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73.  Der  Weinstock  und  die  Reblaus.

1.  Der  Stamm  wird  bei  uns  höchstens  armesdick  und  muß  durch  Pfähle  oder
Spaliere  aufrecht  gehalten  werden.  In  wärmern  Gegenden  erreicht  er  jedoch  eine
solche  Stärke,  daß  man  Bretter  davon  schneiden  und  Möbel  daraus  anfertigen  kann.
So  findet  sich  z.  B.  in  Kalifornien  ein  Weinstock,  der  über  1  m  im  Durchmesser  hat.

2.  Reben,  Ranken  und  Blätter.  Jährlich  treibt  der  Weinstock  zahlreiche
Triebe,  Loden  oder  Schossen  genannt.  Diese  sind  anfangs  weich;  gegen  den  Herbst
verholzen  sie  und  werden  dann  Reben  genannt.  Ihre  Rinde  löst  sich  leicht  in
Streisen  ab.  (S.  186.)  An  den  Reben  sitzen  2—3teilige  Ranken.  Diese  tasten,
um  sich  festzuhalten,  mit  ihren  Endspitzen  nach  einem  Stützpunkte.  Jeder  Zweig  der
Ranke  dreht  sich  deshalb  in  etwa  67  Minuten  in  einem  Kreise  herum.  Trifft  er
dabei  eine  Stütze,  so  klammert  er  sich  an.  —  Die  Stellung  der  Blätter  richtet  sich
nach  der  Sonne.  Man  sieht  das  deutlich,  wenn  z.  B.  beim  Anbinden  der  Reben  die
Blätter  einmal  regellos  gestellt  sind  oder  ihre  Oberseite  nach  unten  gekehrt  wird.
Sie  drehen  sich  dann  bald  wieder  von  selbst  um,  und  in  wenig  Tagen  haben  sie
alle  ihre  Oberseite  wieder  der  Sonne  zugewendet.  Auch  die  tiefer  liegenden  stellen
sich  so,  daß  sie  möglichst  viel  Sonnenstrahlen  aufnehmen  können.  Das  gelingt  ihnen
um  so  besser,  als  sie  fünflappig  sind.  Sie  können  sich  nämlich  so  bequem  mit
ihren  Blattzipfeln  in  die  Ausschnitte  des  Nachbarblattes  schieben.

3.  Die  Blüten  sind  gelblich  grün.  Sie  locken  die  Insekten  weniger  durch
Farbe  als  durch  süßen  Duft  an.  Die  Blütenblätter  sind  oben  an  der  Spitze  verwachsen
  und  bedecken  Staubblätter,  Griffel  und  Honig  wie  eine  schützende  Mütze.  Ist
der  Blütenstaub  aber  reif,  so  strecken  sich  die  Staubblätter  und  stoßen  die  Mütze  ab.

4.  Frucht.  Jede  Weinbeere  enthält  im  Innern  zwei  harte,  in  Saft  gebettete
Samenkerne  und  ist  von  einer  grünen  oder  blauen  Schale  umschlossen.  Die  Größe
der  Beeren  ist  sehr  verschieden;  einige  Sorten  erreichen  nur  die  Größe  einer  Erbse,
andre  aber  sogar  die  einer  Pflaume.  Die  Ernte  der  Beeren,  die  „Weinlese“,  findet
vom  September  bis  November  statt.  Die  schönsten  Beeren  werden  einzeln  mit  der
Traubenscheere  abgeschnitten  und  allein  gesammelt.  Diese  sogenannte  „Auslese“  giebt
die  besten  Weine.  Getrocknete  Weinbeeren  heißen  „Rosinen“.  Die  Korinthen  stammen
aus  Griechenland  (Korinth)  von  einer  besondern  Spielart  des  Weinstocks,  deren  Frucht
keine  Kerne  erzeugt.  (Siehe  auch  S.  2111)

5.  Beschneiden.  Im  Herbste  und  Frühjahre  wird  der  Wein  beschnitten  und
von  allem  überflüssigen  Holze  befreit.  Trauben  bringen  nur  die  vorjährigen,  kräftigen
  Triebe.  Alle  Zweige  also,  die  schon  Früchte  getragen  haben,  sind  überflüssig
und  müssen  entfernt  werden,  da  sie  den  andern  Reben  nur  den  Saft  entziehen.
Auch  diesjährige  unfruchtbare  Reben  beseitigt  man.  Sobald  im  Frühlinge  der  Saftstrom
  gehörig  begonnen  hat,  darf  man  den  Wein  in  der  ersten  Zeit  nicht  beschneiden,
daer  sich  sonst  verblutet.  Etwa  8—14  Tage  nach  der  Blütezeit  „kappt“  der  Gärtner
alle  jungen  Reben  um  2—3  Blätter,  damit  die  Beeren  größer  und  saftreicher  werden.

6.  Die  Reblaus  ist  erst  vor  einigen  Jahrzehnten  mit  Reben  aus  Amerika
nach  Europa  gebracht  worden.  Sie  wird  im  ausgewachsenen  Zustande  1  mm  lang,
sieht  rötlich  aus  und  schmarotzt  ähnlich  wie  die  Blattlaus  an  der  Pflanze,  jedoch
nur  an  der  Wurzel.  Im  Herbste  legt  nämlich  das  Weibchen  in  der  Nähe  des
Erdbodens  unter  die  Rinde  der  Rebe  ein  „Winterei“,  aus  dem  im  Frühlinge  eine
eierlegende  Larve  hervorkriecht.  Die  Nachkommen  dieser  Larve  nähren  sich  von
dem  Safte  der  Wurzel.  Sie  saugen  ihn  in  so  massenhafter  Weise  auf,  daß  bald
darauf  die  Rebe  im  Innern  verfault.  In  Frankreich  hat  die  Reblaus  den  dritten
Teil  aller  Weinreben  vernichtet,  und  auch  in  Deutschland  hat  sie  stellenweise  (z.  B.  bei
Metz,  am  Rhein,  bei  Erfurt)  arg  gehaust.  (S.  auch  Erdkunde  S.  124!)