoben  worden.  An  seine  Stelle  trat  der
Appellationsgerichtsrat  Eisenhart,  dessen  Ernennung  zum  Ministerialrat  und
Sekretär  des  Königs  am  5.  Januar  1870  erfolgte.
        <pb n="426" />
        414  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Auf  eine  vorherige  Besprechung  mit  Ultramontanen  will  der  König
nicht  eingehen,  und  zwar  aus  dem  nicht  zu  widerlegenden  Grunde,  daß
man  gar  keiner  festgeschlossenen  Partei  gegenüberstehe,  also  nicht  mit
Parteichefs  verhandeln,  sondern  nur  mit  Privatpersonen  reden  könne.
Letzteres  sei  schon  genügend  durch  Eisenhart  geschehen,  und  der  König  wolle
von  ihren  Vorschlägen  nichts  wissen.  Der  König  versicherte  mich  wiederholt
seines  besonderen  Vertrauens.  Er  kannte  alle  Geschichten,  Intrigen,
Schwätzereien  u.  s.  w.  auf  das  genaueste.

An  den  Kabinettssekretär  Eisenhart.
München,  5.  Dezember  1869.

..  JIch  habe  heute  Morgen  sofort  mit  Lutz  und  Schlör  gesprochen,
mit  ersterem  die  Lage  besprochen  und  ihm  die  Entschließungen  Seiner
Mocjestät  mitgeteilt,  mit  letzterem  die  kleinen  Häkeleien,  die  zwischen  uns
bestanden,  weggeräumt,  so  daß  ich  glaube,  jetzt  mit  Schlör  gut  fortkommen
zu  können.  Dann  ging  ich  zu  Hörmann,  setzte  ihn  von  dem  Willen  Seiner
Majestät  in  Kenntnis  und  benachrichtigte  Gresser.  Um  1  Uhr  war  Ministerrat.
  Hier  berichteten  Pranckh  und  ich  über  unfre  Reise,  und  ich  eröffnete
nun  im  Plenum  des  Ministerrats  den  Ministern,  daß  Seine  Mazjestät  die
Entlassung  der  Herren  von  Hörmann  und  Gresser  annehme,  dagegen  die
der  übrigen  Minister  nicht  genehmige.  Was  die  Form  anbetrifft,  so  wurde
es  von  den  beiden  Beteiligten  sowohl  als  von  den  übrigen  Ministern  als
der  geeignete  Weg  angesehen,  wenn  Euer  Hochwohlgeboren  Seiner  Mocjestät
vorschlügen,  daß  durch  Allerhöchstes  Signat  die  Entlassung  der  Minister,
welche  Seine  Majestät  im  Amte  behalten  wollen,  nicht  genehmigt,  dagegen
die  der  Herren  von  Hörmann  und  Gresser  angenommen  würde.  Dies
könnte  auf  den  Antrag  des  Gesamtministeriums  geschehen.  Doch  dürfte
noch  an  jeden  der  beiden  abgehenden  Minister  ein  Handbillett  angezeigt
sein.  Auch  würde  ich  vorschlagen,  daß  mit  den  beiden  Herren  über  ihre
Weiterverwendung  Rücksprache  genommen  würde.  Die  Verwesung  der
beiden  Ministerien  könnte  durch  Staatsräte  geschehen.

Was  die  Wiederbesetzung  der  beiden  Stellen  betrifft,  so  ist  unter  den
einsichtigen  Menschen,  die  ich  gefragt  habe,  kein  Zweifel,  daß  der  geeignetste
Herr  von  Feder  ist.  Ich  weiß  durchaus  niemand  anders.  Die  Konzession,
die  der  ultramontanen  Partei  durch  die  Entlassung  Hörmanns  und  Gressers
gemacht  wird,  ist  so  groß,  daß  es  nicht  der  weiteren  Konzession  bedarf,
einen  ultramontan  gefärbten  Minister  zu  nehmen.  Feder  ist  liberal,  hat
aber  nie  den  Ultramontanen  Anlaß  zu  Unzufriedenheit  gegeben.  Lieber
wäre  mir  Graf  Hegnenberg,  der  nimmt  aber  ohne  Zweifel  nicht  an.

Jedenfalls  wäre  es  gut,  wenn  ich  telegraphisch  die  Antwort  erhielte.
Dann  könnte  ich  gleich  mit  Feder  reden,  und  die  Sache  käme  zu  Ende.
        <pb n="427" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  415

Wenn  es  noch  einige  Tage  dauert,  so  wird  die  Aufregung  in  den  Kreisen
der  Ministerkandidaten  immer  größer.  Jeder,  der  seinen  Namen  schreiben
kann,  bildet  sich  in  solcher  Zeit  ein,  daß  er  zum  Minister  berufen  sei  und
wird  zum  Unzufriedenen,  wenn  man  ihn  nicht  wählt.

An  den  König.
München,  5.  Dezember  1869.

Eure  Königliche  Majestät  haben  die  Gnade  gehabt,  mich  zu  beauftragen,
über  die  Wiederbesetzung  der  Ministerien  des  Kultus  und  des  Innern
Allerhöchstderselben  Vorschläge  zu  machen.  Ich  habe  nun,  soweit  es  bei
der  Kürze  der  Zeit  möglich  war,  die  umfassendsten  Erkundigungen  eingezogen,
  mit  erfahrenen  Mitgliedern  des  Beamtenstands  und  insbesondere
auch,  dem  speziellen  Auftrage  Eurer  Königlichen  Majestät  entsprechend,  mit
dem  derzeitigen  Minister  des  Innern  Rücksprache  gepflogen,  und  von  allen
ist  als  die  zurzeit  geeignetste  Persönlichkeit  für  das  Ministerium  des  Innern
der  Präsident  der  Kreisregierung  in  Ansbach  Herr  von  Feder  bezeichnet
worden.  Es  wird  an  ihm  gerühmt,  daß  er  ein  allseitig  gebildeter,  sehr
erfahrener,  durchaus  loyaler  Beamter  ist,  daß  er  Redegabe  besitzt  und  daß
er  durch  die  Versöhnlichkeit  des  Charakters  die  Garantie  bieten  werde,  in
der  jetzigen  schwierigen  Lage  nach  keiner  Seite  hin  zu  verletzen.

Alle  andern  höheren  Staatsbeamten,  welche  ihrer  Stellung  nach  zu
einem  Ministerposten  berufen  werden  könnten  und  welche  ich  mit  meinen
Kollegen  durchgesprochen  habe,  sind  in  einer  oder  der  andern  Weise  entweder
  Eurer  Königlichen  Majestät  nicht  genehm  oder  unbrauchbar  oder
zurzeit  nicht  möglich.  Unter  diesen  Umständen  und  da  Eure  Königliche
Majestät  den  Zustand  der  Ungewißheit  baldmöglichst  beendigt  zu  sehen
wünschen,  bleibt  mir  nichts,  als  Eure  Königliche  Majestät  alleruntertänigst
zu  bitten,  mir  allergnädigst  zu  gestatten,  im  Allerhöchsten  Auftrage  mit
dem  Präsidenten  von  Feder  unterhandeln  zu  dürfen.  Bezüglich  des
Ministeriums  des  Innern  für  Kultus=  und  Schulangelegenheiten  haben
mich  Eure  Königliche  Majestät  bereits  beauftragt,  mit  Staatsrat  von
Schubert  zu  sprechen,  ein  Auftrag,  den  ich  morgen  ausführen  werde.

Aufzeichnung.
München,  7.  Dezember  1869.

Sonntag  Ministerrat.  Hörmann  und  Gresser  den  Entschluß  des
Königs  mitgeteilt,  daß  er  sie  entlassen  will.  Abends  mit  Schlör  und  Lutz
beraten.  Es  wurde  beschlossen,  Präsident  Feder  dem  Könige  vorzuschlagen.
Ich  berichte  sofort  an  den  König.  Montag  früh  zu  Hegnenberg.  Er  ist
nicht  abgeneigt,  das  Ministerium  des  Innern  zu  übernehmen.  Bittet  um
24  Stunden  Bedenkzeit.  Dienstag  den  7.  schickt  er  mir  den  Brief  seines
        <pb n="428" />
        416  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Arztes,  der  ihm  auf  das  entschiedenste  abrät.  Nun  nach  Berg  telegraphiert
und  um  die  Ermächtigung  gebeten,  mit  Feder  unterhandeln  zu  dürfen.
Der  König  will  von  Feder  nichts  wissen.  Ich  antworte,  daß  ich  keinen
andern  wisse.

Einladung  an  die  Minister  zur  Beratung  morgen  10  Uhr  früh.  Heute
mit  Schubert  verhandelt,  der  seine  Bedenken  äußert  und  seine  Gesundheit
als  zu  gestört  angibt.  Doch  will  er  die  Sache  bis  morgen  überlegen.  5)

München,  9.  Dezember  1869.

Heute  Morgen  dem  böniglichen  Auftrag  entsprechend  mit  Graf
Hegnenberg  nochmals  gesprochen.  Er  beweist,  daß  es  gar  nicht  möglich
ist,  da  er  an  einem  Herzfehler  leidet,  wodurch  ihm  jede  Tätigkeit  unmöglich
  wird.  «

Mit  Marquard  Barth  gesprochen.  Er  ist  sehr  erfreut  zu  hören,  daß
ich  kein  Koalitionsministerium  bilden  will,  perhorresziert  Lerchenfeld,  Daxenberger
  und  Völderndorff.  Mit  Feder  und  Schubert  einverstanden.  Rät
auch  zu  Hohe!  Auch  Pfeufer  wäre  der  Fortschrittspartei  recht.

Mittags  zu  Schubert,  den  ich  nicht  zu  Hause  traf,  der  aber  zu  mir
kam.  Er  wird  wieder  in  seinem  Entschluß  schwankend  und  bittet  sich  noch
Bedenkzeit  aus.

Dann  an  Feder  telegraphiert,  der  hierherkommen  wird.

Nachmittags  Diplomatentag,  Abends  die  Minister.

10.  Dezember,  Abends.
Um  12  Uhr  mit  Feder  gesprochen.  Aengstlicher  Bureaukrat,  der  sich
nicht  traut,  das  Ministerium  zu  übernehmen.  Er  geht  weg  und  verspricht
Antwort.  Ich  konferiere  mit  den  Ministern  und  schreibe  dann  an  Feder,
was  wir  ihm  bieten.  Abends  kommt  seine  und  Schuberts  Ablehnung.
Nun  Brief  an  Eisenhart,  worin  ich  Pfeufer  als  das  ultimum  refugium
bezeichne.

München,  15.  Dezember  1869.

Beschluß  im  Ministerrat:  Einberufung  der  Kammern  notwendig.

Provisorisches  Versehen  des  Ministeriums  des  Innern  bis  zum  Zusammentritt
  der  Kammer  nicht  ratsam.

Also  Minister  des  Innern  Pfeufer  oder  Braun  (direkte  Wahlen),
Kultus  Lutz.  Nach  Hohenschwangau  berichten  lassen.  Telegramm  mit
vorläufiger  Anzeige.

Am  17.  Dezember  an  Eisenhart  telegraphiert,  daß  Braun  annimmt.

 

1)  Laut  Telegramm  an  Eisenhart  vom  8.  Dezember  lehnte  er  an  diesem  Tage  ab.
        <pb n="429" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  417

In  der  Thronrede,  mit  welcher  der  Landtag  am  17.  Januar  1870
eröffnet  wurde,  sagte  König  Ludwig  in  Rückblick  auf  die  Parteikämpfe
der  Wahlperiode:

„Der  Widerstreit  entgegenstehender  Meinungen  hat  in  der  letzten  Zeit
einen  Grad  ungewöhnlicher  Heftigkeit  erreicht.  Infolgedessen  haben  sich
vielfach  irrtümliche  und  beunruhigende  Vorstellungen  verbreitet.  Im  Vertrauen
  auf  Ihrer  aller  Vaterlandsliebe  und  Einsicht  gebe  ich  mich  der
Hoffnung  hin,  daß  das  Vorbild  maßvoller  Haltung,  welches  Sie  dem
Lande  geben  werden,  wesentlich  zu  seiner  Beruhigung  beitragen  wird.

Ich  weiß,  daß  manche  Gemüter  die  Sorge  erfüllt,  es  sei  die  wohlberechtigte
  Selbständigkeit  Bayerns  bedroht.  Diese  Befürchtung  ist  unbegründet.
  Alle  Verträge,  welche  ich  mit  Preußen  und  dem  Norddeutschen
Bunde  geschlossen  habe,  sind  dem  Lande  bekannt.  Treu  dem  Allianzvertrage,
für  welchen  ich  mein  königliches  Wort  verpfändet  habe,  werde  ich  mit
meinem  mächtigen  Bundesgenossen  für  die  Ehre  Bayerns  einstehen,  wenn
es  unfre  Pflicht  gebietet.

So  sehr  ich  die  Wiederherstellung  einer  nationalen  Verbindung  der
deutschen  Staaten  wünsche  und  hoffe,  so  werde  ich  doch  nur  in  eine
solche  Gestaltung  Deutschlands  willigen,  welche  die  Selbständigkeit  Bayerns
nicht  gefährdet.

Indem  ich  der  Krone  und  dem  Lande  die  freie  Selbstbestimmung
wahre,  erfülle  ich  eine  Pflicht  nicht  allein  gegen  Bayern,  sondern  auch  gegen
Deutschland.  Nur  wenn  die  deutschen  Stämme  sich  nicht  selbst  aufgeben,
sichern  sie  die  Möglichkeit  einer  gedeihlichen  Entwicklung  Gesamtdeutschlands
  auf  dem  Boden  des  Rechts.“

Die  Kammer  der  Reichsräte  hatte  am  18.  Januar  1870  einen  Ausschuß
  für  den  Entwurf  einer  Adresse  an  den  König  zur  Beantwortung
der  Thronrede  gewählt.  Diesem  Ausschusse  gehörten  an  außer  dem  Direktorium
  —  dem  durch  den  König  ernannten  ersten  Präsidenten,  Freiherrn
von  Stauffenberg,  dem  von  der  Kammer  gewählten  zweiten  Präsidenten,
Freiherrn  von  Thüngen,  und  den  ebenfalls  von  der  Kammer  gewählten
beiden  Sekretären,  Reichsrat  von  Niethammer  und  Grafen  von  Lerchenfeld
  —  drei  für  diesen  Zweck  besonders  gewählte  Mitglieder,  nämlich  der
Präsident  des  protestantischen  Oberkonsistoriums  von  Harleß,  Freiherr
von  Aretin  und  Reichsrat  von  Bomhard.  In  dem  von  dieser  Kommission
  vorgelegten  Entwurfe  lauteten  die  Absätze  4  und  5  wie  folgt:

„Entsprechend  der  tiefgefühlten  Treue  gegen  Eure  Majestät  und  der
festen  Anhänglichkeit  an  das  Land  und  dessen  selbständige  Entwicklung,

hat  sich  in  der  Majorität  des  Volkes  ein  durch  die  Porteistellung  des
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1
        <pb n="430" />
        418  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Ministeriums  noch  gesteigertes  Mißtrauen  gebildet,  dessen  Ausdruck  der
Erfolg  der  Wahlen  ist.

Wohl  sind  die  erhabenen  Worte  Eurer  Mgjestät  geeignet,  die  erregten
  Gemüter  zu  beruhigen.  Allein  ein  wirkliches  Vertrauen  wird  nur
dann  zurückkehren,  wenn  es  Eurer  Majestät  gelingt,  Männer  als  Räte
der  Krone  zu  finden,  welche  den  entsprechenden  Willen  mit  der  Festigkeit
des  Handelns  vereinen  und  die  in  gleicher  Weise  das  Vertrauen  Eurer
Majestät  wie  das  des  Landes  besitzen.“

Nachdem  in  der  Generaldebatte  über  den  Entwurf  der  Adresse  der
zweite  Präsident,  Freiherr  von  Thüngen,  das  Mißtrauensvotum  gegen  die
Politik  des  Fürsten  Hohenlohe  begründet  hatte,  erwiderte  dieser:

Nachdem  der  zweite  Herr  Präsident  meinem  Wunsche  entgegengekommen
  ist,  mir  Gelegenheit  zu  geben,  mich  gegen  die  Anschuldigungen,
welche  in  der  Adresse  enthalten  sind,  zu  verteidigen,  so  werde  ich  von  dieser
Gelegenheit  Gebrauch  machen.  Ich  kann  dabei  ein  gewisses  Erstaunen
nicht  unterdrücken,  daß  die  Mitglieder  des  hohen  Ausschusses  erst  jetzt
von  einem  solchen  Mißtrauen  gegen  die  Königliche  Staatsregierung  befallen
werden,  nachdem  sie  sich  drei  Jahre  demselben  Ministerium  gegenüber  befanden,
  ohne  demselben  je  ein  Zeichen  des  Mißtrauens  gegeben  zu  haben,
ja  der  bedeutendste,  der  folgenreichste  Akt  des  Ministeriums,  welchem  ich
vorzustehen  die  Ehre  habe,  die  Erneuerung  des  Zollvereins  ist  unter  Zustimmung
  der  Majorität  des  hohen  Hauses,  in  welcher  sich  auch  der  größte
Teil  der  Ausschußmitglieder  befunden  hat,  vollzogen  worden.  Seitdem
sind  zwei  Jahre  vergangen.  In  dieser  Zeit  ist  nicht  ein  Akt  meiner  amtlichen
  Tätigkeit  in  diesem  hohen  Hause  auch  nur  einer  Kritik  unterstellt
worden,  und  ich  denke,  Sie  würden  es  nicht  unterlassen  haben,  wenn  ein
Grund  dazu  vorhanden  gewesen  wäre.

Das  letztemal  haben  sich  die  Kammern  im  Mai  v.  J.  getrennt.

Was  ist  seitdem  Neues  geschehen,  um  den  Tadel  zu  rechtfertigen,
welcher  heute  gegen  die  Minister  ausgesprochen  werden  soll?

Der  zweite  Herr  Präsident  sagt,  es  seien  nicht  bestimmte  Tatsachen,
sondern  mehrere  kleine  Tatsachen,  die  zusammengerechnet  das  Mißtrauen
rechtfertigen.

Der  zweite  Herr  Präsident  hat  auf  meine  Haltung  im  Zollparlament
hingewiesen.  Es  wird  mir  dadurch  Gelegenheit  gegeben,  die  Angriffe,
welchen  ich  in  dieser  Beziehung  in  einem  Teil  der  Presse  ausgesetzt  gewesen
  bin,  zu  beleuchten.  Es  handelt  sich  von  der  Rede,  welche  ich  bei
Gelegenheit  meiner  Wahl  zum  Vizepräsidenten  gehalten  habe.))

 

1)  Siehe  Seite  369.
        <pb n="431" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  419

Ich  bitte,  meine  hohen  Herren,  sich  ins  Gedächtnis  zurückzurufen,  was
ich  damals  gesagt  habe.  Ich  wies  darauf  hin,  daß  ich  meine  Wahl  zum
Vizepräsidenten  dem  Vertrauen  der  Mitglieder  des  Zollparlaments  verdanke,
  und  ich  konstatierte,  daß  dieses  Vertrauen  sich  auf  meine  außerhalb
des  Parlaments  liegende  Tätigkeit  beziehe.

Ich  präzisierte  diese  Tätigkeit  aber  mit  den  Worten:  Es  sei  das
Bestreben,  die  Eintracht,  die  Versöhnung  und  Verständigung  der  deutschen
Stämme  zu  befördern.  Ich  begreife  nicht,  wie  ein  solches  Bestreben
mir  von  den  Organen  der  sogenannten  patriotischen  Partei  als  Vergehen
angerechnet  werden  kann.

Ich  will  aber  die  kleinen  Tatsachen  nun  beiseite  lassen  und  zu  dem
eigentlichen  Kern  der  Sache  übergehen.

Der  Herr  Präsident  Freiherr  von  Thüngen  hat  es  offen  gesagt,  der
Tadel  sei  vorzugsweise  mir  bestimmt,  das  Mißtrauen  richte  sich  gegen
meine  ganze  politische  Anschauung  und  Haltung  seit  zwanzig  Jahren.

Wenn  Sie  nun,  meine  hohen  Herren  —  ich  meine  damit  die  Herren
Ausschußmitglieder  —,  bisher  keinen  Tadel  gegen  das  Ministerium  ausgesprochen
  haben,  so  darf  ich  annehmen,  daß  Sie  es  deshalb  nicht  getan
haben,  weil  Sie  auf  Erfolg  nicht  rechnen  konnten.

Gegen  solche  Anklagen  brauche  ich  mich  übrigens  nicht  weiter  zu  verteidigen,
  allein  ich  bin  es  mir  selbst  schuldig,  einen  Rückblick  auf  meine
ganze  politische  Tätigkeit  während  der  letzten  drei  Jahre  zu  werfen,  und
ich  bin  hierzu  um  so  mehr  veranlaßt  durch  die  schönen  und  tiefgedachten
Worte  Seiner  Königlichen  Hoheit  des  Herzogs  Karl  Theodor  in  Bayern.:)

Meine  hohen  Herren!  Ich  will  nicht  zurückgehen  auf  die  Ereignisse
vor  dem  Jahre  1866.

Ich  will  nicht  untersuchen,  ob  das  Schicksal,  welches  Bayern  im
Jahre  1866  getroffen  hat,  nicht  durch  rechtzeitiges  Eingehen  auf  die
Vorschläge  bezüglich  der  Reform  der  deutschen  Bundesverfassung  zu  vermeiden
  gewesen  wäre.  Jene  Vorschläge  sind  von  der  damaligen  Staatsregierung
  nicht  mit  der  Bereitwilligkeit  aufgenommen  worden,  welche  notwendig
  gewesen  wäre,  um  zu  einem  befriedigenden  Resultate  zu  führen.
Darin  hat  der  zweite  Präsident  vollkommen  recht,  daß  er  mich  auf  meine
frühere  Tätigkeit  in  diesem  hohen  Hause  verweist.  Ich  habe  es  damals

 

1)  Herzog  Karl  Theodor  hatte  „die  Notwendigkeit  der  Wiederherstellung  eines
ganz  Deutschland  umfassenden  nationalen  Bandes“  betont  und  der  bisherigen
Führung  der  auswärtigen  Angelegenheiten  bezeugt,  daß  sie  das  doppelte  Ziel,  Erhaltung
  der  Selbständigkeit  Bayerns  und  Herstellung  einer  ganz  Deutschland  umfassenden
  Bundesverfassung  stets  angestrebt  habe.  Er  hatte  es  aus  diesem  Grunde
abgelehnt,  sich  dem  in  dem  Adreßentwurfe  enthaltenen  Mißtrauensvotum  anzuschließen.
        <pb n="432" />
        420  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

schon  an  Warnungen  nicht  fehlen  lassen,  die  aber  nicht  beachtet  wurden.
So  wurde  Bayern  unvorbereitet  von  den  Ereignissen  des  Jahrs  1866
überrascht,  und  es  mußte  nun  die  Folgen  früherer  politischer  Fehler
büßen.

Die  Lage  Bayerns  am  Schlusse  des  Jahrs  1866  war  eine  trostlose.
Die  Verbindung,  welche  bis  dahin  die  deutschen  Staaten  geeinigt  hatte,
war  zerrissen,  der  deutsche  Bund  aufgelöst,  Oesterreich  aus  jeder  näheren
Verbindung  mit  Deutschland  ausgeschieden,  der  Zollverein  war  gekündigt  und
Bayern  demnach  nicht  allein  in  seiner  politischen  Stellung  bedroht,  sondern
auch  der  Gefahr  ausgesetzt,  seine  wirtschaftlichen  Interessen  geschädigt  zu
sehen.  Die  norddeutschen  Staaten  waren  teils  Preußen  einverleibt,  teils
im  Begriffe,  dem  engeren  Bunde  beizutreten.  Den  süddeutschen  Staaten
bot  der  Prager  Friedensvertrag  den  Trost,  sich  zu  einem  Vereine  zusammenschließen
  zu  können,  dessen  nationale  Verbindung  mit  dem  Norden
der  näheren  Verständigung  zwischen  beiden  vorbehalten  blieb.

Schon  im  August  des  Jahrs  1866  habe  ich  in  diesem  hohen  Hause
darauf  hingewiesen,  welche  Gefahren  aus  einer  solchen  Gestaltung  der
Dinge  entstehen  würden.  Ich  habe  durchaus  nichts  zurückzunehmen  von
dem,  was  ich  damals  hier  gesagt  habe.1!)  Ich  riet,  die  Zeit  zu  benutzen,
solange  noch  alles  im  Fluß  sei,  die  Vereinigung  der  süddeutschen  Staaten
mit  Norddeutschland  anzubahnen,  ehe  der  Norddeutsche  Bund  abgeschlossen
  sei.

Ich  sagte:  Wenn  das  Gebäude  des  Norddeutschen  Bundes  fertig  sei,
so  würden  wir  entweder  ausgeschlossen  bleiben  oder  wir  müßten  Bedingungen
  annehmen,  welche  die  Rechte  der  Dynastie  und  des  Landes
schädigen  könnten.  Die  hohe  Kammer  und  die  Staatsregierung  waren
damals  andrer  Ansicht  als  ich,  und  als  ich  Ende  des  Jahrs  1866  in  das
Ministerium  trat,  waren  die  Prinzipien  des  Norddeutschen  Bundes  festgestellt
  und  die  Annexionen  in  Preußen  vollzogen.

Einem  so  gearteten  Bunde  beizutreten,  konnte  ich  nicht  raten.

Meine  Erklärungen,  welche  ich  im  Januar  1867  gegeben  habe,  lassen
über  die  Absichten  der  Staatsregierung  bezüglich  des  Nichteintritts  in  den
Norddeutschen  Bund  keinen  Zweifel.  Allein  es  wäre  ein  Fehler  gewesen,
wenn  man  im  bloßen  Abwarten  das  Ziel  der  bayrischen  Politik  sich  hätte
vorsetzen  wollen,  und  ich  habe  nicht  gewartet,  bis  man  mir  Vorschläge
entgegentrüge.  .

Ich  begann  zunächst  mit  den  süddeutschen  Staaten  die  bekannten
Verhandlungen,  welche  den  Zweck  hatten,  die  militärischen  Kräfte  der
süddeutschen  Staaten  auf  gleichmäßiger  Grundlage  so  zu  organisieren,  daß

 

1)  Siehe  Seite  171.
        <pb n="433" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  421

sie  zu  gemeinsamer  achtunggebietender  Macht  befähigt  werden.  Dies  führte
zur  Stuttgarter  Vereinbarung  vom  Februar  1867.

Wenn  es  aber,  meine  hohen  Herren,  unbestreitbar  ist,  daß  die
deutschen  Mittelstaaten  ihre  Existenz  nicht  sowohl  ihrer  Macht  als  vielmehr
  ihren  geschichtlichen  und  vertragsmäßigen  Rechten  verdanken,  so
mußte  es  sich  mir  als  unabweisbare  Pflicht  aufdrängen,  sobald  als
möglich  für  die  Stellung  der  Mittelstaaten  wieder  den  Boden  vertragsmäßiger
  Rechte  zu  finden.  Dies  war  die  Veranlassung  zu  den  Verhandlungen
  mit  Württemberg  und  Baden  über  ein  Verfassungsprojekt,
welches  die  Gründung  eines  weiteren  Bundes  für  die  süddeutschen
Staaten  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  zum  Zweck  hatte.  Ich  habe  im
Herbst  des  Jahres  1867  eingehend  darüber  Auskunft  erteilt,  aber  ehe
noch  diese  Vereinbarung  zum  Abschluß  kam,  wurde  der  Zollverein  auf
seiner  neuen  Grundlage  abgeschlossen.  Schon  damals  konnte  ich  mir  nicht
verhehlen,  daß  die  Entwicklung,  die  Neugestaltung  des  Zollvereins  abgewartet
  werden  müsse,  ehe  man  ermessen  könne,  ob  das  Verfassungsprojekt,
  welches  jenen  Verhandlungen  zugrunde  lag,  seine  Lebensfähigkeit
werde  bewähren  können.  Die  Erfahrungen,  welche  wir  innerhalb  des
neugestalteten  Zollvereins  gemacht  haben,  zeigen,  daß  jenes  Verfassungsprojekt
  in  seiner  damaligen  Form  Aussicht  auf  Verwirklichung  nicht  hat.

Wenn  mir  der  Vorwurf  gemacht  wird,  daß  ich  niemals  versucht  habe,
das  erfolgreichste  Mittel  für  die  Aufrechterhaltung  der  Selbständigkeit  der
süddeutschen  Staaten  anzuwenden,  nämlich  die  Gründung  des  süddeutschen
Bundes,  so  wird  mir  die  Verantwortung  darüber  nicht  schwer.

Zu  einem  süddeutschen  Bunde  gehören  süddeutsche  Staaten,  die  ihn
abschließen.

Daß  Baden  einem  süddeutschen  Bunde  ungünstig  gestimmt  ist,  wird
Ihnen  bekannt  sein.  Aber  auch  in  Württemberg  ist  keine  Aussicht  auf
Gründung  eines  süddeutschen  Bundes,  wenngleich  in  Württemberg  eine
ansehnliche  Partei  besteht,  welche  den  süddeutschen  Bund  auf  ihr  Programm
  geschrieben  hat.  Die  württembergische  Regierung  hat  sich  in
den  Kammern  schon  vor  längerer  Zeit  und  wiederholt  auf  das  entschiedenste
  gegen  diese  Ansicht  ausgesprochen  und  Sie,  meine  hohen  Herren,
werden  mir  am  wenigsten  zumuten,  mit  Umgehung  der  württembergischen
Regierung  jener  Südbundpartei  die  Hand  zu  reichen.!)

Wenn  aber  auch  ein  Südbund  mit  einem  süddeutschen  Parlament
und  einer  süddeutschen  Exekutive  eine  Unmöglichkeit  ist,  so  halte  ich  es  doch
noch  heute  für  das  eigentliche  Ziel,  welches  ein  bayrischer  Minister  anstreben
  muß,  eine  möglichst  nahe  Verbindung  der  süddeutschen  Staaten

 

1)  Siehe  Seite  344.
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        422  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

und  ein  gemeinsames  Handeln  derselben  in  allen  politischen  Fragen  anzubahnen,
  und  in  dieser  Beziehung  glaube  ich  behaupten  zu  können,  daß
ich  mehr  geleistet  habe,  als  jemals  ein  bayrischer  Minister  geleistet  hat.

Die  Gründung  der  süddeutschen  Festungskommission  und  der  Abschluß
der  Liquidationsverhandlungen  bieten  dafür  den  deutlichsten  Beweis.

Es  ist  damit  eine  süddeutsche  Einrichtung  geschaffen,  die  einzige,  die
seit  fünfzig  Jahren  ins  Leben  getreten  ist.

Ob  diese  Einrichtung  Ihren  Beifall  sindet,  kann  ich  nicht  ermessen.
Was  mich  betrifft,  so  glaube  ich  damit  nicht  nur  im  bayrischen,  sondern
im  deutschen  Interesse  gehandelt  zu  haben,  da  die  Erfüllung  der  Allianzverträge
  durch  diese  Einrichtung  erleichtert  wird.

Am  Schluß  der  Generaldiskussion  sagte  der  Fürst:

Meine  hohen  Herren!  Ich  will  Ihnen  offen  sagen,  was  ich  als  den
Grund  Ihres  Mißtrauensvotums  ansehe.  Ihre  Wortführer  haben  sich
einer  Partei  angeschlossen,  welche  zwar  von  den  Allianzverträgen  spricht,
im  Grunde  ihres  Herzens  aber  mir  die  Vertragstreue  dem  Norddeutschen
Bunde  gegenüber  zum  Vorwurf  macht.  Nur  so  kann  ich  das  Mißtrauensvotum,
  welches  Sie  zu  formulieren  im  Begriffe  sind,  mir  erklären,  und
wenn  ich  es  mir  so  erkläre,  so  muß  ich  es  als  ein  ehrenvolles  Zeugnis
meiner  politischen  Tätigkeit  hinnehmen.

Das  Mißtrauensvotum  und  die  ganze  Adresse  wurde  mit  unwesentlichen
  Aenderungen  des  Wortlauts  von  der  Kammer  angenommen.  Mit
„Nein“  stimmten  zwölf  Reichsräte,  unter  ihnen  der  Herzog  Karl  Theodor
in  Bayern.  Die  übrigen  königlichen  Prinzen,  nämlich  Prinz  Otto,  Prinz
Luitpold,  Prinz  Ludwig,  Prinz  Leopold,  Prinz  Adalbert  und  Herzog
Ludwig  in  Bayern  stimmten  der  Adresse  zu.

Der  Empfang  der  Adresse  und  der  zu  ihrer  Ueberreichung  gewählten
Deputation  wurde  durch  königliches  Schreiben  vom  1.  Februar  1870  abgelehnt.
  Das  Schreiben  lautet:

„Die  Adresse  der  Kammer  der  Reichsräte  hat  durch  prinzipielle  Angriffe
  auf  den  Gesamtbestand  des  gegenwärtigen  Ministeriums  ohne  jede
tatsächliche  oder  gesetzlich  greisbare  Begründung  dem  Geist  der  Versöhnung
nicht  entsprochen,  welchen  ich  in  meiner  Thronrede  der  Landesvertretung
entgegengebracht  habe,  und  hierdurch  die  Möglichkeit  ihrer  Annahme  für
mich  ausgeschlossen.  Uebrigens  werde  ich  deshalb  nicht  vermeiden,  dem
Lande  die  durch  das  Uebermaß  der  Parteibewegung  gestörte  Ruhe  wiederzugeben.
  Von  dieser  Entschließung  ist  der  erste  Präsident  der  Kammer
der  Reichsräte  sofort  zu  verständigen.“
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  423

In  der  Kammer  der  Abgeordneten  begann  die  Adreßdebatte  am
29.  Januar  1870.  Das  Mißtrauensvotum  gegen  den  Fürsten  Hohenlohe
war  in  den  Absätzen  3  und  4  des  Adreßentwurfs  so  formuliert:

„Eurer  Majestät  Königliches  Wort:  „Alle  Verträge,  welche  ich  mit
Preußen  und  dem  Norddeutschen  Bunde  abgeschlossen  habe,  sind  dem  Lande
bekannt,  legt  den  Grund  zur  Beruhigung  der  durch  ein  schweres  Schicksal
beunruhigten  Gemüter.  Nie  wird  eine  Lockung  zum  Vertragsbruch  bei
unserm  Volke  Eingang  finden.

Aber  wir  leben  in  einer  Zeit,  die  zu  entscheidenden  Krisen  führt  und
wo  von  europäischen  Rechtszuständen  kaum  mehr  die  Rede  sein  kann.  Die
Verträge  mit  Preußen  sind  erfahrungsmäßig  der  Deutung  fähig  und  die
möglichen  Deutungen  verbreiten  Beängstigung  im  Volke.  Daraus  entspringt
  unwillkürlich  das  Verlangen  nach  einem  Leiter  unsrer  auswärtigen
Angelegenheiten,  dem  das  Vertrauen  des  Landes  entgegengetragen  werde.“

Gleich  nach  Beginn  der  Generaldebatte  hielt  der  Fürst  die  folgende
Rede:

Meine  Herren!  Der  Entwurf  der  Adresse  verlangt  einen  Leiter  der
auswärtigen  Angelegenheiten  Bayerns,  welchem  das  Vertrauen  des  Landes
entgegengetragen  würde.  Er  will  damit  offenbar  sagen,  daß  mir  dieses
Vertrauen  fehle.

Die  Adresse  gibt  Gründe  hierfür  nicht  an,  sie  bezeichnet  jenes  Verlangen
  als  ein  „unwillkürliches“  und  weist  nur  ganz  im  allgemeinen  auf
bevorstehende  Krisen  und  auf  die  Möglichkeit  von  Deutungen,  deren  die  mit
Preußen  geschlossenen  Verträge  erfahrungsmäßig  fähig  seien.

Auf  dieses  Gebiet  der  subjektiven  unwillkürlichen  Gefühle,  der  Antipathien
  und  Sympathien,  kann  ich  nicht  eingehen.  Wenn  der  Herr  Referent
  1)  und  seine  Parteigenossen  und  mit  ihnen  die  Moajorität  des  Ausschusses
  mich  nicht  für  fähig  halten,  die  Verträge  mit  Preußen  in  einer
Weise  zu  deuten  und  vielleicht  umzudeuten,  wie  sie  den  Anschauungen
seiner  Parteigenossen  entspricht,  so  will  ich  darüber  nicht  streiten.

Ich  möchte  aber  der  Debatte  eine  positive  Grundlage  schaffen,  und
deshalb  erlauben  Sie  mir,  daß  ich  schon  jetzt  Ihnen  in  kurzen  Worten
meine  politische  Tätigkeit  während  meiner  dreijährigen  Amtsführung  darlege.
  Diese  meine  Ausführung  kann  aber  nur  darin  bestehen,  Sie  auf
die  Grundsätze  zu  verweisen,  mit  welchen  ich  in  das  Ministerium  getreten
bin,  und  darzulegen,  daß  ich  diesen  Grundsätzen  treu  geblieben  bin.

 

1)  Referent  war  Edmund  Jörg,  der  Herausgeber  der  „Historisch-politischen
Blätter“.
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        424  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Die  Grundsätze  nun,  nach  deren  Darlegung  Seine  Majestät  der  König
mich  vor  drei  Jahren  an  die  Spitze  der  Geschäfte  gestellt  hat,  sind  dieselben,
  welche  die  jüngste  Thronrede  fest  und  bestimmt  ausspricht.  Zu
verteidigen  brauche  ich  dieselben  nicht;  der  Entwurf  stimmt  diesen  Grundsätzen
  mit  so  viel  Wärme  zu,  daß  nichts  zu  wünschen  übrigbleibt.

Meine  Herren!  Ich  kann  den  leitenden  Gedanken  meiner  Politik  in
zwei  Sätze  zusammenfassen.  Es  ist  die  Erhaltung  des  Zusammenhangs
der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norden  und  die  Aufrechterhaltung  der
Selbständigkeit  Bayerns.

Wenn  Sie  die  Verhandlungen  der  bayrischen  Kammern  seit  dem
Jahre  1848  durchgehen,  so  werden  Sie  nicht  leicht  eine  Diskussion
allgemein  politischen  Inhalts  sinden,  in  welcher  nicht  der  nationale  Gedanke
zum  Ausdruck  gekommen  wäre.  Dieser  Gedanke  des  Zusammenhangs  der
deutschen  Stämme,  die  Wiederherstellung  der  nationalen  Verbindung  hat
durch  die  Ereignisse  des  Jahres  1866  an  Bedeutung  nicht  verloren.
Gerade  das  Gefahrvolle  der  Lage,  in  welche  die  Mittelstaaten  durch
jene  Ereignisse  —  die  Zerstörung  des  Deutschen  Bundes  —  versetzt
waren,  hat  den  Ruf  nach  Sicherstellung  dieser  Lage  vermehrt.  Ausgehend
  von  dem  Grundsatze,  daß  die  Mittelstaaten  nicht  ihrer  Macht,
sondern  ihrem  vertragsmäßigen  und  historischen  Rechte  ihre  Stellung
verdanken,  mußte  die  Staatsregierung  darauf  Bedacht  nehmen,  den  Mittelstaaten
  sobald  als  möglich  den  Boden  vertragsmäßiger  Rechte  wiederzugewinnen.
  Wir  sind  einmal  die  Schwächeren  in  Deutschland,  und
die  Geschichte  lehrt,  daß  der  Schwächere,  wenn  er  in  ungünstiger  Lage
ist,  durch  Abwarten  nicht  gewinnt,  sondern  immer  nur  verliert.  Aus
diesem  Grunde  habe  ich  stets  von  neuem  gestrebt,  die  Bestimmungen  des
Nikolsburger  Präliminarvertrags,  der  zurzeit  die  Grundlage  der  deutschen
Politik  bildet,  zum  Vollzug  zu  bringen,  und  wer  auch  zur  Leitung  der
auswärtigen  Angelegenheiten  in  Bayern  berufen  sein  wird,  der  wird  die
Erfahrung  machen,  daß,  je  später  die  nationale  Verbindung  zwischen  dem
Norden  und  dem  Süden  Deutschlands  auf  vertragsmäßigem  Wege  geregelt
  wird,  um  so  größer  die  Opfer  sein  werden,  welche  Bayern  zu  bringen
haben  wird.

Die  praktische  Anwendung  meiner  soeben  entwickelten  Grundsätze  ergab
  sich  sofort  bei  Erneuerung  des  Zollvereins.  Wenn  wir  damals  aus
der  wirtschaftlichen  Verbindung  mit  dem  Norden  ausgetreten  wären,  wenn
wir  damit  eine  gesonderte  Stellung  eingenommen  hätten,  die  nicht  nur
in  bezug  auf  die  wirtschaftlichen  Interessen,  sondern  auch  in  bezug  auf
unfre  ganze  politische  Stellung  eine  isolierte  geworden  wäre,  so  unterliegt
es  keinem  Zweifel,  daß  wir  diese  Stellung  in  kurzer  Zeit  und  mit  weit
größeren  Opfern  an  unfrer  Selbständigkeit  wieder  hätten  aufgeben  müssen.
        <pb n="437" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  425

Meine  Herren!  Ich  bin  stolz  darauf,  daß  ich  damals  jene  Verhandlungen
  zu  einem  glücklichen  Resultate  geführt  habe  und  daß  es  mir  gelungen
  ist,  die  Zustimmung  beider  Kammern  zu  dem  Zollvereinsvertrag
zu  erhalten  und  jene  Abtrennung  des  Südens  oder,  um  mich  besser  auszudrücken,
  nachdem  Württemberg  und  Baden  der  Erneuerung  des  Zollvereinsvertrags
  zugestimmt  hatten  —  die  Abtrennung  Bayerns  von  dem
übrigen  Deutschland  zu  verhindern.

Eine  weitere  Frage,  in  der  jene  Grundsätze  zur  Anwendung  gekommen
sind,  war  die  gleichmäßige  Gestaltung  des  deutschen  Wehrsystems.

Ich  beklage  mit  Ihnen  die  Lasten,  welche  dem  Volke  für  militärische
Zwecke  auferlegt  werden,  allein,  meine  Herren,  so  wenig  angenehm  Ihnen
diese  Behauptung  klingen  mag,  diese  Lasten  sind  notwendig,  um  Bayern
das  Schicksal  zu  ersparen,  im  Momente  der  Gefahr  wehrlos  dazustehen
und  dann  Opfer  bringen  zu  müssen,  im  Vergleich  zu  welchen  diejenigen
Leistungen,  die  wir  jetzt  für  die  Armee  verlangen,  eine  Kleinigkeit  sind.
Aber  diese  Lasten  können  auch  deshalb  nicht  vermindert  werden,  weil  wir
die  Verpflichtungen  erfüllen  wollen,  welche  uns  das  Gesamtinteresse
Deutschlands  auferlegt.  Die  Verträge,  welche  Süddeutschland  zur  Wahrung
der  Integrität  deutschen  Gebiets  mit  Preußen  abgeschlossen  hat,  waren
vorhanden,  als  ich  ins  Amt  trat,  und  ich  moöchte  diese  Gelegenheit  nicht
vorübergehen  lassen,  ohne  einem  in  der  Presse  aufgetauchten  Vorwurf
entgegenzutreten.  Ich  nehme  Anlaß,  um  mit  Entschiedenheit  hervorzuheben,
  daß  ich  diese  Verträge  nie  geleugnet  habe.  Wenn  ich  in  meiner
Rede  vom  19.  Januar  1867,  wo  ich  das  Geheimnis  noch  zu  bewahren
hatte,  den  Inhalt  jener  Verträge  als  dasjenige  hinstellte,  was  Bayern  auch
aus  allgemein  politischen  Gründen  zu  erstreben  habe,  so  kann  mir  daraus
sicherlich  ein  Vorwurf  nicht  gemacht  werden.  Der  Adreßentwurf  betont
so  entschieden,  daß  ein  Vertragsbruch  in  Bayern  unmöglich  sei,  daß  ich
kein  Wort  in  dieser  Richtung  weiter  verliere.

Aber,  meine  Herren,  es  gibt  eine  zweifache  Art  des  Vertragsbruchs,  eine
offene  und  eine  versteckte.  Sollte  der  Allianzvertrag  nicht  illusorisch  werden,
so  mußte  die  Wehrkraft  des  Südens  der  des  Nordens  ebenbürtig  gemacht
werden,  nicht  weil  der  Wortlaut  des  Allianzvertrags  uns  dazu  verpflichtete,
sondern  aus  freiem  Entschlusse  und  weil  Bayern  seiner  Stellung,  seiner  eignen
Würde  schuldet,  ein  wertvoller  Alli#erter  zu  sein.  Weil  ich  aber  auch  auf  die
Gemeinschaft  des  Südens  stets  einen  entscheidenden  Wert  gelegt  habe,  so  wurde,
um  diese  Organisation  möglichst  gleichmäßig  für  Süddeutschland  zu  erzielen,
die  Vereinbarung  von  Stuttgart  im  Februar  1867  getroffen,  an  welche
sich  dann  der  Vertrag  vom  10.  Oktober  1868  sowie  die  Verhandlungen
der  Liquidationskommission  in  diesem  Sommer  anschlossen,  deren  Resultate
bekannt  sind.  Wenn  sich  hieraus  ergibt,  daß  die  Regierung  alles  getan
        <pb n="438" />
        426  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

hat,  um  Deutschland  vor  weiterer  Zersplitterung  zu  bewahren,  eine  Tätigkeit,
  die,  wie  ich  mich  wohl  rühmen  darf,  unzweifelhaft  zur  Erhaltung  des
europäischen  Friedens  beigetragen  hat,  so  wird  doch  niemand  imstande
sein,  in  allen  diesen  Handlungen  irgend  etwas  zu  finden,  was  der  Selbständigkeit
  Bayerns  zu  nahe  treten  und  die  Rechte  der  Krone  oder  des
Landes  schädigen  könnte.

Was  ich  außerdem  angestrebt  habe,  um  die  deutschen  Verhältnisse
einer  definitiven  Regelung  zuzuführen,  ist  Ihnen  bekannt.  Ich  habe  darüber
bei  früheren  Gelegenheiten  ausführlich  Rechenschaft  gegeben.  Man  mag
darüber  urteilen  wie  man  will,  das  eine  aber  wird  die  Zukunft  lehren,
es  wird  keinem  bayrischen  Minister  gelingen,  einen  andern  Weg  zu  finden,
um  der  Aufgabe,  welche  nach  dem  Inhalt  der  Nikolsburger  Präliminarien
gestellt  ist,  gerecht  zu  werden  und  die  nationale  Einheit  mit  der  berechtigten
  Selbständigkeit  Bayerns  in  Einklang  zu  bringen,  als  den,  welchen
ich  gegangen  bin.

Meine  Herren!  Es  konnte,  und  damit  werden  die  praktischen  Politiker
  dieses  Hauses  einverstanden  sein,  nicht  Aufgabe  der  Regierung
eines  Staats  von  der  Stellung  Bayerns  sein,  sich  der  unfruchtbaren
Bemühung  hinzugeben,  theoretischen  Ausarbeitungen  Anerkennung  zu
verschaffen,  deren  Annahme  nicht  durch  inneren  Wert  der  Arbeit,  sondern
durch  die  politische  Lage  Europas  bedingt  ist.

In  diese  Kategorie  theoretischer  Arbeiten  gehört  auch  das  Projekt
des  sogenannten  süddeutschen  Bundes.  Nachdem  die  Nikolsburger  Präliminarien
  den  Satz  aufstellen,  daß  die  südlich  der  Mainlinie  gelegenen
deutschen  Staaten  in  einen  Verein  zusammentreten  sollen  u.  s.  w.,  ist  der
Gedanke,  ja  der  Wunsch  gerechtfertigt,  das  gegenwärtige  Provisorium  auf
diesem  Wege  in  ein  Definitivum  umzuwandeln.  Wenn  Sie  den  Südbund
  näher  betrachten,  Sie  mögen  ihn  nun  süddeutschen  Staatenverein
oder  wie  immer  nennen,  wenn  Sie  darunter  kein  bloßes  Scheingebilde,
sondern  einen  lebensfähigen,  staatsrechtlich  konstruierten  Organismus  verstehen,
  so  werden  Sie  zugeben,  daß  derselbe  nicht  zustande  kommen
kann,  ohne  daß  die  einzelnen  Staaten,  welche  ihn  bilden,  auf  einen  Teil
ihrer  Souveränitätsrechte  verzichten.  Sowohl  die  gesetzgebende  als  die
exekutive  Gewalt  der  Einzelstaaten  würde  zugunsten  der  Kollektivgewalt
des  Bundes  beschränkt  werden  müssen.  Um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,
so  würde  die  auswärtige  Vertretung  nicht  etwa  eine  bayrische,  württembergische
  oder  badische  sein,  sondern  eine  Vertretung  des  süddeutschen
Bundes  werden  müssen.  Dies  würde  nun  für  Bayern,  welches  im  süddeutschen
  Bunde  schon  durch  die  Zahl  seiner  Einwohner  eine  überwiegende
Stellung  einnimmt,  kein  Nachteil  sein.  Ob  aber  unfre  Nachbarstaaten
Lust  hätten,  die  Beschränkung  ihres  Selbstbestimmungsrechts  zugunsten
        <pb n="439" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  427

eines  Südbundes  sich  gefallen  zu  lassen,  das  ist  die  Frage.  Sie  ist,  was
Württemberg  betrifft,  beantwortet,  und  zwar  durch  die  Rede  des  württem—
bergischen  Staatsministers  des  Aeußern  in  der  Sitzung  der  Kammer  vom
19.  Dezember  1868.  Er  sagt:

„Ich  frage  Sie,  meine  Herren,  wollen  Sie  für  Württemberg  diese
Dinge  in  die  Hand  eines  Bundes  geben,  bei  welchem  Sie  in  verschwindender
  Minorität  sind,  wollen  Sie  sich  von  Bayern  vorschreiben  lassen,
wie  Ihre  Eisenbahnen,  wie  Ihre  Posten  zu  verwalten  seien,  wollen  Sie
sich  in  dieser  Beziehung  von  Bayern  Bestimmungen  geben  lassen;  ist  dies
der  Sinn  des  hohen  Hauses?  Ich  werde  es  nie  und  nimmer  glauben,
und  das  ganze  württembergische  Volk  würde  gegen  ein  solches  Experiment
sich  erheben,  wenn  es  einmal  die  Folgen  zu  tragen  hätte."“

Wenn  mir  nun  eingewendet  wird,  dies  sei  nur  die  Ansicht  des
württembergischen  Ministers,  so  erinnere  ich  daran,  daß  Württemberg
nicht  eine  von  Freiherrn  von  Varnbüler  regierte  absolute  Monarchie  ist,
sondern  ein  konstitutioneller  Staat,  in  welchem  Freiherr  von  Varnbüler
damals  die  Majorität  der  Volksvertretung  für  sich  hatte  und  in  welchem
er,  soviel  ich  weiß,  dieselbe  noch  immer  für  sich  hat.  Ich  will  auch  die
Aeußerung  eines  andern  württembergischen  Ministers  anführen  über  denselben
  Gegenstand.  Es  ist  die  Rede  des  Ministers  von  Mittnacht.  Er
sagte:

„Ein  Südbund,  wie  man  ihn  auf  jener  Seite  einrichten  würde,  ein
Südbund,  in  dem  ein  in  sich  uneiniges,  von  Parteiungen  zerrissenes
Parlament  regieren  wollte,  wäre  die  wirksamste  Propaganda  für  unser
rasches  Aufgehen  im  Nordbund,  welches  schwerlich  abgewendet  würde
durch  das  geträumte  Milizheer  von  einigen  Millionen  Streitern.“

Das  sind  die  maßgebenden  Ansichten  über  den  Südbund  in  Württemberg,
  und  ich  glaube  nicht,  daß  ein  Ministerwechsel  in  Württemberg  eine
Aenderung  hervorrufen  würde.  Der  Württemberger  verzichtet  ungern  auf
die  volle  Unabhängigkeit  und  Selbständigkeit  seines  Landes,  vielleicht  zugunsten
  einer  deutschen  Republik,  möglicherweise  zugunsten  einer  gesamtdeutschen
  Monarchie,  nie  und  nimmer  aber  zugunsten  eines  aus
Bayern,  Württemberg  und  Baden  bestehenden  Südbunds,  wie  er  von  den
Verteidigern  desselben  geträumt  wird.  Wenn  aber  schon  in  Württemberg
dem  Südbunde  unüberwindliche  Schwierigkeiten  begegnen,  so  werden  Sie
zugeben,  daß  er  in  Baden  der  Unmöglichkeit  entgegensieht.

Ich  habe  Ihnen  nun  dargelegt,  welche  Politik  ich  bisher  befolgt  habe
und  daß  ich  eine  andre  nicht  befolgen  konnte.  Ich  habe  stets  erklärt,  daß
die  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  nicht  so  gestaltet  ist,  daß  Bayern
dieselbe  annehmen  könnte.  Ich  habe  diesen  Grundsatz  in  allen  meinen
politischen  Handlungen  festgehalten.  Allein,  meine  Herren,  wenn  ich
        <pb n="440" />
        428  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

zugebe,  daß  die  Pflege  des  nationalen  Gedankens  bis  zu  einem  Grade  ausgedehnt
  werden  kann,  welcher  mit  der  Pflicht  eines  bayrischen  Ministers
nicht  vereinbar  wäre,  so  wollen  Sie  nicht  vergessen,  daß  es  auch  eine
Pflege  der  Selbständigkeit  Bayerns  gibt,  die  mit  den  Pflichten  nicht  vereinbar
  ist,  welche  die  Tatsache  uns  auferlegt,  daß  Bayern  einen  Teil
unsers  großen  deutschen  Vaterlands  bildet.  Die  Grenze  ist  hier  genau
bestimmt,  erwarten  Sie  von  mir  nicht,  daß  ich  sie  jemals  überschreite;  ich
werde  mich  mit  den  zentrifugalen  Elementen,  welche  sich  zurzeit  in  Süddeutschland
  geltend  machen,  nie  verbinden.

Der  Adreßentwurf  gesteht  zu,  daß  für  Bayern  eine  andre  Politik
nicht  möglich  sei  als  diejenige,  welche  von  der  gegenwärtigen  Staatsregierung
befolgt  worden  ist.  Die  Adresse  erklärt  sich  mit  allen  Grundsätzen  einverstanden,
  welche  die  Thronrede  proklamiert  hat  und  welche  wir  auf
Befehl  Seiner  Majestät  des  Königs  seit  drei  Jahren  durchführen.  Dabei
spricht  aber  der  Entwurf  aus,  daß  die  Gesinnung  des  gegenwärtigen
Ministers  des  Aeußern  dem  Lande  kein  Vertrauen  einflöße.  Ich  glaube
nicht,  daß  es  irgend  jemand  gelingen  würde,  mir  durch  Tatsachen  nachzuweisen,
  daß  ich  dieses  persönliche  Mißtrauen  in  meine  Pflichttreue  gegenüber
der  Dynastie,  gegenüber  dem  Lande  verdient  habe.  Wenn  aber  dieses  Mißtrauen
  darin  besteht,  daß  man  von  mir  annimmt,  ich  sei  unfähig,  ein
doppeltes  Spiel  zu  spielen,  ich  sei  unfähig,  Jahre  hindurch  freundliche
Gesinnungen  gegen  Norddeutschland  zu  heucheln  und  dieselben  bei  gelegener
Zeit  in  feindliche  umzuwandeln,  dann  hat  dieses  Mißtrauen  allerdings
Grund.  Zu  einer  solchen  Politik  bin  ich  nicht  fähig,  aber  ich  kann  dann
verlangen,  daß  man  auch  klar,  deutlich  und  ohne  Umschweife  sage,  daß
ich  deshalb  das  Vertrauen  der  patriotischen  Partei  nicht  besitze.

Auf  verschiedene  Bemerkungen  „patriotischer“  Redner  bezüglich  des
Rundschreibens  vom  9.  April  1869  erwiderte  Fürst  Hohenlohe  am  4.  Februar:

..Ich  bitte  Sie,  meine  Tätigkeit  bezüglich  des  Konzils  lediglich  vom
Gesichtspunkte  der  einfachen  Pflichterfüllung  aufzufassen.  Als  ich  im  Jahre
1868  zuerst  von  der  Zusammenberufung  des  Konzils  Kenntnis  erhielt,
mußte  es  für  mich  Pflicht  sein,  die  Stellung  mir  klarzumachen,  welche
die  Regierung  dem  Konzil  gegenüber  einzunehmen  habe.  Ich  habe  deshalb
die  Geschichte  zu  Rate  gezogen  und  habe  gefunden,  daß  bei  dem  letzten,
dem  Tridentinischen  Konzil,  die  Regierungen  an  der  Beratung  teilgenommen
haben.  Ich  verweise  Sie  auf  die  Tätigkeit  des  bayrischen  Gesandten  Paumgartner,
  welcher  bekanntlich  einen  lebhaften  Anteil  an  den  Beratungen  des
Konzils  gehabt  und  insbesondere  dadurch  sich  bekannt  gemacht  hat,  daß  er
die  Aufhebung  des  Zölibats  in  Antrag  brachte.  Daß  von  einer  solchen
Tätigkeit  zu  unfrer  Zeit  nicht  mehr  die  Rede  sein  kann,  ist  selbstverständlich.
        <pb n="441" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  429

Allein  es  schien  nach  den  Berichten,  welche  ich  aus  Rom  erhielt,  die  Frage
über  die  Teilnahme  der  Regierungen  am  Konzil  noch  keineswegs  entschieden
zu  sein.

Die  Berichte  im  Sommer  1868  ließen  alle  ersehen,  daß  Kardinal
Antonelli  damals  noch  im  Zweifel  war,  ob  eine  Einladung  an  die  Regierungen
  zur  Teilnahme  erfolgen  solle.  Wir  mußten  uns  also  darauf
gefaßt  machen,  zu  dem  Konzil  eingeladen  zu  werden.  Das  war  also  ein
formeller  Grund,  weshalb  die  Regierung  verpflichtet  war,  sich  näher  mit
der  Sache  zu  beschäftigen  und  sich  mit  den  übrigen  europäischen  Regierungen
ins  Benehmen  zu  setzen,  damit  eine  gleichmäßige  Haltung  gegenüber  dem
Konzil  ermöglicht  werde.  Ein  zweiter  Grund,  weshalb  die  Regierung  ihre
Aufmerksamkeit  dem  Konzil  zuwenden  mußte,  war  der  Inhalt  der  bevorstehenden
  Verhandlungen.  Hier  boten  sich  uns  offiziöse  Mitteilungen  aus
Rom  dar,  in  welchen  die  Absichten,  welche  von  einer  sehr  mächtigen  Partei
in  Rom  gehegt  wurden,  dargelegt  waren.  Es  waren  dies  die  „Civiltà
cattolica"  und  die  „Laacher  Blätter“.  Was  in  jenen  Zeitschriften  über
die  Absichten  enthalten  war,  welche  dem  Konzil  zugeschrieben  wurden,  mußte
die  Regierung  mit  einiger  Besorgnis  erfüllen.  Das  war  der  Grund,  weshalb
  ich  mich  an  die  andern  Regierungen  gewendet  und  auf  die  Gefahren
aufmerksam  gemacht  habe,  die  aus  solchen  Beschlüssen  hervorgehen  könnten,
und  ich  habe  zugleich  darauf  angetragen,  sich  durch  gemeinschaftliche  Beratungen
  darüber  klar  zu  werden,  in  welcher  Weise  man  etwaigen  Beschlüssen
der  Art,  welche  Staat  und  Kirche  in  Zwiespalt  zu  bringen  geeignet  wären,
entgegenarbeiten  könnte.  Es  lag  darin  durchaus  keine  feindliche  Absicht
gegenüber  der  Kirche.  Um  nun  aber  auf  festem  Boden  zu  stehen,  wurden
auch  noch  sowohl  die  theologischen  als  die  juristischen  Fakultäten  zu  Gutachten
  aufgefordert;  diese  sind  durch  die  Presse  veröffentlicht,  und  sie  beweisen,
daß  die  Befürchtungen  der  Staatsregierung  nicht  unbegründet  waren.
Der  Herr  Abgeordnete  Westermayer  hat  gefragt,  was  denn  in  der  Zwischenzeit
  geschehen  ist,  um  die  Tätigkeit  der  Regierung  zu  rechtfertigen.  Ich
will  Sie  nicht  weiter  mit  Ausführungen  ermüden,  sondern  lediglich  bitten,
wenn  die  Sitzung  vorüber  ist,  die  „Allgemeine  Zeitung“  von  heute  zu
lesen,  in  der  Sie  das  „Schema  de  ecclesia  Christi“  1)  finden.  Ich  glaube,
daß,  wer  dieses  Schema,  welches  den  Beratungen  des  Konzils  unterstellt
werden  wird,  aufmerksam  durchliest,  keinen  Zweifel  darüber  haben  wird,
daß  hier  der  Keim  zu  einem  Konflikt  zwischen  Staat  und  Kirche  gegeben
sein  dürfte.

 

1)  Das  von  dem  Jesuiten  Perrone  verfaßte  „Schema  de  ecclesia“  erneuerte
die  Ansprüche  der  Päpste  auf  Oberherrschaft  über  Fürsten  und  Völker.  Friedrich,
Das  Vatikanische  Konzil,  Bd.  III  S.  542.
        <pb n="442" />
        430  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Auf  die  Begründung  des  Mißtrauensvotums  durch  den  Referenten
Jörg  erwiderte  der  Fürst  am  5.  Februar:

..  Der  Herr  Referent  hat  am  Anfang  der  Adreßdebatte  gesagt:
Europa  blicke  auf  diesen  Saal.  Es  ist  richtig,  meine  Herren,  die  Ent—
scheidung,  welche  Sie  hier  treffen  werden,  wird  von  weittragender  Bedeutung
sein,  nicht  deshalb,  weil  die  Ereignisse  unsers  Königreichs  für  die  Welt
von  so  großer  Wichtigkeit  wären,  sondern  deshalb,  weil  der  Kampf,  der
hier  seit  einer  Woche  entbrannt  ist,  nur  einen  Teil  des  großen  Kampfs
bildet,  der  zurzeit  die  Welt  bewegt.  Es  ist  der  Streit  der  beiden  Anschauungen,
  deren  eine  im  modernen  Rechtsstaate  und  in  der  ganzen  freiheitlichen
  Entwicklung  der  Gegenwart  etwas  zu  Erhaltendes  und  zu  Pflegendes
erblickt  und  deren  andre  diesen  modernen  Staat  und  die  ganze  moderne
Entwicklung  perhorresziert  und  das  Heil  der  Menschheit  in  einer  Neugestaltung
  des  Staats  auf  andern  Grundlagen  sucht,  in  einer  Neugestaltung,
welche  durch  die  Kirche,  und  zwar  durch  eine  im  absolutistischen  Sinne
rekonstruierte  Kirche,  vervollständigt  und  getragen  würde.  In  diesem  Kampf
eine  Aenderung  der  Ueberzeugungen  durch  Worte  herbeiführen  zu  wollen,
wäre  die  vergeblichste  aller  Bemühungen.  Meine  Auffassung  wird  auch
nicht  beirrt  durch  die  Versicherungen  jener,  welche  sich  frei  wissen  von  Absichten,
  wie  ich  sie  eben  bezeichnete,  auch  nicht  durch  die  glänzende  Rede
eines  sehr  geehrten  Mitglieds,  welches  die  Versöhnung  des  Liberalismus
mit  der  Kirche  zur  Aufgabe  seines  Lebens  macht,  welches  aber  wohl  demselben
  Schicksal  entgegengehen  wird,  welches  alle  diejenigen  getroffen  hat,
welche  dieselben  Bestrebungen  hatten.  Denn,  meine  Herren,  ich  kann  mich
des  Gedankens  nicht  entschlagen,  daß  ein  Teil  der  Gegner  nur  deshalb
mit  den  Feinden  des  modernen  Staats  gemeinsame  Sache  macht,  weil  es
diesen  gelungen  ist,  für  ihre  Tendenzen  jene  erregte  Stimmung  zu  benutzen,
in  welche  die  Gemüter  durch  die  Ereignisse  des  Jahres  1866  gebracht
worden  sind.  Diese  Erregtheit  beruht  aber  einesteils  auf  der  Furcht,  welche
der  gegenwärtige  Zustand  Deutschlands  einflößt,  nachdem  das  Band  zerrissen
ist,  welches  die  deutschen  Stämme  bis  zum  Jahre  1866  zusammengehalten
hat.  Sie  beruht  ferner  auf  der  Furcht  vor  den  Bestrebungen  derjenigen,
welche  den  nationalen  Gedanken  zum  endlichen  Ausdruck  zu  führen  suchen,
ohne  den  gegebenen  Tatsachen  und  den  Gefühlen  des  Volks  allseitig  Rechnung
zu  tragen.

Ich  habe  mich  seit  drei  Jahren  redlich  bemüht,  Bayern  aus  diesem
Zustande  der  Unsicherheit  herauszuführen,  ich  habe  mich  bemüht,  schon
jetzt  und  gerade  vor  jener  Zeit,  wo  eine  Kündigung  des  Zollvereins  stattfinden
  kann,  zu  vertragsmäßig  geordneten  Zuständen  zurückzugelangen.
Freilich  haben  einzelne  Redner  gemeint,  daß  überhaupt  eine  vertragsmäßige
Verbindung  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Norden  vom  Uebel  sei.
        <pb n="443" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  431

Allein  das  kann  ich  nicht  als  die  Ueberzeugung  der  ganzen  Partei  annehmen.
Denn  sonst  würden  Ihre  Versicherungen  in  Ziffer  IV  des  Adreßentwurfs
nicht  denjenigen  Grad  von  Glaubwürdigkeit  verdienen,  welchen  ich  Ihnen,
wie  man  es  einem  loyalen  Gegner  schuldig  ist,  gern  zugestehe.

Sie  sprechen  aus,  daß  Sie  eine  nationale  Verbindung  der  deutschen
Stämme  wollen  und  verlangen,  und  ich  darf  annehmen,  daß  Sie  diesen
Wunsch  und  diese  Hoffnung  nicht  in  eine  nebelhafte  Ferne  und  in  eine
Zeit  verlegen  wollen,  in  welcher  durch  ungeahnte  und  nicht  zu  erwartende
Ereignisse  nicht  etwa  bloß  die  Basis  der  Friedensverträge  von  1866  beseitigt,
sondern  auch  der  ganze  seit  Jahrhunderten  vollzogene  Entwicklungsgang
der  deutschen  Staaten  in  sein  Gegenteil  verkehrt  sein  würde.  Wenn  Sie
aber,  meine  Herren,  darauf  nicht  warten  wollen,  so  gibt  es  nur  einen
Weg,  diese  nationale  Verbindung  zu  erlangen,  und  das  ist  derjenige,  welchen
die  bayrische  Regierung  versucht  hat.  Es  ist  der  Weg,  durch  Verträge,  also
durch  Akte  der  gleichberechtigten  Staatssouveränität,  eine  verfassungsmäßige
Gemeinschaft  des  Südens  mit  dem  Norden  herbeizuführen

Ich  muß  es  gegenüber  den  Aeußerungen  des  Herrn  Referenten  nochmals
  betonen,  ich  habe  niemals,  auch  nicht  im  August  1866,1)  mich  für
den  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  ausgesprochen.  Der  Norddeutsche
Bund  war  damals  noch  nicht  abgeschlossen,  und  der  Herr  Referent  würde
im  Verfolg  meiner  Aeußerungen  von  damals  gefunden  haben,  daß  ich  eben
deshalb  für  die  Annäherung  an  den  Norden  Deutschlands  gesprochen  habe,
weil  es  damals  noch  nicht  unmöglich  gewesen  wäre,  Bedingungen  zu
erlangen,  mit  welchen  die  Selbständigkeit  Bayerns  vereinbar  gewesen  wäre.
Sie  werden  vielleicht  eine  solche  Voraussetzung  naiv  finden,  ich  bitte  Sie
aber,  nicht  zu  vergessen,  daß  ich  noch  nicht  Minister  war  und  als  Privatmann
  nicht  die  volle  Kenntnis  aller  tatsächlichen  Verhältnisse  besitzen  konnte.
Ich  halte  auch  den  Eintritt  in  den  Norddeutschen  Bund  nicht  bloß  für
eine  Frage  der  Zeit,  wie  mir  der  Herr  Abgeordnete  Pfahler  imputieren
wollte.  Ich  habe  die  Gründe  —  und  es  sind  nicht  bloß  Geldgründe,  wie
derselbe  Herr  Redner  meinte,  weshalb  ich  die  Verfassung  des  Norddeutschen
Bundes  nicht  für  die  geeignete  Form  einer  nationalen  Vereinigung  für
uns  Süddeutsche  ansehen  kann  —  so  oft  und  so  verständlich  auseinandergesetzt,
  daß  es  wohl  genügen  dürfte.  Aber  meine  Herren,  das  ist  doch
vollkommen  unmöglich,  überhaupt  eine  nationale  Verbindung  zu  schaffen,
wenn  gar  keine  Rechte,  gar  keine  Gegenstände,  gar  keine  Legislative,  überhaupt
  gar  nichts,  was  bisher  der  einzelne  Staat  für  sich  besorgte,  künftig
gemeinsam  besorgt  werden  soll;  und  ich  erachte  die  Selbständigkeit  Bayerns
dadurch  allerdings  nicht  für  gefährdet,  wenn  es  gewisse  Angelegenheiten

 

1)  Siehe  Seite  171.
        <pb n="444" />
        432  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

einer  gemeinsamen  Behandlung  unterstellt,  bei  welcher  Behandlung  aber
allerdings  —  und  das  ist  das  Unterscheidende  —  Bayern  ebenso  viele
Rechte  hat  und  eine  ebenso  entscheidende  Stimme  führt  wie  jeder  andre
Staat.  Ich  bin  nun  mit  dem  Herrn  Referenten  einverstanden,  daß  wir
die  Beaufsichtigung  über  diese  Angelegenheiten  und  die  Gesetzgebung  innerhalb
  derselben  nicht  einer  Bundesbehörde  übertragen  sollen,  wie  sie  an  der
Spitze  des  Norddeutschen  Bundes  steht  und  in  welcher  Bayern  keine  andern
Befugnisse  hätte,  als  daß  ihm  im  Bundesrate  nur  etwa  sechs  oder  acht
Stimmen  zuständen,  und  wo  dann  im  Reichstage  die  Minorität  von  fünfzig
bayrischen  Abgeordneten  in  der  großen  Masse  der  norddeutschen  verloren
ginge.  Ich  habe  auch  in  meiner  Rede  vom  8.  Oktober  1867  nicht  gesagt,
wie  der  Herr  Referent  meint,  daß  ich  bestrebt  sei,  diese  Rechte  und  Befugnisse
  an  das  norddeutsche  Parlament  zu  übertragen;  auch  ich  halte  die
Organisation  des  Norddeutschen  Bundes  und  die  dadurch  bedingte  Behandlungsart
  der  Bundesangelegenheiten  nicht  für  geeignet,  die  damals  als
gemeinsam  projektierten  Angelegenheiten  ihr  zu  unterstellen.  Ich  habe
getrachtet,  in  jenen  Verhandlungen  eine  vertragsmäßige  Gemeinsamkeit  aller
der  Angelegenheiten  zu  erzielen,  bei  welcher  die  einzelnen  süddeutschen  Staaten
als  gleichberechtigte  Faktoren  in  Behandlung  dieser  Angelegenheiten  anerkannt
  worden  wären.  Das  ist  es,  was  meine  Verhandlungen  im  Auge
hatten,  welche  ich  mit  den  süddeutschen  Staaten  —  denn  mit  dem  Norddeutschen
  Bunde  haben  gar  keine  Verhandlungen  stattgefunden  —  bezüglich
eines  weiteren  Bundes  zwischen  Süddeutschland  und  Norddeutschland  geführt
habe.  Und  deshalb  bezeichnet  meine  damalige  Rede  die  anzustrebende  Verbindung
  ausdrücklich  als  einen  Staatenbund.  Sie  wissen,  woran  jene
Verhandlungen  gescheitert  sind.  Der  Versuch  der  Gründung  eines  süddeutschen
  Staatenvereins,  unter  dessen  Voraussetzung  die  Bestimmungen
der  Nikolsburger  Präliminarien  hinsichtlich  einer  nationalen  Verbindung
mit  dem  Norden  Deutschlands  allein  zur  Ausführung  zu  bringen  wären,
ist  bisher  nicht  gelungen.  Es  gibt  politische  Situationen,  in  welchen  der
Wille  des  einzelnen  Menschen,  ja  der  Wille  eines  Staats  sich  als  unzulänglich
  erweist.  Die  Schwierigkeiten,  welche  sich  einer  befriedigenden  Neugestaltung
  Deutschlands  entgegenstellen,  sind  durch  den  Gang,  welchen  die
Erneuerung  des  Zollvereins  genommen  hat,  in  gewisser  Beziehung  vermehrt
worden.  Ich  habe  es  damals  versucht,  die  Rekonstruktion  des  Zollvereins
auf  andern,  mehr  föderativen  Grundlagen  zu  erwirken.  Allein  meine  Vorschläge
  sind  in  Berlin  vereinzelt  geblieben,  und  wenn  wir  den  Zollverein
nicht  aufgeben  wollten,  mußten  wir  der  neuen  Form  zustimmen.  Damals
stand  der  Weg  offen,  auszuscheiden  aus  der  deutschen  Gemeinschaft  und
eine  isolierte  Stellung  sowohl  in  wirtschaftlicher  als  politischer  Beziehung
einzunehmen,  es  stand  der  Weg  offen,  uns  auf  uns  selbst  zurückzuziehen.
        <pb n="445" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  433

Ich  hätte  einer  solchen  Politik  nicht  zustimmen  können,  ich  war  bereit,  im
Sommer  1867,  als  ich  von  Berlin  zurückkam  und  bevor  der  Zollvertrag
abgeschlossen  war,  mein  Amt  niederzulegen.  Ich  habe  die  Entscheidung
Seiner  Majestät  dem  König  und  dem  Lande  überlassen.  Seine  Majestät
der  König  und  das  Land  haben  sich  für  Erhaltung  des  Zollvereins  auf
der  von  Preußen  vorgeschlagenen  Grundlage  entschieden  ausgesprochen.
Damit  war  die  Gestaltung  Deutschlands  in  föderativer  Richtung  wesentlich
erschwert;  daß  auch  der  Gedanke  des  Südbundes  dadurch  nicht  gefördert
wurde,  werden  Sie  begreifen.

Ich  konstatiere  bei  dieser  Gelegenheit  mit  Vergnügen,  daß  auch  der
Herr  Referent  seine  Ansicht  dahin  ausgesprochen  hat,  es  hätte  auch  kein
andrer  als  ich  den  Südbund  zustande  gebracht.  Wenn  der  Herr  Abgeordnete
Greil  aber  verstanden  hat,  ich  halte  den  Südbund  nicht  für  ratsam,  weil
dadurch  die  Selbständigkeit  der  einzelnen  Staaten  gefährdet  werde,  so  hat
der  Herr  Abgeordnete  mich  falsch  verstanden.  Ich  habe  nur  auf  die
Schwierigkeiten  hingewiesen,  welche  der  Konstruierung  des  Südbunds  deshalb
  entgegenstanden,  weil  derselbe  nur  dann  zustande  kommen  könne,  wenn
jeder  der  süddeutschen  Staaten  auf  einen  Teil  seiner  Selbständigkeit,  auf
einen  Teil  seines  Selbstbestimmungsrechts  verzichtet.  Ich  fügte  bei,  Bayern
könne  dieses  Opfer  bringen,  da  wir  die  stärkste  Macht  innerhalb  des  Südbunds
  sein  und  die  gebrachten  Opfer  durch  die  Stellung  wieder  ausgeglichen
würden,  welche  Bayern  im  Südbunde  einzunehmen  hätte.  Ich  fügte  dann
bei,  daß  Württemberg  und  Baden  auf  einen  solchen  Verzicht  einzugehen,
wenig  Grund  hätten.

Der  Herr  Abgeordnete  Greil  will  aber  weder  den  Bundesstaat  noch
den  Staatenbund,  ja  nicht  einmal  ein  „Anlehnen  an  den  Palast  des  Norddeutschen
  Bundes“.  Damit  ist  aber  auch  der  von  mir  angestrebte  weitere
Bund  verurteilt  und  die  Politik  des  Abwartens  als  die  eigentlich  bayrische
Politik  proklamiert.  Es  ist  möglich,  daß  wir  vorderhand  dazu  gezwungen
sein  werden;  allein,  meine  Herren,  es  gibt  für  uns  zwei  Arten  des  Abwartens.
  Die  eine  besteht  darin,  daß  wir  die  gegebenen  Verhältnisse  offen
und  rückhaltlos  akzeptieren  und  sie  nicht  als  solche  ansehen,  die  wieder  zu
zerstören  wären,  daß  wir  aufmerksam  beobachten,  ob  und  wann  der  Augenblick
  gekommen  sein  wird,  in  welchem  an  der  großen  nationalen  Aufgabe
mitgewirkt  werden  kann  unter  Wahrung  der  Rechte  und  Interessen  unsers
engeren  Vaterlands,  und  es  gibt  eine  andre  Art  des  Abwartens,  die  darin
besteht,  mit  Ungeduld  nach  dem  Augenblick  zu  spähen,  wo  man  das  Geschehene
  ungeschehen,  wo  man  die  Ereignisse  rückläufig  machen  und  Revanche
für  das  Erduldete  nehmen  könne.  Daß,  meine  Herren,  ich  mit  letzterer  Art  des
Abwartens  nicht  einverstanden  bin,  das  werden  Sie  begreifen,  ich  würde  dadurch

  mit  meiner  ganzen  politischen  Vergangenheit  in  Widerspruch  geraten.
Fürst  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  I  28
        <pb n="446" />
        434  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Ich  kann  nicht  schließen,  ohne  noch  einem  Vorwurfe  zu  begegnen,  der
mir  von  seite  des  Herrn  Referenten  gemacht  worden  ist,  es  ist  meine  vielbesprochene
  Rede  im  Zollparlament.  1)  Ich  glaube,  der  Herr  Referent
hat  nicht  die  ganze  Rede  vorgelesen,  ich  glaube  der  Schluß  wurde  vergessen.
Der  letzte  Satz  beginnt:  „Das  Vertrauen  dieser  hohen  Versammlung  wird
mir  die  Kraft  geben,  auszuharren“  —  dieser  Anfang  des  Satzes  wurde
von  dem  Herrn  Referenten  noch  gelesen,  aber  der  Schluß  nicht,  welcher
lautet:  „in  dem  Bestreben,  für  Verständigung,  Versöhnung  und  Eintracht
der  deutschen  Stämme  mit  allen  Kräften  zu  wirken“.

Meine  Herren!  Ich  habe  diese  Erklärung  nicht  abgegeben  in  einer
Versammlung  eines  fremden  Landes,  ich  habe  sie  abgegeben  in  einer  Versammlung,
  welche  auf  Grund  des  Vertrags  vom  7.  Juli  1867  in  Berlin
tagte,  ich  habe  sie  abgegeben  in  einer  deutschen  Versammlung.  Ich  habe
nicht  im  Sinne  der  nationalliberalen  Partei  gesprochen,  sondern  ich  habe
meine  Tätigkeit  dahin  bezeichnet,  daß  ich  für  Versöhnung,  Eintracht  und
Verständigung  der  deutschen  Stämme  fortarbeiten  werde,  und  insofern  konnte
ich  mich  auf  meine  Tätigkeit  als  bayrischer  Minister  des  Aeußern  beziehen.
Wahrlich,  meine  Herren,  es  wäre  weit  gekommen,  wenn  man  von  Versöhnung
  und  Eintracht  deutscher  Stämme  nicht  mehr  reden  könnte,  ohne
sich  die  Vorwürfe  eines  Teils  seiner  deutschen  Mitbürger  zuzuziehen.  Ich
bin  überzeugt,  daß  ein  andrer  Minister  nicht  anders  gesprochen  hätte.  Aber
wie  etwa  ein  Minister  hätte  sprechen  müssen,  der  nach  dem  Sinne  des
Herrn  Referenten  gewesen  wäre,  das  will  ich  Ihnen  sagen;  er  hätte  sprechen
oder  wenigstens  denken  müssen:  „Dank  meinen  Bemühungen,  dank  den
Bemühungen  der  Presse  meiner  Partei  ist  es  nicht  möglich,  von  Versöhnung,
Verständigung  und  Eintracht  der  deutschen  Stämme  in  diesem  Saale  zu
reden."  Daß  ich,  meine  Herren,  so  nicht  sprechen  konnte  und  so  nicht
gesprochen  habe,  darauf  bin  ich  stolz.

Schreiben  des  Königs  Ludwig  an  den  Fürsten
vom  6.  Februar  1870.

Mit  großem  Interesse  habe  ich  soeben  die  meisterhafte,  in  der  Tat
unwiderlegliche  Rede,  welche  Sie  gestern  in  der  Zweiten  Kammer  gehalten
haben,  gelesen,  und  es  drängt  mich,  noch  ganz  unter  dem  Eindruck  derselben,
Ihnen  meine  Freude  und  meine  vollste  Anerkennung  hierüber  aus  ganzem
Herzen  auszusprechen.

Möge  es  Ihren  bestimmten  und  beredten  Worten  gelingen,  die  letzten
Nebel  des  leider  immer  noch  nicht  gänzlich  verscheuchten  Mißtrauens  zu
bannen.

 

1)  Siehe  Seite  369.
        <pb n="447" />
        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  435

Mögen  Sie  ausharren  in  Ihrem  ehrenvollen  Amte,  getragen  von  dem
Bewußtsein  meines  unerschütterten  Vertrauens  und  mich  nicht  durch  Ihr
Ausscheiden  in  die  Gefahren  eines  etwaigen  Systemwechsels  mit  seinen
unausbleiblich  unheilbringenden  Folgen  stürzen.  Indem  ich  Ihnen  und
der  Fürstin  meine  freundlichsten  Grüße  sende,  bleibe  ich  mit  bekannten
Gesinnungen

Ihr  sehr  geneigter  König
Ludwig.

Der  das  Mißtrauensvotum  enthaltende  Satz  der  Adresse  wurde  am
10.  Februar  mit  77  gegen  62  Stimmen  angenommen.

Fürst  Hohenlohe  an  den  Prinzen  Otto  von  Bayern.
München,  12.  Februar  1870.
Durchlauchtigster  Prinz!
Gnädigster  Herr!

Eure  Königliche  Hoheit  wollen  mir  gnädigst  gestatten,  in  nachstehendem
eine  Angelegenheit  zur  Sprache  zu  bringen,  in  welcher  nur  Eure  Königliche
  Hoheit  die  nötige  Aufklärung  geben  können.

In  einer  Nummer  der  „Donauzeitung“  vom  9.  d.  M.  finde  ich
folgende  Stelle:  „Die  „Kölnische  Volkszeitung“  berichtet:  Man  erzählt  sich
vom  Prinzen  Otto,  derselbe  sei  mit  dem  Vorsatze  in  die  Kammer  gekommen,
  seine  Stimme  gegen  die  Adresse  abzugeben;  allein  vor  Beginn
der  Sitzung  habe  ein  andrer  Prinz  des  königlichen  Hauses  ihn  in  einem
Nebenzimmer  von  Aktenstücken  Einsicht  nehmen  lassen,  die  beweisen  sollen,
daß  Ministerpräsident  von  Hohenlohe  sich  dem  Grafen  Bismarck  gegenüber
zu  Dingen  engagiert  habe,  die  der  Selbständigkeit  Bayerns  Gefahr  bringen
müßten."“

Eure  Königliche  Hoheit  werden  mit  mir  einverstanden  sein,  daß
dieser  Artikel  die  schwerste  Anschuldigung  enthält,  die  gegen  einen  bayrischen
Minister  erhoben  werden  kann,  und  daß  ich  verpflichtet  bin,  solchen  Gerüchten
  entgegenzutreten.  Ich  erlaube  mir  daher,  Eure  Königliche  Hoheit
ehrfurchtsvoll  zu  bitten,  mir  gnädigst  sagen  zu  wollen,  ob  irgendein  Vorkommnis
  Veranlassung  zu  obigem  Gerüchte  geben  konnte  oder  ob  die  ganze
Sache  eine  gewöhnliche  Erfindung  ist.

Prinz  Otto  von  Bayern  an  den  Fürsten  Hohenlohe.
Eure  Durchlaucht!

In  Beantwortung  Ihrer  Zeilen  vom  12.  d.  freue  ich  mich,  Eurer
Durchlaucht  versichern  zu  können,  daß  jener  Artikel  nur  lügenhafte  Angaben

  enthält,  und  ermächtige  Eure  Durchlaucht,  von  dieser  meiner  Aus-Fürst
  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten.  1  28
        <pb n="448" />
        436  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

sage  im  Falle  einer  Dementierung  obigen  falschen  Gerüchtes  Gebrauch  zu
machen.
Zugleich  füge  ich  den  Ausdruck  meiner  ausgezeichnetsten  Hochschätzung
bei  und  verbleibe
Eurer  Durchlaucht

freundlich  geneigter

Otto.
München,  13.  Februar  1870.

Journal.

Ministerrat  am  13.  Februar  1870.

Zur  Besprechung  der  Lage  traten  heute  um  11  Uhr  die  Minister  zusammen.
  Ich  eröffnete  die  Sitzung  mit  dem  Bemerken,  daß  wohl  alle
Herren  mit  mir  einverstanden  sein  würden,  daß  ich  nicht  bleiben  könne.
Ich  hätte  indessen  nicht  vorgehen  wollen,  ohne  die  Kollegen  davon  in
Kenntnis  zu  setzen.

Pfretzschner  war  damit  einverstanden  und  hob  in  seinem  Votum
hervor,  daß  die  Kammer  der  Abgeordneten  den  übrigen  Ministern  kein
Mißtrauensvotum  gegeben  habe.

Schlör  begann  damit,  zu  sagen,  er  würde  an  meiner  Stelle  nicht  einen
Tag  länger  in  diesem  Ministerium  bleiben.  Was  die  übrigen  Minister
betreffe,  so  habe  er  sich  die  Sache  reiflich  überlegt.  Ein  Entlassungsgesuch
  ihrerseits  sollten  sie  nicht  einreichen,  das  sei  ein  abgenutztes  Mittel.
Dagegen  schlage  er  vor,  daß  die  übrigen  Minister  gleichzeitig  mit  meinem
Entlassungsgesuch  ein  Memorandum  an  den  König  einreichen  sollten,  in
welchem  sie  ihre  Anschauung  von  der  Lage  der  Dinge  darstellen  müßten.

Pranckh  hielt  diesen  Weg  nicht  für  korrekt.  Die  Stellung  der
übrigen  Minister  werde  nach  meinem  Rücktritt  unhaltbar.  Alle  müßten
zugleich  ihre  Entlassung  einreichen  und  abwarten,  ob  bei  einer  Neubildung
einer  oder  der  andre  wieder  eintreten  könne.  Er  begründete  seine  Ansicht
durch  Hinweis  auf  die  Haltung  der  Kammer  der  Reichsräte.

Lutz  sagt:  Was  die  Entschließungen  des  Fürsten  Hohenlohe  betrifft,
so  muß  ich  sie  ihm  allein  überlassen.  Will  der  Fürst  bleiben,  so  bleibe
ich  mit  ihm.  Eine  Entlassung  einzureichen  und  dann  wieder  zu  bleiben,
sei  eine  Komödie.

Nach  längerem  Hin=  und  Herreden  fand  wieder  ein  Umschwung  der
Meinung  statt,  und  es  wurde  anerkannt,  daß  man  doch  nicht  wohl  ohne
mich  bleiben  könne.

Schließlich  wurde  beschlossen,  sich  die  Sache  allseitig  noch  einmal  zu
überlegen.  Ich  erklärte  übrigens,  daß  ich  nicht  bleiben  könne.  Ich  sei  in  einer
andern  Lage,  mit  zwei  Mißtrauensvoten  könne  kein  Minister  bleiben  u.  s.  w.
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  437

Fürst  Hohenlohe  an  sämtliche  Minister  mit  Ausnahme
des  Kriegsministers.
München,  14.  Februar  1870.
Eurer  Exzellenz

beehre  ich  mich  ganz  ergebenst  mitzuteilen,  daß  ich  nach  Rücksprache  mit
Seiner  Exzellenz  dem  Herrn  Kriegsminister  und  nachdem  derselbe  die
Bedenken,  welche  er  im  gestrigen  Ministerrate  gegen  mein  einseitiges  Vorgehen
  erhoben  hatte,  fallen  gelassen  hat,  mich  entschlossen  habe,  noch  heute
mein  Entlassungsgesuch  Seiner  Majestät  zu  überreichen.  Ich  habe  mich
zu  diesem  Schritte  auch  aus  dem  Grunde  veranlaßt  gesehen,  daß  ich  heute
Abend  von  Seiner  Majestät  empfangen  werde  und  es  mir  notwendig
erschien,  daß  Seine  Majestät  vorher  schon  die  Motive  in  Händen  habe,
welche  mich  zu  der  fraglichen  Bitte  zwingen.

An  König  Ludwig.

Die  Hoffnung,  welche  Eure  Königliche  Majestät  in  Allerhöchstderen
Handschreiben  vom  6.  d.  M.  an  mich  auszusprechen  geruhten,  daß  es
gelingen  möchte,  das  Mißtrauen  zu  beseitigen,  welches  gegen  mich  besteht,
ist  leider  unerfüllt  geblieben.  Die  Partei,  welche  nach  dem  Ausfalle
der  Wahlen  die  Mehrheit  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  bildet,  ist
trotz  aller  Mühe  nicht  zu  überzeugen  gewesen,  daß  ihr  Mißtrauen  unbegründet
  ist.  Die  gesetzlichen  Vertreter  des  Landes  haben  sich  in  ihrer
Mehrheit  gegen  mich  ausgesprochen,  und  so  stehe  ich  zwei  Beschlüssen  der
beiden  Kammern  des  Landtags  gegenüber,  welche  die  entschiedene  Absicht
bekunden,  meine  fernere  Tätigkeit  im  Ministerium  unmöglich  zu  machen.
Dieses  Mißtrauen  mag  auf  vorgefaßten  irrigen  Meinungen  oder  auf  Einwirkung
  von  außen  beruhen,  Tatsache  ist,  daß  beide  Körperschaften,  mit
welchen  die  Regierung  das  Wohl  des  Landes  zu  beraten  hat,  eine  feindselige
  Stellung  gegen  mich  genommen  haben.  Ich  bin  Eurer  Königlichen
Mgjestät  für  die  Festigkeit,  mit  welcher  Allerhöchstdieselben  mich  bisher
zu  unterstützen  die  Gnade  hatten,  aus  tiefstem  Herzen  dankbar.  Aber
eben  diese  Dankbarkeit  und  die  treue  Anhänglichkeit  an  Eure  Mojestät
legten  mir  die  Pflicht  auf,  mit  mir  zu  Rate  zu  gehen,  ob  ich  einen  weiteren
Anspruch  auf  die  Unterstützung  Eurer  Königlichen  Majestät  erheben  darf,
ohne  Eure  Königliche  Majestät  den  ernstesten  Gefahren  preiszugeben.  Nie,
solange  die  bayrische  Verfassung  besteht,  haben  sich  die  Monarchen  Bayerns
vom  konstitutionellen  Wege  entfernt.  Selbst  nach  den  stürmischen  Ereignissen
  des  Jahres  1848,  wo  zur  Wiederherstellung  geordneter  Rechtszustände
  in  fast  allen  Staaten  Europas  Oktroyierungen  oder  Staatsstreiche
stattfanden,  hat  sich  Bayern  nicht  auf  diesen  Weg  drängen  lassen.  In
dieser  Tatsache  wurzelt  neben  der  angeborenen  Anhänglichkeit  das  tiefe
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        438  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

Vertrauen,  welches  das  bayrische  Volk  in  seine  Dynastie  setzt.  Ich  kann
Eurer  Königlichen  Majestät  nicht  raten,  einen  andern  Weg  einzuschlagen,
welcher  das  Vertrauen  des  Volks  in  Eure  Königliche  Majestät  vermindern
und  Allerhöchstdieselboen,  wenn  auch  nicht  mit  Notwendigkeit,  doch  möglicherweise
  zu  gewaltsamen  Schritten  führen  könnte.

Eure  Königliche  Majestät  würden  damit  einer  um  so  größeren  Gefahr
entgegengehen,  als  sich  in  nicht  zu  ferner  Zeit  gewaltsame  Umwälzungen
in  Frankreich  und  vielleicht  auch  in  andern  europäischen  Staaten  voraussehen
  lassen.  Träfe  eine  solche  Zeit  mit  einer  Beunruhigung  des  Königreichs
  zusammen,  welche  in  dem  Umstand  Nahrung  fände,  daß  den  konstitutionellen
  Rechten  zuwidergehandelt  worden  ist,  so  würde  die  Bewegung
  sich  nicht  mehr  gegen  das  Ministerium,  sondern  gegen  die  Allerhöchste
  Person  Eurer  Königlichen  Majestät  selbst  richten.  Einer  solchen
Eventualität  dürfen  Eure  Königliche  Mcajestät  nicht  ausgesetzt  werden.
Ich  erlaube  mir  den  ehrfurchtsvollen  Rat,  Eure  Mgjestät  wollen  sich  in
den  konstitutionellen  Formen  eine  stets  bereite  Handhabe  erhalten,  um
die  Beruhigung  des  Landes  nach  der  einen  oder  der  andern  Richtung
herbeizuführen.  In  dieser  Erwägung  und  lediglich  im  allerhöchsten  Interesse
  Eurer  Königlichen  Majestät  wage  ich  daher  die  alleruntertänigste
Bitte,  mich  von  dem  mir  allergnädigst  übertragenen  Amte  entheben  zu
wollen.  Ich  bin  bereit,  die  Geschäfte  des  Ministeriums  fortzuführen  bis
es  Eurer  Königlichen  Majestät  gelungen  sein  wird,  den  Eurer  Königlichen
Majestät  geeignet  erscheinenden  Nachfolger  zu  finden.

Journal.
München,  14.  Februar  1870.

Um  3  Uhr  schickte  ich  mein  Entlassungsgesuch  an  den  König.  Um
½  7  Uhr  ging  ich  in  die  Residenz.  Der  König  empfing  mich  sehr  liebenswürdig,
  bedauerte  die  Lage  der  Dinge  und  daß  es  soweit  gekommen  sei,
schien  aber  wohl  einzusehen,  daß  ich  nicht  anders  habe  handeln  können.
Er  war  über  die  Verhandlungen  in  der  Kammer  der  Abgeordneten  sehr
wohl  unterrichtet,  zitierte  Stellen  aus  meiner  Rede  und  sprach  seine  Entrüstung
  über  die  „Patrioten“  aus.  Er  meinte,  es  sei  eine  Schwäche,  nachzugeben,
  und  bestritt  meine  Auffassung.  Ich  suchte  ihm  zu  beweisen,  daß
ich  nur  in  seinem  Interesse  handle,  indem  ich  ihn  nicht  in  eine  Lage  versetzte,
  entweder  nachzugeben  oder  zu  einem  Staatsstreich  zu  kommen.  Ich
sagte,  daß  er  vollkommen  in  seinem  Recht  gewesen  sei,  der  Kammer  der
Reichsräte  sein  Mißfallen  zu  erkennen  zu  geben,  daß  aber  der  Beschluß
der  gewählten  Vertreter  des  Landes  eine  andre  Bedeutung  habe  und  das
Verbleiben  eines  Ministers,  dem  die  Kammer  so  feindlich  gegenüberstehe,
zu  übeln  Folgen  führen  könne.  Er  protestierte  dagegen,  daß  er  unkon-
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        Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)  439

stitutionell  verfahren  wolle,  kam  aber  immer  wieder  darauf  zurück,  daß  in
meiner  Entlassung  eine  Schwäche  und  ein  Nachgeben  liege.  Er  fragte
mich,  wen  er  denn  nehmen  solle,  und  ich  nannte  ihm  Bray.  Ultramontane
  Minister  und  insbesondere  Thüngen  will  er  um  keinen  Preis.  Es
wurde  dann  noch  viel  hin  und  her  geredet  über  Konstitutionalismus,  absolute
  Monarchie  u.  s.  w.  Schließlich  fragte  er  mich,  ob  ich  nicht  die
Geschäfte  vorläufig  noch  fortführen  wolle,  was  ich  bejahte.  Beim  Nachhausegehen
  begegnete  ich  Hörmann,  der  mir  bestätigte,  daß  ich  vollkommen
recht  getan  habe  und  daß  vorläufig  an  eine  Versöhnung  zwischen  mir
und  der  Patriotenpartei  nicht  zu  denken  sei.
München,  17.  Februar  1870.

Werthern  teilte  mir  im  Auftrage  des  Grafen  Bismarck  folgendes  mit:

Bis  auf  die  neueste  Zeit  habe  es  ihm  zweckmäßig  geschienen,  daß  ich
abginge.  Ich  würde,  habe  er  gemeint,  mich  nur  in  kleinen  Streitigkeiten
aufreiben  und  sei  dann  nicht  mehr  fähig,  bei  großen  Aktionen  mitzuwirken.

Seitdem  sich  aber  der  König  mit  solcher  Entschiedenheit  in  den
Vordergrund  gestellt  habe,  bedürfe  es  nicht  mehr  des  Experiments,  welches
mein  Rücktritt  zur  Folge  habe,  um  den  König  zu  überzeugen,  daß  er  mit
der  ultramontanen  Partei  nicht  regieren  könne.  Diese  Ueberzeugung  habe
der  König.  Wenn  Werthern  sage,  er  wisse  nicht,  wie  weit  und  in  welchen
Schritten  mich  der  König  unterstützen  werde,  so  liege  dies  doch  nur  in
meiner  Hand.  Der  Kampfplatz  sei  geöffnet,  ich  brauche  daher  nur  anzufangen.
  Als  Mittel  des  Kampfes  bezeichnet  Bismarck  die  Auflösung  der
Kammer  der  Abgeordneten  und  einen  Pairsschub.

Ferner  teilt  mir  Werthern  ein  langes  Exposé  über  das  Hospiz
dell  Anima  in  Rom  mit.  Nach  einem  Breve  von  1859,  welches  infolge  einer
Enquete  erlassen  wurde,  blieb  Oesterreich  im  Besitz  des  Protektorats  jener
Anstalt.  Preußen  findet  dies  „nach  Königgrätz  und  Prag“  ganz  unzulässig
  und  will  dieses  Protektorat  Oesterreich  streitig  machen.  Er  fragt,
ob  ich  von  der  Sache  Kenntnis  habe,  wie  ich  es  ansehe,  und  ob  Bayern
geneigt  sei,  sich  den  Schritten  anzuschließen,  die  Preußen  im  allgemeinen
deutschen  Interesse  zu  tun  beabsichtige.  Ich  erwiderte,  daß  mir  die  Verhältnisse
  der  Anima  nicht  unbekannt  seien,  daß  ich  aber  die  Sache  für
ernst  hielte,  da  gleichzeitig  Oesterreich  und  der  Jesuitenorden  verletzt  würden,
und  daß  ich  erst  Tauffkirchen  zum  Bericht  auffordern  müsse  u.  s.  w.,  ehe
ich  mich  weiter  erkläre.

Aus  einem  Briefe  Döllingers  an  den  Fürsten.
München,  21.  Februar  1870.
Die  Lage  wird  immer  ernster  und  drohender.  Eben  kündigt  die
„Donauzeitung“  an,  daß  neben  Ketteler  und  Melchers  auch  unser  Herr  Erz-
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        440  Das  bayrische  Ministerium  (1867  bis  1870)

bischof  zu  den  Infallibilisten  übertreten  wolle.  Sehr  möglich,  da  er  unter
dem  Einflusse  seines  Sekretärs  Kagerer  steht,  dessen  Gesinnung  allgemein
bekannt  ist.

Das  Rettungsmittel  wäre  ein  gemeinschaftliches  Vorgehen  der  Mächte,
Frankreichs  vor  allem,  Oesterreichs,  Bayerns.  Aber  dazu,  fürchte  ich,  ist
keine  Aussicht.

Angesichts  des  Schema  de  ecclesia  erscheint  jedenfalls  die  von
Eurer  Durchlaucht  im  Sommer  ergriffene  Initiative  vollständigst  gerechtfertigt.


Ich  selber  hätte  noch  vor  einigen  Monaten  so  etwas  nicht  für  möglich
  gehalten.

König  Ludwig  an  den  Fürsten  Hohenlohe.
München,  7.  März  1870.
Mein  lieber  Fürst!

Sie  haben  wiederholt  an  mich  die  Bitte  um  Enthebung  als  Staatsminister
  des  königlichen  Hauses  und  des  Aeußern  gebracht.  Nach  eingehender
  Prüfung  der  Verhältnisse  habe  ich  in  Würdigung  der  von  Ihnen
vorgebrachten  persönlichen  Motive  diesem  Ihrem  Gesuche  heute  Folge
gegeben.  Indem  ich  Ihnen  dies  eröffne,  fühle  ich  mich  gedrungen,  Ihnen
für  die  opferwillige  Hingebung  und  bewährte  Treue,  wodurch  Ihre  Amtsführung
  ausgezeichnet  war,  mit  vollstem  Herzen  meine  Anerkennung  auszusprechen.
  Dieser  Anerkennung  tatsächlichen  Ausdruck  zu  verleihen,  habe
ich  Sie,  mein  lieber  Fürst,  in  die  Zahl  der  Kapitulare  meines  Ritterordens
  vom  heiligen  Hubertus  aufgenommen.  Indem  ich  Ihnen  die  erneute
  Versicherung  meines  freundlichen  Wohlwollens  erteile,  verbleibe  ich
fortan

Ihr  sehr  gewogener  König
Ludwig.

 

Ende  des  ersten  Bandes.
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
