12  Impf-Gesetz.  Einleitung.

zelnten  in  welehen  die  Blattern-Krankheit  beinalie  versehollen  war,  endliel  aber  seit
den  seshziger  Jahren  ist  Wiirttemberg  und  vor  Allem  seine  Hauptstadt  der  Agitation
gegen  das  Inıpfen  geworden,  und  wir  haben  deshalb  auch  die  Folgen  dieser  Agitation
vollstiindig  durchgeinaeht.  Es  bietet  somit  unser  Land,  eiu  sehr  lehrreiches  Beispiel.
Ieh  habe  vorauszuschieken,  dass  in  Württemberg  der  gesetzliche  Iımpfzwang  besteht,
nnd  zwar  indirekt  durcli  Androhung  von  Geldstrafen,  es  besteht  aber  kein  Revaeecinatious-Zwang.


Wie  waren  nun  die  Verhältnisse  in  Württemberg?  Aus  den  alten  Zeiten  vor  Einführnng
  der  Impfung  lıat  man  ja  keine  genanen  Aufzeiehnungen,  es  hat  aber  die  Württemb.
  Regierung  wenigstens  das  Ihırige  gethan,  um  die  Statistik  zu  vervollständigen,
soweit  irgend  möglich  war.  Da  diese  Statistik  vollständiger  ist,  als  nach  den  Motiven
der  verbündeten  Regierungen  die  bei  Ausarbeitung  des  Entwurfs  vorliegenden  Zahlen,
so  werden  Sie  gern  diese  Württembergisehen  Zahlen,  die  ich  aber  nur  in  aller  Kürze
vortragen  werde,  mit  anhören.  Weil  man  aus  der  alten  Zeit  eine  Statistik  nicht  hatte,
so  hat  man  wenigstens  für  die  Todesfälle  an  Blattern  die  Kirchenbüeher  nachgesellagen.
  Es  ist  ja  natürlich,  dass  hierin  durchaus  nielıt  eine  vollständige  Statistik  liegt,
denn  in  vielen  Gemeinden  war  ja  dieses  Hilfsmittel  ein  sehr  unvollkommenes,  oder  es
fehlten  die  Angaben  gänzlich.  Wenn  die  Zahlen  nun  dennoeh  grosse  sind,  so  ist  hier
ja  keine  Parteilielkeit,  sondern  im  Gegentlheil,  die  Wirklichkeit  ist  jedenfalls  noelı  viel
grösser.  Es  sind  in  den  Jahren  1780—1789:  13,000  Todesfälle  an  Blattern  aus  den
Kirehenbüchern  konstatirt,  in  den’Jahren  1790—1800:  37,000  Todesfälle,  in  den  Jahren
1800—1810:  17,000  Todesfälle.  Diesen  grossen  Zahlen  allein  der  Todesfälle  stehen  aus
den  Jahrzehnten,  in  welchen  die  Impfung  unangefoehten  im  ganzen  Lande  geübt  wurde,
unendlich  kleine  Zahlen  gegenüber,  nämlich  in  den  meisten  Jahren  an  Krankheitsfällen
nur  100  oder  200  oder  weniger  jährlieh  im  ganzen  Lande,  und  Todesfälle  sehr  häufig
kein  einziger,  sehr  häufig  nur  wenige,  20  oder  30  u.s.  f.  Nun  trat  in  den  sechziger
Jahren  sehr  lebhaft  hauptsäehlich  in  Stuttgart  eine  Anti-Impfagitation  ins  Werk  und
hatte  ausserordentlich  grossen  äusseren  Erfolg,  es  waren  Impf-Restanten  im  ganzen
Lande  in  grosser  Menge  vorhanden,  man  hat  sie  wohl  mit  Geldstrafe  bestraft,  aber  es
sind  selbst  die  Behörden  lässig  geworden  nnd  haben  es  wohl  unterlassen,  die  Geldstrafe
einzufordern,  und  so  war  nach  und  nach  eine  grosse  Zahl  nicht  Geimpfter  im  ganzen
Lande.  Die  Zahlen  der  Erkrankungen  stiegen  denn  anch  rasch  in  den  sechziger  Jahren
auf  zweitausend,  dreitausend  und  mehr,  die  Zahl  der  Todesfälle  auf  eben  so  viele  Hunderte
  und  mehr.  Aber  trotzdem,  dass  in  die  sechziger  Jahre  die  drei  grössten  neueren
Poeken-Epidemien  fallen,  gewährt  doch  die  Gesammtzahl  im  Verhältniss  zu  den  Zahlen
  aus  älterer  Zeit,  in  welcher  überhaupt  nicht  geimpft  wurde,  einen  ganz  lehrreichen
Vergleich.  In  den  zehn  Jahren  von  1858  bis  1868,  in  welche,  wie  gesagt,  die  drei
stärksten  neueren  Pocken-Epidemien  fielen,  sind  in  Württemberg  überhaupt  nur  S99
Personen  an  den  Pocken  gestorben.  Es  kommt  in  diesem  Zeitranme  jährlich  im  Durchschnitt
  ein  Todesfall  an  Blattern  auf  19,294  Einwohner.  Ich  will  Ihnen  einige  Vergleichungen
  geben,  zunächst  aus  zwei  Ländern,  welche  Württemberg  in  dieser
Beziehung  ganz  gleich  stehen,  nämlich  ebenfalls  die  Impf-Pflicht  haben:  Baden
  und  Bayern.  In  Baden  kam  im  Durchschnitt  von  fünf  Jahren,  ans
welchen  ich  die  Zahlen  habe,  ein  Todesfall  an  Pocken  auf  15,691  Einwohner,
  in  Bayern  im  Durchschnitt  von  12  Jahren  durehschnittlich  anf
ein  Jahr  ein  Todesfall  an  Poeken  auf  12,771  Einwohner,  in  Preussen,
wo  kein  Impfzwang  besteht,  in  einem  45jährigen  Durchschnitt  auf
das  Jahr  ein  Todesfallan  Pocken  schon  auf  5600  Menschen.

Ich  denke,  solehe  Zalılen  sind  doch  in  der  That  durchschlagend,  und  so  lıat  denn.
als  in  Württemberg  in  Folge  der  Anti-Impfagitation  die  Sachverständigen  sich  über
die  Frage  beriethen,  eine  an  Einstimmigkeit  ‚grenzende  Majorität  aller  Aerzte  es  aussesprochen,
  dass  der  gesetzliehe  Impfzwang  im  Interesse  der  Menschheit  nicht  zu  ent-Dbehren
  sci.  Eben  diese  Aerzte  haben  aueh  konstatirt,  dass  im  Widerspruch  mit  dem,
was  der  H.  Vorredner  gesagt  hat,  ein  Bedenken  aus  dem  Uebertragen  anderer  Krankheiten
  durch  die  Poeken  vermöge  ihrer  Wissenschaft  durchaus  nicht  anzunelimen  sei.
Der  H.  Vorredlner  hat  besonders  in  seiner  ersten  Rede  bei  der  allgemeinen  Debatte  so
wiederholt  betont,  dass  namentlich  Syphilis  iibertragen  werde;  in  Württemberg  ist
konstatirt,  dass  in  der  ganzen  langen  Zeit,  seit  geimpft  wird,  auch  nicht  ein  cinziseı
Fall  der  Uebertragung  von  Syphilis  durch  Impfung  zur  Veröffentlichung  oder  amtlichen

3  {  ist.  .
Amaee  Kendeit  unser  $.  1  auch  von  der  Revaeeination  ,  und  ich  möchte  Ilınen  einige
lehrreiche  Beispiele  von  Württemberg  auch  in  dieser  Beziehung  geben.  Unseı  van
ist  in  vier  Kreise  getheilt,  die  annähernd  gleich  gross  sind  und  ungefäh  aueh  k  ie
gleichen  Verhältnisse  aufweisen.  Nun  war  in  den  dreissiger  Jalıren  in  einen  losen
Kreise  ein  Kreis-Medizinalratli  —  iclı  nenne  zu  semer  Ehre  den  Nawen  —  Fröhlich,