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hier  sollte  Napoleon  den  König  erwarten.  Der  König  erschien  nachmittags  um  2  Uhr.
Napoleon  ging  ihm  entgegen,  entblößte  sein  Haupt  und  verbeugte  sich  mit  tiefer  Ehrerbietung
  vor  dem  greisen  Sieger.  Dieser  schritt  in  würdiger  Haltung  auf  ihn  zu
und  reichte  ihm  die  Hand.  Dann  begab  er  sich  mit  seinem  Gefangenen  in  das  Gartenhaus
  und  unterhielt  sich  hier  etwa  1/4  Stunde  mit  ihm.  Am  folgenden  Tage  fuhr
Napoleon  nach  Cassel;  das  Schloß  Wilhelmshöhe  war  ihm  zum  Aufenthalte  angewiesen.
Außer  dem  Keiser  gerieten  der  Feldmarschall  Mac  Mahon,  viele  Generale  und  84  000
Mann  in  Gefangenschaft.  In  Paris  war  Napoleon  sofort  entthront  und  Frankreich
für  eine  Republik  erklärt  worden.  An  der  Spitze  der  neuen  Regierung  standen  Jules
Favre  und  Gambetta.  (Gedicht:  Des  deutschen  Knaben  Tischgebet.)

Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreichs.  18.  Januar  1871.

1.  Belagerung  von  Paris.  Von  Sedan  aus  eilte  der  Kronprinz  mit  seiner
Armee  sofort  nach  Paris.  Die  Stadt  selbst  ist  mit  einer  40  km  langen  Ringmauer
umgeben  und  außerdem  durch  viele  starke  Außenfestungen  geschützt.  Schon  am
19.  September  hatten  300000  Deutsche  in  einem  Umkreise  von  80  km  die  Riesenstadt
  umzingelt.  An  20000  Granaten  wurden  täglich  gegen  die  Stadt  geworfen,  und
an  verschiedenen  Orten  entstand  Feuer.  Schlimmer  aber  noch  war  der  Mangel  an
Lebensmitteln,  der  sich  bald  einstellte.  Schon  seit  Mitte  Dezember  war  Pferdefleisch
ein  Leckerbissen  geworden,  und  man  verschmähte  weder  Hunde  noch  Katzen,  ja,  nicht
einmal  Ratten.  Endlich  am  28.  Januar  ergab  sich  die  Stadt;  die  Besatzung  wurde
entwaffnet,  dazu  mußten  200  Mill.  Frank  Kriegskosten  gezahlt  werden.

2.  Uberall  Sieg.  Während  der  Belagerung  von  Paris  hatte  der  König  sein
Hauptquartier  in  dem  königlichen  Schlosse  zu  Versailles.  Fast  täglich  gingen  Nachrichten
  von  neuen  Siegen  ein.  Schon  am  27.  September  war  Straßburg  gefallen,
und  einen  Monat  später  mußte  sich  auch  Bazaine  mit  173000  Mann  in  Metz  ergeben.
  Gambetta,  der  vergeblich  versucht  hatte,  mit  seinen  Mobilgarden  Paris  zu  befreien,
  war  bei  Orleans  fast  vernichtet  worden.  Auch  die  Franktireurs  (Freischützen),
die  das  Land  durchstreiften  und  in  Wald  und  Feld  den  Deutschen  auflauerten,  konnten
Frankreich  nicht  mehr  retten.  Im  Norden  wie  im  Süden,  überall  drangen  die
Deutschen  siegreich  vor.  Frankreichs  Macht  war  gebrochen.

3.  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Die  gemeinsamen  Siege
aller  deutschen  Völker  hatten  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  lebhaft  geweckt;
überall  brach  das  Verlangen  nach  Einigkeit  mächtig  hervor.  Die  Fürsten  sowie  das
Volk  richteten  daher  an  Kaiser  Wilhelm  die  Bitte,  den  deutschen  Koaisertitel  anzunehmen.
  Der  König  erfüllte  den  Wunsch,  und  am  18.  Januar  1871  wurde  das  vor
mehr  als  60  Jahren  zusammengesunkene  deutsche  Reich  neu  errichtet.  Die  Feier,  in
der  König  Wilhelm  zum  „deutschen  Kaiser“  ausgerufen  ward,  fand  —  während  noch
vor  Paris  die  Kanonen  donnerten  —  im  Schlosse  zu  Versailles  statt.

Der  Kaiser  hat  das  Recht,  im  Namen  des  Reiches  den  Krieg  zu  erklären  und  Frieden
zu  schließen.  Ihm  zur  Seite  steht  der  Bundesrat.  Dieser  setzt  sich  aus  den  Vertretern
der  Bundesfürsten  zusammen.  An  der  Spitze  des  Bundesrats  steht  der  Reichskanzler.  Die
vom  Volke  gewählten  Vertreter  bilden  den  Reichstag,  der  die  Gesetze  sowie  die  Einnahmen
und  Ausgaben  des  Reiches  zu  beraten  und  festzustellen  hat.  Unter  dem  Oberbefehl  des
Kaisers  stehen  auch  die  Truppen  der  Einzelstaaten.  Strafgesetze,  Münzen,  Maße  und  Gewichte,
  sind  im  ganzen  Reiche  geeint  und  —  mit  Ausnahme  von  Bayern  und  Württemberg  —
auch  Post  und  Telegraphie.

4.  Friede.  Am  10.  Mai  erfolgte  der  Friede  zu  Frankfurt  a.  M.  Frankreich

mußte  das  Elsaß  und  den  deutschen  Teil  Lothringens  abtreten  und  4  Milliarden
(4000  Millionen)  4#  Kriegskosten  zahlen.