16  Impf-Gesetz.  Einleitung.

Frage  als  eine  ganz  entschiedene,  unzweifelhafte  auffasst.  Wir  verdanken  es  der  unerınüdlichen
  Arbeit  der  Aerzte,  dass  wir  heute  den  Rath  Goetlies:  »man  solle  den  einzelnen
  Verkehrtheiten  des  Tages  nur  mit  grossen  weltgeschichtlichen  Massen  entgegentreten«,
  befolgen  können.  Um  die  Frage  zu  entseheiden,  ob  wirklich  die  I  ınpfung  von
Nutzen,  so  hat  man  zunächst,  wie  das  Prof.  Kussmaul  in  seinen  vorzüglielien  »Zwanzig
  Briefen«  ausführt,  die  Sterbliehkeits-Ziffer  vor  Einführung  der  Impfung  ınit  der  zu
vergleiehen  nach  der  Einführung  der  Impfung;  dann  hat  ınan  zu  vergleiehen  die  Zahl
der  Erkrankungs-  und  die  Zalıl  der  Todesfälle  an  Blattern  bei  Geimpften  und  Ungeimpften
  in  diesem  Jahrhundert.  Eine  der  bedeutendsten  Arbeiten,  die  in  dieser  Beziehung
  vorliegen,  wurde  von  einer  Englisehen  Kommission  im  Jahre  1857  und
1855  dem  Parlainente  vorgelegt.  Es  ist  eine  Tabelle  über  die  jährlichen  Sterblichkeitsfälle
  an  Blattern  bei  einer  Bevölkerung  von  einer  Million  vor  und  naeh  Einführung  der

Impfnng.
In  Nieder-Oesterreich  starben
vor  Einführung  der  Impfung  von  1777-1806:  2484  Menselıen  an  Blattern,
naeh  Einführung  der  Vaceination  -  1807—1850:  340;
inOber-Oesterreieh  mit  Salzburg  im  gleiehen  Zeitraum
vor  Einführung  1421,  naeh  Einführung  501;
in  Illyrien  vor  Einführung  1518,  -  -  244;
in  Triest  -  -  14,046,  -  -  182;
inBöhmen  -  -  2174,  -  -  215.
In  Ostpreussen  starben  von  1776—1780  vor  Einführung  der  Impfung  3321;
-  1810—1850  956  ;
in  berlin  -  1781—1805  3422;
naeh  Einführung  der  Impfung  -  1810—1850  176.

[x  onz  ähnlieh  sind  die  Resultate  aus  Württemberg,  Bayern,  Baden  und  anderen
ändern.

Vergleichen  wir  nın  die  Blattern-Sterbliehkeit  in  diesem  Jahrhundert  bei  Geimpften
und  Ungeimpften,  so  starben  in

Kopenhagen  1825  von  den  Ungeimpften  220),  von  den  Geimpften  0,80/,;

1832—1837  starben  -  -  -  0),  1,1%  9.
Sehr  belehrend  ist  die  Gesehichte  einer  Seuehe  in  jMarseille  im  Jahre  1828:  in  den
ersten  6  Monaten  erkrankten  6000  an  Blattern;  etwa  40,000  standen  im  Alter  von  0—30
Jahren,  Personen  über  30  Jahre  wurden  höchst  selten  davon  ergriffen.  Von  diesen
40,000  Menschen  hatten  etwa  2000  schon  früher  die  Blattern  überstanden  und  etwa
30,000  waren  geimpft,  so  dass  noeh  etwa  8000  Ungeimpfte  übrig  blieben.  Von  diesen
erkrankten  4000,  von  den  Geimpften  2000,  nnd  von  den  bereits  Geblatterten  20.  Gestorben
  ist  hier  ein  Menseh  auf  etwa  1500  Geimpfte,  1  auf  500  Geblatterte  und  1  auf  8
Ungeimpfte.  Nur  an  zwei  Orten  der  Stadt  fanden  die  Blattern  keinen  Eingang:  in
einem  Kloster,  dessen  Bewohner  sich  vollkommen  abgeschlossen  hatten,  und  in  einer
Erziehunngs-Anstalt,  in  der  nur  Zöglinge  aufgenommen  wurden,  die  bereits  vaccinirt
  waren.  —  Im  Wiener  allgemeinen  Krankenhaus  starben  in  den  zwanzig
Jahren  von  1837  bis  1556  von  den  Ungeimpften  300/,,  von  den  Geimpften  60/,  ;  in  einer
anderen  Epidemie  starb  im  gleichen  Krankenhaus  das  fünfte  ungeimpfte  Weib,  der
seehste  ungeimpfte  Mann,  das  neunzehnte  geimpfte  Weib  nnd  der  zweiundvierzigste
geimpite  Mann.

Ieh  erlaube  mir,  Ihnen  noeh  die  Sterblichkeits-Verhältnisse  in  der
Preussischen  Armee  kurz  anzuführen,  in  der  bekanntlich  die  Revaceination
zwangsweise  eingeführt  ist  und  mit  grosser  Regelmässigkeit  durchgeführt  wird.  Es
starben  von  1825  bis  1834,  also  innerhalb  von  9  Jahren,  vor  Einführung  des  Revaeeinations-Zwanges
  496,  von  1835  bis  1867,  also  innerhalb  31  Jahre,  nach  Einführung
  der  Revaceination  starben  73.  In  der  unvollkommen  geimpften  Zivil-Bevölkerung
  Preussens  starben  von  1835  bis  1854  an  den  Pocken  ein  Menselı  auf  2300  bis
2500,  in  der  gnt  revaceinirten  Armee  desselben  Landes  dagegen  ein  Mann  auf  45  bis,
124,000  Menschen.

Ein  ganz  gleiches  Resultat  bieten  die  Armeen  von  Bayern,  Baden,
Württemberg,  von  Dänemark  undSchweden.  Zum  Schluss  will  ich  noch  das
Resultat  aus  dem  Pocken-Spital  zu  Hannover  anführen.  Es  betrug  wälırend  eines  Zeitraums
  von  1865  bis  1871  das  Sterblichkeits-Verhältniss  bei  den  Geimpften  4,9%,  bei
den  Ungeimpften  31,40%.  In  ganz  gleicher  Weise  finden  Sie  immer  und  immer  wieder
im  Grossen  und  Ganzen  dasselbe  Resultat,  wie  ich  es  mitgetheilt  abe.  Wenn  Sie  sich
nun  noeh  erinnern,  wie  die  Deutsche  Armee  ja  wie  gefeit  dureh  die  von  der  Seuehe
infizirten  feindlichen  Qnartiere  dahinschritt,  während  die  Französische  und  nusere
Deutsche  Zivil-Bevölkernng,  in  der  die  Kinder-Impfung  nicht  streng  und  die  Revaceination
  nicht  dnrehgefiihrt  ist,  ausserordentlich  davon  heimgesnelht  wurde,  dann  werden