Aus  der  zweiten  Lesung.  17

Sie  doch  wohl  kaum  noelı  einen  Zweifel  an  der  ausserordentlichen  Schutzkraft  der
Vaceination  und  Revacceination  haben.  In  der  That,  es  giebt  in  der  Medizin  wohl
keinen  Lehrsatz,,  der  so  streng  wissenschaftlich  begründet  und  erwiesen  ist,  wie  der
von  dem  Nutzen  der  Vaeeination  und  Revaceination.  Ausserdem  liegen  auch  noch
sanz  direkte  Versuche  von  dem  Italienisehen  Arzte  Saceo  vor,  die  ebenso  be-Stimmt
  diese  Schutzkraft  konstatiren.  Es  ist  wirklieh  mit  Händen  zu  greifen,  dass
überall,  in  London  wie  in  Paris,  in  Münehen  und  Stuttgart  wie  in  Dresden,  die  Seuche
ganz  genau  sich  an  die  Grenzen  gehalten  hat,  die  ihr  die  Impfung  und  Wieder-Impfung
gezogen  haben.  oo;
°  M.  H.,  welehe  Einreden  werden  nun  den  von  mir  mitgetheilten  Thatsachen,  die,  ieh
darf  wohl  sagen,  von  allen  medizinischen  Autoritäten  getheilt  werden,  entgegengestellt?
  Zunäehst  sagt  man,  und  namentlich  ist  das  auch  in  mehreren  Petitionen  ausgefiihrt:
  »ja,  es  ist  richtig,  die  Sterbliehkeit  hat  abgenommen  nach  Einführung  der  Vaecination«;
  aber  —  wir  haben  aus  dem  Munde  des  Abg.  für  Krefeld  es  gehört  —  »die
Senchen  kommen  und  gehen,  wir  haben  das  schon  öfter  erlebt.«  M.  H.,  als  aber  dann
unter  dem  Grabgeleute  von  Tausenden  an  den  Blattern  Gestorbener  in  den  letzten
Jahren  dieser  Ruf  verstummen  musste,  da  kamen  allerdings  die  Gegner  der  Vorlage
für  einen  Moment  in  Verlegenheit;  aber  karakteristisch,  die  Verlegenheit  dauerte  nieht
lange,  sie  kehrten  einfach  den  Spiess  um  und  sagten:  da  seht  ihr,  dass  eure  Impfung
absolut  nichts  hilft.  Nun  sehen  Sie  ganz  ab  von  Thatsaehen,  die  ich  vorhin  angeführt
habe,  bedenken  Sie  nur,  wie  ausserordentlieh  sorglos  in  vielen  Deutschen  Ländern  die
Impfung  vollzogen  wurde,  bedenken  Sie  namentlich,  dass  die  Revaceination,  mit  Ausnahme
  bei  dem  Militär,  nicht  eingeführt  war,  und  denken  Sie  dann  an  die  glänzenden
Resultate  der  Vaceination  und  Revaeecination  gerade  bei  dem  Militärstande,  so  fällt
doch  auch  dieser  Einwand  rein  in  sein  Nichts  dahin.

Dann  wird  uns  namentlich  in  den  Petitionen  entgegengehalten:  ja,  es  ist  die  Sterblichkeit
  an  den  Blattern  eine  geringere,  dafür  aber  ist  sie  an  anderen  Krankheiten,
namentlich  an  Masern,  Scharlaeh  und  anderen  Feinden  der  Kinderwelt,  eine  viel  grössere

eworden.
u  M.  H.,  zunächst  ist  hier  zu  bedenken,  dass  die  Blattern  seit  Einführung  der  Impfung
ein  viel  grösseres  Material  für  diese  anderen  Krankheiten  in  der  Kinderwelt  zurückgelassen
  haben,  dann  zweitens,  dass  die  Sterblichkeits-Ziffer  an  diesen  anderen  Krankheiten
  eine  unendlich  geringere,  gar  nicht  mit  der  Grösse  der  früher  dureh  die  Blattern
verursachten  Sterbliehkeit  zu  vergleichen  ist.

Man  hat  sich  nun  auch  berufen  auf  die  Statistik,  wie  sie  in  den  vorliegenden  Petitionen
  und  Broschüren  und,  wie  man  anführte,  von  einzelnen  in  Amt  und  Würden
stehenden  Autoritäten  dargestellt  wird,  von  Autoritäten,  die  von  dem  Abg.  Reimer  zu
den  Stellenjägern,  zu  denen  wir,  die  Freunde  des  Impf-Gesetzes,  ohne  Weiteres  von  ihm
gerechnet  werden,  wohl  nur  deshalb  nicht  gehören,  weil  sie  in  seinem  Sinne  sehreiben.
Es  liegt  vondem  Chef-Arzt  der  Oesterreichischen  Staats-Eisenbahnen  Dr.  Keller,  auf  den
sich  der  Abg.  für  Krefeld  berufen,  eine  Broschüre  vor,  die  sich  über  eine  kleine  Zahl
von  Fällen  verbreitet  und  auf  Grund  dieser  Zahl  beweisen  will,  dass  die  Impfung
nichts  nütze,  vielleicht  aueh  nichts  sehade.  Diese  Statistik  bekimmert  sieh  nur  um
die  Familien  der  Beamten  der  Oesterreichischen  Staats-Eisenbahnen,  nimmt  aber  gar
keine  Notiz  von  der  dazu  gehörigen  Bevölkerung.  Aber,  und  das  ist  vielleicht  dem
H.  Abg.  für  Krefeld  nieht  bekannt,  es  gehört  der  Verfasser  dieser  Broschüre  zu  denen,
die  auch  die  Existenz  der  Hundswuth  und  der  Syphilis  leugnen.  Er  unterscheidet  sich
dadurch  wesentlich  von  seinen  anderen  Freunden,  welehe  die  Syphilis  als  Folge  der
Impfung  betrachten.  Die  Syphilis  ist  nach  demselben  weiter  niehts  als  ein  Merkurialismus,
  eine  Quceksilber-Krankheit.  Und  welches  Vertrauen  diese  Angaben  verdienen,
werden  Sic  aus  folgender  Thatsache  erfahren,  dic  ich  ungern  hier  anführe,  die  ieh  aber
anführen  muss,  nachdem  man  sieh  cinmal  hier  auf  diese  Autorität  berufen  hat.  Ieh
sagte,  dieser  Chef-Arzt  derOesterreichischen  Staats-Eisenbahnen  leugnct  dic  Existenz  der
Syphilis,  er  erklärt,  sie  ist  eine  Folge  von  Quecksilber-Gebrauch.  Er  hat  vor  einigen
Jahren  eine  Broschüre  veröffentlicht,  in  der  er  angiebt,  er  habe  verschiedene  Spiegelfabriken
  in  Böhmen  besucht,  und  er  berichtet  nun  bis  in’s  Einzelne  hinein  über  die  verschiedenen
  Symptome,  die  er  bei  der  dortigen  Bevölkerung  gefunden  hat,  Symptome,
die  in  der  That  vollkommen  identisch  mit  den  in  Folge  der  Syphilis  anftreteuden  sind.
Nun  die  Medizin  ist  nieht  so  leichtgläubig,  sie  nimmt  keine  Angabe  unkontrolirt  hin,
und  so  fand  sieh  ein  äusserst  gewissenhafter  Beobachter  und  Forseher,,  Prof.  Biäumler
in  Erlangen.  Dicser  reiste  in  jene  entlegenen,  dem  Verkehre  entzogenen  Gegenden
hin,  um  dic  Angaben  des  ersten  Forschers  zu  kontroliren,  und  fand,  dass  diese  Angaben
beinalic  ohne  Ausnahme  in  unverantwortlieher  Weise  theils  oberflächlieh,  theils  unrie
  tig  waren;  er  fand,  dass  nicht  einınal  die  Ortsnamen  und  die  Entfernungen  der  Orte,
von  denen  der  Chef-Arzt  angiebt,  dass  er  sie  besueht  habe,  riehtig  angegeben  sind.

Reichs-Ges.  m.  Erläuter.  Tit.  XV,  Bd.  2.  2