10  Impf-Gesetz.  Einleitung.

werde,  dann  eine  Heilkraft  zugeschrieben  werden  könne,  es  sei  einfach  nur  die  natürliche
  Folge,  dass  eben  das  thierische  Gift  auch  in  den  Organismus  des  Menschen  {ibertragen
  werden  könnte.  Die  Petenten  sagen,  eine  solche  wissenschaftliche  Begründung
des  Nutzens  der  Impfung  sei  nicht  gegeben,  sie  sei  überhaupt  zu  geben  unmöglich,  und
deshalb  können  nur  die  Leliren  der  Erfahrung  hierüber  Aufschluss  geben.  Bei  solchen
Lehren,  bei  dem,  was  aus  der  Statistik  zu  entnehmen  Sci,  müsse  auch  dem  Laien,  auch
dem  Nicht-Mediziner  das  Wort  gestattet  sein,  wobei  die  Pctenten  übrigens  darauf  hinweisen,
  dass  auch  aus  Mitten  der  Aerzte  nachgerade  eine  bedeutende  Opposition  gegen
das  Impfen  entstauden  sei,  was  sie  durch  Hinweis  auf  zahlreiche,  auch  innerlialb  der
Kreise  des  Reichstags  zur  Verbreitung  gebrachte  Schriften,  die  in  neuerer  Zeit  gecschrieben
  worden  sind,  belegen  wollen.

Was  nun  die  Erfahrungs-Thatsachen,  die  geltend  gemacht  werden,  betrifft,  so  ist  die
erste  in  dem  Gutachten  der  Medizinal-Deputation  diejenige,  dass  seit  Einführung  der
Impfung  die  Sterblichkeit  bei  der  Blattern-Krankheit  bedeutend  abgenommen  hat.  Die
Petenten  bestreiten  die  Richtigkeit  dieser  Thatsache,  indem  sie  sagen,  dass  der  grosse
Durchschnitt,  insbesondere  auch  mit  Hinzurechnung  der  letzten  Epidemien,  etwas  anderes
  erweisc.  Wenn  am  Ende  aber  auch  als  richtig  zuzugeben  sei,  dass  mit  Einführung
  der  Impfung  im  Beginn  unseres  Jahrhunderts  die  Blattern-Krankheit  nachgelasscen
habe,  so  könne  dies  zum  Theil  dem  Umstande  zugeschrieben  werden,  dass  mit  der  Einführung
  der  Impfung  die  Inokulation,  die  Einimpfung  der  natürlichen  Blattern,  welche
nur  eine  Verewiguug  der  Krankheit  zur  Folge  gehabt  habe,  aufgehört  habe;  der  Impfung
  könne  der  Nachlass  der  Sterblichkeit  deshalb  nicht  zugeschrieben  werden,  weil
in  den  ersten  Jahren  unscres  Jahrhunderts  überhaupt  nur  die  wenigsten  Prozente  der
Bevölkerung  geimpft  gewesen  und  doch  die  Sterblichkeitan  den  Blattern  erheblich  nachgelassen
  habe.  Es  sei  aber  mit  dieser  Seuche,  wie  mit  jeder  anderen  derartigen  Geissel
der  Menschheit:  es  trete  ein  Wechsel  ein,  sie  komme,  sie  gehe  und  sie  komme  wieder.
Gerade  daraus,  dass  sie  wiederkomme,  sei  der  Schluss  zu  ziehen,  dass  der  Schutz
des  Impfwesens  ein  trügerischer  sei.  Ursprünglich  sei  das  Impfdogma  dahin  gegangen,
  dass  die  Impfung  Schutz  gebe  für  das  ganze  Leben.  Als  die  Epidemien
wiedergekommen  seien,  da  sei  das  Dogma.  der  Wieder-Impfung  aufgestellt  worden,  und
wenn  diese  Wieder-Impfung  eigentlich  erst  recht  schützen  sollte  bei  Ausbruch  der  Epidemien,
  da  sage  und  rathe  man  sich  wieder  impfen  zu  lassen,  und  beweise  eben,  dass
auch  die  Wieder-Impfung  nichts  nütze.

Wenn  nun  noch  eine  Vergleichung  angestellt  werde  zwischen  der  Sterblichkeit  der
Geimpften  und  der  Sterblichkeit  der  Ungeimpften,  von  denen  ja  beide  Sorten  von  den
Blattern  betroffen  werden  können,  so  sei  hierbei  ganz  ausser  Acht  und  bei  Seite  zu
lassen  die  Sterblichkeit  der  ungeimpften  Kinder:  die  ungeimpften  Kinder  müssten,
wenn  man  hicraus  Schlüsse  zielıen  wolle,  ganz  bei  Seite  gelassen  werden;  es  seien  das
eben  überhaupt  solche,  die,  weil  sie  kränklich  seien,  weil  sie  uoch  im  zarten  Alter  befindlich
  seien,  überhaupt  allen  Krankheiten  und  so  auch  der  Pocken-Krankheit  mehr
ausgesetzt  seien.  Aus  dem  Umstande,  dass  bei  dem  Militär  von  der  Wieder-Impfung
namentlich  günstige  Resultate  wahrgenommen  werden,  wollen  die  Impf-Gegner,  die  Petenten,
  wieder  keinen  Schluss  für  die  Impfung  zulassen,  weil  sie  sagen,  ja  Soldaten,
die  seien  überhaupt  die  gesundesten  Leute  der  Bevölkerung,  welche  insbesondere  durch
die  häufige  Bewegung  in  freier  Luft,  durch  geregelte  Lebensweise  überhaupt  ınchr
Widerstandsfähigkeit  gegen  Krankheit  und  also  auch  gegen  Pocken  haben.  Kurzum,  die
Petenten  sagen,  es  sei  bei  Vergleichung  der  Sterblichkeits-Verhältnisse,  der  Inteusitäts-Verhältnisse
  der  Krankheit  bei  Geimpften  und  bei  Ungeimpften  auf  alles  Mögliche,  auf
verschiedene  Momente,  Rücksicht  zu  uchmen.  Es  dürfen  nicht  bloss  die  absoluten
Zahlen  zusammengestellt  werden,  es  seien  vielmehr  die  Lebensbedingungen  der  Betroffenen
  und  vieles  Achnliche  bei  der  Aufstellung  ciner  Statistik  zu  berücksichtigen.
Dice  Statistik  habe  insbesondere  auch  grosse  Schwierigkeit,  zu  erheben,  ob  ein  von  den
Blattern  Betroffener  wirklich  geimpft,  und  ob  er  mit  Erfolg  geimpft  sei  oder  nicht.
Hier  nun  komme  schr  viel  darauf  an,  wer  diese  Impf-Statistik  entwerfe.  Es  komme  in
Betracht,  dass  meistens  nur  Freunde  der  Impfung,  solche,  die  sich  mit  der  Impfung  beschäftigen,,
  diese  Statistik  entwerfen,  und  deshalb  werden  zweifelhafte  Fälle  ,  solche
Fälle,  wo  es  zweifelhaft  sei,  ob  der  Betroffene  geimpft  worden  sei  oder  nicht,  wenn  die
Krankheit  einen  guten  Ausgaug  nehme,  den  Geimpften,  dagegen,  wenn  die  Kraukheit
einen  schlimnıen  Ausgang  ncelıme,  den  Ungeimpften  zugewiesen;  kurzum  die  Petenten

reifen  die  Statistik,  so  wie  sie  für  das  Gesetz  geltend  gemacht  werden  soll,  nach  allen

Seiten  an.  Sie  sagen  auch,  dass  sie  sich  hierin  in  Ucbereinstimmung  befinden  mit  dein

Kgl.  Preuss.  H.  Med.-Rath  Dr.  Eulenburg,  indem  dieser  auf  dem  medizinischen
Kongress  in  Berlin  gesagt  hat:  u

»»Ich  habe  nicht  nötlig,  auszuführen,  auf  welch’  unsicherem  Boden  die  Statistik

im  Allgemeinen  steht.  Betrachten  Sie  die  Pocken-Statistik,  so  kann  man  behaupten,