Aus  der  zweiten  Lesung.  9

Das  ist  nicht  die  Sprache  der  niichternen  ,  objektiven  Beobachtung  ,  das  sind  Gefiihls-Erregmigen,
  diesehr  wohleinem  ganz  guten  und  festen  Glauben,  aber  nimmermelhr
einer  wissensehaftlichen  Prüfung  entsprangen  sein  können,  und  sehen  Sie  näher  zu,  SO
finden  Sie  diese  Gefühls-Erregungen,  ja,  ielı  kann  wohl  sagen  Halluzinationen,  in  einem
Theile  dieser  Petitionen  in  Zahlen  umgesetzt,  als  Material  für  eine  Statistik  benutzt,
die  Ihnen  beweisen  soll,  dass  die  Impfung  nicht  nur  schädlieli  und  unnütz,  nein,  dass
sie  auch  ein  fürmliches  Verbrechen  am  Volkswohle  sei.  Vergleichen  Sie  dieses  Material
  z.  B.  mit  dem  Gutachten  der  Kgl.  Preussisehen  wissenschaftliehen  Deputation  für
ılas  Medizinalwesen  oder  des  ärztlichen  Vereines  für  wissenschaftliehe  Heilkunde  in
Königsberg,  so  glaube  ieh,  dass  die  noelı  Zweifelhaften  unter  Ihnen  und  wohl  auch
manche  Gegner  der  Vorlage  zu  Frennden  derselben  werden.

M.  H.,  ausser  diesen  Gegnern,  die  überhaupt  keine  Impfung  wollen,  giebt  es  nun
noch  sehr  hoch  achtbare  Stimmen,  die  zwar  die  Impfung  als  eine  nothwendige  und
wolılthätige  Massregel  anerkennen,  aber  den  Impfzwang  verwerfen,  die  durch  Belehrung
anf  die  Bevölkerung  wirken  wollen,  damit  diese  sieh  freiwillig  dieser  Maasregel  unterziehe.
  Meine  Herren,  ich  gestehe,  dass  ieh  diesen  Weg  ebenfalls  für  nothwendig  uud
bis  zu  einem  gewissen  Grade  für  wirksam  halte,  ieh  gebe  zu,  dass  das  Mass  von  Verständniss,
  welches  eine  Bevölkerung  für  ärztliche  und  naturwissensehaftliche  Dinge
hat,  ein  nicht  zu  unterschätzender  Werthmesser  für  deren  Kulturzustand  ist.  Aber
ich  glaube  nieht,  dass  wir  Grund  haben,  in  dieser  Beziehung  zur  Zeit  sehr  stolz  zu  sein.«

B.  Aus  der  zweiten  Lesung.  Sitzung  vom  6.  und  9.  März  1874.  Sten.
Ber.,  S.  226  ff.

Berichterstatter  Abgeordneter  Dr.  Lenz  besprieht  zunächst  drei  für
das  Gesetz  eingegangene  Petitionen  von  nicht  bemerkenswerthem  Inhalte

und  fährt  dann  fort:
»Sechsundzwanzig  Petitionen  gehen  gegen  das  Gesetz.  Sie  werden  mir  gestatten,
die  Petitionen  zu  sondern  nach  Kategorien  und  nicht  jede  einzeln  auzuführen,

Von  einem  Arzte  geht  nur  eine  Petition  aus,  welehe  sich  gegen  das  Gesetz  ausspricht
  und  ein  untrigliches  Vorbeugnngsmittel  gegen  die  Krankheit  vorschlägt,  die
Petition  des  Arztes  Deventer  in  Berlin.  Vier  Petitionen  gehen  aus  von  Vereinen:  eine
vom  hydro-diätetischen  Verein  in  Magdeburg,  eine  vom  Direktor  der  schwedisehen
Heilgymnastik  Becker  in  Berlin,  drei  Petitionen  von  dem  Verein  fir  Naturheilkunde
in  Chemnitz,  Waldheim  und  Altenburg,  eine  Petition  des  Vereins  für  naturgemässe
Lebensweise  in  Frankfurt  am  Main  und  ebenso  auch  von  Berlin.  M.  H.,  diese  Vereine
sehen  in  der  von  ihnen  eingehaltenen  nnd  empfohlenen  Lebensweise,  in  den  Heilmitteln
und  in  dem  Heilverfahren,  welches  sie  beim  Ausbruch  der  Krankheit  anwenden,  das
richtige  und  cinzige  Vorbeugungsmittel  gegen  die  Blattern-Krankheit,  das  riehtige  Mittel,
ım,  wenn  die  Krankheit  ansgebroehen  ist,  sie  möglichst  unschädlich  zu  machen.  Sie
kommen  also  auch  auf  die  Verwerfung  des  Impfzwanges.  Gegen  das  Impfwesen  führen
sie  weiter  allgemeine  Momentc  an.  Sie  sagen,  dass  in  der  Anordnung  hygienische  Massregeln,
  in  der  Verbesserung  der  Bedingungen,  unter  denen  das  Volk  den  Krankheits-Einflissen
  widerstehen  kann,  in  der  Verbessernng  der  Wohnungs-Verhältnisse,  der
Wasch-Anstalten  Mittel  gegeben  seien,  solchen  Epidemien  entgegen  zu  treten.  Diese
Petitionen  sind  noch  weiter  mit  einer  anderen  Kategorie,  auf  die  ieh  noeh  kommen
muss,  in  Uebereinstimmung,  indem  sie  eine  allgemeine  Polemik  gegen  das  Gesetz
führen.  In  dieser  Polemik  stimmen  sie  überein  mit  den  zahlreichen  Petitionen,  die  aus
verschiedenen  Städten  des  Reichs  an  den  Reichstag  eingelaufen  sind,  und  zwar  aus
Kreisen,  die  nicht  Sachverständige,  nieht  Mediziner  genannt  werden  können,  die  sieh
eben  aus  allen  möglichen  Ständen  rekrmtiren.  Es  liegen  uns  da  Petitionen  vor  von
Berlin,  Hamburg,  und  zwar  diese  mit  10,800  Unterschriften,  aus  Hannovermit
1000  Untersehriften,  aus  Langensalza,  Mannheim,  FreiburginBaden,  Elberfeld.
  Hirschfeld,  Trebniz.  Der  Inhalt  aller  Petitionen,  welche  zum  Theil  ge-I

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druckt,  zum  Theil  nur  schriftlich  eingelanfen  sind,  besteht  im  Allgemeinen  in  einer
Polemik  gegen  das  Gesetz,  insbesondere  gegen  das  nach  den  Motiven  dem  Gesetz-Entwurfe
  zu  Grunde  gelegte  Gutaehten  der  medizinischen  Deputation.  Ich  werde  mir  zestatten
  müssen,  nur  in  kurzem  den  Ideengang  dieser  Petitionen,  ihren  polemisehen  Inhalt
  Ihnen  objektiv  vorzulegen.

‚  Die  Petenten  sagen,  es  sei  wissenschaftlieh  der  Nutzen  des  Impfzwanges  gar
nicht  erwiesen,  e8  fehle  au  einem,  von  der  medizinisehen  Wissenschaft  zelieferten  phi-Iosophischen
  Nachweise  dafür.  dass  und  nach  welehen  Natur-Gesetzen  dem  Umstande,
wenn  ein  Eiterprodukt,  cine  thierische  Krankheit,  in  den  mensehlichen  Körper  gebraeht