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4.  Regentschaft.  1857  erkrankte  der  König,  und  da  er  kinderlos  war,  übernahm
  sein  Bruder  Wilhelm  für  ihn  unter  dem  Titel  „Prinz-Regent“  die  Regierung
bis  zum  Tode  des  Königs,  der  am  2.  Januar  1861  erfolgte.

39.  Wilhelm  I.  1861—1888.
a.  Wilhelm  als  Prinz.

1.  Jugend.  Wilhelm  wurde  am  22.  März  1797  geboren.  In  seinen  Knaben—
jahren  war  der  Prinz  sehr  schwächlich;  die  Mutter  hatte  oft  große  Sorge  um  ihn.  Die
Flucht  von  Königsberg  nach  Memel  1807  mitten  im  kalten  Winter  (S.  65)  hatte  seine
Gesundheit  so  sehr  angegriffen,  daß  er  lange  Zeit  nachher  das  Bett  hüten  mußte.
Im  Alter  von  13  Jahren  raubte  ihm  der  Tod  die  geliebte  Mutter;  das  erschütterte
ihn  tief.  Noch  als  Greis  ehrte  er  ihr  Andenken  bei  jeder  Gelegenheit.  Als  sein  Vater
1813  mit  dem  Kronprinzen  gegen  die  Franzosen  ins  Feld  rückte,  da  wäre  er  gar  zu
gern  mitgegangen,  aber  der  König  sagte:  „Du  bist  ja  so  schwächlich!  Du  kannst  nicht
mit!“  Der  Prinz  fügte  sich  und  blieb  zu  Hause.  Nach  der  Schlacht  bei  Leipzig  be—
suchte  er  seinen  Vater  im  Felde;  alle  seine  Kameraden  waren  inzwischen  aufgerückt.
Das  schmerzte  ihn.  Der  König  bemerkte  es  und  sagte:  „Auch  du  sollst  avancieren“.
„Aber  wie  kann  ich  mit  Ehren  avancieren“,  entgegnete  der  Prinz,  „da  ich  hinter  dem
Ofen  gesessen,  während  mein  Regiment  kämpfte!“  Kurze  Zeit  darauf  erhielt  er  die
Erlaubnis,  mit  in  den  Krieg  zu  ziehen.  Er  schloß  sich  jetzt  an  Blücher  an  und  rückte
mit  ihm  in  der  Neujahrsnacht  von  1813—14  über  den  Rhein.  Uberall  bewies  er
seinen  Mut  und  seine  Unerschrockenheit.  Einmal  schickte  ihn  der  König  während  einer
Schlacht  hin,  daß  er  ihm  den  Namen  eines  tapfern  Regiments  erkunde.  Unerschrocken
sprengte  er  fort  und  vollführte  den  Befehl  trotz  des  Kugelregens.  Später  zog  er  auch
mit  in  Paris  ein.

2.  Als  Soldat.  Familienleben.  Nach  dem  Freiheitskriege  widmete  sich  der
Prinz  ausschließlich  seinen  Soldatenpflichten,  und  als  „erster  Soldat“  des  Königs
leuchtete  er  als  ein  edles  Beispiel  treuer  Pflichterfüllung  bald  allen  voran.  Im
Jahre  1829  vermählte  er  sich  mit  der  Prinzessin  Augusta  von  Sachsen-Weimar.  In
stiller  Einfachheit  verlebte  das  prinzliche  Paar  seine  ersten  Jahre  meistens  in  Potsdam
  auf  Babelsberg.  Während  der  Prinz  seinen  Dienst  versah,  widmete  sich  die
Mutter  ganz  der  Erziehung  ihrer  beiden  Kinder,  des  nachmaligen  Kaisers  Friedrich  III.
und  der  Prinzessin  Luise  (jetzt  Großherzogin  von  Baden).  Als  1848  in  Berlin  der
Aufruhr  wogte,  da  richtete  sich  der  Haß  besonders  gegen  das  Militär  und  den,  der
die  eigentliche  Seele  der  Armee  war,  den  Prinzen  Wilhelm.  Der  König  riet  ihm
daher,  auf  einige  Zeit  nach  England  zu  gehen.  Der  Prinz  folgte  diesem  Rate.  Bald
nach  seiner  Rückkehr  übertrug  ihm  der  König  den  Oberbefehl  über  die  Armee,  die  mit
den  Reichstruppen  die  Ruhe  in  dem  aufrührerischen  Baden  wieder  herstellen  sollte.
In  sechs  Wochen  hatte  der  Prinz  diese  Aufgabe  gelöst.

b.  Wilhelm  I.  als  König.

1.  Krönung.  Nach  dem  Tode  Friedrich  Wilhelms  IV.  ließ  sich  Wilhelm  in  Königsberg
  zum  König  krönen.  Unter  ihm  erfüllte  sich  endlich,  was  des  Volkes  „Wunsch
und  Sehnen“  war.  Im  Verein  mit  willensstarken  Männern  wie  Bismarck,  Roon
und  Moltke  wurde  endlich  das  deutsche  Reich  unter  einem  Kaiser  wieder  geeint  (1871).

2.  Sorge  für  das  Heer.  Der  König  sah  ein,  daß  Preußen  nur  mit  Hilfe  einer
starken  Armee  eine  Achtung  gebietende  Stellung  einnehmen  könne.  Die  vorhandene
genügte  ihm  aber  nicht.  Er  war  der  Ansicht,  daß  sie  nicht  nur  vergrößert  werden
müsse,  sondern  auch  einer  Verbesserung  dringend  bedürftig  sei.  Vor  allem  war  es  ihm
um  allgemeine  Durchführung  der  Wehrpflicht  zu  thun.  Bis  dahin  konnte  aber  nicht