Aus  der  zweiten  Lesung.  15

alles  vorlesen,  obzleich  alles  mir  meine  Ansielt  zu  bestätigen  seheint  _  da  heisst  es,
nachdem  zuvor  gcsagt  wird,  wie  die  Mutter  oder  die  Wärterin  ihr  Kind  tragen  muss,
damit  bein  Tragen  niehts  Ungehöriges  passirt,  die  sich  bildenden  Pusteln  in  Ordnung
bleiben,  endliell  am  Schluss:  Ion  u
»Derjenige,  weleher  die  Operation  vornimmt,  reinige  die  Nadel  odeı  die  Lanzette
mittelst  eines  feuchten  Schwämnichens  oder  Leinwandläppeliens.  Der  Impf-Arzt  kann
nicht  wissen,  ob  das  soeben  geimpfte  Kind,  welches  er  vielleicht  ebenso  wenig  wie
dessen  Eltern  kennt,  nieht  etwa  syphilitisch  ete.  sein  könne,  liefe  mithin  Gefahr,
durch  das  an  der  Nadel  etwa  Haftende  seine  vorher  gute  und  reine  Lymphe  zu  vergiften,
  würde  mithin  die  noeh  zu  impfenden  Kinder  der  Gefahr  einer  Ansteckung
Aussetzen.«  ,
Wie  gesagt,  Sie  selıen  aus  dieser  Gebrauehs-Anweisung  ,  wie  ‚ausserordentlieh
delikat  und  prekär  die  Operation  selbst  ist,  und  mit  wie  viel  Gefahr  sie  verbunden  ist.
Wenn  Sie  sich  aber  nun  erst  denken,  dass  dies  an  einer  öffentlichen  Impfstelle  geschieht,
  wo  alles  sieh  zudrängt,  wo  man  nicht  einmal  weiss,  ob  die  Mutter  os  ist,  die
das  Kind  bringt,  ob  der  Vater  oder  ein  Fremder,  der  vielleicht  noeh  drei,  vier  oder
mehr  Kinder  mitbringt,  wie  kann  man  da  alles  Erforderliche  vorkehren  und  kontroliren?
  Man  kennt  die  Eltern,  jedenfalls  den  Vater  nicht;  die  Mutter  wird  meistens
mitkommen,  wenn  noch  cine  da  ist;  ob  aber  der  Vater  eine  Krankheit  in  sich  trägt,
oder  ob  er  ein  gesunder  Mann  ist,  das,  m.  H.,  kann  durchweg  keiner  kontroliren.  —
So  in  der  That  häufen  sieh  nach  allen  Riehtungen  die  Bedenken  gegen  den  Impfzwang,
und  nun  aber  gar  gegen  den  doppelten  Impfzwang!  Dazu  kommen  noeh  die  Opfer
an  Geld,  Arbeit  und  Zeit,  die  doch  auch  in  Betraeht  gezogen  werden  müssen.  Es  werden
  Gefängniss-Strafen  angedroht!  Ieh  meine,  wir  hätten  im  Deutschen  Reiche  schon
mehr  als  hinreichende  Gelegenheit  ,  eingesperrt  zu  werden  ;  eine  Mutter  aber,  welehe
von  der  Ueberzeugung  ausgeht,  wie  Tausende  von  Petenten,  die  vor  sie  getreten  sind,
dass  das  Impfen  schädlieh  ist,  und  ihr  Kind  sehlechterdings  der  Operation  nieht  unterwerfen
  will,  deshalb  ins  Gefängniss  zu  schieken,  —  eine  solche  Massregel  in  einem  Kulturstaate,
  worin  wir  uns  doch  vorzugsweise  zu  befinden  glauben,  Eltern  zu  strafen,
weil  sie  ihre  Kinder  einer,  nach  ihrer  Ueberzeugung  schädlichen  Operation  nicht  unterwerfen
  wollen,  dass,  m.  H.,  entspricht  in  der  That  nicht  demjenigen,  was  ich  meinestheils
  mit  dem  Begriffe  eines  Kulturstaates  verbinde.«

Abgeordneter  Dr.  Zinn:

»M.  H.,  wollen  Sie  die  Agitationen,  die  gegen  das  Impfen  ins  Werk  gesetzt  wurden,
  wollen  Sie  die  begreifen,  dann  müssen  Sie  einen  Augenbliek  die  Geschichte  der
Impf-Literatur  durchsehen.  Zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts,  noeh  unter  dem  unmittelbaren
  Eindruck  der  grossen  Blatternnoth,  haben  die  Geistlichen  aller  Konfessionen  mit
einer  ausserordentlichen  Rührigkeit  das  Impfen  unterstützt.  Die  Folge  davon  war,
dass  das  Impfen  sehr  rasch  sich  verbreitet  hat;  in  Italien  allein,  zum  Beispiel,  wurden
in  acht  Jahren  1!/,  Million  Menschen  geimpft.  Seit  etwa  fünf  Jahrzehnten  indess  hatte
man  diese  Blatternnoth  vergessen,  und,  ich  lasse  unerörtert,  aus  welchem  Grunde,  aber
Thatsache  ist,  dass  von  da  ab  man  die  Impf-Frage,  eine  rein  medizinische  Frage,  mit
religiösen  und  später  mit  sozialistischen  Elementen  vermiseht  hat.  Man  hat  natürlich
(dadurch  ganz  entsehieden  der  Erkenntniss  der  Wahrheit  gesehadet.  In  einer  uns  vorliegenden
  Broschüre  von  einem  Doktor  der  Theologie,  Hansjacob  in  Baden,  wenn  ieh
nieht  irre,  wird  die  Impfung  cin  mediziniseher  Glaubens-Artikel  genannt.  M.H.,  in
der  Medizin  giebt  cs  keine  Glaubens-Artikel,  sie  rechnet  nur  mit  Thatsachen  und  nimmt
diese  Thatsachen  nur  dann  als  erwiesen  an,  wenn  sic,  nicht  dureh  den  Ausspruch  dieses
oder  jenes  kanonisirten  Arztes,  sei  er  ein  Impf-  oder  Anti-Impfapostel,  sondern  nur
dann,  wenn  dieselben  durch  zahlreiche  redliche  Männer,  die  die  schwere  Kunst  der
Beobachtung  im  strengen  Dienst  der  Wissensehaft  gelernt  haben,  seprüft  und  bestätigt
  worden  sind.

Die  Frage  über  den  Werth  oder  den  Unwerth  der  Impfung,  über
den  Nutzen  oder  den  Sehaden  derselben,  ist,  wie  ich  bereits  anführte,
eine  rein  ärztliehe  Frage;  sie  kann  allein  vor  dem  Gceriehtshofe  der
ärztlicheu  Wissenschaft  entsehieden  werden.

Anders  steht  es  mit  der  Frage  nach  dem  Impfzwang.  Diese  Frage
allerdings  18t  veehitlicher  und  politischer  Art,  und  ieh  glaube,  dass  die  Aerzte  bei  Entscheidung
  dieser  Frage  nicht  unmittelbar  eingreifen  sollten.  Sie  haben  nach  meiner
Meinung  (die  Aufgabe,  denen,  die  zur  Entseheidung  berufen  sind,  —  dem  Staate,  seinen
ltechtsgelehrten  und  Gesetzgebern  —  die  medizinische  Grundlage  zu  bieten  ,  damit  sie
sich  ein  Urtheil  bilden  können  über  die  politische  Zweekmässigkeit  nnd  über  die  reehtliche
  Erlaubtheit  des  Iınpfzwangs.  Ielı  will  versuchen,  Ihnen  in  ganz  sroben  Zügen
die  T'hatsachen  vorzuführen,  anf  welche  gestützt  «die  medizinisehe  Wissenschaft  diese