—  96  —

4.  Masuren.  Im  Süden  wird  die  Provinz  von  dem  nördlichen  Landrücken
durchzogen.  Er  trägt  hier  (wie  in  Westpreußen)  in  einer  Einsenkung  viele  Seen
und  wird  auch  die  preußische  Seenplatte  genannt.  Die  bedeutendsten  dieser
Seen  sind  der  Mauer-  und  der  Spirdingsee.  Hier  auf  dem  Landrücken  sind
wir  im  Lande  der  (zu  den  Polen  gehörigen)  Masuren.  Die  blauen,  waldumsäumten
  Seen  verleihen  der  Landschaft  einen  so  großen  Reiz,  daß  man  die
Umgebung  Lötzens  die  „masurische  Schweiz“  nennt.  Da  der  Boden  des
Höhenrückens  jedoch  vielfach  sehr  sandig  ist,  so  ist  er  größtenteils  mit  Kiefernwäldern
  bedeckt.  Am  bekanntesten  ist  die  100  km  lange  „Johannisburger  Heide“,
die  zuweilen  noch  von  Wölfen  und  Luchsen  (aus  Rußland)  aufgesucht  wird.

b.  Hrovinz  Westpreußen.  (26  T.  qkm  —  1,5  M.  E.  —  ¼  kath.)

1.  Die  Höhenplatte.  Durch  Westpreußen  zieht  sich  (wie  durch  Ostpreußen)
der  nördliche  Landrücken.  Er  wird  hier  von  der  Weichsel  durchbrochen  und  bildet
auf  jeder  Seite  des  Flusses  eine  seenreiche  Höhenplatte.  Auf  dem  südlichen  Abhange
der  westlichen  Höhenplatte  liegt  die  70  km  lange  „tuchelsche  Heide“.  Ihr
sandiger  Boden  ist  größtenteils  mit  Kiefern  bestanden.  Im  Norden  der  Höhenplatte
  liegt  das  Land  der  polnischen  Kaschuben.  Auch  hier  finden  sich  öde  Sandund
  Heidegegenden,  so  daß  Roggen,  Kartoffeln,  Buchweizen  u.  s.  w.  auf  den
Feldern  recht  kümmerlich  stehen.  Die  Bewohner  sind  daher  meist  arm.  Selbst  die
zahlreichen  Adeligen  und  Grafen  des  Landes  nähren  sich  durch  ihrer  Hände  Arbeit;
ja,  manche  von  ihnen  versehen  sogar  die  Dienste  eines  Knechtes  oder  Hirten.

2.  Das  Weichselthal.  Die  Weichsel  (S.  91)  tritt  oberhalb  der  bedeutenden
Grenzfestung  Thorn  in  Westpreußen  ein  und  durchbricht  alsdann  den  nördlichen
Landrücken.  Der  Boden  in  dem  hier  8—15  km  breiten  Weichselthale  besteht
durchweg  aus  Schwemmland.  Er  ist  daher  äußerst  fruchtbar.  Auf  den  Anhöhen
seitlich  vom  Weichselthale  (S.  91)  liegen  die  bedeutendsten  Städte  der  Provinz:
Thorn,  mit  einem  Denkmale  des  Kopernikus,  Graudenz,  ehemals  Festung,
Marienwerder,  dann  (an  der  Nogat)  Marienburg,  mit  dem  prachtvollen
Schlosse  der  Deutschritter,  und  südöstlich  der  Nogat-Mündung  Elbing.  An  der
Danziger  Weichsel  liegt  die  Festung  Danzig  (130  T.),  die  Hauptstadt  der  Provinz.
Sie  treibt  bedeutenden  Handel  mit  Getreide  und  Holz  aus  Polen.  (S.  91.)

3.  Die  Wetichselniederung  umfaßt  das  Deltaland  der  Weichsel.  Sie  ist  eine  ungemein
  fruchtbare  Ebene.  Der  Weizen  wird  daher  hier  mannshoch,  und  das  Gras
reicht  den  darin  weidenden  Rindern  bis  an  die  Brust.  Im  Frühlinge  schwillt  der
Strom  gewaltig  an.  Daher  sind  längs  der  Flußarme  zu  beiden  Seiten  7—8m
hohe  Deiche  errichtet,  um  das  Land  gegen  die  Hochflut  des  Frühjahrs  zu  schützen.
Nicht  selten  aber  geschieht  es,  daß  die  Weichsel  in  ihrem  südlichen  Laufe  bereits  aufgetaut
  ist,  während  sie  weiter  nach  Norden  noch  von  dickem  Eise  bedeckt  wird.  Dann
schieben  sich  die  Eisschollen  über=  und  untereinander  und  verstopfen  zuweilen  den
ganzen  Flußlauf.  Das  Wasser  staut  sich  daher  auf  und  überflutet  oder  durchbricht  die
Deiche.  Im  Jahre  1855  stürzten  die  hereinbrechenden  Fluten  mitten  in  zwei  dicht
am  Deiche  liegende  Dörfer  hinein.  Fast  sämtliche  Häuser  wurden  fortgerissen;  viele
Bewohner  ertranken  in  den  Fluten,  andre  erstarrten  auf  den  Eisschollen,  auf  denen
sie  Rettung  gesucht  hatten.  Die  fruchtbaren  Felder  aber  waren  auf  weite  Strecken
mit  hohen  Sandmassen  bedeckt  und  in  eine  Wüste  verwandelt  worden.  .

4.  Bei  Danzig  bildet  die  Ostsee  die  Danziger  Bucht.  Von  dieser  ist  durch
die  frische  Nehrung  das  frische  Haff  und  durch  die  Landzunge  Hela  das
Putziger  Wiek  abgeteilt.  Die  Landzunge  Hela  ist  etwa  45  km  lang  und  1—5  km
breit.  An  ihrer  Spitze  trägt  sie  den  Flecken  Hela.