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        <title>Anschaulich-ausführliches Realienbuch.</title>
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            <forname>Ludwig</forname>
            <surname>Kahnmeyer</surname>
          </persName>
        </author>
        <author>
          <persName>Schulze</persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>kahnmeyer_realien_1900</idno>
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        Anschaulich-ausführliches

Realienbusch

enthaltend

Geschichte,  Erdkunde,  Aaturgeschichte,  Naturlehre
und  Chemie.

———  —  —

Für  die  Hand  der  Schüler

bearbeitet  von

T.  Kahnmeyer  u  H.  Schulze,

Schulinspektoren.

Ausgabe  B.  Mittlere  Ausgabe.

Viernudzwanzigste  neubearbeitete  Auflage.

Mit  vielen  Abbildungen.

Realienbuch  Nr.  14.  *  Jeder  Nachdruck  ist  verboten.
9

Ausgabe  für  Simultanschulen.

 

Freis  geb.  1  M.  25  A#f.

 

Bielefeld  und  Leipzig.
Verlag  von  Velhagen  &amp;amp;  Klasing.
1900.
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        Hohenzollernworte.

 

Friedrich  Wilhelm,  der  große  Kurfürst.  —  „Gott  meine  Stärke.“

Friedrich  I.  —  „Jedem  das  Seine.“

„Gleichwie  andere  Menschen  durch  Belohnungen  und  Strafen  der  höchsten
Obrigkeit  vom  Bösen  ab=  und  zum  Guten  angeführt  werden,  also  muß  solches
alleine  die  Furcht  Gottes  bei  großen  Fürsten,  über  welche  kein  menschliches
Gericht  Strafen  und  Belohnungen  erkennt,  aufwecken.“

Friedrich  Wilhelm  I.  —  „Zur  Arbeit  sind  die  Regenten  erkoren.“  —
„Gott  vor  alles  in  der  Welt  und  alles  mit  Gott.“

Friedrich  II.,  der  Große.  —  „Für  Ruhm  und  Vaterland.“

„Hätt  ich  mehr  als  ein  Leben,  ich  wollt'  es  für  mein  Vaterland  hingeben.“

„Der  Fürst  ist  nur  der  vornehmste  Diener  seines  Volkes.“

„Mein  Leben  ist  auf  der  Neige;  die  Zeit,  die  ich  noch  habe,  muß  ich
benutzen.  Sie  gehört  nicht  mir,  sondern  dem  Staate."

Friedrich  Wilhelm  II.  —  „Aufrichtig  und  standhaft.“

Friedrich  Wilhelm  III.  —  „Meine  Zeit  in  Unruhe,  meine  Hoff„
nung  in  Gott.“

„Meine  Sache  ist  die  Sache  meines  Volkes.“

„Ich  möchte  um  vieles  nicht  über  ein  Volk  herrschen,  welches  keine
Religion  hätte."“

Friedrich  Wilhelm  IV.  —  „Ich  und  mein  Haus,  wir  wollen  dem
Herrn  dienen!“

„Ein  freies  Volk  unter  einem  freien  Könige!  Das  ist  meine  Losung,
das  soll  sie  auch  bleiben,  so  lange  ich  atme.“

„Ich  gelobe,  mein  Regiment  in  der  Furcht  Gottes  und  in  der  Liebe  der
Menschen  zu  führen,  mit  offenen  Augen,  wenn  es  die  Bedürfnisse  meiner
Völker,  mit  geschlossenen,  wenn  es  die  Gerechtigkeit  gilt.“

Wilhelm  I.  —  „Gott  mit  unsl!"“

„Ich  achte  es  viel  höher,  geliebt  zu  sein,  als  gefürchtet  zu  werden."“

„Ich  bin  glücklich,  wenn  Preußens  Volk  glücklich  ist.“

„Meine  Hand  soll  das  Wohl  und  das  Recht  aller  in  allen  Schichten  der
Bevölkerung  hüten.“

„Ich  habe  keine  Zeit,  müde  zu  sein."“

Friedrich  III.  —  „Furchtlos  und  beharrlich.“

„Ich  bin  stolz  darauf,  Gut  und  Blut  einzusetzen  für  die  heiligsten  Güter
unseres  Vaterlandes."“  »  ·

„Ich  kenne  kein  anderes  Ziel  meines  Strebens,  als  das  Glück  und  die
Wohlfahrt  des  Vaterlandes.“

„Lerne  leiden,  ohne  zu  klagen.“

Wilhelm  II.  —  „Allweg  gut  Zollern!“
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        Inhaltsverzeichnis.

A.  Deutsche  Geschichte.
Seite
I.  Aus  der  Urzeit.
1.  Die  alten  Deutschen  1

II.  Die  Deutschen  im  Kampfe  mit
den  Römern.

2.  Kimbrer  und  Teutonen.
Cäsar  und  Ariovist.

3.  Hermann,  der  Befreier  der
Deutschen  ...

III.  Völkerwanderung,  Gründung

  des  Frankenreichs  und  Einführung

  des  Christentums  in
Deutschland.

4.  Die  Völkerwanderung  und
die  Hunnenschlacht
5.  Das  Frankenrch.  (Clodwig)
6.  Bonifatius,  der  Apostel!  der
Deutschen

7.  Gottesurteile
8.  Karl  der  Große

IV.  Gründung  der  deutschen
Kaisermacht.

9.  Die  Nachfolger  Karls  d.  Gr.  13
10.  Heinrich  1,  der  Finkler  .  14

ßcc  SD  —  C  □#

11.  Otto  der  Große  ..  .15
V.  Papst  und  Kaiser.

12.  Heinrich  VVV.  17
VI.  Die  Kreuzzüge  und  das
Rittertum.

13.  Der  erste  Kreuzzuig  19

14.  Die  spätern  Kreuzzüge.  Einfluß
  der  Kreuzzüge  auf  die
Kultur  21

15.  Friedrich  I.  (Barbarossa)  22

16.  Ritterleben  im  Mittelalter  24

17.  Rudolf  von  Labsburg  #206

18.  Maximilian  1I.  27

VII.  Leben  im  Mittelalter.  Erfindungen
  und  Entdeckungen.
19.  Städte  im  Mittelalter  29
20.  Lehnswesen.  Recht  u.  Gesetz  30
21.  Hexen  und  Hexenprozesse  31
22.  Erfindungen  im  Mittelalter  32
23.  Entdeckung  Amerikas  32

VIII.  Die  Kirchenspaltung  und
der  dreißigjährige  Krieg.

24.  Johann  Huß  33
25.  Die  Kirchentrennung  34
26.  Der  Bauer  im  Mittelalter
und  der  Bauernkrieg  36
27.  Karl  V.  und  der  *
kaldische  Krien  37

28.  Der  dreißigjährige  Krieg  39

IX.  Gründung  des  brandenburgpreußischen
  Staates.

29.  Die  Mark  Brandenburg  43
30.  Die  Hohenzollern  i.  d.  Mark  44
31.  Friedrich  Wilhelm  der  große
Kurfürst  1640—88  45
32.  Friedrich  I.  1688—1713.  49
33.  Friedr.  Wilhelm  I.  1713—40  50
34.  Friedrich  d.  Große  1740—86  53
a.  Jugend  53
b.  Die  beiden  ersten  schlesisch.
Kriege  1741/42  u.  1744/45  54
c.  Der  7jähr.  Krieg  1756—63  54
d.  Erste  Teilung  Polens  57

 

 

Seite

e.  Friedrich  als  Landesvater  57

f.  Friedrichs  Persönlichkeit,
letzte  Regierungszeit  u.  Tod  58

35.  Friedrich  Wilhelm  II.  1786
bis  1797  60

X.  Frankreich  und  Preußen
im  Kampfe.

36.  Die  französische  Revolution.
Napoleon  Bonaparte  60
37.  Friedrich  Wilhelm  III.(1797
bis  1840)  und  die  Helden
der  Befreiungskriege  62
a.  Friedrich  Wilhelm  III.  62
b.  Der  unglückliche  Krieg  19  1806

und  180717  63
c.  Blücher  64
d.  Königin  Luise  a.  b.  Flucht.
Friede  zu  Tilsit  65
e.  Neugestaltung  des  preuß.
Staates  .  65
f.  Dievescziungstriege.  1813
und  1815  67

XI.  Die  Einigung  Deutschlands.

38.  Friedrich  Wilhelm  IV.  1840
bis  18601  *
39.  Wilhelm  I.  1861—  1888  .  73
.Wilhelm  als  Prinz  .  .  73
Wilhelm  I.  als  König  73
Der  deutsch-dänische  Krieg
1864  74

.  Der  deutsche  Krichg  1866  74
Der  deutsch-frauzös.  Krieg
1870/71.  Die  Ursache  und
die  ersten  Siege  76
Die  Kämpfe  um  Metz.  76
Die  Schlacht  bei  Sedan.
1.  Sept.  1870.  ..  77
Wiederaufrichtung  d.  deutschen
  Kaiserreichs.  18.  Januar
  1871  .  79
f.  Wilhelm  I.  als  Kaiser  80
40.  Kaiser  Friedrich  III.  9.  März

GE

8.

bis  15.  Juni  1888  82
41.  Kaiser  Wilhelm:  II.  15.  Juni
1888  ..  83
B.  Erdkunde.
Deutschland.
I.  Allgemeines.
àa.  Die  deutschen  Meere  85
b.  Vodenbeschaffenheit  87
c.  Flüsse  91
d.  Kliinaa  94

II.  Die  Staaten  Deutschlands.
1.  Das  Königreich  Preußen.  94

a.  Provinz  Ostpreußen  94
b.  »  Westpreußen..96
c.  »  Pommern..97
d.  »  Polen....97
e.  »  Schlesien...98
k.  »  Brandenburg.99
g.  „  Sachsen  101
a  Schlesw.-Holst.  10
»  Hannover  103
k.  „  Hessen-Nassau  105
J.  „  Westfalen  106
m.  „  Rheinprovinz  .  108

 

Seite

2.  Die  norddeutsch.  Küstenstaaten  110
a.  Die  Großherzogtümer  Mecklenburg-Schwerin
  u.  Mecklenburg-Strelitz



b.  Das  Großherzogt.  Oldenburg



C.  Die  dreifreien?  Reichsstädte

Deutschlands

staaten

1

Königreich  Sachsen

.#'

a.  Königreich  Bayern

b.  Königreich  Württemberg

c.  Großherzogt.  Baden
d.  Großherzogt.  Hessen

7.  Das  Reichsland  Elsaß-Lothringen



8.  Die  Bewohner  D  Deutschlands
und  ihre  Beschäftigung

Europa.
A.  Allgemeines

B.  Außerdeutsche  bänder#  Europas


9.  Die  Schweitz
10.  Österreich-Ungarn
11.  Rußland.

12.  Schweden  und  Norwegen

13.  Dänemark

Die  süddeutschen  Staaten.

110
111

111

.  Die  norddeutschen  Binnen-112



Die  thüringischen  Staaten  113

115
117
117

118
118
119

119
119

120

121
121
122
125
126

128

14.  Großbritannien  und  Irland  129
15.  Die  Niederlande  oder  ooland


16.  Luxemburg
17.  Belgien
18.  Frankreich

19.  Die  KDerenäsche  Halbinsel
panien  und  Portugal  135

oder
20.  Italien
21.  Die  Balkanhalbinsel

Afien.

22.  Das  russische  Asien
23.  an

24.  Lie  asiatische  kürtei
25.  Arabien

26.  Vorderindien

27.  Hinterindien

28.  China

29.  Japan

Afrika.

30.  Agupten  .
31.  Abessinien

32.  Die  Berberei
33.  Die  Sahara
34.  Der  Sudan.
35.  Mittelafrika
36.  Südafrika

Amerika.
37.  Nordamerika

38.  Mittelamerika  und  Wellindien


39.  Südamerika

40.  Australien

41.  Das  Weltgebände
42.  Das  Meer

130
132
132
133

136
139

140
.  141
.  141

145
146
146
.  148

149
150
150
151
152
153
154
        <pb n="5" />
        C.  Naturgeschichte.

Seite
I.  Das  erste  Erwachen  #  des
Waldes  166
1.  Das  Scharbockskraut  .  16  6
2.  Das  Himmelsschlüsselchen
oder  die  Schlüsselblume  167
3.  Das  Buschwindröschen  (Anemone)
  168
4.  Das  wohlriechende  Veilchen  169
5.  Die  Pflanzenzelle  169
6.  Die  Nahrung  der  Pflanzen  170
7.  Das  Atmen  der  Pflanzen  171
8.  Schlußbetrachtung  171
II.  Der  Blumen=  und  Obstgarten
  im  Frühlinge  171
9.  Keimung  .172
10.  Die  Tulpe  ..  172
11.  Selbstbestäubung,  Fremdbestäubung
  und  Kreuzung  173
12.  Der  Kirschbam  173
13.  Knospen  174
14.  Der  Apfelbaum  174
15.  Veredelung  175
16.  Der  Stor  176
17.  Der  Maikäser  177
18.  Die  Biene  178
19.  Schlußbetrachtung  179
III.  Die  Wiese  im  Frühlinge  179
20.  Die  Sumpfdotterblume  180
21.  Blattgrün  (Chlorophyll)  180
22.  Das  Wiesenschaumkraut  181
23.  Fette  Ole  ..  181
24.  Das  gefleckte  Knabenkraut  182
25.  Bestäubung  durch  Ineekten  182
26.  Der  Storch  .  183
27.  Schlußbetrachtung  184
IV.  Der  Wald  zur  Maienzeit  184
28.  Waldluft  184
29.  Die  Kiefer  u.  ihre  Feinde.  I.  185
30.  Jahresringe  und  Rinde  186
31.  Die  Birke  186
32.  Saftströmung  .  187
33.  Die  Eiche  und  ihre  Bewohner.
  I.  187
34.  Der  Kuckuck,  ein  Waldhüter  188
35.  Schlußbetrachtung.  Griegsleben
  im  Walde)  190
V.  Im  Gemüsegarten  (Juni)  190
36.  Die  Erbse  und  der  Erbsenwickler
  190
Ein  verkannter  Freund  «
unsrer  Gemüsegärten:  die
graue  Kröte  .  191
VI.  Das  Feld  im  Juni  .  191
38.  Der  Roggen  192
39.  Bestellung  des  Ackers  u193
40.  Unkräuter  193
41.  Klee  und  Hummel  194
42.  Futterkräuter  .  194

Schtufbeirachtung  Freune
schaft  und  Feindschaft  unter
den  Pflanzen)  .

VII.  An  Wegen  und  Hecken
44.  Die  Hundsrose  u.  die  Nosen-43.



195

195

blattlaus.  I.  .  195
45.  Flüchtige  Ole  .  196
46.  Okulieren  .  .196
47.  Der  Holunder.  I  .197
48.  Schlußbetrachtung  197
VIII.  Am  Teiche  197
49.  Das  Vergißmeinnicht  .  198
50.  Die  (vielwurzelige)  Wasser-.

oder  Teichlinse  .  199

 

Seite
51.  Der  Teich-  oder  grüne
Wasserfrosch  199
52.  Schlußbetrachtung  201
IX.  Das  Feld  im  Sommer  201
53.  Der  Lein  oder  Flach  202
54.  Schmarotzer  203
55.  Die  Kartoffel  203
56.  Das  Verwelken  d.  Pfianzen  204
57.  Die  Zuckerrübe  204
58.  Giftpflanzen  .  .  205
59.  Schlußbetrachtung  206
X.  An  Tegen  und  Hecken  im
Herbste.  206
60.  Taubnessel  und  Biene  206
61.  Die  große  Brennessel  und
ihre  Gäste  206
62.  Der  Löwenzahn  207
63.  Ausbreitung  des  Samens  208
64.  Bewegungserscheinungen
bei  den  Pflanzen  208
65.  Hagebutten  und  Schlafäpfel.
  II.  209
66.  Der  Holunderstrauch  u.  sein
Gast,  das  Rotkehlchen.  II.  209
67.  Schlußbetrachtung  210
XI.  Der  Garten  im  Herbste  210
68.  Pflaumen  und  Pflaumenwickler
  210
69.  Reif,  Meltau  u.  Honigtau  211
70.  Kohlstrunku.  Kohlweißling  211
71.  Apfelfrucht,  Apfelwikler  u.
Brenner.  UI.  211
72.  Obstbaumpflege  212
73.  Der  Weinstock  und  die  Keeblaus
  213
74.  Schlußbetrachtung  214
XII.  Der  Wald  im  Herbste  215
75.  Die  Kiefer.  II.  215
76.  Die  Eiche.  II.  215
77.  Der  Fliegenpilz.  216
78.  Eßbare  Pile  216
79.  Schlußbetrachtung  (Blattabfall
  und  Streudecke)  216
XIII.  In  Haus  und  Hof  217
80.  Die  Hauskatze  217
81.  Der  HLund  218
82.  Das  Pferd  220
83.  Das  Hausrind  221
84.  Das  Hausschaf  222
85.  Der  Iltis  222
86.  Die  langohrige  Fledermauns
  223
87.  Das  Haushuhn  224
88.  Die  Schleiereule  225
89.  Die  Rauchschwalbe  .  226
90.  Der  Seidenspinner  228
91.  Schlußbetrachtung  228
XIV.  Garten  und  Feld  im
Winter  .  ..229
92.  Der  Maulwurf  229
93.  Der  Igel  231
94.  Der  Hase  .  232
95.  Der  Hamster  .  234
96.  Nebelkrähe,  Mabenrrähe  u.
Saatkrähe  .  234
97.  Die  Kohlmeise  .  235
98.  Fütterung  der  Vögel  im
Winter  236
99.  Der  Totengräber  236
100.  Die  Kreuzspinne  237
101.  Der  Thon  238
102.  Schlußbetrachtung  239
XV.  Der  Wald  im  Winter  240
103.  Der  Edelhirsch  240
104.  Das  Wildschwein  241

 

Seite
105.  Der  Fuchs  242
106.  Der  Wolf  2644
107.  Der  Edel=  oder  Baummarder
  245
108.  Das  kleine  Wiese  1.  246
109.  Der  Dachs  246
110.  Das  Eichhöruchen  246
111.  Der  Hühnerhabicht.  248
112.  Der  Buntspecht  248
113.  Die  gemeine  Eidechse  250
114.  Die  Kreuzotter  251
115.  Die  rote  Waldameise  252
116.  Der  dichte  Kalkstein  253
117.  Der  Thonschiefer  254,
118.  Schlußbetrachtung  254
XVI.  Der  Braun=  und  Steinkohlenwald.
  255

119.  Braunkohle  u.  Steinkohle
120.  Das  Steinöl  (Petroleum)

XVII.  Unsre  Gewässer  im

255
256

Winter  .  257
121.  Die  Hausente  .  257
122.  Die  europäische  Suwofschildkröte
  258
123.  Der  Flußaal  259
124.  Der  Flußkrebs  .  260
125.  Die  gemeine  Schlammschnecke
  261
126.  Der  Quarz  262
127.  Das  Kochsalzz  263
128.  Schlußbetrachtung  264
XVIII.  Im  Torfmoore  264
129.  Der  Torf  264
XIX.  Im  Gebirge  und  Felsen  264
130.  Das  Eisen.  264
131.  Der  Schwefel  265
132.  Das  Gol)lg.  266
133.  Das  Quecksilber  267
134.  Schlußbetrachtung  268
XX.  Im  Körper  von  Menschen
und  Tieren  268
135.  Der  gemeine  Vandwurm  268
136.  Die  Trichine  269
XXI.  Im  Meere.  269
137.  Der  grönländische  Walfisch  269
138.  Der  Menschenhai  271
139.  Der  Hering  271
XXII.  In  fremden  Ländern  273
140.  Der  Löwe  273
141.  Der  gemeine  Bär  274
142.  Das  Renntier  275
143.  Das  einhöckrige  Kamel
(Dromedar)  275
144.  Der  asiatische  Elefant  .  276
145.  Der  Orang-Utan  278
146.  Der  Strau  279
147.  Das  Nilkrokodil  280
148.  Die  Baumwolle  281
149.  Der  Reis  282
150.  Der  Kaffel  282
151.  Gewürzpflanzen  283

Einiges  über  den  Bau  des
menschlichen  Körpers

D.  Naturlehre.

283

A.  Gleichgewicht  u.  Bewegung
der  Körper  .  292
B.  Der  Schall  306
C.  Die  Wärme.  308
D.  Das  Licht  315
.  Der  Magnetismus  323
Elektricität  .  .324
E.  Chemie  331
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        A.  Deutsche  Geschichte.

I.  Aus  der  Urzeit.

1.  Die  alten  Deutschen.

1.  Land.  In  uralten  Zeiten  bedeckten  unermeßliche  Wälder  und  große  Sümpfe
unser  Vaterland.  Aus  den  Waldschluchten  stürzten  der  riesige  Ur  und  das  Elen  hervor,
  und  das  Geheul  der  Bären  und  Wölfe  ertönte  weithin  durch  die  Einsamkeit.
An  edlen  Fruchtbäumen  war  das  Land  arm,  aber  es  lieferte  wildes  Obst,  zahlreiche
Beeren,  schmackhafte  Rüben  und  große  Rettiche.

2.  Bewohner.  Die  alten  Deutschen  waren  ein  rauhes,  kernhaftes  Geschlecht.
Aus  den  trotzigen,  blauen  Augen  strahlte  Mut  und  Kühnheit.  Blondes  Haar  umwallte
  das  Haupt.  Um  die  Schulter  hing  das  Fell  eines  erbeuteten  Wildes;  später
trug  man  ein  leinenes  Untergewand  und  darüber  einen  Mantel  aus  grober  Wolle,  der
auf  der  Schulter  von  einer  Spange  oder  einem  Dorn  zusammengehalten  wurde.

3.  Wohnung.  Städte  hatten  die  alten  Deutschen  nicht;  denn  die  erschienen
ihnen  als  Gefängnisse.  Ihre  Wohnungen  lagen  einzeln;  jedes  Gehöft  war  von  dem
zugehörigen  Acker  umgeben.  Die  Häuser  wurden  aus  rohen  Baumstämmen  zusammengefügt,
  die  Fachwerke  mit  Rasen  und  Lehm  ausgefüllt  und  mit  roter  oder  gelber  Farbe
übertüncht.  Die  Dächer  waren  aus  Schilf,  Heidekraut  und  Gezweig  gefertigt.  Der
Hofraum  war  durch  Pfahlwerk  oder  Gräben  und  Wälle  abgeschlossen.

4.  Beschäftigung.  Ackerbau  gewährte  den  Männern  kein  Vergnügen  und
wurde  den  Frauen  und  Sklaven  überlassen.  Man  baute  nur  etwas  Hafer  und  Gerste.
Auf  Viehzucht  dagegen  verwandte  man  mehr  Fleiß,  und  stattliche  Herden  waren  der
Stolz  der  alten  Deutschen.  Ihre  größte  Lust  aber  war  Jagd  und  Krieg,  und  am
Schild  und  Speer  hingen  sie  mit  inniger  Verehrung.  Lieber  verloren  sie  ihr  Leben
als  den  Schild.

5.  Nahrung.  Einfach  war  ihre  Speise.  Sie  bestand  aus  Früchten,  Milch,  erlegtem
  Wild  und  Gemüse.  Aus  Gerstensaft  bereiteten  sie  eine  Art  Bier,  aus  Honig
Met.  Bei  den  Gastmahlen  ließen  sie  den  Becher  fröhlich  kreisen  und  sangen  dazu
Lieder,  worin  die  Heldenthaten  ihrer  Vorfahren  verherrlicht  wurden.

6.  Laster.  Leider  hielten  sie  beim  Trinken  nicht  immer  das  richtige  Maß  inne.
Bis  tief  in  die  Nacht  hinein  fand  man  sie  bei  ihren  Trinkgelagen.  Jedoch  wurde
hier  auch  manche  ernste  und  wichtige  Angelegenheit  besprochen,  der  gültige  Beschluß
aber  erst  am  folgenden  Tage  gefaßt.  Waren  Krieg  und  Jagd  vorbei,  so  lagen  sie
gern  behaglich  auf  der  Bärenhaut  und  überließen  sich  häufig  dem  Würfelspiel.  Dabei
verloren  sie  nicht  selten  Haus  und  Hos,  ja,  selbst  die  Freiheit,  ihr  kostbarstes  Gut.

7.  Tugenden.  Treu=  und  Wortbruch  fand  man  bei  den  alten  Deutschen  nicht.
Bei  ihnen  hieß  es:  Ein  Mann  —  ein  Wort.  Ein  Handschlag  galt  als  Eid.  Ebenso
heilig  ward  bei  ihnen  die  Ehe  gehalten.  Die  Frau  war  nicht  die  Sklavin  des
Mannes,  sondern  seine  treue  Genossin  in  Arbeit  und  Gefahr.  Gastfreundschaft
wurde  an  jedermann  geübt,  gleichviel  ob  er  ein  Fremder  oder  Bekannter  war.  Über
alles  aber  ging  den  Deutschen  ihre  Freiheitsliebe.

8.  Erziehung.  Die  Leibeskraft  wurde  schon  in  zartester  Jugend  gestählt.  Das
neugeborene  Kind  tauchte  man  in  kaltes  Wasser.  Der  heranwachsende  Knabe  begleitete
  den  Vater  auf  die  Jagd.  Zwischen  Schwertern  und  Lanzenspitzen  tanzte  der

Jüngling  nackt  umher  und  erwarb  sich  so  den  Beifall  des  zuschauenden  Volkes.  War
Realienbuch.  B.  1
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        —  2  —

der  Jüngling  dem  Knabenalter  entwachsen,  so  wurden  ihm  in  der  Volksversammlung
in  feierlicher  Weise  von  einem  Edlen  oder  vom  Vater  Schild  und  Speer  überreicht.

9.  Volkseinteilung.  Das  Volk  bestand  aus  Freien  und  Unfreien.  Zu  den
Freien  gehörten  die  Besitzer  von  Grund  und  Boden,  zu  den  Unfreien  die  Hörigen  und
Leibeigenen  (Sklaven).  Die  Hörigen  erhielten  von  einem  Freien  einige  Äcker  Landes
zur  Bewirtschaftung  und  mußten  ihm  dafür  Hand-  und  Spanndienste  (Frondienste)
leisten.  Die  vornehmsten  Geschlechter  bildeten  die  Adeligen  oder  Edelinge.  Sie  zeich—
neten  sich  vor  anderen  Freien  durch  ihren  großen  Besitz  aus.

10.  Kriegführung.  Drohte  dem  Lande  ein  Feind,  so  wurden  die  freien,  wehrhaften
  Männer  aller  Gaue  zu  den  Waffen  gerufen.  Sie  bildeten  den  Heerbann.  Der
tapferste  Edeling  wurde  zum  Anführer  (Herzog)  gewählt.  Die  Hauptwaffen  waren
Streitäxte  aus  Stein,  kurze  Schwerter,  Schild  und  Frime  (Spieß  mit  scharfer  Eisenspitze).
  Als  Helme  dienten  die  Felle  wilder  Tiere.  Rachen  und  Hörner  ragten  drohend
über  den  Kopf  hervor.

11.  Religion.  Der  oberste  Gott  der  alten  Deutschen  war  Wodan.  Ihn  dachten  sie
sich  einäugig,  wie  der  Himmel  ja  auch  nur  ein  Auge,  die  Sonne,  hat.  Auf  achtbeinigem
Roß,  bekleidet  mit  dem  grauen,  rotgeränderten  Wolkenhut  und  dem  blauen  Sturmmantel,
  fährt  er  durch  die  Luft.  (Wilde  Jäger.)  Zwei  Raben  bringen  ihm  Kunde
von  allem,  was  auf  der  Erde  geschieht;  zwei  hungrige  Wölfe  sind  seine  Jagdhunde.
Rosse  werden  ihm  geopfert,  ihre  Schädel  an  Bäume  genagelt.  Er  thront  in  der
hundertthorigen  Himmelsburg  Walhalla,  die  mit  goldenen  Schildern  und  Speerschäften
getäfelt  ist.  Hier  ist  der  selige  Aufenthalt  der  im  Kampfe  gefallenen  Helden.  Die
nicht  im  Kampfe  Gestorbenen  kommen  nach  Hel,  wo  die  Bösen  schreckliche  Qualen
erdulden  müssen.  —  Wodans  Gemahlin  hieß  Frigg  oder  Freia.  Sie  war  die  Göttin
der  Ehe  und  häuslichen  Ordnung.  Als  Göttin  der  Erde  wurde  sie  besonders  auf
Rügen  unter  dem  Namen  „Hertha“  verehrt.  Von  Freia  hat  der  Freitag  seinen  Namen
erhalten.  Der  mächtigste  Sohn  Wodans  war  der  Donnergott  Thor,  der  aus  seinem
roten  Barte  die  Blitze  blies.  Wenn  er  auf  seinem  Wagen,  der  von  zwei  Ziegenböcken
gezogen  wurde,  durch  die  Wolken  fuhr,  so  donnerte  es  auf  der  Erde.  Nach  ihm  wurde
der  Donnerstag  benannt.  Zwischen  Göttern  und  Menschen  gab  es  noch  ein  besonderes
Geister=  und  Dämonengeschlecht,  die  Riesen,  Zwerge,  Nixen,  Elfen  und  Kobolde,
die  in  Feld  und  Wald,  Luft  und  Wasser,  Haus  und  Hof  schalteten  und  walteten.

II.  Die  Deutschen  im  Kampfe  mit  den  Römern.

2.  Kimbrer  und  Teutonen.  Cäsar  und  Arionist.

1.  Die  Kimbrer  und  Teutonen.  In  Jütland  wohnte  vor  etwa  2000  Jahren
ein  germanischer  Volksstamm,  die  Kimbrer.  Da  das  Land  von  häufigen  Überschwemmungen
  zu  leiden  hatte,  so  wanderten  sie  aus  und  zogen  (113  v.  Chr.)  nach  Süden
bis  an  die  Grenze  des  römischen  Reichs.  (Das  römische  Reich  war  damals  das  größte
Weltreich.  Es  umfaßte  ganz  Südeuropa,  Nordafrika  und  Westasien.)  Der  römische
Konsul  wollte  ihnen  hier  einen  falschen  Weg  zeigen,  um  sie  zu  überlisten.  Sie  aber
sagten:  „Der  gerade  Weg  ist  der  beste.“  Dann  stürzten  sie  sich  auf  seine  Legionen
und  besiegten  sie.  Wider  Erwarten  zogen  sie  aber  nicht  nach  Rom,  sondern  nach
Gallien.  Hier  vereinigte  sich  mit  ihnen  noch  ein  zweites  germanisches  Volk,  die  Teutonen.
  Die  Römer  stellten  ihnen  noch  dreimal  ein  Heer  entgegen,  wurden  aber  jedesmal
  geschlagen.  Ganz  Rom  zitterte  vor  ihnen.  Da  das  Land  die  beiden  Völker  nicht
zu  ernähren  vermochte,  so  trennten  sie  sich  bald  wieder.  In  zwei  Heersäulen  wollten
sie  in  Italien  einfallen:  die  Teutonen  von  Westen  her  (bei  Genua),  die  Kimbrer  von
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        —  3  —

Norden  her.  Da  ward  der  römische  Feldherr  Marius  der  Retter  Roms.  Zuoerst
wandte  er  sich  gegen  die  Teutonen,  die  in  der  Rhone-Ebene  weilten.  Er  verschanzte  sein
Lager  und  gewöhnte  seine  Krieger  erst  an  den  Anblick  der  wilden  Gestalten.  Die
Teutonen  aber  hielten  sein  Zaudern  für  Furcht,  brachen  auf  und  zogen  6  Tage  lang
an  seinem  Lager  vorüber.  „Habt  ihr  etwas  in  Rom  an  eure  Weiber  zu  bestellen?“"
fragten  sie  spottend  die  Römer.  Diese  zogen  den  Teutonen  jetzt  nach  und  lagerten  sich
ihnen  gegenüber.  Als  die  römischen  Soldaten  über  Durst  klagten,  zeigte  Marius  auf
den  Fluß,  den  die  Feinde  besetzt  hielten,  und  sagte:  „Dort  unten  ist  ein  Trunk  für
Blut  zu  haben.“  Und  die  Troßknechte  eilten  hinunter,  Wasser  zu  holen.  Da  gerieten
sie  mit  den  Teutonen  in  Streit.  Am  folgenden  Tage  kam  es  zur  heißen  Schlacht.
Mehr  als  100000  Teutonen  sollen  hier  Leben  und  Freiheit  verloren  haben.  (102  v.
Chr.)  Auch  ihr  König  Teutobad  wurde  als  Gefangener  mit  fortgeführt.  Indessen
überstiegen  die  Kimbrer  die  schneebedeckten  Alpen.  Auf  der  Höhe  angekommen,  setzten
sie  sich  auf  ihre  Schilde  und  fuhren  jauchzend  den  Berg  hinunter.  In  der  Po-Ebene
(nicht  weit  von  Turin)  erwartete  sie  Marius.  Die  Kimbrer  bildeten  einen  5  km
langen  Haufen.  Die  vordersten  Reihen  hatten  sich  mit  Ketten  aneinander  gebunden.
Hinter  ihnen  saßen  ihre  Frauen  auf  einer  Wagenburg.  Trotz  aller  Tapferkeit  aber
wurden  die  Kimbrer  in  die  Flucht  geschlagen  oder  getötet.  Als  die  Frauen  den  Untergang
  ihrer  Männer  vor  Augen  sahen,  warfen  sie  ihre  Kinder  zur  Erde,  ließen  sie  von
den  Hufen  der  Tiere  und  den  Wagenrädern  zermalmen  und  gaben  sich  dann  selbst  den
Tod.  (101  v.  Chr.)

2.  Cäsar  und  Ariovist.  Zu  damaliger  Zeit  waren  die  Deutschen  noch  nicht
seßhaft.  Langsam,  aber  stetig  drangen  sie  nach  Westen  vor.  In  den  Thalgründen
weideten  sie  das  Vieh.  Mit  dem  Speere  durchstreiften  sie  die  endlosen  Wälder  nach
Jagdbeute.  Nur  selten  wurde  ein  Stück  Feld  bestellt.  —  Etwa  40  Jahre  nach  dem
Untergange  der  Kimbrer  und  Teutonen  waren  es  besonders  die  Sueben,  die  nach  dem
Nhein  zu  sich  vordrängten.  Unter  ihrem  Anführer  Ariovist  gingen  sie  sogar  auf  das
linke  Rheinufer  hinüber  und  unterwarfen  sich  das  nördliche  und  mittlere  Gallien.
Das  erweckte  den  Neid  der  Römer;  denn  Gallien  sollte  ihrem  Reiche  einverleibt  werden.
Mit  einem  mächtigen  Heere  rückte  ihr  Feldherr  Julius  Cäsar  in  das  obere  Elsaß  ein.
Ariovist  wich  ihm  anfangs  aus;  denn  die  weisen  Frauen  hatten  ihn  gewarnt,  den  Kampf
vor  dem  nächsten  Neumonde  zu  beginnen.  Nahe  bei  dem  heutigen  Mülhausen  kam  es
dann  endlich  zur  Schlacht.  Cäsar  siegte,  und  Ariovist  stürzte  mit  den  Seinen  in  wilder
Flucht  dem  Rhein  zu.  Er  selbst  entkam  auf  einem  Kahne,  starb  aber  bald  nachher  an
seinen  Wunden.  Viele  seiner  Krieger  wurden  erschlagen  oder  fanden  in  den  Fluten
ihren  Tod.  Fortan  bildete  der  Rhein  die  Grenze  zwischen  Gallien  und  Germanien.

5.  Dermann,  der  Befreier  der  Deutschen.  9  n.  Chr.

1.  Drusus  und  Tiberius.  Der  Kaiser  Augustus  faßte  den  Entschluß,  ganz
Deutschland  zu  unterwerfen.  Zuerst  eroberten  seine  beiden  Stiefsöhne,  Drusus  und
Tiberius,  den  südlichen  Teil  Deutschlands  bis  zur  Donau.  Am  Lech  gründeten  sie
Augsburg  (—=  Augustusburg).  Dann  ließ  Drusus  50  Burgen  (Köln,  Koblenz,  Trier  2c.
S.  5)  am  Rhein  anlegen  und  unternahm  von  hier  aus  4  Heereszüge  nach  Deutschland.
Zuletzt  drang  er  bis  zur  Elbe  vor.  Hier  stellte  sich  ihm  —  wie  die  Sage  berichtet  —
ein  riesenhaftes  Zauberweib  entgegen  und  sprach  drohend  zu  ihm:  „Wohin,  unersättlicher
  Drusus?  Es  ist  dir  nicht  beschieden,  alle  diese  Länder  zu  schauen;  kehre  um,
du  stehst  am  Ziele  deines  Lebens!“  Erschreckt  kehrte  Drusus  um;  beim  Übergang
über  die  Saale  stürzte  er  mit  dem  Pferde,  brach  ein  Bein  und  starb  bald  darauf.  —

1
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        —  4  —

Nun  setzte  sein  Bruder  Tiberius  sein  Werk  fort  und  unterjochte  durch  List  und  Verrat
alle  deutschen  Völker  zwischen  Rhein  und  Elbe.

2.  Barus.  Hierauf  schickte  der  Kaiser  Augustus  seinen  Feldherrn  Varus,  einen
harten,  geldgierigen  Mann,  als  Statthalter  nach  Deutschland.  Dieser  errichtete  an
der  Weser  ein  festes  Lager  und  behandelte  ganz  Norddeutschland  wie  eine  römische
Provinz.  Die  alten  Schiedsgerichte  hob  er  auf  und  setzte  römische  Richter  ein,  die
in  ihrer  Sprache  und  nach  ihrem  Gesetz  das  deutsche  Volk  richteten.  Auch  legte  er
Steuern  auf,  die  bis  dahin  kein  freier  Mann  gezahlt  hatte.  Wenn  er  durch  das  Land
zog,  ließ  er  nach  römischer  Weise  Beile  und  Rutenbündel  vor  sich  hertragen,  zum
Zeichen,  daß  er  Macht  über  Leben  und  Tod  habe.  Das  alles  erfüllte  die  Deutschen
mit  Ingrimm.

3.  Hermann.  Bald  kam  dem  bedrängten  Lande  ein  Retter;  das  war  Hermann,
der  Sohn  eines  Fürsten  der  Cherusker,  die  zwischen  Harz  und  Elbe  wohnten.  Er
hatte  die  Römer  häufig  auf  ihren  Kriegszügen  begleitet  und  so  die  römische  Kriegskunst
  erlernt.  Mit  tiefem  Schmerze  sah  er,  wie  sein  Volk  unter  der  Knechtschaft  seufzte.
Da  rief  er  heimlich  alle  Stammesfürsten  zusammen  und  verabredete  mit  ihnen  die  Befreiung
  des  Vaterlandes.

4.  Schlacht  im  Teutoburger  Walde.  Bald  darauf  erhielt  Barus  Kunde  von
dem  Aufstande  eines  deutschen  Stammes  an  der  Ems.  Das  war  so  geplant  worden,

 

 

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um  Varus  und  sein  Heer  recht  tief  in  die  Wälder  hineinzulocken.  Arglos  brach  er
aus  seinem  Lager  auf  und  zog  durch  den  dichten  Wald  an  der  Weser  hin.  Hier  aber
fiel  Hermann  mit  seinen  Truppen,  die  er  an  einem  bestimmten  Platze  bereit  gehalten
hatte,  plötzlich  aus  dem  Dickicht  des  Waldes  die  Römer  an.  Anfangs  schossen  sie  von
weitem  mit  ihren  Pfeilen,  dann  aber  rückten  sie  dicht  heran.  Der  Regen  floß  in  Strömen
herab,  die  Bogensehnen  der  Römer  erschlafften,  und  mit  ihren  schweren  Harnischen
sanken  sie  in  den  weichen  Boden  ein.  Desto  mutiger  waren  die  Deutschen.  Aus  jedem
Busche  drangen  sie  hervor,  von  jedem  Baume  schleuderten  sie  Speere  ohne  Zahl  auf  die
erschrockenen  Römer  herab.  Endlich  —  es  war  der  dritte  Tag  —  erreichten  diese  ein
offenes  Feld  westlich  von  Detmold.  Der  Kampf  begann  aufs  neue,  und  die  Römer
wurden  fast  gänzlich  vernichtet.  Als  Varus  sah,  daß  alles  verloren  war,  stürzte  er
sich  verzweiflungsvoll  in  sein  Schwert.  Augustus  aber,  von  dem  Ausgange  der
Schlacht  benachrichtigt,  zerriß  wehklagend  seine  Kleider,  rannte  wie  ein  Wahnsinniger
mit  dem  Kopfe  gegen  die  Wand  und  rief:  „Varus,  Varus,  gieb  mir  meine  Legionen
wieder!“  1875  ist  dem  Befreier  Deutschlands  auf  dem  Teutoburger  Walde,  unweit
Detmold,  ein  Denkmal  errichtet  worden.

5.  Einfluß  der  Römer  auf  die  Deutschen.  Die  Spuren  der  Römer  finden  wir  noch
heute  in  Deutschland.  So  sieht  man  z.  B.  in  der  Rhein-  und  Maingegend  noch  hin  und
wieder  die  Uberreste  eines  Pfahlgrabens  (Grenzwalles),  den  die  Römer  damals  an  der
Grenze  ihres  Besitzes  gezogen  haben.  Aus  den  Standlagern  der  Römer  entstanden  vielfach
Städte  (Trier,  Köln,  Worms,  Tanten,  Straßburg  u.  v.  a.).  Die  Städte  versah  man  nach
Art  der  Römer  mit  Abzugskanälen,  Wasserleitungen  und  öffentlichen  Bädern.  Die  Ufer
der  Mosel  und  des  Rheins  wurden  mit  Reben  bepflanzt  und  edlere  Obstbäume  von
Italien  aus  eingeführt.  Durch  die  Römer  lernte  man  auch  allerlei  feine  Gartenfrüchte  und
eine  bessere  Bestellung  des  Bodens  kennen.  Dazu  kam  noch  ein  lebhafter  Handel,  der  zwischen
beiden  Ländern  angebahnt  wurde.  Für  Sklaven,  Pferde,  Rinder,  Pelze,  Honig  u.  s.  w.
tauschten  die  Deutschen  Wein,  Zeuge,  Schmucksachen,  Waffen,  römisches  Geld  u.  s.  w.  ein.

III.  Völkerwanderung,  Gründung  des  Frankenreichs  und
Einführung  des  Christentums  in  Deutschland.

A.  Die  Völkerwanderung  und  die  Hunnenschlacht.

1.  Einfall  der  Hunnen.  Völkerwanderung.  Ums  Jahr  375  n.  Chr.
kamen  die  Hunnen,  ein  wildes  Reitervolk,  aus  den  Steppen  Asiens  nach  Europa.
Sie  hatten  hervorstehende  Backenknochen,  schiefgeschlitzte  Augen,  schwarzes,  struppiges
Haar,  gelbe  Gesichtsfarbe  und  waren  sehr  roh  und  grausam.  Bei  ihrem  Einfall  in
Europa  verdrängten  sie  zunächst  die  Alanen  (zwischen  Wolga  und  Don)  und  dann
die  Ost=  und  Westgoten  (durch  den  Dniester  getrennt).  Diese  Völker  verdrängten
wieder  andere,  und  so  entstand  eine  große  Bewegung  unter  fast  allen  Völkern  Europas,
die  an  200  Jahre  dauerte  und  mit  dem  Namen  „Völkerwanderung“  bezeichnet  wird.

2.  Alarich.  Um  das  Jahr  400  stand  an  der  Spitze  der  Westgoten  der  König
Alarich.  Dieser  machte  sich  mit  ihnen  auf  und  zog  nach  Italien.  Siegreich  rückte  er
bis  vor  die  Thore  der  Stadt  Rom.  Die  Römer  ergriff  Angst  und  Entsetzen;  denn  seit
400  Jahren  war  kein  Feind  der  Stadt  so  nahe  gekommen.  Bald  entstand  in  Rom
eine  entsetzliche  Hungersnot,  und  Hunderttausende  wurden  eine  Beute  des  Todes.  In
dieser  Not  schickte  der  Senat  zwei  Gesandte  an  Alarich  und  ließ  um  Frieden  bitten.  Aber
noch  prahlten  diese:  „Unzählbar  sind  unsere  Heere  und  in  den  Waffen  wohl  geübt.“"
Alarich  erwiderte  lachend:  „Je  dichter  das  Gras,  desto  leichter  das  Mähen.“  Diese
Antwort  machte  die  Gesandten  demütig,  und  sie  fragten:  „Was  willst  du  von  uns
haben?“  „All  euer  Gold  und  Silber,  alle  kostbaren  Gerätschaften,"  war  seine  Ant-
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        —  6  –

wort.  Und  als  die  Gesandten  weiter  fragten:  „Was  willst  du  uns  denn  lassen?“"  entgegnete
  er  stolz:  „Euer  Leben!“  Die  stolze  Stadt  mußte  sich  fügen  und  ihre  Freiheit
durch  große  Summen  erkaufen.  Dann  ging  Alarich  weiter  nach  Süden,  doch  schon
im  nächsten  Jahre  kam  er  wieder,  erstürmte  die  Stadt  und  zog  als  Sieger  ein.  Wohl
sanken  viele  Paläste  in  Asche,  doch  gegen  die  Bewohner  waren  seine  Goten  menschlich
gesinnt.  —  40000  deutsche  Sklaven  benutzten  diese  Gelegenheit,  sich  von  ihren
römischen  Herren  frei  zu  machen.  Nur  sechs  Tage  blieb  Alarich  in  der  Stadt;  dann
zog  er  mit  seinem  Heere  ab,  um  von  Sicilien  aus  nach  Afrika  überzusetzen.  Doch  er
kam  nur  bis  Cosenza  am  Busento.  Hier  starb  er  nach  kurzer  Krankheit,  erst  34  Jahr
alt.  (Gedicht:  Das  Grab  im  Busento.)

3.  Attila.  Der  mächtigste  König  der  Hunnen  war  Attila.  Er  lebte  um  die
Mitte  des  5.  Jahrhunderts  und  wohnte  im  heutigen  Ungarn.  In  einem  Dorfe
zwischen  der  Theiß  und  Donau  hatte  er  seine  Residenz.  Sein  Plan  war,  sich  ganz
Europa  zu  unterwerfen.  Deshalb  zog  er  mit  einer  halben  Million  Streiter  nach
Westen.  Seine  wilden  Scharen  kannten  kein  Erbarmen.  Weder  Mann  noch  Weib,
weder  Greis  noch  Kind  blieb  von  ihnen  verschont.  Die  Dörfer  und  Städte  wurden
in  Aschenhaufen  verwandelt,  die  Felder  verwüstet.  „Wohin  der  Huf  von  Attilas
Pferd  trat,  da  wuchs  kein  Gras  mehr“.  So  kam  er  durch  das  heutige  Ostreich  und
Bayern,  setzte  über  den  Rhein,  zerstörte  Worms,  Straßburg,  Metz  und  drang  bis  an
die  Loire  vor.  Furcht  und  Schrecken  ging  vor  ihm  her,  so  daß  er  vom  Volke  als
„Gottesgeißel“  angesehen  wurde.

4.  Die  Hunnenschlacht.  In  Frankreich  stellte  sich  den  Hunnen  ein  gewaltiges
Heer  entgegen;  es  war  aus  Römern,  Burgundern,  Westgoten  und  Franken  zusammengesetzt.
  An  einem  Herbsttage  451  kam  es  auf  den  catalaunischen  Feldern  zur  Schlacht.
Vom  frühen  Morgen  bis  zum  späten  Abend  dauerte  der  Kampf;  an  160  000  Leichen
bedeckten  das  Schlachtfeld.  Attila  wurde  vollständig  besiegt  und  zog  sich  nach  Ungarn
zurück.  Zwei  Jahre  darauf  starb  er.  Nach  seinem  Tode  zerfiel  sein  Reich,  und  die
Hunnen  kehrten  in  die  Steppen  Asiens  zurück.  Europa  war  vor  ihnen  gerettet.

5.  Das  Frankenreich  (Thlodwig).  500  n.  Chr.

1.  Gründung.  Unter  den  neuen  Reichen,  die  durch  die  Völkerwanderung
entstanden,  wurde  das  Frankenreich  bald  das  mächtigste.  Es  lag  im  nördlichen
Gallien  und  zu  beiden  Seiten  des  Niederrheins.  Ursprünglich  zerfielen  die  Franken
in  viele  einzelne  Stämme  mit  eigenen  Königen.  Diese  Stämme  vereinigte  der
Frankenkönig  Chlodwig  zu  einem  einzigen  großen  Reiche.  Chlodwig  war  ursprünglich
  Heide,  wurde  aber  später  Christ.  Über  seine  Bekehrung  erzählt  man:  Einst  zog
Chlodwig  gegen  seine  räuberischen  Nachbarn,  die  Alemannen,  in  den  Krieg.  Bei
Zülpich  (zwischen  Aachen  und  Bonn)  kam  es  zur  Schlacht.  Schon  neigte  sich  der
Sieg  auf  die  Seite  der  Alemannen.  Da  gedachte  Chlodwig  an  den  mächtigen  Christengott,
  von  dem  ihm  seine  Gemahlin  Chlothilde  (eine  Christin)  erzählt  hatte,  und  rief:
„Hilf  mir,  Jesus  Christus!  Ohnmächtig  sind  meine  Götter.  Wenn  du  mir  in  der
Not  beistehst,  will  ich  an  dich  glauben.“  Bald  darauf  wandten  sich  die  Alemannen
zur  Flucht.  Ihr  König  war  gefallen.  Chlodwig  verkündigte  seiner  Gemahlin  den
Sieg  mit  den  Worten:  „Chlodwig  hat  die  Alemannen  und  Chlothilde  den  Chlodwig
besiegt."“  Dann  ließ  er  sich  vom  Bischof  Remigius  unterrichten  und  empfing  am
Weihnachtstage  mit  noch  3000  edlen  Franken  zu  Reims  die  heilige  Taufe.  Von  da
an  breitete  sich  das  Christentum  im  Frankenreiche  schnell  aus.  .

2.  Lehnswesen.  Als  Chlodwig  das  Land  der  Alemannen  und  andrer  Feinde
seines  Reiches  erobert  hatte,  nahm  er  die  Ländereien  ihrer  Edelinge  größtenteils  als
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Königsgut  für  sich  in  Besitz  und  verwandelte  sie  in  Krongüter  (Domänen).  Da  er
aber  seine  Güter  nicht  alle  selbst  verwalten  konnte,  so  gab  er  sie  teilweise  seinen  Ge—
treuen  zur  Nutznießung,  ihm  aber  verblieb  das  Land  als  Eigentum.  So  entstanden
die  Lehen.  Der  Landesherr  hieß  Lehnsherr,  der  Belehnte  dagegen  Vasall,  Dienstoder
  Lehnsmann.  Dieser  behielt  gewöhnlich  das  Lehnsgut  auf  Lebenszeit  und  mußte
dafür  seinem  Lehnsherrn  in  jedem  Kampfe  Heeresfolge  leisten.

3.  Die  Nachfolger  Chlodwigs  regierten  in  seinem  Geiste  und  häuften  Schande
auf  Schande.  Sechs  Könige  kamen  in  40  Jahren  durch  Mord  und  Gift  um.  Zuletzt
versanken  die  Merowinger  immer  mehr  in  Trägheit  und  Genußsucht  und  waren  nur
noch  Schattenkönige.  Um  die  Regierung  kümmerten  sie  sich  nicht,  sondern  überließen
sie  dem  Hausmeier,  der  ihre  Güter  verwaltete.  Nur  einmal  im  Jahre  erschien  der
König  vor  dem  Volke  auf  dem  „Märzfelde“,  um  die  Geschenke  entgegenzunehmen,
die  ihm  das  Volk  darbringen  mußte.

4.  Karl  Martell.  Unter  den  Hausmeiern  zeichnete  sich  besonders  Karl  Martell
aus.  Zu  seiner  Zeit  drangen  die  Araber  aus  Spanien  in  Frankreich  ein,  um  ihre
Macht  und  ihre  Religion  immer  weiter  zu  verbreiten.

Etwa  100  Jahre  früher  (622  n.  Chr.)  war  nämlich  in  Mekka  durch  Muhamed  eine
neue  Religion,  die  muhamedanische,  gestiftet  worden.  Es  giebt  nur  einen  Gott,  so  lehrte
er,  und  Muhamed  ist  sein  Prophet.  Das  Schicksal  eines  jeden  Menschen  ist  im  voraus
von  Gott  bestimmt,  keiner  vermag  etwas  daran  zu  ändern.  Wer  in  der  Schlacht  fallen
soll,  der  fällt,  auch  wenn  er  dem  Kampfe  fernbleibt.  Gebet  führt  auf  halbem  Wege  dem
Herrn  entgegen,  Fasten  bis  an  die  Thür  seines  Hauses,  Almosen  öffnet  seine  Pforten,  das
Schwert  aber,  für  die  Sache  des  Herrn  gezogen,  führt  zur  höchsten  Glückseligkeit.  Der
Himmel  hat  sieben  Stufen,  über  der  siebenten  liegt  das  Paradies.  Schattenreiche  Gärten
mit  wohlschmeckenden  Früchten,  prächtige  Kleider  und  Pferde,  ausgesuchte  Speisen  und  Getränke,
  eine  Bedienung  von  80000  Sklaven  —  das  sind  die  Freuden,  die  den  frommen
Muselmann  erwarten.  Der  Genuß  des  Weins  und  des  Schweinefleisches  ist  den  Muhamedanern
  verboten.  Als  Tag  der  gemeinsamen  Gottesverehrung  wurde  der  Freitag  eingesetzt.
  Die  Lehren  Muhameds  wurden  nach  seinem  Tode  in  ein  Buch  niedergeschrieben,
das  den  Namen  Koran  führt;  die  Lehre  selbst  heißt  Islam,  ihre  Anhänger  nennt  man
Muselmänner,  die  Mönche  Derwische,  die  Bethäuser  Moscheen.

Muhamed  starb  632.  Seine  Nachfolger  (Kalifen)  suchten  nach  dem  Grundsatze  des
Propheten:  „Wen  das  Wort  nicht  bekehrt,  den  bekehre  das  Schwert!“  seine  Lehre  immer
weiter  auszubreiten.  Nachdem  sie  sich  Agypten  und  die  ganze  Nordküste  Afrikas  unterworfen
  hatten,  gingen  sie  von  hier  aus  nach  Spanien  und  begründeten  dort  ihre  Herrschaft.

Karl  stellte  sich  ihnen  entgegen  und  schlug  sie  in  einer  mörderischen  Schlacht  bei
Tours  ltuhr]  und  Poitiers  [poatjeh]  so  gewaltig  aufs  Haupt,  daß  ihrer  nur  sehr
wenige  entkamen.  (732.)  100  000  Sarazenen  bedeckten  das  Schlachtfeld.  Die

Christenheit  war  gerettet.  Wegen  seiner  Tapferkeit  erhielt  Karl  den  Beinamen  „Martell“,
  d.  i.  der  Hammer.

5.  Pipin  der  Kurze,  Karls  Sohn,  suchte  sich  zunächst  die  Freundschaft  des
Papstes  dadurch  zu  verschaffen,  daß  er  ihn  gegen  die  Angriffe  des  Longobardenkönigs
(in  Oberitalien)  schützte.  Bald  darauf  ließ  er  den  Papst  fragen:  „Ist  es  recht,  daß
derjenige  König  ist,  der  müßig  zu  Hause  sitzt,  oder  derjenige,  der  die  Mühen  und  Gefahren
  der  Regierung  trägt?"“  Der  Papst  antwortete,  wie  es  Pipin  erwartet  hatte:
„Der  die  Mühen  und  Gefahren  der  Regierung  trägt.“  Da  ließ  Pipin  dem  letzten
Merowinger,  Childerich  III.,  die  langen  Locken  abscheren  und  ihn  in  ein  HKloster
stecken.  Er  selbst  aber  wurde  im  Auftrage  des  Papstes  vom  Erzbischof  Bonifatius
(S.  8)  zum  König  der  Franken  gesalbt.  Zum  Danke  dafür  schenkte  Pipin  dem
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Papste  ein  Stück  Land  in  Italien,  aus  dem  sich  später  der  Kirchenstaat  entwickelte.
(Gedicht:  Pipin  der  Kurze.)

6.  Bonifatius,  der  Apostel  der  Deutschen.  754.

1.  Herkunft.  Schon  im  6.  u.  7.  Jahrhundert  brachten  Boten  aus  Irland  das
Evangelium  nach  Deutschland.  Sie  gingen  zu  den  Alemannen,  Franken  (am  Main)
und  Bayern  und  bekehrten  sie.  Die  Friesen,  Hessen  und  Thüringer  aber  blieben  noch
Heiden.  Zu  ihnen  kam  aus  England  der  Missionar  Winfried,  später  Bonifatius,  d.  i.
der  Glückliche,  genannt.  Er  war  von  vornehmer  Abkunft.  Seine  Eltern  hätten  gern
gesehen,  wenn  er  einen  Beruf  gewählt  hätte,  der  ihm  Glanz  und  Ansehen  verschaffte.
Er  aber  hatte  schon  als  Knabe  große  Vorliebe  für  den  geistlichen  Stand  und  ging
frühzeitig  ins  Kloster,  um  dann  später  Missionar  zu  werden.

2.  Die  Eiche  bei  Geismar.  Zuerst  ging  Bonifatius  zu  den  Friesen  an  der
Nordseeküste.  Dort  konnte  er  aber  wenig  ausrichten,  deshalb  begab  er  sich  später
zu  den  Hessen  und  Thüringern.  Bei  dem  Dorfe  Geismar  in  Hessen  fand  er  eine
uralte,  mächtig  große  Eiche.  Diese  war  dem  Donnergotte  Thor  geheiligt  und  galt
für  unverletzlich.  Kühn  ergriff  Bonifatius  die  Axt  und  begann,  die  Eiche  niederzuhauen.
  In  banger  Erwartung  umstanden  ihn  die  Hessen.  Aber  kein  Blitzstrahl  zuckte
hernieder,  den  Frevler  zu  zerschmettern.  Krachend  stürzte  die  Eiche  zu  Boden.  Nun
erkannte  das  Volk  die  Ohnmacht  seiner  Götter  und  nahm  willig  die  Lehren  des
Christentums  an.  Auf  der  Stelle,  wo  die  Eiche  gestanden,  errichtete  Bonifatius  ein
Kreuz,  und  aus  dem  Holze  des  Baumes  ließ  er  eine  Kapelle  bauen.
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3.  Erzbischof.  Mit  mehreren  Gehilfen  zog  Bonifatius  nun  von  Land  zu  Land
und  suchte,  die  Lehre  Christi  auszubreiten.  Uberall  fielen  die  Götzenbilder,  und
Kirchen  und  Klöster  traten  an  ihre  Stelle.  Auch  das  Kloster  Fulda  ist  von  Bonifatius
  gegründet  worden.  Für  seinen  Eifer  ernannte  ihn  der  Papst  zum  Erzbischof
von  Mainz.

4.  Tod.  Als  74jähriger  Greis  ging  Bonifatius  noch  einmal  zu  den  Friesen,
um  ihnen  das  Evangelium  zu  predigen.  Zum  Pfingstfest  hatte  er  alle  Neubekehrten
zu  sich  eingeladen.  In  einem  Zelte  erwartete  er  sie.  Aber  kaum  graute  der  Tag,  da
erschien  eine  Schar  wilder  Heiden,  die  mit  geschwungener  Keule  auf  das  Zelt  zustürzten.
  Die  Begleiter  des  Bonifatius  griffen  schnell  zu  den  Waffen,  um  das  Haupt
ihres  geliebten  Lehrers  zu  schützen.  Er  aber  rief  ihnen  zu:  „Lasset  ab  vom  Kampfe;
vergeltet  nicht  Böses  mit  Bösem.  Hoffet  auf  den  Herrn,  er  wird  eure  Seele  erretten."
Mit  wildem  Geheul  stürzten  die  Feinde  herein  und  streckten  ihn  und  seine  Begleiter
nieder.  Seine  Leiche  wurde  nach  dem  Kloster  Fulda  gebracht.

7.  Gottesurteile.

1.  Wasserprobe.  Wenn  es  dem  Richter  nicht  gelingen  wollte,  Schuld  oder  Unschuld
  eines  Angeklagten  festzustellen,  so  griff  er  —  besonders  bei  Frauen  und  Sklaven
  —  zum  Gottesurteil.  Man  glaubte  nämlich,  daß  Gott  den  Unschuldigen  in
seinen  Schutz  nehmen  und  zu  dessen  Gunsten  die  Naturgesetze  aufheben  werde.  Das
am  häufigsten  angewandte  Gottesurteil  war  die  Probe  des  heißen  Wassers.  Bei
dieser  wurde  ein  Stein  an  einer  Schnur  in  einen  Kessel  mit  siedendem  Wasser  gehalten.
  Der  Verklagte  mußte  diesen  Stein  mit  bloßen  Armen  herausheben.  Zeigte
der  Arm  nach  drei  Tagen  Brandwunden,  so  war  damit  die  Schuld  bewiesen.

2.  Feuerprobe.  Eine  andere  häufig  angewandte  Probe  war  die  Feuerprobe.
Dabei  mußte  der  Verklagte  über  6,  9  oder  12  glühende  Pflugschare  mit  bloßen  Füßen
hinwegschreiten,  oder  ein  glühendes  Eisen  eine  Strecke  weit  in  der  bloßen  Hand  forttragen.
  Verbrannte  er  sich  dabei,  so  galt  er  für  schuldig  und  hatte  meistens  eine
qualvolle  Todesstrafe  zu  erleiden.

3.  Bahrrecht.  Bei  einem  Morde  wurde  gewöhnlich  das  Bahrrecht  angewandt.
Der  des  Mordes  Verdächtige  mußte  dabei  an  die  auf  einer  Bahre  liegende  Leiche
herantreten  und  mit  der  Hand  einigemal  die  Wunden  des  Erschlagenen  berühren.
Fingen  hierbei  die  Wunden  an  zu  bluten  oder  zeigte  sich  Schaum  vor  dem  Munde
des  Toten,  so  galt  der  Angeklagte  für  schuldig.

8.  Karl  der  Große.  768—814.

1.  Bedeutung.  Unter  den  Fürsten  des  Frankenlandes  nimmt  Karl  d.  Gr.,
Pipins  des  Kurzen  Sohn,  die  hervorragendste  Stelle  ein.  Sein  Ziel  war,  alle
deutschen  Stämme  zu  einem  Reiche  zu  vereinigen  und  in  diesem  Reiche  die  christliche
Kirche  zur  Herrschaft  zu  bringen.  Zu  seiner  Zeit  waren  es  von  allen  deutschen
Völkern  nur  noch  die  Sachsen,  die  als  Heiden  in  alter  Selbständigkeit  fortlebten.  Als
seine  Hauptaufgabe  betrachtete  er  es  daher,  dieses  Land  seinem  Reiche  einzuverleiben
und  die  Bewohner  für  das  Christentum  zu  gewinnen.  —  In  seiner  Gesinnung  war
Karl  durch  und  durch  deutsch,  und  daher  lebt  er  in  Sagen  und  Liedern  als  ein  echt
deutscher  Mann  fort.

2.  Karls  Person  und  rastlose  Thätigkeit.  Karl  der  Große  war  von  stattlich
hoher  Gestalt.  Er  maf  sieben  seiner  Fußlängen  und  besaß  eine  riesenhafte  Stärke.
Feine,  ausländische  Kleidung  mochte  er  nicht  leiden.  Am  liebsten  ging  er  in  Kleidern,
die  ihm  seine  Gemahlin  oder  seine  Töchter  gesponnen  und  gewoben  hatten.  Nur  bei
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feierlichen  Gelegenheiten  erschien  er  im  königlichen  Schmucke,  auf  dem  Haupte  die  von
Gold  und  Diamanten  strahlende  Krone.  „Unausgesetzt  war  Karl  mit  den  Angelegenheiten
  seines  Reichs  beschäftigt.  Oft  stand  er  des  Nachts  4—hmal  von  seinem  Lager
auf  und  wandte  sich  seinen  Arbeiten  zu.  Selbst  beim  Ankleiden  verhandelte  er  von  Geschäften
  mit  seinen  Räten  oder  ließ  Parteien  vor,  die  seinen  Richterspruch  suchten.
Beim  Mahle  ließ  er  sich  geschichtliche  oder  erbauliche  Schriften  vorlesen;  keine  Stunde
verstrich  ungenutzt.“  —

3.  Frömmigkeit.  Die  Kirche  besuchte  Karl  nicht  nur  frühmorgens,  sondern
nicht  selten  auch  nachmittags  und  abends.  Er  sorgte  dafür,  daß  die  Gemeinden  tüchtige
  Geistliche  und  Bischöfs  bekamen,  baute  Kirchen  und  schmückte  sie  mit  Heiligenbildern
  würdig  aus.  Zur  Verherrlichung  des  Kirchengesanges  ließ  er  Sänger  und
Orgelspieler  aus  Italien  kommen;  denn  seine  Franken  sangen  schlecht,  und  wenn  sie
ihre  rauhe  Stimme  ertönen  ließen,  so  klang  es,  wie  wenn  ein  schwerer  Lastwagen
über  einen  holprigen  Knüppeldamm  dahinrasselt.

4.  Wie  Karl  schreiben  lernt.  Zu  Karls  Zeiten  erachtete  es  der  freie  Mann
noch  für  unwürdig,  sich  mit  Lesen  und  Schreiben  zu  beschäftigen.  Selbst  die  Fürstensöhne
  jener  Zeit  blieben  meist  ohne  alle  Bildung.  Auch  Karl  hatte  in  seiner  Jugend
wenig  Gelegenheit  zum  Lernen  gehabt.  Schreiben  lernte  er  erst  im  Mannesalter.  Er
hatte  deshalb  immer  eine  Schreibtafel  von  Wachs  unter  dem  Kopfkissen  liegen,  und
nachts,  wenn  er  nicht  schlafen  konnte,  zog  er  sie  hervor  und  übte  die  schwertgewohnte
Hand  im  Führen  des  leichten  Griffels.  Doch  brachte  er  es  in  der  Kunst  des  Schreibens
nicht  mehr  sehr  weit;  denn  die  meisten  seiner  Unterschriften  bestanden  nur  aus  einem
im  Viereck  gezogenen  Strich.

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5.  In  der  Schule.  Am  Hofe  Karls  sollte  keiner  zu  finden  sein,  der  nicht  lesen
und  schreiben  könnte.  Deshalb  berief  er  gelehrte  Männer  zu  sich  und  errichtete  eine
Schule  an  seinem  Hofe,  worin  die  Kinder  seiner  Diener,  sowohl  der  hohen  als  der
niedern,  unterrichtet  wurden.  Einst  besuchte  er  diese  Schule.  Da  bemerkte  er,  daß
die  Kinder  der  Vornehmen  den  Kindern  der  Geringen  an  Fleiß  weit  nachstanden.  Darüber
  ward  er  zornig.  Er  ließ  die  Faulen  zu  seiner  Linken  und  die  Fleißigen  zu  seiner
Rechten  antreten  und  sprach  dann  zu  den  fleißigen  Schülern:  „Ich  freue  mich,  daß
ihr  so  gute  Fortschritte  macht.  Fahret  so  fort  —  und  ich  werde  euch  gar  herrliche  Bistümer
  und  Klöster  geben.“  Dann  aber  wandte  er  sich  zürnend  zu  den  Faulen  und
sprach:  „Ihr  aber,  ihr  Hochgeborenen,  ihr  Fürstensöhne,  die  ihr  traut  auf  eure  Abkunft
  und  euern  Reichtum,  ihr  habt  die  Zeit  mit  Spiel  und  Nichtsthun  verbracht.
Beim  Herrn  des  Himmels!  Ich  gebe  nicht  viel  auf  euern  Adel  und  euer  schönes  Aussehen.
  Wenn  ihr  nicht  eiligst  eure  Nachlässigkeit  durch  Anstrengung  wieder  gut  macht,
so  habt  ihr  von  mir  nie  etwas  Gutes  zu  erwarten.“

6.  Der  Heerbann.  In  Kriegszeiten  ließ  Karl  den  Heerbann  aufbieten.  Dazu
gehörten  einmal  alle  Lehnsleute  des  Kaisers  (Grafen,  Bischöfe  2c.)  und  sodann  alle
freien  Männer,  die  wenigstens  4  Hufen  (—  3000  a)  Land  als  Eigentum  besaßen.  Auf
Befehl  des  Kaisers  mußten  sie  mit  ihrem  Gefolge  erscheinen.  Für  ihre  Ausrüstung
hatten  sie  selbst  zu  sorgen,  auch  sollten  sie  sich  auf  drei  Monate  mit  Lebensmitteln  versorgen.
  In  einem  Schreiben  Karls  an  einen  Abt  heißt  es:

„Wir  gebieten  dir,  dich  am  17.  Juni  in  Staßfurt  an  der  Bode  als  dem  festgesetzten
Sammelorte  pünktlich  einzufinden.  Du  sollst  aber  mit  deinen  Leuten  so  vorbereitet  dahin
kommen,  daß  du  von  da  schlagfertig  ziehen  kannst,  nämlich  mit  Waffen  und  Gerät  und
andern  Kriegserfordernissen  an  Lebensmitteln  und  Kleidern,  daß  jeder  Reiter  Schild  und
Lanze,  ein  zweihändiges  und  ein  kurzes  Schwert,  Bogen  und  Köcher  mit  Pfeilen  habe.
Dann,  daß  ihr  habet  auf  euren  Wagen:  Hacken,  Keile,  Mauerbohrer,  Axte,  Grabscheite,
eiserne  Schaufeln  und  was  sonst  im  Kriege  nötig  ist.  Die  Wagenvorräte  müssen  vom
Sammelplatze  an  auf  drei  Monate  reichen,  Waffen  und  Kleider  auf  ein  halbes  Jahr.  Insbesondere
  aber  gebieten  wir  euch,  wohl  darauf  zu  achten,  daß  ihr  in  guter  Ordnung  zu
dem  angegebenen  Orte  ziehet  und  ihr  euch  nicht  unterstehet,  irgend  etwas  zu  nehmen,  außer
Futter  für  das  Vieh  und  Holz  und  Wasser.“

7.  Krieg  mit  den  Longobarden.  774.  Anfangs  regierte  Karl  mit  seinem  Bruder
  Karlmann  zusammen.  Als  aber  dieser  starb,  nahm  er  das  ganze  Frankenland
allein  in  Besitz.  Die  Witwe  Karlmanns  floh  nun  mit  ihren  Söhnen  zu  ihrem  Vater
Desiderius,  dem  König  der  Longobarden.  Dieser  verlangte  vom  Papste  Hadrian,
daß  er  seine  Enkel  zu  Königen  über  das  Frankenreich  salbe.  Da  sich  jedoch  der  Papst
weigerte,  überzog  ihn  Desiderius  mit  Krieg  und  nahm  ihm  das  Stück  Land  weg,  das
ihm  Pipin  geschenkt  hatte.  Der  Papst  rief  in  seiner  Not  Karl  um  Hilfe  an,  und  dieser
zog  mit  einem  Heere  über  die  Alpen.  Dann  belagerte  er  den  Desiderius  in  Pavia,
nahm  ihn  gefangen  und  schickte  ihn  in  ein  Kloster.  Was  aus  Karlmanns  Söhnen  geworden
  ist,  weiß  man  nicht.  Nachdem  Karl  dem  Papste  die  Schenkung  Pipins  bestätigt
  hatte,  setzte  er  sich  die  „eiserne“  Krone  der  Longobarden  aufs  Haupt.

8.  Die  Sachsen  wohnten  an  der  Grenze  des  Frankenlandes,  zwischen  Rhein  und
Elbe.  Ihr  kostbarstes  Gut  war  die  Freiheit.  „Sie  haben  nie  Könige  gehabt,  sondern
sie  lebten  wie  die  alten  Germanen  in  freien  Gemeinden  unter  ihren  Grafen  und
Edelingen.  Nur  im  Kriege  vereinten  sie  sich  unter  freigewählten  Herzögen.“  Die
Grenze  zwischen  den  Sachsen  und  den  Franken  aber  zog  sich  meist  in  der  Ebene  hin
und  war  nicht  genau  festgesetzt.  Da  wollten  denn  Raub,  Mord  und  Brand  auf  beiden
Seiten  kein  Ende  nehmen.  Karl  beschloß  daher,  die  Sachsen  zu  unterwerfen.  Von
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        —  12  —

beiden  Seiten  wurde  der  Krieg  mit  großer  Erbitterung  geführt.  Die  Sachsen  stritten
für  Wodan  und  ihre  Freiheit,  die  Franken  für  das  Kreuz  und  ihre  Weltherrschaft.

9.  Der  Sachsenkrieg.  Mit  einem  wohlgerüsteten  Heere  zog  Karl  772  ins
Sachsenland  und  verwüstete  alles  mit  Feuer  und  Schwert.  Auch  zerstörte  er  hier  die
Feste  Eresburg  mit  der  Irminsäule.  (Das  war  ein  riesenhafter  Baum,  der  nach  dem
Glauben  der  Sachsen  das  Weltall  trug  und  daher  göttlich  von  ihnen  verehrt  wurde.)
Dann  drang  er  bis  an  die  Weser  vor  und  machte  hier  Frieden  mit  den  Sachsen.  Unter
Anführung  Wittekinds,  eines  Edelings  der  Westfalen,  empörten  sich  die  Sachsen  zu
wiederholten  Malen  gegen  Karl,  da  er  sie  mit  Gewalt  zur  Taufe  sowie  zur  Entrichtung
des  „Zehnten“  (aller  ihrer  Habe)  an  die  Geistlichen  zwang.  Sie  zerstörten  die  neu—
erbauten  christlichen  Kirchen  und  erschlugen  oder  vertrieben  die  ihnen  von  Karl  ein—
gesetzten  Priester.  Einmal  (782)  vernichteten  sie  Karls  Heer  fast  vollständig.  Da  war
dessen  Geduld  zu  Ende.  Bei  Verden  a.  d.  Aller  hielt  er  Gericht  über  die  Aufrührer
und  ließ  ihrer  4500  hinrichten.  Wittekind  war  entflohen,  kehrte  aber  bald  zurück,  um
die  Sachsen  zur  Rache  für  diese  Blutthat  zu  entflammen.  Sein  Heer  wurde  jedoch  an
der  Haase  so  vollständig  geschlagen,  daß  er  den  ferneren  Kampf  für  den  alten  Glauben
und  die  alte  Freiheit  aufgab.  Er  ging  zu  Karl,  der  ihn  sehr  freundlich  aufnahm,  und
empfing  mit  vielen  sächsischen  Edlen  die  heilige  Taufe.  —  Noch  mehrmals  versuchten  die
Sachsen,  das  Joch  der  Franken  abzuschütteln,  aber  ihr  Widerstand  erlahmte  ohne  Witte—
kind  nach  und  nach,  bis  sie  endlich  nach  31  Jahren  sich  Karl  vollständig  unterwarfen.

10  Zug  nach  Spanien.  Im  Jahre  777  veranstaltete  Karl  einen  Reichstag  zu
Paderborn,  lud  hierzu  alle  unterworfenen  Fürsten  und  Edlen  ein  und  suchte  sie  durch
Freundiichkeit  und  Milde  zu  gewinnen.  Hier  erschien  vor  ihm  eine  merkwürdige  Gesandtschaft
  aus  Spanien,  mit  langen  Kaftans  und  buntgeschmückten  Turbans  bekleidet.
Es  waren  Mauren,  von  ihren  unterdrückten  Fürsten  gesandt,  um  den  mächtigen  König
der  Franken  zu  Hilfe  zu  rufen.  Karl  zog  nach  Spanien  und  gründete  dort  zwischen
den  Pyrenäen  und  dem  Ebro  die  „spanische  Mark“,  die  fortan  einen  Teil  seines
Reiches  ausmachte  Als  Karl  auf  dem  Rückwege  war,  wurde  die  Nachhut  seines  Heeres
in  einer  Schlucht  der  Pyrenäen  überfallen  und  vollständig  vernichtet.  Unter  den  ge—
fallenen  Helden  befand  sich  auch  der  aus  der  Sage  wohlbekannte  Roland.

11.  Ausdehnung  des  Reiches.  Durch  fortwährende  Kriege  vergrößerte  Karl
sein  Reich  nach  Süden,  Osten  und  Norden  hin.  Bei  seinem  Tode  umfaßte  es  das
heutige  Frankreich,  Spanien  bis  zum  Ebro,  den  größten  Teil  Italiens  sowie  Deutschland
  bis  zur  Elbe  und  Eider  hin.

12.  Kaiserkrönung.  Der  Papst  Leo  III.  war  bei  einer  feierlichen  Prozession
vom  Volke  auf  der  Straße  arg  mißhandelt  und  dann  in  den  Kerker  geworfen  worden.
Er  entkam  aber  und  ging  nach  Paderborn,  um  hier  Karl  persönlich  um  Hilfe  anzu—
rufen.  Karl  zog  mit  seiner  Macht  nach  Rom  und  hielt  hier  Gericht  über  die  Schuldigen.
Am  Weihnachtsfeste  erschien  er  in  der  Peterskirche,  wohnte  hier  dem  Gottesdienste  bei
und  kniete  nach  der  Messe  vor  dem  Altare.  Da  nahte  sich  ihm  der  Papst  mit  der
höchsten  Geistlichkeit,  setzte  ihm  die  goldene  Krone  aufs  Haupt  und  salbte  ihn  zum
Kaiser  und  weltlichen  Oberherrn  der  gesamten  katholischen  Christenheit.  Dadurch
wurde  Karl  der  höchste  Herrscher  der  Welt,  alle  andern  Könige,  Herzöge  2c.  gleichsam
seine  Lehnsleute.  Zugleich  war  er  nun  der  oberste  Schirmherr  der  Kirche,  dem  sich
der  Papst  sowie  die  gesamte  Geistlichkeit  unterordneten.  An  der  Spitze  des  geistlichen
Staates,  der  Kirche,  aber  stand  der  Papst,  aus  dessen  Händen  der  höchste  irdische  Fürst,
der  Kaiser,  seine  Krone  empfangen  sollte.  Wie  ehemals  von  Rom,  so  sollte  jetzt  von
Deutschland  aus  die  christliche  Welt  beherrscht  werden.
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13.  Verwaltung.  Karl  war  nicht  nur  ein  gewaltiger  Kriegsheld,  sondern  auch
ein  ganz  vorzüglicher  Verwalter  und  Gesetzgeber  seines  Landes.  Die  alten  Stammes—
herzogtümer,  die  Herde  der  Widerspenstigkeit,  löste  er  auf  und  teilte  das  Land  in  Gaue
ein.  Über  diese  setzte  er  Grafen,  die  jährlich  dreimal  Gaugericht  abhielten.  Zur
Überwachung  der  Grafen,  Bischöfe,  Klosterschulen,  Domänen  2c.  sandte  er  alljährlich
die  „Königsboten“  durchs  Land.  Je  ein  Geistlicher  und  ein  Weltlicher  bereisten
jedesmal  einen  größeren  Bezirk.  In  jedem  Frühjahre  wurde  eine  Volksversammlung
aller  Freien  abgehalten,  das  Maifeld.  Die  Beschlüsse  dieser  Volksversammlung  erhob
Karl  zu  Gesetzen.  Zur  Förderung  des  Ackerbaus  errichtete  er  auf  seinen  Krongütern
Musterwirtschaften.  Hier  kümmerte  er  sich  um  jede  Kleinigkeit  und  prüfte  selbst  die
Rechnungen  seiner  Gutsherren.  —  Eigenes  Geld  besaß  Deutschland  vor  Karl  noch
nicht;  was  davon  vorhanden  war,  war  römischen  oder  gallischen  Ursprungs.  Erst
Karl  d.  Gr.  errichtete  Münzstätten  und  ließ  die  ersten  deutschen  Silberpfennige  prägen.
Auch  ein  öffentliches  Maß  führte  er  ein,  das  überall  beim  Verkaufen  angewendet
werden  sollte.  —  Steuern  waren  zu  Karls  Zeiten  noch  unbekannt,  wohl  aber  wurden
die  jährlichen  Maigeschenke  (S.  7)  bereits  als  Schuldigkeit  angesehen.

14.  Karls  Ende.  Im  72.  Jahre  seines  Lebens  starb  Karl.  Sein  Leichnam
wurde  einbalsamiert  und  im  kaiserlichen  Schmucke  in  der  Gruft  des  Domes  zu  Aachen
beigesetzt.

IV.  Gründung  der  deutschen  Raisermacht.

0.  Die  TSachfolger  Karls  d.  Gr.

1.  Teilung  des  Reiches.  Auf  Karl  d.  Gr.  folgte  sein  Sohn  Ludwig  der  Fromme.
Dessen  Söhne  teilten  sich  das  gewaltige  Frankenreich  in  dem  Vertrage  zu  Verdun
(843).  Lothar  bekam  neben  der  Kaiserwürde  Italien  und  einen  Strich  Landes  westlich
vom  Rhein,  der  vom  Mittelmeer  bis  zur  Nordsee  reichte  und  in  der  Folge  den  Namen
Lotharingen  (Lothringen)  erhielt.  Karl  der  Kahle  erhielt  das  Land  westlich  dieses
Landstriches,  also  hauptsächlich  das  heutige  Frankreich,  Ludwig  dagegen  den  östlichen
Teil  des  großen  Reiches,  das  heutige  Deutschland.  Durch  diese  Trennung  wurde
Deutschland  erst  ein  selbständiges  Reich,  das  sich  in  Sprache  und  Sitte  immer  mehr
von  seinem  westlichen  Nachbar,  dem  heutigen  Frankreich,  unterschied.  Nach  dem  Tode
Lothars  II.  (869)  fiel  auch  der  größte  Teil  Lothringens  an  Deutschland.

2.  Zerfall  des  Reiches.  Die  Nachfolger  Ludwigs  waren  meist  sehr  schwache
Fürsten;  sie  vermochten  das  Ansehen  Deutschlands  nicht  zu  heben.  Je  mehr  aber  die
Macht  des  Königs  sank,  desto  höher  stieg  die  Macht  der  Großen  im  Reiche.  Diese
waren  unablässig  darauf  bedacht,  ihr  Besitztum  zu  vergrößern  und  die  Zahl  ihrer
Lehnsleute  zu  vermehren.  Immer  mehr  sonderten  sich  die  einzelnen  deutschen  Stämme
voneinander,  und  bald  legten  sich  die  Grafen  von  Franken,  Sachsen,  Bayern,
Schwaben  und  Lothringen  die  Würde  eines  Herzogs  bei.  Die  Herzöge  aber
regierten  ihr  Land  nach  eigenem  Ermessen  und  kümmerten  sich  wenig  um  den  König.
Zu  diesem  inneren  Zerfall  des  Reiches  kamen  noch  Angriffe  von  feindlichen  Nachbarvölkern.
  So  kamen  von  Norwegen  her  die  Normannen  auf  ihren  kleinen  Schiffen  gefahren,
  um  an  der  Küste  Deutschlands  zu  rauben  und  zu  plündern.  Weit  größeres
Unglück  noch  aber  als  die  Normannen  brachten  die  Ungarn  über  das  Reich.  In  schier
endloser  Zahl  fielen  sie  von  Zeit  zu  Zeit  in  Deutschland  ein  und  verwüsteten  das
Land  weit  und  breit.  —  Mit  Ludwig  dem  Kinde  starb  (911)  das  Geschlecht  der  Karolinger

  aus,  und  erst  in  Heinrich  I.  erhielt  das  Volk  einen  Befreier  von  diesen
wilden  Scharen.
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10.  Heinrich  I.,  der  Finkler.  919—936.

1.  Am  Finkenherd.  Nach  dem  Tode  des  letzten  Karolingers  wurde  Konrad  I.
von  Franken  zum  Konig  erwählt.  Er  regierte  jedoch  nur  sechs  Jahre.  Als  er  sein
Ende  nahen  fühlte,  übergab  er  seinem  Bruder  Eberhard  die  Krone  mit  dem  Auftrage,
sie  Heinrich,  dem  Sachsenherzoge,  zu  überbringen.  Dieser  hatte  in  der  Nähe  des  Harzes
seine  Burg.  Eines  Tages,  als  er  der  Sage  nach  am  Finkenherd  beschättigt  war,  überbrachten
  ihm  die  Großen  des  Reiches  die  Krone.  (Gedicht:  Herr  Heinrich  sitzt  am
Vogelherd  2c.)  Dem  Zuge  voran  ritt  Eberhard,  Herzog  der  Franken  und  bisher
Heinrichs  größter  Feind.  „Ich  komme  als  Freund,“  redete  er  Heinrich  an,  „und  bitte
um  deine  Freundschaft.  Mein  Bruder  Konrad  hat  noch  im  Sterben  dein  gedacht  und
sendet  dir  die  Krone  des  Reichs.  Willst  du  sie  tragen?“  Heinrich  reichte  ihm  die
Hand  und  sagte:  „Ich  weiß  wohl,  wie  schwer  eine  Krone  drückt;  aber  wenn  so  biedere
Fürsten  mir  sie  anvertrauen,  will  ich  sie  in  Gottes  Namen  tragen.“  Bald  darauf
wurde  Heinrich  in  Fritzlar  zum  König  gewählt.

2.  Heinrich  stellt  die  Einheit  des  Reiches  wieder  her.  Unter  den  schwachen
Nachfolgern  Karls  d.  Gr.  hatten  die  Reichslehnsleute  die  Erblichkeit  ihrer  Lehnsgüter
erstritten.  Nicht  selten  standen  sie  dem  Kaiser  als  Gleiche  gegenüber  und  boten  ihm
Trotz.  Zuerst  wurde  Heinrich  nur  von  den  Franken  und  Sachsen  als  König  anerkannt.
  Durch  Milde  und  Freundlichkeit  aber  gelang  es  ihm  bald,  auch  die  Anerkennung
  Schwabens  und  Bayerus  zu  gewinnen.  Dem  Herzog  von  Lothringen  gab  er
seine  Tochter  zur  Gemahlin,  und  so  hatte  er  in  einigen  Jahren  alle  seine  Lehnsleute
dahin  gebracht,  daß  sie  ihm  als  König  huldigten  und  ihm  Treue  und  Heeresfolge  gelobten.
  Uber  jeden  Stamm  gebot  und  richtete  ziemlich  selbständig  der  Herzog,  über  allen
Ländern  des  Reiches  aber  stand  der  König  als  hochster  Richter  und  Heerführer  des
ganzen  Volkes,  als  letzte  Zuflucht  der  Bedrängten,  als  oberster  Schirmherr  der  Kirche.

3.  Einfall  der  Ungarn.  Im  5.  Jahre  seiner  Regierung  fielen  die  Ungarn  in
sein  Land  ein.  In  vielen  einzelnen  Haufen  rückten  sie  mit  ihren  kleinen,  gepanzerten
Pferden  heran.  Wer  sich  ihnen  entgegenstellte,  wurde  niedergemacht.  Die  Frauen
und  Mädchen  koppelten  sie  wie  das  Vieh  zusammen  und  führten  sie  in  die  Gefangenschaft.
  Die  Saatfelder  wurden  verwüstet,  das  Vieh  fortgetrieben,  die  Häuser  eingeäschert.
  Man  erzählt  sogar  von  ihnen,  daß  sie  das  Fleisch  der  Erschlagenen  gegessen
und  ihr  Blut  getrunken  hätten.

4.  Waffenstillstand.  Diesen  wilden  Scharen  stellte  sich  Heinrich  entgegen;  aber
er  vermochte  nicht,  ihnen  Widerstand  zu  leisten,  und  mußte  sich  auf  eine  Burg  bei
Goslar  zurückziehen.  Alle  Angriffe  der  Ungarn  auf  diese  waren  vergebens.  Heinrich
nahm  sogar  einen  ihrer  Häuptlinge  gefangen.  Gegen  Herausgabe  des  Häuptlings  und  Zahlung
  eines  jährlichen  Tributs  schlossen  sie  mit  ihm  einen  neunjährigen  Waffenstillstand.

5.  Städtebau.  Während  des  Waffenstillstandes  ließ  Heinrich  im  ganzen  Lande
Burgen  anlegen  und  viele  vorhandene  Städte  mit  Mauern  und  Wällen  umgeben.
Die  Städte  aber  erschienen  den  an  Freiheit  gewöhnten  Deutschen  wie  Gräber,  und  sie
hatten  keine  Lust,  darin  zu  wohnen.  Da  befahl  Heinrich,  daß  jeder  9.  Mann  in  die
Stadt  ziehen  sollte.  Die  andern  acht  aber  mußten  den  Acker  bestellen  und  den  dritten
Teil  der  Ernte  in  die  festen  Plätze  bringen.  Dies  geschah  deshalb,  damit  das  Landvolk,
  wenn  es  zur  Kriegszeit  in  den  festen  Plätzen  Schutz  suchte,  hier  auch  auf  längere
Zeit  Lebensmittel  vorfände.  Zu  dieser  Zeit  entstanden  Quedlinburg,  Goslar,
Meißen  u.  v.  a.  Städte;  daher  heißt  auch  Heinrich  der  „Städtebauer".  Die  Leute
in  der  Stadt  (Burg)  erhielten  den  Namen  „Bürger“.  Der  König  verlieh  ihnen  das
Münz=  und  Zollrecht,  schenkte  ihnen  Ländereien  und  Forsten  und  verlegte  Messen  und
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Märkte  in  die  Städte.  Auch  erhielt  jeder  Leibeigene,  der  in  die  Stadt  zog,  die  Freiheit.
Daher  erklärt  es  sich  auch,  daß  die  große  Masse  der  Bürger  aus  ehemaligen  Leibeigenen
  und  Sklaven  bestand.  Der  erste  Schritt  aus  der  Knechtschaft  zur  bürgerlichen
Freiheit  war  hierdurch  geschehen.

6.  Heer.  Sodann  benutzte  Heinrich  die  Zeit  des  Waffenstillstandes  zur  Ausbildung
  seines  Heeres.  Zunächst  wurde  der  Heerbann  erneuert;  aber  das  genügte
nicht.  Um  den  Ungarn  erfolgreich  entgegentreten  zu  können,  mußte  Heinrich  eine
tüchtige  Reiterei  haben.  Darum  verordnete  er,  daß  seine  Vasallen  mit  ihren  Dienstleuten
von  Zeit  zu  Zeit  zu  Pferde  erscheinen  mußten.  Dann  wurden  Kampfesübungen
in  Reih  und  Glied  angestellt.  Gewöhnlich  bildete  Heinrich  zwei  Parteien,  die  gegineinander
  fochten.  Jede  hatte  ein  gemeinschaftliches  Abzeichen  und  eine  gemeinsame
Kasse,  aus  der  die  Gefangenen  wieder  eingelöst  wurden.  Diese  Ubungen  sind  die  Anfänge
  der  Turniere  oder  Ritterspiele  geworden.

7.  Gründung  der  Nordmark.  Zwischen  der  Elbe  und  Oder  wohnte'n  die
Wenden.  Diese  fielen  häufig  raubend  und  plündernd  in  das  benachbarte  Sachsenland
ein.  Nachdem  sich  Heinrich  nun  ein  kriegstüchtiges  Heer  ausgebildet  hatte,  ging  er  (927)
über  die  Elbe,  die  übermütigen  Wenden  zum  Gehorsam  zu  zwingen.  Eiligst  zogen  sich
diese  in  ihre  Hauptstadt  Brennabor  zurück,  wohin  ihnen  die  Sachsen  wegen  der  vielen
Sümpfe  nicht  folgen  konnten.  Schon  triumphierten  die  Wenden.  Plötzlich  trat  jedoch
Frost  ein,  und  Heinrichs  Scharen  drangen  auf  dem  Eise  bis  unter  die  Mauern  der
Stadt  vor.  Nach  kurzer  Belagerung  mußten  sich  die  Wenden  ergeben.  Sie  verpflichteten
  sich,  einen  Tribut  zu  zahlen,  und  gelobten,  sich  taufen  zu  lassen  und  Christen
zu  werden.  Zu  ihrer  Bewachung  gründete  Heinrich  zwischen  der  Elbe,  Havel  und
Spree  die  Nordmark  und  setzte  einen  Markgrafen  über  das  Grenzland.  Diese  Nordmark
ist  der  Anfang  des  preußischen  Staates  geworden.

8.  Sieg  über  die  Ungarn.  933.  Die  9  Jahre  des  Waffenstillstandes  waren
zu  Ende.  Als  nun  wiederum  die  Gesandten  der  Ungarn  erschienen,  den  Tribut  einzufordern,
  verweigerte  ihnen  Heinrich  diesen.  Racheschnaubend  zogen  die  Gesandten
heim.  Bald  verkündeten  brennende  Dörfer  den  Einbruch  der  Ungarhorden.  Heinrich
rief  alle  streitbaren  Männer  zusammen  und  stellte  sich  den  Ungarn  bei  Riade  (in  der  Nähe
von  Merseburg)  entgegen.  Den  Kriegern  voran  schwebte  die  Fahne  mit  dem  Bilde  des
Erzengels  Michael.  Als  die  Ungarn  aber  die  dicht  geschlossenen  Reihen  der  deutschen
Reiter  erblickten,  jagten  sie  eiligst  davon,  so  daß  nur  wenige  von  ihnen  getötet  oder
gefangen  genommen  werden  konnten.  In  dem  Lager  der  Ungarn  fand  man  außer  den
geraubten  Schätzen  eine  große  Anzahl  gefangene  Deutsche,  die  nun  plötzlich  frei
wurden.  —  Das  ganze  Volk  begrüßte  Heinrich  als  den  Retter  des  Vaterlandes  und
dankte  Gott  für  den  herrlichen  Sieg.  —  So  hat  Heinrich  mit  seinem  neugeschaffenen
Heere  die  Feinde  des  Reiches  vertrieben,  die  Grenzen  des  Landes  erweitert  und  befestigt
  und  seine  königliche  Macht  nach  innen  wie  nach  außen  zur  Geltung  gebracht.
Nicht  mit  Unrecht  nennt  man  ihn  daher  den  „Begründer  des  deutschen  Kaiserreichs“.

II.  Otto  der  Große.  936—  973.

1.  Krönung.  Nach  dem  Tode  Heinrichs  versammelten  sich  die  Fürsten  und
wählten  seinen  Sohn  Otto  zum  König.  Bald  darauf  begab  sich  Otto  nach  Aachen,
um  sich  in  der  alten  Kaiserburg  Karls  d.  Gr.  krönen  zu  lassen.  Hier  setzte  er
sich  auf  den  marmornen  Thron  Karls  d.  Gr.  und  empfing  von  den  Fürsten  den  Huldigungseid.
  Alsdann  begab  er  sich  in  den  Dom.  Dort  überreichte  ihm  der  Erzbischof
  von  Mainz  das  Königsschwert,  den  Mantel  mit  goldenen  Spangen  und  das
Zepter,  salbte  ihn  mit  Ol  und  setzte  ihm  die  Krone  aufs  Haupt.  Bei  dem  Festmahle  be-
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dienten  ihn  die  Herzöge.  Der  Herzog  Eberhard  von  Franken  war  der  Truchseß  und  stellte
die  Speisen  auf  den  Tisch;  der  Herzog  von  Schwaben  diente  als  Mundschenk;  der  Herzog
von  Bayern  war  Marschall  und  hatte  als  solcher  für  die  Unterkunft  der  Ritter  und  ihrer
Pferde  zu  sorgen;  der  Herzog  von  Lothringen  ordnete  als  Kämmerer  die  ganze  Feier.

2.  Heiurich.  Otto  hatte  einen  jüngeren  Bruder,  mit  Namen  Heinrich.  Dieser
war  geboren,  als  sein  Vater  schon  die  Königskrone  trug,  während  Otto  schon  vorher
das  Licht  der  Welt  erblickt  hatte.  Deshalb  meinte  Heinrich,  daß  ihm  von  Rechts  wegen
die  Königskrone  gebühre.  Aufgewiegelt  von  dem  aufsässigen  Herzog  Eberhard  von
Franken,  verband  er  sich  mit  diesem  und  seinem  Schwager,  dem  Herzog  Giselbert  von
Lothringen.  Es  kam  zu  einem  3  jährigen  Kriege,  worin  Otto  siegte  und  Eberhard
  und  Giselbert  ihren  Tod  fanden.  Heinrich  aber  warf  sich  bei  einer  Weihnachtsfeier
  im  Dome  zu  Frankfurt  im  Büßergewande  dem  schwer  gekränkten  Bruder  zu
Füßen  und  bat  um  Verzeihung;  sie  wurde  ihm  auch  gern  gewährt.

3.  Befestigung  und  Ausdehnung  der  kaiserlichen  Macht.  Gleich  seinem
Vater  strebte  Otto  dahin,  die  verschiedenen  Stämme  des  deutschen  Reiches  zu  einem
Ganzen  zu  vereinen.  Zu  seiner  Zeit  entstand  für  ihre  Gesamtheit  zuerst  die  Benennung
  „deutsches  Volk“,  und  auch  ihre  gemeinsame  Sprache  wurde  als  „deutsch“
bezeichnet.  Die  Herzöge  machte  er  noch  mehr  wie  sein  Vater  zu  bloßen  Lehnsträgern
des  Kaisers.  Er  setzte  sie  ein  und  ab,  und  wenn  er  sie  mit  der  befahnten  Lanze  belehnte
  (berührte),  dann  mußten  sie  ihm  mit  zusammengelegten  Händen  geloben,  daß
sie  ihm  allezeit  treu  und  gehorsam  sein  und  ihm  folgen  wollten,  wohin  er  sie  entbiete.
Im  Osten  seines  Reiches  stellte  er  die  Marken  wieder  her  (Nordmark,  Lausitz  rc.)  und
setzte  hier  den  Kampf  gegen  die  Slaven  fort.  Dadurch  gewann  er  das  Land  zwischen  Elbe
und  Oder.  Hier  gründete  er  Bistümer  (Havelberg,  Brandenburg,  Meißen  2c.),  durch  die
christliche  Lehre  und  deutsche  Sitte  unter  die  heidnischen  Slaven  verpflanzt  wurden.  —

4.  Adelheid.  In  Italien  war  König  Lothar  gestorben  und  hatte  eine  Witwe,
Adelheid,  hinterlassen.  Nun  wünschte  der  Markgraf  Berengar,  daß  sie  seinem  Sohne
die  Hand  gäbe.  Da  sie  sich  aber  weigerte,  ließ  sie  der  Markgraf,  wie  die  Sage  erzählt,
in  einen  grauenhaften  Kerker  werfen.  Nachdem  es  ihr  jedoch  mit  Hilfe  eines  Priesters
gelungen  war  zu  entfliehen,  rief  sie  Otto  um  Hilfe  an.  Dieser  eilte  sofort  mit  einem
Heere  nach  Italien,  unterwarf  ihren  Bedrücker  und  ließ  dann  durch  Gesandte  um  ihre
Hand  werben.  Adelheid  willigte  freudig  ein,  und  so  ward  zu  Pavia  die  glänzende
Hochzeit  gefeiert.  Durch  diese  Heirat  wurde  Otto  auch  König  von  Italien.

5.  Die  Schlacht  auf  dem  Lechfelde.  995.  Während  Ottos  Regierung  kamen
die  Ungarn  noch  einmal  nach  Deutschland.  In  ungeheurer  Zahl  drangen  sie  durch
Ostreich  in  Bayern  ein.  „Nichts  soll  uns  aufhalten“,  so  prahlten  sie,  „es  müßte  denn
der  Himmel  einstürzen  oder  die  Erde  sich  aufthun,  uns  zu  verschlingen.  Unsere  Rosse
werden  eure  Flüsse  und  Seen  austrinken  und  eure  Städte  mit  ihren  Hufen  zerstampfen.“
  Sie  kamen  bis  vor  Augsburg;  dort  lagerten  sie  am  Lech  und  suchten  die
Stadt  einzunehmen.  Indes  rückte  Otto  mit  einem  Heere  heran  und  schlug  auf  der
linken  Seite  des  Flusses  sein  Lager  auf.  Am  Morgen  des  Schlachttages  ließ  Otto
im  ganzen  Heere  einen  Gottesdienst  halten  und  nahm  das  Abendmahl.  Dann  wurde
das  Heer  zum  Kampfe  aufgestellt.  Als  das  die  Ungarn  sahen,  konnten  sie  die  Zeit
des  Angriffs  nicht  erwarten  und  schwammen  mit  ihren  Pferden  durch  den  Lech.  Zuerst
brachten  ihre  Pfeilschwärme  die  Deutschen  etwas  in  Verwirrung,  bald  aber  gewannen
die  Deutschen  die  Oberhand.  Besonders  that  sich  Herzog  Konrad  hervor.  Dieser  hatte
sich  nämlich  früher  gegen  den  König  Otto,  seinen  Schwiegervater,  empört  und  wollte
jetzt  dieses  Unrecht  wieder  gut  machen.  Wie  ein  Löwe  stürzte  er  auf  die  Feinde  und
trieb  sie  in  Scharen  vor  sich  her  in  den  Lech  hinein.  Als  er  in  der  Hitze  des  Gefechts
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        —  17  —

einmal  den  Helm  ein  wenig  lüftete,  traf  ihn  ein  Pfeil  am  Halse  und  verwundete  ihn
tödlich.  Bei  den  Ungarn  aber  wurde  die  Flucht  allgemein;  mit  entsetzlichem  Geheul
sprengten  sie  in  den  Fluß.  Die  heftige  Strömung  aber  riß  sie  mit  sich  fort,  und  so
fanden  die  meisten  in  den  Wellen  ein  klägliches  Ende.  Überall,  wo  sich  im  Lande
fliehende  Ungarhaufen  sehen  ließen,  wurden  sie  vernichtet.  Nur  7  Mann  sollen  mit
abgeschnittenen  Nasen  und  Ohren  in  ihre  Heimat  zurückgekehrt  sein.  Seitdem  sind
die  Ungarn  nicht  wieder  nach  Deutschland  gekommen.

6.  Otto  wird  römischer  Kaiser.  962  zog  Otto  nach  Rom  und  ließ  sich  dort
vom  Papste  zum  römischen  Kaiser  krönen.  Von  nun  an  hieß  Otto  römisch-deutscher
Kaiser,  und  seit  ihm  haben  alle  deutschen  Könige  den  Titel  „Kaiser“  angenommen,
auch  dann,  wenn  sie  sich  nicht  hatten  in  Rom  krönen  lassen.  Durch  diese  Kaiserkrönung
  wurde  fortan  das  untergegangene  römische  Kaisertum  mit  der  deutschen
Königswürde  verbunden,  und  Deutschland  erhielt  jetzt  den  Namen  „heiliges  römisches
Reich  deutscher  Nation“.  Die  römische  Kaiserkrone  umgab  den  deutschen  König  mit
hoher  Würde  und  machte  ihn  zum  Schutzherrn  Roms  und  der  christlichen  Kirche.
Die  vielen  Kriegszüge  aber,  die  von  jetzt  an  die  deutschen  Kaiser  nach  Italien  hin
unternehmen  mußten,  haben  dem  deutschen  Lande  viel  Unruhe  verursacht  und  viel
Geld  und  —  Menschen  gekostet.

V.  Papst  und  Baiser.

12.  Heinrich  IV.  1056—1106.

1.  Jugend.  Heinrich  stammte  aus  dem  fränkischen  Kaiserhause.  Er  war  erst
6  Jahre  alt,  als  sein  Vater  starb.  Seine  Mutter  übernahm  deshalb  die  Regierung
für  ihn.  Die  Fürsten  und  Großen  des  Reiches  meinten  aber,  es  sei  unter  ihrer
Würde,  sich  von  einer  Frau  regieren  zu  lassen.  Sie  suchten  sich  daher  des  jungen
Heinrich  zu  bemächtigen,  um  in  seinem  Namen  das  Reich  zu  regieren.  Einer  der
Vornehmsten  im  Reiche  war  Hanno,  Erzbischof  von  Köln,  ein  ernster,  sittenstrenger
Mann.  Einst  weilte  die  Kaiserin  mit  dem  zwölfjährigen  Heinrich  auf  einer  Rheininsel
  bei  dem  heutigen  Kaiserswert.  Dorthin  begab  sich  auch  Hanno  mit  seinem
Gefolge.  Während  die  Kaiserin  sich  nun  an  der  Tafel  mit  den  fröhlichen  Gästen
unterhielt,  lockte  man  den  Kunaben  auf  ein  Schiff  und  fuhr  mit  ihm  davon.  Der
Knabe  weinte  jämmerlich  und  sprang  in  der  Angst  seines  Herzens  über  Bord  ins
Wasser.  Aber  Graf  Ekbert  von  Braunschweig  fischte  ihn  wieder  auf,  und  nun
führte  man  ihn  nach  Köln,  wo  ihn  Hanno  sehr  streng  erziehen  ließ.  Nicht  allzulange
  jedoch  sollte  er  den  Knaben  bei  sich  behalten.  Er  erhielt  einen  Mitregenten
  in  dem  Erzbischof  Adalbert  von  Bremen.  Während  Hanno  einmal  nach
Rom  reiste,  nahm  Adalbert  den  jungen  König  zu  sich.  Durch  Milde  und  Nachsicht
  wußte  er  ihn  ganz  an  sich  zu  fesseln.  Dazu  erfüllte  er  Heinrichs  Herz  mit
Haß  gegen  die  Sachsen,  mit  denen  er  selbst  in  beständiger  Fehde  lag.

2.  Kampf  mit  den  Sachsen.  Im  16.  Lebensjahre  trat  Heinrich  die  Regierung
  an.  Er  nahm  seinen  Wohnsitz  mitten  im  Sachsenlande,  in  den  schönen
Thälern  des  Harzes.  Um  die  ihm  verhaßten  Sachsen  besser  demütigen  zu  können,
ließ  er  im  ganzen  Lande,  besonders  im  Harze,  feste  Bergschlösser  anlegen  und  das
Volk  mit  harten  Fronarbeiten  drücken.  Das  reizte  die  Sachsen  zum  offenen  Aufstande.
  Sie  griffen  zu  den  Waffen  und  belagerten  Heinrich  in  seiner  Feste  Harzburg.
Der  Kaiser  entkam  jedoch.  In  ihrer  Wut  aber  zerstörten  die  Sachsen  sämtliche

Realienbuch.  B.  S.  2
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        —  18  —

Bergschlösser  und  wühlten  selbst  die  Leichen  eines  Söhnleins  und  eines  Bruders
des  Kaisers  aus  den  Grüften  hervor.  Diese  Frevelthat,  die  von  den  sächsischen
Großen  einstimmig  mißbilligt  wurde,  empörte  die  süddeutschen  Fürsten,  und  mit
ihrer  Hilfe  besiegte  Heinrich  endlich  die  Sachsen.  Als  er  aber  einige  Bischöfe  und
weltliche  Fürsten  gegen  sein  gegebenes  Wort  gefangen  hielt,  verklagten  ihn  die
Sachsen  beim  Papste,  der  damals  von  allen  Christen  als  oberster  Schiedsrichter  auch
in  weltlichen  Dingen  anerkannt  wurde.

3.  Gregor  VII.  Um  diese  Zeit  saß  Gregor  VII.  auf  dem  päpstlichen  Stuhle.
Dieser  verfolgte  mit  unbeugsamer  Kraft  das  hohe  Ziel,  die  Kirche  vollständig  unabhängig
  zu  machen  von  der  weltlichen  Macht  und  alle  Mißbräuche,  die  sich  in  die
Kirche  eingeschlichen  hatten,  daraus  zu  entfernen.  Deshalb  gebot  er,  daß  kein  geistliches
  Amt  um  Geld  verkauft  werden  sollte.  Ferner  erklärte  er,  daß  der  Papst
allein  und  kein  Fürst  das  Recht  habe,  Bischöfe  zu  ernennen  und  ihnen  das  Zeichen
ihrer  Würde,  Ring  und  Stab,  zu  geben.  Auch  erneuerte  er  das  Cölibatgesetz,
wonach  kein  Geistlicher  verheiratet  sein  durfte.

4.  Heinrich  im  Banne.  Da  nun  Heinrich  IV.  die  Bischofsstühle  nach  Belieben
  besetzte,  ja,  an  die  Meistbietenden  verkaufte  und  die  erwählten  Bischöfe  und
Abte  mit  Ring  und  Stab  belehnte,  so  geriet  er  in  Streit  mit  Gregor  VII.  Und
als  nun  auch  die  Sachsen  sich  mit  Klagen  an  den  Papst  wandten  und  Heinrich
seine  Mahnungen  zur  Milde  unbeachtet  ließ,  lud  ihn  der  Papst  zur  Verantwortung
nach  Rom.  Heinrich  aber  ließ  den  Papst  auf  einer  Versammlung  deutscher  Bischöfe
absetzen.  Da  sprach  Gregor  den  Bann  über  ihn  aus.  Anfangs  lachte  Heinrich
darüber.  Bald  aber  erklärten  die  deutschen  Fürsten,  einen  andern  König  wählen
zu  wollen,  wenn  er  nicht  binnen  Jahresfrist  vom  Banne  gelöst  sei.

5.  Reise  nach  Italien.  Da  entfiel  dem  sonst  so  übermütigen  Kaiser  aller
Mut.  Er  beschloß  nach  Rom  zu  gehen  und  sich  mit  dem  Papste  auszusöhnen.
Im  Winter  des  Jahres  1077  trat  er  mit  seiner  edeln  Gemahlin,  seinem  dreijährigen
  Söhnlein  und  einem  kleinen  Gefolge  die  harte  Reise  über  die  Alpen  an.
Das  war  ein  furchtbarer  Weg.  Die  hohen  Bergrücken  waren  mit  ungeheuern

——
8

 

Heinrich  IV.  auf  dem  Wege  nach  Kanossa.

Schneemassen  bedeckt,  und  ein  eiskalter  Wind  riß  den  Reisenden  die  Haut  von
Gesicht  und  Händen.  Unter  Todesgefahr  hatte  man  endlich  den  Gipfel  erreicht.
Aber  das  Schlimmste  sollte  erst  noch  kommen.  Denn  die  Seite  nach  Italien  zu
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war  abschüssig  und  glatteisig.  Die  Männer  krochen  auf  Händen  und  Füßen  und
waren  in  beständiger  Angst,  in  den  gähnenden  Abgrund  hinabzurollen.  Die
Königin  und  ihre  Kammerfrau  wurden  in  Rinderhäute  gewickelt  und  so  von  den
Führern  hinabgezogen.  Den  Pferden  band  man  die  Füße  zusammen  und  ließ
sie  an  Stricken  hinab.  Endlich  —  endlich  kam  man  in  der  Ebene  an.  Der  Papst
befand  sich  gerade  infolge  einer  Einladung  der  deutschen  Fürsten  auf  dem  Wege
nach  Deutschland.  Dort  sollte  er  auf  einer  Reichsversammlung  die  Sache  Hein—
richs  entscheiden.  Als  er  von  der  Ankunft  Heinrichs  hörte,  erschrak  er.  Er
fürchtete  nämlich,  Heinrich  käme,  um  sich  zu  rächen.  Daher  floh  er  in  das  feste
Schloß  Kanossa.  Aber  Heinrich  ließ  ihm  erklären,  daß  er  nur  komme,  um  für
seine  vielen  Vergehen  Kirchenbuße  zu  thun.  Lange  zweifelte  Gregor  an  der
aufrichtigen  Bußgesinnung  Heinrichs.  Endlich  aber  gestattete  er  ihm,  daß  er  nach
Kanossa  komme  und  dort  Buße  thue.  Nach  einigen  Tagen  sprach  dann  Gregor
den  Kaiser  vom  Banne  los  und  söhnte  sich  vollständig  mit  ihm  aus.

6.  Rudolf  von  Schwaben.  Inzwischen  hatten  die  deutschen  Fürsten  den
Herzog  Rudolf  von  Schwaben  zu  ihrem  Könige  gewählt.  Mit  flammendem  Zorne
kehrte  deshalb  Heinrich  nach  Deutschland  zurück.  Da  sich  mehrere  Fürsten  und
namentlich  die  nach  größerer  Freiheit  strebenden  Städte  auf  seine  Seite  stellten,  so
kam  es  zu  einem  gräßlichen  Bürgerkriege.  Rudolf  wurde  schließlich  von  Heinrich
bei  Merseburg  angegriffen  und  in  der  Schlacht  tödlich  verwundet,  auch  wurde  ihm
die  rechte  Hand  abgehauen.  Als  ihm  diese  gezeigt  wurde,  soll  er  reumütig  aus—
gerufen  haben:  „Das  ist  die  Hand,  mit  der  ich  Heinrich  den  Eid  der  Treue
schwur.“  Noch  heute  zeigt  man  diese  Hand  im  Dome  zu  Merseburg.

7.  Heinrichs  Ende.  Heinrich  IV.  mußte  es  noch  erleben,  daß  sich  sein  eigner
Sohn  Heinrich  gegen  ihn  empörte  und  ihn  sogar  hinterlistigerweise  gefangen  nahm.
Zwar  gelang  es  dem  Vater  zu  entfliehen;  aber  bald  darauf  starb  er,  gebrochen  an

Leib  und  Seele,  zu  Lüttich  (1106).  Mit  seinem  Sohne  Heinrich  V.  erlosch  das
fränkische  Kaiserhaus.

VI.  Die  Kreuzzüge  und  das  Rittertum.

15.  Der  erste  Kreuzzug.  1096  -  1099.

1.  Wallfahrten.  Schon  seit  dem  4.  Jahrhundert  war  die  Sitte  herrschend
geworden,  Wallfahrten  nach  dem  heiligen  Lande  zu  unternehmen,  um  am  Grabe
des  Erlösers  zu  beten  und  im  Jordan  zu  baden.  Der  Priester  kleidete  den  Pilger
in  ein  langes  Pilgergewand  und  versah  ihn  mit  Kreuz,  Pilgertasche  und  Pilger—
stab.  In  allen  christlichen  Ländern  konnten  die  Pilger  auf  gastfreie  Aufnahme
rechnen,  und  so  lange  die  Araber  im  Besitze  des  heiligen  Landes  waren,  durften
sie  ungehindert  gehen  und  kommen.  Als  aber  im  11.  Jahrhundert  die  Türken  Herren

des  Landes  wurden,  hatten  die  Pilger  viele  Drangsale  auszustehen;  sie  wurden
beraubt,  mißhandelt  und  zuweilen  sogar  getötet.

2.  Peter  von  Amiens.  Immer  lebhafter  wurde  daher  der  Wunsch  der
Christen,  das  Grab  des  Erlösers  von  den  Türken  zu  befreien.  Aber  erst  unter
Papst  Urban  kam  der  erste  Kreuzzug  zu  stande  (1096).  Nach  der  Sage  hat  der
Einsiedler  Peter  von  Amiens  (amjäng)  die  weiten  Schichten  des  Volkes  für  den
Kreuzzug  begeistert.  Im  Jahre  1093  machte  er  nämlich  eine  Wallfahrt  nach
Jerusalem.  Als  er  einst  am  heiligen  Grabe  betete,  vermeinte  er  die  Stimme  des

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        Erlösers  zu  vernehmen:  „Auf  Peter,  eile  in  deine  Heimat  und  verkünde  die  Leiden
meines  Volks,  auf  daß  ihm  geholfen  und  die  Stadt  von  den  Ungläubigen  befreit
werde!“  Sofort  machte  er  sich  auf  und  eilte  zum  Papste  nach  Rom.  Dieser
beauftragte  ihn,  Italien  und  Frankreich  zu  durchziehen  und  das  Volk  für  die
Befreiung  Jerusalems  zu  begeistern.  Mit  heiligem  Eifer  führte  er  diesen  Auftrag
aus.  Barfuß  und  ohne  Kopfbedeckung  saß  er  auf  einem  Esel;  in  der  Hand
hielt  er  ein  Kruzifix;  sein  Gesicht  war  bleich  und  abgezehrt,  und  das  lange  Pilger—
hemd  wurde  von  einem  Stricke  zusammengehalten.  Überall  erzählte  er  sein
himmlisches  Gesicht,  betete,  klagte,  weinte  und  gewann  so  aller  Herzen  für  einen
Zug  in  das  heilige  Land.

3.  Kirchenversammlung  in  Clermont.  1095  berief  der  Papst  eine  Kirchenversammlung
  nach  Clermont.  Hier  auf  freiem  Felde  schilderte  er,  wie  der  Tempel
in  eine  Moschee  verwandelt,  die  Bilder  des  Heilandes  an  Nase  und  Ohr,  an
Arm  und  Bein  verstümmelt  und  die  Christen  gemartert  und  geschändet  worden  seien.
Wer  an  dem  Kampfe  gegen  die  Ungläubigen  teilnehmen  würde,  dem  wurde  Vergebung
  der  Sünden  und  ewiger  Lohn  im  Himmel  zugesichert.  „Gott  will  es,

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Gott  will  es!"  erscholl  es  aus  dem  Munde  aller,  und  Tausende  waren  bereit,
zum  Kampfe  gegen  die  Ungläubigen  auszuziehen.  Sofort  schnitt  der  Papst  aus
seinem  Purpurmantel  Krenuze  und  heftete  sie  den  Vornehmsten  auf  die  rechte
Schulter.  Bald  trug  jeder,  der  mitziehen  wollte,  ein  solches  Zeichen;  daher  die
Benennungen  „Kreuzfahrer“  und  „Kreuzzug“.

4.  Begeisterung.  In  wenigen  Wochen  verbreitete  sich  diese  Begeisterung
durch  alle  christlichen  Länder.  Am  Himmel  erschienen  Kometen  und  Nordlichter;
ein  Priester  glaubte  ein  Schwert,  ein  andrer  ein  ganzes  Heer  in  den  Wolken
gesehen  zu  haben.  Kein  Stand,  kein  Alter  wollte  zurückbleiben;  der  Landmann
verließ  den  Pflug,  der  Hirt  seine  Herde,  der  Vater  die  Kinder,  der  Mönch  die
Zelle.  Ein  neuer  Geist  war  über  Europa  gekommen.  Doch  nicht  immer  waren
es  lautere  und  edle  Gründe,  die  die  Kreuzfahrer  hinaustrieben;  manchen  Ritter
lockten  Abenteuer,  dem  Leibeignen  winkte  die  Freiheit,  und  viele  Arme  hofften
auf  reiche  Beute.

5.  Die  ersten  Kreuzfahrer.  Ein  Teil  der  Kreuzfahrer  konnte  die  Zeit.  nicht
erwarten,  bis  die  Rüstungen  der  Fürsten  beendet  waren.  Daher  zogen  sie  im
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        Frühjahre  1096  unter  Peter  von  Amiens  und  Walther  von  Habenichts  voraus.
Nur  wenige  von  ihnen  hatten  Waffen,  die  meisten  waren  Bauern  und  Leibeigne,
die  sich  durch  Raub  und  Mord  zu  bereichern  suchten.  Die  Ungarn  aber,  dadurch
erbittert,  fielen  über  die  wilden  Banden  her  und  erschlugen  eine  große  Zahl.  Andere
wurden  durch  Hunger  und  Krankheit  dahingerafft;  die  aber,  welche  mit  Peter  Asien
erreichten,  wurden  fast  alle  von  den  Türken  vernichtet.  So  waren  an  100000
Menschen  ums  Leben  gekommen,  und  nur  mit  einem  kleinen  Häuflein  kehrte  Peter
nach  Konstantinopel  zurück.

6.  Das  Hauptheer.  Antiochien.  Inzwischen  hatte  das  Hauptheer  seine
Rüstungen  vollendet.  Es  bestand  aus  den  edelsten  Rittern  Frankreichs  und  wurde
von  Gottfried  von  Bouillon  geführt.  Seinen  Weg  nahm  es  durch  Ungarn  und
die  Türkei.  Bei  Konstantinopel  setzte  es  nach  Asien  über.  Der  ganze  Zug,  der
sich  aus  600000  Personen  zusammensetzte,  bewegte  sich  nur  langsam  vorwärts.
Heißer  Sonnenbrand  erschlaffte  die  Glieder,  und  bald  fehlte  es  auch  an  Lebens—
mitteln.  Endlich  erreichte  man  das  von  den  Türken  besetzte  Antiochien.

Die  Stadt  wurde  belagert.  Aber  die  Not  wuchs  von  Tag  zu  Tag;  man  suchte  den
Hunger  mit  Pferdefleisch,  Leder  und  Baumrinde  zu  stillen;  dennoch  starben  viele  Tausende.
Nach  9  Monaten  endlich  wurde  die  Stadt  genommen;  aber  3  Tage  später  nahte  ein  türkisches
  Heer  und  schloß  die  Kreuzfahrer  ein.  Nun  brach  wieder  eine  schreckliche  Hungersnot
aus,  und  die  Krieger  lagen  matt  am  Boden.  Da  trat  eines  Morgens  ein  Priester  mit
einer  Lanze  hervor.  Die  hatte  ihm  —  wie  er  sagte  —  der  heilige  Andreas  gezeigt  und
als  diejenige  bezeichnet,  mit  der  Christus  in  die  Seite  gestochen  worden  sei.  Das  belebte
den  Mut  der  ohnmächtigen  Krieger;  sie  fielen  über  die  Türken  her,  schlugen  sie  und
öffneten  sich  so  den  Weg  nach  Jerusalem.

7.  Eroberung  Jernsalems.  Um  die  Pfingstzeit  1099  erreichte  das  Heer
endlich  Jerusalem.  Beim  Anblick  der  heiligen  Stadt  fielen  alle  auf  die  Knie  und
stimmten  Lobgesänge  an.  Die  Stadt  wurde  von  40000  Kriegern  verteidigt,  die
Kreuzfahrer  aber  hatten  nur  noch  20  000  kampffähige  Männer.  Nach  einer  Belagerung
  von  4  Wochen  wurde  dennoch  die  Stadt  erstürmt,  und  mit  dem  Rufe:
„Gott  will  es!“  drangen  die  Sieger  in  die  Stadt  ein.  Schrecklich  war  das  Los
der  Besiegten.  Uber  die  Treppe  der  Moschee  rieselte  das  Blut  der  erschlagenen
Sarazenen;  die  Juden  wurden  in  ihrer  Synagoge  verbrannt;  kein  Alter,  kein
Geschlecht  blieb  verschont.  Die  Straßen  füllten  sich  mit  Leichen,  und  die  Luft
ertönte  vom  Jammergeschrei  der  Verwundeten  und  Sterbenden.

8.  Gottfried  wird  Beschützer  des  heiligen  Grabes.  Nachdem  die  Rache
gestillt  war,  zogen  die  Krieger  zur  Kirche  des  h.  Grabes  und  dankten  Gott  für
den  endlichen  Sieg.  Dann  erwählten  sie  Gottfried  zum  Könige  von  Jerusalem;
dieser  aber  lehnte  die  Krone  mit  den  Worten  ab:  „Wo  mein  Heiland  eine  Dornenkrone
  getragen,  will  ich  keine  Königskrone  tragen.“  Er  nannte  sich  nur  „Beschützer
des  heiligen  Grabes“;  doch  schon  ein  Jahr  nachher  starb  er.  Nun  wurde  sein
Bruder  Balduin  zum  Könige  von  Jerusalem  erwählt.

I4.  Die  spätern  Kreuzzüge.  Einfluß  der  Kreuzzüge
auf  die  Kultur.
1.  Die  spätern  Krenzzüge.  Im  Laufe  der  beiden  nächsten  Jahrhunderte

wurden  noch  6  Kreuzzige  unternommen,  einer  sogar  von  Knaben  und  Mädchen.
In  Pilgertracht  gekleidet  und  von  einigen  Priestern  und  Mönchen  geleitet,  zogen
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die  Kinder  in  großen  Scharen  nach  dem  Mittelmeere,  um  sich  dort  einzuschiffen.
Viele  aber  erlagen  den  Anstrengungen  des  Weges,  andre  sielen  Seeräubern  in
die  Hände.  Nur  wenige  kehrten,  von  ihrer  Schwärmerei  geheilt,  in  die  Heimat
zurück.  —  Obwohl  mehr  als  6  Millionen  Menschen  ihr  Leben  für  die  Eroberung
des  heiligen  Landes  dahin  gegeben  hatten,  so  konnte  man  sich  doch  nicht  dauernd
den  Besitz  des  Landes  sichern.  Jerusalem,  Bethlehem  u.  a.  eroberte  Städte
gingen  nach  und  nach  wieder  in  die  Hände  der  Türken  zurück,  1291  mußten  nach
dem  unglücklichen  Ausgange  des  siebenten  Kreuzzuges  auch  Tyrus  und  Sidon,
die  letzten  „fränkischen"  Besitzungen,  abgetreten  werden.  Damit  hatten  die  Kreuzzüge
  ihr  Ende  erreicht.

2.  Einfluß  der  Kreuzzüge  auf  die  Kultur.  Wenn  durch  die  Kreuzzüge
ein  äußerer  Erfolg  auch  nicht  erzielt  worden  ist,  so  sind  sie  doch  für  die  Entwicklung
  der  europäischen  Kultur  von  der  größten  Bedeutung  gewesen.  So  wurde
z.  B.  der  Ritterstand  begeistert,  sein  Schwert  dem  Dienste  Gottes  zu  widmen
und  für  die  Ausbreitung  des  Evangeliums  zu  wirken  (Ritterorden  S.  42).  Den
schönsten  Gewinn  aber  trugen  die  Städte  davon.  In  den  fremden  Ländern  und
Städten  lernte  man  fremde  Sitten  und  Gebräuche,  Künste  und  Gewerbe  kennen.
Bald  entwickelte  sich  nun  auch  in  der  Heimat  das  Gewerbe  zu  großer  Blüte,
man  fing  an,  mit  fernen  Ländern  Handel  zu  treiben,  und  so  gelangten  die  Bürger
in  den  Städten  bald  zu  großem  Wohlstande.  Auch  für  die  Bauern  waren  die
Kreuzzüge  nicht  ohne  heilsame  Folgen,  indem  sie  ihnen  Gelegenheit  gaben,  ihre
Freiheit  und  Selbständigkeit  zu  erlangen.

15.  Friedrich  I.  (Barbarossa.)  1152—1190.

1.  Abstammung  und  Persönlichkeit.  Friedrich  stammte  aus  dem  Hause
der  Hohenstaufen.  Er  war  ein  gar  stattlicher  Held,  mit  blauen  Augen  und
hellblondem,  lockigem  Haar.  In  allen  ritterlichen  Künsten  wohlgeübt,  war  er
noch  als  Greis  kräftig  wie  ein  Jüngling.  Demütige  Bitte  fand  leicht  bei
ihm  Gehör,  und  den  Armen  teilte  er  oft  mit  eigner  Hand  Almosen  aus.
Seines  rötlichen  Bartes  wegen  nannten  ihn  die  Italiener  „Barbarossa“  d.  h.
„Rotbart“.

2.  Kaiser  und  Papst.  Friedrich  wünschte  mit  dem  Papste  in  Frieden  zu  leben;
denn  in  der  Einigkeit  zwischen  Kaiser  und  Papst  sah  er  das  Heil  der  Christenheit.
Als  der  Papst  in  Rom  durch  Aufruhr  aus  der  Stadt  getrieben  wurde,  eilte  ihm
Friedrich  deshalb  zu  Hilfe.  Bei  der  Zusammenkunft  aber  führte  er  dem  Papste  das
Pferd  nicht  am  Zügel  und  hielt  ihm  beim  Absteigen  nicht  den  Steigbügel,  wie  es
Herkommen  war.  Darob  zürnte  ihm  der  Papst.  Friedrich  fügte  sich  auch  diesem
Wunsche,  und  beide  zogen  nun  vereint  in  Rom  ein.  Bald  nachher  krönte  ihn  der
Papst  zum  Kaiser.  Das  Volk  in  Rom  aber  wollte  ihn  zwingen,  sich  erst  das
Kaiserrecht  zu  erkaufen.  Doch  Friedrich  erzwang  es  sich  mit  den  Waffen  und  gab
„Eisen  statt  des  Goldes“.

3.  Mailands  Zerstörung.  Einige  Jahre  später  mußte  der  Kaiser  abermals  mit
seiner  Heeresmacht  nach  Italien  ziehen;  denn  Mailand  und  andre  Städte  Norditaliens
  weigerten  sich,  die  Oberhoheit  des  Kaisers  anzuerkennen.  Als  dann  gar  die
stolzen  Mailänder  den  Brief  des  Kaisers,  worin  er  sie  zur  Ordnung  ermahnte,  mit
Füßen  traten,  sollte  ihre  Stadt  seine  Zornesmacht  fühlen.  2  Jahre  lang  aber
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        —  283  —

mußte  er  die  Stadt  belagern.  Endlich  zwang  sie  jedoch  der  Hunger,  sich  auf  Gnade
und  Ungnade  zu  ergeben.  Am  nächsten  Morgen  kamen  die  Bürger  in  das  Lager  des
Kaisers.  Alle  waren  in  ein  langes  Bußgewand  gekleidet  und  hatten  einen  Strick  um
den  Hals.  Weinend  sanken  sie  vor  dem  Kaiser  nieder  und  flehten  um  Gnade.  Doch
Friedrich  war  durch  den  Widerstand  der  Bürger  so  sehr  erbittert,  daß  er  sich  durch
keine  Bitte  zur  Milde  bewegen  ließ  und  die  Stadt  bis  auf  den  Grund  zerstörte.

4.  Heinrich  der  Löwe.  Noch  mehrmals  mußte  Friedrich  die  aufrührerischen
Städte  Italiens  zur  Ruhe  bringen.  Einmal  hatte  er  schon  7  Monat  lang  die  Stadt
Alessandria  belagert,  konnte  aber,  da  eine  Seuche  unter  seinem  Heere  ausgebrochen
war,  nichts  ausrichten.  Da  kam  die  Kunde,  daß  ein  großes  lombardisches  Heer  gegen
ihn  im  Anzuge  sei.  In  seiner  Not  wandte  sich  der  Kaiser  an  Heinrich  den  Löwen,
seinen  mächtigsten  Lehnsmann.  Dieser,  Herzog  von  Sachsen  und  Bayern,  hatte  dem
Kaiser  auf  seinen  Zügen  nach  Italien  lange  Zeit  bedeutende  Dienste  geleistet.  Jetzt
aber  grollte  er  ihm,  weil  sein  Oheim  Welf  seine  Güter  nicht  ihm,  sondern  dem  Kaiser
vermacht  hatte.  Er  entgegnete  daher:  „Dein  Dienst,  o  Kaiser,  hat  mich  vor  der  Zeit
alt  und  mürbe  gemacht.“  Da  sank  der  Kaiser,  wie  erzählt  wird,  vor  dem  Löwen  auf
die  Knie  und  bat  flehentlich:  „Nur  diesmal,  Heinrich,  verlaß  mich  nicht.“  Heinrich
jedoch  blieb  kalt.  Nun  schieden  die  beiden,  und  Friedrich  mußte  dem  Feinde  allein
entgegentreten.  Bei  Legnano  erlitt  er  eine  so  furchtbare  Niederlage,  daß  er  sich  genötigt
  sah,  einen  mehrjährigen  Waffenstillstand  mit  seinen  Feinden  abzuschließen.
Zornig  kehrte  er  nach  Deutschland  zurück,  Heinrich  aber  traf  bald  darauf  die  Reichsacht.
  Er  verlor  alle  seine  Länder  und  Würden.  Sachsen  wurde  zerstückelt  und  kam
an  verschiedene  Herren,  Bayern  erhielt  der  Pfalzgraf  Otto  von  Wittelsbach,  dessen
Nachkommen  noch  heute  auf  dem  Throne  sitzen.  Später  jedoch  bekam  Heinrich  seine
Erbländer  Braunschweig  und  Lüneburg  zurück.

5.  Kreuzzug.  Seit  88  Jahren  war  Jerusalem  in  den  Händen  der  Christen  gewesen.
  Da  eroberte  es  der  Sultan  von  Agypten.  Hierüber  geriet  die  ganze  Christenheit
  in  Trauer.  Der  Papst  forderte  alle  christlichen  Fürsten  und  Völker  auf,  die
Stadt  zum  zweitenmal  den  Händen  der  Ungläubigen  zu  entreißen.  Begeistert  stellte
sich  Kaiser  Friedrich  an  die  Spitze  eines  150  000  Mann  starken  Heeres,  das  sich  bei
Regensburg  gesammelt  hatte.  Mit  Mühe  erreichte  er  endlich  Kleinasien.  Türkische
Reiter  umschwärmten  das  Heer  Tag  und  Nacht.  (Gedicht:  Als  Kaiser  Rotbart
lobesam  2c.)  Endlich  kam  es  zur  Schlacht,  und  die  Kreuzfahrer  siegten.

6.  Tod.  Mit  neuem  Mute  zogen  sie  weiter.  Bald  kamen  sie  an  den  Fluß  Saleph.
  Eine  schmale  Brücke  führte  über  das  Wasser,  und  nur  langsam  konnte  der  Zug
hinüber.  Der  Kaiser,  des  langen  Wartens  müde,  gab  seinem  Pferde  die  Sporen
und  sprengte  in  den  Fluß.  Aber  die  Wellen  ergriffen  den  kühnen  Greis  und  rissen
ihn  mit  sich  fort.  Ein  Ritter  stürzte  ihm  nach  und  brachte  ihn  auch  ans  Land  —
aber  nur  als  Leiche.

7.  Sage  vom  Kyffhäuser.  Über  alle  Beschreibung  groß  war  die  Trauer  und
Bestürzung  im  Heere;  jeder  glaubte,  in  dem  Kaiser  seinen  Vater  verloren  zu  haben.
Viele  kehrten  sogleich  zu  Schiffe  in  ihre  Heimat  zurück.  In  Deutschland  wollte  man
lange  nicht  glauben,  daß  der  Kaiser  gestorben  sei.  Die  Sage  versetzte  ihn  später  in
den  Kyffhäuser.  Von  dort  sollte  er  einst  wiederkommen,  die  Herrlichkeit  des  deutschen
Reiches  aufzurichten.  (Gedicht:  Der  alte  Barbarossa.)

8.  Die  letzten  Hohenstaufen.  Über  100  Jahre  hat  das  stolze  Geschlecht  der  Hohenstaufen
  die  deutsche  Kaiserkrone  getragen.  Unaufhörlich  hat  es  gegen  die  Übermacht  der

Päpste  angekämpft,  ist  aber  unterlegen.  Der  letzte  Sproß  der  Hohenstaufen  war  Konradin.
Er  gelangte  nicht  mehr  auf  den  Thron.  Als  er  sich  in  den  Besitz  von  Sicilien  und  Neapel,
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        seines  väterlichen  Erbes,  setzen  wollte,  wurde  er  gefangen  genommen  und  —  erst  16  Jahre
alt  —  in  Neapel  auf  dem  Markte  hingerichtet.

16.  Ritterleben  im  Mittelalter.

1.  Bildung  des  Ritterstandes.  Bei  den  alten  Deutschen,  ja,  selbst  noch  bei  Karl
d.  Gr.  bestand  das  Heer  aus  Fußgängern.  Durch  Heinrich  I.  aber  wurde  besonders
die  Reiterei  ausgebildet,  und  fortan  bildeten  die  Ritter  (d.  h.  Reiter)  die  Hauptmacht
des  Heeres.  Bis  zu  den  Kreuzzügen  hin  gab  es  keinen  besondern  Ritterstand.  Ein
jeder,  der  mit  Panzer  und  Helm,  Schwert  und  Lanze  wohlausgerüstet  zu  Pferde  dem
Aufrufe  zum  königlichen  Heerbanne  folgte,  war  ein  Ritter.  Als  aber  zur  Zeit  der
Kreuzzüge  die  Ritter  ihr  Schwert  ganz  und  gar  der  heiligen  Sache  widmeten,  da  gelangten
  die  Ritter  zu  hohem  Ansehen.  Sie  bildeten  jetzt  einen  eigenen  Stand,  dem  nur
Männer  von  Adel  und  großem  Länderbesitz  angehören  sollten.  So  entstand  eine
Scheidewand  zwischen  Ritter  und  Bauer,  zwischen  Wehr=  und  Nährstand.

2.  Erziehung.  Bis  zum  7.  Jahre  wuchs  der  Edelknabe  unter  der  Pflege  der
Frauen  auf;  dann  trat  er  als  Page  in  den  Dienst  eines  Ritters.  Hier  diente  er  bei
Tische,  begleitete  seinen  Herrn  auf  der  Jagd  und  auf  Reisen,  lernte  die  Armbrust
spannen  und  übte  sich  im  Singen  und  Saitenspiel.  Nach  vollendetem  14.  Jahre
wurde  er  Knappe  und  empfing  das  Schwert.  Als  Waffenträger  zog  er  nun  mit  seinem
Herrn  in  die  Fehde  und  zum  Turnier  und  leistete  ihm  in  Gefahr  treuen  Beistand.
Im  21.  Jahre  wurde  er  zum  Ritter  geschlagen.  Das  geschah  in  der  Kirche  und  in
Gegenwart  von  Rittern,  Geistlichen  und  Edelfrauen.  Hier  mußte  er  schwören,  daß
er  der  Tugend  leben,  täglich  die  Messe  hören,  die  Schwachen  und  Unschuldigen  beschützen
  und  dem  Landesherrn  treu  sein  wolle.  —  Darauf  gab  ihm  ein  Ritter  mit  dem
flachen  Schwerte  drei  leichte  Schläge  auf  die  Schulter,  und  dann  wurden  ihm  außer
dem  Schwerte  noch  Lanze,  Helm,  Panzer  und  goldene  Sporen  überreicht.

3.  Die  Wohnung  des  Ritters  war  die  Burg;  sie  lag  entweder  auf  steilem  Felsen
oder  in  der  Ebene,  von  Sumpf  und  Wasser  geschützt.  Häufig  war  sie  von  einem
tiefen  Graben  umgeben,  über  den  eine  Zugbrücke  führte.  Der  Burghof  wurde  von
den  Ställen  der  Pferde  und  dicken  Mauern  eingeschlossen.  Uber  dem  Eingangsthore
  befand  sich  ein  Turm,  auf  dem  der  Wächter  saß.  Er  verkündete  durch  sein  Horn
den  Bewohnern  der  Burg  den  friedlichen  Besuch  und  den  nahenden  Feind.

4.  Turniere.  Die  Ritter  führten  auf  ihren  Burgen  ein  lustiges  Leben.  Häufig
saßen  sie  beim  vollen  Becher  zusammen  und  ergötzten  sich  an  den  Erzählungen  ihrer
Heldenthaten,  oder  sie  zogen  in  den  Wald,  den  Eber  und  Hirsch  zu  jagen.  Am  meisten
Vergnügen  aber  gewährten  ihnen  die  Ritterspiele  oder  Turniere.  Diese  wurden
gewöhnlich  auf  dem  Marktplatze  einer  Stadt  abgehalten.  Ringsherum  war  er
dann  mit  einer  Planke  umgeben,  hinter  der  sich  die  Sitze  für  die  Zuschauer  erhoben.
Trompetengeschmetter  verkündete  den  Beginn  des  Kampfspieles.  In  strahlender
Rüstung  und  mit  wehenden  Helmbüschen  ritten  die  Ritter  paarweise  in  die  Schranken
und  sprengten  mit  eingelegter  Lanze  in  vollem  Galopp  aufeinander  los.  Es  galt,  den
Gegner  aus  dem  Sattel  zu  heben  oder  wenigstens  die  Lanze  an  seinem  stählernen
Brustharnisch  zu  zersplittern.  Beides  galt  als  Sieg.  Auf  das  1.  Paar  folgte  das  2.,
dann  das  3.  2c.;  zuweilen  aber  zogen  die  Ritter  auch  scharenweise  gegeneinander  auf.
Zum  Schluß  wurde  dem  Tapfersten  der  Preis  oder  Dank  zuerteilt.  Knieend  empfing
er  aus  den  Händen  der  vornehmsten  Dame  einen  Helm,  ein  Schwert,  eine  goldene
Kette  oder  irgend  ein  anderes  Kleinod.  Die  Turniere  waren  ein  edles.  aber  doch
gefährliches  Vergnügen.  Es  kam  nicht  selten  vor,  daß  Arme  und  Beine  gebrochen
wurden.  Einem  König  von  Frankreich  wurde  einmal  dabei  das  rechte  Auge  ausgestochen,
  und  in  Magdeburg  kamen  ein  andermal  sogar  16  Ritter  dabei  ums  Leben.
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        x
–—

—

 

Turnier.

5.  Die  Ritterorden.  Zur  Zeit  der  Kreuzzüge  vereinigten  sich  mehrere  Ritter  zu
einem  Bunde,  der  es  sich  zur  Aufgabe  machte,  Kranke  zu  pflegen  und  Pilger  gegen
die  Ungläubigen  zu  schützen.  Zuerst  entstand  der  Orden  der  Johanniter,  sogenannt,
weil  Johannes  der  Schutzpatron  des  Ordens  sein  sollte.  Die  Mitglieder  des  Ordens
teilten  sich  in  drei  Klassen:  in  Ritter,  die  die  Pilger  geleiteten,  in  Geistliche,
die  den  Gottesdienst  abhielten,  und  in  dienende  Brüder,  die  die  Kranken  pflegten.
Alle  mußten  das  Gelübde  der  Armut,  der  Ehelosigkeit  und  des  Gehorsams  ablegen.
An  der  Spitze  des  Ordens  stand  der  Großmeister.  Außer  diesem  Orden  bildete  sich  noch
der  Orden  der  Deutschritter  und  der  Orden  der  Templer.  Beide  waren  in  ihrer  Ein—
richtung  dem  Orden  der  Johanniter  ähnlich.  Der  Orden  der  Deutschritter  verlegte  im
13.  Jahrhundert  seinen  Sitz  nach  der  Marienburg  a.  d.  Weichsel,  von  woaus  er  die
Bekehrung  der  Preußen  begann.  Seine  Ordenstracht  bestand  aus  weißem  Mantel  mit
schwarzem  Kreuze.  Schwarz  u.  weiß  wurden  daher  später  die  preußischen  Landesfarben.

6.  Entartung  des  Ritterwesens.  Die  Kampflust  der  Ritter  artete  aber  in  der
Folge  in  Rauflust  aus.  Dazu  kam  noch,  daß  sie  durch  Verschwendung  vielfach  ver—
armten,  während  die  Bürger  in  den  Städten  wohlhabend  und  reich  wurden.  Der
Ritter  aber  hielt  es  nicht  für  ehrenhaft,  sich  durch  ein  bürgerliches  Gewerbe  seinen
Unterhalt  zu  suchen.  Er  wurde  daher  ein  „Wegelagerer“,  „Heckenreiter“,  „Schnapphahn“,

  „Taschenklopfer“,  oder  wie  sonst  noch  das  Volk  scherzhafterweise  den  Raubritter
  benannte.  Der  Ritter  aber  sagte:

„Reiten  und  Rauben  ist  keine  Schande,  das  thun  die  Besten  im  Lande.“

6  Von  ihren  festen  Burgen  aus  fielen  die  „Raubritter“  mit  ihren  Knechten  über  die
Reisenden  her,  plünderten  die  Wagen  der  vorüberziehenden  Kaufleute  und  führten
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diese  selbst  in  das  Burgverließ  (Turm),  aus  dem  sie  nur  gegen  ein  hohes  Lösegeld
entlassen  wurden.  Traf  das  Lösegeld  nicht  ein,  so  lagen  die  Elenden  in  dem  Turm
auf  faulem  Heu  und  Stroh  und  in  bitterer  Kälte  oft  so  lange,  bis  ihnen  die  Beine
abfaulten.  Zuweilen  ließ  man  ihnen  auch  eine  Hand  abhauen.  Alles  das  ging  den
Rittern  ungestraft  hin.  Die  Ufer  des  Rheins  u.  a.  Flüsse  hatten  sie  dicht  mit  Burgen
besetzt,  und  jedes  vorüberfahrende  Schiff  mußte  ihnen  einen  Zoll  zahlen,  wenn  es
nicht  ausgeplündert  werden  wollte.  Auch  der  Landmann  hatte  viel  von  ihnen  zu  erdulden.
  Sie  entführten  ihm  nicht  selten  sein  Vieh  von  der  Weide  oder  aus  dem
Stalle,  mähten  ihm  in  der  Nacht  das  Getreide  ab,  nahmen  ihm  sein  Hausgerät  und
steckten  dann,  um  sein  Elend  voll  zu  machen,  noch  seine  Hütte  in  Brand.  Das  nannten
sie  „auspochen"“.  Händeringend  sah  der  Bauer  ihrem  wüsten  Treiben  zu;  denn
Recht  wußte  er  nirgends  zu  finden.

I4.  Rudolf  von  Habsburg.  1273—1291.

1.  Faustrecht.  Von  1254—1273  hatte  das  deutsche  Reich  keinen  Kaiser.  Da
gab's  weder  Gesetz  noch  Recht  im  Lande;  der  Starke  fiel  über  den  Schwachen  her
und  nahm  ihm  Hab  und  Gut,  ja,  wohl  gar  das  Leben.  Es  war  niemand  da,  den
Ubelthäter  zu  strafen  und  den  Schwachen  zu  beschützen;  ein  jeder  war  auf  sich  selbst
angewiesen.  Das  war  die  schlimme  Zeit  des  „Faustrechts“.  Besonders  übel  hausten
damals  die  Raubritter.  (Vgl.  S.  251)

2.  Rudolfs  Wahl.  Um  den  traurigen  Zuständen  des  Reiches  ein  Ende  zu
machen,  beschlossen  die  Kurfürsten')  mit  Ausnahme  Ottokars  von  Böhmen,  den
Grafen  Rudolf  von  Habsburg  (im  Aargau  in  der  Schweiz)  zum  deutschen  Kaiser  zu
wählen.  Er  war  nicht  reich  an  Land  und  Leuten,  aber  seine  Tapferkeit  und  Frömmigkeit
  waren  allgemein  bekannt  und  lenkten  die  Wahl  auf  ihn.  Seine  Krönung  wurde
zu  Aachen  mit  großem  Jubel  gefeiert.

„Denn  geendet  nach  langem,  verderblichem  Streit,
war  die  kaiserlose,  die  schreckliche  Zeit,
und  ein  Richter  war  wieder  auf  Erden“  2c.

Als  Rudolf  nach  der  Krönung  die  Fürsten  belehnen  wollte,  war  das  Zepter
nicht  sogleich  zur  Hand.  Schnell  ergriff  er  das  Kruzifix  und  sprach:  „Dies  Zeichen,
durch  das  die  Welt  erlöst  ist,  mag  uns  wohl  als  Zepter  dienen!“  Dann  berührte
er  damit  die  Fürsten.  Um  auch  die  Zustimmung  des  Papstes  zu  erlangen,  mußte
Rudolf  auf  alle  kaiserlichen  Hoheitsrechte  und  Besitzungen  in  Italien  verzichten.
Dieser  Verzicht  wurde  ihm  jedoch  nicht  schwer,  da  er  längst  eingesehen,  daß  die  italienischen
  Besitzungen  dem  deutschen  Reiche  nur  Unheil  gebracht  hatten.  Italien  erschien
  ihm  wie  die  Höhle  des  Löwen,  von  der  der  Fuchs  sagt:  „Ich  sehe  wohl  die  Fußstapfen
  derer,  die  glücklich  hineinkamen,  aber  nicht  derer,  die  glücklich  herauskamen.“

3.  Rudolf  und  der  Priester.  Als  Graf  ritt  Rudolf  einmal  mit  seinem  Knappen
auf  die  Jagd.  Da  hörte  er,  wie  man  erzählt,  plötzlich  mitten  im  Walde  ein  Glöcklein.
Als  er  darauf  losritt,  sah  er  einen  Priester,  der  eben  mit  bloßen  Füßen  den  angeschwollenen
  Bach  durchwaten  wollte,  da  die  Brücke,  die  über  den  Bach  führte,  von
den  reißenden  Fluten  hinweggerissen  worden  war.  Auf  seine  Frage  erfuhr  der  Graf,
daß  der  Priester  auf  dem  Wege  zu  einem  Sterbenden  sei,  ihm  das  heilige  Abendmahl
zu  reichen.  Schnell  sprang  Rudolf  vom  Pferde  und  übergab  es  dem  Priester,  der  nun
darauf  zu  dem  Kranken  ritt.  Er  selbst  aber  bestieg  das  Tier  seines  Knappen.  Als
nun  der  Priester  am  nächsten  Morgen  das  Pferd  dankend  zurückbrachte,  da  sagte

5)  Die  drei  Erzbischöfe  von  Mainz,  Trier  und  Köln  und  die  vier  weltlichen  Fürsten:
König  von  Böhmen,  Pfalzgraf  bei  Rhein,  Herzog  von  Sachsen,  Markgraf  von  Brandenburg.
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        —  27  —

Rudolf:  „Behüte  Gott,  daß  ich  das  Pferd  je  wieder  zu  Jagd  und  Streit  besteige,
das  meinen  Schöpfer  getragen;  möge  es  fortan  dem  göttlichen  Dienste  gewidmet  sein!“

4.  Kampf  mit  Ottokar.  Der  mächtige  Böhmenkönig,  Ottokar,  dem  auch  noch
Mähren,  Ostreich,  Kärnten,  Krain  und  Steiermark  gehörten,  hatte  sicher  auf  die  Wahl
zum  deutschen  Kaiser  gerechnet;  aber  er  sah  sich  getäuscht.  Daher  erschien  er  nicht  bei  der
Krönung,  verweigerte  auch  dem  „armen  Grafen“  den  Eid  der  Treue.  Das  bewog
den  Kaiser,  gegen  ihn  den  Reichskrieg  zu  eröffnen.  Aber  nur  wenige  Fürsten  folgten
ihm,  auch  fehlte  es  an  Geld.  Auf  die  Frage  eines  Ritters,  wer  der  Schatzmeister  sein
solle,  entgegnete  Rudolf:  „Ich  habe  keinen  Schatz,  diese  fünf  Pfennig  sind  all  mein
Geld;  aber  der  Herr,  der  mir  immer  beigestanden,  wird  mich  auch  jetzt  nicht  verlassen."“
Ohne  Widerstand  drang  er  in  Ostreich  ein.  Auf  dem  Marchfelde  kam  es  zur  Schlacht;
beide  Fürsten  nahmen  persönlich  teil  am  Kampfe.  Ottokar  aber  fiel  durch  die  Hand
eines  kaiserlichen  Ritters.  Von  den  Ländern  Ottokars  gab  Rudolf  Ostreich,  Steiermark
  und  Krain  seinen  eigenen  Söhnen  und  wurde  dadurch  der  Gründer  des  habsburgischen
  Herrscherhauses  in  Ostreich.  Böhmen  aber  verblieb  dem  Sohne  Ottokars.

5.  Rudolf  stellt  Ordnung  her.  Des  Kaisers  größte  Sorge  war,  Ruhe  und
Ordnung  im  Lande  herzustellen.  Besonders  streng  verfuhr  er  gegen  die  Raubritter.
„Keinen  halte  ich  für  adelig,“  sagte  er,  „der  von  Raub  und  unehrlicher  Hantierung
lebt.“  Als  er  nach  Erfurt  kam,  wurde  er  wie  ein  Befreier  des  Landes  begrüßt.
Schon  nach  wenigen  Tagen  hatte  er  in  der  Burg  Ilmenau  29  Raubritter  gefangen,
die  alle  vor  den  Thoren  der  Stadt  hingerichtet  wurden.  Im  Verein  mit  den  Erfurter
Bürgern  eroberte  er  dann  noch  in  Zeit  von  drei  Monaten  70  Raubburgen  und  machte
111  Gefangene,  die  alle  hingerichtet  wurden.  —  Oft  saß  er  persönlich  zu  Gericht,
und  Gehör  gewährte  er  jedermann.  Als  seine  Diener  einst  einen  armen  Mann  abweisen
  wollten,  sagte  er:  „Bin  ich  denn  Kaiser  geworden,  daß  ihr  mich  vor  den
Menschen  einschließet!“  Und  als  ihm  einmal  gesagt  wurde,  er  sei  oft  allzugütig,  entgegnete
  er:  „Es  hat  mich  schon  oft  gereut,  daß  ich  zu  streng  war;  nie  aber  wird  es
mich  gereuen,  daß  ich  zu  gut  gewesen  bin.“  So  verbreitete  er  Furcht  und  Schrecken
unter  die  Ubelthäter,  Freude  und  Frieden  aber  unter  das  lange  gedrückte  Volk.

6.  Rudolf  und  die  Bäckersfrau.  Der  Kaiser  war  sehr  einfach  in  seiner
Kleidung.  Gewöhnlich  trug  er  ein  graues  Wams,  das  er  sich  im  Kriege  zuweilen
selbst  flickte.  Als  er  einmal  sein  Hoflager  vor  Mainz  hatte,  ging  er,  wie  man  erzählt,
in  seiner  einfachen  Kleidung  in  die  Stadt.  Die  Kälte  trieb  ihn  in  das  Haus  eines
Bäckers.  Die  Frau  des  Bäckers  hielt  ihn  für  einen  gewöhnlichen  Soldaten  und  wies
ihn  mit  den  Worten:  „Troll  dich  zu  deinem  Bettelkaiser,  der  mit  seinen  Pferden  und
Knechten  das  ganze  Land  aufzehrt!“  zur  Thür  hinaus.  Rudolf  aber  lachte  und  blieb
ruhig  am  Ofen  stehen.  Das  verdroß  aber  die  Frau  dermaßen,  daß  sie  einen  Topf
mit  Wasser  nahm  und  es  ihm  über  den  Kopf  goß.  Ohne  ein  Wort  zu  sagen,  ging
der  Kaiser  davon.  Am  Mittag  schickte  er  ihr  durch  einen  Diener  einen  Korb  mit
Speisen  von  seiner  Tafel  und  ließ  ihr  sagen,  das  sei  der  Dank  für  die  Wassertaufe.
Als  die  Frau  erfuhr,  daß  sie  am  Morgen  den  Kaiser  in  ihrer  Stube  mit  Wasser  begossen
  hatte,  lief  sie  in  voller  Verzweiflung  zu  ihm  und  bat  ihn  fußfällig  um  Verzeihung.
  Er  aber  hob  sie  freundlich  auf  und  legte  ihr  keine  andere  Strafe  auf,  als
daß  sie  die  Geschichte  allen  Anwesenden  erzählen  mußte.

18.  Mlüaximilian  I.  1493—1519.

1.  Der  letzte  Ritter.  Maximilian  war  ein  tapferer,  ja,  oft  tollkühner  Hekd.
In  Ulm  bestieg  er  den  höchsten  Kranz  des  165  m  hohen  Münsterturms  und  stellte
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sich  mit  dem  einen  Fuß  auf  die  schmale  Eisenstange,  woran  die  Feuerlaterne  hing,
während  er  den  andern  Fuß  übermütig  in  die  Luft  emporhob.  Eine  Messingtafel
bezeichnet  noch  heute  diese  Stelle.  Ohne  Furcht  ging  er  mit  dem  Speer  dem  Bären
entgegen  und  nahm  den  Kampf  mit  ihm  auf.  Am  liebsten  aber  verfolgte  er  die  flüchtigen
Gemsen  und  erkletterte  dabei  nicht  selten  die  steilsten  Felsen.  (Martinswand).  Im
Turnier  war  er  Meister,  und  als  einst  in  Worms  ein  prahlerischer  Franzose  lange
Zeit  keinen  Gegner  finden  konnte,  war  er  der  einzige,  der  den  Kampf  mit  ihm  aufnahm
  und  ihn  nach  kurzem  Anlauf  in  den  Sand  warf.  Mit  Maximilian  schließt  das
Mittelalter;  Pulver  und  Blei  verdrängten  Schild  und  Lanze;  die  Turniere  hörten
auf;  eine  neue  Zeit  brach  an.  Er  war  der  letzte  Kaiser,  der  in  den  ritterlichen  Künsten
des  Mittelalters  erzogen  war;  daher  sein  Beiname  „der  letzte  Ritter“.

2.  Die  ersten  Posten.  In  früheren  Zeiten,  als  es  noch  keine  Posten  und
Eisenbahnen  gab,  war  das  Reisen  mit  unzähligen  Hindernissen  verknüpft.  Wer  eine
größere  Reise  antrat,  nahm  nicht  selten  vorher  das  h.  Abendmahl  und  machte  sein
Testament.  Schon  der  Orden  der  Deutschritter  richtete  im  14.  Jahrhundert  „Briefställe“
  und  „Reitposten“  ein.  Reitende  Boten  beförderten  die  Briefe  von  einer
Handelsstadt  zur  andern.  Nach  Orten  aber,  die  nicht  an  der  Landstraße  lagen,  konnte
man  Briefe  nur  mit  Gelegenheit  oder  durch  eigene  Boten  senden.  Pakete  und  Personen
  wurden  durch  Lohnkutschen  befördert.  Da  richtete  Maximilian  durch  den  Grafen
von  Thurn  und  Taxis  1516  die  erste  regelmäßige  Postverbindung  zwischen  Wien
und  Brüssel  ein.  Seinem  Beispiele  folgten  bald  andere  Reichsländer;  aber  erst  in
der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  fing  man  an,  auch  Personen  durch  die  Post  zu  befördern.
  Doch  war  es  lange  Zeit  ein  gewagtes  Unternehmen,  seine  gesunden  Glieder
dem  zerbrechlichen  Postwagen  anzuvertrauen.  Die  Fahrgäste  der  langsamen  „Postschnecke“
  ahnten  noch  nichts  von  der  Großartigkeit  und  Schnelligkeit  unseres  heutigen
Postverkehrs,  der,  unterstützt  durch  Eisenbahnen,  Telegraphen  und  Telephone,  einem
Sturmwinde  gleich,  sich  um  den  ganzen  Erdball  bewegt.

3.  Landfriede.  Auf  dem  Reichstage  zu  Worms  wurde  1495  der  ewige  Landfriede
  gestiftet.  Damit  war  der  Fehdelust  der  Ritter  ein  Ende  gemacht;  denn  Acht  und
Bann  drohten  dem,  der  auf  eigene  Faust  auszog,  seinen  Feind  zu  bestrafen.  Zur
Schlichtung  aller  Streitigkeiten  wurde  das  Reichskammergericht  eingesetzt,  das
weder  vom  Kaiser  noch  von  einem  andern  Landesherrn  abhängig  sein  sollte.  Alle
deutschen  Landstände  freuten  sich  dieser  Einrichtung,  die  Schweiz  aber  wollte  sie
nicht  anerkennen  und  riß  sich  1499  ganz  vom  deutschen  Reiche  los.  —

4.  Landsknechte.  Um  den  Einfällen  der  Türken  und  Franzosen  wehren  zu
können,  errichtete  Maximilian  ein  Reichsheer.  Es  bestand  aus  Söldnern,  die  meistens
aus  dem  Bauernstande  hervorgegangen  waren  und  den  Namen  „Landsknechte“  erhielten.
  Schon  früher  hatte  man  —  besonders  in  den  Städten  —  mit  Söldnerscharen
Krieg  geführt;  in  der  Regel  aber  hatten  die  Ritter  den  Kern  des  Heeres  gebildet.
Als  jedoch  im  Anfange  des  14.  Jahrhunderts  das  Pulver  und  damit  zugleich  die
Feuerwaffe  immer  mehr  in  Gebrauch  kam,  da  traten  an  Stelle  der  Ritter  immer
häufiger  „geworbene“  Kriegsleute,  die  das  Geschäft  rein  handwerksmäßig  betrieben
und  bald  diesem,  bald  jenem  Herrn  dienten.  Das  waren  die  Söldner.  Gegen  Zahlung
eines  „Handgeldes“  traten  sie  in  das  Heer  ein,  beschworen  die  „Artikel“  und  dienten
ihrem  Kriegsherrn  auf  eine  bestimmte  Zeit.  Während  dieser  Zeit  erhielten  sie  einen
Sold,  der  nach  unserm  Gelde  monatlich  20—24  /0  betrug,  doch  suchten  sie  sich
durch  Mord  und  Brand,  Raub  und  Plünderung  so  viel  als  möglich  zu  bereichern.
Für  Kleidung  und  Bewaffnung  hatten  sie  selbst  zu  sorgen.  Sie  kleideten  sich  ganz
nach  Belieben  und  trugen  als  Erkennungszeichen  nur  am  Arm  eine  „Feldbinde“.
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Als  Waffen  dienten  ihnen  ein  kurzes  Seitengewehr,  2  Pistolen,  eine  5  m  lange  Pike
oder  statt  dieser  eine  Muskete.  (S.  32.)

5.  Reichssteuer.  Zur  Erhaltung  dieses  Heeres  legte  Maximilian  eine  Reichssteuer,
  den  sogenannten  „gemeinen  Pfennig“,  auf.  Jeder,  der  über  15  Jahr  alt
war,  mußte  von  je  1000  Gulden  seines  Besitzes  1  Gulden  zahlen.  Mit  der  Einnahme
  dieser  Steuer  waren  die  Pfarrer  beauftragt.

VII.  Leben  im  Mittelalter.  Erfindungen  u.  Entdeckungen.

10.  Städte  im  Mittelalter.

1.  Bauart.  Die  Städte  waren  zum  Schutze  gegen  die  Feinde  mit  einer  hohen,
oft  doppelten  Mauer  umgeben,  auf  der  sich  runde  oder  eckige  Wehrtürme  befanden.
An  einzelnen  Stellen  führten  durch  die  Mauer  enge  Thore  in  die  Stadt,  die  nachts
durch  mächtige  Thorflügel  geschlossen  wurden.  Die  Feldmark  der  Stadt  war  noch
von  einem  besondern  Walle  oder  Graben  umzogen,  der  an  den  Wegen  mit  hohen
Warttürmen  besetzt  war.  Von  ihnen  verkündeten  spähende  Wächter  durch  Trompetenstoß
  den  nahenden  Feind.  Die  Straßen  der  Stadt  waren  ungepflastert,  gekrümmt
und  so  eng,  daß  man  über  sich  den  blauen  Himmel  oft  kaum  zu  sehen  vermochte.
Die  Häuser  waren  mit  überstehenden  Stockwerken  gebaut  und  mit  zierlichen  Ecktürmchen,
  Holzbildern  und  frommen  Sprüchen  geziert.  Meistens  standen  ihre
Giebel  nach  der  Straße  hin.  Das  Dach  war  oft  mit  Schindeln  oder  Stroh  gedeckt
und  die  Hausthür  quer  in  der  Mitte  geteilt.  Auf  den  Straßen  fand  man  Brunnen
mit  Rolle,  Kette  und  Eimer.

2.  Ackerbau,  Handel,  Künste.  Mit  großer  Vorliebe  trieb  der  Städter  Ackerbau;
daher  behielten  die  Städte  auch  lange  Zeit  hindurch  das  Aussehen  eines  großen  Dorfes.
Vor  dem  Hause  lag  in  der  Regel  ein  großer  Düngerhaufen,  und  die  Schweine  liefen
fast  den  ganzen  Tag  frei  auf  der  Straße  umher.  Des  Morgens  „.tutete"  der  Hirt
die  Kühe  und  Schweine  zusammen  und  trieb  sie  dann  auf  die  gemeinschaftliche  Weide.  —
Den  Haupterwerbszweig  des  Städters  bildeten  jedoch  Handel  und  Gewerbe.  Die
Seestädte,  besonders  Genug  und  Venedig,  holten  die  Schätze  des  Morgenlandes
herbei;  diese  wurden  dann  auf  Saumtieren  durch  die  Alpenpässe  nach  Augsburg
und  Nürnberg  gebracht  und  von  hier  aus  in  alle  Teile  Deutschlands  verkaust.
Mit  dem  Handel  wuchs  die  Macht  und  der  Reichtum  der  Städte.  Die  Augsburger
Bürger  waren  so  reich  wie  Fürsten.  In  ihren  Häusern  strahlte  alles  von  Gold.
Die  vornehmsten  Familien  in  den  Städten  hießen  „Geschlechter"“.  In  ihren  Händen
lag  meist  die  Verwaltung  der  Stadt.  —  Unter  den  Künsten  blühte  vornehmlich  die
Baukunst.  Der  Kölner  Dom  und  das  Straßburger  Münster  geben  noch  heute  Zeugnis
davon.  Auch  die  Goldschmiedekunst  und  die  Kunst  des  Siegelschneidens  wurden  eifrig
betrieben.  In  vielen  Städten  pflegten  die  Handwerker  auch  die  Dichtkunst  und  den
Gesang.  Allsonntäglich  kamen  sie  zusammen  und  sangen  in  den  Singschulen  ihre
selbstgedichteten  Lieder.  Man  nannte  sie  „Meistersänger".  Der  berühmteste  unter
ihnen  war  Hans  Sachs  in  Nürnberg,  ein  „Schuh—macher  und  Poet  dazu“.

3.  Zunftwesen.  Um  sich  gegenseitig  Schutz  und  Hilfe  zu  leisten,  traten  (namentlich
  im  13.  Jahrhundert)  die  Handwerker  zu  besondern  „Innungen“  (d.  h.  Einigungen)
oder  Gilden  (Zünften)  zusammen.  Die  einzelnen  Zünfte  unterschieden  sich  äußerlich
durch  Fahnen,  Abzeichen  und  besondere  Bräuche.  An  der  Spitze  einer  jeden  Zunft
stand  der  Zunftmeister  (Innungs-,  Gilde=  oder  Altmeister).  Dieser  genoß  ein  hohes
Ansehen  und  hatte  oft  Sitz  und  Stimme  im  Rate.  Die  Innungsgenossen  hielten  meist
brüderlich  zusammen.  Sie  wohnten  gern  in  derselben  Gasse,  verkehrten  in  derselben
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Herberge,  hatten  gemeinschaftliche  Feste,  einen  gemeinschaftlichen  Trinkbecher  und
eine  gemeinschaftliche  —  Totenbahre.  Auch  bildeten  sie  einen  besonderen  Teil  des
Bürgerheeres  und  kämpften  auf  den  Stadtmauern  gegen  feindliche  Überfälle  unter
Anführung  ihrer  Zunftmeister.  Der  Innung  gehörten  Meister,  Geselle  und  Lehrling
an.  Nach  beendeter  Lehrzeit  erhielt  der  Lehrling  von  der  Innung  einen  „Lehrbrief“.
Der  Geselle  konnte  ohne  Einwilligung  der  Innung  nicht  Meister  werden,  auch  war
es  einem  fremden  Meister,  bevor  er  Mitglied  der  Innung  geworden  war,  nicht  gestattet,
  sein  Handwerk  in  der  Stadt  zu  treiben.  Um  das  Handwerk  vor  überfüllung
zu  schützen,  hatten  die  Zünfte  festgesetzt,  daß  jeder  Meister  nur  einen,  ein  junger
Meister  gar  keinen  Lehrling  halten  durfte.

4.  Die  Hansa.  Zur  Zeit  des  Faustrechts  lauerten  die  Raubritter  nicht  selten
den  vorüberziehenden  Kaufleuten  an  der  Heerstraße  auf  oder  plünderten  ihre  Schiffe,
die  den  Rhein  und  die  Elbe  befuhren.  Da  vereinigten  sich  Lübeck  und  Hamburg
(1241)  und  beschlossen,  sich  gegen  diese  Räuber  zu  schützen.  Sie  schufen  sich  ein  eignes
Heer  und  rüsteteten  Kriegsschiffe  aus,  die  die  Kauffahrer  auf  der  Elbe  in  Schutz
nahmen.  Diesen  Bund  nannte  man  die  Hansa.  Bald  traten  nun  auch  noch  andre
Städte  diesem  Bündnis  bei,  wie  Braunschweig,  Stralsund,  Stettin,  Köln,  Frankfurt
  a.  O.,  Königsberg,  Magdeburg  u.  s.  w.,  im  ganzen  60  Städte,  und  es  dauerte
nicht  lange,  so  zitterte  alles  vor  der  Macht  der  Hansa.  300  Jahre  lang  war  die
Hansa  in  voller  Blüte.  Im  15.  Jahrhundert  aber  zerfiel  sie  allmählich,  weil  die
Fürsten  selbst  mehr  für  Ordnung  und  Sicherheit  sorgten.

20.  Lehnswesen.  ZRecht  und  Gesetz.

1.  Lehnswesen.  Aus  dem  Frankenlande  hatte  sich  das  Lehnswesen  (S.  6)  nach
und  nach  über  ganz  Deutschland  ausgebreitet.  Der  Kaiser  war  gewöhnlich  der
Lehnsherr  der  Fürsten,  Erzbischöfe  und  anderer  Großen,  und  diese  teilten  wieder
kleinere  Lehen  aus,  z.  B.  Städte,  Burgen,  Wälder,  Fischereien,  Brauereien,  Mühlen,
Ackerhöfe  2c.  Selbst  das  Amt  eines  Schultheißen,  Grafen  rc.  war  vielfach  ein  Lehen.
Besonders  häufig  wurden  die  Klöster  an  weltliche  Große  als  Lehen  abgegeben.  Dafür
mußten  diese  dann  gewisse  Gegendienste  thun,  z.  B.  den  Abt  zu  Pferde  begleiten,  den
Klosterwagen  gegen  Räuber  schützen  2c.  Aus  den  Lehnsleuten  ist  ein  großer  Teil  des
Adels  hervorgegangen.

2.  Strafen.  An  die  Stelle  des  früher  gezahlten  „Wergeldes“  trat  nach  und
nach  eine  Bestrafung  an  Gut  und  Ehre,  Leib  und  Leben.  Die  Strafen  waren  im
allgemeinen  sehr  hart.  So  heißt  es  z.  B.  im  Salzburger  Stadtrecht:  „Wer  ein
Falschmünzer  ist,  der  wird  verbrannt  oder  versotten.  Wer  meineidig  ist,  dem  soll  die
Zunge  hinten  zum  Nacken  herausgerissen  werden.“  Ungetreue  Frauen  wurden  lebendig
begraben,  Mordbrenner,  Kirchenräuber,  Grabschänder  u.  a.  lebendig  verbrannt.
Landesverräter  wurden  gevierteilt,  indem  an  jeden  Arm  und  Fuß  ein  Pferd  gespannt
und  so  der  Leib  auseinander  gerissen  wurde.  Sehr  beliebt  war  auch  das  Verstümmeln.
So  wurden  die  Nasen  und  Ohren  abgeschnitten,  die  Hand  oder  der  Fuß  abgehauen,
die  Augen  geblendet  2c.  Daneben  waren  noch  allerlei  Ehrenstrafen  in  Gebrauch.  So
mußten  z.  B.  Obstdiebe,  Verleumder  u.  a.  mit  dem  Halseisen  am  Pranger  stehen.
Betrüger,  falsche  Spieler,  Bäcker,  die  zu  kleines  Brot  gebacken  hatten,  u.  a.  wurden
mit  der  sogenannten  Prelle  (einem  gitterartigen  Kasten)  im  Wasser  untergetaucht  und
dann  wieder  emporgeschnellt.

3.  Femgerichte.  Aus  den  alten  Volksgerichten  der  Franken  entstanden  nach
und  nach  die  Femgerichte.  Diese  verbreiteten  sich  in  den  schutz=  und  rechtslosen  Zeiten
des  Mittelalters  durch  ganz  Deutschland.  Sie  gewährten  jedem  Freien  den  sichersten
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Schutz  und  waren  der  Schrecken  der  Übelthäter.  Ihre  obersten  Richter  hießen  Freigrafen,
die  übrigen  Mitglieder  Freischöffen  oder  auch  „Wissende“,  weil  sie  um  die  Geheimnisse
der  Feme  wußten.  Die  Stätte,  wo  das  Gericht  abgehalten  wurde,  nannte  man  die
„Mahlstätte“,  das  Gericht  selbst  den  „Freistuhl“.  Anfangs  gab  es  nur  in  Westfalen
Femgerichte.  Der  oberste  Freistuhl  war  in  Dortmund  unter  der  Femlinde,  die  noch
heute  als  Zeuge  jener  Gerichtsstätte  dasteht.  Auf  der  Mahlstätte  stand  ein  Tisch,  um  den
die  Richter  saßen.  Auf  dem  Tische  lagen  Schwert  und  Strick,  die  Zeichen  des  Rechts
über  Leben  und  Tod.  War  jemand  bei  dem  Femgerichte  verklagt,  so  ward  er  durch  den
Ladebrief  mit  7  Siegeln  vorgeladen.  Erschien  der  Angeklagte,  so  führte  man  ihn  in
den  Kreis  der  Richter  und  las  ihm  die  Anklage  vor.  Bekannte  er  sich  schuldig  oder
wurde  er  überführt,  so  sprachen  die  Schöffen  das  Urteil.  Ursprünglich  befaßte  sich  die
Feme  nur  mit  todeswürdigen  Verbrechen.  Die  Todesstrafe  wurde  sofort,  meistens  von
dem  jüngsten  Schöffen  vollzogen.  Gewöhnlich  wurde  der  Verurteilte  an  den  nächsten
Baum  gehängt.  Erschien  der  Angeklagte  nicht,  so  galt  er  als  schuldig  und  ward  „verfemt“.
  Dann  wurde  der  Name  des  Verurteilten  in  das  Blutbuch  geschrieben  und  der
also  Verfemte  von  allen  Wissenden  verfolgt.  Keiner  von  ihnen  durfte  das  Urteil  verraten,
  aber  jeder  hatte  die  Pflicht,  es  zu  vollstrecken,  doch  durfte  das  nur  geschehen,
wenn  sie  dabei  zu  dreien  waren.  Wo  sie  dann  des  Verfemten  habhaft  werden
konnten,  zu  Hause  oder  auf  der  Straße,  da  stießen  sie  ihn  nieder  oder  hängten
ihn.  Zum  Zeichen,  daß  der  Getötete  durch  die  heilige  Feme  gefallen,  ließ  man
ihm  alles,  was  er  hatte,  und  steckte  ein  Messer  neben  ihm  in  den  Boden.

21.  Hexen  und  Hexenprozesse.

1.  Hexenglaube.  In  der  Zeit  des  Mittelalters  war  der  Glaube  an  Hexen
in  ganz  Deutschland  verbreitet.  Die  Hexen,  so  glaubte  man,  gäben  sich  dem  Teufel
ganz  zu  eigen  und  verschrieben  sich  ihm  mit  ihrem  Blute.  Dafür  verliehe  er
ihnen  die  Gabe,  dem  Nächsten  Böses  zuzufügen.  So  könnten  sie  durch  ihren  bösen
Blick  Menschen  und  Tiere  krank  machen  oder  Ungewitter,  Hagel  und  Unfruchtbarkeit
des  Feldes  herbeiführen.  Auf  dem  Brocken  fände  jährlich  in  der  Walpurgisnacht
(1.  Mai)  eine  Hauptversammlung  statt.  Die  Hexen  flögen  dann  auf  Böcken,  Gänsen,
Besen,  Ofengabeln,  Stöcken,  Spinnrocken  u.  dergl.  zum  Schornstein  hinaus  durch
die  Luft  zum  Brocken.  Hier  schmausten  sie  im  Beisein  des  Teufels,  der  in  Bocksgestalt
  auf  der  Hexenkanzel  säße,  tränken  aus  Kuhklauen  und  Pferdeschädeln  und
hielten  dann  ihre  Hexentänze  ab.  Dieser  Spuk  endete  erst  mit  Tagesgrauen,  worauf
die  Hexen  wieder  heimflögen.

2.6  Verfolgung.  Mit  größter  Strenge  wurden  die  Hexen  vom  Staate  und  von  der
Kirche  verfolgt.  Rote  Augen,  Verdacht  der  Ketzerei,  Erfüllung  einer  ausgesprochenen
Drohung  und  ähnliche,  oft  ganz  unbedeutende  Dinge  waren  genügend,  eine  Frau  vors
Gericht  zu  bringen.  Leugnete  sie,  ein  Bündnis  mit  dem  Bösen  zu  haben,  so  wandte
man  die  „Hexenprobe“  an.  Man  unterschied  die  Wasser-,  Wage=  und  Thränenprobe.
Bei  der  Wasserprobe  wurde  der  Unglücklichen  der  rechte  Arm  mit  dem  linken  Fuß  und
der  linke  Arm  mit  dem  rechten  Fuß  zusammengebunden;  so  wurde  sie  dann  an  einem
Strick  „1½  Ellen“  tief  in  das  Wasser  hinabgelassen.  Erschien  sie  von  selbst  gleich
wieder  an  der  Oberfläche,  so  galt  sie  als  Hexe;  denn  das  Wasser  (als  durch  die  Taufe  geweiht)
  nahm  sie  nicht  auf.  In  der  Nähe  von  Utrecht  war  vom  Kaiser  Karl  V.  eine  Wage
aufgestellt  worden,  auf  der  die  Hexen  gewogen  wurden.  Ein  Gewicht  unter  40  kg  hatte
Verurteilung  zur  Folge.  Die  Thränenprobe  gründete  sich  auf  den  Glauben,  daß  die
Hexen  nicht  weinen  könnten.  Man  verursachte  der  verdächtigen  Person  alle  möglichen
Schmerzen;  kamen  aber  bei  ihr  keine  Thränen  zum  Vorschein,  so  galt  sie  als  Hexe.
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Später  wandte  man  auch  die  Folter  oder  Tortur  an  und  suchte  durch  Daum=  und
Beinschrauben,  durch  Kneifen  mit  glühenden  Zangen  2c.  das  Geständnis  von  der  Angeklagten
  zu  erzwingen.  —  Wer  so  der  Hexerei  überführt  war,  der  wurde  auf  dem  Scheiterhaufen
  verbrannt.  Uber  9  Millionen,  meistens  Frauen,  sind  diesem  Schicksal  verfallen.

22.  Erfindungen  im  Miittelalter.

1.  Das  Schießpulver  war  in  Deutschland  schon  im  12.  Jahrhundert  bekannt,
doch  wurde  es  nur  zu  Feuerwerk  u.  a.  Spielereien  benutzt.  Erst  zu  Anfang  des
14.  Jahrhunderts  fing  man  an,  das  Pulver  zum  Fortschleudern  der  Geschosse  zu  verwenden.
  Als  den  Erfinder  des  Pulvers  nennt  man  gewöhnlich  den  Mönch  Berthold
Schwarz  in  Freiburg  i.  B.  (oder  Mainz).  Bei  dem  Versuche,  Gold  zu  machen,  vermischte
er  einmal  Salpeter,  Schwefel  und  Kohle.  Aus  Versehen  fiel  ein  Funke  in  den  Mörser,
und  mit  schrecklichem  Krach  flog  die  Keule  aus  dem  Mörser  gegen  die  Decke.  (1354.)

Anfangs  benutzte  man  das  Pulver  nur  zum  Sprengen,  bald  aber  goß  man  auch
Kanonen  oder  Donnerbüchsen,  aus  denen  man  anfangs  mit  Steinen  schoß.  Doch
waren  die  ersten  Kanonen  sehr  plump  und  schwer,  so  daß  sie  nicht  leicht  zu  handhaben
waren.  Auch  das  tragbare  Feuergewehr  war  zuerst  nur  eine  verkleinerte  Kanone
und  führte  den  Namen  „Muskete“.  Eine  solche  war  etwa  2  m  lang  und  so  schwer,
daß  man  sie  beim  Abfeuern  auf  einen  in  die  Erde  gesteckten  Gabelstock  legen  mußte.
Anfangs  feuerte  man  sie  (wie  auch  die  Kanone)  durch  eine  Lunte  ab,  und  erst  später
kamen  die  Rad=  und  Feuerschlösser  auf,  die  durch  einen  Feuerstein  (—  Flintstein)  das.
Pulver  entzündeten  (daher  der  Name  Flinte).

Die  ersten  Feuergewehre  waren  somit  noch  sehr  unvollkommen,  so  daß  sie  der
Armbrust  keineswegs  überlegen  waren.  Sie  fanden  daher  auch  nur  sehr  langsam
Eingang  in  die  Heere,  und  noch  im  30  jährigen  Kriege  bestand  die  Hälfte  des  Fußvolks
  aus  Hellebardieren  und  Pikenieren.  Erst  nachdem  man  sie  verbessert  und
durch  Erfindung  des  Bajonetts  Spieß  und  Muskete  in  einer  Waffe  vereinigt  hatte,
wurde  die  gesamte  Infanterie  (zuerst  unter  Prinz  Eugen  vor  etwa  180  Jahren)
mit  dem  Feuergewehr  ausgerüstet.

2.  Buchdruckerkunst.  1440.  Vor  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  wurden
die  Bücher  durch  Abschreiben  vervielfältigt,  womit  sich  besonders  die  Mönche  beschäftigten.
  Doch  waren  solche  Bücher  sehr  teuer;  eine  Bibel  bezahlte  man  z.  B.
mit  2—3000  J/ô5.  Später  schnitt  man  allerlei  Heiligenbilder  in  Holz  und  druckte  sie
ab.  Ebenso  versuchte  man  es  mit  ganzen  Kapiteln  aus  der  Bibel.  Aber  das  war
immer  noch  sehr  mühsam.  Da  kam  Johann  Gutenberg  aus  Mainz  auf  den  Gedanken,
die  Buchstaben  einzeln  herzustellen  und  sie  zu  Wörtern  zusammenzusetzen,  nach  vollendetem
  Druck  aber  wieder  auseinander  zu  nehmen  und  zu  andern  Wörtern  zu  verwenden.
  (Derartige  von  ihm  geschnitzte  Lettern  sind  noch  jetzt  in  Mainz  vorhanden.
Sie  sind  aus  Birnbaumholz  geschnitzt  und  etwa  4  cm  lang.)  Später  erfand  er  die
Kunst,  die  einzelnen  Buchstaben  aus  geeignetem  Metall  zu  gießen.  Die  Geldnot
zwang  ihn,  sich  mit  dem  reichen  Goldschmied  Fust  und  dessen  Schwiegersohn  Schöffer
zu  verbinden.  Schöffer  ist  der  Erfinder  der  noch  jetzt  gebräuchlichen  Druckerschwärze.
  —  Die  gedruckten  Bücher  waren  bedeutend  billiger  als  die  geschriebenen.
Daher  ist  es  der  Erfindung  Gutenbergs  besonders  zu  danken,  daß  heute  die  Schätze
des  Wissens  Gemeingut  aller  Menschen  geworden  sind.

25.  Entdeckung  Amerikas.  1492.

1.  Kolumbus'  Jugend.  Der  Entdecker  Amerikas  war  Christoph  Kolumbus
Er  war  bei  Genua  geboren.  Als  Knabe  mußte  er  seinem  Vater  am  Webstuhle  behilflich
  sein;  in  den  Freistunden  las  er  begierig  Reisebeschreibungen  und  ähnliche
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Bücher.  Dadurch  erwachte  in  ihm  eine  große  Sehnsucht  nach  fernen  Ländern.  Er  wurde
Seemann,  studierte  fleißig  weiter  und  arbeitete  sich  vom  Matrosen  zum  Kapitän  empor.
2.  Seeweg  nach  Indien.  Die  kostbaren  Erzeugnisse  Indiens  wurden  damals
zu  Lande  durch  Karawanen  herbeigeholt.  Das  war  sehr  beschwerlich.  Man  bemühte
sich  deshalb,  einen  Seeweg  nach  Indien  zu  entdecken.  Auch  Kolumbus  beschäftigte
sich  mit  diesem  Gedanken.  Er  sagte:  „Da  die  Erde  eine  Kugel  ist  und  Indien  östlich
liegt,  so  muß  man  auch  dorthin  gelangen  können,  wenn  man  immer  westlich  segelt."“
3.  Erste  Reise.  Um  seinen  Plan  auszuführen,  ging  Kolumbus  zunächst  nach
Portugal  und  bat  um  Schiffe  und  Unterstützung;  aber  er  fand  kein  Gehör.  In
Spanien,  wo  Ferdinand  und  Isabella  herrschten,  war  man  seinen  Plänen  nicht  abgeneigt,
  aber  es  fehlte  an  Geld;  denn  Spanien  war  zu  jener  Zeit  mit  den  Mauren  in
einen  Krieg  verwickelt.  Erst  als  dieser  beendet  war,  rüstete  man  für  Kolumbus
drei  kleine  Schiffe  aus.  Im  August  1492  fuhr  er  mit  90  Mann  fort  und  zwar
zunächst  nach  den  kanarischen  Inseln.  Das  war  eine  Fahrt  in  bekannten  Gewässern.
  Nun  aber  ging  es  ins  unbekannte  Meer  hinaus,  wo  bei  dem  günstigen
Winde  die  Schiffe  schnell  dahinglitten.  Aber  die  unveränderte  Richtung  des  Windes
beängstigte  die  Schiffsleute,  da  sie  fürchteten,  nicht  wieder  zurückkehren  zu  können.
Kolumbus  aber  beruhigte  sie,  ließ  sie  jedoch  über  die  Größe  des  zurückgelegten  Weges
im  ungewissen.  Bald  zeigten  sich  nun  große  Scharen  von  Vögeln,  die  in  südwestlicher
Richtung  vorüberzogen.  Diese  Richtung  schlug  auch  Kolumbus  ein.  Da  mehrten  sich
die  Anzeichen  des  nahen  Landes.  Man  fand  einen  Baumast  mit  Beeren  und  einen
künstlich  geschnitzten  Stab.  Die  ganze  Mannschaft  war  in  gespanntester  Erwartung.
Es  war  am  70.  Tage  nach  der  Abfahrt.  Kolumbus  gab  Befehl,  streng  Wache  zu
halten,  da  er  Klippen  befürchtete.  Um  10  Uhr  abends  erblickte  er  Licht,  aber  es  verschwand
  wieder.  Da  —  um  2  Uhr  nachts  —  feuerte  ein  voraufsegelndes  Schiff
einen  Kanonenschuß  ab,  und  „Land,  Land!“  tönte  es  vom  Mastkorbe  herab.
Unter  Thränen  stürzte  sich  die  Mannschaft  in  die  Arme  und  sang  aus  voller  Seele:
„Herr  Gott,  dich  loben  wir"“.  Die  aufgefundene  Insel  hieß  Guanahani,  wurde
aber  von  Kolumbus  San  Salvador  genannt.  Ihre  Bewohner  gingen  nackt  umher
und  hatten  eine  kupferrote  Hautfarbe.  Sie  hielten  die  Weißen,  als  sie  deren
Kanonen  hörten,  für  Götter,  die  Blitz  und  Donner  in  ihrer  Hand  hätten.  Nachdem
  nun  Kolumbus  noch  Kuba  und  Haiti  entdeckt  hatte,  kehrte  er  zurück  nach
Spanien,  wo  er  mit  Jubel  und  ausgezeichneten  Ehren  empfangen  wurde.

4.  Fernere  Reisen.  Tod.  Kolumbus  unternahm  später  noch  3  Reisen  nach
dem  neu  entdeckten  Lande,  wurde  aber  vielfach  einer  schlechten  Verwaltung  der  ihm
anvertrauten  Länder  verdächtigt  und  einst  sogar  von  Haiti  in  Ketten  nach  Spanien
gebracht.  Auch  seine  vierte  und  letzte  Reise  brachte  ihm  nur  Gram  und  Kummer.
Bei  seiner  Heimkehr  wurde  er  in  Spanien  kühl  ausgenommen.  Isabella  war
gestorben.  Ferdinand  aber  kümmerte  sich  nicht  mehr  um  ihn.  So  starb  Kolumbus,
mit  Undank  belohnt.  Die  Ketten,  mit  denen  er  in  Haiti  gefesselt  war,  wurden  ihm,
wie  er  es  gewünscht  hatte,  in  seinen  Sarg  gelegt.  Seine  Leiche  wurde  zuerst  auf
Haiti  beigesetzt,  später  aber  nach  Habana  auf  Kuba  übergeführt.

VIII.  Die  Kirchenspaltung  und  der  dreißigjährige  Krieg.
24.  Johann  Huß.  1415.

1.  Lehre.  Johann  Huß  war  Professor  in  Prag.  Er  behauptete,  einige
Menschen  seien  zur  Seligkeit,  andre  zur  Verdammnis  bestimmt,  und  gegen  diese

höhere  Bestimmung  vermöchten  sie  nichts.  Sodann  lehrte  er,  es  gebe  kein  sicht-Realienbuch.
  B.  8.  3
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bares  Oberhaupt  der  Kirche.  Besonders  eiferte  er  auch  gegen  die  Lehre  von  der
Ohrenbeichte,  vom  Fegefeuer  und  vom  Ablaß.  Auch  forderte  er,  daß  man  den
Laien  beim  Abendmahl  den  Kelch  reiche.

2.  Konzil  zu  Konstauz.  Huß  wurde  deshalb  vor  das  Konzil  zu  Konstanz
berufen.  Er  erhielt  vom  Kaiser  Sigismund  einen  Geleitsbrief.  In  Konstanz  verlangte
  man  von  Huß,  er  sollte  widerrufen.  Er  aber  beharrte  bei  seiner  Lehre.
Deshalb  sahen  sich  die  Bischöfe  genötigt,  ihn  für  einen  „Ketzer“  zu  erklären.
Die  Ketzerei  wurde  damals  zugleich  als  ein  Staatsverbrechen  angesehen,  worauf
die  Todesstrafe  stand.  Die  weltliche  Regierung  verbrannte  also  den  Huß  nach
ihren  Gesetzen  als  einen  irrgläubigen,  aufrührerischen  und  höchst  gefährlichen
Menschen.  Die  Stelle,  wo  Huß  verbrannt  wurde,  ist  durch  einen  großen  Steinblock
  gekennzeichnet.

3.  Hussitenkrieg.  1419—1436.  Huß  hatte  in  Böhmen  viele  Anhänger.
Als  sie  von  seinem  Feuertode  hörten,  ergriff  sie  wilder  Zorn.  Ritter,  Bauern,
Handwerker  u.  a.  scharten  sich  zusammen.  Zu  ihrem  Anführer  wählten  sie  den
wilden  Ziska  (d.  h.  der  Einäugige).  In  ihren  Fahnen  flatterte  das  Bild  des
Kelches,  und  dem  Zuge  voran  ging  ein  Priester  mit  dem  Kelche  in  der  Hand.
1419  drangen  sie  ins  Prager  Rathaus  und  stürzten  13  Ratsherren  zum  Fenster
hinaus,  weil  diese  Befehle  gegen  ihre  Versammlungen  erlassen  hatten.  Dann
plünderten  sie  Kirchen  und  Klöster  und  verübten  furchtbare  Grausamkeiten  an  den
Katholiken.  Den  Kaiser  Sigismund  wollten  sie  als  König  von  Böhmen  nicht
anerkennen,  weil  er  wortbrüchig  geworden  sei.  Er  schickte  mehrere  Heere  gegen
sie,  aber  diese  konnten  nichts  ausrichten.

Mit  Sensen,  Keulen,  Dreschflegeln  und  Lanzen  bewaffnet,  durchzogen  die  Hussiten
Böhmen,  Bayern  und  Franken  und  verwüsteten  alles  Land  rings  umher.  Alle  Einwohner  —
mit  Ausnahme  der  Gläubigen  —  sollten  vernichtet  werden,  alle  Bücher  außer  der  Bibel
vertilgt,  alle  Kirchen,  Klöster  und  Altäre  niedergerissen  werden,  da  man  sie  zu  den  heiligen
Handlungen  nicht  gebrauche.  In  einer  Stadt,  die  Ziska  mit  Sturm  genommen,  ließ  er
alle  noch  übrigen  Einwohner  in  die  Sakristei  einsperren,  ringsherum  Stroh  anhäufen  und
sie  verbrennen.  Als  einst  seine  Soldaten  auf  dem  Marsche  in  der  Nacht  wegen  der  dichten
Finsternis  den  Weg  nicht  sehen  konnten,  ließ  er  eine  katholische  Stadt  anzünden,  damit
ihnen  diese  leuchte.  Alle  diese  Grausamkeiten  aber  vergalten  die  Katholiken  in  gleicher
Weise.  Gefangene  Hussiten  banden  sie  an  die  Schwänze  der  Pferde  und  ließen  sie  zu  Tode
schleifen,  oder  sie  stürzten  sie  in  tiefe  Abgründe,  daß  sie  dort  elendiglich  umkämen.

Durch  einen  Pfeil  verlor  Ziska  später  auch  das  zweite  Auge;  aber  nach  wie
vor  führte  er  die  Seinen  zum  Kampf  und  Sieg,  bis  ihn  die  Pest  dahinraffte.
Nach  seinem  Tode  wurde  seine  Haut,  wie  er  befohlen  hatte,  gegerbt  und  über
eine  Trommel  gespannt,  damit  er  auch  jetzt  noch  dem  Feinde  zum  Schrecken  diene.
Jetzt  wurde  Prokopius  Anführer  der  Hussiten.  Auch  unter  seiner  Führung
bezeichneten  Flamme  und  Rauch  den  Weg,  den  die  Hussiten  genommen  hatten.
(In  Naumburg  jedoch,  wo  nach  der  Sage  der  wilde  Prokop,  durch  das  Flehen
der  Kinder  gerührt,  Kirschen  unter  sie  austeilen  ließ,  sind  die  Hussiten  niemals
gewesen.)  Im  Jahre  1436  kam  ein  Vertrag  zu  stande,  in  dem  die  Hussiten
Sigismund  als  König  anerkannten,  wogegen  ihnen  der  Kelch  beim  Abendmahl  zugestanden

  wurde.
25.  Die  Kirchentrennung.
1.  Der  Ablaß.  In  den  ersten  Jahrhunderten  ging  die  Kirche  gegen  solche

ihrer  Mitglieder,  die  in  grober  Weise  die  Gebote  Gottes  übertreten  hatten,  mit
großer  Strenge  vor.  So  z.  B.  gestattete  sie  ihnen  nicht,  am  öffentlichen  Gottes-
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dienste  teilzunehmen.  Nur  am  Eingange  der  Kirche  durften  sie,  mit  einem  Büßer—
gewande  angethan,  stehen  und  die  Fürbitte  der  Vorübergehenden  anflehen.  Solche
Bußübungen  dauerten  oft  Monate,  ja,  jahrelang.  Zeigte  der  Büßer  aufrichtige
Reue,  so  wurde  die  Strafe  zuweilen  abgekürzt  oder  gemildert,  indem  die  Bußübung
in  gute  Werke  verwandelt  wurde.  Dieser  Ablaß  geschah  durch  den  Bischof.
Anfangs  kam  ein  solcher  Ablaß  seltener,  später  häufiger  vor.  Wer  solchen  Ablaß
begehrte,  der  mußte  sich  den  Bußübungen  nicht  nur  mit  Eifer  hingeben,  sondern
er  zahlte  gewöhnlich  auch  noch  eine  freiwillige  Geldsumme  zu  frommen  Zwecken,
z.  B.  zum  Bau  einer  Kirche.  Für  den  Ablaß  wurde  später  ein  besonderer  Zettel
ausgestellt,  der  Ablaßzettel.  Manche  hatten  aber  eine  ganz  irrige  Meinung  von
dem  Ablaß.  Sie  glaubten  nämlich,  durch  die  eingelösten  Ablaßzettel  sei  nicht  nur
die  Bußübung,  sondern  die  Sündenschuld  selbst  erlassen.

2.  Johann  Tetzel.  Im  Anfange  des  16.  Jahrhunderts  schrieb  Papst
Leo  X.  einen  vollkommenen  Ablaß  aus.  Dieser  war  für  alle  Glieder  der  Kirche
bestimmt,  die  nach  würdiger  Beichte  und  Kommunion  eine  ihren  Kräften  entsprechende
  Gabe  zur  Vollendung  der  prächtigen  Peterskirche  in  Rom  beisteuerten.
Mit  der  Verkündigung  des  Ablasses  im  nördlichen  Deutschland  beaustragte  der
Erzbischof  von  Mainz  die  Dominikaner-Mönche.  An  ihrer  Spitze  stand  Johann
Tetzel.  Dieser  erhielt  den  Auftrag,  den  Ablaß  in  Sachsen  zu  verkünden.

3.  Martin  Luther.  Tetzel  kam  auch  in  die  Nähe  von  Wittenberg.  In
dieser  Stadt  lebte  um  diese  Zeit  der  Augustiner-Mönch  Martin  Luther.  Er  war
1483  zu  Eisleben  geboren.  Sein  Vater  war  Bergmann.  Am  31.  Oktober
1517  schlug  Luther  95  Thesen  an  die  Thür  der  Schloßkirche  in  Wittenberg,
in  denen  er  die  Lehre  vom  Ablaß  verwarf.  Als  der  Papst  davon  hörte,  ließ
er  ihn  zum  Widerruf  auffordern.  Da  er  sich  jedoch  weigerte,  sprach  der  Papst
den  Bann  über  ihn  aus.  Luther  aber  zog,  begleitet  von  einer  Schar  Studenten,
vor  das  Elsterthor  in  Wittenberg,  ließ  ein  Feuer  anzünden  und  warf  die
päpstliche  Bannbulle  in  die  Flammen.  Dadurch  sagte  er  sich  für  immer  vom
Papste  los.

4.  Der  Reichstag  in  Worms.  Da  die  Aufregung,  die  Luthers  Thesen
im  Volke  hervorriefen,  immer  größer  wurde,  so  berief  der  Kaiser  Karl  V.  1521
einen  Reichstag  nach  Worms.  Hierher  wurde  auch  Luther  beschieden,  damit  er
sich  vor  Kaiser  und  Reich  verantworte.  Als  er  vor  dem  Throne  des  Kaisers
stand,  fragte  man  ihn,  ob  er  seine  Ansichten  widerrufen  wolle  oder  nicht.
Luther  bat  sich  einen  Tag  Bedenkzeit  aus.  Dieser  ward  ihm  auch  bewilligt.
Am  andern  Tage  trat  er  wieder  in  den  Saal  und  verteidigte  seine  Lehren  in
einer  zweistündigen  Rede.  Von  Widerruf  wollte  er  nichts  wissen.  Der  Kaiser
war  fest  entschlossen,  die  Lehre  Luthers  auszurotten,  und  sprach  daher  über

Luther  die  Reichsacht  aus.  Zur  Rückreise  bewilligte  er  ihm  jedoch  freies  Geleit
auf  21  Tage.

5.  Auf  der  Wartburg.  Als  sich  Luther  auf  der  Rückreise  befand,  ließ  ihn
Kurfürst  Friedrich  der  Weise  heimlich  auf  die  Wartburg  in  Thüringen  bringen.
Weder  Freund  noch  Feind  wußte  von  seinem  Aufenthalte  dort.  Viele  glaubten,
er  sei  tot.  Er  aber  begann  auf  der  Wartburg,  die  Bibel  in  die  deutsche  Sprache
zu  übersetzen.

6.  Die  Bilderstürmer.  Als  er  etwa  ein  Jahr  auf  der  Wartburg  war,
erhielt  er  die  Nachricht,  daß  sein  Freund  und  Amtsgenosse  Karlstadt  in  Wittenberg
  so  weit  ging,  mit  seinem  Anhange  die  katholischen  Geistlichen  zu  vertreiben

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und  Heiligenbilder  und  Altäre  zu  vernichten.  Da  eilte  er  nach  Wittenberg  und
predigte  8  Tage  lang  so  eindringlich  gegen  Karlstadt  und  seine  Anhänger,  daß
diese  die  Stadt  verlassen  mußten.

7.  Luthers  Tod.  Im  Jahre  1546  machte  Luther  eine  Reise  nach  Eis—
leben.  Dort  starb  er.  Seine  Leiche  wurde  nach  Wittenberg  gebracht  und  dort
in  derselben  Kirche  beigesetzt,  an  deren  Thür  er  einst  die  95  Thesen  ge—
schlagen  hatte.

26.  Der  Bauer  im  Mittelalter  und  der  Bauernkrieg.

1.  Frondieuste.  Ursprünglich  lebten  die  Fürsten  und  Grundherren  von  den
Einkünften  ihrer  eignen  Güter  (Domänen).  Als  sie  aber  später  die  Domänen  ihren
Beamten  und  Dienern  zur  Bewirtschaftung  übergaben,  da  ließen  sie  sich  von  diesen
ihren  „hörigen  Bauern“  nicht  nur  die  Lebensmittel  in  die  Küche  liefern,  sondern
auch  die  Dienste  verrichten,  die  in  der  herrschaftlichen  Haushaltung  vorfielen.

Zu  bestimmten  Zeiten  mußten  die  „Gefälle“  (wie  Gänse,  Hühner,  Schweine,  Fische,
Butter,  Eier,  Korn,  Kessel,  Töpfe  u.  s.  w.)  entrichtet  werden.  In  späterer  Zeit  traten  an
die  Stelle  solcher  Lieferungen  Abgaben  in  Geld,  die  Zins  oder  Steuern  genannt  wurden.
Manche  hörige  Bauern  mußten  am  Hofe  die  Ofen  heizen,  Brot  backen,  Bier  brauen,  Holz
spalten,  Nachtwachen  leisten,  Botengänge  verrichten  u.  dgl.  Zuweilen  auch  mußte  der  Bauer
mit  seinem  Gespann  für  den  Herrn  arbeiten  und  ihm  Holz,  Mehl,  Steine  u.  s.  w.  herbeifahren,
  seinen  Acker  bestellen  oder  die  Ernte  besorgen.

Die  Kinder  eines  hörigen  Bauern  waren  verpflichtet,  bei  ihrem  Grundherrn
in  Dienst  zu  treten.  Ein  Handwerk  zu  erlernen  oder  in  die  Stadt  zu  ziehen,  war
ihnen  ohne  Zustimmung  des  Gutsherrn  nicht  gestatttt.  Der  Bauer  war  zum
Leibeignen  seines  Herrn  herabgesunken.

2.  Bauernelend.  Der  Bauer  war  dazumal  meist  ein  recht  armer  Mann.
Er  hatte  kaum  Zeit,  sein  kleines  Feld  zu  bestellen;  denn  er  mußte  für  seinen
Herrn  3  bis  4  Tage  in  der  Woche  mit  seinem  Gespann  arbeiten.  Dazu  kam
noch,  daß  ihm  seine  Ernte  oft  von  dem  zahllosen  Wilde  fast  ganz  vernichtet
wurde.  Wehe  ihm,  wenn  er  sich's  einfallen  ließ,  ein  Stück  Wild  totzuschlagen!
Ein  Hase  kostete  schon  100  Thaler  Strafe.  Die  schlimmsten  Feinde  des  Bauern
aber  waren  die  fremden  Ritter.  Wenn  diese  mit  einem  Herrn  in  Fehde  lagen,
so  überfielen  sie  meist  seine  Bauern,  trieben  ihnen  das  Vieh  von  der  Weide  und
steckten  ihnen  Haus  und  Hof  in  Brand.

3.  Der  Bauernkrieg.  Als  nun  Luther  von  evangelischer  Freiheit  und
Gleichheit  vor  Gott  predigte,  da  meinten  die  Bauern  an  vielen  Orten,  auch  hier
auf  Erden  müsse  Freiheit  und  Gleichheit  herrschen.  Religiöse  Schwärmer,  wie
Thomas  Münzer  in  Mühlhausen  u.  a.,  bestärkten  das  Volk  in  diesem  Glauben
und  zogen  mit  bewaffneten  Haufen  sengend  und  brennend  im  Lande  umher.
Überall,  wohin  sie  kamen,  erschlugen  sie  die  Fürsten  und  Herren  und  richteten
Gütergemeinschaft  ein.  An  die  Mansfelder  Bergleute  schrieb  Münzer:  „Lasset
euer  Schwert  nicht  kalt  werden  von  Blut!“  Luther,  der  anfänglich  zum  Frieden
geraten  hatte,  forderte  jetzt  die  Fürsten  auf,  mit  dem  Schwerte  dreinzuschlagen
und  kein  Erbarmen  mit  den  räuberischen  und  mörderischen  Bauern  zu  haben.
Bald  zogen  der  Kurfürst  von  Sachsen,  der  Landgraf  von  Hessen  u.  a.  Fürsten
mit  ihren  Scharen  nach  Thüringen,  wo  Thomas  Münzer  mit  seinem  Anhange
arg  gehaust  hatte.  Bei  Frankenhausen  kam  es  (1525)  zum  Kampfe.  Münzer
hatte  8000  Mann  um  sich  versammelt.  Die  Fürsten,  deren  Heeresmacht  weit
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größer  war,  forderten  ihn  auf,  sich  zu  ergeben.  Alles  Unrecht  sollte  dann  ver—
gessen  sein.  Doch  Münzer  wollte  von  Übergabe  nichts  hören.  Mit  begeisterten
Worten  ermutigte  er  die  Seinen  zum  Kampfe.  Zufällig  zeigte  sich  während  seiner
Rede  ein  Regenbogen  am  Himmel.  Da  rief  er:  „Hebet  eure  Augen  auf  und
sehet,  wie  günstig  uns  Gott  ist!  Schauet  den  schönen  Friedensbogen!  Der  Himm—
lische  wird  uns  schützen  und  unsern  Feinden  den  Untergang  bereiten.  Wer  von
euch  in  den  vordern  Reihen  fällt,  der  steht  hinten  wieder  auf,  wenn  die  andern
vorüber  marschiert  sind..  Die  Kugeln,  die  vom  Feinde  auf  uns  geschossen  werden,
fange  ich  allein  mit  meinem  weiten  Priestermantel  auf.“  Nun  stimmte  das  Heer
ein  geistlich  Lied  an  und  zog  dem  Feinde  entgegen;  aber  in  kurzer  Zeit  lagen
die  meisten  tot  am  Boden.  Münzer  flüchtete  nach  Frankenhausen  und  hielt  sich
in  einem  Bette  versteckt.  Er  wurde  jedoch  aufgefunden  und  nach  Mühlhausen
gebracht,  wo  er  gefoltert  und  dann  mit  25  Genossen  hingerichtet  wurde.

27.  Karl  V.  (1519—1556)  und  der  schmalkaldische  Krieg  (1547).

1.  Stellung  zu  Luthers  Lehre.  Nach  dem  Tode  Maximilians  wurde  sein
Enkel  Karl,  König  von  Spanien,  zum  Kaiser  von  Deutschland  gewählt.  Er  war
der  mächtigste  Fürst  seiner  Zeit,  und  in  seinem  weiten  Reiche  (das  sich  auch  über
einen  großen  Teil  Südamerikas  erstreckte)  ging,  wie  er  selbst  sagte,  die  Sonne
nicht  unter.  Als  eifriger  Anhänger  der  katholischen  Kirche  erklärte  er  den
deutschen  Fürsten  auf  dem  Reichstage  zu  Worms  (S.  35),  daß  er  entschlossen
sei,  alle  seine  Reiche,  Freunde,  Leib  und  Leben  dahin  zu  verwenden,  daß  der
deutschen  Nation  die  katholische  Religion  erhalten  werde.  Wegen  seiner  Kriege
mit  Frankreich  konnte  sich  der  Kaiser  jedoch  nicht  viel  um  den  Fortgang  der
Reformation  kümmern.

2.  Reichstag  zu  Speier.  Augsburgische  Koufession.  Als  die  Reformation
aber  immer  weiter  um  sich  griff,  hielt  er  1529  zu  Speier  einen  Reichstag  ab.
Hier  beschlossen  die  katholischen  Fürsten,  daß  die  Evangelischen  in  Religionssachen
  sich  aller  Neuerungen  enthalten  sollten.  Die  evangelischen  Fürsten  von
Hessen,  Kursachsen,  Lüneburg  und  Anhalt  sowie  14  Reichsstädte  protestierten
gegen  diesen  Beschluß,  und  so  erhielten  fortan  alle,  die  der  Reformation  zugethan
waren,  den  Namen  Protestanten.  Im  nächsten  Jahre  (1530)  wurde  in  Augsburg
  ein  Reichstag  abgehalten.  Hier  überreichten  die  Protestanten  das  von  Melanchthon,
  dem  Freunde  Luthers,  verfaßte  Glaubensbekenntnis  (augsburgische
Konfession).  In  diesem  war  in  28  Artikeln  dasjenige,  worin  man  mit  den
Katholiken  übereinstimme  und  worin  man  abweiche,  klar  gelegt  worden.

3.  Schmalkaldischer  Bund.  Nürnberger  Religionsfriede.  Der  Kaiser  ließ
eine  Schrift  zur  Widerlegung  der  augsburgischen  Konfession  anfertigen  und  forderte
die  evangelischen  Fürsten  auf,  bis  zum  15.  März  1531  zum  katholischen  Glauben
zurückzukehren.  Infolgedessen  schlossen  sie  1531  den  „schmalkaldischen  Bund“,
dessen  Häupter  der  Kurfürst  Johann  Friedrich  von  Sachsen  und  der  Landgraf
Philipp  von  Hessen  waren.  Als  dann  aber  zu  dieser  Zeit  die  Türken  Wien
bedrohten,  bewilligte  der  Kaiser  den  Protestanten,  um  ihres  Beistandes  sicher
zu  sein,  1532  den  Nürnberger  Religionsfrieden.  Darin  wurde  festgesetzt,  daß
bis  zur  nächsten  Kirchenversammlung  keiner  seines  Glaubens  wegen  beinträchtigt
werden  solle.

4.  Das  Konzil  zu  Trient  (1545—1563).  Die  katholische  Kirche  verlor
durch  Luthers  Lehre  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  auch  in  andern  Ländern
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viele  Mitglieder.  Um  sie  nun  neu  zu  beleben  und  vor  weiterm  Abfall  zu  bewahren,
  berief  der  Papst  auf  dringenden  Wunsch  des  Kaisers  das  Konzil  zu
Trient.  Hier  wurden  die  Hauptlehren  der  katholischen  Kirche  noch  einmal  bestimmt
  festgestellt  und  in  einer  kurzen  Glaubensformel  zusammengefaßt.  Diese
trägt  den  Namen  „das  tridentinische  Glaubensbekenntnis“.  Auch  wurden  hier
mancherlei  Mißbräuche  abgeschafft,  die  sich  in  die  Kirche  eingeschlichen  hatten,
und  mancherlei  Gesetze  und  Vorschriften  zur  Förderung  der  katholischen  Kirche
gegeben.

5.  Der  schmalkaldische  Krieg.  (Schlacht  bei  Mühlberg  1547.)  Auch
die  protestantischen  Fürsten  waren  zu  dem  Konzil  in  Trient  eingeladen.  Aber
sie  erschienen  nicht,  weil  sie  eine  „unpartelsche"  Kirchenversammlung  wollten.
Ebenso  besuchten  sie  den  Reichstag  zu  Regensburg  nicht,  den  der  Kaiser  1546
abhielt.  Da  sprach  der  Kaiser  über  die  Häupter  des  schmalkaldischen  Bundes,
den  Kurfürsten  Johann  Friedrich  von  Sachsen  und  den  Landgrafen  Philipp
von  Hessen,  wegen  Hochverrats  die  Acht  aus  und  suchte  sie  mit  den  Waffen  zum
Gehorsam  zu  zwingen.  Er  rückte  gegen  den  Kurfürsten  heran.  Bei  Mühlberg
a.  E.  kam  es  1547  zur  Schlacht.  Der  Kaiser  siegte,  und  der  Kurfürst  wurde,
nachdem  er  durch  einen  Hieb  ins  Gesicht  arg  verwundet  worden  war,  gefangen
genommen.

Mit  blutigem  Gesicht  und  Panzer  kam  er  zum  Kaiser,  kniete  vor  ihm  und  redete  ihn
an:  „Allergnädigster  Kaiser!"  „So?“  entgegnete  Karl,  „bin  ich  nun  Euer  gnädigster
Kaiser?  So  habt  Ihr  mich  lange  nicht  geheißen!“  Da  sagte  der  Kurfürst:  „Ich  bin  Ew.
Kaiserlichen  Majestät  Gefangener  und  bitte  um  ein  fürstliches  Gefängnis.“  „Wohl“,  gab
der  Kaiser  zur  Antwort,  „Ihr  sollt  gehalten  werden,  wie  Ihr  es  verdient,“  und  ließ  ihn
ins  kaiserliche  Lager  abführen.

Später  wurde  der  Kurfürst  zum  Tode  verurteilt,  doch  wagte  der  Kaiser
nicht,  das  Urteil  zu  vollstrecken,  sondern  verwandelte  es  in  ewige  Gefangenschaft.
Nach  der  Schlacht  zog  der  Kaiser  als  Sieger  in  Wittenberg  ein,  der  Haupstadt
Kursachsens.  Dort  zeigte  man  ihm  auch  Luthers  Grab  in  der  Schloßkapelle,
und  einer  von  den  kaiserlichen  Feldherren,  der  Herzog  Alba,  riet  ihm,  den  Ketzer
ausgraben  und  verbrennen  zu  lassen.  Der  Kaiser  aber  sprach:  „Er  bleibe  in
Ruhe!  Ich  führe  nicht  Krieg  mit  den  Toten,  sondern  mit  den  Lebendigen."“

6.  Herzog  Moritz  von  Sachsen,  der  Schwiegersohn  Philipps  von  Hessen,
lebte  mit  seinem  Vetter  Johann  Friedrich  von  Sachsen  häufig  in  Streit.  Infolgedessen
  sagte  er  sich  vom  schmalkaldischen  Bunde  los  und  schloß  sich  dem  Kaiser
an.  Dieser  erkor  ihn  bald  zu  seinem  Lieblinge  und  belehnte  ihn  nach  der  Gefangennahme
  Johann  Friedrichs  bei  Mühlberg  mit  dem  Kurfürstentum  Sachsen.
Als  nun  Karl  V.  seinen  Zorn  an  Philipp  von  Hessen  auslassen  und  ihn  gefangen
nehmen  oder  aus  dem  Lande  jagen  wollte,  verwandte  sich  Moritz  für  seinen
Schwiegervater  beim  Kaiser.  Dieser  versprach  ihm  auch,  daß  der  Landgraf
weder  mit  Leibesstrafe  noch  ewigem  Gefängnis  belegt  werden  solle,  wenn  er  fußfällig
  Abbitte  thäte.  Der  Landgraf  fügte  sich  und  begab  sich  nach  Halle  zum
Kaiser.  Hier  kniete  er  vor  ihm  nieder  und  ließ  die  Abbitte  durch  seinen  Kanzler
vorlesen.  Da  er  aber,  wie  man  erzählt,  während  des  Vorlesens  lächelte,  hob
der  Kaiser  den  Finger  drohend  in  die  Höhe  und  sagte:  „Woll,  ick  sall  jü  lachgen
lehren!“  und  ließ  ihn  nach  dem  Abendessen  bei  seinem  General,  dem  Herzog
Alba,  verhaften.  Darüber  aufs  höchste  empört,  wandte  sich  Moritz  wieder  seinen
evangelischen  Glaubensgenossen  zu  und  zog  mit  einem  Heere  plötzlich  gegen  den
Kaiser.  Dieser  hielt  sich  gerade  krank  und  wehrlos  in  Innsbruck  auf.  Um
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        —  39  —

seinem  Gegner  nicht  in  die  Hände  zu  fallen,  mußte  er  bei  Nacht  und  Nebel
fliehen.  Er  ließ  sich  in  einer  Sänfte  durch  die  Tyroler  Alpen  tragen  und  entkam
  so  glücklich  seinem  Feinde.  Der  Kurfürst  von  Sachsen  hatte  am  Tage  zuvor
seine  Freiheit  erhalten,  folgte  aber  dem  Kaiser,  wie  er  versprochen,  noch  einige
Tage.  1552  wurde  zu  Passau  ein  Vertrag  geschlossen.  Darin  wurde  bestimmt,
daß  bis  zum  nächsten  Reichstage  niemand  seiner  Religion  wegen  beunruhigt  und
der  Landgraf  Philipp  von  Hessen  sofort  in  Freiheit  gesetzt  werden  solle.  Durch
den  3  Jahre  später  (1555)  zu  Augsburg  geschlossenen  Religionsfrieden  erhielten
  die  Protestanten  völlige  Religionsfreiheit  und  Rechtsgleichheit  mit  den
Katholiken.

7.  Karls  Abdankung.  Der  Augsburger  Religionsfrieden  hatte  den  Lieblingsplan
  Karls,  die  Einheit  der  Kirche  aufrecht  zu  erhalten,  vernichtet.  Damit
war  sein  Streben  für  die  Dinge  dieser  Welt  zu  Ende.  Da  außerdem  sein  Körper
von  Gicht  und  andern  Leiden  hart  geplagt  wurde,  so  beschloß  er,  der  Regierung
und  der  Welt  zu  entsagen  und  sein  Leben  in  stiller  Zurückgezogenheit  zu  beschließen.
  Daher  übertrug  er  zu  Brüssel  seinem  Sohne  Philipp  zuerst  die  Niederlande
  und  etwas  später  auch  Spanien,  Neapel  und  die  neuentdeckten  Länder  in
Amerika.  Die  deutschen  Länder  aber  erhielt  sein  Bruder  Ferdinand.  Dann  begab
er  sich  nach  Spanien,  wo  er  sich  neben  dem  Kloster  San  Juste  ein  Landhaus
hatte  erbauen  lassen.

Hier  verbrachte  er  die  beiden  letzten  Jahre  seines  Lebens,  umgeben  mit  fürstlicher
Pracht.  Die  Volkssage  aber  hat  diesen  Aufenthalt  zu  einem  klösterlichen  Leben  umgestaltet
und  läßt  den  Kaiser  seine  Zeit  mit  Gebet,  Gartenpflege  und  Uhrmacherarbeit  ausfüllen.
So  soll  er  sich  einst  vergeblich  bemüht  haben,  2  Uhren  ganz  gleichgehend  zu  machen  und
dabei  ausgerufen  haben:  „Nicht  einmal  2  Uhren  kann  ich  unter  ein  Gesetz  bringen,  und
ich  Thor  wähnte,  so  viele  verschiedene  Völker  wie  ein  Uhrwerk  regieren  zu  können!“  Um
sich  mit  dem  Sterben  vertraut  zu  machen,  so  wird  berichtet,  habe  er  einmal  sein  eignes
Leichenbegängnis  gefeiert,  sich  in  einen  Sarg  gelegt  und  eine  Totenmesse  halten  lassen.  Er
starb  1558.

28.  Der  dreißigjährige  Krieg.

1.  Veranlassung.  Auch  in  Böhmen  hatte  Luthers  Lehre  Eingang  gefunden.
Es  wurde  aber  hier  den  Evangelischen  nicht  gestattet,  Kirchen  zu  bauen.  Da
wandten  sie  sich  an  den  Kaiser,  erhielten  aber  eine  abweisende  Antwort.  Darüber
erzürnt,  drang  ein  bewaffneter  Haufe  ins  Prager  Schloß  und  stürzte  einige  Räte
des  Kaisers  zum  Fenster  hinaus,  weil  man  ihnen  schuld  gab,  das  keiserliche

Schreiben  bewirkt  zu  haben.  Sie  nahmen  jedoch  durch  den  12—15  Meter  tiefen
Sturz  keinen  Schaden.

2.  Der  böhmische  Krieg.  Nach  dem  Tode  des  Kaisers  Matthias  wurde
Ferdinand  II.  Kaiser  und  damit  auch  zugleich  König  von  Böhmen.  Die  protestantischen
  Böhmen  wollten  aber  keinen  katholischen  König,  sondern  einen  evangelischen.
Sie  weigeten  sich  daher,  ihn  als  König  anzuerkennen,  und  wählten  den  Kurfürsten
  Friedrich  von  der  Pfalz  zu  ihrem  Könige.  Jetzt  entbrannte  der  Krieg.
Die  katholischen  Fürsten  hatten  schon  früher  ein  Bündnis  geschlossen  (die  Liga),
ebenso  die  protestantischen  (die  Union).  Das  Haupt  der  Liga  war  Maximilian
von  Bayern.  Ferdinand  schloß  sich  der  Liga  an,  doch  behielt  sich  Maximilian
die  alleinige  Leitung  der  Liga  vor.  Sein  Oberfeldherr  war  Tilly.  Schon
im  nächsten  Jahre  (1620)  wurde  Friedrich  am  weißen  Berge  bei  Prag
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Tilly.

geschlagen  und  flüchtete  nach  Holland.  Das  Volk  nannte  ihn  scherzweise  den
„Winterkönig“,  weil  er  nur  einen  Winter  regiert  hatte.  Ferdinand  aber  bemächtigte
  sich  nun  Böhmens  und  ließ  die  abgefallenen  Protestanten  aufs  strengste
bestrafen.

3.  Ernst  von  Mausfeld  und  Christian  von  Braunschweig  setzten  zunächst
auf  protestantischer  Seite  den  Kampf  fort.  Aber  es  fehlte  ihnen  an  Geld.  Sie
vermochten  ihre  Truppen  nur  durch  Raub  und  Plünderung  zu  erhalten  und
mußten  überall  vor  Tillys  Truppen  weichen.  Nach  mehreren  Siegen  wandte  sich
Tilly  nach  Norddeutschland,  um  auch  hier  die  Protestanten  anzugreifen.  Da  kam
Christian  IV.  von  Dänemark  den  Protestanten  zu  Hilfe  und  schloß  mit  ihnen  ein
Bündnis.  Der  Kaiser  besaß  damals  noch  kein  eignes  Heer.  Es  fehlte  ihm  an
Geld  dazu.  Er  mußte  sich  daher  ganz  und  gar  auf  die  Truppen  der  andern
katholischen  Fürsten  verlassen.  Das  wollte  er  nicht  Da  half  ihm  ein  böhmischer
Edelmann  aus  der  Verlegenheit.  Er  hieß  Wallenstein.

4.  Wallenstein  wirbt  ein  Heer.  Als  Wallenstein  den  Wunsch  des  Kaisers,
ein  eignes  Heer  zu  besitzen,  erkannte,  machte  er  ihm  den  überraschenden  Vorschlag,
  ihm  unentgeltlich  ein  Heer  von  20000  Mann  zu  stellen.  Der  Kaiser
nahm  das  Anerbieten  an,  und  Wallenstein  ließ  die  Werbetrommel  rühren.  Tausende
  strömten  herbei,  und  in  kurzer  Zeit  stand  ein  schlagfertiges  Heer  bereit;
denn  Wallenstein  bezahlte  gut  und  gestattete  den  Soldaten  im  Feindeslande  volle
Freiheit.  Diese  verehrten  ihn  daher  fast  abgöttisch.  Er  sprach  wenig;  den
Tapfern  zollte  er  unbedingtes  Lob;  Feigheit  dagegen  wurde  sofort  mit  dem
Tode  bestraft.

Sein  Anblick  hatte  etwas  Düsteres  und  Unheimliches.  Er  war  von  langer,  hagerer
Gestalt,  hatte  eine  gelbliche  Gesichtsfarbe  und  einen  finstern,  argwöhnischen  Blick.  Wenn
er  durch  das  Lager  schritt,  angethan  mit  einem  scharlachroten  Mantel,  den  Hut  mit  einer
roten  Straußenfeder  geschmückt,  dann  ergriff  die  Soldaten  ein  unheimliches  Grauen.

5.  Wallenstein  zieht  gegen  den  Feind.  Bald  rückte  Wallenstein  mit
seinem  Heere  aus  und  schlug  den  Grafen  Mansfeld  an  der  Dessauer  Brücke.
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        —  41  —

Daun  verfolgte  er  den  Dänenkönig  Christian,  der  von  Tilly  bei  Luther  am  Baren—
berge  geschlagen  war  und  auf  seine  Inseln  flüchtete.  Da  Wallenstein  ihm  aus
Mangel  an  Schiffen  nicht  folgen  konnte,  so  belagerte  er  Stralsund,  das  sich
weigerte,  eine  kaiserliche  Besatzung  aufzunehmen.  Dieses  aber  wurde  von  der
Seeseite  durch  schwedische  und  dänische  Schiffe  unterstützt.  Deshalb  mußte  Wallenstein
  die  Belagerung  aufgeben.

6.  Wallensteins  Absetzung.  Wallensteins  Scharen  verübten  in  katholischen
wie  in  protestautischen  Ländern  die  größten  Erpressungen  und  Ausschweifungen.
Wohin  sie  kamen,  gingen  Dörfer  und  Städte  in  Rauch  auf.  Was  die  rohen
Soldaten  nicht  verzehren  konnten,  verdarben  sie  aus  Mutwillen.  Immer  lauter
wurden  die  Klagen  der  Fürsten  und  Völker.  Da  berief  der  Kaiser  1630  die
Kurfürsten  nach  Regensburg.  Alle  erhoben  hier  schmerzliche  Klagen  über  Wallenstein
  und  sein  Heer;  alle  verlangten  die  Entlassung  Wallensteins  und  seiner
Scharen.  Da  willigte  der  Kaiser  ein,  und  Tilly  wurde  zum  alleinigen  Feldherrn
des  Heeres  ernannt.  Wallenstein  nahm  seine  Entlassung  scheinbar  gleichgültig
auf  und  zog  sich  auf  seine  Güter  in  Böhmen  zurück.

7.  Gustav  Adolf.  Kaum  hatte  der  Kaiser  Ferdinand  Wallenstein  entlassen
und  damit  auf  seine  militärische  Macht  verzichtet,  da  erschien  ein  neuer  Feind.
Es  war  Gustav  Adolf,  der  König  von  Schweden.  Im  Jahre  1630  landete  er
mit  15000  Mann  auf  der  Insel  Usedom  und  vertrieb  die  kaiserlichen  Truppen
aus  Mecklenburg  und  Pommern.  Durch  Zureden  und  Drohungen  brachte  er
die  Herzöge  dieser  Länder  und  den  Kurfürsten  von  Brandenburg  dahin,  ein
Bündnis  mit  ihm  zu  schließen.  Ebenso  verband  sich  die  Stadt  Magdeburg  mit
ihm.  Fast  alle  übrigen  protestantischen  Fürsten  und  Stände  wollten  sich
üm  einem  Fremden,  nicht  anschließen,  um  gegen  ihre  deutschen  Brüder  zu
ämpfen.

8.  Zerstörung  Magdeburgs.  Tilly  wandte  sich  nun  zuerst  gegen  Magdeburg,
  das  von  dem  schwedischen  Obristen  Dietrich  von  Falkenburg  verteidigt
wurde.  Nachdem  er  mehrere  Wochen  die  Stadt  belagert  und  mit  Kanonen  beschossen
  hatte,  gab  er  eines  Morgens  das  Zeichen  zum  Sturm.  Kaum  hatten
jedoch  seine  Leute  die  Mauern  erstiegen,  da  loderte  an  verschiedenen  Stellen
Feuer  auf,  verborgene  Pulverminen  entzündeten  sich,  und  in  kurzer  Zeit  stand
die  ganze  Stadt  in  Flammen.  Am  Abend  des  Tages  lag  Magdeburg  in  Schutt
und  Asche.  Nur  der  Dom,  ein  Kloster  und  einige  Fischerhütten  an  der  Elbe
waren  übrig  geblieben.  Tilly  brach  beim  Anblick  der  rauchenden  Trümmer  in
Thränen  aus.  Den  Untergang  Magdeburgs  hatte  er  am  meisten  zu  beklagen,
da  ihm  dadurch  ein  wichtiger  Stützpunkt  verloren  ging.

9.  Tillys  Tod.  Von  Magdeburg  zog  Tilly  nach  Sachsen,  um  den  Kurfürsten
  von  Sachsen  zum  Anschluß  an  den  Kaiser  zu  zwingen.  Dieser  aber
schloß  sich  den  Schweden  an  und  rief  Gustav  Adolf  zu  Hilfe.  Tilly  hatte  bei
Breitenfeld  unweit  Leipzig  Stellung  genommen.  Dort  wurde  er  von  den
schwedisch-sächsischen  Truppen  völlig  geschlagen.  Aus  36  Schlachten  war  er  als
Sieger  hervorgegangen;  hier  erlitt  er  die  erste  Niederlage.  Im  folgenden  Jahr
1632  wurde  er  am  Lech  abermals  besiegt  und  dabei  am  Knie  tödlich  verwundet.

Seine  trauernden  Soldaten  brachten  ihn  nach  der  Festung  Ingolstadt,  wo  er
15  Tage  darauf  starb.

10.  Wallensteins  Wiedereinsetzung.  Durch  den  Tod  Tillys  war  der  Kaiser
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        in  große  Not  geraten.  In  seiner
bedrängten  Lage  wandte  er  sich  an
Wallenstein  und  bat  ihn,  ein  neues
Heer  zu  werben.  Darauf  hatte
dieser  gewartet.  Anfangs  benahm
er  sich  kalt,  sagte  aber  endlich  zu.
Wie  durch  einen  Zauberschlag  schuf
er  in  wenig  Tagen  eine  neue
Armee.  „Das  Heer  ist  da,  nun
schickt  einen  Führer!“  schrieb  er  nach
Wien.  Und  nochmals  mußte  ihn
der  Kaiser  bitten,  den  Oberbefehl
selbst  zu  übernehmen.  Wallenstein
sagte  zu,  forderte  aber  unumschränkte
  Gewalt  über  sein  Heer.
Der  Kaiser  bewilligte  alles.

11.  Lützen.  1632.  Mit  dem
neuerworbenen  Heere  stellte  er  sich
Gustav  Adolf  gegenüber.  Bei  Lützen,
nicht  weit  von  Leipzig,  kam  es  zur

 

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V*[  —  8272  dchlacht.  Es  war  ein  harter  Kampf.
“  ——t44  Nach  vierstündiger  blutiger  Arbeit
*  neigte  sich  der  Sieg  auf  die  Seite
Gustav  Adolfs  Tod.  der  Schweden.  Da  erhält  Wallenstein

  Verstärkung  durch  neue  Truppen
und  drängt  die  Schweden  zurück.  Als  Gustav  Adolf  dies  sieht,  eilt  er  in  die
weichenden  Reihen,  um  die  Ordnung  wiederherzustellen.  Sein  kurzes  Gesicht
bringt  ihn  aber  dem  Feinde  zu  nahe.  Da  bekommt  sein  Pferd  einen  Schuß
durch  den  Hals,  ein  zweiter  zerschmettert  dem  Könige  den  linken  Arm,  und
gleich  darauf  erhält  er  einen  Schuß  in  den  Rücken,  der  ihn  tötet.  Sein  blutbeflecktes
  Pferd  jagt  wiehernd  durch  die  Reihen  der  Schweden  und  verkündetihnen
  das  Schicksal  ihres  Führers.  Mit  großer  Erbitterung  über  den  Verlust
ihres  Königs  dringen  diese  von  neuem  auf  Wallenstein  ein.  Aber  erst  die  einbrechende
  Nacht  machte  dem  schrecklichen  Kampfe  ein  Ende.

12.  Wallensteins  Tod.  Nach  dem  Tode  Gustav  Adolfs  wäre  es  Wallenstein
  leicht  gewesen,  die  Feinde  des  Kaisers  einzeln  anzugreifen  und  zu  schlagen.
Allein  er  hielt  sich  geraume  Zeit  ganz  ruhig  in  Böhmen  und  knüpfte  mit  den
Sachsen  und  Schweden  Unterhandlungen  an.  Da  ächtete  ihn  der  Kaiser,  und
Wallenstein,  der  nun  förmlich  von  ihm  absiel  und  mit  den  Schweden  unterhandelte,
  eilte  mit  5  Regimentern  nach  Eger,  um  hier  Schutz  zu  suchen.  Aber
3  Obersten  aus  der  Besatzung  stifteten  eine  Verschwörung  gegen  ihn  an  und  beschlossen,
  ihn  zu  ermorden.  Zuerst  wurden  des  Herzogs  Freunde  abends  beim
Mahle  niedergemacht.  Noch  in  derselben  Nacht  wurde  der  Hauptschlag  vollführt.
Der  Herzog  war  früh  zu  Bett  gegangen,  nachdem  er  sich  vorher  noch  lange  mit
Seni,  seinem  Sterndeuter,  unterhalten.  Es  war  11  Uhr.  Der  Sturm  heulte;
die  Fenster  klirrten.  Da  stürmte  einer  der  Hauptanführer  mit  seinen  Dragonern
die  Treppe  hinauf.  Ein  Kammerdiener  wurde  im  Vorzimmer  niedergehauen,  ein
andrer  entsprang  mit  dem  Schrei:  „Rebellen,  Rebellen!“  Durch  diesen  Lärm
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        —  43  —

erwachte  Wallenstein  und  fuhr  aus  dem  Bette  auf.  In  demselben  Augenblicke
wurde  die  Thür  seines  Schlafgemachs  gesprengt.  Wallenstein  stand  wehrlos
und  unangekleidet  am  Fenster.  „Bist  du  der  Schelm,  der  dem  Kaiser  die  Krone
vom  Haupte  reißen  will?“  rief  einer  der  Mörder,  „du  mußt  sterben!“  Wallen—
stein  bewegte  bloß  die  Lippen,  hob  die  Augen  gen  Himmel  und  erhielt  in  dem—
selben  Augenblicke  mit  einer  Hellebarde  den  Todesstoß.

13.  Die  letzten  Kriegsjahre.  Bald  nach  dem  Tode  Wallensteins  wurden
die  Schweden  bei  Nördlingen  (1634)  von  den  Kaiserlichen  vollständig  geschlagen.
Nun  fielen  die  meisten  deutschen  Fürsten  von  den  Schweden  ab.  Alles  sehnte
sich  nach  Frieden.  Da  fachte  Frankreich  aufs  neue  die  Fackel  des  Krieges  an
und  schloß  mit  den  Schweden  ein  Bündnis,  um  so  die  Macht  Deutschlands  zu
schwächen  und  die  Länder  am  Rhein  an  sich  zu  reißen.  So  dauerten  die  Schrecken
des  Krieges  noch  13  Jahre,  in  denen  der  Sieg  sich  bald  auf  die  Seite  der  Kaiser—
lichen,  bald  auf  die  der  Schweden  neigte.  Furchtbar  waren  die  Greuel,  die
in  dieser  Zeit  von  den  Truppen  verübt  wurden,  teuflisch  die  Martern,  die
man  den  Bürgern  und  Bauern  bei  Erpressungen  auferlegte.  Dazu  gesellte  sich
eine  entsetzliche  Hungersnot  und  die  schreckliche  Pest,  durch  die  ganze  Dörfer
ausstarben.

14.  Friede.  Endlich,  im  Jahre  1648,  ward  zu  Osnabrück  und  Münster
der  „westfälische  Friede“  geschlossen.  Deutschland  verlor  kostbare  Grenzländer,
von  denen  die  Franzosen  das  schöne  Elsaß  hinnahmen.  Schweden  erhielt  die
Insel  Rügen  und  Vorpommern  mit  der  Hauptstadt  Stettin.  Der  Kurfürst  von
Brandenburg  wurde  durch  die  Bistümer  Kammin,  Halberstadt  und  Minden  sowie
das  Erzstift  Magdeburg  entschädigt.  Zum  Friedensfeste  dichtete  der  Pfarrer
Martin  Rinkhardt  das  schöne  Lied:  „Nun  danket  alle  Gott“  u.  s.  w.

15.  Verwüstung.  Durch  diesen  langen  Krieg  war  Deutschland  in  manchen
Gegenden  fast  zur  Einöde  geworden.  Tausende  von  Städten  und  Dörfern  lagen
in  Schutt  und  Asche,  und  ihre  Bewohner  irrten  heimatlos  umher.  Die  Felder
lagen  unbebaut  da;  denn  es  fehlte  an  Saatkorn  und  noch  mehr  an  Zugvieh.
Zwei  Drittel  der  Bewohner  waren  durch  das  Schwert  oder  durch  Hunger  und
Pest  dahingerafft  worden.  „Man  wandert  wohl  10  Meilen  weit  und  sieht
nicht  einen  Menschen.  In  allen  Dörfern  sind  die  Häuser  voller  Leichname  und
Aser  gelegen,  weil  niemand  gewesen,  der  sie  begraben  hat.“  Roheit  und  Sittenlosigkeit
  hatten  überhand  genommen.  Das  Morden  war  zum  Handwerk  geworden.
In  den  Wäldern  hausten  Räuber  und  fielen  über  die  Reisenden  her  oder  brachen
in  die  Dörfer  ein.  Not  und  Elend  herrschte  überall.  Es  dauerte  an  200  Jahre,
ehe  sich  Deutschland  vollständig  wieder  erholte.

IX.  Gründung  des  brandenburg-preußischen  Staates.

20.  Die  Mark  Brandenburg.

1.  Gründung  der  Mark.  (S.  15.)

2.  Albrecht  der  Bär.  1134  schenkte  der  Kaiser  Lothar  dem  Grafen  Albrecht
aus  dem  Hause  der  Anhaltiner  die  Nordmark.  Sie  umfaßte  damals  hauptsächlich  nur
das  Land  westlich  von  der  Elbe.  In  Brandenburg  herrschte  der  Wendenfürst  Pribislaw.
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Dieser  ließ  sich  taufen,  und  da  er  kinderlos  war,  setzte  er  Albrecht  zum  Erben  seines
Landes  ein.  Nach  seinem  Tode  nahm  Albrecht  Brandenburg  in  Besitz.  Jazzo  aber,  ein
Verwandter  Pribislaws,  machte  ihm  das  Land  streitig.  Durch  Verrat  drang  er  in  die
Hauptstadt  ein,  wurde  jedoch  vertrieben  und  besiegt,  und  nun  war  Albrecht  Herr  des
Landes  bis  zur  Oder  hin.  Er  verlegte  seinen  Sitz  von  Salzwedel  nach  Brandenburg  und
führte  den  Titel  „Markgraf  von  Brandenburg“.  Die  Götzen  der  Heiden  ließ  er  vernichten,
ihre  Tempel  aber  in  christliche  Kirchen  umwandeln.  Um  das  Land  urbar  zu  machen,  zog
er  aus  Holland  und  vom  Rhein  Ansiedler  herbei.  Durch  diese  wurden  Dörfer  angelegt,
Sümpfe  ausgetrocknet  und  deutsche  Sitten  und  christlicher  Sinn  im  Lande  ausgebreitet.

3.  Die  Raubritter  in  der  Mark.  Nach  Albrechts  Tode  kam  Brandenburg  im
Laufe  der  Zeit  noch  an  viele  Herren.  1356  wurde  es  durch  die  „goldene  Bulle“  (so
benannt  nach  der  goldenen  Kapsel,  die  das  Siegel  des  Schriftstückes  umschloß)  zu  einem
Kurfürstentum  erhoben.  Ums  Jahr  1400  fiel  es  an  den  Kaiser  Sigismund.  Da  dieser
oft  in  Geldnot  war,  so  verpfändete  er  die  Mark  an  seinen  Vetter  Jobst  von  Mähren.
Der  war  nur  darauf  bedacht,  sich  in  dem  fremden  Lande  zu  bereichern,  und  drückte
die  Unterthanen  mit  harten  Steuern.  Auch  ließ  er  sich  alle  Jahr  nur  einmal  in  der
Mark  sehen  und  zwar,  um  das  zusammengescharrte  Geld  in  Empfang  zu  nehmen.  Die
Ritter  aber  versagten  ihm  den  Gehorsam;  sie  wollten  nur  dem  Kaiser  unterthan  sein.
Um  ihre  Freundschaft  zu  gewinnen,  setzte  Jobst  die  beiden  trotzigsten,  Dietrich  und  Hans
von  Quitzow,  zu  Statthaltern  in  der  Mark  ein.  Jetzt  hatten  sie  freies  Spiel.  Mit
ihren  Kriegsleuten  zogen  sie  von  einer  Stadt  zur  andern  und  plünderten  überall,  wo
ihnen  nicht  große  Summen  gezahlt  wurden.  Selbst  Berlin  gab  ihnen  Feste  und
Schmausereien,  um  gegen  ihre  Einfälle  gesichert  zu  sein.  Der  Bauer  war  weder  seines
Lebens  noch  seines  Eigentums  sicher.  Viele  Ritter  scheuten  sich  auch  nicht,  an  der
Landstraße  dem  Kaufmanne  aufzulauern  und  ihm  seine  Ware  zu  rauben.

50.  Die  Hohenzollern  in  der  Mark.

1.  Friedrich  I.  (1415—1440).  Endlich  kam  dem  zerrütteten  Lande  ein  Helfer;
das  war  der  Burggraf  Friedrich  VI.  von  Nürnberg,  aus  dem  Hause  der  Hohenzollern.
Dieser  hatte  dem  Kaiser  Sigismund  zur  Kaiserkrone  verholfen  und  ihm  stets  treu
zur  Seite  gestanden.  Dafür  ernannte  ihn  der  Kaiser  jetzt  zum  Statthalter  der  Mark.
Brandenburg  und  viele  andre  Städte  nahmen  den  Burggrafen  willig  auf;  jedoch  die
Ritter  des  Havellandes,  an  ihrer  Spitze  Dietrich  und  Hans  von  Quitzow,  verweigerten
„dem  Nürnberger  Tand“  den  Eid  der  Treue  und  spotteten:  „Wenn  es  auch  ein  ganzes
Jahr  Burggrafen  regnet,  so  wollen  wir  sie  doch  nicht  aufkommen  lassen“.  Friedrich
aber  zog  mit  einer  Kanone,  ihrer  Schwere  wegen  „faule  Grete“  genannt,  vor  ihre
festen  Schlösser  und  eroberte  eine  Burg  nach  der  andern.  Dietrich  von  Quitzow  entfloh,
Hans  wurde  gefangen  genommen,  die  andern  Ritter  aber  baten  demütig  um  Gnade.  —
1415  verlieh  der  Kaiser  dem  Burggrafen  aus  Dankbarkeit  für  die  ihm  geleisteten
Dienste  die  Mark  Brandenburg  mit  der  Kurfürstenwürde  als  erbliches  Eigentum.
Friedrich  VI.  nannte  sich  von  jetzt  ab  Friedrich  I.  1417  fand  auf  dem  Konzil  zu
Konstanz  die  feierliche  Belehnung  statt.  So  ist  Friedrich  der  Stammvater  der  noch
jetzt  in  Preußen  herrschenden  Hohenzollern  geworden.

2.  Friedrich  II.  (1440—1470),  genannt  „Eisenzahn“,  der  Sohn  Friedrichs  I.,
war  ein  Fürst  von  echter  Frömmigkeit.  Die  ihm  widerstrebenden  Schwesterstädte
Berlin  und  Köln  an  der  Spree  verstand  er  mit  starker  Hand  zum  Gehorsam  zu  zwingen.
Sie  hatten  ihm  mehrmals  ihre  Thore  verschlossen.  Als  dann  aber  ein  Streit  zwischen
dem  Magistrate  und  der  Bürgerschaft  ausbrach,  rief  der  Magistrat  die  Hilfe  des  Landesherrn
  an.  Friedrich  kam  mit  6000  Reitern  und  zog  ungehindert  in  die  Stadt.  Fortan
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        —  45  —

behielt  er  die  Schlüssel  aller  Thore  in  Gewahrsam.  Um  aber  die  Städte  auch  fernerhin  in
Gehorsam  halten  zu  können,  legte  er  an  der  Spree  eine  fürstliche  Burg  an,  die  er  1451
bezog  und  die  noch  heute  einen  Teil  des  großen  königlichen  Schlosses  in  Berlin  ausmacht.

3.  Albrecht  Achilles  (1470—1486).  Do  Friedrich  II.  seinen  einzigen  Sohn
durch  den  Tod  verlor,  so  kam  nach  ihm  sein  Bruder  Albrecht  auf  den  Thron.  Wegen
seiner  Tapferkeit  wurde  er  der  deutsche  Achilles  genannt.  Er  ist  besonders  dadurch
wichtig,  daß  er  das  „hohenzollernsche  Hausgesetz“  herausgab.  Diesem  Gesetze  gemäß
sollte  die  Mark  Brandenburg  nie  geteilt  werden,  sondern  immer  ungeteilt  dem  ältesten
Sohne  oder  sonstigen  Erben  zufallen.  Durch  dieses  Gesetz  wurde  die  Zerstückelung
des  Landes  verhütet  und  das  Wachstum  desselben  begünstigt.

4.  Joachim  I.  (1499—1535)  war  bei  seinem  Regierungsantritte  erst  15  Jahr
alt.  Die  Raubritter  fingen  deshalb  ihr  altes  Räuberhandwerk  bald  wieder  an;  denn
sie  meinten,  vor  dem  jungen  Kurfürsten  sicher  zu  sein.  Aber  sie  irrten  sich;  er  ließ
die  Räuber  fangen  und  hinrichten.  Da  schrieb  ihm  einer  der  Ritter  an  die  Thür:
„Joachimken,  Joachimken,  höde  di,  fangen  wi  di,  so  hangen  wi  di.“  Dennoch  fuhr
Joachim  fort,  die  Ubelthäter  zu  verfolgen.  —  Zu  seiner  Zeit  trat  in  Wittenberg  der
Reformator  Luther  auf,  aber  Joachim  wollte  von  einer  Reformation  durch  einen  Mönch
nichts  wissen.  Trotzdem  breitete  sich  die  Reformation  in  der  Mark  aus,  ja,  Joachims
eigene  Gemahlin,  Elisabeth,  war  ihr  zugethan.

5.  Joachim  II.  (1535—  1571),  der  Sohn  Joachims  I.,  trat  auf  Wunsch  seiner
Mutter  1539  zur  lutherischen  Lehre  über,  und  nun  verbreitete  sich  diese  sehr  schnell  in
der  Mark.  —  Mit  dem  Herzoge  von  Liegnitz  schloß  er  einen  Erbvertrag,  auf  den
Friedrich  II.  später  seine  Ansprüche  auf  Schlesien  gründete.  Es  wurde  nämlich  festgesetzt,
  daß  beim  Aussterben  der  Kurfürsten  von  Brandenburg  ihr  Land  an  den  Herzog
von  Liegnitz  und  beim  Aussterben  der  Herzöge  von  Liegnitz  deren  Land  an  Brandenburg
  fallen  sollte.  Auch  mit  dem  Könige  von  Polen  schloß  er  einen  Erbvertrag,
demgemäß  das  damals  unter  polnischer  Lehnshoheit  stehende  Herzogtum  Preußen  nach
dem  Aussterben  der  preußischen  Herzöge  an  Brandenburg  fallen  sollte.

6.  Johann  Sigismund  (1608—1619)  erhielt  durch  Erbschaft  das  Herzogtum
Cleve  und  die  Grafschaften  Mark  und  Ravensberg,  die  den  Kern  der  später  bedeutend
  erweiterten  Rheinlande  bilden.  Da  zu  seiner  Zeit  auch  die  Herzöge  in  Preußen
ausstarben,  so  erhielt  er  ihr  Land  als  Lehen  von  Polen  (s.  Joachim  II.).

7.  Das  Ordensland  Preußen.  Die  alten  heidnischen  Bewohner  Preußens  wurden  erst
zu  Anfang  des  13.  Jahrhunderts  für  das  Christentum  gewonnen.  Um  diese  Zeit  kam  der  Mönch
Christian  von  Oliva  in  das  Land  und  suchte  die  christliche  Lehre  auszubreiten.  Aber  die  Neubekehrten
  hatten  viel  von  ihren  heidnischen  Landsleuten  zu  leiden.  Da  wandte  sich  Christian  an
den  Orden  der  Deutschritter  (S.  25),  der  damals  seinen  Sitz  in  Venedig  hatte,  und  dieser  kam
auf  seinen  Ruf  nach  Preußen.  Die  heidnischen  Einwohner  wehrten  sich  gegen  die  Eindringlinge
mit  aller  Macht,  doch  endlich  erlagen  sie  und  nahmen  das  Christentum  an.  Der  Hochmeister
des  Ordens  hatte  seinen  Sitz  in  der  herrlichen  Marienburg,  die  jetzt  wieder  erneuert  ist
und  wegen  ihrer  Pracht  bewundert  wird.  Zu  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  wurde  der
Orden  mit  Polen  in  einen  Krieg  verwickelt,  worin  er  (in  der  Schlacht  bei  Tannenberg  1410)
unterlag.  Ganz  Westpreußen  wurde  infolgedessen  später  mit  Polen  vereinigt,  und  nur  Ostpreußen
  verblieb  dem  Orden  als  polnisches  Lehen.  Um  die  Macht  des  Ordens  zu  heben,
wurde  der  Markgraf  Albrecht  aus  dem  mächtigen  Hause  Brandenburg  zum  Hochmeister  des
Ordens  gewählt.  Dieser  trat  bald  darauf  zur  lutherischen  Kirche  über  und  verwandelte  das
Ordensland  Preußen  in  ein  weltliches  Herzogtum  unter  polnischer  Lehnshoheit.  (S.  obenl)

SI.  Friedrich  Wilhelm  der  große  Kurfürst.  1640—1688.

1.  Die  Verhältnisse  in  Deutschland  und  Brandenburg  bis  zu  seinem  Regierungsantritt.
  Als  Friedrich  Wilhelm  die  Regierung  antrat,  wütete  in  Deutschland
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        —  46  —

noch  immer  der  dreißigjährige  Krieg.  (S.  40.)  Sein  Vater,  Georg  Wilhelm,  war,  wie
die  meisten  deutschen  Fürsten,  von  den  Schweden  abgefallen  und  hatte  mit  dem  Kaiser
Frieden  gemacht.  Dafür  nahmen  die  Schweden  an  Brandenburg  furchtbare  Rache.
Sie  legten  sich  in  der  Mittel-  und  Neumark  fest  und  sogen  das  Land  förmlich  aus.
Auch  die  Berliner  hatten  furchtbar  von  ihnen  zu  leiden.  Als  die  Feinde  den  letzten
Thaler  von  ihnen  erpreßt  hatten,  kam  ein  schwedischer  Rittmeister  und  trieb  ihnen  noch
das  gesamte  Vieh  von  der  Weide  weg  (1640).  Das  ganze  Land  verarmte,  und  es
entstand  eine  furchtbare  Hungersnot.  Das  Fleisch  der  Katzen  und  Wölfe  wurde  ein
Leckerbissen.  Dazu  wütete  die  Pest.  Es  gab  Gegenden,  z.  B.  im  Haovellande,  wo
die  Dörfer  meilenweit  leer  standen  und  verwüstet  dalagen.  Berlin  hatte  nur  noch
300  ganz  verarmte  Bürger.  In  dieser  schrecklichen  Zeit  leuchtete  den  Brandenburgern
nur  ein  Hoffnungsstern.  Es  war  der  junge  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm.

2.  Jugend.  Friedrich  Wilhelm  wurde  bald  nach  dem  Ausbruche  des  30  jährigen
Krieges  geboren.  14  Jahre  alt,  wurde  er  von  seinem  Vater  nach  Holland  geschickt,
um  dort  die  Kriegskunst  zu  erlernen.  Als  man  ihn  in  Haag  zu  einem  ausschweifenden
Leben  verführen  wollte,  sagte  er:  „Ich  bin  es  meinen  Eltern,  meiner  Ehre  und  meinem
Lande  schuldig,  Haag  sogleich  zu  verlassen.“  Sofort  begab  er  sich  zu  seinem  Verwandten,
  dem  Prinzen  von  Oranien,  der  im  Felde  stand.  Dieser  freute  sich  über  den
tugendhaften  Jüngling  und  sprach:  „Vetter,  Eure  Flucht  beweist  viel  Heldenmut.
Wer  sich  schon  so  früh  selbst  zu  besiegen  weiß,  dem  wird  das  Große  stets  gelingen."

3.  Rettung  seines.  Landes  vor  völligem  Untergange.  Als  Friedrich  Wilhelm
die  Regierung  übernahm,  war  er  fast  vollständig  machtlos  in  seinem  Lande.  Immer
noch  lagen  die  Schweden  darin;  die  Offiziere  in  seinen  Festungen  aber  hatten  nicht
ihm,  sondern  dem  Kaiser  den  Eid  der  Treue  geschworen.  So  kam  es,  daß  einige
Offiziere  ihm  geradezu  den  Gehorsam  verweigerten.  Das  mußte  anders  werden,  wollte
er  Herr  im  Lande  sein.  Er  forderte  deshalb,  daß  die  Offiziere  sich  ihm  durch  einen
Eid  verpflichten  sollten.  Das  that  jedoch  nur  der  Kommandant  von  Küstrin.  Die
übrigen  Offiziere  verweigerten  ihm  den  Eid.  Da  entließ  sie  der  Kurfürst,  löste  ihre
Regimenter  zum  größtenteil  auf  und  ließ  fortan  die  Truppen  in  seinem  Namen  anwerben.
  Anfänglich  betrug  seine  Heeresmacht  nur  3000  Mann,  vergrößerte  sich  aber
bald  auf  8000  —  später  sogar  auf  30  000.  Das  war  das  erste  stehende  Heer  in  Brandenburg.
  —  Um  seinem  Lande  die  Kriegslasten  zu  erleichtern,  schloß  er  einen  Vertrag
mit  den  Schweden.  Doch  behielten  diese  Pommern,  das  durch  Erbschaft  an  Brandenburg
  gefallen  war,  in  Besitz.  —  Als  dann  endlich  1648  der  westfälische  Frieden  geschlossen
  wurde,  erhielt  er  zu  seinem  Verdrusse  nur  Hinterpommern,  als  Ersatz  für  Vorpommern
  jedoch  die  Bistümer  Halberstadt  und  Minden  sowie  das  Erzstift  Magdeburg.

4.  Als  Landesvater.  Bei  all  den  Kriegsunruhen  vergaß  der  große  Kurfürst
nicht,  immerdar  aufs  treuste  für  das  Wohl  seines  hartbedrängten  Volkes  zu  sorgen.
In  jeder  Weise  suchte  er  dem  verwüsteten  Lande  aufzuhelfen.  Dem  Landmanne  verschaffte
  er  Vieh  und  Saatkorn,  und  in  die  entvölkerten  Gegenden  zog  er  Ansiedler  aus
Holland  und  der  Schweiz,  die  den  sandigen  und  sumpfigen  Boden  der  Mark  in  fruchtbare
  Felder  und  Gärten  umwandelten.  Von  jedem  Bauer  verlangte  er,  daß  er  bei
seinem  Hause  einen  Garten  anlegte,  und  keiner  sollte  heiraten,  wenn  er  vorher  nicht
wenigstens  sechs  Obstbäume  gepfropft  und  ebenso  viel  Eichbäume  gepflanzt  hätte.  Um
die  Steuern  gleichmäßiger  zu  verteilen,  führte  er  die  Verbrauchssteuer  ein,  d.  h.  für
alles  eingeführte  Fleisch  und  Mehl  mußte  an  den  Thoren  eine  Abgabe  gezahlt  werden.
(Bisher  zahlten  nur  die  Hausbesitzer  Steuern.)  Um  den  Handel  zu  heben  und  armen
Leuten  Verdienst  zu  schaffen,  ließ  er  die  Oder  mit  der  Spree  durch  den  Friedrich-Wilhelms-Kanal
  verbinden.  Auch  richtete  er  eine  Reitpost  ein  und  ließ  Webereien,
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        —  47  —

Gewehrfabriken,  Glashütten,  Fisenhämmer  und  Tabaksfabriken  erbauen.  Durch  Verbot
ausländischer  Waren  schützte  er  das  heimische  Gewerbe.  Für  die  Armen  und  Obdachlosen
  ließ  er  ein  Armen=  und  Spinnhaus  errichten,  wodurch  in  Berlin  der  Anfang
zur  Armenpflege  gemacht  wurde.  —  Besonders  auch  strebte  er  danach,  sein  aus  vielen
verschiedenartigen  Gebietsteilen  zusammengesetztes  Land  zu  einem  Einheitsstaate
umzugestalten.  Unter  schweren  Kämpfen  brach  er  die  Sonderrechte  der  einzelnen  Provinzen,
  so  daß  zuletzt  in  ganz  Brandenburg  nur  sein  Wort,  sein  Wille  galt.

5.  Der  große  Kurfürst  wird  unabhängiger  Herzog  in  Ostpreußen.  Seit
Johann  Sigismund  (S.  45)  besaßen  die  Kurfürsten  von  Brandenburg  Ostpreußen
als  polnisches  Lehen.  Zur  Zeit  des  großen  Kurfürsten  entstand  zwischen  Polen  und
Schweden  Krieg.  Der  König  von  Schweden  siegte  über  Polen  und  nötigte  den  Kurfürsten,
  ihn  zum  Lehnsherrn  in  Ostpreußen  anzuerkennen  und  sich  mit  ihm  zu  verbünden.
  Der  Polenkönig,  darüber  entrüstet,  drohte  dem  Kurfürsten,  ihn  in  einen  Kerker
werfen  zu  lassen,  wo  ihm  weder  Sonne  noch  Mond  scheine.  Friedrich  Wilhelm  aber
rückte  in  Gemeinschaft  mit  den  Schweden  gegen  die  Polen  vor,  und  so  kam  es  zu  der
dreitägigen  Schlacht  bei  Warschau,  wo  die  Polen  eine  vollständige  Niederlage  erlitten.
In  dem  endlich  zu  Oliva  (bei  Danzig)  abgeschlossenen  Frieden  (1660)  wurde  dem  Kurfürsten
  die  Unabhängigkeit  des  Herzogtums  Preußen,  die  ihm  schon  vorher  von
Schweden  und  Polen  zugesichert  war,  bestätigt.

6.  Ringen  des  großen  Kurfürsten  gegen  die  französische  Eroberungssucht.
In  Frankreich  regierte  zur  Zeit  des  großen  Kurfürsten  Ludwig  XIV.  Dieser  führte  unaufhörlich
  Krieg  mit  seinen  Nachbarn;  besonders  hatte  Deutschland  von  ihm  zu  leiden.
Wollte  er  doch  den  Rhein  zum  Grenzfluß  zwischen  Frankreich  und  Deutschland  machen.
Der  einzige  von  allen  deutschen  Fürsten,  der  diese  Gefahr  rechtzeitig  erkannte,  war
Friedrich  Wilhelm.  Als  nun  Ludwig  XIV.  in  einem  Kriege  mit  den  Holländern  die
linksrheinischen  Länder  des  Kurfürsten  besetzte,  verband  sich  dieser  mit  Holland  und
rückte  an  den  Rhein.  Leider  konnte  er  aber  nichts  ausrichten  und  mußte  mit  Frankreich
Frieden  schließen  (1673).  Als  dann  aber  ein  Jahr  darauf  die  Franzosen  in  die  Pfalz
einfielen  und  hier  alles  verwüsteten,  rückte  Friedrich  Wilhelm  abermals  an  den  Rhein
und  stellte  sich  dem  Erbfeinde  Deutschlands  entgegen.

7.  Einfall  der  Schweden.  Während  er  nun  mit  seinen  Truppen  am  Rhein
stand,  fielen  die  Schweden,  von  den  Franzosen  aufgewiegelt,  in  sein  Land  ein.  Als
der  Kurfürst  davon  erfuhr,  eilte  er  sofort  in  die  Heimat.  Die  Bauern,  die  eine  Art
geordnete  Landwehr  bildeten,  hatten  sich  unterdessen  mit  Sensen  und  Heugabeln  bewaffnet
  und  waren  gegen  die  Schweden  ausgezogen.  Ihre  Fahnen  trugen  die  Inschriften:
„Wir  sind  Bauern  von  geringem  Gut  und  dienen  unserm  Kurfürsten  mit  Leib  und
Blut.“  Sie  vermochten  jedoch  nichts  auszurichten.

8..  Fehrbellin.  Ehe  sich's  die  Schweden  versahen,  war  der  große  Kurfürst  mit
seiner  Armee  in  der  Mark.  Eiligst  zogen  sie  sich  nun  hinter  den  Rhin  (Nebenfluß  der
Havel)  zurück.  Aber  am  Morgen  des  18.  Juni  kam  es  bei  Fehrbellin  zur  Schlacht.
Den  6000  Reitern  des  Kurfürsten  stand  die  doppelte  Zahl  des  Feindes  entgegen.  Der
Kurfürst  selbst  stürzte  sich  in  den  Kampf,  und  mancher  Feind  ward  von  seiner  Hand
zu  Boden  geschmettert.  Als  die  Dragoner  ihren  Führer  verloren,  stellte  er  sich  an  ihre
Spitze  und  rief:  „Getrost,  tapfere  Soldaten!  Ich,  euer  Fürst  und  Hauptmann,  will
siegen  oder  zugleich  mit  euch  sterben!“  Einmal  war  er  während  des  Kampfes  dicht
von  Feinden  umringt;  er  schien  verloren.  Da  sprengten  neun  Dragoner  heran  und
hieben  ihn  wieder  heraus.

9.  Stallmeister  Froben.  Der  Kurfürst  ritt  in  dieser  Schlacht  einen  Schimmel.  Das
hatten  die  Schweden  entdeckt  und  richteten  fortwährend  ihre  Geschosse  auf  ihn.  Dicht  um  ihn
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        Stallmeister  Froben.

herum  pfiffen  die  Kugeln,  und  er  war  in  großer  Lebensgefahr.  Dies  merkte  sein  Stallmeister
Froben.  „Herr  Kurfürst,“  ruft  er,  „Euer  Schimmel  ist  schen,  gebt  ihn  mir  und  besteigt  meinen
Braunen.“  Der  Kurfürst,  nichts  ahnend,  geht  auf  den  Tausch  ein.  Wenige  Minuten  später
sinkt  der  edle  Froben,  von  einer  Kugel  tödlich  getroffen,  vom  Pferde.  Er  war  ein  Opfer
seiner  Treue  geworden.  (Ob  Sage,  ob  Wahrheit,  ist  noch  unentschieden.)

10.  Friede.  Der  Kurfürst  hatte  einen  glänzenden  Sieg  gewonnen.  Im  nächsten
Winter  vertrieb  er  die  Schweden  gänzlich  aus  Pommern;  er  hoffte  nun,  dieses  Land
ganz  zu  bekommen.  Aber  beim  Friedensschlusse  erhielt  er  nur  einen  kleinen  Landstrich
am  rechten  Oderufer.  Durch  den  Sieg  bei  Fehrbellin  war  jedoch  Brandenburg  mit
einem  Schlage  eine  geachtete  Macht  in  Europa  geworden.  Die  Franzosen  aber  hörten
mit  ihren  Räubereien  auch  jetzt  noch  nicht  auf.  Mitten  im  Frieden  überfielen  sie  1681  die
freie  Reichsstadt  Straßburg  und  raubten  sie.  (Wann  hat  sie  Deutschland  wieder  erobert?)

11.  Kolonie.  Noch  im  Alter  brachte  der  Kurfürst  seinen  Lieblingsgedanken  zur  Ausführung:
er  gründete  eine  Kolonie.  Nachdem  er  sich  mit  Hilfe  der  Holländer  nach  und  nach  eine  Flotte  verschafft
  hatte,  schickte  er  diese  1682  nach  der  Westküste  Afrikas.  Dort  wurde  mit  einigen  Negerhäuptlingen
  ein  Vertrag  abgeschlossen  und  dann  die  Feste  Großfriedrichsburg  errichtet.  (Do  diese
Kolonie  aber  nicht  gedeihen  wollte,  verkaufte  sie  Friedrich  Wilhelm  I.  später  an  die  Engländer).

12.  Als  Christ.  Tod.  Der  Kurfürst  war  ein  frommer  Christ.  Sein  Wahlspruch
  war:  „Gott  meine  Stärke“,  und  diesem  Wahlspruche  gemäß  lebte  er  auch.
Jeden  Tag  hielt  er  knieend  in  seinem  Schlafgemache  sein  Morgen=  und  Abendgebet.
Die  Kirche  besuchte  er  jeden  Sonntag,  und  oft  nahm  er  teil  an  der  Feier  des  heiligen
Abendmahls.  Als  in  Frankreich  die  Hugenotten  unterdrückt  wurden,  bot  er  ihnen
Brandenburg  als  Zufluchtsstätte  an  und  nahm  an  20  000  in  sein  Land  auf.  —  Als
er  sein  Ende  nahen  fühlte,  versammelte  er  die  Seinen  um  sich,  um  Abschied  zu  nehmen.
Seine  letzten  Worte  waren:  „Ich  weiß,  daß  mein  Erlöser  lebt,  und  der  wird  mich
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hernach  aus  der  Erde  auferwecken.“  —  Die  Gemahlin  des  Kurfürsten  hieß  Luise
Henriette.  Sie  war  eine  sehr  fromme  Frau.  Von  ihr  ist  das  Waisenhaus  in
Oranienburg  gegründet  worden.

32.  Friedrich  I.  1688—1713.

1.  Streben  nach  der  Königskrone.  Der  große  Kurfürst  hatte  Brandenburg  zum
mächtigsten  Staate  Deutschlands  erhoben.  Er  besaß  ein  großes,  schlagfertiges  Heer,
und  sein  Land  war  größer  als  manches  Königreich.  Sein  Sohn  und  Nachfolger
wollte  nun  seinem  Staate  auch  noch  den  äußern  Glanz  verleihen  und  strebte  daher
nach  der  Königskrone.  In  diesem  Streben  wurde  er  auch  noch  durch  seine  Prachtliebe
unterstützt;  denn  in  jener  Zeit  gaben  alle  Fürsten  viel  auf  äußern  Glanz.  Zum
Tragen  der  Königskrone  mußte  er  aber  die  Einwilligung  des  Kaisers  haben.  Lange
verhandelte  er  mit  dem  Kaiser.  Endlich  gab  dieser  seine  Zustimmung,  daß  er  sich  zum
König  „in  Preußen“  krönen  lassen  könne,  wenn  er  ihm  im  Kriege  10  000  Mann
Hilfstruppen  stellen  wolle.  (Brandenburg  war  Reichsland,  Preußen  nicht.  Der  Kaiser
meinte,  ein  König  von  Brandenburg  werde  ihm  nicht  so  leicht  gehorchen  als  ein  Kurfürst
  von  Brandenburg,  daher:  König  „in  Preußen“.)  Friedrich  willigte  ein.

2.  Krönung.  Am  18.  Januar  1701  fand  die  Krönung  in  Königsberg  unter
großer  Pracht  statt.  Am  Tage  vorher  stiftete  Friedrich  den  „schwarzen  Adlerorden“.
Das  ist  noch  heute  der  höchste  Orden  im  preußischen  Staate.  Das  Ordenszeichen
(ein  silberner  Stern  sowie  ein  blaues  Kreuz  an  einem  orangenfarbenen  Bande)  enthält
  als  Inschrift  den  Wahlspruch  des  Königs:  „Jedem  das  Seine.“  Friedrich  setzte
sich  die  ihm  überreichte  Krone  selbst  aufs  Haupt,  nahm  das  Zepter  in  die  rechte  und
den  Reichsapfel  in  die  linke  Hand  und  ließ  sich  von  allen  Anwesenden  den  Eid  der
Treue  schwören.  (Huldigungseid.)  Dann  erschien  die  Königin.  Der  König  setzte  ihr
ebenfalls  die  Krone  auf  und  führte  sie  zum  Throne,  damit  auch  sie  die  Huldigung
empfinge.  Hierauf  ging's  in  feierlichem  Zuge  zur  Kirche,  wo  die  Salbung  stattfand.
—  Der  König,  der  als  Kurfürst  Friedrich  III.  hieß,  nannte  sich  von  jetzt  ab  Friedrich  I.

3.  Volksbelustigung.  Für  ganz  Königsberg  sollte  dieser  Tag  ein  Tag  der  Lust
und  Freude  sein.  Das  rote  Tuch,  auf  dem  die  Majestäten  zur  Kirche  gegangen  waren,
ward  unter  das  Volk  verteilt.  Auf  dem  Markte  wurde  ein  großer  Ochse,  der  mit
Schafen,  Rehen,  Ferkeln  und  allerlei  Geflügel  angefüllt  war,  gebraten  und  der  Menge
preisgegeben.  Dazu  strömte  aus  einem  Springbrunnen  roter,  aus  einem  andern  weißer
Wein,  und  für  18000  Krönungsmünzen  wurden  unter  das  Volk  geworfen.

4.  Als  Lanudesvater.  Friedrich  I.  war  wegen  seiner  Gutmütigkeit  und  Freundlichkeit
  bei  seinen  Unterthanen  sehr  beliebt.  Seine  Prachtliebe  kostete  zwar  dem  Lande
viel  Geld,  aber  man  verzieh  dem  geliebten  Fürsten  um  so  lieber,  als  ja  die  von  dem
König  ausgeführten  Bauten  dem  Lande  wieder  zu  gute  kamen.  So  ließ  er  seinem
Vater  ein  prächtiges  Denkmal  errichten,  und  das  königliche  Schloß  erhielt  unter  ihm
seine  jetzige  Gestalt.  Kunst  und  Wissenschaft  begünstigte  er  überhaupt  sehr.  So  gründete
  er  z.  B.  die  Akademie  der  Wissenschaften,  die  wissenschaftliche  Kenntnisse  sammeln
und  durch  Schriften  verbreiten  sollte.  In  diesem  Streben  wurde  er  ganz  besonders
von  seiner  kunstsinnigen  Gemahlin  Sophie  Charlotte  unterstützt.  Der  König  kaufte  ihr
in  dem  Dorfe  Lützen  bei  Berlin  ein  Landhaus.  Dieses  wurde  zu  einem  prächtigen
Schlosse  umgebaut  und  mit  einem  schönen  Parke  umgeben.  Ihr  zu  Ehren  erhielt  das
Schloß  den  Namen  Charlottenburg.  Ebenso  wurde  auch  die  Stadt  benannt,  die  hier
später  entstand.  Die  evangelischen  Glaubensgenossen  hatten  an  ihm  einen  treuen  Beschützer,
  und  jeden,  der  seines  Glaubens  wegen  bedrängt  wurde,  nahm  er  mit  offenen

Armen  auf.  Auch  der  von  der  Universität  Leipzig  vertriebene  Professor  Thomasius
Realienbuch.  B  4
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fand  bei  ihm  Aufnahme.  Durch  ihn  ließ  der  König  die  Universität  Halle  einrichten,
an  die  er  später  auch  Hermann  Franke  (den  Gründer  des  Waisenhauses  in  Halle)  berief.

35.  Friedrich  Willjelm  I.  1713—1740.

1.  Sparsamkeit.  Friedrich  Wilhelm  haßte  Pracht  und  Aufwand.  Von  den  100
Kammerherren  seines  Vaters  behielt  er  nur  12,  und  die  Gold=  und  Silbersachen,
die  sein  Vater  mühsam  erworben,  verkaufte  er  und  bezahlte  davon  die  vorhandenen
Schulden.  In  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  trug  er  einfache,  bürgerliche
Kleidung,  später  die  Uniform  eines  Obersten.  Durch  ihn  ist  es  bei  den  Fürsten  Sitte
geworden,  Uniform  zu  tragen.

2.  Strenge.  Der  König  war  von  früh  bis  spät  unausgesetzt  thätig.  Eine  solche
Thätigkeit  verlangte  er  auch  von  allen  seinen  Beamten.  Wehe,  wenn  einer  seine  Schuldigkeit
nicht  that!  Als  er  erfahren,  daß  der  Thorschreiber  in  Potsdam  die  Bauern  des  Morgens
vor  dem  Thore  warten  läßt,  begiebt  er  sich  eines  Morgens  selber  dorthin;  und  da  er  den
säumigen  Beamten  noch  im  Bette  findet,  prügelt  er  ihn  mit  den  Worten:  „Guten  Morgen,
Herr  Thorschreiber!“  höchst  eigenhändig  aus  dem  Bette  heraus.  Tagediebe  und  Müßiggänger
  waren  ihm  besonders  zuwider.  Sah  er  irgendwo  einen  Arbeiter  auf  dem  Felde
oder  bei  einem  Baue  müßig  stehen,  so  gebrauchte  er  ohne  weiteres  seinen  Knotenstock.  Wer
den  König  kommen  sah,  lief  davon  oder  arbeitete  mit  doppeltem  Eifer.  Einst  holte  er  einen
solchen  Flüchtling  ein.  Auf  die  Frage,  warum  er  davongelaufen,  erhielt  er  die  Antwort:
„Weil  ich  mich  vor  Ew.  Majestät  fürchte.“  Da  geriet  der  König  in  Zorn.  „Ihr  sollt
mich  nicht  fürchten,  ihr  sollt  mich  lieben!“  rief  er  ihm  zu  und  zerbleute  ihm  dabei  mit
seinem  Knotenstocke  den  Rücken.

3.  Fürsorge  für  das  Heer.  Das  Hauptstreben  des  Königs  war,  eine  große,
schlagfertige  Armee  zu  haben;  denn  er  erkaunte,  daß  er  den  Feinden  des  Königreichs

 

 

 

 

 

 

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vom  König  der  alte  Dessauer.

 

Die  Riesengarde.  (Rechts
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        —  51  —

dadurch  am  meisten  Achtung  einflößen  konnte.  Er  vergrößerte  das  Heer  allmählich  auf
83000  Mann.  Die  Soldaten  wurden  im  In=  und  Auslande  geworben;  doch  setzte  der
König  bereits  fest,  daß  alle  Einwohner  des  Landes  zum  Militärdienste  verpflichtet  sein
sollten.  Nur  die  Söhne  der  Adligen  und  die  ältesten  Söhne  der  Hof=  und  Fabribbesitzer
waren  frei.  Alle  dienstbaren  Mannschaften  wurden  in  eine  Liste  eingetragen,  und  wer
noch  nicht  zu  den  Fahnen  einberufen  war,  mußte  als  Abzeichen  eine  rote  Halsbinde  tragen.
So  legte  der  König  bereits  den  Keim  zur  allgemeinen  Wehrpflicht,  und  mit  Recht  bezeichnete
  ihn  Kaiser  Wilhelm  I.  als  den  eigentlichen  Schöpfer  der  preußischen  Armee.

Eine  besondere  Vorliebe  zeigte  er  für  die  „langen  Kerle“.  Von  diesen  bildete  er  sich
in  Potsdam  ein  Leibregiment,  das  aus  2400  solcher  Riesen  bestand.  Im  ersten  Gliede  maß
keiner  unter  1,87  m,  und  der  eine  Flügelmann  hatte  sogar  2,57  m.  Mit  List  und  Gewalt
ließ  er  diese  Riesen  aus  allen  Ländern  durch  seine  Werber  zusammenholen.  Aber  er  bezahlte
  sie  gut,  nannte  sie  seine  „lieben  blauen  Kinder“  und  sorgte  väterlich  für  sie.  Dieses
Leibregiment  diente  zugleich  als  Musterregiment.  Alle  Neuerungen  im  Heere  wurden  hier
erst  versucht,  ehe  sie  bei  den  übrigen  Regimentern  eingeführt  wurden.  Der  Exerziermeister
des  Königs  war  der  „alte  Dessauer“.  Dieser  hat  den  eisernen  Ladestock  eingeführt,  zuerst
den  Gleichschritt  geübt  und  es  dahin  gebracht,  daß  sämtliche  Ubungen  gemeinschaftlich  ausgeführt
  wurden,  so  daß  in  der  ganzen  Reihe  nur  ein  Griff  gesehen,  nur  ein  Schuß  gehört
wurde.  Um  solche  Pünktlichkeit  zu  erreichen,  war  freilich  mancher  harte  Schlag  mit  dem
Korporalsstock  nötig.  Die  härteste  Strafe  war  das  Spießrutenlaufen.  Hierbei  waren  100
bis  300  Soldaten  in  zwei  Reihen  aufgestellt;  jeder  erhielt  eine  Rute.  Dann  mußte  der
Sträfling  6—12  mal  mit  entblößtem  Rücken  durch  die  Gasse  gehen,  und  jeder  der  aufgestellten
  Soldaten  war  verpflichtet,  ihm  einen  Schlag  auf  den  Rücken  zu  geben.

4.  Junere  Verwaltung  und  geordnete  Finanzwirtschaft.  Der  König  sorgte
aber  nicht  allein  für  ein  gutes  Heer,  sondern  es  lag  ihm  auch  nicht  weniger  die  innere
Verwaltung  des  Landes  und  eine  geordnete  Finanzwirtschaft  am  Herzen.  „Ich  bin
der  Finanzminister  und  Feldmarschall  des  Königs  von  Preußen,  das  wird  ihn  aufrecht
halten,"  schrieb  er  einmal.  Bis  dahin  waren  die  obersten  Staatsbehörden  noch  getrennt
und  gerieten  oft  in  Streit  miteinander.  Um  das  zu  vermeiden,  vereinigte  der  König
alle  diese  Behörden  zu  einer  einzigen  Oberbehörde,  der  die  Verwaltung  der  Staatsgelder
  und  Domänen  sowie  die  Erhaltung  des  Heeres  oblag.  Diese  Behörde  führte
den  Namen  „General-Direktorium“.  Unter  ihr  standen  in  jeder  Provinz  eine  Kriegsund
  Domänenkammer.  —  Um  die  Staatseinnahmen  zu  vermehren,  belegte  der  König
den  Adel,  der  bis  dahin  steuerfrei  gewesen  war,  mit  Abgaben,  und  zwar  mußten  von
jedem  Rittergute  jährlich  40  Thaler  gezahlt  werden.  Auch  suchte  er  seine  Domänen
zu  verbessern  und  höher  zu  verpachten.  Die  Pächter  ließ  er  genau  beaufsichtigen,  „ob
in  die  Kuhställe  fleißig  Stroh  eingestreut  und  der  Mist  zu  gehöriger  Zeit  aufs  Feld
gefahren  würde“.  Zur  Erhaltung  des  Heeres  schuf  der  König  eine  besondere  „Rekrutenkasse“.
  In  diese  mußte  jeder,  der  ein  neues  Amt  oder  einen  neuen  Titel
empfangen  hatte,  eine  bestimmte  Summe  zahlen.

5.  Tabakskollegium.  Seine  einzige  Erholung  suchte  und  fand  der  König  im
Tabakskollegium.  Er  hatte  nämlich  fast  jeden  Abend  von  5—7  Uhr  eine  Anzahl
Generale  und  Minister  um  sich  versammelt  und  unterhielt  sich  zwangslos  und  heiter
mit  ihnen.  Alle  Hofsitte  wurde  hier  beiseite  gesetzt;  der  König  galt  nur  als  Oberst,
und  niemand  durfte  sich  erheben,  wenn  er  kam,  noch  wenn  er  ging.  Er  selber  rauchte
gern.  Wer  von  den  Gästen  diese  Leidenschaft  nicht  teilte,  wie  z.  B.  der  alte  Dessauer,
nahm  wenigstens  zum  Schein  eine  Pfeife  in  den  Mund;  denn  der  König  freute  sich,
wenn  alle  rauchten.  Bediente  waren  nie  zugegen.  Vor  jedem  Gaste  stand  ein  Krug
Bier,  und  auf  einem  Nebentische  fand  man  Butter,  Brot,  Braten  und  Schinken,
wovon  jeder  nach  Belieben  nehmen  konnte.

4
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        —  52  —

6.  Aufnahme  der  Salzburger.  1720  verlangte  der  Erzbischof  von  Salzburg
von  seinen  evangelischen  Unterthanen,  daß  sie  katholisch  werden  oder  auswandern  sollten.
Die  meisten  entschlossen  sich  zur  Auswanderung.  Friedrich  Wilhelm  aber  nahm  diese
Unglücklichen  freudig  in  sein  Land  auf,  gab  ihnen  (in  Ostpreußen,  wo  zur  Zeit  seines
Vaters  ganze  Dörfer  infolge  der  Pest  ausgestorben  waren)  Ländereien,  Vieh  und
Ackergerät  und  that  alles  Mögliche,  ihnen  die  neue  Heimat  lieb  zu  machen.  In  dem
Briefe  eines  ausgewanderten  Salzburgers  heißt  es:

„Von  unserm  Könige  haben  wir  Getreide,  Fleisch,  Speck,  Mehl,  Schmalz  und  Geld
erhalten,  daß  wir  keine  Not  leiden.  Auch  auf  der  Reise  hat  man  uns  Kleider,  Geld  und
Bücher  geschenkt.  Jeder,  der  im  Salzburgischen  ein  Bauer  gewesen  ist,  soll  hier  eine  Hufe
Land,  das  sind  30  Morgen,  zuerteilt  erhalten.  Der  Boden  liegt  hier  etwas  hoch  und  kalt,
ist  aber  doch  nicht  unfruchtbar.  Die  Preise  für  Lebensmittel  sind  hier  sehr  niedrig.  So
kostet  ein  Scheffel  Weizen  nur  ½  Thaler  und  ein  Pfund  Fleisch  nicht  mehr  als  5  bis
9  Pfennig.“

7.  Als  Landesvater.  Noch  aus  dem  30  jährigen  Kriege  her  gab  es  in  Stadt
und  Land  viel  wüst  liegende  Häuser.  Um  nun  die  Leute  zum  Häuserbau  zu  ermuntern,
gab  er  ihnen  Geld  und  erließ  ihnen  auf  15  Jahre  alle  Steuern.  Er  gründete  13  neue
Städte  und  332  Dörfer.  Sehr  viel  that  er  auch  für  die  Verschönerung  Berlins.  Er.
wies  den  Leuten  Bauplätze  an  und  gab  ihnen  freies  Bauholz  und  einen  Teil  der  Baukosten.
  Dann  aber  hieß  es:  „Der  Kerl  hat  Geld,  muß  bauen.“  Wer  etwa  Einwendungen
  machen  wollte,  den  wies  er  streng  zurück  mit  den  Worten:  „Räsonnier'
er  nicht!“  Uberhaupt  besaß  der  König  einen  unbeugsamen  Willen.  Was  er  wollte,
setzte  er  durch.  Sein  Wahlspruch  war:  „Er  (der  preußische  Adler)  weicht  der  Sonne
nicht.“  Für  das  platte  Land  waren  damals  die  Wölfe  noch  eine  schreckliche  Plage;
denn  in  manchen  Gegenden  gab  es  mehr  Wölfe  als  Schafe.  Der  König  gebot  daher,
die  Wölfe  niederzuschießen,  und  zahlte  für  jeden  erlegten  Wolf  2—  6  Thaler.  Wüste
Gegenden  ließ  er  durch  Ansiedler  aus  Schwaben,  Franken  und  Niedersachsen  bebauen.
Auf  seinen  Domänen  in  Litauen  befreite  er  alle  Bauern  von  der  Hörigkeit.  Für  die
Bauern  der  Edelleute  konnte  er  diese  Befreiung  nicht  durchsetzen.  In  einer  Verfügung
aber  verbot  er  den  Amtleuten,  ihre  Bediensteten  (Fronarbeiter)  mit  Stock=  oder
Peitschenschlägen  zur  Arbeit  anzutreiben.  Jeder  Ubertreter  sollte  das  erste  Mal  mit
sechswöchentlichem  Karren,  das  zweite  Mal  mit  dem  Strange  bestraft  werden.  In
Berlin  gründete  er  eine  große  Tuchfabrik;  denn  sein  Heer  sollte  nur  mit  inländischem
Tuch  gekleidet  werden.  Auch  verbot  er  seinen  Unterthanen,  anderes  als  inländisches
Tuch  zu  tragen.

An  seinem  Hofe  duldete  er  überhaupt  nichts  Ausländisches.  Ganz  besonders  aber
eiferte  er  gegen  die  französisehe  Mode,  die  damals  flitterhafte  Kleider  und  einen  langen
Haarbeutel  (Perücke  im  Beutel)  vorschrieb.  Er  führte  eine  einfache  „deutsche“  Tracht  ein,
und  die  Wolkenperücke  vertauschte  er  mit  dem  steifen  Zopfe.  Beamte,  die  Unterschleife
gemacht  hatten,  ließ  er  hängen,  gleichviel,  ob  vornehm  oder  gering.

Um  die  Bildung  des  Volkes  zu  erhöhen,  ließ  er  nach  und  nach  über  1800  Landschulen
  anlegen.  Jedes  Kind  sollte  vom  6.  bis  zum  12.  Jahre  die  Schule  besuchen,
und  wenn  es  nicht  lesen  und  schreiben  gelernt  hatte,  sollte  es  nicht  konfirmiert  werden.
Für  arme  Kranke  ließ  er  die  Charité  erbauen,  ein  großes  Krankenhaus,  worin  gleich
im  ersten  Jahre  300  Kranke  Pflege  fanden.

8.  Tod.  Schon  in  seinem  52.  Jahre  raffte  ihn  der  Tod  hinweg.  Seinem  Sohn
und  Nachfolger  hinterließ  er  ein  trefflich  eingeübtes  Heer  von  83  000  Mann  und
einen  Staatsschatz  von  26  Millionen  46.  —  Das  Land  war  durch  ihn  um  Vorpommern,
  das  er  den  Schweden  abnahm,  vergrößert  worden.
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        —  53  —

34.  Friedrich  der  Große.  1740—1786.
a.  Jugend.

1.  Erste  Kindheit.  Friedrich  wurde  am  24.  Januar  1712  geboren.  Sein
Vater  wollte  aus  ihm  einen  tüchtigen  Soldaten  machen,  daher  mußte  der  Prinz  von
klein  auf  Uniform  tragen,  und  Trommel,  Säbel  und  Gewehr  waren  seine  Spielsachen.
  Als  er  kaum  5  Jahre  alt  war,  bildete  ihm  sein  Vater  eine  Kompagnie  von
110  adligen  Knaben,  mit  denen  er  soldatische  Spiele  übte.  Vom  10.  Jahre  an  mußte
er  als  gemeiner  Soldat  mit  Flinte  und  Tasche  vor  dem  Schlosse  Schildwache  stehen.

2.  Zwiespalt.  Dem  Kronprinzen  wurden  jedoch  die  straffen  soldatischen  Ubungen
bald  zuwider;  dagegen  hatte  er  große  Liebe  zur  Dichtkunst,  las  auch  gern  französische
Bücher,  kleidete  sich  nach  französischer  Mode  und  ergötzte  sich  mit  Flötenspiel.  Das
waren  aber  lauter  Dinge,  die  sein  Vater  durchaus  nicht  leiden  konnte.  Fritz  trieb
sie  daher  im  geheimen;  aber  der  König  merkte  es  doch  zuweilen  und  schalt  ihn  dann
heftig  aus,  ja,  drohte  ihm  auch  wohl  mit  aufgehobenem  Krückstocke.  Trotzdem  ließ  der
Kronprinz  heimlich  den  Flötenspieler  Quanz  aus  Dresden  kommen  und  sich  von  ihm
Unterricht  erteilen.  Wenn  er  so  des  Vormittags  mit  den  Soldaten  in  enger  Uniform
und  mit  steifem  Zopfe  die  militärischen  Ubungen  ausgeführt  hatte,  dann  machte  er  es
sich  des  Nachmittags  gern  bequem  und  überließ  sich  mit  zierlichem  Haarbeutel  und  in
gesticktem  Schlafrocke  mit  Quanz  den  Genüssen  des  Flötenspiels.  Eines  Abends,  als
die  beiden  so  gemütlich  beisammen  waren,  hörten  sie  plötzlich  den  Tritt  des  Königs.
Schnell  sprang  Quanz  in  ein  Versteck;  Flöte  und  Noten  wurden  beiseite  gebracht,  und
Friedrich  legte  in  aller  Eile  die  Uniform  an.  Der  Vater  merkte  dennoch,  was  geschehen
war,  warf  Schlafrock  und  Haarbeutel  ins  Feuer  und  konnte  des  Scheltenus  kein  Ende
finden.  Immer  strenger  wurde  von  jetzt  an  der  Kronprinz  bewacht,  und  nicht  selten
bekam  er  den  Krückstock  zu  fühlen.  „Fritz  ist  ein  Querpfeifer  und  Poet,“  sagte  der
König  zornig,  „er  wird  mir  meine  ganze  Arbeit  verderben!“

6.  Flucht.  Zu  dieser  harten  Behandlung,  die  Fritz  von  seinem  Vater  erfuhr,
kam  noch,  daß  ihn  der  Vater  gegen  seinen  Willen  verheiraten  wollte.  Das  brachte
in  dem  Kronprinzen  den  Entschluß  zur  Reife,  heimlich  nach  England  zu  entfliehen.
Im  Sommer  1730  machte  der  König  eine  Reise  nach  Süddeutschland;  der  Kronprinz
begleitete  ihn.  Vom  Rhein  aus  wollte  er  die  Flucht  bewerkstelligen,  und  zwei  seiner
Freunde,  Keith  und  Katte,  sollten  ihm  dabei  behilflich  sein.  Einmal  übernachtete  der
König  mit  dem  Kronprinzen  in  einem  Dorfe,  nicht  weit  von  Heidelberg,  in  einer
Scheune.  Gegen  3  Uhr  verließ  Friedrich  in  einer  Verkleidung  die  Schlafstätte  und
wollte  ein  Pferd  besteigen.  Ein  Diener  aber  bemerkte  es  und  hielt  ihn  zurück.  Der
König  verbarg  zunächst  seinen  Zorn;  erst  in  Preußen  wollte  er  über  den  „feigen  Deserteur"“
  Gericht  halten.  In  Wesel  fand  das  erste  Verhör  statt.  Der  König  war  außer
sich  vor  Zorn  und  zog  den  Degen,  um  Friedrich  zu  durchbohren.  Der  General  von
Mosel  aber  warf  sich  dazwischen  und  sagte:  „Durchbohren  Sie  mich,  aber  schonen
Sie  Ihres  Sohnes.“  Von  hier  wurde  der  Kronprinz  auf  die  Festung  Küstrin  gebracht:
  ein  Kriegsgericht  sollte  ihn  zum  Tode  verurteilen.

4.  Im  Gefängnis.  In  Küstrin  saß  Friedrich  in  einer  kleinen  Zelle.  Die  Thür
zu  dieser  war  durch  zwei  große  Vorhängeschlösser  versichert  und  durfte  täglich  nur
dreimal  geöffnet  werden.  Der  Kronprinz  erhielt  weder  Messer  noch  Gabel  zum
Essen;  auch  Tinte  und  Feder  wurden  ihm  vorenthalten.  Anfangs  hatte  er  weder
Licht  noch  Bett;  keiner  von  seinen  Wärtern  sollte  ein  Wort  mit  ihm  sprechen.  Nur
der  Gefängnisprediger  durfte  mit  ihm  verkehren,  und  das  einzige  Buch,  das  ihm
zum  Lesen  gegeben  wurde,  war  die  Bibel.  Als  er  dann  von  seinem  Fenster  aus  zusehen
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        mußte,  wie  sein  Freund  Katte  enthauptet  wurde,  ergriff  ihn  furchtbarer  Schmerz.  Sein
Gemüt  wurde  tief  erschüttert,  und  reumütig  bat  er  seinen  Vater  um  Verzeihung.  Darauf
milderte  der  König  die  strenge  Haft  und  ließ  ihn  von  jetzt  an  in  der  Domänenkammer
schriftliche  Arbeiten  anfertigen.  Auch  sollte  er  sich  hier  fleißig  um  den  Landbau  bekümmern,
  um  kennen  zu  lernen,  „wie  schwer  es  dem  Bauer  falle,  so  viel  Groschen  zu
erarbeiten,  als  zu  einem  Thaler  gehören.“  Nach  Ablauf  eines  Jahres,  am  Hochzeitstage
  seiner  Schwester  Wilhelmine,  ließ  ihn  der  König  heimlich  nach  Berlin  kommen
und  führte  ihn  seiner  Mutter  mit  den  Worten  zu:  „Da  hast  du  deinen  Fritz  wieder!“

5.  Rheinsberg.  Nun  setzte  ihn  der  König  nach  Rheinsberg  an  die  Spitze  eines
Regimentes,  das  in  Ruppin  stand.  Mit  Eifer  gab  der  Kronprinz  sich  jetzt  den  soldatischen
  Ubungen  hin  und  suchte  seinem  Vater  in  jeder  Beziehung  Freude  zu  machen.
Bald  erkannte  dieser  die  großen  Fähigkeiten  und  den  militärischen  Geist  seines  Sohnes.
„O  mein  Gott,“  rief  er  vor  seinem  Ende  aus,  „ich  sterbe  zufrieden,  da  ich  einen  so
würdigen  Sohn  zum  Nachfolger  habe!“

6.  Regierungsantritt.  1740.  Erst  28  Jahre  alt,  bestieg  Friedrich  den  Thron.
Gleich  seine  ersten  Schritte  erwarben  ihm  die  Zuneigung  des  Volkes.  Der  strenge
Winter  des  Jahres  1739—1740  hatte  eine  große  Teurung  hervorgerufen.  Um  der
Not  abzuhelfen,  ließ  Friedrich  die  Vorratshäuser  öffnen  und  das  Korn  zu  billigem
Preise  an  die  Armen  verkaufen.  Die  Folter,  die  bis  dahin  bei  Untersuchungen  noch
in  Anwendung  gekommen  war,  wurde  aufgehoben.  Auch  schaffte  Friedrich  die  Riesengarde
  ab,  denn  sie  war  ihm  zu  teuer;  dafür  aber  vermehrte  er  das  Heer  in  kurzer
Zeit  um  20  000  Mann.

b.  Die  beiden  ersten  schlesischen  Kriege.  1741—1742  und  1744—1745.

1.  Ansprüche  auf  Schlesien.  Bald  nach  Friedrichs  Thronbesteigung  starb  Kaiser
Karl  VI.  Er  hinterließ  nur  eine  Tochter,  Maria  Theresia,  die  seinem  Willen
gemäß  Erbin  seiner  östreichischen  Länder  werden  sollte.  Aber  der  Kurfürst  von
Bayern  beanspruchte  die  Nachfolge.  Die  junge  Kaiserin  mußte  sofort  für  ihre  Krone
gegen  ihn  ins  Feld  ziehen.  Friedrich  lag  gerade  in  Rheinsberg  am  Fieber  danieder,
als  die  Kunde  von  dem  Tode  des  Kaisers  eintraf.  Seinem  Wahlspruche  gemäß:  „Für
Ruhm  und  Vaterland!"“  handelte  er.  Und  sofort  raffte  er  sich  vom  Lager  auf,  um
die  alten  Ansprüche  seines  Fürstenhauses  auf  Schlesien  geltend  zu  machen.  (Nach  einem
alten  Erbvertrage  [S.  451]  hätte  schon  der  große  Kurfürst  das  Land  erben  müssen;
aber  der  damalige  Kaiser  hatte  es  in  Besitz  genommen  und  den  Kurfürsten  mit  dem
Schwiebuser  Kreise  abgefunden.)  Sofort  schrieb  Friedrich  an  Maria  Theresia,  er  sei
bereit,  ihr  gegen  alle  ihre  Feinde  beizustehen,  wenn  sie  ihm  dafür  Schlesien  abtreten
wolle.  Aber  noch  ehe  die  Antwort  eintraf,  besetzte  er  Schlesien  mit  seinen  Truppen.
Maria  aber  ließ  ihm  sagen,  er  solle  sofort  Schlesien  räumen  und  froh  sein,  wenn  sie
ihm  den  Angriff  verzeihe.  »

2.  Der  1.  und  2.  schlesische  Krieg.  Jetzt  kam  es  zwischen  den  Ostreichern  und
Preußen  zum  Kampfe.  1741  entbrannte  der  1.  schlesische  Krieg,  worin  Friedrich  die
OÖstreicher  bei  Mollwitz  besiegte.  In  dem  1742  erfolgten  Frieden  behielt  Friedrich  ganz
Schlesien.  Zwei  Jahre  später  (1744)  begann  der  2  schlesische  Krieg,  worin  Friedrich
bei  Hohenfriedberg  einen  glänzenden  Sieg  über  die  Ostreicher  erfocht.  Als  dann  der
alte  Dessauer  auch  noch  die  Sachsen  bei  Kesselsdorf  schlug,  da  mußte  sich  Maria
Theresia  wieder  zum  Frieden  (1745)  entcchließen  und  auf  Schlesien  Verzicht  leisten.

c.  Der  siebenjährige  Krieg.  1756—1763.

1.  Ursache.  Maria  Theresia  konnte  den  Verlust  Schlesiens  nicht  verschmerzen.

So  oft  sie  einen  Schlesier  sah,  traten  ihr  Thränen  in  die  Augen.  Ihr  einziger  Ge-
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danke  war,  Schlesien  zurückzuerobern.  Daher  sah  sie  sich  unter  den  zahlreichen  Neidern
Friedrich  II.  bald  nach  Bundesgenossen  um;  solche  fand  sie  an  Frankreich,  Rußland,
Sachsen  und  Schweden.  Es  wurde  verabredet,  1756  Unvermutet  über  Friedrich  herzufallen
  und  ihm  einen  Teil  seiner  Länder  abzunehmen.

2.  Lowositz  (1756).  Friedrich  aber  erhielt  von  diesem  geheimen  Bündnis  Kunde.
Ehe  es  sich  die  Feinde  versahen,  stand  er  mit  seincr  Armee  in  Sachsen  und  schloß
die  sächsische  Armee  bei  Pirna  ein.  Zu  ihrer  Befreiung  rückten  die  Ostreicher  heran;
aber  Friedrich  zog  ihnen  entgegen  und  schlug  sie  bei  Lowositz.  Bald  darauf  mußte  sich
auch  die  sächsische  Armee  ergeben,  denn  sie  hatte  nur  auf  15  Tage  Lebensmittel.

3.  Das  Jahr  1757.  a.  Prag.  Im  nächsten  Frühjahr  rückte  Friedrich  in
Böhmen  ein.  Bei  Prag  standen  die  Ostreicher  auf  einem  Berge.  Schwerin  riet,  noch
einen  Tag  mit  dem  Angriffe  zu  warten.  Friedrich  aber  sagte:  „Frische  Fische,  gute
Fische!“  und  sofort  ging  es  in  die  Schlacht.  Die  Truppen  konnten  jedoch  nur  langsam
  auf  dem  sumpfigen  Boden  vorrücken,  und  viele  wurden  von  den  feindlichen
Kugeln  niedergestreckt.  Schon  gerieten  die  Reihen  ins  Schwanken.  Da  sprengte  der
greise  Feldmarschall  Schwerin  selbst  herau,  riß  einem  Fähnrich  die  Fahne  aus  der
Hand  und  stürmte  seinen  Kriegern  vorauf  mit  dem  Rufe:  „Mir  nach,  wer  kein
Feiger  ist!“  Bald  aber  sank  er,  von  5  Kartätschenkugeln  durchbohrt,  zur  Erde.  An
seine  Stelle  trat  sofort  General  Fouqué;  als  ihm  eine  Kugel  die  Hand  zerschmetterte,
ließ  er  sich  den  Degen  festbinden  und  führte  so  das  Kommando  weiter.  Endlich
wurden  die  Höhen  genommen.  Der  Verlust  des  Generals  Schwerin  schmerzte  den
König  sehr.  „Er  ist  mehr  als  10000  Mann  wert!“  sagte  er.

b.  Kolin.  Jetzt  begann  Friedrich  die  Belagerung  der  Stadt  Prag.  Da  kam
ein  östreichisches  Heer  unter  Daun  heran.  Friedrich  zog  ihm  entgegen,  und  am
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18.  Juni  (1757)  kam  es  bei  Kolin  zur  Schlacht,  wo  er  aber  fast  die  Hälfte
seiner  Armee  verlor.  Diese  Niederlage  machte  auf  den  König  einen  tiefen  Eindruck.
In  einem  Dorfe,  wo  die  Pferde  getränkt  wurden,  trat  ein  alter  Kriegsmann  an  ihn
heran,  reichte  ihm  in  seinem  Hute  einen  kühlen  Trunk  und  sprach:  „Trinken  Ew.
Majestät  und  lassen  Sie  Bataille  Bataille  sein!  Es  ist  nur  gut,  daß  Sie  noch  leben;
unser  Herrgott  giebt  uns  schon  einen  Sieg  wieder“.  Am  Abend  fanden  ihn  die  Offiziere
  auf  einer  Brunnenröhre  sitzend,  den  Blick  starr  auf  den  Boden  geheftet  und  mit
seinem  Stocke  Figuren  in  den  Sand  zeichnend.  Als  der  Rest  seiner  Garde  vorbeimarschierte,
  brach  er  in  Thränen  aus  und  sagte:  „Kinder,  ihr  habt  heute  einen  schweren
Tag  gehabt,  aber  habt  nur  Geduld,  ich  werde  alles  wieder  gut  machen“.

e.  Roßbach.  Jetzt  wandte  sich  Friedrich  gegen  die  Franzosen,  die  in  Thüringen
standen.  Am  5.  November  kam  es  bei  Roßbach  zur  Schlacht.  Die  Franzosen,  dreimal
so  stark  als  Friedrichs  Heer,  suchten  dieses  zu  umzingeln.  Sie  wollten  den  König  wie
in  einem  Sack  fangen.  Mit  Musik  zogen  sie  heran,  und  schon  wurden  Siegesboten
nach  Paris  gesandt.  Der  König  beobachtete  den  Feind  vom  Dache  des  Schlosses  aus,
that  aber,  als  merke  er  nichts  von  der  Gefahr.  Doch  in  der  Stille  wurde  alles  zum
Angriff  vorbereitet.  Um  Mittag  setzte  er  sich  mit  seinen  Generalen  zu  Tisch.  Plötzlich,
um  2  Uhr,  gab  er  Befehl  zum  Angriff.  Im  Nu  waren  die  Zelte  und  Feldkessel  verschwunden,
  und  die  Soldaten  standen  in  Reih  und  Glied.  Der  kühne  General  Seydlitz
warf  zum  Zeichen  des  beginnenden  Kampfes  seine  Pfeife  in  die  Luft,  und  mit  dem
Rufe  „Vorwärts!"“  sprengte  er  mit  seinen  Reiterscharen  unter  die  verdutzten  Franzosen.
  Auf  der  andern  Seite  rückte  Friedrich  mit  dem  Geschütz  und  der  Infanterie
vor,  und  in  zwei  Stunden  war  der  Sieg  entschieden.  Bis  hinter  den  Rhein  liefen  die
Franzosen;  ihr  Übermut  war  schrecklich  bestraft  worden.

d.  Leuthen.  Friedrich  hatte  keine  Zeit,  die  fliehenden  Franzosen  zu  verfolgen;
er  mußte  nach  Schlesien.  Dort  waren  die  Ostreicher  mit  einer  Armee  von  90000
Mann  erschienen.  Als  Friedrich  mit  seinem  kleinen  Heere  von  33000  Mann  heranrückte,
  spotteten  die  Ostreicher  und  nannten  es  die  „Berliner  Wachparade“.  Aber
diesen  Spott  sollten  die  Ostreicher  bald  teuer  bezahlen.  Mit  dem  Gesange  frommer
Lieder  zogen  die  Preußen  am  Morgen  des  5.  Dezember  dem  Feinde  entgegen.  Ein
Adjutant  fragte  den  König,  ob  er  den  Soldaten  das  Singen  verbieten  solle.  „Laß  Er
das!“  entgegnete  der  König  und  wandte  sich  dann  an  Zieten  mit  der  Frage:  „Meint
Er  nicht,  daß  ich  mit  solchen  Truppen  siegen  werde?“  Der  Kampf  begann.  Nach  drei
Stunden  hatte  Friedrich  den  Sieg  errungen.  Am  Abend  stimmte  ein  alter  Grenadier
mitten  auf  dem  Schlachtfelde  das  Lied  an:  „Nun  danket  alle  Gott!“  und  die  ganze
Armee  sang  den  schönen  Choral  mit.  (Gedicht:  Der  Choral  von  Leuthen.)

4.  Die  Jahre  1758  und  59  waren  für  den  großen  König  recht  unglücklich
ausgefallen.  Zweimal  mußte  er  gegen  die  Russen  kämpfen.  Bei  Zorndorf  (1758)
siegte  er  zwar,  aber  bei  Kunersdorf  (1759)  wurde  er  geschlagen.  Auch  war  er
(1758)  bei  Hochkirch,  wo  er  unvorsichtigerweise  ein  offenes  Lager  bezog,  von  den
Ostreichern  überfallen  worden  und  hatte  dort  große  Verluste  gehabt.  Sein  Heer  war
furchtbar  zusammengeschmolzen,  und  Schlesien  befand  sich  in  den  Händen  der  Ostreicher.

5.  Das  Jahr  1760.  Liegnitz  und  Torgau.  Doch  nun  lächelte  ihm  wieder
das  Glück.  Bei  Liegnitz  umstellten  ihn  die  Feinde  von  drei  Seiten.  „Der  Sack  ist
offen,  wir  brauchen  ihn  nur  zuzuschnüren“,  riefen  sie  spöttisch.  Friedrich  aber  sagte:
„Ich  denke,  in  den  Sack  ein  Loch  zu  machen,  das  sollen  sie  nicht  wieder  zunähen
können“.  Plötzlich  änderte  er  seine  Stellung,  ließ  aber  an  dem  alten  Lagerplatze  durch
Bauern  die  Wachtfeuer  unterhalten  und  täuschte  dadurch  die  Feinde  über  seine  Stellung.
Nach  dreistündigem  Kampfe  waren  die  Ostreicher  vollständig  geschlagen.  —  Einige
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        Monate  später  folgte  ein  neuer  Sieg  bei  Torgau,  den  der  tapfere  und  fromme  „Husarenkönig“
  Zieten  erfocht.  (Gedicht:  Joachim  Hans  von  Zieten  2c.)

6.  Die  letzten  Kriegsjahre.  Friede.  Im  nächsten  Jahre  bezog  Friedrich  bei
Bunzelwitz  in  Schlesien  ein  festes  Lager.  135.000  Feinde  umstanden  ihn  in  weitem
Kreise.  Fast  wollte  ihm  der  Mut  in  dieser  bedrängten  Lage  entfallen;  Zieten  aber
suchte  ihn  zu  trösten.  „Hat  Er  sich  etwa  einen  neuen  Verbündeten  angeschafft?“"
fragte  ihn  da  einmal  der  König.  „Nein,  Majestät“,  entgegnete  Zieten,  „nur  den
alten  dort  oben,  und  der  verläßt  uns  nicht“.  Zieten  behielt  Recht.  In  Rußland  starb
die  Kaiserin  Elisabeth,  und  ihr  Nachfolger,  Peter  III.,  schloß  sofort  mit  Friedrich  ein
Bündnis.  Bald  darauf  bequemte  sich  auch  Maria  Theresia  zum  Frieden;  er  wurde
1763  auf  dem  Jagdschlosse  Hubertusburg  geschlossen.  Friedrich  behielt  ganz  Schlesien.

d.  Erste  Teilung  Polens.

1.  Zustände  in  Polen.  Ehemals  war  Polen  das  mächtigste  Reich  in  Osteuropa.
Als  es  dann  aber  ein  Wahlreich  wurde,  schwand  das  Ansehen  des  Königs  von  Polen
immer  mehr;  denn  jeder  neue  König  mußte  dem  Adel  größere  Vorrechte  einräumen,
und  so  regierte  dieser  bald  ganz  allein  das  Land.  Immer  größer  wurde  der  Einfluß
Rußlands  auf  das  zerrüttete  Reich.  1772  schloß  es  mit  Preußen  und  Ostreich  einen
Vertrag,  infolgedessen  jeder  dieser  Staaten  einige  an  sein  Gebiet  grenzende  polnische
Landesteile  an  sich  nahm.  Friedrich  erhielt  „Westpreußen“  und  nannte  sich  von  jetzt
an  nicht  mehr  König  „in“  sondern  „von“  Preußen.  (S.  49.)

2.  Friedrichs  Sorge  für  das  gewonnene  Land.  Das  durch  diese  Teilung  gewonnene
  Stück  Land  hatte  für  Friedrich  insofern  eine  große  Bedeutung,  als  es  die
Lücke  zwischen  Brandenburg,  Pommern  und  Ostpreußen  schloß.  Wie  eine  treue
Mutter  nahm  er  sich  des  verkommenen  Landes  an.  Seine  besten  Beamten  schickte  er
in  die  Wildnis.  In  kurzer  Zeit  wurden  187  Schulen  errichtet,  und  deutsche  Handwerker,
  vom  Maschinenbauer  bis  zum  Ziegelstreicher  hinab,  fanden  in  dem  neuen
Lande  Beschäftigung.  Bald  begann  ein  Graben,  Hämmern  und  Bauen,  die  Städte
wurden  mit  Menschen  neu  belebt,  Straße  auf  Straße  erhob  sich  aus  den  Trümmer--haufen.
  Gleich  im  ersten  Jahre  nach  der  Besitznahme  wurde  der  drei  Meilen  lange
Bromberger  Kanal  gegraben,  wodurch  die  Handelsthätigkeit  des  Landes  sehr  gehoben
wurde.  Auch  die  Leibeigenschaft  der  Bauern  hob  der  König  auf,  zog  auch  11.000
deutsche  Ansiedler  herbei,  so  daß  an  Stelle  der  polnischen  Wirtschaft  bald  deutscher
Fleiß  und  deutsches  Wesen  die  Oberherrschaft  gewann.

e.  Friedrich  als  Landesvater.

1.  Heilung  der  Kriegeswunden.  Der  siebenjährige  Krieg  hatte  große  Opfer
an  Geld  und  Menschen  gefordert.  Dazu  waren,  namentlich  in  Schlesien,  die  Fluren
vielfach  verwüstet  und  die  Dörfer  niedergebrannt  worden.  Gleich  nach  Beendigung
des  Krieges  ließ  daher  der  König  den  verarmten  Bauern  die  Häuser  aufbauen  (in
Schlesien  an  8000),  auch  gab  er  ihnen  Vieh  und  Saatkorn  zur  Bestellung  des
Ackers.  Dazu  verteilte  er  reichlich  Geld  an  die  Bewohner  (die  Schlesier  erhielten  an
9  Millionen  46.).  Sehr  viel  Geld  gab  der  König  von  seinen  eigenen  Ersparnissen“
her.  „Das  Geld  gehört  nicht  mir,  sondern  dem  Lande“,  pflegte  er  zu  sagen.

2.  Hebung  des  Ackerbaus.  Sodann  richtete  der  König  sein  Augenmerk  auf
den  Landbau.  Auf  seinen  Domänen  versuchte  er  den  Wein=  und  Seidenbau  und
führte  auch  die  Kartoffel  em.  Als  1745  eine  Hungersnot  ausbrach,  schenkte  er  einzelnen
  Ortschaften  ganze  Wagen  voll  Kartoffeln  zum  Anbau.  Aber  die  Bauern  hatten
kein  Zutrauen  zu  dem  neuen  Gewächs,  und  erst  nach  und  nach  wurde  der  Kartoffelbau
  allgemeiner.  In  wüste  und  sumpfige  Gegenden  zog  Friedrich  Kolonisten  aus  Holland
herbei,  die  z.  B.  die  Sümpfe  an  der  Oder,  Warthe  und  Netze  austrockneten  und  in  blü-
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        —  58  —

hende  Felder  und  Wiesen  verwandelten.  (Über  Westpreußen  s.  S.  57  !)  Auch  den  Drömling
  —  eine  sumpfreiche  Gegend  in  der  Altmark  —  ließ  er  entwässern  und  anbauen.

3.  Handel  und  Verkehr.  Sehr  viel  that  auch  der  König  zur  Hebung  des
Handels  und  Gewerbes.  So  ließ  er  z.  B.  in  Schlesien  Spinnschulen  und  in  Berlin
eine  Porzellanfabrik  anlegen.  Alles,  was  in  Preußen  verbraucht  wurde,  sollte  auch
in  Preußen  angefertigt  werden.  Fremde  Waren  (an  400  Arten)  unterlagen  einer
hohen  Steuer.  Wolle  durfte  nicht  ausgeführt  werden.  Alle  Luxusgegenstände  wurden
ebenfalls  hoch  besteuert.  Kaffee  und  Tabak  verkaufte  allein  der  Staat.  Das  Kanalnetz
  vergrößerte  er  durch  den  Bromberger,  den  plaueschen  und  den  Finowkanal.

4.  Recht  und  Gerechtigkeit.  Zwei  Dinge  waren  es  besonders,  die  den  König
zum  Liebling  des  gemeinen  Volkes  machten:  einmal  war  er  der  große  Siegesheld,
und  sodann  war  er  durch  und  durch  gerecht.  Bei  ihm  gab  es  kein  Ansehen  der
Person.  Wehe  dem  Richter,  der  zu  Gunsten  eines  Edelmanns  dem  armen  Bauer
unrecht  gab!  Einst  hatte  ein  Graf  einem  Müller,  Namens  Arnold,  das  Wasser  zu
seiner  Mühle  teilweise  entzogen,  wozu  er  kein  Recht  hatte.  Das  Gericht  aber  gab
ihm  dennoch  recht.  Als  das  der  König  hörte,  schickte  er  die  Gerichtsräte  auf  die
Festung  und  sagte:  „Der  geringste  Bauer,  ja,  der  Bettler  ist  ebensowohl  ein
Mensch  wie  Se.  Majestät,  und  vor  dem  Gericht  sind  alle  Menschen  gleich,  es  mag
sein  ein  Prinz,  der  wider  einen  Bauer  klagt,  oder  auch  umgekehrt“.  Bekannt  ist  auch
die  Sage  von  dem  Müller  zu  Sanussouci.  —  Gleich  beim  Antritte  seiner  Regierung
verbot  Friedrich  die  Anwendung  der  grausamen  Folter.  Gegen  Ende  seiner  Regierung
  ließ  er  ein  Gesetzbuch,  das  „Allgemeine  preußische  Landrecht“,  ausarbeiten.
Es  war  dies  das  erste  Gesetzbuch,  das  in  deutscher  Sprache  geschrieben  war,  und  noch
heute  bildet  es  die  Grundlage  des  preußischen  Rechts.  (S.  60).

5.  Kunst  und  Wissenschaft.  Fürstenbund.  Friedrich  war  selbst  ein  guter
Musiker,  und  darum  wurde  die  Musik  zu  seiner  Zeit  sehr  gepflegt.  Auch  ließ  er
prachtvolle  Bauten  aufführen,  unter  denen  besonders  das  neue  Palais  und  Sanssouci
bei  Potsdam  zu  nennen  sind.  Wie  sein  Vorgänger  sorgte  Friedrich  auch  für  Schulbildung
  in  seinem  Lande.  In  den  Dorfschulen  sah  es  damals  noch  recht  jämmerlich
aus.  Es  fehlte  an  ordentlichen  Schulhäusern,  und  als  Lehrer  wurden  Handwerker,
gewesene  Bediente  und  Unteroffiziere  angestellt,  Leute,  die  zuweilen  selber  kaum  schreiben
und  lesen  konnten.  Friedrich  erließ  daher  gleich  nach  Abschluß  des  Hubertusburger
Friedens  ein  „General-Landschulreglement“,  dem  zufolge  in  allen  Dörfern  besondere
Schulhäuser  gebaut  und  ordentliche  Lehrer  angestellt  werden  sollten.  —  Um  den  Besitzstand
  im  Reiche  zu  sichern  und  sich  vor  östreichischer  Eroberungssucht  zu  schützen,  schloß
er  1785  mit  Sachsen  und  Hannover  den  „deutschen  Fürstenbund“.  Diesem  traten
bald  die  meisten  deutschen  Fürsten  bei.

f.  Friedrichs  Persönlichkeit,  letzte  Regierungszeit  und  Tod.

1.  Persönlichkeit  und  Lebensweise.  Der  große  König  war  von  Gestalt  nur
klein,  im  Alter  etwas  gekrümmt.  Aber  das  Feuer  seiner  Augen  verriet  auch  da  noch
seinen  großen  Geist.  Er  trug  gewöhnlich  einen  blauen,  etwas  abgetragenen  Rock,
lange  bis  über  die  Kniee  reichende  Stiefel  und  einen  dreieckigen  Hut.  Bald  nach
Beendigung  des  2  schlesischen  Krieges  ließ  er  sich  nahe  bei  Potsdam  das  Lustschloß
Saussouci  bauen.  Dort  verbrachte  er  den  größten  Teil  des  Jahres,  jeden  Tag  in
streng  geregelter  Thätigkeit.  „Der  König“,  sagte  er,  „ist  der  erste  Diener  seines
Staates  und  wird  gut  genug  bezahlt  für  sein  Amt,  um  ordentlich  zu  arbeiten“.  Im
Sommer  stand  er  schon  um  3  Uhr,  selten  nach  4  Uhr  auf.  Seine  Diener  mußten  ihn
um  diese  Zeit  wecken  und  erforderlichen  Falls  zum  Aufstehen  nötigen.  Einst  sagte  er
an  einem  kalten,  regnerischen  Morgen  zu  seinem  Kammerdiener:  „Laß  mich  noch  ein
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wenig  schlafen,  ich  bin  noch  gar  zu  müde.“  Dieser  aber  erklärte  rundweg,  es  sei  4  Uhr,
er  könne  sich  nicht  abweisen  lassen,  und  zog  ihm  die  Decke  weg.  „Das  ist  brav“,  rief
der  König  aufstehend,  du  würdest  auch  übel  angekommen  sein,  wenn  du  mich  hättest
liegen  lassen".  Vor  Tisch  ritt  er  gewöhnlich  aus,  immer  im  Trab  oder  Galopp.  Bei
großer  Kälte  ging  er  auch  wohl  zu  Fuß;  aber  sowohl  beim  Reiten  als  beim  Gehen  trug
er  einen  Krückstock  und  war  in  der  Regel  von  drei  bis  vier  Windspielen,  seinen  Lieblingen,
  begleitet.  —  Schlag  12  Uhr  wurde  das  Mittagessen  aufgetragen.  Die  Unterhaltung
  bei  Tische  war  meist  sehr  lebhaft.  Gegen  Abend  veranstaltete  der  König  gewöhnlich
  ein  Konzert  in  seinem  Schlosse;  dabei  spielte  er  dann  die  Flöte.  Erst  um
Mitternacht  ging  er  zu  Bett;  „denn  nichts“,  sagte  er,  „hat  mehr  Ahnlichkeit  mit  dem
Tode  als  der  Müßiggang“.

2.  Die  letzte  Regierungszeit.  Bis  in  sein  höchstes  Alter  war  Friedrich  für
sein  Land  thätig,  und  eine  seiner  größten  Sorgen  war  jetzt,  seinem  Lande  den
Frieden  zu  erhalten.  Gegen  jedermann  war  er  leutselig,  und  so  war  er  denn  der
Liebling  seines  ganzen  Volkes  geworden.  Gewöhnlich  nannte  man  ihn  den  „alten
Fritz“.  So  oft  er  in  die  Stadt  geritten  kam,  war  es  ein  festliches  Ereignis  für
die  Berliner.  Die  Bürger  traten  aus  den  Thüren  und  grüßten  ehrerbietig,  und
er  erwiderte  jeden  Gruß,  indem  er  den  Hut  abzog.  Nicht  selten  liefen  viele  Kinder
vor  und  neben  ihm  her,  riefen  ihm  Lebehochs  zu,  warfen  ihre  Mützen  jubelnd  empor,
  wischten  ihm  auch  wohl  den  Staub  von  den  Stiefeln  und  trieben  sonst  allerlei
Possen.  Friedrich  störte  nie  ihre  Freude,  nur  wenn  sie  sein  Pferd  neckten,  daß
es  scheu  ward,  stieß  er  wohl  einige  Drohungen  aus  und  ritt  dann  ruhig  weiter.
Als  es  einst  die  Buben  gar  zu  arg  machten,  erhob  er  seinen  Krückstock  und  gebot
ihnen  drohend:  „Schert  euch  in  die  Schule,  ihr  Buben!“  Diese  aber  riefen  ihm
jubelnd  zu:  „Etsch,  der  will  König  sein  und  weiß  nicht  einmal,  daß  Mittwoch-Nachmittag
  keine  Schule  ist!“  (Gedicht:  Mittwoch-Nachmittag.)

 

   
 
      
 

 

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Der  alte  Fritz.
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3.  Tod.  Friedrichs  Bedeutung.  Am  17.  August  1786  starb  Friedrich.  Anter
ihm  hatte  Preußen  bedeutend  an  Macht  und  Land  gewonnen.  Durch  die  glorreichen
schlesischen  Kriege  war  die  schöne  Provinz  Schlesien  und  durch  die  Teilung  Polens
auch  Westpreußen  erworben  worden.  Er  hat  sein  Land  zu  einer  Großmacht  erhoben,
wofür  ihm  von  seinem  dankbaren  Volke  der  Beiname  „der  Große“  beigelegt  wurde.

55.  Friedrich  Willbelm  II.  1786—1797.

1.  Als  Landesvater.  Friedrich  d.  Gr.  hatte  keine  Kinder;  sein  Brudersohn,
Friedrich  Wilhelm,  bestieg  daher  nach  ihm  den  Thron.  Dessen  Wahlspruch  war:  „Aufrichtig
  und  standhaft.“  Gegen  jedermann  war  er  gütig  und  wohlwollend.  Das  zeigte
sich  besonders  den  Soldaten  gegenüber.  Seit  dem  alten  Dessauer  war  der  Stock  in  der
Armee  zur  Herrschaft  gelangt.  Die  Soldaten  wurden  selbst  bei  leichten  Vergehen  gescholten,
  gestoßen,  geohrfeigt,  mit  dem  Stocke  geprügelt  und  nicht  selten  mit  der  blanken
Klinge  geschlagen.  Auch  das  Spießrutenlaufen  war  an  der  Tagesordnung.  Das  wollte
der  König  nicht  mehr  dulden.  Schon  ein  Jahr  vor  dem  Tode  Friedrichs  d.  Gr.  war
eine  Verordnungerschienen,  die  diese  barbarische  Behandlung  der  Soldaten  streng  verbot.
Darin  hieß  es:  „Der  König  hat  keine  Schlingel,  Kanaillen,  Hunde,  Kroppzeug  in  seinen
Diensten,  sondern  rechtschaffene  Soldaten,  von  denen  viele  ebenso  gut  sind  als  wir.“
Nach  diesen  Grundsätzen  wollte  auch  der  Nachfolger  Friedrichs  d.  Gr.  die  Soldaten  behandelt
  wissen.  —  Friedrich  Wilhelm  ließ  das  berühmte  Brandenburger  Thor  erbauen
und  gab  das  „Allgemeine  preußische  Landrecht“  heraus.  (S.  58.)  Zu  seiner  Zeit
wurde  die  erste  Steinstraße  in  Preußen  zwischen  Potsdam  und  Berlin  angelegt.

2.  Zweite  und  dritte  Teilung  Polens.  Das  ohnmächtige  Polen  war  nach  und  nach
ganz  in  Rußlands  Hände  gefallen,  und  1793  wurde  zwischen  Rußland  und  Preußen  eine
abermalige  Teilung  (vergl.  S.  57)  verabredet.  Preußen  erhielt  die  heutige  Provinz  Posen,
die  damals  unter  dem  Namen  „Südpreußen“  dem  Staate  einverleibt  wurde.  Als  dann
(1795)  die  dritte  und  letzte  Teilung  Polens  stattfand,  bekam  Preußen  das  Land  auf  dem
linken  Weichselufer  mit  der  Hauptstadt  Warschau  (das  jedoch  1815  an  Rußland  fiel).  Polen
hatte  nun  aufgehört,  ein  selbständiges  Reich  zu  sein.

X.  Frankreich  und  Preußen  im  Kampfe.

56.  Die  französische  Revolution.  Tlapoleon  Bonaparte.

1-Ursache  der  Revolution.  Im  Jahre  1789  brach  in  Frankreich  eine  schreckliche
  Revolution  aus.  Durch  Verschwendung  und  endlose  Kriege  hatten  nämlich
Ludwig  XIV.  und  Ludwig  XV.  das  Land  mit  einer  unerträglichen  Schuldenlast  beladen.
  Dazu  kam  noch,  daß  die  vielen  Millionen,  die  der  Staat  alljährlich  nötig  hatte,
ganz  allein  von  den  Bürgern  und  Bauern  aufgebracht  werden  mußten;  denn  der  Adel
und  die  Geistlichkeit,  die  gerade  den  größten  Teil  des  Grund  und  Bodens  inne  hatten,
waren  von  jeder  Abgabe  befreit.  Aber  damit  noch  nicht  genug.  Der  Bauer  hatte  auch
noch  für  den  Adel  die  schwersten  Frondienste  zu  leisten.  Für  Brücken  und  Wege  mußte
er  ihm  aller  Orten  Zoll  zahlen,  das  Getreide  durfte  er  nur  in  seiner  Mühle  mahlen,
das  Brot  nur  in  seinem  Ofen  backen.  Die  Landleute  lebten  daher  im  größten  Elend.
Tausende  nährten  sich  von  Raub  und  Diebstahl;  über  1  Million  trieb  sich  bettelnd  im
Lande  umher.  Dazu  nahmen  Roheit  und  Unsittlichkeit  immer  mehr  zu,  und  der  Glaube
an  Gott  erschien  den  meisten  wie  ein  albernes  Märchen.

2.  Ausbruch.  Unter  Ludwig  XVI.  kam  die  Revolution  zum  Ausbruch.  Er
mußte  büßen,  was  seine  Vorfahren  gesündigt  hatten.  Alle  Not  und  alles  Elend  sollte
er  verschuldet  haben.  In  Paris  war  die  Aufregung  fürchterlich.  Bewaffnete  Pöbelhaufen
  durchzogen  Paris.  Die  Soldaten  des  Königs  weigerten  sich,  auf  die  Aufrührer
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zu  schießen,  und  schlossen  mit  ihnen  Freundschaft.  Jetzt  brach  der  Aufruhr  offen  hervor.
Die  Sturmglocken  wurden  geläutet,  und  jeder  griff  zu  den  Waffen.  Der  König  ver—
suchte,  in  einem  Postwagen  zu  entfliehen,  wurde  aber  auf  einer  Haltestelle  vom  Postmeister
  erkannt  und  von  der  Bürgergarde  nach  Paris  zurückgebracht.  Hier  setzte  man
ihn  ab  und  erklärte  Frankreich  für  eine  Republik.

Der  König  Friedrich  Wilhelm  II.  von  Preußen  wollte  dem  König  Ludwig  XVI.  beistehen
  und  vereinigte  sich  zu  diesem  Zwecke  mit  dem  Kaiser.  Unter  dem  Oberbefehl  des
Herzogs  von  Braunschweig  rückten  die  Heere  der  Verbündeten  über  den  Rhein  (1792),  aber
sie  vermochten  gegen  die  wutentbrannten  Franzosen  nichts  auszurichten  und  mußten  sich
wieder  an  den  Rhein  zurückziehen.

In  Frankreich  aber  wurde  der  Aufruhr  immer  größer.  Die  christliche  Religion
wurde  abgeschafft  und  eine  Sängerin  als  Göttin  der  Vernunft  verehrt.  1793  fiel
des  Königs  Haupt  durch  Henkers  Hand,  und  neun  Monate  später  wurde  auch  seine
Gemahlin,  Marie  Antoinette,  hingerichtet.

3.  Schreckenszeit.  Der  Ruf:  „Freiheit  und  Gleichheit!“  erscholl  jetzt  auf  den
Straßen,  in  den  Versammlungen.  Aber  gerade  die  Männer,  die  dieses  Wort  fortwährend
  im  Munde  hatten,  waren  die  scheußlichsten  Tyrannen:  Marat,  Danton,
Robespierre  u.  a.  Wer  nur  ein  Wort  des  Mißfallens  über  ihr  Schreckensregiment
äußerte,  war  reif  für  das  Fallbeil  (Guillotine).  Zeugen  hörte  man  gar  nicht  an.  Fast
jeden  Tag  wurden  30—40  Personen  —  einigemal  sogar  Kinder  —  hingerichtet.
An  einem  Tage  wurde  u.  a.  auch  ein  Dienstmädchen  zum  Schaffot  geführt,  weil  sie
gesagt  hatte,  zur  Zeit  des  Königs  sei  es  doch  besser  gewesen,  ein  andermal  ein  Vater,
weil  sein  Sohn  ausgewandert  war.  Niemand  war  seines  Lebens  sicher.  Die  Scharfrichter
  waren  kaum  imstande,  die  Menge  der  Verurteilten  abzuschlachten.  Endlich
aber  wurden  auch  die  Rädelsführer  vom  Gericht  Gottes  ereilt.  Marat  wurde  im  Bade
erdolcht.  Danton  und  Robespierre  dagegen  endeten  unter  der  Guillotine.

Irret  euch  nicht,  Gott  läßt  sich  nicht  spotten!

4.  Begiun  des  neuen  Zeitalters.  Durch  die  Revolution  —  so  schrecklich  sie
auch  war  —  wurden  doch  viele  Mißstände  in  Frankreich  beseitigt.  Vor  allem  wurden
die  Vorrechte  des  Adels  und  der  Geistlichkeit  abgeschafft  und  die  Leibeigenschaft  der
Bauern  aufgehoben.  Diese  hatten  ihrem  Herrn  nun  keine  Frondienste  mehr  zu  leisten,
der  Kirche  nicht  mehr  den  Zehnten  zu  entrichten.  In  den  Städten  wurde  der  Zunftund
  Innungszwang  aufgehoben  und  jedem  Bürger  volle  Gewerbefreiheit  gestattet.
Die  Steuern  wurden  nach  Besitz  und  Vermögen  verteilt  und  die  höchsten  Militärstellen
jedem  Bürger  zugänglich  gemacht.  —  Aber  das  viele  unschuldig  vergossene  Blut  sollte
nicht  ungerächt  bleiben.  Bald  trat  an  die  Spitze  der  Republik  ein  Mann,  in  dessen
Hand  Gott  seine  eiserne  Zuchtrute  legte.  Das  war  Napoleon.

5.  Napoleon  Bonaparte  war  der  Sohn  eines  Advokaten  auf  der  Insel  Korsika.
Er  wurde  Osfizier  und  stellte  sich  beim  Ausbruch  der  Revolution  auf  die  Seite  der
Republikaner.  Es  dauerte  nicht  lange,  so  brachte  er  es  zum  General  und  erhielt  den
Oberfehl  über  die  ganze  Armee,  die  damals  in  Italien  gegen  die  Ostreicher  kämpfte.
In  kurzer  Beit  hatte  er  diese  besiegt  und  sich  auch  fast  ganz  Italien  unterworfen.  Ein
Jahr  darauf  ging  er  nach  Agypten,  besiegte  23  afrikanische  Fürsten  bei  Kairo  und
wurde  so  auch  Herr  dieses  Landes.  Nach  Frankreich  zurückgekehrt,  wurde  er  hier  mit
großem  Jubel  aufgenommen.  Bald  aber  vertrieb  er  die  dortige  Regierung  und  machte
sich  zum  ersten  Konsul  des  Landes.  Stets  folgte  der  Sieg  seinen  Fahnen;  seine
Soldaten  verehrten  ihn  abgöttisch.  Das  machte  ihn  so  kühn,  daß  er  sich  1804  zum
Kaiser  krönen  ließ.,
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        —  62  —

57.  Friedrich  Wilhelm  III.  (1797—1840)  und  die  Helden  der
Befreiungkriege.
a.  Friedrich  Wilhelm  III.

s-  prinz.  Luise.
Der  Kron—
prinz  Friedrich
  Wilhelm
nahm  1792
auch  an  dem
Feldzuge  teil,
den  sein  Vater
  damals
gegen  Frankreich
  untermnahm.
  Auf
diesem  Feldzuge
  sah  er  in
Darmstadt
zum  erstenmal
  seine
spätere  Gemahlin,
  die

  

 

 

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««  6  Prinzessin

*....NW—  Luise  von
NNMecklenburg-,-

  Strelitz.

---  E  ..-  Ein  Jahr
—.  .  *  *  !“*  darauf  ver-—
  —mänahlter  sich
nd  die  Dorfkinder.  mit  ihr.  Das

junge  Paar  führte  ein  so  einfaches  häusliches  Leben,  wie  es  damals  nicht  einmal  bei
reichen  Kaufleuten,  noch  viel  weniger  am  Hofe  üblich  war.  Am  liebsten  verweilte  das
junge  Paar  in  Paretz,  einem  Dorfe  bei  Potsdam.  Dort  hatte  Fr.  W.  ein  sehr  einfaches
Landhaus  bauen  lassen.  „Nur  immer  bedenken“,  hatte  er  dem  Baumeister  oft  gesagt,
„daß  Sie  für  einen  armen  Gutsbesitzer  bauen!“  In  dem  Landhause  sah  man  keine
kostbaren  Möbel  und  Teppiche,  keine  seidenen  Decken  und  Vorhänge,  weder  Gold=  noch
Silbergerät.  Alles  war  sehr  einfach.  Luise  hieß  hier  die  „gnädige  Frau  von  Paretz“.
Am  Erntefeste  der  Bauern  mischte  sich  das  fürstliche  Paar  sogar  unter  die  Tänzer.
Gewöhnlich  ging  dann  auch  die  Königin  in  die  Buden  und  kaufte  für  die  Kinder  des
Dorfes  allerlei  Süßigkeiten  ein.  Dabei  drängten  sich  die  Kleinen  oft  dicht  an  sie  heran
und  riefen:  „Mir  auch  was,  Frau  Königin!"

2.  Noch  einige  Züge  aus  dem  Leben  der  Königin  Luise.  Die  Königin  Luise
war  eine  Landesmutter,  wie  sie  selten  gefunden  wird.  Alle  Unterthanen  waren  ihr  ans
Herz  gewichsen,  besonders  aber  die  Armen.  Wo  sie  ein  altes  Mütterchen  am  Wege
sah,  reichte  sie  ihm  mit  freundlichen  Worten  ein  Geldgeschenk,  und  auf  der  Straße
spielende  Kinder  nahm  sie  nicht  selten  auf  den  Arm  und  liebkoste  sie.  Durch  ihre  ein-
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        —  63  —

fache  Kleidung  gab  sie  den  Berlinerinnen  ein  sehr  gutes  Beispiel,  das  auch  bald
überall  nachgeahmt  wurde.  Auf  einer  Reise  wurde  die  Königin  einst  von  19  kleinen
Mädchen  in  weißen  Kleidern  begrüßt.  Bald  aber  erfuhr  sie,  daß  es  eigentlich  20
Mädchen  gewesen  seien,  das  eine  sei  aber  wieder  nach  Hause  geschickt,  weil  es  kein
weißes  Kleid  gehabt  hätte.  Sofort  ließ  sie  das  zurückgeschickte  Kind  holen  und  war
mit  ihm  überaus  freundlich.  Als  ihr  einst  gleichzeitig  ein  Graf  und  ihr  Hofschuhmacher
  gemeldet  wurden,  sagte  sie:  „Der  Meister  hat  gewiß  nicht  viel  Zeit,  er  soll
zuerst  kommen;  der  Herr  Graf  kann  warten."

b.  Der  unglückliche  Krieg  von  1806  und  1807.

1.  Rheinbund.  Auflösung  des  deutschen  Reiches.  1806.  Nachdem  Napoleon
in  der  Dreikaiserschlacht  bei  Austerlitz  (1805)  Ostreich  und  Rußland  besiegt  hatte,  war
sein  Streben  darauf  gerichtet,  auch  die  Macht  des  altersschwachen  Deutschland  zu
brechen.  Im  Jahre  1806  stiftete  er  daher  den  sogenannten  Rheinbund.  16  deutsche
Staaten  (Bayern,  Württemberg,  Baden,  Darmstadt,  Nassau  u.  a.)  traten  dem  Bunde
bei  und  stellten  sich  damit  unter  den  Schutz  Napoleons.  Viele  kleinere  Reichsfürsten,
deren  Gebiet  im  Bereiche  dieses  Rheinbundes  lag,  wurden  ihrer  landesherrlichen  Rechte
entkleidet  und  Unterthanen  der  ihnen  zunächst  liegenden  Rheinbundstaaten.  Infolge
dieser  Vorgänge  legte  Franz  II.,  der  49.  Kaiser  Deutschlands,  die  deutsche  Kaiserkrone
nieder.  (Schon  1804  hatte  er  den  Titel  „Kaiser  von  Ostreich“  angenommen,  den  er
nun  auch  weiter  führte.)  Damit  hatte  das  morsche,  beinahe  tansendjährige  „heilige
römische  Reich  deutscher  Nation“  sein  Ende  erreicht.  (Erst  65  Jahre  später  wurde
durch  König  Wilhelm  I.  von  Preußen  das  neue  deutsche  Kaiserreich  aufgerichtet.)

2.  Preußen  erklärt  an  Frankreich  den  Krieg.  Nachdem  Napoleon  OÖstreich
gedemütigt  und  mit  den  süddeutschen  Fürsten  den  Rheinbund  geschlossen  hatte,  gab  es
nur  noch  eine  Macht  in  Deutschland,  die  sich  seinem  Willen  nicht  fügte.  Das  war
das  Königreich  Preußen.  Wie  es  schien,  legte  Napoleon  es  ganz  darauf  an,  dieses
Land  bis  aufs  äußerste  zu  demütigen  oder  zum  Kampfe  der  Verzweiflung  zu  reizen.
Vor  allem  suchte  er  zu  verhindern,  daß  Preußen  mit  den  nicht  zum  Rheinbunde  gehörenden
  Fürsten  einen  „norddeutschen  Bund“  bilde.  Ohne  Zustimmung  Preußens
besetzte  er  einen  preußischen  Bezirk  am  Rhein.  Auch  verlangte  er,  daß  Preußen  allen
englischen  Schiffen  Häsen  und  Küsten  verschließen  solle.  Im  ganzen  Lande  war  man
über  diesen  Ubermut  Napoleons  empört,  und  die  Offiziere  in  Berlin  zogen  des  Abends
vor  die  Wohnung  des  französischen  Gesandten  und  wetzten  ihre  Degen  an  den  steinernen
Treppen  des  Gebäudes.  Notgedrungen  erklärte  der  König  endlich  den  Krieg  an  Frankreich.

3.  Die  Armee  Preußens  hatte  nach  dem  Tode  Friedrichs  d.  Gr.  viel  von  ihrer  Kriegstüchtigkeit
  verloren.  Die  Heerführer  waren  alt  und  gebrechlich,  die  Soldaten  mehr  Handwerker
  als  geübte  Kriegsleute.  Der  Dienst  lief  größtenteils  auf  Tändelei  und  Spielerei
hinaus.  Alle  108  Griffe  am  Gewehr  mußten  mit  der  größten  Schnelligkeit  ausgeführt
werden,  und  auf  gerade  Haltung  beim  Paradeschritt  ward  das  Hauptgewicht  gelegt.  Die
Ausrüstung  dagegen  war  sehr  mangelhaft.  Das  Gewehr  war  —  damit  es  sich  besser  senkrecht
  tragen  ließ  —  mit  einem  geraden  Schafte  („Kuhfuß")  versehen,  wodurch  es  aber  an
Brauchbarkeit  verlor.  Der  blank  polierte  Lauf  blendete  und  erschwerte  das  Zielen,  das
Schloß  war  groß,  aber  versagte  leicht.  Die  Uniform  war  eng  und  unpraktisch.  Noch  immer
band  der  Soldat  auf  den  kurzgeschorenen  Kopf  einen  armlangen  Zopf,  noch  immer  trug  er
die  engen  Gamaschen,  die  das  Bein  einzwängten  und  das  Marschieren  erschwerten.  Dazu
kam  ferner,  daß  zwischen  dem  Offizier  und  dem  Gemeinen  eine  ungeheure  Kluft  bestand
und  der  Soldat  weder  für  seinen  Vorgesetzten  noch  für  sein  Vaterland  begeistert  war.

4.  [Jena  und  Auerstädt.  1806.  Ein  Heer  von  150000  Mann  zog  unter  dem
Oberbefehl  des  Herzogs  von  Braunschweig  den  anrückenden  Franzosen  entgegen.  Am
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        —  64  —

14.  Oktober  kam  es  zur  Doppelschlacht  bei  Jena  und  Auerstädt.  Gleich  zu  Anfang
der  Schlacht  wurde  der  Herzog  von  Braunschweig  durch  einen  Schuß  in  die  Augen
schwer  verwundet.  Nun  kam  Verwirrung  in  das  Heer,  und  obwohl  die  einzelnen
Haufen  recht  tapfer  kämpften,  so  löste  sich  doch  bald  alles  in  wilde  Flucht  auf.  Der
König  und  die  Königin  selbst  mußten  eilen,  um  nicht  in  Gefangenschaft  zu  geraten.
Der  Herzog  von  Braunschweig  wurde  nach  seiner  Hauptstadt  gebracht.  Von  hier  aus
sandte  er  eine  Botschaft  an  Napoleon  und  ließ  um  Gnade  bitten.  Doch  dieser  antwortete:
„Das  Haus  Braunschweig  hat  aufgehört  zu  regieren.“  Der  seines  Augenlichts  be—
raubte  Herzog  flüchtete  nun  nach  Hamburg  und  starb  bald  darauf  zu  Ottensen.  —
Die  Königin  Luise  begab  sich  mit  ihren  Kindern  nach  Königsberg.

5.  Berrat  und  Feigheit.  Nach  dieser  furchtbaren  Niederlage  fehlte  es  den  meisten
Feldherren  und  Festungskommandanten  an  Mut,  den  Franzosen  Widerstand  zu  leisten.
Die  wohlbesetzten  Festungen  Erfurt,  Spandau,  Stettin,  Küstrin,  Hameln  und  Magdeburg
ergaben  sich,  ohne  einen  Schuß  zu  thun.  Auch  in  Berlin  konnte  Napoleon  ungehindert
einziehen.  Es  war  schmachvoll!

6.  Treue.  In  dieser  trüben  Zeit  fehlte  es  aber  auch  nicht  an  Männern,  die
ihrem  Vaterlande  treu  blieben  und  sich  vor  dem  gewaltigen  Sieger  nicht  beugten.  Als
der  Kommandant  von  Graudenz  aufgefordert  wurde,  sich  zu  ergeben,  weil  es  keinen
König  von  Preußen  mehr  gebe,  ließ  er  sagen:  „Nun,  so  giebt  es  doch  noch  einen  König
von  Graudenz.“  Der  Kommandant  von  Pillau  versammelte  alle  seine  Offiziere,  stellte
einen  Sarg  in  ihre  Mitte  und  sagte:  „Kameraden,  lebendig  übergebe  ich  diese  Festung
nicht;  hier  ist  mein  Sarg,  wer  mich  überlebt,  lege  meine  Gebeine  da  hinein.  Wer  es
nun  mit  mir  hält,  der  schwöre:  Preußen  oder  Tod.“  Alle  schwuren,  und  Pillau  wurde
gerettet.  Auch  die  Festung  Kolberg  wurde  durch  Schill,  Nettelbeck  und  Gneisenau  so
wacker  verteidigt,  daß  sie  von  den  Franzosen  nicht  genommen  werden  konnte.

c.  Blücher.

Der  Bravste  aller  Braven  jener  Zeit  aber  war  Leberecht  Blücher.  Dieser  Held
wurde  1742  zu  Rostock  in  Mecklenburg  geboren.  Sein  Vater  war  Gutsbesitzer.  Im
Alter  von  14  Jahren  kam  Leberecht  zu  Verwandten  nach  der  Insel  Rügen,  die  damals
den  Schweden  gehörte.  Hier  sah  er  zum  erstenmal  Husaren,  und  sofort  beschloß  er,
auch  ein  solcher  schmucker  Soldat  zu  werden.  Seine  Verwandten  wollten  aber  davon
nichts  hören.  Da  ging  er  heimlich  davon  und  ließ  sich  bei  den  Schweden  anwerben.
Doch  trat  er  nach  ziwei  Jahren  in  das  preußische  Heer  ein.

Einmal  nämlich  nahm  der  Junker  Blücher  an  einem  Streifzuge  teil.  Die  Schweden
gerieten  mit  den  Preußen  zusammen,  wurden  aber  bald  zurückgedrängt.  Der  Junker
Blücher  aber  zeigte  sich  im  höchsten  Grade  übermütig.  Immer  sprengte  er  gegen  die
Preußen  an,  neckte,  schalt  und  drohte  ohne  Aufhören.  Das  verdroß  endlich  einen  von  den
preußischen  Husaren.  „Wart,  Bübel,  ich  will  di  schon  schlachte,“  rief  er  und  sprengte  auf
Blücher  ein.  Dieser  wandte  schnell  sein  Pferd,  doch  er  kam  nicht  weit.  Sein  Roß  wurde
von  einer  Kugel  getroffen  und  stürzte  unter  ihm  zusammen.  Noch  ehe  Blücher  sich  aufgerafft
  hatte,  fühlte  er  eine  kräftige  Faust  im  Nacken.  Der  baumstarke  Preuße  nahm  den
kleinen  Junker  vor  sich  auf  den  Sattel  und  jagte  mit  ihm  davon.  Der  Oberst  des  Regiments
fand  Gefallen  an  dem  kecken  Jünglinge  und  bewog  ihn,  in  preußische  Dienste  zu  treten.

Blücher  machte  nun  den  siebenjährigen  Krieg  mit.  Als  er  jedoch  einmal  beim
Aufrücken  übergangen  wurde,  erbat  er  sich  in  trotzigen  Worten  seinen  Abschied.
Friedrich  II.  bewilligte  ihm  diesen  mit  den  Worten:  „Der  Rittmeister  von  Blücher  ist
seiner  Dienste  entlassen  und  kann  sich  zum  Teufel  scheren.“  13  Jahre  verbrachte  nun
Blücher  in  friedlicher  Thätigkeit  auf  seinem  Landgute.  Doch  länger  hielt  er  es  nicht
aus.  Nach  dem  Tode  Friedrichs  II.  trat  er  wieder  als  Major  in  Dienst.
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An  dem  Kriege  gegen  Frankreich  1806  nahm  er  als  General  teil.  Als  bei  Jena
und  Auerstädt  das  preußische  Heer  geschlagen  war,  führte  er  auf  dem  Rückzuge  die
Nachhut.  Von  allen  Seiten  hart  bedrängt,  wandte  er  sich  nach  Norden  und  suchte
Schutz  in  Lübeck.  Mit  seinen  15000  Mann  verteidigte  er  sich  hier  noch  wacker  gegen
ein  feindliches  Heer  von  80000  Mann.  Doch  bald  unterlag  er  der  Ubermacht  und
mußte  sich  mit  dem  Rest  seiner  Armee  ergeben.  Dem  Berichte  aber  fügte  er  eigenhändig
hinzu:  „weil  ich  kein  Brot  und  keine  Munition  mehr  habe."

d.  Königin  Luise  auf  der  Flucht.  Friede  zu  Tilsit.

1.  Auf  der  Flucht.  Die  Königin  hatte  ihren  Gemahl  ins  Feldlager  begleitet.
Am  Tage  der  unglücklichen  Schlacht  bei  Jena  und  Auerstädt  jedoch  reiste  sie  über
Magdeburg  nach  Berlin.  Allein  hier  war  sie  bald  nicht  mehr  sicher.  Die  Flucht  mußte
bis  nach  Königsberg  fortgesetzt  werden.  Die  Aufregung  und  die  Sorge  ums  Vaterland
warfen  die  edle  Königin  aufs  Krankenbett.  Aber  das  französische  Heer  kam  immer  näher,
und  die  Königin  sah  sich  noch  einmal  zur  Flucht  gezwungen.  Mitten  im  kalten  Winter
und  bei  dem  fürchterlichsten  Sturm  und  Schneegestöber  wurde  sie  in  den  Wagen
getragen  und  20  Meilen  weit  über  die  kurische  Nehrung  nach  Memel  gebracht.  Drei
Tage  dauerte  die  schreckliche  Reise.  Die  erste  Nacht  verbrachte  sie  auf  der  kurischen
Nehrung  in  einer  Stube,  deren  Fenster  zerbrochen  waren,  so  daß  der  Schnee  auf  ihr
Bett  geweht  wurde;  daneben  fehlte  es  ihr  an  erquickender  Nahrung.  Seit  jener  Zeit
wurde  sie  nie  wieder  ganz  froh  und  gesund.  Jedoch  ertrug  sie  das  Unglück  mit  Geduld.

2.  Friede  zu  Tilsit  1807.  Noch  zweimal  stellte  sich  Preußen  den  Franzosen
entgegen.  Bei  Preußisch-Cylau  blieb  der  Sieg  unentschieden,  bei  Friedland  unterlag
es  mit  den  verbündeten  Russen.  Da  sah  sich  der  König  gewungen,  Frieden  zu  schließen.
In  Tilsit  wurde  darüber  verhandelt.  Auch  die  Königin  Luise  erschien  hier  und  bemühte
sich,  das  Schicksal  ihres  Landes  zu  mildern.  Aber  es  war  vergebens.  Napoleon  nahm
alles  Land  westlich  von  der  Elbe,  ließ  sich  112  Millionen  Mark  Kriegskosten  zahlen
und  stellte  vie  Bedingung,  daß  Preußen  in  den  nächsten  10  Jahren  nicht  mehr  als
42000  Mann  Soldaten  halten  durfte.  Aus  den  eroberten  Ländern  westlich  von  der
Elbe  bildete  er  das  Königreich  Westfalen.  Das  gab  er  seinem  Bruder  Jerome,  der
seine  „lustige“  Residenz  auf  Wilhelmshöhe  bei  Cassel  hatte.

3.  Liebe  des  Volkes.  Ein  ganz  besonderer  Trost  in  dieser  Zeit  der  Not
war  für  das  Königspaar  die  Liebe  des  Volkes,  die  sich  in  diesen  Tagen  in
rührendster  Weise  zeigte.

Einmal  ließ  sich  ein  Bauer  mit  seiner  Frau  aus  der  Weichselniederung  beim  König  anmelden.
  Als  sie  vorgelassen  waren,  stellte  die  Bauerfrau  einige  Pfund  frische  Butter,  recht  sauber
in  Kohlblätter  eingeschlagen,  auf  den  Tisch  und  überreichte  sie  der  geliebten  Landesmutter  Luise
zum  Geschenk.  Die  Königin  drückte  der  Bäuerin  gerührt  die  Hand,  nahm  ihr  Umschlagetuch
ab  und  hängte  es  ihr  mit  den  Worten  um:  „Zum  Andenken  an  diesen  Tag!"  Als  darauf  der
Bauer  anfing,  einige  Worte  zum  König  zu  reden,  sagte  dieser:  „Aha,  merke  schon,  Ihr  bringt
mir  den  Käse  zu  der  Butter.“  „Nein,“  sagte  der  Bauer,  „ich  habe  etwas  andres  im  Beutel.  Wir
haben  gehört,  daß  unsers  lieben  Königs  Kasse  leer  sei.  Darum  haben  wir  in  der  Gemeinde
gesammelt  und  möchten  nun  unserm  gnädigen  armen  König  ein  Geschenk  machen.“  Tiefgerührt
  fiel  ihm  der  König  mit  den  Worten  in  die  Rede:  „Nein,  nein,  ich  bin  nicht  arm,
so  lange  ich  noch  solche  Bauern  zu  Unterthanen  habe.  Der  Bauer  aber  schüttete  den  Inhalt
seines  Beutels  auf  den  Tisch,  und  siehe,  es  waren  3000  blanke  Goldstücke.

e.  Neugestaltung  des  preußischen  Staates.

1.  Steins  Reformen.  Das  Unglück  wurde  ein  guter  Lehrmeister  für  Preußen.
Man  merkte  bald,  woran  es  gefehlt  hatte,  und  sann  auf  Abhülfe.  Diese  zu  schaffen,
schien  der  Freiherr  von  Stein  der  geeignete  Mann  zu  sein;  ihm  übertrug  daher  der
König  die  Verwaltung  seines  Landes.  Mit  Recht  erblickte  Stein  den  Grund  vieler

Realienbuch.  B8  5
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        —  66  —

Ubel  in  der  allzugroßen  Beschränkung  von  Freiheit  und  Selbständigkeit  der  einzelnen
Staatsbürger.  Sein  Hauptstreben  war  daher  auf  folgende  Punkte  gerichtet:

a.  Die  Schaffung  eines  freien  Bauernstandes.  Bis  dahin  waren  sehr  viele
Bauern  ihrem  Gutsherrn  erbunterthänig,  d.  h.  sie  besaßen  ihren  Acker  nicht  als  freies
Eigentum,  sondern  hatten  ihn  nur  von  ihrem  Herrn  zum  Nießbrauch.  Dafür  mußten
sie  ihm  Frondienste  leisten  oder  Abgaben  an  Getreide  und  Geld  entrichten.  (S.  39.)
Ohne  Erlaubnis  des  Gutsherrn  durfte  der  Bauer  seinen  Wohnsitz  nicht  verändern,  ja,
nicht  einmal  heiraten.  Stein  hob  die  Erbunterthänigkeit  der  Bauern  auf.  Dadurch
wurden  sie  mit  einem  Schlage  freie  Männer.  Sie  verbesserten  ihre  Acker  und  gelangten
bald  zu  Wohlstand.  Ihre  Söhne  konnten  nun  in  die  Stadt  ziehen  und  ein  Handwerk
oder  Gewerbe  treiben,  was  ihnen  vorher  nicht  gestattet  war.  Der  König  ging  dem
Adel  mit  gutem  Beispiele  voran  und  machte  auf  den  königlichen  Domänen  allein  47  000
Bauern  frei.

b.  Die  Schaffung  eines  freien  Bürgerstandes.  Auch  die  Bürger  in  der  Stadt
erhielten  durch  Einführung  einer  neuen  Städteordnung  größere  Freiheiten  und  Rechte.
Bis  dahin  hatten  die  Städte  wenig  freien  Willen  gehabt.  Der  Staat  gab  jeder  Stadt
einen  Bürgermeister  und  stellte  auch  die  übrigen  Beamten  der  Stadt  an.  Ohne  höhere
Genehmigung  durfte  der  Magistrat  auch  nicht  die  geringste  Verfügung  erlassen.  Ein
städtischer  Gemeinsinn  fehlte.  Die  1808  erlassene  Städteordnung  aber  übergab  den
Städten  die  Verwaltung  ihres  Vermögens  und  aller  ihrer  Angelegenheiten.  Die
Bürgerschaft  durfte  Stadtverordnete  wählen,  die  wiederum  den  Bürgermeister  und
die  übrigen  städtischen  Beamten  zu  wählen  hatten.  Auch  sollte  die  Bürgerschaft  nicht
mehr  (wie  bisher)  nach  Zünften  und  Klassen  geteilt  werden:  es  gab  fortan  nur  ein
Bürgerrecht  für  alle.

c.  Die  Einführung  einer  neuen  Gewerbeordnung.  Bis  dahin  hatten  die  Zünfte
die  Ausdehnung  des  Gewerbes  vielfach  gehemmt  (S.  29).  Dazu  kam,  daß  Back=  und
Braurechte  nur  an  bestimmte  Grundstücke  gebunden  waren.  Auch  der  sog.  „Mühlzwang“
herrschte  noch,  durch  den  die  Bewohner  eines  bestimmten  Umkreises  gezwungen  waren,
in  einer  bestimmten  Mühle  Getreide  mahlen  zu  lassen.  Stein  aber  hob  den  Zunft=  und
Mühlzwang  auf  und  beseitigte  die  Vorrechte  gewisser  Häuser  für  Bäckereien,  Schlachtereien
  und  Brauereien.  So  entfernte  er  die  vielen  Beschränkungen,  die  bis  dahin  dem
Einzelnen  beim  Broterwerb  oft  ungemein  lästig  und  hinderlich  gewesen  waren.  —
Sein  Nachfolger,  der  Staatskanzler  Hardenberg,  setzte  dies  Werk  in  seinem  Geiste  fort.

2.  Allgemeine  Wehrpflicht.  Die  Bildung  eines  tüchtigen  Heeres  übernahm
der  General  Scharnhorst.  Ihm  zur  Seite  stand  der  General  Gneisenau.  Bis  dahin
hatte  das  Heer  größtenteils  aus  geworbenen  Söldnern  bestanden;  jetzt  wurde  die
allgemeine  Wehrpflicht  eingeführt,  d.  h.  jeder  gesunde  und  brauchbare  Preuße  mußte
Soldat  werden.  Zuerst  diente  er  einige  Jahre  in  der  Armee  (Linie),  dann  wurde  er
Landwehrmann.  Die  Strafe  des  Gassenlaufens  wurde  sofort  abgeschafft.  Die  enge,
unpraktische  Kleidung  machte  einer  bequemeren  Platz,  und  Zopf,  Locken  und  Puder
waren  fortan  in  der  Armee  verbannt.  Ohne  Rücksicht  auf  Geburt  sollte  jeder  Soldat
zu  den  höchsten  Offizierstellen  gelangen  können.  —  Da  nicht  mehr  als  42  000  Mann
Soldaten  gehalten  werden  durften,  so  wurden  anfänglich  die  Rekruten  schnell  einexerciert,
dann  entlassen  und  andere  an  ihre  Stelle  gesetzt.  So  hatte  man  bald  ein  Heer  von
150  000  Mann  im  Lande.

3.  Schill.  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig.  In  ganz  Deutschland  ertrug
man  die  Herrschaft  Napoleons  mit  bitterm  Ingrimm,  und  hier  und  da  standen  kühne
Männer  auf,  die  es  versuchten,  die  Ketten  der  Knechtschaft  zu  brechen.  Zu  ihnen
gehörte  der  Major  von  Schill.  Mit  einigen  Hundert  Reitern  verließ  er  im  Frühjahr
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        —  67  —

1809  Berlin,  um  gegen  die  Franzosen  zu  kämpfen.  Schließlich  aber  wurde  er  in
Stralsund  von  den  Franzosen  eingeschlossen  und  fiel  mit  den  meisten  seiner  Waffenbrüder
  unter  den  Säbeln  —  deutscher  Rheinbundstruppen.  —  Ebenso  unternahm
Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,  „der  schwarze  Herzog,“  einen  kühnen  Zug  mit
seiner  „schwarzen  Schar“  mitten  durch  das  von  den  Feinden  besetzte  deutsche  Land.

4.  Tod  der  Königin.  Die  Königin  Luise,  die  den  Tag  der  Befreiung  so  sehr
ersehnte,  sollte  ihn  nicht  erleben.  Der  Gram  über  das  Unglück  ihres  Landes  nagte
ihr  am  Herzen.  Nur  noch  einmal  fühlte  sie  sich  recht  beglückt,  als  sie  kurz  vor  Weihnachten
  1809  an  der  Seite  ihres  Gemahls  in  das  geliebte  Berlin  einziehen  konnte.
Im  Sommer  1810  reiste  sie  zu  ihrem  Vater  nach  Strelitz  und  bezog  das  Lustschloß
Hohen-Zieritz.  Dort  wurde  sie  bald  sehr  krank;  ein  heftiges  Brustleiden  stellte  sich  ein.
Wenige  Stunden  vor  ihrem  Tode  erschien  der  König  mit  dem  Kronprinzen  und  dem
Prinzen  Wilhelm.  Das  war  ihre  letzte  Freude.  „Ach,  lieber  Fritz,  lieber  Wilhelm,
seid  ihr  da?"  rief  sie  und  umarmte  sie  herzlich.  Der  König  ging  weinend  hinaus.
„Ach,“  rief  er  aus,  „wenn  sie  nicht  mein  wäre,  würde  sie  leben;  aber  da  sie  meine
Frau  ist,  stirbt  sie  gewiß.“  Bald  darauf  schloß  sie  ihre  Augen  für  immer.  Das  war
für  den  schon  so  tief  gedemütigten  König  der  härteste  Schlag!  „Meine  Zeit  in  Unruhe,
meine  Hoffnung  in  Gott!“  war  fortan  sein  Wahlspruch.

Prinz  Wilhelm,  der  nachmalige  Kaiser  Wilhelm  I.,  küßte  noch  die  bleichen  Lippen
seiner  Mutter  und  ging  dann  weinend  in  den  Garten.  Hier  pflückte  er  Eichenblätter  und
Rosen  und  wand  einen  Kranz  daraus.  Diesen  legte  er  auf  das  Sterbebett  seiner  Mutter.
Der  Kranz  ist  nachher  unter  Glas  und  Rahmen  gebracht  und  hängt  noch  heute  an  der
Wand  des  Sterbezimmers  im  Schlosse  Hohen-Zieritz.

In  Charlottenburg  wurde  der  Königin  eine  prachtvolle  Ruhestätte,  ein  Mausoleum,
  hergerichtet.

t.  Die  Befreiungskriege.  1813  und  1815.

1.  Napoleons  Zug  nach  Rußland.  Im  Jahre  1812  zog  Napoleon  mit  mehr
als  einer  halben  Million  Krieger  nach  Rußland,  um  auch  dieses  gewaltige  Reich  niederzuwerfen.
  Nachdem  er  zweimal  die  Russen  besiegt  hatte,  zog  er  in  Moskau  ein.  Aber
bald  brach  an  allen  Enden  und  Ecken  Feuer  aus,  und  Napoleon  mußte  mit  seiner
ganzen  Armee  die  Stadt  verlassen  und  den  Rückzug  antreten.  Anfangs  war  die
Witterung  milde,  im  Dezember  aber  trat  ein  sehr  kalter  Winter  ein,  und  hoher  Schnee
bedeckte  Weg  und  Steg.  Die  Soldaten  hatten  bald  kein  Brot  mehr  und  verzehrten  die
gefallenen  Pferde  mit  Heißhunger.  Ihre  Schuhe  und  Stiefel  waren  zerrissen,  die
Füße  wurden  mit  Lumpen  umwickelt,  viele  hinkten  oder  gingen  auf  Krücken.  Ganze
Haufen  lagen  am  Morgen  tot  um  die  erloschenen  Wachtfeuer.  Tag  und  Nacht  umschwärmten
  Kosaken  die  Fliehenden,  und  Tausende  fielen  in  ihre  Hände.  Das  Schrecklichste
auf  dem  Rückzuge  aber  war  der  Ubergang  über  die  Beresina.  Unter  der  Last  der
Kanonen,  Reiter  und  Soldaten  brach  die  eiligst  hergestellte  Schiffbrücke,  und  Tausende
fanden  in  den  Fluten  ihren  Tod.  —  Von  der  großen  Armee  erreichten  nur  etwa
30  000  Mann  die  polnische  Grenze.

2.  Erhebung.  Jetztschien  die  Zeit  gekommen,  das  Joch  Frankreichs  abzuschütteln;
das  fühlte  jeder.  Der  General  York,  der  mit  20  000  Preußen  den  Zug  nach  Rußland
mitmachen  mußte,  sagte  sich  auf  eigene  Faust  von  den  Franzosen  los  und  schloß  mit  den
Russen  einen  Vertrag.  Auch  der  König  faßte  Mut  und  erklärte,  nachdem  er  sich  mit
Rußland  verbündet  hatte,  an  Frankreich  den  Krieg.  Am  3.  Febr.  1813  erließ  er  von
Breslau  aus  den  Aufruf:  „An  mein  Volk!“  und  von  allen  Seiten  strömte  alt  und
jung,  reich  und  arn  herbei,  das  Vaterland  zu  retten  oder  mit  Ehren  unterzugehen.
Die  Studenten  verließen  die  Lehrsäle,  die  Gesellen  die  Werkstätten.  Ein  Bauer  brachte

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ein  Pferd  und  sagte:  „Fünf  haben  mir  die  Franzosen  gestohlen,  das  sechste  will  ich  ihnen
nachschicken.“  Der  Freiherr  von  Lützow  errichtete  zu  Breslau  eine  Freischar,  die  sich
aus  den  vornehmsten  Jünglingen  zusammensetzte.  Auch  der  Dichter  Körner  gehörte
ihr  an.  Wer  kein  Geld  hatte,  legte  seine  Schmucksachen  auf  den  Altar  des  Vaterlandes.
So  wurden  160  000  goldene  Trauringe  eingesandt.  Dafür  erhielten  die  Geber  eiserne
mit  der  Inschrift:  „Gold  gab  ich  für  Eisen  1813.“  Ein  16  jähriges  armes  Mädchen,
Ferdinande  von  Schmettau,  ließ  sich  ihr  schönes  Haar  abschneiden  und  brachte  die  9  40,
die  sie  dafür  gelöst  hatte,  dem  Vaterlande  dar.

3.  Großgörschen  und  Bautzen.  Bald  rückte  Napoleon  mit  einer  großen  Macht
heran.  In  der  weiten  Ebene  von  Leipzig  kam  es  bei  Großgörschen  (2.  Mai)  zur
Schlacht.  Die  Freiwilligen  bestanden  hier  ruhmvoll  die  erste  Feuerprobe,  aber  die
Schlacht  blieb  unentschieden.  Leider  wurde  hier  der  edle  Scharnhorst  verwundet.  Er
starb  einige  Wochen  später  zu  Prag.  Dorthin  war  er  noch  gereist,  um  Ostreich  zu
einem  Bündnis  mit  Preußen  zu  bewegen.  (Gedicht:  In  dem  wilden  Kriegestanze  2c.)
Noch  einmal  rangen  beide  Heere  bei  Bautzen  miteinander;  aber  den  Sieg  konnte  sich
auch  hier  keine  Partei  zuschreiben.  „Wie,“  rief  Napoleon  entrüstet  aus,  „nach  solcher
Schlächterei  keine  Erfolge?  Nicht  einmal  den  Nagel  von  einer  Kanone  lassen  sich  die
Preußen  nehmen!“

4.,  Waffenstillstand.  Jetzt  wurde  ein  sechswöchiger  Waffenstillstand  abgeschlossen.
Während  desselben  traten  Ostreich  und  Schweden  dem  Bunde  gegen  Napoleon  bei.
Nun  wurden  drei  große  Armeen  gebildet:  1.  die  Nordarmee  unter  dem  Kronprinzen
Bernadotte  von  Schweden,  2.  die  schlesische  Armee  unter  Blücher  und  3.  die  Hauptarmee
  unter  Schwarzenberg  in  Böhmen.

5.0Groß-Beeren.  Gleich  nach  Beendigung  des  Waffenstillstandes  ging  der
Kampf  von  neuem  los.  Ein  französisches  Heer  marschierte  gerade  auf  Berlin  los  und
war  nur  noch  15  km  davon  entfernt.  Der  ängstliche  Bernadotte  wollte  ausweichen;
Bülow  aber  sagte:  „Ich  gehe  nicht  zurück;  vor  Berlin  sollen  unsere  Knochen  bleichen."
Bei  Groß-Beeren  kam  es  zur  Schlacht.  Der  Regen  hatte  das  Pulver  verdorben;  die
Gewehre  gingen  nicht  los.  Die  Landwehrleute  aber  drehten  das  Gewehr  um  und
schlugen  mit  dem  Kolben  drein.  „So  fluscht  et  bäter!“  riefen  sie  und  jagten  den  Feind
in  die  Flucht.  In  Berlin  war  großer  Jubel.  Tausende  strömten  auf  das  nahe
Schlachtfeld  hmaus  und  brachten  den  tapferen  Kriegern  Speise  und  Trank.

6.  An  der  Katzbach.  Blücher  stand  mit  seiner  Armee  bei  Jauer;  ihm  rückte
der  französische  General  Macdonald  entgegen.  Am  26.  August  wollte  Blücher  den
Feind  angreifen;  dieser  hatte  die  gleiche  Absicht  und  überschritt  die  Katzbach  und  die
wütende  Neiße.  Das  war  Blücher  auch  recht,  und  als  sein  Heer  schlagbereit  war,  rief
er,  sich  behaglich  den  Bart  streichend:  „Nun,  Kinder,  habe  ich  genug  Franzosen  herüber.
Jetzt  vorwärts  in  Gottes  Namen!“  Es  war  nachmittags  3  Uhr;  der  Regen  floß  in
Strömen,  und  wieder  mußte  die  Landwehr  mit  dem  Kolben  dreinschlagen.  Blücher  ist
überall  voran.  „Heute  geht's  gut,  Vater  Blücher!“  rufen  ihm  die  Truppen  zu.  „Wird
noch  besser  kommen,  paßt  mal  uff!"“  lautet  seine  Antwort.  Auf  dem  linken  Flügel  aber
sieht  es  böse  aus.  Da  zieht  Blücher  den  Degen,  stellt  sich  an  die  Spitze  einiger
Kavallerie-Regimenter  und  treibt  den  Feind  zurück.  Die  Fliehenden  stürzen  von  dem
steilen  Ufer  in  die  hochangeschwollene  Neiße;  sie  verschlingt  Lebende  und  Tote,  Roß
und  Reiter.  Was  die  Neiße  übrig  läßt,  findet  in  der  nahen  Katzbach  sein  Grab.  Seit
diesem  Tage  hieß  Blücher  bei  seinen  Soldaten  „Marschall  Vorwärts“.  (Lied:  Was
blasen  die  Trompeten?)  .  „

7.  ÜÜberall  Sieg.  Nur  noch  einmal,  bei  Dresden,  konnte  Napoleon  einen  Sieg
erringen,  dann  aber  folgte  für  die  Verbündeten  Sieg  auf  Sieg;  überall  wurden  die
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Franzosen  geschlagen,  so  von  Kleist  bei  Kulm  (30.  August),  von  Bülow  bei  Dennewitz
(6.  Sept.)  und  von  York  bei  Wartenburg  a.  E.  (3.  Oltober).

8.Die  Völkerschlacht  bei  Leipzig  (18.  Oktober).  In  der  weiten  Ebene  um
Leipzig  kam  es  zum  letzten  großen  Entscheidungskampfe.  Am  16.  begann  der  Kampf
bei  dem  Dorfe  Wachau.  Fünfmal  nahmen  es  die  Verbündeten,  fünfmal  wurde  es
ihnen  wieder  entrissen.  Von  dem  gewaltigen  Kanonendonner  erbebte  die  Erde,  und  in
dem  nahen  Leipzig  zersprangen  die  Fensterscheiben.  Napoleon  glaubte  schon,  den  Sieg
errungen  zu  haben,  und  ließ  in
Leipzig  die  Glocken  läuten.  Aber  Halleg
er  hatte  zu  früh  gejubelt.  Es
kam  zu  keiner  Entscheidung  bei
Wachau.  Dagegen  hatte  Blücher
bei  dem  Dorfe  Möckern  zu
gleicher  Zeit  einen  vollständigen  #  k  %%  Leipzig
Sieg  errungen.  Dreimal  hatte  lm——i  m
er  das  Dorf  mit  Sturm  genom-  *
men,  dreimal  war  er  zurückgeschlagen
  worden.  Als  er  zum
viertenmal  stürmte,  zog  sich  der
Feind  bis  nach  Leipzig  zurück.
Der  folgende  Tag  war  ein  Sonntag,  da  ruhten  die  Waffen.  Aber  früh  am  18.  begann
  der  Kampf  von  neuem.  Napoleon  hatte  seine  Hauptstellung  beim  Dorfe  Probstheida
  und  leitete  die  Schlacht  von  einem  Windmühlenhügel  aus.  Die  verbündeten
Herrscher  standen  auf  dem  Galgenberge.  Es  war  ein  furchtbarer  Kampf.  Vor  Propstheida
  lagen  stellenweise  die  Leichen  so  hoch,  daß  die  Kämpfer  nicht  mehr  darüber  hin—
weg  konnten.  Während  der  Schlacht  gingen  die  Sachsen  und  eine  Abteilung  Württem—
berger  zu  den  Verbündeten  über.  Napoleon  konnte  nun  der  Übermacht  nicht  standhalten
  und  mußte  sich  nach  Leipzig  zurückziehen.  Am  19.  wurde  Leipzig  erstürmt,
und  schon  am  Nachmittag  hielten  König  Friedrich  Wilhelm  und  Kaiser  Alexander  von
Rußland  ihren  Einzug  in  die  Stadt.  Als  Blücher  auf  den  Markt  kam,  umarmte  ihn
der  Kaiser  Alexander  und  sagte:  „Mein  lieber  General,  Sie  haben  das  Beste  gethan,
Sie  sind  der  Befreier  Deutschlands.“  Blücher  aber  entgegnete:  „Majestät,  habe  nur
meine  Schuldigkeit  gethan.“  Der  König  drückte  ihm  gerührt  die  Hand  und  ernannte
ihn  zum  Feldmarschall.

7  Nach  Paris.  Mit  großer  Hast  eilten  nun  die  Franzosen  dem  Rhein  zu.  Blücher
aber  setzte  ihnen  nach.  In  der  Neujahrsnacht  1814  schritt  er  über  den  Rhein.  Unter
fortwährenden  Kämpfen  rückten  die  Verbündeten  langsam  vor,  gerade  auf  Paris  los.  Am
30.  März  wurde  es  erobert,  und  schon  am  nächsten  Tage  (31.  März)  zogen  die  Berbündeten
  in  die  Stadt  ein.  Napoleon  aber  wurde  abgesetzt  und  nach  der  Insel  Elba  verwiesen.

10.  Der  Wiener  Kongreß.  1814—15.  Bald  nach  Beendigung  des  gewaltigen
  Krieges  versammelten  sich  die  verbündeten  Fürsten  in  Wien,  um  den  Länderbesitz
  der  einzelnen  Staaten  festzustellen.  Nach  langem  Streit  kam  endlich  eine  Einigung
zustande.  Preußen  erhielt  alle  Länder  zurück,  die  es  vor  dem  Tilsiter  Frieden  besessen
  hatte,  dazu  die  Hälfte  des  Königreichs  Sachsen  und  das  Großherzogtum  Posen.
Am  Rhein  wurden  ihm  die  Herzogtümer  Jülich  und  Berg,  das  Siegener  Land,  die
ehemals  geistlichen  Gebiete  von  Köln  und  Trier  sowie  andere  kleine  Gebiete  zugesprochen,
  so  daß  hier  eine  neue  Provinz,  die  Rheinprovinz,  gebildet  werden  konnte.
—  An  die  Stelle  des  ehemaligen  deutschen  Reiches  trat  jetzt  der  „deutsche  Bund“;
er  umfaßte  Ostreich  und  Preußen  und  außerdem  noch  37  Staaten.

 

 

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11.  Napoleons  Rückkehr.  In  Frankreich  war  Ludwig  XVIII.  König  geworden;
die  Franzosen  waren  jedoch  sehr  unzufrieden  mit  ihm.  Als  Napoleon  das  erfuhr,
hatte  er  keine  Ruhe  mehr  auf  Elba  und  kehrte  mit  seiner  Garde  nach  Frankreich
zurück.  Uberall  wurde  er  jubelnd  ausgenommen,  und  in  kurzer  Zeit  stand  ihm  ein
Heer  von  200000  Mann  zur  Seite.  Eilig  rüstete  nun  Preußen,  und  Blücher  erhielt
  den  Oberbefehl.  Auch  England  schickte  ein  Heer  unter  Wellington.

12.  Ligny.  (16.  Juni  1815.)  Auf  belgischem  Boden,  bei  Ligny,  stieß  Blücher
mit  dem  Feinde  zusammen.  Wellington  war  noch  nicht  heran,  und  Blücher  mußte
den  Kampf  allein  aufnehmen.  Überall  feuerte  Blücher  die  Truppen  an:  „Vorwärts,
Kinder!  wir  müssen  was  gethan  haben,  ehe  die  Engländer  kommen.“  Aber  die  Engländer,
  auf  deren  Hilfe  Blücher  rechnete,  kamen  nicht;  sie  hatten  selbst  gegen  ein
französisches  Corps  zu  kämpfen.  So  mußte  Blücher  endlich  trotz  aller  Tapferkeit  das
Dorf  aufgeben  und  sich  zurückziehen.

Während  des  hin=  und  herwogenden  Kampfes  kam  Blücher  selbst  in  Lebensgefahr.
Sein  Pferd  erhielt  einen  Schuß  und  stürzte  mit  ihm  nieder.  „Nostiz,  nun  bin  ich  verloren!“
  rief  er  seinem  Adjutanten  zu.  Dieser  sprang  sofort  vom  Pferde,  riß  den  Degen
aus  der  Scheide  und  hielt  treue  Wacht  neben  seinem  Herrn.  Die  Franzosen  jagten  vorüber
  und  wieder  zurück,  aber  sie  bemerkten  Blücher  nicht.  Endlich  nahten  Preußen  und
zogen  ihn  unter  dem  Pferde  hervor.  Schnell  bestieg  er  ein  frisches  Pferd  und  jagte  davon.

13.  Belle-Alliance.  (18.  Juni.)  Jetzt  wandte  sich  Napoleon  gegen  die  Engländer.
  Wellington  hatte  bei  Waterloo,  Napoleon  hinter  dem  Meierhofe  Belle-Alliance
Stellung  genommen.  Sogleich  schickte  Wellington  zu  Blücher  und  ließ

75  -  7—  —  —

 

 

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cher  in  der  Schlacht  bei  Belle-Alliance.
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zwei  Heereshaufen  zu  schicken.  Dieser  ließ  ihm  sagen:  „Nicht  nur  mit  zwei  Abteilungen,
  sondern  mit  meiner  ganzen  Armee  will  ich  kommen.“  Gegen  Mittag  begann  die
Schlacht.  Mit  äußerster  Gewalt  versuchte  Napoleon,  die  Reihen  der  Engländer  zu
durchbrechen,  aber  diese  leisteten  trotz  der  Ubermacht  tapfern  Widerstand.  Schon  war
es  4  Uhr;  das  Heer  war  erschöpft.  Ungeduldig  nach  der  Uhr  sehend,  rief  Wellington
aus:  „Ich  wollte,  es  wäre  Nacht,  oder  die  Preußen  kämen!“

Blücher  hatte  den  Tag  vorher  infolge  eines  Sturzes  vom  Pferde  im  Bette  bleiben
müssen.  Als  er  dann  Wellington  zu  Hilfe  eilen  und  auf  das  Pferd  steigen  wollte,
fühlte  er  heftige  Schmerzen.  Sein  Arzt  wollte  ihn  einreiben;  er  aber  sagte:  „Ach  was,
noch  erst  schmieren!  Ob  ich  heute  balsamiert  oder  unbalsamiert  in  die  andre  Welt
gehe,  das  wird  wohl  auf  eins  herauskommen“.  Dann  ging's  vorwärts.  Der  Regen
floß  in  Strömen  herab.  „Das  sind  unsere  Verbündeten  von  der  Katzbach"“,  rief
Blücher,  „da  sparen  wir  dem  König  wieder  viel  Pulver!“  Die  Wagen  und  Kanonen
konnten  in  dem  weichen  Boden  aber  nur  langsam  fortkommen.  Von  Wellington  kamen
Boten  über  Boten,  und  überall  feuerte  Blücher  die  Truppen  an.  „Es  geht  nicht
mehr!“  riefen  ihm  die  ermatteten  Soldaten  zu.  Blücher  aber  entgegnete:  „Ihr  sagt
wohl,  es  geht  nicht  mehr,  aber  es  muß  gehen.  Ich  habe  es  ja  meinem  Bruder  Wellington
  versprochen;  ihr  wollt  doch  nicht,  daß  ich  wortbrüchig  werden  soll?“  Endlich
(um  5  Uhr)  traf  er  auf  dem  Schlachtfelde  ein.  Das  hatte  Napoleon  nicht  erwartet.
Jetzt,  von  zwei  Seiten  angegriffen,  führte  er  seine  beste  Truppe,  die  alte  Garde,  ins
Gefecht.  Aber  sie  konnte  nichts  mehr  ausrichten.  Die  französische  Armee  wurde  fast
vernichtet;  der  Rest  stürzte,  von  Gneisenau  verfolgt,  in  wilder  Flucht  davon.

14.  Friede.  Etwa  drei  Wochen  später  zog  Blücher  mit  seiner  Armee  in  Paris
ein.  Napoleon  mußte  nun  dem  Throne  entsagen.  Anfangs  hatte  er  die  Absicht,  nach
Amerika  zu  entfliehen,  suchte  jedoch  dann  bei  den  Engländern  Schutz.  Diese  aber
brachten  ihn  nach  der  öden  Felseninsel  St.  Helena,  wohin  ihn  die  Verbündeten  verbannt
  hatten.  Dort  starb  er  1821  am  Magenkrebs.

15.  Die  Friedeuszeit  von  1815—1840.  Friedrich  Wilhelm  III.  regierte  noch  fünfundzwanzig
  Jahre  mit  Gerechtigkeit  und  Milde.  Wo  er  nur  konnte,  suchte  er  die  Kriegswunden
  in  seinem  Lande  zu  heilen,  und  bald  blühten  Ackerbau  und  Gewerbe  wieder  kräftig
empor.  Um  das  Land  besser  verwalten  zu  können,  teilte  er  es  in  Provinzen,  Regierungsbezirke
  und  Kreise.  Von  großer  Wichtigkeit  war  die  Gründung  des  deutschen  Zollvereins
(1834).  Bis  dahin  war  nämlich  die  Einfuhr  von  Waren  von  einem  Bundesstaat  in  den
andern  nur  gegen  Zoll  gestattet.  Das  war  ungemein  lästig  und  hemmte  den  Handel  sehr.
Durch  den  Zollverein  hörte  der  Zoll  auf,  und  nun  blühte  der  Handel  bald  kräftig  empor.
Sehr  viel  Gewicht  legte  Friedrich  Wilhelm  III.  auf  die  Bildung  des  Volkes.  Deshalb
gründete  er  viele  neue  Schulen  und  führte  die  allgemeine  Schulpflicht  ein.  —  Wie  er
selber  ein  frommes  Herz  hatte,  so  suchte  er  auch  in  seinem  Volke  kirchlichen  Sinn  und
wahre  Gottesfurcht  zu  verbreiten.  „Ich  möchte,“  sagte  er  einmal,  „um  vieles  nicht
über  ein  Volkherrschen,  das  keine  Religion  hätte“.  1817  vereinigten  sich  auf  seinen
Wunsch  fast  alle  Lutherischen  und  Reformierten  seines  Landes  zur  evangelischen  Union.  Wegen
seiner  Einfachheit  und  Frömmigkeit  wurde  er  von  seinem  Volke  sehr  geliebt.  Er  starb  1840.

XI.  Die  Einigung  Deutschlands.

58.  Friedrich  Millbelm  IV.  1840—1861.

1.  Das  tolle  Jahr  1848.  Friedrich  Wilhelm  war  ein  Fürst  von  edler  Gesinnung.
  Aber  er  ging  einer  schlimmen  Zeit  entgegen.  Im  Februar  1848  war  in
Frankreich  wiederum  eine  Revolution  ausgebrochen.  Man  hatte  den  König  verjagt
und  eine  Republik  errichtet.  Die  Nachricht  davon  zündete  auch  in  Deutschland.  Die
Unzufriedenheit  war  hier  ebenfalls  groß.  Das  Jahr  1847  hatte  Mißernten,  Kar-
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toffelkrankheit  und  Unglück  gebracht.  In  Schlesien  brach  der  Hungertyphus  aus,
und  in  Berlin  entstanden  „Brottumulte“  und  „Kartoffelaufstände“.  An  allem  Unglück
sollte  der  König  schuld  sein.  Die  Aufregung  wuchs  von  Tag  zu  Tag.  Aus  den  Vorstädten
  Berlins  strömte  allerlei  Gesindel  zusammen,  und  in  Kellern  und  Wirtshäusern
wurde  von  elenden  Wühlern  zum  Kampfe  gereizt.  Da  erließ  der  König  am  18.  März
eine  Bekanntmachung,  worin  er  dem  Volke  eine  freiheitliche  Verfassung  versprach.  Als
er  am  Nachmittag  vom  Balkon  des  Schlosses  herab  selbst  seinen  Entschluß  verkündete,
da  schwenkte  das  Volk  auf  dem  Schloßplatze  die  Hüte  und  rief  ihm  brausende  Hurras
entgegen.  Während  dann  aber  das  Militär  die  zu  weit  Vordringenden  zurückhalten  wollte,
fielen  plötzlich  zwei  Schüsse.  Niemand  wußte,  woher  sie  gekommen  waren.  Es  war  auch
keiner  getroffen  worden.  „Wir  sind  verraten!“  schrie  das  Volk  und  griff  zu  den  Waffen.
In  wenigen  Stunden  waren  alle  Straßen  durch  Barrikaden  gesperrt  und  Häuser
und  Fenster  mit  Bewaffneten  besetzt.  Nun  folgte  ein  blutiger  Straßenkampf,  der  die
ganze  Nacht  andauerte.  Von  diesem  Blutbade  aufs  tiefste  bewegt,  gab  der  König
Befehl  zum  Abzug  des  Militärs  und  willigte  in  die  Errichtung  einer  Bürgerwehr.
Während  dieser  bewegten  Zeit  stockte  Handel  und  Wandel.  Die  wohlhabenden
Familien  verließen  Berlin;  die  Armen  aber  litten  Not;  denn  es  fehlte  an  Verdienst.
Erst  allmählich  wurde  die  Ruhe  in  Berlin  wieder  hergestellt.  —  1850  kam  endlich
die  langersehnte  Verfassung  zustande.

Nach  dieser  ist  der  König  der  Herrscher  des  Landes,  ihm  zur  Seite  stehen  die  beiden
Kammern:  das  Herrenhaus  und  das  Haus  der  Abgeordneten.  Jenes  setzt  sich  aus  den
königlichen  Prinzen,  den  Vertretern  der  Großgrundbesitzer,  der  großen  Städte  und  der
Hochschulen  zusammen;  dieses  besteht  aus  den  Vertretern  des  Volkes,  die  alle  fünf  Jahre
neu  gewählt  werden.  Beide  Kammern  bilden  den  Landtag,  der  die  Gesetze  zu  beraten  und
die  Ausgaben  und  Einnahmen  des  Staates  zu  regeln  hat.

2.  Ablehnung  der  Kaiserwürde.  Neben  dem  Wunsche  nach  einer  freieren  Verfassung
hatte  das  Volk  ein  immer  dringenderes  Verlangen  nach  der  Einigung  Deutschlands.  Um
diese  Angelegenheit  des  Reiches  zu  regeln,  wurden  im  Jahre  1848  Abgeordnete  nach
Frankfurt  a.  M.  geschickt.  Es  war  nun  die  Frage,  ob  Ostreich  oder  Preußen  die  Führerschaft
  und  damit  die  Kaisergewalt  erhalten  sollte.  Die  Mehrzahl  der  Abgeordneten  entschied
  sich  jedoch  für  Preußen,  da  dieses  ein  rein  deutsches  Land  sei  und  von  jeher  das  Wohl
Deutschlands  als  sein  Wohl  angesehen  habe.  Als  aber  die  Abgesandten  in  Berlin  erschienen
und  dem  König  die  Kaiserkrone  anboten,  lehnte  er  sie  ab.  Er  wollte  sich  dieser  Krone
wegen  nicht  mit  Ostreich,  vier  Königen  und  Rußland  in  einen  Krieg  stürzen.  Die  Einigung
Deutschlands  war  damit  vorläufig  gescheitert.

3.  Als  Landesvater.  Friedrich  Wilhelm  IV.  war  ein  frommer  Fürst.  Sein  Wahlspruch
  war:  „Ich  und  mein  Haus,  wir  wollen  dem  Herrn  dienen.“  —  Auch  besaß
er  großen  Kunstsinn.  Er  nahm  den  Bau  des  Kölner  Doms  wieder  auf,  der  300  Jahre
geruht  hatte,  und  stellte  die  herrliche  Rarienburg  und  das  Stammschloß  der  Hohenzollern
wieder  her.  In  Berlin  errichtete  er  das  Denkmal  Friedrichs  d.  Gr.  und  erbaute  das  neue
Museum  und  die  Schloßkapelle  mit  der  70  m  hohen  Schloßkuppel.  Diese  trägt  seinen
Wahlspruch  als  Inschrift.  Handel  und  Gewerbe  nahmen  unter  ihm  einen  ungeahnten
Aufschwung.  Dazu  trug  besonders  die  Vermehrung  der  Eisenbahnen  und  Telegraphen
in  Deutschland  bei.  (Erste  Eisenbahn  in  Preußen  zwischen  Berlin  und  Potsdam  18381)
Die  Fabrikthätigkeit  war  besonders  groß  in  Webereien  und  Eisenwaren.  So  war  Elberfeld-Barmen
  ein  zweites  Manchester,  Solingen  ein  zweites  Lüttich  geworden.  In
Berlin  hatte  sich  Borsigs  Maschinenfabrik,  in  Essen  Krupps  Geschützfabrik  Weltruf  erworben.
  —  Zur  Bildung  einer  Kriegsflotte  kaufte  der  König  den  Jadebusen  von
Oldenburg,  wo  er  den  Kriegshafen  „Wilhelmshaven“  anlegte.  Seine  Gemahlin  Elisabeth
  war  ihm  besonders  bei  Errichtung  von  Kranken=  und  Rettungshäusern  behilflich.
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        —  73  —

4.  Regentschaft.  1857  erkrankte  der  König,  und  da  er  kinderlos  war,  übernahm
  sein  Bruder  Wilhelm  für  ihn  unter  dem  Titel  „Prinz-Regent“  die  Regierung
bis  zum  Tode  des  Königs,  der  am  2.  Januar  1861  erfolgte.

39.  Wilhelm  I.  1861—1888.
a.  Wilhelm  als  Prinz.

1.  Jugend.  Wilhelm  wurde  am  22.  März  1797  geboren.  In  seinen  Knaben—
jahren  war  der  Prinz  sehr  schwächlich;  die  Mutter  hatte  oft  große  Sorge  um  ihn.  Die
Flucht  von  Königsberg  nach  Memel  1807  mitten  im  kalten  Winter  (S.  65)  hatte  seine
Gesundheit  so  sehr  angegriffen,  daß  er  lange  Zeit  nachher  das  Bett  hüten  mußte.
Im  Alter  von  13  Jahren  raubte  ihm  der  Tod  die  geliebte  Mutter;  das  erschütterte
ihn  tief.  Noch  als  Greis  ehrte  er  ihr  Andenken  bei  jeder  Gelegenheit.  Als  sein  Vater
1813  mit  dem  Kronprinzen  gegen  die  Franzosen  ins  Feld  rückte,  da  wäre  er  gar  zu
gern  mitgegangen,  aber  der  König  sagte:  „Du  bist  ja  so  schwächlich!  Du  kannst  nicht
mit!“  Der  Prinz  fügte  sich  und  blieb  zu  Hause.  Nach  der  Schlacht  bei  Leipzig  be—
suchte  er  seinen  Vater  im  Felde;  alle  seine  Kameraden  waren  inzwischen  aufgerückt.
Das  schmerzte  ihn.  Der  König  bemerkte  es  und  sagte:  „Auch  du  sollst  avancieren“.
„Aber  wie  kann  ich  mit  Ehren  avancieren“,  entgegnete  der  Prinz,  „da  ich  hinter  dem
Ofen  gesessen,  während  mein  Regiment  kämpfte!“  Kurze  Zeit  darauf  erhielt  er  die
Erlaubnis,  mit  in  den  Krieg  zu  ziehen.  Er  schloß  sich  jetzt  an  Blücher  an  und  rückte
mit  ihm  in  der  Neujahrsnacht  von  1813—14  über  den  Rhein.  Uberall  bewies  er
seinen  Mut  und  seine  Unerschrockenheit.  Einmal  schickte  ihn  der  König  während  einer
Schlacht  hin,  daß  er  ihm  den  Namen  eines  tapfern  Regiments  erkunde.  Unerschrocken
sprengte  er  fort  und  vollführte  den  Befehl  trotz  des  Kugelregens.  Später  zog  er  auch
mit  in  Paris  ein.

2.  Als  Soldat.  Familienleben.  Nach  dem  Freiheitskriege  widmete  sich  der
Prinz  ausschließlich  seinen  Soldatenpflichten,  und  als  „erster  Soldat“  des  Königs
leuchtete  er  als  ein  edles  Beispiel  treuer  Pflichterfüllung  bald  allen  voran.  Im
Jahre  1829  vermählte  er  sich  mit  der  Prinzessin  Augusta  von  Sachsen-Weimar.  In
stiller  Einfachheit  verlebte  das  prinzliche  Paar  seine  ersten  Jahre  meistens  in  Potsdam
  auf  Babelsberg.  Während  der  Prinz  seinen  Dienst  versah,  widmete  sich  die
Mutter  ganz  der  Erziehung  ihrer  beiden  Kinder,  des  nachmaligen  Kaisers  Friedrich  III.
und  der  Prinzessin  Luise  (jetzt  Großherzogin  von  Baden).  Als  1848  in  Berlin  der
Aufruhr  wogte,  da  richtete  sich  der  Haß  besonders  gegen  das  Militär  und  den,  der
die  eigentliche  Seele  der  Armee  war,  den  Prinzen  Wilhelm.  Der  König  riet  ihm
daher,  auf  einige  Zeit  nach  England  zu  gehen.  Der  Prinz  folgte  diesem  Rate.  Bald
nach  seiner  Rückkehr  übertrug  ihm  der  König  den  Oberbefehl  über  die  Armee,  die  mit
den  Reichstruppen  die  Ruhe  in  dem  aufrührerischen  Baden  wieder  herstellen  sollte.
In  sechs  Wochen  hatte  der  Prinz  diese  Aufgabe  gelöst.

b.  Wilhelm  I.  als  König.

1.  Krönung.  Nach  dem  Tode  Friedrich  Wilhelms  IV.  ließ  sich  Wilhelm  in  Königsberg
  zum  König  krönen.  Unter  ihm  erfüllte  sich  endlich,  was  des  Volkes  „Wunsch
und  Sehnen“  war.  Im  Verein  mit  willensstarken  Männern  wie  Bismarck,  Roon
und  Moltke  wurde  endlich  das  deutsche  Reich  unter  einem  Kaiser  wieder  geeint  (1871).

2.  Sorge  für  das  Heer.  Der  König  sah  ein,  daß  Preußen  nur  mit  Hilfe  einer
starken  Armee  eine  Achtung  gebietende  Stellung  einnehmen  könne.  Die  vorhandene
genügte  ihm  aber  nicht.  Er  war  der  Ansicht,  daß  sie  nicht  nur  vergrößert  werden
müsse,  sondern  auch  einer  Verbesserung  dringend  bedürftig  sei.  Vor  allem  war  es  ihm
um  allgemeine  Durchführung  der  Wehrpflicht  zu  thun.  Bis  dahin  konnte  aber  nicht
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        —  74  —

mehr  als  ½  aller  waffenfähigen  Männer  einberufen  werden.  Die  übrigen  losten  sich  frei.
Bei  der  Neubildung  des  Heeres  fand  er  an  seinem  Kriegsminister  von  Roon  und  dem
Leiter  des  Generalstabs  von  Moltke  vorzügliche  Berater.  Da  aber  diese  geplante  Neubildung
  der  Armee  bedeutende  Kosten  verursachte,  so  wollte  der  Landtag  die  erforderlichen
  Geldmittel  dazu  nicht  bewilligen.  Jetzt  berief  der  König  den  bisherigen  Gesandten
  in  Paris,  von  Bismarck-Schönhausen,  zum  Ministerpräsidenten.  Dieser  erklärte,
daß  die  deutsche  Frage  nicht  durch  Reden,  sondern  nur  durch  Blut  und  Eisen  gelöst
werden  könne.  Deshalb  aber  müßte  jeder  Vaterlandsfreund  auch  das  Mittel  zum
Zweck,  die  Armee-Neubildung,  gutheißen.  Da  er  aber  kein  Verständnis  bei  den  Abgeordneten
  fand,  so  wurde  die  Umgestaltung  des  Heeres  schließlich  ohne  Zustimmung
des  Landtages  durchgeführt.  Er  hoffte,  daß  die  Zukunft  ihm  recht  geben  werde.
c.  Der  deutsch-dänische  Krieg.  1864.

1.  Entstehung.  Die  Herzogtümer  Schleswig  und  Holstein  hatten  früher  ein
eigenes  Herrscherhaus.  Als  dieses  aber  im  15.  Jahrhundert  ausstarb,  wählten  sich
die  Schleswig-Holsteiner  den  König  von  Dänemark  zu  ihrem  Herzoge.  Dieser  mußte
ihnen  jedoch  in  einem  Vertrage  die  Zusicherung  geben,  daß  die  Herzogtümer  „up
ewig  ungedeelt“  bleiben  und  niemals  Dänemark  einverleibt  werden  sollten.  1815
wurde  Holstein  in  den  deutschen  Bund  aufgenommen.  Als  aber  1863  ein  neuer
König  den  dänischen  Thron  bestieg,  erklärte  er  Schleswig  für  eine  dänische  Provinz.
Damit  war  jedoch  der  deutsche  Bund  nicht  einverstanden,  und  die  beiden  Großmächte
desselben,  Ostreich  und  Preußen,  schickten  unter  dem  Generalfeldmarschall  Wrangel
ein  Heer  in  die  Herzogtümer,  die  Freiheit  der  Schleswiger  zu  erkämpfen.

2.  Sturm  auf  die  Düppeler  Schanzen.  Die  Dänen  stellten  sich  bei  den
„Danewerken“  zur  Wehr,  zogen  sich  aber,  als  Prinz  Friedrich  Karl  über  die  Schlei
gesetzt  war,  nach  den  „Düppeler  Schanzen"“  zurück.  Auf  einer  kleinen  Halbinsel,  dem
Sundewitt,  waren  bei  Düppel  zehn  gewaltige  Schanzen  errichtet,  deren  Eroberung
noch  durch  Pallisaden,  Drahtzäune  und  tiefe  Gräben  erschwert  war.  Am  18.  April
sollte  der  Sturm  auf  diese  Schanzen  stattfinden.  In  der  Nacht  vorher  begaben  sich
die  dazu  bestimmten  Regimenter  in  die  Laufgräben.  Mit  Anbruch  des  Tages  begannen
  die  Kanonen  noch  einmal  ihre  Arbeit.  Plötzlich  um  10  Uhr  entsteht  eine
Pause;  dann  fällt  noch  ein  Schuß.  Das  ist  das  Zeichen  zum  Angriff.  Mit  Hurra
und  unter  dem  Klange  der  Musik  brechen  die  Krieger  aus  den  Laufgräben  hervor  und
stürzen  auf  die  Schanzen  los.  Da  starren  ihnen  mannshohe  Pallisaden  entgegen;  es
entsteht  ein  Aufenthalt.  Doch  Pionier  Klinke  weiß  Rat.  Mit  den  Worten:  „Wartet,
Brüder,  ich  öffne  euch  die  Thür!“  wirft  er  seinen  Pulversack  gegen  die  Planken,  legt
ein  Stück  brennenden  Schwamm  darauf,  und  mit  furchtbarem  Gekrach  fliegen  die  Pallisaden
  in  die  Luft  —  der  tapfere  Klinke  mit.  Bald  sind  die  Stürmer  oben;  mit  Kolben
und  Bajonett  wird  der  Widerstand  der  Dänen  gebrochen,  und  um  Mittag  sind  sämtliche
  zehn  Schanzen  im  Besitz  der  Deutschen.  (Gedicht:  „Der  Tag  von  Düppel.“)

3.  Ubergang  nach  Alsen.  Mit  dem  Rest  des  Heeres  zogen  sich  die  Dänen  auf
die  Insel  Alsen  zurück.  In  der  Nacht  vom  28.  auf  den  29.  Juni  setzten  die  Preußen
unter  Herwarth  von  Bittenfeld  auf  160  Kähnen  nach  Alsen  hinüber.  Mit  Hurra
stürmen  die  Krieger  das  steile  Ufer  hinan.  In  wenigen  Stunden  ist  die  Insel  erobert.
3000  Dänen  sind  gefangen,  die  andern  eilen  auf  ihren  Schiffen  davon.

4.  Friede.  In  dem  Frieden  zu  Wien  trat  Dänemark  die  beiden  Herzogtümer
Schleswig  und  Holstein  an  Ostreich  und  Preußen  ab.

d.  Der  deutsche  Krieg.  1866.

1.  Ursache.  Die  Herzogtümer  Schleswig  und  Holstein  wurden  anfänglich  von

Ostreich  und  Preußen  gemeinsam  verwaltet.  Es  kam  jedoch  bald  zu  Streitigkeiten.
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Ostreich  wollte  in  Deutschland  herrschen;  das  konnte  es  nur  mit  Hilfe  der  Kleinstaaten.
Daher  begünstigte  es  die  Erbansprüche  des  Herzogs  Friedrich  von  Augustenburg  auf
Schleswig-Holstein.  Preußen  aber  wollte  diesen  als  Herzog  in  Schleswig-Holstein  nur
dann  anerkennen,  wenn  er  ihm  Heer  und  Flotte  dort  abträte.  Das  wollte  er  nicht.
1865  schlossen  Ostreich  und  Preußen  den  Vertrag  zu  Gastein:  Ostreich  sollte  Holstein,
Preußen  Schleswig  verwalten.  Im  übrigen  behielten  beide  gleiche  Rechte  auf  die
Herzogtümer.  Östreich  fuhr  jedoch  fort,  die  Erbansprüche  des  Augustenburgers  zu
unterstützen.  Da  besetzte  Preußen  Holstein  und  forderte  den  Oberbefehl  über  das  norddeutsche
  Heer.  Nun  beschloß  der  Bundestag  in  Frankfurt  mit  9  gegen  5  Stimmen  den
Krieg  gegen  Preußen.  Sofort  traten  Preußen  und  die  sich  ihm  anschließenden
Staaten  (Mecklenburg,  Oldenburg,  Braunschweig,  Koburg-Gotha,  Weimar,  Bremen  2c.)
vom  deutschen  Bunde  zurück,  der  damit  sein  Ende  erreichte.  Noch  einmal  bot  Preußen
seinen  Nachbarn,  Sachsen,  Hannover,  Kurhessen  und  Nassau,  den  Frieden  an,  jedoch
vergeblich.  Drei  Tage  später  waren  ihre  Länder  von  Preußen  besetzt.

2.  In  Böhmen.  Das  östreichische  Heer  stand  in  Böhmen  unter  Benedek.  Mit
drei  großen  Armeen  rückten  ihm  die  Preußen  entgegen;  die  1.  befehligte  Prinz
Friedrich  Karl,  die  2.  der  Kronprinz,  die  3.  oder  Elbarmee  General  Herwarth  von
Bittenfeld.  Kühn  wurde  die  Grenze  überschritten  und  der  Feind  bei  Hühnerwasser,
Münchengrätz,  Gitschin,  Nachod,  Skalitz  und  Schweinschädel  zurückgeworfen.

3.  Königgrätz.  3.  Juli  1866.  Auf  einer  Anhöhe  zwischen  Königgrätz  und
Sadowa  stand  Benedek  mit  der  Hauptarmee.  Der  König  hatte  sein  Hauptquartier
in  Gitschin;  am  2.  Juli,  abends  11  Uhr,  erhielt  er  vom  Prinzen  Friedrich  Karl
die  Nachricht,  daß  er  den  Feind  ganz  nahe  vor  sich  habe.  Sofort  ward  Kriegsrat
  gehalten  und  beschlossen,  den  Feind  anzugreifen.  Zunächst  begann  Friedrich
Karl  allein  den  Angriff;  doch  der  Vormarsch  ging  sehr  langsam.  Der  Boden
war  vom  Regen  aufgeweicht,  und  die  Räder  der  Geschütze  schnitten  tief  in  den
lehmigen  Boden  ein.  Um  9  Uhr  griff  auch  Herwarth  von  Bittenfeld  mit  ein.  Die
Geschosse  des  an  Zahl  ihm  weit  überlegenen  Feindes  richteten  viel  Unheil  an,  aber
die  Tapferen  wichen  nicht  zurück.  Sechs  Stunden  lang  hielt  Fransecky  mit  seinem  Corps
gegen  eine  dreifache  Ubermacht  im  Walde  vor  Sadowa  stand.  Als  er  dann  doch  bis
auf  ein  Dorf  zurückweichen  mußte,  rief  er  aus:  „Nicht  weiter  zurück,  hier  sterben  wir!“

Schon  um  8  Uhr  erschien  der  König  auf  dem  Schlachtfelde.  Sofort  übernahm  er
den  Oberbefehl.  Ruhig  und  majestätisch  sitzt  er  auf  seinem  schwarzen  Streitrosse,  ihm  zur
Seite  befinden  sich  Bismarck,  Moltke,  Roon.  Unverwandt  ist  sein  Blick  auf  die  Schlachtreihen
  gerichtet.  Dicht  neben  ihm  schlagen  Granaten  in  die  Erde,  aber  er  merkt  nicht  die
Gefahr,  in  der  er  schwebt.  Da  reitet  Bismarck  an  ihn  heran  und  bittet  ihn  dringend,
sich  nicht  so  großer  Gefahr  auszusetzen.  Freundlich  entgegnete  er:  „Wie  kann  ich  davonreiten,
  wenn  meine  brave  Armee  im  Feuer  steht!“

Um  2  Uhr  stiegen  in  östlicher  Richtung  kleine  Rauchwolken  auf.  Der  Kronprinz
  war  eingetroffen  und  hatte  sofort  den  Feind  angegriffen.  Jetzt  konnten  sich  die
Ostreicher  nicht  lange  mehr  halten;  immer  mehr  wurden  sie  zurückgedrängt,  und  bald
begannen  sie  zu  fliehen.  Um  4  Uhr  stellte  sich  der  König  selbst  an  die  Spitze  der
Reiterei  und  leitete  die  Verfolgung.  An  die  Königin  sandte  er  folgende  Depesche:
„Einen  vollständigen  Sieg  über  die  östreichische  Armee  haben  wir  heute  in  einer
achtstündigen  Schlacht  erfochten.  Ich  preise  Gott  für  seine  Gnuade.  Der  Gouverneur
soll  Viktoria  schießen.“  Nun  ging  es  gerade  auf  Wien  los.

4.  Friede.  Da  bat  der  Kaiser  von  Östreich  um  Waffenstillstand,  der  ihm  auch
gewährt  wurde.  Am  23.  August  kam  der  Friede  zu  Prag  zustande.  Es  wurde  festgesetzt,
  daß  Schleswig-Holstein,  Hannover,  Kurhessen,  Nassau  und  Frankfurt  a.  M.  an
Preußen  fallen  sollten.  Ostreich  mußte  aus  dem  deutschen  Bunde  scheiden.  Preußen  er-
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richtete  nun  unter  seiner  Führung  den  „norddeutschen  Bund“  und  schloß  mit  den  süddeutschen
  Staaten  ein  Schutz-  und  Trutzbündnis,  demzufolge  der  König  von  Preußen
für  den  Fall  eines  Krieges  den  Oberbefehl  auch  über  alle  Truppen  der  süddeutschen

Staaten  erhielt.
e.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—71.

Die  Ursache  und  die  ersten  Siege.

1.  Ursache.  Mit  neidischen  Augen  sahen  die  Franzosen  auf  die  wachsende  Macht
Preußens.  Man  suchte  nach  einem  Vorwande  zum  Kriege,  und  er  ward  bald  gefunden.
  Die  Spanier  wählten  sich  nämlich  um  jene  Zeit  den  Prinzen  Leopold  von
Hohenzollern-Sigmaringen,  einen  Verwandten  des  Königs  von  Preußen,  zu  ihrem
König.  Das  durfte  nicht  sein.  Die  Franzosen  —  und  mit  ihnen  ihr  damaliger
Kaiser  Napoleon  III.  —  waren  so  unverschämt,  vom  König  Wilhelm  zu  verlangen,
daß  er  dem  Prinzen  die  Annahme  der  spanischen  Krone  verbiete.  Es  genügte  den
hochmütigen  Franzosen  nicht,  daß  der  König  hierauf  erklärte,  er  habe  zu  solchem  Verbote
  kein  Recht;  auch  das  genügte  nicht,  daß  der  Prinz  aus  eigenem  Antriebe  auf  die
Krone  verzichtete.  In  ihrer  Verblendung  forderten  sie  vom  König  Wilhelm  sogar
das  schriftliche  Versprechen,  daß  er  zu  der  beabsichtigten  Königswahl  niemals  seine
Einwilligung  geben  werde.  Entrüstet  wies  der  König  den  Gesandten  Benedetti  zurück,
  der  ihm  diese  Erklärung  auf  der  Promenade  in  Ems  abforderte.  Zwei  Tage  später
war  die  Kriegserklärung  der  Franzosen  in  Berlin.

2.  Rüstung.  Der  König  verließ  sofort  Ems  und  begab  sich  nach  Berlin,  wo
er  mit  Jubel  begrüßt  wurde.  Noch  in  der  Nacht  erteilte  er  den  Befehl  zur  Mobilmachung
  der  ganzen  Armee.  In  wenigen  Tagen  stand  sie  gerüstet  da,  und  mit  dem
Gesange:  „Lieb  Vaterland,  magst  ruhig  sein,  fest  steht  und  treu  die  Wacht  am
Rhein!"“  zog  sie  nach  Westen.  —  Auch  die  Süddeutschen  (Bayern,  Württemberger
und  Badenser)  griffen  begeistert  zu  den  Waffen.  So  einig  hatte  man  das  deutsche
Volk  noch  nie  gesehen.  Es  wurden  nun  drei  große  Armeen  gebildet;  die  1.  stand  unter
Steinmetz  an  der  Mosel,  die  2.  unter  Prinz  Friedrich  Karl  in  der  Rheinpfalz,  die  dritte
unter  dem  Kronprinzen  von  Preußen  zwischen  Landau  und  Karlsruhe.

3.  Weißenburg.  4.  August.  Der  Kronprinz  überschritt  zuerst  die  französische
Grenze  und  rückte  auf  Weißenburg  los.  Auf  dem  nahen  Geisberge  hatten  sich  die
Franzosen  verschanzt.  Unter  dem  mörderischen  Feuer  der  feindlichen  Batterien  und
Chassepots  erklommen  die  Deutschen,  ohne  einen  Schuß  zu  thun,  den  Berg,  vertrieben
die  Franzosen  und  eroberten  bald  darauf  die  Stadt  selbst.

4.  Wörth.  Spichern.  Zwei  Tage  später,  am  6.  August,  wurden  die  Franzosen
  abermals  geschlagen  und  zwar  an  zwei  Stellen,  vom  Kronprinzen  bei  Wörth,
von  Steinmetz  bei  Spichern.  Wenige  Tage  nach  diesen  Siegen  sah  man  in  Berlin
u.  a.  großen  Städten  Deutschlands  viele  französische  Soldaten  —  darunter  viele
schwarzbraune  Turkos  und  Zuaven  —  als  Gefangene.  So  freilich  hatten  sich  die
Franzosen  die  Sache  nicht  vorgestellt,  als  sie  vor  wenigen  Wochen  siegesmutig  in
Paris  gerufen  hatten:  „Nach  Berlin!  Nach  Berlin!“

Die  Kämpfe  um  Metz.

1.  Vionville  und  Mars  la  Tour.  16.  August.  Bei  Metz  zog  Bazaine  eine
große  Armee  zusammen.  Bald  merkten  jedoch  die  Deutschen,  daß  es  seine  Absicht
war,  nach  Westen  abzuziehen  und  sich  mit  Mac  Mahon  zu  vereinigen.  Dieser  Plan
sollte  vereitelt  werden,  weshalb  man  ihm  in  Eilmärschen  zuvorzukommen  suchte.  Am
16.  August  entspann  sich  ein  heftiger  Kampf  westlich  von  Metz  bei  Vionoille  und
Mars  la  tour.  Der  Feind  hatte  die  Ubermacht;  dazu  hatte  er  sich  in  den  Wäldern
eine  feste  Stellung  geschaffen.  Ganze  Reihen  der  Deutschen  wurden  niederge-
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        —  77  —

schmettert,  aber  andere  rückten  an  ihre  Stelle,  und  allmählich  gelang  es,  den  Wald
zu  erreichen.  Jetzt  kam  das  Bajonett  an  die  Reihe,  und  bald  mußten  die  Franzosen
weichen.  (Gedicht:  Die  Trompete  von  Vionville.)

2.  St.  Privat
und  Gravelotte.
18.  August.  Zwei
Tage  später  ver-  .

suchte  Bazaine,  8

 

      
 
 

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nach  Norden  zu

entkommen.  Auf  —
den  Höhen  zwi-  Macrs  la  ——–  lschen
  Gravelotte  ·  d

 

und  St.  Privat  wksn
hatte  er  Stellung  *
genommen.  Der  #3
heißeste  Kampf  *

 

 

 

 

entspann  sich  um
das  Dorf  St.  Privat.  Hier  hatte  der  Feind  hinter  Gräben,  Häusern  und  Mauern  eine  sehr
gedeckte  Stellung,  und  die  anstürmende  Garde  wurde  mit  einem  mörderischen  Kugelregen
überschüttet.  Die  Soldaten  legten  sich  platt  auf  die  Erde,  liefen  einige  hundert  Schritt
und  warfen  sich  dann  wieder  nieder.  So  erreichten  sie  endlich  einen  Chausseegraben,
in  dem  sie  längere  Zeit  Schutz  fanden.  Inzwischen  richtete  die  Artillerie  ihre  Geschosse
auf  St.  Privat,  schoß  ein  Haus  nach  dem  andern  in  Brand  und  legte  eine  Mauer
nach  der  andern  nieder.  Gegen  7  Uhr  nahm  die  Garde  das  Dorf  mit  Sturm.  Bazaine
zog  sich  nach  Metz  zurück.  Als  dann  noch  spät  am  Abend  Fransecky  mit  seinen
Pommern  die  Franzosen  auch  bei  Gravelotte  vollständig  zurückwarf,  da  konnte  Moltke
dem  König  melden:  „Majestät,  der  Sieg  ist  unser;  der  Feind  zieht  sich  zurück.“"  (Gedicht:
  „Die  Rosse  von  Gravelotte.")

Der  König  war  fast  den  ganzen  Tag  zu  Pferde.  Gegen  Abend  machte  man  an  einer
Gartenmauer  einen  Sitz  für  ihn  zurecht,  indem  man  eine  Leiter  von  einem  französichen
Bauernwagen  mit  dem  einen  Ende  auf  eine  Dezimalwage,  mit  dem  andern  auf  einen  verendeten
  Grauschimmel  legte.  Erst  als  die  Schlacht  gewonnen  war,  dachte  der  König  an
essen  und  trinken.  Ein  Marketender  schaffte  etwas  Brot  und  Bier  herbei,  der  König
trank  aus  einem  abgebrochenen  Tulpenglase,  und  Bismarck  aß  mit  Vergnügen  ein  Stück
trocknes  Kommißbrot.  Nun  hatte  man  Mühe,  ein  Nachtquartier  für  den  König  aufzufinden.
Die  Häuser  weit  umher  waren  alle  mit  Verwundeten  angefüllt;  ihnen  wollte  er  den  Platz
nicht  nehmen.  Endlich  fand  man  noch  ein  leeres  Stübchen,  worin  er  die  Nacht  auf  einer
Matratze  verbrachte.

3.  Belagerung  von  Metz.  Infolge  dieser  mörderischen  Schlachten  um  Metz
mußte  sich  Bazaine  mit  seiner  Armee  in  die  Festung  Metz  zurückziehen.  Hier  umzingelte
  ihn  Prinz  Friedrich  Karl  und  schloß  ihn  von  allen  Seiten  fest  ein.  Nach
einer  zehnwöchigen  Belagerung  war  Bazaine  endlich  gezwungen,  sich  mit  seiner  ganzen
Armee  (173.000  Mann)  zu  ergeben.  (27.  Oktober.)

Die  Schlacht  bei  Sedan.  1.  Sept.  1870.

1.  Nach  Sedan.  Nachdem  Mac  Mahon  bei  Beaumont  am  30.  August  eine
Niederlage  erlitten  hatte,  zog  er  sich  nach  der  Festung  Sedan  zurück.  Mit  zwei  gewaltigen
  Heeren  folgten  ihm  die  Kronprinzen  von  Preußen  und  von  Sachsen.  Ihre
Absicht  war,  das  französische  Heer  in  Sedan  einzuschließen  oder  es  über  die  belgische
Grenze  zu  drängen.
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        2.  Der  Kampf.  Schon  um  5  Uhr  morgens  begann  der  Kampf.  Ein  Dorf
nach  dem  andern  wurde  den  Franzosen  entrissen,  und  immer  enger  zogen  die  Deutschen
den  Feuerring  um  die  Festung.

Während  des  heftigsten  Kampfes  hörte  ein  bayrischer  Soldat  aus  dem  obern  Stock
eines  brennenden  Hauses  ein  herzzerreißendes  Geschrei.  Er  stürzte  die  schon  ganz  in  Qualm
gehüllte  Treppe  hinauf  und  fand  eine  alte,  lahme  Frau,  die  fast  vom  Rauch  erstickt  war.
Ohne  sich  lange  zu  besinnen,  nahm  er  die  Jammernde  auf  den  Arm,  trug  sie  durch  Rauch
und  Flammen  die  Treppe  hinunter  und  legte  sie  im  Garten  unter  einem  Baume  nieder.
Dann  eilte  er  wieder  an  seinen  Platz.  —

Schon  gegen  Mittag  hatten  die  deutschen  Truppen  ganz  Sedan  umzingelt.  Die
Franzosen  flohen  nun  in  die  Festung  hinein.  Diese  wurde  mit  Kanonen  beschossen,
und  bald  standen  hier  und  da  Häuser  in  Flammen.  Endlich  um  5  Uhr  erschien  auf
der  Festungsmauer  eine  weiße  Fahne.

3.  Unterhandlungen.  Jetzt  wurde  ein  Unterhändler  in  die  Festung  geschickt.  Als
er  zurückkehrte,  begleitete  ihn  ein  Adjutant  Napoleons,  der  dem  König  einen  Brief  Napoleons
  zu  überbringen  hatte.  Darin  schrieb  Napoleon:  „Da  es  mir  nicht  vergönnt  war,
an  der  Spitze  meiner  Truppen  zu  sterben,  so  übergebe  ich  Ew.  Majestät  meinen  Degen."
Nachdem  der  König  den  Brief  gelesen,  besprach  er  sich  mit  dem  Kronprinzen,  Bismarck,
Moltke  und  Roon;  dann  antwortete  er  dem  Kaiser,  daß  er  seinen  Degen  annehme.

4.  Napoleons  Gefangennahme.  Am  nächsten  Morgen  verließ  Napoleon  mit
sechs  Generalen  die  Festung  und  fuhr  nach  dem  Hauptquartier  des  Königs  Wilhelm.
Bald  begegnete  ihm  Bismarck;  beide  begaben  sich  in  ein  nahegelegenes  Haus  und
hatten  hier  eine  lange  Unterredung.  Dann  fuhren  sie  nach  dem  Schlosse  Bellevue;

 

 

 

 

 

 

 

 

   
  
     

      
    

      

 

       
     

    

 

 

 

 

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Napoleons  III.  Gefangennahme.
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        —  79  —

hier  sollte  Napoleon  den  König  erwarten.  Der  König  erschien  nachmittags  um  2  Uhr.
Napoleon  ging  ihm  entgegen,  entblößte  sein  Haupt  und  verbeugte  sich  mit  tiefer  Ehrerbietung
  vor  dem  greisen  Sieger.  Dieser  schritt  in  würdiger  Haltung  auf  ihn  zu
und  reichte  ihm  die  Hand.  Dann  begab  er  sich  mit  seinem  Gefangenen  in  das  Gartenhaus
  und  unterhielt  sich  hier  etwa  1/4  Stunde  mit  ihm.  Am  folgenden  Tage  fuhr
Napoleon  nach  Cassel;  das  Schloß  Wilhelmshöhe  war  ihm  zum  Aufenthalte  angewiesen.
Außer  dem  Keiser  gerieten  der  Feldmarschall  Mac  Mahon,  viele  Generale  und  84  000
Mann  in  Gefangenschaft.  In  Paris  war  Napoleon  sofort  entthront  und  Frankreich
für  eine  Republik  erklärt  worden.  An  der  Spitze  der  neuen  Regierung  standen  Jules
Favre  und  Gambetta.  (Gedicht:  Des  deutschen  Knaben  Tischgebet.)

Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreichs.  18.  Januar  1871.

1.  Belagerung  von  Paris.  Von  Sedan  aus  eilte  der  Kronprinz  mit  seiner
Armee  sofort  nach  Paris.  Die  Stadt  selbst  ist  mit  einer  40  km  langen  Ringmauer
umgeben  und  außerdem  durch  viele  starke  Außenfestungen  geschützt.  Schon  am
19.  September  hatten  300000  Deutsche  in  einem  Umkreise  von  80  km  die  Riesenstadt
  umzingelt.  An  20000  Granaten  wurden  täglich  gegen  die  Stadt  geworfen,  und
an  verschiedenen  Orten  entstand  Feuer.  Schlimmer  aber  noch  war  der  Mangel  an
Lebensmitteln,  der  sich  bald  einstellte.  Schon  seit  Mitte  Dezember  war  Pferdefleisch
ein  Leckerbissen  geworden,  und  man  verschmähte  weder  Hunde  noch  Katzen,  ja,  nicht
einmal  Ratten.  Endlich  am  28.  Januar  ergab  sich  die  Stadt;  die  Besatzung  wurde
entwaffnet,  dazu  mußten  200  Mill.  Frank  Kriegskosten  gezahlt  werden.

2.  Uberall  Sieg.  Während  der  Belagerung  von  Paris  hatte  der  König  sein
Hauptquartier  in  dem  königlichen  Schlosse  zu  Versailles.  Fast  täglich  gingen  Nachrichten
  von  neuen  Siegen  ein.  Schon  am  27.  September  war  Straßburg  gefallen,
und  einen  Monat  später  mußte  sich  auch  Bazaine  mit  173000  Mann  in  Metz  ergeben.
  Gambetta,  der  vergeblich  versucht  hatte,  mit  seinen  Mobilgarden  Paris  zu  befreien,
  war  bei  Orleans  fast  vernichtet  worden.  Auch  die  Franktireurs  (Freischützen),
die  das  Land  durchstreiften  und  in  Wald  und  Feld  den  Deutschen  auflauerten,  konnten
Frankreich  nicht  mehr  retten.  Im  Norden  wie  im  Süden,  überall  drangen  die
Deutschen  siegreich  vor.  Frankreichs  Macht  war  gebrochen.

3.  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Die  gemeinsamen  Siege
aller  deutschen  Völker  hatten  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  lebhaft  geweckt;
überall  brach  das  Verlangen  nach  Einigkeit  mächtig  hervor.  Die  Fürsten  sowie  das
Volk  richteten  daher  an  Kaiser  Wilhelm  die  Bitte,  den  deutschen  Koaisertitel  anzunehmen.
  Der  König  erfüllte  den  Wunsch,  und  am  18.  Januar  1871  wurde  das  vor
mehr  als  60  Jahren  zusammengesunkene  deutsche  Reich  neu  errichtet.  Die  Feier,  in
der  König  Wilhelm  zum  „deutschen  Kaiser“  ausgerufen  ward,  fand  —  während  noch
vor  Paris  die  Kanonen  donnerten  —  im  Schlosse  zu  Versailles  statt.

Der  Kaiser  hat  das  Recht,  im  Namen  des  Reiches  den  Krieg  zu  erklären  und  Frieden
zu  schließen.  Ihm  zur  Seite  steht  der  Bundesrat.  Dieser  setzt  sich  aus  den  Vertretern
der  Bundesfürsten  zusammen.  An  der  Spitze  des  Bundesrats  steht  der  Reichskanzler.  Die
vom  Volke  gewählten  Vertreter  bilden  den  Reichstag,  der  die  Gesetze  sowie  die  Einnahmen
und  Ausgaben  des  Reiches  zu  beraten  und  festzustellen  hat.  Unter  dem  Oberbefehl  des
Kaisers  stehen  auch  die  Truppen  der  Einzelstaaten.  Strafgesetze,  Münzen,  Maße  und  Gewichte,
  sind  im  ganzen  Reiche  geeint  und  —  mit  Ausnahme  von  Bayern  und  Württemberg  —
auch  Post  und  Telegraphie.

4.  Friede.  Am  10.  Mai  erfolgte  der  Friede  zu  Frankfurt  a.  M.  Frankreich

mußte  das  Elsaß  und  den  deutschen  Teil  Lothringens  abtreten  und  4  Milliarden
(4000  Millionen)  4#  Kriegskosten  zahlen.
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        —  80  —

k.  Wilhelm  I.  als  Kaiser.

1.  Friedefürst.  Wilhelm  war  ein  Kriegsheld  ohnegleichen.  In  allen  seinen
Kriegen  blieb  der  Sieg  seiner  Fahne  treu.  Aber  nie  zog  er  das  Schwert,  um  Eroberungen
  zu  machen,  sondern  stets  nur,  um  seine  Rechte  zu  verteidigen.  Nicht  durch
Krieg,  sondern  durch  Frieden  sein  Volk  zu  beglücken,  das  war  sein  Wunsch  und  Wille.
Um  seinem  Volke  den  Frieden  zu  sichern,  schloß  er  mit  Ostreich  und  Italien  den  sogenannten
  „Dreibund“.  Als  sicherste  Bürgschaft  des  Friedens  aber  galt  dem  Kaiser
ein  schlagfertiges  Heer.  Darum  war  er  auch  stets  auf  eine  kriegstüchtige  Armee  bedacht.
  Auch  die  Kriegsflotte  vergrößerte  er.  (Jetzt  100  Schiffel)  Dadurch  wurde
es  ihm  möglich,  überseeische  Kolonien  zu  gründen.  (Deutsch-Westafrika,  Kamerun,
Deutsch-Ostafrika  2c.)  Von  seinen  Unterthanen  wurde  Kaiser  Wilhelm  geliebt,  wie
wohl  selten  ein  Fürst  auf  Erden.  Aber  dennoch  fanden  sich  verruchte  Mörderhände,
die  ihm  nach  dem  Leben  trachteten.  Als  er  einst  im  Jahre  1878  auf  einer  Spazierfahrt
  begriffen  war,  feuerte  ein  heruntergekommener  Klempnergesell  dicht  bei  dem
Brandenburger  Thor  in  Berlin  zweimal  hintereinander  eine  Kugel  auf  ihn  ab.  Aber
Gott  schützte  den  edlen  Kaiser.  Beide  Schüsse  gingen  fehl.  Nach  drei  Wochen  aber
wurde  bei  einer  Ausfahrt  aus  einem  Hause  „Unter  den  Linden“  ein  Schrotschuß  auf
ihn  abgefeuert.  Der  82jährige  Greis  mußte,  aus  dreißig  Wunden  blutend,  in  sein
Palais  getragen  werden.  Jedoch  auch  diesmal  war  Gottes  Hand  mit  ihm.  Er  genas
  wieder,  und  als  er  aus  dem  Bade  zurückkam,  sagte  er  zu  seinem  Hofprediger:
„Gott  hat  alle  Haare  auf  meinem  Haupte  gezählt;  er  hat  auch  die  Schrotkörner  gezählt,
  die  in  meinen  Arm  und  Kopf  gedrungen  sind,  und  es  hat  keins  in  den  Sitz  des
Lebens  dringen  können“.  Sein  Wahlspruch  war:  „Gott  mit  uns!“  "

2.  Sorge  für  die  Arbeiter.  Unablässig  war  der  Kaiser  darauf  bedacht,  das
Wohl  der  Arbeiter  zu  fördern.  Auf  seinen  Wunsch  wurden  daher  eine  Versicherung
  der  Arbeiter  gegen  Unfälle  und  eine  Kasse  zur  Unterstützung  in  Krankheitsfällen
  geschaffen.  Die  Einrichtung  einer  Alters=  und  Invalidenversorgung,
  die  er  plante,  hat  er  nicht  mehr  erlebt.  Sie  ist  erst  unter  seinem  Enkel,  unserm
jetzigen  Kaiser,  Wilhelm  II.,  zur  Ausführung  gebracht.

3.  Einfachheit.  Der  Kaiser  Wilhelm  war  in  allem  sehr  einfach.  Als  Schlafstätte
  diente  ihm  ein  einfaches  Feldbett,  das  er  auch  auf  seinen  Reisen  mit  sich  nahm.
Es  bestand  aus  einem  eisernen  Gestelle,  einer  Matratze  und  einigen  wollenen  Decken.
Schlafrock  und  Pantoffeln  waren  ihm  unbekannte  Dinge,  und  von  früh  bis  spät  sah
man  ihn  gewöhnlich  in  der  Uniform  seines  Garderegiments,  in  der  er  auch  auf  seinen
Wunsch  beigesetzt  worden  ist.  .

4.  Im  Felde.  Der  Kaiser  war  Soldat  mit  Leib  und  Seele,  und  so  oft  seine
Truppen  ins  Feld  rückten,  war  er  ihr  Führer  und  teilte  mit  ihnen  die  Mühen  und
Gefahren  des  Krieges.  An  Schlachttagen  folgte  er  meist  zu  Pferde  dem  Gange  der
Ereignisse,  und  mehr  als  einmal  geriet  er  dabei  in  Lebensgefahr.  Besonders  rührend
war  seine  Teilnahme  für  die  Verwundeten.  Sehr  oft  besuchte  er  die  Lazarette,
erkundigte  sich  genau  bei  den  Kranken,  ob  es  ihnen  auch  nicht  an  Pflege  und  Erquickung
  fehle,  ging  von  Bett  zu  Bett  und  sprach  in  freundlichster  Weise  mit  jedem
einige  Worte.

Einmal  kam  er  an  das  Bett  eines  Musketiers  und  fing  ein  Gespräch  mit  ihm  an.
Dabei  äußerte  der  Kranke:  „Heute  werde  ich  24  Jahre  alt.  O,  wie  freue  ich  mich,  heute
meinen  König  zu  sehen!“  Der  König  reichte  ihm  freundlich  die  Hand  Als  der  Musketier
gegen  Abend  sanft  eingeschlummert  war,  legte  ihm  ein  Leibjäger  des  Königs  heimlich  eine
goldene  Uhr  nebst  Kette  auf  sein  Bett.  Die  Freude  des  Kranken  beim  Erwachen  war
übergroß.  —  In  Versailles  fand  der  Kaiser  einst  im  Lazarette  neben  dem  Bette  eines  Ver-
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König  Wilhelm  im  Lazarette.

wundeten,  der  eben  eingeschlafen  war,  ein  aufgeschlagenes  Stammbuch.  Der  König  nahm
es  und  schrieb  hinein:  „Mein  Sohn,  gedenke  Deines  Königs!“  Als  der  Kranke  erwachte,
sah  er  den  Gruß  seines  Kaisers,  und  Thränen  der  Freude  rollten  ihm  von  den  bleichen
Wangen  herab.  Einige  Tage  darauf  kam  der  König  wieder;  der  Soldat  lag  schon  im
Sterben,  aber  dennoch  erkannte  er  den  König,  richtete  sich  auf  und  rief:  „Majestät,  ich
werde  Ihrer  ewig  gedenken,  auch  dort  oben.“  Dann  sank  er  zurück  und  war  tot.  Gerührt
drückte  ihm  der  König  die  Augen  zu.

5.  Pflichttreue.  Von  früh  bis  spät  war  der  Kaiser  unausgesetzt  thätig.  Mit
der  größten  Gewissenhaftigkeit  erledigte  er  alle  Regierungsgeschäfte,  und  nur  wenige
Stunden  waren  der  Erholung  gewidmet.  Selbst  im  höchsten  Alter  gönnte  er  sich  noch
keine  Ruhe.  Als  ihm  seine  Arzte  einst  rieten,  sich  doch  täglich  wenigstens  eine  halbe
Stunde  auf  dem  Sofa  auszuruhen,  sagte  er:  „Sie  haben  gut  reden,  meine  Herren,
aber  wenn  mir  vom  Tage  eine  halbe  Stunde  genommen  wird,  so  erscheinen  des.
Abends  Reste.  Das  geht  nicht.“  Ein  andermal  bat  ihn  sein  Leibarzt  recht  dringend,
des  schlechten  Wetters  wegen  doch  der  angesetzten  Parade  nicht  beizuwohnen,  da  sonst
das  Schlimmste  zu  befürchten  sei.  „Dann  sterbe  ich  wenigstens  im  Dienste",  sagte
der  Kaiser  ruhig  und  ritt  munter  zum  Thore  hinaus.

6.  Tod.  Am  9.  März  1888  starb  Kaiser  Wilhelm  in  einem  Alter  von  fast  91
Jahren.  Noch  wenige  Tage  vorher  hatte  er  die  Regierungsgeschäfte  in  gewohnter
Weise  erledigt,  und  am  Tage  vor  seinem  Tode  vollzog  er  noch  mit  zitternden  Händen
die  letzte  Unterschrift.  Eine  Erkältung  warf  ihn  auf  das  Kranken=  und  Sterbebett.
Langsam,  wie  ein  verlöschendes  Licht,  schwanden  seine  Kräfte  dahin.  Ihm  zur  Seite
saß  die  Kaiserin,  seine  Hand  fest  in  der  ihrigen  haltend.  Auch  der  Prinz  Wilhelm
und  die  übrigen  Mitglieder  der  königlichen  Familie  sowie  Bismarck,  Moltke  u.  a.

Realienbuch.  B.  6
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        —  82  —

umstanden  das  Sterbebett.  Nur  der  Kronprinz  weilte  fern  in  Italien,  um  dort
Heilung  von  seinem  schweren  Halsleiden  zu  suchen.  „Ach,  könnte  ich  doch  Fritz  nur
noch  einmal  in  die  Arme  schließen!“  seufzte  der  sterbende  Vater.  Unter  Trostsprüchen
des  Hofpredigers:  Ob  ich  schon  wanderte  im  finstern  Thal  —  Unser  keiner  lebt  ihm
selber  —  Wenn  ich  einmal  soll  scheiden  —  u.  a.  nahte  die  Todesstunde.  Als  ihn
jetzt  seine  Tochter  Luise,  Großherzogin  von  Baden,  fragte:  „Bist  du  müde,  Vater?“
entgegnete  er  flüsternd:  „Ich  habe  keine  Zeit,  müde  zu  sein!“  Gegen  8½  Uhr
morgens  nahm  das  Antlitz  des  Sterbenden  einen  überaus  friedlichen  Ausdruck  an,
und  leise  schlummerte  die  Seele  in  ein  besseres  Jenseits  hinüber.  —  Acht  Tage  später
wurde  er,  wie  er  gewünscht  hatte,  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg  neben  seiner
von  ihm  so  sehr  geliebten  Mutter  beigesetzt.

7.  Kaiserin  Augusta.  Die  Gemahlin  Wilhelm  I.  hieß  Augusta.  Sie  war  ihm
eine  treue  Lebensgefährtin.  Wie  eine  echte  Landesmutter  war  sie  stets  darauf  bedacht,
Not  und  Elend  zu  mildern.  In  den  schweren  Kriegszeiten  war  ihre  Fürsorge  besonders
  den  Verwundeten  und  Kranken  gewidmet.  „Sie  möchte  am  liebsten"“,  sagte
einmal  der  König  von  ihr,  „jeden  verwundeten  Soldaten  in  ein  Himmelbett  gelegt
haben.“  Das  von  ihr  in  Berlin  gegründete  Augusta-Hospital  wurde  gerade  1870  fertig.

Einmal  begegnete  ihr  eine  weinende  Frau.  Ihr  einziger  Sohn  war  soeben  im  Lazarett
  gestorben.  Die  Königin  rief  die  Frau  zu  sich,  schloß  sie  in  die  Arme  und  suchte  sie
über  den  schweren  Verlust  zu  trösten.  Die  Frau  sagte  später:  „Ich  will  es  allen  Müttern
sagen,  wie  die  Königin  mit  ihnen  fühlt.“

Zur  Pflege  der  Verwundeten  gründete  sie  den  „Vaterländischen  Frauenverein.“"

40.  Kaiser  Friedrich  III.  9.  März  bis  15.  Juni  1888.

1.  Ingend.  Vermählung.  Friedrich,  Kaiser  Wilhelms  einziger  Sohn,  wurde
1831  geboren.  Frühzeitig  begannen  für  den  kleinen  Prinzen  die  militärischen
übungen,  denen  er  sich  mit  Lust  und  Eifer  hingab.  Da  es  im  preußischen  Königshause
  üblich  ist,  daß  jeder  Prinz  ein  Handwerk  erlernt,  wählte  er  sich  die  Tischlerei
und  die  Buchbinderei.  Noch  heute  zeigt  man  in  dem  früheren  Schlafzimmer  seines
Vaters  im  Schlosse  Babelsberg  einen  Holzschemel,  den  der  Prinz  eigenhändig  angefertigt
  hat.  In  seinem  18.  Jahre  bezog  er  die  Universität  Bonn;  später  widmete  er
sich  dem  Militärdienste.  —  Im  Jahre  1858  vermählte  sich  der  Prinz  mit  der  Prinzessin
Viktoria  von  England.  Von  den  acht  Kindern,  die  dem  erlauchten  Paare  geboren
wurden,  sind  noch  sechs  am  Leben:  Wilhelm  (unser  jetziger  Kaiser),  Charlotte,  Heinrich,
Viktoria,  Sophie  und  Margarete.  4  .

2.  Im  Felde.  Friedrichs  Wahlspruch  war:  „Furchtlos  und  beharrlich“.  Mit
kühnem  Mute  rückte  er  in  den  Kriegen  1866  und  1870  gegen  Ostreich  und  Frankreich
vor  und  errang  mit  seiner  Armee  Sieg  auf  Sieg.  Daher  ward  ihm  auch  der  Titel
Feldmarschall  verliehen.  Die  Soldaten  hingen  mit  Liebe  und  Verehrung  an  ihm.
Hatte  er  doch  für  jeden  ein  freundliches  Wort,  wenn  er  mit  der  Soldatenmütze  und
der  kurzen  Pfeife  im  Munde  durch  die  Reihen  seiner  Krieger  dahinschritt.  Und  wie
glänzten  die  Augen  der  Verwundeten  vor  Freude,  wenn  der  Kronprinz  ihnen  freund—
lich  die  Hand  reichte,  sich  nach  ihren  Wunden  erkundigte  und  ihnen  tröstende  Worte
sagte!  Sie  waren  stolz  auf  ihren  „Fritz“,  und  er  hielt  es  für  eine  Ehre,  so  brave
Truppen  zu  kommandieren.

3.  Herzensgüte.  Friedrich  war  ein  Fürst  von  großer  Herzensgüte  und  Freundlichkeit.
  Wo  er  Not  und  Elend  sah,  suchte  er  sofort  zu  lindern  und  zu  belfen.

Eines  Tages  ging  der  Kronprinz  durch  Potsdam.  Da  wurde  ihm  ein  Krankenkorb
entgegengetragen.  Er  fragte  nach  dem  Kranken  und  erfuhr,  daß  ein  Anstreicher  darin  liege,
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der  vom  Gerüst  gestürzt  sei.  Von  Mitleid  bewegt,  ging  er  sogleich  mit  zum  Krankenhause.
Hier  sprach  er  dem  Verunglückten  Mut  und  Trost  zu  und  gab  ihm  das  Versprechen,  für
seine  Familie  bis  zu  seiner  Wiederherstellung  sorgen  zu  wollen.  Schon  am  andern  Morgen
erschien  er  wieder  im  Krankenhause  und  erkundigte  sich  nach  dem  Befinden  des  Kranken.
Die  Familie  desselben  versorgte  er  bis  zur  Genesung  des  Vaters  aufs  reichlichste.

4.  Erkrankung.  Von  jeher  war  Friedrich  der  Liebling  des  deutschen  Volkes.
Doch  auf  Erden  ist  kein  Glück  vollkommen.  Schon  zu  Anfang  des  Jahres  1887
stellte  sich  ein  Halsleiden  bei  ihm  ein,  das  keine  Kunst  der  Arzte  zu  beseitigen  ver—
mochte.  Vergebens  suchte  er  Heilung  in  der  milden  Luft  Italiens.

5.  Thronbesteigung.  Am  9.  März  traf  ihn  die  erschütternde  Nachricht  vom
Tode  seines  Vaters.  Nun  hielt  es  ihn  nicht  länger  vom  Vaterlande  fern.  Er  ent—
schloß  sich  sofort  zur  Heimkehr.  Die  Arzte  baten  ihn  dringend,  die  Reise  noch  aufzuschieben;
  er  aber  sagte:  „Und  wenn  ich  unterwegs  sterben  müßte,  ich  kehre  doch  zurück.“
  —  Mit  unermüdlichem  Eifer  erledigte  der  Kaiser  trotz  seiner  Schwäche  die
eingehenden  Regierungsgeschäfte,  und  wie  sein  erhabener  Vater  selbst  auf  dem  Sterbebette
  keine  Zeit  hatte,  müde  zu  sein,  so  hatte  er  keine  Zeit,  krank  zu  sein.

6.  Tod.  Doch  nur  wenige  Tage  noch  waren  dem  Kaiser  Friedrich  beschieden.
Die  Krankheit  wurde  so  bösartig,  daß  alle  Hoffnung  auf  Besserung  schwand.  Aber
mit  größter  Geduld  ertrug  er  alle  Leiden.  Seinem  Sohne,  unserm  Kaiser,  schrieb  er
auf  einen  Zettel:  „Lerne  leiden,  ohne  zu  klagen,  das  ist  das  Beste,  was  ich  dich  lehren
kann.“  Am  Tage  vor  seinem  Tode  hatte  die  zweitjüngste  Tochter  des  Kaisers  ihren
Geburtstag.  Als  sie  zu  ihm  kam,  um  sich  den  Glückwunsch  des  geliebten  Vaters  zu
holen,  schrieb  er  ihr  ins  Stammbuch:  „Bleibe  fromm  und  gut,  wie  du  bisher  warst;
das  ist  der  letzte  Wunsch  deines  sterbenden  Vaters.“  Die  Kräfte  des  Kaisers  sanken
von  Stunde  zu  Stunde,  und  am  Vormittag  des  15.  Juni  fand  der  königliche  Dulder
endlich  Erlösung  von  seinem  furchtbaren  Leiden.

41.  Kaiser  Willbelm  II.  15.  Juni  1888.

1.  Jugend.  Kaiser  Wilhelm  II.,  der  älteste  Sohn  des  Kaisers  Friedrich,  wurde
am  27.  Januar  1859  geboren.  Zugleich  mit  den  ersten  Lese=  und  Schreibübungen
begannen  auch  die  soldatischen  Ubungen.  Durch  den  Eifer,  den  er  besonders  hierbei
an  den  Tag  legte,  wurde  er  bald  der  Liebling  seines  Großvaters,  des  Kaisers  Wilhelm.
Nachdem  der  Prinz  1874  konfirmiert  worden  war,  schickten  ihn  seine  Eltern  auf  das
Gymnasium  in  Cassel.  Auf  ihren  Befehl  sollte  er  hier  wie  alle  anderen  Schüler  behandelt
  werden.  Keinerlei  Vorrechte  durfte  man  ihm  einräumen.  Die  Lehrer
mußten  ihn  daher  einfach  „Prinz  Wilhelm“  und  „Sie“  (nicht:  „Königliche  Hoheit"“)
anreden.  Wer  den  Prinzen  in  seinem  schlichten  Anzuge  auf  der  Schulbank  sitzen  sah,
der  ahnte  wohl  schwerlich,  daß  er  hier  den  einstigen  deutschen  Kaiser  vor  sich  habe.
Gleich  den  übrigen  Schülern  unterzog  sich  der  Prinz  willig  den  kleinen  Dienstleistungen
in  der  Schule,  reinigte  die  Wandtafel,  spitzte  die  Kreide  und  wusch  den  Schwamm  am
Brunnen.  Gegen  seine  Mitschüler  war  er  stets  freundlich  und  gefällig.  Zu  seinen  Genossen
  suchte  er  sich  nicht  die  Vornehmsten,  sondern  die  Besten  und  Fleißigsten  aus.

Fast  3  Jahre  lang  blieb  Prinz  Wilhelm  in  Cassel.  Als  er  dann  an  seinem
18.  Geburtstage  seine  Abgangsprüfung  ablegte,  erhielt  er  das  Zeugnis,  daß  er  den
Anforderungen  der  Prüfung  in  „ehrenvoller  Weise“  genügt  habe.  Auch  wurde  ihm
eine  der  drei  Denkmünzen  überreicht,  die  an  die  drei  fleißigsten  und  würdigsten
Primaner  zur  Verteilung  kamen.  Nach  der  Schulzeit  trat  Prinz  Wilhelm  als  Offizier
  in  das  Garderegiment  zu  Potsdam  ein.  Als  ihn  sein  Großvater  den  Offizieren
vorstellte,  schloß  er  seine  Rede  mit  den  Worten:  „Nun  gehe  und  thue  deine  Pfilicht,
wie  sie  dich  gelehrt  werden  wird.  Gott  sei  mit  dir!“  Um  sich  aber  auch  noch  in  den

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Wissenschaften  zu  vervollkommnen,  hielt  der  Prinz  sich  später  längere  Zeit  auf  der
Universität  Bonn  auf.

2.  Vermählung.  Am  27.  Febr.  1881  vermählte  sich  Prinz  Wilhelm  mit  der
Prinzessin  Viktoria  Auguste  von  Schleswig-Holstein.  Dieser  Ehe  entsprossen  6  Söhne
und  eine  Tochter.  Der  Kronprinz  Wilhelm  ist  am  6.  Mai  1882  geboren.

3.  Thronbesteigung.  Am  15.  Juni  1888,  dem  Todestage  seines  edlen  Vaters,
bestieg  der  Kronprinz  Wilhelm  den  deutschen  Kaiserthron.  Wie  sehr  ihm  des  Volkes
Wohl  am  Herzen  liegt,  davon  zeugt  sein  Erlaß  „An  Mein  Volk“,  worin  er  sagt:

„Auf  den  Thron  Meiner  Bäter  berufen,  habe  Ich  die  Regierung  im  Aufblicke
zu  dem  König  aller  Könige  übernommen  und  Gott  gelobt,  nach  dem  Beispiele  Meiner
Bäter  Meinem  Volke  ein  gerechter  und  milder  Fürst  zu  sein,  Frömmigkeit  und  Gottesfurcht
  zu  pflegen,  den  Frieden  zu  schirmen,  die  Wohlfahrt  des  Landes  zu  fördern,  den
Armen  und  Bedrängten  ein  Helfer,  dem  Rechte  ein  treuer  Wächter  zu  sein."

4.  Als  Landesvater.  Der  Wahlspruch  unseres  Kaisers  ist:  „Allweg  gut
Zollern!“  Und  er  ist  ein  echter  Hohenzoller.  Seine  Unterthanen  glücklich  zu  machen,
ist  sein  Ziel.  Jedermann  weiß,  wie  sehr  er  bemüht  ist,  seinem  Volke  den  Frieden  zu
erhalten.  Besonders  auch  sucht  er  die  Not  der  ärmeren  Volksschichten  zu  mildern.  Aus
diesem  Grunde  hat  er  auch  die  bereits  von  seinem  Großvater  geplante  Alters=  und
Invalidenversorgung  (S.  80)  durchgeführt.  Von  früh  bis  spät  ist  er  unausgesetzt
thätig.  Er  bekümmert  sich  um  alle  Angelegenheiten  des  Landes:  um  das  Heer,  die
Flotte,  große  Bauten,  um  die  deutschen  Kolonien,  um  Kirche  und  Schule,  und  die  Abgeordneten
  der  Arbeiter  finden  bei  ihm  ebenso  freundliche  Aufnahme  als  die  der  Fabrikbesitzer.
  Uberall,  wo  Not  ist,  möchte  er  sie  lindern,  und  wenn  jemand  Unrecht  leidet,
möchte  er  ihm  zum  Recht  verhelfen.  Handel  und  Verkehr  förderte  er  besonders  durch
Vollendung  des  unter  seinem  Großvater  begonnenen  Kaiser-Wilhelms-Kanals.

 

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Kaiser  Wilhelm  II.  und  seine  Familie.
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B.  Erdkunde.
Deutschland.

540  000  qkm.  52  Mill.  Einw.

I.  Allgemeines.

a.  Die  deutschen  Aleere.

1.  Die  Nordsee  ist  durchschnittlich  etwa  80  m  tief.  Ihr  Wasser  hat  eine  moosgrüne
  Farbe  und  einen  bittersalzigen  Geschmack.  Gewöhrlich  liegt  sie  still  da.  Weht
aber  ein  starker  Nordwest,  dann  durchbricht  der  „blanke  Hans“  zuweilen  die  6—10  m
hohen  Deiche,  die  überall  an  der  flachen  Küste  angelegt  sind.  Ehemals  reichte  die  Küste
viel  weiter  ins  Meer  hinaus,  und  Dünen  schützten  das  Land  gegen  das  Meer.  Gewaltige
  Sturmfluten  aber  durchbrachen  die  Dünenwand  und  verschlangen  große
Länderstrecken,  die  wir  zur  Zeit  der  Ebbe  nur  noch  als  sogenannte  „Watten“  erblicken.
Die  Uberreste  jener  Dünen  sind  die  friesischen  Inseln,  die  in  langer  Linie  die  Küste
umsäumen.  Auch  der  Jadebusen,  der  Dollart  und  die  Zuidersee  'seuder  =  Süd.
sind  vor  etwa  6  Jahrhunderten  durch  Sturmflut  gebildet  worden.

2.  Ebbe  und  Flut.  Alle  Tage  zweimal  steigt  und  fällt  das  Wasser  der  Nordsee

(sowie  das  fast  aller  Meere).  Das  Steigen  nennt  man  Flut,  das  Sinken  Ebbe.

Dieses  Steigen  und  Sinken  wird  durch  die
Anziehungskraft  des  Mondes  hervorgerufen.
Denken  wir  uns  die  ganze  Erdoberfläche  ringsum
  von  Wasser  umgeben,  so  würde  dieses,  wenn
keine  andre  Anziehungskraft  als  die  Schwerkraft
in  m  wirksam  wäre,  eine  gleichmäßige  Kugelfläche
bilden.  Tritt  nun  aber  die  Wirkung  des  Mondes
hinzu,  so  zieht  er  die  ganze  Erde  näher  an  sich
heran,  und  zwar  die  ihm  zunächst  liegenden  Teile
viel  stärker  als  die  weiter  entfernten.  Bei  A  ist  demnach  die  Anziehung  des  Mondes  am
stärksten,  weniger  stark  bei  m,  am  schwächsten  bei  B.  Bei  A  eilt  das  Meer  (mit  seinen  leicht
verschiebbaren  Teilchen)  dem  Mittelpunkte  der  Erde  voraus,  während  es  bei  B  hinter  ihm
zurückbleibt.  Gleichzeitig  fließt  das  Wasser  von  C  und  D  nach  A  und  B  ab.  Dadurch  entsteht
  bei  Cund  D  Ebbe  und  bei  A  und  B  Flut.  Da  der  Mond  jeden  Tag  etwa  49  Minuten
später  an  derselben  Stelle  ausgeht  wie  am  Tage  zuvor,  so  treten  auch  die  „Gezeiten“  jeden
Tag  um  49  Minuten  später  ein.  Steht  die  Sonne  mit  Erde  und  Mond  in  einer  Linie
(beim  Voll=  und  Neumond),  so  steigt  die  Flut  am  höchsten;  wir  nennen  sie  dann  „Springflut"“.
  Kommt  zur  Flut  ein  Sturm  hinzu,  so  heißt  sie  Sturmflut.  Eine  solche  durchbricht
zuweilen  die  Deiche  und  begräbt  ganze  Landstriche  für  immer  in  den  Wellen.

An  den  holsteinschen  Küsten  steigt  das  Wasser  zur  Flutzeit  gewöhnlich  1—3  m
(an  den  Ostküsten  Nordamerikas  dagegen  stellenweise  bis  zu  20  m)  hoch.  Alle  Gräben,
Kanäle  und  Flußarme  füllen  sich  dann  bis  an  den  Rand  der  Deiche,  und  die  großen
Seefahrer  ziehen  mit  gebauschten  Segeln  in  die  zur  Ebbezeit  unerreichbaren  Häfen  ein.
Tritt  aber  die  Ebbe  ein,  dann  wachsen  überall  Inseln  aus  dem  Wasser  hervor.  Die
Schiffe  sinken  immer  tiefer  mit  dem  Wasser  herab,  und  die  Deiche  steigen  riesenhaft  empor.
  Auf  dem  entblößten  Meeresgrunde  aber  kommen  Muscheln,  Krebse  u.  a.  Seetiere
zum  Vorschein,  und  Strandläufer,  Möven  u.  a.  Vögel  haben  dann  reich  besetzte  Tafel.

3.  Die  Ostsee  oder  das  baltische  Meer  hängt  mit  der  Nordsee  durch  den  Sund,
den  großen  und  den  kleinen  Belt  zusammen.  Ihre  bedeutendsten  Buchten  sind  der
bottnische,  finnische  und  rigaische  Meerbusen.  Ebbe  und  Flut  sind  kaum  wahrnehmbar.
  Da  die  Ostsee  sehr  viele  Flüsse  aufnimmt,  so  ist  der  Salzgehalt  ihres
Wassers  geringer  als  der  der  Nordsee.  Auch  hat  sie  kälteres  Wasser  als  die
Nordsee;  denn  der  Golfstrom  (S.  165)  vermag  nicht  mehr  in  die  Ostsee  einzudringen
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und  ihr  Wasser  zu  erwärmen.  Im  Winter  friert  deshalb  das  Wasser  der  Ostsee
auch  teilweise  zu.  Wenn  längere  Zeit  ein  starker  Nord=  oder  Nordostwind  weht,
dann  sind  die  Bewohner  der  Südküste  leicht  der  überschwemmung  ausgesetzt,  da  die
Wogen  zuweilen  die  18—20  m  hohen  Dünen  überfluten  oder  durchbrechen.

4.  Rettungsstationen.  Die  Küsten  der  Ost=  und  Nordsee  sind  mit  ihren  Dünen
und  Sandbänken  der  Schiffahrt  sehr  gefährlich.  In  dem  Jahre  1879—80  allein
haben  112  Schiffe  durch  Sturm  und  Strandung  hier  ihren  Untergang  gefunden.
Zur  Rettung  der  Mannschaften  solcher  gestrandeten  Schiffe  hat  man  am  Strande
der  Nord=  und  Ostsee  schon  mehr  als  100  Rettungsstationen  errichtet.  Das  sind
große  Wachtbuden,  in  denen  die  Rettungswerkzeuge  aufbewahrt  werden.  Stets  hält
ein  Mann  Wache.  Sobald  er  ein  gestrandetes  oder  in  Not  befindliches  Schiff  entdeckt,
ruft  er  die  Rettungsmannschaften  aus  dem  Dorfe  herbei.  Schnell  wird  das  eiserne
Rettungsboot  an  die  betreffende  Stelle  gefahren  und  ins  Wasser  gebracht.  Gelingt
es  nicht,  dem  Schiffe  mit  dem  Boote  zu  nahen,  so  schießt  man  auch  wohl  eine
Rakete  mit  einer  daran  befestigten  Leine  auf  das  Schiff.  Die  Schiffbrüchigen  fangen
die  Leine  auf  und  ziehen  mit  ihr  ein  dickes  Tau  vom  Strande  herbei.  Dieses  wird

 

 

 

 

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an  dem  Mastbaume  festgebunden,  und  dann  versuchen  die  Schiffsleute,  mit  den
Händen  am  Seil  weitergreifend,  sich  durch  die  Wogen  hindurch  zu  arbeiten.  —
Durch  die  Rettungsstationen  wurden  1881  an  den  deutschen  Küsten  113  Menschen
vom  sichern  Tode  errettet.

5.  Dünen.  Die  Küste  der  Ostsee  ist  an  einigen  Stellen  hoch  und  steil  (Steilküste),
an  den  meisten  dagegen  flach  und  sandig  (Flachküste).  An  den  Flachküsten  schafft  sich  das
Meer  selbst  einen  Damm:  die  Dünen.  Das  sind  Sandberge,  die  der  Wind  aus  dem
trocknen  Ufersande  nach  und  nach  hier  angehäuft  hat.  Sie  sind  gewöhnlich  nur
3—18  m  hoch,  doch  erreichen  sie  an  manchen  Stellen  eine  Höhe  von  60  m  und
darüber.  Zum  Teil  sucht  man  die  Dünen  durch  Anbau  von  Sandhalm  und  Strandhafer
  zu  befestigen.  Sobald  sie  etwas  fest  geworden  sind,  bepflanzt  man  sie  auch  wohl
mit  Kiefern,  Weiden,  Erlen,  Pappeln,  Birken  u.  s.  w.  Manche  Dünen  aber  sind
ganz  kahl.  Diese  werden  bei  Nordweststürmen  nicht  selten  ins  Land  getrieben,
wo  sie  dann  Acker  und  Wiesen,  ja,  selbst  Häuser  und  Dörfer  verschütten.
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6.  Haffe.  An  der  deutschen  Ostseeküste  finden  wir  mehrere  Strandseen,
die  den,  Namen  Haff  führen.  Die  bekanntesten  sind  das  Stettiner,  das  frische
und  das  kurische  Haff.  Jedes  Haff  wird  durch  einen  oder  mehrere  Flüsse  gefüllt
und  enthält  daher  süßes  Wasser,  d.  h.  Flußwasser.  Es  steht  aber  auch  mit  dem
Meere  in  offener  Verbindung.  Diese  ist  bei  dem  Stettiner  Haff  eine  flußartige
Ausmündung,  bei  dem  frischen  und  kurischen  Haff  heißt  sie  „Tief“.  Das  Tief  unter—
bricht  die  schmale,  mit  Dünenaufwurf  versehene  Landzunge,  die  „Nehrung“.

b.  Bodenbeschaffenheit.

7.  Das  norddeutsche  Tiefland  reicht  von  der  Nord=  und  Ostsee  bis  zum
deutschen  Mittelgebirge.  Ehemals  war  es  vom  Meere  bedeckt.  Daher  finden  wir
hier  tief  unter  der  Erde  stellenweise  große  Salzlager,  wie  z.  B.  bei  Staßfurt,
Inowrazlaw  u.  s.  w.  Die  Flüsse,  die  das  Tiefland  durchströmen,  haben  meist  die
Richtung  von  Süden  nach  Norden,  ein  Beweis,  daß  sich  das  Tiefland  nach  Norden
hin  abdacht.  In  manchen  Gegenden  des  Tieflandes  finden  wir  hier  und  da  gewaltige
  Steinblöcke.  Sie  sind  durch  eine  ungeheure  Gletschereismasse,  ein  sogenanntes
  Inlandeis,  von  Skandinavien  hierher  getragen  worden.  Der  Boden  des
Tieflandes  besteht  aus  Sand,  Lehm,  Thon  oder  Kies  und  ist  in  den  Flußthälern
und  an  den  Küsten  der  Nordsee  meist  sehr  fruchtbar.  Das  westliche  Tiefland  ist
reich  an  Mooren,  besonders  zu  beiden  Seiten  der  Ems.  Nur  2  Höhenzüge,
der  nördliche  (baltische)  und  der  südliche  Landrücken,  durchziehen  das  Tiefland.
Der  nördliche  zieht  sich  an  der  Ostseeküste  entlang.  Er  ist  mit  sehr  vielen  Seen  bedeckt
und  endigt  auf  der  Halbinsel  Jütland.  Ihm  verdankt  die  Küste  Holsteins  ihre
trefflichen  Hafenbuchten.  Der  südliche  bildet  in  Schlesien  die  Tarnowitzer  Höhen,
in  Brandenburg  den  Fläming,  in  der  Provinz  Sachsen  die  Hellberge;  in  Hannover
  endigt  er  mit  der  Lüneburger  Heide.

8.  Das  Marschland.  An  den  Küsten  der  Nordsee  sowie  auch  am  Unterlaufe
der  Weser,  der  Elbe  u.  s.  w.  finden  wir  große  Strecken  fetten  Marschlandes.
Sie  sind  dadurch  entstanden,  daß  das  Wasser  die  „Sinkstofse"  („Schlick“),  die  es
mit  sich  führt,  hier  zu  Boden  setzt.  Die  Meeresmarsch  bildet  einen  breiten  Saum
aller  deutschen  Nordseeküsten.  Sie  ist  vom  Meere  hinter  dem  jetzt  in  Inseln  zerstückten
  einstmaligen  Dünenzuge  aufgeschlickt.  Die  Flußmarsch  zieht  sich  längst  der
Flußufer  ins  Land  hinein.  Ahnlich  der  Meeresmarsch,  besteht  sie  aus  fruchtbarer,
thoniger  Erde.  Entstanden  ist  sie  durch  Aufschlickung  der  Flüsse  zusammen  mit
dem  Meere.  Das  Meer  dringt  nämlich  im  „Flutstrome“  in  die  Flüsse  ein  und  hemmt
die  Bewegung  des  Flußwassers,  so  daß  dieses  hier  die  Sinkstoffe  absetzt.  Sobald
dieser  schlickartige  Boden  so  hoch  ist,  daß  er  von  der  gewöhnlichen  Flut  nicht  mehr
erreicht  wird,  begrünt  er.  Dann  ist  die  Zeit  gekommen,  ihn  einzudeichen.  Die
eingedeichten  Marschen  werden  zuerst  „Polder“  oder  „Köge“  genannt.  Sie  sind
ungemein  fruchtbar  und  ihre  Besitzer  daher  meist  sehr  wohlhabend.

9.  Das  deutsche  Mittelgebirgsland  schließt  sich  im  Süden  an  das  norddeutsche
  Tiefland  an.  Man  rechnet  dazu  hauptsächlich  die  Sudeten,  das  Erzgebirge,
  den  Thüringer  Wald,  den  Harz,  das  Weserbergland,  den  Teutoburger
  Wald,  das  fränkisch-hessische  Bergland  (Rhön,  Vogelsberg,
Spessart)  und  das  rheinische  Schiefergebirge.

10.  Einwirkung  der  Gebirge  auf  die  Niederschläge.  Im  Gebirge  regnet  und  schneit
es  viel  häusiger  als  in  der  Ebene.  Im  norddeutschen  Tieflande  z.  B.  erreicht  die  jährliche
  Regenmenge  nur  eine  Höhe  von  70  cm,  in  den  Alpen  aber  2  m,  am  Himälaja
sogar  stellenweise  über  12  m.  Sobald  die  Luft  über  das  Gebirge  zieht  und  zu  steigen
gezwungen  ist,  kühlt  sie  sich  ab  und  läßt  ihren  Wassergehalt  als  Regen,  Schnee  u.  s.  w.
niederfallen.  Infolge  dieses  reichen  Niederschlags  sind  die  Gebirge  auch  die  Geburtsstätten

der  fließenden  Gewässer.  Hierbei  leistet  der  Wald,  der  ja  die  Gebirge  meistens  reichlich
bedeckt,  bedeutende  Dienste.  Unter  seinem  kühlen  Laubdache  sowie  unter  seiner  dichten
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Moos-  und  Pflanzendecke  bleibt  das  Wasser  lange  Zeit  vor  Verdunstung  geschützt.  Aus
dem  in  die  Erde  gesickerten  Wasser  bilden  sich  dann  zahlreiche  Quellen,  bie  nach  allen
Seiten  hin  ins  Land  hinabeilen  und  die  durstigen  Gefilde  tränken.

11.  Die  Sudeten  ziehen  sich  auf  der  Grenze  zwischen  Schlesien  einerseits
und  Böhmen  und  Mähren  andrerseits  hin.  Die  wichtigsten  Teile  der  Sudeten
sind  das  Gesenke,  das  Glatzer  Bergland,  das  Waldenburger  Bergland,
das  Riesengebirge  und  das  Lausitzer  Gebirge.

12.  Das  Riesengebirge  ist  nach  der  Sage  die  Heimat  vieler  Riesen.  Schroff
und  steil  wie  eine  riesige  Mauer  steigt  es  aus  der  schlesischen  Ebene  empor.  Der
höchste  Berg  ist  die  Schneekoppe  (Koppe  =  Kopf).  Sie  ist  1600  m  hoch.  Die
Abhänge  des  Gebirges  sind  mit  Fichten  und  Kiefern  bewaldet.  Je  höher  man  aber
emporsteigt,  desto  kälter  wird  es.  Daher  findet  man  dort  oben  statt  der  schlanken
Kiefern  nur  verkrüppeltes  „Knieholz“,  das  sich  mühsam  am  Boden  hinwindet.
Die  höchsten  Gipfel  des  Gebirges  sind  kahl,  nur  das  Moos  und  die  Flechte  fristen
hier  ihr  kümmerliches  Dasein.  Dörfer  findet  man  auf  dem  Riesengebirge  gar  nicht,
wohl  aber  viele  einzelne,  hölzerne  Hirtenhäuser,  Bauden  genannt.  Eine  solche
Baude  enthält  in  der  Regel  2  Zimmer.  In  dem  größern  befindet  sich  der
gewaltige  Kachelofen.  Er  wird  das  ganze  Jahr  hindurch  geheizt.  Außerdem  ist
noch  ein  dritter  Raum  für  das  Vieh  vorhanden.  —  Um  Johannis  treibt  der  Bewohner
  des  Riesengebirges  seine  Herde  „zu  Berge“;  dann  hallt  das  Hochgebirge
14—15  Wochen  von  melodischem  Glockengeläute  wieder.  Mit  Eintritt  des  Oktobers
aber  stellt  sich  schon  Schneegestöber  ein.  Im  Winter  sind  die  Bauden  gänzlich
eingeschneit.  Oft  hat  man  weder  durch  Thüren  noch  Fenster  einen  Ausgang  aus
dem  Hause.  Nur  durch  den  Rauchfang  vermag  man  dann  das  Freie  zu  gewinnen.
Der  Weg  nach  dem  Thale  hinab  wird  in  dieser  Zeit  auf  Schneeschuhen  zurückgelegt.
  Er  ist  dann  durch  hohe  Stangen  bezeichnet.  Stirbt  im  Winter  jemand,
so  muß  das  Begräbnis  bis  gegen  das  Frühjahr  hin  verschoben  werden;  bis  dahin
wird  die  Leiche  im  Schnee  aufbewahrt.

13.  Das  Erzgebirge  bildet  die  Grenze  zwischen  Böhmen  und  dem  Königreiche
  Sachsen.  Während  es  aber  nach  Böhmen  hin  steil  abfällt,  geht  es  auf  der
sächsischen  Seite  in  das  sächsische  Bergland  über,  das  sich  allmählich  zum  Tieflande
senkt.  Der  höchste  Berg  des  Erzgebirges  ist  der  Keilberg  (1240  m).  Hier  im
höchsten  Teile  des  Gebirges  ist  das  Klima  rauh  und  kalt.  Der  Winter  dauert
volle  8  Monate,  und  auf  den  steinigen  Feldern  wollen  kaum  Kartoffeln,  Hafer
und  Lein  gedeihen.  Seinen  Namen  hat  das  Gebirge  von  seinem  Reichtum  an
Silbererzen.  Diese  waren  es  auch,  die  hier  eine  so  dichte  Bevölkerung  hervorriefen,
  wie  sie  kein  andres  Gebirge  in  solcher  Höhe  aufzuweisen  hat.  Die  Bewohner
im  obern  Teile  des  Erzgebirges  ernähren  sich  teils  als  Berg=  oder  Waldarbeiter,
teils  arbeiten  sie  in  Fabriken  aller  Art.  Da  werden  Strümpfe  und  Bänder  gewebt,
Löffel  und  Spielwaren  geschnitzt  u.  s.  w.  In  neuster  Zeit  mehren  sich  die  Fabriken
auch  hier  und  gewähren  den  Bewohnern  sichern,  wenn  auch  geringen  Verdienst.
(Sächsisches  Bergland  S.  115.)

14.  Der  Harz  ist  nächst  dem  Erzgebirge  das  silberreichste  Gebirge  in  Deutschland.
  Der  östliche,  niedrigere  Teil  des  Harzes  heißt  Unterharz.  Er  hat  ein  mildes
Klima  und  ist  daher  meist  mit  Laubwäldern  bestanden.  Seine  schönste  Gegend  ist  das
Bodethal  mit  der  Roßtrappe  und  dem  Hexentanzplatze.  Der  westliche,  höhere
Teil  des  Harzes  heißt  Oberharz.  Er  ist  seines  rauhen  Klimas  wegen  vorherrschend
mit  Fichtenwäldern  bedeckt.  Hier  liegt  der  höchste  Berg  des  Harzes,  der  Brocken.

15.  Der  Brocken  (Blocksberg)  ist  1140  m  hoch.  Von  Wernigerode,  Ilsenburg
  und  Harzburg  führen  gebahnte  Wege  auf  seinen  Gipfel.  Zu  beiden  Seiten
begleiten  uns  hier  hohe  Tannen  und  riesige  Felsblöcke.  Je  höher  wir  kommen,
desto  feuchter  und  kälter  wird  die  Luft
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Die  Luft  erhält  nämlich  ihre  Wärme  von  den  Sonnenstrahlen  nur  zum  kleinsten
Teile.  Die  meiste  Wärme  empfängt  sie  durch  Wärmeausstrahlung  der  (von  der  Sonne
erwärmten)  Erdoberfläche.  Wo  nun  die  Luft  in  Massenberührung  mit  dem  Boden  ist  wie
in  der  Niederung,  da  nimmt  sie  von  ihm  auch  viel  Wärme  auf.  Je  höher  aber  die
erwärmte  Luft  emporsteigt,  desto  mehr  erkaltet  sie,  und  die  wenigen  in  sie  hineinreichenden
Berggipfel  vermögen  sie  nicht  mehr  zu  erwärmen.  Schon  in  einer  Höhe  von  etwas  über
4  kmn  herrscht  (selbst  in  der  heißen  Zone)  ewige  Eiskälte.  Daher  sind  auch  die  höchsten
Berggipfel  das  ganze  Jahr  hindurch  mit  „ewigem  Schnee“  bedeckt.

An  die  Stelle  der  schlanken  Tannen  treten  daher  weiter  oben  krüppelhafte,
mit  langen  Flechten  besetzte  Bäumchen.  Ihr  Gezweig  ist  infolge  der  starken  Weststürme
  vorzugsweise  nach  Osten  gerichtet.  Auf  dem  Gipfel  des  Brockens  bedecken
nur  Moos,  Gras,  niederes  Gesträuch,  Heidekraut  und  „Hexenbesen“  (Brockenanemone)
  den  moorigen  Boden.  Ein  schönes  Gasthaus  ladet  uns  zur  Einkehr  ein.  Vor
dem  Hause  steht  ein  Aussichtsturm.  Aber  nicht  allzuoft  läßt  der  Brocken  den  Harzwandrer
  eine  schöne  Fernsicht  genießen.  Er  ist  ein  gar  mürrischer,  launischer  Gesell.
Auch  im  Sommer  setzt  er  am  liebsten  die  „Nachtmütze“  auf  und  „braut“,  wie  der
Volksmund  sagt,  wenn  sich  der  „Alte“  plötzlich  in  seinen  dichten  Wolkenmantel
hüllt.  Ringsum  auf  der  Brockenspitze  liegen  eine  Menge  Felsen  von  mancherlei
Gestalt  und  Namen  umher.  Da  giebt  es  einen  Hexenaltar,  eine  Teufelskanzel,  ein
Hexenwaschbecken,  einen  Hexenbrunnen  u.  s.  w.,  lauter  Namen,  die  uns  die  Sage
von  der  Walpurgisnacht  ins  Gedächtnis  zurückrufen.

16.  Der  Thüringer  Wald.  Seine  höchsten  Punkte  sind  der  Schneekopf,
der  Beerberg  und  der  schöne  Inselsberg,  „der  Brocken  des  Thüringer  Waldes“.
Uber  den  Kamm  des  Gebirges  führt  der  „Rennstieg“.  Das  ist  ein  alter  Waldweg,
der  ehemals  die  Grenze  zwischen  dem  Thüringer=  und  dem  Frankenlande  bildete.
Der  herrliche  Wald  des  Gebirges  ist  für  die  Bewohner  eine  reiche  Nahrungsgquelle.
Im  Innern  der  Erde  hat  das  Gebirge  nicht  minder  reiche  Schätze.  Da  giebt  es
großartige  Schieferbrüche,  wo  jährlich  große  Mengen  Dachschiefer  gebrochen  und
Millionen  von  Schiefertafeln  und  Schieferstiften  gewonnen  werden,  wie  z.  B.  in
Lehesten  (lésten).  Auch  Eisenerze  werden  hier  zu  Tage  gefördert  und  in  Hüttenwerken
  gepocht,  geschlämmt  und  geschmolzen.  In  Draht  und  Blechhämmern  wird
dann  das  Eisen  weiter  verarbeitet.  Durch  seine  Gewehrfabriken  ist  besonders
Suhl,  durch  seine  Messerschmieden  Steinbach  bekannt.

17.  Der  Teutoburger  Wald  erstreckt  sich  von  Südost  nach  Nordwest.  Er  ist
mit  prächtigen  Buchenwaldungen  bestanden.  3!4  Stunden  von  Detmold  liegt  die
Grotenburg,  eine  Höhe,  auf  der  1875  zur  Erinnerung  an  die  Römerschlacht
(9  n.  Chr.)  das  berühmte  Hermannsdenkmal  errichtet  worden  ist.  (S.  113.)

18.  Das  rheinische  Schiefergebirge  hat  seinen  Namen  von  seinem  Hauptgestein,
  dem  Schiefer,  erhalten.  Es  wird  durch  den  Rhein  in  eine  Ost=  und  Westhälfte
  geschieden.  Zu  der  Westhälfte  gehören  der  Hunsrück  (hun  =  hoch),  die
Eifel  und  das  hohe  Venn  (hohes  Moor).  Am  Südwestende  des  Hunsrücks  liegt
das  Saarbrückener  Kohlengebirge,  das  sehr  reich  an  Steinkohlen  ist.  Zur  Osthälfte
des  Schiefergebirges  gehören  der  Taunus,  der  Westerwald  mit  dem  Siebengebirge
  und  das  Sauerland  (Süderland).  Das  Siebengebirge  hat  seinen  Namen
von  den  sieben  seiner  Bergkegeln,  die  dem  Auge,  wenn  man  von  Köln  aus  kommt,
zuerst  sichtbar  werden.  Der  steilste  von  ihnen  ist  der  dicht  an  den  Rhein  herantretende
  Drachenfels.  Auf  diesem  hauste  der  Sage  nach  ehemals  der  Drache,  den
Siegfried  erschlug.

19.  Das  süddeutsche  Gebirgsland  setzt  sich  aus  dem  Böhmer  Walde,  dem
Fichtelgebirge,  dem  deutschen  Jura,  dem  Schwarzwalde,  dem  Odenwalde
und  dem  Wasgau  zusammen.  Zwischen  dem  Schwarzwalde  und  dem  Wasgau
liegt  die  oberrheinische  Tiefebene,  südlich  von  der  Donau  bis  zu  den  Alpen
hin  die  bayrische  Hochebene.
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20.  Das  Fichtelgebirge  hat  seinen  Namen  von  den  großen  Fichtenwaldungen,
die  auf  ihm  wachsen.  Es  ist  ein  wichtiger  Knotenpunkt  des  deutschen  Mittelgebirges.
4  Gebirge  schließen  sich  an  das  Fichtelgebirge  an:  Erzgebirge,  Böhmer  Wald,
schwäbisch-fränkischer  Jura  und  Thüringer  Wald  mit  dem  Frankenwalde.  4  Flüsse
haben  auf  ihm  ihre  Quelle:  Main,  Saale,  Eger,  Naab.

21.  Der  Böhmer  Wald  bildet  einen  Grenzwall  zwischen  Böhmen  und  Bayern.
Er  besitzt  einen  ungeheuern  Waldreichtum,  namentlich  im  südlichen  Teile.  Die  Bewohner
  nähren  sich  durch  Holzfällen,  Flößerei,  Holz=  und  Glasindustrie.

22.  Der  deutsche  Jura  setzt  sich  aus  dem  fränkischen  und  schwäbischen
Jura  zusammen.  Beide  sind  durch  die  Altmühl  getrennt.  Der  schwäbische  Jura
führt  in  seiner  Mitte  auch  den  Namen  „rauhe  Alb“.  Er  bildet  eine  30—40  km
breite,  kalksteinfelsige  Hochebene,  über  die  jahraus,  jahrein  rauhe,  kalte  Winde  fegen.
Einen  grellen  Gegensatz  zu  den  rauhen  Höhen  bilden  die  lieblichen  Thäler  mit
ihren  Wäldern,  Wiesen  und  freundlichen  Dörfern.  Vor  dem  Nordwestrande  erheben
  sich  zwei  geschichtlich  bekannte  Berge:  der  Hohenstaufen  und  der  Hohenzollern.
  Auf  dem  Hohenzollern  erblickt  man  das  Stammschloß  der  Hohenzollern.

23.  Der  Schwarzwald  steigt  als  eine  mächtige  Gebirgswand  steil  aus  der
Rheinebene  empor,  senkt  sich  aber  im  Osten  allmählich  zur  rauhen  Alb  hinab.  Das
Klima  ist  —  den  verschiedenen  Höhenstufen  des  Gebirges  entsprechend  —  ein  sehr
verschiedenes.  Die  Vorberge  im  Rheinthale  sind  sonnig  und  haben  ein  mildes  Klima.
Daher  wird  hier  das  Auge  durch  Obstgärten,  Rebenhügel  und  prächtige  Laubwaldungen
  ergötzt.  Weiter  oben  weht  eine  rauhere  Luft,  die  dem  Laubwalde  nicht
mehr  zusagt.  Daher  beginnen  hier  die  finstern  Tannenwälder,  die  bei  Regenwetter
eine  beinahe  schwarze  Farbe  annehmen  und  dem  Gebirge  den  Namen  gegeben  haben.
Auch  wollen  hier  kaum  noch  Hafer  und  Kartoffeln  gedeihen.  Höher  hinauf  hört
aller  Ackerbau  auf,  und  die  Nadelhölzer  schrumpfen  bald  zu  niederm  Krummholze
zusammen.  Auf  den  Hochebenen  herrscht  selbst  im  Sommer  ein  winterliches  Klima.
Aus  ihnen  ragen  kahle  Bergkuppen  empor,  von  denen  der  Feldberg  am  höchsten

den  zahlreichen  Thälern  des  Schwarzwaldes  sieht  man  schmucke  Städte
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und  ansehnliche  Dörfer;  im  Gebirge  dagegen  bestehen  die  Dörfer  aus  vereinzelt
liegenden  niedern  Häusern  mit  weitüberspringendem  Schindel-  oder  Strohdache.  Der
Reichtum  des  Schwarzwälders  ist  der  Wald.  Die  mächtigen  Baumstämme  werden
zu  Flößen  vereinigt  und  auf  dem  Neckar  und  Rhein  nach  Holland  gebracht.  Aber
auch  daheim  wird  nicht  gefeiert.  Dort  sitzen  in  ihren  niedern  Hütten  die  fleißigen
Arbeiter  und  Arbeiterinnen  und  flechten  Strohhüte  u.  dgl.  Ebenso  werden  die  weltberühmten
  „Schwarzwälder  Uhren"  hier  von  kunstgeübter  Hand  angefertigt.  —  Die
Thäler  des  Schwarzwaldes  zeichnen  sich  durch  berühmte  Heilquellen  aus.  Am  bekanntesten
  sind  Baden-Baden  und  Wildbad.

24.  Die  oberrheinische  Tiefebene  (S.  92)  ist  in  ihrem  südlichen  Teile  vielfach
  mit  Sand  und  Gerölle  angefüllt  und  daher  wenig  fruchtbar.  Mitten  in  der
Ebene  liegt  der  „Kaiserstuhl“,  eine  Gruppe  von  40—50  Bergkuppen.  Ihre
Abhänge  und  Thäler  sind  mit  üppigen  Obstbäumen,  Wäldern,  Wiesen  und  Feldern
bedeckt.  Je  weiter  nach  Norden,  desto  fruchtbarer  wird  die  Ebene.  Da  sie  auch
durch  Berge  gegen  die  rauhen  Winde  geschützt  ist,  hat  sie  das  mildeste  Klima  in
ganz  Deutschland.  Schon  anfangs  April  stehen  daher  Kirschen,  Pflaumen  und  Aprikosen
  in  voller  Blüte,  und  im  Juni  hat  man  bereits  reife  Kirschen.  Zu  den
schönsten  Stellen  der  Ebene  gehört  vor  allem  die  „Bergstraße".  Sie  zieht  sich  am
Fuße  des  Odenwaldes  durch  Obst=  und  Nußbaumhaine  von  Heidelberg  bis  nach
Darmstadt  hin  und  verleiht  der  Gegend  das  Aussehen  eines  großen  Obstgartens.

25.  Die  bayrische  Hochebene  liegt  zwischen  den  Alpen  und  der  Donau.  Sie
ist  die  höchstgelegene  Ebene  Deutschlands.  Schon  dieser  Umstand  läßt  auf  ein
rauhes  Klima  schließen.  (S.  89.)  Verschärft  aber  wird  dieses  rauhe  Klima  besonders
  noch  dadurch,  daß  die  warmen  Südwinde  durch  die  Alpen  zurückgehalten
werden,  während  die  kalten  Nordwinde  ungehindert  in  die  Ebene  eindringen  können.
Da  das  Landklima  vorherrscht,  so  sind  die  Winter  eisig  kalt,  die  Sommer  nicht
selten  drückend  heiß.  Im  Süden,  wo  die  Hochebene  8—1100  m  über  dem  Meere
liegt,  wird  das  Getreide  nicht  reif,  das  Gras  dagegen  wächst  sehr  üppig  und  begünstigt
  die  Viehzucht  ungemein.  Weiter  nach  der  Donau  zu  finden  sich  weit  ausgedehnte
  Sumpfniederungen,  „Möser“  oder  „Riede“  genannt,  an  der  Donau  selbst
aber,  besonders  östlich  von  Regensburg  an,  zieht  sich  eine  äußerst  fruchtbare
Gegend  hin,  die  eigentliche  „Kornkammer“  Bayerns.

.  Flüsse.

26.  Die  Hauptflüsse  Deutschlands  sind  Weichsel,  Oder,  Elbe,  Weser,
Rhein  und  Donau.  Die  Zahl  aller  schiffbaren  Flüsse  aber  beträgt  etwa  60.

27.  Die  Weichsel  entspringt  auf  den  Karpaten,  fließt  dann  in  einem  großen
Bogen  durch  Polen  (an  Warschau  vorbei)  und  tritt  oberhalb  der  Festung  Thorn
in  Westpreußen  ein.  Hier  durchbricht  sie  den  nördlichen  Landrücken  und  fließt  in
einem  8—  15  km  breiten,  tief  eingeschnittenen,  aber  äußerst  fruchtbaren  Thale  dem
frischen  Haff  und  der  Ostsee  zu.  Die  freundlichen  Weichselstädte  (Thorn,  Kulm,
Graudenz,  Elbing  u.  s.  w.)  liegen,  um  vor  Überschwemmungen  gesichert  zu  sein,
nicht  im  Thale  selbst,  sondern  auf  den  steilen  Anhöhen  zu  beiden  Seiten  desselben.
Oberhalb  Marienburg  teilt  sich  die  Weichsel  in  die  eigentliche  Weichsel,  die  der
Ostsee  zufließt,  und  in  die  Nogat,  die  ins  frische  Haff  mündet.  Beide  Flüsse
teilen  sich  vor  der  Mündung  in  viele  kleine  Arme  und  bilden  ein  sogenanntes  Delta
(nach  der  Form  des  griechischen  Buchstaben  &amp;amp;  Delta  =  D).  (Ein  Delta  entsteht
vor  der  Mündung,  wenn  der  Strom  viele  feine  Schlammteilchen  zu  Boden  sinken
läßt.)  —  Die  Weichsel  dient  hauptsächlich  zum  Transport  des  polnischen  Getreides
und  Holzes  nach  Danzig.  Während  des  Sommers  ist  daher  der  breite  Strom

von  zahlreichen  Dampfern,  großen  Kähnen  mit  blendend  weißen  Segeln  und  mächtig
langen  Holzflößen  belebt.
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28.  Die  Oder  entspringt  auf  dem  mährischen  Gesenke,  nimmt  ihren  Lauf  durch
Schlesien,  Brandenburg  und  Pommern  und  mündet  in  das  Stettiner  Haff.  Bei
Ratibor  wird  sie  für  kleine,  bei  Oppeln  für  große  Kähne  schiffbar.  Ihr  Ge—
fälle  ist  besonders  in  Schlesien  bedeutend.  Wenn  im  Frühjahre  der  Schnee  auf
den  Sudeten  schmilzt,  dann  führen  ihr  die  zahlreichen  Nebenflüsse  auf  der  linken
Seite  große  Wassermassen  zu,  so  daß  sie  schnell  anschwillt.  Daher  ist  die  Oder
überall,  wo  die  Ufer  flach  sind,  durch  gewaltige  Deiche  eingeschlossen.  Bei  Küstrin
beginnt  der  Oderbruch.  Dieser  Landstrich  war  früher  ein  Sumpfland.  Er  ist
zur  Abführung  des  Wassers  mit  Kanälen  durchzogen  und  wegen  seines  üppigen
Wiesenwuchses  ganz  vorzüglich  zur  Viehzucht  geeignet.  Nebenflüsse  der  Oder  auf
der  linken  Seite  sind  die  Glatzer  Neiße,  die  Katzbach  (Schlacht  1813),  der
Bober  und  die  Lausitzer  Neiße.  Nebenflüsse  auf  der  rechten  Seite  sind  die
Malapane,  die  Bartsch  und  die  Warthe  mit  der  Netze.  Der  Lauf  der
rechtsseitigen  Nebenflüsse  ist  sehr  langsam,  ihre  Ufer  sind  meist  flach.  Vor  ihrer
Mündung  erweitert  sich  die  Ober  zum  Stettiner  Haff,  das  durch  3  Ausflüsse,
Peene,  Swine  und  Dievenow  (difeno),  mit  der  Ostsee  in  Verbindung  steht.

29.  Die  Elbe  entspringt  auf  dem  Riesengebirge.  Sie  entsteht  aus  einer  Anzahl
  kleiner  Bäche,  die  aus  sogenannten  Brunnen  abfließen  und  sich  zu  dem  „Elbbach“
  vereinigen.  Dieser  bildet  gleich  anfangs  viele  Wasserfälle  und  stürzt  dann
plötzlich  als  majestätischer  Elbfall  über  einen  60  m  hohen  Felsen  in  den  wildzerklüfteten
  Elbgrund.  Durch  eine  Wildnis  von  Moor  und  Granitblöcken  eilt  dann
die  Elbe  tosend  das  Gebirge  hinunter,  geht  in  einem  großen  Bogen  durch  Böhmen,
fließt  hier  an  Königgrätz  vorbei  und  nimmt  weiterhin  die  Moldau  und  Eger
auf.  Wo  sie  den  böhmischen  Gebirgskessel  verläßt,  durchbricht  sie  das  Elbsandsteingebirge,
  die  „sächsische  Schweiz“.  Dann  tritt  sie  in  den  Thalkessel
von  Dresden.  Bei  Meißen  drängt  sie  sich  zum  letztenmal  durch.  Granitfelsen
hindurch,  um  dann  ins  Tiefland  einzutreten.  Hier  nimmt  sie  links  die  Mulde
und  die  Saale  mit  der  Bode,  rechts  die  schwarze  Elster  und  die  Havel  mit
der  Spree  auf.  Das  rechte  Elbufer  ist  meist  sandig  und  unfruchtbar,  das  linke
aber  reich  an  fetten  Wiesen  und  gesegneten  Fruchtfeldern.  Die  fruchtbarste  Gegend
hier  heißt  die  Magdeburger  Börde.  Von  Torgau  an  werden  die  Ufer  so
flach,  daß  der  Fluß  die  aufgeworfenen  Deiche  im  Frühlinge  oft  durchbricht  und
die  angrenzenden  Felder  und  Dörfer  überflutet.  80  km  unterhalb  Hamburg
mündet  die  Elbe,  15  km  breit,  bei  Kuxhaven  in  die  Nordsee.

30.  Die  Weser  entspringt  unter  dem  (gleichbedeutenden)  Namen  Werra  auf
dem  Thüringer  Walde.  Bei  Münden  nimmt  sie  die  Fulda,  die  vom  Rhöngebirge
kommt,  auf  und  durchströmt  nun  unter  dem  Namen  Weser  das  Weserbergland.
Oberhalb  Minden  verläßt  sie  das  Weserbergland  und  tritt  hier  durch  die  „westfälische
Pforte“  in  das  norddeutsche  Tiefland  ein.  Hier  nimmt  sie  rechts  die  Aller  (mit
der  Oker  und  Leine)  auf  und  fließt  dann  an  der  Seehandelsstadt  Bremen
vorüber.  Bald  verbreitert  sich  der  Strom  und  bildet  zahlreiche  Inseln,  bis  er
endlich  bei  Bremerhaven  in  die  Nordsee  einmündet.

31.  Der  Rhein.  a)  Der  Oberrhein.  Der  Rhein  entsteht  aus  mehreren
Gletscherbächen  des  St.  Gotthard.  In  wilder  Unbändigkeit  braust  er  zuerst
zwischen  hohen  Felsen  dahin  und  ergießt  sich  dann  in  den  Bodensee.  Nachdem
er  sich  hier  von  Schmutz  und  Geröll  gereinigt  hat,  wendet  er  sich  nach  Westen
und  stürzt  bei  Schaffhausen  über  25  m  hohe  Felsen  hinab.

b)  Der  Mittelrhein  beginnt  bei  Basel  und  reicht  bis  Bonn.  Bei  Basel
wendet  sich  der  Rhein  nördlich  und  durchfließt  die  oberrheinische  Tiefebene.  Sie
wird  im  Osten  vom  Schwarzwalde  und  Odenwalde,  im  Westen  vom  Wasgau
  eingeschlossen.  Bei  Mainz  empfängt  der  Rhein  den  Main,  dessen  Richtung  er
        <pb n="99" />
        —

27.——
*1*s

      

   

che  Pforte.

eine  Zeitlang  einschlägt.  Die  Strecke  zwischen  Mainz  und  Bingen  ist  der  reichgesegnete
  Rheingau.  Hier  sehen  wir  Weinberg  an  Weinberg  und  dazwischen  Nußbäume
und  echte  Kastanien  mit  eßbaren  Früchten.  Noch  schöner  aber  werden  die  Rheinufer
  von  Bingen  an,  wo  der  Rhein  die  Nahe  aufnimmt.  Hier  beginnt  der
Durchbruch  durch  das  rheinische  Schiefergebirge.  Der  Fluß  tritt  hier  in  ein
Thal,  das  auf  beiden  Seiten  von  schroffen  Felsen  eingeengt  ist  und  fast  bis
Koblenz  reicht.  Die  steilen  Ufer  sind  nicht  selten  von  unten  bis  oben  mit  Reben
bekränzt.  Unterhalb  Bingen  erhebt  sich  auf  einer  Felsenklippe  mitten  im  Rhein
der  gespensterhafte  Mäuseturm  (Maut  —  Zoll).  Weiter  abwärts  begegnen
wir  der  sagenhaften  Lorelei,  durch  die  jetzt  eine  Eisenbahn  führt.  Später
nimmt  der  Rhein  rechts  die  Lahn,  links  (bei  Koblenz)  die  Mosel  auf.  Noch
eine  Strecke  weiter  stromabwärts  bricht  der  Rhein  abermals  durch  Felsen,  die
erst  vor  Bonn  mit  dem  Siebengebirge  enden.

e)  Der  Niederrhein  beginnt  bei  Bonn  und  fließt  an  Köln,  Düsseldorf
  und  Wesel  vorüber.  Nachdem  der  Rhein  noch  zahlreiche  Nebenflüsse  auf
der  rechten  Seite  aufgenommen  hat  (Sieg,  Wupper,  Ruhr,  Lippeh,  verläßt
er  unterhalb  Wesel  das  deutsche  Gebiet  und  tritt  in  Holland  ein,  wo  er  sich
mit  der  Maas  vereinigt.  In  Holland  teilt  er  sich  innerhalb  seines  Deltas  in
viele  Arme,  von  denen  aber  nur  einer  den  Namen  Rhein  behält.  Die  Länge
des  ganzen  Rheins  beträgt  1360  km.

32.  Die  Donau  entsteht  aus  2  Quellflüssen  des  Schwarzwaldes.  Durch
die  Alpenzuflüsse  (Iller,  Lech,  Isar,  Inn),  die  sie  auf  der  rechten  Seite
empfängt,  wird  sie  besonders  mächtig  und  wasserreich.  Auf  der  linken  Seite
nimmt  sie  die  Altmühl,  die  Naab  und  den  Regen  auf.  Von  Regensburg
an,  wo  die  Donau  ihren  nördlichsten  Punkt  erreicht,  kann  sie  mit  großen  Dampfern
befahren  werden.  Bei  Passau  tritt  sie  in  Östreich  ein,  wo  sie  an  Wien
vorüberfließt.  Dann  durchströmt  sie  die  ungarische  Tiefebene  und  mündet  endlich,
ein  großes  Delta  bildend,  mit  3  Armen  ins  schwarze  Meer.

 

.  W  i

—  2

Westfalis
        <pb n="100" />
        —  94  —

d.  Klima.

33.  Deutschland  erfreut  sich  eines  milden,  gemäßigten  Klimas.  Im  allgemeinen
  herrschen  die  West=  und  Südwestwinde  vor.  Da  diese  aus  einer  wärmern
Gegend  und  vom  Meere  herkommen,  so  bringen  sie  uns  nicht  nur  Wärme,  sondern
  auch  häufig  Regen.  Die  Ost=  und  Nordostwinde  dagegen,  die  glücklicherweise
  nicht  allzuhäufig  eintreten,  wehen  über  die  ausgedehnten  Ländermassen  Rußlands
  hin  und  bringen  uns  daher  meistens  trockne  Kälte  im  Winter  oder  lästige
Hitze  im  Sommer.  Im  Winter  herrscht  namentlich  der  Südwestwind  vor.  Er
spendet  uns  dann  vom  noch  warmen  atlantischen  Meere  her  Wärme.  Beim
Fortzuge  nach  Nordost  erkaltet  er  aber  allmählich,  da  er  seine  Wärme  an  den
winterkalten  Boden  abgiebt.  Daher  kommt  es,  daß  in  Deutschland  die  Wärme
nicht  nach  Norden,  sondern  nach  Nordosten  hin  abnimmt.  So  ist  z.  B.  der
Rhein  durchschnittlich  nur  26  Tage,  die  Oder  aber  70  Tage  im  Jahre  mit  Eis
bedeckt.  Je  weiter  ein  Ort  bei  uns  nach  Nordosten  liegt,  desto  größer  wird
außerdem  auch  der  Unterschied  zwischen  Winter  und  Sommer.  (S.  102.)  Die
Stadt  Berlin  hat  z.  B.  kältere  Winter  und  heißere  Sommer  als  die  Stadt  Trier.
Der  Süden  Deutschlands  ist  im  allgemeinen  nur  wenig  wärmer  als  der  Norden;
die  Ursache  davon  ist  in  der  weit  höhern  Lage  Süddeutschlands  zu  suchen.
Daher  ist  es  z.  B.  in  München  durchschnittlich  kälter  als  in  Berlin.

 

II.  Die  Staaten  Deutschlands.

1.  Das  fNönigreich  Preußen.

(352  T.  akm  —  32  M.  E.  —  ¼  kath.)

Der  Norden  und  fast  der  ganze  Osten  liegen  in  dem  großen  norddeutschen
Tieflande,  das  von  dem  nördlichen  und  südlichen  Landrücken  durchzogen
wird.  (S.  87.)  Der  Süden  und  Westen  sind  gebirgig.  Die  wichtigsten  Gebirge
sind:  die  Sudeten,  der  Harz,  der  Thüringer  Wald,  das  Weserbergland
und  das  rheinische  Schiefergebirge  (S.  88—89).  Die  größten  Flüsse  sind:
Weichsel,  Oder,  Elbe,  Weser  und  Rhein  (S.  91—93).  Das  Königreich
  Preußen  zerfällt  in  12  Provinzen.

a.  Drovinz  Ostpreußen.  (37  T.  akm  —  2  M.  E.  —  1  kath.)

1.  Das  Küstengebiet.  Die  Küste  Ostpreußens  ist  eine  Haffküste.  An  ihrer
Bildung  sind  häufige  Nordweststürme  besonders  beteiligt.  (S.  87.)  Durch  die
kurische  Nehrung  wird  das  kurische  Haff,  durch  die  frische  Nehrung  das
frische  Haff  von  der  Ostsee  getrennt.

Die  kurische  Nehrung  ist  etwa  100  km  lang  und  ½—4  km  breit.  Wer
von  Norden  her  diesen  Landstreifen  betritt,  erblickt  nichts  als  einzelne,  verkrüppelte
Kiefern  und  50  bis  60  m  hohe  Sandberge.  Mit  diesen  treibt  der  Wind  sein
Spiel,  und  wenn  man  sie  betritt,  sinkt  man  tief  ein.  Ehedem  war  die  Nehrung
mit  üppigen  Wäldern  bestanden.  Als  aber  die  Russen  im  siebenjährigen  Kriege
die  dichten  Wälder  lichteten,  da  trieb  der  Westwind  den  Dünensand  immer  weiter
vor  sich  gegen  das  Haff  hin,  und  Wälder  und  Wiesen,  ja,  selbst  ganze  Dörfer
wurden  vom  Sande  verschüttet.  Nur  bei  dem  Dorfe  Schwarzort  findet  man
noch  einen  ausgedehnten  Hochwald.  Doch  auch  in  diesen  dringen  die  wandernden
Dünen  —  jährlich  etwa  6  m  nach  Osten  vorrückend  —  von  Jahr  zu  Jahr
tiefer  ein.  Nach  einigen  Jahrzehnten  wird  sehr  wahrscheinlich  nicht  nur  der
Wald,  sondern  auch  das  Dorf  selbst  von  ihnen  begraben  worden  sein.
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        55

 

 

–

 

 

Düne  bei  Schwarzort.
Da  sich  das  Haff  durch  das  Wasser  der  Memel  füllt,  so  erklärt  es  sich
leicht,  weshalb  sein  Wasser  Süßwasser  (Flußwasser)  ist.  An  dem  Memeler  Tief
liegt  Memel,  der  nördlichste  Hafen  Preußens.  Dort  wird  viel  russisches  Holz
verladen,  das  auf  der  Memel  und  dem  Haff  hierhergebracht  wird.  Daher  finden
wir  in  Memel  auch  über  60  Sägemühlen,  in  denen  man  das  Holz  zu  Brettern,
Balken  u.  s.  w.  verarbeitet.  —  Zwischen  dem  kurischen  und  dem  frischen  Haff  liegt
wie  eine  Halbinsel  das  Samland;  an  seiner  Küste  wird  viel  Bernstein  gefunden.

In  das  frische  Haff  mündet  der  Pregel;  an  ihm  liegt  Königsberg.

2.  Königsberg  (175  T.)  ist  die  zweite  Hauptstadt  Preußens.  Ziemlich  in  der
Mitte  der  Stadt  steht  auf  einer  Anhöhe  das  königliche  Schloß.  Mit  diesem  ist  die
Schloßkirche  verbunden,  worin  am  18.  Januar  1701  die  Krönung  Friedrichs  I.
zum  Könige  „in“  Preußen  stattfand.  Königsberg  ist  eine  bedeutende  Handelsstadt.
Dazu  ist  es  durch  seine  Lage  vorzüglich  geeignet.  Die  größern  Seeschiffe  müssen
zwar  schon  bei  der  Festung  Pillau  „gelöscht“  werden  (warumy),  die  kleinern  aber
können  bis  an  den  Packhof  der  Stadt  fahren.  Königsberg  ist  auch  eine  starke
Festung,  durch  die  die  Ostgrenze  Preußens  gegen  Rußland  geschützt  werden  soll.

3.  Litanen.  Der  nördliche  Teil  Ostpreußens  führt  den  Namen  Litauen.
Weite  Sumpfstrecken  sind  hier  durch  den  Fleiß  der  Bewohner  in  fruchtbare  Felder
umgewandelt  worden.  So  gleicht  die  Gegend  um  Trakehnen,  einst  ein  wertloser
  Sumpf,  jetzt  einem  prächtigen  Garten.  Kreuz  und  guer  ziehen  sich  durch
diese  Gegend  dichte  Alleen,  und  auf  den  üppigen  Weideflächen  tummeln  sich,  von
berittenen  Hirten  überwacht,  große  Herden  edler  Rosse.  Auch  die  Tilsiter
Niederung  (westlich  von  Tilsit)  bestand  vor  150  Jahren  nur  aus  Bruch=  und
Moorland.  Jetzt  ist  sie  mit  ihren  üppigen  Kornfeldern,  kräftigen  Rinderherden
und  stattlichen  Bauernhäusern  eine  der  wohlhabendsten  Gegenden  Deutschlands.
Die  Litauer  sprechen  noch  heute  ihre  eigne  Sprache.  Sie  züchten  kräftige  Pferde
und  sind  auch  geschickte  Reiter.  Schon  der  kleine  Knabe  sitzt  auf  dem  kleinen,
muntern  Pferde  ohne  Zaum  und  Sattel  so  fest  wie  ein  Alter.

Die  Hauptstadt  Litauens  ist  Tilsit  an  der  Memel.  Hier  wurde  1807  auf
einem  Floßzelte  der  unglückliche  Friede  zwischen  Napoleon  I.  und  Friedrich  Wilhelm
  III.  abgeschlossen  (nachdem  Preußen  in  den  Schlachten  bei  Pr.  Eylan
und  Friedland  besiegt  worden  war).  Die  zweitgrößte  Stadt  Litauens  ist
Insterburg,  am  Pregel  gelegen.  Gumbinnen  wurde  1723  an  Stelle  eines

frühern  Dorfes  von  Friedrich  Wilhelm  I.  gegründet  und  den  vertriebenen  Salzburgern
  als  Wohnsitz  angewiesen.
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        —  96  —

4.  Masuren.  Im  Süden  wird  die  Provinz  von  dem  nördlichen  Landrücken
durchzogen.  Er  trägt  hier  (wie  in  Westpreußen)  in  einer  Einsenkung  viele  Seen
und  wird  auch  die  preußische  Seenplatte  genannt.  Die  bedeutendsten  dieser
Seen  sind  der  Mauer-  und  der  Spirdingsee.  Hier  auf  dem  Landrücken  sind
wir  im  Lande  der  (zu  den  Polen  gehörigen)  Masuren.  Die  blauen,  waldumsäumten
  Seen  verleihen  der  Landschaft  einen  so  großen  Reiz,  daß  man  die
Umgebung  Lötzens  die  „masurische  Schweiz“  nennt.  Da  der  Boden  des
Höhenrückens  jedoch  vielfach  sehr  sandig  ist,  so  ist  er  größtenteils  mit  Kiefernwäldern
  bedeckt.  Am  bekanntesten  ist  die  100  km  lange  „Johannisburger  Heide“,
die  zuweilen  noch  von  Wölfen  und  Luchsen  (aus  Rußland)  aufgesucht  wird.

b.  Hrovinz  Westpreußen.  (26  T.  qkm  —  1,5  M.  E.  —  ¼  kath.)

1.  Die  Höhenplatte.  Durch  Westpreußen  zieht  sich  (wie  durch  Ostpreußen)
der  nördliche  Landrücken.  Er  wird  hier  von  der  Weichsel  durchbrochen  und  bildet
auf  jeder  Seite  des  Flusses  eine  seenreiche  Höhenplatte.  Auf  dem  südlichen  Abhange
der  westlichen  Höhenplatte  liegt  die  70  km  lange  „tuchelsche  Heide“.  Ihr
sandiger  Boden  ist  größtenteils  mit  Kiefern  bestanden.  Im  Norden  der  Höhenplatte
  liegt  das  Land  der  polnischen  Kaschuben.  Auch  hier  finden  sich  öde  Sandund
  Heidegegenden,  so  daß  Roggen,  Kartoffeln,  Buchweizen  u.  s.  w.  auf  den
Feldern  recht  kümmerlich  stehen.  Die  Bewohner  sind  daher  meist  arm.  Selbst  die
zahlreichen  Adeligen  und  Grafen  des  Landes  nähren  sich  durch  ihrer  Hände  Arbeit;
ja,  manche  von  ihnen  versehen  sogar  die  Dienste  eines  Knechtes  oder  Hirten.

2.  Das  Weichselthal.  Die  Weichsel  (S.  91)  tritt  oberhalb  der  bedeutenden
Grenzfestung  Thorn  in  Westpreußen  ein  und  durchbricht  alsdann  den  nördlichen
Landrücken.  Der  Boden  in  dem  hier  8—15  km  breiten  Weichselthale  besteht
durchweg  aus  Schwemmland.  Er  ist  daher  äußerst  fruchtbar.  Auf  den  Anhöhen
seitlich  vom  Weichselthale  (S.  91)  liegen  die  bedeutendsten  Städte  der  Provinz:
Thorn,  mit  einem  Denkmale  des  Kopernikus,  Graudenz,  ehemals  Festung,
Marienwerder,  dann  (an  der  Nogat)  Marienburg,  mit  dem  prachtvollen
Schlosse  der  Deutschritter,  und  südöstlich  der  Nogat-Mündung  Elbing.  An  der
Danziger  Weichsel  liegt  die  Festung  Danzig  (130  T.),  die  Hauptstadt  der  Provinz.
Sie  treibt  bedeutenden  Handel  mit  Getreide  und  Holz  aus  Polen.  (S.  91.)

3.  Die  Wetichselniederung  umfaßt  das  Deltaland  der  Weichsel.  Sie  ist  eine  ungemein
  fruchtbare  Ebene.  Der  Weizen  wird  daher  hier  mannshoch,  und  das  Gras
reicht  den  darin  weidenden  Rindern  bis  an  die  Brust.  Im  Frühlinge  schwillt  der
Strom  gewaltig  an.  Daher  sind  längs  der  Flußarme  zu  beiden  Seiten  7—8m
hohe  Deiche  errichtet,  um  das  Land  gegen  die  Hochflut  des  Frühjahrs  zu  schützen.
Nicht  selten  aber  geschieht  es,  daß  die  Weichsel  in  ihrem  südlichen  Laufe  bereits  aufgetaut
  ist,  während  sie  weiter  nach  Norden  noch  von  dickem  Eise  bedeckt  wird.  Dann
schieben  sich  die  Eisschollen  über=  und  untereinander  und  verstopfen  zuweilen  den
ganzen  Flußlauf.  Das  Wasser  staut  sich  daher  auf  und  überflutet  oder  durchbricht  die
Deiche.  Im  Jahre  1855  stürzten  die  hereinbrechenden  Fluten  mitten  in  zwei  dicht
am  Deiche  liegende  Dörfer  hinein.  Fast  sämtliche  Häuser  wurden  fortgerissen;  viele
Bewohner  ertranken  in  den  Fluten,  andre  erstarrten  auf  den  Eisschollen,  auf  denen
sie  Rettung  gesucht  hatten.  Die  fruchtbaren  Felder  aber  waren  auf  weite  Strecken
mit  hohen  Sandmassen  bedeckt  und  in  eine  Wüste  verwandelt  worden.  .

4.  Bei  Danzig  bildet  die  Ostsee  die  Danziger  Bucht.  Von  dieser  ist  durch
die  frische  Nehrung  das  frische  Haff  und  durch  die  Landzunge  Hela  das
Putziger  Wiek  abgeteilt.  Die  Landzunge  Hela  ist  etwa  45  km  lang  und  1—5  km
breit.  An  ihrer  Spitze  trägt  sie  den  Flecken  Hela.
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        —  97  —.

c.  Drovinz  Hommern.  (30  T.  akm  —  1,6  M.  E.  —  ⅛#  kath.)

1.  Das  Odergebiet.  Der  Hauptfluß  Pommerns  ist  die  Oder  (S.  10).  Sie
scheidet  die  Provinz  in  Vor=  und  Hinterpommern.  An  der  Oder  liegt  Stettin
(141  T.),  die  Hauptstadt  der  Provinz.  Durch  ihre  vorzügliche  Lage  ist  sie  auch
die  erste  Seehandelsstadt  Preußens  geworden.  Die  Oder  ist  hier  nämlich  so  tief,
daß  selbst  beladene  Seeschiffe  bis  an  die  Stadt  fahren  können.  Dazu  kommt  ferner,
daß  Stettin  der  nächste  Hafen  Berlins  ist.  Die  ausländischen  Waren,  die  nach
Berlin  gehen,  nehmen  daher  meistens  den  Weg  über  Stettin.  —  In  2  Stunden
fährt  man  von  Stettin  aus  mit  einem  Dampfboote  nach  dem  Stettiner  Haff.
Dieses  steht  durch  3  Arme,  Peene,  Swine  und  Dievenow  difenol,  mit  der
Ostsee  in  Verbindung.  Durch  diese  3  Wasserarme  werden  die  beiden  Inseln
Usedom  und  Wollin  gebildet.

2.  Vorpommern  hat  durchweg  recht  fruchtbaren  Boden  und  daher  blühende
Landwirtschaften  und  prächtige  Laubwälder.  Die  bedeutendsten  Städte  sind  hier
Strälsund  (S.  41)  und  Greifswald.  Die  vielen  Meeresbuchten  an  der  vorpommerschen
  Küste  sind  ungemein  fischreich.  Daher  beschäftigen  sich  hier  die  Küstenbewohner
  hauptsächlich  mit  Fischhang.  Namentlich  werden  viel  Heringe  gefangen,
die  dann  hier  an  Ort  und  Stelle  geräuchert,  eingesalzen  oder  gebraten  werden.

3.  Hinterpommern  wird  von  dem  nördlichen  Landrücken  durchzogen.  Er  ist
sehr  reich  an  Seen  und  wird  auch  die  pommersche  Seenplatte  genannt.  Der
Boden  ist  vielfach  sandig.  Daher  treten  hier  sehr  große  Kieferwaldungen  auf,  auch
wird  die  Schafzucht  im  großen  betrieben.  Die  auf  dem  Höhenzuge  entspringenden
kleinen  Flüsse  (Rega,  Persante,  Wipper,  Stolpe)  rauschen  im  engen  Thale
der  nahen  Ostsee  zu.  Die  Küste  ist  hier  —  wenige  Stellen  abgerechnet  —  flach
und  mit  Dünen  besetzt.  Hinter  diesen  haben  sich  infolge  des  aufgestauten  Wassers
viele  Strandseen  gebildet.  Sie  sind  nicht  nur  sehr  fischreich,  sondern  begünstigen
auch  die  Gänsezucht  ungemein.  Die  pommerschen  Gänse  sind  weit  und  breit  berühmt.
Von  Rügenwalde  allein  werden  alljährlich  viele  Tausende  von  „Spickgänsen“
(spicken  =  räuchern)  durch  ganz  Deutschland  versandt.  Die  größte  Stadt  Hinterpommerns
  ist  Stargard  a.  d.  Ihna.  An  der  Persante  liegt  Kolberg,  das  1807
von  Nettelbeck,  Schill  und  Gneisenau  tapfer  gegen  die  Franzosen  verteidigt  wurde,
am  Fuße  des  Gollenberges  Köslin.

4.  Rügen  ist  die  größte  und  schönste  deutsche  Insel.  Durch  einen  3—4  km
breiten  Sund  ist  sie  vom  Festlande  getrennt.  Uberall  dringt  das  Meer  in  die  Insel
ein  und  bildet  viele  Halbinseln  und  Landzungen.  Die  Hauptstadt  Rügens  ist
Bergen.  Der  Glanzpunkt  der  Insel  ist  die  Stubbenkammer.  Das  ist  ein  steiler,
120  m  hoher  Kreidefelsen.  Sein  Gipfel,  der  Königsstuhl,  gewährt  eine  40  km
weite  Aussicht  über  das  Meer.  Etwa  15  Minuten  westlich  von  der  Stubbenkammer
findet  man  in  einem  prächtigen  Buchenwalde  den  „Herthasee“.  Ein  15  m  hoher
Erdwall  und  mehrere  in  der  Nähe  gefundene  „Opfersteine“  deuten  darauf  hin,  daß
sich  hier  ehemals  eine  heidnische  Opferstätte  befand.  In  neuster  Zeit  ist  Rügen
eine  beliebte  Sommerfrische,  besonders  der  Berliner,  geworden.  Die  berühmtesten
Badeörter  sind  Saßnitz,  Putbus  u.  a.

d.  Drovinz  Hosen.  (29  T.  qkm  —  1,9  M.  E.  —  ¾  kath.)

1.  Das  Land.  Posen  liegt  zwischen  der  Weichsel  und  Oder.  Das  Land
ist  ein  wellenförmiges  Flachland,  das  im  allgemeinen  nicht  unfruchtbar  ist.  Die
Flüsse  (Warthe  mit  der  Netze)  haben  sehr  flache  Ufer,  weshalb  sie  zur  Zeit  der
Schneeschmelze  nicht  selten  die  anliegenden  Länderstrecken  überschwemmen.  Als  ein
ödes  Wald=  und  Sumpfland  übernahm  Preußen  diesen  Landstrich.  Aber  Friedrich

  d.  Gr.,  der  bei  der  ersten  Teilung  Polens  das  Netzegebiet  erhielt,  begann
Realienbuch.  B.  7
        <pb n="104" />
        —  98  —

sofort  mit  der  Urbarmachung  und  baute  den  Bromberger  Kanal,  der  die  Netze
mit  der  Brahe  (und  dadurch  die  Oder  mit  der  Weichsel)  verbindet.  „Hier  habe
ich,“  sagte  er  stolz,  „ein  Fürstentum  gewonnen,  zu  dessen  Eroberung  ich  keines
Soldaten  bedurfte.“  Nach  und  nach  sind  auch  noch  die  meisten  andern  Sumpfgegenden
  der  Provinz  entwässert,  so  daß  sich  nur  noch  wenige  Landstriche  finden,
die  mit  unfruchtbaren  Mooren  bedeckt  sind.  Fast  überall,  besonders  in  den  Niederungen
der  Warthe,  Weichsel  und  Netze  —  erblickt  das  Auge  jetzt  fruchtbare  Felder  und
Wiesen.  Die  Hauptstadt  Posen  (73  T.)  ist  eine  starke  Festung.  Andre  Städte  sind
Bromberg,  Gnesen,  Lissa  u.  s.  w.

2.  Der  polnische  Bauer.  Die  Bewohner  der  Provinz  sind  zur  größern  Hälfte
polnischer  Abstammung  und  die  Dörfer  im  östlichen  Teile  fast  ausschließlich  von
Polen  bewohnt.  Solange  das  Land  unter  polnischer  Herrschaft  stand,  war  der
Bauer  Leibeigner  seines  Gutsherrn,  und  in  den  Dörfern  sah  es  jämmerlich  aus.
Seitdem  jedoch  das  Land  preußisch  geworden  und  der  Bauer  ein  freier  Mann  ist,
hat  sich  vieles  gebessert.  Die  Dörfer,  in  denen  z.  T.  jetzt  auch  schon  viele  Deutsche
wohnen,  haben  ein  sauberes  und  freundliches  Aussehen  erhalten.  An  vielen  Stellen,
wo  früher  ein  altes  zerfallenes  Wohnhaus  mit  zerfetztem  Strohdache  stand,  erhebt
sich  jetzt  ein  neues,  das  nicht  selten  mit  Ziegeln  gedeckt  ist.  Auch  die  Dorfsstraße
ist  gepflastert,  und  die  Wege  sind  mit  Bäumen  bepflanzt  worden.  Fast  in  allen
Dörfern  sind  Schulen  errichtet,  und  lesen  und  schreiben  lernt  jetzt  wohl  jedes  Kind.

c.  Drovinz  Schlesien.  (40  T.  akm  —  4,4  M.  E.  —  kath.)

1.  Bodengestalt.  Schlesien  hat  im  allgemeinen  die  Gestalt  eines  großen
muldenförmigen  Thales.  Im  Osten  wird  es  vom  südlichen  Landrücken  (dessen
bedeutendster  Teil  die  Tarnowitzer  Höhen  sind),  im  Südwesten  aber  von  den
Sudeten  (S.  88)  begrenzt.

2.  Das  Oderthal.  Der  größte  Teil  Schlesiens  ist  Tiefland,  das  der  Länge
nach  von  der  Oder  durchflossen  wird.  (Nenne  die  bedeutendsten  Nebenflüsse  der
Oder  in  Schlesien!  S.  92.)  Bei  Ratibor  wird  die  Oder  schiffbar.  Weiter  nördlich
führt  sie  an  Kosel,  Oppeln  und  Brieg  vorüber  nach  Breslau  (375  T.),  der
Hauptstadt  Schlesiens.  Breslau  ist  die  zweitgrößte  Stadt  Preußens.  Auf  dem  Marktplatze
  erfreuen  uns  die  Standbilder  Friedrichs  d.  Gr.  und  Friedrich  Wilhelms  III.,
auf  dem  Blücherplatze  erhebt  sich  das  Denkmal  Blüchers.  Die  Kohlenvorräte
der  Provinz  ermöglichen  eine  großartige  Fabrikthätigkeit,  die  sich  hauptsächlich  auf
Maschinenbau  und  Wollweberei  erstreckt.  Die  Wolle  wird  von  den  großen  Schäfereien
auf  dem  rechten,  sandigen  Oderufer  geliefert.  Im  Westen  und  Süden  von  Breslau
dehnt  sich  die  äußerst  fruchtbare  mittelschlesische  Ebene  aus.  Der  Zuckerrübenbau
dort  hat  zahlreiche  Zuckerfabriken  hervorgerufen.  Der  Hauptort  ist  das  durch  seine
Gemüse=  und  Blumengärtnereien  bekannte  Liegnitz.  Die  weite  Ebene  ist  oftmals
der  Schauplatz  heftiger  Kämpfe  gewesen,  so  bei  Mollwitz  1741,  Hohenfriedberg
  1745,  Leuthen  1757,  Liegnitz  1760,  an  der  Katzbach  1813.  —  Stromabwärts
  von  Breslau  gelangen  wir  nach  der  Festung  Glogau  und  von  dort  mit
der  Eisenbahn  nach  Grünberg,  in  dessen  hügeliger  Umgebung  Wein  gebaut  wird.

3.  Am  Fuße  der  Sundeten  dehnt  sich  bis  zur  Ebene  hin  ein  breites  Hügelland
aus,  das  von  muntern  Gebirgsbächen  durchschnitten  wird.  In  den  langen,  tiefen
Thälern  ziehen  sich  oft  stundenlange  Gebirgsdörfer  hin,  wie  Langenbielau  (17  T.)
Wüstegiersdorf  u.  a.  Bergbau  kann  wegen  Mangel  an  Erzen  nur  in  geringem
Maße  betrieben  werden.  Ihre  Bewohner  ernähren  sich  daher  vielfach  als  Weber,
wozu  ihnen  die  Felder  vorzüglichen  Flachs  liefern.  Die  hauptsächlichsten  Bezirke
für  Leinen=  und  Baumwollenweberei  sind  Reichenbach,  Landeshut,  Hirschberg
  und  Schweidnitz,  für  Tuchwebereien  Görlitz  (70  T.).  Das  Brenn-
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        —  99  —

material  liefert  allen  diesen  Fabriken  das  große  Steinkohlenlager  im  Waldenburger
  Berglande.  Infolge  des  Kohlenreichtums  hat  sich  im  Waldenburger  Bezirk
eine  sehr  lebhafte  Fabrikthätigkeit  entwickelt.  In  den  Thälern  finden  sich  zahlreiche
Heilquellen  (Warmbrunn,  Salzbrunn,  Reinerz,  Landeck  u.  a.).  Tausende
von  Kranken  suchen  und  finden  hier  alljährlich  Heilung.  —  Am  Fuße  der  Sudeten
liegt  die  Festung  Neiße,  im  Gebirge  die  Festung  Glatz,  beide  an  der  Glatzer  Neiße.

4.  Die  Tarnowitzer  Höhen  erheben  sich  im  Südosten  der  Provinz  am  rechten
Oderufer.  Auf  dem  feuchten  und  kalten  Sandboden  will  der  Ackerbau  nicht  so  recht
lohnen.  Der  größte  Teil  des  Bodens  ist  daher  mit  Kiefern,  Fichten,  Buchen  und
Eichen  bestanden,  die  Forsten  von  riesiger  Ausdehnung  bilden.  Im  Schoße  dieser
Berge  aber  finden  sich  unermeßliche  Schätze  von  Steinkohlen,  ebenso  von  Erzen,  aus
denen  Eisen,  Zink,  Blei  u.  s.  w.  gewonnen  wird.  Der  Mittelpunkt  dieser  dicht
bevölkerten  Gegend  ist  Königshütte,  eine  Stadt,  die  heute  45.000  E.  zählt,  vor
30  Jahren  aber  noch  ein  Dorf  mit  einigen  Hundert  Bewohnern  war.

f.  Drovinz  Brandenburg.  (40  T.  akm  —  4,5  M.  E.  —  ½  kath.)

1.  Bodenbeschaffenheit.  Brandenburg,  „die  Streusandbüchse  des  h.  römischen
Reiches“,  hat  viel  Sandboden,  besonders  im  Nordwesten  (Priegnitz)  und  Nordosten
(Neumark).  Daher  sind  hier  auch  weite  Strecken  mit  dürrem  Kieferngehölz,  den
ebrandenburgischen  Wäldern“,  bewachsen.  Die  Provinz  wird  vom  nördlichen  und
südlichen  Landrücken  durchzogen.  Der  nördliche  Landrücken  hat  fruchtbares  Ackerland
  und  herrliche  Buchenwälder;  der  südliche,  hier  Fläming  genannt,  dagegen
ist  sandig  und  unfruchtbar.  Da,  wo  diese  Höhenzüge  von  Flüssen  durchbrochen
werden,  ist  die  „Sandbüchse"  mit  lieblichen  Thal=  und  Hügellandschaften  geschmückt,
z.  B.  bei  Potsdam,  Schwedt  u.  s.  w.  Zwischen  den  Höhenzügen  breiten  sich  große,
muldenförmige  Senkungen  aus,  die  mit  zahlreichen  Seen  und  Sümpfen  angefüllt
sind.  Daher  die  vielen  Moore  und  Brüche  in  der  Provinz,  wie  z.  B.  der  Spreewald;
  daher  erklärt  sich  auch  der  Torfreichtum  Brandenburgs,  wie  z.  B.  im
Rhinluch  bei  Oranienburg.

2.  Das  Odergebiet.  Der  Hauptfluß  der  Provinz  ist  die  Oder  mit  der
Warthe,  die  Lausitzer  Neiße  und  der  Bober  (S.  10.)  An  der  Oder  liegen
Frankfurt  und  die  Festung  Küstrin.  Bei  Küstrin  beginnt  der  fruchtbare  Oderbruch,
  den  schon  Friedrich  der  Große  trocken  legen  ließ.

3.  Das  Havel=  und  Spreegebiet.  Der  zweitgrößte  Fluß  ist  die  Havel,
die  sich  in  den  weiten  Sumpfniederungen  oft  seenartig  erweitert.  An  der  Havel
liegen  Spandau,  eine  starke  Festung,  Potsdam  (Sanssouci,  neues  Palais),
Brandenburg,  Havelberg  u.  a.  Bei  Spandau  nimmt  die  Havel  die  Spree  auf.

4.  Der  Spreewald.  Zwischen  Lübben  und  Kottbus  dehnt  sich  der  etwa
45  km  lange  Spreewald  aus.  Die  Spree  hat  nämlich  hier  sehr  wenig  Gefälle
und  teilt  sich  daher  in  zahllose  Arme,  die  netzförmig  die  moorige  Senke  durchziehen.
Bei  hohem  Wasserstande  wird  die  ganze  Niederung  überschwemmt.  Die  höher
gelegenen  Stellen  sind  durch  Abzugsgräben  in  fruchtbares  Wiesen=  und  Gartenland
verwandelt  worden.  Die  Sümpfe  aber  sind  mit  dichten  Wäldern  bestanden,  in
denen  die  Erle  vorherrscht.  Die  vielen  Flußarme  und  Gräben  vertreten  im  Spreewalde
  die  Stelle  der  Straßen.  Alles,  was  anderswo  zu  Fuß,  zu  Pferd  oder  zu
Wagen  abgemacht  wird,  verrichtet  man  hier  in  Kähnen.  Im  Kahne  fährt  der
Bauer  aufs  Feld,  und  im  Kahne  bringt  er  seine  Ernte  nach  Hause.  Ein  Kahn
trägt  die  Kinder  zur  Schule,  die  Erwachsenen  zur  Kirche,  das  Kind  zur  Taufe,
die  Leiche  nach  dem  Kirchhofe.  Aus  dem  Kahne  überreicht  der  Postbote  den  Brief,
und  zu  Kahne  verfolgt  selbst  der  Förster  den  Holzdieb.  Die  Bewohner  des  Spreewaldes
  sind  Nachkommen  des  einst  so  mächtigen  Volksstammes  der  Wenden.  In

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        –i  rrertr

 

—  —
Spreewald.

einigen  Kirchen  wird  noch  heute  wendisch  gepredigt,  und  in  den  Schulen  neben
der  deutschen  Sprache  auch  die  wendische  gelehrt.

5.  Berlin.  An  der  Spree  liegt  Berlin  (1,7  M.),  die  Hauptstadt  Preußens  und
Deutschlands.  Die  Spree  bildet  hier  2  Arme.  An  dem  einen  Arme  liegt  das  königliche
  Schloß.  Seine  mit  Kupfer  gedeckte  Kuppel  überragt  alle  andern  Gebäude  der
Stadt.  Es  enthält  mehr  als  600  Säle  und  Zimmer.  In  dem  Thronsaale  steht  der
goldne  Thron,  und  in  dem  „weißen  Saale“  empfängt  der  König  die  Abgeordneten
des  Landes.  Vom  Schlosse  aus  gelangt  man  durch  die  Anlagen  des  Lustgartens  in
das  Museum.  Darin  sind  Gemälde,  Bildsäulen,  kostbare  Geräte  und  Kunstsachen  aller
Zeiten  und  Länder  ausgestellt.  Uberschreiten  wir  von  hieraus  die  Schloßbrücke,  so
betreten  wir  die  schönste  Straße  der  Stadt,  „Unter  den  Linden“.  Sie  ist  sehr  breit
und  mit  4  Reihen  Linden  bepflanzt.  Gleich  am  Anfange  der  Straße  steht  hier  das
Palais,  das  Kaiser  Wilhelm  I.  bewohnt  hat,  dem  Palais  gegenüber  das  prachtvolle
Reiterstandbild  Friedrichs  d.  Gr.  Zu  beiden  Seiten  ist  die  Straße  mit  Palästen  und
4—  östöckigen  Häusern  besetzt.  Hier  sind  die  schönsten  Läden  der  Stadt,  hier  wogt
es  beständig  von  Spaziergängern  und  Fremden  auf  und  ab.  Am  Ende  der  Straße
steht  das  Brandenburger  Thor.  Oben  auf  dem  Thore  prangt  der  Siegeswagen,
bespannt  mit  4  Rossen  und  gelenkt  von  der  Siegesgöttin.  Er  wurde  1807  nach
Paris  entführt,  1814  aber  wieder  zurückgeholt.  Vor  dem  Brandenburger  Thore
erhebt  sich  auf  dem  Königsplatze  die  1873  errichtete  Siegessäule.  Hier  beginnt  auch
der  Tiergarten,  ein  Lustwald,  der  an  seinem  Rande  mit  vielen  Villen  versehen  ist.
—  Wer  zum  erstenmal  nach  Berlin  kommt,  ist  erstaunt  über  die  Menge  Menschen
und  Wagen,  die  unauphörlich  die  Straßen  durchziehen.  Droschken,  Omnibusse,  Pferdebahnen,
  elektrische  Bahnen  u.  s.  w.  fliegen  fortwährend  an  uns  vorüber,  und  seit
1882  geht  auch  eine  Eisenbahn  auf  hohen  Brücken  mitten  durch  die  Stadt.  —
Von  Berlin  führt  uns  der  Weg  nach  Charlottenburg  (132  T.).  Hier  befindet
sich  das  Mausoleum,  worin  Kaiser  Wilhelm  I.  neben  seinen  Eltern  ruht.

6.  Kanäle.  Im  Süden.  Um  eine  möglichst  kurze  Schiffahrtsverbindung
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        —  101  —

zwischen  Elbe  und  Oder  herzustellen,  hat  man  die  Elbe  mit  der  Havel  durch  den
plaueschen  Kanal,  die  Havel  mit  der  Oder  durch  den  Finowkanal  und  die  Spree
mit  der  Oder  durch  den  Friedrich  Wilhelms-Kanal  verbunden.  —  Im  Süden
der  Provinz  giebt  es  (wie  auch  in  der  Stadt  Brandenburg)  viele  Tuchfabriken,
namentlich  in  Forst,  Luckenwalde,  Guben,  Spremberg,  Kottbus  u.  s.  w.

7.  Die  bekanntesten  Schlachtörter  in  Brandenburg  sind  Fehrbellin  (1675),
Zorndorf  (1758),  Kunersdorf  (1759),  Groß-Beeren  (1813).

g.  Drovinz  Sachsen.  (25  T.  akm  —  2,7  M.  E.  —  ¼  kath.)

1.  Das  Elbgebiet  von  Mühlhausen  bis  zur  Magdeburger  Börde.  Die
Provinz  Sachsen  umfaßt  einen  großen  Teil  des  Elbtieflandes.  Die  Elbe  (S.  92)
durchfließt  nämlich  die  Provinz  fast  der  ganzen  Länge  nach  und  nimmt  hier  die
Saale  auf.  Die  wichtigsten  Städte  an  der  Elbe  sind:  Mühlberg  (Schlacht  1547),
Torgau  (Festg.,  Schlacht  1760),  Wittenberg  (Geschichtel),  Schönebeck  (Saline)
und  Magdeburg.  An  den  Ufern  der  Elbe  ist  viel  Marschland,  namentlich  auf
der  linken  Elbseite  in  der  Magdeburger  Börde

2.  Die  Magdeburger  Börde  liegt  zwischen  Ohre  und  Saale  und  zieht  sich
bis  nahe  an  den  Harz  hin.  Der  Acker  ist  hier  äußerst  fett  und  fruchtbar  und  besteht
vorzugsweise  aus  schwerem,  schwarzem  Lehmboden.  Bäume  sieht  man  hier  meist  nur
an  den  Chausseen.  Vom  Korn  sagt  ein  Volksspruch,  es  werde  so  hoch,  daß  ein  Reiter
zu  Pferde  darin  verschwinde.  Rüben  und  Cichorien,  die  hier  in  großer  Uppigkeit
wachsen,  haben  eine  Menge  Zucker=  und  Cichorienfabriken  entstehen  lassen.  Dazu
hat  die  Börde  auch  mehrere  Salz=  und  Braunkohlenwerke,  die  recht  ergiebig  sind.
Überall  herrscht  daher  der  größte  Wohlstand.  —  Die  bedeutendste  Stadt  der  Börde  ist
Magdeburg  (mit  den  Vorstädten  214  T.).  Im  Dome  hier  ruht  Otto  d.  Gr.  mit
seiner  Gemahlin  Editha,  und  auf  dem  „alten  Markte“  steht  sein  Reiterbild.  (S.  15.)

3.  Die  Altmark.  Im  Norden  giebt  es  aber  auch  viel  Sandboden,  besonders
in  der  Altmark.  Die  Altmark  ist  das  Stammland  Preußens.  Die  wichtigsten
Städte  hier  sind  Stendal  und  Salzwedel.

4.  Die  Saale  entspringt  auf  dem  Fichtelgebirge.  Zwischen  Naumburg  und
Weißenfels  sind  ihre  hügeligen  Ufer  vielfach  mit  Weinreben  bepflanzt.  Dann
tritt  sie  ins  Tiefland  ein,  wo  die  Schlachtfelder  von  Lützen  (1632),  Roßbach
(1757)  und  Gr.-Görschen  (1813)  liegen.  Darauf  fließt  sie  an  Merseburg
und  Halle  (120  T.)  vorüber  und  mündet  endlich  in  die  Elbe.  Vom  Harze
empfängt  sie  die  Bode,  an  der  Staßfurt  liegt.

5.  Das  Staßfurter  Steinsalzbergwerk  nimmt  unter  allen  europäischen  Salzbergwerken
  den  ersten  Rang  ein.  In  einer  Tiefe  von  etwa  300  m  stößt  man  hier
auf  ein  Salzlager,  das  eine  Mächtigkeit  von  über  400  m  hat.  Die  obersten  Schichten
bestehen  aus  einem  bunten  Gemisch  von  Stein-,  Bitter=  u.  a.  Salzen.  Unter  diesen
aber  ruht  das  reine  Steinsalz.  Die  Salze  werden  durch  Sprengungen  losgelöst
und  dann  in  Kasten  mittels  eines  Gewindes  zu  Tage  gefördert.  Zur  Sicherheit
läßt  man  hier  und  da  sogenannte  Abbaus=  oder  Sicherheitspfeiler  stehen.  Sie  tragen
die  über  8  m  hohe  Decke  und  erheben  sich  in  verschiedenen  Stockwerken  übereinander.
Durch  diese  Pfeiler  erhält  das  Innere  des  Bergwerks  ein  domähnliches  Aussehen,
und  Staunen  und  Bewunderung  erfüllen  jeden  Beschauer,  der  diese  mächtigen,  weißglänzenden
  Räume  betritt.  —  Das  reine  Steinsalz  wird  gemahlen  und  als  „Tafelsalz“
sofort  in  den  Handel  gebracht;  die  sogenannten  Abraumsalze  aber  werden  in  den
verschiedenen  chemischen  Fabriken  Staßfurts  zu  künstlichen  Düngemitteln  verarbeitet.

6.  Das  Bergland.  Im  Westen  der  Provinz  erhebt  sich  der  Harz.  (S.  88.)
Die  bekanntesten  Städte  in  seiner  Nähe  sind  Wernigerode,  Halberstadt,  Quedlinburg,
  Aschersleben,  Eisleben  (Geschichte!)  u.  a.  Weiter  südlich  hat  die
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Provinz  Anteil  am  Thüringer  Hügellande  und  am  Thüringer  Walde.  (Suhl  S.  89.)
Im  Thüringer  Hügellande  liegt  die  „goldne  Aue“,  das  fruchtbare  Thal  der
Helme;  westlich  davon  das  durch  seine  Branntweinbrennereien  bekannte  Nordhausen.
  In  der  Nähe  des  Thüringer  Hügellandes  liegt  auch  die  Stadt  Erfurt
(75  T.),  durch  ihre  Blumenzucht  weltbekannt,  sowie  Langen  salza.  (Schlacht  1866.)
Im  Nordosten  dieses  Hügellandes  erhebt  sich  das  rauhe,  unfruchtbare  Eichsfeld
(=  Eichenfeld).  Die  bedeutendste  Stadt  daselbst  ist  Mühlhausen.

h.  Hrovinz  Schleswiqg-olstein.  (19  T.  aum  —  1,3  M.  E.  —  kath.)

1.  An  der  Westküste  zieht  sich  ein  8—20  km  breiter  ebener,  sehr  fruchtbarer
  Landstrich  entlang,  der  den  Namen  „Marsch“  (S.  87)  führt.  Gegen  das
Meer  ist  die  Marsch  durch  5—10  m  hohe  Deiche  geschützt.  Schnurgerade  Gräben
durchschneiden  die  Marsch  und  leiten  das  überflüssige  Wasser  durch  Schleusen  ins
Meer.  Bäume  und  Sträucher  sind  in  der  Marsch  selten.  Das  milde,  feuchte  Klima
ruft  einen  ungemein  üppigen  Graswuchs  hervor.  Daher  dient  die  Marsch  hauptsächlich
  als  Weideland;  doch  bestellt  man  sie  —  besonders  im  südlichen  Teile,  bis  zur
Eider  hin  —  auch  mit  Getreide,  Zuckerrüben  u.  s.  w.  In  der  Marsch  findet  man
neben  geschlossenen  Dörfern  auch  viele  Einzelgehöfte.  Die  Häuser  liegen  meistens
auf  künstlichen  Hügeln  („Warfen").  Diese  stammen  aus  jener  Zeit,  da  das  Land
noch  nicht  durch  Deiche  gegen  Uberschwemmungen  geschützt  war.

2.  Land=  und  Seeklima.  An  der  Westküste  Schleswig-Holsteins  (sowie  überhaupt
an  der  Nordseeküste)  ist  der  Himmel  oft  bewölkt;  daher  regnet  es  hier  auch  viel  mehr  als
im  Binnenlande  (z.  B.  in  Brandenburg).  Aus  dem  Meere  steigen  nämlich  tagtäglich  große
Mengen  Wasserdünste  in  die  Luft  empor,  die  bald  darauf  als  Wolken  am  Himmel  erscheinen
und  dem  benachbarten  Lande  häufig  Regen  bringen.  Eine  andre  auffallende  Erscheinung
an  der  Westküste  Schleswig-Holsteins  ist  die,  daß  die  Sommer  nicht  so  heiß,  die  Winter
aber  in  der  Regel  nicht  so  kalt  sind  als  im  Binnenlande.  Das  Meer  giebt  nämlich  die
Wärme  langsamer  von  sich  als  die  Erde.  Die  zurückgehaltene  Sommerwärme  aber  teilt
es  im  Winter  allmählich  der  angrenzenden  Luft  mit,  die  dann  durch  den  Wind  auf  die
benachbarten  Landstriche  gelangt  und  so  die  Temperatur  im  Winter  erhöht.  Daher  die
milden  Winter  in  Gegenden  mit  Seeklima!  Im  Sommer  dagegen  vermindert  das  Meer

durch  seine  stete  Ausdünstung  (wobei  viel  Wärme  verbraucht  wird)  die  Hitze  und  erniedrigt
durch  die  kühlen  Seewinde  die  Temperatur.  Daher  die  kühlen  Sommer!

3.  Die  Mitte  der  Halbinsel  enthält  viel  Moor=  und  Sandboden  (Geest)  und
ist  daher  nur  schwach  bevölkert.  Der  Moorboden  kommt  aber  seines  vielen  Torfes
wegen  dem  Lande  sehr  zu  statten,  da  das  Land  an  Wald  nur  arm  ist,  besonders
an  der  Westküste.  In  der  Marsch  fehlt  der  Wald  gänzlich.

4.  Im  Osten  der  Halbinsel  finden  wir  ein  fruchtbares  Hügelland.  Die  Felder
sind  hier  —  wie  auch  vielfach  in  der  Mitte  der  Halbinsel  —  mit  sogenannten
Knicks  umgeben.  Das  sind  grüne  Hecken,  die  auf  Erdwällen  stehen  und  zur  Einfriedigung
  und  zum  Schutze  des  Viehes  gegen  die  rauhen  Winde  dienen  sollen.  Die
langen,  schmalen  Einschnitte,  die  das  Meer  hier  an  der  Ostküste  in  das  Land  macht,
nennt  man  Förden.  An  ihnen  liegen  bedeutende  Städte:  Kiel  (86  T.),  Eckernförde,
  Schleswig  und  Flensburg.  ,

Der  Kieler  Hafen  ist  der  einzige  deutsche  Kriegshafen  der  Ostsee.  Er  er—
streckt  sich  15  km  weit  landeinwärts  und  hat  eine  Tiefe  von  9—11  m.  1865  ist
er  für  die  deutsche  Flotte  hergestellt,  und  seitdem  ist  Kiel  eine  rechte  Marine—
stadt  geworden.  Auf  den  dortigen  Schiffswerften  werden  großartige  Kriegsschiffe
erbaut,  von  denen  viele  mit  Eisen  bepanzert  sind.  Soll  ein  Schiff  ausgebessert
werden,  so  wird  es  in  einen  großen  ausgemauerten  Wasserbehälter  (Trockendock)
gefahren,  die  Einfahrt  durch  Thore  geschlossen  und  der  Wasserbehälter  leer  gepumpt.
Dann  liegt  das  Schiff  trocken  da.  Ist  die  Ausbesserung  beendet,  so  wird  das
Dock  geöffnet,  das  Wasser  dringt  hinein,  und  das  Schiff  wird  wieder  flott.
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        —  103  —

Der  Vorsprung  nordöstlich  von  Flensburg  bildet  die  Halbinsel  „Sundewitt“
mit  den  Düppeler  Schanzen.  Ihnen  gegenüber  liegt  die  Insel  Alsen  mit
Sonderburg.  (Gesch.  S.  74.)

5.  Flüsse.  Kaiser-Wilhelms-Kanal.  Der  Hauptfluß  der  Provinz  ist  die
Eider.  An  der  Eider  liegt  Rendsburg.  Im  Süden  fließt  als  Grenzfluß  die  Elbe.
Daran  liegt  Altona  (mit  Ottensen  150  T.),  die  bedeutendste  Fabrik=  und  Handelsstadt
  der  Provinz.  1895  wurde  der  Kaiser-Wilhelms-Kanal  eröffnet.  Er  verbindet
die  Unterelbe  mit  dem  Kieler  Hafen.  (Welche  Vorteile  bietet  er  den  Schiffern?)

6.  Die  nordfriesischen  Inseln  liegen  an  der  Westküste.  Von  ihnen  sind  Sylt
(wegen  seiner  stärkenden  Seeluft  viel  von  Fremden  besucht)  und  Föhr  die  bekanntesten.
  —  Auch  die  kleinen  Halligen  gehören  zu  ihnen.  Alle  diese  Inseln  sind
Überreste  des  ehemaligen  Festlandes,  das  im  Laufe  von  Jahrhunderten  durch  die
stürmische  Nordsee  verschlungen  worden  ist.  Zu  Schleswig-Holstein  rechnet  man
auch  die  Insel  Helgoland.

7.  Die  Hallig  ist  eine  nur  mit  Rasen  bedeckte  kleine  Insel,  die  weder  durch
Dünen  noch  durch  Deiche  gegen  die  Fluten  des  Meeres  geschützt  ist.  Es  ist  daher
nichts  Seltenes,  daß  sie,  namentlich  im  Winter,  überschwemmt  wird.  Auf  der  Hallig
wird  weder  gesät  noch  geerntet.  Nur  Schafe  und  Kühe  weiden  das  feine  Gras
ab  und  gewähren  den  Halligbewohnern  notdürftigen  Unterhalt.  Die  Männer
gehen  meistens  zur  See,  die  Frauen  besorgen  das  Haus  und  das  Vieh.  Die  Häuser,
mit  denen  auch  zugleich  der  Schafstall  verbunden  ist,  stehen  vereinzelt  auf  hohen
„Warfen“  oder  Erdhügeln  und  sind  so  gegen  die  aufbrausende  Flut  geschützt.
Tritt  aber  eine  Sturmflut  ein,  dann  flüchten  die  Bewohner  mit  ihren  Habseligkeiten
  und  ihren  Schafen  auf  den  Boden.  Denn  die  Wogen  dringen  bald  in  die
Stube  ein  und  drohen,  das  Haus  mit  seinen  Insassen  zu  verschlingen.  Das  sind
dann  fürchterliche  Stunden!  Das  Haus  dröhnt  in  allen  Fugen.  Zuweilen  widersteht
  es  der  Gewalt  des  Sturmes  und  der  Fluten;  nicht  selten  aber  wird  es  mit
Mann  und  Maus  in  den  Wellen  begraben.

i.  Drovinz  Hannover.  (38  T.  qkm  —  2,4  M.  E.  —  ½  kath.)

1.  Die  Provinz  Hannover  wird  durch  das  Herzogtum  Braunschweig  in  einen
größern  nördlichen  und  einen  kleinern  südlichen  Teil  getrennt.  Im  nördlichen  Teile
liegt  zwischen  Aller  und  Elbe  die  Lüneburger  Heide.

2.  Die  Lüneburger  Heide  bildet  eine  sandige  Hochebene.  Sie  ist  daher  zum
Ackerbau  wenig  geeignet.  Stundenlang  kann  man  inmitten  der  eigentlichen  Heide
wandern,  ohne  ein  Kornfeld,  ein  Dorf  zu  sehen.  Den  Boden  deckt  überall  die
graubraune  Heide.  Hier  und  da  erheben  sich  wie  dunkelgrüne  Pyramiden  Wacholderbüsche,
  und  an  günstigen  Orten  drängen  sich  auch  Kiefern  zu  kleinen  Wäldern  zusammen.
  Sie  vermögen  mit  ihrem  langen  Wurzelgeflechte  dem  dürren  Boden  noch
Nahrung  zu  entziehen.  (In  neuster  Zeit  werden  große  Flächen  der  Heide  aufgeforstet).
Aber  der  Heidebauer  weiß  aus  seiner  Heide  möglichst  viel  Vorteil  zu  ziehen.  Seinen
leichten  Sandacker  bestellt  er  vielfach  mit  dem  genügsamen  Buchweizen,  der  fast  bei
jeder  Mahlzeit  auf  dem  Tische  erscheint.  In  die  Heide  sendet  er  selbst  zur  Winterszeit)
seine  Schafherde,  die  „Heidschnucken“,  deren  Wolle  ihm  jährlich  ein  gut  Stück  Geld
einträgt.  Auch  die  honigreiche  Blüte  des  Heidekrauts  wird  durch  seinen  „Bienenzaun"
  für  ihn  zu  einer  reichen  Geldquelle,  während  ihm  die  Moore  den  Torf  zum
Brennen  liefern.  —  Durch  die  sandige  Heide  schlängeln  sich  aber  auch  vielfach  kleine
Bäche,  deren  Thäler  fruchtbare  Wiesen  und  Acker  haben.  In  solchen  Thälern  liegen
meistens  die  kleinen  Heidedörfer,  umschattet  von  uralten,  kräftigen  Eichen.  —  Die
wichtigsten  Städte  am  Rande  der  Heide  sind  Lüneburg  (mit  einer  Saline)  und  Celle.

3.  Ostfriesland,  der  nordwestliche  Teil  Hannovers,  hat  an  seinen  Küsten  un-
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Lüneburger

gemein  fruchtbares  Marschland.  Auf  dem  fetten  Boden  schießt  infolge  des  häufigen

Regens  (warum  häufig?  S.  102)  das  Gras  gar  üppig  empor.  Daher  steht  hier

die  Viehzucht  in  großer  Blüte,  und  die  fette  Butter  der  berühmten  ostfriesischen

Kühe  wird  weit  umher  versandt.  —  Die  bedeutendste  Stadt  Ostfrieslands  ist
Emden,  durch  einen  Kanal  mit  dem  Dollart  verbunden.

4.  Die  ostfriesischen  Inseln  liegen  an  der  Nordküste.  Zu  ihnen  gehören  auch
Borkum  und  Norderney,  wegen  ihres  milden  Seeklimas  als  Badeörter  sehr  besucht.
Zur  Zeit  der  Ebbe  ist  das  Land  (Watt)  zwischen  Norderney  und  dem  Festlande
fast  trocken,  so  daß  der  Postwagen  nach  der  Insel  hinüberfahren  kann.  Die  Bewohner
  der  Inseln  verschaffen  sich  hauptsächlich  auf  dem  Meere  ihren  Unterhalt.
Während  des  Sommers  vermieten  sie  gern  ihre  Stube  und  Kammer  an  die  Badegäste.
(Zu  Hannover  gehört  auch  das  von  Oldenburg  an  Preußen  abgetretene  Gebiet
am  Jadebusen,  wo  der  Kriegshafen  Wilhelmshaven  angelegt  worden  ist.)

5.  Die  Torfmoore.  Zu  beiden  Seiten  der  Ems  dehnen  sich  weite  Niederungen
aus,  die  mit  Sümpfen  und  Torfmooren  angefüllt  sind.  Die  steten  Ausdünstungen
in  der  feuchten  Ebene  erzeugen  die  dicken  Nebel,  die  fast  beständig  über  dieser
Gegend  lagern  und  mancherlei  Krankheiten  hervorrufen.  Kein  Baum,  kein  Strauch
will  in  diesen  Torfsümpfen  gedeihen,  und  wo  der  Mensch  ernten  will,  muß  er  si
künstlich  das  Ackerland  dazu  schaffen.  In  manchen  Gegenden  erscheinen  daher  im
Frühlinge  die  anwohnenden  Bauern  mit  Hacke  und  Karst,  lockern  den  Torfboden
auf  und  stecken  ihn,  nachdem  er  hinlänglich  trocken  geworden  ist,  in  Brand.  Dichter
Qualm  verfinstert  dann  den  Horizont.  Das  ist  der  Höhenrauch.  Sein  Dunst  wird
zuweilen  vom  Winde  bis  zu  den  Alpen  und  der  Weichsel  getrieben.  In  die  Asche
sät  der  Bauer  später  Buchweizen;  aber  nur  in  den  ersten  3—4  Jahren  ist  der
Boden  ertragsfähig,  dann  muß  er  20—30  Jahre  ruhig  liegen  bleiben,  bis  er  wieder
abgebrannt  und  besät  werden  kann.  In  neuerer  Zeit  sucht  man  das  Moor  dadurch
fruchtbar  zu  machen,  daß  man  das  Land  durch  Kanäle  entwässert,  den  Torf,  absticht
  und  den  darunterliegenden  Boden  düngt  und  mit  fruchtbarer  Erde  vermischt.
In  diesen  sogenannten  „Fehnen“  entstehen  dann  nach  und  nach  Gärten  und  Felder,
ja,  selbst  Dörfer  und  Städte.  Auch  die  Stadt  Papenburg  ist  so  entstanden.
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        —  105  —

6.  Das  Bergland.  Die  Provinz  Hannover  hat  Anteil  am  Teutoburger
Walde,  am  Weserberglande  und  am  Harze.  (An  den  häügeligen  Aus—
läufern  des  Teutoburger  Waldes  liegt  Osnabrück,  bekannt  durch  den  Frieden
von  1648.

7.  abau.  Der  Harz  birgt  in  seinem  Innern  kostbare  Schätze  an  Silber,
Kupfer,  Eisen,  Blei  u.  s.  w.  Darum  wird  auch  im  Harze  viel  Bergbau  getrieben.
Die  bekanntesten  Bergstädte  Hannovers  sind  Goslar,  Klausthal  und  Zellerfeld.
  Sobald  die  „Schicht“  beginnt,  wandern  die  Bergleute  zum  Schachte:  „sie
fahren  an“.  Mit  dem  dunkeln  Grubenkittel  und  dem  kurzen  Lederschurz  bekleidet,
in  der  Linken  das  Grubenlicht  —  so  steigen  sie  mit  einem  fröhlichen  „Glückauf!"
auf  langen  Leitern  in  die  Tiefe.  Unten  im  Bergwerke  finden  sich  eine  Menge
Kreuz=  und  Quergänge,  „Stollen“  genannt.  Diese  sind,  damit  sie  nicht  einstürzen,
mit  Brettern  und  Balken  verzimmert.  Da  unten  ist  die  Luft  feucht;  aber  der
Bergmann  ist  daran  gewöhnt.  Fröhlichen  Mutes  setzt  er  den  „Bohrer“  (Meißel)
in  das  Gestein  und  klopft  mit  dem  „Fäustel“  (Hammer)  tiefe  Löcher  hinein.  Ein
andrer  sprengt  die  widerspenstigen  Felsen  mit  Pulver  oder  Dynamit,  und  der  „Hundejunge“
  fährt  im  „Hunde“  (4rädrigen  Karren)  die  Erze  an  den  Eingang  des  Schachtes.
  Hier  wird  das  Erz  in  eine  große  Tonne  gethan,  die  dann  mittelst  eines  Gewindes
  in  die  Höhe  gehoben  wird.

8.  Die  Flüsse  mit  ihren  Städten.  Die  Hauptflüsse  sind:  Elbe,  Weser  (mit
Aller  und  Leine)  und  Ems.  An  der  Leine  liegen  Hannover  (210  T.),  die
Hauptstadt  der  Provinz,  sowie  Göttingen.  Bei  Hannover  durchbricht  die  Leine
die  Vorhöhen  eines  Berges.  Daher  hat  der  Fluß  hier  hohe  Ufer.  Diesem
Umstande  verdankt  die  Stadt  ihren  Namen.  Denn  Hannover  ist  entstanden  aus
ho-en  over,  d.  h.  hohes  Ufer.  Bis  zu  Hannover  hin  ist  die  Leine  für  Frachtkähne
schiffbar.  Daher  hatte  die  Stadt  einen  lebhaften  Verkehr  mit  Bremen.  Vor  Erbauung
  der  Eisenbahn  war  Hannover  ein  bedeutender  Stapelplatz.  Heinrich  der  Löwe
ließ  die  Stadt  befestigen.  Bis  1866  war  sie  die  Residenz  der  Könige  von  Hannover.
  Auf  dem  Waterlooplatze  steht  das  Waterloodenkmal.  Es  trägt  auf  seiner
Spitze  eine  Siegesgöttin,  und  an  den  Seiten  stehen  die  Namen  der  800  Hannoveraner,
  die  in  der  Schlacht  bei  Waterloo  gefallen  sind.  Im  Nordwesten  der  Stadt  liegt
Schloß  und  Garten  Herrenhausen,  durch  eine  2  km  lange  Lindenallee  mit  der
Stadt  verbunden.  In  neuster  Zeit  ist  die  Stadt  eine  lebhafte  Fabrikstadt  geworden.
Dazu  haben  besonders  die  Steinkohlenlager  im  nahen  Deister  sehr  viel  beigetragen.

An  der  Innerste  (Nebenfluß  der  Leine)  liegt  die  alte  Bischofsstadt  Hildesheim.
  Am  Dome  dort  zeigt  man  den  „tausendjährigen“  Rosenstock.  An  der  Aller
liegen  Celle  und  Verden  (ferden).  Im  Gebiete  der  Elbe  sind  zu  merken:  Harburg
  und  Stade,  beide  am  Rande  fetter  Elbmarschen  gelegen.

Kk.  Drovinz  Hessen-TUassau.  (16  T.  akm  —  1,7  M.  E.  —  ¼  kath.)

1.  Gebirge.  Der  größte  Teil  der  Provinz  ist  gebirgig.  Wir  finden  hier
den  Taunus,  einen  Teil  des  Westerwaldes  und  das  hessische  Bergland.
Manche  Berggegenden  geben  nur  einen  geringen  Ertrag,  sind  aber  dennoch  bis  zu
den  höchsten  Stellen  angebaut.

2.  Der  Taunus  oder  „die  Höhe“  ist  auffallend  reich  an  Mineralquellen,  die
überhaupt  den  größten  Reichtum  der  Provinz  bilden.  Die  bekanntesten  sind  im
Süden  Homburg  und  Wiesbaden,  im  Norden  Selters  und  Ems.  Der  Südwestausläufer
  des  Taunus  führt  den  Namen  „Niederwald“.  Auf  ihm  ist  zur
Erinnerung  an  die  großen  Siege  von  1870—71  ein  Riesendenkmal,  die  Germania
darstellend,  errichtet  worden.  Die  Riesenfigur  steht  auf  einem  25  m  hohen  Unterbau
  und  ist  selbst  noch  10⅛  m  hoch.  —  Südöstlich  vom  Niederwald  finden  wir
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        —  106  —

den  gesegneten  Rheingau.  Jeder  Hügel,  jedes  Fleckchen  Erde  ist  hier  mit  Reben
bepflanzt.  Die  edelsten  Weinsorten  werden  bei  Rüdesheim,  Erbach,  Johannisberg,
Aßmannshausen  u.  s.  w.  gewonnen.

3.  Wiesbaden,  d  .h.  Wiesenbad  (75  T.),  liegt  am  südwestlichen  Abhange  des
Taunusgebirges  in  einem  Thalkessel  und  ist  von  lieblichen  Obstgärten  und  Reben-.
  hügeln  umgeben.  Ihren  Aufschwung  verdankt
die  Stadt  besonders  den  warmen  Quellen  dort.
Ihr  Wasserhateine  Temperatur  von40—7000.
Die  bedeutendste  Quelle  ist  der  sogenannte
Kochbrunnen.  Sein  salziges  Wasser  kommt
sprudelnd  aus  der  Erde  hervor  undschlägt  Wellen,
  als  ob  es  koche.  Daher  der  Name.  —  Die
verschiedenen  Quellen  werden  teils  zum  Trinken,
  teils  zum  Baden  benutzt.  Besonders  wird
das  Wasser  solchen  Kranken  verordnet,  die
an  Rheumatismus,  Gicht  oder  Nervenschwäche
leiden.  Uber  50000  Fremde  finden  sich  alljjMährlich
  hier  ein,  um  Heilung  von  ihren  Leiden
„“3  oder  Erholung  von  ihrer  Arbeit  zu  suchen.

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4.  Die  Flüsse  mit  ihren  Städten.  Die
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—  4  ain  und  Lahn.  An  der  Lahn  liegt  Mar—

     
 
      
 

mHauptjlüsse  der  Provinz  sind  Werra,  Fulda,
vvburg,  an  der  Fulda  Cassel,  die  Hauptstadt
der  Provinz.  2  Stunden  von  Cassel  liegt  das
Lunstschloß  Wilhelmshöhe  mit  seinen  berühm-    


  

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bis  1813  Jérome,  der  König  Westfalens;

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Niederwalddenkmal.  während  seiner  Gefangenschaft  zum  Aufenthalte.
  —  An  der  Fulda  liegt  auch  die  Stadt  Fulda.  Vor  dem  Dome  steht  das
Bonifatius-Denkmal.  Am  Main  liegen  Hanau  (dessen  Schmucksachen  fast  alle  Goldund
  Silberläden  Deutschlands  füllen)  und  Frankfurt.

5.  Frankfurt  a.  M.  (mit  den  Vorstädten  an  230  T.)  ist  eine  sehr  alte
Stadt.  Ihre  Entstehung  verdankt  sie  der  Furt  durch  den  Main.  Daher  auch
der  Name  Frankfurt  d.  h.  Furt  im  Frankenlande.  In  dem  Dome  wurden  ehemals
die  deutschen  Kaiser  gekrönt.  Dann  wurden  sie  nach  dem  Rathause,  dem  Römer,
geleitet.  Im  ersten  Stocke  des  Römers  befindet  sich  der  Kaisersaal,  wo  das  Krönungsmahl
  gehalten  wurde.  An  den  Wänden  hängen  die  überlebensgroßen  Bildnisse
aller  (49)  deutschen  Kaiser  bis  auf  Franz  II.,  der  1806  die  deutsche  Kaiserkrone
niederlegte.  „Bedeckt  sind  alle  Wände  bis  an  den  letzten  Saum;  kein  neuer  Herrscher
fände  zu  seinem  Bildnis  Raum.“  Dem  Kaiser  Wilhelm  I.  st  1896  ein  Denkmal
in  der  Stadt  gesetzt  worden.  Die  Messen  zu  Frankfurt  a.  M.  waren  im  Mittelalter
  hoch  berühmt.  Auf  dem  Roßmarkte  erhebt  sich  das  Denkmal  Gutenbergs
und  auf  dem  Goetheplatze  das  Standbild  Goethes.

1.  Drovinz  Westfalen.  (20  T.  ckm  —  2,7  M.  E.  —  ½  kath.)

1.  Im  Norden  der  Provinz  liegt  ein  Teil  des  Wesergebirges.  Bei  Minden
wird  dieses  von  der  Weser  durchbrochen.  Dieses  Durchbruchsthor,  Weser  scharte  oder
westfälische  Pforte  genannt,  ist  aber  kein  enges  Felsenthor,  sondern  ein  weites
Thal.  An  der  linken  Seite  des  Flusses  liegt  hier  der  Wittekindsberg,  dessen  Kuppe  mit
einem  Denkmale  Kaiser  Wilhelms  I.  geschmückt  ist.  Südwestlich  von  der  Weserkette
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        —  107  —

liegt  der  Teutoburger  Wald  (S.  89).  In  dem  hügeligen  Lande  zwischen  dem
Teutoburger  Walde  und  dem  Wesergebirge  wird  viel  Flachs  gebaut,  daher  beschäftigen
sich  die  Bewohner  dieser  Gegend  viel  mit  Spinnerei  und  Weberei.  Die  Hauptorte
des  Leinenhandels  sind  Bielefeld  und  Herford.

2.  Das  Münsterland  liegt  zwischen  Münster  und  Paderborn.  Es  wird
von  der  Lippe  und  Ems  bewässert  und  ist  ungemein  fruchtbar.  Daher  finden
gehöste,  deren
  Besitzer
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sehr  wohl
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westfälische
Bauer  lebt
am  liebsten
abgeschlossen
auf  seinen.
Scholle;  da-  —
rumumgiebt
er  selbst  sein  Feld  mit  einem  breiten  Erdwalle,  auf  dem  dichte  Hecken,  herrliche  Eich—
bäume  u.  s.  w.  wachsen.  Auf  seinem  uralten  Stammsitze,  der  sich  von  Vorfahr  zu
Vorfahr  auf  ihn  vererbt  hat,  dünkt  er  sich  so  hoch  wie  ein  Edelmann  in  seinem  Stamm—
schlosse.  Sein  Wohnhaus  ist  meist  einstöckig,  aber  sehr  geräumig.  An  der  Giebelseite
befindet  sich  ein  mächtiges  Thor;  denn  hier  ist  die  Einfahrt,  die  zur  „Däle“  (Diele)
führt.  Rechts  und  links  von  der  Diele  steht  das  Vieh,  das  gutmütig  und  neugierig
über  die  niedrigen  Futtertröge  hinweg  den  Ankömmling  anschaut.  Am  andern  Ende
der  Diele  findet  sich  der  Wohnraum,  vor  dem  die  Küche  liegt.  Die  Hauptstadt  des
Münsterlandes  ist  Münster  (60  T.).  In  dem  großen  Saale  des  Rathauses,  dem
Friedenssaale,  wurde  1648  der  westfälische  Friede  geschlossen.  Im  Süden  des
Münsterlandes  liegt  die  äußerst  fruchtbare  „Soester  Börde“;  darin  Soest  (sohst),
wegen  seiner  weitläufigen  Bauart  das  „große  Dorf  Westfalens“  genannt.

3.  Das  Kohlenbecken  an  der  Ruhr.  Im  Norden  wird  die  Ruhr  von  einem
kahlen  Bergrücken,  dem  Haarstrang,  begleitet.  Nach  Westen  hin  verläuft  dieser
in  ein  fruchtbares  Hügelland,  das  den  Namen  „Hellweg“  führt.  In  allen  Thälern
dieses  Hügellandes  sowie  auch  in  dem  ganzen  Ruhrthale  —  bis  zur  Lippe  hin  —
liegen  unermeßliche  Schätze  an  Steinkohlen.  Man  zählt  hier  mehr  als  200  Gruben,
von  denen  jede  jährlich  im  Durchschnitt  mindestens  12  Millionen  Centner  Kohlen

 

 

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liefert.  Nicht  nur  die  dortige  Gegend,  sondern  auch  fast  noch  ganz  Norddeutschland
wird  von  hier  aus  mit  Kohlen  versorgt,  und  mehr  als  150000  Menschen  finden
durch  die  Kohlenbeförderung  Brot  und  Verdienst.  Den  Mittelpunkt  des  Kohlen—
bergbaues  bildet  Dortmund  (115  T.).  Als  Zeuge  der  einstigen  Femgerichte
steht  noch  die  Femlinde  in  der  Nähe  der  Stadt.  Auch  Bochum,  Witten,  Hamm
u.  a.  sind  infolge  des  Kohlenreichtums  bedeutende  Fabrikstädte  geworden.

4.  Das  Sauerland  (d.  h.  Süderland)  bezeichnet  den  südlichen  Teil  Westfalens.
  Es  ist  ein  waldiges,  aber  unfruchtbares  Bergland,  das  durch  die  Flüsse
Wupper,  Ruhr,  Lenne,  Eder  und  Sieg  in  viele  Bergketten  zerlegt  wird.
Was  hier  dem  Boden  an  Fruchtbarkeit  abgeht,  das  ersetzt  er  zehnfach  durch  die
in  ihm  ruhenden  Schätze  an  Erzen.  Daher  ist  das  Sauerland  (sowie  das  benachbarte
  Rheinland)  so  dicht  bevölkert,  wie  nur  noch  wenige  Stellen  in  Deutschland.  (Vgl.
Sachsen  S.  1151)  In  allen  seinen  Thälern  hat  sich  eine  Fabrikthätigkeit  entwickelt,
wie  sie  nirgends  größer  —  selbst  in  England  nicht  —  angetroffen  wird.  Das
Thal  der  Sieg  ist  besonders  reich  an  Erzen,  aus  denen  Silber,  Kupfer  und  hauptsächlich
  Eisen  gewonnen  wird.  Uberall  ist  hier  der  Boden  von  Stollen  durchwühlt,
und  von  der  Stadt  Siegen  an  ist  thalaufwärts  eine  Strecke  von  mehr  als  einer
Stunde  dicht  mit  Hüttenwerken  und  Fabriken  besetzt.  Noch  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts
  war  der  Betrieb  dieser  Eisenwerke  aus  Mangel  an  Heizmaterial  auf  bestimmte
  Monate  des  Jahres  beschränkt.  Seitdem  aber  die  Ruhr  ihre  Kohlen  an
die  Sieg  abgiebt  (und  die  Sieg  dafür  ihre  Erze  an  die  Ruhr,  Wupper  und  Lenne),
dampfen  die  Schornsteine  in  allen  Fabriken  jahraus,  jahrein.  Die  wichtigsten  Fabrikorte
  hier,  „wo  der  Märker  Eisen  reckt“  (im  Gebiet  der  Lenne)  sind:  Iserlohn,
Altena  und  Hagen.  Die  Metallwarenfabrikation  daselbst  ist  eine  der  blühendsten
in  der  Welt,  und  zahllose  Sensen,  Messer,  Scheren,  Beile,  Hämmer  u.  s.  w.  gehen
von  dort  in  alle  Welt  hinaus.  —  Im  nordöstlichen  Teile  des  Sauerlandes  liegt
an  der  Ruhr  Arnsberg,  einst  ebenfalls  Sitz  eines  berühmten  Femgerichts.

m.  Die  Rheinprovinz.  (27  T.  ckm  —  5  M.  E.  —  kath.)

1.  Das  Bergland.  Die  südliche  Hälfte  der  Rheinprovinz  wird  von  rheinischen
  Schiefergebirge  (S.  89)  eingenommen,  das  vom  Rhein  mit  seinen  Nebenflüssen
  durchbrochen  wird.  Auf  dem  sonnerwärmten  Schieferboden  und  im  Schutze
gegen  die  rauhen  Winde  gedeiht  hier  ein  vorzüglicher  Wein,  der  für  den  Rheinländer
  eine  nicht  geringe  Einnahmequelle  bildet.  Besonders  viel  Wein  wird  im
Mosel=  und  Nahethale  gebaut.  (Vergl.  den  Rheingau  S.  106.)

Die  Mosel  windet  sich  von  Trier  bis  Koblenz  zwischen  den  Bergen  der
Eifel  und  des  Hundrücks  hindurch  und  macht  daher  ungemein  viele  Krümmungen.
Die  Südabhänge,  in  deren  Felsengeklüfte  die  Sonnenstrahlen  heiß  hineinfallen  können,
erzeugen  den  bekannten  Moselwein.  Da  ist  jedes  Fleckchen  Erde  mit  Reben  bepflanzt.
Stufen  erheben  sich  über  Stufen,  oft  20—30  übereinander.  Auf  mühsamen,  oft
stundenlangen  Bergpfaden  muß  der  Winzer  Erde  und  Dünger  nach  oben  schaffen.
Wohl  ihm,  wenn  eine  reiche  Ernte  seinen  Fleiß  belohnt!

Im  Innern  des  rheinischen  Schiefergebirges  lagert  ein  großer  Schatz  von
Mineralien,  die  für  den  Rheinländer  ebenfalls  eine  bedeutende  Erwerbsquelle  bilden.
Eisen  und  Blei  wird  unter  allen  preußischen  Provinzen  in  der  Rheinprovinz  am
meisten  gewonnen,  und  ihr  Kohlenreichtum  ist  einer  der  größten  in  Deutschland,
besonders  an  der  Ruhr,  bei  Saarbrücken  und  Aachen.  .

2.  Fabrikthätigkeit  im  Hügellande.  Der  Kohlenreichtum  hat  eine  ungemein
große  Fabrikthätigkeit  hervorgerufen.  Ihr  Mittelpunkt  ist  das  Thal  der  Ruhr
und  Wupper.  An  der  Wupper  liegt  die  Doppelstadt  Elberfeld-Barmen  (270  T.),
die  sich  etwa  10  km  lang  im  Wupperthale  ausdehnt  und  durch  ihre  Band=  und
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        —  109  —

Seidenwebereien  weit  und  breit  berühmt  ist.  Weiter  thalaufwärts,  etwas  abseits
von  der  Wupper,  liegt  Solingen,  dessen  Schwerter  und  Klingen  so  vorzüglich
sind,  daß  sie  selbst  im  englischen  und  französischen  Heere  gebraucht  werden.  In
Remscheid  werden  vorzugsweise  Werkzeuge  (Sensen,  Sägen,  Axte,  Beile,  Geräte
für  die  verschiedensten  Handwerker  u.  s.  w.)  hergestellt.  Lennep  ist  besonders
durch  seine  Tuchwebereien  bekannt.  Die  bedeutendste  Fabrikstadt  des  Rheinlandes
—  ja,  der  ganzen  Welt  ist  jedoch  Essen  (100  T.).  Hier  liegt  die  Gußstahlfabrik
des  „Kanonenkönigs“  Krupp,  in  der  jährlich  Tausende  von  großen  und  kleinen
Kanonen,  Eisenbahnschienen,  Waggonrädern  u.  s.  w.  hergestellt  werden.  Die  hier
gegossenen  Kanonen  sind  von  solcher  Güte,  daß  kein  Land  der  Welt  —  selbst  England
nicht  —  gleiches  zu  bieten  vermag.  Hunderte  von  hohen  Fabrikschornsteinen  schwärzen
hier  die  Luft;  jeden  Tag  werden  etwa  150  Wagen-Ladungen  Erze  und  doppelt
so  viel  Steinkohlen  verbraucht.  Mehr  als  80  große  Dampfhämmer  besorgen  die
Schmiedearbeiten.  Der  Riese  unter  ihnen  ist  50000  kg  schwer.  Wenn  er  auf
das  glühende  Eisen  niederfällt,  dann  glaubt  man  den  Donner  einer  Kanone  zu
hören,  und  Thüren  und  Fenster  erbeben  in  weitem  Umkreise.  In  der  Fabrik  sind
20000  Menschen  beschäftigt,  für  die  Krupp  sogar  eine  eigne  Stadt  (Kronenberg)

 

 

 

 
 
 
   

—Nie  erbaut  hat.  Andre  Fabrikstädte  sind  noch  Mühl-—
  —  heim,  Duisburg  und  Ruhrort.

—  —  —  3.  Städte  am  Rhein.  Der  Rhein  tritt

—  —  -—  bei  der  hessischen  Stadt  Bingen  in  die  Provinz

—  —  —  ein  und  durchbricht  dann  das  Gebirge  in  einem
—  —  engen  Felsenthale.  (S.  93.)  Da,  wo  ihm  die
sz««""  Mosel  zufließt,  liegt  die  Festung  Koblenz;  ihr
—  —  gegenüber  der  mit  gewaltigen  Festungsmauern
«—««  gekrönteEhrenbreitstein.BeiBonnver-  


 

      
   
   
 

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Ablner  Dom.
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        —  110  —

läßt  der  Rhein  das  Gebirge  und  tritt  in  das  Tiefland  ein.  Bald  erblicken  wir
am  linken  Ufer  ein  gewaltiges  Häusermeer.  Wir  sind  in  Köln  (321  T.),  der
„Königin  des  Niederrheins“.  Die  Stadt  ist  stark  befestigt  und  mil  der  auf  dem
rechten  Ufer  gelegenen  Feste  Deutz  durch  eine  Eisenbrücke  verbunden.  Einen  be—
sondern  Ruf  hat  Köln  durch  die  Herstellung  des  kölnischen  Wassers  (eau  de  Cologne)
erhalten,  das  hier  noch  heute  in  mehr  als  30  Fabriken  angefertigt  wird.

Der  Kölner  Dom.  Unter  den  vielen  Kirchen  Kölns  ragt  besonders  der  Dom
hervor,  dieser  Wunderbau  ohnegleichen.  Der  Grund  dazu  wurde  schon  vor  mehr
als  600  Jahren  gelegt;  aber  erst  1880  wurde  der  Dom  in  Gegenwart  des  deutschen
Kaisers,  des  Kronprinzen  und  vieler  Fürsten  eingeweiht.  Ein  herrliches  Portal
führt  uns  in  den  innern  Raum,  wo  wir  einen  förmlichen  Wald  von  erhabenen,
steinernen  Säulen  erblicken.  Hinter  dem  reich  verzierten  Hochaltar  findet  sich  die
Kapelle  der  heiligen  3  Könige.  In  der  Schatzkammer  des  Doms  zeigt  man  einen
Schrein  von  reinem  Golde,  mit  Perlen  und  Edelsteinen  reich  besetzt.  In  diesem
ruhen  die  Gebeine  der  heiligen  3  Könige,  die  Friedrich  Barbarossa  dem  Erzbischof
schenkte.  Die  beiden  Türme  des  Domes  sind  156  m  hoch  und  werden  nur  noch
vom  Münster  in  Ulm  (161  m)  an  Höhe  übertroffen.  Die  große  Kaiserglocke  ist
aus  dem  Metall  von  22  eroberten  französischen  Kanonen,  die  Kaiser  Wilhelm  I.
dem  Dome  geschenkt  hat,  gegossen  worden.

Von  Köln  gelangen  wir  weiter  nach  dem  freundlichen  Düsseldorf  (180  T.)
und  später  nach  der  Festung  Wesel,  wo  uns  ein  Denkmal  an  die  1809  erschossenen
11  Offiziere  des  Schillschen  Freikorps  erinnert.  (Gesch.  S.  64.)

4.  Das  Tiefland  umfaßt  ein  großes  Stück  der  niederrheinischen  Tiefebene.
  Diese  beginnt  (etwa  bei  Aachen  und  Bonn)  mit  einem  bewaldeten,  freundlichen
  Hügellande  und  setzt  sich  nach  N.  hin  als  Flachland  durch  Holland  bis  ans
Meer  fort.  Am  Südrande  des  Tieflandes  befinden  sich  (bei  Aachen  und  Eschweiler)
  große  Steinkohlenlager.  Daher  herrscht  hier  überall  eine  große  Fabrikthätigkeit.
  Die  bedeutendsten  Fabrikstädte  hier  sind  Krefeld  (110  T.),  mit  Samtund
  Seidenfabriken,  München-Gladbach  und  Aachen  (110  T.),  mit  bedeutenden
Tuchfabriken.  Im  Dome  zu  Aachen  liegt  Karl  d.  Gr.  begraben,  der  hier  eine
Pfalz  hatte  und  gern  in  den  heißen  Schwefelbädern  der  Stadt  badete.

5.  Unter  dem  Oberpräsidium  der  Rheinprovinz  stehen  auch  die  hohenzollernschen
  Lande,  die  seit  1849  zu  Preußen  gehören.

9.  Die  norddeutschen  Küstenstaaten.

a.  Die  Großherzogtümer  Mecklenburg-Schwerin
und  Mecklenburg-Strelitz.  (Nicht  ganz  ½  von  Brandenburg  —  700  T.  E.)

1.  Das  Küstenland  mit  dem  Fischlande.  Das  Küstenland  hat  neben  fruchtbarem
  Marschlande  auch  vielen  sandigen  Boden.  Die  Nähe  des  Meeres  weist
daher  die  Küstenbewohner  vorzugsweise  auf  Schiffahrt  und  Seehandel  hin.  Die
wichtigsten  Seehandelsstädte  sind  Wismar  und  Rostock.  In  Rostock  wurde  Blücher
geboren.  Ein  Standbild,  das  ihm  zu  Ehren  errichtet  ist,  trägt  die  Inschrift:  „In
Harren  und  Krieg,  in  Sturz  und  Sieg  bewußt  und  groß,  so  riß  er  uns  vom
Feinde  los.“  Die  meisten  Schiffer  kommen  vom  „Fischlande“.  Das  ist  eine  Halbinsel,
  die  etwa  100—2000  m  breit  ist  und  nur  5  Dörfer  enthält.

2.  Das  BVinnenland  wird  von  dem  nördlichen  Landrücken  durchzogen.
Er  wird  hier  auch  die  mecklenburgische  Seenplatte  genannt.  In  der  muldenförmigen
  Einsenkung  desselben  liegen  nämlich  4—500  größere  und  kleinere  Seen.
Sie  sind  meist  von  lieblich  bewaldeten  Höhen  umgeben.  Auch  sind  sie  durch
zahlreiche  Kanäle  und  schiffbare  Flüsse  verbunden  und  machen  daher  einen  regen
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        —  111  —

Verkehr  mit  kleinen  Fahrzeugen  möglich.  Da  die  Seen  sehr  fischreich  sind,  so  begünstigen
  sie  auch  den  Fischang.  An  dem  prachtvollen  Schweriner  See  liegt
Schwerin  (36  T.),  die  Hauptstadt  von  Mecklenburg-Schwerin.  Südlich  davon
findet  sich  das  Dorf  Wöbbelin  mit  Th.  Körners  Grab.  Im  südöstlichen  Teile
der  Seenplatte  liegt  Neu-Streulitz  (10  T.),  die  Hauptstadt  von  Mecklenburg-Strelitz.
  (Nicht  weit  davon  das  Schloß  Hohenzieritz,  wo  die  Königin  Luise  1810
starb.  S.  67.)  —  Der  Südabhang  des  Landrückens  nach  der  Elbe  zu  hat  große
Moor=  und  Sandstrecken.  In  einer  solchen  unfruchtbaren  Gegend  liegt  Parchim,
der  Geburtsort  Moltkes.  Auch  Ludwigslust,  die  zweite  Residenz  des  Großherzogs
von  Mecklenburg-Schwerin,  findet  sich  hier  im  Süden,  jedoch  inmitten  einer  reizenden
Oase  der  Sandgegend.  Fast  aller  Grund  und  Boden  im  Lande  gehört  den  Rittergutsbesitzern;
  daher  sind  nur  wenige  kleine  Bauerngüter  vorhanden.

b.  Das  Großbherzogtum  Oldenburg.  (/8  v.  Brandenburg  —  374  T.  E.)

1.  Teile.  Es  besteht  aus  3  Teilen:  1)  aus  dem  Hauptlande  Oldenburg
an  der  Weser  mit  der  Hauptstadt  Oldenburg;  2)  aus  dem  Fürstentum  Lübeck
in  der  Nähe  von  Lübeck;  3)  aus  dem  Fürstentum  Birkenfeld  an  der  Nahe.

2.  Das  Hauptland  hat  im  Norden  sowie  am  Ufer  der  Weser  sehr  fruchtbares
  Marschland.  (S.  87.)  Der  Süden  dagegen  enthält  höher  gelegenes  Geestland.
  In  den  Niederungen  der  Geest  und  auf  der  Grenze  zwischen  Geest  und
Marsch  finden  sich  ausgedehnte  Torfmoore,  die  den  Bewohnern  der  holzarmen
Marsch  den  Brennstoff  liefern.  An  die  sandige  Geest  legte  sich  nach  und  nach
das  fruchtbare  Marschland  an.  Es  ist  vielfach  mit  schnurgeraden  Gräben  durchzogen,
  die  das  von  der  Geest  herabströmende  Wasser  dem  Meere  zuführen.  Auf
dem  fruchtbaren  Marschlande  gedeiht  —  begünstigt  durch  ein  mildes  Seeklima
mit  häufigem  Regen  —  das  Gras  vorzüglich.  Ein  großer  Teil  der  Marsch
dient  daher  als  Weideland,  und  mächtige  Fettochsen  werden  von  hier  aus  selbst
nach  England  und  Frankreich  hin  versandt.

3.  Die  wichtigsten  Städte  Oldenburgs  sind:  im  Hauptlande  Oldenburg
an  der  Hunte,  Hauptstadt  (25  T.),  Delmenhorst,  mit  großartiger  Korkfabrikation;
in  Birkenfeld  Oberstein,  mit  weltberühmten  Achatschleifereien.

c.  Die  5  freien  Reichsstädte  Deutschlands.

Die  freien  Reichsstädte  Hamburg,  Bremen  und  Lübeck,  die  Reste  des  einstigen
Hansabundes,  bilden  mit  den  umliegenden  Dörfern  gleichsam  drei  kleine  selbständige
Staaten  für  sich.  Die  Regierung  wird  von  einem  Senate  (bestehend  aus  2  Bürgermeistern
  und  mehreren  Senatoren)  und  den  Vertretern  der  Bürgerschaft  ausgeübt.

1.  Hamburg  (mit  den  Vorstädten  über  600  T.)  ist  durch  seine  günstige  Lage
die  größte  Seehandelsstadt  des  Festlandes  geworden.  Bis  nach  Hamburg  können
auf  der  Elbe  zur  Flutzeit  die  größten  Seeschiffe  gelangen.  Von  Hamburg  aus
wird  daher  am  bequemsten  der  Handel  mit  England,  Amerika  u.  s.  w.  vermittelt.
Dazu  kommt  noch,  daß  Hamburg  seine  überseeischen  Waren  auf  der  Elbe  weit  nach
Deutschland  hineinführen  und  die  Erzeugnisse  dieses  Landes  mit  Leichtigkeit  wiederum
auf  der  Elbe  herbeiholen  kann.  Das  Sehenswürdigste  in  Hamburg  ist  der  Hafen.
Ein  wahrer  Wald  von  Masten  starrt  uns  dort  entgegen.  Neben  den  riesigen
Dampfern  liegen  die  stolzen  Dreimaster,  und  auf  den  gewaltigen  Segelstangen
klettern  Matrosen,  ein  Lied  singend,  geschickt  hin  und  her.  Hier  fährt  eben  ein
Auswandererschif  aus  dem  Hafen,  dort  wird  ein  Westindienfahrer  entladen.  Es
ist  unglaublich,  wie  viel  Waren  in  einem  Seeschiffe  Platz  finden!  Schon  sind
ganze  Berge  von  Fässern  am  Ufer  aufgestapelt,  aber  noch  immer  folgen  Säcke  mit
Kaffee  und  Reis  und  Ballen,  von  denen  die  größern  mittels  eines  „Kranes“"  ans
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        —  112  —

Ufer  gehoben  werden.  Der  Glanzpunkt  Hamburgs  ist  die  Binnenalster,  eine  seenartige
  Erweiterung  der  Alster.  Sie  ist  von  früh  bis  spät  mit  zahlreichen  kleinen
Dampfern  belebt,  und  in  ihren  Fluten  spiegeln  sich  wahre  Prachtbauten.  —  Zum
Hamburger  Gebiet  gehören  noch  Kuxhaven,  der  Vorhafen  von  Hamburg,  und  die
Vierlande,  deren  fetter  Marschboden  vorzügliches  Obst  und  Gemüse  hervorbringt.

2.  Bremen  (142  T.),  zu  beiden  Seiten  des  Weserstroms  gelegen,  ist  nächst
Hamburg  die  größte  Seehandelsstadt  Deutschlands.  Für  Tabak  ist  Bremen  der
erste  Handelsplatz  der  Welt.  Daneben  werden  aber  auch  besonders  große  Mengen
von  Petroleum  und  Baumwolle  aus  Amerika  eingeführt.  60  km  unterhalb  Bremen
liegt  der  Vorhafen  Bremerhaven.

3.  Lübeck  (70  T.),  an  der  Trave,  war  ehemals  die  Königin  des  Hansabundes;
denn  in  dem  großen  Saale  des  Rathauses  versammelten  sich  die  Vertreter  aller  dem
Hansabunde  angehörenden  Städte.  Damals  hatte  es  sogar  100000  Einwohner.
Seit  der  Entdeckung  Amerikas  hat  sich  der  Seehandel  besonders  nach  Hamburg  und
Bremen  gezogen,  während  sich  Lübecks  Handel  fast  ganz  auf  die  Ostseeküsten  beschränkt.

3.  Die  norddeutschen  Binnenstaaten.

a.  Das  Herzogtum  Braunschweig  (111  von  Brandenburg  —  440  T.)  besteht
aus  drei  getrennten  Landesteilen.  a)  Der  Hauptteil  liegt  im  Norden  und  wird  von
der  Oker  durchflossen.  An  ihr  liegt  die  Hauptstadt  des  Landes,  Braunschweig.
Südlich  von  dieser  Wolfenbüttel,  östlich  Helmstedt.  b)  Das  Wesergebiet
mit  Holzminden  a.  d.  Weser  mit  einer  berühmten  Baugewerkschule.  c)  Das
Harzgebiet  mit  der  Hauptstadt  Blankenburg  umfaßt  einen  großen  Teil  des
Bodethals  mit  der  berühmten  Hermannshöhle  bei  dem  Hüttenorte  Rübeland.

Braunschweig  (120  T.)  ist  eine  alte  Stadt.  Ihren  Namen  hat  sie  von
ihrem  Erbauer  Bruno:  Brunoswiek.  (Wiek  —  Dorf.)  Auf  dem  Burgplatze
hatte  Heinrich  der  Löwe  seine  Burg.  (S.  23.)  Dort  steht  noch  heute  unversehrt
  der  aus  Erz  gegossene  Löwe,  den  Heinrich  zum  Zeichen  seiner  Oberhoheit
hier  aufrichten  ließ.  Im  Dome  liegt  er  begraben.  Vor  dem  schönen  Residenzschlosse
  sind  die  Reiterstandbilder  zweier  Helden  aufgestellt:  Herzog  Karl  Wilhelm
Ferdinand,  bekannt  durch  die  Schlacht  bei  Auerstädt  1806,  und  Herzog  Friedrich
Wilhelm.  (S.  66.)  Unter  den  sonstigen  Denkmälern  der  Stadt  verdient  das  des
großen  Dichters  Lessing  besonders  erwähnt  zu  werden.  Er  starb  hier  1781.
An  der  Ostseite  der  Stadt  befindet  sich  das  Schilldenkmal.  Darunter  ruhen
14  Krieger  des  Freiheitshelden  Schill,  die  hier  1809  erschossen  worden  sind.
1837  hat  man  auch  das  Haupt  Schills,  das  sich  vorher  in  Leyden  befand,
hier  beigesetzt.  —  Braunschweiger  Mumme,  Wurst,  Honigkuchen  und  Spargel
sind  weit  und  breit  bekannt.

b.  Das  Herzogtum  Anhalt  (1/18  v.  Brandenburg  —  293  T.)  besteht  aus
zwei  getrennt  liegenden  Gebietsteilen,  von  denen  der  größere  an  der  Elbe,  Mulde
und  Saale,  der  kleinere  dagegen  am  Unterharze  liegt.  Die  Hauptstadt  ist
Dessau  (42  T.)  an  der  Mulde,  mit  reizenden  Gartenanlagen  und  waldreicher
Umgebung.  Ein  Denkmal  in  der  Stadt  erinnert  an  den  „alten  Dessauer“,  den
Sieger  von  Kesselsdorf.  Andre  Städte  sind:  Köthen,  Bernburg,  Zerbst  und
(am  Unterharze)  Ballenstedt,  der  Stammsitz  Albrechts  d.  Bären.

c.  Das  Fürstentum  Schaumburg-Lippe  (½%  v.  Brandenburg  —  41  T.)
reicht  von  der  Weser  bis  zum  Steinhuder  Meer,  einem  fischreichen  Binnensee.  Die
Residenz  ist  Bückeburg.

d.  Das  Fürstentum  Lippe  (½#  v.  Brandenburg  —  135  T.)  liegt  am
Teutoburger  Walde;  Hauptstadt  ist  Detmold  (11  T.),  Hauptfabrikstadt  Lemgo.
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        —  113  —

Das  Hermannsdenkmal.  Etwa  ¾  Stunden
von  Detmold  erhebt  sich  auf  einer  Höhe  des  Teutoburger
  Waldes,  der  Grotenburg,  das  riesenhafte
und  großartige  Hermannsdenkmal.  Die  gewaltige  ,,,  E
Figur  steht  auf  einem  30  m  hohen  Unterban.  Das  —
Standbild  selbst  ist  bis  zur  Schwertspitze  27  m  hoch,  S
so  daß  das  Ganze  eine  Höhe  von  über  57  m  erreicht.
  In  stolzer,  kühner  Haltung  erhebt  Hermun.  —
mit  der  Rechten  sein  7  m  langes  Schwert  in  die  Luft.  E
Die  Linke  stützt  sich  auf  den  10  m  langen  Schild.  Mit  *
dem  linken  Fuß  tritt  er  den  römischen  Adler  nieder.
Der  Körper  des  Helden  ist  so  gewaltig,  daß  in  den
einen  Beine  eine  Treppe  angebracht  ist,  die  bis  oben
in  das  Haupt  hinaufführt.  In  dem  Haupte  ist  so
viel  Raum,  daß  9  Mann  darin  um  einen  Tisch
sitzen  können.  4  —  35—

e.  Das  Fürstentum  Waldeck  (/86  v.  Bran-  ————
denburg.  —  60  T.).  Im  südlichen,  größern  Teile  Hermannsdenkmal.
liegt  die  Hauptstadt  Arolsen,  im  nördlichen,  kleinern  Teile  der  berühmte
Badeort  Pyrmont.

4.  Die  thüringischen  Staaten.

a.  Das  Großherzogtum  Sachsen-Weimar  (1/11  v.  Brandenburg  —  über
340  T.),  wird  vom  Thüringer  Walde  (S.  89)  durchzogen  und  besteht  aus
drei  größern  und  vielen  kleinern  Teilen.  Die  Hauptstadt  ist  Weimar  (27  T.).
An  der  Saale  liegt  Jena;  Schlacht  1806.  Bei  Eisenach  erhebt  sich  die
Wartburg.  Stüdlich  davon  liegt,  halb  auf  weimarischem,  halb  auf  gothaischem
Boden,  Ruhla,  bekannt  durch  seine  Messer  und  Meerschaumpfeifenköpfe.

1f|.  Weimar  (27  T.)  ist  die  freundliche  Hauptstadt  des  Großherzogtums.  Das
Residenzschloß  enthält  u.  a.  die  mit  herrlichen  Malereien  ausgestatteten  4  Dichterzimmer,
  die  Goethe,  Schiller,  Herder  und  Wieland  gewidmet  sind.  Diese
Dichter  lebten  in  Weimar  unter  dem  kunstsinnigen  Herzog  Karl  August.  Am
Goetheplatze  steht  Goethes,  an  der  Schillerstraße  Schillers  Wohnhaus.  Eine  Tafel
am  Schillerhause  trägt  die  Inschrift:  „Hier  lebte  und  starb  Schiller.“  Man  sieht
hier  noch  das  enge,  niedrige  Stüblein,  wo  Schiller  wohnte.  Auch  sein  Arbeitstisch
steht  noch  da.  Darauf  liegen  2  Briefe  von  seiner  Hand.  Die  Bettstelle,  worin
Schiller  starb,  ist  reich  mit  Kränzen  geschmückt.  Neben  dem  Bette  steht  auf  einem
Tischchen  Schillers  Dose  und  Tasse.  Auf  dem  Theaterplatze  erhebt  sich  das  eherne
Doppelstandbild  Goethes  und  Schillers,  die  beide  im  Leben  durch  innige  Freundschaft
  verbunden  waren.

2.  Die  Wartburg  liegt  am  nordwestlichen  Ende  des  Thüringer  Waldes.  In
alten  Zeiten  war  sie  die  Residenz  der  Landgrafen  von  Thüringen.  Landgraf  Hermann
  versammelte  hier  die  größten  Dichter  seiner  Zeit,  und  1206  soll  hier  sogar
ein  „Sängerkrieg“  stattgefunden  haben.  Auf  der  Wartburg  wohnte  auch  vor  Zeiten
die  heilige  Elisabeth,  eine  fromme  Landgräfin  von  Thüringen.  Auch  Luther  verbrachte
  auf  der  Wartburg  ein  Jahr,  als  er  vom  Kaiser  geächtet  war.

b.  Das  Herzogtum  Sachsen-Meiningen-Hildburghausen  (1/16  v.  Brandenburg
  —  234  T.)  wird  gebildet  aus  einem  Hauptteil  und  vielen  kleinern  Teilen.  Das
Hauptland  liegt  halbmondförmig  um  den  Südwestfuß  des  Thüringer  Waldes.
Die  Werra  ist  die  Pulsader  des  kleinen  Ländchens.  Die  Hauptstadt  ist  Mei-Realienbuch.

  B.  8
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        —  114  —

ningen  (13  T.)  im  lieblichen  Werrathale.  Bei  Saalfeld  fiel  1806  der  preußische
Prinz  Louis  Ferdinand.  Außerdem  merken  wir  Hildburghausen  und  Sonneberg.
Mittelpunkt  einer  großen
Spiel=  und  Holzwarenindustrie,
  die  hier  durch
den  Holzreichtum  der  Umgegend
  hervorgerufen  ist.
Fast  in  jedem  Hause  der
Stadt  sowie  in  30  umliegenden
  Dörfern  werden
kleine  Wagen,  Eimer,
DPferdchen,  Puppen  u.  a.
Spielwaren  angefertigt.
Die  kleinen  Mädchen  und
Spchulbuben  helfen  dabei
schnitzen,  drehen,  pappen,
trlleistern,  leimen,  malen
HLAAor.  fs.  w.  Diese  Spielsachen
3SS3S  gehen  dann  unter  dem
„Namen  „Nürnberger
Spielwaren“  weit  in  die
*½LWelt  hinein  bis  nach
AZnerika,  undjährlich  werdenfür
  mehrere  Millionen
Mark  solcher  Waren  von
dDdenonneberger  Handelsfberren
  verfandt.
nbD  Das  Herzogtum
-  6  -....«  Sachsen—  Coburg-Gotha
Die  Wartburg  (/20  v.  Brandenburg  —
217  T.),  besteht  aus  2  Gebietsteilen.  Der  größere  lehnt  sich  an  den  Nordsuß
des  Thüringer  Waldes,  der  kleinere  liegt  auf  der  Südabdachung  dieses  Gebirges.
  Die  Hauptstadt  Gotha  (32  T.)  ist  mit  vielen  Prachtbauten  geschmückt  und
die  reichste  und  schönste  Stadt  Thüringens.  Die  Residenz  ist  Coburg  (20  T.).

d.  Das  Herzogtum  Sachsen-Altenburg  (0  v.  Brandenburg  —  180  T.)
besteht  aus  2  Teilen,  von  denen  der  eine  Teil  an  der  Pleiße,  der  andre  an
der  Saale  liegt.  Die  Hauptstadt  ist  Altenburg  (33  T.).

e.  Das  Fürstentum  Schwarzburg-Rudolstadt  (/0  v.  Brandenburg  —
87  T.)  besteht  aus  der  Ober=  und  Unterherrschaft.  Die  Oberherrschaft  liegt  an
der  Nordseite  des  Thüringer  Waldes  im  Gebiete  der  Saale,  Schwarza  und
Ilm.  Die  Unterherrschaft  liegt  im  Thüringer  Hügellande  und  reicht  bis  in  die
goldne  Aue.  Hier  erhebt  sich  der  sagenreiche  Kyffhäuser.  Die  Hauptstadt  ist
Rudolstadt  (12  T.)  im  reizenden  Saalthale.  Bei  Frankenhausen  erlitten
die  aufrührerischen  Bauern  1525  unter  Thomas  Münzer  eine  Niederlage.

Der  Kyffhäuser  ist  ein  schön  bewaldeter  Bergrücken.  Er  trägt  auf  seinen
höchsten  Kuppen  mehrere  Ruinen,  von  denen  die  Burg  Kyffhausen  am  bekanntesten
  ist.  Nach  der  Sage  ist  Friedrich  Barbarossa  nach  seinem  Tode  in  den
Berg  hinabgestiegen.  Alle  seine  Helden  sind  um  ihn.  Die  Rüstkammer  ist  voller
Waffen,  die  Säle  sind  mit  großen  Schätzen  angefüllt,  und  in  den  Ställen  stampfen
ungeduldig  die  Pferde  im  Schlafe.  Der  Kaiser  selbst  sitzt,  das  Haupt  gestützt,  an

 

 

 

 

 

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        —  116  —

einem  Marmortische  und  schläft.  Sein  eisgrauer  Bart  ist  bis  auf  die  Füße  durch
den  Tisch  gewachsen.  Von  Zeit  zu  Zeit  erwacht  er  und  schickt  einen  Zwerg  hinaus.
  Er  soll  nachsehen,  ob  die  Raben  noch  um  den  Berg  fliegen.  Wenn  sie  nicht
mehr  da  sind,  wird  der  Kaiser  aufstehen,  seinen  Schild  an  einen  dürren  Baum
hängen,  der  dann  anfängt  zu  grünen,  und  das  deutsche  Kaiserreich  in  seiner  alten
Herrlichkeit  wieder  aufrichten.  In  Kaiser  Wilhelm  I  ist  Barbarossa  wieder  erstanden.
  Daher  ist  ihm  auch  auf  dem  Kyffhäuser  ein  Denkmal  errichtet  worden.

f.  Das  Fürstentum  Schwarzburg-Sondershausen  (1/46  v.  Brandenburg  —
78  T.)  besteht  ebenfalls  aus  der  Ober=  und  Unterherrschaft.  Die  Oberherrschaft  liegt
am  Thüringer  Walde,  die  Unterherrschaft  im  Thüringer  Hügellande.  Hauptstadt
ist  Sondershausen  (7  T.).

g.  Das  Fürstentum  Reuß  ältere  Linie  (1/125  v.  Brandenburg  —  67  T.).
Hauptstadt  Greiz  (22  T.);  reizende  Lage  im  Elsterthale.

h.  Das  Fürstentum  Reuß  jüngere  Linie  (1/48  v.  Brandenburg  —  131  T.).
Hauptstadt  Gera  (43  T.),  wichtige  Fabrikstadt  für  feine  Wollwaren.  Die  Residenz
  ist  Schleiz.

5.  Königreich  Sachsen.  (¾8  v.  Brandenburg  —  3,8  M.  E.  —  ½  kath.)

1.  Bodengestalt.  Sachsen  hat  die  Gestalt  eines  Dreiecks,  dessen  Südostseite
von  dem  Erzgebirge  (S.  88),  dem  Elbsandsteingebirge  und  dem  Lausitzer
Gebirge  gebildet  wird.  Nach  Norden  hin  dachen  sich  diese  Gebirge  allmählich  zur
Tiefebene  ab  und  bilden  so  das  sächsische  Berg=  und  Hügelland.  Daher  schlagen
auch  die  Flüsse,  die  von  diesen  Gebirgen  kommen,  wie  Freiberger  und  Zwickauer
Mulde,  Zschopau  u.  a.  eine  nördliche  Richtung  ein.

2.  Gewerbthätigkeit.  Das  Erzgebirge  lockte  durch  seinen  Erzreichtum  schon
vor  Jahrhunderten  viele  Bergleute  herbei,  und  bald  erblühten  die  Bergstädte  Freiberg,
  Zwickau,  Annaberg  u.  a.  Heute  aber  ist  der  Bergbau  nicht  mehr  sonderlich
lohnend.  Die  Bevölkerung  hat  sich  daher  vielfach  der  Gewerbthätigkeit,  namentlich
der  Wollweberei  und  -spinnerei,  zugewandt.  Diese  wird  jetzt  überall  in  großartigen
Fabriken  durch  Maschinen  betrieben.  Das  Brennmaterial  dazu  liefern  das  Steinkohlenlager
  im  plauenschen  Grunde  bei  Dresden  und  das  Steinkohlenlager  zwischen
Chemnitz  (kemnitz)  und  Zwickau.  In  all  den  kleinen  Flußthälern,  besonders  im
Thal  der  Zwickauer  Mulde,  reiht  sich  eine  Fabrikstadt  an  die  andre.  Dichter  Qualm
umhüllt  die  Häuser,  und  das  Geklapper  der  Maschinen  betäubt  unser  Ohr.  Da
werden  Flanelle,  Teppiche,  Wachstuche,  Kleiderstoffe,  Handschuhe,  Strümpfe  und
tausend  andre  Dinge  verfertigt,  die  sogar  nach  Brasilien  und  Australien  hin  versandt
  werden.  Der  Hauptort  dieser  großartigen  Gewerbthätigkeit  ist  Chemnitz
(161  T.),  das  „sächsische  Manchester“.  Daneben  sind  aber  auch  Zwickau,  Glauchau,
  Reichenbach  und  Plauen  sehr  lebhafte  Fabrikstädte.  Diese  großartige
Fabrikthätigkeit  hat  in  Sachsen  eine  so  dichte  Bevölkerung  hervorgerufen,  wie  sie
kein  zweites  Land  in  Europa  aufzuweisen  hat.  —  (Auf  1  qkm  kommen  in  Sachsen
durchschnittlich  252  Menschen,  in  Belgien  215,  in  Schweden  und  Norwegen  nur  9.)

3.  Das  Elbthal  vom  Elbsandsteingebirge  bis  Meißen.  Auf  der  Grenze
zwischen  Böhmen  und  Sachsen  durchbricht  die  Elbe  das  Sandsteingebirge,  das  sich
wie  ein  Keil  zwischen  das  Erz=  und  Lausitzer  Gebirge  einschiebt.  Ehemals  war
die  ganze  Sandsteinmasse  eine  einzige  große  Platte,  aus  einzelnen  übereinander
lagernden  Sandsteinschichten  zusammengesetzt.  Diese  Platte  wurde  dann  von  der
Elbe  und  den  kleinen  dort  ihr  zufließenden  Seitenbächen  dermaßen  durchnagt,  daß
ein  Gebirge  daraus  entstand,  aber  eins  mit  lauter  platten  Gipfeln.  Wie  zwei  mächtige
  Säulen  erheben  sich  rechts  von  der  Elbe  der  Lilienstein  und  links  der  stark
befestigte  Königstein.  Die  besuchtesten  Punkte  dieser  „sächsischen  Schweiz“  sind

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        —  116  —

die  Bastei,  der  Kuhstall,  das  Prebischthor  (in  Böhmen)  u.  a.  Der  Sandstein
liefert  ein  vorzügliches  Baumaterial  und  wird  auch  zu  Denkmälern,  Mühlsteinen,
»  ...«....  Trögen,  Schleifsteinen
.  u.dgl.verarbeitet.Die
».·."  meisten  Steinbrüche  be-T-«""««
  finden  sich  bei  Pirna.
Von  hier  führt  uns
«.,  Ddie  Elbe  durch  ein  weites
TDTihal  nach  Dresden
»T-  ..-(334T.),derHauptstadt
Sachsens.  Ihre  Prachtbauten
  sowie  die  zahlreichen
  Kunstschätze  haben
#ihr  den  Namen  „SElb-Florenz“
  verschafft.  —
Stromabwärts  von  Dresden
  gelangen  wir  nach
Meißen,  das  durch  seine
Porzellanfabrik  —  die
älteste  in  Europa  —  berühmt
  ist.
4  .  Leipzig  (400  T.)
liegt  an  der  Pleiße,  in
äeiner  weiten  Ebene,  die
schon  oft  der  Schauplatz
heftiger  Kämpfe  gewesen
ist.  Am  bekanntesten  ist
die  große  Völkerschlacht
von  1813,  an  die  hier
zahlreiche  Denksäulen  erinnern.
  Leipzig  ist  eine
sehr  bedeutende  Handelsstadt;
  besonders  berühmt
»-  -  sind  die  Leipziger  Messen.
«  -  Zu  diesen  finden  sich  Han-Die
  afte-  delsleute  aus  allen  Ländern
  ein:  Franzosen,  Engländer,  Türken,  Russen,  Amerikaner  u.  s.  w.  Zahllose  Rollwagen
  bringen  zur  Meßzeit  ganze  Berge  von  Kisten,  Ballen  und  Fässern  in  die
Stadt.  Die  Wohnungen  im  Erdgeschosse  verwandeln  sich  an  vielen  Orten  in  Warenlager;
  selbst  auf  den  Hausfluren  und  in  den  Höfen  sind  stellenweise  Verkaufsplätze
hergerichtet.  Firmenschilder  mit  riesengroßen  Buchstaben  bedecken  die  Häuser  nicht
selten  bis  ins  dritte  Stockwerk,  und  überall  werden  Waren  der  verschiedensten  Art,
wie  Seide,  Baumwollenzeuge,  Tuche,  Leder,  Stahlwaren,  Pelze  u.  s.  w.  zum  Verkaufe
  angeboten.  Auch  für  Meßvergnügen  ist  gesorgt.  Da  findet  man  Tierbuden,
Kunstreiter,  Taschenspieler,  Wachsfigurenkabinette  u.  a.  Sehenswürdigkeiten,  und
die  zahlreichen  Karussels,  Musikbanden  und  Drehorgelspieler  machen  einen  wahren
Höllenlärm.  Dreimal  im  Jahre,  zu  Neujahr,  Ostern  und  Michaelis  wiederholt
sich  die  Messe.  Die  Hauptmesse  ist  die  Ostermesse;  sie  wird  mit  der  Buchhändlermesse
  geschlossen.  —  In  Leipzig  befindet  sich  das  Reichsgericht,  die  oberste  Gerichtsbehörde
  Deutschlands.
5.  Der  östliche  Teil  Sachsens  umfaßt  ein  Stück  der  frühern  Markgrafschaft
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        —  117  —

Lausitz.  Hier  an  der  Spree,  in  der  Umgegend  von  Bautzen  (Schlacht  1813),
wohnen  noch  Wenden,  die  noch  jetzt  ihre  eigne  Sprache  reden.  (Vergl.  den  Spree—
wald  S.  991)  Der  größte  Ort  hier  ist  das  freundliche  Zittau,  das  den  Mittelpunkt
  eines  regsamen  und  dicht  bevölkerten  Weberbezirks  bildet.

6.  Die  süddentschen  Staaten.

a.  Königreich  Bavern.  (Etwa  ½  v.  Preußen  —  über  5,8  M.  —  kath.)

1.  Das  Königreich  Bayern  besteht  aus  dem  Hauptlande  und  der  Pfalz
oder  Rheinbayern.  Das  Hauptland  wird  durch  die  Donau  in  einen  südlichen
und  einen  nördlichen  Teil  geschieden.

2.  Die  Donau  tritt  bei  der  württembergischen  Stadt  Ulm  in  Bayern  ein,  fließt
an  Ingolstadt  und  Regensburg  vorüber  und  verläßt  bei  Passau  das  Land.
Links  nimmt  sie  Altmühl,  Naab  und  Regen  auf,  rechts  Iller,  Lech,  Isar,
Inn.  Bei  Regensburg  erreicht  sie  ihren  nördlichsten  Punkt.

3.  Der  südliche  Teil  Bayerns  wird  hauptsächlich  durch  die  schwäbisch-bayrische
Hochebene  (S.  91)  angefüllt.  Sie  steigt  von  der  Donau  nach  Süden  hin  allmählich
  aufwärts  bis  zu  den  bayrischen  Alpen.  Diese  ziehen  mit  ihren  Berggipfeln,
Gletschern,  Wasserfällen  und  Seen  alljährlich  viele  Reisende  herbei.  Unter  den  Seen
sind  die  bedeutendsten:  der  Starnberger  See,  der  Tegernsee,  der  Chiemsee
und  der  Königssee.  Der  Königssee  liegt  am  Fuße  des  2700  m  hohen  Watzmann.
  —  Im  Ammerthale  liegt  das  durch  seine  Passionsspiele  berühmte  Dorf
Oberammergau.  Bei  Reichenhall  und  an  andern  Orten  befinden  sich  große
Steinsalzlager.  Auf  den  saftigen  Alpenweiden  wird  die  Viehzucht  nach  Art  der
Schweizer  betrieben.  Die  Hochebene  ist  im  allgemeinen  wenig  fruchtbar.  Daher
ist  sie  auch  schwach  bevölkert  und  hat  wenig  Dörfer  und  Städte.  Im  reißenden
  Laufe  eilen  Iller,  Lech,  Isar  und  Inn  in  ihrem  tiefeingeschnittenen
Bette  durch  die  Ebene  der  Donau  zu.  Sie  sind  daher  nur  zum  Holzflößen,  nicht
zur  Schiffahrt  geeignet.  Ihnen  verdankt  die  Donau  ihren  Wasserreichtum.  An  der
Isar  liegen  München  und  Landshut,  am  Lech  Augsburg  (75  T.).  Augsburg
vermittelte  im  Mittelalter  den  Handel  zwischen  Italien  und  war  daher  eine  sehr
reiche  Stadt.  Auch  jetzt  wieder  blüht  sie  durch  Gewerbefleiß  und  Handel.

4.  München  (über  400  T.)  liegt  mitten  in  der  bayrischen  Hochebene.  Rings
um  die  Stadt  breitet  sich  eine  unfruchtbare,  kiesbedeckte  Fläche  aus,  die  weder  Thäler
noch  Berge  hat.  Die  Stadt  selbst  ist  wunderschön.  Die  neuen  Kirchen  und  Paläste
  sind  vollendete  Kunstdenkmäler,  und  in  den  Museen  sind  Kunstschätze  ausgestellt,
  die  zu  den  schönsten  der  Welt  gehören.  Auf  einer  großen  Wiese  steht  die
Ruhmeshalle  mit  den  Büsten  berühmter,  um  das  Vaterland  verdienter  Bayern.
Neben  ihr  befindet  sich  eine  Riesen-Bildsäule,  Bavaria  genannt.  Eine  Treppe  im
Innern  führt  bis  zu  ihrem  Haupte,  worin  sich  2  Ruhebänke  befinden.

5.  Der  nördliche  Teil  Bayerns  ist  ein  fruchtbares  Hügelland.  Es  wird  vom
fränkischen  Jura  durchzogen  und  im  Nordosten  vom  Böhmer  Walde  und  dem
Fichtelgebirge  eingeschlossen.  Auf  dem  Fichtelgebirge  entspringt  der  Main,  der
in  einer  äußerst  fruchtbaren  Ebene  dem  Rhein  zufließt.  Der  Main  macht  so  viele
Krümmungen,  daß  er  dadurch  den  geraden  Weg  von  der  Quelle  bis  zur  Mündung
um  mehr  als  das  Doppelte  verlängert.  Dadurch  aber  wird  sein  Gefälle  sehr  vermindert
  und  seine  Schiffbarkeit  erhöht.  In  der  Gegend  des  Obermains  wird  viel
Hopfen  gebaut,  besonders  bei  Bamberg.  Er  gedeiht  hier  —  wie  auch  noch  an
andern  Orten  Bayerns  —  vorzüglich  und  hat  die  weltberühmten  Bierbrauereien
zu  München,  Nürnberg,  Erlangen,  Kulmbach  u.  s.  w.  hervorgerufen.  Die  wichtigsten
  Städte  am  Main  sind  Kulmbach,  Schweinfurt  und  Würzburg.  Der
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        —  118  —

bedeutendste  Nebenfluß  des  Mains  ist  die  Rednitz.  Sie  ist  durch  den  Ludwigs—
kanal  mit  der  Altmühl  verbunden.  (Reise  zu  Schiffe  von  Mainz  nach  Wien!)
An  der  Rednitz  liegen  Bamberg  (40  T.),  Haupthandelsplatz  des  Obermains,
Erlangen  und  Fürth.  An  der  Pegnitz,  einem  Nebenflüßchen  der  Rednitz,  liegt
das  altberühmte  Nürnberg  (162  T.).

6.  Nürnberg  war  eine  der  ansehnlichsten  Gewerbe=  und  Handelsstädte  des
Mittelalters.  Es  liegt  inmitten  einer  unfruchtbaren,  mit  ausgedehnten  Kiefernwäldern
  bestandenen  Gegend.  Diese  Wälder  wiesen  die  Bewohner  besonders  auf
Gewerbthätigkeit  in  Holzwaren  an,  und  so  erklärt  sich  der  großartige  Ruf,  den
Nürnberg  wegen  seiner  „Spielwaren“  erlangte.  „Nürnberger  Tand  geht  durch  das
ganze  Land.“  Von  dem  Alter  und  dem  frühern  Wohlstande  zeugen  noch  heute  die
zahlreichen  altertümlichen  Häuser.  Einen  „Nürnberger  Trichter“  hat  es  nie  gegeben,
  wohl  aber  „Nürnberger  Eier“,  wie  man  die  von  Peter  Hele  hier  erfundenen
  Taschenuhren  früher  nannte.  Auch  Hans  Sachs  ist  ein  Nürnberger  Kind.
Er  „war  ein  Schuh—macher  und  Poet  dazu.“  —  Auch  heute  noch  blüht  Nürnberg
  als  Gewerbestadt  und  stellt  Spielsachen,  Bleifedern,  Nadeln,  Spiegel  u.  s.  w.
her.  Besonders  berühmt  ist  es  durch  seine  Bierbrauereien.

7.  Rheinbayern.  An  der  Westseite  des  Rheins  liegt  die  Provinz  Rheinbayern
oder  die  Pfalz.  Dort  wird  besonders  viel  Wein  und  Tabak  gebaut.  Der  Hauptort
  ist  Speier.  In  seinem  Dome  sind  die  Gräber  von  acht  deutschen  Kaisern.

b.  Königreich  Mürttemberg.  (½  v.  Brandenburg  —  2  M.  E.  —  ½  kath.)

1.  Württemberg  wird  in  der  Mitte  von  dem  schwäbischen  Jura,  einer
öden,  felsigen  Hochebene  durchzogen.  In  seinem  nördlichen  Teile  ist  es  ein  anmutiges
  Gebirgs=  und  Hügelland.  Die  wichtigsten  Flüsse  des  Landes  sind  die
Donau  und  der  Neckar.  An  der  Donau  liegt  Ulm.  Das  berühmte  Münster
hier  hat  den  höchsten  Turm  der  Erde,  161  m  hoch.

2.  Das  Neckarthal  hat  ein  sehr  mildes  Klima  und  ist  eins  der  fruchtbarsten
Thäler  Deutschlands.  Davon  zeugen  die  wallenden  Kornfelder,  die  üppigen  Wiesen
und  die  weit  ausgedehnten  Weinberge.  Der  Neckar  bildet  die  Hauptwasserstraße
für  den  Handel  Württembergs.  Besonders  ist  er  von  zahlreichen  Holzflößen  belebt,
  die  aus  Tannen=  und  Eichenstämmen  (vom  Schwarzwalde)  zusammengesetzt  sind
und  ihren  Weg  zum  Rhein  und  weiter  nach  dem  holzarmen  Holland  nehmen,  wo
sie  zum  Schiffs=  und  Häuserbau  verwendet  werden.  Die  wichtigsten  Städte  am
Neckar  sind:  Tübingen,  mit  einem  Denkmale  des  Dichters  Uhland,  der  hier  geboren;
  Eßlingen,  Hauptfabrikstadt;  Stuttgart  (170  T.),  Hauptstadt,  in  einem
Seitenthale  des  Neckar,  mit  einem  Schillerdenkmale;  Ludwigsburg,  zweite  Residenz;
  Marbach,  wo  Schillers  Geburtshaus  zahlreiche  Fremde  anlockt,  und  Heilbronn,
  wo  der  beliebte  „Neckar-Champagner“  hergestellt  wird.

c.  Großherzogtum  Baden.  (3/8  v.  Brandenburg  —  1,7  M.  E.  —  kath.)

1.  Lage  und  Bodenerzeugnisse.  Baden  liegt  an  der  rechten  Seite  des  Oberrheins.
  Zur  einen  Hälfte  wird  es  von  der  oberrheinischen  Tiefebene  (S.  91)
und  zur  andern  von  dem  Schwarzwalde  (S.  90)  eingenommen.  Die  Tiefebene
hat  ein  sehr  mildes  Klima  und  gehört  zu  den  fruchtbarsten  Landstrichen  Deutschlands.
  Der  Ackerbau  ist  daher  die  Hauptbeschäftigung  der  Bewohner.  Am  Westabhange
  des  Schwarzwaldes  reift  ein  vorzüglicher  Wein  (Markgräfler),  und  als
Obstland  steht  Baden  unter  allen  Ländern  Deutschlands  oben  an.

2.  Die  bedeutendsten  Städte  Badens  liegen,  da  die  Ufer  des  Rheins  vielfach
  sumpfig  sind,  nicht  dicht  am  Rhein,  sondern  etwas  davon  entfernt  oder  in
Thälern  des  Schwarzwaldes.  Die  größte  Stadt  Badens  ist  Mannheim,  das
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durch  seine  günstige  Lage  an  der  Vereinigung  zweier  Wasserstraßen  (Neckar  mit
Rhein)  zu  einer  bedeutenden  Handelsstadt  geworden  ist.  Da,  wo  der  Neckar  aus
dem  Gebirge  in  die  Ebene  tritt,  finden  wir  das  altberühmte  Heidelberg  (an
der  Bergstraße  S.  91).  Die  Residenz  des  Landes  ist  Karlsruhe  (85  T.)  An
der  Murg  liegt  die  Festung  Rastatt,  in  einem  schönen  Thale  des  Schwarzwaldes
der  berühmte  Badeort  Baden-Baden;  weiter  südlich  Freiburg  und  am  Boden—
see  Konstanz,  bekannt  durch  Huß'  Feuertod  (1415).

d.  Großherzogtum  Hessen.  (/8  von  Brandenburg  —  1  M.  E.  —  ½⅛  kath.)

Hessen  besteht  aus  zwei  getrennt  liegenden  Teilen;  der  eine  liegt  nördlich,
der  andre  südlich  vom  Main.  Der  nördliche  Teil  mit  den  unergiebigen  Höhen
des  Vogelsberges  heißt  Oberhessen.  Der  südliche  Teil  wird  durch  den  Rhein
in  2  Teile  geschieden  und  umfaßt  das  nördliche  Stück  der  oberrheinischen
Tiefebene  und  fast  den  ganzen  Odenwald.  Das  Land  rechts  vom  Rhein
heißt  Rheinhessen.  Hier  wird  viel  Weinbau  betrieben.  Auch  liegt  hier  die
Hauptstadt  Darmstadt  (64  T.).  Zwischen  ihr  und  Heidelberg  befindet  sich  die
Bergstraße.  (S.  91.)  Nördlich  von  Darmstadt  liegt  Offenbach,  die  betriebsamste
  Fabrikstadt  des  Landes.  Der  Mündung  des  Mains  gegenüber  liegt
Mainz  (77  T.),  eine  Festung  ersten  Ranges.  Hier  wurde  Gutenberg  geboren,
dessen  Denkmal  die  Stadt  schmückt.  Außerdem  merken  wir  Worms,  bekannt
durch  den  Reichstag  von  1521  (s.  Geschichtel),  sowie  Bingen,  in  dessen  Nähe
der  „Mäuseturm“  im  Rhein  steht.

7.  Das  Reichsland  Elsaß-Lothringen.
(/8  v.  Brandenburg  —  1,6  M.  E.  —  /  kath.)

1.  Elsaß-Lothringen  war  von  den  Franzosen  vor  etwa  200  Jahren  (Straßburg
  1681)  von  Deutschland  losgerissen  worden.  Seit  1871  ist  es  wieder  mit
Deutschland,  seinem  Mutterlande,  vereinigt.

2.  Elsaß.  Land  und  Bewohner.  Das  Elsaß  ist  ein  gar  herrliches  Land.
Mit  Wohlgefallen  betrachtet  das  Auge  die  fruchtbaren  Kornebenen,  die  sich  hier  am
linken  Ufer  des  Rheins  von  Basel  bis  Lauterberg  hin  erstrecken.  Im  Westen
grenzt  diese  Ebene  an  ein  noch  reicher  gesegnetes  Hügelland,  das  von  unten  bis
oben  mit  Weinbergen  bedeckt  ist.  Von  diesem  schmalen  Hügellande  steigt  man  zu
dem  mächtigen  Walle  des  Wasgaus  empor,  der  mit  großen  Wäldern  bedeckt  ist.
—  Die  Bewohner  des  Elsaß  sind  schwäbischer  Abkunft  und  verraten  schon  durch
ihre  Sprache  und  ihr  ganzes  Wesen,  daß  sie  deutsche  Landeskinder  sind.

3.  Städte  im  Elsaß.  Die  Hauptstadt  des  Elsaß  ist  Straßburg  (135  T.),
an  der  Ill,  eine  sehr  starke  Festung  und  die  bedeutendste  Handelsstadt  des  ganzen
Oberrheins.  Das  berühmte  Münster  hat  nächst  dem  Ulmer  und  Kölner  Dome  den
höchsten  Turm  der  Erde.  In  Straßburg  wohnt  der  kaiserliche  Statthalter  Elsaß-Lothringens.
  Von  Straßburg  führt  uns  die  Ill  nach  Mülhausen  (85  T.),  dem
Mittelpunkte  einer  großartigen  Baumwollenweberei  und  Kattundruckerei.  Als  Schlachtörter
  des  Elsaß  sind  Weißenburg  und  Wörth  zu  merken.  (Gesch.  S.  76.)

4.  Deutsch-Lothringen  ist  ein  hügeliges  Land,  das  neben  Getreide  auch  viel
Obst  und  Wein  erzeugt.  Die  Hauptstadt  ist  Metz  (60  T.),  eine  uralte  Stadt  und  sehr
starke  Festung,  an  der  Mosel  gelegen.  In  der  Nähe  Mars  la  Tour  und  Vionville;
  nach  der  Rheinprovinz  zu  bei  Forbach  die  Spicherer  Höhen.  (1870.)

B.  Die  Bewohner  Deutschlands  und  ihre  Beschäftigung.

1.  Bewohner.  In  Deutschland  leben  etwa  52  Millionen  Menschen.  Auf
1  qkm  kommen  im  Durchschnitt  etwa  96  Bewohner.  Im  allgemeinen  ist  der
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        —  120  —

Osten  und  Norden  weniger  bevölkert  als  der  Westen  und  Süden.  So  kommen
auf  1  akm  in  Pommern  durchschnittlich  52,  in  Mecklenburg-Strelitz  sogar  nur
35  Menschen,  während  z.  B.  in  Baden  114  Menschen  auf  1  qkm  wohnen.  Am
dichtesten  wohnen  die  Menschen  in  all  den  Landstrichen  beisammen,  wo  sich  ein
großartiges  Industriewesen  entwickelt  hat,  also  im  Königreiche  Sachsen  (252  auf
1  akm)  sowie  in  der  Rheinprovinz  und  in  Westfalen.  Etwa  3  Millionen  der
Bewohner  Deutschlands  sind  Nichtdeutsche.  2  ⅛  Millionen  hiervon  gehören  dem
Stamme  der  Slaven  an.  Sie  wohnen  im  östlichen  Preußen  (Polen)  und  im
Königreiche  Sachsen  (Wenden).  Der  Rest  verteilt  sich  auf  Franzosen  in  Lothringen,
  Litauer  in  Ostpreußen  und  Dänen  in  Nord-Schleswig.  Dem  Bekenntnis
nach  sind  J8  Evangelische  und  ½  Katholiken.  Juden  sind  im  Osten  Preußens,
in  Hessen  und  im  Elsaß  am  stärksten  vertreten.

2.  Beschäftigung.  Unter  den  Nahrungszweigen  ist  der  wichtigste  die  Landwirtschaft.
  Kartoffeln  werden  in  keinem  Lande  Europas  soviel  gebaut  als  in
Deutschland,  und  Roggen  wird  nur  in  Rußland  in  noch  größern  Mengen  geerntet
  als  bei  uns.  Zuckerrüben  werden  aber  in  Deutschland  soviel  gebaut,  daß
es  das  erste  Zuckerland  der  ganzen  Erde  ist.  Obst  und  Wein  gewinnt  man
vorzugsweise  in  den  geschützten  Thalstrecken  des  Rheins,  des  Neckars,  des  Mains
und  der  Mosel.  Ein  Viertel  des  deutschen  Bodens  ist  mit  Wald  bedeckt.  Die
Viehzucht  blüht  hauptsächlich  in  den  wiesenreichen  Marschgegenden  (Oldenburg,
Friesland)  und  in  den  Gebirgsgegenden,  wie  in  den  schwäbischen  und  bayrischen
Alpen.  Auch  der  Bergbau  ist  in  Deutschland  recht  lohnend.  Edle  Metalle  gewinnt
  man  zwar  nur  wenig,  desto  größer  aber  ist  die  Ausbeute  an  Kohlen  und
Eisen,  Kupfer,  Zink  und  Salz.  Steinkohlen  findet  man  hauptsächlich  in  den
Rheinlanden,  in  Schlesien  und  im  Königreich  Sachsen.  Hier  hat  sich  daher  ein
großartiges  Fabrikwesen  entwickelt.  Die  Bewohner  dieser  Landstriche  nähren  sich
hauptsächlich  durch  Handel  und  Gewerbe.

3.  Einfuhr  und  Ausfuhr.  Seitdem  die  Maschine  in  allen  Gewerben  den
Handbetrieb  verdrängt  hat,  ist  das  Großgewerbe  fast  überall  zur  Herrschaft  gelangt.
  Mit  Hilfe  der  Eisenbahnen  werden  die  Rohstoffe  für  die  Fabriken  herbeigeschafft,
  so  besonders  Baumwolle,  Wolle,  Holz,  Tabak,  Leder,  Seide  u.  s.  w.
Alle  diese  Rohstoffe  werden  in  den  verschiedensten  Fabriken  verarbeitet  und  dann
zum  Teil  wieder  an  das  Ausland  verkauft.  Ausgeführt  werden  z.  B.  baumwollene
  und  wollene  Kleiderstoffe,  Tuche,  Strümpfe,  Schürzen,  Leinenzeuge,  Zucker,
Bier,  Maschinen,  Kanonen,  Gewehre,  Säbel,  Messer,  Scheren,  Blechwaren,  Band,
Samt,  Spielwaren  u.  s.  w.  Infolge  der  dichten  Bevölkerung  aber  ist  der  Bedarf
  an  Getreide  und  Fleisch  in  Deutschland  so  groß,  daß  das  Land  ihn  nicht
zu  decken  vermag.  Es  werden  daher  große  Mengen  Getreide  aus  Ungarn,  Rußland,
Rumänien,  Nordamerika,  Indien  u.  a.  Ländern  eingeführt.

 

Europa.
A.  Allgemeines.

1.  Lage.  Nächst  Australien  ist  Europa  der  kleinste  Erdteil  (u0  M.  qakm;
370  M.  Einwohner);  doch  nimmt  er  hinsichtlich  der  Bildung  und  Gesittung  seiner
Bewohner  die  erste  Stelle  ein.  Folgende  Ursachen  sind  es  besonders,  denen  Europa
diese  seine  hohe  Weltstellung  verdankt.  Es  ist  von  3  Erdteilen  umlagert  und
        <pb n="127" />
        —  121  —

von  3  Seiten  von  Meeren  umspült.  Unter  allen  Erdteilen  hat  es  die  reichste
Küstenentwickelung.  (Suche  die  wichtigsten  Meerbusen,  Inseln  und  Halbinseln  auf
der  Karte  auf!)  Dazu  kommt  noch,  daß  Europa  keine  Wüsten  hat  und  in  allen
seinen  Teilen  bewohnbar  ist.  Der  Anbau  von  Getreide  ist  fast  überall  möglich.
Auch  das  Klima  begünstigt  die  Entwicklung  von  Kultur  und  Bildung.

2.  Das  Klima  in  Europa  ist  im  allgemeinen  ein  gemäßigtes.  Sowohl  die
Hitze  des  Südens  wie  die  Kälte  des  Nordens  ist  noch  erträglich.  Der  Nordwesten
hat  besonders  durch  die  Einwirkung  des  Golfstroms  (des  „Ofens  vom  nordwestlichen
  Europa")  ein  sehr  mildes  Klima  erhalten.  (S.  165.)  Noch  in  Schottland
bleibt  selbst  zur  Winterzeit  die  Myrte  im  Freien  grün,  während  im  Osten  der
Winter  mit  großer  Strenge  auftritt.  Der  Westen  Europas  hat,  da  er  dem  Meere
nahe  liegt,  viel  Regen,  milde  Winter  und  mäßig  warme  Sommer  (S.  102).  Je
weiter  wir  aber  nach  Osten  wandern,  desto  geringer  wird  der  Niederschlag  und
desto  größer  der  Unterschied  zwischen  Winter  und  Sommer.

3.  Bodengestalt.  Der  Südwesten  Europas  ist  vorzugsweise  Gebirgsland,
der  Nordosten  Tiefland.  Das  hbchste  Gebirge  sind  die  Alpen,  dann  folgen
die  Pyrenäen,  die  Apenninen,  die  Karpaten  und  der  Balkan.  Den  größten
Raum  aber  nimmt  das  skandinavische  Gebirge  ein.  Suche  die  bedeutendsten
Flüsse  sowie  ihre  Quelle  und  Mündung  auf  der  Karte  auf!

4.  Die  Alpen.  a)  Die  Alpen  bilden  einen  gewaltigen  1000  km  langen  Halbbogen,
  der  am  mittelländischen  Meer  (östlich  von  der  Rhonemündung)  beginnt  und
sich  bis  an  die  ungarische  Tiefebene  hin  erstreckt.  Ihre  höchste  Spitze  erreichen
sie  in  dem  Montblanc  (4800  m).  Die  Berge  laufen  oft  in  zackigen  und  eckigen
Felsen  aus  („Hörner“,  „Nadeln“);  unten  sind  sie  bewaldet,  die  Gipfel  aber  sind
kahl  und  meist  mit  ewigem  Eis  und  Schnee  bedeckt.  (S.  89.)  Solche  Schneefelder
heißen  Firnen.  —  b)  Dort  oben  lagern  auch  zwischen  steilen  Gebirgsmauern  die
Gletscher.  Das  sind  Eisfelder,  die  aus  dem  Hochgebirgsschnee  (Firn)  entstehen.
Sie  sind  zuweilen  an  100  m  dick  und  oft  mehrere  Stunden  lang.  —  Ein  Schrecken
der  Alpenbewohner  sind  die  Lawinen.  Das  sind  gewaltige  Schneestürze,  die  sich
bei  Tauwetter  bilden  und  donnernd  von  den  Bergen  in  die  Thäler  rollen,  wobei
sie  alles  mit  sich  fortreißen,  was  ihnen  in  den  Weg  kommt:  Baum  und  Felsblock,
Mensch  und  Tier.  Ja,  zuweilen  verschütten  sie  ganze  Wälder  und  Dörfer.  —
e)  Um  den  Verkehr  über  die  Alpen  zu  ermöglichen,  hat  man  gangbare  Wege  angelegt.
  Sie  heißen  „Pässe“  und  führen  gewöhnlich  über  Einsattelungen  der
Gebirgskämme.  Als  der  bequemste  Paß  galt  schon  in  alten  Zeiten  seiner  geringen
Höhe  wegen  (1400  m)  der  Brennerpaß.  Jetzt  führen  auch  Eisenbahnen  über
und  durch  verschiedene  Berge.  So  geht  seit  1882  durch  den  St.  Gotthard  in
einem  15  km  langen  Tunnel  eine  Bahn,  die  die  Schweiz  mit  Italien  verbindet.

B.  Außerdeutsche  Länder  Europas.

9.  Die  Schweiz.  (Etwas  größer  als  Brandenburg  —  fast  3  M.  E.)

1.  Bodenverhältnisse.  Die  ganze  Schweiz  ist  Hochland.  Den  Süden  und
Osten  füllen  die  Alpen,  und  im  Nordwesten  zieht  sich  der  Schweizer  Jura  von
der  Rhone  bis  zum  Rhein  entlang.  Zwischen  den  Alpen  und  dem  Jura  liegt
die  Schweizer  Hochebene.  Sie  ist  äußerst  fruchtbar,  weshalb  Acker-,  Obstund
  Weinbau  die  hauptsächlichste  Nahrungsquelle  ihrer  Bewohner  ist.

2.  Alpenwirtschaft.  Die  saftigen  Bergwiesen  mit  ihren  würzigen  Kräutern
begünstigen  die  Viehzucht.  Selbst  noch  oberhalb  der  Baumgrenze  finden  sich  zahl-
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        —  122  —

reiche  Grasplätze,  „Almen“  oder  „Alpen“  genannt,  die  der  „Senn“  während
des  Sommers  von  seinen  Rindern,  Schafen  und  Ziegen  abweiden  läßt.  Ende
Mai  oder  Anfang  Juni  findet  die  „Auffahrt“  statt.  Oben  auf  der  Alp  steht  die
Sennhütte.  Sie  ist  aus  schweren  Balken  erbaut  und  mit  Brettern  gedeckt,  die
zum  Schutze  gegen  den  Sturm  mit  großen  Steinen  beschwert  sind.  Daneben
befindet  sich  der  Stall  mit  dem  Milchkeller.  Das  Vieh  weidet  frei.  Damit  es
aber  nicht  Schaden  nehme,  muß  der  Senn  die  gefährlichsten  Stellen  durch  Zäune
schützen.  Ende  August  oder  Anfang  September  zieht  er  mit  seiner  Herde  wieder
ins  Thal,  und  wenn  ihm  während  des  Sommers  kein  Stück  von  seiner  Herde
verloren  gegangen  ist,  dann  findet  er  Thor  und  Stall  mit  Kränzen  geschmückt.

 

 

 

 

 

 

3.  Flüsse  und  Scen.  Am  Fuße  der  Alpen  liegen  große  Seen,  in  denen
der  Rhein,  die  Reuß,  die  Aare,  die  Rhone  u.  a.  Flüsse  ihr  Geröll  und  auch
ihre  feinern  Sinkstoffe  (Schlammteile)  absetzen.  Die  bekanntesten  sind:  Genfer-,
Neuenburger-,  Vierwaldstätter-,  Züricher=  und  Bodensee.  (S.  119.)

4.  Gewerbthätigkeit.  Der  Boden  vermag  den  Bedarf  an  Getreide  nur  zur
größern  Hälfte  zu  decken,  weshalb  die  Bewohner  vielfach  auf  Gewerbthätigkeit  und
Handel  angewiesen  sind.  Der  Hauptsitz  der  Baumwollenindustrie  ist  die  Ostschweiz.
  Ihre  Mittelpunkte  daselbst  sind  Zürich,  St.  Gallen  u.  s.  w.  —
Seide  wird  besonders  in  Zürich  und  Basel  verarbeitet,  während  Genf  der
Mittelpunkt  der  Uhrenfabrikation  ist.

5.  Die  Schweiz  ist  eine  Republik  und  zerfällt  in  22  Kantone.  An  ihrer  Spitze
steht  ein  Bundespräsident,  der  seinen  Sitz  in  der  Hauptstadt  Bern  hat  und  hier
im  Verein  mit  der  Bundesversammlung  die  Gesetze  des  Landes  berät.  Ein  stehendes
Heer  hat  die  Schweiz  nicht.  Jeder  kriegstüchtige  Mann  wird  einige  Wochen  im
Jahre  mit  den  Waffen  geübt,  und  so  ist  jeder  Bürger  Soldat,  jeder  Soldat  Bürger.

10.  Osterreich-  3  Ugarn.  (Etwas  größer  als  Deutschland  —  41  M.  E.)

1.  Der  Gründer  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  ist  Rudolf  von
Habsburg.  Er  besiegte  den  König  Ottokar  von  Böhmen  und  gab  dessen  Länder
        <pb n="129" />
        —  123  —

sterreich,  Steiermark  und  Krain  seinen  Söhnen.  Nach  und  nach  wurden
auch  noch  Tirol,  Kärnthen,  Böhmen,  Mähren,  Ungarn,  Galizien,  Buko—
wina,  Istrien,  Dalmatien  u.  a.  Länder  erworben.  Ungarn  hat  aber  seine  eigne
Verfassung  und  Verwaltung,  so  daß  das  Kaiserreich  aus  2  Teilen,  der  österreichischen
  und  der  ungarischen  Reichshälfte,  besteht.

a.  Die  österreichische  Reichshälfte.  Sie  ist  durchweg  gebirgig.  Wir  finden
hier  die  Ostalpen,  den  Böhmer  Wald,  das  Erz=  und  das  Riesengebirge.
Der  Hauptsluß  ist  die  Donau.  Die  Bevölkerung  setzt  sich  aus  Deutschen,  Slaven
(Tschechen,  Slovaken,  Polen,  Slovenen,  Kroaten,  Serben),  Magyaren  lmadjarent,
Rumänen,  Italienern  und  Zigeunern  zusammen.  »

2.  Städte.  Die  Hauptstadt  ist  Wien,  im  Erzherzogtum  Osterreich.

Wien  (fast  11/3  Mill.)  liegt  an  der  Donau  in  einer  anmutigen  Gegend.  Die
eigentliche  Stadt  war  ehemals  mit  Wall  und  Graben  umgeben  und  dadurch  von  den
36  Vorstädten  getrennt.  Jetzt  sind  jedoch  die  Festungswerke  abgetragen  und  in  die
prachtvolle  Ringstraße  umgewandelt  worden.  In  der  Altstadt  liegt  die  kaiserliche
Hofburg;  hier  auch  erhebt  sich  die  Stephanskirche  mit  ihrem  138  m  hohen  Turme.
In  der  Nähe  der  Stadt  liegt  der  Prater,  ein  prachtvoller,  großer  Lustgarten.

Im  Erzherzogtum  Österreich  liegt  auch  Linz,  ein  wichtiger  Handelsplatz
der  Donauschiffahrt.  Außerdem  sind  folgende  Städte  zu  merken:  Prag  in
Böhmen,  Brünn  in  Mähren,  Innsbruck  in  Tirol,  Salzburg  im  Herzogtum
  Salzburg,  Graz  in  Steiermark,  Triest  am  adriatischen  Meere.

3.  Das  Königreich  Böhmen  ist  ringsherum  von  Gebirgen  umgeben  und
wird  von  der  Elbe,  Moldau  und  Eger  bewässert.  Der  tiefer  liegende  Norden
ist  recht  fruchtbar  und  birgt  große  Schätze  an  Braunkohlen.  Sie  werden  zu
Wasser  und  zu  Lande  nach  Norddeutschland  und  Osterreich  hin  versandt.  Im  Böhmer
Walde  (S.  90)  gestattet  der  große  Holzvorrat  noch  den  Betrieb  vieler  Glashütten.
Um  das  durch  seine  Bierbrauereien  bekannte  Pilsen  hat  der  dortige  Reichtum
an  Eisenerzen  und  Steinkohlen  eine  sehr  lebhafte  Fabrikthätigkeit  hervorgerufen.
Der  Hauptort  der  böhmischen  Weberei  ist  Reichenberg,  am  Fuße  der  Sudeten.
An  Salz  fehlt  es  in  Böhmen,  aber  seine  Mineralquellen  (Teplitz,  Karlsbad,
Marienbad  u.  a.)  haben  Weltruf.  Die  Bewohner  des  Landes  sind  zu  3/8  Tschechen
und  zu  „/8  Deutsche.  Die  Deutschen  werden  von  den  Tschechen  vielfach  unterdrückt.
Die  Hauptstadt  Böhmens  ist  Prag,  an  der  schiffbaren  Moldau.  Schlacht  1756.
Bekannte  Schlachtörter  sind  auch  Kolin  (1757)  und  Königgrätz  (1860).

4.  Tirol  ist  ein  an  Naturschönheiten  reiches  Alpenland.  Mächtige  Berge
ragen  in  die  Wolken  empor,  und  reizende  Thäler,  wie  das  Inn-,  Etsch=  und
Zillerthal,  üben  ihre  bezaubernde  Kraft  auf  jeden  Besucher  aus.  Die  kräftigen
Bergwiesen  befördern  hier  —  wie  in  der  Schweiz  —  die  Viehzucht.  Daher
halten  sich  die  wohlhabenden  Bauern  oft  größere  Herden  von  Kühen,  mit  denen
der  Hirt  im  Sommer  auf  die  Alp  zieht.  In  den  südlichen  Thälern  wird  auch
Mais  gebaut,  und  an  den  Gehängen  reift  die  Traube.  Für  die  weniger  Begüterten
  ist  der  Wald  die  Nährquelle.  Sie  beschäftigen  sich  daher  meist  als
Holzschnitzer,  Drechsler,  Kräutersammler,  Pechsieder,  Holzknechte  u.  s.  w.  Manche
Tiroler  ziehen  auch  mit  Teppichen,  Schnitt=  und  Lederwaren  als  Hausierer  in  die
weite  Welt  hinaus.  —  Die  Hauptstadt  ist  Innsbruck  am  Inn  (mit  dem  Denkmale
  Hofers).  Weiter  südlich  liegt  in  einem  geschützten  Thale  Meran,  das
wegen  seiner  milden  Winterluft  vielfach  von  Brustkranken  aufgesucht  wird.

b.  Die  ungarische  Reichshälfte  umfaßt  Ungarn  nebst  Siebenbürgen
sowie  Kroatien  und  Slavonien.  Im  N.  und  O.  finden  wir  hier  die  Karpaten
  mit  dem  Hochlande  von  Siebenbürgen,  in  der  Mitte  die  ungari-
        <pb n="130" />
        —  124  —

sche  Tiefebene.  Der  Hauptfluß  ist  die  Donau.  Sie  nimmt  hier  rechts
Drau  und  Sau,  links  die  Theiß  auf.

5.  Bewohner  und  Städte.  Die  Bewohner  Ungarns  sind  teils  Magyaren  (madjaren,
  teils  Slaven  und  Rumänen.  In  Siebenbürgen  (in  und  um  Hermannstadt
und  Kronstadt)  wohnen  auch  etwa  200000  Deutsche,  hier  Sachsen  genannt.  Unter
den  (nicht  sehr  zahlreichen)  Städten  nimmt  Budapest  (½  M.),  zu  beiden  Seiten
der  Donau  gelegen,  die  erste  Stelle  ein.  Es  bildet  mit  seinen  prachtvollen  Palästen
einen  grellen  Gegensatz  zu  den  meisten  übrigen  Städten  des  Landes.  An  der  Donau
liegt  auch  Preßburg,  die  frühere  Residenz  der  ungarischen  Könige.  Die  zweitgrößte
  Stadt  Ungarns  ist  Szegedin,  durch  ihre  großen  Viehmärkte  berühmt.

6.  Klima  und  Erzeugnisse.  Das  Klima  der  ungarischen  Tiefebene  ist  —  wie
das  aller  weit  vom  Ocean  entfernt  liegenden  Binnenländer  —  ein  strenges  Festlandsklima.
  (S.  102.)  Daher  finden  wir  hier  kalte  Winter  und  heiße  Sommer,  undauf  glühend
heiße  Tage  folgen  meist  kalte  Nächte.  Die  Sonnenhitze  erzeugt  auf  den  Hügeln  an  der
obern  Theiß  einen  feurigen  Wein,  der  besonders  von  Erlau  und  Odenburg  in  den
Handel  gebracht  wird.  (In  Tokai  hat  die  Reblaus  die  Weinberge  vernichtet.)  An
Regen  mangelt  es  zwar  oft  im  Sommer,  da  sich  die  Regenwolken  meistens  schon  auf
den  umgrenzenden  Gebirgen  entleeren.  (S.  87.)  Dennoch  werden  auf  dem  stellenweise
sehr  fruchtbaren  Boden  ungeheure  Mengen  von  Weizen,  Mais  und  Tabak  geerntet.

7.  Die  Pußten.  Ostlich  von  der  Donau,  namentlich  an  der  Theiß,  dehnen

 

    

           

   

     

     
   

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1
Die  Pußten.

sich  unabsehbare,  baumlose  Ebenen  aus,  die  hin  und  wieder  von  weitausgedehnten
Heidesteppen  und  großen  Sümpfen  unterbrochen  werden.  Das  sind  die  Pußten,
die  Tummelplätze  zahlloser  Viehherden.  Ihre  Besitzer  wohnen  meistens  in  zerstreut
liegenden  Meierhöfen  und  Dörfern.  In  der  Pußta  herrscht  infolge  des  strengen
Festlandklimas  im  Sommer  „afrikanische  Hitze“,  im  Winter  „nsibirische  Kälte".
Träge  und  langsam  schleichen  die  Flüsse  in  ihrem  flachen  Bette  durch  die  Ebene.
Zur  Zeit  der  Schneeschmelze  aber  treten  sie  häufig  über  ihre  flachen  Ufer  und
überschwemmen  die  Gegend  weit  und  breit.  So  entstehen  große  Sümpfe  und
Moräste,  die  mit  Schilf  und  Rohr  umsäumt  sind.  Wo  aber  die  brennende  Sonnenglut
  die  nassen  Flächen  wieder  trocknet,  da  bedeckt  sich  die  Steppe  mit  einem  dichten
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        —  125  —

Grasteppich,  der  den  großen  Pferde-,  Rinder=  und  Schafherden  für  einige  Wochen
üppige  Kost  bietet.  Bald  aber  versengt  die  Sonnenglut  alles  Grün.  Monatelang
fällt  oft  kein  Regentropfen.  Der  Boden  wird  hart  wie  Stein  und  bedeckt  sich  mit  braunschwarzem
  Staube.  Das  Vieh  leidet  dann  Hunger  und  Durst  und  nagt  zuweilen  die
halbverfaulten  Strohdächer  ab.  Jahraus,  jahrein  weidet  hier  das  Vieh  im  Freien;
denn  Ställe  hat  der  Ungar  für  seine  großen  Viehherden  nicht.  Daher  kommt  es  auch
nicht  selten  vor,  daß  im  Winter  die  heftigen  Schneestürme  ganze  Herden  vernichten.

1.  Rußland.  (10  mal  so  groß  wie  Deutschland  —  100  M.  E.)

1.  Bodenverhältnisse  und  Flüsse.  Rußland  ist  eine  ungeheuer  große  Tiefebene.
  Im  Osten  wird  sie  durch  das  metallreiche  Uralgebirge,  im  Süden
durch  den  Kaukasus  begrenzt.  In  der  weiten  Ebene  können  sich  mächtige  Ströme
entwickeln:  Wolga  (der  größte  Strom  Europas),  Don,  Dnjepr,  Weichsel,  Düna,
Dwina,  Ural.  Die  höchste  Erhebung  in  der  Ebene  ist  die  Waldai-Höhe.

2.  Nordrußland.  An  der  Küste  des  nördlichen  Eismeers  dehnt  sich  eine
fast  unbewohnbare  Sumpfwüste,  die  Tundra,  aus.  9  Monate  des  Jahres  hindurch
  ist  hier  der  Boden  zugefroren,  und  in  dem  kurzen  Sommer  taut  er  kaum
1½2—1  m  tief  auf.  Südlich  von  der  Tundra  beginnt  das  unermeßliche  Reich  der
Nadelwaldungen.  Hier  leben  Wölfe,  Bären,  blaue  Füchse,  Hermeline  und  Zobel,
die  ihrer  Pelze  wegen  von  den  Samojeden  u.  a.  halbwilden  Völkern  gejagt
werden.  —  Die  wichtigste  Stadt  hier  ist  Archangel,  an  der  Dwina.  (Wie  erklärt
sich  hier  die  starke  Holz=  und  Pelzausfuhr?)  —  Im  Westen  Rußlands  liegt  Finnland
  mit  seinen  Seen,  Sümpfen,  Felsen  und  unermeßlichen  Wäldern.

3.  An  der  Ostseeküste  liegen  die  Ostseeprovinzen.  Von  diesen  waren
Kurland,  Livland  und  Esthland  früher  im  Besitze  der  Deutschritter.  Daher
erklärt  es  sich,  daß  noch  1  Million  Deutsche  dort  wohnen.  Ostlich  von  diesen  Provinzen
  liegt  der  größte  Landsee  Europas,  der  Ladogasee.  Aus  ihm  fließt  die
Newa  in  den  finnischen  Meerbusen,  während  er  selbst  durch  einen  Zufluß  aus  dem
Onégasee  gespeist  wird.  An  der  Newa  liegt  Petersburg,  die  Hauptstadt  Rußlands.

Petersburg  (über  1  M.)  wurde  1703  von  Peter  d.  Gr.  gegründet.  Die
Stadt  liegt  in  nordisch  öder  Gegend.  Aber  bei  ihrer  sonst  günstigen  Lage  (auf
dem  Neva-Delta  und  zwar  da,  wo  die  Ostsee  am  tiefsten  ins  Land  einschneidet)
blühte  sie  schnell  empor.  Sie  ist  eine  der  schönsten  Residenzstädte  und  zeichnet  sich
durch  breite,  gerade  Straßen,  große  Plätze  und  riesenhafte  Paläste  aus.  „Jedes
Haus  ein  Palast,  jeder  Palast  eine  Stadt.“  In  Petersburg  giebt  es  Häuser,  in
denen  so  viel  Menschen  wohnen,  wie  bei  uns  oft  in  einer  ganzen  Stadt.  So
beherbergt  das  Schloß  des  Zaren,  der  Winterpalast,  etwa  6000  Menschen.  Die
Häuser  der  Reichen  haben  der  Kälte  wegen  Doppelfenster  und  Doppelthüren,  und
die  Mauern  sind  1—  1½  u  dick.  Im  Winter  erreicht  die  Kälte  zuweilen  —  380°  C.
In  den  Sommermonaten  dagegen  wird  es  infolge  des  Festlandklimas  (S.  102)  in
Petersburg  unerträglich  heiß,  und  die  Hitze  steigt  dann  zuweilen  bis  auf  +  38°  C.

Der  Schlüssel  zu  Petersburg  ist  Kronstadt,  der  erste  Kriegshafen  Rußlands.
An  der  Mündung  der  Düna  liegt  Riga,  nächst  Petersburg  und  Odessa  die
größte  Handelsstadt  Rußlands.  Besonders  werden  von  hier  die  Erzeugnisse  des
fruchtbaren  Hinterlandes  (Holz,  Flachs,  Getreide)  ausgeführt.  Berühmt  ist  auch
der  Rigaer  Leinsame.

4.  Mittelrußland  birgt  in  seinem  nördlichen  Teile  sehr  große  Laubwälder,
in  denen  Eiche  und  Linde  vorherrschen.  Die  Blüte  der  Linde  begünstigt  die
Bienenzucht.  Der  südliche  Teil  Mittelrußlands  umfaßt  das  Land  der  „schwarzen
Erde",  die  Kornkammer  Rußlands.  Hier  ist  der  Boden  außerordentlich  fruchtbar,
so  daß  Weizen,  Roggen,  Mais  u.  s.  w.  ohne  Düngung  aufs  beste  gedeihen.
        <pb n="132" />
        —  126  —

So  erklärt  es  sich,  daß  Rußland  von  allen  europäischen  Ländern  die  stärkste
Getreideausfuhr  hat.  —  Die  bedeutendste  Stadt  in  Mittelrußland  ist  Moskau
(800  T.),  die  alte  Hauptstadt  des  Landes.  Auf  einer  Anhöhe  mitten  in  der  Stadt
liegt  die  alte  dreieckige  Zarenfeste,  der  Kreml.  Die  großen  Steinkohlenvorräte
um  Moskau  herum  haben  die  Stadt  zur  ersten  Fabrikstadt  des  Landes  (besonders
viele  Webereien)  gemacht.  —  An  der  Wolga  liegt  Nischnei-Nowgorod,  mit
den  größten  Messen  der  Welt,  am  Dujepr  Kiew  ki-efj,  an  der  Weichsel  Warschau,
  die  Hauptstadt  des  ehemaligen  Königreichs  Polen.

5.  Südrußland  hat  im  äußersten  Süden  fast  ein  italienisches  Klima.  Daher
gedeihen  dort  auch  Feigen,  edle  Kastanien  und  Wein.  Doch  tragen  im  Winter
die  eisigen  Nordwinde,  da  sie  von  keinem  Gebirgswalle  zurückgehalten  werden,
ungehindert  ihre  Kälte  bis  an  die  Gestade  des  schwarzen  und  kaspischen  Meeres.
Daher  ist  die  Wolgamündung  regelmäßig  jährlich  2—3  Monat  zugefroren,
obwohl  sie  mit  Oberitalien  unter  gleicher  Breite  liegt.  Der  größte  Teil  Südrußlands
  ist  weites  Steppenland.  Im  Sommer  verschmachtet  alles  Pflanzenleben
  von  der  Sonnenglut.  Im  Winter  aber  gehen  nicht  selten  ganze  Viehherden
in  den  Schneestürmen  zu  Grunde.  (Festlandsklima  S.  94.)  Im  westlichen  Teile
sind  die  Kosaken  seßhaft,  während  im  Osten  die  Kalmüken  und  Kirgisen  mit
ihren  Pferden,  Schafen  und  Kamelen  von  Ort  zu  Ort  ziehen  und  bald  hier,
bald  dort  ihre  Filzzelte  aufschlagen.  —  Am  schwarzen  Meere  liegt  Odessa,  der
Haupthafen  für  russische  Getreideausfuhr,  am  kaspischen  Meere  das  durch  seinen
Kaviar  berühmte  Astrachan.  —  Im  schwarzen  Meere  finden  wir  die  Halbinsel
Krim  mit  der  Festung  Sewästopol.

6.  Der  Russe  bekennt  sich  in  der  Regel  zur  griechisch-orientalischen  Kirche.
Das  ist  die  herrschende  des  Landes.  Ihr  Oberhaupt  ist  der  Zar.  Daher  erklärt  sich
die  kindliche  Liebe  des  Russen  zum  Zaren  und  sein  williger  Gehorsam  gegen  ihn.
Die  Forderungen  der  Kirche,  Anbetung  der  Heiligenbilder  und  strenges  Fasten,  erfüllt
er  sehr  gewissenhaft.  Will  er  etwas  Wichtiges  vornehmen,  so  geht  er  zuvor  in
die  Kirche,  küßt  die  Heiligenbilder,  zündet  vor  ihnen  Lichter  an  und  betet  vor
ihnen.  Schon  als  Kind  erhält  er  von  seinen  Eltern  ein  geweihtes  Heiligenbild,
das  stets  neben  einem  brennenden  Lichte  vor  seinem  Bette  hängt.

12.  Schweden  und  Norwegen.  (/2  größer  als  Deutschland  —  7  M.  C.)

1.  Das  skandinavische  Gebirge  durchzieht  der  Länge  nach  fast  die  ganze
Halbinsel.  Es  nimmt  etwa  doppelt  so  viel  Raum  ein  als  die  Alpen,  erreicht
aber  bei  weitem  nicht  ihre  Höhe.  Hauptsächlich  ist  der  Norden  und  Westen  von
ihm  angefüllt.  Es  setzt  sich  aus  gewaltigen  felsigen  Hochebenen  zusammen,  auf
denen  sich  einzelne  flachgewölbte  Kuppen  oder  turmförmige  Spitzen  erheben.  Im
Norden  sind  schon  alle  Höhen  über  900  m  mit  ewigem  Schnee  bedeckt.  (In  den
Alpen  beginnt  die  Schneegrenze  erst  in  einer  Höhe  von  2700  m.)  An  der  Westküste
  fällt  das  Gebirge  steil  zum  Meere  ab,  an  der  Ostseite  dagegen  senkt  es  sich
in  Stufen  zur  Flachküste  hinunter.

2.  Flüsse  und  Seen.  Die  ungeheuern  Regen-,  Schnee=  und  Eismassen  des
Gebirges  sind  eine  unversiegbare  Quelle  vieler  Bäche  und  Flüsse.  Diese  können
sich  nur  nach  Osten  und  Süden  hin  länger  entwickeln,  da  im  Norden  und  Westen
das  Gebirge  zu  nahe  am  Meere  liegt.  Die  bedeutendsten  von  ihnen  sind  der
Glommen,  der  Klar-,  Dal  (—  Thal)=  und  Torneä  —  Elf.  (Elf  -—  Fluß).
Alle  diese  Flüsse  haben  einen  langen  Oberlauf.  In  schnellem  Laufe  rauschen  sie
hier  in  tiefen  Schluchten  dahin  und  stürzen  von  einer  Felsenstufe  zur  andern.  Sie
bilden  daher  so  zahlreiche  Wasserfälle,  wie  sie  kein  zweites  Land  der  Erde  aufzuweisen
  hat.  Zur  Schiffahrt  sind  sie  deshalb  wenig  geeignet,  wohl  aber  kann  man
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        —  127  —

sie  streckenweise  zum  Flößen  des  Holzes  benutzen.  —  Im  Süden  Schwedens
finden  wir  drei  große  Seen:  den  Wener-,  Wetter=  und  Mälarsee.  Den  Wenerund
  Wettersee  verbindet  der  Götakanal,  der  aus  der  Nord=  in  die  Ostsee  führt.

3.  Schweden  und  Norwegen  sind  zwei  ganz  selbständige  Königreiche.  Jedes
hat  ein  eignes  Ministerium  und  seinen  eignen  Reichstag,  doch  werden  beide  von
demselben  Könige  regiert.

4.  Das  Königreich  Norwegen  (2  M.  E.)  nimmt  den  Westen  der  Halbinsel
  ein.  Die  Küste  steigt  hier  stellenweise  bis  zu  700  m  aus  dem  Meere  empor.
In  die  engen  Spalten  der  Küste  dringt  das  Meer  überall  ein  und  bildet  so  die
100—200  km  langen  Fjorde.  Auffallend  ist  das  milde  Klima  der  Westküste.
Nach  der  nördlichen  Lage  des  Landes  müßte  man  ein  kaltes  Klima  erwarten.  Infolge
  des  warmen  Golfstroms  (S.  165)  aber,  der  auch  weit  in  die  Florde  eindringt,
  bleibt  die  Küste  selbst  im  Winter  bis  zum  Nordkap  eisfrei.  Der  Sommer
dagegen  bringt  (infolge  der  Ausdünstung  des  Meeres)  so  häufig  Regen,  daß  die
Stadt  Bergen  die  regenreichste  Stadt  Europas  ist.  Aus  diesem  Klima  erklärt
sich  die  große  Fruchtbarkeit  der  Westküste.  In  den  geschützten  Thälern  gedeiht
vorzügliches  Obst,  und  stellenweise  sindet  man  Kirschbäume,  deren  Stamm  ein
Mann  kaum  zu  umspannen  vermag.  An  den  Ufern  der  Fijorde  drängen  sich  daher
die  Bewohner  dicht  zusammen.  Da  findet  man  langgestreckte  Dörfer  und  selbst
einige  Städte,  von  denen  Bergen  (wegen  seines  großartigen  Fischhandels  „das
nordische  Hamburg"“  genannt)  und  Drontheim  die  bekanntesten  sind.

Im  hohen  Norden  liegt  Hammerfest,  die  nördlichste  Stadt  der  Erde.  Im
Winter  läßt  sich  die  Sonne  hier  10  Wochen  lang  gar  nicht  sehen,  kaum,  daß  es  um
Mittag  etwas  dämmert.  Zwar  wird  diese  endlose  Nacht  durch  den  Schnee,  den
Mond,  die  Sterne  und  das  Nordlicht  etwas  gemildert;  dennoch  muß  im  Dezember
und  Januar  bei  jeder  Arbeit  in  der  Wohnung  Licht  gebrannt  werden.  Mitte  Januar
  fängt  es  an  zu  dämmern,  und  dann  nimmt  der  Tag  schnell  zu.  Im  Hochsommer
  verschwindet  die  Sonne  etwa  10  Wochen  gar  nicht  vom  Horizonte,  so  daß
man  selbst  um  Mitternacht  noch  im  Freien  lesen  kann.  —  Die  Stadt  liegt  auf
einer  öden  Felseninsel.  Nirgends  grünt  ein  Baum  oder  Strauch.  Die  Häuser
sind  vielfach  aus  Holz  erbaut.  Die  Bewohner  (etwa  2000)  ernähren  sich  meistens
als  Fischer.

Vor  der  Westküste  liegen  zahlreiche  kahle  Felseninseln,  „Schären“  genannt.
Es  sind  Reste  des  ehemaligen  Küstenlandes.  Hier  sind  die  besten  Fangplätze  für
Heringe,  Dorsche,  Lachse,  Schellsische  u.  a.,  da  diese  in  großen  Scharen  an  die
Inseln  kommen,  um  dort  zu  laichen.  —  Die  Hauptstadt  Norwegens  ist  Christiania
  (148  T.).

5.  Die  norwegischen  Bauern  wohnen  meist  auf  einzeln  gelegenen  Höfen,  da
in  den  engen  Thälern  für  geschlossene  Dörfer  kein  Raum  ist.  Während  des  langen
Winters  ist  der  Bauer  ganz  allein  auf  sich  angewiesen.  Eis,  Schnee  und  tiefe
Schluchten  sperren  ihn  von  allen  seinen  Nachbarn  ab.  Er  ist  daher  gezwungen,
sein  eigner  Handwerker  zu  sein.  —  In  den  entlegensten  Teilen  des  Landes  hatte
man  früher  meist  sogenannte  Wanderschulen.  Da  wanderte  der  Lehrer  von  Hof  zu
Hof  und  unterrichtete  die  Kleinen  alljährlich  einige  Wochen.  Während  der  übrigen
Zeit  des  Jahres  aber  setzte  die  Mutter  —  so  gut  sie  eben  konnte  —  den  Unterricht
  fort.  Jetzt  aber  verschwinden  die  Wanderschulen  mehr  und  mehr,  und  feststehende
  Schulen  treten  an  ihre  Stelle.

6.  Das  Königreich  Schweden  (5  M.  E.)  nimmt  den  Osten  und  Süden  der
Halbinsel  ein.  Im  Süden  finden  wir  viel  Tiefland  und  so  fruchtbaren  Boden,
daß  von  hier  aus  viel  Getreide  nach  dem  Norden  ausgeführt  werden  kann.  Das
Tiefland  ist  verhältnismäßig  stark  bevölkert.  Hier  finden  wir  daher  auch  die
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        —  128  —

meisten  Städte  des  Landes:  Stockholm  (holm  —  Insel;  265  T.),  Hauptstadt
von  Schweden,  am  Mälarsee;  Upsäla,  Gotenburg  u.  a.
1  7.  Skandiuaviens  Bewohner.

  Erwerbsgquellen.
Die  Halbinsel  ist  größtenteils
mit  Gebirgen,  Seen  und  Wäldern
  angefüllt,  und  nur  ½/10
#  ·  ·»,«--.s:.·-  1  des  Landes  eignet  sich  zum
33  6ß6  Ackerbau.  Daher  erklärt  sich
die  geringe  Bevölkerung  des
Leaondes.  Auf  1  qkm  kommen

.  «hierdurchschnittkichnursMen-%
  schen.  (In  Belgien  215,  im
--ss—  i  Königreich  Sachsen  2521)  Den
§.—-—.  Süden  und  Osten  bewohnen
——N———#  Schweden,  den  Westen  Nor-Lappe
  im  Schlitten.  weger,  den  hohen  Norden  Lappländer.
  Im  Süden  gewährt  der  Ackerbau  den  Schweden  hinreichenden  Unterhalt.
An  Eisenerzen  besitzt  Schweden  einen  unermeßlichen  Reichtum.  Die  Bewohner  der
Westküste  ernähren  sich  fast  ausschließlich  vom  Fischkange,  und  die  Waldbewohner
fällen  Holz.  Uber  die  Hälfte  des  Landes  ist  mit  Wald  bedeckt.  Holz  bildet  daher
neben  Fischen  den  Haupthandelsgegenstand  des  Landes.  Im  hohen  Norden,  wo
das  Klima  keine  Feldfrucht  mehr  reifen  läßt,  sind  die  Lappen  ganz  und  gar  auf
ihre  Renntierherden  angewiesen.  Diese  zählen  oft  nach  Tausenden.  Im  Sommer
ziehen  die  Lappen  mit  ihnen  auf  die  Berge,  im  Winter  in  die  geschützten  Thäler.

13.  Dänemark.  (Fast  so  groß  wie  Brandenburg  —  2  M.  E.)

1.  Das  Königreich  Dänemark  setzt  sich  aus  der  Halbinsel  Jütland  und
den  Inseln  Seeland,  Falster,  Laaland,  Langeland,  Fünen  und  Bornholm
  zusammen.  Auch  die  kleinen  Farber,  d.  h.  Schafinseln,  sowie  Island
und  Grönland  gehören  zu  Dänemark.

2.  Die  Halbinsel  Jütland  ist  an  der  Ostseite  recht  fruchtbar.  An  der  Westküste
  dagegen  sind  durch  Sturm  und  Wellen  60—90  m  hohe  Dünen  aufgetürmt
worden.  Der  Flugsand  ist  weit  ins  Land  vorgedrungen,  so  daß  hier  nur  Moor
und  Heide  zu  finden  sind.  Vor  der  Küste  aber  lagern  lange  Sandbänke.  Ein
Schiff,  das  auf  diese  gerät,  ist  unrettbar  verloren  und  wird  in  wenigen  Tagen  im
Sande  begraben.  —  Durch  die  Mitte  Jütlands  zieht  sich  ein  flacher  Höhenrücken
mit  baumlosen  Sandsteppen,  unabsehbaren  Heideflächen  und  unfruchtbaren  Mooren
hin.  An  der  hügeligen  Ostküste  aber  findet  man  —  ähnlich  wie  in  Schleswig  —  grüne
Auen,  wogende  Saatfelder  und  liebliche  Buchenwälder  in  anmutigem  Wechsel.  Hier
ist  das  Land  daher  am  dichtesten  bewohnt,  auch  finden  sich  hier  mehrere  kleine
Städte  wie  Aarhus,  die  Festung  Fridericia  u.  a.

3.  Seeland  ist  (wie  auch  die  umliegenden  Inseln)  meist  eben  und  stellenweise
sehr  fruchtbar.  Das  Klima  ist  wegen  der  Nähe  des  Meeres  durchweg  Seeklima.
(S.  102.)  Die  feuchte  Luft  ist  dem  Pflanzenwuchse  besonders  günstig.  Daher
finden  wir  auf  Seeland  prachtvolle  Saatfelder,  einen  üppigen  Wiesenwuchs,  der
eine  blühende  Viehzucht  hervorgebracht  hat,  und  herrliche  Buchenwaldungen.  Auf
der  Ostseite  Seelands  liegt  die  Hauptstadt  des  Königreichs  Kopenhagen  (d.  i.
Kaufhafen,  376  T.)  sowie  das  Seebad  Helsingör.

4.  Island  hat  im  Innern  hohe  schnee=  und  eisbedeckte  Berge.  Nur  an  den
Küsten  ist  es  bewohnbar,  wo  das  Klima  durch  den  Golfstrom  (S.  165)  etwas

   

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        —  129  —

gemildert  wird.  Hier  findet  man  einige  zerstreut  liegende  Höfe  und  selbst  ein  kleines
Städtchen.  Die  Bewohner  treiben  Schafzucht  und  Fischfang,  sammeln  Eiderdaunen
und  jagen  Seehunde.  Ackerbau  ist  auf  der  Insel  nicht  mehr  möglich,  und  außer
einigen  Zwergbirken  findet  man  auch  keinen  Baum.  Als  Brennmaterial  dient  der
reichlich  vorhandene  Torf  sowie  das  an  den  Küsten  sich  sammelnde  Treibholz.
Eine  sehr  wertvolle  Pflanze  hier  ist  das  isländische  Moos.  Es  wird  nicht  nur
als  Arznei  verwendet,  sondern  auch  zu  Brot  verbacken.  Unter  den  vielen
feuerspeienden  Bergen  der  Insel  ist  der  Hekla  der  bedeutendste.  An  einigen
Orten  der  Insel  findet  man  heiße  Quellen.  Die  möchtigste  ist  der  große  Geisir.
Alle  10—15  Tage  schleudert  er  unter  schrecklichem  Donner  und  Getöse  einige
Minuten  lang  seine  3  m  dicke  Wassersäule  30  m  hoch  empor.

14.  Großbritannien  und  Irland.
(Etwa  nur  3/8  von  Deutschland  —  aber  38  M.  E.)

1.  Auf  Großbritannien  bestanden  früher  2  Königreiche,  England  und  Schottland.
  Seit  1603  sind  sie  jedoch  zu  einem  Reiche,  dem  britischen,  vereinigt.  Zu
diesem  Reiche  gehören  außer  Irland  auch  noch  drei  kleinere  Inselgruppen:  die
Hebriden,  die  Orkney=  sorkne)  und  Shetlandinseln.

2.  Das  Tiefland.  a.  Die  Flüsse.  Das  Tiefland  nimmt  vorzugsweise  den
Südosten  des  Landes  ein.  Es  wird  besonders  von  der  Themse,  dem  Humber
lömber]  und  dem  Severn  Sßewwern]  bewässert.  Die  Mündungen  der  Flüsse  sind,
ähnlich  wie  in  Frankreich  und  z.  T.  in  Deutschland,  meist  zu  Meerbusen  erweitert,
so  daß  die  Meeresflut  weit  in  die  Flüsse  hinaufsteigt.

b.  Klima  und  Produkte.  In  keinem  Lande  Europas  ist  das  Seeklima  so
vorherrschend  als  in  England.  Dies  kommt  daher,  daß  es  ringsherum  vom  Meere
bespült  wird  und  an  der  West=  und  Nordküste  der  warme  Golfstrom  entlang  zieht.
Die  Winter  sind  daher  äußerst  mild,  die  Sommer  kühl.  Reichliche  Niederschläge
feuchten  den  Boden.  Schnee  bleibt  selten  längere  Zeit  liegen,  aber  der  dicke  Nebel
lagert  oft  tagelang  über  dem  Lande  und  macht  zuweilen  das  Anzünden  von  Licht
mitten  am  Tage  nötig.  Ganz  besonders  üppig  aber  schießt  in  der  feuchten  Seeluft
  das  Gras  empor,  weshalb  auch  in  England  von  jeher  eine  blühende  Viehzucht
betrieben  wurde.  Fast  überall  lachen  uns  hier  saftige,  mit  lebenden  Hecken  eingefaßte
Wiesen  entgegen,  auf  denen  wohlgenährte  Pferde,  Schafe  und  Rinder  grasen  —
selbst  mitten  im  Winter;  denn  die  milde  Luft  macht  die  Stallfütterung  überflüssig.
Darum  liefert  England  aber  auch  Vieh  von  außerordentlicher  Güte.  Man  züchtet
hier  Ochsen,  die  ein  Gewicht  von  1000  kg  erreichen,  und  Kühe,  die  täglich  30  Liter
Milch  geben.  Berühmt  sind  auch  die  englischen  Vollblutpferde  sowie  die  großen
feinwolligen  Schafe.  Der  Ackerbau  hat  in  England  eine  Blüte  erlangt  wie  in  keinem
andern  Lande  Europas.  Dazu  hat  u.  a.  auch  die  Anwendung  der  mannigfaltigsten
landwirtschaftlichen  Maschinen  sowie  die  ausgedehnte  Benutzung  künstlicher  Düngemittel
  nicht  unwesentlich  beigetragen.  Einen  Bauernstand,  wie  ihn  Deutschland  hat,
giebt  es  in  England  nicht.  Fast  aller  Acker  ist  in  den  Händen  von  Großgrundbesitzern,
  die  ihn  in  einzelnen  Teilen  an  Pächter  abgeben.

c.  Städte  des  Tieflandes.  Die  bedeutendste  Stadt  des  Tieflandes  ist
London,  die  Hauptstadt  des  Königreichs.

London  liegt  zu  beiden  Seiten  der  Themse.  Sie  ist  nicht  nur  die  größte
Stadt  der  Welt  (fast  5  M.  E.),  sondern  auch  eine  Welthandelsstadt  ersten  Ranges.
Das  ist  sie  nicht  bloß  durch  ihre  Lage  in  größter  Nähe  des  europäischen  Festlandes,
sondern  auch  dadurch  geworden,  daß  die  größten  Seeschiffe  durch  die  meerbusenartige

  Erweiterung  der  Themse  (mit  der  Flut)  bis  in  die  Stadt  gelangen  können.
Realienbuch.  B.  9
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        —  130  —

Über  dem  Häusermeere  der  Riesenstadt  lagert  meist  eine  dichte  Wolke,  die  sich  aus
Nebel  und  Rauch  gebildet  hat.  Im  Winter  ist  die  Luft  oft  so  trübe,  daß  den  ganzen
Tag  Straßenlaternen  brennen  müssen.  Der  Verkehr  übertrifft  jede  Vorstellung.
Selbst  hoch  über  den  Straßen  und  tief  unter  den  Häusern,  ja,  sogar  unter  der
Themse  fahren  Eisenbahnzüge.  Eine  wahre  Wohlthat  für  die  Bewohner  sind  die
großen  Parks  („die  Lungen  Londons")  und  die  freien  Plätze  im  Innern  der  Stadt.
Sie  bringen  Luft  und  Licht  in  die  Häusermassen.

An  der  Südküste  liegen  Dover,  von  wo  aus  man  nach  Frankreich  überfährt,
ferner  die  beiden  größten  Kriegshäfen  Portsmouth  (portsmöß]  und  Plymouth
lplimmöß],  ebenso  Southhampton  lsaußhämptn],  die  Hauptstation  der  englischen
überseeischen  Postdampfer.  An  der  Westküste  liegen  Bristol  (bristl!  und  Liverpool
  lliwwerpuhl)  (/2  M.),  nächst  London  die  beiden  größten  Handelsstädte  des
Landes.  Liverpool  ist  der  Haupthafen  für  Baumwolle.

3.  Die  Bergländer  Großbritanniens  sind  nur  von  mäßiger  Höhe.  Die  höchste
Erhebung  beträgt  1300  m.  Man  unterscheidet  1)  das  Bergland  von  Cornwall
l-uôl!,  2)  das  Gebirge  von  Wales  luäls],  3)  das  Bergland  von  Nordengland
und  4)  das  schottische  Bergland.  Im  Schoße  der  Gebirge  sind  unermeßlüiche
Schätze  von  Steinkohlen  und  Eisenerzen  angehäuft.  Kein  Land  der  Erde  besitzt
solche  mächtigen  Lager  von  „schwarzen  Diamanten“  wie  England.  Es  liefert  allein
fast  so  viel  Kohlen  wie  das  übrige  Europa  zusammengenommen.  Das  größte  Steinkohlenbergwerk
  liegt  an  der  Ostküste  bei  Newcastle  Injukaßl]  am  Tyne  [tein!.  Es
beschäftigt  70000  Arbeiter  und  1100  Schiffe.  —  Eine  natürliche  Folge  dieser  ungeheuern
  Kohlen-  und  Eisenschätze  ist  die  großartige  Entwickelung  der  englischen
Gewerbthätigkeit.  Sie  hat,  namentlich  in  den  Gebirgsgegenden,  Fabrikstädte  von
wahrhaft  erstaunlicher  Größe  entstehen  lassen.  Die  Hauptfabrikorte  für  Stahlwaren
sind  Birmingham  börminghäm]  und  Sheffield.  Lange  Zeit  galten  die  englischen
  Stahlwaren  für  unübertrefflich,  stehen  aber  jetzt  den  deutschen  Fabrikaten
vielfach  nach.  Die  bedeutendste  Stadt  für  Baumwollenspinnerei  und  -weberei  ist
Manchester  mäntschestr#!.  Die  Stadt  selbst  zählt  etwa  ½  Million,  mit  den
umliegenden  280  Ortschaften  aber  fast  1  Million  Menschen,  die  größtenteils  mit
der  Verarbeitung  der  Baumwolle  beschäftigt  sind.  Die  ganze  Stadt  ist  beständig
in  eine  schwarze  Rauchwolke  gehüllt;  denn  es  giebt  hier  über  3000  große  Fabriken,
  in  denen  Baumwolle  gesponnen  oder  gewebt  wird.  Nächst  Manchester  ist
Glasgow  (gläsgo])  in  Schottland  der  bedeutendste  Fabrikort  für  Baumwollenwaren.
  (Glasgow  hat  über  700  T.  E.,  ist  also  mehr  als  doppelt  so  groß  wie
Edinburgh,  die  Hauptstadt  Schottlands.)

4.  Irland  bildet  im  Innern  eine  wellige  Tiefebene,  die  reich  ist  an  blinkenden
Seen,  großen  Sümpfen  und  grünen  Moorstrichen.  Das  Klima  ist  äußerst  mild,
ähnlich  wie  in  England,  so  daß  Bäume  und  Wiesen  selbst  im  Winter  grün  bleiben.
Daher  hat  man  Irland  auch  die  „grüne  Insel“  genannt.  Fast  sämtlicher  Grund  und
Boden  ist  Eigentum  einiger  englischen  Großgrundbesitzer,  die  ihn  um  hohe  Pacht  an
sog.  Oberpächter  abgegeben  haben.  Die  Oberpächter  verpachten  ihn  ebenfalls  wieder
sehr  hoch  an  Unterpächter.  Diese  sind  meist  grenzenlos  arm  und  bewirtschaften  den
Boden  größtenteils  schlecht.  Die  bedeutendsten  Städte  in  Irland  sind:  Dublin
(360  T.),  Hauptstadt,  Belfast,  bedeutendste  Fabrikstadt,  namentlich  für  Leinenwaren.

15.  Die  Niederlande  oder  Holland.
(7/8  von  Brandenburg  —  5  M.  E.)

1.  Das  Tiefland.  Das  Königreich  der  Niederlande  oder  Holland  gehört
dem  Tieflande  an.  Ein  Teil  davon  hat  sich  erst  durch  Anhäufung  des  Fluß-
        <pb n="137" />
        —  131  —

schlammes  und  durch  Sinkstoffe  des  Meeres  gebildet.  Da  es  stellenweise  sogar
tiefer  als  der  Meeresspiegel  liegt,  so  wurde  es  in  alter  Zeit  oft  von  der  See
überflutet.  Da  war  „Holland  oft  in  Not“.  Nach  und  nach  aber  haben  die
Bewohner  da,  wo  das  Meer  nicht  durch  Dünen  eingeschlossen  ist,  gewaltige
Deiche  angelegt  und  dadurch  dem  Meere  ein  Stück  Land  nach  dem  andern  abgerungen.
  (S.  87.)  „Gott  hat  das  Meer,  der  Holländer  aber  sein  Ufer  ge—
schaffen,“  heißt  es  im  Sprichwort.  Die  hinter  den  Deichen  liegenden  „Marschen“
sind  äußerst  fruchtbar  und  werden  meistens  als  Wiesen  oder  Weideland  benutzt.
Daher  hat  auch  die  Viehzucht  eine  außerordentliche  Blüte  in  Holland  erreicht.
Besonders  findet  eine  starke  Ausfuhr  von  Rindvieh,  Butter  und  Käse  statt.  Zur
Entwässerung  des  Landes  sind  überall  meilenlange  Kanäle  angelegt.  Ihr
liegt  zuweilen  höhernrn.
als  das  sie  umgebende  —

man  längs  der  Kanäle
zahllose  Windmühlen
durch  die  das  Wasser

in  die  Kanäle  hineingepumpt
  wird.  Die
Kanäle  ersetzen  aber
auch  zugleich  die  fehlenden
  Fahrstraßen,
die  in  dem  weichen
Lehmboden  schwer  anzulegen
  sind.  Kleine
Dampfer  (an  Stelle
der  frühern  Zieh-Personen
  und  Waren

von  einem  Orte  zum

andern.  Durch  die
Kanäle  sind  die  Felder

 

 

 

  
  

  
  

    

in  lauter  Vierecke  ge..3
2.  Im  Norden  Kanal  in  Holland.

des  Tieflandes  bezeichnet  eine  Inselreihe  die  ehemalige  Ausdehnung  der  Küste.
Durch  eine  gewaltige  Sturmflut  entstand  auch  vor  etwa  600  Jahren  die  Zuidersee
  (seudersee,  d.  h.  Südersee,  im  Gegensatz  zur  Nordsee).  Sie  bildete  ehemals
einen  Landsee.  In  diesen  aber  brach  das  Meer  von  Norden  her  ein,  wobei  es
80000  Menschen  verschlang.  An  einer  Bucht  der  Zuidersee  liegt  die  Hauptstadt
Hollands,  Amsterdam  (fast  ½  M.)

Amsterdam  ist  die  erste  Seehandelsstadt  Hollands  und  treibt  ganz  bedeutenden
  Handel  mit  Java-Kaffee.  Da  die  Zuidersee  für  die  neuern,  tiefergehenden
Seeschiffe  zu  seicht  ist,  so  hat  man  die  Stadt  durch  den  Nordseekanal  mit  dem
Meere  verbunden.  Die  bei  Amsterdam  mündende  Amstel  (ein  Arm  der  Vechte)  durchfließt
  die  Stadt  in  vielen  Kanälen,  so  daß  sie  dadurch  in  etwa  100  Inseln  zerlegt
wird.  Die  Kanäle  sind  in  der  Regel  auf  beiden  Seiten  mit  Linden  bepflanzt.  Große
Seeschiffe  fahren  auf  ihnen  mit  ihrer  Ladung  bis  an  die  Niederlagen  der  Kaufleute.
Man  hat  deshalb  die  Stadt  das  „nordische  Venedig“  genannt.

Im  Norden  des  Nordseekanals  liegt  Zaandam.  Dort  wird  uns  noch  das
Haus  gezeigt,  worin  Peter  d.  Gr.  wohnte,  als  er  hier  vor  200  Jahren  den  Schiffs-9#
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        —  132  —

bau  erlernte.  Im  Süden  des  Kanals  liegt  Haarlem,  berühmt  durch  seine  Tulpen—
zucht.  Durch  Trockenlegung  des  Haarlemer  Meeres  hat  man  einen  sehr  frucht—
baren  Landstrich  gewonnen,  auf  dem  jetzt  14  T.  wohlhabende  Menschen  wohnen.

3.  Der  Süden  des  Tieflandes  umfaßt  das  Mündungsgebiet  des  Rheins,  der
Maas  und  der  Schelde.  Die  Hauptarme  des  Rheins  sind  Waal  und  Leck  sie  vereinigen
  sich  mit  der  Maas,  während  ein  Nebenarm  als  „alter  Rhein“  an  Leyden
vorüber  erst  durch  einen  Kanal  in  die  Nordsee  geleitet  werden  muß.  Die  hier  in
dem  Delta  liegenden  Inseln  gleichen  einem  großen  Schwamme,  der  sich  durch  Ein—
wirkung  der  Flut  und  Ebbe  täglich  zweimal  vollsaugt  und  zweimal  entleert.  Die
feuchte  Luft  erzeugt  viel  Sumpffieber.  An  dem  vereinigten  Gewässer  des  Leck,
der  Waal  und  Maas  liegt  Rotterdam  (240  T.),  das  „Hamburg  des  Rheins“
und  die  zweitgrößte  Seehandelsstadt  Hollands.  Das  auf  dem  Rhein  aus  dem
Spessart  und  dem  Schwarzwalde  geflößte  Holz  geht  meistens  nach  Rotterdam,  wo
es  in  den  großartigen  Schiffswerften  vielfach  Verwendung  findet.  (In  Holland
giebt  es  an  600  Schiffswerften.)  Nördlich  von  Rotterdam  liegt  die  Residenzstadt
  Haag  (180  T.).  Von  hier  führt  eine  prächtige  Allee  nach  dem  berühmten
Seebade  Scheveningen  (scchefeningen).

4.  Das  Binnenland,  etwas  höher  gelegen  als  die  Tiefebene,  hat  vielfach
sandigen  Boden  und  stellenweise  recht  unfruchtbare  Heiden  sowie  ungeheuer  weite
Moorstrecken.  Die  Moore  sind  durch  ihren  unermeßlichen  Torfvorrat  für  das  waldarme
  Holland  wichtig.  Inwiefern?

5.  Das  Klima  Hollands  ist  infolge  der  Ausdünstung  des  Meeres,  der  Kanäle
und  des  nassen  Bodens  vielfach  feucht  und  ungesund.  Der  Erdboden  ist  oft  mit
undurchdringlichem  Nebel  und  der  Himmel  fast  immer  mit  grauen  Wolken  bedeckt.
Die  Folge  dieser  feuchten  Luft  ist,  daß  die  Metalle  leicht  rosten  und  das  Holz  leicht
in  Fäulnis  übergeht.  Dem  aber  sucht  der  Holländer  durch  Pinsel  und  Scheuerbürste
  entgegen  zu  arbeiten.  Fast  zu  allen  Jahreszeiten  sieht  man  Anstreicher,  die
Thüren,  Fenster,  Stakete  u.  s.  w.  mit  recht  grellen  Farben  bemalen.  Denn  der
Holländer  liebt  in  seinem  von  der  Natur  wenig  geschmückten  Lande  das  Bunte.
Geputzt  und  gescheuert  wird  in  Holland  mehr  als  in  irgend  einem  Lande  der  Welt.

16.  Luremburg.  (1/15  von  Brandenburg  —  200  T.  E.)

Das  Großherzogtum  Luxemburg  liegt  auf  den  Ardennen.  Es  wird  von  Belgien,
  Deutschland  und  Frankreich  eingeschlossen.  Die  Hauptstadt  des  kleinen  Ländchens
  ist  Luxemburg  (Lützelburg  d.  i.  kleine  Burg).  Sie  war  bis  1867  deutsche
Bundesfestung,  wurde  dann  aber  geschleift  und  für  neutral  erklärt.

17.  Belgien.  (3¾/  von  Brandenburg  —  6  M.  E.)

1.  Das  Tiefland.  Der  Westen  und  z.  T.  auch  der  Norden  des  Königreichs
Belgien  enthält  Tiefland.  Dieses  besteht  (wie  im  angrenzenden  Holland)  größtenteils
  aus  fruchtbarem  Marschlande.  Seiner  tiefen  Lage  wegen  muß  es  gegenedie
Küste  sowie  gegen  die  breiten  Mündungsarme  der  Schelde  durch  Deiche  vor  Uberschwemmung
  geschützt  werden.  Das  Scheldegebiet  ist  vorzüglich  angebaut.  Es
gleicht,  da  die  Felder  und  Wiesen  überall  mit  Bäumen  eingefaßt  sind,  einem  großen
Obstgarten,  worin  gar  anmutig  viele  Meierhöfe  zerstreut  umherliegen.  Auch  an
fetten  Weideplätzen  fehlt  es  in  Belgien  nicht;  daher  hat  das  Land  auch  bedeutende
Viehzucht.  Berühmt  sind  die  belgischen  Pferde  und  der  Limburger  Käse.  —  An
der  Schelde  liegen  Antwerpen  (260  T.),  die  erste  Handelsstadt  Belgiens,  und
Gent  mit  bedeutender  Spinnerei  und  Weberei.  Von  Gent  führt  ein  Kanal  über
Brügge  nach  dem  Seebade  Ostende.
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        —  133  —

2.  Das  Bergland.  Den  Südosten  Belgiens  nehmen  die  Ardennen  ein.  In
ihren  urwaldähnlichen  Wäldern  hausen  noch  Wölfe.  Im  Schoße  dieses  Berglandes
findet  man  einen  unermeßlichen  Reichtum  an  Steinkohlen  und  Eisen.  Es  giebt
dort  über  300  Steinkohlengruben.  Der  Kohlenreichtum  besonders  hat  eine  sehr
lebhafte  Gewerbthätigkeit  und  eine  sehr  dichte  Bevölkerung  hervorgerufen.  Auf
1  qkm  wohnen  durchschnittlich  215  Menschen.  (Im  Königreiche  Sachsen  252,  in
Norwegen  und  Schweden  nur  9.)  Uberall  im  ganzen  Lande  sieht  man  die  großartigsten
  Fabrikanlagen,  und  Brabanter  (Brüsseler)  Spitzen,  Tuche  und  Teppiche,
Brügger  Damaste  und  Lütticher  Waffen  gehen  durch  die  ganze  Welt.  Der  lebhafte
Handel  wird  durch  zahlreiche  Kanäle  und  Schienenwege  wesentlich  gefördert.  Belgien
hat  das  dichteste  Eisenbahnnetz  Europas.  So  kommt  es,  daß  Belgien  in  gewerblicher
  Beziehung  nächst  England  in  Europa  die  erste  Stelle  einnimmt.  —  Das
Bergland  wird  von  der  Maas  durchschnitten.  Von  Lüttich  (dem  „belgischen
Birmingham“")  an  sind  ihre  Ufer  auf  weite  Strecken  dicht  mit  Häusern  und  Fabriken
übersäet.  Auf  der  Grenze  zwischen  Hügelland  und  Ebene  liegt  Brüssel  (1  M.),
die  Hauptstadt  Belgiens,  3  Stunden  südlich  davon  das  Schlachtfeld  von  Belle-Alliance.
  (1815.)

18.  Frankreich.  (Etwas  kleiner  als  Deutschland  —  38  M.  C.)

1.  Das  Tiefland,  a.  Flüsse.  Der  Norden  und  Westen  Frankreichs  ist  vorzugsweise
  Tiefland.  Dieses  ist  reichlich  bewässert  und  wird  von  der  Seine  ssähnss,
Loire  sloahrs]  und  Garonne  durchströmt.  Alle  drei  haben  große,  meerbusenartige
  Mündungen  und  sind  bis  weit  ins  Land  hinein  schiffbar.  Die  vielfach  nur
geringen  Bodenerhebungen  des  Tieflandes  begünstigen  die  Anlage  vieler  Kanäle.
Diese  befördern  Handel  und  Schiffahrt.

b.  Boden,  Klima  und  Produkte.  Das  Tiefland  ist  meist  sehr  fruchtbar,
besonders  in  den  Flußniederungen,  wie  z.  B.  an  der  Loire.  Ihr  Gebiet  gehört
mit  zu  den  reichsten  Gegenden  Frankreichs.  Mit  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens
vereinigt  das  Tiefland  ein  günstiges,  sehr  mildes  Klima.  An  der  Westseite  herrscht
wegen  der  Nähe  des  Meeres  Seeklima.  Die  vielen  Niederschläge  erscheinen  häufig  als
Regen,  sehr  selten  als  Schnee.  Darum  bleiben  hier  auch  die  Laubhölzer  im  Winter
grün,  und  Feigen,  Myrten  und  Melonen  gedeihen  im  Freien  aufs  schönste.  Bei
dem  günstigen  Klima  giebt  der  fruchtbare  Boden  reiche  Ernten.  Er  wird  besonders
  mit  Weizen,  im  Süden  auch  mit  Mais  bestellt.  Obst  hat  Frankreich  in
Überfülle  und  von  ganz  vorzüglicher  Güte.  Aber  bei  alledem  steht  die  Landwirtschaft
  der  deutschen  und  der  englischen  nach.  Bei  mittelmäßiger  Ernte  muß
Frankreich  Getreide  einführen.  Die  Bauern  haben  vielfach  nur  ein  kleines  Besitztum
  und  sind  daher  selten  reich.  Aber  dennoch  ist  Frankreich  durch  seinen
Wein-,  Obst=  und  Seidenbau  sowie  durch  seinen  Gewerbfleiß  eins  der  wohlhabendsten
  Länder  Europas.

Zc.  Städte  des  Tieflandes.  An  der  Seine  liegt  Paris  (Hauptstadt,  2,7  M.).

Paris  ist  nächst  London  die  größte  Stadt  Europas.  Sie  ist  mit  einem
40  km  langen  und  10  m  hohen  Walle  umgeben.  Außerdem  ist  die  Stadt  durch
mehr  als  40  Außenwerke  geschützt.  Die  frühern  Festungswälle  sind  infolge  der
Stadterweiterung  abgetragen  und  in  prachtvolle,  mit  Bäumen  bepflanzte  Straßen
(Boulevards)  umgewandelt  worden.  Hier  sieht  man  die  feinsten  Wohnhäuser,  die
schönsten  Läden,  die  größten  Hotels.  Am  rechten  Ufer  der  Seine  finden  wir  die
prachtvollen  Königsschlösser  mit  ihren  herrlichen  Gärten.  An  diese  schließen  sich
die  elysäischen  Felder  an,  die  mit  ihren  Lustwäldern,  Alleen,  Kaffeehäusern,  Tanzlokalen
  und  Karussels  ein  Lieblingsort  der  Pariser  geworden  sind.  —  Paris  ist
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        —  134  —

die  erste  Fabrikstadt  Frankreichs.  Ihre  Luxus=  und  Modewaren  zeichnen  sich  durch
Feinheit  des  Geschmackes  aus  und  werden  fast  in  der  ganzen  Welt  gekauft.  —
Etwa  20  km  westlich  von  Paris  liegt  Versailles  (werßajs,  mit  einem  prachtvollen
  Schlosse.  In  diesem  wurde  am  18.  Januar  1871  König  Wilhelm  I.  zum
deutschen  Kaiser  ausgerufen.

An  der  Seine  liegen  ferner  die  Seehandelsstädte  Rouen  kru-ang]  und  Havre
lahwrl.  Havre,  das  „Hamburg  der  Seine“,  ist  die  wichtigste  Stadt  für  Einfuhr
von  Kolonialwaren  für  ganz  Frankreich.  Nordöstlich  von  Havre,  an  der  Küste,  liegen
Calais  lkaläh]  und  Boulogne  Hbulonjs,  von  denen  aus  man  nach  England  übersetzt.
  Nicht  weit  von  der  belgischen  Grenze  liegt  das  uralte  Lille  (lihl]  (220  T.),
der  Mittelpunkt  einer  großartigen  Webeindustrie.  Diese  wird  durch  die  Steinkohlenlager
  in  den  Ardennen  unterstützt.  Durch  sie  ist  der  N.  Frankreichs  der  bevölkertste
  Landstrich  des  Landes  geworden.  An  der  Somme  liegt  die  altertümliche
Fabrikstadt  Amiens  samjängs;  an  der  Loire  Orleans  sorleangs,  der  „Schlüssel  zu
Südfrankreich“,  sowie  Tours  ktuhr]  und  Nantes  nangts;  an  der  Garonne  der
Seehafen  Bordeaux  lbordo]  (250  T.),  bekannt  durch  seinen  Weinhandel,  und
Toulouse  stuluhss,  wichtig  durch  seinen  Handel  mit  Spanien.

2.  Halbinseln.  An  der  Westseite  Frankreichs  erstrecken  sich  2  Halbinseln
ins  Meer,  die  Normandie  und  die  Bretagne  Hbretanj].  An  der  buchtenreichen
Westküste  der  Bretagne  liegt  Brest,  Frankreichs  größter  Kriegshafen.

3.  Der  gebirgige  Teil  Frankreichs.  Die  höchsten  Gebirge  hat  Frankreich
an  der  Süd=  und  Ostgrenze,  wo  es  Anteil  an  den  Pyrenäen,  den  Westalpen,
dem  Jura  und  dem  Wasgau  hat.  Mehr  in  der  Mitte  des  Landes  —  am  rechten
Ufer  der  Rhone  bis  zur  Maas  hin  —  erstreckt  sich  von  Süden  nach  Norden  das
französische  Mittelgebirge.  Es  enthält  in  seinem  südlichen  Teile  an  50  ausgebrannte
  Krater  und  zahlreiche  heiße  Quellen,  zum  Teil  mit  kochendem  Wasser.
—  In  seinem  Innern  birgt  das  Mittelgebirge  auch  einen  nicht  unbedeutenden  Vorrat
  an  Steinkohlen.  Der  wichtigste  Fabrikort  hier  ist  St.  Etien  ne  (ßängt  ehtjännt,
wo  hauptsächlich  Waffen  für  das  französische  Heer  geschmiedet  werden.  An  den  nördlichen
  Ausläufern  des  Gebirges  reift,  begünstigt  durch  den  kalkhaltigen  Boden  und  ein
mildes  Klima,  die  köstliche  Burgundertraube  sowie  (besonders  an  den  Ufern  der
Marne)  der  Wein,  aus  dem  der  weltberühmte  Champagner  bereitet  wird.  Die
Haupthandelsorte  für  diesen  Schaumwein  sind  Reims  srängs]  und  Epernay
lepernäl.  An  der  Marne  liegt  Chalons,  bekannt  durch  die  Hunnenschlacht  451;
an  der  Maas  die  Festung  Sedan,  bekannt  durch  Napoleons  Gefangennahme  1870.

4.  Die  Rhoneebene,  zwischen  den  Westalpen  und  dem  französischen  Mittelgebirge,
  wird  von  der  reißend  schnell  fließenden  Rhone  bewässert.  Am  Zusammenflusse
  der  Rhone  und  Saone  (Hohn)  liegt  Lyon,  die  zweitgrößte  Stadt  Frankreichs
  lüber  400  T.).  Lyon  ist  der  Hauptplatz  für  Seiden=  und  Samtstoffe  in
ganz  Europa.  Denn  in  dem  warmen  Klima  gedeiht  der  Maulbeerbaum  und  der
Seidenspinner  vorzüglich.  Der  südliche  Teil  der  Rhoneebene  führt  den  Namen
Provence  [prowangßl.

5.  Die  Provence  ist  ein  herrliches  Land.  Unter  dem  ewig  blauen  Himmel
weht  eine  reine,  balsamische  Luft.  Statt  unsers  rauhen  Winters  tritt  nur  eine
frostige  Regenzeit  von  einigen  Wochen  mit  etwas  Reif  und  vielleicht  ein  wenig  Eis
am  Morgen  ein.  Schnee  fällt  höchst  selten  und  bleibt  dann  nur  wenige  Stunden
liegen.  Daher  sind  auch  die  Laubbäume  jahraus,  jahrein  mit  grünem  Laube  bedeckt,
  und  die  Apfelsinen  prangen  stets  mit  duftenden  Blüten  und  goldenen  Früchten.
Schon  um  Weihnachten  blühen  Tulpen,  Hyacinthen  u.  s.  w.,  und  überall  bricht
das  junge  Grün  mächtig  hervor.  Wegen  dieses  milden  Klimas  ist  die  Provence
während  des  Winters  vielfach  von  Brustkranken  besucht.  Die  bedeutendste  Stadt
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        —  135  —

in  der  Provence  ist  Marseille  smarßäj]  (400  T.),  die  größte  Seehandelsstadt
Frankreichs  (vermittelt  besonders  den  Handel  nach  Algier).  Weiter  östlich  liegen
Toulon,  ein  Kriegshafen  ersten  Ranges,  sowie  der  klimatische  Kurort  Nizza.

19.  Die  pyrenäische  Halbinsel  oder  Spanien  und  Portugal.

(Etwas  größer  als  Deutschland  —  aber  nur  23  M.  E.)

1.  Bodengestalt.  Die  Halbinsel  ist  größtenteils  von  der  kastilischen  Hochebene
  angefüllt,  die  nur  durch  das  aragonische  (am  Ebro)  und  das  andalusische
  Tiefland  unterbrochen  wird.  Den  Nordrand  der  Halbinsel  bilden  die
Pyrenäen,  deren  höchste  Gipfel  3400  m  hoch  sind.  Den  Südrand  bildet  das
Küstengebirge  von  Andalusien.  In  der  Mitte  liegen  das  kastilische  und  das
andalusische  Scheidegebirge.

2.  Die  kastilische  Hochebene  ist  von  höhern  Randgebirgen  umgeben.  Diese
sind  für  das  Klima  der  Hochebene  von  großem  Einflusse.  Sobald  nämlich  die
Regenwolken  heranziehen,  erkalten  die  in  ihnen  enthaltenen  Wasserdämpfe  über  dem
Randgebirge  und  fallen  als  Regen  nieder.  (S.  87.)  Ehe  die  Wolken  die  Ebene
erreichen,  haben  sie  sich  gewöhnlich  abgeregnet.  Der  Himmel  ist  hier  meist  wolkenlos.
Die  Sonne  vermag  daher  am  Tage  und  im  Sommer  das  Land  schnell  zu  erwärmen,
  in  der  Nacht  und  im  Winter  aber  kühlt  es  sich  schnell  ab.  Trotz  der
Nähe  des  Meeres  herrscht  hier  deshalb  Landklima:  heiße  Tage  —  kalte  Nächte;
heiße  Sommer  —  kalte  Winter.  Aus  dem  Regenmangel  besonders  erklärt  es
sich,  daß  in  der  Hochebene  große  Dürre  herrscht  und  kein  Wald,  keine  Wiese  das
Auge  erfreut.  Ehedem  war's  besser.  Seitdem  man  aber  die  Berge  vielfach  entwaldet
  hat,  ist  manches  rieselnde  Bächlein  verschwunden.  An  1500  Ortschaften,
die  hier  ehemals  blühten,  stehen  jetzt  größtenteils  öde  und  verlassen  da.  Meistens
sind  die  Heiden  herrenlos  und  werden  als  Weideplätze  für  die  Merinoschafherden
benutzt.  Solche  Herden  bestehen  nicht  selten  aus  30—40000  Schafen.  Sie  werden
von  einem  Oberhirten  und  vielen  Unterhirten  geleitet.  Diese  ziehen  mit  ihren
Herden  von  einer  Heidefläche  zur  andern  und  sind  jahraus,  jahrein  im  Freien.  Während
der  Nacht  werden  die  einzelnen  Herden  mit  Netzen  umhürdet  und  von  Hunden
gegen  die  Wölfe  geschützt.  —  Hier  in  Kastilien  lebt  der  echte  Spanier.  In  seinen
Adern  fließt  heißes  Blut.  Gar  leicht  stößt  er  seinen  Feind  mit  dem  Dolche  nieder.
Das  wilde,  aufregende  Stiergefecht  bildet  sein  Hauptvergnügen.  —  Mitten  in  der
Hochebene  liegt  Madrid  (½  M.),  die  Hauptstadt  Spaniens.  Vor  der  Stadt  befindet
sich  ein  großer  Zirkus,  worin  wöchentlich  zweimal  Stiergefechte  abgehalten  werden.

3.  Die  Hauptflüsse  mit  ihren  Städten.  Von  den  Flüssen  Spaniens  durchströmen
  drei  die  Hochebene:  Duêro,  Tajo  und  Guadiana  lgwadiänal.  Zur
Winters=  und  Frühjahrszeit  sind  sie  hoch  angeschwollen  und  fließen  dann  in  dem
tiefeingeschnittenen  Bette  reißend  schnell  dahin.  Im  Sommer  aber  sind  sie  seicht
und  trocknen  stellenweise  ganz  aus.  Daher,  besonders  aber  auch,  weil  sie  zahlreiche
Stromschnellen  haben,  sind  sie  zur  Schiffahrt  fast  bis  zu  ihrer  Mündung  hin  nicht
geeignet.  An  der  seenartigen  Ausmündung  des  Tajo  liegt  Lissabon  (300  T.),
die  Hauptstadt  Portugals;  an  der  Mündung  des  Duero  Porto,  bekannt  durch
die  Ausfuhr  des  feurigen  Portweins.  Der  Hauptfluß  der  andalusischen  Tiefebene
ist  der  Guadalquivir  (gwadalkiwirl.  In  der  aragonischen  Tiefebene  fließt  der
wasserarme  Ebro.  An  ihm  liegt  Zaragoza  (gossal.

4..  Die  andalusische  Tiefebene  wird  vom  Guadalquivir  durchflossen.  Er  ist
für  die  Schiffahrt  des  Landes  der  wichtigste  Fluß.  Denn  seine  Zuflüsse  aus  den
schneereichen  Hochgebirgen  des  Südens  versorgen  ihn  auch  im  Sommer  mit  Wasser.
Zur  Zeit  der  Araber,  wo  die  Ebene  künstlich  bewässert  wurde,  glich  sie  einem
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        —  136  —

großen  Garten.  Unter  den  Händen  der  Spanier  aber  sind  weite  Strecken  verödet
und  zu  Heiden  geworden.  Wo  jedoch  die  Wasserwerke  erhalten  sind,  breiten  sich
auch  heute  noch  —  oft  unmittelbar  an  der  Heide  —  die  fruchtbarsten  und  daher
bevölkertsten  Gefilde  aus.  In  den  Gärten  Andalusiens  prangt  fast  das  ganze
Jahr  hindurch  die  Apfelsine.  Die  Dattelpalmwäldchen  auf  den  Hügeln  sowie  die
Zuckerrohr-  und  Baumwollenfelder  in  den  Thälern  erinnern  uns  an  das  nahe
Afrika.  —  Die  bedeutendsten  Städte  am  Guadalquivir  sind  Sevilla  [bevilja],  zur
Zeit  der  spanischen  Herrschaft  in  Amerika  der  wichtigste  Hafenort,  und  Cördoba
(kordowal,  die  früher  über  eine  Million  zählende  Hauptstadt  der  Mauren  —  jetzt
55  T.  Unweit  der  Mündung  des  Guadalquivir  liegt  Xeres  scheres],  bekannt
durch  seinen  Wein,  den  Sherri.  In  Hochandalusien,  am  Nordfuße  des  Schneegebirges
  und  an  einem  Nebenflusse  des  Guadalquivirs,  finden  wir  Granäda  mit
der  Alhambra,  dem  prachtvollen  Palaste  der  maurischen  Könige.

5.  Die  Küste  des  Mittelmeers.  An  der  Südspitze  Spaniens,  etwa  20  km
von  Afrika  entfernt,  liegt  die  englische  Felsenfestung  Gibraltar.  Durch  sie  beherrscht
  England  den  Zugang  ins  mittelländische  Meer.  Der  Wald  bei  Gibraltar
ist  der  einzige  Ort  in  Europa,  wo  Affen  wild  leben.  Nordöstlich  von  Gibraltar
liegt  Mälaga,  der  Hauptausfuhrhafen  für  den  hier  reifenden  feurigen  Wein  und
für  die  Korkrinde,  die  hier  von  der  immergrünen  Korkeiche  gewonnen  wird.  Die
Küstenlandschaften  von  Murcia  und  Valencia  bildeten  zur  Zeit  der  Araber  das
„maurische  Paradies“.  Auch  jetzt  noch  gleicht  das  Land,  soweit  die  von  den  Arabern
angelegten  Wasserwerke  erhalten  sind,  einem  herrlichen  Lustgarten.  Ganz  im  Nordosten
  liegt  Barcelona  (270  T.),  „Spaniens  reichste  und  sauberste  Stadt“,  reich
durch  ihren  Seehandel  und  die  großartigen  Webereien  in  Wolle,  Baumwolle  und  Seide.

20.  JItalien.  (Etwa  ½2  von  Deutschland  —  33  M.  E.)

1.  Die  Halbinsel  Italien  wird  der  ganzen  Länge  nach  von  den  Apenninen
durchzogen  und  daher  auch  die  apenninische  Halbinsel  genannt.  Sie  erstreckt  sich
in  Form  eines  Stiefels  weit  in  das  mittelländische  Meer  hinein.  Der  Lage  nach
unterscheidet  man  Ober-,  Mittel=  und  Unteritalien.

a.  Oberitalien.  2.  Die  lombardische  Tiefebene.  Am  Südfuße  der  Alpen
breitet  sich  die  lombardische  Tiefebene  aus.  Sie  ist  durch  den  Po  und  die
Etsch  mit  ihren  zahlreichen  Nebenflüssen  reich  bewässert  und  erhält  durch  die  Alpen,
die  die  kalten  Nordwinde  abhalten,  ein  recht  mildes  Klima.  Beide  Umstände  begünstigen
  den  Ackerbau.  Die  Felder  werden  gewöhnlich  zweimal  im  Jahre  bestellt,
zuerst  mit  Weizen  und,  wenn  dieser  abgeerntet  ist,  noch  einmal  mit  Mais.  In
dem  Po-Delta  gedeiht  sogar  der  Reis.  Aus  seinem  zähen  Stroh  verfertigen  die
Italiener  Besen,  Bürsten  und  grobe  Strohhüte.  Das  Gras  wird  in  guten  Jahren
5—  Gmal  gemäht.  Die  Grenzen  der  einzelnen  Felder  sind  mit  Maulbeerbäumen
(zum  Seidenbau)  und  Kastanien  bepflanzt,  an  denen  sich  Weinreben  emporranken.
Dadurch  erhält  das  Land  ein  gartenähnliches  Aussehen.  Die  größte  Stadt  der
Lombardei  ist  Mailand  mit  seinem  weißen  Marmordome.  Am  Golfe  von  Genua
liegt  das  prächtige  Genua,  dessen  Handel  durch  die  Gotthardbahn,  die  hier  endet,
mächtig  aufgeblüht  ist.  Am  Po  liegt  das  wundervolle  Turin,  an  der  Etsch
Verona,  südlich  davon  Mantua  (Hofer).

3.  Die  Ostküste  der  lombardischen  Tiefebene  ist  von  zahlreichen,  ausgedehnten
  Sümpfen  bedeckt.  In  diese  werden  durch  den  Po,  die  Etsch  u.  a.  Alpenflüsse
  alljährlich  große  Massen  von  Schlamm,  Schutt  und  Sand  geführt.  An
manchen  flachen  Küsten  bildet  das  Meer  aus  diesen  Sinkstoffen  lange,  dünenartige
  Wälle  oder  Inseln  (Lidi,  Einzahl  Lido),  durch  die  große  Strandseen  oder
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        —  137  —

Lagunen  vom  Meere  abgetrennt  werden.  Zwischen  solchen  Lagunen  liegt,  4  km
vom  Festlande  entfernt,  die  Stadt  Venedig.

4.  Venedig  (150  T.)  war  im  Mittelalter  die  mächtigste  Seehandelsstadt  Europas.
Sie  ist  auf  drei  größern  und  vielen  kleinern  Inseln  erbaut.  Daher  erklären  sich  die  zahllosen
  Kanäle,  die  die  Stadt  nach  allen  Richtungen  hin  durchziehen  und  hier  die  Stelle
der  Straßen  vertreten.  In  ganz  Venedig  giebt  es  deshalb  auch  kein  Pferd,  keinen
Wagen.  Aller  Verkehr  wird  durch  Gondeln  vermittelt,  die  in  endloser  Zahl  auf  den
Kanälen  hin=  und  hergleiten.  Doch  kann  man  auch  jetzt  mit  Hilfe  vieler  Brücken
fast  die  ganze  Stadt  zu  Fuß  durchwandern.  Der  schönste  und  größte  Platz  ist  der
Markusplatz.  Er  hat  seinen  Namen  von  der  neben  ihm  liegenden  Markuskirche,  in
der  man  das  Grab  des  Evangelisten  Markus  zeigt.  Mit  dem  Festlande  ist  Venedig
durch  eine  (über  222  Brückenbogen  gehende)  Eisenbahn  verbunden.

b.  Mittelitalien.  5.  In  Mittelitalien  liegen  die  Abruzzen.  Sie  bilden  den
höchsten  und  rauhesten  Teil  der  Apenninen.  In  ihren  Wäldern  und  Schluchten  hausen
noch  heute  Räuber.  Die  Westküste  ist  vielfach  versumpft,  und  Fieberluft  erfüllt  die
baumlosen  Ebenen.  Am  bekanntesten  sind  die  pontinischen  Sümpfe  (südlich  um
Rom).  In  ihnen  halten  sich  nur  während  des  Winters  berittene  Hirten  mit  ihren
Rinderherden  auf.  Die  bedeutendsten  Städte  Mittelitaliens  sind  Florenz  am  Arno
(200  T.)  und  Rom  an  dem  Tiber  (fast  ½  M.),  die  Hauptstadt  des  Königreichs.

6.  Rom  war  ehedem  die  erste  Stadt  der  Welt.  Sie  zeichnet  sich  durch  viele
Sehenswürdigkeiten  aus.  Da  ist  zunächst  der  mit  einer  vierfachen  Säulenreihe
geschmückte  Petersplatz.  Auf  ihm  stand  ehemals  der  Circus  des  Kaisers  Nero,
worin  Christen  mit  wilden  Tieren  kämpfen  mußten.  Am  westlichen  Ende  dieses
Platzes  erhebt  sich  die  prachtvolle  Peterskirche,  die  größte  Kirche  der  Welt.  Sie
enthält  29  Altäre  und  faßt  54000  Menschen.  In  einer  Kapelle  unterhalb  der
Kirche  werden  in  einer  Nische  des  Altars  die  Gebeine  des  Apostels  Petrus  aufbewahrt.
  Neben  der  Peterskirche  steht  der  Wohnsitz  des  Papstes,  der  Vatikan.
Er  setzt  sich  aus  vielen  Palästen,  Höfen  und  Gärten  zusammen,  zählt  11000

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Peterskirche  in  Rom.
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        —  138  —

Zimmer  und  Säle  und  nimmt  den  Raum  einer  kleinen  Stadt  ein.  Seit  1871
ist  Rom  die  Residenz  des  Königs  von  Italien.  Ihre  vielen  Baudenkmäler
(Kirchen,  Paläste)  und  Gemäldesammlungen  sind  einzig  in  ihrer  Art  und  locken
Künstler  und  Gelehrte  aus  allen  Teilen  der  Welt  herbei.

c.  Unteritalien.  7.  Klima  und  Bodenerzeugnisse.  Unteritalien  hat  ein  äußerst
mildes  Klima.  Schnee  ist  hier  eine  Seltenheit  und  taut,  wenn  er  fällt,  sofort
wieder  auf.  Im  Herbste  und  Frühlinge  regnet  es  häufig,  der  Sommer  aber  ist
fast  regenlos.  Monate  lang  ist  der  Himmel  so  rein  und  blau  wie  bei  uns  nur
in  den  schönsten  Frühlingstagen.  Die  Bäume  bleiben  daher  das  ganze  Jahr
grün,  und  die  herrlichsten  Südfrüchte,  wie  Apfelsinen,  Citronen,  Feigen  u.  s.  w.,
gedeihen  in  üppigster  Fülle.  Der  Olbaum,  aus  dessen  Früchten  (Oliven)  das
Olivenöl  gepreßt  wird,  kommt  hier  so  häusig  vor,  daß  Italien  das  ölreichste
Land  der  Welt  ist.  Ganz  im  Süden  wachsen  auch  afrikanische  Pflanzen,  wie
Dattelpalme,  Zuckerrohr  und  Baumwolle.

8.  Neapel  und  der  Vefuv.  An  einer  Meeresbucht  liegt,  stufenförmig  sich
erhebend,  die  volkreichste  Stadt  Italiens:  Neapel  (  1/2  M.).  Etwa  7  km  von
dieser  entfernt  erblickt  man  den  Vesuv,  einen  feuerspeienden  Berg.  Auf  seinem

—.

 

 

Neapel  und  der  Vesuv.

Gipfel  befindet  sich  der  Krater,  eine  Offnung,  die  man  etwa  in  1  Stunde  umschreiten
  kann.  Unten  in  dem  gewaltigen  Kessel  erhebt  sich  ein  Bergkegel,  aus
dessen  Spitze  beständig  Dampf  aufwallt.  Oft  vergehen  viele  Jahre,  ehe  ein
Ausbruch  stattfindet.  Dann  aber  hört  man  in  dem  Berge  ein  donnerähnliches
Getöse,  und  Feuergarben,  glühende  Steine  und  dichte  Rauchwolken  wirbeln  aus
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        —  139  —

dem  Krater  empor.  Die  Luft  ist  mit  Schwefel=  und  Kohlendämpfen  angefüllt,
und  dickflüssige,  8—10  m  hohe  Lavamassen  schieben  sich  langsam  an  der  Seite
des  Berges  hinunter.  Die  Menschen,  die  an  solchen  bedrohten  Stellen  wohnen,
flüchten  dann  eiligst  mit  ihren  Habseligkeiten.  Nach  wenigen  Stunden  sind  Haus
und  Hof  mit  einer  hohen  Lavaschicht  überzogen,  und  nur  Trümmer  verraten  den
Ort,  wo  sie  ehedem  gestanden.  —  Am  Fuße  des  Vesuvs  liegen  die  beiden  79  n.  Chr.
verschütteten  Städte  Herkulanum  und  Pompeji.  Pompesi  ist  jetzt  aber  zum
größten  Teil  wieder  ausgegraben.

9.  Die  Jusel  Sicilien  wird  durch  die  Straße  von  Messina  vom  Festlande
  getrennt.  Sie  ist  bekannt  durch  ihre  vielen  (4400)  Schwefelgruben.  Im
Osten  der  Insel  liegt  der  Etna,  der  größte  Vulkan  Europas.  Die  Hauptstadt
ist  Palermo,  die  bedeutendste  Handelsstadt  aber  Messina.

10.  Westlich  von  der  Halbinsel  liegen  die  Inseln  Sardinien,  deren
Küstenbewohner  sich  vielfach  vom  Fange  der  Sardinen  und  Sardellen  nähren,
und  Elba,  der  erste  Verbannungsort  Napoleons  I.

21.  Die  Balkanhalbinsel.

1.  Boden,  Klima  und  Bodenerzeugnisse.  Die  ganze  Halbinsel  ist  —  die
wallachische  Tiefebene  abgerechnet  —  von  schönbewaldeten  Bergketten  durchzogen.
Die  hauptsächlichste  davon  ist  der  Balkan.  Das  Klima  ist  im  allgemeinen
milde,  besonders  im  S.,  wo  selten  Schnee  fällt.  Die  Sommer  sind  heiß  und
regenlos,  die  Winter  nur  im  Donauthal  rauh  und  kalt.  Weizen,  Mais,  Tabak
u.  s.  w.  gedeihen  vorzüglich,  und  im  S.  reifen  Oliven,  Feigen  und  selbst
Datteln.  Auch  Baumwolle  wird  vielfach  angebaut,  und  ganze  Acker  sind  nicht
selten  mit  Rosen  bepflanzt,  aus  denen  Rosenöl  gewonnen  wird.

Die  Staaten  der  Balkanhalbinsel  sind:

a.  Die  Türkei.  (Nicht  ganz  2/8  von  Deutschland  —  8½⅛  M.  E.)

2.  Geschichtliches.  Die  Türken  kamen  im  14.  Jahrhundert  nach  Europa
und  eroberten  1453  auch  Konstantinopel,  den  letzten  Rest  des  morschen  oströmischen
Reiches.  An  die  Stelle  des  Christentums  trat  nun  die  mohammedanische  Lehre.
Aber  unter  der  Herrschaft  des  Sultans  und  seiner  Paschas  sank  das  Land  immer
tiefer  von  seiner  frühern  Höhe  herab.  Da  wurde  kein  Weg  angelegt,  keine  Brücke
gebaut.  Die  Mineralschätze  des  Bodens  bleiben  noch  heute  vielfach  unbeachtet  liegen,
und  selbst  die  fruchtbarsten  Gefilde  sind  stellenweise  zur  Einöde  geworden.  Das  Land
ist  daher  in  eine  ungeheure  Schuldenlast  geraten,  und  der  Sultan  gleicht  einem
„kranken  Manne“,  von  dem  ein  Glied  nach  dem  andern  sich  ablöst.  Schon  1821
rissen  sich  die  Griechen  von  der  Türkei  los,  und  durch  den  Berliner  Frieden  von
1878  verlor  die  Türkei  Montenegro,  Serbien  und  Rumänien,  die  für  selbstständige
  Staaten  erklärt  wurden.  Bosnien,  die  Herzegöwina  und  Bulgarien  gehören
  zwar  dem  Namen  nach  noch  zur  Türkei,  doch  werden  die  beiden  erstgenannten
Länder  von  Osterreich  verwaltet,  während  Bulgarien  einen  besonderen  Fürsten  hat.

3.  Städte.  Die  Hauptstadt  der  Türkei  ist  Konstantinopel  (900  T.).

Konstantinopel  liegt  an  der  2½  km  breiten  Straße  von  Konstantinopel.
Das  goldene  Horn,  eine  schmale  Meereszunge,  trennt  die  eigentliche  Stadt  von
den  Vorstädten  Gälata  und  Pera,  wo  vornehmlich  die  „Franken“  (die  nicht  von
der  Balkanhalbinsel  stammenden  Europäer)  und  die  fremden  Gesandten  wohnen.
Einen  schönen  Anblick  gewährt  die  Stadt  vom  Meere  aus.  Gleich  im  Vordergrunde
  erblickt  man  das  Serail  (PHeräj),  den  Palast  des  Sultans,  für  sich  allein
schon  eine  Stadt  voller  Paläste  und  Gärten.  Hinter  dem  Serail  sieht  man
gewaltige  Häusermassen,  aus  denen  sich  zahllose  Kuppeln  prächtiger  Moscheen  und
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        —  140  —

schlanke  Türme  (Minarets  —  Gebetstürme)  erheben.  Das  Innere  der  Stadt  ist
unschön.  Die  Straßen  sind  schmal  und  selten  gepflastert  und  daher  zur  Regenzeit
mit  großen  Kotlachen  angefüllt.  Die  einzigen  Straßenreiniger  sind  die  herren—
losen  Hunde.  Sie  laufen  zu  Tausenden  in  der  Stadt  umher  und  verschlingen
den  auf  die  Straße  geworfenen  Unrat  mit  Heißhunger.

Andre  wichtige  Städte  sind:  Adrianopel,  Saloniki,  nächst  Konstantinopel
die  größte  Handelsstadt  des  Landes,  und  Philippopel,  Hauptstadt  der  von
einem  selbständigen,  christlichen  Gouverneur  verwalteten  Provinz  Ostrumelien.

4.  Zur  Türkei  gehört  auch  die  Insel  Kreta.

b.  Das  Fürstentum  Bulgarien,  türkischer  Vasallenstaat,  Hauptstadt  Söfia.

e.  Bosnien  und  Herzegowina,  früher  türkisch,  steht  jetzt  unter  Osterreichs
Verwaltung.

d.  Das  Fürstentum  Montenegro  mit  der  Hauptstadt  Cetinje  ktschettinjel.

e.  Das  Königreich  Serbien  mit  der  Hauptstadt  Belgrad.

k.  Das  Königreich  Rumänien  mit  der  Hauptstadt  Bukarest  (200  T.).

g.  Das  Königreich  Griechenland.  Städte:  Athen  (Hauptstadt  120  T.),
Korinth,  am  gleichnamigen  Meerbusen,  früher  Hauptort  für  die  Ausfuhr  von
„Korinthen"“.  Inseln:  Euböa,  die  Cykladen  und  die  jonischen  Inseln.

 

Asien.

Asien  ist  der  größte  Erdteil  und  etwa  4  ½  mal  so  groß  wie  Europa.  Von  den
Bewohnern  (825  M.)  sind  noch  über  600  M.  Heiden;  außerdem  bekennen  sich  80  M.
zur  mohammedanischen  Religion  erst  ein  kleiner  Teil  ist  für  das  Christentum  gewonnen.

22.  Das  russische  Afien.  (1½  mal  so  groß  wie  Europa  —  19  M.  E.)

Das  russische  Asien  umfaßt  Sibirien,  Kaukasien  und  Turän  oder  Westturkistan.
  Ein  mächtiger  Gebirgsrand  (Altäi,  Kaukasus  u.  s.  w.)  verschließt
im  Süden  den  warmen  Lüften  den  Zugang,  während  die  Ebene  im  Norden  den
kalten  Winden  ungehindert  den  Eintritt  gestattet.  Daher  herrschen  hier  sehr  kalte
Winter,  während  die  Sommer  infolge  des  Festlandklimas  verhältnismäßig  heiß  sind.
(S.  94.)  Die  große  sibirische  Tiesebene  wird  von  gewaltigen  Flüssen,  dem  Ob,
Jenisséi  und  der  Lena,  durchströmt.  Da  die  Flüsse  fast  9  Monat  des  Jahres
hindurch  mit  Eis  bedeckt  sind,  so  haben  sie  für  die  Schiffahrt  nur  geringen  Wert.
Die  Halbinsel  Kamtschatka  —  etwa  so  groß  wie  Italien  —  ist  mit  einer  Doppelreihe
  thätiger  Vulkane  besetzt,  die  zum  Teil  die  Höhe  des  Montblanc  haben.

1.  Sibirien.  Gewöhnlich  stellt  man  sich  ganz  Sibirien  als  eine  endlose
Einöde  voller  Eis  und  Schnee  vor.  Das  gilt  jedoch  nur  von  dem  nördlichen
Teile  des  Landes.  Der  Süden  hat  ein  sehr  erträgliches  Klima,  und  in  den  weiten,
fruchtbaren  Ebenen  gedeihen  Getreide  und  Früchte  aller  Art.  Etwas  weiter  nach
der  Mitte  des  Landes  zu  gelangen  wir  in  das  Reich  der  Nadelwälder.  Hier  sind
nur  noch  die  Thäler  angebaut.  In  den  endlosen  Wäldern  ist  die  Heimat  des  Zobels,
des  Hermelins  u.  a.  Pelztiere.  Als  Haustiere  finden  wir  nur  das  Renntier  und  den
Hund.  Ganz  im  Norden  dehnt  sich  eine  endlose  Steppe,  die  Tundra,  aus.
9  Monat  des  Jahres  hindurch  bildet  sie  ein  weites  Schneefeld,  und  in  dem
kurzen  Sommer  taut  der  Boden  kaum  1  m  tief  auf.  —  In  ganz  Sibirien  wohnen
nicht  soviel  Menschen  wie  in  London,  nämlich  nur  etwa  4  Mill.  (Auf  5  qkm
kommen  im  Durchschnitt  2  Menschen.  Vergleiche  S.  1151!)  Es  sind  dies  teils
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        —  141  —

halbwilde  Jägervölker,  wie  die  Samojeden  und  Jakuten  (im  Norden),  teils  eingewanderte
  russische  Kolonisten,  teils  von  Rußland  hierher  verbannte  Verbrecher.  —

Die  wichtigsten  Städte  in  Sibirien  sind:  Tobolsk  (20  T.),  die  westliche
  Hauptstadt  und  Hauptniederlage  des  sibirischen  Pelzwerkes,  Tomsk  (44  T.),
der  Mittelpunkt  der  Goldgewinnung,  Irkutsk  (50  T.)  am  Baikalsee,  die  östliche
Hauptstadt,  und  Jakutsk  an  der  Lena,  die  kälteste  Stadt  der  Erde,  fast  nur  von
Pelzjägern  bewohnt.  Da  jetzt  die  Pelztiere  in  den  Wäldern  immer  seltener  werden,
so  wenden  sich  die  Bewohner  vielfach  dem  Berg=  und  Hüttenbau  zu.  Der  Ural
liefert  viel  Gold,  Platina  und  Eisen,  der  Altai  Silber  und  Blei.  Der  Hauptort
für  den  Bergbau  ist  Jekaterinburg  am  östlichen  Abhange  des  Ural.

2.  Kaukasien  liegt  zu  beiden  Seiten  des  Kaukasus,  von  dem  das  Land  den
Namen  erhalten  hat.  An  der  einzigen  fahrbaren  Straße,  die  von  Rußland  über
den  Kaukasus  nach  Persien  führt,  liegt  Tiflis  (100  T.),  die  Hauptstadt  Kaukasiens.
  Von  dort  führt  eine  Eisenbahn  nach  Baku,  am  kaspischen  Meere  gelegen.
Hier  verehrten  eine  Anzahl  Parsen  (Nachkommen  der  Urbewohner  Persiens  und
Feueranbeter)  bis  vor  kurzem  in  einem  Tempel  das  „heilige  Feuer“,  das  ununterbrochen
  Tag  und  Nacht  über  der  Erde  hier  brannte.  Jetzt  ist  der  Tempel  zerfallen,
  in  seiner  Nähe  aber  sind  große  Fabriken  entstanden,  in  denen  man  das  Petroleum
  reinigt,  das  aus  etwa  50  Quellen  gewonnen  wird.  1883  hatte-  man
eine  Quelle  erbohrt,  deren  Strahl  anfangs  über  60  m  hoch  in  die  Luft  stieg.
Man  hatte  gar  nicht  Fässer  genug,  das  Ol  aufzufangen,  und  so  bildeten  sich  in
den  Bodenvertiefungen  bald  große  Olteiche.

3.  Turän  oder  Westturkistan  ist  ein  gewaltiges  Tiefland.  Ehemals  war  es
vom  Meere  bedeckt,  als  dessen  Reste  noch  der  Aralsee  und  das  kaspische  Meer
erhalten  sind.  Das  kaspische  Meer  ist  der  größte  Binnensee  der  Erde.  Er  hat
mehr  Flächeninhalt  als  das  Königreich  Preußen.  Turan  ist  ein  sehr  regenarmes
Land.  Daher  finden  sich  hier  große  Sandwüsten.  Nur  die  bewässerten  Flußthäler
sind  angebaut.  Zwischen  dem  kaspischen  Meere  und  dem  Aralsee  nomadisieren  die
räuberischen  Turkmenen,  nördlich  vom  Aralsee  die  Kirgisen,  deren  Reichtum
in  Pferden,  Rindern  und  großen  Schafherden  besteht.  Die  Hauptstadt  Turans
ist  Taschkent  (120  T.).

23.  Jran.  (4  mal  so  groß  wie  Deutschland  —  14  M.  E.)

JIrän  ist  ein  Hochland,  das  vom  Elburs,  Hindukusch  u.  a.  meist  kahlen
Randgebirgen  eingeschlossen  wird.  Daher  ist  das  Innere  sehr  regenarm,  unfruchtbar
  und  waldlos.  (S.  135.)  In  den  Flußthälern  und  an  den  Abhängen  der  Gebirge
  dagegen  herrscht  ein  ewiger  Frühling,  und  herrliche  Obst=  und  Rosengärten
erfreuen  hier  das  Auge.  Iran  besteht  aus  folgenden  3  Staaten:

1.  Persien.  Es  ist  dreimal  so  groß  wie  Deutschland,  hat  aber  nur  etwa
7½  Mill.  E.  Die  Bewohner  sind  Mohammedaner.  Der  Fürst  heißt  Schah
lschach)t.  Die  Hauptstadt  ist  Teher  än  (150  T.).  In  der  paradiesischen  Umgegend
  von  Schiras  wird  viel  Rosenöl  gewonnen.

2.  Afghanistän.  Die  Hauptstadt  ist  Kabul  an  dem  Flusse  gleichen  Namens.
Durch  das  Thal  des  Kabuls  führt  die  wichtigste  Straße  nach  Indien.  Daher  ist
das  Land  ein  steter  Zankapfel  zwischen  den  Russen,  die  schon  bis  Turkistan  vorgedrungen
  sind,  und  den  Engländern,  denen  Indien  gehört.

3.  Belutschistän  mit  der  Hauptstadt  Kelat,  steht  unter  englischer  Oberherrschaft.


24.  Die  asiatische  Türkei.  (#mal  so  groß  wie  Deutschland  —16  M.  C.)

Sie  umfaßt  Kleinasien,  Syrien,  Armenien  und  Mesopotamien  und
steht  unter  der  Herrschaft  des  türkischen  Sultans.
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        —  142  —

1.  Kleinasien.  Die  ganze  Halbinsel  ist  eine  wellige  Hochfläche,  die  mit  höhern
Randgebirgen  umgeben  ist.  Die  Regenwolken  entladen  sich  meist  schon  am  äußern
Rande  der  Gebirge,  weshalb  das  Land  im  Innern  regenarm  ist.  (S.  135.)  In—
folge  der  Dürre  enthält  das  Innere  große  Sandwüsten.  Die  kleinern  Flüsse,  die
dem  innern  Rande  entquellen,  schleichen  den  Thälern  der  Mitte  zu,  wo  sie  langsam
verdunsten.  Dadurch  entstehen  große  Schilfsümpfe  oder  stellenweise  (durch  Auslaugung
  des  salzhaltigen  Bodens)  Salzsümpfe.  Nur  die  niedrigen  Küsten  sowie  die
sie  umgrenzenden  Bergabhänge  sind  gut  bewässert  und  ungemein  fruchtbar.  Hier
gedeihen  Wein,  Südfrüchte  und  Baumwolle,  und  in  den  Wäldern  findet  man  immergrüne
  Eichen  sowie  Johannisbrot=  und  Maulbeerbäume.  In  den  Randgebirgen
des  Westens  wird  viel  Meerschaum,  an  der  Westküste  viel  Badeschwamm  gefunden.
Hauptorte  sind  Smyrna  (230  T.,  die  wichtigste  Handelsstadt  der  ganzen  asiatischen
  Türkei)  und  Skütari  (die  asiatische  Vorstadt  von  Konstantinopel).

2.  Syrien  mit  Palästina.  a.  Syrien.  Ganz  Syrien  ist  eine  Hochebene,  die
vielfach  von  Gebirgen  (im  W.  der  Libanon,  im  O.  der  Antilibanon)  durchzogen
ist  und  besonders  im  Osten  sandige  Wüsten  aufzuweisen  hat.  Die  Hauptstadt  Syriens
ist  Damaskus  (170  T.).  Sie  liegt  in  einer  reich  bewässerten  und  daher  sehr  fruchtbaren
  Ebene.  Der  wichtigste  Handelshafen  ist  jetzt  Beirut.  Der  schmale,  sandreiche
  Küstenstrich  zwischen  dem  mittelländischen  Meere  und  dem  Libanon  war  das
alte  Phönizien.  Die  ehemals  so  berühmten  Hauptstädte  dieses  Landstriches,  Tyrus
und  Sidon,  sind  jetzt  zu  ärmlichen  Flecken  herabgesunken.

b.  Palästina.  Den  südlichen  Teil  Syriens  bildet  Palästina.  Ehemals  hieß
es  Kanaan.  Seiner  Fruchtbarkeit  wegen  nannte  man  es  das  Land,  „darinnen  Milch
und  Honig  fließt".  Daher  war  es  auch  möglich,  daß  in  dem  kleinen  Lande  5  Millionen
  Menschen  leben  konnten.  Jetzt  aber  ist  die  Pracht  des  Landes  verschwunden.
Durch  Kriege  und  Erdbeben,  ganz  besonders  aber  durch  die  Raubgier  der  türkischen
Paschas,  ist  das  Land  in  Elend  versunken,  und  nur  räuberische  Beduinen  durchziehen
  es  mit  ihren  Pferden,  Kamelen  und  Ziegen.  Die  Berge  sind  entwaldet  und
daher  auch  die  Bäche  versiegt.  Auf  den  weiten  Auen  wachsen  Dornen  und  Disteln,
und  unter  den  Schutt=  und  Trümmerhaufen  der  zerfallenen  Städte  hausen  Schakale
  und  Wölfe.  Der  Hauptfluß  Palästinas  ist  der  Jordan.  Er  durchfließt  den
fischreichen,  ringsum  von  Bergen  eingeschlossenen  See  Genezareth  und  mündet
in  das  tote  Meer.

c.  Das  tote  Meer  liegt  in  einem  furchtbar  heißen  Gebirgskessel.  Ringsum
ist  es  von  Kreidefelsen  mit  tiefen,  vom  Regen  durchfurchten  Schluchten  umgeben.
Das  Wasser  des  Sees  enthält  etwa  25  %  feste  Bestandteile  (Salze)  und  hat  einen
bittersalzigen  Geschmack.  Kein  Mensch,  kein  Tier  mag  davon  trinken,  und  weder
Fisch  noch  Muschel  kann  darin  leben.  Wer  sich  in  dem  See  badet,  wird  von  dem
Wasser  fast  in  die  Höhe  gehoben  und  schwimmt  wie  ein  Stück  Holz  darauf.  Einen
Abfluß  hat  der  See  nicht,  er  entleert  sich  nur  durch  Verdunstung,  daher  der  starke
Salzgehalt  des  Wassers.

d.  Provinzen  und  Städte  Palästinas.  Palästina  wird  durch  den  Jordan
in  das  West=  und  Ostjordanland  geschieden.  Das  Westjordanland  zerfiel  zur  Zeit
Jesu  in  3  Provinzen:  Judäa,  Samaria  und  Galiläa.

1)  Judäa,  von  den  nackten  Höhen  des  judäischen  Gebirges  durchzogen,
enthält  die  Hauptstadt  Palästinas,  Jerusalem.  Die  heilige  Stadt  liegt  auf
mehreren  Hügeln  und  ist  von  einer  13  m  hohen  Mauer  umgeben.  Die  Häuser
haben  meist  flache  Dächer,  die  von  Kuppeln  mit  dem  Halbmonde  und  von  Klöstern
mit  dem  Kreuze  überragt  werden.  An  der  Stelle  des  Tempels  erhebt  sich  jetzt
die  Omarmoschee,  die  zu  den  größten  Heiligtümern  der  Mohammedaner  zählt.
Die  schmalen,  oft  überwölbten  und  daher  dunkeln  Gassen  sind  schlecht  gepflastert
        <pb n="149" />
        —  143  —

 

Jerusalem.

und  die  offenen  Kanäle  mit  Aas,  faulenden  Früchten,  Mist  u.  s.  w.  angefüllt.
Der  „Schmerzensweg“  führt  uns  nach  der  Kirche  des  heiligen  Grabes.  Sie  ist
auf  dem  Hügel  Golgatha  erbaut  und  umschließt  das  heilige  Grab  sowie  den  Felsen,
auf  dem  das  Kreuz  errichtet  war.  Man  zeigt  hier  sogar  die  Löcher,  in  denen  die
Kreuze  gestanden  haben  sollen.  Im  Osten  führt  eine  Brücke  über  das  Thal  Kidron
nach  dem  Olberge.  Am  Fuße  des  Olbergs  liegt  der  Garten  Gethsemane  mit
seinen  acht  uralten  Olbäumen.  Etwa  7  km  südlich  von  Jerusalem  liegt  Bethlehem.
Über  der  Grotte,  wo  der  Heiland  geboren,  steht  die  Marienkirche.  Sie  enthält  je
eine  Abteilung  für  griechische,  katholische  und  armenische  Christen.  Im  Jordanthale
  liegt  Jericho  und  nordwestlich  von  Jerusalem  der  Flecken  Emmaus.  —
2)  Samaria  mit  dem  Gebirge  Ephraim.  Hier  liegt  noch  heute  das  alte  Sichem
mit  dem  Jakobsbrunnen.  Die  Hauptstadt  war  Samaria.  —  3)  Galiläa,  mit  dem
Karmelgebirge  und  der  Ebene  Jesreel,  war  zur  Zeit  Jesu  eine  sehr  anmutige
Landschaft.  Hier  lagen  die  Orte  Nazareth  (am  Berge  Tabor),  Nain,  Kapernaum,
  Bethsaida,  Tiberias.  Am  Meere  der  Hafen  Akka,  zur  Zeit  der
Kreuzzüge  Acco  genannt.  —  4)  Das  Ostjordanland  (Peräa)  enthält  eine  fruchtbare
  Hochsteppe  mit  einzelnen  Bergen,  darunter  auch  den  Nebo.  Wie  stark  das
Land  einst  bewohnt  war,  erzählen  uns  Hunderte  von  Ruinen  uralter  Städte.
3.  Armenien  ist  ein  Hochland  mit  dem  stets  mit  Schnee  bedeckten  Gebirge
Ararat.  Die  uralten  Weinberge  an  seinem  Fuße,  von  denen  die  Sage  erzählt,  daß
Noah  sie  gepflanzt  habe,  sind  1840  durch  ein  Erdbeben  verschüttet  worden.  Die
Hauptstadt  ist  Erzerum  serserüml.

4.  Mesopotamien  (die  Ebene  Sinear)  liegt  zwischen  Euphrat  und  Tigris.
Ehemals  war  es  ein  ungemein  fruchtbares  Land,  jetzt  aber  ist  es  vielfach  verödet.
  Von  hier  aus  zog  Abraham  in  das  gelobte  Land.  An  dem  Euphrat  lag
die  gewaltige  Stadt  Babylon.  Jetzt  deuten  nur  noch  einige  Hügel  die  Lage  der
Stadt  an.  Südöstlich  von  den  Ruinen  Babylons  erhebt  sich  ein  50  m  hoher
Hügel.  Das  unter  ihm  befindliche  Gemäuer  sieht  man  als  die  Uberreste  des  babylonischen
  Turmes  an.  Am  Tigris  findet  man  die  Ruinen  des  alten  Ninive,  der
        <pb n="150" />
        —  144  —

Hauptstadt  Assyriens.  Die  bedeutendsten  Städte  am  Tigris  sind  jetzt  Mosül,
in  früherer  Zeit  durch  Musselinwebereien  bekannt,  und  Bagdäd.

25.  Arabien.  (6mal  so  groß  wie  Deutschland  —  5  M.  E.)

1.  Klima  und  Bodenerzengnisse.  Fast  die  ganze  Halbinsel  Arabien  ist  eine  Hochebene,
  die  vielfach  mit  höhern  Randgebirgen  umgeben  ist.  Daher  erhält  das  weite  Innere
  fast  gar  keinen  Regen  (S.  135)  und  ist  infolge  der  Dürre  und  furchtbaren  Hitze
vielfach  zur  Sandwüste  geworden.  Einen  Fluß,  der  das  ganze  Jahr  hindurch  Wasser
führt,  hat  Arabien  nicht.  Nur  einige  Thäler  (Oasen)  und  die  Küsten  sind  besser  bewässert
  und  daher  sehr  fruchtbar.  Am  arabischen  Meerbusen  liegt  der  Küstenstrich  Jemen
oder  „das  glückliche  Arabien“.  Hier  gedeiht  an  den  Bergabhängen  der  Kaffee  vorzüglich.
Der  Hafen  Mocha,  wo  er  früher  verladen  wurde,  hat  ihm  den  Namen  „Mokka“  gegeben.

2.  Bewohner  und  Städte.  Im  Innern  des  Landes  wohnen  Beduinen,  die
mit  ihren  Kamelen,  edeln  Pferden  und  fettschwänzigen  Schafen  von  einer  Oase  zur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mekka  (55  T.),  die  Geburtsstätte  Mohammeds,  liegt  in  öder,  baumloser
Gegend.  Die  Stadt  verdankt  ihr  Bestehen  ganz  allein  einem  jahraus,  jahrein  Wasser
spendenden  Brunnen,  ihre  Größe  aber  hauptsächlich  dem  „schwarzen  Steine“,  durch
den  Mekka  ein  berühmter  Wallfahrtsort  geworden  ist.  Denn  jeder  Mohammedaner
muß  —  so  ist  es  Vorschrift  des  Korans  —  wenn  er  ruhig  sterben  will,  einmal
in  seinem  Leben  die  heilige  Stadt  gesehen  haben.  Zur  Zeit  der  Wallfahrten  sind
daher  die  Straßen  der  Stadt  von  vielen  tausend  Pilgern  belebt.  Auf  dem  Hofe
einer  Moschee  befindet  sich  das  Heiligtum  der  Araber,  die  Käaba.  Sie  bildet
ein  kleines,  würfelartiges  Gebäude  (Käaba  bedeutet  Würfel),  das  etwa  18  Schritt
lang  und  14  Schritt  breit  ist.  Der  in  der  südöstlichen  Ecke  der  Käaba  eingemauerte
  Stein  (wahrscheinlich  ein  Meteor)  sieht  fast  schwarz  aus  und  ist  mit
goldenen  Reifen  eingefaßt.  Nach  der  Sage  hat  Abraham  den  Stein  von  einem
Engel  erhalten,  als  er  hier  die  Käaba  errichtete.  Unter  Gebet  umschreiten  die
Gläubigen  die  Käaba  und  küssen  dabei  den  Stein,  um  Vergebung  der  Sünden  zu
        <pb n="151" />
        —  146  —

erlangen.  Zu  diesem  Zwecke  ist  der  seidene  Umhang  der  Kaaba  an  verschiedenen
Stellen  durchlöchert.

3.  An  der  Südküste  liegt  die  englische  Freihafenstadt  Aden  säden]  in  einem
schrecklich  öden,  heißen  Lavakessel,  durch  dessen  Ankauf  sich  England  die  Herrschaft
im  roten  Meere  gesichert  hat.  Zu  Arabien  gehört  auch  die  Sinaihalbinsel  mit
dem  Sinaigebirge  sowie  die  durch  Perlenfischerei  bekannte  Insel  Ormus.

96.  Vorderindien.  (8  mal  so  groß  wie  Deutschland  —  260  M.  E.)

1.  Das  Himälajagebirge  (d.  h.  Schneewohnung)  bildet  den  steilen  Nordrand
  Vorderindiens.  Es  ist  das  großartigste  Gebirge  der  Erde  und  bedeckt  einen
13mal  so  großen  Raum  wie  die  Alpen.  Auch  besitzt  es  den  höchsten  Berg  der
Erde,  den  Mount  /maunt]  Everest.  Sein  Gipfel  erreicht  fast  die  doppelte  Höhe
des  Montblanc  (8800  m).  In  einem  Hochthale  des  Himalaja  liegt  wie  in  einem
„Garten  des  ewigen  Frühlings“  Kaschmir,  berühmt  durch  seine  Shawlwebereien.

2.  Das  Tiefland  von  Hindostan  wird  im  Westen  vom  Indus,  im  Osten
vom  Ganges  durchflossen.  Alljährlich  tritt  der  Ganges  über  seine  Ufer  und  überschwemmt
  weite  Länderstrecken.  Die  Gangesebene  ist  daher  außerordentlich  fruchtbar
und  sehr  dicht  bevölkert.  Seiner  befruchtenden  Kraft  wegen  halten  die  Hindu  den
Ganges  für  einen  heiligen  Fluß.  Der  Kranke  hofft  in  seinen  Fluten  zu  genesen,
der  Gesunde  wünscht  darin  zu  sterben.  Daher  sind  auch  seine  Ufer  bei  Sonnenaufund
  -untergang  mehrere  hundert  Meilen  entlang  von  Badenden  und  Betenden  belebt.
  Tausende  pilgern  jährlich  nach  Benäres  und  Allahabäd,  um  in  den
heiligen  Fluten  zu  baden  und  sich  von  Sünden  rein  zu  waschen.  An  den  Ufern
des  Ganges  befinden  sich  die  Badeplätze,  zu  denen  Treppen  von  Marmor  hinabführen.
  Auch  sieht  man  hier  am  Ufer  nicht  selten  Ruhebetten  stehen,  in  denen
Kranke  liegen.  Die  Kranken  lassen  sich  Mund  und  Nase  mit  dem  heiligen  Schlamme
des  Flusses  beschmieren  und  sterben  so  im  Anblick  des  Flusses.  Ihre  Leichname
werden  später  in  die  Fluten  geworfen  und  —  von  Krokodilen  oder  Aasgeiern  verzehrt.
  —  Mit  dem  Ganges  vereinigt  sich  der  Brahmaputra.  Beide  Flüsse
bilden  das  größte  Delta  der  Erde.  Auf  den  weichen  Schlamminseln  des  Deltas
finden  sich  Dickichte  von  Bambusrohr,  Schilf  u.  s.  w.  Sie  werden  Dschungeln
genannt.  In  ihnen  hausen  Tiger,  Büffel,  Krokodile  und  Schlangen  ohne  Zahl.
Die  meisten  Mündungsarme  im  Delta  sind  verschlammt.  An  einem  der  schiffbaren
Arme  liegt  Kalkutta  kalkötta)  (800  T.),  die  Hauptstadt  Indiens  und  der  Wohnsitz
des  englischen  Vicekönigs.

3.  Klima  und  Bodenerzeugnisse.  Das  Tiefland  von  Hindostan  ist  namentlich
in  seinem  östlichen  Teile  äußerst  fruchtbar.  Das  feuchtheiße  Klima  bringt  hier  eine
Uppigkeit  der  Pflanzen  hervor  wie  sonst  nirgends  auf  der  Erde.  Es  giebt  hier
Bäume,  die  jährlich  zweimal  Früchte  tragen.  Manche  Pflanzen  machen  in  einer
Nacht  fingerlange  Triebe.  In  den  Sumpfniederungen  wachsen  ungeheure  Mengen
von  Reis.  Er  liefert  hier  jährlich  2—3  Ernten  und  bildet  die  Hauptnahrung  der
Hindu.  Die  Felder  aber  liefern  reiche  Erträge  an  Weizen,  Baumwolle,  Zuckerrohr,
  Indigo  u.  s.  w.  In  den  Urwäldern  Hindostans  findet  man  Palmen,  indische
Feigen,  Brotfruchtbäume,  Bambusrohr  u.  s.  w.

4.  Das  Hochland  von  Dekan  senkt  sich  von  Westen  nach  Osten,  ist  aber  sowohl
  an  der  Westküste  (Malabar)  wie  auch  an  der  Ostküste  (Koromandel)  mit  Randgebirgen
  umgeben.  Das  Innere  des  Landes  bekommt  daher  nur  selten  Regen
(S.  134)  und  ist  vielfach  dürr  und  unfruchtbar.  Auf  einer  kleinen  Insel  an  der
Westküste  liegt  Bombay  lbombeh]  (800  T.),  der  Haupthafen  für  Baumwolle  und
Baumwollenwaren.  An  der  flachen  Ostküste  liegt  an  der  einzigen  Stelle,  die  durch
größere  Schiffe  zu  erreichen  ist,  die  Hafenstadt  Madräs  (450  T.).

Realienbuch.  B.  10
        <pb n="152" />
        —  146  —

5.  Die  Bewohner  Vorderindiens  (260  Millionen)  gehören  größtenteils  dem
Hindustamme  an.  Nur  etwa  der  siebente  Teil  besteht  aus  Mohammedanern  und
eingewanderten  Christen.  Etwa  12  000  sind  Europäer.

Die  Hindu  bilden  noch  heute  wie  vor  Jahrtausenden  4  Kasten:  1)  Brahmanen
  oder  Priester;  2)  Krieger;  3)  Ackerbauer  und  Gewerbetreibende  und  4)  Knechte.
Zu  keiner  Kaste  gehören  die  Parias.  Sie  sind  so  verachtet,  daß  niemand  sie  berühren
  noch  mit  ihnen  essen  und  trinken  darf.  Die  Hindu  verehren  Brahma  als
den  Schöpfer,  Wischnu  als  den  Erhalter  und  Schiwa  als  den  Zerstörer  der  Welt.
Diesen  Götzen  bringen  sie  in  prachtvollen  Tempeln  (Pagoden)  Opfer.  Nach  ihrem
Glauben  wandert  die  Seele  eines  Verstorbenen  in  den  Leib  eines  andern  Menschen
oder  Tieres.  Daher  scheuen  sie  sich,  irgend  ein  Tier  zu  töten,  ausgenommen  Fische.
Das  Leben  ist  für  den  Hindu  eine  Prüfungszeit,  die  er  auf  jede  Weise  abzukürzen
sucht.  Daher  ziehen  auch  alljährlich  große  Scharen  nach  Benares  und  stürzen  sich
in  die  heiligen  Fluten  des  Ganges.  Gewöhnlich  verbrennen  die  Hindu  ihre  Toten.
Die  Sitte  jedoch,  daß  sich  die  Frau  beim  Tode  ihres  Mannes  mit  ihm  verbrennen
läßt,  ist  von  den  Engländern  ausgerottet  worden.  —  Das  Christentum  findet  nur
langsam  Eingang,  obwohl  viele  Missionare  hier  thätig  sind.

6.  Seit  1857  steht  Vorderindien  vollständig  unter  der  Herrschaft  Englands,
dessen  Königin  seit  1876  auch  den  Titel  „Kaiserin  von  Indien“  führt.  Zu  Vorderindien
  gehört  auch  die  Insel  Ceylon,  auf  der  viel  Thee  und  Kaffee  gebaut  wird.

27.  Hinterindien  (4  mal  so  groß  wie  Deutschland  —  40  M.  E.)
und  die  indischen  Inseln.

1.  Hinterindien.  Von  den  mächtigen  Strömen,  die  das  Land  durchfließen,
ist  der  Mékong  am  bedeutendsten.  Die  Westküste  Hinterindiens  (früher  das  Reich
Birma  oder  Barma)y  ist  im  Besitze  der  Engländer;  ebenso  die  Südspitze  der  Halbinsel
  Malaka  mit  der  Hafenstadt  Singapore.  Die  Ostküste  (früher  das  Reich
Annam  u.  s.  w.)  ist  französisch,  im  Nordosten  auch  das  an  China  angrenzende
Tongking.  Den  übrigen  Teil  Hinterindiens  nimmt  das  noch  unabhängige  Reich
Siam  ein  (mit  der  Hauptstadt  Bangkok,  am  Menam,  200  K.).

2.  Die  indischen  Inseln  liegen  zwischen  Asien  und  Australien.  Sie  bilden
4  Gruppen:  1)  die  großen  Sundainseln  (Sumäatra,  Java,  Börneo,
Celêbes),  2)  die  kleinen  Sundainseln,  3)  die  Molukken  oder  Gewürzinseln,
4)  die  Philippinen.  —  Alle  diese  Inseln  sind  gebirgig.  Viele  von  ihnen  besitzen
  auch  thätige  Vulkane.  Die  Gipfel  der  Berge  sind  meistens  dicht  bewaldet,
in  den  urbar  gemachten  Thälern  aber  baut  man  Reis,  Zuckerrohr,  Tabak  und
ganz  besonders  Kaffee.  —  Die  Sundainseln  und  die  Molukken  stehen  größtenteils
unter  holländischer  Herrschaft,  die  Philippinen  dagegen  sind  im  Besitze  der  Spaniex.
Der  Hauptort  der  Philippinen  ist  Manila  auf  der  Insel  Luzon,  bekannt  durch
seine  Cigarren.  Am  meisten  Wert  und  Bedeutung  für  die  Holländer  hat  die  Insel  Java.
Sie  ist  etwa  fünfmal  so  groß  als  Holland  und  bringt  durch  ihre  Kaffeepflanzungen
reichen  Gewinn.  Der  Hauptort  ist  die  Hafenstadt  Batävia.  Sie  liegt  in  ungesunder
  Sumpfgegend,  weshalb  die  Europäer  die  höher  gelegenen  Vorstädte  bewohnen.

28.  China.  (Etwas  größer  als  Europa  —  350  M.,  fast  ¼  aller  Bew.  der  Erde.)

1.  China,  das  „Reich  der  Mitte“,  besteht  aus  Zentralasien  und  dem
eigentlichen  China  mit  dem  südlichen  Teile  der  Mandschurei.

2.  Zentralasien  umfaßt  das  gewaltige  Hochland  von  Hinterasien,  das  von  dem
Himalaja,  dem  Altai,  den  chinesischen  Alpen  u.  a.  höhern  Randgebirgen  umgeben
  ist.  Infolge  seiner  großen  Regenarmut  (S.  134)  ist  das  Innere  vielfach  dürr
        <pb n="153" />
        —  147  —

und  zur  Wüste  geworden.  So  füllt  die  Wüste  Gobi  oder  Schamo  fast  die  ganze
Mongolei  aus,  die  den  nördlichen  Teil  des  Hochlandes  einnimmt.  Der  südliche  Teil
des  Hochlandes  heißt  Tibet,  der  westliche  Ostturkistan  oder  die  hohe  Tartarei.

3.  Das  eigentliche  China  wird  im  Süden  von  den  chinesischen  Alpen,  im
Norden  von  dem  großen  chinesischen  Tieflande  angefüllt,  das  vom  Hoangho  und
Jangtsekiang  durchflossen  wird.  Der  gelbe  Lehmboden  der  Tiefebene  ist  von  unerschöpflicher
  Fruchtbarkeit.  Er  hat  daher  eine  ungemein  dichte  Bevölkerung  hervorgerufen,
  besonders  an  den  Mündungen  der  großen  Flüsse.  Dort  ist  eine  Strecke
von  mehr  als  100  Meilen  fast  wie  mit  einer  einzigen  Stadt  bedeckt.  Man  sieht
selbst  auf  dem  Wasser  kleine  Dörfer,  die  stromauf  und  stromab  schwimmen.  Jede
Familie  hat  einen  kleinen  Kahn  zu  ihrer  Wohnstätte  eingerichtet  und  zieht  auf
Flößen  einen  kleinen  Garten  hinter  sich  her.  Hier  im  Tieflande  liegen  auch  die
größten  Städte  Chinas,  so  die  Hauptstadt  Peking  (1  1/2  M.),  das  durch  seine
Seiden=  und  Baumwollenwebereien  bekannte  Nanking,  sowie  die  Hafenstadt
Shanghai,  von  wo  viel  Seide  und  Thee  ausgeführt  wird.

4.  Bodenerzeuguisse.  Die  übergroße  Bevölkerung  Chinas  zwingt  die  Bewohner
  zur  denkbar  größten  Ausnutzung  des  Bodens.  Jedes  Fleckchen  Erde  wird
sorgsam  angebaut,  und  durch  reichliche  Düngung  erzielt  man  2—3  Ernten  im  Jahre.
Bleibt  aber  einmal  der  Sommerregen  aus,  dann  entsteht  bei  der  starken  Übervölkerung
  sehr  große  Hungersnot.  Alljährlich  wandern  daher  Tausende  nach  Amerika
und  Australien  aus,  um  dort  ihr  Brot  zu  suchen.  In  der  Ebene  baut  man  viel
Weizen  und  Reis.  Auf  den  Bergen  des  Südens  wächst  der  Maulbeerbaum.  Er
hat  eine  so  großartige  Zucht  der  Seidenraupe  bewirkt,  daß  China  mehr  als  die
Hälfte  aller  Seide  der  Erde  hervorbringt.  Auch  Baumwolle  und  besonders  Thee
wird  hier  im  Süden  in  großen  Mengen  gebaut.  China  liefert  ja  nicht  nur  den
besten,  sondern  auch  den  meisten  Thee  und  zwar  dreimal  so  viel  als  alle  übrigen
Theeländer  der  Erde  zusammen.  Der  Haupthandelsplatz  für  Thee  ist  die  Hafenstadt
  Kanton  (an  2  M.).  Alljährlich  wird  hier  für  mehr  als  50  Millionen  Mark
Thee  zu  Schiffe  verladen.  (Südöstlich  von  Kanton  liegt  die  von  den  Engländern
besetzte  Felseninsel  Hongkong  mit  Victoria  (100  T.).

5.  Die  Chinesen  gehören  der  mongolischen  Rasse  an.  Das  Gesicht  der
Männer  erscheint  durch  die  hervorstehenden  Backenknochen  fast  eckig,  das  der  Frauen
ist  dagegen  auffallend  rund.  Die  Augen  sind  schief  geschlitzt,  die  Nase  ist  an  der
Wurzel  eingedrückt  und  sehr  klein.  Das  Haar  wird  bis  auf  einen  Büschel  ganz
und  gar  abgeschoren,  dieser  Büschel  aber  zu  einem  meterlangen  Zopfe  geflochten,
auf  den  jeder  Chinese  überaus  stolz  ist.  —  Der  Chinese  ist  sehr  arbeitsam,  dabei
im  Essen  und  Trinken  äußerst  mäßig.  In  Porzellan,  Lackarbeiten  und  Schnitzereien
leistet  er  ganz  Vorzügliches.  Kompaß  und  Buchdruckerkunst  waren  ihm  früher  bekaunt
  als  dem  Europäer.  Auch  das  Pulver  kannte  er,  nicht  aber  seine  Verwendung
  zum  Schießen.  Aber  der  Chinese  bleibt  beim  alten  stehen  und  schreitet  mit
der  Zeit  nicht  vorwärts.  Sogar  die  1876  erbaute  erste  Eisenbahn  lag  lange  Zeit
unbenutzt  da,  weil  man  fürchtete,  durch  ihr  Geräusch  die  Ruhe  der  Toten  zu  stören.
In  neuster  Zeit  scheint  man  jedoch  von  diesem  Glauben  zurückgekommen  zu  sein;
denn  es  sind  bereits  mehrere  Bahnen  im  Bau  begriffen.  —  Die  Religion  der  Chinesen
  ist  ein  grober  Götzendienst.  In  prachtvollen  Tempeln  verehrt  das  Volk  fratzenhafte
  Götzen,  deren  Gunst  es  durch  Opfer  zu  erlangen  sucht.  In  jedem  Hause  befindet
  sich  ein  Götze,  dem  die  Hausgenossen  täglich  ihr  Anliegen  im  Gebete  vortragen,
den  sie  aber  auch  züchtigen,  wenn  er  ihren  Wunsch  nicht  erfüllt.  Seit  vielen  Jahren
sind  zahlreiche  Missionare  bemüht,  die  Lehre  Christi  hier  zu  verbreiten.  Doch  richten
sie  wenig  aus  und  werden  häufig  von  den  Chinesen  verfolgt  und  getötet.

6.  Der  Kaiser,  von  den  Chinesen  „Sohn  des  Himmels“  genannt,  ist  der

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        —  148  —

höchste  weltliche  und  geistliche  Herrscher  seines  Reiches.  In  den  Tempeln  sind
besondere  Alläre  zu  seiner  Verehrung  errichtet.  Sein  Regiment  ist  sehr  streng,
ein  Drache  auf  seiner  Brust  das  Sinnbild  dafür.  Die  Gefangenen  werden  durch
die  grausamsten  Folterqualen  zum  Geständnis  gebracht  und  selbst  kleinere  Ver—
brecher  gehängt,  gepfählt  oder  enthauptet.  Daneben  spielen  das  Bambusrohr  und
die  Peitsche  die  Hauptrolle  bei  den  Polizisten.  (Eine  der  mildesten  Strafen  veranschaulicht

  das  folgende  Bild.)

 

 

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Ein  chinesischer  Verbrecher.

(Der  Übelthäter  hat  etwas  Obst  gestohlen.  Zur  Strafe  läßt  ihm  die  Polizei  die  Hände  binden,  durch  die

Ohrläppchen  kleine  Fähuchen  strecken  und  ihn  so  durch  die  Straßen  führen.  Voran  geht  ein  Polizist,  der  mis

dem  Hammer  gegen  ein  Messingbecken  schitägt,  um  die  Leute  aufmerksam  zu  machen.  Dann  folgt  ein  zweiter

mit  einer  Tafel,  worauf  der  Name  und  dus  Vergehen  des  Bölewichts  geschrieben  steht.  Den  Zug  beschließt
ein  dritter  Polizist  mit  der  Peitsche.)

29.  Japan.  (Etwas  größer  als  Preußen  —  44  M.  E.)

1.  Das  Land.  Japan  ist  gleich  England  ein  Inselreich.  Es  besteht  aus  vier
großen  und  vielen  kleinen  Inseln.  Die  Gebirge  nehmen  einen  großen  Teil  der  Inseln
ein,  auch  findet  man  viel  steinigen  Boden  und  kahle  Felseninseln.  Der  Schrecken  Japans
aber  sind  die  vielen  feuerspeienden  Berge,  die  oft  große  Verheerungen  anrichten.  So
wurde  1856  Jedo  (jetzt  Tokio  genannt)  so  furchtbar  verheert,  daß  40000  Menschen
dabei  ihren  Tod  fanden.  Die  Häuser  sind  der  Erdbeben  wegen  selbst  in  den  Städten
nur  1—2  Stock  hoch  und  ganz  aus  Holz  erbaut.  Japan  hat  ein  Klima  wie  etwa  Südeuropa.
  Die  Thäler  und  Abhänge  der  Gebirge  sind  von  den  fleißigen  Bewohnern
wohl  angebaut  und  voller  Dörfer  und  Städte.  Auf  den  Anhöhen  wird  Thee,  in  den
Thälern  Reis  und  Baumwolle  gebaut.  Auf  der  Insel  Nippon  liegt  die  Hauptstadt
des  Landes,  Tökio  (1  M.);  in  ihr  wohnt  der  Kaiser.  Von  hier  führt  eine  Eisenbahn
  nach  dem  Hafenorte  Jokohäma.  Die  größte  Handelsstadt  ist  Osaka  (7  M.)

2.  Die  Japaner  sind  das  rührigste  Volk  Asiens.  In  vielen  Dingen  besitzen
sie  außerordentliches  Geschick.  So  bereiten  sie  aus  dem  Baste  des  Papiermaulbeerbaums
  ein  Papier,  aus  dem  sich  wasserdichte  ÜUberzieher,  Regenschirme,  Taschentücher
  u.  s.  w.  herstellen  lassen.  Ihre  Seidenzeuge  sind  von  solcher  Feinheit,  daß
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        —  149  —

eine  vornehme  Frau  wohl  an  20  Gewänder  davon  übereinander  zieht,  ohne  sich
zu  entstellen.  Die  zierlichen  Holzwaren  werden  mit  einem  Lack  überzogen,  der  so
dauerhaft  ist,  daß  ihn  die  heißeste  Flüssigkeit  nicht  angreift.  Das  Fleisch  der  Haus—
tiere  wird  nicht  gegessen,  da  die  Religion  das  Schlachten  derselben  verbietet.  Auch
Milch  trinken  die  Japaner  nicht,  weil  sie  ihnen  als  weißes  Blut  Ekel  erregt.  —
In  neuster  Zeit  nehmen  die  Japaner  in  vielen  Dingen  europäische  Bildung  an,
bauen  Eisenbahnen,  legen  Telegraphen  an,  kleiden  und  bewaffnen  ihre  Soldaten  nach
Art  der  Europäer  und  errichten  Volksschulen.  In  ihren  Tempeln  verehren  sie  noch
immer  fratzenhafte  Götzen.  Seitdem  aber  der  Kaiser  das  Verbot  gegen  die  christ—
liche  Lehre  aufgehoben  hat,  breitet  sich  diese  allmählich  immer  weiter  aus.

Afrika.

1.  Afrika  ist  dreimal  so  groß  wie  Europa,  hat  aber  nur  170  M.  E.  Von
Europa  ist  es  durch  das  mittelländische  Meer  geschieden.  Mit  Asien  hängt  es
durch  die  Landenge  von  Suez  zusammen.  Diese  wird  jetzt  von  dem  Suez-Kanal
  durchschnitten,  der  die  Verbindung  des  mittelländischen  Meeres  mit  dem
roten  Meere  herstellt.  Dadurch  wird  der  Seeweg  von  Europa  nach  Asien  erheblich
gegen  früher  verkürzt.  Afrika  ist  wenig  gegliedert;  daher  hält  es  sehr  schwer,
in  das  Innere  einzudringen.  Der  ganze  Erdteil  ist  nämlich  vorherrschend
Hochebene,  die  von  höhern  Randgebirgen  umgeben  ist.  (Atlas,  Konggebirge,
Kamerungebirge,  süd=  und  ostafrikanisches  Hochland,  Alpenland  von
Habesch  u.  s.  w.)  Da,  wo  die  Flüsse  die  Randgebirge  durchbrechen  und  zum
Küstensaum  abfallen,  entstehen  Stromschnellen  oder  Wasserfälle,  die  die  Schiffahrt
in  das  Innere  geradezu  unmöglich  machen.  Das  gilt  vom  Senegal,  Gambia,
Kongo,  Oranje  und  Sambesi,  und  nur  Niger  und  Nil  sind  in  ihrem  langen
Unterlaufe  schiffbar.  In  den  muldenförmigen  Einsenkungen  der  Hochebenen  haben
sich  vielfach  Seen  gebildet,  wie  z.  B.  der  Tsad-,  Victoria=  und  Albertsee.

30.  Agypten.  (Doppelt  so  groß  wie  Deutschland  —  6  M.  C.

1.  Der  Nil  ist  fünfmal  so  lang  wie  der  Rhein.  Er  durchfließt  Agypten  in
einem  15—20  km  breiten,  äußerst  fruchtbaren  Thale  und  bildet  bei  seiner  Mündung
  ein  breites  Delta.  Durch  große  Regengüsse,  die  alljährlich  im  Juli  am  obern
Nil  wiederkehren,  schwillt  der  Nil  um  diese  Zeit  so  gewaltig  an,  daß  er  3  Monate
lang  aus  seinen  Ufern  tritt  und  das  Land  weit  und  breit  überschwemmt.  Dann
gleicht  Agypten  einem  wogenden  See,  aus  dem  Städte,  Dörfer  und  Palmenhaine
wie  grüne  Inseln  hervorragen.  Wo  das  Wasser  nicht  von  selbst  hinkommen  kann,
wird  es  durch  Kanäle  und  Schöpfräder  hingeleitet.  Ende  Oktober  verläuft  sich  das
Wasser  wieder  und  läßt  einen  fetten  Schlamm  zurück.  Der  feuchte  Boden  wird  nun  mit
Weizen,  Mais,  Baumwolle,  Zuckerrohr  u.  s.  w.  bestellt,  und  wenn  es  bei  uns  Weihnachten
  ist,  stehen  die  Saatfelder  in  Agypten  bereits  in  schönster  Pracht  da.  Immer
stärker  wird  jetzt  die  Sonnenglut.  Im  April  und  Mai  findet  die  Ernte  statt,  und  von
jetzt  an  bis  zur  nächsten  Flut  gleicht  das  Land  einem  wüstenähnlichen  Staubgefilde.

2.  Bewohner  und  Städte.  Weitaus  der  größte  Teil  von  Agypten  ist  Wüstenland;
  die  Bewohner  drängen  sich  daher  in  dem  sehr  fruchtbaren  Nilthale  zusammen.
Dieses  Thal  ist  ein  einziges  Saatfeld,  ohne  Wiese  und  Wald,  und  nur  selten  durch
kleine  Dattelhaine  unterbrochen.  Die  jetzigen  Bewohner  heißen  Fellachen  (d.  h.
Pflüger),  wenn  sie  Mohammedaner,  Kopten,  wenn  sie  Christen  sind.  Der  Beherrscher
  Agyptens  führt  den  Titel  Chedive  (kediw).  Er  ist  jedoch  dem  türkischen
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        —  150  —

Sultan  tributpflichtig.  Seinen  Wohnsitz  hat  er  in  Kairo  skeiro],  der  Hauptstadt
des  Landes  (375  T.)  (Unter  der  Herrschaft  Ägyptens  standen  auch  das  weiter
südlich  am  Nil  liegende  Nubien  und  der  Ostsudän  mit  der  Hauptstadt  Chartüm.
Beide  Länder  haben  sich  aber  von  Agypten  losgerissen.)

31.  Abessinien.  (Doppelt  so  groß  wie  Preußen  —  6  M.  E.)

1.  Das  Land.  Abessinien  umfaßt  das  mächtige  Alpenland  von  Habesch,
dessen  Gipfel  im  Winter  mit  Schnee  bedeckt  sind.  Obgleich  das  Land  in  der  heißen
Zone  liegt,  herrscht  doch  auf  den  Hochebenen  ein  mildes  Klima  (S.  89)  wie  etwa  in
Südeuropa.  Man  findet  hier  oben  Klee=  und  Weizenfelder,  Schaf=  und  Rinderherden
gerade  wie  bei  uns.  In  den  tiefer  gelegenen  Wäldern  gedeihen  die  schönsten  Südfrüchte.
  Der  Kaffee,  der  von  der  Landschaft  Kaffa  seinen  Namen  erhalten  hat,  wächst
an  vielen  Stellen  des  Landes  wild.  Die  Wälder  bergen  noch  Elefanten,  und  in  den
Flüssen  und  Sümpfen  hausen  Nashörner,  Flußpferde  und  Krokodile.

2.  Die  Abessinier  haben  schon  im  vierten  Jahrhundert  das  Christentum  angenommen,
  doch  sind  sie  im  höchsten  Grade  abergläubisch  und  unwissend.  Die  einzige
Münze  des  Landes  ist  der  Theresienthaler  (4  40).  Er  wird  in  Österreich  geprägt  und
trägt  stets  die  Jahreszahl  1780.  Hat  man  für  weniger  als  für  einen  solchen  Thaler
Waren  eingekauft,  so  erhält  man  für  das  noch  fehlende  Geld  irgend  eine  andre
Ware,  im  Süden  des  Landes  aber  fußlange  Salzstücke  anstatt  des  kleinen  Geldes.

32.  Die  Berberei.

Die  Berberei  umfaßt  die  Länder  Nordafrikas  von  Ägypten  bis  zum  atlantischen
Ocean.  Im  Nordwesten  erhebt  sich  hier  (bis  zu  3500  m)  das  Atlasgebirge.  Es
ist  gut  bewässert  und  daher  überall  mit  üppigen  Wäldern  bedeckt.  In  seinem  Innern
  unschließt  das  Gebirge  eine  wüste  Hochebene,  die  sehr  regenarm  ist.  Die
wenigen  Flüsse,  die  das  Gebirge  in  diese  Hochebene  sendet,  verschwinden  im  Sommer
im  Sande,  im  Winter  aber  (zur  Regenzeit)  bilden  sich  große  Seen,  die  jedoch  bald
wieder  austrocknen  und  große  Salzsümpfe  hinterlassen.  An  Tieren  finden  wir  in  der
Berberei  den  Löwen  und  die  Hyäne,  und  während  des  Winters  verweilen  hier  in
Nordafrika  auch  viele  unsrer  Zugvögel.  —  Die  Bewohner  dieser  Staaten  heißen
Berbern  (in  Algerien  Kabylen).  Da  sie  früher  auf  dem  Mittelmeere  Seeräuberei
trieben,  so  hat  man  ihre  Staaten  auch  „Raubstaaten“  genannt.  Es  sind  folgende:

a.  Tripolis,  eine  türkische  Provinz,  mit  der  Hauptstadt  Tripoli.  Von  hier
aus  geht  eine  wichtige  Karawanenstraße  durch  die  Sähara.

b.  Tunis,  das  eigentliche  Afrika  der  Römer,  wird  von  einem  Bey  (Statthalter)
  regiert,  der  seinen  Wohnsitz  in  Tunis  hat  und  unter  dem  Schutze  Frankreichs
  steht.  In  der  Nähe  von  Tunis  liegt  die  Stätte  des  alten  Karthago.

.  Algerien  salschèrien),  ehemals  Numidien  (Nomadenland)  genannt,  steht  seit
1830  unter  französischer  Herrschaft.  Die  Kultur  des  Bodens  wird  durch  künstliche
Bewässerung  immer  ergiebiger.  Man  erntet  Reis,  Baumwolle,  Zuckerrohr,  und
auch  Tabak  und  Wein  werden  mit  Erfolg  angebaut.  Gemüse,  besonders  Blumenkohl,
  ist  dort  im  Januar  und  Februar  schon  sehr  weit  gediehen  und  wird  vielfach
über  Marseille  nach  Frankreich  und  Deutschland  eingeführt.  Die  Hauptstadt  Algier
hat  etwa  80000  Einwohner.  Aus  den  verschiedenen  einheimischen  Völkern  haben
die  Franzosen  die  Turkos=  und  Zuavenregimenter  gebildet.

d.  Marokko  wurde  im  Altertum  nach  dem  heimischen  Gebirgsvolk  der  Mauren
„Mauretanien“  genannt.  Es  ist  ein  höchst  fruchtbares  Land,  das  mit  Hilfe
künstlicher  Bewässerung  überreich  an  Getreide,  Olivenöl  und  Baumfrüchten  sein
könnte.  Unter  der  Gewaltherrschaft  seines  Sultans  und  dessen  Beamten  ist  aber
das  Land  sehr  herabgekommen.  Die  Bewohner  sind  alle  eifrige  Mohammedaner.
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        —  151  —

Der  Sultan  wohnt  abwechselnd  in  Fes  und  Marokko.  In  Tanger  (tändscher),
an  der  Straße  von  Gibraltar  gelegen,  haben  die  europäischen  Konsuln  ihren

Wohrnsit.  r!siie
33.  Die  Sähara.

1.  Größe,  Bodenbeschaffenheit  und  Klima.  Die  Sähar  ist  die  größte  Wüste
der  Erde.  Sie  ist  fast  so  groß  als  ganz  Europa.  Lange  Zeit  stellte  man  sich  die  Sähara
als  ein  endloses  Sandmeer  vor.  Das  ist  sie  aber  nur  zum  kleinsten  Teile.  Der  weitaus
größere  Teil  enthält  weite  Sandstein-Hochebenen,  die  stellenweise  mit  Kiesel=  und  Felsgestein
  angefüllt  sind.  Ja,  man  findet  hier  sogar  ganze  Gebirge,  die  an  Ausdehnung  den
Alpen  gleichkommen  und  an  Höhe  das  Riesengebirge  übertreffen.  Aber  die  Berge  sind
meistens  kahl  und  bestehen  aus  dunkelm  Felsgestein,  das  nur  an  wenigen  Stellen  mit
frischem  Grün  geschmückt  ist.  Selten  entquillt  dem  Gebirge  ein  Bach,  und  wo  es  geschieht,
  da  verdunstet  er  bald  oder  versickert  im  Sande.  Die  Entstehung  der  Wüste  ist
hauptsächlich  auf  2  Ursachen  zurückzuführen:  auf  ihre  Regenarmut  und  ihre
große  Hitze.  In  der  Sähara  vergehen  Jahre,  ehe  einmal  ein  Gewitter  die  heiße
Lust  und  den  brennenden  Boden  kühlt.  Die  Luftwärme  steigt  an  manchen  Tagen
bis  auf  500  C.  Am  Tage  strahlt  der  heiße  Sandboden  furchtbare  Hitze  aus,
in  der  Nacht  aber  kühlt  er  sich  bei  dem  wolkenlosen  Himmel  (Naturl.  S.  313)
schnell  ab,  so  daß  die  Reisenden  sich  oft  ein  Lagerfeuer  anzünden  müssen.

S  ——

        
  

1—  -

 

 

      

 

Wüstensturm  in  der  Söähara.

2.  Samum.  Ein  Schrecken  der  Reisenden  ist  der  Samum,  ein  glühend  heißer
Wüstensturm.  Gewöhnlich  hält  er  nur  1—2  Stunden,  selten  1—2  Tage  an.  Dann
ist  die  Luft  zum  Feuer,  der  Mittag  zur  finstern  Nacht  geworden.  Das  Blut  tritt
Menschen  und  Tieren  aus  Mund  und  Nase,  Augen  und  Ohren,  und  nicht  selten
werden  ganze  Karawanen  unter  den  Sandwolken  dieses  Orkanes  begraben.

3.  Oasen.  In  den  tiefsten,  muldenförmigen  Einsenkungen  der  Wüste  tritt  das.
unterirdische  Wasser  stellenweise  bis  auf  2—3  m  nahe  an  die  Oberfläche  heran.  Hier
in  den  sogenannten  Oasen  (—  Wohnungen)  ist  daher  der  Boden  recht  fruchtbar  und
gedeihen  Mais,  Südfrüchte  und  hauptsächlich  Datteln.  Die  Oasen  sind  auch  daher
die  einzigen  bewohnbaren  Stätten  der  Sähara  und  die  Ruhepunkte  der  Karawanen,
mit  denen  die  Oasenbewohner  vielfach  Handel  treiben.
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        —  152  —

34.  Der  Sudän.

1.  Südlich  von  der  Sähara  —  bis  zum  Aquator  hin  —  breitet  sich  der  Sudän,
das  Land  der  Schwarzen,  aus.  Fast  das  ganze  Gebiet  ist  Hochland.  In  einer
Einsenkung  desselben  liegt  der  Tsadsee.

2.  Klima,  Pflanzen=  und  Tierwelt.  Mit  Entzücken  betritt  der  Wandrer,
der  monatelang  die  dürre  Sahara  durchreist  hat,  die  schattigen  Wälder  des  fruchtbaren
  Sudänlandes.  Hier  ist  die  Heimat  des  riesenhaften  Affenbrotbaumes,  dessen
Stamm  nicht  selten  einen  Umfang  von  20—30  m  hat  und  der  in  der  trocknen
Jahreszeit  seine  Blätter  verliert.  Hier  wächst  die  riesige  Olpalme,  deren  Blattstiele
zum  Häuserbau  verwendet  werden.  Aus  ihren  pflaumenähnlichen  Früchten  gewinnt
man  das  Palmöl,  den  wichtigsten  Handelsartikel  Afrikas.  (In  Europa  wird  dieses
Ol  zur  Seifenbereitung  benutzt.)  In  den  dichten  Wäldern  sind  Ebenholz-,  Weihrauch-,
  Gummi-,  Kautschuk-,  Butterbäume  u.  v.  a.  durch  Schlingpflanzen  zu  einem
undurchdringlichen  Dickicht  verbunden.  Hier  hausen  Elefanten,  Nashörner,  Löwen
und  Giraffen,  und  in  den  Seen  und  Flüssen  tummeln  sich  Flußpferde  und  Krokodile.

3.  Die  Bewohner  des  Sudäns  sind  Neger.  Sie  sind  kräftig  gebaut,  haben
eine  schwarzbraune  Farbe,  krauses,  wolliges  Haar,  hervorstehendes  Kinn  und  dicke,
wulstige  Lippen.  Ihre  Kleidung  besteht  aus  einem  Streifen  Baumwollenzeug,
den  sie  sich  um  den  Leib  schlingen.  Am  liebsten  schmücken  sie  sich  mit  Glasperlen,
Federn  und  Muscheln.  Sie  treiben  Viehzucht  und  Ackerbau.  Ihre  Nahrung  besteht
aus  Hirse,  Mais  u.  s.  w.  Einige  Negerstämme  verzehren  sogar  noch  Menschen.
Viele  von  ihnen  sind  Heiden.  Sie  fürchten  eine  Menge  Geister,  die  auf  der  Erde
hausen  und  ihnen  Schaden  zufügen  wollen.  Zum  Schutze  gegen  diese  sowie  gegen
Krankheiten,  Dürre  u.  s.  w.  holt  man  sich  vom  Zauberer  einen  Fetisch.  Das  ist
eine  Figur  aus  Holz,  Thon,  Stein  u.  dgl.  Erweist  sich  der  Fetisch  nicht  mächtig
genug  gegen  das  Ubel,  so  wirft  man  ihn  fort  und  holt  sich  einen  andern.  —
Die  Herrscher  in  den  zahlreichen  Negerstaaten  sind  meistens  unumschränkte  Herren
über  Leben  und  Eigentum  ihrer  Unterthanen.

4.  Ober=  oder  Nordguinea  ist  ein  flacher  Küstensaum,  der  nach  dem  Innern
zu  durch  hohe  Randgebirge  abgeschlossen  ist.  Nach  den  Handelswaren,  die  man  von
den  einzelnen  Küsten  holte,  unterschied  man  eine  Pfeffer-,  eine  Zahn-,  eine  Goldund
  eine  Sklavenküste.  Die  Sklavenküste  war  der  Schauplatz  des  grausamsten
Sklavenhandels.  Hierher  trieb  der  Sklavenhändler  mit  der  Peitsche  seine  „schwarze
Ware“.  Hier  lud  er  sie  zu  Schiffe  und  segelte  dann  mit  ihr  nach  Amerika,  wo
er  sein  „Ebenholz“  auf  dem  Markte  zu  hohem  Preise  an  die  Pflanzer  verkaufte.
An  der  Pfefferküste  ist  1822  eine  Kolonie  (Liberia)  für  freigelassene  Neger  gegründet
  worden.  Hinter  der  Goldküste  liegt  das  Negerreich  Aschanti,  hinter  der
Sklavenküste  das  Negerreich  Dahome.  Dieses  Reich,  bekannt  durch  seine  furchtbaren
  Menschenopfer  in  früherer  Zeit,  steht  jetzt  unter  französischer  Oberhoheit.

5.  Togöland.  An  der  ehemaligen  Sklavenküste  liegt  jetzt  eine  deutsche  Kolonie,
das  Toghöland.  Sie  ist  etwa  so  groß  wie  das  Königreich  Württemberg.  Der  Meeresstrand
  ist  hier  kahl  und  sandig.  Etwas  landeinwärts  dehnt  sich  eine  lange  Lagune
aus,  die  rund  herum  dicht  mit  Dörfern  besetzt  ist.  Hier  liegt  auch  Togö,  die  Hauptstadt
  des  Landes,  mit  etwa  3000  Einwohnern.  Fast  jedes  Dorf  hat  seinen  Häuptling.
  Das  Klima  im  Togölande  ist  ungemein  heiß.  In  den  großen  Wäldern  des
Innern  giebt  es  noch  viele  Elefanten,  riesenhafte  Schlangen  u.  s.  w.  Der  kaiserliche
  Statthalter  hat  seinen  Wohnsitz  in  Klein-Popo.

6.  Kamerun.  Südlich  vom  Kamerungebirge  liegt  die  Kamerunbucht.  Auf
dieser,  gewöhnlich  Kamerunfluß  genannt,  unterhielten  Jahre  hindurch  englische  und
Hamburger  Handlungshäuser  Handelsverkehr  mit  den  Küstennegern  auf  sogenannten
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        —  153  —

„Hulks“.  Das  sind  abgetakelte  und  festgeankerte  Schiffe,  die  als  Warenniederlagen
dienten.  Hier  wurden  gegen  Perlen,  Messer,  Bänder,  Pfeifen  u.  s.  w.  die  Erzeug—
nisse  des  Landes,  Elfenbein  und  Palmöl,  eingetauscht.  Seit  1884  aber  ist  von  dieser
Kamerunbucht  aus  die  große  deutsche  Kolonie  Kamerun  begründet  und  bis  an  den
Tsadsee  ausgedehnt  worden.  Sie  übertrifft  an  Größe  das  Königreich  Preußen.  Im
Tieflande  ist  es  ungemein  heiß  und  feucht.  Die  durchschnittliche  Jahrestemperatur
beträgt  an  der  Küste  —  25°  C,  und  nur  zur  Regenzeit  ist  die  Luft  etwas  kühler.  Hitze
und  Feuchtigkeit  erzeugen  eine  ungesunde  Fieberluft,  die  den  Deutschen  leicht  dahinrafft.

       
  

 
 
  
   
   

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Die  Kamerunneger  oder  Dualla  haben  eine  schwarzbraune  Haut  und  krauses,
wolliges  Haar.  Sie  leben  nur  vom  Handel.  Die  wenigen  Haus=  und  Feldarbeiten
lassen  sie  von  ihren  Sklaven  und  Frauen  verrichten.  —  Die  Frau  wird  in  Kamerun
nur  wenig  geachtet.  Sie  wird  gekauft  und  kann  auch  wieder  verkauft  werden.
Die  Dualla  verehren  viele  Götter.  Der  höchste  von  ihnen  heißt  Nyambi.  Er  zieht
mit  Geheul  durch  die  Wälder.  In  mondhellen  Nächten  feiert  man  ihm  Feste,
wobei  mit  Trommeln,  Schießen,  Singen  ein  wahrer  Höllenlärm  gemacht  wird.
Den  Frauen,  Kindern  und  Sklaven  ist  es  bei  Todesstrafe  verboten,  solchen  Festen
zuzusehen.  Nach  dem  Glauben  der  Dualla  hat  jeder  Mensch  2  Seelen.  Wenn  er
stirbt,  so  geht  die  eine  zu  den  Göttern,  die  andre  treibt  sich  als  Gespenst  auf  der
Erde  umher,  ängstigt  die  Anverwandten  und  übt  allerlei  Unfug  aus.  In  Kamerun
stehen  bereits  ein  Missionshaus  und  2  Schulhäuser.

35.  Mittelafrika.

1.  Das  Stück  südlich  vom  Aquator  bis  zum  Wendekreis  nennt  man  Mittelafrika.
Es  ist  ein  Hochland,  das  im  Westen  und  Osten  von  hohen  Randgebirgen  umgeben
ist.  Da,  wo  die  Flüsse  von  der  Hochebene  herabstürzen,  bilden  sie  großartige  Wasserfälle,
  so  der  Kongo  im  Westen  und  der  Sambesi  im  Osten.  Die  Westküste
Mittelafrikas  führt  den  Namen  Nieder=  oder  Südguinea.

2.  Der  Kongostaat.  In  neuster  Zeit  ist  am  Kongo  der  von  allen  europälschen
Mächten  anerkannte  Kongostaat  gegründet  worden.  Er  ist  im  Besitze  des  Königs
        <pb n="160" />
        —  154  —

von  Belgien.  In  diesem  Kongostaate  haben  alle  Staaten  Europas  freies  Handelsund
  Schiffahrtsrecht.  Er  ist  etwa  fünfmal  so  groß  als  Deutschland  und  hat  30  Mill.
Bewohner.  Sie  haben  meist  eine  tiefschwarze  Hautfarbe.  In  der  Schmiedekunst
und  Schnitzerei  zeigen  sie  große  Geschicklichkeit.  Nicht  selten  auch  findet  man  bei
ihnen  —  gegen  alle  Erwartung  —  wohlbestellte  Felder  und  verhältnismäßig  gut
gebaute,  sehr  lange  Dörfer.

3.  Deutsch-Ostafrika,  eine  deutsche  Kolonie,  liegt  an  der  Ostküste  Afrikas.
Sie  erstreckt  sich  bis  zu  den  großen  Seen  (Viktoria,  Tanganika,  Nyassa)  und  nimmt
einen  Flächenraum  ein,  der  etwa  das  Doppelte  von  Deutschland  beträgt.  An  der
Nordgrenze  des  Landes  liegt  der  höchste  Berg  Afrikas,  der  Kilima-Rdjaro.  Er
ist  6000  m  hoch  und,  obwohl  unter  dem  Aquator  gelegen,  auf  seinem  Gipfel  beständig
  mit  Schnee  und  Eis  bedeckt.  Um  den  Berg  herum  dehnt  sich  eine  Hochebene
  aus,  deren  Fruchtbarkeit  und  angenehmes  Klima  wahrhaft  paradiesisch  ist.  —
Auf  den  weiten  Steppen  im  Innern  wimmelt  es  von  Tieren  aller  Art.  Da  weiden
Antilopen  und  Zebras  in  Herden  von  2—300  Stück.  Die  langhalsige  Giraffe
frißt  hier  Laub  von  den  Bäumen,  im  Grase  sitzt  der  Strauß  und  brütet,  und  der
Löwe  erschreckt  des  Nachts  die  Bewohner  durch  sein  Gebrüll.  In  den  Morästen
hausen  Nashorn  und  Nilpferd.  Elefanten  durchbrechen  die  dichten  Urwälder,  und
auf  den  Bäumen  klettern  zahllose  Affen  von  Ast  zu  Ast.  —  Die  wichtigsten  Küstenorte
  sind  die  Hauptstadt  Dar-es-Saläm,  d.  h.  Stätte  des  Friedens  (10  T.),
Bagamoyo  (13  T.),  Pangäni,  Tanga  uu.  s.  w.  Von  Tanga  aus  führt  jetzt  eine
Eisenbahn  —  die  erste  in  Deutsch-Ostafrika  —  ins  Innere.

36.  Südafrika.

1.  Das  Kapland.  Die  Südspitze  Afrikas  bis  zum  Oranjefluß  hin  führt  den
Namen  Kapland.  —  Die  Haupterzeugnisse  sind  Schafwolle,  Straußenfedern  (Strauße
werden  hier  gezüchtet),  Wein  (Kapwein)  und  Weizen.  In  den  Wildnissen  weiden
Büffel,  Antilopen,  Zebras,  Quaggas  und  Giraffen,  und  im  Gebüsch  lauern  Löwen,
Hyänen,  Schlangen  u.  s.  w.  auf  Beute.  Am  Oranjeflusse  sind  in  jüngster  Zeit
auch  viele  Diamanten  aufgefunden  worden.  Die  Hauptstadt  der  englischen  Besitzung
ist  Kapstadt  (50  T.),  am  Fuße  des  steilen  Tafelberges.

2.  Die  Buren-Freistaaten,  nördlich  vom  Oranjefluß,  sind  von  holländischen
Bauern,  die  durch  Engländer  aus  Natal  vertrieben  wurden,  gegründet  worden.

3.  Natal,  eine  englische  Besitzung  an  der  Ostküste,  wird  hauptsächlich  von
Zulukaffern  bewohnt.

4.  Deutsch-Südwestafrika  ist  etwa  doppelt  so  groß  als  Deutschland  selbst.
Das  Küstenland  erhält  nur  selten  Regen  und  ist  daher  dürr  und  sandig.  Je
weiter  man  aber  zu  den  Hochebenen  des  Innern  emporsteigt,  desto  grüner  und
fruchtbarer  wird  das  Land,  weil  es  hier  schon  öfters  im  Jahre  regnet.  Die  Bewohner
  des  Landes  sind  im  Süden  die  Nama,  im  Norden  die  Herero  lherero!
und  die  Ovambo.  Die  Nama  gehören  dem  Stamme  der  Hottentotten  an.  Sie  sind
die  häßlichsten  Leute  in  ganz  Afrika.  Ihre  Wohnung  ist  eine  runde  Hütte,  die  mit
allerhand  Fellen,  Lappen  und  Baumästen  überdeckt  ist.  Die  Hottentotten  waschen
sich  nie.  Von  Zeit  zu  Zeit  aber  reiben  sie  sich  den  Körper  mit  Fett  ein.  Bei  feierlichen
  Gelegenheiten  bemalen  sie  Gesicht  und  Körper  mit  einer  gelben  Farbe.  Die
Nama  sind  ungemein  faul.  Nur  der  Hunger  treibt  sie  zur  Arbeit.  Mit  Speer,
Pfeil  und  Bogen  erlegen  sie  kleine  Tiere;  in  der  Not  verspeisen  sie  auch  Spinnen,
Schlangen,  Würmer,  Käfer  und  selbst  Aas.  —  Nördlich  von  den  Nama  wohnen
die  schwarzbraunen  Herero.  Ihr  ganzer  Reichtum  besteht  in  Rindern,  Schafen  und
Ziegen,  und  mancher  besitzt  Herden,  die  nach  Tausenden  zählen.  Schon  seit  den  vierziger
  Jahren  sind  deutsche  Missionare  in  diesen  Gebieten  thätig.  Von  den  Stationen
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        —  155  —

Bethanien,  Bersaba,  Gibeon,  Neu-Barmen  u.  a.  aus  wird  die  christliche  Lehre  verbreitet,
  und  Blutrache,  Diebstahl  und  Gespensterfurcht  nehmen  mehr  und  mehr  ab.

Inseln  um  Afrika.

Zu  Afrika  gehören  die  Inseln  Madeira  l(maderal,  die  kanarischen  Inseln
(Heimat  der  Kanarienvögel),  die  Inseln  des  grünen  Vorgebirges,  St.
Helena  (Napoleon)  und  Madagaskar  (größer  als  Deutschland,  jetzt  von  Frankreich
in  Besitz  genommen).

 

Amerika.

Amerika  wurde  1492  von  Kolumbus  entdeckt.  Es  ist  viermal  so  groß  als
Europa  und  bildet  die  sogenannte  neue  Welt.  Die  Einwohnerzahl  beträgt
130  Millionen,  darunter  etwa  30  Millionen  Neger  und  10  Millionen  Indianer.

37.  Nordamerika.

1.  Nordamerika  ist  mehrfach  gegliedert.  (Suche  die  wichtigsten  Halbinseln
nach  der  Karte  aufs!)  Dadurch  sowie  auch  durch  die  Flüsse,  die  einen  langen
Unterlauf  haben  und  weit  hinauf  schiffbar  sind,  ist  ein  Vordringen  in  das  Innere
wesentlich  erleichtert.

2.  Bodenverhältnisse  und  Flüsse.  An  der  Westküste  zieht  sich  kettenförmig
ein  Hochgebirgsland  hin.  Im  Osten  erhebt  sich  das  Alleghanigebirge  selligennis.
Zwischen  beiden  Gebirgen  breitet  sich  muldenförmig  ein  gewaltiges  Tiefland  aus,
das  von  dem  Mississippi  mit  dem  Missouri  und  Ohio  loheio!]  durchflossen
wird.  An  der  Ostküste  finden  wir  den  mächtigen  Lorenzstrom.  Er  bildet  den
Abfluß  der  fünf  großen  kanadischen  Seen.  Zwischen  zweien  von  ihnen  befindet  sich
der  50  m  hohe  Niagarafall,  der  größte  Wasserfall  der  Erde.  Die  größte  der
vielen  Inseln  bei  Nordamerika  ist  Grönland.

3.  Grönland,  die  größte  Insel  der  Welt,  ist  im  Innern  eine  unermeßliche
Eiswüste.  Mit  dem  9—  10  Monat  langen  Winter  wechselt  ein  kurzer,  heißer
Sommer.  Er  beginnt  im  Juli.  Dann  bedeckt  sich  der  Boden  mit  kurzem  Grün,  und
überall  schießt  das  Löffelkraut  (Heilmittel  gegen  den  Skorbut)  hervor.  An  Bäumen
aber  ist  großer  Mangel;  hier  und  da  sieht  man  nur  einige  verkrüppelte  Birken,  Weiden
und  Erlen.  Zum  Brennen  sammeln  daher  die  Bewohner  das  an  den  Küsten  angeschwemmte
  Treibholz.  Von  wilden  Tieren  findet  man  das  Renntier  und  den  Eisbären.

4.  Die  Eskimos,  die  Bewohner  Grönlands,  bewohnen  im  Sommer  leichte,
mit  Seehundsfellen  bedeckte  Zelte;  ihre  Winterwohnungen  aber  sind  halb  in  die
Erde  gegraben  (warum?)  und  haben  gewöhnlich  die  Form  eines  Backofens.  Die
Fenster  sind  mit  Seehundsdärmen  oder  durch  ein  Stück  Eis  verschlossen.  Den
Eingang  zur  Hütte  bildet  ein  3—4  m  langes  Vorhaus.  Es  hält  die  Winde  ab
und  ist  so  niedrig,  daß  man  auf  Händen  und  Füßen  hineinkriechen  muß.  Das
wichtigste  Tier  für  die  Eskimos  ist  der  Seehund.  Auf  ihn  machen  sie  in  ihren
5  m  langen  Böten  Jagd.  Alle  Kleidungsstücke  der  Eskimos,  der  warme  Rock  mit
der  Kapuze,  die  Hose,  die  Stiefel  sind  aus  Seehundsfellen  hergestellt.  Die  Eskimos
leben  größtenteils  vom  Fleische  der  Seehunde  und  Fische;  es  ist  ihnen  aber  einerlei,
ob  es  frisch  oder  halb  verfault  ist.  Ihre  einzigen  Haustiere  sind  die  Hunde,  die
sie  vor  den  Schlitten  spannen.

5.  Das  britische  Nordamerika  ist  etwa  so  groß  wie  Europa.  Die  zahllosen
Seen  und  Flüsse  wimmeln  von  Fischen,  und  die  unermeßlichen  Wälder  besitzen  einen
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        —  —  —  —  —  .

 

 

—  skimos.

fast  unerschöpflichen  Reichtum  an  Renntieren,  Hirschen,  Büffeln  und  Pelztieren  aller
Art.  Die  Bewohner  (Eskimos  und  Indianer)  nähren  sich  daher  hauptsächlich  als
Fischer  und  Jäger.  Im  Südosten  hat  der  fruchtbare  Boden  viele  Europäer  angelockt.
Hier  liegt  auch  Känada,  die  wichtigste  Provinz  des  Landes.  Die  bedeutendsten
Städte  sind  hier  Quebec  kwibêck!  und  Montreal  montriöls,  beide  am  mächtigen
Lorenzstrome  gelegen.  —  Zum  britischen  Nordamerika  gehört  auch  die  Insel  Neufundland,
  die  durch  ausgedehnte  Steinkohlenlager  und  durch  den  ergiebigen
Stockfischjang  (an  den  Küsten)  bekannt  ist.

6.  Die  vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  sind  fast  so  groß  wie  Europa,
haben  aber  nur  70  M.  E.  Ursprünglich  standen  sie  unter  englischer  Herrschaft,
machten  sich  aber  1776—1783  unter  Führung  des  edlen  Washington  Luoschingt'nl
von  dem  sie  bedrückenden  Mutterlande  frei.  Sie  setzen  sich  aus  46  Staaten  und
mehreren  Gebieten  zusammen.  Den  Namen  Gebiet  führt  ein  Landstrich  so  lange,
bis  er  60000  Männer  über  25  Jahre  zählt;  erst  dann  wird  er  unter  die  Zahl
der  eigentlichen  Staaten  aufgenommen  und  ein  neuer  Stern  in  das  gemeinschaftliche
  Staatsbanner,  das  gegenwärtig  46  Sterne  zählt,  hinzugefügt.  Die  gemeinschaftliche
  Hauptstadt  ist  Washington  suoschingt'n)  (230  T.).  Hierher  kommen
die  Abgeordneten  der  einzelnen  Staaten,  um  in  dem  „Kongreß"  die  gemeinschaftlichen
  Angelegenheiten  zu  ordnen.  Im  „weißen  Hause“  wohnt  der  Präsident  der
Republik;  er  wird  immer  auf  4  Jahre  gewählt.

7.  Erzeugnisse  und  Städte.  Unter  allen  Ländern  der  Erde  liefern  die  vereinigten
  Staaten  das  meiste  Getreide.  Die  Mississippi-Ebene  besonders  ist  ungemein
fruchtbar.  Man  erntet  hier  ungeheure  Mengen  von  Mais  (auch  zur  Schweinezucht)
  und  Weizen.  Von  Jahr  zu  Jahr  verschwinden  daher  auch  die  Urwälder
immer  mehr,  und  an  ihrer  Stelle  entstehen  weite,  eingehegte  Felder,  in  denen
vereinzelt  die  Blockhäuser  der  Farmer  liegen.  Auch  die  Rindvieh=  und  Schweinezucht
  wird  hier  im  großen  Umfange  betrieben.  Der  Mittelpunkt  des  riesigen
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        —  157  —

Korn=  und  Viehhandels  ist  Chicago  (über  1  M.).  Auch  Cincinnati  (Hinßinnetil
hat  bedeutenden  Fleisch=  und  Getreidehandel,  ebenso  St.  Louis  HSßent  luisl,  fast
½  M.  (inmitten  des  fruchtbaren  Mississippigebiets  gelegen).

Im  siüdlichen  Teile  der  Ebene  begünstigt  das  wärmere  Klima  den  Anbau
von  Tabak,  Zuckerrohr  und  besonders  Baumwolle.  Daher  finden  wir  hier  den
größten  Baumwollenmarkt  der  Erde:  New-Orleans  inju-örlins)  (über  240  T.),
von  wo  aus  die  rohe  Baumwolle  meistens  in  Ballen  nach  England  (Liverpool)
versandt  wird.  Im  Goldlande  Kalifornien  ist  seit  der  Entdeckung  des  Goldes
(1849)  San  Franzisko  (300  T.)  schnell  emporgeblüht.  (Hier  endet  die  von
New-Bork  kommende  Pacificbahn.)  Das  Alleghanygebirge  im  Osten  ist  reich  an
Steinkohlen  und  Eisen.  Hier  ist  daher  eine  sehr  lebhafte  Industrie  (für  Eisenund
  Stahlwaren)  entstanden,  deren  Mittelpunkt  das  ganz  von  Rauch  geschwärzte
Pittsburg  (240  T.)  bildet.  An  den  Häfen  der  Ostküste  finden  wir  die  größten
Handelsstädte  der  Union,  die  die  Erzeugnisse  Amerikas  (Petroleum,  Fleisch,  Häute,
Getreide,  Tabak,  Holz  u.  s.  w.)  nach  Europa  versenden:  New-York  Injus-jorks
(1½  M.),  Brooklyn  fbrüklin)  (830  T),  Philadelphia  (über  1  M.),
Boston  (bostn]  (450  T.),  Baltimore  bböltimor],  (430  T.)  u.  a.

8.  Prärien,  d.  h.  Wiesen,  nennt  man  die  welligen  Steppen,  die  im  Westen
des  Mississippi-Thales  bis  zu  dem  Felsengebirge  wie  auf  einer  schiefen  Ebene
hinansteigen.  Wo  die  Ebene  anfängt,  findet  man  hier,  besonders  in  den  Flußthälern,
noch  dichte  Urwälder.  Je  höher  man  aber  steigt,  desto  seltener  wird  der  Baumwuchs.
  Zuletzt,  auf  der  dürren  Hochebene,  ist  der  Boden  viele  Meilen  weit  nur
mit  fußhohen  Gräsern  bedeckt.  Ehedem  weideten  in  den  Prärien  überall  zahllose
Büffel.  Auf  sie  machten  die  Indianer  Jagd,  um  sich  mit  Nahrung  und  Kleidung
zu  versorgen.  Aber  die  Büffelherden  sind  jetzt  ganz  vernichtet,  und  an  die  Stelle
der  Indianer  sind  Ansiedler  getreten.  Diese  treiben  Viehzucht  und  verwandeln  die
Prärien  mit  dem  Pfluge  in  fruchtbare  Ackerfelder.  Auch  Bäume,  die  hier  zum
Schutze  gegen  die  rauhen  Winde  unentbehrlich  sind,  gedeihen  in  der  Prärie  ganz
vorzüglich  und  werden  jetzt  immer  mehr  und  mehr  angepflanzt.

9.  Die  Indianer  (Rothäute)  bewohnten  ehedem  den  ganzen  Erdteil,  sind
aber  jetzt  nach  dem  fernen  Westen  verdrängt  worden.  Weitaus  die  meisten
Indianer  findet  man  gegenwärtig  in  dem  sogenannten  „Indianergebiet“,  das  ihnen
die  Regierung  überwiesen  hat.  Hier  treiben  sie  vielfach  nach  Art  der  Europäer
Ackerbau  und  Viehzucht,  bauen  sich  Häuser  und  Scheunen  und  schicken  sogar  ihre
Kinder  in  die  ihnen  errichteten  Schulen.  Nur  etwa  ½⅛  aller  Indianer  der  vereinigten
  Staaten  führt  noch  wie  ehemals  ein  Jägerleben  und  wohnt  in  Zelten
(Wigwams),  die  die  Form  eines  umgestürzten  Trichters  haben.  Als  ihre  größten
Feinde  sehen  die  Indianer  die  „Weißen“  an,  die  ihnen  ihr  Jagdgebiet  raubten.
Drum  fallen  sie  auch  nicht  selten  über  die  „Blaßgesichter“  her,  verbrennen  ihnen  die
Farm  und  töten  die  Bewohner  oder  schleppen  sie  als  Gefangene  fort.  Dem  getöteten
Feinde  wird  die  Kopfhaut  (Skalp)  abgezogen,  da  nach  dem  Glauben  der  Indianer
ein  skalploser  Mensch  nicht  in  die  „ewigen  Jagdgründe“  gelangen  kann.  Eine  große
Anzahl  solcher  Skalpe  an  seinem  Gürtel  zu  haben,  ist  der  größte  Stolz  eines  Indianers.

10.  Die  Republik  Mexiko  (mechikol  ist  3¼  mal  so  groß  als  Deutschland,  hat
aber  nur  den  vierten  Teil  seiner  Bewohner.  An  den  sumpfigen  Küsten  (im  Osten  und
Westen)  gedeihen  Zuckerrohr,  Kakao  und  Baumwolle  sehr  gut.  Doch  herrscht  hier
auch  das  gelbe  Fieber,  dem  leider  der  Europäer  sehr  häufig  erliegt.  Steigt  man
von  den  Küsten  zu  den  Hochebenen  empor,  so  kommt  man  in  ein  äußerst  angenehmes
  Sommerklima.  Nicht  selten  sind  ganze  Felder  mit  Kakteen  bepflanzt,  auf
denen  die  Cochenille  (eine  Schildlaus)  zur  Bereitung  der  Purpurfarbe  gezüchtet
wird.  In  den  Wäldern  findet  man  Palmen  und  immergrüne  Eichen,  deren  Stamm
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Wigwams  der  Indianer.

von  der  duftenden  Vanille  umrankt  wird.  In  den  an  Vulkanen  reichen  Gebirgen
wird  auch  viel  Gold  und  Silber  gewonnen.  Die  Bewohner  des  Landes  sind
etwa  zur  Hälfte  Indianer,  die  dem  berühmten  Stamme  der  Azteken  angehören.
Nach  den  aufgefundenen  Bauwerken  (Tempel  und  Grabstätten)  zu  urteilen,  haben
sie  ehemals  auf  hoher  Kulturstufe  gestanden.  Ihre  Hauptstadt  Mexiko  (330  T.)
liegt  in  einem  herrlichen  Thale  der  Hochebene.  Sie  ist  die  schönste  Stadt  Amerikas.

38.  Mittelamerika  und  Westindien.

1.  Mittelamerika.  Nord=  und  Südamerika  hängen  durch  eine  lange  Landbrücke
  zusammen,  die  den  Namen  Mittel=  oder  Central-Amerika  führt.  Es  hat
ungefähr  die  Größe  Deutschlands  und  besitzt  viele  feuerspeiende  Berge.  Das
Klima  ist  sehr  heiß  (warumy).  Von  den  Tropengewächsen,  die  hier  gedeihen,
sind  besonders  der  China=  und  der  Gummibaum  zu  merken.  —  Das  Land  hat
5  Republiken.  Die  bedeutendste  Stadt  ist  Guatemäla  (gwatemala).  Die  südliche
Grenze  ist  die  Landenge  von  Pänama,  45  km  breit.

2.  Westindien.  Die  vielen  Inseln,  die  zwischen  Nord=  und  Südamerika
liegen,  nenut  man  Westindien.  Es  gehören  dazu  die  großen  Antillen
(Kuba,  Haiti  lheitil,  Jamaika  und  Puertoriko),  die  kleinen  Antillen
und  die  Bahamainseln.  Von  den  großen  Antillen  besitzt  Spanien  gegenwärtig
  Kuba  und  Puertoriko;  Jamaika  gehört  den  Engländern,  und  Haiti  ist  im
Besitze  von  Negern  und  Mulatten.  Das  heißfeuchte  Tropenklima  befördert  einen
üppigen  Pflanzenwuchs.  Es  gedeihen  hier  Palmen  und  Wälder  von  Farnkräutern.
Auf  den  großen  Pflanzungen  werden  besonders  Zuckerrohr,  Kaffee,  Tabak,  Baumwolle
  und  Kakao  angebaut.  Die  Indianer  (auch  die  menschenfressenden  Kariben)
wurden  von  den  Spaniern  ausgerottet  und  dann  für  die  Pflanzungen  Neger
eingeführt.  Da  die  Neger  jetzt  frei  geworden  sind,  so  holt  man  in  neurer  Zeit
vielfach  „Kulis“,  Arbeiter  aus  China  und  Ostindien,  herbei.

3.  Kuba  ist  etwa  ½  mal  so  groß  als  das  Königreich  Preußen,  hat  aber
nur  1½  M.  Bewohner.  Die  Hauptstadt  der  Insel  ist  Habana  sawänal
(200  T.).  In  der  Kirche  dort  liegt  Kolumbus  begraben.  Das  Hauptgeschäft
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in  Habana  ist  die  Cigarrenfabrikation.  Es  giebt  hier  mehr  als  100  Fabriken,
von  denen  manche  über  600  Arbeiter  beschäftigen.

39.  Südamerika.

1.  Die  Westküste  entlang  zieht  sich  das  Hochgebirge  der  Anden  oder  Cordilleren
  skordiljéren!.  Ihre  höchsten  Gipfel  (Aconcagua,  Soräta,  Chimbo-=razo
  (tschimborasso))  sind  über  7000  m  hoch  und  zum  Teil  als  Vulkane  thätig.
Bald  hier,  bald  dort  bricht  das  unterirdische  Feuer  aus  dem  Krater  hervor,  und
häufig  wird  das  Land  durch  furchtbare  Erdbeben  erschüttert.  Bei  dem  warmen
Klima  beginnt  die  Schneegrenze  erst  in  einer  Höhe  von  etwa  5000  m.  (In  den
Alpen  beginnt  sie  schon  bei  2700  m,  in  Norwegen  sogar  schon  bei  900  m.)

2.  An  der  Ostküste  Südamerikas  liegen  die  Bergländer  von  Guyana  und
Brasilien.  Zwischen  ihnen  und  den  Anden  breiten  sich  ungeheure  Tiefebenen  aus,
die  von  mächtigen  Strömen  durchflossen  werden:  Orinoko,  Amazonenstrom
und  Paranäd,  der  in  den  Meerbusen  La  Pläta  mündet.

3.  Die  Urwälder  des  Amazonenstroms.  Der  Amazonenstrom  ist  der
wasserreichste  Strom  der  Welt.  An  seiner  Mündung  ist  er  über  80  km  breit,
so  daß  er  hier  das  Aussehen  eines  gewaltigen  Sees  hat.  Das  mächtige  Stromgebiet
  dieses  Riesenflusses  ist  größtenteils  mit  Urwäldern  bedeckt,  in  denen  Baumriesen
  von  2—4  m  Durchmesser  und  80—100  m  Höhe  nichts  Seltenes  sind.
Um  die  Stämme  winden  sich,  riesigen  Schlangen  gleich,  dicke,  holzige  Schlinggewächse,
  die  oben  in  den  Asten  die  Bäume  auf  die  mannigsachste  Art  miteinander
verketten.  Alljährlich  werden  vom  Januar  bis  März  die  tiefgelegenen  Gebiete
des  Urwaldes  durch  die  infolge  des  Regens  überfließenden  Gewässer  überschwemmt,
so  daß  stellenweise  nur  die  Baumkronen  aus  dem  Wasser  hervorragen.  Hiermit
hängt  es  vielleicht  zusammen,  daß  es  hier  auffallend  viele  Klettertiere  giebt  (Faultiere,
  Affen,  Eidechsen,  Schlangen,  Pumas,  Jaguare  u.  s.  w.).

4.  Die  vereinigten  Staaten  von  Brasilien  liegen  größtenteils  im  Gebiete
des  Amazonenstroms  und  des  brasilianischen  Berglandes.  Ehemals  waren  sie
portugiesisch,  weshalb  hier  noch  vielfach  die  portugiesische  Sprache  herrscht.  Sie
sind  fast  so  groß  wie  Europa,  haben  aber  nicht  halb  so  viel  Bewohner  wie  das
Königreich  Preußen.  In  den  fruchtbaren  Pflanzungen  baut  man  Zuckerrohr,
Baumwolle  und  besonders  viel  Kaffee.  Brasilien  allein  erzeugt  so  viel  Kaffee
wie  alle  andern  Länder  der  Welt  zusammengenommen.  Die  üppigen  Wälder
liefern  neben  den  schönen  Nutz=  und  Farbhölzern  (Mahagoni,  Rosenholz,  Brasilholz
  u.  s.  w.)  viel  Kautschuk.  Dieser  wird  aus  dem  Safte  des  Kautschukbaums
gewonnen  und  zu  Reibgummi  u.  dgl.  verarbeitet.  In  Brasilien  ist  der  Neger
dem  Weißen  vollständig  gleich  gestellt;  man  sieht  hier  Neger  als  Generale  und
Minister.  Die  Indianer  sind  nur  zum  Teil  für  die  Kultur  und  das  Christentum
  gewonnen,  viele  aber  schweifen  hordenweise  träge  im  Innern  der  Wälder
umher.  Die  wildesten  und  rohesten  unter  ihnen  sind  die  Botokuden.  Ihren
Namen  haben  sie  von  dem  Holzpflocke  (—  Botoke)  erhalten,  den  sie  sich  in  die
durchbohrte  Unterlippe  einklemmen.  Die  Hauptstadt  Brasiliens  ist  Rio  de  Janeiro
lriu  de  schansru]  (400  T.),  wunderschön  im  herrlichsten  Grün  an  einer  Meeresbucht
  gelegen.  Die  beiden  nächstfolgenden  größten  Städte  sind  Bahia  (baia)  und  Pernambuco.
  Da  von  Pernambuco  besonders  viel  rotes  Farb=  oder  Brasilholz
ausgeführt  wird,  so  hat  dieses  davon  den  Namen  „Pernambucholz“  erhalten.

5.  Guayana  gehört  teils  den  Franzosen  (Verbannungsort  Cayenne),  teils
den  Niederländern,  teils  den  Engländern.  Die  heiße  Schlammküste  ist  sehr  fruchtbar
  und  erzeugt  Zuckerrohr,  Baumwolle,  Kakao,  Kaffee,  aber  auch  —  das  gelbe
Fieber.  In  den  dichten  Wäldern  des  Innern  hausen  neben  blutdürstigen  Indianern
        <pb n="166" />
        —  160  —

auch  viele  „Buschneger“  (entlaufene  Sklaven),  die  hier  ihren  afrikanischen  Götzendienst
  treiben.

6.  Die  Pampas  (=  Ebenen)  im  Stromgebiet  des  La  Plata  sind  auf
Hunderte  von  Meilen  nur  mit  Grassteppen  bedeckt,  in  denen  man  weder  Baum
noch  Strauch  erblickt.  Diese  Steppen  bieten  vortreffliche  Viehweiden.  Daher
findet  man  hier  ungeheuer  große  Herden  von  Pferden,  Rindern  und  Schafen.  Ein
Viehzüchter  besitzt  nicht  selten  Herden  von  mehr  als  100  000  Köpfen,  und  seine
Weideplätze  sind  oft  mehrere  Quadratmeilen  groß.  Die  Hirten  dieser  Herden  sind
die  halbwilden  Gauchos  (ga-utschos).  Den  ganzen  Tag  sieht  man  sie  zu  Pferde.
Wollen  sie  ein  Tier  ihrer  Herde  einfangen,  so  bedienen  sie  sich  dazu  der  Wurfschlinge
  (  Lasso,  geflochtener  Riemen  mit  einem  Ringe)  sowie  der  Kugelschleuder.
  —  In  den  großen  Schlächtereien  zu  Buenos-Aires,  Montevidéo
und  Fray-Bentos  werden  die  Rinder  zu  Tausenden  geschlachtet.  Das  Fleisch
wird  teils  roh  ausgeführt,  teils  zu  Fleischextrakt  verarbeitet.

7.  Die  Republiken  Südamerikas  haben  sich  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts
aus  den  ehemals  spanischen  Besitzungen  gebildet,  daher  erklärt  sich  hier  das  Vorherrschen
  der  spanischen  Sprache  und  der  katholischen  Religion.  Man  unterscheidet
  folgende  9  Republiken:  1.  Venezuêla  (veneßuelas,  d.  h.  Klein-Venedig;
2.  Columbia;  3.  Ecuador,  mit  der  Hauptstadt  Quito  lkitol;  4.  Perü,
Hauptstadt  Lima;  auf  kleinen  Inselklippen  nahe  der  Küste  findet  sich  der  Guano,
d.  i.  der  Mist  von  Seevögeln,  der  sich  in  dieser  regenlosen  Gegend  im  Laufe
der  Jahrtausende  ansammelte  und  erhärtete.  5.  Bolivia,  größte  Stadt  La  Paz
lpaß];  6.  Chile,  Hauptstadt  Santiägo;  7.  Argentinien,  Hauptstadt  Buenos-Aires
  (½  M.);  8.  Uruguay,  Hauptstadt  Montevidéo;  9.  Paraguay.

8.  Das  Fenerland.  Eine  Fortsetzung  der  Anden  an  der  Südspitze  Amerikas
bildet  das  Feuerland.  So  wurde  diese  Insel  von  den  Spaniern  benannt,  weil
die  Bewohner  in  der  ewig  naßkalten  Sturmluft  selbst  in  Booten  glühende  Holzspäne
mit  sich  herumführten,  um  der  großen  Mühe  des  Feueranreibens  überhoben  zu  sein.

 

40.  Australien.

1.  Australien  (Neuholland)  ist  etwas  kleiner  als  Europa.  Es  wurde  erst
1770  von  dem  Weltumsegler  Cook  lkuk]  für  die  englische  Krone  in  Besitz  genommen.
  Auf  seinen  Rat  führte  man  1000  Verbrecher  dorthin,  die  sich  in  der
Nähe  des  jetzigen  Sydney  Ißidnel  ansiedelten.  Als  man  1851  reiche  Goldlager
entdeckte,  strömten  Tausende  aus  allen  Weltteilen  herbei.  Heute  beträgt  die  Bevölkerung
  auf  dem  Festlande  etwa  3½  M.,  darunter  etwa  50  000  dunkelbraune
Eingeborne,  die  das  Land  wandernd  durchziehen.

2.  Bodengestalt  und  Klima.  Fast  ganz  Neuholland  ist  mit  einem  etwa
300  m  hohen  Tafellande  angefüllt.  Im  Osten  ist  es  von  einem  bis  zu  2000  m
hohen  Randgebirge  (den  blauen  Bergen  und  den  Australalpen)  umgeben.  Bei
dem  vorherrschenden  Südostwinde  ist  dieses  Randgebirge  dem  Innern  sehr  nachteilig.
  Die  von  Südost  heranziehenden  Regenwolken  kühlen  sich  an  dem  Gebirge
nämlich  so  stark  ab,  daß  sie  sich  größtenteils  schon  an  der  Küste  und  im  Gebirge
abregnen,  für  das  weite  Innere  aber  nur  selten  einige  Tropfen  übrig  behalten.
(S.  135.)  Die  Hochebenen  im  Innern  sind  daher  ungemein  dürr  und  vielfach  wüstenartig.
  Im  Norden  und  Süden  treten  alljährlich  zu  bestimmten  Zeiten  Regen  ein,
        <pb n="167" />
        —  161  —

die  aber  das  Land  weit  und  breit  überschwemmen  und  oft  mehr  schaden  als  nützen.
(Wie  kommt  es,  daß  die  Jahreszeiten  Australiens  den  unsrigen  entgegengesetzt  sind  ))

3.  Bewässerung.  Infolge  der  großen  Regenarmut  im  Innern  Australiens
mangelt  es  auch  an  größern  Flüssen,  die  das  ganze  Jahr  hindurch  gleichmäßig
Wasser  führen.  Schneereiche  Gebirge,  die  Hauptquellen  der  Bäche,  sind  fast  gar
nicht  vorhanden,  und  auch  an  dichten  Wäldern,  die  die  Feuchtigkeit  anhalten,  ist
großer  Mangel.  Es  giebt  im  Innern  nur  wenige  und  meist  ganz  flache  Seen.
Bleibt  der  Regen  lange  aus,  so  trocknen  diese  Seen  sowie  auch  die  Flüsse  meistens
aus.  Der  einzige  das  ganze  Jahr  hindurch  Wasser  führende  Fluß  ist  der  Murray
lmörre]  mit  dem  Darling.

4.  Pflanzenwelt.  Aus  der  Regenarmut  und  Dürre  im  Innern  Australiens
erklärt  sich  leicht  die  dortige  Pflanzenarmut.  Große  Wüstenstrecken  im  Innern
sind  teils  vollständig  kahl,  teils  mit  harten  Gräsern  oder  undurchdringlichen  Gesträuchdickichten
  bedeckt,  die  kaum  durch  Feuer  zu  vertilgen  sind.  An  der  reichlicher
benetzten  Ostküste  dagegen  findet  sich  ein  besserer  Pflanzenwuchs.  In  den  Urwäldern
  wächst  sogar  der  höchste  Baum  der  Erde,  der  über  100  m  hohe  Gummibaum.
  Meistens  ist  aber  der  australische  Wald  ganz  licht.  „Alle  15—20  Schritte
steht  ein  häßlicher  Gummibaum,  darunter  spärliches  Gras,  und  hier  und  da  ein
Busch!“  Nur  wenige  Bäume  verlieren  alljährlich  ihre  Blätter,  wohl  aber  werfen  die
meisten  ihre  Rinde  ab.  An  fruchttragenden  Bäumen  und  Pflanzen  ist  großer
Mangel.  Das  Land  vermochte  daher  nur  wenig  Menschen  zu  ernähren.  Erst
durch  die  Europäer  wurden  Getreide,  Kartoffeln,  Obstbäume  u.  s.  w.  eingeführt.

5.  Die  Tierwelt  Neuhollands  ist  noch  dürftiger  als  die  Planzenwelt.  Kein
Hirsch,  kein  Elefant,  kein  Büffel  durchstreift  die  Wälder.  Nur  das  Geschlecht  der
Beuteltiere  ist  hier  stark  vertreten.  Zu  ihnen  gehört  auch  das  für  die  Eingebornen
wichtigste  Tier,  das  Känguruh,  dessen  Fleisch  sie  essen.  Von  Raubtieren  findet  man
nur  den  Dingo  oder  wilden  Hund.  Unter  den  Vögeln  ist  der  Kasuar  am  merkwürdigsten.
  Er  hat  borstenartige  Federn  und  nur  kleine  Flügelansätze,  so  daß  er
nicht  fliegen  kann.  Das  sonderbarste  Tier  aber  ist  das  Schnabeltier,  daß  sich  in
einigen  Seen  Australiens  findet.  Obwohl  Sängetier,  legt  es  doch  Eier.  Durch  die
Einwanderung  sind  nach  und  nach  alle  europäischen  Haustiere  eingeführt  worden.
Man  findet  hier  jetzt  die  größten  Viehherden  der  Welt.  (Schafe,  Rinder,  Pferde.)
Hieraus  erklärt  sich  auch  die  starke  Ausfuhr  von  Wolle,  Fleisch  und  Häuten.

6.  Die  wichtigsten  Kolonien  in  Australien  sind  Biktoria,  Neu  Süd-Wales
luäls  und  Südaustralien.  Ihre  Hauptstädte  Melbourne  (melbörn]  (1'  M.),
Sydney  idne])  (380  T.)  und  Adelaide  seédeled]  haben  sich  in  kurzer  Zeit  —
Melbourne  z.  B.  in  50  Jahren  —  aus  einem  Haufen  von  Hütten  und  Zelten  zu
prachtvollen  Städten  entwickelt.  Mit  ihren  breiten  Straßen,  feinen  Häusern  und
prachtvollen  Läden  geben  sie  keiner  europäischen  Großstadt  etwas  nach.  Die  Kolonisten
im  Innern  treiben  zum  Teil  auf  ihren  Farmen  Ackerbau,  der  Mehrzahl  nach  aber
sind  sie  Squatters  (skuotters!),  d.  h.  Schafzüchter,  da  sich  das  Land  mit  seinen
Grasebenen  vorwiegend  zur  Viehzucht  eignet.  Ein  „Schafbaron“  besitzt  nicht  selten
100  000  und  mehr  Schafe.  In  der  heißen  Jahreszeit  gehen  zuweilen  ganze  Herden
aus  Mangel  an  Wasser  zu  Grunde.

Zu  dem  von  England  in  Besitz  genommenen  Festlande  rechnet  man  auch  die
im  Süden  des  Festlandes  gelegene  Insel  Tasmänia.

7.  Die  australische  Inselwelt  umfaßt  alle  Inseln,  die  östlich  und  nordöstlich
von  Australien  im  stillen  Ocean  liegen:  Neu-Seeland,  Neu-Guinea  (ginêa),
die  Karolinen,  die  Samoainseln,  die  Gesellschafts  inseln,  die  hawaischen
Inseln  u.  a.

8.  Deutsche  Kolonien.  In  der  Südsee  besitzt  Deutschland  folgende  Kolo-Realienbuch.
  B.  11
        <pb n="168" />
        —  163  —

bis  zum  Vollmonde  haben  wir  zunehmenden  Mond  (erstes  Viertel  D),  zwischen
Vollmond  und  Neumond  aber  abnehmenden  Mond  (C  letztes  Viertel).

6.  Sonnen=  und  Mondfinsternisse.  Wenn  zur  Vollmondszeit  Sonne,  Erde
und  Mond  genau  in  einer  Linie  stehen,  so  kann  das  Licht  der  Sonne  den  Mond
entweder  gar  nicht  oder  doch  nur  teilweise  treffen,  weil  die  Erde  dazwischen  steht.
Dann  entsteht  eine  Mondfinsternis.  Zur  Zeit  des  Neumondes,  wo  der  Mond
zwischen  Erde  und  Sonne  steht,  tritt  unter  gleichen  Umständen  eine  Sonnenfinsternis
ein.  Man  unterscheidet  gänzliche  und  teilweise  Sonnen=  und  Mondfinsternisse.

7.  Die  Kometen  oder  Schweifsterne  durchziehen  in  langgestreckten  Ellipsen
den  Weltenraum  und  kehren  meistens  erst  nach  vielen  Jahren  zurück.  Sie  bestehen
  aus  einem  hellen  Kerne  (Kopf)  und  einem  Lichtstreifen  (Schweif).  Man
nimmt  an,  daß  jeder  Komet  aus  dichten  Meteormassen  (Sternschnuppen)  besteht,
die  durch  unbekannte  Kräfte  zusammengehalten  werden.  Daß  die  Kometen  aber
Krieg  oder  sonstiges  Unglück  verkünden  sollen,  ist  Aberglaube.

8.  Die  Sternschnuppen  sind  kleine  Weltkörperchen,  die  die  Sonne  umkreisen.
Sobald  sie  aber  der  Erde  nahe  kommen,  werden  sie  von  dieser  angezogen.  Bei
ihrem  Falle  reiben  sie  sich  an  der  Luft  so  stark,  daß  sie  erglühen,  in  Brand  geraten
  und  blitzartig  aufleuchten.  Verbrennen  sie,  noch  ehe  sie  die  Erde  erreicht
haben,  so  nennt  man  sie  Sternschnuppen.  Man  glaubte  nämlich,  die  Sternschnuppen
  sielen  von  dem  Stern  herunter  wie  die  Lichtschnuppe  von  einem
Lichte.  Sehr  große  Sternschnuppen  nennt  man  Leuchtkugeln  oder  Meteore,  kleinere
  Meteoriten.

9.  Gestalt  der  Erde.  Die  Erde  schwebt  wie  ein  Luftballon  im  unermeßlichen
Weltenraume.  Sie  hat  nicht  die  Gestalt  einer  Scheibe  —  wie  es  scheint  —  sondern
die  einer  Kugel.  Beweise:  1)  Wenn  wir  uns  einem  sehr  entfernten  Gegenstande
(Schiffe,  Turme,  Berge  u.  s.  w.)  nähern,  so  wird  uns  zunächst  nur  dessen  Spitze
sichtbar.  Daraus  folgt,  daß  die  Oberfläche  der  Erde  gewölbt  sein  muß.  2)  Wenn
man  in  derselben  Richtung  auf  der  Erde  fortreist,  so  kommt  man  schließlich  zu
demselben  Orte  zurück,  von  dem  man  ausgegangen  ist.  Die  Erdoberfläche  muß  also
eine  in  sich  geschlossene  Wölbung  sein.  3)  Der  Schatten  der  Erde  ist  bei  Mondfinsternissen
  stets  rund,  und  dies  kann  nur  der  Fall  sein,  wenn  der  schattenwerfende  Körper
eine  Kugelgestalt  hat.  Die  Erde  hat  demnach  die  Gestalt  einer  Kugel.  Sie  ist  jedoch,
wie  man  nach  Berechnungen  festgestellt  hat,  an  den  Polen  etwas  abgeplattet.

10.  Bewegung  der  Erde.  Die  Erde  hat  eine  doppelte  Bewegung:  1)  um
sich  selbst  und  2)  um  die  Sonne.  Um  sich  selbst  dreht  sie  sich  in  24  Stunden.
Die  der  Sonne  zugekehrte  Seite  hat  Tag,  die  entgegengesetzte  Nacht.  (Suche  dir
das  durch  eine  Pappscheibe,  in  deren  Kreisausschnitt  der  Globus  gerade  hineinpaßt,
zu  veranschaulichen,  indem  du  den  Globus  von  W.  nach  O.  drehst,  ohne  jedoch
die  (senkrecht  stehende)  Pappscheibe  zu  bewegen!)  Der  von  N.  nach  S.  laufende
(12700  km  lange)  Durchmesser  der  Erde  bildet  gleichsam  die  Achse,  um  die  sich
die  Erde  dreht.  Sie  heißt  daher  Erdachse.  Ihre  Enden  werden  Pole  genannt
(Nord=  und  Südpol).  Die  Erde  dreht  sich  von  Westen  nach  Osten;  daher  —  und
weil  die  Erdoberfläche  gewölbt  ist  —  geht  die  Sonne  z.  B.  in  Königsberg  früher
auf  als  in  Köln.  —  Während  sich  so  die  Erde  fortwährend  um  sich  selber  dreht,
bewegt  sie  sich  auf  einer  etwa  950  Mill.  km  langen  länglichrunden  Bahn  um  die
Sonne.  Das  geschieht  in  einem  Jahre  oder  365  T.  5  St.  48  M.  45  S.  Man
hat  berechnet,  daß  sie  in  jeder  Sekunde  30  km  zurücklegen  muß.  Wir  merken
aber  von  dieser  ungemein  schnellen  Bewegung  nichts,  weil  auch  die  Luft  und  alle
andern  Gegenstände  unsrer  Umgebung  diese  Drehung  mitmachen.  Merkt  man  doch
die  Fahrgeschwindigkeit  eines  Eisenbahnzuges  erst  dann,  wenn  man  auf  die  Gegenstände
  draußen  achtet.  Warum  hat  jedes  vierte  Jahr  (Schaltjahr)  366  Tage?

117
        <pb n="169" />
        —  164  —

In  den  vollen  Hunderten,  deren  beide  erste  Zahlen  nicht  durch  4  teilbar  sind
(1700,  1800,  1900)  fällt  das  Schaltjahr  aus.  Warum?

11.  Tag-  und  Nachtlänge.  Stände  die  Erdachse  senkrecht  auf  der  Erdbahn,
so  würden  die  Sonnenstrahlen  Tag  für  Tag  auf  den  Aquator  senkrecht  fallen.  Tag
und  Nacht  wären  dann  überall  auf  der  Erde  stets  gleich  lang.  Die  Sonne  ginge
jeden  Tag  morgens  um  6  Uhr  auf  und  abends  um  6  Uhr  unter.  Auch  die
Temperatur  wäre  an  jedem  Orte  jahraus,  jahrein  dieselbe.  Nun  aber  steht  die
Erdachse  schief  auf  der  Erdbahn  (in  einem  Winkel  von  23½  Grad)  und  zwar
so,  daß  der  Nordpol  stets  nach  dem  Polarstern  gerichtet  ist.  Daher  kommt  es,
daß  im  Sommer  mehr  die  nördliche  Halbkugel,  im  Winter  mehr  die  südliche  Halbkugel
  der  Sonne  zugewendet  ist  und  die  Jahreszeiten  sowie  die  Tageslängen  miteinander
  abwechseln.

12.  Jahreszeiten.  In  der  Mitte  zwischen  Nord=  und  Südpol  denkt  man
sich  rund  um  die  Erde  herum  einen  Kreis,  der  die  Erde  in  2  Hälften  teilt:
in  die  nördliche  und  südliche  Halbkugel.  Er  wird  Gleicher  oder  Aquator  genannt.
Am  21.  März  geht  die  Sonne  gerade  über  dem  Aquator  auf  und  unter.  Tag
und  Nacht  sind  an  diesem  Tage  gleich  lang.  Es  ist  Frühlingsanfang.  Von  jetzt
an  geht  die  Sonne  jeden  Tag  etwas  weiter  nördlich  vom  Aquator  auf  und  unter.
Infolgedessen  nehmen  die  Tage  bei  uns  an  Länge  zu,  da  sich  die  einzelnen  Punkte
der  nördlichen  Halbkugel  bei  der  Bewegung  der  Erde  um  sich  selbst  jetzt  länger  in
der  Sonnenseite  als  in  der  Schattenseite  befinden.  Da  jetzt  auch  die  Sonnenstrahlen
zahlreicher  und  mehr  senkrecht  auf  die  von  uns  bewohnte  nördliche  Erdhälfte  fallen,
so  wird  es  hier  auch  immer  wärmer.  Am  21.  Juni  endlich  hat  die  Sonne  ihren
nördlichsten  Punkt  erreicht.  Wir  haben  den  längsten  Tag  und  die  kürzeste  Nacht.
Es  ist  Sommersanfang.  Der  Kreis,  über  dem  an  diesem  Tage  die  Sonne
auf=  und  untergeht,  heißt  der  nördliche  Wendekreis,  da  hier  die  Sonne  scheinbar
umwendet.  Denn  von  jetzt  an  geht  sie  täglich  etwas  weiter  nach  Süden  hin  auf
und  unter,  bis  sie  am  23.  September  gerade  wieder  über  dem  Aquator  auf=  und
untergeht.  Tag  und  Nacht  sind  wieder  gleich.  Es  ist  Herbstesanfang.  Die  Aufgangs=
  und  Untergangspunkte  der  Sonne  schreiten  aber  noch  immer  weiter  nach  Süden
hin  vor,  bis  sie  endlich  am  21.  Dezember  ihren  südlichsten  Punkt  erreicht  haben.
Wir  haben  an  diesem  Tage  den  kürzesten  Tag  und  die  längste  Nacht.  Es  ist
Wintersanfang.  Der  Kreis,  den  die  Sonne  am  Himmel  beschreibt  oder  über
dem  sie  an  diesem  Tage  auf  der  Erde  hingeht,  heißt  südlicher  Wendekreis.  Denn
nun  wendet  sich  die  Sonne  scheinbar  wieder  nach  Norden,  bis  sie  am  21.  März
gerade  wieder  über  dem  Aquator  auf=  und  untergeht.

13.  Zonen.  Uber  dem  von  den  beiden  Wendekreisen  eingeschlossenen  Erdgürtel
bewegt  sich  die  Sonne  am  Himmel  einmal  im  Jahre  scheinbar  hin  und  her.  Die
Strahlen  der  Sonne  fallen  infolgedessen  hier  jeden  Tag  auf  einen  andern  Landstrich
  senkrecht.  Über  jedem  Orte  steht  alle  Jahre  zweimal  die  Sonne  gerade
im  Scheitelpunkte.  In  den  Wendekreisen  selbst  ist  dies  nur  einmal  im  Jahre  der
Fall.  (Wann?)  An  welchen  Tagen  im  Jahre  wird  die  Sonne  senkrecht  über  dem
Aquator  stehen?  —  Der  Erdgürtel,  der  von  den  Wendekreisen  eingeschlossen  ist,
heißt  die  heiße  Zone.  —  Könnten  wir  uns  am  21.  Juni  plötzlich  weiter  nach  Norden
versetzen,  so  würden  wir  da  einen  Ort  finden,  wo  die  Sonne  an  diesem  Tage
gar  nicht  untergeht.  Der  Kreis,  den  dieser  Ort  bei  der  Umdrehung  der  Erde
beschreibt,  heißt  der  Polarkreis.  Zwischen  diesem  und  dem  nördlichen  Wendekreise
liegt  die  nördliche  gemäßigte  Zone.  Hier  fallen  die  Sonnenstrahlen  —  im  Sommer
weniger,  im  Winter  mehr  —  schräg  auf  die  Erde,  weshalb  auch  hier  die  Wärme
im  Sommer  nur  eine  mäßige  ist.  Jenseits  des  nördlichen  Polarkreises  beginnt
die  nördliche  kalte  Zone,  die  sich  wie  eine  Kugelkappe  rund  um  den  Nordpol  herum
        <pb n="170" />
        —  165  —

lagert.  Auf  diese  Zone  fallen  die  Sonnenstrahlen  nur  äußerst  schräg,  so  daß  fast  das
ganze  Jahr  hindurch  die  grimmigste  Kälte  herrscht.  Am  Nordpol  selbst  verschwindet
die  Sonne  vom  21.  März  bis  23.  September  gar  nicht  aus  dem  Gesichtskreise.
Hier  dauert  also  der  Tag  ein  volles  halbes  Jahr.  In  der  übrigen  Zeit  sieht
man  die  Sonne  gar  nicht,  so  daß  auch  die  Nacht  ein  volles  halbes  Jahr  dauert.

(Wie  ist  es  am  Südpol?)
49.  Dat  Meer.

1.  Ausdehnung  und  Eigentümlichkeiten.  Das  Meer  bedeckt  fast  /  der  Erdoberfläche
  und  wird  in  5  Oceane  geschieden:  das  nördliche  und  südliche  Eismeer,
den  atlantischen,  den  großen  oder  stillen  und  den  indischen  Ocean.  Die  Tiefe
des  Meeres  ist  sehr  verschieden.  Während  die  Nordsee  z.  B.  nur  eine  durchschnittliche
  Tiefe  von  etwa  80  m  hat,  erreicht  der  stille  Ocean  stellenweise  eine  Tiefe  bis
zu  9400  m.  Auf  dem  Meeresgrunde  steigt  die  Temperatur  selten  über  1—26,
und  schon  in  einer  Tiefe  von  etwa  400  m  herrscht  vollständige  Finsternis.  Wo
sich  der  Grund  des  Meeres  bis  an  oder  über  die  Oberfläche  des  Wassers  erhebt,
entstehen  Inseln,  Klippen  und  Sandbänke  oder  Untiefen.  Das  Meerwasser  ist
sehr  salzhaltig,  (3—4%  ))  und  daher  zum  Trinken  nicht  geeignet.  —  Durch  die
Bewegung  des  Windes  werden  die  Meereswellen  hervorgerufen,  deren  Höhe  etwa
6—10  m  beträgt.  Wo  sich  hochgehende  Wellen  an  steiler  Felsenküste  brechen,
entsteht  eine  Brandung.  Die  Kraft  der  hier  turmhoch  brausenden  Wellen  ist  so
groß,  daß  2—3000  kg  schwere  Felsen  mit  fortgerissen  werden.  —  Einen  prachtvollen
  Anblick  gewährt  das  Leuchten  des  Meeres.  Es  findet  besonders  zwischen
den  Wendekreisen  zur  Nachtzeit  statt  und  wird  hervorgebracht  durch  Millionen  sehr
kleiner,  gallertartiger  Tierchen,  die  einen  phosphorähnlichen  Schein  von  sich  geben.

2.  Meeresströmungen.  Das  Meerwasser  bewegt  sich  an  manchen  Stellen
fortwährend  nach  einer  bestimmten  Richtung  hin.  Diese  Strömungen  sind  bisweilen
so  scharf  abgegrenzt,  daß  man  deutlich  sehen  kann,  wie  die  eine  Hälfte  des  Schiffes
im  flutenden  Strome,  die  andre  im  ruhigen  Wasser  schwimmt.  Solche  Meeresströmungen
  haben  ihren  hauptsächlichsten  Grund  in  den  Winden,  die  über  die
Meeresoberfläche  hinwehen.  So  bewirken  die  etwa  vom  30“  der  Breite  ab  gegen
den  Aquator  hin  beständig  über  das  Meer  wehenden  Passate  (Nordostpassat  auf
unfrer  Erdhälfte,  Südostpassat  auf  der  südlichen),  daß  das  Meer  in  der  Umgebung
  des  Aquators  eine  große  Strömung  gen  Westen  annimmt.  Von  dieser
Aquatorialströmung  gehen  besonders  im  großen  und  atlantischen  Ocean,  da  wo
sie  sich  dem  Festlande  annähern,  nach  beiden  Seiten  Abzweigungen  aus,  die  als
warme  Meeresströme  Wärme  vom  Aguator  in  höhere  Breiten  führen.  Von  ihnen
ist  für  uns  Europäer  der  200—400  km  breite  Golfstrom  der  wichtigste.  Er  hat
also  seinen  Ursprung  am  Agquator,  durchströmt  den  Golf  von  Mexico  und  fließt
dann,  sich  immer  mehr  verbreiternd,  nordostwärts  bis  Neufundland.  Von  dort
wendet  er  sich  nordöstlich  nach  Europa,  bespült  hier  die  englischen  und  norwegischen
  Küsten  und  dringt  bis  nach  Spitzbergen  ins  nördliche  Eismeer  hinein.
Sein  warmes  Wasser  ist  für  das  Klima  der  von  ihm  bespülten  Küsten  von  großem
Einfluß.  Die  britischen  Inseln  haben  z.  B.  einen  so  milden  Winter,  daß  selbst
im  Januar  die  Temperatur  durchschnittlich  2  Grad  Wärme  beträgt.  An  Islands
und  Norwegens  Küsten  steigt  die  Kälte  selten  über  15  Grad,  während  wir  in  dem
viel  weiter  südlich  gelegenen  Deutschland  zuweilen  25  und  mehr  Grad  Kälte  haben.
        <pb n="171" />
        —  166  —

(.  Naturgeschichte.
J.  Das  erste  Erwachen  des  Waldes.

1.  Der  Schnee  ist  geschmolzen.  Die  Sonne  lacht.  Der  Frühling  ist  da.  Aber
noch  zögert  der  Wald,  sein  grünes  Festgewand  anzulegen.  Wintereiche  und  Hain—
buche  tragen  noch  bis  in  den  Mai  hinein  ihr  Winterkleid  —  die  trocknen,  gelben
Blätter  des  Vorjahres.  Es  dauert  lange,  ehe  die  langsam  schwellenden  Knospen
sie  verdrängen  und  sich  zu  öffnen  wagen.  Da  sind  Sahlweide,  Haselstrauch  und
Erle  kecker.  Ihre  Blütenkätzchen  öffnen  sich  schon  im  Anfange  des  März.  Bald
darauf  recken  auch  —  unterm  Busche  versteckt  —  Leberblümchen,  Windröschen  und
Himmelsschlüssel  ihre  Blütenköpfchen  hervor.  Am  Waldrande  duftet  das  bescheidene
Veilchen,  und  auf  der  Waldwiese  sieht  man  die  goldigen  Hoffnungssterne  des  Scharbockskrauts
  erglänzen.

2.  Auch  in  der  Tierwelt  des  Waldes  wird  es  lebendig.  Hoch  oben  im  kahlen
Wipfel  flötet  die  Schwarzdrossel  schon  ihr  Frühlingslied.  Sie  ist  im  März  zurückgekommen
  oder  hat  bei  uns  überwintert.  Dort  im  dürren  Geäste  des  knorrigen,
höhlenreichen  Eichbaums  girren  auch  bereits  die  Ringel=  und  die  Hohltaube,  die
ebenfalls  im  März  eingetroffen  sind.  Von  den  Winterschläfern  des  Waldes  ist  die
Kreuzotter  am  frühesten  erwacht.  Sie  zeigt  sich  schon  im  März,  um  sich  an  einem
schneefreien  Platze  vor  ihrem  Loche  zu  sonnen.  Im  April  erwachen  auch  Dachs,
Ringelnatter  und  Eidechse.  Aber  die  Ameise  rührt  sich  noch  nicht  in  ihrem  Bau
und  harrt  wie  die  noch  schlafende  Hummel  der  wärmern  Lüfte  des  Maimonats.

1.  Das  Scharbochskraut.

1.  Die  Wurzel  hat  den  Zweck,  die  Pflanze  im  Erdboden  zu  befestigen  und
sie  mit  Nahrungsstoffen  zu  versorgen.  Diese  saugt  sie  aus  dem  Erdboden  auf.  Wie
sich  Zucker  im  Wasser  auflöst,  so  sind  in  der  Erdfeuchtigkeit  Kali,  Kalk,  Schwefel,
Eisen,  Kiesel  u.  s.  w.  aufgelöst.  Alle  diese  Mineralstoffe  dienen  der  Pflanze  zur
Nahrung.  —  Die  Wurzel  wächst  stets  von  oben  nach  unten,  während  der  Stengel
von  unten  nach  oben  wächst.  Auch  treibt  sie  niemals  Blätter  oder  Blüten;  hierzu
rcrr  ist  nur  der  Stengel  im  stande.  Bei  dem  Scharbockskraute
JN%  dient  sie  auch  noch  zur  Vermehrung  der  Pflanze.  Hier
»  ½  haben  sich  nämlich  einzelne  Wurzeln  zu  länglichen  Knollen

W  verdickt,  aus  denen  sich  neue  Pflanzen  bilden.  Eine  der

½1
1184.  .
-  3
r

*%  v!5  8  »  Knollen  ist  verwelkt.  Von  ihr  stammt  die  Pflanze  ab.
—  2.  Die  Blätter  sind  herzförmig.  Der  Blattstiel  trägt

   

das  Blatt  wie  ein  Arm  die  Hand,  streckt  es  zur  Seite

aus  und  hebt  es  etwas  in  die  Höhe,  damit  es  bequemer

Gemeines  Scharbockskraut.  Sonnenschein  und  Luft  aufnehmen  kann;  denn  beide  hat

a.  faserige  und  b.  kuolige  es  zu  seinem  Leben  nötig.  (S.  170  u.  187.)  Unten  sind

Wurzein.  die  Blattstiele  wie  eine  Hülle  verbreitert.  Sie  schützen  da—

durch  anfangs  den  jungen  Stengel  vor  Kälte;  später  bilden  sie  eine  Wasserrinne,  in
der  das  Regenwasser  zur  Wurzel  fließt.

3.  Blüte.  Mitten  in  der  Blüte  stehen  die  Staubfäden  oder  Staubblätter
und  die  Stempel  oder  Fruchtblätter.  (S.  172.)  Da  sie  sehr  zart  sind,  so  werden
sie  von  den  Blütenblättern  wie  mit  einer  Schutzhülle  umgeben.  In  der  Knospe
werden  sie  auch  noch  von  dem  Kelche  geschützt.  Gleich  nach  dem  Aufblühen  fällt
dieser  als  nutzlos  ab.  Die  Blütenblätter  schmücken  die  Blume  wie  eine  Krone  und
werden  deshalb  Kronblätter  genannt.  Jedes  hat  am  Grunde  ein  Schüppchen.
        <pb n="172" />
        —  167  —

Darunter  liegt  eine  Honigdrüse  verborgen.  Den  Honig  suchen  die  Insekten  auf.
Da  die  Blüten  mit  ihrer  gelben  Farbe  weithin  leuchten,  so  zeigen  sie  den  Insekten
gleichsam  den  Weg  zum  leckern  Mahle.  (Zu  welchem  Zwecke?  S.  175.)

4.  Himmelsweizen.  Früchte  bringt  das  Scharbockskraut  nur  selten  hervor.
Es  blüht  nämlich  so  früh,  daß  die  Insekten  der  Kälte  wegen  seine  Blüten  nur
wenig  besuchen.  Daher  können  sie  auch  die  Bestäubung  nur  selten  besorgen.
(S.  175.)  Die  Vermehrung  geschieht  deshalb  durch  Knollen.  Auch  in  den  Blattwinkeln
  bemerken  wir  kleine  Knollen.  Sie  sind  den  Weizenkörnern  nicht  unähnlich.
Nach  dem  Absterben  der  Pflanze  fallen  sie  auf  den  Boden  und  liegen  dort  oft
in  großer  Menge  bei  einander.  Manche  Leute  wußten  sich  diese  Erscheinung  nicht
zu  erklären.  Sie  meinten  sogar,  es  habe  Weizen  vom  Himmel  geregnet,  und
nannten  die  Knollen  „Himmelsweizen“.  Während  des  Winters  schlummern  diese
Körnchen  unter  dem  Schnee.  Im  Frühlinge  entwickeln  sie  sich  zu  kleinen  Pflanzen.

V.  Das  Himmelsschlüsselchen  oder  die  Schlüsselblume.

1.  Ihr  Name  rührt  vielleicht  daher,  daß  sie  uns  als  eine  der  ersten  Blumen
gleichsam  den  Frühlingshimmel  aufschließt.  Früher  glaubte  man,  die  Blume  sei
ein  Wunderschlüssel,  mit  dem  man  verborgene  Schätze  heben  könne.  So  fand  einst
ein  Kuhhirt  in  Schwaben  zu  ungewöhnlicher  Zeit  eine  Schlüsselblume  in  der  Nähe
einer  verwünschten  Ruine.  Er  pflückte  sie  und  steckte  sie  an  seinen  Hut.  Hier
verwandelte  sie  sich  in  einen  silbernen  Schlüssel.  Da  erschien  eine  Jungfrau  und
sprach:  „Nimm  den  Schlüssel  und  öffne  damit  die  Thür  jenes  Berges!  Von  den
Schätzen  stecke  so  viel  zu  dir,  wie  du  willst.  Vergiß  aber  „das  Beste“  nicht!“  Der
Hirt  that,  wie  ihm  gesagt  war,  vergaß  aber  die  aufschließende  Blume,  die  zwischen
den  Schätzen  blühte,  und  so  blieb  ihm  der  Weg  aus  dem  Berge  verschlossen.

2.  Wie  es  kommt,  daß  es  so  früh  blüht.  Das  Himmelsschlüsselchen  blüht
sehr  früh.  Die  Bäume  sind  dann  noch  unbelaubt,  und  die  Sonnenstrahlen  können
deshalb  leicht  bis  auf  den  Boden  dringen.  Sie  locken  daher  die  Blüten  bald  hervor.
Im  Stengel  ist  nämlich  bereits  im  Sommer  Nahrung  aufgespeichert.  Im  Herbste
schon  bilden  sich  Knospen  an  ihm,  die  den  Winter  überdauern.  —  Wer  den  Stengel
nicht  kennt,  findet  ihn  nicht  so  leicht.  Er  liegt  in  der  Erde.  Dort  ist  er  geschützt
vor  Frost.  Gräbst  du  ein  Himmelsschlüsselchen  aus  der  Erde,  so  bemerkst  du
nämlich  einen  bleifederdicken  Körper  mit  Wurzeln.  Dieser  Körper  selbst  ist  keine
Wurzel;  denn  er  treibt  nach  oben  Blätter,  was  keine  Wurzel  thut.  (S.  166.)  Er
ist  vielmehr  der  Stengel.  Da  er  aber  in  der  Erde  wächst,  so  nennt  man  ihn
„unterirdischen  Stengel“  („Wurzelstock“).  Nach  oben  hin  treibt  er  alljährlich
äußerst  kurze  Stengelglieder;  von  unten  her  stirbt  er  dagegen  ab.  Auf  diese  Weise
verjüngt  er  sich  jedes  Jahr.

3.  Blätter.  Die  Blattfläche  läuft  zu  beiden  Seiten  des  Blattstiels  herab.  Der
Stiel  heißt  deshalb  „geflügelt“.  Er  bildet  so  eine  Rinne,  worin  das  Regenwasser
bequem  zur  Wurzel  laufen  kann.  Die  Blätter  sind  (wie  bei  den  meisten  Waldblumen)
  groß,  damit  sie  recht  viel  Sonnenstrahlen  zwischen  den  Bäumen  auffangen
  können.  (Vergl.  auch  S.  1801)  An  schattigen  Orten  stehen  sie  aufgerichtet,
an  sonnigen  liegen  sie  wie  eine  Rosette  ausgebreitet.  (S.  206.)  Die  obern  verdecken
  die  untern,  kleinern  nicht  ganz,  so  daß  die  Sonne  zu  allen  gelangen  kann.

4.  Schaft.  Der  Hauptblütenstiel  hat  weder  Zweige  noch  gewöhnliche  Blätter
(Laubblätter).  Nur  kleine  „Deckblätter"  finden  sich  an  ihm.  Man  nennt  einen  n  olchen
Stengel  „Schaft“.  Die  Deckblättchen  sitzen  unter  den  Blütenstielchen  wie  ein  Kragen.
Sie  haben  ihren  Namen  davon,  daß  sie  die  jungen  Blütenknospen  bedecken,  damit  diese
im  kalten  Frühjahre  nicht  erfrieren.  Auch  „Hüllblättchen“  nennt  man  sie.  (Warum?)

5.  Die  Blüte  ist  am  untern  Teile  röhrenförmig  und  hängt  herab.  Sie  schützt
        <pb n="173" />
        —  168  —

so  Staubblätter  und  Honig  vor  Kälte  und  Regen.  Die  Blütenstielchen  entspringen  in
gleicher  Höhe  an  dem  Hanptstiele.  Sie  gehen  also  alle  von  einem  Punkte  aus,  ähnlich
wie  die  Stäbe  eines  Regenschirms.  Einen  solchen  Blütenstand  nennen  wir  „Dolde“.
Die  schwefelgelbe  Farbe  leuchtet  weithin  und  lockt  die  Insekten  an.  (Wozu?  S.  175.)

3.  Das  Buschwindröschen  (Anemone).

1.  Wandernder  oder  kriechender  unterirdischer  Stengel.  Auch  beim  Windröschen
  finden  wir  einen  unterirdischen  Stengel  mit  Wurzeln  wie  beim  Himmelsschlüsselehen.
  Während  er  jedoch  beim  Himmelsschlüsselchen  in  fast  senkrechter  Richtung
  wächst,  geschieht  dies  beim  Buschwindröschen  mehr  in  wagerechter.  Jährlich
dringt  er  an  der  Spitze  4—6  em  in  der  Erde  vor,  stirbt  aber  am  andern  Ende
um  ebensoviel  ab.  So  kommt  es,  daß  die  Pflanze  auf  steter  Wanderung  begriffen
ist.  Vorteil:  Sie  gelangt  dadurch  an  solche  Stellen,  wo  noch  keine  Windröschen
den  Nährstoff  aufgezehrt  haben.  Wir  nennen  solchen  unterirdischen  Stengel  einen
wandernden  oder  kriechenden.  Er  ist  beim  Windröschen  wohl  10—30  em  lang.
Gewöhnlich  wächst  er  in  gerader  Richtung,  und  da  sich  zuweilen  mehrere  solcher
Stengel  wie  eine  Schnur  aneinander  reihen,  so  stehen  die  Pflänzchen  mitunter  in
fast  gerader  Reihe.  Meist  aber  bilden  sie  dichte  Trupps,  da  der  Stengel  Seitenzweige
  treibt.  Ist  der  Stengel  bis  dahin,  wo  ein  Seitenzweig  sitzt,  abgestorben,
so  bildet  der  Seitenzweig  eine  selbständige  Pflanze.  So  entstehen  oft  aus  einer
Mutterpflanze  10,  20  und  noch  mehr  Tochterpflanzen.  Dies  ist  für  die  Vermehrung
des  Windröschens  wichtig.  Der  Same  kommt  nämlich  meist  nicht  zur  Entwicklung,  da
der  Insektenbesuch  zur  Blütezeit  zu  spärlich  ist.  (S.  167.)

2.  Unterirdische  Knospe.  An  dem  Punkte,  wo  der  Wurzelstock  der  Anemone
oder  ein  Zweig  von  ihm  weiterwächst,  bemerken  wir  eine  eiförmige,  mit  Schuppenblättern
  versehene  Verlängerung  (K),  die  durch  ihre  hellere  Färbung  auffällt.  Es  ist
dies  eine  unterirdische  Knospe  am  Wurzelstocke,  ganz  ähnlich  denjenigen  Knospen,  die
wir  an  den  Zweigen  der  Bäume  finden.  Aus  ihr  kommen  Stengel  und  Blätter  nach  oben.

3.  Schaft,  Deckblätter,  Niederblätter.  Der  oberirdische  Stengel  bildet  einen
Schaft.  (S.  3.)  Freilich  denkt  man  sich  den  Schaft  gewöhnlich  blattlos.  Das  ist
aber  nicht  ganz  richtig.  Schon  an  dem  Schafte  des  Himmelsschlüsselchens  bemerkten
  wir  kleine,  unscheinbare  Blättchen,  die  Deck=  oder  Hüllblätter.  Auch  bei
der  Anemone  finden  wir  3  Blätter  (D)  am  Schafte,  die  nichts  anders  sind  als
Deckblätter,  nur  daß  sie  hier  außerordentlich  groß  sind.  (Weshalb?  S.  167  u.  180.)
Die  übrigen  Blätter  sind  dem  unterirdischen  Stengel
unmittelbar  entsprungen.  Eine  besondere  Art  von
Blättern  bilden  die  häutigen,  schuppenartigen  Gebilde,
  die  die  Endknospe  des  unterirdischen  Stengels
umgeben.  Man  nennt  sie  „Niederblätter“,  da  sie
niedrig  sitzen.  Zu  den  Niederblättern  rechnet  man

unch  die  Zwiebelschalen  (S.  5),  die  Deckschuppen
(zum  der  Knospen  u.  s.  w.  Sie  sind  meist  bleich,  rötlich,

biräunlich  oder  schwärzlich  und  bilden  Schutzhüllen
6ie  oder  Vorratskammern.  (Zwiebelschale  S.  172.)

4.  Blüte.  Wenn  die  Sonne  warm  scheint,
dann  öffnet  sich  die  Blüte  weit  und  richtet  sich
nach  dem  Himmel  zu.  Wenn  es  aber  regnet  oder
neblig  ist  oder  der  Abend  naht,  dann  biegt  sich
der  Blütenstiel  etwas,  so  daß  die  Blüte  nickt.
Dadurch  werden  die  Blütenblätter  zu  einem  Schutz-Buschwindröschen.
  dache  für  den  Honig  und  Blütenstaub.  Bei  sonnigem
        <pb n="174" />
        —  169  —

Wetter  öffnet  sich  die  Blüte  morgens  zwischen  9—10  Uhr,  abends  zwischen
5—6  Uhr  schließt  sie  sich.  Der  Kelch  fehlt  beim  Windröschen,  oder  besser:  die
Kelchblätter  sind  in  Blütenblätter  umgewandelt.  (Drei  äußere  Blütenblätter  umschließen
  drei  bis  vier  innere.)  Die  Blüte  leuchtet  dadurch  desto  weiter  hin  mit
ihrer  weißen,  rosa-angehauchten  Farbe,  um  die  Insekten  anzulocken.

4.  Das  wohlriechende  Veilchen.

1.  Wie  es  sich  vor  Kälte  schützt.  Das  Veilchen  blüht  schon  im  März.  (Wie
kommt  das?  S.  167.)  Dann  ist  es  oft  noch  recht  kalt.  Darum  sucht  es  sich  gern
solche  Stellen  aus,  die  gegen  den  kalten  Wind  geschützt  sind.  Sehr  häufig  findet
man  es  auf  Waldwiesen,  auf  Angern,  unter  Hecken  und  Gebüsch.  Hier  ist  es  zuweilen
  ganz  unter  Gras  und  Moos  versteckt.  Und  weil  es  nun  so  bescheiden  im
Verborgenen  blüht,  so  ist  es  uns  ein  schönes  Bild  der  Demut  und  Bescheidenheit.

Dem  kleinen  Veilchen  gleich,  das  im  Verborgnen  blüht,
sei  immer  fromm  und  gut,  auch  wenn  dich  niemand  sieht.

2.  Blüte.  Die  5  Blütenblätter  sind  nicht  alle  gleich  groß.  Das  größte  hat
einen  hohlen  Sporn.  Mitten  in  der  Blüte  stehen  ein  Stempel  und  5  Staubblätter.
  Zwei  Staubblätter  haben  einen  Honigsporn,  mit  dem  sie  —  9
in  den  Blütenblattsporn  hineinragen.  Dieser  umgiebt  den  Honigspon–
wie  ein  kleiner  Beutel  und  schützt  den  Honig  vor  Regen,  der  a)
leicht  verdirbt.  Den  Honig  nascht  das  Bienchen  gern.  Durch  Dusftni,
und  Farbe  lockt  die  Blüte  es  an.  Ein  großer  Unterschied  herrscht  m%*###
zwischen  den  bläulich-violetten,  duftenden  Frühlingsblüten  (März.
bis  April)  und  den  winzigen,  grünlichen  Sommerblüten  (Juni  bis
September).  Die  Sommerblüten  sehen  aus  wie  Knospen  und  (Bienchen  aus
öffnen  sich  nie.  Aber  nur  sie  bringen  Samen  hervor,  die  Frühlings=  der  Blüte  Honig
blüten  nicht.  saugend.)

3.  Blätter.  Die  Blätter  erinnern  durch  ihre  Form  an  ein  Herz.  Man  nennt
sie  deshalb  herzförmig.  Jedes  Blatt  hat  eine  breite  Fläche.  Mit  ihr  nimmt  es  Wärme
und  Licht  der  Sonne  auf,  ohne  die  die  Pflanze  nicht  gedeihen  kann.  (S.  170.)  Auch
dunstet  durch  die  Blattfläche  das  überflüssige  Wasser  aus.  (S.  204.)  Am  Grunde  des
Blattstiels  stehen  zwei  blattartige  Gebilde.  Das  sind  sogenannte  „Nebenblätter“.  Sie
umhüllen  den  Blattstiel,  so  lange  er  noch  sehr  jung  ist,  um  ihn  vor  Kälte  zu  schützen.

4.  Ausläufer.  Nach  der  Blütezeit  bilden  sich  am  Stengel  lange  Zweige,  die
„Ausläufer“.  Sie  treiben  an  ihrem  Ende  Wurzeln  und  Blätter,  trennen  sich  zuletzt
  von  dem  alten  Stocke,  und  so  entstehen  aus  ihnen  wieder  neue  Pflanzen.

5.  Veilchenbäumchen.  Das  Veilchen  hat  einen  unterirdischen  Stengel.  Er  treibt
zahlreiche  Wurzeln  und  ragt  bei  ältern  Pflanzen  gewöhnlich  etwas  aus  der  Erde
hervor.  Im  Sommer  wird  in  ihm  Nahrungsstoff  aufgespeichert.  (S.  167.)  Im  Herbste
schon  bilden  sich  an  ihm  Knospen,  aus  denen  sich  im  Frühlinge  bald  Zweige  entwickeln.
Wenn  man  diese  beim  Hervorbrechen  abschneidet,  so  erhebt  sich  der  unterirdische  Stengel
nach  und  nach  zu  einem  kurzen,  dicken  Stämmchen,  das  man  Veilchenbäumchen  nennt.

5.  Die  Pflanzenzelle.

Betrachte  feine  Scheibchen  von  Pflanzenteilen  durch  ein  scharfes  Vergrößerungsglas!
  Du  siehst,  daß  sie  aus  vielen  kleinen  Bläschen  zusammengesetzt
sind.  Man  nennt  sie  Zellen.  Sie  bilden  gleichsam  die  Bausteine,  aus  denen  die
Pflanze  sich  aufbaut,  ganz  ähnlich,  wie  ein  Haus  aus  Steinen  zusammengefügt
ist.  Manche  Pflanzen,  wie  z.  B.  viele  Algen,  die  Hefenpilze  u.  a.,  bestehen  nur
aus  einer  einzigen  Zelle,  während  die  meisten  Pflanzen  aus  unzählig  vielen  Zellen
zusammengesetzt  sind.  Die  Gestalt  der  Zellen  ist  verschieden:  rundlich  (S.  170  a),
        <pb n="175" />
        langgestreckt  (b),  vieleckig  (c)  u.  s.  w.
Die  Zelle  ist  umgeben  von  der  Zellhaut.
  Diese  umhüllt  in  der  jugendlichen
  Zelle  eine  körnigschleimige
Masse,  den  Urbildungsstoff,  der  einen
rundlichen  Körper,  den  Zellkern,
einschließt.  —  Die  Neubildung  der
Zellen  geht  auf  verschiedene  Weise
vor  sich,  meistens  aber  durch  Teilung
der  Zellen.  Zuerst  teilt  sich  der
Zellkern  in  2  Teile.  Aus  jedem
dieser  Teile  wird  ein  neuer  Zellkern.
  Darauf  teilt  sich  auch  der
körnigschleimige  Urbildungsstoff  in
2  Teile.  Jeder  dieser  Teile  bettet
;•⅛1  einen  der  neuen  Zellkerne  ein,  umgiebt

  sich  aber  auch  zugleich  mit
Zellenformen.  einer  neuen  Zellhaut.  So  entstehen

 

a.  Kugelige  Zellen.  b.  Gestreckte  Zellen.  ·
o.Abgeplattetevieleckige  Zellåh  aus  der  „Mutterzelle“  zwei  neue

„Tochterzellen“,  die  sich  wiederum
mehrmals  teilen.  Aus  der  Neubildung  der  Zellen  erklärt  sich  das  Wachsen  der  Pflanzen.

6.  Nahrung  der  Pflanzen.

Um  die  Nährstoffe  der  Pflanze  kennen  zu  lernen,  müssen  wir  wissen,  aus  welchen
Stoffen  die  Pflanze  zusammengesetzt  ist.  Wir  stellen  deshalb  folgenden  Versuch  an:

1)  Wir  halten  eine  Anzahl  frischer  Blätter  auf  einer  Blechschaufel  über  eine
Spiritusflamme.  Es  steigt  Wasserdampf  in  die  Höhe.  Ein  über  die  Pflanze  gehaltenes
  Glas  beschlägt  mit  Wassertropfen.  Das  Wasser  kommt  aus  der  Pflanze;  sie
muß  also  Wasser  in  sich  aufgenommen  haben.  Warum  begießt  man  die  Pflanzen?

2)  Bleiben  die  Pflanzenblätter  längere  Zeit  über  der  Flamme,  so  werden
sie  schwarz:  sie  verkohlen.  Die  Pflanze  besteht  also  auch  aus  Kohlenstoff.  Wie
aber  ist  dieser  in  die  Pflanze  hineingekommen?  Lassen  wir  die  Blätter  längere
Zeit  über  der  Flamme,  so  verbrennen  sie  zuletzt.  Es  bleibt  nur  Asche,  aber
keine  Kohle  zurück.  Wo  ist  die  Kohle  geblieben?  Sie  hat  sich  beim  Brennen
mit  dem  Sauerstoffe  der  Luft  verbunden  und  mit  diesem  „Kohlensäure“  gebildet.
Diese  entweicht  in  die  Luft.  Die  atmosphärische  Luft  enthält  stets  etwas  Kohlensäure.
  Auf  2500  !  atmosphärische  Luft  kommt  11  Kohlensäure.  Aus  dieser  nimmt
die  Pflanze  ihren  Bedarf.  Die  Kohlensäure  dringt  mit  der  Luft  in  die  Spaltöffnungen
ein,  die  sich  in  der  Oberhaut  der  Blätter  sowie  aller  übrigen  grünen  Pflanzenteil#-finden.
  (S.  187.)  Von  hier  aus  gelangt  sie  in  die  unter  der  Oberhaut  liegenden
Zellenschichten.  Dort  wird  sie  dann  in  Kohlenstoff  und  Sauerstoff  gespalten.  Dies
geschieht  mit  Hilfe  der  sogenannten  Blattgrünkörper  (S.  180)  und  zwar  durch
die  Kraft  des  Sonnenlichts  (also  nur  am  Tage).  Den  Kohlenstoff  verwendet  die
Pflanze  zu  ihrem  Aufbau,  den  Sauerstoff  aber  scheidet  sie  durch  die  Spaltöffnungen
(S.  187)  wieder  aus.  (Außerdem  gebraucht  die  Pflanze  auch  Stickstoff  (S.  332.
zu  ihrer  Nahrung.  Diesen  nimmt  sie  meist  in  Form  von  Salpetersäure  mit  der
Wurzel  aus  der  Erde  auf.  Uber  Sauerstoffaufnahme  s.  S.  1711)

3)  Nach  dem  Verbrennen  der  Blätter  bleibt  Asche  zurück.  Diese  besteht  aus
erdigen  (mineralischen)  Bestandteilen:  Kali,  Kalk,  Kiesel,  Eisen,  Schwefel,  Phosphor
  u.  s.  w.  Also  auch  diese  Bestandteile  müssen  der  Pflanze  als  Nährstoffe  zugeführt
  sein.  Wie  aber?  Wenn  wir  eine  Glasplatte  mit  einem  Tropfen  harten
        <pb n="176" />
        —  171  —

Brunnenwassers  über  die  Spiritusflamme  halten,  so  verdunstet  das  Wasser,  aber
es  bleibt  ein  Fleck  auf  dem  Glase  zurück.  Er  besteht  größtenteils  aus  Kalk.
Der  Kalk  war  im  Wasser  aufgelöst.  So  finden  sich  oft  auch  noch  andre  mineralische
Bestandteile  im  Wasser.  Es  sind  dieselben,  die  in  der  Asche  sind.  Das  Wasser
löst  sie  nämlich  in  der  Erde  vielfach  auf,  und  so  gelangen  sie  (durch  die  Wurzel)
in  die  Pflanze.  Man  nennt  diese  mineralischen  Nährstoffe  auch  „Nährsalze“.

7.  Das  Atmen  der  Pflanzen.

Die  Pflanze  ißt  und  trinkt  nicht  bloß,  sondern  sie  atmet  auch.  Ihre  Lungen
sind  die  Blätter  mit  ihren  Spaltöffnungen.  (S.  187.)  Mit  ihnen  atmet  sie
(gerade  wie  Mensch  und  Tier)  Sauerstoff  ein  und  Kohlensäure  aus.  Dieses  Atmen
ist  nicht  zu  verwechseln  mit  der  für  die  Ernährung  nötige  Aufnahme  des  Kohlenstoffes
  (S.  170),  wobei  die  Pflanze  Sauerstoff  ausscheidet,  während  sie  beim
Atmen  Kohlensäure  aushaucht.  Die  Menge  des  ausgeschiedenen  Sauerstoffes  ist
viel  größer  als  die  der  ausgeschiedenen  Kohlensäure.  Das  Ausscheiden  des
Sauerstoffes  findet  nur  am  Tage  (bei  Sonnenlicht)  statt,  während  das  Ausatmen
der  Kohlensäure  Tag  und  Nacht  vor  sich  geht.

B.  Schlußbetrachtung.

Scharbockskraut,  Himmelsschlüsselchen,  Buschwindröschen  und  Veilchen  wachsen
im  Walde,  auf  Waldwiesen,  am  Waldrande  u.  s.  w.  Der  Grund,  weshalb  sie  sich
grade  hier  ansiedeln,  liegt  teils  in  dem  Schutze  gegen  Wind  und  Kälte,  teils  in
dem  Nährstoffe,  der  ihnen  hier  geboten  wird.  Die  Nährstoffe  sind  in  dem  Erdboden
  verschieden  verteilt.  Mancher  Boden  enthält  viel  Kalk,  mancher  viel  Eisen,
mancher  viel  Kiesel  u.  s.  w.  Nun  ist  aber  auch  die  Nahrung  der  einzelnen
Pflanzen  verschieden.  Einige  lieben  mehr  Kalk,  andre  mehr  Eisen,  noch  andre
mehr  Kiesel  u.  s.  w.  Dazu  kommt  noch,  daß  einige  Pflanzen  sich  am  wohlsten
fühlen  im  Sonnenscheine,  andre  im  Schatten.  Einige  ziehen  den  Sumpf,  andre
den  trocknen  Boden  vor.  Ja,  manche  Nährstoffe,  die  für  die  eine  Pflanze  förderlich
  sind,  sind  für  die  andre  Gift.  Streut  man  z.  B.  auf  eine  Wiese,  die  mit
Gräsern,  Moosen  und  Knöterich  bewachsen  ist,  Holzasche,  so  sterben  die  Moose
ab,  die  Gräser  jedoch  wachsen  etwas  besser,  und  der  Knöterich  schießt  sogar
üppig  empor.  Klee,  mit  Gips  bestreut,  gedeiht  vorzüglich.  Gewisse  Farne  und
Gräser  aber  gehen  durch  Gips  zu  Grunde.  Wo  nun  die  Pflanze  das  findet,
was  ihr  am  meisten  zusagt,  da  siedelt  sie  sich  an.  So  erklärt  es  sich,  warum
einige  Pflanzen  nur  im  Walde,  andre  nur  im  Sumpfe  u.  s.  w.  zu  finden  sind.

II.  Der  Blumen  und  Obstgarten  im  Frühlinge.

1.  „Im  Garten,  im  Garten,  da  bin  ich  so  gern,  da  hüpf'  ich  und  spring'
ich  um  Baum  und  um  Beet.  Da  ruf'  ich  und  sing'  ich,  so  laut  es  nur  geht.
Im  Garten,  im  Garten,  da  bin  ich  so  gern!“  Die  Aprilschauer  sind  vorüber.
König  Mai  ist  im  Anzuge.  Jetzt  erwacht  alles  zu  neuem  Leben.  Auf  den  wohlgepflegten
  Beeten  halten  die  duftigen  Kinder  der  Blumenwelt  ihren  Einzug.  Das
Schneeglöckchen  eröffnet  den  Reigen.  Ihm  folgen  Krokus,  Tulpen,  Goldlack,
Päonien,  Narzissen,  Hyacinthen,  Kaiserkronen,  Aurikeln,  Lilien  u.  s.  w.,  eine
immer  noch  schöner  geschmückt  als  die  andre.  Auch  die  Beerensträucher  (Stachelbeere,
  Johannisbeere,  Himbeere)  wollen  nicht  zurückbleiben  und  treiben  Blätter
und  Blüten.  In  seinem  vollen  Schmucke  aber  erscheint  der  Garten  erst,  wenn
sich  auch  die  Obstbäume  ihren  prächtigen  Blütenmantel  umgehängt  haben.

2.  Auch  die  Tierwelt  im  Garten  ist  bereits  lebendig  geworden.  Hoch  oben
im  Birnbaume  singt  der  Star  vor  seinem  Kasten.  An  den  Stachelbeerblüten
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        —  172  —

summt  das  Bienchen  umher  und  sucht  sich  Honig,  und  im  Mai  schwirrt  auch
der  Maikäfer  mit  seinem  Gebrumm  lustig  zwischen  den  Baumzweigen  umher.

9.  Keimung.

Vor  etwa  8  Tagen  haben  wir  eine  Bohne  in  einen  Blumentopf  mit  feuchter,
warmer  Erde  gelegt.  Sie  ist  bereits  ausgegangen.  In  der  Erde  nahm  sie
Feuchtigkeit  in  sich  auf,  schwoll  an  und  zerplatzte.  Nach  unten  wuchs  ein  kleines
Würzelchen,  und  nach  oben  drängte  sich  der  Stengel  mit  den  beiden  Hälften  der
zerplatzten  Bohne  hervor.  An  dieser  können  wir  sehr  deutlich  die  Oberhaut  oder
Hülle  unterscheiden,  die  die  beiden  Samenlappen  umschloß.  Zwischen  den  Samenlappen
  lag  das  Federchen  oder  der  Keim,  aus  dem  sich  Wurzel  und  Stengel
bildeten.  Die  beiden  Samenlappen  enthalten  viel  Stärkemehl.  Dieses  dient  der
jungen  Pflanze  so  lange  zur  Nahrung,  bis  das  Würzelchen  kräftig  genug  ist,
selbst  Nahrung  aus  der  Erde  zu  saugen.  Dann  schrumpfen  die  Samenlappen  zusammen
  und  fallen  ab.  Die  Samen  der  Bohnen,  Gurken  und  unfrer  Getreidearten
  keimen  schon  nach  3  Tagen;  der  Kiefernsamen  gebraucht  aber  3  Wochen
und  ein  Pflaumenkern  viele  Monate  zum  Keimen.  Manche  Samen,  z.  B.  die
der  Kaffeepflanze  und  des  Kakao,  verlieren  ihre  Keimkraft  schon  nach  einigen
Wochen,  die  meisten  aber  erst  nach  einigen  Jahren.  Stelle  Keimversuche  an!

10.  Die  Tulpe.

1.  Zwiebel.  Beobachte  das  Keimen  einer  Tulpenzwiebel!  Eine  grüne  Spitze
kommt  aus  der  Zwiebel  hervor.  Das  ist  die  junge  Pflanze.  Es  keimt  also  nicht  der
Same  wie  bei  der  Bohne,  sondern  die  Zwiebel.  (Der  Same  ist  zur  Vermehrung
nicht  gut  geeignet,  da  er  sich  zu  langsam  entwickelt.)  Den  Nährstoff  für  die  junge
Pflanze  liefern  die  innern  Zwiebelschalen.  Zerdrücke  sie!  Sie  sind  fleischig  und  saftig.
Das  rührt  von  dem  Nährstoffe  her,  der  darin  im  Sommer  und  Herbste  aufgespeichert
  ist.  Er  ruht  im  Winter  in  den  Schalen  wie  in  einem  warmen  Keller.
—  Die  Zwiebel  ist  keine  Wurzel,  obwohl  sie  in  der  Erde  steckt.  (Warum  nicht?
S.  166.)  Sie  ist  vielmehr  ein  unterirdischer  Stengel,  wie  aus  folgendem  klar
hervorgeht.  Unten  an  der  Zwiebel  befindet  sich  eine  Scheibe,  der  „Zwiebelkuchen“.
Das  ist  der  eigentliche  Stamm  der  Tulpe,  obgleich  er  keine  große  Ausdehnung
in  die  Länge  zeigt,  sondern  kurz  und  breit  erscheint.  An  ihm  sitzen  wie  an  andern
Stämmen  und  Stengeln  Wurzeln  und  Blätter  (die  Zwiebelschalen).  Nur  sind  die
Blätter  nicht  wie  gewöhnlich  flach  ausgebreitet,  sondern  sie  umschließen  einander.
Desgleichen  fehlt  ihnen  die  grüne  Farbe  der  Laubblätter.  (S.  168.)  In  den
Achseln  der  Zwiebelschalen  bilden  sich,  von  diesen  geschützt,  während  des  Sommers
die  jungen  Zwiebeln  (Brutzwiebeln).  Aus  ihnen  entwickeln  sich  im  nächsten  Jahre
neue  Pflanzen.  Nach  unten  sendet  der  Zwiebelkuchen  (ähnlich  wie  wir  dies  bei
einem  gewöhnlichen  Stamme  finden)  zahlreiche  Wurzeln  in  die  Erde.

2.  Die  Blätter  bilden  Rinnen.  (Wozu?  S.  167.)  Den  Schaft  umfassen
sie  unten  wie  eine  Scheide,  um  ihn  vor  Kälte  zu  schützen.  Halte  ein  Tulpenblatt
  gegen  das  Licht!  Du  siehst  eine  Anzahl  heller  Streifen,  die  Blattnerven.
Das  sind  röhrenförmige  Gebilde,  die  auch  den  Namen  „Gefäßbündel“  führen.
Solche  Gefäßbündel  durchziehen  die  ganze  Pflanze  von  der  Wurzel  bis  zur  Spitze.
Sie  sind  Leitwege  für  die  Nährstoffe,  die  in  ihnen  teils  aufwärts,  teils  abwärts
steigen.  (S.  187.)  Daher  sind  sie  auch  nicht  den  Nerven,  sondern  den  Adern
zu  vergleichen.  Treten  sie  in  den  Blättern  dick  und  zweigartig  hervor,  so  nennt
man  sie  auch  „Rippen“,  da  sie  dem  Blatte  zugleich  Festigkeit  geben.

3.  Blüte.  Gewöhnlich  meint  man,  die  Blütenblätter  seien  der  wichtigste
Teil  der  Blüte.  Das  ist  jedoch  nicht  der  Fall.  Sie  bilden  nur  eine  Schutzhülle
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        —  173  —

und  laden  durch  ihre  bunte  Farbe  wie  ein  Wirtshausschild  die  Insekten  zum  Honigmahle
  ein.  Die  wesentlichsten  Teile  der  Blüte  sind  Staubblätter  und  Stempel,
da  durch  sie  allein  die  Bildung  der  Frucht  bewirkt  wird.  Ein  Staubblatt  besteht
aus  dem  Staubfaden  und  dem  Staubbeutel.  In  dem  Staubbeutel  entwickelt  sich
der  Blütenstaub,  Pollen  genannt.  Bei  der  Reife  springt  das  Beutelchen  auf,  der
Staub  fällt  heraus  und  wird  vom  Winde  oder  von  Insekten  von  Blume  zu  Blume
getragen.  In  der  Mitte  der  Staubblätter  steht  der  Stempel.  Der  obere  Teil
des  Stempels  heißt  Narbe,  der  untere  Fruchtknoten.  Bei  den  meisten  Pflanzen
findet  sich  zwischen  Fruchtknoten  und  Narbe  noch  der  Griffel  oder  Staubweg.  Bei
der  Tulpe  fehlt  er.  Die  Narbe  sitzt  unmittelbar  auf  dem  großen  Fruchtknoten.
Auf  der  Narbe  befindet  sich  eine  klebrige  Flüssigkeit,  die  den  Blütenstaub  festhält.
Dieser  Staub  treibt  hier  kleine  Schläuche,  die  in  den  Fruchtknoten  hineinwachsen
und  dort  die  Ausbildung  des  Samens  bewirken.  (S.  174.)  Duft  hat  die  Tulpenblüte
nicht,  sie  hat  ihn  auch  nicht  nötig,  da  ihre  Farben  für  die  Insekten  weithin  leuchten.

4.  Geschichtliches.  Die  Tulpe  stammt  aus  Persien.  Vor  etwa  400  Jahren
kam  sie  nach  Europa  und  wurde  später  mit  Vorliebe  in  Holland  gezogen.  Bald
fing  man  hier  einen  großartigen  Handel  mit  den  Zwiebeln  an.  Die  seltenern
Arten  wurden  sehr  teuer  bezahlt,  und  jedermann  war  bemüht,  solche  zu  züchten
und  in  den  Handel  zu  bringen.  Für  den  Verkauf  der  Tulpenzwiebeln  wurden
besondere  Markttage  festgesetzt,  und  Grafen  und  Handwerker,  Kaufleute  und
Tagelöhner  kauften  und  verkauften  sie.  Die  Preise  der  bessern  Sorten  waren
unglaublich  hoch;  eine  einzige  Zwiebel  wurde  zuweilen  mit  10—20000  bezahlt.
  Doch  nicht  lange  dauerte  dieser  „Tulpenschwindel“.  Ebenso  schnell,  wie
die  Tulpe  im  Preise  gestiegen  war,  sank  sie  wieder  herab.  Die  Stadt  Haarlem
aber  hat  die  Tulpenzucht  beibehalten  und  bringt  noch  heute  viele  Zwiebeln,
jedoch  zu  mäßigen  Preisen,  in  den  Handel.

11.  Selbstbestäubung,  Fremdbestäubung  und  Krenzung.

Man  nimmt  gewöhnlich  an,  daß  der  Blütenstaub  auf  die  Narbe  derselben
Blüte  fällt  und  so  die  Befruchtung  bewirkt  wird.  (Selbstbestäubung.)  Allein  dies
ist  häufig  nicht  der  Fall.  Bei  den  meisten  Pflanzen  findet  eine  Befruchtung  nur
dann  statt,  wenn  der  Blütenstaub  auf  die  Narbe  einer  andern  Blüte  gelangt.  Diese
Art  der  Befruchtung  heißt  Fremdbestäubung.  Sie  wird  entweder  vom  Winde,  von
den  Insekten  oder  auch  künstlich  (vom  Gärtner)  besorgt.  Man  kann  einen  solchen
künstlichen  Versuch  leicht  an  2  Tulpen  in  verschiedenen  Töpfen  und  Zimmern  ausführen.
  Zur  Blütezeit  streicht  man  nämlich  mit  einem  Pinsel  den  Blütenstaub
einer  Tulpe  auf  die  Narbe  derselben  Blüte,  sodann  auf  die  der  andern.  Letztere
Pflanze  allein  erzeugt  keimfähigen  Samen,  erstere  nur  tauben.  Findet  die  Fremdbestäubung
  zwischen  zwei  ungleichen  Arten  statt,  z.  B.  zwischen  rankenden  und  nicht
rankenden  Bohnen,  so  heißt  sie  Kreuzung.  Durch  die  Kreuzung  werden  nicht  bloß
kräftigere  Pflanzen,  sondern  auch  farbenreichere  Blüten  erzeugt.  Das  Stiefmütterchen
unfrer  Gärten  ist  dafür  der  beste  Beweis.  Bis  zum  Jahre  1810  war  es  in  seiner
jetzigen  Pracht  unbekannt,  es  wuchs  nur  auf  dem  Felde.  Da  erwählte  es  eine
junge  Engländerin  zu  ihrer  Lieblingsblume  und  verpflanzte  es  in  ihren  Garten.
Ihr  Gärtner  nahm  sich  des  Blümchens  an,  und  durch  Pflege  des  Bodens  und
durch  Kreuzungsversuche  gelang  es  ihm  bald,  die  prächtigsten  Arten  zu  gewinnen.

12.  Der  Kirschbaum.

1.  Blüte.  Betrachte  eine  Kirschblütel  Der  Blütenstiel  ist  oben  wie  ein  Kelch
erweitert.  Diese  Erweiterung  heißt  Blüten-  oder  Fruchtboden,  weil  darauf  die
Blüte  und  die  Frucht  ruht.  Am  Rande  dieses  Bodens  stehen  Kelch-,  Blüten=  und
        <pb n="179" />
        —  174  —

Staubblätter.  Koste  den  Blütenboden!  Er  schmeckt  süß,  denn  er  ist  mit  Honig  überzogen.
  Daher  besuchen  die  Bienen  die  Kirschblüte  gern.  Durch  das  leuchtende  Weiß  der
Blüten,  die  im  Frühlinge  den  Baum  über  und  über  bedecken,  werden  sie  angelockt.
2.  Wie  die  Kirsche  entsteht.  Wenn  das  Bienchen  kommt,  Honig  zu  naschen,

so  setzt  sich  der  Blütenstaub  an  den  Härchen  des  Bienchens  fest.  Später  wird  er
an  dem  Stempel  einer  andern  Blüte  wieder  abgestreift,  der
ihn  mit  seiner  klebrigen  Narbe  festhält.  (Wenn  man  die  Narbe
mit  den  Fingern  drückt,  bleibt  die  ganze  Blüte  daran  hängen.)
Von  hier  aus  wächst  jedes  Stäubchen  in  Form  eines  kleinen
Schlauches  durch  den  Griffel  in  den  Fruchtknoten.  (S.  Abb.))
In  diesem  liegt  eine  Samenknospe.  Sie  schwillt  jetzt  an  und
bildet  sich  mit  ihrer  Hülle  zur  Kirsche  aus.  —  Von  dem  Steine
6  haben  die  Kirschen  und  Pflaumen  den  Namen  „Steinfrucht"  32

Kirsch=  erhalten.  (S.  210.)  Hüte  dich,  Kirschkerne  zu  verschlucken!  Du  a.  Frucht-*0b½
  4  kannst  davon  sterben.  Auoten  im
durchger-  3.lKirschfliege.  Nicht  selten  finden  sich  Maden  in  den  schuttt,  be

schnitten.  reifen  Kirschen.  Sie  rühren  von  der  Kirschfliege  her,  die  ihre  gröbert.
Eier  in  die  jungen  Kirschen  legt.  Die  Maden  verpuppen  sich  in  der  Erde  unter
dem  Kirschbaume.  Umgrabe  den  Baum  und  zerstampfe  die  Erde  anfangs  Mai,
ehe  die  Fliege  auskriecht!  (Über  Kirschgummi  f.  S.  215))

13.  Knospen.

1.  Knospenbildung.  Brich  vor  Entfaltung  der  Blüten  und  Blätter  Zweiglein
von  verschiedenen  Bäumen!  Deutlich  noch  siehst  du  die  Narben,  die  die  Blätter
hinterließen,  als  sie  im  vergangenen  Herbste  bei  den  rauhen  Sturmwinden  vom
Baume  fielen.  Uber  jeder  Narbe  aber  hat  sich  schon  im  vorigen  Spätsommer  eine
Knospe  gebildet,  worin  wohlverwahrt  Blätter,  Blüten  oder  Triebe  des  nächsten  Jahres
schlummern.  Braune,  lederartige  Schalen  umschließen  die  zarten  Gebilde  so  eng  und
dicht,  daß  ihnen  selbst  die  grimmigste  Kälte  nichts  anhaben  kann.  Berühre  die  Knospen
mancher  Bäume  (z.  B.  die  der  Roßkastanie)  im  Frühjahre,  wenn  sie  aufbrechen  wollen,
mit  dem  Finger!  Sie  sind  klebrig.  Diese  klebrige  Masse  ist  ein  harzartiger  Stoff
und  wird  von  kleinen  Härchen  (Drüsenhaaren)  ausgeschieden.  Sie  dient  dazu,  die
Knospenschuppen  noch  fester  miteinander  zu  verkleben  und  so  das  Eindringen  der
Kälte  und  Feuchtigkeit  um  so  mehr  zu  verhindern.  Sobald  der  Saft  im  Frühjahre
in  die  Bäume  steigt,  gelangt  er  auch  in  die  Knospen.  Sie  schwellen  an,  die  Hülle
zerplatzt,  und  die  jungen  Blätter  und  Blüten  dringen  hervor.  —  Zuweilen  aber
werden  die  zarten  Sprossen  durch  Nachtfröste  oder  Raupen  wieder  vernichtet.  Doch
auch  in  diesem  Falle  bleiben  die  Zweige  meist  nicht  kahl.  Unter  der  Rinde  liegt  nämlich
bei  den  Knospen  der  meisten  Bäume  (Ausnahme  S.  186)  noch  eine  „Schlafknospe“
verborgen,  die  sich  nur  dann  entwickelt,  wenn  die  Hauptknospe  vernichtet  worden  ist.

2.  Knospenarten.  Manche  Knospen  bergen  nur  Blüten,  andre  nur  Blätter
und  noch  andre  Blüten  und  Blätter  zugleich  in  sich.  Wir  unterscheiden  demnach
Blütenknospen,  Blattknospen  und  gemischte  Knospen.  Die  Blütenknospen  und  besonders
  die  gemischten  Knospen  sind  dicker  als  die  Blattknospen.

14.  Der  Apfelbaum.

1.  Knospen  und  Blüten.  Ein  blühender  Apfelbaum  ist  so  recht  geeignet,
unser  Gemüt  zu  Gott  emporzuziehen.  „Mich“,  ruft  der  Baum  in  seiner  Pracht,
„mich“",  ruft  die  Saat,  „hat  Gott  gemacht!  Gebt  unserm  Gott  die  Ehre!“  So
lange  die  Blüten  in  den  Knospen  ruhen,  sind  sie  von  schuppenförmigen  Hüllblättchen
  gegen  Kälte  geschützt.  Sobald  sich  die  Knospen  öffnen,  fallen  die  Schuppen
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        —  175  —

als  nutzlos  ab.  Die  Triebe  und  Blätter  sind  anfangs  noch  durch  einen  Filzüberzug
  gegen  Kälte  und  zu  starke  Verdunstung  (S.  204)  geschäützt.

2.  Ohne  Bienen  keine  Apfel.  Am  Blütenboden  sitzt  Honig.  Daher  kommt
das  Bienchen  gern  zur  Blüte.  Und  das  ist  ein  Segen  für  uns,  denn  ohne  Bienen
keine  Apfel.  Die  Apfelblüte  kann  sich  nämlich  nicht  gut  allein  bestäuben,  da  die
Narben  früher  vertrocknen,  als  der  Blütenstaub  derselben  Blüte  ausreift.  Da  hilft
nun  das  Bienchen.  Von  der  rosaroten  Farbe  der  zahlreichen  Blüten  angelockt,
fliegt  es  herbei,  kriecht  in  die  Blüte  und  trägt  den  Blütenstaub  von  einer  Blüte
zur  andern.  Ohne  Bienen  bliebe  die  Bestäubung  aus.  Das  haben  am  besten  unfre
deutschen  Landsleute  in  Australien  erfahren.  Lange  Zeit  wollten  ihre  Apfelbäume,
die  sie  gepflanzt  hatten,  keine  Frucht  tragen.  Da  kam  ein  Imker  aus  der  Gegend
von  Lüneburg  dorthin.  Er  hatte  seine  Lieblingstiere,  die  Bienen,  mitgenommen,
und  siehe,  die  Obstbäume  dieses  Imkers  trugen  auf  einmal  reichlich  Früchte.

3.  Woraus  sich  der  junge  Apfel  bildet.  Der  junge  Apfel  bildet  sich  nicht  aus
dem  Fruchtknoten  allein,  sondern  auch  aus  dem  Fruchtboden.  (S.  173.)  Durchschneide
  ihn  wagerecht!  Du  erblickst  ein  Sternchen  mit  5  Strahlen  und  in  jedem
Strahle  2  Samenknospen.  Die  Strahlen  sind  die  Fruchtknoten  der  unten  verwachsenen
5  Griffel.  Mit  ihnen  und  dem  Kelche  ist  auch  der  Fruchtboden  verwachsen.  (S.  211.)

4.  Stamm.  Aus  dem  Querschnitte  eines  Holzstammes  erkennen  wir,  daß
der  Stamm  aus  Rinde,  Holz  und  Mark  besteht.  Rinde  sowohl  als  Holz  setzen  sich
aus  hohlcylinderartigen  Schichten  (beim  Holze  als  „Jahresringe“  bekannt)  zusammen.
  (Näheres  darüber  S.  186.)  Am  Holzkörper  unterscheiden  wir  außerdem  den
„Splint“  und  das  „Kernholz“.  Den  Splint  bilden  die  äußern,  meist  weichern  und
heller  gefärbten  Holzschichten,  das  „Kernholz“  die  innern,  festern  und  meist  dunkler
gefärbten.  Das  Splintholz  ist  jünger  als  das  Kernholz.  Merkwürdig  ist,  daß  für
das  Leben  des  Baumes  das  Kernholz  keine  große  Bedeutung  mehr  hat.  Es  kann
verfaulen,  ohne  daß  deshalb  der  Baum  abstirbt,  wie  wir  dies  an  hohlen  Weidenbäumen
  deutlich  sehen  können.  Der  Nährsaft  steigt  nämlich  im  Splinte  aufwärts
und  im  grünen,  lebenden  Rindenteile  abwärts.  (S.  187.)  —  Die  strahlenförmigen
Schichten,  die  wir  im  Holze  bemerken,  heißen  Markstrahlen  oder  Spiegelfasern.
Ihre  Zellen  dienen  im  Herbste  als  Vorratskammern  für  den  aufgespeicherten
Nahrungsstoff,  den  sie  im  Frühlinge  wieder  an  die  Knospen  abgeben.

5.  Wurzel.  Die  stärkste  Wurzel  geht  ziemlich  senkrecht  in  die  Erde  und  heißt
Hauptwurzel  (Stammwurzel,  Pfahlwurzel).  Sie  ist  aus  dem  Apfelkerne  entstanden.
Nur  solche  Pflanzen  haben  eine  Hauptwurzel,  die  aus  Samen  gezogen  sind,  alle
andern,  aus  Senkern,  Zwiebeln  u.  s.  w.  entstandenen  Pflanzen  haben  nur  Nebenwurzeln.
  Die  feinen,  fadenförmigen  Wurzeln  nennt  man  Wurzelfasern.  Ihre
Spitzen  sind  mit  einer  zarten  Hülle,  der  sogenannten  Wurzelhaube,  bekleidet.  Diese
schützt  einmal  die  vordringende  zarte  Wurzelspitze  vor  Verletzungen,  und  sodann
sondert  sie  eine  ätzende  Säure  aus,  wodurch  die  zur  Nahrung  der  Pflanze  dienenden
Mineralstoffe  aufgelöst  werden,  soweit  dies  nicht  schon  im  Wasser  geschehen  ist.  Rückwärts
  von  der  Wurzelhaube  finden  sich  an  der  Wurzel  die  äußerst  feinen,  kurzen
Saughärchen,  mit  denen  die  Pflanze  die  im  Erdboden  aufgelöste  Nahrung  aufsaugt.

15.  Veredelung.

1.  Die  verschiedenen  Apfelsorten  stammen  von  dem  noch  jetzt  in  unsern  Wäldern
  wildwachsenden  Holzapfel  ab.  Seine  Früchte  sind  sehr  herbe  und  fast  ungenießbar.
  Erst  durch  Veredelung  hat  man  die  bessern  Apfelsorten  gewonnen.  Auch  die
jungen  Apfelbäume,  die  der  Gärtner  aus  den  Kernen  edler  Apfelsorten  zieht,  bringen
nicht  so  gute  Früchte  wie  der  Mutterbaum.  Sie  müssen  daher  ebenfalls  veredelt
werden.  Das  Veredeln  geschieht  meist  durch  Kopulieren  oder  durch  Pfropfen.  Zum
        <pb n="181" />
        —  176  —

Kopulieren  wählt  man  vorzugsweise  junge  Bäumchen.  Meist  nimmt
man  es  schon  in  der  Baumschule  vor.  Im  Frühjahre  durchschneidet
man  die  Stämmchen  in  schräger  Richtung  und  setzt  auf  die  Schnittfläche
  ein  ebenfalls  schräg  geschnittenes,  genau  passendes  edles  Reis.
Dann  bindet  man  beide  Teile  mit  Lindenbast  zusammen  und  be—
streicht  den  Verband  mit  Baumwachs,  um  der  Luft  den  Zutritt  zu
verhindern.  Nach  3—6  Wochen  sind  meistens  beide  Teile  verwachsen.
2.  Das  Pfropfen  geschieht  gewöhnlich  ebenfalls  im  Frühjahre.
Man  unterscheidet  das  Pfropfen  in  den  Spalt  und  das  Pfropfen  in
die  Rinde.  Das  Pfropfen  in  den  Spalt  wendet  man  bei  stärkern
Stämmen  oder  deren  Zweigen  an.  Man  setzt  dabei  das  keilförmig
zugespitzte  Ende  des  Edelreises  so  in  den  Spalt,  daß  an  der  einen
Seite  Rinde  auf  Rinde  paßt.  Das  Pfropfen  in  die  Rinde  wendet
man  in  der  Regel  bei  jungen  Bäumen  an,  da  das  Pfropfen  in
den  Spalt  leicht  kranke  Stämme  erzeugt.  Bei  dieser  Pfropfweise
wird  das  Edelreis  unter  dem  untersten  Auge  mit  einem  QOuerschnitte
  versehen  und  von  hier  aus  schräg  zugespitzt.  Dann  schiebt
muan  das  zugespitzte  Ende  des  Reises  behutsam  zwischen  Rinde
9  uund  Holz  des  wagerecht  abgeschnittenen  Wildlings  und  legt  einen
Piropfen  Verband  von  Baumwachs  um  die  Schnittflächen.  (Eine  dritte
in  den  Spalt.  Art  der  Veredelung  ist  das  Okulieren,  S.  197.)

16.  Der  Star.

1.  Ankunft.  Aussehen.  Ein  häufiger  Gast  im  Garten  ist  der  Star.  Im
Starkasten  hoch  oben  im  Birnbaume  hat  er  sein  Nest.  Schon  Ende  Februar  kehrt
er  aus  der  Fremde  zurück.  In  der  Regel  geht  er  dahin,  wo  er  seine  Brutstätte
im  vorigen  Jahre  gehabt,  oder  wo  er  seine  Kindheit  verlebt  hat.  Sein  schwarzes
Gefieder  erglänzt  metallisch  grün  und  violett.  Im  Herbste,  nach  der  Mauserung
erhält  er  ein  dichteres  Winterkleid,  indem  sich  die  Federn  verlängern  und  weiße
Spitzen  erhalten.  Im  Frühlinge  fallen  die  Spitzen  wieder  ab.

2.  Nest.  Sein  Nest  baut  der  Star  gern  in  Höhlungen  alter  Laubwaldbäume.
Diese  haut  der  Mensch  aber  jetzt  vielfach  ab.  Darum  sorge  für  Starkasten!  Darin
siedelt  sich  der  Star  auch  gern  an  (jedoch  nur  dann,  wenn  das  Flugloch  nach  Osten
gerichtet  ist).  Vorsichtig  naht  er  sich  seinem  Häuslein.  Er  kennt  es  noch  vom
vorigen  Jahre  her.  Jetzt  huscht  er  ins  Loch  hinein.  Oben  aber  auf  dem  Wipfel
sitz  das  Weibchen.  Freudestrahlend  erscheint  doas.
Männchen  wieder  und  schlägt  mit  den  Flügeln.  Alles  s  ..  *+  ½  *“
ist  in  schönster  Ordnung.  Zuweilen  aber  giebtes  5½5  4
heiße  Kämpfe  mit  dem  Sperlinge,  der  im  Wintern
von  dem  Häuschen  Besitz  genommen  hat.  Ein  langern
Strohhalm,  der  vom  Kasten  herabhängt,  ist  sein
Wappen.  Der  Star  aber  dringt  ungestüm  auf  deo  9
frechen  Burschen  ein,  setzt  ihm  den  Schnabel  auf  diebbl–
Brust  und  wirft  ihn  zum  Hause  hinaus.  Nun  gett
es  ans  Nestbauen,  und  in  einigen  Wochen  piepen#ä.
schon  die  Jungen  im  Kasten.  Ist  die  erste  Blut
„flügge“  geworden,  dann  findet  nur  eine  kurze  z=Pause
  statt,  und  es  beginnt  die  zweite  Brut.

3.  Was  ein  Starnest  wert  ist.  In  einem  Starneste
  sitzen  meist  5  Junge.  Jedes  Junge  braucht  täglichhe
im  Durchschnitt  50  Raupen  (Schnecken  oder  Enger-  Der  Star.
        <pb n="182" />
        —  177  —

linge);  das  macht  auf  ein  Nest  an  einem  Tage  260  Stück.  Die  Fütterung  der
Jungen  dauert  rundweg  30  Tage,  macht  7500  Raupen.  Wenn  nun  jede  Raupe
täglich  nur  eine  Blüte  abfräße,  brächten  uns  die  7500  Raupen  um  7500  X  30
—  225.000  Blüten.  Nehmen  wir  nun  an,  daß  von  10  Blüten  immer  nur  eine
Frucht  brächte,  so  gäbe  das  doch  25  000  Früchte,  seien  es  Apfel  oder  Birnen.  So
viel  ist  also  ein  Starnest  wert.  Willst  du  noch  ein  Nest  zerstören?

4.  Im  Röhrichte.  Im  Sommer  verbringen  die  Stare  den  Tag  meistens
auf  dem  Felde.  Hoöchst  ergötzlich  sieht  es  aus,  wenn  sie  auf  dem  Rücken  der  Kühe
und  Schafe  sitzen,  um  ihnen  die  Insekten  abzulesen.  Des  Nachts  schlafen  sie  gewöhnlich
  in  Wäldern,  später  im  Röhrichte,  zu  dem  sie  in  großen  Scharen  hinziehen.
  Im  Oktober,  wenn  die  Nahrung  knapp  wird,  ziehen  sie  fort  nach  Süden.

17.  Der  Maikäfer.

1.  Baumschädling.  Ein  schlimmer  Feind  unsrer  Bäume  ist  der  Maikäfer.
Im  Mai,  wenn  die  Bäume  grün  werden,  stellt  er  sich  ein.  Das  frische  Laub  dient
ihm  zur  Nahrung.  Zuweilen  fressen  die  Maikäfer  die  Bäume  so  kahl  wie  Besenreis,
  weshalb  Gemeindeverwaltungen  u.  s.  w.  sie  in  manchen  Gegenden  sammeln
und  vernichten  lassen.  Warum  kann  —  —  —
ein  Baum  nicht  gedeihen,  wenn  er  —  —-seiner
  Blätter  beraubt  ist?  (S.  1871)  J
Die  Kinder  ziehen  gern  hinter  den  (00“  4
Maikäfern  her,  sie  zu  fangen.  Sie  v

 

   

singen  dann  auch  wohl  ein  Lied  dabeie  ..7
Maikäfer  flieg,  dein  Vater  ist  im  Krieegi  ——
u.  s.  w.  Schändlich  aber  ist  es,  diee.  Wo
armen  Käfer  zu  quälen!  ·

2.  Körperbau.  Der  Körper  des

Maikäfers  setzt  sich  aus  3  Hauptteilen
zusammen:  Kopf,  Brust  und  Hinterleib.
  Diese  3  Teile  hängen  nur  durch
eine  sehr  schmale  Verbindung  aneinander,
  so  daß  der  Körper  gleichsam
wie  eingekerbt  erscheint.  (Daher  der
Name  „Kerbtiere“  oder  Insekten
Einschnitttiere.)  Am  Kopfe  fallen
uns  die  beiden  fächerartigen  Fühler  B  *
auf.  Wozu  sie  dienen,  weiß  man  nicht2
genau,  vielleicht  nur  zum  Fühlen,  r  4%
vielleicht  aber  auch  zum  Riechen  und  ?  «"««"·
Hören.  Die  Brust  setzt  sich  aus  WVerwandlungsufen  des  Matkäfers.
3  Ringen  zusammen,  von  denen  der  mittlere  die  hornartigen  Flügeldecken,  der
letzte  aber  die  Flügel  trägt.  Die  Flügeldecken  schützen  die  Flügel.  Auf  der  Unterseite
  sitzt  an  jedem  Brustringe  ein  Beinpaar.  Jeder  Fuß  hat  2  Krallen  (zum
Festhalten  an  den  Blättern).

3.  Luftröhren,  Atemlöcher.  Der  Maikäfer  atmet  durch  feine  Luftröhren.
Diese  durchziehen  den  ganzen  Körper,  selbst  Flügel,  Fühler  und  Füße.  Mit  der
äußern  Luft  stehen  sie  durch  Atemlöcher,  die  sich  an  beiden  Seiten  des  Körpers
befinden,  in  Verbindung.  An  einzelnen  Stellen  erweitern  sich  die  Luftröhren  zu
nadelknopfgroßen  Luftsäcken.  Will  der  Maikäfer  fliegen,  so  hebt  er  die  Flügeldecken
etwas  in  die  Höhe  und  pumpt  die  Luftsäcke  voll  Luft;  diese  erleichtert  ihm  das
Fliegen.  Das  Pumpen  nennen  die  Kinder  „zählen“.

Realienbuch.,  B.  12
        <pb n="183" />
        —  178  —

4.  Verwandlung.  Etwa  6—8  Tage  nach  dem  ersten  Ausfluge  gräbt  sich  das
Weibchen  ein  8—10  em  tiefes  Loch  in  die  Erde  und  legt  20—30  gelbe  Eier  (S.  177  a)
hinein.  4—6  Wochen  später  kriechen  aus  den  Eiern  die  anfangs  sehr  kleinen  Engerlinge
  (b—f)  hervor.  Diese  nähren  sich  von  den  zarten  Wurzeln  des  Salates,  des
Kohles,  der  Bohnen,  Kartoffeln,  des  Roggens  u.  s.  w.  und  leben  3  Jahre  in  der
Erde.  Im  September  des  dritten  Jahres  steigt  der  Engerling  60—90  cm  tief
in  die  Erde  hinab,  macht  sich  eine  glatte,  eirunde  Höhle  zurecht  und  wird  zu
einer  rötlichgelben  Puppe  (g).  Anfangs  November  hat  sich  diese  in  einen  blassen,
weichen  Maikäfer  verwandelt,  der  bis  zum  kommenden  Frühjahre  ruhig  in  seiner
Wiege  bleibt.  Bis  dahin  ist  auch  sein  Panzer  braun  und  hart  geworden.  Wenn
dann  die  Erde  weich  und  warm  genug  ist,  steigt  er  nach  oben  (h)  und  fliegt
vergnügt  zum  ersten  besten  Baume  empor.  Im  nördlichen  Teile  Deutschlands
dauert  die  Verwandlung  4  Jahre;  in  Süddeutschland,  in  Frankreich  und  der
Schweiz  wiederholen  sich  die  Hauptflüge  alle  3  Jahre,  da  hier  die  wärmere  Temperatur
  die  Verwandlung  beschleunigt.

18.  Die  Biene.

1.  Körperbau.  Arten.  Während  der  Maikäfer  den  Bäumen  schadet,  nützt
ihnen  die  Biene.  (Wodurch?  S.  175.)  Der  Kopf  ist  nur  durch  ein  dünnes  Stielchen,
worin  die  Speiseröhre  liegt,  mit  der  Brust  verbunden.  Dadurch  wird  er  frei
beweglich.  Unterkiefer  und  Unterlippe  sind  zu  einem  Rüssel  verlängert.  Mit  diesem
saugt  die  Biene  den  Honig  aus  den  Blüten.  Als  Waffe  dient  ein  Giftstachel  am
Hinterleibe.  Er  ist  hervorstreckbar,  mit  Widerhaken  versehen  und  steht  mit  einem  nadelknopfgroßen
  Giftbläschen  in  Verbindung.  In  jedem  Stocke  giebt  es  Arbeiter,  Drohnen
  und  eine  Königin.  Die  Arbeiter  sind  am  kleinsten.  Die  Drohnen  (männliche

s  Bienen)  sind  leicht  an  ihrem  dicken  Körper  zu  erkennen;  sie
haben  keinen  Stachel.  Im  Spätsommer  werden  sie  von  den
Arbeitern  als  unnütze  Brotfresser  aus  dem  Stocke  getrieben
oder  mit  dem  Stachel  getötet.  Die  Königin  versorgt  die
Brutzellen  mit  Eiern.

2.  Schwärmen.  Im  Mai,  Juni  und  Juli,  wenn  die
junge  Brut  ausgekrochen  ist,  „schwärmen“  die  Bienen.  Am
Rande  der  Waben  sind  einige  große,  tonnenförmige  Zellen
in  senkrechter  Stellung  erbaut.  (S.  179  w.)  In  jeder  entsteht
eine  Königin.  Ist  eine  solche  junge  Königin  in  ihrer  Zelle
entwickelt,  so  läßt  sie  einen  tutenden  Ton  hören.  Dann
entsteht  die  größte  Unruhe  im  Korbe.  Ein  Teil  lagert  sich  vor
dem  Flugloche.  Im  Innern  aber  wird  es  immer  unruhiger,

5nunnd  endlich  zieht  die  alte  Königin  mit  etwa  15—20000  Arbeitern
  ab.  Da,  wo  sie  sich  auf  einen  Baum  niederläßt,
setzen  sie  sich  alle  über=  und  nebeneinander  und  bilden  eine
große  schwarze  Traube.  Der  Bienenvater  holt  nun  einen
leeren  Korb  und  thut  mit  einem  Flederwische  den  „Vorschwarm“
  hinein.  In  dem  alten  Stocke  ist  inzwischen  die
junge  Königin  aus  ihrer  Zelle  gebrochen  und  führt  das  Regiment
  weiter,  bis  sie  nach  einigen  Tagen  ebenfalls  mit  einem
·  Schwarme  abzieht.  In  guten  Jahren  schwärmt  ein  Stock
Giftstachel  einer  vier=  bis  fünfmal.
“  “n“——  3.  Honig  und  Wachs.  Ensig  fliegen  die  Bienen

P.  Gilblgschen.  2.  Gonf  von  einer  Blume  zur  andern,  um  Honig,  Blütenstaub  und

der  dowiunt.  deri  Harzteile  einzusammeln.  Den  Honig  lecken  sie  mit  dem  Rüssel
        <pb n="184" />
        —  179  —

auf,  verschlucken  ihn  und  würgen  ihn  zu  Hause  wieder  aus  dem  Honigmagen
hervor.  Den  Blütenstaub  streifen  sie  mit  den  Haaren  ihres  Körpers  ab,  fegen
ihn  mit  den  Füßen  zusammen  und  legen  ihn  in  Gestalt  kleiner  Ballen  („Höschen“)
in  das  sogenannte  Körbchen,  d.  i.  ein  Grübchen  an  den  Schienen  der  Hinterbeine.
  Sobald  sich  die  Biene  mit  einem  von  diesen  Schätzen  beladen  hat,  kehrt
sie  heim.  Den  Honig  trägt  sie  in  eine  Zelle.  Ist  diese  gefüllt,  so  wird  sie
mit  einem  Wachsdeckel  verschlossen.  Das  Höschen
  strampelt  sie  ab,  und  den  Blütenstaub
stampft  sie,  nachdem  sie  ihn  mit  Honig  vermischt
  hat,  in  einer  Zelle  fest.  Das  giebt  das
Bienenbrot,  das  einen  Hauptteil  ihrer  Nahrung
ausmacht.  Hinter  dem  Honigmagen  liegt  der
Wachsmagen.  Der  darin  aufgenommenee  „
Blütenhonig  schwitzt  als  Wachs  zwischen  den  Bienenzellen.

mittlern  Bauchringen  aus.  Die  Biene  nimmt  es  mit  ihren  Füßen  ab,  vermischt
es  mit  Speichel  und  bereitet  daraus  die  stets  senkrecht  hängenden  Waben.  Diese
bestehen  aus  einer  doppelten  Zellenschicht,  an  der  man  die  sechseckigen  Arbeiterzellen
  (a),  die  etwas  größern  Drohnenzellen  (d)  und  die  tonnenförmigen  Königinzellen
  (w)  unterscheidet.

4.  Wohnung.  Die  wildlebenden  Bienen  suchen  sich  Baumlöcher  zu  ihren
Wohnungen  auf.  Beim  Bienenzüchter  (Imker)  aber  wohnen  die  Bienen  gewöhnlich
in  rundlichen  Strohkörben,  deren  Vorderseite  mit  einem  Flugloche  versehen  ist.
Mehrfach  wendet  man  jetzt  aber  auch  schon  den  viel  praktischern,  nach  seinem
Erfinder  benannten  „Dzierzonstock“  an.  Er  besteht  aus  einem  viereckigen  Kasten
mit  Holz=  oder  Strohwänden.  Darin  sind  viereckige  Holzrähmchen  so  aufgehängt,
daß  sie  sich  beqguem  hineinbringen  und  herausnehmen  lassen.  In  diese  bauen  die
Bienen  ihre  Waben  hinein.  Will  der  Bienenvater  im  Herbste  die  Honigernte
halten,  so  nimmt  er  die  Rahmen  mit  den  gefüllten  Honigwaben  heraus.  Er  hat
so  nicht  nötig,  das  ganze  Bienenvolk  erst  mit  dem  unter  dem  Bienenkorbe  angezündeten
  „Schwefellappen“  zu  töten.

19.  Schlußbetrachtung.

1.  Tulpe,  Kirschbaum,  Apfelbaum  u.  s.  w.  sind  keine  wildwachsenden,  sondern
  angebaute  Pflanzen.  Sie  haben  sich  nicht  (wie  z.  B.  die  Wasserpflanzen
u.  a.)  nach  eigner  Wahl  im  Garten  zusammengefunden,  sondern  sind  von
Menschenhand  hierher  verpflanzt.  Die  meisten  von  ihnen  würden  anch  als  wildwachsende
  Pflanzen  gar  nicht  gedeihen;  denn  sie  bedürfen  einer  sorgfältigen  Pflege.

2.  Die  Tulpe  gehört  zu  den  Zierpflanzen.  Nenne  noch  andre  Zierpflanzen!
Sauerkirsche  und  Apfelbäume  dagegen  sind  Obstbäume.  Welche  andern  Obstbäume
kennst  Du?  Die  Obstbäume  sind  für  den  Menschen  sehr  wertvoll  durch  ihre  wohlschmeckenden
  Früchte.  Leider  giebt  es  gar  mancherlei  Insekten,  die  ihnen  Schaden
zufügen.  Zu  diesen  gehört  auch  der  Maikäser.  Daß  aber  die  Feinde  der  Obstbäume
nicht  überhand  nehmen,  dafür  sorgen  die  Singvögel.  Besonders  ist  es  der  Star,  der
ganz  gehörig  unter  den  Maikäfern  aufräumt.  Auch  das  Bienchen  stellt  sich  gern
bei  den  Obstbäumen  ein.  Es  will  Honig  aus  den  Blüten  naschen.  Davon  hat
aber  der  Baum  keinen  Schaden,  sondern  großen  Nutzen,  und  mit  ihm  der  Mensch.

III.  Die  Wiese  im  Frühlinge.
Sobald  der  Schnee  geschmolzen  ist,  eilt  der  Landmann  hinaus,  um  seine

Wiese  in  Stand  und  Ordnung  zu  bringen.  Da  giebt  es  mancherlei  zu  thun,  wie
Steine  abzulesen,  Maulwurfs=  und  Ameisenhügel  zu  ebnen  u.  s.  w.  Wo  die  Gräben

127
        <pb n="185" />
        —  180  —

verstopft  sind,  da  muß  dem  Wasser  freie  Bahn  geschaffen  werden.  Wer  nicht
schon  im  Herbste  gedüngt  hat,  holt  jetzt  noch  das  Versäumte  nach  und  fährt  Asche,
Komposterde  oder  Jauche  auf  die  Wiesen.  Um  magere  Wiesen  kleereicher  zu
machen,  überstreut  sie  der  Landmann  mit  Mergel  oder  Kalk.  Saure  Moorwiesen
aber  überschüttet  er  mit  guter  Erde.  Sie  bringen  dann  „süße“  Gräser  hervor.
Diese  unterscheidet  man  gewöhnlich  von  den  „sauern“  (Segge,  Binsen  u.  s.  w.)
dadurch,  daß  sie  hohle  Halme  und  vorstehende  Knoten  haben.  (Die  „sauern“
Gräser  werden  vom  Vieh  nicht  gern  gefressen.)  Wo  ein  Bach  in  der  Nähe  ist,
da  lohnt  es  sich,  eine  „Rieselwiese“  anzulegen.  Eine  solche  muß  durchaus  eben
und  von  vielen  Rinnen  durchzogen  sein.  So  oft  man  es  nun  für  gut  findet,
staut  man  das  Wasser  im  Bache  auf,  so  daß  es  in  die  Rinnen  fließen  muß.

90.  Die  Sumpfdotterblume.

1.  Standort  und  Name.  Die  Sumpbfdotterblume  wächst  auf  sumpfigen
Wiesen  und  an  Gräben.  Ihren  Namen  verdankt  sie  ihrem  Standorte  (Sumpf)
und  ihrer  Blüte,  die  durch  Farbe  und  Gestalt  an  das  Eidotter  erinnert.

2.  Stengel  und  Blätter.  Drücke  den  Stengel!  Er  ist  sehr  saftreich.  Die
Blätter  sind  dick  und  ebenfalls  sehr  saftreich,  namentlich  wenn  die  Pflanze  dicht
am  Wasser  wächst.  Auch  sind  sie  sehr  groß.  Die  Dotterblume  hat  nämlich  viel
Wasser  nötig.  Damit  sie  nun  fortwährend  frisches  aufsaugen  kann,  muß  sie  das
alte  wieder  ausdunsten.  Je  größer  aber  die  Blätter,  desto  schneller  die  Verdunstung.
Zugleich  können  die  großen  Blätter  viel  Sonnenwärme  aufsaugen.  Das  ist  nötig,
da  es  im  Sumpfe  kühl  ist.  Am  Grunde  haben  die  Blätter  einen  tiefen  Einschnitt.
Dadurch  lassen  sie  leichter  Luft  und  Sonnenlicht  durch.  (S.  181.)  Die  untern  Blätter
sind  größer  und  haben  längere  Blattstiele  als  die  obern.  Vorteil:  Sie  werden  dadurch
von  den  obern  Blättern  nicht  zu  sehr  beschattet.  Der  Stengel  ist  gabelförmig  verzweigt.
  Dadurch  gewinnen  Blüten  und  Blätter  Raum  für  die  Sonne.  Der  Blattstiel
der  untern  Blätter  umfaßt  den  Stengel  an  der  Gabel  mit  einer  schützenden  Scheide.

3.  Blüte  und  Frucht.  Die  großen,  gelben,  kelchlosen  (S.  169)  Blüten  leuchten
weithin.  (Wozu?  S.  173.)  Die  Fruchthülle  hat  sich  aus  einem  einzigen  Blatte  gebildet,
  das  an  den  Rändern  zu  einer  Naht  zusammengewachsen  ist  und  den  Samen
schützend  umschließt.  Zur  Zeit  der  Reife  springt  die  Naht  auf.  Wozu?  (S.  191.)

4.  Sumpfpflanzen  meist  kahl.  Die  Sumpfdotterblume  ist  kahl.  Dies  ist
fast  bei  allen  Sumpfpflanzen  der  Fall,  während  die  Pflanzen  auf  trocknem  Boden
oft  sehr  dicht  mit  Haaren  bedeckt  sind,  wie  z.  B.  Königskerze,  Habichtskraut  u.  a.
Die  Wurzeln  der  Sumpfgewächse  können  nämlich  aus  dem  nassen  Boden  reichlich
so  viel  Nahrung  ziehen,  als  die  Pflanze  zu  ihrer  Erhaltung  bedarf.  Anders  ist
das  bei  den  Pflanzen  auf  trocknem  Boden.  Hier  fehlt  es  nicht  selten  an  dem
nötigen  Nahrungsstoffe,  so  daß  die  feinen  Wurzelhärchen  oft  vergeblich  sangen.
Dann  aber  schützen  die  Haare  die  Pflanze  oft  vor  dem  gänzlichen  Vertrocknen,
indem  sie  sich  wie  eine  Decke  über  die  Pflanze  legen  und  so  die  zu  große  Verdunstung
  verhindern.  (S.  204.)  (Wasser  in  einer  verdeckten  Schale  trocknet  langsamer
aus  als  in  einer  offenen.)  Hierdurch  erklärt  es  sich  auch,  warum  das  Vergißmeinnicht
  im  Bache  kahl,  im  Uferlande  dagegen  mit  vielen  Haaren  besetzt  ist.  (S.  198.)

LI.  Blattgrün  (Thlorophyll).

Die  grünen  Pflanzenteile  verdanken  ihre  Farbe  einem  besondern  Farbstoffe,
dem  Blattgrün.  (Zweck  des  Blattgrüns  S.  187.)  Das  Blattgrün  ist  an  sehr
kleine,  meist  linsenförmige  Körper  gebunden.  Man  nennt  sie  Blattgrünkörper.  Sie
finden  sich  in  den  Zellen  aller  Pflanzen,  mit  Ausnahme  der  Pilze  sowie  der  meisten
andern  Schmarotzer.  Bei  der  Bildung  des  Blattgrüns  ist  das  Licht  von  höchster
        <pb n="186" />
        —  181  —

Bedeutung.  Eine  im  Dunkeln  keimende  Kartoffel  erzeugt  kein  Blattgrün  und  erscheint
daher  fast  farblos  und  durchsichtig.  Im  Herbste  schrumpfen  die  Blattgrünkörner  zusammen
  und  nehmen  eine  gelbliche  Farbe  an.  Auch  füllen  sich  viele  Zellen  mit  einem
roten  Safte,  und  so  entstehen  im  Herbste  der  bunte  Farbenschmuck  der  Blätter  und
die  roten  Bäckchen  der  Apfel  und  Birnen.  Der  Farbenschmuck  der  Blüten  hat  verschiedene
  Ursachen.  Meist  rührt  er  daher,  daß  sich  das  Blattgrün  chemisch  verändert.

22.  Das  Wiesenschaumkraut.

1.  Kuckucksspeichel.  Ihren  Namen  hat  die  Pflanze  von  dem  sogenannten
„Kuckucksspeichel“,  der  sich  nicht  selten  an  ihr  findet.  Kinder  pflegen  zu  sagen,
der  Kuckuck  habe  ihn  an  die  Pflanze  gespieen.  Bei  näherer  Untersuchung  jedoch
finden  wir  fast  regelmäßig  unter  dem  Schaume  ein  kleines,  hellgrau  gefärbtes
Tierchen  verborgen.  Das  ist  die  Larve  der  Schaumzirpe.  Das  Weibchen  dieses
Insekts  legt  nämlich  im  Herbste  seine  Eier  in  den  Erdboden,  in  Baumritzen  u.  s.  w.
Im  April  schlüpfen  die  Larven  aus,  kriechen  an  verschiedenen  Pflanzen  empor  und
umgeben  sich  zu  ihrem  Schutze  mit  Schaum,  der  aus  den  Poren  ihres  Körpers
hervortritt.  Der  Schaum  schützt  sie  gegen  Sonnenstrahlen,  Vögel  u.  s.  w.

2.  Fiederblatt.  Das  Blatt  des  Wiesenschaumkrauts  erinnert  in  seiner  Gestalt
  an  eine  Feder.  Es  ist  aus  mehreren  Blättchen  zusammengesetzt.  Zu  beiden
Seiten  des  gemeinschaftlichen  Blattstiels  sind  links  und  rechts  kleine  Blättchen
eingelenkt,  die  man  Fiederblättchen  nennt.  Solche  Blätter  gewähren  den  Vorteil,
daß  sie  die  Sonnenstrahlen  leichter  auf  die  untern  durchlassen.  Die  obern  Blätter
sind  kleiner  als  die  untern  und  beschatten  diese  nicht  allzusehr.

3.  Pflanzenentwicklung  aus  einem  Blatte.  Legt  man  das  Endfiederblättchen
  eines  ältern  grundständigen  Blattes  aufs  Wasser,  so  bilden  sich  auf
diesem  Blättchen  nach  einigen  Wochen  kleine  Knospen.  Diese  bringen  zunächst
Wurzeln,  später  aber  auch  Stengel  und  Blätter  und  somit  vollständig  neue
Pflanzen  hervor.  Auf  diese  Weise  werden  überschwemmte  Wiesen  zuweilen  auf
weite  Strecken  mit  Wiesenschaumkraut  bedeckt.  (Auch  noch  andre  Pflanzen  vermehren
  sich  durch  Blätter,  namentlich  Schiefblattgewächse  (Begonien).  Stecke  ein
Blatt  davon  2  cm  tief  in  Heideerde  und  bedecke  es  mit  einer  Glasglocke!  Bald
treibt  es  Wurzeln  und  bildet  eine  neue  Pflanze.)

4.  Kreuzblüte.  Die  4  Blütenblätter  sind  ebenso  wie  die  4  Kelchblätter
kreuzförmig  gestellt.  Eine  solche  Blüte  wird  „Kreuzblüte“  genannt.  In  der
Blüte  stehen  6  Staubblätter,  vier  größere  und  zwei  kleinere.  Vorteil:  Der  Blütenstaub
  kann  leicht  von  den  Körperteilen  des  honigsuchenden  Insekts  gestreift  werden.

5.  Schote.  Aus  dem  langen  Fruchtknoten  entwickelt  sich  die  längliche
Frucht.  Sie  besteht  aus  zwei  schützenden  Schalen  und  einer  dünnhäutigen
Scheidewand,  woran  der  Same  sitzt.  Zur  Zeit  der  Reife  springen  die  Klappen
von  unten  nach  oben  auf  und  gestatten  den  Samen  den  Ausweg.  Man  nennt
eine  solche  Frucht  Schote.  (Vergl.  Erbse  S.  1901)

93.  Fette  Gle.

Zerquetsche  das  Samenkorn  des  Wiesenschaumkrauts  oder  des  Rapses  zwischen
Papier!  Das  Papier  wird  fettig.  In  dem  Samenkorne  ist  also  Fett  enthalten.
Dieses  Fett  nennt  man  Ol.  Zerdrücke  auch  eine  Erbse  oder  Linse  zwischen
Papier!  Es  wird  nicht  fettig.  Diese  Samen  enthalten  also  kein  Hl,  sondern
einen  andern  Stoff,  nämlich  Stärkemehl.  Jedes  Samenkörnchen  besitzt  einen
Vorrat  von  Nahrungsstoffen,  von  dem  sich  das  junge  Pflänzchen  in  den  ersten
Tagen  ernährt.  Dieser  Nahrungsvorrat  tritt  besonders  in  zweierlei  Form  auf,
entweder  als  Stärkemehl  oder  als  Ol.  Bohnen  und  Erbsen  haben  viel  Mehl;
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        —  182  —

Raps  dagegen  ist  reich  an  fetten  Olen,  ebenso  Rübsen,  Hanf,  Mohn,  Lein,
Oliven  u.  s.  w.  Das  Olivenöl  (Baumöl)  preßt  man  aus  den  fleischigen  Früchten
(Oliven)  des  Olbaums.  Die  fetten  Ole  machen  bleibende  Fettflecke.  (S.  196.)

24.  Das  gefsleckte  Knabenkraut.

1.  Name.  Zu  Ehren  der  römischen  Göttin  des  Ackerbaues  (Ceres)  wurden
feierliche  Umzüge  veranstaltet,  bei  denen  die  Knaben,  die  an  der  Spitze  dieser
Umzüge  marschierten,  mit  Knabenkrautkränzen  geschmückt  waren.  Daher  der  Name
der  Pflanze.  In  manchen  Gegenden  heißt  sie  auch  noch  „Marienthräne“,  weil
nach  einer  frommen  Sage  die  schwärzlichen  Flecke  der  Blätter  durch  die  Thränen
entstanden  sind,  die  einst  die  heilige  Jungfrau  Maria  auf  sie  weinte.

2.  Die  Wurzel  entspringt  am  Grunde  des  Stengels.  Unterhalb  der  Wurzel
sitzen  die  beiden  handförmigen  Knollen.  Die  eine  sieht  welk  aus  und  fällt  durch
ihre  Runzeln  und  ihre  dunklere  Färbung  auf;  die  andre  fühlt  sich  fest  an,  ist  frisch
und  saftig  und  hell  von  Farbe.  Die  welke  ist  die  ältere  Mutterknolle.  Aus  ihr
ist  die  diesjährige  Pflanze  entstanden,  die  den  schleimigen  Inhalt  (Stärkemehl  u.  s.  w.)
als  Nahrungsstoff  verzehrt  hat.  Die  feste  Knolle  dagegen  ist  die  neugebildete,
worin  die  junge  Pflanze  des  nächsten  Jahres  schlummert.  In  der  alten,  runzligen
und  schwärzlich  gefärbten  Knolle  sah  man  früher  die  „Teufelshand“,  in  der  weiß
gefärbten  jungen  die  „Marienhand“.  Um  den  Unterschied  beider  zu  zeigen,  legte
sie  der  Kräutersammler  aufs  Wasser.  Sah  man  dann  die  schwarze  Knolle  untersinken,
  so  glaubte  man,  es  geschähe  dies  ihrer  giftigen  Säfte  wegen,  während
die  neue  Knolle  ihrer  heilsamen  Säfte  halber  vom  Wasser  getragen  würde.

3.  Die  Blüten  haben  sich  zu  einer  großen,  lockern  Ahre  zusammengedrängt;
denn  so  erregt  ihre  rote  Farbe  besser  die  Aufmerksamkeit  der  Insekten,  als  wenn
jedes  Blütchen  einzeln  für  sich  zerstreut  stände.  Einen  Stiel  hat  die  einzelne
Blüte  nicht.  Das,  was  man  dafür  halten  könnte,  ist  der  lange  Fruchtknoten.
Die  obern  5  Blütenblätter  legen  sich  wie  ein  helmartiges  Schutzdach  über  den
Honig,  der  sich  in  bem  Sporne  des  untersten,  sechsten  Blütenblattes  findet.

25.  Bestäubung  durch  Insekten.

1.  Wie  notwendig  die  Mitwirkung  der  Insekten  bei  der  Befruchtung  vieler
Pflanzen  ist,  sehen  wir  besonders  am  Knabenkraute.  Stempel  und  Staubblatt
desselben  sind  zu  einem  Körper,  der  „Griffelsäule“,  verwachsen.  Das  Staubblatt
enthält  in  2  Fächern  den  Blütenstaub.  Die  Pollenkörner  werden  aber  von  einem
klebrigen  Safte  zusammengehalten  und  bilden  in  jedem  der  beiden  Fächer  einen
wachsähnlichen  Körper.  Sie  sind  deshalb  verhindert,  auseinander  zu  stäuben,
und  können  nicht  durch  Selbstbestäubung  auf  die  Narbe  gelangen.  Es  würde
sich  daher  keine  Frucht  bilden,  wenn  nicht  der  Blütenstaub  in  andrer  Weise  auf
die  Narbe  getragen  würde.  Dies  geschieht  nämlich  durch  Insekten.

2.  Wunderbar  ist  es,  wie  nun  auch  der  ganze  Blütenbau  für  die  Insektenbestäubung
  eingerichtet  ist.  Das  unterste  Blatt  des  innern  der  beiden  Blütenblattkreise
  breitet  sich  nach  vorn  zu  einer  dreilappigen  „Honiglippe“  aus  und  ge—
währt  wegen  seiner  Breite  dem  Insekt  einen  bequemen  Anflugsplatz.  Auch  scheint
es  ihm  durch  seine  lebhaft  punktierte  Färbung  (das  „Saftmal“)  gleichsam  den
Weg  zu  dem  süßen  Mahle  im  Honigsporn  zu  zeigen.  Sobald  das  Insekt  auf  der
geräumigen  Honiglippe  Platz  genommen,  steckt  es  seinen  Rüssel  in  den  Sporn.
Dabei  stößt  es  aber  mit  dem  Kopfe  an  ein  kleines  Näpfchen  der  Griffelsäule
(das  „Schnäbelchen“),  das  bei  der  Berührung  wie  eine  elastische  Feder  zurückspringt.
  In  die  Flüssigkeit  des  Näpfchens  ragt  der  wachsähnliche  Körper  des
Staubblattes  mit  seinem  untersten  Teile  (dem  „Klebscheibchen"“)  hinein.  Sobald
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        —  183  —

nun  das  Insekt  das  „Schnäbelchen“  mit  seinem  Kopfe  berührt,  springt  dieses
zurück,  und  plötzlich  sitzen  die  Pollenmassen  mit  den  Klebscheibchen  auf  den  Augen
des  erstaunten  Insekts  fest.  Unwillig  fliegt  es  zur  Blüte  einer  andern  Pflanze.
Unterwegs  biegen  sich  die  anfangs  senkrecht  stehenden  Stielchen  der  beiden  Pollenkörper
  von  selbst  wagerecht,  und  so  stößt  die  Fliege  mit  ihnen  bei  der  nächsten
Blüte  an  die  Narbe  und  überträgt  auf  diese  den  Blütenstaub.

96.  Der  Storch.

1.  Ankunft.  Ein  häufiger  Gast  der  Wiese  ist  der  Storch.  „Hurra,  hurral
Der  Storch  ist  wieder  dal“  So  jubeln  die  Kinder,  wenn  sie  Ende  März  den
ersten  Klapperstorch  sehen.  Zuerst  stellt  sich  das  Männchen  ein  und  nimmt  das
vorjährige  Nest  mit  lautem  Schnabelgeklapper  in  Besitz.  Nach  einigen  Tagen
fliegt  es  wieder  fort,  kommt  aber  bald,  und  zwar  mit  seinem  Weibchen,  zurück.

2.  Auf  der  Froschjagd.  Vom  Scheunendache  begiebt  sich  der  Storch  auf
die  Wiese,  um  Frösche  zu  fangen.  Er  weiß  ganz  genau,  wann  es  bei  uns  wieder
Frösche  giebt,  und  nicht  eher  kommt  er,  als  bis  diese  aus  ihrem  Winterschlafe
erwacht  sind.  Zur  Froschjagd  ist  er  aber  auch  besonders  gut  ausgerüstet.  Die
langen,  roten  Beine  sind  am  Unterschenkel  nicht  befiedert.  Mit  ihnen  kann  er  bequem
durchs  hohe  Gras  und  durchs  Wasser  waten.  Man  nennt  sie  daher  Watbeine.  Die
äußere  und  die  mittlere  Vorderzehe  sind  am  Grunde  durch  eine  Spannhaut  verbunden,
  wodurch  das  zu  tiefe  Einsinken  in  den  Sumpf  verhindert  wird.  Der
lange  Schnabel  ist  sein  Spieß  und  seine  Zange;  mit  ihm  kann  er  den  Frosch  leicht
aus  dem  tiefen  Sumpfe  hervorholen.  Will  der  Frosch  aber  weghüpfen,  so  reckt
der  Storch  schnell  seinen  langen  Hals  gerade  aus,  und  bald  hat  er  den  Flüchtling
eingeholt.  Gewahrt  er  auf  seiner  Jagd  etwas  Ungewöhnliches,  so  steht  er  plötzlich
  still  auf  einem  Beine  und  reckt  den  Kopf  forschend  in  die  Höhe.  Minutenlang
vermag  er  in  dieser  Stellung  zu  verweilen.  Droht  ihm  Gefahr,  so  macht  er  einige
Sprünge  und  erhebt  sich  in  die  Luft.  Beim  Fliegen  hat  er  seine  Beine  nach  hinten
gestreckt  und  bedient  sich  ihrer  —  da  sein  Schwanz  sehr  kurz  ist  —  als  Steuer.

3.  Nutzen  und  Schaden.  Der  Storch  bringt  zwar  mancherlei  Nutzen,
indem  er  allerlei  schädliche  Tiere  fängt,  z.  B.  Mäuse,  Kreuzottern  u.  s.  w.  Aber
leider  richtet  er  auch  mancherlei  Schaden  an;  denn  er  macht  auch  Jagd  auf  sehr
viele  nützliche  Tiere.  Er  ist  sogar  ein  arger  Räuber.  Findet  er  auf  der  Wiese
oder  im  Felde  Vogelnester,  so  frißt  er  Eier  und  Junge.  Seinen  Jungen
schleppt  er  ganze  Vogelnester  zu.  Das  junge  Häschen  nimmt  er  der  Alten  weg,
und  mag  sich  diese  noch  so  mutig  dagegen  wehren.  Die  Maulwürfe  spießt  er,
wenn  sie  aufstoßen.  Er  geht  ins  Wasser  und  fängt  sich  dort  handlange  Fische.
Auch  frißt  er  Eidechsen,  Blindschleichen  und  Ringelnattern.  Ebenso  fängt  er  dem
Imker  die  Bienen  auf  blumigen  Wiesen  weg.

4.  Sein  Nest  baut  der  Storch  gern  auf  einem  großen  Wagenrade,  das  ihm
der  Landmann  auf  den  First  des  Scheunendachs  gelegt  hat.  Bald  nach  seiner
Rückkehr  bessert  er  das  alte  Nest  aus  und  macht  darin  ein  weiches  Lager  zurecht.
  Dann  legt  die  Störchin  drei  bis  vier  weiße  Eier  und  brütet  sie  aus.  Nach
4  Wochen  kommen  die  Jungen  hervor.  Anfangs  werden  sie  mit  Regenwürmern,
Raupen,  Maden  u.  s.  w.  gefüttert;  später  aber  bekommen  sie  auch  Frösche.  Die
Beute  —  ebenso  wie  das  Trinkwasser  für  die  Jungen  —  schleppt  der  Storch
in  seinem  Kehlsacke  herbei.  Dieser  ist  oft  so  vollgepfropft,  daß  der  Schnabel
kaum  geschlossen  werden  kann.  Wahrhaft  rührend  ist  die  Liebe  der  Alten  zu  den
Jungen.  Einst  brannte  das  Scheunendach,  auf  dem  ein  Storchnest  mit  Jungen
saß.  Da  flog  die  Störchin  herbei  und  umkreiste  ängstlich  das  Nest,  bis  sie
zuletzt  selbst  von  den  Flammen  ergriffen  wurde  und  so  mit  den  Jungen  starb.
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        —  184  —

5.  Auf  der  Wanderschaft.  Im  Juli  und  August  versammeln  sich  die
Störche  auf  großen  Wiesen  und  ziehen  dann,  sobald  das  Futter  knapper  wird,
fort  nach  Agypten.  Dort  halten  sie  sich  an  den  schilfreichen  Sümpfen  des  gerade
aus  seinem  Ufer  getretenen  Nils  auf,  wo  es  Frösche  in  Hülle  und  Fülle  giebt.

V7.  Schlußbetrachtung.

1.  Sumpfdotterblume,  Wiesenschaumkraut  und  Knabenkraut  gehören  zu  den
bekanntesten  Wiesenblumen.  Drückt  man  an  ihrem  Stengel,  so  kommt  eine  Menge
Saft  heraus.  Sie  haben  also  viel  Wasser  aufgesogen.  Das  Wasser  haben  sie
zu  ihrem  Wachstum  nötig.  Darum  haben  sie  sich  auch  auf  dem  feuchten  Wiesenboden
  angesiedelt,  wo  Wasser  in  Menge  ist.

Wasser  ist  für  jede  Pflanze  unentbehrlich,  denn  nur  durch  Wasser  kann  sie
die  Nährsalze  zu  sich  nehmen.  (Warum?  S.  166.)  Das  Wasser  selbst  dient
keineswegs  immer  unmittelbar  als  Nährstoff.  Es  ist  meist  nur  das  Zuleitungs-=mittel,
  das  Bächlein,  das  der  Pflanze  die  Nährsalze  zuführt.  Daher  erklärt  es
sich  auch,  warum  die  meisten  Pflanzen  so  viel  Wasser  bedürfen  und  bei  anhaltender
  Dürre  vertrocknen.  Die  meisten  Pflanzen  bestehen  wenigstens  zu  ½  aus  Wasser,
während  die  trocknen  Bestandteile  nur  ½  der  Pflanze  ausmachen.  Viele  Wiesenund
  Wasserpflanzen  enthalten  sogar  noch  mehr  Wasser.  So  wog  ein  Büschel  Torfmoos,
  das  im  frischen  Zustande  25  g  schwer  war,  ausgetrocknet  nur  noch  2½  g.

2.  Die  Wiesenblumen  locken  eine  Menge  Tiere  an,  die  hier  meistens  ihre
Nahrung  suchen.  Am  Wies2enschaumkraute  leben  die  Larven  der  Schaumcikade.
Aus  ihnen  entwickeln  sich  im  Sommer  die  bekannten  kleinen  „Wiesenhüpfer“,  die,
wenn  man  die  Grashalme  anrührt,  oft  in  großer  Zahl  davonspringen.  Das
Knabenkraut  wird  von  allerlei  Insekten  besucht,  die  hier  Honig  naschen  wollen.
Am  Klee  saugt  die  Hummel  (S.  194),  am  Löwenzahn  die  Biene,  und  am
Grase  nagt  das  Heupferd.  Auch  zahlreiche  Fliegen  und  Mücken  finden  hier
auf  der  Wiese  ihre  Kost.  Durch  die  Insekten  werden  aber  wieder  größere  Tiere
herbeigelockt,  so  besonders  der  Frosch,  der  hier  Fliegen  und  Mücken  fängt,  und  der
Maulwurf,  der  im  Wiesenboden  Larven  und  Würmer  aller  Art  findet.  Durch  den
Frosch  wird  wiederum  auch  der  Storch  auf  die  Wiese  gelockt,  der  hier  seine  Froschjagden
  macht  und  dabei  gelegentlich  auch  Maulwürfe,  Bienen,  Heuschrecken  u.  s.  w.  fängt.

IV.  Der  Wald  zur  Maienzeit.

Es  ist  ein  sonniger  Maientag.  Frische,  kühle  Waldluft  umgiebt  uns.  Ein
schwellendes  Mooslager  ladet  uns  zum  Ausruhen  ein.  Uber  uns  rauschen  Buchen
und  Eichen  im  ersten  Maiengrün,  und  aus  der  Ferne  schimmert  uns  die  weiße
Rinde  der  Birke  gar  freundlich  entgegen.  Hier  entfaltet  das  Farnkraut  bereits  seine
Wedel;  dort  lächeln  uns  Goldnessel,  Maiglöckchen  u.  a.  Waldblumen  freundlich  an.  —
Und  welch  ein  reges  Leben  in  der  Tierwelt!  Im  Wipfel  hüpft  das  muntere  Eichhörnchen.
  Unten  aber  raschelt's  im  Laube  —  es  ist  die  flinke  Eidechse.  Horch,  da
knackt  es  im  Gebüsch!  Ein  Reh  läuft  durchs  dichte  Unterholz.  Jetzt  wieder  ist
alles  still.  Plötzlich  erklingt's  tick!  tick!  tack!  tack!  —  Der  Specht  hämmert  am
Baume,  und  dazwischen  erschallt  das  anmutige  Rufen  des  Kuckucks.

28.  Waldluft.

An  heißen  Sommertagen  fühlt  man  sich  im  Walde  von  der  herrlichen  Luft
außerordentlich  erquickt.  Es  ist,  als  ob  die  Brust  hier  leichter  aufatme.  Lange  Zeit
hat  man  geglaubt,  daß  dies  lediglich  von  dem  Sauerstoffe  herrühre,  der  von  den
Pflanzen  ausgeschieden  wird  (S.  170)  und  der  deshalb  hier  in  besonders  reichem
Maße  vorhanden  sein  müsse.  Neure  Forschungen  haben  jedoch  gezeigt,  daß  man
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        —  185  —

hierin  etwas  zu  weit  gegangen  ist.  Das,  was  uns  die  Waldluft  im  Sommer  so
angenehm  macht,  ist  nämlich  besonders  auch  ihre  Reinheit,  ihr  würziger  Duft  und
ihre  Kühle.  —  Wenn  der  Sauerstoff  der  Luft  mit  Terpentin  in  Berührung  kommt
—  wie  dies  besonders  in  Nadelwäldern  geschieht  —  so  geht  eine  Veränderung  mit
ihm  vor,  und  er  nimmt  alsdann  einen  sehr  scharfen  Geruch  an.  Man  nennt  ihn
in  diesem  Zustande  „Ozon“  und  schreibt  ihm  heilkräftige  Wirkung  zu.

29.  Die  Kiefer  und  ihre  Feinde.  I.

.  1.  Nadeln.  Die  Blätter  (Nadeln)  der  Kiefer  sind  schmal  und  spitz.  Sie
bieten  daher  nur  eine  geringe  Verdunstungsfläche  dar.  (S.  204.)  Auch  haben  sie
eine  starke  Oberhaut.  Dies  schützt  den  Baum,  der  oft  auf  ausgedörrtem  Sandboden
wächst,  vor  Vertrocknung.  Je  2  und  2  Nadeln  stehen  beisammen  und  werden  am
Grunde  von  Deckblättchen  wie  von  einer  schützenden  Scheide  umhüllt.  Erst  im
dritten  (oder  vierten)  Jahre  fallen  die  Nadeln  ab.  Da  nun  in  jedem  Jahre  neue
Triebe  mit  frischen  Nadeln  hinzuwachsen,  so  sitzen  an  der  Kiefer  im  Winter  2,  im
Sommer  3  Jahrgänge  von  Nadeln.  Daher  erscheint  sie  immer  grün:  ein  treffliches
Bild  der  Hoffnung  und  Beständigkeit.  —  Aus  den  Nadeln  bereitet  man  eine  Art
Wolle,  die  „Waldwolle".  Sie  dient  zur  Füllung  von  Matratzen,  Bettkissen  u.  s.  w.
Auch  zu  Bädern  benutzt  man  die  Nadeln.  (Kiefern=  und  Fichtennadelbäder!)

2.  Blüten.  Jeder  Baum  trägt  zweierlei  Blüten,  gelbe  und  purpurrote.  Die
gelben  sind  die  Staubblüten,  die  roten  die  Stempelblüten.  Die  Staubblüten  finden
sich  am  Grunde  der  jungen  Triebe.  Sie  bilden  kleine  Kätzchen,  von  denen  mehrere
an  einer  gemeinschaftlichen  Achse  stehen.  Schneide  ein  einzelnes  Kätzchen  der  Länge
nach  auf!  Du  siehst  eine  fleischige  Mittelsäule  mit  vielen  Staubblättern.  Schüttle
einen  Zweig  mit  Kätzchen!  Es  steigen  gelbe  Wolken  von  Blütenstaub  auf.  Der
Staub  kann  also  leicht  vom  Winde  auf  die  Stempelkätzchen  getrieben  werden.  Wird
er  durch  den  Regen  in  größerer  Menge  zu  Boden  geschlagen,  so  meinen  manche  Leute
wohl  gar,  es  habe  Schwefel  geregnet.  Die  Stempelblüten  sitzen  an  der  Spitze
der  jungen  Zweige,  weil  sie  hier  leichter  von  dem  Blütenstaube  getroffen  werden.
Ihre  Achse  (Spindel)  trägt  zahlreiche  Schupyen,  die  später  mit  ihr  zu  einem  Zapfen
verholzen.  (S.  215.)  An  der  Innenseite  jeder  Schuppe  liegen  2  Samenknospen.  Die
schützende  Fruchtknotenhülle  fehlt  ihnen.  Die  Schuppen  reichen  zum  Schutze  völlig  aus.

3.  Triebe.  Am  Ende  des  Sommers  bilden  sich  an  den  Spitzen  der  jungen
Zweige  kleine  Knospen.  Diese  bestehen  aus  trocknen,  harzigen  Blättern,  die  sich
kugelig  zusammenschließen  und  so  als  Schutzhülle  den  Anfang  zum  nächsten  Jahrestriebe

  bedecken.  Im  Juni  und  Juli  des  nächsten  Jahres  entwickelt  sich  die  Knospe
in  etwa  4  Wochen  zu  einem  30—100  cm  ot6

   

  

    

    

  

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s-  —-Eaben



langen  Zweige.  An  einem  jungen  Stamme  17  5
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stehen  die  Zweige  stets  kreisförmig  um  «
den  Stamm  und  bilben  einen  wuir  Ann
mählich  sterben  die  untern  Aste  ab,  da
ihnen  in  dicht  geschlossenen  Beständen  dass
Licht  fehlt.  Hier  sind  daher  die  schlanken
Stämme  fast  bis  zur  Krone  astlos.  Einzeln
  stehende  Kiefern  behalten  auch  die
untern  Aste.  n
4.  Feinde.  Die  Kiefer  hat  zahlln
reiche  Feinde.  Die  schlimmsten  sind  diee#
Raupen  des  Kiefernspinners  und  der
Nonne  sowie  der  Fichtenborkenkäfer.  Der  -«-·"
Kiefernspinner  schwärmt  an  warmen  Die  Nonne.

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        —  186  —

Juliabenden.  Jedes  Weibchen  legt  dann  100—200  Eier  in  die  Rinde  oder  an
die  Zweige  und  Nadeln  der  Kiefer.  Wenn  diese  Eier  alle  auskommen,  so  beträgt
die  Nachkommenschaft  eines  einzigen  Schmetterlings  in  3  Jahren  schon  über  eine
Million.  Nach  20—25  Tagen  kriechen  die  Raupen  aus.  Sie  machen  sich  sofort
über  die  Nadeln  her.  Tag  und  Nacht  kauen  sie  unaufhörlich,  und  ihrer  viele  fressen
in  einigen  Wochen  einen  ganzen  Wald  kahl.  Die  Bäume  vertrocknen  dann.  (Die
Schlafknospen  fehlen  den  Nadelbäumen.  S.  174.)  —  Die  Nonne  fiel  1853  in  Rußland
  in  solcher  Menge  ein,  daß  ihr  Erscheinen  einem  Schneegestöber  glich;  20  Jahre
hauste  sie  hier.  110  Mill.  chm  trocknes  Holz  mußte  abgeschlagen  werden.  —
Der  Fichtenborkenkäfer  gräbt  sich  unter  der  Rinde  lange  Gänge,  zerstört  den  Bast
und  damit  den  Saftstrom  (S.  187)  und  vernichtet  so  zuweilen  ganze  Wälder.

30.  Jahresringe  und  Rinde.

1.  Jahresringe.  An  der  Schnittfläche  eines  quer  durchgesägten  Baumstammes
bemerkt  man  eine  Anzahl  um  denselben  Mittelpunkt  herumlaufende  Kreise.  In
jedem  Jahre  ist  der  Baum  um  einen  solchen  Kreis  oder  Ring  gewachsen.  Daher
heißen  die  Kreise  Jahresringe.  Diese  Jahresringe  sind  aber  keine  wirklichen  Ringe,
sondern  gewissermaßen  übereinander  gelegte  Hohlcylinder,  von  denen  derzjenige,
welcher  das  Mark  umschließt,  der  älteste  ist.  Ihre  Zahl  giebt  uns  das  Alter  des
Baumes  oder  Astes  an.  Aus  dem  Wachstum  des  Holzes  in  jährlichen  Schichten
erklärt  sich  manche  merkwürdige  Erscheinung.  Schneidet  man  z.  B.  eine  Inschrift
in  einen  Baum,  die  bis  in  den  Splint  hinabreicht,  so  erhält  sie  sich  nicht  nur
in  der  Rinde,  sondern  auch  im  Holze,  wo  sie  mit  jungen  Schichten  bedeckt  wird.
So  findet  sich  im  Pariser  Museum  ein  im  Jahre  1805  gefällter  Buchenstamm,
dessen  Rinde  die  Jahreszahl  1750  trägt;  dieselbe  Zahl  findet  sich  aber  auch  im
Innern  des  Stammes,  von  genau  55  Jahresschichten  bedeckt.

2.  Rinde.  Die  Rinde  besteht  wie  das  Holz  ebenfalls  aus  mehreren  Schichten.
In  jedem  Jahre  setzt  sich  aber  hier  nach  innen  zu  eine  neue  Schicht  an,  also
umgekehrt  wie  beim  Holze.  Die  alte  Rinde  wird  nach  außen  gedrängt,  von  dem
wachsenden  Holze  ausgedehnt  und  so  auseinander  gerissen.  Sie  schützt  den  Ab=  und
Zuleitungsstrom  des  Saftes  (S.  175  u.  187)  vor  nagenden  Tieren.  Die  alte,  meist
rissige  Rinde  heißt  Borke.  Aus  dem  Wachstum  der  Rinde  erklärt  sich  ebenfalls
manche  merkwürdige  Erscheinung.  Wenn  man  z.  B.  2  Nähgel  in  einen  ältern
Baumstamm  in  gleicher  Höhe  so  einschlägt,  daß  sie  nur  in  die  Rinde  eindringen,
so  entfernen  sie  sich  mit  jedem  Jahr  immer  mehr  voneinander.  Schlägt  man  sie
dagegen  senkrecht  übereinander,  so  bleibt  ihr  gegenseitiger  Abstand  unverändert.  —
Namen  und  Jahreszahlen,  die  man  in  die  Rinde  einschneidet,  werden  mit  der  Zeit
in  die  Breite  gezerrt,  behalten  aber  ihre  Länge  bei.

31.  Die  Birke.

1.  Standort.  Die  Birke  ist  genügsam  und  nimmt  mit  magerm,  trocknem
Boden  vorlieb.  Auch  kann  sie  viel  Kälte  vertragen;  sie  wagt  sich  von  unsern  Waldbäumen
  am  weitesten  nach  Norden,  selbst  bis  nach  Grönland  hinauf.

2.  Der  Stamm  ist  mit  weißer  Rinde  umgeben,  die  weithin  leuchtet.  Sie
löst  sich  leicht  in  Streifen  los  und  läßt  deutlich  erkennen,  daß  sie  aus  Schichten
besteht.  (S.  oben!)  Bei  jüngern  Zweigen  ist  sie  braun  mit  hellern  Flecken.  Die
Flecke  sind  „Rindenporen“.  Durch  sie  tritt  Luft  in  die  lebende  Rinde.

3.  Die  Blüten  bilden  Kätzchen.  Staub=  und  Stempelkätzchen  stehen  auf
ein  und  derselben  Pflanze,  weshalb  man  die  Birke  zu  den  „einhäusigen  Pflanzen“
rechnet.  Von  diesen  unterscheidet  man  die  „zweihäusigen“,  bei  denen  der  eine  Stamm
nur  Staubkätzchen,  der  andre  nur  Stempelkätzchen  trägt.  (Weidel)  Die  Staubkätzchen
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        —  187  —

der  Birke  bilden  sich  schon  im  Herbste,  und  während  des  Winters  sieht  man  sie  bereits
paarweise  an  den  Zweigen  hängen.  Die  Schuppen  sind  jedoch  dann  zum  Schutze
noch  dicht  geschlossen.  Sie  öffnen  sich  erst  im  Frühlinge.  Die  Stempelkätzchen  sind  viel
kleiner  als  die  Staubkätzchen.  Während  des  Winters  ruhen  sie  in  dichtumhüllten
Knospen.  Im  Sommer  bilden  sie  kleine  Zapfen,  zwischen  deren  schützenden  Schuppen
sich  die  mit  zwei  häutigen  Flügeln  (S.  208)  versehenen  Früchte  entwickelt  haben.

32.  Saftströmung.

1.  Aufsteigender  Saftstrom.  Wenn  man  im  Frühjahre  in  den  Stamm  der
Birke  ein  Loch  bohrt,  so  fließt  ein  süßschmeckender  Saft  („Birkenwasser“)  heraus.
Dieser  dient  dem  Baume  zur  Nahrung.  Wird  ihm  der  Saft  in  übermäßiger
Weise  entzogen,  so  muß  er  vertrocknen.  Das  von  den  Wurzeln  aufgesogene  Wasser
steigt  in  dem  Holze  von  Zelle  zu  Zelle  aufwärts  bis  in  die  höchsten  Spitzen  des
Baumes.  In  den  Blättern  angelangt,  verdunstet  es  jedoch  größtenteils  wieder
und  zwar  aus  den  sogenannten  Spaltöffnungen.  Das  sind  kleine  Löcher,  die  sich
in  der  Oberhaut  der  Blätter  (sowie  aller  grünen  Pflanzenteile)  finden.  Aus
ihnen  steigt  beständig  Wasserdampf  empor.  Die  Hauptmasse  des  aufsteigenden
Wassers  dient  nämlich  nur  dazu,  die  Nährsalze  aus  dem  Boden  in  die  Pflanze
zu  befördern,  ist  also  weiter  nichts  als  ein  Zuleitungsmittel.  (S.  184.)  Hat
dieses  Wasser  seinen  Zweck  erreicht,  so  scheidet  es  wieder  aus  der  Pflanze  aus  und
läßt  nur  die  Salze  zurück.  Wir  können  diese  Verdunstung  deutlich  wahrnehmen,
wenn  wir  frische  Blätter  bei  warmer  Temperatur  unter  eine  Glasglocke  stellen.
Die  Glocke  wird  alsbald  mit  kleinen  Wassertropfen  beschlagen,  die  von  dem  ent—
weichenden  Wasserdampfe  der  Pflanze  herrühren,  der  sich  an  das  Glas  setzt  und
hier  verdichtet.  Eine  Kohlpflanze  verdunstet  z.  B.  in  12  Stunden  bei  +  18°  C.
über  250,  eine  Sonnenblume  sogar  über  500  g  Wasser.

2.  In  der  Pflanzenküche.  In  den  Blättern  geht  eine  merkwürdige  Umwandlung
  des  „rohen  Nährstoffes“  vor.  Die  Blätter  sind  nämlich  die  Küche  der
Pflanze.  „Ein  Teil  ihrer  Zellen  sind  die  Kochtöpfe,  das  Feuer  ist  das  Sonnenlicht,
  und  der  Küchenmeister  sind  die  Blattgrünkörper.“  (S.  180.)  In  diesen
Kochtöpfen  verbinden  sich  die  Salze,  die  durch  die  Wurzel  aus  der  Erde  aufgesogen
  sind,  mit  dem  Kohlenstoffe,  den  die  Blätter  aus  der  Kohlensäure  der
Luft  aufgenommen  haben,  und  dem  Wasserstoffe  des  Wassers.  (S.  333.)  So
entstehen  verschiedene  neue  Stoffe,  z.  B.  Stärkemehl.  Diese  Stoffe  erst  bilden  die
eigentliche  Nährspeise  der  Pflanzen.

3.  Absteigender  Saftstrom.  Von  den  Blättern  wandern  die  Nährstoffe  durch
die  Blattstiele  zurück  (S.  172  u.  175)  und  werden  an  verschiedenen  Stellen
verbraucht,  z.  B.  bei  der  Neubildung  von  Wurzeln  und  Früchten  und  bei  der
Knospenbildung  im  Herbste.  Die  Blätter  sind  daher  zur  Ernährung  der  Pflanze
durchaus  notwendig.  Ein  Obstbaum,  den  die  Raupen  kahl  gefressen  haben,  bringt
kein  Obst  zur  Reife.  Stachelbeerbüsche,  die  durch  Raupen  ihrer  Blätter  beraubt
sind,  haben  nur  kleine,  welke  Früchte  von  schlechtem  Geschmacke.

33.  Die  Eiche  und  ihre  Zewohner.  I.

1.  Bau.  Die  Eiche  liebt  feuchten  Boden.  Sie  treibt  daher  ihre  gewaltige  Pfahlwurzel
  2—3  m  tief  in  die  Erde.  Dort  erst  steht  das  Grundwasser.  Ihre  Nebenwurzeln
  treibt  sie  seitwärts  bis  dahin,  wo  das  Regenwasser  am  Umfang  der  Krone
von  den  Blättern  tropft.  Hier  entsteht  eine  kreisförmige  Traufe.  (Regenschirm!)  Der
knorrige  Stamm  ist  von  einer  dicken,  rissigen  Rinde  umgeben.  Wie  sind  die  Risse
entstanden?  (S.  186.)  Er  erreicht  eine  Höhe  von  25—30  m  und  hat  zuweilen
solchen  Umfang,  daß  ihn  5—6  Mann  kaum  umspannen  können.  Mit  seiner  Riesen-
        <pb n="193" />
        —  188  —

kraft  trotzt  er  den  wütendsten  Stürmen.  Er  ist  daher  ein  Sinnbild  der  Kraft.  Das
Stammholz  ist  wegen  seiner  Festigkeit  besonders  zu  Wasserbauten  (Hafenanlagen),
zum  Schiffsbau,  zu  Mühlenwellen  u.  s.  w.  geeignet.  Die  Blätter  entwickeln  sich  später
als  die  der  andern  Waldbäume  und  sind  am  Rande  mit  großen,  runden  Ein=  und
Ausschnitten  versehen:  das  Blatt  ist  „gebuchtet“.  Vorteil:  Sie  lassen  das  Sonnenlicht
  leicht  durch.  Die  Blüten  erscheinen  im  Monat  Mai.  Jeder  Baum  trägt
zweierlei  Blüten:  Staub=  und  Stempelblüten.  Die  Staubblüten  stehen  in  lockern,
grünlichgelben  Kätzchen.  Bei  den  Stempelblüten  ist  der  Fruchtknoten  von  einer
Anzahl  kleiner  Schüppchen  umgeben,  so  daß  die  Blüten  die  Gestalt  kleiner  Köpfchen
haben.  Aus  ihnen  entwickeln  sich  die  Eicheln.  (S.  215.)

2.  Ihre  Bewohner.  Die  Eiche  ist  ein  gastfreundlicher  Baum  und  gewährt
Hunderten  von  Tieren  Kost  und  Obdach.  Hoch  oben  im  Wipfel  hat  das  niedliche
Eichhörnchen  sein  Nest.  Aus  einer  Höhlung  des  Baumes  schlüpft  abends  der  Waldkauz.
  Unten  an  der  Wurzel  lauert  die  Blindschleiche  auf  eine  der  zahlreichen
Schnecken,  die  sich  oben  im  Eichenlaube  sättigen.  Auch  der  Specht  und  Kuckuck
statten  dem  Eichbaume  fleißig  Besuche  ab,  um  unter  den  zahlreichen  Insekten,  die
hier  herbergen,  reiche  Beute  zu  machen.  Besonders  aber  merken  wir  uns  von
den  Eichbaumbewohnern  noch  folgende:

a.  Die  Gallwespe.  An  den  Blättern  des  Eichbaums  sieht  man  nicht  selten
kugelförmige  Auswüchse,  die  man  Galläpfel  nennt.  In  der  Mitte  eines  solchen
Apfels  befindet  sich  eine  runde  Kammer,  worin  eine  weiße  Made  liegt.  Während
  des  Winters  verpuppt  sie  sich.  Im  nächsten  Januar  kriecht  aus  der  Puppe
eine  Schlupfwespe,  die  ihren  Kerker  durchbohrt  und  so  ins  Freie  gelangt.  Gleich
darauf  sucht  sie  eine  der  Knospen  des  Eichbaums  auf  und  legt  ein  Ei  hinein.
Zugleich  dringt  eine  scharfe  Flüssigkeit  in  die  Wunde,  und  so  entwickelt  sich  die
Knospe  zu  einer  länglichrunden  Galle.  Aus  dieser  schlüpft  Ende  Mai  oder  Anfang
  Juni  wieder  eine  Gallwespe  hervor,  die  jedoch  etwas  anders  aussieht  als
ihre  Mutter.  Dieses  junge  Geschöpf  schiebt  nun  ein  Ei  in  die  Blattrippen  eines
Eichblattes,  und  hier  entsteht  dann  wieder  ein  rotbäckiger  Gallapfel.

b.  Der  Hirschkäfer.  Die  Männchen  werden  ihrer  geweihartigen  Oberkiefer
wegen  von  den  Knaben  gern  gesucht.  Die  Engerlinge  leben  etwa  5  Jahre  im  Holze
der  Eichen.  Während  dieser  Zeit  nagen  sie  —  ebenso  wie  die  schädlichen  Larven
des  Eichenbocks  —  mit  ihrem  Gebisse  große  Gänge  in  das  Stammholz  der  gesundesten
  Eichen.  Deshalb  sieht  auch  der  Forstmann  den  Hirschkäfer  nicht  gern.
Im  Mai  des  5.  oder  6.  Jahres  entwickelt  sich  die  Larve  zur  Puppe  und  im  Juni
—  wenn  das  Laub  den  Baum  schmückt  —  zum  Käfer.  Dieser  lebt  nur  wenige
Wochen.  Am  Tage  sitzt  er  am  Stamme  und  leckt  den  Saft  auf,  der  aus  wunden
Stellen  des  Baumes  fließt.  Abends  aber  schwirrt  er  am  Eichbaume  umher.

34.  Der  Kuckuck,  ein  Waldhüter.

1.  Ankunft.  Aussehen.  Der  Kuckuck  ist  ein  vorzüglicher  Waldhüter.  Ende
April  oder  Anfang  Mai,  wenn  das  Heer  der  Insekten  wach  geworden  ist,  erscheint
  er  und  läßt  seinen  bekannten  Ruf:  Kuckuck!  Kuckuck!  erschallen.  Alt  und
jung  freut  sich  des  Frühlingsverkünders,  und  das  Kind  zählt  nicht  selten  seine
Rufe,  um  zu  erfahren,  „wie  lang  es  leben  soll“.  Nur  das  Männchen  läßt  den
bekannten  Kuckucksruf  hören.  Die  Stimme  des  Weibchens  ist  ein  helles  Kichern,
das  dem  Lachen  eines  Menschen  nicht  unähnlich  ist.  Der  Kuckuck  ist  ungemein  scheu.
Er  fliegt  sofort  davon,  wenn  sich  ihm  ein  Mensch  naht.  Nur  selten  glückt  es,  ganz
in  seine  Nähe  zu  kommen.  Er  hat  etwa  die  Größe  einer  Taube.  Sein  Gefieder
sieht  oben  graublau  aus,  ist  aber  an  der  Unterseite  weiß  und  schwarz  gebändert.
Die  eine  Zehe  des  Kuckucks  ist  eine  Wendezehe,  d.  h.  sie  kann  nach  vorn  und  hinten
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        —  189  —

gerichtet  werden,  so  daß  gewöhnlich  2  Zehen  nach  vorn  und  2  nach  hinten  stehen.
Dadurch  erhält  der  Vogel  beim  Sitzen  auf  den  Zweigen  einen  sichern  Stützpunkt.

2.  Nahrung.  Der  Kuckuck  leistet  dem  Forstmanne  einen  sehr  wichtigen  Dienst.
Sein  großer  Magen  vermag  nämlich  auch  solche  Raupen  zu  verdauen,  die  ihrer
Haare  wegen  von  andern  Vögeln  verschmäht  werden.  Mit  Vorliebe  verspeist  der
Kuckuck  die  haarigen  Raupen  des  Prozessionsspinners,  die,  in  Reihen  geordnet,  von
Eichbaum  zu  Eichbaum  kriechen  und  sie  kahl  fressen.  Da,  wo  Raupen  massenweise
  auftreten,  finden  sich  oft  mehrere  Kuckucke  zu  ihrer  Vertilgung  ein.  So  hielten
sich  einst  in  einem  30  Morgen  großen  Kieferngehölze  an  100  Kuckucke  auf,  die  in
15  Tagen  an  3  Millionen  Nonnenraupen  (S.  185)  verzehrten  und  so  das  Gehölz
vor  dem  Untergange  schützten.  —  Sehr  häufig  bohren  sich  die  Raupenhaare  mit  ihren
Häkchen  in  die  Magenhaut  des  Kuckucks  ein.  Daher  ist  denn  auch  die  Sage  entstanden,
  daß  der  Kuckucksmagen  inwendig  wie  ein  Pelz  aussehe  oder  mit  Haaren
bewachsen  sei.  Die  Haare  aber  werden  als  Gewölle  wieder  heraufgewürgt  und
ausgespieen.  (S.  Schleiereule  S.  225.)  Im  August  oder  September,  wenn  das
Futter  knapper  wird,  verläßt  uns  der  Kuckuck  und  zieht  an  die  Ufer  des  Nils.

3.  Wohin  der  Kuckuck  seine  Eier  legt.  Der  Kuckuck  baut  kein  eignes  Nest,
sondern  legt  seine  Eier  in  das  Nest  der  Grasmücke,  der  Bachstelze  u.  a.  kleiner
Singvögel.  Zu  diesem  Zwecke  setzt  er  sich  in  die  Nähe  eines  fremden  Nestes  und
wartet,  bis  es  der  Eigentümer  verlassen  hat.  Dann  fliegt  er  schnell  herbei,  wirft
gewöhnlich  ein  Ei  aus  dem  Neste  und  legt  sein  Ei  hinein.  Das  wiederholt  er
wohl  mehr  als  20  mal  im  Sommer.  Je  einen  Tag  um  den  andern  legt  er  ein
Ei,  aber  nie  in  dasselbe  Nest.  Der  Grund,  weshalb  er  seine  Eier  nicht  selbst
ausbrütet,  liegt  wahrscheinlich  in  der  großen  Zahl  der  Eier.  Der  fremde  Vogel
läßt  sich  um  so  leichter  täuschen,  als  das  Kuckucksei  nur  klein  und  nicht  viel  größer
als  ein  Sperlingsei  ist.  Auch  in  der  Farbe  paßt  es  sich  den  fremden  Eiern  oft
an,  so  daß  es  diesen  meist  sehr  ähnlich  sieht.  Nachdem  der  Kuckuck  das  Ei  gelegt
hat,  kehrt  er  in  der  Regel  noch  öfter  zu  dem  Neste  zurück  und  wirft  nicht  selten
die  Eier  und  selbst  die  Jungen  des  Nesteigentümers  hinaus.

4.  Der  junge  Kuckuck  ist  ein  Nimmersatt.  Er  reißt  den  Schnabel  am
weitesten  auf,  wenn  es  Futter  giebt,  und  nimmt  es  den  armen,  hungrigen  Stiefgeschwistern
  —  —  1  «
oft  genug  weg.
Ja,  er  ist  so
unverschämt,
daß  er  sie  in
der  Regel  aus

dem  Neste
stößt,  wenn
dies  nicht
schon  der  alte
Kuckuck  gethan
  hat.
Daher  kommt
es,  daß  man
zuletzt  den
jungen  Kuckuc
immer  nur

*  —
4
5%  —

   
 
    

—.  4
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—

alleinim  Nestet..

—  —  —

Sorgfalt  der  —

   

    
    

*
—  —
        <pb n="195" />
        —  190  —

Pflegeeltern  ist  wahrhaft  rührend.  Sie  dauert  auch  dann  noch  fort,  wenn  der
junge  Kuckuck  ausgeflogen  ist.  Noch  zu  unbeholfen,  sich  seine  Nahrung  selbst  einfangen
  zu  können,  setzt  er  sich  dann  auf  einen  Baumzweig  und  wartet  hier  auf
seine  Pflegeeltern.  Diese  aber  hören  nicht  eher  auf,  ihn  zu  füttern,  als  bis  er
sich  vollkommen  allein  ernähren  kann.

35.  Schlußbetrachtung.  (Kriegsleben  im  Walde.)

1.  Bei  der  Kiefer  und  Eiche  haben  wir  gesehen,  daß  sie  unter  den  Insekten
zahlreiche  Feinde  haben,  und  wie  sie  zuweilen  von  diesen  vollständig  vernichtet
werden.  In  dem  Kuckuck  aber  hat  uns  der  Schöpfer  einen  Waldwärter  gegeben,
der  dafür  sorgt,  daß  die  schädlichen  Insekten  im  Walde  nicht  überhand  nehmen.
Andre  solcher  Waldpolizisten  sind  noch  Specht  und  Meise.

2.  Auch  in  der  Pflanzenwelt  findet  beständig  ein  solcher  Kampf  ums  Dasein
statt.  So  duldet  die  Buche  nicht,  daß  die  junge  Eiche  unter  ihren  Zweigen  gedeiht;
  denn  sie  nimmt  ihr  mit  ihrem  schattenreichen  Blätterdache  allen  Sonnenschein.
Wegen  des  mangelnden  Sonnenlichts  treffen  wir  im  dichten  Buchenwalde  überhaupt
wenig  Unterholz.  Ebenso  unduldsam  ist  der  Nadelwald,  besonders  der  junge.  Am
großmütigsten  ist  noch  die  königliche  Eiche.  Die  Blätter  sind  nämlich  tief  ausgebuchtet
  und  nicht  so  schirmartig  gestellt  wie  die  der  Buche.  Sie  lassen  daher  die
Sonnenstrahlen  hindurch  und  gestatten  nicht  nur  den  Sträuchern  und  Blumen,  sondern
selbst  kleinern  Waldbäumen,  wie  Ahorn,  Hainbuche,  sich  unter  ihrem  Dache  anzusiedeln.

V.  Im  Gemüsegarten.  (Juni.)

Einen  Teil  des  Gartens  hat  die  Hausfrau  zum  Gemüsebau  bestimmt.  Dort
hat  sie  bereits  im  vorigen  Herbste  einige  Beete  mit  Winterkohl  bepflanzt,  der  unter
der  Schneedecke  dem  rauhen  Wetter  trotzte.  Im  April  legt  sie  Erbsen.  Aber  erst
im  Mai,  wenn  die  Gefahr  der  Nachtfröste  vorüber  ist,  bringt  sie  Bohnen,  Gurken
und  Kürbiskerne  in  die  Erde  und  sät  Möhren,  Salat,  verschiedene  Kohlarten  u.  s.  w.
aus.  Die  zu  dicht  stehenden  Pflänzchen  werden  später  ausgezogen  und  verpflanzt,  damit
  jedes  Pflänzchen  auch  Raum,  Licht  und  Feuchtigkeit  genug  zum  Wachsen  erhält.

36.  Die  Erbse  und  der  Erbsenwickler.

1.  Blätter  und  Blüten.  Die  Blätter  sind  gefiedert.  (Vorteil?  S.  181.)
Am  Grunde  des  Blattstiels  stehen  zwei  sehr  große  Nebenblätter,  die  den  jungen
Stiel  vor  Wärmeverlust  und  zu  großer  Verdunstung  schützen.  (S.  204.)  Der
gemeinschaftliche  Blattstiel  läuft  in  eine  drei=  bis  fünfteilige  Wickelranke  aus.  Mit
ihr  hält  sich  die  Erbse  an  benachbarten  Gegenständen,  z.  B.  an  Erbsenruten  u.  s.  w.,
fest.  (S.  213.)  Dies  ist  für  die  Erbse  nötig,  da  ihr  Stengel  zu  schwach  ist,  um
aufrecht  stehen  zu  können.  Bliebe  er  aber  an  der  Erde  liegen,  so  bekäme  er  zu
wenig  Licht  und  Wärme  und  würde  verfaulen.  —  Die  Blüte  hat  eine  entfernte
Ahnlichkeit  mit  einem  Schmetterlinge.  Das  oberste  Blütenblatt  dient  als  Aushängeschild
  für  die  Insekten  und  heißt  „Fahne“.  Die  beiden  untern  Blütenblätter  sind
kahnartig  verwachsen  und  bilden  das  „Schiffchen“.  Sie  gewähren  den  Staubblättern
und  dem  Stempel  Schutz  gegen  Regen.  Die  beiden  seitlichen  Blätter  legen  sich
wie  „Flügel“  über  das  Schiffchen  und  bieten  den  Insekten  eine  bequeme  Anflugsstelle.
  Von  den  10  Staubblättern  sind  9  mit  ihren  Fäden  zu  einer  Röhre  um
den  Stempel  verwachsen,  die  Honig  einschließt.  Das  10.  Staubblatt  ist  frei  geblieben
  und  verschließt  mit  seinem  hintern  Ende  den  Zugang  zur  Honigdrüse.

2.  Hülse  und  Schote.  Die  Früchte  der  Erbse  werden  gewöhnlich  Schoten
genannt.  Der  Botaniker  jedoch  bezeichnet  sie  mit  dem  Ausdrucke  „Hülsen“.  Sie
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        —  191  —

bestehen  aus  je  2  Schalen,  die  durch  Nähte  verbunden  sind  und  bei  der  Reife  aufspringen.
  Die  Schalen  sind  Schutzhüllen  für  die  Samen.  Mit  der  Hülse  hat  die
Schote  äußerlich  große  Ahnlichkeit.  Der  Unterschied  tritt  aber  sofort  hervor,  wenn  man
die  Schote  öffnet.  Sie  ist  nämlich  durch  eine  Scheidewand  getrennt,  woran  zu  beiden
Seiten  die  Samen  sitzen.  (S.  181.)  Diese  Scheidewand  fehlt  der  Erbsenfrucht.  Bei
der  Reife  dreht  sie  sich  schraubenartig,  springt  auf  und  schleudert  die  Samen  fort.

3.  Erbsenwickler.  In  der  Erbsenhülse  finden  wir  zuweilen  kleine  „Maden“.
Sie  rühren  von  einem  Schmetterlinge,  dem  Erbsenwickler,  her.  Im  Mai  legt
dieser  seine  Eier  an  die  Blüten  oder  in  die  ganz  jungen  Hülsen,  und  wenn  die
Raupen  auskriechen,  so  sind  sie  gleich  in  der  Hülse  gefangen.  Dort  leiden  sie
aber  durchaus  keine  Not;  denn  die  zuckersüßen  Samen  dienen  ihnen  zur  Nahrung.
Zur  Zeit  der  Reife  verlassen  sie  die  Hülse,  kriechen  in  die  Erde  und  wickeln  sich
in  ein  Gespinst.  Im  nächsten  Frühjahre  kommt  daraus  der  braune  Schmetterling
hervor.  (Nicht  selten  stammen  die  Maden  auch  vom  Erbsenkäfer  her.)

37.  Ein  verkannter  Freund  unsrer  Gemüsegärten:

die  graue  Kröte.

1.  Als  Gartenhüter.  Die  häßliche  Kröte  ist  ein  treuer  Wächter  und  Reiniger
unfrer  Gemüsegärten.  Viele  Menschen  freilich  wissen  das  nicht  und  verabscheuen
die  Kröte,  weil  sie  so  häßlich  ist.  Einige  meinen  auch  gar,  sie  sei  giftig,  und  töten
das  arme  Geschöpf,  wo  sie  nur  können.  Aber  mit  Unrecht,  denn  die  Kröte  ist
nicht  giftig.  Sie  schafft  uns  im  Gegenteil  im  Garten  großen  Nutzen,  indem  sie
den  Salat  und  Kohl  von  Schnecken,  Raupen,  Käfern  u.  s.  w.  reinigt.  Die  Saatschnecke
  tritt  mitunter  in  solcher  Menge  auf,  daß  sie  das  junge  Gemüse  auf  den
Beeten  vollständig  vernichtet.  Die  Raupe  des  Kohlweißlings  (S.  211)  frißt  oft
sämtliche  Kohlpflanzen  kahl.  Die  Erdflöhe  zernagen  die  jungen  Keimblätter.  Alle
diese  Gemüsefeinde  aber  dienen  der  Kröte  als  Nahrung.  Sie  wird  von  fortwährendem
  Heißhunger  geplagt  und  vertilgt  eine  unglaubliche  Menge  Schnecken  und  Insekten.
  Deshalb  ist  sie  im  Garten  ebenso  nützlich  wie  die  Singvögel.  Mancher
Gärtner  weiß  das  auch  zu  schätzen.  Er  setzt  deshalb  Kröten  in  größerer  Anzahl
in  seinen  Gemüsegarten.  In  England  und  Belgien  treibt  man  mit  den  Kröten
sogar  lebhaften  Handel  für  Gartenbesitzer  und  hegt  und  pflegt  sie  zum  Schutze  der
Gartenbeete  förmlich  wie  Haustiere.

2.  Ihr  Aussehen.  Die  Kröte  erinnert  in  Farbe  und  Gestalt  an  den  braunen
Grasfrosch.  Ihr  Körper  ist  mit  vielen  Warzen  (Drüsen)  besetzt,  aus  denen  sich
ein  schleimiger  Saft  absondert.  Dieser  Schleim  bildet  ein  Schutzmittel  für  die
Kröte:  sie  wird  deshalb  außer  von  Schlangen  von  keinem  Tiere  gefressen.

3.  Auf  der  Jagd.  Die  Kröte  ist  ein  Nachttier.  Am  Tage  wohnt  sie  in
Schlupfwinkeln,  unter  Baumwurzeln,  in  Höhlen  u.  s.  w.  Darin  verkehrt  sie  wie
der  Fuchs  in  seinem  Bau.  Erst  nach  Sonnenuntergang  geht  sie  auf  die  Jagd.
Fast  immer  kriecht  sie,  selten  nur  springt  sie.  Ihre  Sprünge  sind  auch  lange  nicht
so  groß  als  die  des  Frosches,  da  ihre  Hinterbeine  nur  wenig  länger  sind  als  die
Vorderbeine.  Oft  sitzt  sie  stundenlang  da,  ohne  sich  zu  rühren.  Hat  sie  aber  eine
Beute  erblickt,  dann  kommt  Leben  in  die  Jägerin.  Hastig  eilt  sie  darauf  zu,  hält
plötzlich  „wie  ein  Hühnerhund  im  Laufe  an  und  faßt  die  Beute  scharf  ins  Auge“.
Dann  klappt  sie  die  Zunge  wie  der  Frosch  hervor,  und  im  Nu  ist  die  Beute  gefangen.

VI.  Das  Feld  im  Juni.

Frisches,  wogendes  Grün  deckt  die  Flächen  weit  und  breit.  Der  Winterroggen,
der  schon  im  Herbste  gesät  wurde,  schießt  bereits  Ahren,  und  der  Winterweizen
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        —  192  —

wird  bald  folgen.  Das  Sommergetreide,  das  erst  im  Frühjahre  gesät  wurde
(Sommerroggen,  Sommerweizen,  Gerste  und  Hafer),  ist  zwar  noch  eiwas  zurück,
doch  versprechen  die  dunkelgrünen  Blätter  einen  kräftigen  Halm.  Der  Raps  ist  bereits
gemäht,  und  die  Kartoffeln  bedecken  schon  mit  ihren  Stengeln  und  Blättern  den
Boden.  Auch  Klee,  Erbsen  und  Rüben  haben  sich  prächtig  entwickelt.  Da  steht  denn
der  Landmann  und  schaut  an  die  Güte  des  Herrn,  und  in  seinem  Herzen  erklingt's:
„Du  feuchtest  die  Berge  von  oben  her;  du  machest  das  Land  voll  Früchte,  die  du
schaffest.  Du  lässest  Gras  wachsen  für  das  Vieh  und  Saat  zu  Nutz  den  Menschen,
daß  du  Brot  aus  der  Erde  bringest.“  Und  hoch  oben  in  der  blauen  Luft  jauchzt
auch  die  Lerche  ihr  Loblied  und  dankt  dem  Schöpfer,  der  alles  so  schön  gemacht  hat.

38.  Der  Roggen.

1.  Kornfeld.  Wo  jetzt  wogende  Kornfelder  stehen,  da  waren  vor  2000
Jahren  noch  dichte  Wälder  und  tiefe  Sümpfe.  Aber  die  Wälder  sind  ausgerottet,
die  Sümpfe  entwässert,  und  aus  dem  wilden  Jäger  jener  Zeit  ist  ein  friedlicher
Landmann  geworden.  So  ein  wogendes  Kornfeld  übt  einen  geheimnisvollen  Zauber
auf  uns  aus.  Wehe  dir,  wenn  du  deinen  Fuß  in  das  Kornfeld  setzen  wolltest,
vielleicht  eine  der  blauen  Kornblumen  zu  pflücken!  Denn  da  drinnen  sitzt  die
„Roggenmuhme“  und  „wird  die  Kinder  fangen,  die  nach  den  Blumen  langen“.
Wichteln  und  Elfen  begleiten  sie,  und  von  ihnen  rühren  die  kleinen  Steige  her,
die  man  oft  im  Kornfelde  findet.  Der  ungläubige  Jäger  freilich  behauptet,  der
Hase  habe  sie  getreten,  und  lacht  über  „Roggenmuhme,  Elfen  und  Wichteln“.

2.  Wurzel.  Die  faserige  Hauptwurzel  des  Winterroggens  steigt  vor  Weihnachten
  (namentlich  auf  trocknem  Boden)  tief  in  die  Erde  hinab,  weil  sie  der  dort
vorhandenen  Feuchtigkeit  und  Wärme  bedarf.  Bei  den  wärmern  Strahlen  der
Frühlingssonne  dagegen  stirbt  die  Hauptwurzel  ab.  An  ihrer  Stelle  aber  entwickeln
  sich  dann  eine  Anzahl  kurzer  Nebenwurzeln.  Diese  sind  ziemlich  dick,  damit
sie  den  nun  höher  und  höher  emporschießenden  Halm  festhalten  können.  Da  der
schnell  wachsende  Halm  im  Frühlinge  vieler  Nahrung  bedarf,  so  breiten  sich  die
Nebenwurzeln  nach  allen  Richtungen  hin  unter  der  Oberfläche  aus,  um  so  dem
Erdboden  die  Nahrung  von  allen  Seiten  entziehen  zu  können.

3.  Halm.  Der  Stengel  heißt  Halm.  Er  ist  hohl  und  mit  Knoten  versehen.
  Die  Knoten  sind  sehr  hart  und  geben  dem  schwachen  Halme  Festigkeit.
Zwischen  je  2  Knoten  befindet  sich  ein  Stengelglied.  Die  untersten  Stengelglieder
sind  ungemein  kurz,  damit  der  Halm  nicht  so  leicht  einknicken  kann.  Auch  die
Blattscheiden  stützen  den  Halm.  Entferne  sie!  Er  wird  leicht  umknicken.  Die
untersten  Knoten  treiben  nicht  selten  Wurzeln  und  Zweige:  der  Halm  „bestockt"  sich.
Der  Landmann  sieht  dieses  „Bestocken“  gern;  denn  die  Zweige  lösen  sich  mit  der
Zeit  von  der  Mutterpflanze  ab  und  bilden  selbständige  Pflanzen.  Anfangs  war  der
Halm  nicht  hohl,  sondern  mit  weichem  Mark  angefüllt.  Je  mehr  er  aber  wuchs
und  sich  ausdehnte,  desto  mehr  dehnte  sich  auch  das  Mark,  bis  es  endlich  zerriß.
So  entstand  die  Höhlung.  An  dem  Halme  sieht  man  Längsstreifen,  das  sind  Gefäßbündel,
  wie  wir  sie  auch  in  den  Blättern  finden.  (S.  187.)  Da,  wo  die  Blattfläche
beginnt,  legt  sich  ein  kleines  Häutchen  eng  an  den  Stengel  an,  das  „Blatthäutchen“.
Dieses  verhindert,  daß  die  Regentropfen  zwischen  Stengel  und  Blattscheide  geraten.
Der  Blattrand  ist  mit  Sägezähnen  versehen;  ihre  Schärfe  rührt  von  dem  reichen
Kieselgehalte  der  Pflanze  her.  Der  Kiesel  schützt  die  Pflanze  vor  Schneckenfraß.

4.  Die  Roggenähre  ist  aus  vielen  kleinen  Ahrchen  zusammengesetzt,  die
an  einer  gemeinschaftlichen  Spindel  sitzen.  An  jedem  Ahrchen  nehmen  wir  verschiedene
  trockenhäutige  Blattgebilde  wahr:  die  „Spelzen“.  Sie  vertreten  die  Hüllund
  Kelchblätter.  Die  untere  (äußere)  ist  mit  einer  Granne  versehen.  Die  Granne
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        —  193  —

ist  mit  kurzen  Stacheln  besetzt,  wodurch  sie  Raupen,  Schnecken  u.  a.  schädliche  Tiere  von
Blüte  und  Frucht  zurückschreckt.  Der  Fruchtknoten  ist  von  zwei  sehr  zarten  Häutchen
(den  eigentlichen  Kronblättern)  eingeschlossen,  die  später  mit  dem  Korne  verwachsen
und  eine  einsamige  Schließfrucht  (Grasfrucht)  bilden.  Die  Bestäubung  geschieht
durch  den  Wind.  Daher  hängen  die  3  Staubblätter  jeder  Blüte  weit  hervor,
damit  der  Wind  sie  leicht  bewegen  und  den  Blütenstaub  weithin  streuen  kann.
Das  Schwanken  der  Halme  erleichtert  das  Ausstreuen.  An  trocknen  Tagen  sieht
man  auf  dem  Roggenfelde  zur  Blütezeit  oft  förmliche  gelbe  Staubwolken.  Auch
die  Narben  ragen  weit  heraus,  um  so  den  Blütenstaub  bequem  aufnehmen  zu
können.  Damit  sie  recht  viel  Blütenstaub  auffangen,  sind  sie  federförmig  gestaltet.
Auch  hat  jeder  Fruchtknoten  doppelte  Narben.

5.  Mutterkorn.  Aus  einigen  Roggenähren  sieht  zuweilen  ein  großes,  schwarzblaues
  Korn  hervor;  das  ist  das  sogenannte  Mutterkorn.  Es  entsteht  durch  einen
Pilz,  dessen  Spore  zur  Blütezeit  des  Roggens  in  die  Ahre  eindringt  und  in  kurzer
Zeit  mit  dem  Roggenkorne  zu  einem  schwarzblauen,  hornartigen  Körper  heranwächst.
  Das  Mutterkorn  enthält  Gift,  und  der  Müller  muß  sehr  sorgsam  darauf
achten,  daß  es  nicht  zwischen  das  Mehl  gerät,  da  sein  Genuß  sehr  schädlich  ist.

39.  Bestellung  des  Ackers.

Um  den  Acker  ertragsfähiger  zu  machen,  lockert  ihn  der  Landmann  durch
Graben  oder  Pflügen  auf.  Luft  und  Wasser  können  dann  leichter  in  den  Boden
eindringen  und  die  in  ihm  ruhenden  festen  Nahrungsstoffe,  wie  Salze,  Phosphor
  u.  s.  w.,  auflösen.  (S.  170.)  Wird  der  Boden  jahraus,  jahrein  neu  besät
oder  bepflanzt,  so  werden  ihm  die  Nährstoffe  nach  und  nach  entzogen;  daher  ist
es  notwendig,  sie  wieder  zu  ersetzen.  Das  geschieht  durch  Düngen.  Außer  dem
Stalldünger  verwendet  man  seit  1842  dazu  auch  den  Guano.  Das  ist  zersetzter
Mist  der  Pelikane  u.  a.  Seevögel,  der  sich  auf  einigen  Inseln  bei  Peru  in  30  m
dicken  Schichten  vorfindet.  Auch  Salze,  Gips  und  Mergel  sind  geeignet,  den  Boden
fruchtbar  zu  machen.  Verschiedene  Pflanzen  verlangen  auch  verschiedene  Nährstoffe.
  (S.  171.)  So  sind  z.  B.  Rüben  und  Kohl  vorzugsweise  Kalipflanzen;
Klee,  Erbsen  und  Bohnen  gedeihen  am  besten  auf  Kalkboden;  Getreidepflanzen  und
andre  Gräser  aber  entnehmen  dem  Boden  besonders  viel  Kiesel.  (S.  192.)  Der
Landmann  thut  daher  gut,  bei  Bestellung  seiner  Felder  alljährlich  mit  Kali-,  Kalkund
  Kieselpflanzen  abzuwechseln.  (Wechselwirtschaft.)

40.  Unkräuter.

Zum  Verdrusse  des  Landmanns  drängen  sich  in  die  Kornfelder  allerlei
Unkräuter,  z.  B.  Kornblumen,  Klatschrosen,  Raden,  Trespen,  Winden,  Wucherblumen
und  Wachtelweizen.  Viele  dieser  Eindringlinge  machen  sich  ungebührlich  breit  und
drücken  manches  Hälmchen  zu  Tode.  Besonders  unverschämte  Burschen  sind  der
Klappertopf  und  der  Augentrost.  Legen  sie  doch  ihre  Saugwurzeln  dicht  an  die
Wurzeln  der  Halme  und  rauben  ihnen  so  fast  allen  Saft.  (Vergl.  auch  S.  2031)  Da
steht  dann  der  Bauer  vor  dem  bunten  Blumenfelde  und  zieht  die  Stirne  kraus  in
Falten:  „Ich  hab'  den  Acker  gut  bestellt,  auf  reine  Aussaat  stets  gehalten.  Nun
seh'  mir  einer  das  Unkraut  an!“  Schon  ehe  er  die  Saatkörner  streute,  lagen  die
Samen  seiner  Störenfriede  weich  gebettet  in  der  Erde.  Sie  waren  gereift,  ehe  im
Vorjahre  das  Getreide  gemäht  werden  konnte.  Beim  ersten  Umpflügen  des  Ackers
stiegen  sie  dann  in  die  Tiefe  hinab,  wo  sie  den  Winter  glücklich  überstanden.  Im
Frühlinge  aber  wuchsen  sie  mit  der  keimenden  Saat  zugleich  empor.  In  manchen  Gegenden
  sät  man  jetzt  das  Getreide  in  Reihen,  um  das  Unkraut  besser  vertilgen  zu  können.

Realienbuch  B.  13
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        —  194  —
41.  Klee  und  Hummel.

1.  Ohne  Hummeln  keinen  Kleesamen.  Wer  hätte  nicht  schon  gesehen  und
gehört,  wie  die  Hummel  —  dieser  Brummbär  unter  den  Insekten  —  summend
und  brummend  auf  der  Wiese  umherfliegt  und  bald  hier,  bald  dort  ein  „Honigtöpfchen“
  leert!  Schon  mancher  Knabe  schlug  mutwillig  nach  dem  Honigdiebe,
meinend,  die  Hummel  sei  zu  nichts  nütze.  Doch  da  irrt  er  sehr;  denn  ohne  Hummeln
würde  z.  B.  der  rote  Wiesenklee  gar  keinen  Samen  erzeugen.  Aber  was  hat  die
Hummel  mit  dem  Kleesamen  zu  thun?  Viel,  sehr  viel.  Der  Klee  bringt  nämlich
(wie  auch  viele  andre  Pflanzen,  S.  175)  keinen  Samen  hervor,  wenn  der  Blütenstaub
  auf  die  Narbe  derselben  Blüte  fällt,  von  der  er  herstammt.  Es  muß
vielmehr  der  Staub  auf  die  Narbe  einer  fremden  Blüte  getragen  werden.  Nun
haben  aber  die  einzelnen  Kleeblüten  eine  so  enge  und  tiefe  Röhre,  daß  z.  B.  der
Rüssel  der  Bienen  nicht  lang  genug  ist,  um  den  am  Grunde  der  Blüte  liegenden
Honig  aufsaugen  zu  können.  Die  Biene  besucht  deshalb  den  Klee  auch  seltener,
desto  fleißiger  aber  die  Hummel.  Mit  ihrem  langen  Rüssel  untersucht  sie  eine
Blüte  nach  der  andern  und  überträgt  dabei  —  ohne  es  zu  wissen  und  zu  wollen
—  den  Blütenstaub  auf  die  Narben  verschiedener  Pflanzen.  Als  man  den  Klee
nach  Neuseeland  verpflanzt  hatte,  konnte  man  lange  Zeit  hindurch  keinen  Kleesamen
  erzielen,  weil  es  an  —  Hummeln  fehlte.  Infolgedessen  führte  man  von
England  aus  100  Hummeln  in  Neuseeland  ein,  und  in  dem  Maße,  wie  sich  diese
vermehrten,  nahm  auch  die  Menge  des  erzeugten  Kleesamens  zu.  (Weiteres  über
den  Klee  s.  unten  §  42  „Futterkräuter“!)

2.  Hummelnest.  Den  eingesammelten  Honig  trägt  die  Hummel  in  ihr  Nest.
Dieses  befindet  sich  gewöhnlich  in  dem  verlassenen  Loche  einer  Feldmaus,  in
Steinhaufen  u.  s.  w.  Hier  speichert  die  Hummel  den  Honigseim,  der  reichlich  mit
Blütenstaub  vermischt  ist,  in  regellosen  Häuschen  auf,  ohne  (wie  die  Bienen)
Zellen  zu  bauen.  An  diese  Nahrungsvorräte  legt  die  Hummelmutter  ihre  Eier.
Sobald  die  Larven  aus  den  Eiern  hervorkriechen,  machen  sie  sich  sofort  daran,
eine  Höhlung  in  den  Honigseim  zu  fressen.  In  dieser  Höhlung  verpuppen  sie  sich,
wobei  sie  sich  mit  einem  tonnenartigen  Cocon  umgeben.  Nach  einigen  Wochen
kommen  sie  dann  als  —  Hummeln  aus  ihrem  Gefängnis  wieder  hervor.  Im  Herbste
sterben  die  meisten  Hummeln.  Nur  einige  Weibchen  überwintern  unterm  Moose  u.  s.  w.

42.  Jutterkräuter.

Der  Anbau  guter  Futterkräuter  ist  für  den  Landmann  von  größter  Wichtigkeit.
  „Viel  Futter,  viel  Milch,  viel  Dünger,  viel  Getreide,  viel  Geld!“  Als  eine
der  besten  Futterpflanzen  gilt  besonders  der  rote  Kopf=  oder  Wiesenklee.  Seine
eigentliche  Heimat  ist  Italien.  Erst  vor  100  Jahren  ist  er  bei  uns  eingeführt.
Durch  seinen  Anbau  wurde  die  reine  Brache  verdrängt;  auch  konnte  durch  ihn  in
vielen  Gegenden  der  Weidegang  des  Viehes  abgeschafft  und  die  vorteilhaftere  Stallfütterung
  eingeführt  werden.  Der  rote  Kopfklee  gedeiht  am  besten  auf  kalkhaltigem,
etwas  feuchtem  Boden.  Dieser  muß  wegen  der  langen  Pfahlwurzel  des  Klees  sehr
tief  gepflügt  werden.  Man  sät  den  Klee  gewöhnlich  im  Frühjahre  zwischen  das
junge  Winterkorn  oder  zwischen  die  eben  gesäte  Gerste.  In  dem  darauf  folgenden
zweiten  Sommer  kann  dann  der  Klee  2—3  mal  gemäht  und  sowohl  zur  Grünwie
  zur  Trockenfütterung  verwandt  werden.  Neben  dem  roten  Kopfklee  sind  besonders
  noch  die  Luzerne  und  Esparsette  als  wertvolle  Futterpflanzen  zu  nennen.
Beide  Arten  haben  vor  dem  Kopfklee  den  Vorzug,  daß  ihre  Aussaat  nicht  so  oft
erneuert  zu  werden  braucht,  weshalb  sie  der  Landmann  auch  als  „ewigen  Klee“
bezeichnet.  (Während  nämlich  die  Kleeaussaat  nur  1  bis  2  Jahre  vorhält,  braucht
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        —  195  —

die  Aussaat  der  Luzerne  und  der  Esparsette  in  manchen  Gegenden  erst  in  10  bis
15  Jahren  erneuert  zu  werden.)  Der  schlimmste  Feind  dieser  3  Futterpflanzen
ist  die  Kleeseide.  (S.  Schmarotzer  S.  2031)

43.  Schlußbetrachtung.  (Freundschaft  und  Feindschaft  unter  den  Pflanzen.)

Roggen  und  Erbsen  sowie  die  verschiedenen  Futterpflanzen  (Klee,  Luzerne)
hat  der  Mensch  unter  seine  Pflege  genommen.  Es  sind  angebaute  oder  Kulturpflanzen.
  (S.  179.)  Die  Kornblume  dagegen  siedelt  sich  an,  wo  sie  Lust  hat;  sie
wächst  wild.  Wie  das  Buschwindröschen  den  Wald,  die  Dotterblume  den  Sumpf,
so  liebt  sie  das  Feld.  Was  aber  besonders  auffällt,  ist,  daß  sie  sich  meist  in
ganz  bestimmter  Gesellschaft  auf  dem  Felde  einfindet.  Sie  steht  nämlich  dort  gewöhnlich
  in  treuer  Kameradschaft  mit  dem  Klatschmohn  und  der  Ackerrade  beisammen.
  Haben  sie  alle  drei  Freundschaft  miteinander  geschlossen,  oder  ist  es  das
Kornfeld,  das  sie  anzieht?  Die  gelben  Hahnenfußgewächse,  die  roten  Lichtnelken
und  das  weiße  Schaumkraut  fühlen  sich  nur  auf  der  Wiese  wohl  und  sind  die
Spielgenossen  der  Gräser;  ja,  selbst  das  Lumpengesindel  der  Unkräuter  (Melde,
Nessel,  Nachtschatten,  Bilsenkraut,  Stechapfel)  verkehrt  nicht  mit  jedermann  und
behauptet  seinen  Platz  auf  dem  Schutthaufen.  Andrerseits  findet  sich  auch  eine
gewisse  Abneigung  zwischen  verschiedenen  Pflanzen.  So  wird  behauptet,  daß  der
Flachs  nicht  gedeihe,  wenn  Scabiosen  und  Wolfsmilchgewächse  in  seiner  Nähe  ständen.
Ebenso  findet  man  Feldblumen  weder  im  Wiesengrase  noch  zwischen  Waldblumen.
—  Die  eigentliche  Ursache  dafür  ist  uns  unbekannt.  Vielleicht  atmet  die  eine
Pflanze  Dünste  aus,  die  der  andern  unerträglich  oder  wohl  gar  tödlich  sind.

VII.  An  W#egen  und  Hochken.

Einen  besondern  Reiz  übt  die  Dornenhecke  auf  die  Kinder  aus;  denn  was
giebt  es  dort  nicht  alles  zu  sehen!  Hänfling  und  Goldammer  bauen  im  Dornstrauche
  ihr  Nest,  und  der  Würger  (Neuntöter)  spießt  dort  Käfer,  Mäuse,  Frösche
und  junge  Vögel  auf  die  spitzen  Dornen,  um  sie  später  zu  verzehren.  Am  Boden
hat  nicht  selten  der  Igel  sein  Lager.  Er  macht  in  der  Hecke  Jagd  auf  Mäuse
und  Frösche.  Zwischen  wildem  Brombeergestrüpp  erfreut  uns  die  Hundsrose  mit
ihren  zahlreichen  Blüten,  während  zur  Seite  der  Hecke  das  durch  seinen  gelben
Saft  bekannte  Schöllkraut  etwas  unheimlich  hervorleuchtet.

44.  Die  Hundsrose  und  die  Rosenblatllaus.  I.

1.  Stacheln  und  Dornen.  An  den  Stämmchen,  Zweigen  und  Blattstielen
der  Rose  bemerkt  man  Stacheln.  Sie  dienen  zur  Abwehr  der  Weidetiere.
Auch  halten  sich  die  langen  Ruten  mit  ihnen  fest;  daher  sind  sie  rückwärts
gekrümmt.  Es  sind  ähnliche  Gebilde  wie  die  Dornen  am  Dornstrauche.  Im
gewöhnlichen  Leben  pflegt  man  Dornen  und  Stacheln  nicht  scharf  zu  unterscheiden,
obwohl  folgende  zwei  bedeutende  Unterschiede  unter  ihnen  bestehen:  1)  Zieht  man
die  Oberhaut  des  Rosenstockes  ab,  so  entfernt  man  damit  auch  zugleich  die  Stacheln
vom  Stamme,  ohne  das  Holz  zu  verletzen;  denn  die  Stacheln  sind  allein  der
Oberhaut  aufgewachsen  und  stehen  mit  dem  Holze  gar  nicht  in  Verbindung.
Die  Dornen  dagegen  lassen  sich  vom  Zweige  nicht  trennen,  ohne  daß  der  Holzkörper,
  dem  sie  entsprungen  sind,  verletzt  wird.  2)  An  den  Dornen  wachsen
zuweilen  Blätter  und  Blüten;  ja,  manche  Dornen  bilden  sich  zu  Zweigen  um.
Dies  ist  bei  den  Stacheln  niemals  der  Fall.

2.  Blätter  und  Blüten.  Die  Blätter  stehen  abwechselnd  und  sind  gefiedert.
(Vorteil?  S.  181.)  Am  Grunde  des  Hauptblattstiels  stehen  2  Nebenblättchen.  (Zweck?
S.  169.)  Die  Blüten  locken  durch  Duft  und  Farbe  die  Insekten  an.  Der  Kelch

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        —  196  —

ist  krugförmig  und  hat  5  Zipfel.  So  ist  er  als  Schutzhülle  vorteilhaft  gestaltet.
Die  Stempel  sind  dem  mit  dem  Kelche  verwachsenen  Fruchtboden  eingesügt.  Aus
den  Fruchtknoten,  dem  Kelche  und  dem  Fruchtboden  bildet  sich  die  Frucht.  (S.  209.)

3.  Gefüllte  Blüten.  Die  Hundsrose  ist  die  Stammmutter  vieler  Rosenarten,
  auch  der  gefüllten  Gartenrose.  Die  Gartenrose  hat  viel  mehr  Blütenblätter,
  aber  weniger  Staubblätter  als  die  Hundsrose.  Die  Staubblätter  der
Gartenrose  haben  sich  nämlich  in  Blütenblätter  verwandelt.  Bei  nicht  ganz  gefüllten
  Rosen  läßt  sich,  wenn  man  die  Blumenblätter  auseinander  nimmt,  deutlich
der  Ubergang  vom  Staubblatte  zum  Blütenblatte  verfolgen.  In  völlig  gefüllten
Rosen  sind  keine  Staubblätter  mehr  vorhanden;  sie  bringen  daher  auch  niemals  Früchte.

4.  Rosenblattlaus.  Nicht  selten  sehen  wir  die  Rosenstöcke  über  und  über
mit  kleinen  Tieren  besetzt,  die  sich  an  Farbe  von  den  grünen  Laubblättern  kaum
unterscheiden.  (Schutzfarbel)  Das  sind  die  Rosenblattläuse.  Es  giebt  geflügelte
und  ungeflügelte.  —  Die  Blattläuse  sitzen  meist  so  still,  daß  sie  sich  den  ganzen
Tag  über  nicht  zu  rühren  scheinen.  Aber  doch  sind  sie  sehr  thätig.  Denn  mit
ihrem  Schnabel,  den  sie  in  die  zarten  Teile  der  Pflanzen  gesteckt  haben,  saugen
sie  unaufhörlich  Saft  aus  den  Pflanzen,  so  daß  die  Knospen  und  jungen  Blätter
verkümmern  müssen.  Die  Vermehrung  der  Blattläuse  ist  außerordentlich  stark.
Im  Sommer  bringen  sie  lebendige  Junge  zur  Welt.  Gegen  den  Winter  hin  aber
legen  sie  unter  Laub  oder  zwischen  Rindenteile  Eier,  aus  denen  im  Frühjahre
die  Jungen  hervorkriechen.  Ihr  größter  Feind  ist  das  Marienkäferchen.  (S.  215.)

45.  Slüchtige  Ole.

Die  Ursache  des  herrlichen  Rosenduftes  ist  das  in  den  Blütenblättern  enthaltene
  Ol.  Es  verdunstet  sehr  leicht,  erfüllt  mit  seinen  Teilchen  die  Luft  und
kommt  so  mit  den  Geruchsnerven  in  Verbindung.  Durch  Destillation  gewinnt
man  (besonders  im  Morgenlande)  aus  den  Rosenblättern  das  Rosenöl.  (10  000  kg
Rosenblätter  geben  erst  1  kg  Rosenöl.)  Das  Rosenöl  gehört  zu  den  flüchtigen
Olen.  Diese  verflüchtigen  sich  sehr  leicht,  und  wenn  man  sie  auf  Papier  tröpfelt,
hinterlassen  sie  im  Gegensatz  zu  den  fetten  Olen  keinen  Fleck.  (S.  181.)  Sie  brennen
auch  sehr  leicht,  selbst  ohne  Docht.  Beim  Diptam  (Spechtwurz)  sind  Kelch,  Blütenstiel,
  besonders  aber  die  Früchte  dicht  mit  Drüsen  besetzt,  deren  Köpschen  viel
Ol  enthalten.  Hält  man  nun  ein  brennendes  Schwefelholz  unten  an  die  Fruchttraube,
  so  entsteht  ein  kleines  Lauffeuer  bis  zur  Spitze  hinauf.

46.  Ckulieren.

Fast  alle  Arten  von  Gartenrosen  werden  durch  Veredelung  der  Hunderose
gezogen.  Da  sich  aber  das  Holz  der  Rosenstämmchen  wegen  des  dicken  Markes
nicht  zum  Pfropfen  und  Kopulieren  wie
bei  den  Obstbäumen  (S.  175)  eignet,  so
,zf„wendet  man  zur  Veredelung  der  Rosen
äein  andres  Verfahren  an,  das  Okulieren.
Doabei  löst  man  (gewöhnlich  im  Juni  bis
zum  August)  von  dem  edeln  Strauche
ein  Auge  mit  einem  Stück  Rinde  ab
(b)  und  macht  an  dem  1—2  jährigen
Wildlinge  einen  wagerechten  und  einen
senkrechten  Schnitt  (a);  sodann  lockert
man  die  Rinde  und  schiebt  das  Stück  Rinde  mit  dem  Auge  zwischen  die  gelockerte
Rinde.  Beim  nachfolgenden  Verbinden  muß  darauf  geachtet  werden,  daß  das
Auge  nicht  verdeckt  wird  (c).
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        —  197  —
47.  Der  Holunder.  I.

1.  Standort.  Sage.  In  der  Hecke,  im  verlassenen  Winkel  am  Hause,  auf
Schutthaufen,  am  Gartenzaune,  überall  ist  der  Holunder  zu  finden.  Der  Landmann
hat  ihn  gern;  denn  in  vielen  Krankheitsfällen  ist  er  ihm  ein  treuer  Helfer.  An  heilkräftigsten
  sind  seine  Blüten,  die  einen  schweißtreibenden  Thee  geben.  Darum  galt
er  auch  unsern  heidnischen  Vorfahren  als  heilig.  In  seinen  Zweigen  wohnte  Frau
Holder  (entstellt  aus  „Holda“),  die  Schutzgöttin  des  Hauses.  Kinder  tranken  zum
Schutze  gegen  Halsweh  aus  Holunderröhren.  Unter  dem  Holunderbaume  begrub
man  die  abgeschnittenen  Haare  und  Nägel  und  die  ausgezogenen  Zähne,  damit
niemand  durch  sie  den  Bewohnern  des  Hauses  ein  Gebrechen  anzaubern  könne.

2.  Mark.  Rindenporen.  Stamm  und  Zweige  enthalten  viel  Mark.  Je  jünger
die  Zweige,  desto  dünner  die  Holzwände  und  desto  dicker  verhältnismäßig  das  Mark.
Bei  ältern  Zweigen  nehmen  die  Holzwände  an  Dicke  zu,  das  Mark  aber  nicht.
Wozu  das  Mark  dient,  weiß  man  nicht  genau.  Die  Knaben  stoßen  es  aus  dem  Holze
heraus,  um  sich  Knallbüchsen  zu  machen.  —  In  der  Rinde  finden  sich  zahlreiche
Rindenporen.  (S.  186.)  An  zweijährigen  Zweigen  sieht  man  sie  deutlich  als  Warzen.

3.  Blüte.  Die  Blüten  sitzen  an  einem  Hauptblütenstiele,  der  sehr  regelmäßig
  verzweigt  ist.  Da,  wo  diese  Verzweigung  von  unten  her  zum  erstenmal
auftritt,  erhebt  sich  als  Fortsetzung  des  Hauptblütenstiels  ein  kurzer  Blütenast,
unter  dem  vier  etwas  größere  Blütenzweige  sitzen.  Diese  Art  der  Verzweigung
wiederholt  sich  genau  in  derselben  Weise  mehreremal.  Erst  die  letzten  Zweige
tragen  die  Blüten.  Sie  stehen  dadurch  in  einer  ziemlich  regelmäßigen,  kreisförmigen
Scheibe  bei  einander  und  bilden  eine  sogenannte  Trugdolde.  Honig  hat  die  Blüte
nicht.  Da  aber  die  große  Blütenscheibe  weithin  leuchtet  und  stark  duftet,  so  lockt  sie
doch  zahlreiche  Insekten  herbei.  Merkwürdig  ist,  daß  nicht  der  Kelch,  sondern  die
Kronblätter  die  Knospen  schützend  einhüllen.  (Holunderbeere  S.  209.)

46.  Schlußbetrachtung.

Hundsrose  und  Holunder  siedeln  sich  mit  Vorliebe  an  Hecken  und  Zäunen
an.  Die  eigentliche  Heimat  der  Hundsrose  ist  der  Wald,  wo  man  sie  auch  jetzt
noch  findet.  In  früherer  Zeit  aber  hat  man  sie  ihrer  Stacheln  wegen  häufig
zur  Bildung  von  Hecken  verwandt;  daher  auch  ihr  Name  „Heckenrose“.  Nun
erbt  sich  hier  ihr  Wohnsitz  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  weiter.  —  Der  Holunder
aber  sucht  als  verstoßenes  Aschenbrödel  den  Zaun  auf,  gleichsam  als  letzten  Zufluchtsort,
  weil  man  im  Garten  kein  Plätzchen  für  ihn  übrig  hat.  Am  Zaune
aber  oder  in  der  Hecke  läßt  man  ihn  ungestört  wachsen,  da  er  ja  durch  sein
Gezweig  auch  den  Zaun  und  die  Hecke  verdichten  hilft.

VIII.  Am  Teiche.

Wir  schlendern  langsam  durchs  Gras  dem  Teiche  zu.  Da  hören  wir  plötzlich
  ein  lautes  „Plumps!  Plumps!“  und  vor  uns  springen  in  langen  Sätzen
die  grünen  Wasserfrösche  in  den  Teich.  Am  Rande  rauschen  Rohr  und  Schilf
geheimnisvoll  im  Winde.  Auf  gelbblühenden  Schwertlilien  und  stacheligen  Igelkolben
  wiegen  sich  bunte  Libellen,  und  über  dem  Wasser  tanzen  Schwärme  von
langbeinigen  Mücken.  Im  Wasser  verlebten  sie  ihre  Jugend  als  Puppen,  ins
Wasser  legen  sie  auch  jetzt  wieder  ihre  Eier.  In  der  Mitte  des  Teiches  wiegt
sich  in  stolzer  Ruh  die  Königin  der  Teiche,  die  weiße  oder  die  gelbe  Wasserrose.
Zwischen  den  Stengeln  und  Blättern  des  Laichkrautes  und  der  Zottenblume
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        seropielen  kleine  Stichlinge,
  und  Gelbrand,

Wasserwanze,  gemeiner

  Rückenzeigen

  hier  ihre
Schwimmkünste.
Auch  Muscheln  und
Schnecken  führen
hier,  besonders  aber
am  Grunde  des  Teiches,
  ihr  träges  Dasein.
  Aufdem  Wasserspiegel
  gleitet  wie  ein
chlittschuhläufer
der  langbeinige
Wasserläufer  dahin.

 

 

49.  Das  Vergißmeinnicht.

1.  Sage.  Als  der  liebe  Gott  die  Blumen  erschaffen  hatte,  gab  er  einem
jeglichen  Blümchen  einen  passenden  Namen  und  sprach  zu  ihnen:  „Gedenket  mein
und  vergesset  des  Namens  nicht,  den  ich  euch  gegeben  habe!“  Ein  blaues  Blümchen
  aber  tändelte  und  spielte  mit  den  Schmetterlingen.  Und  dabei  vergaß  es
seinen  Namen.  Da  erschrak  es  und  kam  zum  lieben  Gott  und  sprach:  „Ach,  ich
habe  meinen  Namen  vergessen.“  Der  Herr  aber  sprach:  „Vergißmeinnicht!“  Da
schämte  sich  das  Blümchen,  zog  sich  ans  stille  Bächlein  zurück  und  trauerte.  Und
wenn  jemand  es  pflücken  will,  so  rust  es  ihm  zu:  „Vergißmeinnicht!“

2.  Stengel.  Der  Stengel  ist  im  Wasser  weniger  (meist  gar  nicht),  am  Uferrande
  mehr  behaart.  (Warum?  S.  180.)  Abgeschnitten  und  ins  Wasser  oder  in  feuchten
Sand  gestellt,  saugt  er  leicht  die  Feuchtigkeit  ein  und  erhält  sich  so  mit  Blättern
und  Blüten  noch  längere  Zeit  frisch.  Deshalb  legt  man  Vergißmeinnichtkränze  in
ein  Gefäß  mit  Wasser,  um  sie  als  Zimmerschmuck  längere  Zeit  blühend  zu  erhalten.

3.  Blüte  und  Frucht.  In  der  Blüte  tritt  uns  mehrsach  die  Fünfzahl  entgegen.
  Der  Kelch  ist  fünfzähnig.  Die  himmelblaue,  unten  röhrenförmige  Blumenkrone
  bildet  oben  ein  Tellerchen  mit  fünflappigem  Saume.  Die  5  Staubblätter,
der  Stempel  und  die  Honigdrüsen  werden  durch  fünf  gelbe  Schuppen  verdeckt,
damit  sie  vor  Regen  und  Tau  und  dadurch  vor  Fäulnis  geschützt  sind.  Auch  halten
die  Schuppen  nutzlose  kleine  Insekten  ab,  die  zum  Honig  wollen.  Größere  Insekten
dagegen,  z.  B.  Bienen  und  Schmetterlinge,  können  ihren  Rüssel  zwischen  den  Schuppen
zum  Honig  hinführen.  Im  Grunde  des  Kelches  finden  wir  vier  kleine,  glatte  Nüßchen,
zwischen  denen  sich  ein  fadenförmiger  Griffel  mit  zweispaltiger  Narbe  erhebt.  Diese
Nüßchen  sind  aber  nicht  etwa  4  Fruchtknoten  —  sonst  müßte  ja  jedes  der  Nüßchen
einen  besondern  Griffel  tragen  —  sondern  es  sind  nur  die  Teile  eines  tief  vierspaltigen
  Fruchtknotens.  Zur  Zeit  der  Reife  zerfällt  er  in  vier  glänzend  schwarze  Teile.

4.  Der  Blütenstand  des  Vergißmeinnichts  bildet  eine  Art  Traube;  denn  die
Blüten  sitzen  an  ziemlich  gleich  langen,  unverzweigten  Stielchen  und  diese  wiederum
in  verschiedener  Höhe  an  einem  gemeinschaftlichen  Hauptstiele.  Die  untern  Knospen
brechen  zuerst  auf,  da  sie  sich  zuerst  entwickelt  haben.  Die  obern  biegen  sich  bis
zu  ihrem  Aufblühen  mit  der  Spitze  des  gemeinschaftlichen  Blütenstiels  nach  der
Erde  zu,  während  die  bereits  entwickelten  Blüten  aufrecht  stehen.  Meistens  ist
der  gemeinschaftliche  Blütenstiel,  solange  die  Knospen  noch  nicht  aufgeblüht  sind,
        <pb n="204" />
        —  199  —

sogar  schneckenartig  zusammengerollt.  Vorteil:  Die  jungen  Knospen  werden  dadurch
vor  Wärmeverlust  und  zu  starker  Verdunstung  geschützt.  Je  weiter  aber  die  Knospen
von  unten  nach  oben  hin  erblühen,  desto  mehr  wickelt  sich  die  Traube  auf,  so  daß
sie  zuletzt  aufrecht  steht.  Man  nennt  eine  solche  Traube  Wickeltraube.

5.  Farbenwechsel.  Die  Knospen  des  Vergißmeinnichts  haben  vor  ihrer
völligen  Entfaltung  eine  rötliche  Färbung.  Je  mehr  sie  sich  entwickeln  und  die
Sonne  auf  sie  einwirken  kann,  desto  mehr  ändert  sich  die  Farbe.  Die  bereits  völlig
aufgeblühten  Blumen  zeigen  meist  keine  Spur  mehr  von  Rot,  sondern  prangen
im  lieblichsten  Blau.  Solchen  wunderbaren  Farbenwechsel  finden  wir  in  noch  auffallenderer
  Weise  beim  Lungenkraute,  Krummhalse,  Natterkopfe  u.  s.  w.  Bei  manchen
Pflanzen  ist  der  Boden  die  Ursache  des  Farbenwechsels.  So  lassen  sich  z.  B.  die
roten  Hortensien  durch  eisenhaltige  Erde  in  blaue  verwandeln,  und  Gänseblümchen,
in  eisenhaltige  Gartenerde  verpflanzt,  nehmen  eine  viel  rötlichere  Färbung  an.

50.  Die  (vielwurzelige)  Wasser-  oder  Teichlinse.

1.  Bau.  Nehmen  wir  eine  Handvoll  Wasserlinsen  (Entengrütze)  aus  dem
grünen  Teppich  des  Teiches  heraus,  so  sehen  wir,  daß  sich  dieser  Teppich  aus
unzählig  vielen  Pflänzchen  zusammensetzt.  Sie  sind  etwas  anders  gebaut  als  die
gewöhnlichen  Pflanzen.  Die  scheinbaren  Blätter  tragen  fast  alle  auf  der  rötlich
gefärbten  Unterseite  eine  Anzahl  Würzelchen  von  2—3  cm  Länge.  Sie  bilden
nämlich  den  Stamm.  Die  Wurzeln  können  ihrer  Kürze  wegen  den  Grund  des
Teiches  nicht  erreichen.  Sie  schweben  daher  frei  im  Wasser,  können  also  auch
ihre  Nahrung  nicht  aus  dem  Boden  nehmen.  Lege  einige  Teichlinsen  so  auf  ein
in  einem  Glase  schwimmendes  Stückchen  Kork,  daß  ihre  Wurzeln  ins  Wasser
hinabreichen,  ihre  blattartigen  Gebilde  aber  nicht  unmittelbar  auf  dem  Wasser
schwimmen!  Sie  vertrocknen  alsbald.  Es  ist  also  die  Wurzel  allein  nicht  im
stande,  die  Pflanze  mit  Nahrungsstoff  zu  versorgen,  sondern  auch  der  blattartige
Stamm  saugt  (und  zwar  mit  der  Unterseite)  Nahrung  aus  dem  Wasser  auf.

2.  Vermehrung.  Blüten  finden  wir  nur  höchst  selten  an  der  Teichlinse.
Dennoch  vermehrt  sie  sich  mit  erstaunlicher  Schnelligkeit.  In  wenigen  Wochen  überzieht
  sie  den  ganzen  Teich.  Wie  kommt  das?  Untersuchen  wir  solche  Teichlinsen,
die  mehrere  Blattgebilde  haben,  so  bemerken  wir  nicht  selten,  daß  die  einzelnen
Blattgebilde  unter  sich  durch  kleine  Stielchen  verbunden  sind.  Trennen  wir  die
einzelnen  Blattstämme  und  legen  sie  ins  Wasser,  so  wachsen  sie  als  selbständige
Pflanzen  weiter.  Ursprünglich  gehört  zu  jedem  Pflänzchen  nämlich  nur  ein  einziger
  Blattstamm.  Aus  diesem  entspringen  aber  durch  eine  Art  Knospung  (ähnlich
  wie  an  einem  Stengel)  bald  mehrere.  Diese  bewurzeln  sich  dann,  trennen
sich  von  der  Mutterpflanze  und  entwickeln  sich  so  zu  selbständigen  Pflanzen.

3.  Uberwinterung.  Die  meisten  Wasserpflanzen  (Rohr,  Igelkolben,  Schwertlilie
  u.  s.  w.)  überwintern  in  der  Weise,  daß  ihr  Wurzelstock  in  der  Erde  bleibt.  Dort
ist  er  durch  die  größere  Wärme  vor  dem  Erfrieren  geschützt.  Anders  bei  der
Teichlinse.  Im  Juli  bilden  sich  nämlich  an  dem  Blattstamme  die  „Wintersprossen“,
kleine,  fast  nierenförmige  Blattgebilde  mit  2—3  Mürzelchen.  Sie  enthalten  viel
Stärkemehl  und  wenig  Lufträume  und  sinken  infolge  der  Schwere  auf  den  Grund.
Dort,  wo  das  Wasser  nicht  gefriert  (S.  254),  überwintern  sie.  Sobald  aber  die
Frühlingssonne  kommt,  regt  sich  neues  Leben  in  den  Wintersprossen,  und  es  bilden
sich  an  ihnen  die  viel  leichtern  „Sommersprossen“.  Diese  enthalten  zahlreiche  Lufträume,
  steigen  infolgedessen  nach  oben  und  tragen  dabei  die  Winterknospen  mit  empor.

51.  Der  Teich-  oder  grüne  Wasserfrosch.

1.  Körperbau  und  Aufenthalt.  Der  Teichfrosch  hat  einen  grünen  Rock
an,  der  mit  drei  gelblichen  Längsstreifen  und  einigen  schwarzen  Flecken  geziert  ist.
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        —  200  —

(Inwiefern  Schutzsarbe?)  Auch  der  weißgelbe  Bauch  ist  bei  einigen  schwarzgefleckt.
Die  nackte  Haut  fühlt  sich  kalt  und  schlüpfrig  an.  Die  Kälte  rührt  von  der  ge—
ringen  Blutwärme  her.  Diese  steigt  und  sinkt  mit  der  wechselnden  Luftwärme.
Daher  heißt  das  Blut  „wechselwarm“.  Die  Schlüpfrigkeit  rührt  von  dem  Schleime
her,  der  aus  den  vielen  Warzen  des  Körpers  hervordringt.  An  schönen  Maiabenden
  lassen  die  Männchen  ihr  weithin  tönendes  „Brekekekoax“  erschallen.  Dabei
wird  ihre  Stimme  durch  2  Schallblasen  verstärkt,  die  zu  beiden  Seiten  des  Kopfes
liegen  und  beim  Quaken  bis  zur  Größe  einer  Haselnuß  aufgetrieben  werden
können.  Der  Frosch  kann  sowohl  im  Wasser  als  auch  auf  dem  Lande  leben.
Jedoch  vermag  er  nicht  wie  ein  Fisch  im  Wasser  zu  atmen,  da  er  keine  Kiemen
hat.  Deshalb  steckt  er  auch  gewöhnlich  bald  nach  dem  Untertauchen  die  Nasenlöcher
  aus  dem  Wasser,  um  frische  Luft  zu  schöpfen.  Seine  Geschicklichkeit  im
Schwimmen  verdankt  er  vor  allem  der  Schwimmhaut,  womit  die  Zehen  seiner
Hinterbeine  versehen  sind.  Auf  dem  Lande  hüpft  er.  Die  Hinterbeine  sind  nämlich
  länger  als  die  Vorderbeine  und  daher  Springbeine.  Will  er  hüpfen,  so  legt
er  sie  erst  zusammen  wie  der  Tischler  sein  Metermaß,  streckt  sie  dann  aus  und
schnellt  sich  so  vorwärts.  Im  Herbste,  wo  er  keine  Nahrung  mehr  findet,  verkriecht
  er  sich  in  den  Schlamm,  um  dort  seinen  Winterschlaf  zu  halten.

2.  Nahrung.  Der  Teichfrosch  ist  sehr  gefräßig.  Er  nährt  sich  von  Mücken,
Fliegen,  Käfern,  Schnecken,  kleinen  Fischen  u.  s.  w.  Alles,  was  er  frißt,  muß
lebendig  sein.  Tote  Tiere  rührt  er  nicht  an.  Wie  ein  listiges  Raubtier  liegt  er
daher  auf  der  Lauer.  Nicht  selten  auch  schwimmt  er  leise  unter  dem  Wasser  heran
und  fährt  dann  plötzlich  auf  seine  Beute  zu.  Oft  sitzt  er  am  Ufer  im  Sonnenschein
wie  ein  Hund  auf  den  eingeschlagenen  Hinterbeinen  —  stets  zum  Sprunge  bereit.
Naht  dann  eine  Fliege,  so  springt  er  plötzlich  zu  und  schnappt  sie  weg.  Beim
Sprunge  öffnet  er  das  weite  Maul  und  schnellt  die  rote  Zunge  hervor.  Diese  ist
nämlich  nicht  hinten,  sondern  vorn  am  Kiefer  mit  der  Spitze  angewachsen.  Das
hiutere  Ende  klappt  der  Frosch  beim  Fange  hervor  und  fängt  so  seine  Beute  wie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der  Frosch  und  seine  Verwandlungsstufen.
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        —  201  —

in  einer  zuklappenden  Falle.  Befindet  sich  eine  Mücke  oder  eine  Fliege  ganz  in
der  Nähe  des  Frosches,  so  weiß  er  mit  seiner  Zunge  einen  Luftstrom  zu  erzeugen,
der  die  kleinen  Insekten  wie  ein  Windstoß  erfaßt  und  in  seinen  Rachen  führt.
3.  Verwandlung.  Im  Frühlinge  sehen  wir  in  flachen  Gewässern  häufig
eine  gallertartige  Masse  mit  schwarzen  Punkten,  die  unter  dem  Namen  „Froschlaich“
  bekannt  ist.  Sie  besteht  aus  den  abgesetzten  Eiern  der  Frösche.  Der  Teichfrosch
  laicht  Ende  Mai  oder  anfangs  Juni  und  setzt  dann  wohl  gegen  4000
linsengroße  Eier  ab.  Jedes  Ei  besteht  aus  einer  durchsichtigen,  gallertartigen
Masse,  die  in  der  Mitte  einen  schwarzen  Kern  einschließt.  Sobald  die  Eier
5—7  Tage  alt  sind,  platzen  sie,  und  aus  jedem  Ei  schlüpft  ein  kleines,  längliches,
schwarzes  Tierchen,  die  Kaulquappe.  Sie  scheint  anfangs  nur  Kopf  und  Schwanz
zu  besitzen.  Kopf  und  Leib  sind  nämlich  zu  einem  Stücke  zusammengewachsen
und  bilden  einen  walzenförmigen  Körper.  An  den  Seiten  sind  äußerlich  kleine
Anhängsel  sichtbar:  die  Kiemen.  Sie  dienen  zum  Atmen,  schrumpfen  aber  nach
einigen  Wochen  zusammen  und  werden  dann  durch  „innere“  Kiemen,  später  aber
durch  Lungen  ersetzt.  Nach  einigen  Wochen  erscheinen  die  Hinterfüße  und  nach
abermals  einigen  Wochen  auch  die  Vorderfüße.  Auf  dem  Kopfe  zerreißt  dann
die  Haut.  Allmählich  fällt  sie  ab,  und  der  Kopf  des  Frosches  wird  sichtbar.
Auch  der  Schwanz  schrumpft  immer  mehr  und  mehr  zusammen,  und  endlich  ist
der  junge  Frosch  fertig.  Ausgewachsen  ist  er  jedoch  erst  nach  4—5  Jahren.

52.  Schlußbetrachtung.

1.  Wasserlinse  und  Wasserfäden  gedeihen  nur  im  Wasser.  Es  sind  echte
Wasserpflanzen.  Das  Vergißmeinnicht  dagegen  hält  sich  zwar  gern  in  der  Nähe
des  Wassers  auf,  wagt  sich  aber  nur  selten  ganz  hinein.  Man  kann  es  wohl
einen  „Wasserfreund“  nennen,  aber  zu  den  eigentlichen  Wasserpflanzen  rechnet
man  es  nicht.  Die  echten  Wasserpflanzen  (z.  B.  Wasserfeder,  Hornkraut)  gedeihen
nur,  wenn  sie  vollständig  vom  Wasser  umspült  sind  oder  doch  wenigstens  noch  an
der  Unterseite  des  Blattstammes  (wie  die  Wasserlinse).  Sie  nehmen  ihre  Kohlensäure
  aus  dem  Wasser  auf.  Dagegen  giebt  es  Pflanzen  (Rohr,  Seerose,  Wasserlili),
  bei  denen  nur  der  untere  Teil  im  Wasser  steht.  Man  nennt  sie  Sumpfpflanzen.
  Sie  nehmen  die  Kohlensäure  wie  die  Erdpflanzen  aus  der  Luft  auf.
Die  echten  Wasserpflanzen  gehen  außerhalb  des  Wassers  bald  zu  Grunde  (warumy),
die  Sumpfpflanzen  nicht.  So  gedeiht  z.  B.  die  Seerose  noch  auf  dem  feuchten
Boden  eines  ausgetrockneten  Teiches.  (Anpassungsvermögen.)

2.  Die  Tiere  und  Pflanzen  des  Teiches  leisten  sich  einander  zahlreiche  Dienste,
so  daß  sie  in  mehrfacher  Hinsicht  voneinander  abhängen.  Eine  Handvoll  Teichlinsen
  z.  B.  zeigt  uns  bald,  welch  eine  Fülle  von  kleinen  Tieren  darin  haust:
aalartige  Würmchen,  Larven  der  Eintagsfliegen,  Schnecken  u.  a.  Für  alle  diese
Tiere  bilden  die  Teichlinsen  gleichsam  den  „Wald“,  worin  sie  Schutz  suchen.
Auch  dient  die  Teichlinse  vielen  von  ihnen  zugleich  zur  Nahrung.  (Welchen
andern  Wasserbewohnern  außerdem  noch?)  Das  Getier,  das  die  Wasserpflanzen
in  sich  beherbergen,  lockt  aber  auch  wiederum  Frösche,  Fische  und  Wasservögel
an,  die  hier  eine  unerschöpfliche  Speisekammer  finden.

IX.  Das  Feld  im  Sommer.

Heiß  brennt  die  Sonne  auf  das  goldne  Ahrenfeld  hernieder.  Hier  und  da
hört  man  schon  die  Sense  erklingen,  und  bald  wird  das  Feld  voller  Garben  stehen.
Die  Sperlinge  überfallen  in  Scharen  die  Weizenfelder,  und  die  Feldmäuse  schmausen
an  reichbesetzter  Tafel.  Am  eiligsten  aber  hat  es  jetzt  der  Hamster.  Mitten  im
        <pb n="207" />
        —  202  —

Kornfelde  versteckt,  reibt  er  mit  den  Vorderpfoten  die  Ähren,  steckt  die  Körner  in
seine  Backentaschen  und  eilt  damit  in  seine  Vorratskammer.

53.  Der  Lein  oder  Flachs.

1.  Aussaat.  Ende  April  sät  der  Landmann  den  Leinsamen  auf  seinen  Acker.
Er  streut  ihn  recht  dick  aus;  eine  alte  Bauernregel  sagt  ihm  nämlich:  „Lein  sär'
dick!“  und  dieser  Spruch  hat  recht.  Denn  erstens  müssen  die  jungen  Leinpflanzen
recht  viel  Feuchtigkeit  haben  und  können  daher  die  Sonnenstrahlen  nicht  gut  vertragen;
  stehen  sie  nun  sehr  dicht,  so  lassen  sie  die  Sonnenstrahlen  nicht  bis  auf
den  Boden  gelangen.  Zweitens  aber  bleiben  die  Stengel  dicht  stehender  Leinpflanzen
  dünner  als  die  Stengel  derjenigen,  welche  weniger  dicht  stehen.  (Warum?)
Je  dünner  aber  der  Stengel  ist,  je  biegsamer  und  feiner  ist  der  Bast.  —  Bald
nach  dem  Aufgehen  der  Saat  stellt  sich  aber  auch  das  Unkraut  ein.  Dieses  hindert
das  Wachstum  der  jungen  Leinpflänzchen,  weshalb  die  Flachsfelder  aufs  sorgsamste
gejätet  werden  müssen.

2.  Stengel.  Blüte  und  Frucht.  Das  Leinpflänzchen  hat  besonders  durch  den
Stengel  seine  Bedeutung  erlangt.  Schlank  und  glatt  schießt  er  empor,  ohne  Kanten,
ohne  verdickte  Knoten.  In  seinem  Innern  bildet  sich  ein  holziger  Körper;  dieser
ist  ringsum  von  feinen  Bastfasern  (2—4  cm  langen  Zellen)  umgeben,  die  eine
bedeutende  Zähigkeit  besitzen.  (Der  Bast  mancher  Pflanzen  übertrifft  das  Schmiedeeisen
  an  Tragvermögen.  Während  ein  Eisendraht  von  Bindfadendicke  eine  Last  von
21,9  kg  tragen  kann,  trägt  ein  ebenso  dicker  Streifen  des  Pfeifengrases  sogar  22  kg.)
In  der  himmelblauen  Blüte  und  der  Fruchtkapsel  tritt  uns  überall  die  Fünfzahl  entgegen.
  (Jnwiefern?)  Als  der  beste  Leinsamen  gilt  der  von  Riga.  Aus  dem  Samen
wird  das  Leinöl  gepreßt.  Es  dient  zur  Malerei  (Firnis),  als  Heilmittel  u.  s.  w.
Die  Rückstände  beim  Olschlagen  sind  als  Leinkuchen  ein  gutes  Viehfutter.

3.  Verarbeitung.  Ende  Juli  ist  der  Lein  soweit  gediehen,  daß  er  ausgerauft
werden  kann.  Um  die  Samenkapsel  von  dem  Stengel  zu  trennen,  zieht  man
den  Flachs  zunächst  durch  einen  eisernen  Kamm:  man  riffelt  den  Flachs.  Nun
geht  es  an  die  weitere  Verarbei  ung.  Damit  man  die  Bastfasern  bequem  und
rein  von  den  sie  umgebenden  Stengelteilen,  als  Gummi=  und  Harzstoffen,  Holz
und  Rinde,  lösen  kann,  müssen  diese  vorerst  zerstört  werden.  Das  geschieht
durch  das  sogenannte  Rotten  oder  Rösten.  Man  unterscheidet  die  Wasserröste  und
die  Tauröste.  Will  man  die  Wasserröste  anwenden,  so  legt  man  die  Leinpflanzen  in
losen  Bündeln  ins  Wasser  und  läßt  sie  dort  5—10  Tage  liegen.  Ist  das  Wetter
warm,  so  verbreiten  sie  dann  bald  einen  häßlichen  Geruch.  Dieser  kommt  von
der  Fäulnis,  in  die  einige  Pflanzenteile  übergehen.  Sobald  die  holzigen  Teile  zerstört
  und  mürbe  geworden  sind,  breitet  man  den  Flachs  im  Freien  aus,  um  ihn  so
in  der  Sonne  zu  trocknen.  In  Gegenden,  wo  es  an  Wasser  fehlt,  wendet  man  die
Tauröste  an.  Dabei  breitet  man  die  Stengel  in  dünnen  Schichten  auf  Rasen  oder
einem  Stoppelfelde  aus.  In  Zeit  von  4—8  Wochen  gehen  durch  Einwirkungen
von  Tau  und  Regen  die  Holz=  und  Rindenteilchen  ebenfalls  in  Fäulnis  über.
Hierauf  muß  der  Flachs  in  der  Sonne  ordentlich  austrocknen.  Zuweilen  wird  er
auch  in  besondern  Darröfen  gedarrt.  Dann  wird  er  auf  der  Flachsbreche  gebrochen,
wobei  die  spröden  Holz=  und  Rindenteilchen  als  Scheben  oder  Anchen  zur  Erde  fallen.

Das  Schwingen  und  Hecheln  endlich  befreit  die  Stengel  völlig  von  den  hölzernen
  Teilen  und  dem  Gummiharze,  legt  sie  glatt  und  sondert  die  feinern  Fasern
von  den  groben  und  verworrenen.  Die  verworrenen  Fäden  bilden  den  Werg  oder
die  Hede.  Sie  wird  zu  Seilerwaren,  Sack=  und  Packleinwand  verarbeitet.  Die
feinern  Fasern  spinnt  man  zu  Fäden  zusammen.  In  neurer  Zeit  ist  an  die  Stelle
des  Handspinnens  der  Maschinenbetrieb  getreten.  Die  Webmaschine  liefert  endlich
        <pb n="208" />
        —  203  —

Leinwand,  Köper  (Zwillich  und  Drillich)  und  Damast.  Durch  die  Einwirkung  der
Sonnenstrahlen  bei  der  „Bleiche“  erhält  die  Leinwand  die  schneeige  Weiße.

54.  Schmarotzer.

Wenn  wir  im  Sommer  ein  Flachs-,  Klee=  oder  Luzernenfeld  besuchen,  so  können
wir  nicht  selten  beobachten,  daß  einzelne  der  dort  angebauten  Pflanzen  von  einem
fadenartigen  Gewächse  spiralförmig  umschlungen  sind.  Dieses
Gewächs  ist  entweder  die  Klee=  oder  die  Flachsseide.  Beide  —
sind  sehr  gefährliche  Feinde  der  genannten  Futterkräuter  und  16
des  Flachses.  Im  Volksmunde  führen  sie  auch  den  Namen
„Teufelszwirn“.  Bei  den  Futterkräutern  kommt  nur  de
Kleeseide  vor,  beim  Flachse  auch  die  Flachsseide.  Ihr  Keim
dringt  unten  ein  wenig  in  die  Erde  und  klebt  sich  hier  fest.
Oben  verlängert  er  sich  fadenförmig  und  klammert  sich  an  eine
benachbarte  Pflanze,  z.  B.  an  einen  Leinstengel.  Bald  dringen
an  der  Berührungsstelle  Saugwurzeln  aus  ihm  hervor.  Diese
durchbohren  die  Rinde  des  Leinstengels,  saugen  ihm  die  Nahrung
  aus  und  zerstören  ihn.  Pflanzen,  die  ihre  Nahrung  andern
Pflanzen  (oder  deren  verwesenden  Teilen)  entziehen,  nennt  man
Schmarotzer,.  Zu  ihnen  gehört  auch  die  Mistel,  die  aus  Pappeln  v
und  Obstbäumen  wächst  und  selbstim  Winter,  wenn  ihr  Wirt  kahl  Junge  Mistel.
dasteht,  lustig  weitergrünt.  Auch  Klappertops,  Wachtelweizen  und  Augentrost  (S.  193)
treiben  ein  schmarotzerartiges  Leben.  Ganz  besonders  aber  gehören  hierher  die  Pilze.

55.  Die  Kartofeel.

1.  Geschichtliches.  Vor  300  Jahren  war  die  Kartoffel  noch  ein  Wildling
auf  den  Gebirgen  Perus  und  Chiles.  Ums  Jahr  1596  wurde  sie  von  dort  durch
Franz  Drake  einem  Freunde  in  England  zugesandt.  Bei  einem  Mahle  wollte
dieser  seine  Gäste  mit  dem  neuen  Gerichte  überraschen.  Aber  statt  der  Knollen
hatte  man  die  Beeren  zubereitet,  und  die  schmeckten  ganz  abscheulich.  Schon  glaubte
man,  in  England  gedeihe  das  neue  Gewächs  nicht.  Da  sah  eines  Morgens  der  Gastgeber
  gebratene  Knollen  in  der  Asche  eines  Gartenfeuers  liegen.  Er  nahm  eine  davon
und  zerdrückte  sie.  Ihr  lieblicher  Duft  fiel  ihm  auf.  Vom  Gärtner  erfuhr  er,  daß  sie  an
der  Wurzel  des  fremden  Gewächses  gesessen  hätten.  Bald  darauf  wurden  die  Gäste  wieder
geladen.  Diesmal  erschienen  die  gekochten  Knollen  auf  dem  Tische,  und  sie  schmeckten  allen
ganz  vorzüglich.  —  Wahrscheinlich  ist  aber  die  Kartoffel  schon  früher  (1560)  nach
Europa  gekommen  und  zwar  über  Spanien  nach  Italien.  Hier  erhielt  sie  wegen  ihrer
Ahnlichkeit  mit  den  Trüffeln  den  Namen  „Tartufolo“,  waraus  später  das  Wort
„Kartoffel“  emstanden  ist.  In  Deutschland  fanden  die  Kartoffeln  erst  mehr  und
mehr  Eingang  durch  den  großen  Kurfürsten  und  namentlich  durch  Friedrich  d.  Gr.

2.  Knollen.  Aus  den  unterirdischen  Stengelteilen  entspringen  sowohl  Nebenwurzeln
  als  auch  mit  Niederblättern  versehene  Ausläufer  (unterirdische  Zweige).
Nur  an  diesen  Ausläufern  —  nicht  an  den  Wurzeln  —  sitzen  die  fleischigen  Knollen.
Jede  Knuolle  ist  ein  unterirdischer,  fleischig  verdickter  Stengel,  dessen  Knospen  wir
in  den  „Augen“  wiederfinden.  Pflanzt  man  eine  solche  Knolle,  so  sprossen  aus
den  „Augen“  die  Stengel  hervor.  An  dem  untern  Teile  der  Stengel  bilden  sich
wieder  Ausläufer.  Diese  aber  verdicken  sich  an  ihrem  Ende  sowie  an  den  Enden
ihrer  Aste  zu  Knollen.  Damit  die  Ausläufer  reichlich  Erdreich  erhalten  und  recht
zahlreiche  Zweige  bilden  können,  werden  die  Kartoffeln  „behäufelt“.  Der  Nährwert
  der  Kartoffel  beruht  auf  ihrem  reichen  Vorrate  an  Stärkemehl.  (S.  376.)
Im  Sandboden  werden  die  Knollen  am  mehlhaltigsten.  Sie  verschaffen  aber  dem

-
        <pb n="209" />
        —  204  —

Körper  nur  wenig  Blut  und  Kraft  und  find  infolgedessen  bei  weitem  nicht  so
nahrhaft  wie  z.  B.  Brot,  Hülsenfrüchte  und  Fleisch.  (Die  Kartoffelknolle  besteht
zu  70—80  %  aus  Wasser,  zu  18—21  %  aus  Stärke  und  nur  zu  2  %  aus
dem  für  die  Ernährung  so  wichtigen  Eiweißstoffe.)

3.  Stengel,  Blätter  und  Blüten.  Der  Stengel  ist  mit  weit  hervortretenden
Kanten  versehen.  Dadurch  leitet  er  wie  in  einer  Wasserrinne  das  Regenwasser
zur  Wurzel.  (S.  167.)  Die  Blätter  sind  gefiedert.  Die  Fiederblättchen  sind  ungleich;
denn  es  wechseln  größere  und  kleinere  unregelmäßig  ab.  Welchen  Vorteil  gewähren
  die  gefiederten  Blätter?  (S.  181.)  Die  Blüten  haben  keinen  Honig.  Der
Insektenbesuch  ist  daher  spärlich.  Meist  tritt  Selbstbestäubung  ein.  Dies  geht  um
so  leichter,  als  die  Blüte  meist  nickend  ist  und  der  herausragende  Stempel  sich
etwas  zur  Seite  krümmt,  um  den  herabfallenden  Blütenstaub  aufzufangen.  Die
Frucht  ist  eine  Beere.  (S.  209.)

4.  Die  Kartoffelkrankheit  entsteht  durch  einen  kleinen  Pilz,  der  sich  in  allen
Teilen  der  erkrankten  Pflanze,  zunächst  jedoch  gewöhnlich  auf  den  Blättern  zeigt.
Hier  erscheint  er  als  zarter  Schimmel,  der  das  saftige  Grün  der  Pflanzen  in  ein
häßliches  Graubraun  verwandelt.  Die  Sporen  dieses  Pilzes  werden  vom  Regen  teilweise
  in  den  Boden  gespült,  wo  sie  mit  den  jungen  Knollen  in  Berührung  kommen.
Sie  wachsen  in  diese  hinein  und  zerstören  sie,  indem  die  Knollen  zu  einer  jauchigen
Masse  verfaulen  (nasse  Fäule)  oder  zu  einer  bröckligen,  rissigen  Masse  zusammenschrumpfen
  (trockene  Fäule).  Um  das  Krankwerden  der  Kartoffel  fürs  folgende
Jahr  zu  verhüten,  ist  es  notwendig,  die  von  Pilzen  befallenen  Stengel  zu  verbrennen,
  die  faulen  Knollen  aber  aufzulesen  und  vom  Acker  zu  entfernen.

5.  Kartoffelkäfer.  1877  tauchte  am  Rhein  der  Kartoffelkäfer  auf.  Er  war
aus  Amerika  hierher  verschleppt.  Dieser  Käfer  frißt  die  Kartoffelfelder  vollständig
kahl.  Glücklicherweise  hat  er  sich  seitdem  bei  uns  nicht  wieder  gezeigt.

56.  Das  Verwelken  der  Pflanzen.

Wenn  im  Sommer  die  Sonne  heiß  brennt,  lassen  manche  Pflanzen  schlaff
ihr  Köpfchen  hängen,  andre  verwelken  ganz.  Dies  hängt  mit  der  steten  Verdunstung
der  Feuchtigkeit  zusammen,  die  aus  den  Spaltöffnungen  der  Pflanzen  entweicht.
(S.  187.)  Das  verdunstete  Wasser  muß  durch  neue  Wassermengen  aus  dem  Boden
ersetzt  werden.  Ist  die  Hitze  aber  zu  groß,  so  verdunstet  mehr  Wasser,  als  die
Wurzel  aufzunehmen  vermag.  Es  tritt  also  bei  der  Pflanze  ein  Saftmangel  ein,
und  so  wird  die  Pflanze  welk.  Junge  Topfpflanzen  bedeckt  man  mit  einem
Glase,  um  so  die  zu  starke  Verdunstung  zu  verhüten.  Damit  die  Verdunstung
bei  frisch  gepflanzten  Bäumen,  deren  Wurzeln  wegen  der  verletzten  Saughaare
anfangs  nur  wenig  Wasser  ziehen  können,  nicht  zu  stark  geschieht,  schneidet  man
ihnen  teilweise  die  Zweige  ab.

57.  Die  Zuchkerrübe.

1.  Anbau.  Die  Zuckerrübe  ist  wegen  ihres  reichen  Zuckergehalts  (10—17  %)
eine  sehr  wichtige  Kulturpflanze  geworden,  die  den  Wohlstand  mancher  Gegenden
erst  begründet  hat,  wie  z.  B.  den  der  Magdeburger  Börde.  Im  April  oder  anfangs
Mai  werden  die  Samenkerne  mit  Hilfe  der  „Drillmaschine“  in  regelrechte  Reihen
gelegt.  Je  dichter  die  einzelnen  Büschel,  desto  weniger  haben  die  jungen  Pflanzen
von  den  Nachtfrösten  zu  leiden.  Sobald  die  Wurzeln  die  Dicke  eines  Strohhalms
erlangt  haben,  beginnt  das  „Verziehen“.  Dabei  werden  alle  Pflanzen  eines  Büschels
bis  auf  eine  —  die  kräftigste  —  entfernt.  Während  des  Sommers  muß  das  Rübenfeld
4—5  mal  behackt  werden,  damit  der  Boden  ausgelockert  werde.  (Warum?  S.  193.)

2.  Zuckerfabrikation.  Mitte  Oktober  sind  die  Rüben  ausgewachsen.  Die
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        —  205  —

weiße  Wurzel  ist  dann  etwa  30—40  cm  lang  und  2—3  kg  schwer.  In  den
Zuckerfabriken  werden  die  Rüben  mittels  Maschinen  gewaschen  und  in  feine  Streifen
zerschnitten.  Diese  Streifen  bringt  man  alsdann  in  kupferne  Behälter  und  laugt
sie  durch  Zusätze  von  heißem  Wasser  allmählich  aus.  Der  so  entstandene  Buckersaft
  wird  mehrmals  durch  eine  Schichi  Knochenkohle  geseiht  und,  damit  das  in  ihm
enthaltene  Wasser  verdampfe,  auch  gekocht.  Darauf  wird  der  eingekochte  und  teilweise
  zu  kleinen  Körnchen  krystallisierte  Zuckersaft  in  Gesäße  gebracht,  die  die  bekannte
  Zuckerhutform  haben.  Die  Gefäße  sind  unten  an  der  Spitze  durchlöchert,
damit  der  schleimige,  nicht  krystallisierte  Saft  als  „Sirup“  abfließen  kann.

3.  Pflanzenzucker.  Zur  Versüßung  der  Speisen  bedienten  sich  unfre  Vorfahren
  des  Honigs.  Den  Piflanzenzucker,  wie  er  sich  im  Zuckerrohr,  in  den  Weintrauben,
  Rüben  u.  s.  w.  findet,  kannte  man  noch  nicht.  Durch  die  Kreuzzüge  scheint
man  zunächst  den  Rohrzucker  kennen  gelernt  zu  haben,  und  nun  wurde  das  Rohr
von  Kleinasien  aus  nach  Agypten,  Griechenland,  Sicilien  und  später  auch  nach
Westindien  verpflanzt.  Aber  bis  zu  Ende  des  17.  Jahrhunderts  war  der  Zucker
so  teuer,  daß  ihn  nur  die  Reichen  bezahlen  konnten.  Vor  etwas  mehr  als  100
Jahren  lernte  ein  Berliner  Chemiker  den  Zuckergehalt  der  Rüben  kennen,  doch  erst
in  den  30er  Jahren  des  19.  Jahrh.  wurde  die  Zuckerbereitung  aus  Rüben  allgemein.

53.  Giftpflanzen.

1.  Kennzeichen.  Auf  dem  Felde  wachsen  manche  Pflanzen,  deren  Genuß  uns
sehr  gefährlich  wird.  Dahin  gehören  z.  B.  der  schwarze  Nachtschatten,  das  Bilsenkraut,
  der  Stechapfel  u.  a.  Man  nennt  sie  Gift-  .
pflanzen.  Wir  finden  solche  Pflanzen  auch  noch  im
Garten  (Hundspetersilie,  Goldregen),  im  Walde
(Fingerhut,  Tollkirsche),  auf  der  Wiese  (Hahnenfuß,
Herbstzeitlose)  u.  s.  w.  Biele  von  ihnen  machen  sich
schon  durch  einen  unangenehmen  Geruch  kenntlich,
wie  Bilsenkraut,  schwarzer  Nachtschatten  und  Stecch
apfel;  andre  dagegen,  wie  Fingerhut,  Goldregen,.
Herbstzeitlose  u.  a.  locken  durch  Blüte  und  Frucht
den  Unkundigen  an.  Sehr  gefährliche  Giftpflanzen
sind  auch  die  verschiedenen  Schierlingsarten,  die
man,  besonders  solange  sie  jung  sind,  leicht  mit  der
Petersilie  verwechseln  kann.  An  Gräben  und  Teichen
finden  wir  den  Wasserschierling,  dessen  hohle,  durhg.
Querwände  in  Fächer  geteilte  Wurzel  außerordentlich  «
giftig  ist.  Der  gefleckte  Schierling  trägt  im  Alter
am  Stengel  rotbraune  Flecken.  Seine  Fiederblätter
sind  zum  Unterschiede  von  denen  der  Petersilie  sehr
tief  gespalten  und  geben  beim  Zerreiben  einen  widerlichen
  Geruch  von  sich.  Die  größte  Ahnlichkeit  mit
der  Petersilie  hat  aber  der  Gartenschierling  oder  die
Hundspetersilie.  Die  Blätter  sind  jedoch  auf  der
Unterseite  glänzend  und  riechen  beim  Reiben  nicht,  #
wie  die  Petersilie,  gewürzhaft,  sondern  unangenehm  Das  Bilsenkraut.
nach  Knoblauch.  Besondres  Kennzeichen:  an  den  Döldchen  hängen  2—3  lange
Hüllblättchen  herab.

2.  Heilmittel.  Als  Folge  der  Vergiftung  stellen  sich  entweder  heftige  Leiboder
  Kopsschmerzen  ein.  Gegen  die  Leibschmerzen  wendet  man  am  besten  Mittel
an,  die  zum  Erbrechen  reizen,  wie  warme  Milch  u.  dgl.  Auch  Soda  oder  Mag-
        <pb n="211" />
        —  206  —

nesia,  in  Wasser  aufgelöst,  leisten  gute  Dienste.  Fühlt  man  Kopfschmerz,  so  trinke
man  starken  schwarzen  Kaffee  und  kühle  den  Kopf  durch  eiskalte  Umschläge.  Doch
ziehe  man  in  jedem  Falle  schnell  den  Arzt  zu  Rate.  (Vorsichtsmaßregel:  Vermeide
es,  alle  beliebigen  Früchte,  Blumen  und  Samen  in  den  Mund  zu  stecken!)

59.  Schlußbetrachtung.

Lein,  Kartoffel  und  Zuckerrübe  bedürfen  zu  ihrer  Erhaltung  der  sorgfältigsten
Pflege.  Anders  ist  es  mit  den  Unkräutern,  Schmarotzern  und  Gistpflanzen.  Sie
wachsen  ohne  alle  Pflege  heran  und  kämpfen  den  Kampf  ums  Dasein  mit  einer
großen  Beharrlichkeit.  „Unkraut  vergeht  nicht.“  Das  sehen  wir  z.  B.  an  der  Quecke
und  dem  Ackerschachtelhalme.  Ein  wunderbares  Beispiel  von  zäher  Ausdauer  liefert
uns  auch  der  „Teufelszwirn“.  (S.  203.)  Wurzeln  treibt  er  nicht  in  die  Erde.
(S.  203.)  Er  muß  sich  so  durchschlagen.  Sobald  sich  der  Keim  nach  einigen  Tagen
4—5  em  hoch  erhoben  hat,  sucht  er  mit  seiner  Endspitze  tastend  nach  einem  „Wirte“
umher,  auf  dem  er  schmarotzen  kann.  Oft  liegt  so  der  Keim  4—5  Wochen  unverändert
  und  wartet  auf  Rettung.  Nicht  selten  stellt  sie  sich  auch  ein,  indem  eine
Pflanze  in  der  Nähe  aufkeimt.  Dann  erfaßt  sie  der  schon  halb  verschmachtete
Teufelszwirn  und  rettet  sein  Leben  —  mit  dem  Untergange  seines  Wirtes.

X.  An  Wegen  und  Hecken  im  Herbste.
60.  Taubnessel  und  Biene.

1.  Blütenbau.  Der  hintere  Teil  des  Blütenblattes  bildet  eine  lange,  enge
Röhre,  die  sich  vorn  erweitert  und  in  2  Teile  spaltet.  Dadurch  erhält  die  Blüte
Ahnlichkeit  mit  einem  Rachen.  Die  Röhre  bildet  den  Schlund,  und  die  beiden  Teile
vorn  stellen  die  Ober=  und  Unterlippe  dar.  Man  nennt  die  so  geformten  Blüten
„Lippenblüten“.  Die  Oberlippe  ist  wie  ein  Helm  gewölbt  und  bildet  für  den  Blütenstaub
  ein  schützendes  Dach.  In  ihr  liegen  zwei  lange  und  zwei  kurze  Staubblätter.
(S.  181.)  Zwischen  ihnen  befindet  sich  der  Griffel  mit  zweiteiliger  Narbe,  von  der
ein  kleiner  Ast  nach  unten  gerichtet  ist.  Die  Unterlippe  ist  dreispaltig  und  bietet
den  honigsuchenden  Insekten  eine  bequeme  Auflugsstelle.

2.  Besuch  des  Bieuchens.  Die  Taubnessel  heißt  auch  noch  „Bienensaug“.
Diesen  Namen  führt  sie  nicht  mit  Unrecht.  Der  Fruchtknoten  scheidet  nämlich  Honig
aus.  Daher  ladet  sich  das  Bienchen  hier  gern  als  Gast  ein.  Die  Blüten  sind  zahlreich
  und  stehen  in  Quirlen.  Ihr  Duft  und  ihre  weiße,  leuchtende  Farbe  lockt  das
Bienchen  an.  Es  fliegt  herbei,  setzt  sich  auf  die  breite  „Unterlippe“  und  zwängt
den  Rüssel  in  die  enge  Röhre  hinein,  um  Honig  zu  naschen.  Während  sie  sich
gütlich  thut,  schütten  die  gerüttelten  Staubblätter  ihren  Blütenstaub  auf  den  Rücken
des  Insekts  herab.  Nun  fliegt  das  Bienchen  weiter  zur  nächsten  Taubnessel.  Hier
nimmt  die  Narbe  mit  dem  herabragenden  Aste  den  Blütenstaub  vom  Rücken  der
Biene,  und  so  hat  die  Biene,  ohne  es  zu  wissen,  die  Bestäubung  der  Tauboessel
bewirkt.  Manche  Hummeln  beißen  aber  dicht  über  dem  Kelche  ein  Loch  in  die  Blumenkrone
  und  stehlen  den  Honig,  ohne  der  Pflanze  jenen  Gegendienst  zu  erweisen.

3.  Stengel  und  Blätter  bilden  eine  Wasserleitung.  Von  der  Blattfläche  läuft
das  Regenwasser  in  die  Rinne  des  Blattstiels  und  von  hier  durch  2  Lücken  in  den
Quirlen  nach  dem  mit  4  Rinnen  versehenen  Stengel  zur  Wurzel  hinab.  Die  Haare  am
Stengel  sind  abwärts  gerichtet,  damit  sie  das  Hinabgleiten  des  Wassers  nicht  erschweren.

61.  Die  große  Breunessel  und  ihre  Cäste.

1.  Die  Brennessel  ist  die  „Schlange  des  Pflanzenreichs“.  Sie  läßt  nicht
mit  sich  spaßen.  Das  weiß  jeder,  der  sie  einmal  leicht  mit  der  Hand  berührt  und
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        —  207  —

sich  daran  „verbrannt“  hat.  Aber  woher  kommt  dieses  Brennen?  Betrachten  wir
die  Oberfläche  des  Blattes  durch  ein  Vergrößerungsglas,  so  seben  wir,  daß  sie
über  und  über  mit  kleinen  Härchen  besetzt  ist.  Das  sind  die  sogenannten  „Brennhaare“.
  Sie  dienen  zur  Abwehr  der  Feinde  und  sind  deshalb  mit  einem  ätzenden
Safte  angefüllt.  An  der  Spitze  tragen  sie  ein  Knöpschen.  Sobald  man  die  Brennhaare
  berührt,  springt  das  Knöpfchen  ab.  Die  spröde  Spitze  zerbricht  und  ritzt
die  Haut.  Gleichzeitig  dringt  auch  der  ätzende  Saft  in  die  Wunde  und  verursacht
dann  jenes  empfindliche  Brennen.

2.  Die  Gäste.  Von  Zeit  zu  Zeit  erhält  die  Brennessel  Besuch  von  einzelnen
Schmetterlingen,  namentlich  stellen  sich  Pfauenauge,  Admiral  und  Fuchs  bei  ihr
ein.  Was  wollen  sie?  Etwa  den  Honig  aus  der  Blüte  naschen?  Blüten  hat  zwar
die  Brennessel,  sogar  zweierlei:  Stempel=  und  Staubblüten.  Aber  Honig  geben  diese
nicht,  auch  locken  sie  die  Schmetterlinge  nicht  durch  prächtige  Farben  und  süßen
Duft  an.  Sie  haben  diese  zur  Anlockung  der  Insekten  auch  nicht  nötig,  da  sie
sich  selbst  bestäuben.  Das,  was  die  Schmetterlinge  zur  Brennessel  treibt,  ist
allein  die  Sorge  um  die  Nachkommenschaft.  Ihre  Raupen  nähren  sich  nämlich
fast  nur  von  den  Blättern  der  Brennessel.  Darum  suchen  diese  Schmetterlinge
die  Pflanze,  um  die  sie  sich  sonst  gar  nicht  kümmern,  auch  nur  zu  der  Zeit  auf,
wenn  sie  ihre  Eier  legen  wollen,  damit  die  später  auskriechenden  Raupen  auch
sofort  zu  fressen  haben.  Wer  aber  sagt  das  dem  Pfauenauge  und  Admiral?  Haben
sie  vielleicht  noch  eine  Ahnung  davon,  daß  auch  sie  einst  in  ihrem  Raupenzustande
auf  der  Brennessel  gelebt  haben?  Wahrlich,  die  Natur  ist  überall  voller  Wunder  und
nötigt  uns  Erstaunen  ab  vor  der  wunderbaren  Hand  des  allmächtigen  Schöpfers.

62.  Der  Löwenzahn.

1.  Pflanzennamen.  Diese  Pflanze  hat  sehr  verschiedene  Namen.  Von  den
eigentümlich  gestalteten,  tief  ausgeschnittenen  Blättern  heißt  sie  „Löwenzahn"“.  Kinder
nennen  sie  auch  wohl  „Kettenblume“,  weil  sie  aus  den  hohlen  Blütenschäften  lange
Ketten  machen.  „Kuhblume“  heißt  sie  wahrscheinlich  deshalb,  weil  sie  gern  von  der
Kuh  gefressen  wird.  —  Die  Namen  der  Pflanzen  sind  nicht  zufällig  entstanden.
Häufig  knüpfen  sie  sich  an  besondere  Formen  der  Blätter  und  Blüten,  wie  beim
Pfeilkraute,  Fingerhute,  Löwenmaule,  Storchschnabel,  bei  der  Küchenschelle  (Kuhschelle),
  Glockenblume  u.  a.  Bei  einigen  erinnert  der  Name  an  den  Standort:
Heidekraut,  Kornblume,  Wegerich,  Sumpfdotterblume  u.  s.  w.  Zuweilen  weist  auch
der  Name  auf  die  Blütezeit  hin:  Maiglöckchen,  Schneeblume,  Johanniskraut,  Herbstzeitlose
  u.  a.  Auch  andre  Eigentümlichkeiten  haben  nicht  selten  den  Namen  veranlaßt,
  so  bei  der  Zitterpappel,  Brennessel  u.  s.  w.

2.  Wurzel,  Blätter  und  Blütenschaft.  Der  Löwenzahn  hat  einen  unterirdischen
  Stengel  mit  starker  Hauptwurzel.  Der  Stengel  verzweigt  sich,  so  daß
die  Wurzel  mehrere  Achsen  trägt.  Jede  Achse  wird  im  Frühlinge  mit  einer  Blattrosette
  gekrönt  und  bildet  so  gewissermaßen  eine  Pflanze  für  sich.  Die  Blätter
sind  mit  tiefen  Einschnitten  versehen.  Sie  verdunsten  daher  weniger  Wasser.  An
sonnigen  Stellen  sind  sie  tiefer  gespalten  als  an  feuchten;  hier  sind  sie  zuweilen
fast  ganzrandig,  um  mehr  Wasser  ausdünsten  zu  können.  Auch  stehen  sie  hier  mehr
aufrecht.  Warum?  (S.  167.)  Der  Blütenschaft  (S.  167)  ist  hohl.  Spalte  ihn!  Die
einzelnen  Streifen  rollen  sich  nach  außen  um.  Zugleich  fließt  ein  weißlicher  Milchsaft
heraus.  Solcher  Saft  findet  sich  in  allen  Pflanzenteilen.  Er  hat  einen  scharfen,  widerlichen
  Geschmack  und  bildet  wahrscheinlich  ein  Schutzmittel  gegen  manche  kleine  Tiere.

3.  Die  Blüte  ist  eine  Korbblüte.  Sie  setzt  sich  aus  vielen  einzelnen  Blüten
zusammen  und  ist  von  einem  „Hüllkelche“  umgeben.  Dieser  Kelch  ist  aus  einer
dreifachen  Blätterlage  gebildet.  In  ihm  steht  wie  in  einem  Korbe  eine  Anzahl
        <pb n="213" />
        —  208  —

Blüten  beisammen;  denn  was  wir  zunächst  für  ein  Blütenblatt  halten,  ist  eine
vollständige  Blüte  mit  einem  Stempel  und  5  Staubblättern.  Jedes  Blütchen  hat
oben  die  Gestalt  einer  Zunge  und  ist  unten  wie  eine  Röhre  geformt.  Diese  Röhre
ist  von  einem  Haarkranze  umgeben,  der  die  Stelle  des  Kelches  vertritt.  Später
wächst  der  Fruchtknoten  oben  zu  einem  langen  Stiele  aus  und  hebt  den  Haarkelch
in  die  Höhe.  Diese  Kelche  bilden  in  der  Kindersprache  die  sogenannte  „Laterne",
die  auszupusten  den  Kindern  viel  Vergnügen  macht.  Da  viele  Blüten  bei  einander
stehen,  so  leuchten  sie  mit  ihrer  gelben  Farbe  weithin  und  laden  die  Insekten  zum
Honigmahle.  Diese  stellen  sich  auch  zahlreich  ein.  Unter  ihnen  auch  die  Larven
des  Maiwurms  oder  Olkäfers.  Man  nennt  sie  auch  Bienenläuse.  Sie  warten  hier
nämlich  auf  das  Bienchen.  Kommt  ein  solches,  so  hängen  sie  sich  an  dessen  Haare
und  lassen  sich  so  in  den  Bienenkorb  tragen.  Sobald  dann  die  Biene  eine  Zelle
nebst  Ei  und  Honig  mit  einem  Deckel  verschließen  will,  gleitet  eine  Larve  in  die
Zelle  und  läßt  sich  dort  einschließen.  Nun  zehrt  sie  vom  Honig,  wächst  heran,
verpuppt  sich  und  kommt  endlich  als  Käfer  hervor.

63.  Ausbreitung  des  Samons.

Es  ist  wunderbar,  wie  die  Natur  für  die  Ausbreitung  des  Samens  sorgt.
So  hat  sie  z.  B.  die  einzelnen  Samenkörnchen  des  Löwenzahns  mit  einer  zierlichen
Haarkrone  versehen,  und  jeder  leise  Luftzug  ist  daher  im  stande,  die  Samen  mit
sich  fortzuführen  und  an  einem  entfernten  Orte  einzupflanzen.  Nicht  selten  treibt
sie  der  Wind  auf  hohe  Mauern  und  Türme  hinauf,  und  häufig  beginnen  sie  dort
zu  wachsen.  Die  Früchte  des  Ahorns  und  der  Esche,  die  Samen  der  Kiefer  und
Birke  sind  mit  Flügeln  ausgestattet  und  können  daher  ebenfalls  leicht  vom  Winde
bewegt  werden.  Beim  Zweizahn  und  bei  der  Klette  hängen  sich  die  Samen  mit
ihren  Hälchen  an  die  Kleider  der  Menschen  oder  an  die  Felle  der  Tiere  und  lassen  sich
so  von  Ort  zu  Ort  tragen.  Auch  der  Eichelhäher  trägt  nicht  selten  zur  Ausbreitung
des  Samens  bei,  indem  er  nämlich  im  Herbste  Vorräte  von  Eicheln  in  die  Erde
oft  so  gut  verbirgt,  daß  er  sie  im  Winter  gar  nicht  wieder  aufzufinden  vermag.

64.  Bewegungserscheinungen  bei  den  Pflanzen.

1.  Zu  dem  Wunderbarsten  im  Pflanzenleben  gehören  die  eigentümlichen  Bewegungserscheinungen,
  die  wir  bei  manchen  Pflanzen  wahrnehmen.  So  z.  B  schließt
der  Löwenzahn  jeden  Abend  seine  Blüten,  und  erst  mit  der  aufgehenden  Sonne
öffnet  er  sie  wieder.  Bei  trübem  Wetter  sind  die  Blüten  auch  am  Tage  geschlossen.
Sie  sind  so  vor  zu  starker  Wärmeausstrahlung  und  Pollen  und  Honig  gegen  Regen
geschützt.  Ganz  ähnlich  verhalten  sich  Habichtskraut,  Wiesenbocksbart,  Winde
u.  s.  w.  Nicht  mit  Unrecht  spricht  man  deshalb  von  einem  „Blumenschlafe“.  Bei
vielen  Pflanzen  tritt  er  zu  ganz  bestimmten  Stunden  ein.  Die  Teichrose  öffnet
z.  B.  ihre  Blüten  morgens  um  7  Uhr  und  schließt  sie  nachmittags  um  5  Uhr;
der  Flachs  hat  seine  Blüten  in  der  Regel  nur  von  5  Uhr  bis  gegen  Mittag  geöffnet.
  (Wie  kann  sich  der  Gärtner  eine  Blumenuhr  herstellen?)  Bekannt  ist  ja
auch,  daß  sich  viele  unsrer  Topfpflanzen  im  Zimmer  dem  Lichte  zuwenden  und  ihm
Blätter  und  Blüten  entgegenstrecken.  (Heliotrop  =  Sonnenwende.)

2.  Aber  die  Pflanzenwelt  hat  noch  andre  Bewegungserscheinungen  aufzuweisen.
Berührt  man  z.  B.  den  Blattstiel  der  in  Brasilien  heimischen  Mimose  oder  Sinnpflanze,
  so  klappen  von  der  Blattspitze  aus  die  einzelnen  Fiederblättchen  paarweise
zusammen,  und  dann  senkt  sich  das  ganze  Blatt  nach  unten.  Ganz  ebenso  verhält
sich  diese  Pflanze,  wenn  der  Boden  in  ihrer  Nähe  durch  einen  Reiter,  Wagen  u.  dgl.
erschüttert  wird.  Wahrhaft  in  Erstaunen  versetzt  uns  aber  der  rundblättrige  Sonnentau,
  der  auf  sumpfigen  Plätzen  Norddeutschlands  wächst.  Seine  runden  Blätter  sind
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        —  209  —

am  Rande  mit  langen  Drüsenhaaren  besetzt,  denen  ein  klebriger  Saft  entquillt.  Sobald
  nun  ein  Insekt,  durch  den  Saft  angelockt,  das  Blatt  berührt,  wird  es  zunächst
durch  die  klebrige  Masse  festgehalten.  Dann  aber  biegen  sich  die  Haare  um  und
schließen  das  Tier  von  allen  Seiten  ein.  Erst  nach  einigen  Tagen  öffnet  sich  das
Blatt  wieder,  und  nun  findet  man  nur  noch  die  harten  Uberreste  des  Tierchens;
denn  die  Weichteile  sind  von  dem  Safte  aufgelöst  und  von  den  Blättern  eingesogen
worden.  Man  nennt  solche  Pflanzen  insekten=  oder  fleischfressende  Pflanzen.

65.  Hagebutten  und  Schlafäpfel.  II.  (S.  195.)

1.  Hagebutte.  Der  Rosenmonat  ist  zwar  dahin,  und  die  Rosenstöcke  sind
ihrer  duftigen  Blüten  längst  entkleidet.  Aber  auch  noch  im  Herbste  gewährt  uns  die
Hundsrose  einen  herrlichen  Anblick,  wenn  sie  sich  in  den  Scharlachmantel  ihrer  roten
Früchte  gehüllt  hat.  Die  rote  Farbe  lockt  Vögel  an,  die  die  Früchte  fressen  und  den
Samen  ausbreiten.  Die  Früchte  führen  den  Namen  „Hagebutten“.  (Hag  =  lebendige
Hecke,  Butte  =  tonnenartiges  Gefäß.)  Die  Butte  umschließt  als  Schutzhülle  eine
Menge  birnenförmiger  Nüßchen.  Sie  sind  aus  den  Fruchtknoten  entstanden  und  zwischen
borstenartigen  Haaren  eingebettet.  Man  verwendet  die  Hagebutten  zu  Suppen.

2.  Schlafäpfel.  An  einigen  Rosenstöcken  bemerken  wir  rundliche  Auswüchse,
die  mit  moosartigen  Gebilden  bedeckt  sind.  Man  nennt  sie  Rosenäpfel.  Sie  entstehen
  durch  den  Stich  der  Rosengallwespe.  Diese  sticht  mit  ihrem  Legebohrer  im
Mai  und  Juni  die  jungen  Triebe  an  und  legt  in  die  Stichwunde  ein  oder  mehrere
Eier.  Durch  Ei  und  Made,  besonders  durch  den  Saft,  den  die  Made  absondert,  wird
der  Trieb  gereizt  und  so  eine  Anschwellung  erzeugt,  worin  die  aus  dem  Ei  entstandene
Larve  lebt.  Im  Herbste  ist  die  Galle  reif,  aber  die  Gallwespe  arbeitet  sich  erst
im  nächsten  Frühjahre  aus  dem  Gefängnis  hervor.  —  Früher  glaubte  man,  durch
solche  Apfel  schreiende  Kinder  zum  Schlafen  bringen  zu  können,  und  legte  sie
ihnen  unter  das  Kopfkissen.  Man  nannte  die  Apfel  daher  Schlafäpfel.

66.  Der  Holunderstrauch  und  sein  Gast,  das  Rotkehlchen.
  II.  (S.  197.)

1.  Holunderbeere.  Gegen  den  Herbst  bedeckt  sich  der  Holunder  über  und  über
mit  kohlschwarzen  Beeren.  Vergleichen  wir  die  Holunderbeere  mit  einer  echten
Beere,  z.  B.  mit  der  Heidel=  oder  der  Weinbeere  (S.  213),  so  werden  wir  in  dem
Bau  der  Beeren  einen  nicht  unbedeutenden  Unterschied  finden.  Bei  der  Heidelbeere
liegt  nämlich  der  Same  in  dem  Fruchtbrei;  bei  dem  Holunder  ist  der  Same  aber
erst  noch  von  einer  harten  Steinschale  umschlossen,  so  daß  jeder  Samenkern  seinem
Bau  nach  an  einen  Kirschkern  erinnert.  (S.  174.)  Ferner  hat  sich  die  Holunderbeere
nicht  wie  die  Heidelbeere  allein  aus  dem  Fruchtknoten,  sondern  auch  aus  dem  Kelche
entwickelt.  Wir  können  dies  deutlich  an  den  Beeren  erkennen,  da  jede  noch  die
Spuren  des  Kelches  trägt.  Die  Hausfrau  verwertet  die  Holunderbeeren  zu  Suppen
und  Mus.  Auch  wird  der  Saft  zur  Färbung  des  Weines  benutzt.

2.  Besuch  des  Rotkehlchens.  Die  Holunderbeeren  bilden  für  manche  Vögel
eine  leckere  Kost.  Besonders  stellen  sich  Amsel  und  Rotkehlchen  hier  gern  als  Gäste
ein.  Die  schwarze  Farbe  der  Beeren  macht  sie  ihnen  von  weitem  kenntlich,  und
durch  die  roten  Stiele  fallen  sie  noch  mehr  in  die  Augen.  Dem  Rotkehlchen  aber
bringt  die  Holunderbeere  nicht  selten  den  Tod.  Wenn  die  Herbstnebel  sich  einstellen,
  dann  ziehen  böse  Knaben  mit  Sprenkeln  und  Holunderbeeren  hinaus  in  den
Wald,  um  dort  die  armen  Rotkehlchen  zu  fangen.  Ach,  wie  schrecklich  ist  meist
das  Los  eines  solchen  armen  Gefangenen!  Nicht  selten  zerschlägt  ihm  der  Sprenkel

ein  Bein  —  oder  das  Vöglein  geht  in  der  Stube,  wo  es  die  Fliegen  wegschnappen
Realienbuch,  B.  14
        <pb n="215" />
        —  210  —

soll,  einem  baldigen  Tode  entgegen.  Viele  Tausende  kommen  so  auf  schändliche
Weise  um.  Ein  solches  Los  aber  haben  sie  nicht  verdient.  Denn  sie  sind  nicht
nur  eine  Zierde  unfrer  Gärten  und  Wälder,  sondern  vertilgen  auch  viele  schädliche
  Insekten.  Manchen  Apfel,  den  wir  uns  im  Winter  gut  schmecken  lassen,
haben  wir  dem  Rotkehlchen  zu  verdanken.

67.  Schlußbetrachtung.

Die  Taubnessel  liefert  dem  Bienchen  Honig.  Dafür  trägt  das  Bienchen  den
Blütenstaub  von  einer  Blüte  zur  andern  und  sorgt  für  die  Befruchtung.  Der
Holunder  erquickt  das  Rotkehlchen  im  Herbste  mit  Beeren.  Dafür  hat  es  ihm  im
Sommer  Blattläuse  und  Raupen  abgesucht.  Die  Brennessel  und  der  Löwenzahn
nähren  eine  ganze  Anzahl  von  Gästen,  und  in  den  Schlafäpfeln  der  Hundsrose
entwickelt  sich  die  Rosengallwespe.  So  hängt  überall  das  Tier=  und  Pflanzenleben
  eng  miteinander  zusammen.  Im  Meere  giebt  es  Krebse,  die  es  dulden,
daß  sich  auf  ihrem  Rücken  kleine  Meerespflanzen  ansiedeln;  dafür  erweisen  ihnen
diese  dadurch  einen  Gegendienst,  daß  sie  die  Krebse  unkenntlich  machen  und  sie  so
gegen  ihre  Verfolger  schützen.  Ja,  einige  Krabbenarten  schneiden  sogar  mit  ihren
Scheren  Stücke  vom  Tang  ab  und  befestigen  sie  auf  ihrem  Panzer  an  hakenförmigen
  Haaren,  damit  sie  dort  wachsen.

XI.  Der  Garten  im  Herbste.

Die  Blumenbeete  haben  sich  mit  buntfarbigen  Astern  und  Georginen  geschmückt.
Von  den  Unkräutern,  die  man  jetzt  schon  mehr  ungehindert  wuchern  läßt,  hat
sich  neben  dem  Kreuzkraute  auch  der  giftige  Nachtschatten  mit  seinen  schwarzen
Beeren  eingestellt.  Im  Gemüsegarten  fallen  uns  die  gelbgewordenen  Blätter  der
Stangenbohne  auf,  zwischen  denen  die  gereiften  Hülsen  hangen.  Auf  dem  Kürbisbeete
  erfreut  uns  die  riesige  Kürbisfrucht  an  der  weitgelaufenen  Ranke.  Am
Giebel  reift  die  süße  Traube,  und  auf  den  Obstbäumen  prangen  saftige  Früchte.
Die  Singpögel  schicken  sich  —  soweit  sie  uns  nicht  schon  verlassen  haben  —  zur
Abreise  an.  Maulwürfe  und  Engerlinge  ziehen  sich  der  kältern  Luft  wegen  tiefer
in  die  Erde  zurück.  Abends  aber  durchstreift  noch  einmal  der  Igel  den  Garten.
Dann  sucht  er  sein  Winterlager  auf,  wo  er  die  kalten  Tage  des  Winters  verschläft.

68.  pflaumen  und  Pflaumenwickler.

1.  Pflaumen.  Die  Pflaumen  sind  jetzt  reif  geworden.  Sie  haben  sich  mit
weißbläulichem  Reife  überzogen.  Das  ist  eine  Wachsschicht,  die  sie  ausschwitzen.  Sie
schützt  die  Pflaume  bei  anhaltendem  Regen  vor  Fäulnis.  Im  Innern  birgt  die
Pflaume  einen  Stein,  die  Schutzhülle  des  Samenkerns.  Pflaumen=  und  Kirschensteine
brennen  gleichwie  Nußschalen.  Vorher  schwärzen  sie  sich:  sie  verkohlen.  Sie  enthalten
  also  Kohle  und  sind  in  Wirklichkeit  nicht  etwa  Steine,  sondern  sehr  hartes  Holz.

2.  Pflaumenwickler.  Offne  mehrere  vorzeitig  vom  Baume  gefallene  Pflaumen!
Ein  rötlicher  „Wurm“,  die  „Pflaumenmade“,  sitzt  darin.  Dieser  „Wurm“  ist  die
Raupe  des  Pflaumenwicklers,  eines  kleinen,  graubraunen  Schmetterlings.  Er  fliegt
im  Juni  und  Juli  umher  und  setzt  dann  bald  an  diese,  bald  an  jene  Pflaume
ein  Ei  ab.  Nach  mehreren  Tagen  kriecht  aus  dem  Ei  die  rötliche  Raupe.  Sie
frißt  nur  das  Fleisch,  den  Kern  verschmäht  sie.  Sobald  sie  ausgewachsen  ist  (meist
im  September),  kriecht  sie  aus  der  Pflaume  hervor  und  sucht  sich  ein  Versteck
hinter  Rindenschuppen  u.  s.  w.  Hier  spinnt  sie  sich  ein  und  bringt,  ohne  sich
zu  verpuppen,  den  Winter  zu.  Erst  im  kommenden  Frühlinge  verpuppt  sie  sich.
Schüttle  zeitig  die  wurmstichigen  Pflaumen  ab  und  vernichte  siel
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        —  211  —
69.  Reif,  Meltau  und  Honigtan.

Bei  den  Pflaumen  haben  wir  den  „Reif“  kennen  gelernt.  (S.  210.)  Im
gewöhnlichen  Leben  wird  dieser  Reif  häufig  mit  dem  „Meltau“  verwechselt,  der
sich  nicht  selten  auf  den  Blättern  der  Bäume  und  Sträucher  unsrer  Gärten  findet.
Der  Meltau  besteht  aber  aus  kleinen  Pilzen.  Sie  sind  unsern  Rosenstöcken  sehr
schädlich,  namentlich  aber  richten  sie  in  den  Weinbergen  große  Verheerungen  an.
Der  Meltau  bildet  nämlich  auf  den  Trauben  einen  schimmeligen  Überzug  und  bewirkt,
daß  die  Trauben  faul  werden.  —  Auf  den  Blättern  unsrer  Obstbäume  finden
wir  oft  einen  weißlichen  Überzug,  der  aus  Häuten  von  Blattläusen  herrührt  und
vom  Volke  ebenfalls  mit  dem  Namen  „Meltau“  bezeichnet  wird.  —  Zuweilen
erglänzen  die  Blätter  unsrer  Obstbäume  —  namentlich  an  heißen  Sommertagen
—  wie  mit  Lack  (Honigtau)  überzogen.  Dieser  Lack  entsteht  teils  durch  Ausschwitzungen
  der  Blätter,  teils  durch  Ausscheidungen  der  Blattläuse.

70.  Kohlstrunk  und  Kohlweißling.

1.  Im  Kohlgarten.  Ei.  Raupe.  Kohlrabi  und  Wirsing  stehen  in  voller
Pracht.  Über  ihnen  schaukeln  sich  zahlreiche  weiße  Schmetterlinge,  hier  und  da  auf
den  Kohl  sich  niederlassend.  Mit  Wohlgefallen  betrachtet  die  Hausfrau  die  üppigen
Kohlpflanzen  und  verläßt  befriedigt  den  Garten.  Da  tritt  sie  eines  Tages  wieder
in  den  Garten.  Aber  welch  ein  Schrecken!  Von  einem  recht  üppig  gewachsenen
Kohlkopfe  starren  ihr  die  kahlen  Rippen  entgegen,  während  die  noch  saftigen  Pflanzenteile
  von  Raupen  förmlich  wimmeln.  Die  weißen  Schmetterlinge,  die  sich  über  den
Kohlpflanzen  schaukelten,  waren  Kohlweißlinge.  Sie  setzten  ihre  Eier  an  die  Kohlblätter
  ab,  damit  die  Raupen  sofort  in  dem  Kraute  ihre  Nahrung  fänden.  Meist
kleben  sie  die  Eier  an  die  Unterseite  der  Blätter,  weil  sie  hier  am  besten  gegen  Vögel
u.  s.  w.  geschützt  sind.  Die  ausgekrochenen  Raupen  sitzen  zuerst  dicht  gedrängt  beisammen.
  Später  trennen  sie  sich.  Bei  der  üppigen  Kost  wachsen  sie  schnell  heran.  Während
  ihrer  Lebenszeit  häuten  sie  sich  4—5  mal.  Warum?  (S.  Eidechse,  S.  2481)

2.  Puppe.  Schmetterling.  Sobald  die  Raupe  ausgewachsen  ist,  verläßt
sie  den  Kohlstrunk  und  kriecht  an  einer  Wand  oder  einem  Baumstamme  in
die  Höhe,  um  sich  zu  verpuppen.  Nach  14  Tagen  oder  —  wenn  die  Puppe  überwintert
  —  im  Frühlinge  des  nächsten  Jahres  platzt  die  harte  Haut  der  Puppe,
und  aus  dem  Sarge  bricht  ein  Schmetterling  mit  vier  weißlichen  Flügeln  hervor.
Die  Vorderflügel  sind  an  den  Vorderspitzen  mit  schwarzen  Ecken  (bei  dem  Weibchen
aber  außerdem  noch  in  der  Mitte  mit  zwei  schwarzen  Flecken)  geziert.  An  der
dreifach  geringelten  Brust  sitzen  6  Beine.  Die  verlängerten  Unterkiefer  sind  zu
einem  schneckenförmig  aufrollbaren  Saugrüssel  ausgebildet.  Mit  ihm  saugt  der

Schmetterling  Honig  aus  den  Blüten.  Nach  wenigen  Tagen  schon  setzt  er  seine
Eier  ab  und  —  stirbt.

71.  Apfelfrucht,  Apfelwickler  und  Brenner.  II.  (6.  174.

1.  Apfelfrucht.  Im  Frühlinge  bemerkten  wir  bereits,  daß  sich  der  Apfel  mit
aus  dem  kugelig  verdickten  Körper,  der  sich  unterhalb  der  Blüte  befand,  dem  Fruchtboden,
  entwickelte.  Aus  ihm  entsteht  das  Fleisch  des  Apfels.  In  seinem  Innern
aber  bildet  sich  aus  den  5  Fruchiknoten  das  fünffächerige  Kerngehäuse,  in  dessen
Höhlungen  die  Samenkerne  wie  in  schützenden  Kämmerchen  liegen.

2.  Apfelwickler.  Die  Apfel,  die  zuerst  reifen,  sehen  zwar  recht  schön  aus,
aber  häufig  sind  sie  „wurmstichig“.  Das  rötlich  weiße  Tierchen  in  dem  Apfel  ist
nun  zwar  kein  Wurm,  sondern  die  Raupe  eines  Schmetterlings,  des  Apfelwicklers.
Dieser  schlüpft  im  Juni  oder  Juli  aus  der  Puppe  und  setzt  bald  darauf  an  un-14°
        <pb n="217" />
        reise  Apfel  und  Birnen  je  ein  Ei  ab.
Nach  8—  10  Tagen  kriecht  aus  dem
Eihl  eine  Raupe,  die  sich  an  irgend  einer
n  Stelle  in  die  Frucht  einbohrt.  Hier
bvoerzehrt  sie  zuerst  die  Apfelkerne,
W  J  dann  frißt  sie  sich  in  einem  gewundenen
  Gange  durch  das  Fleisch  des
Apfels,  sucht  eine  Rindenritze  und  verpuppt
  sich  dort.  Eine  Verminderung
der  Raupen  ist  nur  durch  das  Vernichten
  des  Fallobstes  zu  erzielen.

3.  Der  Brenner,  ein  Rüsselkäfer,  legt
sein  Ei  in  die  Blütenknospen.  Die  Made  zerfrißt  das  Herz  der  Knospe.  Die
Blütenblätter  vertrocknen  dann,  sehen  wie  verbrannt  aus  und  bilden  eine  gewölbte
Decke,  unter  der  sich  die  Larve  verpuppt.

72.  Obstbaumpflege.

Jeder  Obstbaum  bedarf,  wenn  er  tragfähig  erhalten  werden  soll,  aufmerksamer
  Pflege.  Dahin  gehört  zunächst,  daß  sleißig  Jagd  auf  die  Raupennester
gemacht  wird.  Im  Herbste  muß  die  Krone  regelmäßig  von  dem  überflüssigen
Holze  und  den  saftraubenden  „Wasserschossen“  befreit  werden.  Die  durch  das
Absägen  entstandenen  Aststellen  bestreiche  man  mit  heißem  Teer,  da  sonst  der  Ast
und  mit  ihm  der  Stamm  leicht  faul  wird.  Im  Sommer  oder  Herbste  kratze  man
den  Stamm  ab,  damit  er  von  der  alten,  trocken  gewordenen  Rinde  und  den  Flechten
befreit  werde,  die  den  schädlichen  Insekten  Schlupfwinkel  bieten.  —  Ein  schlimmer
Feind  der  Obstbäume  ist  der  kleine  Frostspanner.  Er  kriecht  im  Oktober  aus
der  Puppe.  Das  Weibchen  kann  nicht  fliegen.  Es  hat  verkümmerte  Flügel.
Langsam  kriecht  es  am  Baume  empor,  um  oben  seine  200—300  Eier  abzusetzen.
Um  dies  zu  verhindern,  bestreicht  man  den  Baum  mit  Kalk,  der  in  Rindsblut  gelöscht
ist.  Auch  Teerringe  oder  mit  Insektenleim  bestrichene  und  um  den  Baum  gelegte
  Bandstreifen  leisten
„hier  gute  Dienste.  Ein

naundrer  gefährlicher  Feind
Ffbder  Apfelbäume  ist  die
5  Blutlaus.  Sie  bildet
weiße,  flockige  Uberzüge
an  Ast  und  Zweig.  Wenn
W.  man  sie  zerdrückt,  hin-Frostwanner.
  terläßt  sie  einen  blut—
1.  Raupe.  2.  Weibchen.  3.  Männchen.  oten  Flekl.  Dee  varuen,
kriechen,  überdauern  den  Winter.  Sie  sitzen  in  den  Rissen  und  Wunden  des
Stammes.  Man  zerreibe  deshalb  die  Larven  im  Frühlinge  mit  einem  Lappen
und  pinsele  alle  Risse  und  Wunden  des  Baumes  bis  an  den  Wurzelhals  mit
einer  Lysollösung  (100  g  Lysol  auf  10  1  Wasser)  aus.  —  Da,  wo  die  Rinde  während
  des  Safttriebes  im  Frühlinge  verwundet  worden  ist,  entstehen  leicht  Brand
und  Krebs,  wodurch  Rinde  und  Holz  leiden.  Um  sie  zu  beseitigen,  schneidet  man
die  schadhaften  Stellen  aus  und  bestreicht  die  Schnittwunden  mit  heißem  Teer.
—  Häufig  tragen  die  Obstbäume  auch  nicht,  weil  es  ihnen  an  Nahrung  fehlt.  In
solchem  Falle  umgrabe  man  im  Herbste  den  Baum  in  einem  Umkreise  von  2—3  m
und  dünge  den  Boden  mit  Jauche  und  verrottetem  Kuh=  und  Pferdedünger.

  
   
  

*
*5
«
        <pb n="218" />
        —  218  —
73.  Der  Weinstock  und  die  Reblaus.

1.  Der  Stamm  wird  bei  uns  höchstens  armesdick  und  muß  durch  Pfähle  oder
Spaliere  aufrecht  gehalten  werden.  In  wärmern  Gegenden  erreicht  er  jedoch  eine
solche  Stärke,  daß  man  Bretter  davon  schneiden  und  Möbel  daraus  anfertigen  kann.
So  findet  sich  z.  B.  in  Kalifornien  ein  Weinstock,  der  über  1  m  im  Durchmesser  hat.

2.  Reben,  Ranken  und  Blätter.  Jährlich  treibt  der  Weinstock  zahlreiche
Triebe,  Loden  oder  Schossen  genannt.  Diese  sind  anfangs  weich;  gegen  den  Herbst
verholzen  sie  und  werden  dann  Reben  genannt.  Ihre  Rinde  löst  sich  leicht  in
Streisen  ab.  (S.  186.)  An  den  Reben  sitzen  2—3teilige  Ranken.  Diese  tasten,
um  sich  festzuhalten,  mit  ihren  Endspitzen  nach  einem  Stützpunkte.  Jeder  Zweig  der
Ranke  dreht  sich  deshalb  in  etwa  67  Minuten  in  einem  Kreise  herum.  Trifft  er
dabei  eine  Stütze,  so  klammert  er  sich  an.  —  Die  Stellung  der  Blätter  richtet  sich
nach  der  Sonne.  Man  sieht  das  deutlich,  wenn  z.  B.  beim  Anbinden  der  Reben  die
Blätter  einmal  regellos  gestellt  sind  oder  ihre  Oberseite  nach  unten  gekehrt  wird.
Sie  drehen  sich  dann  bald  wieder  von  selbst  um,  und  in  wenig  Tagen  haben  sie
alle  ihre  Oberseite  wieder  der  Sonne  zugewendet.  Auch  die  tiefer  liegenden  stellen
sich  so,  daß  sie  möglichst  viel  Sonnenstrahlen  aufnehmen  können.  Das  gelingt  ihnen
um  so  besser,  als  sie  fünflappig  sind.  Sie  können  sich  nämlich  so  bequem  mit
ihren  Blattzipfeln  in  die  Ausschnitte  des  Nachbarblattes  schieben.

3.  Die  Blüten  sind  gelblich  grün.  Sie  locken  die  Insekten  weniger  durch
Farbe  als  durch  süßen  Duft  an.  Die  Blütenblätter  sind  oben  an  der  Spitze  verwachsen
  und  bedecken  Staubblätter,  Griffel  und  Honig  wie  eine  schützende  Mütze.  Ist
der  Blütenstaub  aber  reif,  so  strecken  sich  die  Staubblätter  und  stoßen  die  Mütze  ab.

4.  Frucht.  Jede  Weinbeere  enthält  im  Innern  zwei  harte,  in  Saft  gebettete
Samenkerne  und  ist  von  einer  grünen  oder  blauen  Schale  umschlossen.  Die  Größe
der  Beeren  ist  sehr  verschieden;  einige  Sorten  erreichen  nur  die  Größe  einer  Erbse,
andre  aber  sogar  die  einer  Pflaume.  Die  Ernte  der  Beeren,  die  „Weinlese“,  findet
vom  September  bis  November  statt.  Die  schönsten  Beeren  werden  einzeln  mit  der
Traubenscheere  abgeschnitten  und  allein  gesammelt.  Diese  sogenannte  „Auslese“  giebt
die  besten  Weine.  Getrocknete  Weinbeeren  heißen  „Rosinen“.  Die  Korinthen  stammen
aus  Griechenland  (Korinth)  von  einer  besondern  Spielart  des  Weinstocks,  deren  Frucht
keine  Kerne  erzeugt.  (Siehe  auch  S.  2111)

5.  Beschneiden.  Im  Herbste  und  Frühjahre  wird  der  Wein  beschnitten  und
von  allem  überflüssigen  Holze  befreit.  Trauben  bringen  nur  die  vorjährigen,  kräftigen
  Triebe.  Alle  Zweige  also,  die  schon  Früchte  getragen  haben,  sind  überflüssig
und  müssen  entfernt  werden,  da  sie  den  andern  Reben  nur  den  Saft  entziehen.
Auch  diesjährige  unfruchtbare  Reben  beseitigt  man.  Sobald  im  Frühlinge  der  Saftstrom
  gehörig  begonnen  hat,  darf  man  den  Wein  in  der  ersten  Zeit  nicht  beschneiden,
daer  sich  sonst  verblutet.  Etwa  8—14  Tage  nach  der  Blütezeit  „kappt“  der  Gärtner
alle  jungen  Reben  um  2—3  Blätter,  damit  die  Beeren  größer  und  saftreicher  werden.

6.  Die  Reblaus  ist  erst  vor  einigen  Jahrzehnten  mit  Reben  aus  Amerika
nach  Europa  gebracht  worden.  Sie  wird  im  ausgewachsenen  Zustande  1  mm  lang,
sieht  rötlich  aus  und  schmarotzt  ähnlich  wie  die  Blattlaus  an  der  Pflanze,  jedoch
nur  an  der  Wurzel.  Im  Herbste  legt  nämlich  das  Weibchen  in  der  Nähe  des
Erdbodens  unter  die  Rinde  der  Rebe  ein  „Winterei“,  aus  dem  im  Frühlinge  eine
eierlegende  Larve  hervorkriecht.  Die  Nachkommen  dieser  Larve  nähren  sich  von
dem  Safte  der  Wurzel.  Sie  saugen  ihn  in  so  massenhafter  Weise  auf,  daß  bald
darauf  die  Rebe  im  Innern  verfault.  In  Frankreich  hat  die  Reblaus  den  dritten
Teil  aller  Weinreben  vernichtet,  und  auch  in  Deutschland  hat  sie  stellenweise  (z.  B.  bei
Metz,  am  Rhein,  bei  Erfurt)  arg  gehaust.  (S.  auch  Erdkunde  S.  124!)
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        —  214  —

7.  Weinbereitung.  Die  reifen  Trauben  werden  in  ein  Gefäß  mit  fein  durchlöchertem
  Boden  gethan  und  dann  ausgepreßt.  Der  süße  Saft  heißt  Most.  Er
hat  stets,  auch  bei  den  blauen  Beeren,  eine  weiße  Farbe.  Will  man  roten  Wein
erzielen,  so  läßt  man  auch  die  Stengel  und  die  Beerenschalen  mit  gären.  Den
jungen  Most  bringt  man  in  großen  Fässern  zur  Gärung.  Die  Gärung  wird  durch
Hefepilze  bewirkt.  Diese  gelangen  aus  der  Luft  in  den  Most  und  vermehren  sich
hier  sehr  schnell.  Der  Most  enthält  nämlich  Zucker.  Von  diesem  zehren  die  Pilze.
Den  Rest  aber  scheiden  sie  als  Weingeist  und  Kohlensäure  aus.  Damit  die  Kohlensäure
  entweichen  kann,  müssen  die  Fässer  geöffnet  sein.  Der  Most  beginnt  zu
schäumen  und  wirft  die  Hefe  und  alle  unreinen  Teile  an  die  Oberfläche.  Je  mehr
aber  der  Zuckerstoff  abnimmt,  desto  ruhiger  wird  der  Most,  und  endlich  fällt  die
Hefe  matt  auf  den  Boden  nieder.  Der  nun  halbfertige  Wein  wird  „abgezogen“,
um  in  andern  Fässern  unter  Abschluß  der  Luft  seine  Gärung  zu  vollenden.  Dazu
ist  fast  ein  ganzes  Jahr  nötig.  Wird  der  Wein,  ehe  er  ausgegoren  hat,  in  fest
verschlossene  Flaschen  gethan,  so  daß  die  Kohlensäure  nicht  entweichen  kann,  so
erhält  man  den  Schaumwein  oder  Champagner.

74.  Schlußbetrachtung.

1.  Kohlweißling,  Apfelwickler  und  Reblaus  zeigen  uns,  daß  die  Tiere  den
Pflanzen  vielfach  Schaden  zufügen.  (Andre  Beispiele:  Blattläuse,  Schnecken  am  Salat,
Maikäfer,  Wanderheuschrecke.  Siehe  auch  Kiefer  (S.  185)  und  Eiche  (S.  1871)
Die  Pflanzen  sind  den  Tieren  gegenüber  meist
machtlos.  Einige  haben  zwar  vom  Schöpfer  gegen
die  Angriffe  der  Tiere  Schutzmittel  empfangen,  «  S
z.  B.  Dornen,  Stacheln,  Giftsäfte,  Brennhaare
und  Borsten,  aber  diese  schützen  meist  nur  gegen
größere  Tiere.  Gegen  die  Insekten  fehlen  vielfach
die  Schutzwaffen.  Hier  sind  sie  meistens  auf  den
Schutz  andrer  Tiere,  z.  B.  der  Singvögel,  Kuckucke,
Spechte,  Eulen,  Fledermäuse,  Maulwürfe  u.  s.  vö.
angewiesen.  9

2.  Aber  auch  unter  den  Insekten  selbst  habern  «
schädlicheJnsektenihreFeinde.Zudiesengehören»,,,sI-.«-Tsz·s737.7««s«-».»

vor  allem  die  Schlupfwespen.  So  sehen  wir  z.  8.  .
die  Raupen  des  Kohlweißlings  nicht  selten  tot  Schlupfwespe
oder  matt  neben  oder  auf  kleinen,  gelben  Cocons  gine  Schiupfweive  legt  mit  ihrem  Lege
liegen.  (Siehe  Abbildungl)  Man  hält  diese  borrer  *  Ern  die-  Manve  des  fchäolicher
“  1  s  »  ·  lka  tmfk.  te  .
Cocons  fälschlicherweise  wohl  für  „Raupeneier“.  d  kriecht,  verpupdet  %  "-!|“  dir  Naupe:  zu
;  «  ;  «  «  lei  it  verpuppt  sich  auch  die  Raupe,
Aber  das  sind  sie  nicht.  Sie  enthalten  vielmehr  lracher  Seinue  vopt  sich  auch  de  hraube:,
die  Puppen  einer  Schlupfwespe.  Diese  legt  Raupenpurpe,  aus  der  dann  statt  des

 

 
   
 

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nämlichihreEiskindieäxsxxiksPfg-»Ist;:W-kzkgggkdzssgzkx
Raupe—Ast-MERM-äkgKgskxgssgggsggkxxks»Im-F»Es-«Exz:
stehen  Larven,  die  sich  von  zerstört  werden.)

dem  Blute  der  Raupe  nähren

und  nach  einigen  Wochen  die  Haut  der  Raupe  durchbrechen,
un  sich  draußen  in  dem  gelben  Gespinste  zu  verpuppen.  Ebenso
vernichten  auch  die  Laufkäfer  viele  schädliche  Insekten.  Der
Hainlaufkäfer,  der  sich  am  Tage  unter  Steinen  u.  s.  w.  verborgen
  hält,  fällt  in  der  Dämmerung  und  nachts  in  Gärten
mit  den  auskriechenden  und  Hecken  Schnecken  und  schädliche  Würmer  an,  und  der  „Gold-Meeeh

  schmied"  stellt  selbst  dem  Maikäfer  nach.  Der  „Puppenräuber"
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        —  215  —

kriecht  an  den  Bäumen  unsrer  Wälder  empor  und  frißt  hier  die  schädlichen  Raupen
und  Puppen.  —  Auch  das  Marienkäferchen  wollen  wir  hier  nicht  vergessen,  da
es  (und  besonders  seine  Larve)  den  schädlichen  Blattläusen  nachstellt.

XII.  Der  Wald  im  Herbste.

Der  Laubwald  vertauscht  sein  maigrünes  Frühlingskleid  nach  und  nach  mit
einem  rotgelben  Herbstmantel.  (Wie  kommt  das?  S.  181.)  —  Hier  und  da  sinkt  schon
ein  Blatt  langsam  zur  Erde,  und  bald  wird  der  Wald  öde  und  kahl  dastehen.  Die  breiten
Wedel  der  Farnkräuter  fangen  an  zu  welken.  Ameisen,  Blindschleichen,  Ringel—
nattern  u.  s.  w.  suchen  ihre  Schlupfwinkel  für  den  Winterschlaf  auf.  Hirsche  und  Wild—
schweine  thun  sich  gütlich  an  den  Eicheln  und  Buchnüssen,  die  jetzt  von  den  Bäumen
abgeworfen  werden.  Das  Eichhörnchen  speichert  von  diesen  Baumfrüchten  einen  Win—
tervorrat  auf.  Die  Zugvögel  machen  sich  reisefertig.  Aus  dem  feuchten  Waldboden
schießen  die  Pilze  üppig  empor.  Haselstrauch,  Birke  und  Erle  aber  haben  sich  wunderbarerweise
  schon  mit  grünen  Staubblütenkätzchen  fürs  nächste  Jahr  versorgt.

75.  Die  fiefer.  II.  (6.  185.)

1.  Zapfen.  Aus  den  Stempelkätzchen  der  Kiefer  haben  sich  während  des  Sommers
grüne  Zapfen  entwickelt.  Sie  bestehen  aus  einer  Spindel  mit  vielen  Schuppen  (Deckblättern),
  die  sich  wie  ein  Schutzdach  über  die  Samen  legen.  Im  ersten  Jahre  stehen
sie  aufrecht,  im  zweiten  aber  wenden  sie  sich  langsam  nach  unten.  Ihre  Schuppen
öffnen  sie  erst  im  Frühlinge  des  dritten  Jahres  und  lassen  dann  den  Samen  auf  die
Erde  fallen.  Während  des  nun  folgenden  Sommers  vertrocknen  die  Zapfen  und  fallen
ab.  Zwischen  je  2  Schuppen  liegen  zwei  nackte  (S.  185)  Samenkörner;  jedes  ist  mit
einem  häutigen  Flügel  versehen,  so  daß  es  der  Wind  weit  umhertreiben  kann.

2.  Harz.  Ritzt  man  den  Stamm,  so  dringt  ein  klebriger  Saft  hervor,  gewöhnlich
  Harz  (richtiger  Terpentin)  genannt.  Es  schützt  (wie  das  Kirschgummi)
die  Wunde  vor  Luftzutritt  und  Wundfäule.  Durch  Abdampfung  des  Terpentins
mit  Wasser  gewinnt  man  Terpentinöl.  Durch  weiteres  Erhitzen  des  Rückstandes
erhält  man  Kolophonium.  Bei  der  trocknen  Abdampfung  harzreichen  Holzes  entsteht
  neben  Kienöl  besonders  Holzessig  und  Teer.  Auch  das  weiße  Pech  wird  aus
dem  Harze  (durch  Schmelzen  desselben)  erzeugt.  Vermischt  man  weißes  Pech  mit  dem
Rückstande  der  Teerabdampfung,  so  gewinnt  man  schwarzes  Pech.  Wird  harzreiches
Holz  bei  ungenügendem  Luftzutritte  verbrannt,  so  bildet  sich  Kienruß.

76.  Die  Eiche.  II.  (S.  187.)

1.  Eichelfrucht.  Aus  den  Stempelblüten  des  Eichbaumes  haben  sich  zum  Herbste
zahlreiche  Eicheln  entwickelt.  Eine  solche  Eichelfrucht  besteht  aus  2  Teilen,  dem
Näpfchen  und  der  eigentlichen  Eichel.  Das  Näpschen  schützt  die  junge  Eichel.  Es
ist  auswendig  mit  verwachsenen  Schuppen  bedeckt  und  hat  sich  aus  den  schuppenförmigen
  Blättchen  gebildet,  die  das  grüne  Stempelblütenköpfchen  umschließen.  Die
Eichel  selbst  enthält  viel  Nährstoff  und  ist  für  Haus=  und  Wildschweine,  Hirsche,
Eichhörnchen  u.  s.  w.  ein  Lieblingsfutter.  Aus  gerösteten  Eicheln  bereitet  man
den  Eichelkaffee,  der  manchen  Kranken  und  Kindern  verordnet  wird.

2.  Sommer=  und  Wintereiche.  Es  giebt  bei  uns  zwei  verschiedene  Arten
von  Eichen,  die  Sommer=  und  die  Wintereiche.  Die  Eicheln  der  Sommereiche  sind
langgestielt,  die  der  Wintereiche  nicht.  Bei  den  Blättern  ist  es  umgekehrt.  Die
Blätter  der  Wintereiche  bleiben  teilweise  bis  zum  nächsten  Frühjahre  hängen.

3.  Gerbsäure.  Die  Galläpfel,  deren  Bäckchen  jetzt  schön  gelb  und  rot  gefärbt
sind,  enthalten  einen  herben  Saft,  die  Gerbsäure.  Man  gewinnt  diese,  wenn  man
die  Apfel  in  warmes  Wasser  legt  und  auslaugt.  Besonders  reich  an  Gerbsäure
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        —  216  —

sind  die  Galläpfel  der  in  Asien  wachsenden  Knoppereiche.  Man  benutzt  sie  zur
Herstellung  schwarzer  Tinte,  indem  man  den  Saft  mit  noch  andern  Zuthaten  vermischt.
  (Gallustinte.)  (Vielfach  bereitet  man  schwarze  Tinte  heute  aus  Blauholz.)
  Auch  in  der  Rinde  der  Eiche  ist  viel  Gerbsäure  enthalten;  diese  gebraucht
man  zum  Gerben  des  Leders.  Nachdem  der  Lohgerber  die  Häute  von  Fleischund
  Fettteilen  gereinigt  und  sie  enthaart  hat,  werden  sie  mit  der  Lohe  (d.  i.  in
der  Lohmühle  gemahlene  Eichenrinde)  in  einer  etwa  3  m  tiefen  Grube  aufsgeschichtet.
  Dann  füllt  man  die  Grube  mit  Wasser,  das  der  Lohe  die  Gerbsäure
entzieht.  Die  Gerbsäure  dringt  nun  in  die  Poren  der  Felle  ein,  verbindet  sich
mit  dem  tierischen  Leime  zu  einer  unauflöslichen  Masse  und  verwandelt  so  die
weichen  Häute  in  zähes  Leder.

77.  Der  Fliegenpilz.

1.  Name.  Stiel  und  Hut.  Fliegenpilz  heißt  er,  weil  er  als  Fliegengift
dient.  Wurzel,  Blüten  und  eigentliche  Blätter  suchen  wir  bei  ihm  vergebens.  Man
unterscheidet  an  ihm  nur  2  Hauptteile:  Stiel  und  Hut.  Beiden  fehlt  die  grüne  Farbe.
Der  Pilz  bildet  nämlich  kein  Blattgrün.  Er  muß  daher  auch  als  Schmarotzer
leben.  (S.  203.)  Der  Hut  hat  zuerst  die  Form  einer  Kugel  und  ist  mit  einer
weißen  Schutzhaut  überzogen.  Mit  dem  fortschreitenden  Wachsen  lösen  sich  aber  die
Ränder  vom  Stiele  los,  und  der  Pilz  erhält  die  Form  eines  Regenschirms  oder  eines
Hutes.  Er  bildet  so  einen  Schirm  zum  Schutze  für  die  Sporen  auf  seiner  Unterseite.

2.  Sporen.  An  der  Unterseite  des  Hutes  bemerkt  man  eigentümliche  Blättchen
(Lamellen).  Schneide  den  Hut  ab  und  lege  ihn  mit  der  Unterseite  auf  ein  Blatt
Papier!  Du  findest  am  nächsten  Tage  weiße  Stäubchen  auf  dem  Papiere.  Sie  haben
zwischen  den  Blättern  gesessen.  Man  nennt  sie  Sporen.  Das  sind  einfache  Zellen,
die  so  fein  wie  das  feinste  Mehl  sind.  Sie  werden  leicht  vom  Winde  verweht
und  von  Menschen  und  Tieren  eingeatmet.  (Die  Sporen  mancher  sehr  kleiner  Pilze
sind  die  Ursachen  verschiedener  ansteckender  Krankheiten,  z.  B.  der  Diphtheritis.)

3.Fadengeflecht.  Jede  Spore  bildet  sich  zu  einem  kleinen  Schlauche  aus.
Dieser  verzweigt  sich  und  durchwuchert  spinnwebenartig  als  eine  weißliche,  schimmelartige
  Masse  den  Boden.  Man  nennt  dieses  Gewebe  das  Fadengeflecht  oder  Pilzlager.
  Dieses  ist  der  eigentliche  Körper  der  Pflanze;  es  vertritt  auch  die  Stelle  der
Wurzel.  Das,  was  wir  Pilz  nennen,  ist  weiter  nichts  als  der  Fruchtträger,  worin
sich  die  Sporen  entwickeln.  Bei  trockner  Witterung  kann  ein  solches  Fadengeflecht
jahrelang  unverändert  in  der  Erde  ruhen,  ohne  Stiel  und  Hut  zu  treiben.  Tritt
aber  warmes,  feuchtes  Wetter  ein,  so  entwickelt  sich  der  Pilz  in  wenigen  Tagen.

78.  Eßbare  Dilze.

Einige  Pilze  enthalten  viel  Nahrungsstoff  und  können  gegessen  werden.  Dahin
  gehören  der  Pfifferling,  der  Champignon,  der  Steinpilz,  die  Morchel,  die
Trüffel  u.  a.  Wer  aber  Pilze  zum  Essen  sammeln  will,  muß  sie  auch  genau
kennen,  da  er  sonst  leicht  die  unschädlichen  mit  den  giftigen  verwechseln  kann.  (Die
Ansicht,  daß  ein  silberner  Löffel,  in  kochende  giftige  Pilze  getaucht,  schwärzlich  anlaufe,
  während  dies  bei  eßbaren  nicht  der  Fall  sei,  ist  durchaus  unrichtig.)

79.  Schlußbetrachtung.  (Blattabfall  und  Streudecke.)

1.  Die  meisten  unsrer  Waldbäume  verlieren  im  Herbste  ihre  Blätter.  Die
Saugwurzeln  stellen  ihre  Thätigkeit  ein.  Die  Blätter  verwelken.  An  der  Stelle,
wo  sie  sich  nachher  loslösen,  bildet  sich  eine  neue  Zellenschicht,  die  sich,  sobald  sie
dick  genug  ist,  in  zwei  lose  zusammenhängende  Querwände  teilt.  Diese  lockern
sich  zuletzt  so  sehr,  daß  die  Blätter  durch  ihre  eigne  Schwere  vom  Baume  fallen.
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        —  217  —

2.  Durch  die  Blätter  sowie  durch  dürre  Reiser,  Flechten  und  Moos  wird  der
Waldboden  mit  einer  dichten  Streudecke  versehen.  Anfangs  liegen  die  Blätter  lose
aufeinander.  Später  werden  sie  durch  Regen  und  Schnee  immer  fester  miteinander
verbunden.  Untersuchen  wir  die  unterste  Schicht  der  Streudecke,  so  sehen  wir,  wie
diese  bereits  in  Verwesung  übergegangen  ist.  Sie  bildet  eine  schwarze,  erdige  Masse,
die  man  „Humus“  nennt.  Diese  Humusdecke  ist  für  den  Boden  von  größter
Bedeutung;  denn  1)  ist  sie  ein  Düngemittel  für  den  Waldboden;  2)  verhindert
sie  in  Gebirgsgegenden,  daß  das  Regenwasser  zu  schnell  abfließt  und  die  Ackerkrume
  mit  fortspült;  3)  schützt  sie  den  Waldboden  vor  zu  schneller  Verdunstung
und  befördert  die  Quellenbildung;  4)  dient  sie  zur  Erhaltung  einer  gleichmäßigen
Wärme  des  Waldbodens.  Im  Sommer  hält  sie  nämlich  als  schlechter  Wärmeleiter
die  Wärme  vom  Boden  ab,  im  Winter  läßt  sie  die  Kälte  nicht  so  schnell  eindringen
und  schützt  so  die  zarten  Wurzelfasern  der  Holzgewächse  vor  dem  Erfrieren;  5)  dient
sie  dem  Wilde  und  andern  Tieren  als  Lager.

XIII.  In  Haus  und  Hof.,

Die  nützlichsten  Tiere  hat  der  Mensch  gezähmt  und  zu  sich  in  Haus  und  Hof
genommen.  Man  nennt  sie  Haustiere.  Zu  ihnen  gehören:  Pferd,  Rind,  Schaf,
Ziege,  Hund,  Katze,  Huhn,  Taube  u.  a.  Außer  diesen  Haustieren  haben  sich
auch  noch  andre  Gäste  in  Haus  und  Hof  eingefunden.  Storch  und  Schwalbe
weilen  zwar  nur  im  Sommer  hier,  im  Winter  aber  findet  sich  die  Nebelkrähe
auf  unsern  Höfen  ein.  Die  Schleiereule  sucht  ihren  Schlupfwinkel  auf  dem
Beden,  und  unterm  Helzhaufen  lauert  im  Winter  der  Iltis.  Aber  auch  in
Kammer  und  Stube  dringen  ungebetene  Gäste  ein,  vor  allem  die  lästigen  Mäuse
und  Ratten.  Selbst  das  Gebälk  und  die  Möbel  sind  nicht  sicher  vor  Eindringlingen.
  In  ihnen  wohnen  nicht  selten  die  verderblichen  Holzkäser,  zu  denen
auch  die  „Totenuhr“  gehört.

30.  Die  Hauskatze.

1.  Auf  der  Mäusejagd.  Der  Körperbau  der  Katze  hängt  aufs  engste  mit
ihrer  Ernährung  zusammen.  Das  zeigt  sich  besonders  beim  Mäusefange.  Das
Mäuschen  ist  äußerst  feinhörig,  und  bei  dem  geringsten  Geräusche  huscht  es  in
sein  Loch.  Die  Katze  aber  weiß  es  dennoch  zu  überlisten.  Sie  kommt,  da  sie
beim  Gehen  nur  mit  den  weichen  Ballen  ihrer  Zehenspitzen  den  Boden  berührt,
so  leise  angeschlichen,  daß  das  Mäuschen  nicht  eher  etwas  davon  merkt,  als  bis
es  zu  spät  ist.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  Katze  durch  ihre  kräftigen  und  langen
Beine  zu  sehr  weiten  Sprüngen  befähigt  wird.  In  einiger  Entfernung  von  dem
Mauseloche  legt  sie  sich  auf  die  Lauer,  und  sobald  sich  das  Mäuschen  hervorwagt,
springt  die  Katze  zu  und  fängt  das  Mäuschen.  Die  Krallen  halten  das  zappelnde
Tierchen  so  fest,  daß  an  ein  Entrinnen  nicht  zu  denken  ist.  Sie  sind  hakenförmig
gebogen,  sehr  spitz  und  —  damit  sie  sich  beim  Gehen  nicht  abnutzen  —  in  eine
Scheide  zurückziehbar.  Im  Nu  hat  das  starke  Gebiß  Kopf  und  Rückgrat  zermalmt,
  und  dann  trägt  die  Katze  ihr  Opfer  in  ihr  Versteck.

2.  Gebiß.  Zunge.  An  dem  Gebisse  der  Katze  läßt  sich  sehr  gut  das  Raubtiergebiß
  erkennen.  Es  ist  vorzugsweise  für  Fleischnahrung  eingerichtet.  Die  Schneidezähne
  (5#)  sind  zwar  klein,  aber  scharf.  Sie  werden  auf  jeder  Seite,  oben  und  unten,
von  einem  spitzen,  langen  Eckzahne  eingefaßt,  der  das  Ergreifen  und  Festhalten  der
Beute  erleichtert.  Dann  folgen  auf  jeder  Seite  die  Backenzähne,  von  denen  in  der
obern  Kinnlade  vier,  in  der  untern  drei  stehen.  Die  Backenzähne  wirken  aufeinander
wie  die  Schneiden  einer  Schere.  —  Die  Zunge  ist  rauh.  (S.  273.)

3.  Auf  dem  Vogelfange.  Leider  ist  die  Katze  auch  ein  arger  Vogelfänger.
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        —  218  —

Zum  Fangen  wird  sie  besonders  durch  ihre  Gewandtheit  im  Springen  und  Klettern  befähigt.
  Fliegt  ein  Vogel  etwa  1  m  hoch  über  den  Boden  dahin,  so  schlägt  sie  ihn  im
Sprunge  mit  der  Pfote  herab.  Beim  Klettern  leisten  ihr  die  spitzen  Krallen
vorzügliche  Dienste.  Sie  klettert  so  leise  und  leicht,  daß  der  schlafende  Vogel  nicht
das  geringste  davon  merkt.  Der  schlanke  und  geschmeidige  Leib  ermöglicht  es  der
Katze,  auch  durch  enge  Löcher  und  in  die  entlegensten  Winkel  zu  kriechen.  Daher
überrascht  sie  den  Vogel  nicht  selten  im  Neste  am  Giebel  oder  unterm  Dache.
Auch  über  den  Dachfirst,  ja,  über  spitze  Latten  läuft  sie  sehr  geschickt.  Fällt  sie
ja  einmal  herunter,  so  gebraucht  sie  den  Schwanz  als  Steuerruder  und  dreht  sich
in  der  Luft  so,  daß  sie  stets  auf  die  Beine  zu  stehen  kommt.

4.  Angen.  Die  Augen  der  Katze  sind  so  eingerichtet,  daß  sie  mit  ihnen
auch  in  der  Nacht  den  schlafenden  Vogel  entdeckt  und  die  Mäuse,  die  dann  besonders
  thätig  sind,  noch  recht  gut  sehen  kann.  Das  Sehloch  (Pupille),  das  am
Tage  nur  einen  senkrechten  Spalt  bildet,  erweitert  sich  nämlich  im  Dunkeln  fast  zu
einem  Kreise,  damit  möglichst  viel  Lichtstrahlen  in  die  Offnung  eindringen  können.

5.  Sinnesart.  Die  Katze  schmeichelt  gern,  doch  ist  ihr  niemals  ganz  zu
trauen.  Eben  hat  sie  sich  zärtlich  an  dich  geschmiegt,  und  schon  im  nächsten
Augenblicke  kratzt  sie  dich.  Auf  Sauberkeit  giebt  sie  viel.  Stundenlang  sitzt  sie
oft  da  und  leckt  und  streicht  sich.  Sanftes  Streicheln  scheint  ihr  überhaupt  sehr
zu  behagen.  Sie  läßt  dann  gern  ihr  bekanntes  Schnurren  hören,  das  durch  zarte
Häute  im  Kehlkopfe  hervorgebracht  wird.  Die  Anhänglichkeit  der  Katze  an  das
Haus  ist  in  der  Regel  größer  als  ihre  Anhänglichkeit  an  die  Menschen;  denn  sie
bleibt  nicht  selten  dort,  wenn  diese  es  verlassen.  Eine  Familie  zog  einmal  nach
einem  10  Stunden  entfernten  Orte  und  nahm  ihre  Katze  mit,  die  bald  darauf  2  Junge
bekam.  Eines  Tages  war  die  Alte  mit  der  einen  jungen  Katze  verschwunden.  Sie
hatte  diese,  wie  man  später  erfuhr,  in  die  alte  Heimat  getragen  und  kehrte  nach
einigen  Wochen  zurück,  um  das  andre  Kätzchen  nachzuholen.

31.  Der  Hund.

1.  Gemeinsame  Eigentümlichkeiten.  Obwohl  es  über  100  verschiedene
Hunderassen  giebt  (z.  B.7),  so  haben  doch  fast  alle  Hunde  gewisse  Eigentümlichkeiten
gemeinsam.  Ihr  Körper  ist  besonders  zum  Laufen  eingerichtet,  daher  die  meist
langen,  kräftigen  Beine,  der  breite  Brustkorb  (zur  Aufnahme  der  Lungen)  und
der  eingeschnürte  Bauch.  Die  meisten  Hunde  sind  auch  mit  einem  sehr  scharfen
Geruchssinne  begabt.  Meilenweit  verfolgen  sie  zuweilen  die  Spur  ihres  Herrn.
Die  bellende  Stimme  fehlt  nur  wenigen  Rassen,  wie  z.  B.  einigen  Hunden  in
Grönland,  bei  denen  das  Bellen  in  ein  bloßes  Heulen  oder  Knurren  übergeht.
Beim  Läuten  der  Glocken  oder  beim  Klange  der  Musik  brechen  die  Hunde  in  ein
unangenehmes  Heulen  aus.  Das  geschieht  aber  nicht  etwa,  weil  sie  „musikalisch"
sind  und  mitsingen  wollen,  sondern  weil  ihre  zarten  Gehörnerven  durch  die  Musik
zu  stark  erschüttert  werden.  Wenn  sie  zu  viel  Knochen  genossen  haben,  so  fressen
sie  Gras,  um  sich  durch  den  Kitzel  desselben  zum  Erbrechen  zu  reizen.  Sie
schwitzen  nie,  laufen  schief,  sehen  sich  am  Kreuzwege  um  und  beißen  nach  dem
vorgeworfenen  Stein.

2.  Treue.  Durch  seine  Anhänglichkeit  ist  der  Hund  der  treuste  Freund  des
Menschen  geworden.  Wie  gern  begleitet  er  seinen  Herrn  ins  Feld  oder  auf
Reisen!  Mit  welcher  Freude  empfängt  er  ihn  nach  mehrtägiger  Abwesenheit!  Sobald
  er  ihn  hört,  bellt  er  freudig  auf,  springt  zu  ihm  empor,  wedelt  vergnügt
mit  dem  Schwanze  und  leckt  ihm  die  Hand.  Er  unterwirft  sich  demütig  allen
Züchtigungen,  vergißt  meist  bald  den  Fußtritt  und  gedenkt  lange  der  empfangenen
Wohlthaten.  Mancher  Hund  hat  sich  auf  dem  Grabe  seines  Herrn  zu  Tode  ge-
        <pb n="224" />
        —  219  —

grämt.  Groß  ist  die  Wachsamkeit  des  Hundes.  Nicht  das  leiseste  Geräusch  entgeht
  seinem  Ohre.  Bemerkt  er  etwas  Verdächtiges,  so  weckt  er  durch  lautes  Gebell
den  Hausherrn.  Diebe  oder  Bettler  bekommen  nicht  selten  sein  scharfes  Gebiß  zu  fühlen.

3.  Die  Gelehrigkeit  des  Hundes,  besonders  des  Pudels,  ist  weltbekannt.
Er  lernt  tanzen  und  durch  den  Reif  springen.  Er  sucht  das  Verlorene  und  trägt
seinem  Herrn  den  Stock  im  Maule  nach.  Auch  geht  er  mit  dem  Korbe  zum
Fleischer  und  holt  seiner  Herrin  Fleisch  und  Wurst.  Einst  hatte  ein  Hundefänger
alle  Hunde  der  Stadt,  die  ohne  Maulkorb  umherliefen,  aufgefangen  und  in  eine
Scheune  gesperrt.  Kaum  war  er  fort,  als  ein  mitgefangener  Pudel  sich  auf  die
Hinterbeine  stellte,  die  Klinke  aufdrückte  und  die  gefangene  Schar  in  Freiheit  setzte.
Einem  Müller  zeigte  ;-—-·
einstspjnHundandaß·—  —  —
seine  Tochter  in  den
Bach  gefallen  sei,  und
in  Warschau  sprang  ein
Hund  in  den  Strom,
um  ein  kleines  Mädchen
den  Wellen  zu  entreißen.

4.  Die  Beruhardiner.
Ein  schönes  Beispiel
von  Aufopferung  und
Treue  liefern  uns  die
Bernhardiner  Hunde,
die  in  dem  Hospiz  des
St.  Bernhard  in  der
Schweiz  gehalten  werden.
  Die  Mönche  dieses
Klosters  machen  sich  bei
schlimmem  Wetter  auf,
um  erstarrte  oder  von
Lawinen  verschüttete
Wandrer  aufzusuchen.
Dabei  leisten  ihnen
dann  ihre  Hunde  die
nützlichsten  Dienste.  Die
Hunde  tragen  am  Halse
ein  Körbchen  mit  Nahrungsmitteln  und  einer  Flasche  Wein.  Haben  sie  einen
Verunglückten  ausgewittert,  so  scharren  sie  ihn  aus  dem  Schnee  hervor  und  melden
ihn  eiligst  bei  den  Mönchen  an.  Der  berühmteste  unter  ihnen  hieß  Barry.  Er
rettete  mehr  als  40  Menschen  das  Leben.  Einst  wußte  er  einen  aufgefundenen
Knaben  zu  bewegen,  sich  auf  seinen  Rücken  zu  setzen.  Erfreut  trug  er  ihn  zum
Kloster,  zog  an  der  Klingel,  übergab  den  Mönchen  den  Findling  und  eilte  sogleich
aufs  neue  zum  Suchen  fort.  —  Die  echten  Bernhardiner  sind  jetzt  ausgestorben.
An  ihre  Stelle  ist  eine  verwandte  Rasse  getreten.

5.  Die  Tollwut  des  Hundes  erscheint  in  2  Formen,  entweder  als  rasende
oder  als  stille  Wut.  Wodurch  sie  eigentlich  entsteht,  weiß  man  nicht  genau.  Ubertragen
  wird  sie  auf  Menschen  und  Hunde  durch  den  Biß  und  Speichel  wutkranker
Hunde.  Daß  die  tollen  Hunde  auch  immer  wasserscheu  seien,  ist  ein  Irrtum.  Sie
saufen  anfangs  sogar  gern,  können  aber  nicht  schlucken.  Erst  später  tritt  Wasserscheu
  ein.  Das  Schäumen  des  Maules  kommt  nur  bei  den  Hunden  vor,  die  an  der
stillen  Wut  leiden;  bei  diesen  hängt  der  Unterkiefer  schlaff  herab,  weshalb  sie  das
        <pb n="225" />
        —  220  —

Maul  stets  geöffnet  haben.  Sie  laufen  auch  oft,  den  Schwanz  eingezogen,  meilenweit
taumelnd  fort  und  beißen  alles,  was  ihnen  in  den  Weg  kommt.  Die  sichersten  Kenn—
zeichen  der  Tollwut  sind  jedoch  folgende:  1)  Der  tolle  Hund  ist  traurig,  scheut  das
Licht  und  knurrt  gegen  seinen  Herrn.  2)  Er  verliert  den  Appetit,  kaut  aber  gern
kleine  Stücke  Torf,  Stroh,  Holz,  Lappen,  Erde  u.  s.  w.  3)  Er  bellt  nicht  mehr,
sondern  heult  heiser.  4)  Es  tritt  eine  größere  Beißlust  ein.  —  Wird  jemand
von  einem  tollen  Hunde  gebissen,  so  schicke  man  gleich  zum  Arzte.  Bis  zu  dessen
Ankunft  aber  wasche  man  die  Wunde  mit  lauwarmem  Wasser.

82.  Das  Pferd.

1.  Körperbau.  Das  Pferd  wird  zum  Ziehen  und  Reiten  benutzt.  Dazu  ist  sein
Körper  vorieilhaft  gebaut.  Die  Brust  ist  breit  und  kräftig.  Mit  ihr  zieht  es  den
schweren  Wagen.  Auch  hat  die  Brust  Raum  für  große  Lungen.  Daher  die  Ausdauer
im  Laufen.  Der  Rücken  ist  sanft  gewölbt.  Die  Beine  haben  feste  Schenkel  und  breite
Hufe.  Deshalb  ermüden  sie  nicht  so  leicht.  Nach  dem  Laufe  legt  sich  das  Pferd  nicht
nieder  wie  der  Hund.  Furchtbare  Stärke  besitzt  es  in  den  Hinterbeinen.  Mit  ihnen
schlägt  es  Menschen  und  Tiere  zu  Boden,  wenn  sie  ihm  übel  wollen.  Das  Haar  ist
kurz.  Zum  Winter  verlängert  es  sich,  um  besser  gegen  Kälte  zu  schützen.  Im
Frühlinge  fallen  die  langen  Haare  aus  und  werden  durch  kurze  ersetzt.  Der
Schwanz  trägt  einen  langen  Haarschweif.  Mit  ihm  wehrt  es  sich  Fliegen  und
Bremsen  ab.  Hals  und  Nacken  sind  vor  ihrem  Stiche  durch  eine  Mähne  geschützt.
Das  Gehör  ist  scharf.  Die  Ohren  können  jedem  Geräusch  entgegengewandt  werden.

Das  Bein  giebt  durch  seinen  Bau  leicht  zu  Irrtümern  Veranlassung.  Der  Teil
den  wir  für  den  Oberschenkel  halten,  ist  der  Unterschenkel;  das  vermeintliche  Knie  ist
die  Fußwurzel  (Fußbeuge)  und  der  für  den  Unterschenkel  gehaltene  Teil  der  Mittelfuß.
Der  Oberschenkel  liegt  sowohl  bei  den  Vorder=  wie  bei  den  Hinterbeinen  im  Rumpfe  des
Tieres,  ist  also  äußerlich  gar  nicht  sichtbar.  An  den  langen  Mittelfuß  schließt  sich  eine
dreigliedrige  Zehe,  deren  Endglied  von  einem  Hornschuh  (Huf)  umgeben  ist.  2  Zehen  sind
verkümmert  (die  „Kastanien“).  Sie  liegen  unter  der  Haut  verborgen.  —  Das  Alter  eines
Pferdes  erkennt  man  an  den  Schneidezähnen.  Zwischen  dem  vierten  und  fünften  Jahre
werden  nämlich  die  Milchzähne,  die  bis  dahin  ausgefallen  sind,  durch  die  „Pferdezähne"
ersetzt.  Diese  zeigen  auf  ihren  Schneiden  schwarzbraune  Grübchen  („Kunden“  oder  „Bohnen“,),
die  nach  bestimmten  Jahren  in  einer  feststehenden  Reihenfolge  wieder  verschwinden.

2.  Begabung.  Das  Pferd  besitzt  ein  gutes  Gedächtnis.  Es  erkennt  den  Weg,
den  es  einmal  gemacht  hat,  genau  wieder.  Am  bekannten  Kreuzwege  ist  es  nicht
im  Zweifel,  welchen  Weg  es  zu  nehmen  hat,  und  w  dersetzt  sich  dem  irrenden  Führer.
Auch  den  Gasthof,  wo  es  einmal  eingekehrt  ist,  erkennt  es  wieder.  Hartnäckig  hält
es  vor  ihm  still,  wenn  der  Kutscher  vorüberfahren  will.  An  2—4  Stunden  Schlaf
hat  es  genug;  meist  schläft  es  stehend.  Das  Soldatenpferd  liebt  den  Trompetenton
und  scharrt  beim  Klange  der  Trompete  freudig  mit  den  Vorderfüßen.  Es  kennt
wie  der  Reiter  genau  die  verschiedenen  Signale.  Einem  Landmanne  lief  einst  ein
ausgedientes  Soldatenpferd  bei  einem  Manöver  vom  Acker  weg,  um  sich  in  Reih  und
Glied  zu  stellen.  Mitten  im  Schlachtgetümmel  hält  es  standhaft  unter  Pulverdampf  und
Kanonendonner  aus  und  achtet  der  erhaltenen  Wunden  nicht.  An  der  Leiche  des
gefallenen  Reiters  senkt  es  schmerzerfüllt  den  Kopf  und  trauert  über  den  Tod  seines  Herrn.
Im  Circus  erregt  das  Pferd  durch  seine  Gelehrigkeit  Bewunderung  und  Erstaunen.

3.  Rassen.  Die  schönste  Pferderasse  ist  die  arabische.  Feuer,  Leichtigkeit,
Schnelligkeit  und  Ausdauer  zeichnen  sie  aus.  Die  besten  Araberpferde  werden  von
den  Beduinen  gezüchtet.  Ein  edles  Mutterpferd  wird  oft  mit  40  000  J%  bezahlt.
Bewunderswert  ist  die  Liebe  des  Arabers  zu  seinem  Pferde.  „Sage  mir  nicht,
daß  es  mein  Pferd  ist,  sage  mir,  daß  es  mein  Sohn  ist,“  ruft  er  dir  zu  und
küßt  sein  edles  Tier.  Nächst  der  arabischen  Rasse  ist  das  Pferd  der  Berberei  das
schönste.  Von  sehr  kräftigem  Körperbau  find  die  mecklenburgischen,  holsteinischen
        <pb n="226" />
        —  221  —

und  dänischen  Pferde.  Dagegen  sind  die  ungarischen,  polnischen  und  russischen  Pferde
unansehnlich  und  struppig,  jedoch  wegen  ihrer  Genügsamkeit  und  Schnelligkeit  geschätzt.
  Die  kleinsten  Pferde  sind  die  Ponys.  Sie  sind  auf  Corsika  und  in  Schottland  zu
Hause  und  erreichen  oft  nur  die  Größe  eines  Esels,  zuweilen  auch  nur  die  eines  Schafes.

33.  Das  Hauxrind.

1.  Körperbau.  Die  Kuh  ist  lange  nicht  so  edel  und  schön  gebaut  wie  das
Pferd.  Sie  sieht  vielmehr  etwas  plump  aus.  Die  Stirn  ist  fast  viereckig,  die  Nase
naß  und  breit.  Die  Augen  sind  trübe.  Erblickt  die  Kuh  einen  fremden  Gegenstand,
  so  sieht  sie  ihn  dumm  und  neugierig  an.  Am  Halse  hängt  eine  schlotternde
Haut,  die  „Wamme“.  Der  Gang  ist  unbeholfen  und  schwerfällig.  Am  Juße  sitzen
2  Paar  Zehen,  deren  jede  von  einem  Hornschuh
  (Huf)  umgeben  ist.  Nur  die  beiden
(größern)  Vorderzehen  berühren  beim  Auftreten
  die  Erde.  Ein  schöner  Schmuck  der
Kuh  sind  die  halbmondförmig  nach  außen  gebogenen
  Hörner,  die  ihr  zugleich  als  Waffe
dienen.  Sie  sind  inwendig  hohl,  aber  über
feste  Stirnzapfen  gewachsen.  Die  Hornmasse
wächst  stetig  am  untern  Ende  in  einzelnen
Jahresringen  weiter.  Den  ersten  Ring  bekommt
  die  Kuh  im  dritten  Jahre,  so  daß  eine
Kuh  mit  5  Ringen  etwa  8  Jahr  alt  ist.

2.  Nahrung  und  Nutzen.  Die  Kuh  frißt
Gras,  Klee,  Häcksel,  Kartoffeln  u.  s.  w.  Im  1
Oberkiefer  fehlen  ihr  die  Schneidezähne,  aber  Sveilerbre.  P.  Pansen.  N.  Neb—  %  9
dennoch  versteht  sie  es,  sehr  geschickt  das  magen.  B.  Blättermagen.  I.  Lab.  #
Gras  auf  der  Weide  abzurupfen.  Da,  wo  "  Mogen  aint  r  deners  (ap)
bei  andern  Tieren  die  Schneidezähne  sitzen,  guers  gebt  die  Nahrung  in  den  Pansen  und
hat  sie  nämlich  eine  harte  Knorpelleiste.  Will  dann  in  den  Netzmagen,  von  hieraus  gelangt  ste

:  :  -  «  wieder  ins  Maul  zurück,  wird  zum  zweitenmal
sie  grasen,  so  umschlingt  sie  zunächst  den  gekaut  und  geht  dann  in  den  Biättermagen  und

Grasbüschel  mit  der  langen  Zunge,  drückt  zuletzt  in  den  Labmagen.
ihn  mit  den  8  Schneidezähnen  des  Unterkiefers  gegen  die  Knorpelleiste  und  rupft
so  das  Gras  ab.  Merkwürdig  ist,  daß  die  Kuh  erst  alles  Futter  fast  gänzlich
ungekaut  verschluckt.  Wenn  sie  aber  aufgehört  hat  zu  fressen,  dann  kommt  das
Futter  aus  dem  Magen  wieder  zurück  in  das  Maul  und  wird  nun  zum  zweitenmal
  gekaut.  Daher  sehen  wir  die  Kühe  im  Stalle  fast  immer  kauen,  auch  wenn
sie  kein  Futter  vor  sich  haben.  Man  nennt  solche  Tiere  Wiederkäuer.  —  Nutzen
gewährt  uns  das  Rind  besonders  durch  seine  Milch,  sein  Fleisch  und  seine  Haut.
3.  Butter  und  Käse.  Aus  der  Milch  der  Kuh  bereitet  man.  Butter  und
Käse.  Die  Butter  wird  aus  kleinen  Kügelchen  gewonnen,  die  sich  als  Rahm  oder
Sahne  an  der  Oberfläche  der  Milch  sammeln.  Jedes  Butterkügelchen  hat  eine  zarte
Hülle  aus  Käsestoff  und  Eiweiß.  Diese  Hülle  wird  beim  Säuern  der  Milch  aufgelöst.
  Indem  die  Sahne  nun  in  dem  Butterfasse  mittels  einer  durchlöcherten  und
an  einem  Stiele  befestigten  Scheibe  lebhaft  gerüttelt  wird,  sammeln  sich  die  Fettkügelchen
  zu  einer  zusammenhängenden  Masse.  Diese  nennt  man  Butter.  —  Der
gewöhnliche  Landkäse  wird  auf  folgende  Weise  bereitet:  Man  erwärmt  die  saure
Milch,  bis  sich  der  Käsestoff  und  die  Molke  voneinander  gesondert  haben.  Dann
thut  man  den  Käsestoff  in  einen  Beutel,  damit  die  noch  im  Käsestoffe  vorhandene
Molke  gut  ablaufen  kann.  Nach  1—2  Tagen  knetet  man  den  Käsestoff  mit  den
Händen  tüchtig  durch,  thut  etwas  Salz  und  Kümmel  daran  und  giebt  ihm  die
        <pb n="227" />
        —  222  —

gewünschte  Form.  Sodann  legt  man  ihn  auf  kleine  Hürden  und  läßt  ihn  allmählich
  an  der  Sonne  oder  am  Ofen  trocknen.  Schließlich  bewahrt  man  ihn
zwischen  Lappen  in  einem  Steintopfe  auf.

34.  Das  Hausschaf.

1.  Körperbau  und  Charakter.  Das  Schaf  ist  ein  geduldiges,  friedliches
Tier.  Es  hat  auch  alle  Ursache,  den  Frieden  zu  lieben;  denn  es  fehlt  ihm  nicht
nur  an  Kraft  und  Stärke,  sondern  ihm  versagte  die  Natur  auch  fast  jegliche  Waffe.
Nur  der  Widder  ist  zum  Kampfe  bereit.  Zwar  sind  seine  hohlen,  schneckenförmig
gewundenen  Hörner  zum  Angriffe  nicht  geeignet,  wohl  aber  vermag  er  mit  der
harten  Stirn  manch  kräftigen  Stoß  auszuteilen.  —  Aus  dieser  Kraft=  und  Wehrlosigkeit
  des  Schafes  erklären  sich  leicht  viele  seiner  Eigenschaften,  vor  allem  seine
Gutmütigkeit  und  Furchtsamkeit.  Es  gehorcht  willig  dem  Pfiff  des  Schäfers  und
folgt  zuversichtlich  dem  vorangehenden  Leithammel.  Springt  dieser  über  einen  vorgehaltenen
  Stock,  so  springt  die  ganze  Herde  nach,  auch  wenn  kein  Stock  mehr  da
ist.  Man  hat  sogar  Beispiele,  daß  die  Herde  dem  Leithammel  ins  Wasser  oder
in  den  Abgrund  gefolgt  ist.  Gegen  seinen  Hüter  zeigt  das  Schaf  eine  große  Anhänglichkeit,
  und  wenn  es  sich  verirrt  hat,  blökt  es  klagend  um  Hilfe.  Jedes  Geräusch
  erschreckt  es.  Der  Knall  der  Büchse,  besonders  aber  die  zuckenden  Bilitze
und  der  rollende  Donner  bringen  es  völlig  außer  Fassung.  Mit  der  Furcht  vereinigt
  sich  die  Einfalt.  Bricht  des  Nachts  Feuer  aus,  so  ist  meistens  die  Herde
nicht  aus  dem  brennenden  Stalle  zu  bringen;  oft  auch  läuft  sie  blindlings  in  die
Flammen  hinein,  dem  sichern  Feuertode  entgegen.

2.  Nutzen.  Da  das  wehrlose  Schaf  leicht  zu  zähmen  war,  so  ist  es  schon
in  den  ältesten  Zeiten  zum  Haustiere  geworden.  Dazu  war  es  um  so  mehr  geeignet,
als  es  sehr  genügsam  ist  und  großen  Gewinn  bringt.  Am  meisten  nützt  es  uns
durch  seine  Wolle.  (Wozu  wird  sie  verwertet?)  Die  Schur  findet  in  der  Regel
im  Juni  statt.  Vor  der  Schur  werden  die  Schafe  an  einem  warmen  Tage  in
einem  Teiche  oder  Flusse  gebadet,  damit  die  Wolle  rein  werde.  Das  Fleisch  des
Schafes  ist  saftig  und  wohlschmeckend  und  wird  besonders  gern  in  England  gegessen.
  Aus  den  Gedärmen  des  Schafes  werden  Violinsaiten  gedreht,  aus  der
Haut  gerbt  man  Leder,  und  aus  den  Klauen  und  Fußknochen  kocht  man  Leim.
—  (UÜber  Drehkrankheit  s.  „Bandwurm“  S.  2681)

3.  Arten.  Unter  den  vielen  Arten  des  Hausschafes  zeichnet  sich  vor  allem
das  Merinoschaf  durch  seine  Wolle  aus.  Ursprünglich  war  dieses  nur  in  Spanien
zu  Hause;  jetzt  findet  es  sich  aber  auch  in  vielen  deutschen  Schäfereien.  Außer
den  Merinoschafen  wird  gegenwärtig  noch  vielfach  das  englische  Schaf  gezüchtet,
das  sich  durch  seine  Fleisch=  und  Fettmenge  auszeichnet.  In  der  Lüneburger  Heide
findet  sich  die  kleine  Heidschnucke;  sie  hat  ziemlich  lange,  aber  recht  grobe  Wolle.
In  Südrußland,  der  Türkei,  Kleinasien,  Persien  u.  s.  w.  lebt  das  Fettschwanzschaf.
  Es  hat  einen  ungemein  breiten  und  unförmlichen  Fettschwanz,  der  an  20  kg
schwer  wird.  Bei  einer  Art  wird  dieser  Schwanz  so  lang,  daß  er  nicht  selten  auf
untergelegtem  Rollwägelchen  von  dem  Schafe  fortgezogen  werden  muß,  damit  die
Wolle  am  Schwanze  rein  erhalten  und  nicht  abgeschabt  werde.  Die  Bließe  der
Fettschwanzschafe  sind  sehr  weich  und  hübsch  gekräuselt  und  werden  als  Pelzwerk
in  den  Handel  gebracht.  Die  der  ausgewachsenen  Schafe  heißen  „Krimmer“,  die

der  Lämmer  „Astrachan“.
85.  Der  Iltis.

1.  Wohnung.  Der  Iltis  ist  ein  rechter  Räuber.  Darum  schlägt  er  auch  seine
Wohnung  da  auf,  wo  es  am  meisten  für  ihn  zu  rauben  giebt.  Da  er  junge  Häschen,
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        —  228  —

Feldmäuse  und  Frösche  besonders  liebt,  so  zieht  er  im  Sommer  aufs  Feld.  Hier
wohnt  er  in  einer  Erdhöhle.  Um  eine  Wohnung  zu  erlangen,  würgt  er  einen
Hamster  oder  ein  Kaninchen  und  nimmt  dann  von  dessen  Wohnung  Besitz.
Sobald  gegen  den  Winter  die  Nahrung  auf  dem  Felde  ausgeht,  kommt  er  in  die
Nähe  menschlicher  Wohnungen.  Klettern  —  wie  sein  Vetter,  der  blutdürstige
Marder  (S.  244)  —  kann  er  nicht.  Deshalb  kriecht  er  in  einen  Holz=  und  Steinhaufen
  und  richtet  sich  dort  wohnlich  ein.

2.  Körperbau  und  Raubgier.  Meist  geht  der  Iltis  nachts  auf  Raub  aus.
Seine  kastanienbraune  Farbe  dient  ihm  als  Schutzfarbe.  (S.  234.)  Er  ist  etwas
kleiner  als  die  Katze.  Der  Körper  ist  schlangenartig  und  sehr  geschmeidig.  Mit  ihm
kann  sich  der  Iltis  durch  fast  unglaublich  enge  Offnungen  hindurchwinden.  Die  Fußsohlen
  sind  unten  behaart,  und  daher  ist  der  Tritt  so  leise,  daß  man  ihn  kaum
hören  kann.  So  beschleicht  er  das  junge  Häschen  und  das  brütende  Rebhuhn.
Er  mordet  alles,  was  ihm  in  den  Weg  kommt.  Frösche  scheinen  seine  Lieblingsspeise
  zu  sein.  Er  fängt  sie  in  großer  Zahl,  zerbeißt  ihnen  die  Beine  und  trägt  sie
dann  in  seine  Wohnung,  wo  die  armen  Krüppel  oft  noch  tagelang  leben.  Dem  Landmanne
  ist  er  besonders  wegen  seiner  nächtlichen  Besuche  beim  Hausgeflügel  verhaßt.
Mit  seinen  spitzen  Nägeln  gräbt  er  weithin  unterirdische  Gänge  bis  in  den  Hühnerstall
  und  das  Taubenhaus.  Hier  mordet  er  nicht  alles  auf  einmal  wie  der  Marder,
sondern  trägt  jedes  abgewürgte  Tier  erst  in  sein  Versteck.  Die  Eier  der  Hühner
nimmt  er  behutsam  zwischen  die  Zähne  und  legt  sie  zu  seinen  Vorräten.

36.  Die  langohrige  FKledermaus.

1.  Winterschlaf.  Während  des  Winters  sehen  wir  die  Fledermaus  nicht  umherflattern.
  Sie  schläft  jetzt  Tag  und  Nacht.  Im  Herbste  geht  ihr  nämlich  die  Nahrung
aus.  Weite  Reisen  wie  die  Zugvögel  kann  sie  nicht  machen.  Daher  sucht  sie  sich  ein
Versteck  auf  (Keller,  Schornstein  u.  s.  w.),  häkelt  sich  hier  mit  den  Hinterbeinen  fest
und  schlägt  die  Flughaut  wie  einen  Mantel  um  sich.  Der  Körper  wird  starr  und
steif.  Der  Atem  geht  immer  langsamer,  und  das  Blut  pulsiert  kaum  merklich.

2.  Nahrung  und  Körperbau.  Sobald  die  Frühlingssonne  wärmer  scheint  und
die  Insekten  umherfliegen,  erwacht  die  Fledermaus  aus  dem  Winterschlafe.  Wenn
dann  unfre  gefiederten  Insektenfänger  zur  Ruhe  gegangen  sind,  verläßt  sie  ihr
dunkles  Versteck  und  setzt  den  Vernichtungskampf  gegen  Maikäfer,  Nachtschmetterlinge
u.  a.  nächtliches  Gesindel  eifrig  fort.  Zu  solcher  Insektenjagd  ist  ihr  Körper
außerordentlich  zweckmäßig  gebaut.  Dies  zeigt  sich  besonders  in  der  Flughaut  sowie
in  der  Einrichtung  der  Ohren  und  des  Maules.

a.  Die  Flughaut  beginnt  an  beiden  Schultern  und  breitet  sich  zwischen  d  den
4  Gliedmaßen  und  den  nnn.  4  —  —
gern  wie  ein  Mantel  aus,
der  auch  den  Schwanz  mit
einschließt.  Damit  aber  diese
Flughaut  beim  Flattern  ausgespannt
  werden  kann,  sind
die  Finger  der  vordern  Gliedmaßen
  (Arme)  von  außerordentlicher
  Länge  und  können
ähnlich  wie  die  Drahtstangen
eines  Regenschirms  gespreizt
und  zusammengelegt  werden.
Damit  ferner  der  Regen  an

der  Flughaut  nicht  hafte  und  Die  langohrige  Fledermaus.
        <pb n="229" />
        —  224  —

sie  zum  Flattern  untauglich  mache,  wird  sie  (gewöhnlich  kurz  vor  dem  abendlichen  Ausfluge)
  eingefettet.  Dazu  ist  eine  Drüse  zwischen  der  Nase  und  den  Augen  vorhanden.
(Byl.  Ente  S.  2561)  Mit  Hilfe  der  Flughaut  vermag  die  Fledermaus  geräuschlos
und  gewandt  in  der  Luft  umherzuflattern  und  ihre  Jagd  auf  Insekten  auszuüben.
Die  Flughaut  ist  von  vielen  Nerven  durchzogen.  Daher  besitzt  die  Fledermaus  in  ihr
ein  außerordentlich  feines  Gefühl,  so  daß  sie  die  Käfer  u.  s.  w.,  die  sie  in  der  Dunkelheit
mit  ihren  kleinen  Augen  vielleicht  gar  nicht  sieht,  sehr  leicht  an  der  Luftbewegung  fühlt.

b.  Die  Ohren  sind  auffallend  groß  und  können  jedem  Geräusche  zugewendet
werden.  Deshalb  eignen  sie  sich  auch  vorzüglich  zum  Auffangen  der  Schallwellen.
Dazu  kommt  noch,  daß  die  Ohrlappen,  die  ebenso  wie  die  Flughaut  sehr  nervenreich
  sind,  mit  zahlreichen  Höckerchen  oder  „Tastpapillen“  versehen  sind.  Dadurch
erhalten  sie  ein  außerordentlich  feines  Gefühlsvermögen  und  empfinden  die  geringste
Luftwelle,  die  die  fliegenden  Insekten  verursachen.  Damit  aber  die  Feinheit  des
Gehörs  den  Fledermäusen  während  des  Schlafes  keine  Störung  bringe,  werden  die
Ohrmuscheln  beim  Schlafe  zusammengefaltet.  Auffallend  ist  an  dem  Ohre  noch  der
Gehördeckel.  Er  steht  gleich  einer  starr  aufgerichteten  Zunge  vor  der  Ohröffnung
und  dient  wahrscheinlich  dazu,  die  zitternde  Luft  wahrzunehmen.

c.  Das  Maul  ist  weit  gespalten,  damit  die  Fledermaus  im  Fluge  die  Käfer
und  Nachtschmetterlinge  leicht  ergreifen  kann.  Die  Zähne  sind  spitz  und  kräftig.
Mit  ihnen  kann  sie  die  Käfer  (samt  ihren  harten  Flügeldecken)  leicht  zerbeißen.
Zu  einer  Mahlzeit  verspeist  sie  an  30  Maikäfer  oder  Nachtschmetterlinge,  und  die
kleinen  Insekten,  die  sie  in  einer  Nacht  verzehrt,  zählen  nach  Hunderten.  Sie  ist
daher  ein  sehr  nützliches  Tier.  Daß  sie  geräucherte  Speckseiten  im  Schornsteine
aushöhle,  wie  man  ihr  zuweilen  Schuld  giebt,  ist  nicht  wahr.  Dies  geschieht  vielmehr
  von  den  Hausmäusen.  Trifft  man  die  Fledermaus  dennoch  im  Schornsteine
in  der  Nähe  des  Speckes  an,  so  ist  sie  nicht  vom  Speck,  sondern  von  der  Wärme
angelockt  worden.

3.  Aufenthalt.  Am  Tage  hält  sich  die  Fledermaus  meist  in  hohlen  Bäumen,
in  Türmen,  hinter  Fensterläden  oder  in  zerrissenen  Lehmwänden  verborgen.  Hier
hängt  sie  gewöhnlich  mit  dem  Kopfe  nach  unten,  indem  sie  sich  mit  den  Krallen  der
Hinterfüße  an  der  Wand  festhakt.  Dies  kann  sie  um  so  leichter,  als  die  Zehen  der
Hinterfüße  frei  geblieben  sind.  Die  hangende  Stellung  ist  für  ihren  Anflug  sehr
vorteilhaft.  Sie  läßt  sich  dabei  nämlich  einfach  fallen,  breitet  ihre  Flughaut  aus
und  flattert  dann  fort.  Will  sie  von  ebener  Erde  auffliegen,  so  klettert  sie  zuvor
an  Wänden,  Bäumen  u.  s.  w.  empor  und  läßt  sich  dann  zum  Fluge  fallen.  Beim
Klettern  wird  sie  besonders  von  den  beiden  kurzen,  spitzbekrallten,  freien  Daumen
unterstützt.  Will  sie  an  einem  Baume  emporklettern,  so  hakt  sie  mit  den  Daumenkrallen
in  die  Rinde  ein  und  zieht  sich  so  —  mit  beiden  bekrallten  Hinterbeinen  nachschiebend
—  empor.  In  gleicher  Weise  kann  auch  die  Fledermaus  ganz  behende  kriechen.

87.  Das  Haushuhn.

1.  Der  Hahn.  Stolz  wie  ein  „Ritter“  schreitet  der  Hahn  auf  dem  Hofe
umher.  Auf  dem  Kopfe  trägt  er  einen  roten,  gezackten  Kamm  und  an  der  Kehle
zwei  rote  Läppchen.  Den  Hals  ziert  ein  großer  Federkragen.  Das  Gefieder  glänzt
wie  Metall,  und  die  langen  Schwanzfedern  sind  wie  eine  Sichel  gebogen.  Die
Flügel  sind  nur  kurz  und  daher  zum  Fliegen  wenig  tauglich.  Der  Hahn  muß  deshalb
  auf  dem  Erdboden  weilen.  Darum  sind  auch  die  Füße  kräftig  gebaut,  und
da  er  gern  Würmer  frißt,  so  sind  die  Füße  langzehig  und  zum  Scharren  geeignet.
Hinten  am  Larufe  sitzt  als  Waffe  ein  hornartiger  Stachel,  der  Sporn.  Des  Morgens
  ist  der  Hahn  der  erste  am  Platze.  Lange,  noch  ehe  der  Tag  graut,  ruft  er
sein  Kikeriki  und  weckt  die  Bewohner  aus  dem  Schlafe.  Auf  dem  Hühnerhofe  ist
        <pb n="230" />
        —  225  —

er  Herr  und  Gebieter.  Ruft  er  die  Hühner,  so  folgen  sie  ihm.  Dann  schreitet  er
vor  ihnen  her  und  führt  sie  in  den  Garten  u.  s.  w.,  um  mit  ihnen  Körner  und  Insekten
  zu  suchen.  Läßt  sich  ein  fremder  Hahn  auf  dem  Hofe  sehen,  so  stürzt  er  sofort
auf  ihn  zu,  und  es  entsteht  ein  heißer  Kampf.  Im  Nu  haben  beide  die  Federkragen
gleich  einem  Schilde  erhoben,  und  nun  suchen  sie  sich  gegenseitig  niederzustoßen.  Bald
triefen  beide  Kämpfer  von  Blut,  und  meist  verläßt  der  fremde  Hahn  ermattet  das
Schlachtfeld.  —  In  England  veranstaltet  man  öffentliche  Hahnenkämpfe.  Die  Hähne
werden  dazu  besonders  abgerichtet  und  mit  eisernen  Sporen  bewaffuct.

2.  Die  Heune  ist  nicht  so  hübsch  wie  der  Hahn,  auch  nicht  so  stolz,  und
doch  hätte  sie  wohl  Ursache  dazu;  denn  ihre  Eier  sind  ebenso  wohlschmeckend  wie
nahrhaft.  Im  Februar  oder  März  beginnt  sie,  Eier  zu  legen,  jeden  Tag  eins,
und  sind  es  etwa  15,  so  fängt  sie  an  zu  brüten.  Dazu  läßt  man  es  jedoch  sobald
  nicht  kommen;  man  nimmt  ihr  vielmehr  die  Eier  fort,  und  so  legt  sie  wohl
100—150  Eier  in  einem  Jahre.  Zum  Bebrüten  der  Eier  gebraucht  sie  3  Wochen.
Am  21.  Tage  kriechen  die  gelben  Küchlein
aus.  Bald  führt  die  Henne  sie  spazieren  und
zeigt  ihnen,  wie  man  Füße  und  Schnabel  gebrauchen
  muß.  Naht  ein  Habicht,  so  verteidigt
sie  ihre  Küchlein  mit  Gefahr  des  eignen  Lebens.
Zuweilen  legt  man  der  Henne  Enteneier  zumn  73
Bebrüten  unter.  Wahrhaft  rührend  ist  dauan  B  —
ihre  Angst,  wenn  die  Jungen  in  den  Teich  ————
gehen.  So  brachte  einst  in  einer  Mühle  eine  —  —
Henne  Enteneier  aus.  Die  jungen  Enten  folgten
ihr  überall  hin.  Als  sie  aber  an  den  Mühlteich
kamen,  patschten  sie  ins  Wasser  und  fingen  an
zu  schwimmen.  Darüber  war  die  Henne  ganz  bestürzt  und  lief  unruhig  am  Ufer
hin  und  her.  Das  sah  eine  alte  Gans,  die  auch  auf  dem  Teiche  war.  Sie
schwamm  ans  Ufer,  nahm  die  Henne  auf  ihren  Rücken  und  begleitete  so  mit  ihr
die  jungen  Enten  auf  dem  Teiche.

3.  Das  Vogelei  besteht  aus  einer  kalkartigen,  harten  Schale,  dem  Eiweiß
und  dem  Dotter.  Eine  feine  Haut  unter  der  Schale  umschließt  das  Eiweiß.  Am
stumpfen  Ende  des  Eies  aber  tritt  diese  Haut  etwas  zurück,  und  so  entsteht  hier
ein  Raum,  der  nur  mit  Luft  angefüllt  ist.  Durch  Bebrütung  entwickelt  sich  aus
dem  Ei  der  junge  Vogel.  Um  die  Körperwärme  besser  auf  die  Eier  übertragen  zu
können,  rupfen  sich  manche  Vögel  die  Federn  aus  der  Brust  und  erhalten  dadurch
die  „Brutflecke“.  Die  Gänse  brüten  28,  die  Hühner  21  und  die  meisten  kleinern
Vögel  nur  14—17  Tage.  Als  Nahrung  dient  dem  Vogel  im  Ei  das  Eiweiß
und  ein  Teil  des  Dotters.  Da  die  Eischale  porös  ist,  so  ergänzt  sich  der  beim
Atmen  verbrauchte  Sauerstoff  leicht  wieder.  Auf  dem  Oberschnabel  hat  der  junge
Vogel  einen  kleinen  Kalkzahn.  Mit  diesem  ritzt  er  die  Eischale.  Dann  zerbricht
er  sie  und  kriecht  hervor.  Der  Kalkzahn  fällt  später  wieder  ab.

38.  Die  Schleiereule.

1.  Warum  sie  so  unheimlich  aussieht.  Die  Schleiereule  hat  für  viele  Menschen
  etwas  Abschreckendes.  Der  dicke  Kopf  sieht  fast  wie  ein  Katzenkopf  aus.  Die
großen  Augen  sind  in  den  Augenhöhlen  festgewachsen  und  deshalb  unbeweglich.
Daher  hat  die  Eule  einen  sehr  starren  Blick.  Auch  ist  sie  gezwungen,  jedesmal,
wenn  sie  nach  einer  andern  Richtung  sehen  will,  in  höchst  auffälliger  Weise  den
ganzen  Kopf  zu  drehen.  Das  Gesicht  trägt  einen  herzförmigen  Federkranz,  den

„Schleier“.  Diesen  kann  die  Eule  bewegen  und  so  gleichsam  „Grimassen  schneiden“.
Realtenbuch.  B.  15
        <pb n="231" />
        —  226  —

Der  Fuß  ist  fast  bis  an  die  Zehen  dürftig  mit  borstenähnlichen  Federn  besetzt,  so  daß
er  wie  mit  Haaren  bewachsen  zu  sein  scheint  und  an  den  Fuß  einer  Katze  erinnert.
“5*  “  ---  .-  2.  Körperbau,  zum  Raube  geeignet.  Die
4  Eüurle  gehört  zu  den  Raubvögeln.  Sie  nährt  sich
«  —23  vorzugsweise  von  Mäusen  und  Spitzmäusen  und  ist
deshalb  genötigt,  fleißig  Jagd  auf  diese  Tiere  zu
nmachen.  Dazu  ist  sie  auch  sehr  gut  ausgerüstet.
I  "--DerOberschnabelisthakenförmiggekrümmt,weshalbersiehVorzüglichzumFesthaltenundZerhacken

der  Beute  eignet.  Auch  ist  der  Schnabel  sehr
stark  und  kräftig  gebaut.  Die  Beine  sind  durch
ihre  langen  Zehen  und  sehr  spitzen  Krallen  zum
*  Ergreifen  der  Beute  wie  geschaffen.  Die  Krallen
schlägt  die  Eule  meuchlings  in  den  Rücken  oder
Kopf  der  Maus,  so  daß  der  Tod  nach  kurzer  Zeit
eeintritt.  Die  eine  Zehe  ist  eine  Wendezehe.  (S.  188.)
*  Der  Flug  ist  wegen  des  weichen,  lockern  Gefieders,
Fmnamentlich  der  Flügel,  fast  unhörbar.  Deshalb
kann  sich  die  Eule,  ohne  bemerkt  zu  werden,  der
feinhörigen  Maus  leicht  nähern.  Dazu  hat  sie  ein
bäufßerst  feines  Gehör,  das  feinste  unter  allen
VBögelu.Eine  eigentliche  Ohrmuschel  fehlt  zwar
t(ovie  bei  allen  Vögeln).  Dagegen  befindet  sich  jederseits
  am  Kopfe  eine  von  oben  nach  unten  halbkreisfüörmig
  um  das  Auge  gezogene  aufschließbare  OhrsFalte.
  Diese  gestaltet  sich,  wenn  sie  geöffnet  ist,  zu
Die  Schleiereule.  einer  förmlichen  Muschel.  Sie  ist  daher  ganz  vorzüglich
  zum  Auffangen  des  Schalles  geeignet.  Auch
das  Auge  sieht  scharf,  namentlich  im  Dunkeln.  Zum  Sehen  im  Dunkeln  muß  das
Auge  außerordentlich  viele  Lichtstrahlen  aufnehmen  können.  Dies  ist  aber  nur  dadurch
möglich,  daß  das  Sehloch  (Pupille)  sehr  erweiterungsfähig  ist.  Darum  ist  auch  das
Auge  sehr  groß  gebaut.  Am  Tage  kann  die  Eule  das  Sehloch  bis  auf  eine  sehr
kleine  Offnung  verengen.  (Warum  ist  das  notwendig?  Vgl.  S.  217  „Katze“!)
Sie  jagt  vorzugsweise  beim  Mondschein.  Oft  schleppt  sie  einen  ganzen  Vorrat
von  Mäusen  zusammen,  besonders  vor  Eintritt  stürmischen  Wetters.

3.  Nutzen.  Die  Eule  überfällt  zwar  hin  und  wieder  einen  schlafenden  Vogel,
aber  dennoch  ist  sie  durch  die  Massenvertilgung  der  Mäuse  und  Maikäfer  ein
nützlicher  Vogel.  Daß  sie  vorzugsweise  schädliche  Tiere  vertilgt,  kann  man  deutlich
aus  dem  „Gewölle“  ersehen,  das  man  häufig  vor  dem  Neste  findet.  Das  Gewölle
besteht  aus  wurstförmigen  Ballen,  die  die  unverdaulichen  Teile  der  verschluckten
Nahrung  (Haare,  Knochen)  enthalten.  Diese  trennen  sich  im  Magen  vom  Fleische  und
werden  durch  den  Schnabel  ausgeworfen.  Leider  wird  die  Eule  oft  von  thörichten
Leuten  getötet  und  ans  Scheunenthor  genagelt,  damit  —  der  Blitz  nicht  einschlage.

4.  Anfenthalt.  Die  Schleiereule  wohnt  gern  in  Türmen  und  Scheunen.  Ein
Nest  baut  sie  nicht,  sondern  legt  ihre  3—5  Eier  ohne  jegliche  Unterlage  in  Mauerlöcher
  u.  s.  w.  Am  Tage  ruht  sie  mit  geschlossenen  Augen  auf  dem  Gebälke.  Ihr
Schlaf  ist  äußerst  leise.  Naht  sich  ein  Mensch,  so  fliegt  sie  nicht  gleich  fort,  sondern
glotzt  ihn  groß  an.  Sobald  sie  aber  Gefahr  merkt,  huscht  sie  zum  Flugloche  hinaus.

39.  Die  Rauchschwalbe.

1.  Warum  sie  gern  auf  Bauernhöfen  weilt.  Name  und  Farbe.  Die
Rauchschwalbe  hält  sich  gern  auf  Bauernhöfen  auf.  Sie  nistet  nämlich  nur  in

 

*’*P“  ⅜.
1
        <pb n="232" />
        —  227  —

Gebäuden  mit  Aus-  und  Einfluglöchern,  und  diese  findet  sie  hier  am  häufigsten,
z.  B.  Kuhställe  und  Scheunen.  Besonders  gern  sucht  sie  die  große  Hausflur
der  norddeutschen  Bauernhöfe  auf.  Den  Namen  Rauchschwalbe  hat  sie  davon,
daß  sie  zuweilen  im  Rauchfange  baut.  Den  Schornstein  benutzt  sie  zum  Einund
  Ausfluge.  Von  der  Hausschwalbe,  die  mehr  in  Städten  lebt,  ist  sie  leicht  zu
unterscheiden  durch  ihre  braunrote  Stirn  und  Brust.  6  .  .

2.  Nahrung  und  Flug.  Auf  dem  Bauernhofe  findet  sie  auch  zugleich  vielfach
  ihre  Nahrung.  Diese  besteht  aus  Insekten,  namentlich  Mücken  und  Fliegen.
Gern  macht  sie  deshalb  auch  Besuche  bei  dem  Dorfteiche,  wo  die  Mücken  oft  in
großen  Schwärmen  spielen.  (Die  Larven  der  Mücken  sind  nämlich  im  Wasser  aus
dem  Ei  gekrochen.)  Die  Insekten  kann  die  Schwalbe  sehr  geschickt  fangen;  denn
sie  hat  ein  gutes  Fangnetz,  das  ist  ihr  tief  gespaltener  Schnabel.  Auch  versteht
sie  sich  meisterhaft  aufs  Fliegen.  Bei  der  Jagd  macht  sie  die  geschicktesten  Wendungen
  in  der  Luft.  Wie  ein  Pfeil  eilt  sie  dahin,  bald  schnurgerade,  bald  im
Zickzack.  (Warum  dies?)  Sie  fliegt  so  schnell,  daß  sie  den  Weg  von  Berlin  nach
Afrika  in  18  Stunden  zurücklegt.  Ihr  Körper  ist  aber  auch  ganz  vorzüglich  zum
Fliegen  eingerichtet.  Das  sieht  man  besonders  an  den  langen  Flügeln,  die  den
Körper  mit  Leichtigkeit  emporheben.  Durch  sie  wird  der  Vogel  in  der  Luft  fortbewegt
  wie  der  Kahn  durch  die  Ruder  im  Wasser.  Uberhaupt  hat  der  Körper
etwas  Kahnartiges  in  der  Gestalt.  Mit  dem  spitzen  Schnabel  durchschneidet  der
Vogel  die  Luft  wie  ein  Schiffsbug  das  Meer.  Der  gabelförmige  Schwanz  dient
beim  Umwenden  als  Steuer.  Er  wird  bei  Linksschwenkungen  nach  links,  bei  Rechtsschwenkungen
  nach  rechts  gewendet,  beim  Aufsteigen  gehoben,  beim  Absteigen  gesenkt.
Die  Beine  sind  klein  und  beschweren  den  Körper  nur  wenig.  Uberhaupt  ist  der
Körper  sehr  leicht  gebaut.  Dazu  kommt  ferner,  daß  die  Knochen,  wie  bei  allen
Vögeln,  meist  hohl  sind  und  von  der  Lunge  aus  mit  Luft  gefüllt  werden  können.
Luch  finden  sich  in  der  Leibeshöhle  noch  besondere  Luftsäcke,  die  ebenfalls  wie  die
Knochen  durch  Offnungen  und  Luftwege  mit  der  Lunge  in  Verbindung  stehen  und
von  hier  aus  mit  Luft  versorgt  werden.  Diese  Luft  wird  in  dem  Körper  erwärmt,
dehnt  sich  aus  und  wird  so  leichter  als  die  äußere  Luft.  (S.  Naturlehre  S.  3151)
Dadurch  wird  das  Eigengewicht  des  Körpers  vermindert,  so  daß  er  mit  Leichtigkeit
emporgehoben  werden  kann.  An  schönen  Tagen  hält  sich  die  Schwalbe  mehr  oben
in  der  Luft  auf,  weil  dann  die  Mücken  dort  tanzen.  Bei  trübem  Wetter  aber
kommen  die  Mücken  nach  unten,  darum  fliegt  die  Schwalbe  dann  auch  niedriger.
Mit  ihren  langen  Beinen  laufen  die  Mücken  selbst  auf  dem  Wasser  umher.  Daher
streicht  die  Schwalbe  oft  ganz  dicht  über  dem  Teiche  dahin.  (Wie  erklärt  sich  die
Wetterregel:  „Es  wird  gutes  Wetter;  denn  die  Schwalben  fliegen  hoch“?)

3.  Nest.  Ihr  Nest  baut  die  Rauchschwalbe  stets  im  Innern  eines  Gebäudes
und  zwar  so,  daß  es  von  oben  her  durch  eine  weit  überragende  Decke  geschützt
wird.  An  einem  Balken  oder  an  der  Wand  klebt  sie  das  Nest  fest,  am  liebsten
da,  wo  es  durch  einen  Pflock  von  der  Seite  oder  von  unten  einen  Stützpunkt
hat.  Oben  befindet  sich  die  Offnung.  Der  Stoff,  aus  dem  das  Nest  gebaut  wird,
ist  fettige  Erde,  die  von  der  Schwalbe  im  Schnabel  herbeigetragen,  mit  Speichel
überzogen  und  vorsichtig  angeklebt  wird.  (Anders  baut  die  Haus=  oder  Mehlschwalbe.
  Sie  bringt  ihr  Nest  nur  von  außen  an  den  Gebäuden  an,  meistens
unter  dem  Gesimse.  Auch  mauert  sie  es  stets  bis  auf  das  Eingangsloch  zu,  so
daß  es  oben  nicht  offen  ist.)  —  Ihr  trauliches  Nisten  macht  uns  die  Schwalbe
lieb  und  wert.  „Wer  ein  Schwalbennest  zerstört,  zerstört  sein  eigen  Glück“,  und
„Wo  die  Schwalben  nisten,  zündet  kein  Blitz“,  sagt  der  Volksglaube.  Sobald
die  Jungen  befiedert  sind,  werden  sie  von  den  Alten  einige  Tage  lang  in  der  Kunst
des  Fliegens  unterrichtet.

15“
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        —  228  —

90.  Der  Seidenspinner.

1.  Züchtung.  Die  ursprüngliche  Heimat  der  Seidenraupe  ist  China.  Die
Ausführung  war  hier  streng  verboten.  Im  Jahre  555  aber  brachten,  wie  die
Sage  erzählt,  2  Mönche  Eier  von  Seidenraupen  in  hohlen  Stäben  heimlich  nach
Konstantinopel.  Von  dort  aus  verbreitete  sich  der  Seidenbau  nach  Italien,  Spanien,
Frankreich  und  Deutschland.  In  südlichen  Ländern  züchtet  man  die  Seidenraupe  im
Freien,  bei  uns  nur  im  Zimmer,  da  es  ihr  im  Freien  zu  kalt  ist.  Im  Juli  legt  der
Schmetterling  etwa  250—500  Eier,  die  die  Größe  eines  Stecknadelknopfes  haben.
Sie  werden  während  des  Winters  in  trocknen,  luftigen  Kellern  aufbewahrt,  damit  die
Raupen  nicht  vor  der  Zeit  auskommen.  Im  Frühlinge  aber,  sobald  das  Laub
des  Maulbeerbaums  da  ist,  bringt  man  sie  in  eine  warme  Stube.  Nach  8  bis
12  Tagen  kriechen  die  schwärzlichen  Raupen  aus,  und  man  legt  ihnen  dann  auf
„Hürden“  (Gestellen  aus  Latten)  Blätter  des  Maulbeerbaums  vor.

2.  Cocon.  In  Zwischenräumen  von  6—7  Tagen  häuten  sich  die  Raupen
viermal.  (S.  250.)  Etwa  9—10  Tage  nach  der  letzten  Häutung  fangen  sie  an,  sich
einzuspinnen.  Zu  diesem  Zwecke  hat  ihnen  der  Züchter  Zweige,  Hobelspäne  oder  Rapsstroh
  auf  den  Hürden  ausgebreitet.  An  der  Unterlippe  der  Raupe  sitzen  2  Drüsen,
aus  denen  je  ein  Faden  hervorquillt.  Nach  etwa  4  Tagen  ist  das  Gespinst,  der
Cocon,  fertig.  Er  hat  ziemlich  die  Größe  einer  Walnuß  und  sieht  gelblich  aus.
Nach  etwa  15—21  Tagen  würde  aus  dem  Cocon  ein  Schmetterling  kriechen  und

–—–⅛1%

 

Der  Seidenspinner.,  a.  Raupe,  b.  Cocon.  c.  Puppe.  d.  Schmetterling

das  Gespinst  zerreißen.  Aber  ehe  das  geschieht,  tötet  man  die  Puppe  im  Cocon
durch  heiße  Wasserdämpfe.  Darauf  legt  man  die  Cocons  in  heißes  Wasser,  damit
der  Leim,  der  die  einzelnen  Fadenwindungen  verbindet,  erweicht  und  die  äußere,
lockere  Seide  (Flockseide)  losgelöst  werde.  Dann  haspelt  man  den  Faden  ab.  Er
ist  eiwa  250—900  m  lang.  Die  einzelnen  Fäden  sind  außerordentlich  fein,  weshalb
  man  gleich  die  Fäden  von  3—30  Cocons  zusammenlegt.  Die  abgehaspelte.
Seide  heißt  Rohseide.  Sie  wird,  damit  sie  von  dem  ihr  noch  anhaftenden  Klebstoffe
  befreit  werde,  gekocht,  dann  gefärbt  und  zu  Zeugen  verwebt.  Zu  einem
seidenen  Kleide  sind  etwa  12—15000  Cocons  erforderlich.

9I.  Schlußbetrachtung.

1.  Katze,  Hund,  Pferd,  Rind,  Schaf,  Huhn  und  Taube  sind  die  treuen  Diener
des  Menschen  geworden.  Sie  nützen  ihm  teils  durch  ihre  Kraft,  teils  durch  ihr
Fleisch,  teils  durch  ihre  Wolle,  Milch  u.  s.  w.  Dafür  aber  hat  der  Mensch  als
ihr  Herr  die  Verpflichtung  übernommen,  sie  zu  pflegen,  sie  freundlich  und  liebevoll
        <pb n="234" />
        —  229  —

zu  behandeln.  Vor  allen  Dingen  hat  er  dafür  zu  sorgen,  daß  die  Tiere  gut  und
regelmäßig  gefüttert  werden.  Der  Stall,  worin  die  Tiere  sich  aufhalten,  muß
dicht  sein  und  gegen  Sturm  und  Regen,  Frost  und  Hitze  hinreichenden  Schutz  ge—
währen.  Steht  das  Vieh  im  Winter  in  einem  sehr  kalten  Stalle,  so  braucht  es  mehr
Futter  und  gedeiht  doch  nicht  so  gut,  als  wenn  es  in  einem  mäßig  erwärmten
Stalle  (12—  18°  C.)  untergebracht  ist.  Aber  auch  Licht  und  reine  Luft  sind
jedem  Tiere  zum  Gedeihen  notwendig.  Daher  ist  es  nötig,  daß  der  Stall  mit
Fenstern  versehen  sei  und  öfters  gelüftet  werde.  Ganz  besonders  aber  sorge  man
für  Reinlichkeit  der  Tiere.  Der  Stall  werde  recht  oft,  womöglich  jeden  Tag
ausgemistet.  Jedes  Tier  sei  hinreichend  mit  trockner  Streu  versehen  und  werde  durch
Putzen,  Waschen  und  Baden  u.  s.  w.  stets  rein  erhalten.  „Wer  sein  Pferd  gut
putzt,  spart  die  Hälfte  am  Futter.“  —  So  sollten  die  Tiere  nach  allen  Seiten  hin  gut
gewartet  und  gepflegt  werden.  Leider  geschieht  es  aber  in  vielen  Fällen  nicht;  ja,
sie  werden  sogar  zuweilen  schändlich  mißhandelt.  Und  gerade  die  treuesten  Diener
des  Menschen,  das  Pferd  und  der  Hund,  haben  am  meisten  Ursache  zur  Klage.

2.  Unter  den  Insekten  sind  es  der  Seidenspinner  und  die  Biene  (S.  178),
die  der  Mensch  ihres  Nutzens  wegen  in  seine  Pflege  und  Obhut  genommen  hat.
Man  bezeichnet  aber  diese  Tiere  nicht  als  Haustiere;  denn  sie  lassen  sich  nicht
zähmen  wie  Hund  und  Pferd,  gehorchen  auch  nicht  dem  Winke  des  Menschen,
sondern  leben  in  seiner  Umgebung  nicht  viel  anders  als  im  wilden  Zustande.

3.  Von  den  ungebetenen  Gästen,  die  Haus  und  Hof  des  Menschen  bevölkern,
haben  sich  zwar  einige  zur  Freude  des  Menschen,  die  meisten  aber  zu  seinem  Verdrusse
  hier  eingefunden.  Daß  Storch  und  Schwalbe  in  seinem  Gehöfte  nisten,
sieht  er  nicht  ungern.  Dagegen  sucht  er  Ratten  und  Mäuse  auf  jede  nur  mögliche
Weise  zu  vertilgen,  und  die  Katze  und  GEule  leisten  ihm  darin  treuen  Beistand.

XIV.  Garten  und  Feld  im  Winter.

1.  Die  Blumen  sind  verschwunden,  die  Obstbäume  entlaubt.  Nur  wenige
Pflanzen  giebt  es,  die  mit  ihren  Blättern  dem  Winter  trotzen.  Dahin  gehört  vor
allem  der  Winterkohl  (Braun=  und  Grünkohl),  den  die  Hausfrau  noch  im  Garten
stehen  hat.  Sie  entblättert  ihn  erst  nach  eingetretenem  Froste,  weil  dann  seine  Blätter
süßer  schmecken.  (Durch  den  Frost  wird  nämlich  das  Stärkemehl  der  Blätter  in
Zucker  verwandelt.  Warum  schmecken  auch  gefrorene  Kartoffeln  süßlich?)  Den
Kohl  weiß  auch  das  Häslein  im  Winter  zu  schätzen.  Wenn  alles  zugeschneit  ist,
dann  stattet  es  den  Kohlgärten  seine  Besuche  ab  und  labt  sich  hier  an  den  süßen
Blättern.  —  Die  Felder  sind  meist  leer.  Nur  stellenweise  wird  unser  Auge  durch
das  saftige  Grün  des  Wintergetreides  und  Winterrübsens  erquickt.

2.  Die  Tierwelt  in  Garten  und  Feld  ist  im  Winter  ebenfalls  nicht  so  zahlreich
wie  im  Sommer.  Die  Zugvögel  sind  sämtlich  nach  dem  warmen  Süden  gezogen,  die
Strichvögel  dagegen  haben  uns  nur  teilweise  verlassen.  So  sieht  man  z.  B.  häufig
Schwarzdrosselmännchen  zur  Winterzeit  im  Garten,  während  die  Weibchen  mit  den
zahlreichen  Jungen  den  Süden  aufgesucht  haben.  Hin  und  wieder  huscht  auch  wohl
ein  zurückgebliebenes  Rotkehlchen  durchs  schneebedeckte  Gebüsch.  Ebenso  sind  von  den
Finken  einige  zurückgeblieben,  während  die  meisten  im  November  abgezogen  sind.
Die  Kohlmeisen  aber  und  die  Raben  (ausgenommen  die  Saatkrähen),  Sperlinge,
Goldammern,  Rebhühner  u.  s.  w.  bleiben  den  ganzen  Winter  bei  uns.  —  Die
Säugetiere  verlassen  uns  nicht.  Manche  von  ihnen  aber  sieht  man  nicht,  da  sie
einen  Winterschlaf  halten,  wie  z.  B.  Igel.

92.  Der  Maulwurf.

1.  Körperbau,  dem  Leben  in  der  Erde  angepaßt.  Der  Maulwurf  lebt
hauptsächlich  von  Regenwürmern  und  Engerlingen.  Er  muß  also  seine  Nahrung
        <pb n="235" />
        —  230  —

in  der  Erde  suchen.  Darum  ist  auch  sein  Körper  so  beschaffen,  daß  er  ihm  den
Aufenthalt  in  der  Erde  erleichtert.  Die  Vorderfüße  sind  zum  „Graben"  eingerichtet.
Sie  erinnern  an  Hände  und  sind  breit  wie  Schaufeln.  Ihre  Zehen  sind  mit
scharfen  Nägeln  (Grabkrallen)  besetzt  und  durch  Häute  verbunden,  damit  die  abgekratzte
  Erde  nicht  hindurchgleitet.  Auch  stehen  die  „Hände"“  seitwärts  wagerecht,
mit  den  nackten  Innenflächen  schräg  nach  hinten  gerichtet.  Ein  sichelförmiger  Knochen
zur  Seite  des  Daumens  (die  Scharrkralle)  verbreitert  die  Hände.  Mit  diesen  Schaufelwerkzeugen
  („Grabfüßen“)  baut  sich  der  Maulwurf  seine  unterirdischen  Gänge.  Beim
Graben  zerscharrt  er  zunächst  die  Erde,  wirft  sie  mit  großer  Schnelligkeit  hinter
sich  und  läßt  sie  einstweilen  dort  im  Gange  liegen.  Sobald  ihm  die  größere  Menge
aber  unbequem  wird,  stößt  er  sie  mit  dem  dicken  Kopfe  nach  oben.  Auf  diese  Weise
entstehen  die  Maulwurfshügel.  In  ganz  losem  Sande  gräbt  der  Maulwurf  mit
solcher  Gewandtheit,  daß  er  sich  fast  ebenso  schnell  durch  die  Erde  wühlt,  wie  etwa  ein
Fisch  durchs  Wasser  schwimmt.  Läßt  man  einen  gefangenen  Maulwurf  wieder  frei,
so  ist  er  im  Augenblicke  unter  dem  lockern  Erdboden  verschwunden.  Mit  der  rüsselförmig
  verlangerten  Schnauze  kann  sich  der  Manlwurf  förmlich  in  die  Erde  einbohren.
Sie  erhält  durch  einen  besondern  Knochen  Steifheit  und  Festigkeit.  Die  sehr  kleinen
Augen  sind  unter  dem  Pelze  verborgen  und  so  vor  dem  Eindringen  des  Sandes  geschützt.
  Ohrmuscheln  fehlen,  da  sie  beim  Graben  in  der  Erde  hinderlich  sein  würden.
Dagegen  besitzt  die  Ohröffnung  einen  Hautrand,  durch  den  sie  geschlossen  werden
kann,  ebenfalls  damit  das  Eindringen  der  Erde  verhütet  werde.  Der  Vorderteil  des
Körpers  und  besonders  die  Nackenmuskeln  sind  äußerst  kräftig,  um  die  Anstrengung
des  Schaufelns  aushalten  zu  können.  Der  Rumpf  ist  in  der  Schultergegend  am
stärksten  und  wird  nach  hinten  zu  dünner,  damit  er  hier  beim  Vordringen  nicht
hemmend  wirkt.  Das  samtartige,  bläulichschwarze  Haar  steht  am  Körper  äußerst
dicht  und  verhindert  das  Eindringen  von  Nässe  und  Staub  in  den  Pelz.
2.  Nutzen.  Besonders  liebt  der  Maulwurf  die  feisten  Engerlinge,  die  durch
das  Abfressen  der  Wurzeln  den  Pflanzen  sehr  schädlich  werden.  Dadurch  aber
I  wwoeird  er  dem
Landmanne  au-—
  Herordentlich
nützlich,  zumal  er
bei  seiner  Gefräßigkeit
  täglich
so  viel  Nahrung
verbraucht,  daß
ihr  Gewicht  dem
seinen  gleichkommt.
  Man  hat
den  Maulwurf
Der  Maulwurf.  häufig  verdächtigt,
  daß  er  die
Wurzeln  der  Pflanzen  anfresse.  Allein  mit  Unrecht.  Der  Maulwurf  rührt  keine  Pflanzennahrung
  an.  Sein  Gebiß  ist  auch  durchaus  nicht  für  solche,  sondern  nur  für  tierische  Kost
eingerichtet.  Es  besteht  aus  einer  Reihe  spitzer  Zähne,  die  wie  Nadeln  ineinander
greisen.  Dagegen  lebt  noch  ein  andres  Tier  in  unsern  Gärten,  Wiesen  und  Feldern,
das  allerdings  durch  Zernagen  der  Wurzeln  an  Obstbäumen,  Blumen,  Gräsern  u.  s.  w.
großen  Schaden  anrichtet  und  dessen  böse  Streiche  oft  der  Maulwurf  entgelten
muß:  das  ist  die  Wühlratte.  Auch  sie  gräbt  sich  Gänge  in  der  Erde  und  wirft
Erdhaufen  auf.  (Diese  sind  leicht  an  ihren  größern  Erdbrocken  zu  erkennen.)
Der  Schaden,  den  der  Maulwurf  durch  sein  Wühlen  anrichtet,  ist  durchaus  ge-
        <pb n="236" />
        —  231  —

ring  im  Vergleich  zu  dem  Nutzen,  den  er  uns  bietet.  Er  verdient  daher  geschont
zu  werden.

3.  Die  Wohnung  des  Maulwurfs  ist  ein  wirkliches  Kunstwerk.  Sie  besteht
aus  so  vielen  Röhren  und  Gängen,  daß  der  Maulwurf  längst  entwischt  ist,  bevor
ihn  seine  Feinde  aufzufinden  vermögen.  In  der
Regel  liegt  die  Wohnung  ziemlich  weit  von  dem
eigentlichen  Jagdgebiete  entfernt.  Sie  ist  aber  mit
diesem  durch  eine  gerade,  oft  50  m  lange  Hauptröhre
  verbunden.  Die  Wohnung  besteht  aus  einem
ziemlich  runden  Gewölbe  und  ist  von  2  Kreisröhren
umgeben;  die  größere  Kreisröhre  liegt  in  gleicher  6
Höhe  mit  der  Höhle  oder  Kammer,  die  kleinere  befindet  Bau  des  Maulwurfs.
sich  etwas  höher.  Aus  der  Kammer  selbst  führen  gewöhnlich  3  Röhren  schräg
nach  oben  zu  der  kleinern  Kreisröhre,  und  aus  dieser  5—6  Rähren  schräg  abwärts
  zu  der  größern.  Von  hier  aus  laufen  dann  nach  verschiedenen  Richtungen
hin  Gänge,  die  alle  in  die  nach  dem  Jagdgebiete  führende  Hauptröhre  münden.
Aus  der  Kammer  selbst  führt  eine  Sicherheitsröhre  nach  unten,  die  später  in  einem
aufwärts  steigenden  Bogen  ebenfalls  in  die  Hauptröhre  mündet.  Die  Kammer
ist  mit  Laub  und  weichen  Gräsern  sorgsam  ausgepolstert.  Wird  der  Maulwurf
vom  Wiesel  oder  von  andern  kleinen  Raubtieren  verfolgt,  so  schiebt  er  das  weiche
Polster  zur  Seite  und  fällt  nach  unten,  um  durch  die  Sicherheitsröhre  zu  entwischen.

93.  Der  3gel.

1.  Der  Igel  —  ein  Rittersmann.  Der  Igel  ist  wie  ein  Ritter  mit  einem
Panzer  bekleidet.  Dieser  Panzer  ist  dicht  mit  Stacheln  besetzt.  Nur  Kopf,  Hals
und  Beine  sind  stachellos.  In  dem  Panzer  trotzt  er  allen  seinen  Feinden.  Und
er  hat  sehr  viele  Feinde:  Hund,  Fuchs,  Storch,  Uhu  —  alle  wollen  ihn  fressen.
Durch  Laufen  aber  vermag  er  sich  nicht  vor  ihnen  zu  retten;  denn  er  hat  zu  kurze
Beine.  Sobald  er  aber  merkt,  daß  ihn  einer  angreifen  will,  rollt  er  sich  zu  einer
Kugel  zusammen,  so  daß  Kopf,  Bauch  und  Füße  nicht  zu  sehen  sind.  Dann  bleibt
er  still  liegen.  Die  Stacheln  aber  spreizt  er  nach  allen  Seiten  hin  aus,  und  wer
ihn  jetzt  fassen
will,  der  sticht
sich.  Das  hat
auch  schon  manches
  Hündchen  erfahren.
  Aber  der

schlaue  Fuchs
weiß  den  Igel
dennoch  zu  über
listen.  Er  wälzt
nämlich  diese
Stachelkugel  mit
seinen  Vorder  —
pfoten  demWasserr  —
zu  und  stößt  sie
dorthinein.  Jetzt
rollt  sich  der  arme  Igel  in  seiner  Angst  ruckweise  auf;  der  Erzschelm  von  Fuchs
aber  erfaßt  ihn  an  der  Nase  und  frißt  ihn  unbarmherzig  aus  seinem  stacheligen
Gehäuse  heraus.
2.  Wohnung.  Eine  Burg  mit  Mauern  und  Türmen  hat  unser  Ritter  nicht.
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        —  282  —

Er  wohnt  nur  in  einem  armseligen  Lager,  das  er  sich  in  einem  Reisighaufen,
einer  Hecke  u.  s.  w.  anlegt.  Eine  muldenartige  Vertiefung  ist  die  Bettstelle.  In
diese  legt  er  etwas  Heu,  Stroh  und  Laub,  und  das  Lager  ist  fertig.  „Die  Stoffe
trägt  der  Igel  auf  seinem  Rücken  nach  Hause,  und  zwar  auf  sehr  sonderbare
Weise.  Er  wälzt  sich  nämlich  in  dem  Laube  herum,  dort,  wo  es  am  dichtesten
liegt,  und  spießt  sich  hierdurch  eine  tüchtige  Ladung  auf  die  Stacheln.  In  ähnlicher
  Weise  schafft  er  sich  auch  das  Obst  nach  Hause.“

3.  Auf  dem  Raubzuge.  Den  Tag  über  schläst  unser  Ritter  in  seinem
Lager.  Abends  aber  geht  er  auf  Raub  aus.  Wenn  der  Mond  hell  scheint,  kann
man  ihn  dabei  beobachten,  wie  er  den  Maulwürfen,  Mäusen  und  Spitzmäusen
nachstellt.  Ein  Naturforscher  erzählt:  Ich  sah  ihn  vor  einem  Mauseloche  stehen.
Er  schnüffelte  daran  herum,  auf  welcher  Seite  die  Maus  ihren  Sitz  hatte.  Da
kam  ihm  nun  sein  Rüssel  vortrefflich  zu  statten.  Er  wühlte  mit  großer  Schnelligkeit
  den  Gang  der  Maus  auf.  Bald  hörte  ich  auch  die  Maus  quieken  —  und
richtig!  der  Igel  hatte  sie  gefaßt.  Auch  Kreuzottern  greift  er  beherzt  mit  seinen  scharfen
Zähnen  an.  Wunderbarerweise  soll  ihr  Gift  ihm  nicht  schaden.  Am  meisten  aber
nützt  er  dadurch,  daß  er  unfre  Gärten  von  Maikäfern,  Schnecken  und  Larven  reinigt.
Leider  aber  läßt  er  kein  Vogelnest  am  Erdboden  ungeplündert.  Sobald  der  Frost
eintritt  und  die  Nahrung  knapp  wird,  fällt  er  in  einen  Winterschlaf.  (S.  223.)

94.  Der  Hase.

1.  Körperbau.  Lampe,  der  Hase,  ist  das  friedlichste  Tier  von  der  Welt,
und  doch  hat  er  der  Feinde  so  viele  (welche?),  daß  er  sich  kaum  vor  ihnen  zu
retten  weiß.  Zur  Wehr  fehlt  ihm  fast  jede  Waffe.  Aber  der  Schöpfer  ließ  ihn
dennoch  nicht  schutzlos,  sondern  gab  ihm  zum  Laufen  die  schnellen  Beine.  Auf
diese  kann  der  Hase  wirklich  stolz  sein.  Die  Vorderbeine  sind  zwar  nur  kurz,
die  Hinterbeine  aber  ungemein  lang  und  kräftig.  Die  Hinterbeine  sind  daher  Springbeine.
  Sie  besonders  sind  es,  die  es  ihm  ermöglichen,  in  mächtigen  „Sätzen“

 

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Hasenfamilie.  #
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        —  233  —

dem  Hunde  oder  Fuchse  zu  entwischen.  Geht  es  aber  dabei  im  schnellen  Laufe
bergab,  dann  kommt  es  (infolge  der  langen  Hinterbeine)  nicht  selten  vor,  daß  sich
der  Hase  überschlägt  und  einen  Purzelbaum  macht.  Will  der  Hase  sich  langsam
fortbewegen,  so  „hüpft“  er  gewöhnlich,  doch  „geht“  er  auch  zuweilen.  Das  sieht
aber  nicht  schön  aus,  weil  dabei  der  Körper  hinten  viel  höher  als  vorn  ist.  Von
großem  Nutzen  für  den  Hasen  ist  auch  die  graugelbe  Farbe  seines  Pelzes.  Sie
ähnelt  der  Umgebung  seines  Lagers  so  sehr,  daß  er  oft  von  seinen  Feinden  gar  nicht
bemerkt  wird.  Man  nennt  eine  solche  Farbe  Schutzfarbe.  Auf  seine  Augen  kann
sich  der  Hase  nicht  allzusehr  verlassen.  Sie  stehen  so  weit  zur  Seite,  daß  er  nach  vorn
nicht  gut  sehen  kann.  Daher  kommt  es  wohl  vor,  daß  der  Hase  einen  gerade  vor
ihm  stehenden  Menschen  lange  Zeit  gar  nicht  bemerkt  und  zuweilen  spornstreichs  auf
den  Jäger  loseilt.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  Augen  durch  die  kurzen  Lider  nicht  voll—
ständig  geschlossen  werden  können,  so  daß  der  Hase  „mit  halboffenen  Augen“  schlafen
muß,  wodurch  ihre  Sehkraft  leicht  geschwächt  wird.  Was  aber  dem  Gesicht  des
Hasen  an  Schärfe  fehlt,  das  ersetzt  ihm  sein  ungemein  feines  Gehör.  Denn  die
langen  „Löffel“  fangen  jedes  Geräusch  auf  und  waruen  so  den  Hasen  selbst  im
Schlafe  vor  der  nahenden  Gefahr.

2.  Schlauheit.  Den  Tag  bringt  Lampe  gewöhnlich  schlummernd  in  seinem
Lager  zu.  Das  ist  eine  5—8  em  tiefe  Mulde  in  der  Erde.  Kommt  jemand  in  die
Nähe  des  Lagers,  so  springt  er  nicht  sogleich  auf,  sondern  thut,  als  würde  er  nicht
gesehen,  was  auch  oft  genug  seiner  erdgrauen  Farbe  wegen  wirklich  der  Fall
ist.  Wird  er  jedoch  plötzlich  aufgeschreckt,  so  sucht  er  in  allerlei  Winkeln  und  Haken
wieder  in  die  Nähe  seines  Lagers  zu  kommen.  Ist  die  Gefahr  nicht  allzugroß,
so  setzt  er  sich  auf  seiner  Flucht  wiederholt  auf  die  Hinterbeine  (macht  „Männchen“)
und  lauscht  mit  den  langen  „Löffeln“.  Den  schnellfüßigen  Hunden  und  Füchsen
weiß  er  oft  dadurch  ein  „Schnippchen“  zu  schlagen,  daß  er  plötzlich  im  rechten
oder  spitzen  Winkel  abbiegt  („Haken  schlägt“),  den  Verfolger  vorbeischießen  läßt
und  so  einen  bedeutenden  Vorsprung  gewinnt.

3.  Nahrung.  Erst  in  der  Dämmerstunde  verläßt  der  vorsichtige  Hase  sein
Lager,  um  seiner  Nahrung  nachzugehen.  Diese  besteht  im  Frühlinge  und  Sommer
namentlich  aus  aufkeimendem  Grase  und  Getreide  sowie  aus  Kohl  und  Rübenarten,
im  Herbste  und  Winter  aber  aus  Winterkorn,  Raps  u.  s.  w.  Wenn  der  Schnee
die  Felder  bedeckt,  kommt  Lampe  gern  in  die  Kohlgärten  einsam  stehender  Häuser
und  thut  sich  hier  gütlich.  In  der  Not  aber  stillt  er  seinen  Hunger  auch  mit  der
Rinde  junger  Waldbäume,  wodurch  er  oft  nicht  unbedeutenden  Schaden  anrichtet.
Zum  Abnagen  der  Rinde  u.  s.  w.  hat  er  sehr  scharfe,  meißelförmige  Nagezähne,
4  im  Oberkiefer  (2  große  und  dahinter  2  kleine  Stützzähne)  und  2  im  Unterkiefer.
Diese  Zähne  nutzen  sich  an  der  Schneide  durch  das  Nagen  bedeutend  ab,  wachsen
aber  von  der  Wurzel  aus  beständig  nach.  Fällt  ein  Nagezahn  aus,  so  wird  der
gegenüberstehende  nicht  mehr  abgenutzt  und  daher  oft  in  dem  Maße  verlängert,  daß  das
Maul  nicht  mehr  geschlossen  werden  kann.  In  der  Regel  muß  dann  der  Hase  sterben.
Die  gespaltene  Oberlippe  (Hasenscharte)  erleichtert  ihm  das  Nagen.

4.  In  der  Kinderstube.  Hinterm  Busche  oder  Dornstrauche  ist  die  Wiege  der
jungen  Häslein.  Dort  hüpfen  sie  auch  bald  gar  drollig  umher.  Jede  Häsin  bekommt
jährlich  (März  bis  August)  regelmäßig  viermal  Junge,  im  ganzen  8—  10.  Sie  verweilt
höchstens  eine  Woche  bei  den  Kleinen;  dann  bleiben  diese  sich  mehr  selost  überlassen.
Nur  von  Zeit  zu  Zeit  kommt  sie  zu  den  Jungen  zurück,  lockt  sie  durch  ein  eigentümliches
  Geklapper  mit  den  Löffeln,  die  sie  dabei  zusammenschlägt,  und  säugt  sie.
In  der  Gefahr  läßt  sie  die  Jungen  bald  im  Stiche.  Doch  hat  man  auch  gesehen,
daß  sie  sie  gegen  Raubvögel  und  Raben  verteidigte.  Der  Hasenvater  ist  sehr  streng;
er  giebt  den  Jungen  öfter  Maulschellen.
        <pb n="239" />
        —  234  —

95.  Der  Hamster.

1.  Wohnung.  Der  Hanmster  legt  seine  Wohnung  mitten  im  Getreidefelde
an;  denn  Getreide  ist  seine  Lieblingsspeise.  Zum  Graben  seines  Baues  hat  er
kurze,  aber  kräftige  Füße,  die  mit  starken  Krallen  versehen  sind.  Will  er  sich
einen  Bau  anlegen,  so  gräbt  er  sich  zunächst  eine  3—4  m  lange,  schräge  Röhre,
die  er  später  als  Ausgangsröhre  benutzt.  Hierauf  schreitet  er  zum  Aushöhlen
mehrerer  Kammern.  Nur  eine  davon  wird  als  Wohnraum  benutzt,  die  andern
dienen  als  Vorratskammern.  Sodann  legt  er  noch  1—8  senkrechte  Röhren  an,
die  sogenannten  Falllöcher,  die  er  in  der  Regel  nur  —  namentlich  auf  der  Flucht
—  als  Eingang  benutzt.  Am  häufigsten  findet  man  den  Hamster  in  Thüringen
und  Sachsen.  Sandgegenden  meidet  er,  da  ihm  dort  seine  Röhren  zu  leicht  einfallen
  und  auch  zu  wenig  Getreide  dort  wächst.

2.  Anssehen.  Der  Körper  ist  plump,  die  Ohren  sind  nackt,  der  Schwanz
ist  kurz.  Merkwürdig  ist  die  Farbenverteilung.  Während  die  meisten  Säugetiere
oben  dunkler,  unten  heller  gefärbt  sind  (Eichhörnchen  u.  a.),  ist  die  Farbe  des
Hamsters  umgekehrt,  oben  heller,  unten  dunkler;  am  Rücken  ist  das  Fell  braungelb,
an  den  Seiten  weißlich  gefleckt,  am  Bauche  und  an  den  Oberschenkeln  schwarz.
Diese  umgekehrte  Farbenverteilung  findet  sich  unter  unsern  einheimischen  Säugetieren
  außer  beim  Hamster  nur  noch  beim  Dachse  und  Iltis.

3.  Wintervorrat  und  Winterschlaf.  Wenn  das  Getreide  reift,  sammelt
der  Hamster  seinen  Wintervorrat  ein.  Geschickt  biegt  er  dabei  mit  den  Vorderpfoten
  die  Ahren  nieder  und  beißt  sie  mit  seinen  Nagezähnen  ab.  Dann  dreht
er  sie  mit  den  Pfoten  ein  paarmal  hin  und  her  und  steckt  die  Körner  in  seine
Backentaschen.  Diese  liegen  inwendig  an  beiden  Seiten  der  Backen  und  sind  so
groß,  daß  eine  Hand  voll  Korn  hineingeht.  Wenn  der  Hanster  sie  gefüllt  hat,
begiebt  er  sich  in  seine  Vorratskammer  und  entledigt  sich  hier  der  Körner,  indem
er  die  Backen  mit  den  Vorderpfoten  von  hinten  nach  vorn  streicht.  Zuweilen  hat
man  schon  mehr  als  20  kg  Getreide  in  einem  Hamsterbau  aufgefunden.  In
Jahren,  wo  die  Hamster  sehr  zahlreich  sind,  verwüsten  sie  oft  ganze  Getreidefelder.
Sobald  es  kalt  wird,  verstopft  der  Hamster  die  Eingänge  zu  seiner  Höhle  mit
Stroh.  Dann  zehrt  er  bis  zum  Dezember  von  seinem  Vorrate,  wobei  er  nicht
selten  ganz  fett  wird.  Bei  großer  Kälte  fällt  er  in  einen  Winterschlaf,  der  jedoch
bei  mildem  Wetter  unterbrochen  wird.  Während  dieses  Schlafes  kann  man  ihn  drehen
und  wenden,  wie  man  will,  ja,  sogar  verwunden,  ohne  daß  er  ein  Zeichen  des
Schmerzes  von  sich  giebt.  Im  März  erwacht  er  wieder  und  verläßt  den  Bau.
Bis  zur  Erntezeit  nährt  er  sich  dann  von  Insekten,  Mäusen,  Wurzeln  und  Kräutern.

4.  Zorn  und  Zanksucht.  Der  Hamster  ist  zornig  und  zanksüchtig  wie  keum
ein  andres  Tier.  Bei  der  geringsten  Ursache  setzt  er  sich  zur  Wehr  und  knurrt,
knirscht  auch  mit  den  Zähnen.  Über  Hunde  fällt  er  mit  großer  Wut  her.  Mit
seinen  scharfen  Nagezähnen  richtet  er  sie  oft  so  zu,  daß  sie  heulend  davonlaufen.
Begegnet  man  ihm,  wenn  er  seine  Backentaschen  gefüllt  hat,  so  kann  man  ihn
ohne  Furcht  anfassen,  da  er  dann  nicht  beißen  kann.  Läßt  man  ihm  jedoch  etwas
Zeit,  so  streicht  er  die  Körner  schnell  heraus,  setzt  sich  auf  die  Hinterbeine  und
springt  fauchend  und  beißend  nach  Gesicht  und  Händen.  Hat  er  sich  einmal  festgebissen,
  so  läßt  er  sich  lieber  totschlagen,  als  daß  er  davorliefe.

96.  Nebelkrähe,  Rabenkrähe  und  Saatkrähe.

1.  Heimat  und  Name.  Wenn  im  Winter  in  Feld  und  Wald  alles  zugeschneit  ist.
dann  stellt  sich  auf  unsern  Höfen  ein  Vogel  als  Bettler  ein  und  sieht  zu,  ob  dort  nicht
einige  Knochen  mit  Fleischüberresten,  Kartoffeln,  Brotstückchen  u.  dgl.  liegen.  Es  ist
        <pb n="240" />
        —  235  —

die  Nebelkrähe.  Ihren  Namen  hat  sie  von  ihrem  nebelgrauen  Kleide;  nur  Kopf,  Brust,
Flügel  und  Schwanz  sind  schwarz.  In  manchen  Gegenden  Deutschlands  sehen  wir
sie  nur  im  Winter.  Sie  bewohnt  nämlich  von  Deutschland  hauptsächlich  den  Rorden
und  Osten.  (Außerdem  aber  kommt  sie  auch  in  andern  Ländern  vor,  z.  B.  in  Schweden
u.  s.  w.)  Zum  Winter  aber  zieht  sie  etwas  weiter  südlich.  Sie  ist  ein  Strichvogel.

2.  Zug-,  Strich=  und  Standvögel.  Die  Zugvögel  ziehen  zum  Winter  weit
von  ihrer  Heimat  weg,  meist  übers  Meer  nach  Süden.  (Schwalbe,  Storch.)
Die  Strichvögel  verlassen  zwar  ihre  Wohnplätze  im  Winter  auch,  sobald  es  ihnen
an  Nahrung  mangelt;  aber  sie  streifen  nur  in  benachbarten  Gegenden  umher.
(Nebelkrähe,  Meise,  Specht,  Goldhähnchen.)  Die  Standvögel  bleiben  dagegen
Sommer  und  Winter  in  derselben  Gegend.  (Eule.)

3.  Im  Sommer  hält  sich  die  Nebelkrähe  in  ihrer  Heimat  auf  dem  Felde  auf.
Schon  vor  Tagesanbruch  begiebt  sie  sich  in  Gesellschaft  mit  ihresgleichen  hierher.
Sobald  die  Schar  angekommen  ist,  verteilt  sie  sich.  Die  einen  folgen  dem  Pfluge
des  Landmanns  und  suchen  in  der  frischen  Furche  nach  Regenwürmern  und  Engerlingen,
  die  andern  streifen  die  Wiesen,  die  Ufer  der  Bäche  u.  s.  w.  nach  Schnecken  und
kleinen  Fröschen  ab,  noch  andre  lauern  vor  den  Mäuselöchern  den  Feldmäusen  auf.
Eine  Krähe  frißt  an  einem  Tage  wohl  10—20  Mäuse.  Sie  ist  also  sehr  nützlich.
  Um  Mittag  sammeln  sich  die  Krähen  auf  benachbarten  Feld=  oder  Waldbäumen
und  ruhen  dann  eine  Zeitlang.  Nachmittags  aber  beginnen  sie  ihre  Jagd  aufs  neue.
Gegen  Abend  begeben  sie  sich  in  großen  Gesellschaften  nach  ihren  gemeinschaftlichen
Schlafstätten,  wozu  sie  ebenfalls  hohe  Bäume  wählen.

4.  Ihr  Nest  bauen  sie  hoch  oben  in  den  Baumwipfel.  Sie  lieben  die
Jungen  sehr  und  schützen  sie  mutig  gegen  Feinde.  Die  Ausdrücke  „Rabenvater“
und  „Rabenmutter“  sind  also  nicht  berechtigt.

5.  Haß  gegen  die  Eule.  Groß  ist  der  Haß  der  Krähen  gegen  die  Eule.
Sobald  sich  am  Tage  eine  Eule  sehen  läßt,  sammeln  sie  sich  und  verfolgen  sie
mit  lautem  Geschrei.  Sie  wissen,  daß  die  Eule,  besonders  der  Uhn,  ihr  Feind  ist.

6.  Rabenkrähe  und  Saatkrähe.  Die  Rabenkrähe  sieht  ganz  schwarz  aus
und  wohnt  mehr  nach  Süden  zu.  Da  wo  in  Deutschland  die  Heimat  der  Nebelkrähe
  nach  Süden  zu  aufhört,  beginnt  die  Heimat  der  Rabenkrähe  (etwa  in  Mitteldeutschland).
  Nur  selten  kommen  beide  Arten  in  derselben  Gegend  vor.  In  der
Lebensweise  stimmen  beide  ziemlich  überein.  —  Die  Saatkrähe  hat  stahlblaues  Gesieder.
  Am  Schnabelgrunde  hat  sie  im  Alter  eine  nackte  Haut,  da  sie  die  Federborsten
  dort  vom  Bohren  in  die  Erde  und  vom  Wetzen  verloren  hat.  Sie  baut  im
Walde  in  Gesellschaften  (Kolonien)  und  ist  unter  den  Raben  der  einzige  Zugvogel.

97.  Die  Kohlmeise.

1.  Kletterkunst.  Die  Kohlmeise  versteht  sich  meisterhaft  aufs  Klettern.
Sie  übertrifft  darin  selbst  den  Specht,  ob-  1  %%%

wohl  sie  weder  „Kletterfuß“"  noch  „Kletter-  8  5
schwanz“  hat.  So  kann  sie  z.  B.  mit  den  5
kurzen  Beinen  und  spitzen  Krallen  den
Baum  ebenso  gewandt  hinauf=  wie  hinab
laufen,  während  doch  der  Specht  nur  buaum.
aufwärts  zu  laufen  vermag.  (S.  249.)  11  FiG—
Ihr  größtes  Kunststückchen  aber  besthtt.  »-darin,
  daß  sie  sich,  mit  dem  Rücken  nach  —  «  ··

unten,  an  der  äußersten  Spitze  eines  dünnen

Zweiges  festhalten  kann,  mag  dieser  auch  #  ——
noch  so  sehr  hin  und  her  schwanken.  Der  Ringelspinner.

  

             
     

—————
MWntts  —  ##  —  -
-J  .,z-«Il,l«(«;·,I.·IIUWU.J-.-.

—
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        —  236  —

2.  Insektenjäger.  Durch  ihre  Kletterkunst  ist  die  Kohlmeise  ganz  besonders
zum  Insektenjäger  geeignet.  Jeden  Zweig,  jede  Ritze  durchsucht  sie  nach  Käfern,
Raupen  oder  Insekteneiern.  Bald  sitzt  sie  oben,  bald  unten  am  Baume.  Ihr
unersättlicher  Magen  läßt  sie  keinen  Augenblick  zur  Ruhe  kommen.  Meisterhaft
versteht  sie  es,  die  steinharten  Eier  des  Ringelspinners  loszuhacken,  obgleich  sie  so
fest  an  die  Rinde  gekittet  sind,  daß  man  sie  mit  bloßen  Fingern  nicht  loslösen  kann.
Millionen  solcher  Eier  werden  von  der  Kohlmeise  verspeist.

3.  Im  Winter.  Besonders  nützlich  wird  uns  die  Meise  dadurch,  daß  sie  auch
den  ganzen  Winter  hindurch  ihre  Jagd  eifrig  fortsetzt.  Zu  dieser  Zeit  kommt  sie  vom
Walde  in  unfre  Gärten  und  sucht  die  Obstbäume  ab.  Dringt  dann  einmal  ein
milder  Sonnenstrahl  durch  die  Wolken,  so  läßt  die  Meise,  immer  heiter  und  lustig,
gleich  ihr  bekanntes  Pinken  („spinn  dicke,  spinn  dicke“)  wie  im  Frühlinge  erschallen.
Sind  aber  die  Zweige  dicht  mit  Schnee  bedeckt,  so  ergeht  es  den  Meisen  oft
recht  traurig.  Zum  Verdrusse  des  Imkers  klopfen  sie  dann  zuweilen  an  den
Bienenkorb  und  locken  dadurch  die  Bienen  heraus,  die  sofort  von  ihnen  verspeist
  werden.  Auch  wagen  sie  sich  in  Zeiten  solcher  Not  selbst  an  andre  Vögel
und  suchen  ihnen  das  Gehirn  auszupicken.  Der  Gärtner  aber  schützt  seine  Lieblinge
  im  Winter  soviel  wie  möglich,  macht  ihnen  einige  Bäume  schneefrei  und  verschafft
  ihnen  auch  etwas  Futter.

4.  Das  Nest  legt  die  Meise  gern  in  hohlen  Bäumen  an.  Diese  werden
jedoch  jetzt  immer  seltener,  so  daß  die  Meisen  oft  recht  lange  suchen  müssen,  ehe
sie  ein  Loch  zum  Nestbau  finden.  Aus  dieser  Verlegenheit  kannst  du  ihnen  aber
helfen,  wenn  du  recht  viele  Nistkasten  in  die  Bäume  hängst.

98.  Fütterung  der  Vögel  im  Winter.

Wenn  im  Winter  dichter  Schnee  die  Gärten  und  Felder  einhüllt,  dann  sind
die  armen  Vöglein  draußen  oft  schlimm  daran,  da  es  ihnen  an  jeglicher  Nahrung
fehlt.  Mancher  dieser  fröhlichen  Singer  muß  dann  verhungern.  Hast  du  also  die
Vöglein  lieb,  dann  versäume  es  doch  ja  nicht,  ihnen  in  solchen  schlimmen  Zeiten
Futter  hirzustreuen.  Das  wird  dir  unendlich  viel  Vergnügen  gewähren,  besonders,
wenn  du  schon  im  Herbste  für  die  verschiedenen  Vögel  auch  verschiedene  Nahrungsvorräte
  gesammelt  hast  und  ihnen  so  im  Winter  noch  etwas  besseres  hinstreuen
kannst  als  Brotkrümchen  und  Kartoffeln.  Die  Finken,  Hänflinge  und  Stieglitze
fressen  gern  Lein-,  Hanf=  und  Rübsamen.  Den  Amseln  sind  Holunderbeeren,
Vogelbeeren,  Käseabfälle  oder  zerstoßene  Rüben  wahre  Leckerbissen.  Den  Meisen
jedoch  kannst  du  eine  Freude  bereiten,  wenn  du  ihnen  Gurken-,  Kürbis=  und
Sonnenblumenkerne  hinstreust.  Willst  du  dir  aber  ein  ganz  besonderes  Vergnügen
bereiten,  dann  binde  ihnen  einen  Schinkenknochen  an  einen  Baumzweig,  und  du
wirst  deine  Freude  daran  haben,  wenn  die  Vöglein  ankommen  und  an  dem  Knochen
herumzerren,  bis  auch  das  letzte  Fleischrestchen  abgenagt  ist.  Zuweilen  werden  die
Vöglein  im  Winter  so  zutraulich,  daß  sie  dir  die  Kerne  aus  der  Hand  fressen.

99.  Der  Totengräber.

1.  Versammlung  bei  der  Tierleiche.  Wo  ein  toter  Vogel,  eine  Maus  oder
eine  andre  Tierleiche  im  Garten  oder  auf  dem  Felde  liegt,  da  stellt  sich  gewöhnlich
der  Totengräber  ein.  Das  ist  ein  Käfer,  der  uns  leicht  an  seinen  kurzen,  mit
zwei  rotgelben  Querbinden  gezierten  Flügeldecken  auffällt.  Bald  gesellen  sich  zu  dem
einen  Käfer  noch  acht,  zehn,  zwölf  andre.  Sie  wurden,  mit  einem  sehr  scharfen
Geruchsvermögen  begabt,  ebenfalls  durch  den  Aasgeruch  angelockt.

2.  Das  Begräbnis.  Was  wollen  die  Käfer  nun  hier?  Die  Tierleiche  etwa
verzehren?  Nein,  sie  wollen  sie  vielmehr  begraben  und  dann  ihre  Eier  in  den
        <pb n="242" />
        —  237  —

verwesenden  Tierkörper  legen,  damit  es  den  auskriechenden  Maden  nicht  am  nötigen
Futter  fehle.  Zunächst  untersuchen  sie  den  Boden,  ob  er  für  ihre  Arbeit  locker
genug  ist.  Ist  er  zu  hart,  so  kriechen  alle  Käser  unter  das  Tier  und  zerren  und
schieben  daran  so  lange,  bis  sie  es  an  einen  geeigneten  Ort  gebracht  haben.  Dann
umstellen  sie  die  Leiche  rund  herum,  stecken  den  kräftigen  Kopf  unter  das  Tier  und
wühlen  mit  ihren  Beinen  die  Erde  darunter  weg,  so  daß  die  Leiche  bald  wie  in
eine  Mulde  zu  liegen  kommt.  Beim  „Graben“  benutzen  sie  ihre  breiten,  kräftigen
Hinterbeine  als  Schaufeln.  Will  es  einmal  auf  der  Stelle  nicht  weitergehen,  so
erscheint  einer  der  „Totengräber“  an  der  Oberfläche  und  spürt  als  Sachverständiger,
  den  Kopf  und  die  keulenförmigen  Fühler  bedächtig  emporhebend,  nach  der
Ursache  des  Aufenthalts.  Sobald  diese  aufgefunden  ist,  ruft  er  die  andern  herbei,
das  Hindernis  wird  beseitigt  und  dann  die  Arbeit  rüstig  fortgesetzt.  Immer  tiefer
sinkt  das  Tier,  und  zuletzt  wird  die  ausfgewühlte  Erde  darüber  gedeckt.

3.  Nach  dem  Begräbnis  bleibt  der  Käfser  noch  5—6  Tage  in  der  Erde  bei
dem  begrabenen  ————  J——  ⅞  “#—
seine  Eier  hinein.
Nach  etwa  14Taz  H
gen  kriechen  die
Larven  aus  und
nähren  sich  von
dem  faulenden
Fleische.  Einige
Zeit  darauf  begeben
  sich  die  *  .».
Larven  etwas.
tiefer  in  die  Erde,  1
verpuppen  sich,  “  B
und  im  nächsten  —  4.R
Jahre  kommen  sie  "«««
als  fertige  In—

          

      

sekten  nach  oben.  *  —
Das  Weibchen  «-selbst
  aber  geht  —  —

nach  dem  Eier—  Der  Totengräber.

legen  zu  Grunde.  Noch  während  es  sich  in  dem  Aacse  aufhält,  besetzen  rötlichgelbe
Milben  seinen  schon  kränklichen  Körper  und  legen  ihre  Eier  hinein.  Bald  darauf
stirbt  der  Käfer  und  dient  den  Larven  der  Milben  zur  Nahrung.

100.  Die  Kreuzspinne.

1.  Wie  die  Kreuzspinne  aussieht.  Schön  sieht  sie  gerade  nicht  aus,  wenn
sie  auf  ihren  acht  langen  Beinen  dahergekrochen  kommt.  Der  Hinterleib  ist  dick
angeschwollen,  fast  wie  eine  Kugel.  Kopf  und  Brust  sind  zu  einem  Stück  zusammengewachsen.
  Auf  dem  Rücken  trägt  sie  eine  kreuzartige  Zeichnung.  Giftig
aber  ist  die  Kreuzspinne  für  den  Menschen  nicht.

2.  Wie  sie  spinnt  und  webt.  Die  Spinne  hat  kein  Spinnrad  und  kann  doch
spinnen.  Sie  hat  keinen  Webstuhl  und  kann  doch  weben.  Sie  spinnt  und  webt
im  Winkel,  im  Gebüsche,  am  Zaune  u.  s.  w.  ein  meist  senkrecht  stehendes  Netz,  um
darin  Fliegen  und  Mücken  zu  fangen.  Mill  sie  ein  Netz  weben,  so  sucht  sie  sich
zunächst  einen  passenden  Platz  aus.  Hat  sie  diesen  gefunden,  so  setzt  sie  sich  dort
still  hin,  zieht  mit  dem  letzten  Beinpaare  einen  Gespinstfaden  aus  den  Spinnwarzen
        <pb n="243" />
        —  238  —

und  läßt  diesen  mit  dem  andern  Ende  in  der  Luft  umherfliegen,  bis  er  sich  irgendwo
  festgehäkelt  hat.  Die  Spinnwarzen  sitzen  an  der  Unterseite  des  Hinterleibes.
Jede  Warze  ist  wie  ein  Sieb  mit  3—400  kleinen  Löchern  versehen.  Aus  diesen
(über  2000)  Löchern  treten  beim  „Spinnen“  ebenso  viele  feine,  klebrige  Fäden
hervor,  die  aber  durch  die  Fußklauen  des  letzten  Beinpaars  zu  einem  einzigen  Faden
vereinigt  werden,  der  an  der  Luft  sofort  erhärtet.  Hat  sich  der  Faden  festgehäkelt,
so  löst  die  Spinne  das  andre  Ende  von  der  Spinnwarze  und  klebt  es  ebenfalls  fest.
So  entsteht  der  obere  Querfaden  des  Netzes.  Nachdem  die  Spinne  nun  noch  einige
andre  Fäden  gleichsam  als  Rahmen  des  Netzes  ausgespannt  hat,  zieht  sie  von  der
Mitte  des  obern  Querfadens  einen  senkrechten  Faden  und  von  dessen  Mitte  aus
Strahlen  nach  allen  Richtungen.  Darauf  verbindet  sie  die  Strahlen  untereinander,
vom  Mittelpunkte  ausgehend,  durch  einen  winkeligen  Spiralfaden,  und  so  erhält
das  Netz  die  Form  eines  eckigen  Rades.  Die  kreisförmigen  Fäden  sind  mit  klebrigen
  Tröpfchen  —  über  100000  —  befeuchtet,  um  die  anfliegenden  Tierchen  festzuhalten;
  die  Strahlen  dagegen  sind  trocken.

3.  Auf  der  Lauer.  Hat  die  Spinne  ihr  Netz  fertig,  so  sitzt  sie  stundenlang
darin  mit  geducktem  Kopfe  auf  der  Lauer  und  späht  fortwährend  nach  Beute.  Sie

·  —kann  gut  sehen,  denn  sie  hat  8  Augen.  Sobald
eine  Mücke  oder  Fliege  das  Netz  berührt,  bleibt
ssie  an  den  klebrigen  Fäden  hangen.  Sie  zappelt
unund  strampelt  dann  zwar  gewaltig,  um  sich  frei
pupuu  machen;  aber  je  mehr  sie  strampelt,  desto
fefrfester  verwickelt  sie  sich.  Vorsichtig,  immer  ruckwreeise

  naht  sich  die  Kreuzspinne,  bis  sie  dem
Teiere  so  nahe  ist,  daß  sie  es  mit  einem  Bisse
töten  kann.  Vorn  am  Kopfe  hat  sie  2  Oberunnd
  2  Unterkiefer.  Sie  sehen  aus  wie  Fühler
nrnd  werden  daher  „Kieferfühler“  genannt.
iJeder  Oberkiefer  endigt  in  einer  spitzen  Kralle,
die  wie  ein  Taschenmesser  zusammengeklappt
—  —  werden  kann.  Die  Kralle  ist  der  Länge  nach
Kreuzspinne.  durchbohrt  und  steht  mit  einer  Giftdrüse  in
Verbindung.  Bei  jedem  Bisse  fließt  in  die  Wunde  etwas  Gift,  das  kleinern  Tieren,
wie  Fliegen  und  Mücken,  sofort  den  Tod  bringt,  größern  aber  nicht  schadet.

4.  Als  sorgsame  Mutter.  Im  Herbste  spinnt  das  Weibchen  ein  kleines,
rundes  Säckchen,  legt  eine  Anzahl  Eier  hinein  und  heftet  es  an  einem  geschützten
Orte  zur  Uberwinterung  an.  Sie  selbst  aber  stirbt  bald  darauf.  Im  Frühlinge
kriechen  aus  den  Eiern  die  Jungen.  Sie  sind  klein,  aber  wie  die  Alten  gestaltet.

101.  Der  Thon.

1.  Thouboden.  Eigentümlichkeiten  des  Thons.  Zu  den  verschiedenen  Bodenarten,
  die  wir  im  Felde  antreffen,  gehört  auch  der  Thonboden.  Der  Landmann
hat  ihn  nicht  gern,  da  er  die  Feuchtigkeit  nicht  durchläßt  und  daher  schwer  zu  bearbeiten
  ist.  Der  Thon  hat  sich  durch  Verwitterung  thonhaltigen  Gesteins,  namentlich
  des  Feldspats,  gebildet.  Halte  ein  Stück  Thon  an  die  Zunge!  Er  klebt.  Er
saugt  nämlich  begierig  Feuchtigkeit  ein.  Hauche  gegen  den  Thon  oder  erwärme
ihn!  Er  giebt  einen  erdigen  Geruch  von  sich,  den  sogenannten  Thongeruch.  Der
Thon  kommt  in  der  Natur  in  verschiedener  Zusammensetzung  vor.  Der  Hauptbestandteil
  ist  die  Thonerde  (Aluminium  mit  Sauerstoff).  Ganz  reine  Thonerde  findet
sich  in  der  Natur  nicht.  Sie  ist  hier  mit  Kiesel,  Kalk,  Eisen,  Kohle  und  Wasser  verbunden.
  Demnach  unterscheidet  man:  Lehm,  Mergel,  Töpferthon,  Porzellanerde  u.  s.  w.
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2.  Lehm  ist  kieselsaure  Thonerde  mit  Sand  vermischt.  Enthält  er  sehr  viel
Sand,  so  heißt  er  „mager“,  enthält  er  weniger  Sand,  so  heißt  er  „fett“.  Seine
gelbe  Farbe  erhält  er  durch  das  Eisenoxyd,  das  ihm  beigemischt  ist.  Er  wird  in
„Lehmgruben“  gegraben,  geknetet,  in  Holzformen  gethan,  getrocknet  und  dann  als
Lehmsteine  verwertet  oder  zu  Ziegelsteinen  gebrannt.  Die  sogenannten  Chamottesteine
  werden  aus  feuerfestem  Thone  gebrannt  und  besonders  bei  Feueranlagen  verwendet,
  wo  Ziegelsteine  bald  schmelzen  würden.  Je  weniger  fremde  Beimischungen
der  Thon  hat,  desto  weniger  schmelzbar  ist  er.

3.  Mergel.  Hat  die  kieselsaure  Thonerde  einen  starken  Zusatz  von  Kalk,  so
nennt  man  sie  Mergel.  Dieser  ist  leicht  schmelzbar,  sehr  bröcklig  und  daher  nicht
zur  Verarbeitung  von  Geschirren  geeignet.  Dagegen  sucht  man  durch  ihn  sandigen
Ackerboden  zu  verbessern.

4.  Der  Töpferthon  besteht  hauptsächlich  aus  kieselsaurer  Thonerde,  die  durch
Kalk  und  Eisen  verunreinigt  ist.  Der  Töpfer  bereitet  aus  ihm  auf  der  Drehscheibe
allerlei  Töpferwaren,  Wasserkrüge,  Milchnäpfe  u.  s.  w.  Die  meisten  Töpferwaren
erhalten  einen  glasartigen  Uberzug,  die  Glasur.  Man  taucht  die  Töpferware  zu
diesem  Zwecke  vor  dem  Brennen  in  Wasser,  in  das  Bleiglätte  und  fein  zerriebener
Sand  zu  einem  dünnen  Brei  eingerührt  ist.  Die  poröse  Thonmasse  sangt  die  Flüssigkeit
  begierig  auf  und  bedeckt  sich  mit  der  Pulverschicht,  die  beim  Brennen  schmilzt
und  die  Thonware  wasserdicht  macht.  Bessere  Töpferwaren  glasiert  man  erst  nach
dem  ersten  Brennen  und  brennt  sie  dann  noch  einmal.  Von  den  gewöhnlichen
Töpferwaren  unterscheidet  man  das  „Steingut“.  Echtes  Steingut  (wie  z.  B.  das
Bunzlauer)  besteht  aus  einer  sehr  kieselhaltigen  Thonmasse  und  wird  bei  größerer
  Hitze  gebrannt  als  die  gewöhnliche  Töpferware.  Es  sieht  trübe,  blaugrau
oder  gelblich  aus.

5.  Die  Porzellanerde  ist  die  reinste  kieselsaure  Thonerde  und  sieht  weiß  aus.
Die  bedeutendsten  Gruben  in  Deutschland  sind  in  Bayern  und  Sachsen.  Auch  in
Böhmen,  Frankreich,  England,  China,  auf  Korea  u.  s.  w.  wird  viel  Porzellanerde  gegraben.
  Wie  aller  Thon,  so  bildet  die  Porzellanerde,  wenn  sie  durchfeuchtet  ist,
eine  weiche,  teigartige  Masse,  die  sich  leicht  kneten,  formen  und  zu  den  feinsten
Porzellansachen  verarbeiten  läßt.  Zu  diesem  Zwecke  wird  sie  zunächst  von  allen
Beimischungen  (Steinen,  Wurzeln)  gereinigt  und  dann  geschlämmt.  So  gewinnt
man  fast  reinen  Thon.  Dieser  wird  getrocknet,  gesiebt,  mit  Schmelzmitteln  (Feldspat)
versehen,  geknetet  und  dann  sich  eine  Zeitlang  zum  „Faulen“  überlassen.  Aus  dieser
Masse  werden  nun  die  Gefäße  geformt.  Das  geschieht  entweder  auf  der  Drehscheibe
(wie  beim  Töpfer)  oder  durch  Einpressen  in  Formen.  Darauf  trocknet  man  die  Gefäße
  an  der  Luft  und  stellt  sie  sodann  in  den  Ofen,  wo  sie  verglühen,  d.  h.  leicht
gebrannt  werden.  Da  sie  aber  nach  dem  ersten  Brennen  noch  porös  sind,  so  versieht
man  sie  hierauf  mit  Glasur.  Zu  diesem  Zwecke  werden  sie  in  den  dünnen  Glasurbrei,
  der  hauptsächlich  aus  fein  gemahlenem  Pulver  von  Porzellanerde,  Gips  und
Feldspat  besteht,  getaucht  und  dann  in  besondern  Kapseln  fertig  gebrannt.

102.  Schlußbetrachtung.

1.  Der  Winter  ist  ein  böser  Gast  für  die  Tiere.  Jedes  muß  sich  durchzuschlagen
  suchen,  so  gut  es  geht.  Der  Maulwurf  verlegt  sein  Jagdgebiet  jetzt
tiefer  in  die  Erde,  weil  die  Engerlinge  und  Regenwürmer  sich  der  Wärme  halber
tiefer  in  die  Erde  zurückgezogen  haben.  Der  Rabe,  der  im  Sommer  die  Felder
besucht,  kommt  im  Winter  auf  den  Hof.  Der  scheue  Hase  wagt  sich  bis  in  die
Kohlgärten,  und  die  Meise  klopft  selbst  an  die  Bienenstöcke,  um  ihre  Bewohner
hervorzulocken  und  zu  verspeisen.  Vielen  hilft  ein  angeborener  Naturtrieb  über
die  Gefahren  des  Winters  hinweg.  So  ziehen  die  Zugvögel  bei  Beginn  des
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        —  240  —

Winters  in  andre  Länder,  wo  es  warm  ist  und  das  Futter  nicht  fehlt.  Manchen
Tieren  hilft  der  Schöpfer  dadurch,  daß  er  sie  in  einen  Winterschlaf  fallen  läßt.
2.  Auch  in  der  Pflanzenwelt  können  wir  Gottes  Wunder  schauen.  Viele  der
Blumen  halten  gewissermaßen  auch  einen  Winterschlaf.  Ihre  Blätter  sind  zwar
dahin,  aber  ihre  Wurzelstöcke,  Zwiebeln,  Knollen  u.  s.  w.  ruhen  in  der  Erde.
In  ihnen  schläft  das  zukünftige  Pflänzchen,  bis  es  von  der  nächsten  Frühlings—
sonne  wachgerufen  wird.  Die  Obstbäume  sind  längst  ihres  Blätterschmuckes  be—
raubt,  aber  in  den  Knospen  liegen  wohlverwahrt  schon  wieder  Blätter  und  Blüten
des  nächsten  Frühlings.  Von  dem  Safte,  der  im  Sommer  Wurzelstöcke,  Zwiebeln,
Bäume  u.  s.  w.  erfüllte,  merkt  man  nichts  mehr.  Er  hat  sich  im  Herbste  in
schneeweiße,  winzig  kleine  Stärkekörnchen  umgewandelt.  Im  Frühlinge  verwandelt
sich  das  aufgespeicherte  Stärkemehl  dann  wieder  in  zuckersüßen  Saft,  der  als  erste
Nahrung  das  Schwellen  der  Knospen  und  das  Wachsen  der  Blätter  bewirkt.

3.  Der  gemeinschaftliche  Aufenthaltsort  für  Pflanzen  und  Tiere  ist  der  Erd—
boden.  Einige  Tiere  leben  in  der  Erde,  andre  auf  der  Erde.  Den  Pflanzen  liefert
der  Erdboden  zugleich  den  größten  Teil  ihrer  Nährstoffe.  Der  Erdboden  setzt  sich
größtenteils  aus  Mineralien  zusammen.  Diese  sind  auf  der  Erde  sehr  verschieden
verteilt.  Ihre  verschiedene  Verteilung  ist  wichtig  für  die  Pflanzen  und  für  die  in
der  Erde  lebenden  Tiere.  Warum  leben  im  steinigten  Boden  weder  Regenwürmer
noch  Maulwürfe?  Warum  gedeihen  im  harten  Lehmboden  keine  Obstbäume?

XV.  Der  Wald  im  Winter.

Kahl  und  öde  steht  der  Laubwald  da.  Nur  in  den  welken  Blättern  der
Wintereiche  raschelt  der  Wind.  Die  Nadeln  der  Fichten,  Kiefern  u.  a.  Nadelbäume
sind  zwar  sitzen  geblieben,  haben  sich  aber  dunkelgrün  gefärbt.  Hirsch  und  Reh,
Fuchs  und  Hase  haben  bereits  ihr  dichtes  Winterkleid  angezogen.  Das  Eich—
hörnchen  öffnet  jetzt  seine  Vorratskammern  und  sitzt  bei  heftigen  Schneestürmen
wohlgeborgen  im  Neste.  Schlimm  ergeht  es  den  Hirschen,  Rehen  und  Hasen,
wenn  eine  harte  Schneekruste  den  Boden  deckt.  Dann  werden  die  Läufe  leicht
wund,  und  die  abgenagte  Baumrinde  vermag  den  peinigenden  Hunger  nur  dürftig
zu  stillen.  Da  hat  es  der  Dachs  besser.  Wohlgemästet  von  Schnecken,  Obst,
Weintrauben,  Rüben  u.  s.  w.,  rollt  er  sich  in  seinem  Winterlager  zusammen,  legt
den  Kopf  zwischen  die  Vorderbeine  und  verschläft  die  kältesten  Tage  des  Winters.
Specht  und  Meise  klettern,  nach  Nahrung  suchend,  an  den  Bäumen  umher,  und
bei  gelinder  Witterung  huscht  des  Abends  die  Waldohreule  aus  dem  Astloche,  um
auf  den  Mäusefang  zu  gehen.  Am  fröhlichsten  verlebt  der  Zaunkönig  den  kalten
Winter.  Er  pfeift,  obgleich  fast  der  kleinste  von  allen  Vögeln,  sein  lustiges
Liedchen  so  keck  in  die  Welt  hinaus,  als  ob  es  bereits  Frühling  wäre.  Mit  Recht
verdient  er  daher  auch  den  Namen  „Schneekönig“.  Der  Kreuzschnabel  baut  sogar
dem  Winter  zum  Trotz  im  Dezember  hoch  oben  im  Tannenbaum  unter  schnee—
bedeckten  Zweigen  sein  Nest  und  macht  sich  ans  Brüten.  In  Erdlöchern  aber
oder  unter  hohlen  Baumstämmen  liegen  regungslos  Eidechsen,  Blindschleichen,
Ringelnattern  und  Kreuzottern.

103.  Der  Edelhirsch.

1.  Edle  Gestalt.  Der  Edelhirsch  führt  seinen  Namen  mit  Recht;  denn  unter
allem  Wild,  das  unfre  Wälder  belebt,  ist  er  unbestritten  das  schönste  Tier.  Welche
Anmut  und  Ebenmäßigkeit  tritt  uns  in  den  einzelnen  Körperteilen  entgegen,  wenn
wir  ihn  z.  B.  mit  dem  Wildschweine  vergleichen!  Nirgends  gewahren  wir  bei
ihm  etwas  Plumpes.  Der  Leib,  die  Beine,  der  nach  vorn  verschmälerte  Kopf
erscheinen  schlank,  fast  zierlich,  und  doch,  welche  Kraft  spricht  sich  in  ihnen  aus!
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2.  Bewegung.  Anmutig  wie  die  Gestalt  sind  auch  die  Bewegungen  des
Hirsches.  Wie  edel  erscheint  seine  Haltung,  wenn  er  den  Kopf  mit  dem  stattlichen
Geweih  stolz  in  die  Höhe  reckt!  Wie  vornehm  ist  sein  Gang!  Da  er  viel  verfolgt
  wird,  so  ist  er  zwar  leicht  zur  Flucht  geneigt.  Aber  selbst  auf  der  Flucht
erscheint  seine  Haltung  edel,  wenn  er  mit  Blitzesschnelle  davoneilt  und  über  3  m
hohe  Zäune  hinwegsetzt.  Muß  er  durch  das  Dickicht  des  Waldes,  so  kriecht  er
nicht  gebückt,  sondern  legt  das  Geweih  in  den  Nacken,  damit  es  ihm  nicht  hinderlich
  ist.  Seiner  edeln  Gestalt  wegen  wurde  er  früher  nicht  selten  vor  den  Wagen
gespannt.  So  fuhr  z.  B.  König  August  von  Polen  häufig  mit  8  Hirschen  aus.

3.  Kleid.  Das  Fell  sieht  bräunlich  aus.  Die  Farbe  hat  Ahrnlichkeit  mit  der
Farbe  der  Tannenrinde.  Sie  dient  daher  dem  Hirsche  als  Schutzfarbe  und  entzieht
  ihn  leicht  dem  Blicke  seines  Verfolgers.  Im  Sommer  ist  das  Fell  rotbraun
gefärbt,  im  Herbste  werden  die  Haare  etwas  grau  und  länger.  Bei  den  alten
Männchen  sind  die  Haare  am  Halse  mähnenartig  verlängert.  Die  Kälber  zeigen  in
den  ersten  Monaten  weiße  Flecke.  Hier  und  da  findet  man  auch  ganz  weiße  Hirsche.

4.  Geweih.  Die  größte  Zierde  des  Hirsches  ist  das  stattliche  Geweih.  Nur
die  männlichen  Hirsche  haben  ein  Geweih.  Es  wird  von  einem  kurzen  Knochenzapfen,
  dem  „Rosenstock“,  getragen,  alljährlich  aber  im  Frühlinge  abgeworfen  und
dann  binnen  4  Monaten  durch  ein  neues  ersetzt.  Das  erste  Geweih  erhält  das
Hirschkalb  nach  7  Monaten.  Es  besteht  aus  zwei  einfachen,  kurzen  Stangen  oder
Spießen,  weshalb  der  einjährige  Hirsch  „Spießer“  genannt  wird.  Im  zweiten
Jahre  werden  die  neuen  Spieße  bedeutend  länger.  An  ihrem  untern  Teile  bildet
sich  dann  eine  nach  vorn  gerichtete  Sprosse,  so  daß  das  Geweih  gabelförmig  erscheint.
  Der  Hirsch  heißt  nun  „Gabler“.  In  dieser  Weise  bildet  das  ganze
Geweih  in  jedem  Jahre  zwei  neue  Zacken  mehr.  Im  dritten  Jahre  heißt  der
Hirsch  Sechsender,  im  vierten  Achtender  u.  s.  w.  Bei  alten  Hirschen  geht  die
Bildung  der  Zacken  nicht  mehr  regelmäßig  vor  sich.

5.  Aufenthalt  und  Nahrung.  Die  Hirsche  lieben  mehr  gebirgige  als  ebene
Gegenden,  vor  allem  aber  zusammenhängende  Laubwälder.  Sie  leben  in  Rudeln;
nur  die  alten,  mürrischen  Männchen  (Kapitalhirsche)  gehen  meistens  ihre  eignen
Wege.  Gewöhnlich  ziehen  die  Hirsche  abends  von  ihrem  Standorte  auf  die  Asung.
Ihre  Nahrung  ist  verschieden.  Sie  besteht  aus  Gras,  grüner  Saat,  Eicheln,  Kartoffeln,
  Baumsprossen,  Pilzen  und  in  der  Nor  aus  Baumrinde.  Auch  werden  die
Hirsche  im  Winter  in  einigen  Gegenden  (z.  B.  im  Harz,  bei  Dessau  u.  s.  w.)  auf
eigens  dazu  erbauten  Futterplätzen  mit  Eicheln,  Kastanien  u.  s.  w.  gefüttert.

104.  Das  Wildschwein.

1.  Aufenthalt  und  Körperbau.  Die  Wildschweine  bewohnen  die  großen
Wälder  Europas.  Hier  leben  sie  gewöhnlich  in  Rudeln  von  20—40  Stück.  Der
Hals  ist  kurz,  so  daß  der  Körper  plump  und  ungelenk  erscheint.  Die  Beine  haben  je
2  Paar  Hufe.  Sie  sind  ebenfalls  kurz,  aber  stark.  Mit  ihnen  wissen  die  Tiere  erstaunlich
  schnell  und  behende  durch  das  Waldesdickicht  hindurchzuschlüpfen.  Im
stärksten  Dickichte  wühlt  sich  jedes  Rudel  eine  muldenartige  Vertiefung,  den  „Kessel“.
Zum  Wühlen  dient  die  rüsselartig  verlängerte  Schnauze,  an  der  sich  vorn  eine
knorpelige  Wühlscheibe  befindet.  Der  Kessel  wird  mit  Reisig,  Moos  und  Laub  gepolstert.
  .  In  ihm  hält  sich  das  Rudel  fast  den  ganzen  Tag  auf.  An  heißen  Tagen
wälzen  sie  sich  gern  im  Sumpfe  (sie  „suhlen"  sich),  da  sie  dann  wegen  der  dicken,  mit
Borsten  besetzten  „Schwarte"  und  der  darunter  liegenden  Fettschicht  der  Abkühlung
bedürfen.  Im  Winter  schützen  Borsten,  Schwarte  und  Fettschicht  vor  Kälte.  Wegen
der  schwarzbraunen  Färbung  bezeichnet  man  die  Wildschweine  als  „Schwarzwild“.

2.  Nahrung.  Gewöhnlich  gehen  die  Wildschweine,  um  nicht  gestört  zu
Realienbuch.  B.  16
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werden,  erst  mit  Anbruch  der  Dunkelheit  auf  Nahrung  aus.  Sie  besteht  aus
Eicheln,  Bucheckern,  Rüben,  Kartoffeln,  Gras,  Larven,  Würmern,  —  kurz  aus
allem  möglichen.  Beim  Aufsuchen  dieser  Nahrung  kommt  ihnen  ganz  besonders
ihre  Wühlschnauze  zu  statten.  Auch  ist  es  für  sie  von  großem  Vorteil,  daß  vorn
in  der  Rüsselscheibe  die  beiden  Nasenlöcher  liegen,  mit  denen  sie  die  in  der  Erde
verborgenen  Würmer  und  Samen  leicht  auswittern.  Zur  Aufnahme  der  Nahrung
eignen  sich  besonders  die  nach  vorn  gerichteten  und  so  gleichsam  eine  passende
Schaufel  bildenden  Schneidezähne  des  Unterkiefers.  Auf  Ackern  richten  die  Wildschweine
  oft  Schaden  an.  Sie  werden  deshalb  meist  im  Wildgatter  gehalten.

3.  Verteidigungswaffen.  Als  Verteidigungswaffe  dienen  dem  Schwarzwilde
  besonders  die  Eckzähne.  Sie  sind  bei  dem  männlichen  Schweine  („Keiler")
auffallend  verlängert,  ragen  aus  dem  Ober=  und  Unterkiefer  nach  oben  und  werden
„Hauer“"  oder  „Gewehr“  genannt.  Mit  diesen  Hauern  greift  der  Keiler,  wenn  er  gereizt
  wird,  seinen  Feind  wütend  an  und  verwundet  ihn  nicht  selten  lebensgefährlich.
Namentlich  ist  er  gefährlich,  wenn  er  angeschossen  ist.  Dann  sucht  sich  der  Weidmann
  vor  ihm  entweder  durch  einen  Sprung  auf  den  Baum  zu  retten,  oder  er
fängt  ihn  —  mit  dem  linken  Fuße  auf  dem  Boden  kniend  —  mit  dem  Hirschfänger
  auf.  Die  Mutter  („Bache")  ist  am  gefährlichsten,  wenn  ihren  Jungen
(„Frischlingen")  Gefahr  droht,  wie  das  öfter  vom  Fuchse  oder  Wolfe  geschieht.
Sie  sucht  diese  dann  wütend  niederzustoßen  und  tot  zu  beißen.

4.  Hausschwein.  Vom  Wildschweine  stammt  unser  Hausschwein  ab.  Es
hat  infolge  der  reichlichern  Nahrung  einen  fleischigern  Körper  erhalten.  Da  es  sich
die  Nahrung  nicht  mehr  allein  durch  Wühlen  zu  verschaffen  gezwungen  ist,  so  ist
die  Schnauze  weniger  lang.  Auch  ist  das  Hausschwein,  da  es  der  rauhen  Witterung
  nicht  so  sehr  ausgesetzt  ist,  nicht  so  dicht  mit  Borsten  bekleidet  wie  sein
wilder  Vetter.  Ebenso  hat  sich  die  Farbe  vielfach  verändert.

105.  Der  Juchs.

1.  Körperbau,  zum  Rauben  eingerichtet.  Der  Fuchs  in  seinem  roten
Kleide  ist  ein  ganz  durchtriebener  Räuber,  Mörder  und  Spitzbube.  Zu  seinem
Räuberhandwerke  ist  er  vorzüglich  ausgerüstet.  Sein  Leib  ist  schlank  und  geschmeidig,
  nur  seines  dichten  Haarpelzes  wegen  erscheint  er  dick.  Die  Beine  sind
zwar  dünn,  aber  kräftig.  Er  kann  daher  sehr  gut  laufen,  springen  und  kriechen.
Leise,  ganz  leise  schleicht  er  sich  auf  dem  Bauche  an  den  Hasen  heran.  Läuft
dieser  fort,  so  saust  der  Fuchs  hinterdrein  und  packt  ihn  oft  genug  noch  am
Schenkel.  Und  seine  Zähne  sind  so  spitz  und  scharf,  daß  er  ihn  so  leicht  nicht
wieder  losläßt.  Zuweilen  besucht  er  auch  den  Dohnensteig.  Sieht  er  einen
Kramtsvogel  in  der  Schlinge,  so  springt  er  hoch  und  reißt  ihn  herunter.  Sein
Auge  liegt  schief,  aber  er  kann  sehr  gut  damit  sehen.  Auch  hört  er  sehr  scharf.

2.  Schlauheit.  Was  den  Fuchs  aber  besonders  zum  Diebe  und  Mörder
befähigt,  das  ist  seine  Schlauheit.  Zwar  wird  sie  in  der  Fabel  sehr  übertrieben,
aber  dennoch  bleibt  sie  oft  bewundernswert.  Er  beschleicht  leise,  damit  die  Alte
nichts  merke,  das  Rehkälbchen  oder  legt  sich  auf  die  Lauer  und  überlistet  die  Vögel.
Erstaunlich  groß  ist  seine  Vorsicht.  Den  Jäger  meidet  er.  Nur  wenn  Hunger  ihn
plagt,  wird  er  frech.  Dann  kommt  er  am  hellen  Tage  auf  den  Hof  und  holt  dem
Bauern  ein  Huhn  vor  der  Nase  weg.  Gewöhnlich  aber  wählt  er  zur  Ausführung
seiner  schlimmsten  Streiche  die  Nacht.  Wenn  der  Bauer  im  tiefsten  Schlafe  ruht,
dann  macht  sich  Reineke,  der  Gänse=  und  Hühnerdieb,  vom  Dickichte  aus  auf  den
Weg.  Am  Waldrande  „wittert“  er.  Gefahr  ist  nicht  vorhanden.  Im  vollen  Laufe,
wobei  er  den  langen,  buschigen  Schwanz  stets  wagerecht  trägt,  geht's  über  die  Felder.
Dann  schleicht  er  ganz  heimlich  heran  und  späht  am  einsam  gelegenen  Bauerngehöfte
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sorgsam  umher,  ob  der  Kettenhund  nicht  los  ist.  Aber  alles  ist  still,  und  während
drinnen  die  Leute  ruhig  schlafen,  weiß  der  schlaue  Dieb  mit  unglaublicher  Gewandtheit
in  den  Hühner=  oder  Gänsestall  zu  gelangen,  wo  er  ein  fürchterliches  Blutbad  aurichtet.

3.  Nahrung.  Ubrigens  ist  er  kein  Kostverächter.  Solange  er  Mäuse  haben
kann,  frißt  er  vorzugsweise  nur  solche.  Man  hat  schon  Füchse  geschossen,  die  30
und  mehr  Mäuse  im  Magen  hatten.  Gern  sucht  er  sich  auch  Engerlinge  und
andre  Larven  und  selbst  Käfer.  Aber  auch  Birnen,  Pflaumen  und  Weintrauben
schmecken  ihm  nicht  übel,  und  Eier  und  Honig  sind  ihm  wahre  Leckerbissen.

4.  Der  Fuchsbau  besteht  aus  einem  „Kessel“  mit  mehreren  Zugängen.  In
der  Regel  gräbt  sich  der  Fuchs  seine  Wohnung  nicht  selbst,  sondern  richtet  sich  in
verlassenen  Kaninchen=  oder  Dachshöhlen  wohnlich  ein.  Der  Kessel  hat  1  m  im

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Fuchsfamilie.

Durchmesser.  Von  ihm  geht  stets  nur  eine  einzige  Röhre  aus,  die  sich  aber  bald
teilt.  —  Wird  der  Fuchs  verfolgt,  so  flieht  er  in  die  erste  beste  Röhre,  aber  niemals
auf  geradem  Wege;  vielmehr  sucht  er  seine  Feinde  durch  allerlei  Umwege  zu  täuschen.

5.  Junge  Füchse.  Im  Monat  Mai  wird  es  im  Fuchsbau  lebendiger  als
je.  Es  sind  3—7  Junge  angekommen.  In  den  ersten  10—14  Tagen  sind  sie
blind.  Kaum  aber  sind  einige  Wochen  vergangen,  so  wagen  sich  die  jungen  Füchse
schon  vor  den  Bau.  Hier  spielen  sie  in  stillen,  ungestörten  Stunden  allerliebst
miteinander  wie  kleine  Katzen.  Die  Alten  schleppen  dann  allerlei  Wildbret  herbei,
einen  flügellahmen  Vogel,  eine  Maus  u.  s.  w.,  und  an  ihnen  lernen  die  jungen
Füchse  ihr  Diebes=  und  Räuberhandwerk.

6.  Verfolgung.  Der  Jäger  schießt  den  Fuchs  nieder,  wo  er  nur  kann.
Nicht  selten  auch  treibt  er  ihn  durch  den  Dachshund  aus  seiner  Höhle  oder
lauert  ihm  im  Winter  von  einer  verborgenen  Hütte  aus  auf.  Zuweilen  fängt
er  ihn  in  Tellereisen,  indem  er  ihn  durch  einige  weit  umhergestreute  Bissen  in

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die  Falle  zu  locken  sucht.  Vorsichtig  umschleicht  der  Fuchs  die  Falle,  streckt  den
Vorderfuß  behutsam  aus,  zieht  ihn  zurück  und  —  läßt  den  Bissen  einstweilen
unangetastet.  Endlich  aber  wird  der  Appetit  zu  groß.  Hastig  schnappt  er  zu
und  —  ist  gefangen.  Es  ist  aber  schon  vorgekommen,  daß  er  sich  den  Fuß,  mit
dem  er  in  die  Falle  geraten  war,  abgebissen  hat  und  auf  3  Beinen  fortgehinkt  ist.

106.  Der  Wolf.

1.  Aussehen  und  Aufenthalt.  Der  Wolf  hat  etwa  die  Gestalt  und  Größe
eines  Schäferhundes.  Seine  Farbe  ist  fahlgrau  mit  gelber  oder  schwarzer  Mischung.
Den  buschigen,  bis  auf  die  Fersen  reichenden  Schwanz  läßt  er  herabhängen.  Im
vorigen  Jahrhundert  noch  war  der  Wolf  das  gefürchtetste  Raubtier  unsrer  Wälder.
Jetzt  aber  ist  er  aus  Deutschland  so  gut  wie  verschwunden,  und  nur  in  Lothringen
erscheint  er  noch  im  Winter  vom  Ardennenwalde  her.  Dagegen  findet  er  sich  in
Spanien,  in  Ungarn,  Rußland  und  Sibirien  noch  sehr  häufig.  Am  liebsten  bewohnt
  der  Wolf  kleine  Wälder  mit  dichten  Beständen,  wo  er  im  Verborgenen  jagen
kann.  Wo  ihm  die  Wälder  fehlen,  wie  zum  Teil  im  Osten  Europas,  da  verbirgt
er  sich  im  dichten  Rohr  und  Schilf,  und  wo  er  auch  dies  nicht  haben  kann,  wie
in  den  Steppen  Sibiriens,  da  gräbt  er  sich  eine  tiefe  Höhle  zum  sichern  Versteck.

2.  Befähigung  zum  Räuber.  Der  Wolf  ist  zu  seinem  Räuberhandwerke
mit  furchtbaren  Waffen  ausgerüstet.  Der  Rachen  ist  so  tief  gespalten,  daß  er  den
Hals  selbst  größerer  Tiere  wie  der  Pferde  und  Rinder  weit  umspannen  und  ihnen
mit  dem  scharfen  Gebisse  die  Gurgel  abreißen  kann.  Die  langen  Beine  befähigen
ihn,  das  fliehende  Reh  leicht  einzuholen,  und  die  starke  Brust  verleiht  ihm  eine
solche  Ausdauer  im  Laufen,  daß  er  in  mancher  Nacht  eine  Strecke  von  70—100  km
zu  durcheilen  vermaß.  Mit  der  Schnelligkeit  vereinigt  er  eine  staunenswerte  Kraft.
Zuweilen  läuft  er  mit  einem  geraubten  Hammel  im  Rachen  so  schnell  davon,
daß  ihn  kein  Mensch  einholen  kann.  Dazu  kommt  die  Schärfe  seiner  Sinne.
Mit  dem  stets  aufgerichteten  Ohre  gewahrt  er  den  leise  schleichenden  Fuchs  und
das  trippelnde  Mäuslein.  Das  schiefstehende,  leuchtende  Auge  erblickt  von  weitem
den  niedergeduckten  Hasen,  und  die  feine  Nase  wittert  die  frische  Spur  der  Hirschkuh.
  Auch  an  Klugheit  fehlt  es  ihm  nicht.  Findet  er  den  Schafstall  verschlossen,
so  gräbt  er  sich  unter  der  Thürschwelle  mit  seinen  zwar  stumpfen,  aber  kräftigen
Krallen  ein  Loch,  zwängt  den  Körper  geschickt  hindurch  und  reißt  dann  zuweilen
aus  reiner  Mordlust  30—50  Schafe  nieder.

3.  Kampf  mit  den  Pferden.  Den  Pferden  auf  der  Weide  naht  er  sich
stets  gegen  den  Wind,  damit  sie  ihn  nicht  wittern.  Hinterm  Busche  oder  im
hohen  Schilfe  lauert  er,  bis  sich  ein  Füllen  von  der  Herde  verirrt  hat.  Dann
schleicht  er  leise  heran,  und,  um  es  nicht  zu  verjagen  oder  die  nahe  Herde  zu
beunruhigen,  versucht  er,  mit  dem  Füllen  im  Grase  zu  spielen  und  es  weiter  von
der  Mutter  weg  zu  locken.  Naht  sich  die  Mutter,  so  „legt  er  wie  ein  Hund
die  Schnauze  auf  die  Vorderfüße,  macht  die  freundlichsten  Augen  von  der  Welt
und  wedelt  mit  dem  Schwanze"“.  Verhält  sich  die  Stute  ruhig,  so  springt  er
ihr  blitzartig  an  den  Hals,  reißt  ihr  die  Gurgel  ab  und  läuft  mit  dem  Füllen
davon.  Einzeln  wagt  er  sich  nie  in  die  Pferdeherde  hinein.  Sind  aber  die
Wölfe  in  größerer  Zahl  beisammen,  so  fallen  sie  frech  über  die  Pferde  her.  Doch
haben  sie  meistens  kein  leichtes  Spiel.  Denn  die  Stuten  nehmen  dann  sofort  ihre
Füllen  in  die  Mitte  und  verteidigen  sich  mit  den  Vorderfüßen.  Die  Hengste  aber
umtoben  mit  wallender  Mähne  den  Haufen  und  springen  auf  die  im  Grase
schleichenden  Wölfe  los.  Wütend  zerstampfen  sie  die  Räuber  mit  den  Vorderfüßen
oder  packen  sie  mit  den  Zähnen  und  werfen  sie  hoch  in  die  Luft.  Die  Pferde
bilden  also  nicht,  wie  es  auf  vielen  Bildern  dargestellt  wird,  einen  streng-
        <pb n="250" />
        —  246  —

geschlossenen  Kreis,  in  dem  sie  mit  dem  Kopfe  nach  innen  gerichtet  stehen,  um
sich  mit  den  Hinterfüßen  zu  verteidigen,  sondern  greifen  vielmehr  die  Wölfe  an.

4.  Im  Winter.  Im  Sommer  schlägt  sich  der  Wolf  einzeln  durch,  da  er
dann  seinen  Tisch  reichlich  gedeckt  findet.  Wenn  aber  der  Winter  die  Zugvögel
verjagt  und  viele  Tiere  in  ihr  Winterquartier  treibt,  dann  rottet  sich  der  Wolf
mit  10—20  seiner  Kameraden  zusammen,  um  so  —  gleichsam  eine  Räuberbande
bildend  —  besser  für  den  Raub  gerüstet  zu  sein.  Soll  dann  ein  Hase  gejagt
werden,  so  folgt  ihm  nur  einer.  Die  andern  laufen  zur  Seite,  um  ihn  zu  erwischen,
  wenn  er  etwa  einen  „Haken“  schlagen  sollte.  Im  hohen  Schnee  laufen
sie  im  Gänsemarsch,  wobei  jeder  nachfolgende  Wolf  in  die  Fußstapfen  des  vorangehenden
  tritt.  Den  Menschen  fällt  der  Wolf  nur  dann  an,  wenn  ihn  der
wütendste  Hunger  peinigt.  Ist  er  aber  satt,  so  ist  er  feig  und  flieht  vor  einem
kräftigen  Manne  mit  einem  Knüppel.  Im  Jahre  1820  wurden  in  Posen  16  Kinder
und  3  Erwachsene  von  Wölfen  zerrissen.

107.  Der  Edel-  oder  Baummarder.

1.  Als  Baumtier.  Der  Edelmarder  lebt  in  großen  Wäldern.  Hier  sucht
er  sich  einen  hohlen  Baum  oder  ein  verlassenes  Krähen=  oder  Eichhörnchennest  als
Lagerplatz  auf.  Im  Klettern  übertrifft  ihn  kein  Tier  bei  uns.  Da  seine  Beine  nur
kurz  sind,  sein  Leib  aber  lang  gestreckt  ist,  so  gleitet  er  schlangenartig  den  Baum  hinauf.
Der  Pelz  ist  oberwärts  kastanienbraun  und  sticht  von  der  Rinde  wenig  ab.  (Schutzfarbel)

2.  Als  Raubtier.  Der  Marder  ist  ein  furchtbarer  Räuber.  Das  sagt  schon
sein  Name.  (Marder  —=  Mörder.)  Drossel,  Rebhuhn,  Hase,  Rehkälbchen  —  keins
ist  sicher  vor  ihm.  Seine
Mordwaffen  sind  sein  Gebiß
  und  seine  Krallern  ,
Sein  Auge,  das  dess..—  47b
Nachts  feurig  leuchtet,  ist  *  4
scharf,  sein  Gehör  vorzüglich.
  Alles  bemerkt  Ist-«  »F  »  «
er,wasinstillerNacht,-z  ""--··« ·J,’J;sEs«-·:---«-imWaldcvorgehLLeise"·E""
  X
schleichterzudenSchlaf-·s
stättenderVögelhin,
und  ehe  sie  sich's  ver-  ere
sehen,  sitzt  er  ihnen  auf
dem  Nacken.  Auch  ist  er

   
   

   
  
 
 
  

      
     
    

¾  «  5  —d  .  —**  .  —  .  *  «
ein  vorzüglicher  Springer.  DDMq.  —  ——  —  .""«  9
Er  springt  vom  Baume  —otls

auf  das  Rehkälbchen  herab  Der  Edelmarder.
und  würgt  es  vor  den  Augen  der  alten  Ricke.  Dem  fliehenden  Eichhörnchen  folgt
er  in  blitzschnellen  Windungen,  um  es  zu  würgen.  (S.  247.)

3.  Im  Winter  kommt  er  auch  in  den  Hühnerstall  oder  auf  den  Taubenschlag.
  Hier  hört  er  nicht  eher  auf  zu  morden,  als  bis  das  letzte  Stück  Geflügel
unter  seinen  Zähnen  geendet  hat.  Den  erwürgten  Tieren  säuft  er  das  Blut  aus.
Nur  eins  seiner  Opfer  schleppt  er  mit  sich  fort  in  sein  Versteck.

4.  Der  Haus=  oder  Steinmarder  ist  kleiner  als  der  Edelmarder.  Auch  die
Färbung  ist  anders:  beim  Edelmarder  kastanienbraun,  Hals  und  Brust  gelb,  beim
Hausmarder  graubraun,  Hals  und  Brust  weiß.  Er  hält  sich  gern  unter  Stein=  und
Holzhaufen  auf.  Sein  Pelz  ist  lange  nicht  so  wertvoll  als  der  des  Baummarders.
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        —  246  —
106.  Das  kleine  Wiesel.

1.  Wohnung.  Das  kleine  Wiesel  lebt  überall  bei  uns,  in  Wald  und  Feld,
in  Hof  und  Garten,  in  Scheunen  und  Ställen.  Als  Wohnung  sucht  es  sich  irgend
einen  Schlupfwinkel  auf,  und  da  es  nur  klein  ist,  so  findet  es  einen  solchen  überall:
in  hohlen  Bäumen,  in  Mäuse=  oder  Rattenlöchern,  unter  einem  Steinhaufen  u.  s.  w.

2.  Das  Kleid  des  Wiesels  ist  hellbraun,  unter  dem  Bauche  aber  weiß.  Im
Norden  bekommt  es  im  Winter  ein  weißbraun  geflecktes  Winterkleid.  (Schutzkleid!)

3.  Seine  Räubereien.  So  klein  auch  das  Wiesel  ist,  so  ist  es  doch  ein
ganz  verwegener  Räuber.  Sein  Körper  ist  auch  ganz  wie  geschaffen  dazu.  Das
zeigt  sich  besonders  in  den  spitzen  Krallen  und  dem  scharfen  Gebisse.  Dazu  kommt
noch  der  sehr  geschmeidige,  fast  schlangenartige  Körper,  mit  dem  es  geschickt  durch
kleine  Löcher  und  Ritzen  kriechen  kann.  Gern  frißt  es  Insekten,  besonders  aber
Mäuse  und  Ratten.  Hat  es  ein  Rattenloch  aufgespürt,  so  schlüpft  es  ohne  weiteres
hinein.  Die  Ratte  flieht,  wenn  irgend  möglich,  ins  Wasser,  das  Wiesel  hinterdrein.
Mit  Blitzesschnelle  schwimmen  beide  dahin.  Aber  das  Wiesel  holt  die  Ratte  bald  ein.
Nun  giebt's  einen  Kampf  auf  Leben  und  Tod.  Die  Ratte  wehrt  sich  aus  Leibeskräften.
  Aber  das  Wiesel  bleibt  Sieger.  Es  zerbeißt  der  Ratte  den  Hals  und  trägt
sie  dann  ans  Land.  Leider  fängt  das  Wiesel  oft  auch  kleine  Singvögel  weg;  denn
es  ist  ein  geschickter  Kletterer.  Findet  es  ein  Ei,  so  säuft  es  dasselbe  entweder
gleich  aus  oder  nimmt  es  zwischen  die  Zähne  und  trägt  es  in  sein  Versteck.  So
klein  das  Tier  ist,  so  groß  ist  sein  Mut.  Einst  hatte  ein  Raubvogel  ein  Wiesel
gepackt  und  in  die  Luft  mitgenommen.  Oben  in  der  Luft  aber  biß  das  Wiesel
dem  Vogel  die  Schlagader  am  Halse  durch.  Der  Vogel  schwankte  und  fiel  mit
dem  Wiesel  zur  Erde.  Hier  starb  er;  das  Wiesel  aber  huschte  lustig  davon.

4.  Das  große  Wiesel  hat  viel  Ahnlichkeit  mit  dem  kleinen  Wiesel.  Sein
Pelz  wird  auch  bei  uns  im  Winter  weiß,  doch  bleibt  die  Schwanzspitze  immer
schwarz.  In  seinem  weißen  Kleide  führt  es  den  Namen  „Hermelin“.

109.  Der  Dachs.

1.  Körperbau,  zum  Höhlenbewohnen  passend.  Der  Dachs  lebt  im  Walde  in
einer  Höhle.  Dementsprechend  ist  auch  sein  Körper  gebaut.  Die  Zehen,  besonders  die  vordern,
  sind  mit  Krallen  besetzt.  Mit  diesen  scharrt  er  sich  die  Höhle  im  weichen  Boden
so  schnell,  daß  er  in  wenig  Minuten  verschwindet.  Die  Beine  sind  kurz  und  kräftig,
der  Körper  ist  niedrig,  so  daß  er  bequem  in  die  Höhle  rutschen  kann.  (Farbe  S.  2341)

2.  Lebensweise.  Am  Tage  läßt  sich  „Meister  Grimbart“  wenig  blicken.
Nur  in  ganz  einsamen  Gegenden  kommt  er  zuweilen  aus  seinem  dunkeln  Loche
hervor,  legt  sich  auf  den  Rücken  und  sonnt  sich.  Gewöhnlich  aber  verläßt  er  seine
Höhle  erst  spät  abends.  Im  Sommer  ernährt  er  sich  von  Wurzeln,  Schnecken,
Regenwürmern,  Engerlingen  und  Kerbtieren  aller  Art.  Die  Regenwürmer  und
Engerlinge  bohrt  er  mit  seinen  krummen  Krallen  geschickt  aus  der  Erde  hervor.
Auch  Hummel=  und  Wespennester  gräbt  er  aus  und  läßt  sich  den  Honig  gut  schmecken.
Gern  plündert  er  Vogelnester  am  Boden,  fängt  Mäuse,  Frösche,  Maulwürfe  und,  wenn
es  sein  kann,  junge  Hasen.  Im  Herbst  verspeist  er  keine  Bucheln  und  Eicheln,
wohl  aber  abgefallenes  Obst,  Möhren,  Rüben  und  Weintrauben.  Gegen  den  Winter
hin  bezieht  er,  wohlgemästet,  seine  Höhle  und  hält  seinen  Winterschlaf.  Um  ihn
zu  fangen,  schickt  der  Jäger  die  Dachshunde  (Dächsel)  in  den  Bau.  Sucht  er
dann  aus  einem  Fluchtloche  zu  entwischen,  so  schießt  ihn  der  Jäger  nieder.

110.  Das  Eichhörnchen.

1.  Körperbau,  dem  Leben  auf  den  Bäumen  angepaßt.  Das  Eichhörnchen
lebt  hauptsächlich  von  den  Früchten  der  Waldbäume,  besonders  von  Eicheln,  Kiefern-
        <pb n="252" />
        —  247  —

und  Fichtensamen,  Nüssen  u.  s.  w.  Daher  ist  es  gezwungen,  sein  Leben  größten—
teils  auf  Bäumen  zu  verbringen.  Dazu  ist  aber  auch  sein  Körper  aufs  zweckmäßigste
  eingerichtet.

  Der  Leib  ist

äußerst  schlank  und

geschmeidig.  Die  3#
Vorderfüße  haben
je  vier  bekrallte
Zehen  und  einene
kurzen,  nagelbe-  #
deckten  Daume
stummel.  Sie  die-  t
nen  dem  Eichhörn
chen  beim  Pflücken  W
der  Baumfrüchte  6o
als  Hände  und
verleihen  ihm  vorzugsweise
  die  Geschicklichkeit
  zum
Klettern.  Wie  der
Sturmwind  geht's
den  schlanken  Tannenbaum  hinauf,  bald  kerzengrade,  bald  in  Schraubenwindungen.
Man  meint,  das  Tier  gleite  wie  eine  Schlange  an  dem  Baume  empor,  und
doch  merkt  man  das  Einschlagen  der  langen,  scharfen  Krallen;  denn  man  ver—
nimmt  ein  deutliches  Rasseln.  —  Die  fünfzehigen,  ebenfalls  scharf  bekrallien
Hinterbeine  sind  Springbeine.  Sie  sind  etwas  länger  als  die  Vorderbeine  und  be—
fähigen  das  Tierchen,  3—4  m  weite  Sprünge  auf  den  Bäumen  auszuführen.  Durch
diese  Sprünge  rettet  es  sich  oft  vor  seinen  Feinden  (Marder,  Fuchs,  Uhn,  Habicht).
In  Nadelwäldern  wird  es  auch  durch  die  rotbraune  Farbe  des  Pelzes  vor  ihnen
geschützt,  da  es  darin  nicht  so  leicht  zu  erkennen  ist.  (Schutzfarbel)

2.  Kampf  mit  dem  Baummarder.  Der  grimmigste  Feind  des  Eichhörnchens
ist  der  Edelmarder.  (S.  245.)  In  der  Ausdauer  beim  Klettern  übertrifft  er  das
Eichhörnchen  noch.  Sobald  es  ihn  erblickt,  sucht  es  ihm  in  blitzschnellen  Windungen
  um  den  Baum  herum  zu  entfliehen.  Hinter  ihm  her  stürzt  der  Edelmarder.
  Auf  und  nieder,  kreuz  und  quer  geht  die  furchtbare  Jagd.  Hoch  durch
die  Luft  schießt  das  Eichhörnchen  in  Sprüngen  von  3—4  m;  ihm  nach  der
Baummarder.  Schon  scheint  er  seiner  Beute  gewiß  zu  sein.  Da  greift  das  gehetzte
  Eichhörnchen  zum  letzten  Mittel.  Es  breitet  die  Beine  aus,  streckt  den
zweizeilig  behaarten,  buschigen  Schwanz,  damit  es  das  Genick  nicht  breche,  als
Fallschirm  und  Schwebstange  gerade  aus  und  wagt  den  Riesensprung  von  der
höchsten  Tannenspitze  hinunter  auf  den  Erdboden.  Das  fürchterliche  Wagestück
gelingt.  Aber  o  weh!  Auch  der  Marder  wagt  den  Sprung.  In  seiner  Todesangst
  saust  das  Eichhörnchen  einen  andern  Baum  hinauf.  Aber  schnell  wie  der
Blitz  folgt  ihm  der  Marder.  Endlich,  fast  zu  Tode  gehetzt,  muß  sich  das  Eichhörnchen
  ergeben  und  endet  unter  den  Krallen  seines  Mörders.

3.  Nahrung.  Auch  zur  Erlangung  seiner  Nahrung  ist  das  Eichhörnchen
vorzüglich  ausgerüstet.  Will  es  den  Tannenzapfen  plündern,  so  setzt  es  sich  auf
die  Hinterfüße  und  hält  ihn  mit  den  Vorderfüßen  geschickt  vor  den  Mund.
Dann  pflückt  es  mit  den  scharfen  Nagezähnen  eine  Schuppe  nach  der  andern  ab
und  läßt  sich  den  darunter  liegenden  Samen  trefflich  munden.  Solche  abgenagten
Tannenzapfen  finden  sich  nicht  selten  in  den  Wäldern.  Die  gespaltenen  Lippen
        <pb n="253" />
        —  248  —

erleichtern  dem  Eichhörnchen  das  Nagen.  Auch  Hasel-  und  Walnüsse,  die  es
unter  schnellem  Hin-  und  Herdrehen  mit  den  scharfen  Nagezähnen  zernagt  (nicht
aufknackt),  verspeist  das  Eichhörnchen  gern.  Aber  damit  begnügt  es  sich  nicht.  Der
kleine  Bösewicht  plündert  leider  die  Vogelnester,  schält  von  den  Waldbäumchen  ringsum
die  Rinde  ab  und  frißt  die  jungen  Zweige  und  Knospen  von  den  jungen  Fichten,  so
daß  diese  verkrüppeln  müssen.  Kein  Wunder  also,  daß  der  Jäger  das  Eichhörnchen
haßt  und  daher  oft  genug  niederschießt.  —  Für  den  Winter  sammelt  es  sich  einen  Vorrat
von  Nüssen  und  Eicheln,  die  es  in  hohlen  Bäumen  und  Erdlöchern  aufspeichert.

4.  Nest.  Wo  die  Zweige  oben  im  Baume  am  dichtesten  stehen  und  die
meisten  Fichten=  und  Kiefernzapfen  reifen,  legt  das  Eichhörnchen  sein  Nest  an.  Die
Grundlage  wird  aus  Reisern  hergestellt,  darüber  aber  aus  Moos,  Heu  u.  dgl.  ein
kegelförmiges  Dach  angebracht.  Das  enge  Eingangsloch  liegt  gewöhnlich  nach  unten
zu;  außerdem  aber  ist  nach  oben  mindestens  noch  ein  kleines  Fluchtloch  vorhanden,
woraus  das  Eichhörnchen  entwischt,  wenn  ein  Feind  naht.

111.  Der  Hühnerhabicht.

1.  Der  Habicht  —  ein  Ränber.  Der  Habicht  ist  der  schlimmste  Räuber  unter
unsern  Vögeln.  Wenn  sie  ihn  sehen,  erzittern  sie  und  flüchten  eiligst  in  ihr  Versteck.
Manche  aber  werden  vor  Schreck  förmlich  starr.  Fast  kein  Vogel  ist  vor  ihm  sicher.
Besonders  hat  er  es  auf  die  kleinen  Sänger  abgesehen.  In  seiner  Frechheit  stößt  er
aber  auch  mitten  auf  dem  Bauernhofe  zwischen  die  Küchlein.  Das  weiß  die  Henne.
Deshalb  lockt  sie  die  Kleinen  mit  ängstlichem  „Gluck,  gluck,  gluck!“  unter  ihre  Flügel,
wenn  sie  den  Habicht  hoch  oben  erspäht.  Flieht  eine  Taube  vor  ihm,  so  wagt  er  sich
zuweilen  bis  in  den  Taubenschlag  mit  hinein.  Aber  auch  kleinere  Säugetiere  verschont
er  nicht.  Einst  gewahrte  ein  Habicht  im  Baume  ein  Eichhörnchennest  mit  Jungen.
Schnell  kam  er  herbei,  packte  ein  Junges  mit  seinem  Schnabel  und  flog  mit  ihm  davon.  —
Ein  andermal  schoß  ein  Habicht  auf  einen  Hasen  herab.  Der  Hase  suchte  zu  entwischen.
Der  Habicht  aber  packte  ihn  mit  seinen  spitzen  Krallen  und  stieß  ihn  fortwährend
mit  dem  Schnabel  auf  den  Kopf.  Der  Hase  drehte  und  wälzte  sich  am  Boden.  Aber
der  Habicht  ließ  nicht  los,  bis  der  Hase  tot  war.  —  Oft  lauert  er  seinem  Opfer
wie  ein  Wegelagerer  aus  heimlichem  Verstecke  auf.  Einst  flüchtete  sich  ein  Hänfling
  vor  ihm  in  ein  Dorngebüsch.  Da  setzte  sich  der  Habicht  auf  die  Lauer  und
wartete  wohl  eine  Stunde  lang.  Endlich  huschte  der  Hänfling  aus  der  Hecke
hervor.  Aber  o  wehl!  Gleich  darauf  hatte  ihn  der  Habicht  in  seinen  Krallen.

2.  Seine  Mordwaffen.  Zu  seinem  Räuberhandwerke  ist  der  Habicht  mit
vorzüglichen  Waffen  ausgerüstet.  Der  Oberschnabel  ragt  mit  der  Spitze  wie  ein
Haken  über  den  Unterschnabel  hervor.  Damit  zerreißt  und  zerhackt  er  seine
Beute.  Die  Krallen  sind  gekrümmt  und  spitz  wie  Nadeln.  Mit  ihnen  packt
er  die  Vöglein  so  fest,  daß  gleich  das  Blut  aus  den  Wunden  fließt.  Die  Flügel
sind  kurz,  aber  äußerst  kräftig.  Sieht  er  von  fern  ein  Vöglein  unter  sich,  so  zieht
er  sie  dicht  an  den  Leib  und  stößt  mit  furchtbarer  Gewalt  auf  die  Beute  herab.
Sein  Auge  erblickt  hoch  oben  in  der  Luft  den  kleinsten  Vogel  auf  der  Erde.

3.  In  der  Räuberhöhle.  Auf  den  höchsten  Bäumen  legt  er  ein  Nest  an.
Hier  bringt  er  2—4  Junge  aus.  Die  Jungen  sind  sehr  gefräßig,  und  die  Alten
haben  vollauf  zu  thun,  deren  Heißhunger  zu  stillen.  „Der  Horst  wird  dann  zu
einer  wahren  Schlachtbank.  Beide  Alten  schleppen  herbei,  was  sie  finden,  sogar
ganze  Nester  mit  Jungen,  namentlich  Drossel=  und  Amselnester.“

112.  Der  Buntspecht.

1.  Sein  Kleid.  Buntspecht  heißt  er,  weil  er  ein  buntes  Kleid  anhat.  Es
sieht  aus,  als  wäre  es  aus  lauter  roten,  weißen  und  schwarzen  Lappen  zusammengeflickt.
  Das  Männchen  trägt  auf  dem  Hinterkopfe  ein  rotes  Käppchen.
        <pb n="254" />
        —  249  —

2.  Körper,  zum  Klettern  eingerichtet.  Seine  hauptsächlichste  Nahrung
(Insekten  und  deren  Larven)  findet  der  Specht  unter  der  Baumrinde.  Darum  ist
er  auch  vorzugsweise  zum  Aufenthalte  auf  Bäumen  gezwungen.  Zu  diesem  Baumleben
  befähigt  ihn  ganz  besonders  seine  Kletterkunst.  Diese  verdankt  er  in  erster
Linie  seinem  „Kletterfuße“.  Von  den  4  Zehen  sind  nämlich  2  nach  hinten  gerichtet,
  wodurch  der  Specht  eine  sichere  Stütze  beim  Klettern  erhält.  Dazu  sind
sämtliche  Zehen  mit  äußerst  scharfen,  sichelförmigen  Krallen  versehen,  mit  denen
sich  der  Kletterkünstler  in  der  Baumrinde  festzuhalten  vermag.  Auch  der  Schwanz
ist  ihm  beim  Klettern  behilflich.  Er  besteht  aus  starkschaftigen  Federn,  die  ihm
beim  Klettern  zum  Weiterschnellen,  beim  Hämmern  aber  als  Stütze  dienen.  Wie
notwendig  ihm  beim  Klettern  der  Schwanz  ist,  ersieht  man  daraus,  daß  der  Specht
nur  baumaufwärts,  niemals  (mit  dem  Kopfe  nach  unten)  baumabwärts  kilettert,
weil  er  sich  hierbei  nicht  mit  dem  Schwanze  stützen  kann.

3.  In  der  Werkstatt.  Damit  der  Specht  aber  auch  seine  Nahrung  bequem
erlangen  kann,  hat  er  einen  zum  Zerhauen  der  Rinde  vorzüglich  geeigneten
Schnabel  erhalten.  Er  ist  gerade  und  vorn  meißelförmig  abgestutzt,  so  daß  der
Specht  mit  ihm  wie  mit  einem  Spitzhammer  Rinde  und  Holz  leicht  zersplittern
kann.  Nicht  mit  Unrecht  hat  man  deshalb  den  Specht  den  „Zimmermann“  unter
den  Vögeln  genannt.  Seine  Werkstatt  ist  der  Wald.  Kaum  graut  der  Morgen,
so  geht  unser  „Zimmermann“  an  die  Arbeit.  An  den  dicken  Tannen  und  Eichen
probiert  er  seine  Kunst.  Horch,  wie  das  hackt  und  hämmert!  Jetzt  klingt's  wie
der  Beilschlag  eines  Holzhauers,  jetzt  knarrt's  wie  eine  eingerostete  Gartenthür
„errr!“  Dabei  hängt  der  Specht  nämlich  an  einem  daumesdicken,  dürren  Zweige
und  klopft  mit  seinem  starken  Schnabel  so  geschwind  und  kräftig  an  den  Ast,  daß
dieser  ins  Zittern  gerät  und  jenen  eigentümlichen,  knarrenden  Ton  erzeugt.  —
Da,  wo  das  Holz  morsch  und  die  Rinde  hohl  ist,  klingt  es  dumpf  und  hohl.
Auf  solchen  Stellen  hämmert  der  Specht  weiter;  denn  er  vermutet  hier  eine  Larve.
Die  Splitter  fliegen  weit  umher,  bald  hat  er  tief  genug  asnt  und  —  die
Larve  wird  hervorgezogen.  Auch  6%  W  »  »
die  Larven  und  Käfer,  die  auf  «  »F
der  entgegengesetzten  Seite  des  .  êm%  ¾
Baumes  wohnen,  hören  die  «""
Hammerschläge.Erschrecktsteckeu  ;  l·
vieledasKöpfchenausdenLö-  -7«;;7";J.;»z--  6  J  »
chern,umzuentfliehen.Das-weiß  «  X*  1
der  schlaue  Specht.  Mit  einem
Satze  ist  er  da  und  langt  sich
nun  die  Tierlein,  die  dort  aus
ihrer  Hausthür  gucken.  Bleiben
sie  aber  in  ihren  Löchern  sitzen,
so  holt  er  sie  mit  seiner  langen,
dünnen  Zunge  heraus.  Diese
ist  vorn  so  spitz  wie  eine  Stecknadel
  und  dazu  mit  5—6  borstenartigen
  Widerhaken  versehen.
Auch  kann  sie  mehrere  cm  weit
aus  dem  Schnabel  hervorgestoßen
werden.  An  den  Unterkieferseiten
  finden  sich  ferner  zwei
große  Schleimdrüsen.  Diese  son-  ..-·-dern
  einen  klebrigen  Saft  ab,  Nest  des  VBnksoichts.

*
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        —  250  —

der  die  Zunge  überzieht,  so  daß  Ameisen  u.  a.  Insekten  daran  haften  bleiben.  So
entgeht  dem  Spechte  so  leicht  keine  Beute.  Besonders  reinigt  er  die  Nadelbäume
von  den  sehr  schädlichen  Borkenkäfern,  und  daher  ist  sein  Nutzen  sehr  erheblich.

4.  Nest.  Im  Frühlinge  sucht  sich  der  Specht  einen  geeigneten  Baum  zum
Neste.  Wo  ein  mürber  Ast  abgefallen  ist,  schlägt  er  ein  Loch  in  den  Baum,  daß
die  Splitter  weit  umherfliegen.  Ist  der  Eingang  weit  genug  und  eine  Strecke
wagerecht  in  den  Baum  hineingearbeitet,  so  wird  die  Röhre  im  Knie  nach  unten
hingeführt  und  schließlich  eine  geräumige  Höhlung  gemeißelt.  Der  Grund  der
Höhle  wird  endlich  mit  feinen  Holzspänchen  gefüttert,  und  auf  diese  legt  alsdann
das  Spechtweibchen  seine  weißen  Eier.

113.  Die  gemeine  Eidechse.

1.  Körperbau,  dem  Aufenthalte  angepaßt.  Die  Eidechse  liebt  sandreiche
Gegenden,  wo  sie  gern  zwischen  Heidekraut,  Moos  und  Wurzelwerk  weilt.  Ihr
Kleid  hat  eine  Schutzfarbe.  Es  ist  nicht  bei  allen  gleich  gefärbt.  Gewöhnlich  ist  es
oben  graugrün  mit  bräunlichen  Streifen  und  weicht  daher  wenig  von  der  Farbe  der
Umgebung  ab.  Dies  kommt  ihr  bei  ihren  zahlreichen  Feinden  (den  Raubvögeln,  Störchen
u.  a.)  sehr  zu  statten,  da  sie,  wenn  sie  ruhig  dasitzt,  von  ihnen  nicht  so  leicht  bemerkt  wird.
Und  die  Eidechse  liebt  es,  oft  längere  Zeit  ruhig  an  einem  Flecke  —  namentlich  in  der
Sonne  —  zu  sitzen.  Sie  hat  nämlich  wie  der  Frosch  wechselwarmes  Blut.  (S.  199.)
Ihre  Wohnung  hat  sie  in  einem  Erdloche  oder  in  einem  hohlen  Baume.  Dort  schläft  sie,
dorthin  flieht  sie  vor  ihren  Feinden.  Ihr  schlanker  Körper  ermöglicht  es  ihr,  sich  hier
leicht  zu  verbergen,  und  ihr  schneller  Lauf  befähigt  sie  zur  schleunigsten  Flucht.  Die
4  Beine  sind  zwar  nur  kurz  und  etwas  geknickt,  so  daß  der  Leib  fast  auf  der  Erde

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s  %  sich  die  Eidechse

  dennoch

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fortzubewegen.

  Damit

jedoch  der  Körper

  beim  Kriechen

  und  Laur#
  —  fen  nicht
Die  Eidechse.  Schaden

nehme,  ist  er  mit  einer  lederartigen,  schuppigen  Haut  bedeckt.  Da,  wo  er  beim

Kriechen  am  leichtesten  verletzt  werden  kann,  auf  dem  Kopfe  und  unterm  Bauche,

haben  sich  die  Schuppen  zu  flachen  Horntäfelchen  verdickt.

2.  Die  Nahrung  der  Eidechse  besteht  vorzugsweise  aus  Insekten,  Würmern
und  Schnecken.  Da  sie  kein  totes  Tier  anrührt,  so  ist  sie  gezwungen,  fleißig  Jagd
auf  lebendige  Tiere  zu  machen.  Mit  ihren  bekrallten  Zehen  klettert  sie  nicht  selten
auf  Strauch  und  Kraut  in  die  Höhe  und  sucht  dann  in  gewandtem  Sprunge  den
vorüberfliegenden  Falter  u.  s.  w.  zu  erhaschen.  Dabei  kommt  ihr  das  breite  und
ziemlich  tief  gespaltene  Maul  sehr  zu  statten.  Wenn  die  Eidechse  auf  der  Lauer
sitzt,  dann  entgeht  ihrem  Auge  nicht  die  geringste  Bewegung;  denn  sie  sieht  sehr
scharf.  Auch  vernimmt  sie  mit  ihrem  Ohre  das  leiseste  Geräusch,  obwohl  das  Ohr
gar  keine  Ohrmuschel  hat.  Das  Trommelfell  liegt  in  der  Ohröffnung  sichtbar  da.
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        —  251  —

Besonders  hilfreiche  Dienste  aber  leistet  der  Eidechse  beim  Aufspüren  der  Nahrung
die  gespaltene  Zunge,  die  sie  zum  Tasten  („Züngeln“)  weit  aus  dem  Maule  hervorstrecken
  kann.  Da  sie  sehr  klebrig  ist,  wirkt  sie  wie  eine  Leimrute  auf  die  Insekten.
Die  Zähne  sind  klein  und  nicht  in  die  Kiefer  eingekeilt,  sondern  auf  den  Kiefern
angewachsen.  Sie  sind  daher  auch  zum  Zerkauen  nicht  geeignet,  sondern  nur  zum
Festhalten,  weshalb  die  Eidechse  ihre  Nahrung  ganz  verschlucken  muß.  Anfangs
Oktober,  wenn  ihr  die  Nahrung  ausgeht,  beginnt  sie  ihren  Winterschlaf.

3.  Vermehrung.  Im  Frühjahre  legt  die  Eidechse  6—8  bohnengroße,  schmutzigweiße
  Eier,  die  mit  einer  lederartigen  Schale  umgeben  sind.  (Vergl.  S.  2251)  Sie
verbirgt  sie  unter  Moos  oder  im  Sande  und  läßt  sie  von  der  Sonne  ausbrüten.

4.  Häutung.  Im  Sommer  häutet  sich  die  Eidechse  mehrmals.  Die  alte
Haut  wird  an  Wurzeln,  Steinen  u.  s.  w.  in  Fetzen  abgerieben.  Die  Häutung  ist
deshalb  notwendig,  weil  die  alte  Haut  sich  nicht  durch  Wachsen  vergrößert.  Bliebe
die  Häutung  aus,  so  müßte  die  Eidechse  sterben.

114.  Die  Kreuzotter.

1.  Aufenthalt.  Die  Kreuzotter  ist  die  einzige  Giftschlange  Deutschlands.  Am
zahlreichsten  trifft  man  sie  in  Mooren  und  den  daran  grenzenden  Wäldern.  Dort
wohnt  sie  in  Mauselöchern,  hohlen  Baumstämmen,  unter  Wurzelwerk  u.  s.  w.  Gewöhnlich
  verläßt  sie  ihre  Wohnung  nur  nachts.  Doch  liegt  sie  am  Tage  oft  stundenlung
  vor  ihrem  Loche  wie  ein  Teller  zusammengerollt  und  sonnt  sich.  Sie  hat  nämlich
wechselwarmes  Blut.  (S.  199.)  In  Wäldern,  wo  sich  Kreuzottern  aufhalten,  sei  man
sehr  vorsichtig.  Niemals  gehe  man  dort  barfuß,  sondern  stets  nur  mit  festem  Schuhwerke.

2.  Die  Färbung  der  Kreuzotter  ist  nach  Alter,  Gegend  und  Jahreszeit  verschieden,
  auf  der  Oberseite  meist  dunkelbraun,  auf  der  Unterseite  bläulich  oder  gelblich.
Uber  den  Rücken  läuft  in  der  Regel  eine  schwarze  Zickzacklinie,  und  auf  dem  Kopfe
findet  sich  eine  dunkle  Zeichnung,  die  an  ein  Kreuz  erinnert  und  der  Schlange  wahrscheinlich
  den  Namen  gegeben  hat.

3.  Ihr  Körperbau  hängt  mit  ihrer  Lebensweise  eng  zusammen.  Der  Leib
hat  eine  wurmförmige  Gestalt;  daher  kann  sie  sich  bequem  in  Löchern  und  im
Heidekraute  verbergen.  Beine  hat  sie  nicht.  Dennoch  kann  sie  sich  ungemein
schnell  bewegen.  Als  Beine  dienen  ihr  die  Rippen.  Sie  sind  beweglich  am  Rückgrate
  eingelenkt  und  enden  frei  in  der  Haut  unter  dem  Bauche.  Beim  Kriechen
schiebt  die  Otter  die  Rippen  wie  kurze  Beine  bald  an  der  rechten,  bald  an  der
linken  Seite  vor,  und  so  „schlängelt“  sie  sich  vorwärts.  Damit  sie  sich  aber  beim
Kriechen  nicht  so  leicht  verletze,  ist  ihr  Körper  mit  Schuppen  bedeckt.  Am  meisten
sind  Kopf  und  Bauch  beim  Umherkriechen  gefährdet.  Daher  sind  die  Schuppen
auch  hier  am  größten;  am  Bauche  bilden  sie  Halbringe.  Mit  Hilfe  der  Rippen
drückt  die  Otter  die  Bauchschuppen  gleich  kurzen  Füßen  gegen  Heidekraut,  Gras
u.  s.  w.  und  schiebt  so  den  Körper  schnell  vorwärts.  Auch  die  Augen  sind  sehr
geschützt.  Sie  haben  zwar  keine  Lider,  sind  aber  von  der  Körperhaut  überzogen.
Diese  ist  über  dem  Auge  durchsichtig  und  bedeckt  das  Auge  wie  ein  Uhrglas  die
Uhr.  Da  die  Augen  ziemlich  weit  seitwärts  stehen,  so  kann  die  Schlange  nicht
gut  nach  vorn  sehen.  Sie  streckt  deshalb  fortwährend  die  zweispaltige  Zunge  hervor,
um  damit  zu  tasten.  Auch  bei  geschlossenem  Munde  kann  sie  die  Zunge  hervorstrecken,
  da  die  Kieferränder  vorn  sich  nicht  berühren.  Stechen  kann  sie  mit  der
Zunge  nicht.  Dazu  ist  diese  viel  zu  weich.  —  Wo  der  Schwanz  beginnt,  erscheint
der  Rumpf  deutlich  dünner  (was  bei  der  Ringelnatter  nicht  der  Fall  ist).

4.  Giftzähne.  Was  uns  die  Kreuzotter  am  meisten  verhaßt  macht,  das  sind
ihre  beiden  Giftzähne.  Sie  sitzen  im  Oberkiefer,  sind  hohl  und  nahe  an  der  Spitze
mit  einer  kleinen  Offnung  versehen.  Am  Grunde  aber  steht  jeder  Zahn  mit  einer
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        —  262  —

Drüse  in  Verbindung,  die  mit  Gift  gefüllt  ist  und  an  beiden  Seiten  des  Kopfes
in  der  Schläfengegend  liegt.  Bei  jedem  Bisse  fließt  durch  den  Druck  der  Schläfen-,

  muskeln  etwas  Gift  in  den  hohlen  Zahn  und  durch
——  diesen  in  die  Wunde.  Brechen  die  Giftzähne  ab,
«  so  wachsen  sie  wieder  nach.  Das  wirksamste
Mittel  gegen  den  Biß  der  Kreuzotter  ist,  recht
vbeoeiel  Rum  oder  Cognae  zu  trinken.  Auch  sorgfältiges

 
      

—  —  Auswaschen  und  Ausschneiden  der  Wunde  ist  anzzuraten.
  Manche  empfehlen  auch,  die  Wunde  so-Kopf
  der  Kreuzotter.  fort  auszusaugen.  Das  ist  jedoch  ein  nicht  ungefährliches

  Mittel;  denn  hat  der,  der  das  Gift  aussaugt,

  auch  nur  die  geringste  wunde  Stelle  im  Munde,  so  kann  ihm  das  Gift
den  Tod  bringen.  Sobald  nämlich  das  Gift  ins  Blut  gerät,  wirkt  es  schädlich,
während  es  im  Magen  nicht  schadet.  In  jedem  Falle  aber  lasse  man  den  Arzt  rufen.
5.  Nahrung.  Die  Kreuzotter  nährt  sich  meist  von  Mäusen.  Wird  sie  eine
Maus  gewahr,  so  zieht  sie  den  Hals  ein  und  schnellt  den  Kopf  blitzschnell  nach  der
Maus  zu.  Der  Biß  geschieht  daher  schlagartig.  Bei  dem  Bisse  zuckt  die  Maus
zusammen,  nur  noch  einige  Schritte  wankt  sie  weiter  —  dann  fällt  sie  auf  die
Seite  und  stirbt.  Auch  Frösche  und  selbst  junge  Vögel  frißt  die  Otter.  Zum  Zerkauen
  und  Zerreißen  sind  die  Zähne  nicht  geeignet.  Sie  muß  das  Tier  ganz  hinunterschlingen.
  Ihr  Rachen  ist  daher  bis  hinter  die  Augen  gespalten,  auch  sind  die
Kiefer  durch  dehnbare  Bänder  mit  den  Kopfknochen  verbunden,  so  daß  sie  das  Maul
sehr  weit  öffren  kann.  Während  sie  das  Tier  hinunterwürgt,  dringt  außerdem  aus
den  Speicheldrüsen  viel  Schleim  hervor,  wodurch  die  Beute  schlüpfrig  gemacht  wird.
6.  Eier.  Häutung.  Winterschlaf.  Im  Hochsommer  legt  die  Kreuzotter  auf
Moos,  zwischen  Gras  u.  s.  w.  gegen  fünfzehn  lederschalige  Eier,  aus  denen  sofort
die  Jungen  auskriechen.  Zuweilen  findet  man  im  Walde  ein  sogenanntes  „Natternhemd“.
  Dieses  „Hemd“  ist  die  zusammenhängende  Haut  der  Kreuzotter  (oder  der
Ringelnatter).  Sie  hat  sie  bei  der  Häutung  (wobei  sie  sich  durch  einen  engen  Spalt
zwängt)  abgestreift.  Gegen  den  Winter  hin  fällt  sie  in  einen  Winterschlaf.  In
Pommern  fanden  Holzhauer  einst  81  Kreuzottern  unter  einem  Erlenstubben  schlafen.

115.  Die  rote  Waldameise.

1.  Am  Ameisenhaufen.  Zur  Seite  des  Waldwegs  erhebt  sich  unter  Kiefern
ein  Ameisenhaufen.  Er  ist  aus  Tannennadeln,  Holzklümpchen,  Erdstückchen  u.  s.  w.
hergestellt.  Im  Winter  ist  es  still  darin.  Die  Ameisen  halten  ihren  Winterschlaf.
Im  Frühlinge  aber  wachen  sie  auf.  Dann  wird  es  im  Ameisenhaufen  lebendig.  Sie
machen  sich  sofort  daran,  das  Nest  auszubessern.  Manche  schleppen  Holzstückchen
herbei,  die  wohl  zwanzigmal  länger  und  viel  schwerer  sind  als  die  Ameise  selbst.
Mit  den  kräftigen  Oberkiefern  haben  sie  das  Holz  wie  mit  einer  Zange  gefaßt.
Schlägst  du  im  Sommer  mit  einem  Tuche  leicht  auf  den  Bau,  so  entsteht  ein  buntes
Gewirre.  Immer  und  immer  wieder  kommen  neue  Ameisen  aus  dem  Bau  hervor
Sie  wollen  ihre  Wohnung  schützen.  Wo  sie  zerstört  ist,  bessern  sie  sie  sofort  wieder
aus.  Aber  sie  suchen  sich  auch  zu  rächen.  Wütend  kriechen  sie  an  dir  empor.  Bald
fühlst  du  einen  stechenden  Schmerz.  Eine  Ameise  hat  dich  verwundet  und  in  die
Wunde  eine  Säure  gespritzt.  Diese  fließt  aus  einer  Drüse  am  Hinterleibe  hervor  und
verursacht  den  stechenden  Schmerz.  Schlägst  du  mit  der  Hand  auf  den  Ameisenhaufen,
  so  riecht  die  Hand.  Der  starke  Geruch  stammt  nämlich  von  jener  Säure,  der
Ameisensäure,  her.  Betupfst  du  die  schmerzende  Stelle  mit  etwas  Salmiakgeist,  so
läßt  der  Schmerz  sofort  nach.  —  Das  Innere  des  Ameisenhaufens  besteht  aus
zahlreichen  Kreuz=  und  Quergängen  und  Höhlen,  in  denen  sich  die  Bewohner  tummeln.
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        —  263  —

2.  Vermehrung.  In  jedem  Bau  leben  Weibchen,  Männchen  und  Arbeiter.
Die  Arbeiter  sind  die  eigentlichen  Bauleute.  Sie  sind  immer  ungeflügelt,  die
Männchen  und  Weibchen  aber  haben  Flügel.  Die  ersten  Männchen  und  Weibchen
fliegen  im  Mai  und  Juni  aus.  Die  Weibchen  verlieren  meist  bald  ihre  Flügel
und  werden  von  den  Arbeitern  wieder  in  den  Bau  getragen.  Hier  legt  jedes
Weibchen  im  Laufe  des  Sommers  mehrere  Tausend  Eier.  Diese  sind  sehr  klein
und  ganz  weiß.  Nach  einigen  Tagen  schlüpfen  aus  ihnen  weiße  Larven  aus,  die
sich  nach  14  Tagen  verpuppen.  Diese  Puppen  werden  fälschlich  „Ameiseneier“
genannt.  Aus  ihnen  kriechen  nach  2—4  Wochen  die  jungen  Ameisen  hervor.  Die
Sorge  für  die  Brut  liegt  besonders  den  Arbeitern  ob.  Sie  sind  die  sorgsamsten
Kinderwärter.  So  öffnen  sie  des  Morgens  —  vorausgesetzt,  daß  es  nicht  regnet
—  die  verrammelten  Zugänge,  tragen  die  Puppen  an  die  Sonne  oder  holen
Süßigkeiten  aus  Blüten  und  Früchten,  um  die  Larven  oder  Jungen  zu  füttern.
Andre  sind  mit  dem  Ausbau  des  Nestes  beschäftigt  oder  stehen  am  Eingange
Wache,  um  jeden  Eindringling  abzuhalten.  Gegen  Abend  werden  die  Puppen  in
das  Nest  gebracht  und  alle  Eingänge  mit  Kiefern=  oder  Fichtennadeln  versperrt.

3.  Nahrung.  Die  Nahrung  der  Anmeisen  ist  sehr  verschieden.  Honig,  Obst,
Zucker,  Sirup  u.  a.  Süßigkeiten  sind  ihre  Lieblingsspeisen;  doch  fressen  sie  auch  tote
Tiere,  wie  Käfer,  Mäuse,  Frösche,  Raupen  u.  s.  w.,  bis  auf  Haut  und  Knochen  auf.
Sie  werden  dadurch  die  „Straßenreiniger  des  Waldes“.  Die  Blattläuse  sind  ihre
„Milchkühe“.  Zu  ihnen  kriechen  sie  gern  auf  Baum  und  Strauch.  Diese  Tierchen
sondern  nämlich  aus  dem  Hinterleibe  (nicht,  wie  man  früher  glaubte,  aus  den  aufwärts
  stehenden  Rückenröhren,  den  „Honigtrompeten“)  einen  Saft  aus,  den  die  Ameisen
gern  lecken.  Damit  die  Absonderung  schneller  vor  sich  gehe,  belecken  sie  die  Blattläuse
und  streicheln  sie  mit  den  Fühlern:  sie  „melken“  sie.  Zuweilen  tragen  die  Ameisen
ihre  Milchkühe  von  trocknen  Zweigen  auf  frische,  saftige  Pflanzen.  Auch  setzen  sie  wohl
eine  Blattlausgesellschaft  mit  ihrem  Neste  durch  einen  verdeckten  Gang  in  Verbindung.

116.  Der  dichte  Kalkstein.

1.  Beim  Kalkofen.  Tief  versteckt  im  Walde  steht  ein  niederes  Haus  mit
dampfendem  Schornsteine.  Es  ist  ein  Kalkofen.  In  einiger  Entfernung  davon
sehen  wir  einen  tief  in  die  Erde  gehenden  Kalkfelsen,  aus  dem  der  rohe  Kalk
von  kräftigen  Männern  losgehauen  wird.  Solcher  Kalkstein  ist  auf  der  ganzen
Erde  verbreitet.  Er  bildet  entweder  große  Lager  in  der  Erde  oder  ganze  Gebirge.
Betupfe  ihn  mit  Salzsäure!  Er  braust  auf.  Er  enthält  nämlich  Kohlensäure,  die
in  Bläschen  entweicht.  Glüht  man  ihn,  so  entweicht  ebenfalls  Kohlensäure,  und
was  übrig  bleibt,  ist  Kalkerde.  Der  dichte  Kalkstein  besteht  nämlich  aus  Kohlensäure
  (44  %)  und  Kalkerde  (56  5%)..  Er  heißt  deshalb  auch  kohlensaurer  Kalk.
Solange  noch  die  Kohlensäure  im  Kalke  enthalten  ist,  läßt  er  sich  nicht  in  einen
Brei  verwandeln,  wohl  aber,  wenn  vorher  alle  Kohlensäure  aus  ihm  herausgetrieben
worden  ist.  Das  geschieht  durch  Brennen  des  Kalkes  im  Kalkofen.  Läßt  man  gebrannten
  Kalk  (Kalkerde)  längere  Zeit  in  Leinwand  liegen,  so  zerstört  er  sie.  Er
wirkt  also  ätzend  und  heißt  deshalb  Artzkalk.

2.  Löschen.  Mörtel.  Cement.  Tauche  ein  Stückchen  Atzkalk  in  Wasser  und
halte  es  dann  in  der  Hand  fest!  Du  fühlst  bald  ein  Brennen  in  der  Hand.  Der
Atzkalk  saugt  nämlich  sehr  begierig  Wasser  auf,  verbindet  sich  mit  dem  Wasser  und
entwickelt  dabei  Wärme.  Will  der  Maurer  gebrannten  Kalk  gebrauchen,  so  begießt
er  ihn  erst  in  der  „Kalkgrube“  mit  Wasser:  er  „löscht“  ihn,  wie  er  sagt.  Dabei
verwandelt  sich  der  Atzkalk  unter  Zischen  und  Dampfbildung  in  ein  weißes  Pulver
und  dieses  durch  weitern  Zusatz  von  Wasser  in  einen  weißen  Brei.  („Gelöschter
Kalk“.)  Wird  der  Brei  mit  Sand  vermengt,  so  heißt  er  „Mörtel“.  Dieser  ver-
        <pb n="259" />
        —  254  —

bindet  die  Mauersteine  eng  miteinander,  denn  er  erhärtet  bald  an  der  Luft.  Vielfach
verwendet  man  statt  des  Mörtels  den  „Cement“,  d.  i.  mit  Thon  vermischter  Mörtel.
Er  wird  unter  Wasser  so  hart  wie  Stein.  Man  verwendet  ihn  deshalb  zu  Wasserbauten.

3.  Kreide  ist  auch  nichts  andres  als  kohlensaurer  Kalk.  Gieße  Essig  auf  ein
Stück  Kreide!  Sie  braust  auf.  Warum?  Betrachtet  man  Kreide  durch  ein  starkes
Vergrößerungsglas,  so  sieht  man,  daß  sie  aus  den  Gehäusen  äußerst  kleiner  Tierchen
besteht.  Diese  hat  früher  das  Meer  abgelagert.  Die  Kreide  bildet  oft  förmliche
Gebirge,  z.  B.  auf  Rügen  (Stubbenkammer),  an  den  Küsten  Englands,  in  Frankreich
  u.  s.  w.  Um  die  Kreide  von  fremden  Beimischungen  zu  reinigen,  schlämmt  man  sie.

4.  Marmor  ist  körniger,  sehr  harter  Kalkstein.  Er  wechselt  in  der  Farbe  und
kommt  weiß,  rot,  blau,  grün,  schwarz,  flammig  und  geädert  vor.  Der  schönste
Marmor  stammt  aus  Italien.  Dort  gewinnt  man  ihn  besonders  bei  Carrära  (aus
600  Brüchen).  Er  wird  vielfach  von  den  Bildhauern  zu  Denkmälern  benutzt.  In
Deutschland  wird  der  Marmor  besonders  im  Fichtelgebirge  bei  Wunsiedel  und  Hof,
in  Schlesien  bei  Strehlen  und  Jauer  gefunden.

117.  Der  Thonschiefer.

Im  „Schieferbruche“  sehen  wir  deutlich,  wie  der  Thonschiefer  in  wagerechten
Schichten  übereinander  lagert.  Diese  Schichten  lassen  darauf  schließen,  daß  der
Schiefer  durch  Ablagerung  im  Meere  entstanden  ist.  Er  besteht  der  Hauptsache  nach
aus  Thon  und  einer  geringen  Menge  Quarz.  Die  blauschwarze  Farbe  rührt  von
Kohlenteilen  her.  Hauptfundorte  in  Deutschland  sind:  für  Dachschiefer  Caub  a.  Rh.,
für  Tafelschiefer  Lehesten  am  Thüringer  Walde.  Verarbeitet  wird  dieser  Tafelschiefer
  in  Sonneberg,  von  wo  aus  fast  ganz  Deutschland  mit  Schiefertafeln
und  Griffeln  versorgt  wird.

118.  Schlußbetrachtung.

1.  Unermeßlich  groß  ist  die  Zahl  der  Tiere,  die  den  Wald  bewohnen.  Das
hat  seine  bestimmten  Gründe.  Einmal  gewährt  ihnen  der  Wald  reichliche  Nahrung,
sodann  aber  auch  Schutz  und  Obdach.  Zwar  suchen  manche  Waldtiere  ihre  Nahrung
teilweise  auch  außerhalb  des  Waldes  (Hirsch,  Wildschwein,  Fuchs,  Wolf),  aber  dies
geschieht  meist  nur  im  Dunkel  der  Nacht.  Beim  Grauen  des  Tages  suchen  sie  in  der
Regel  den  schützenden  Wald  wieder  auf.  Das  Eichhörnchen  wäre  vollständig  unfähig
zum  Leben  außerhalb  des  Waldes.  Es  verläßt  den  Wald  höchstens  einmal,  um  einer
nahen  Nußbaumallee  einen  Besuch  abzustatten,  sonst  aber  findet  es  jahraus,  jahrein
im  Walde  Nahrung  und  Schutz.  Und  ähnlich  wie  bei  den  Vierfüßlern  ist  es
auch  bei  den  Vögeln.  Der  Buntspecht  würde  ohne  den  Wald  bald  zu  Grunde
gehen.  Zwar  macht  er  auch  Apfel=  und  Kirschbäumen  Besuche,  aber  auf  die
Dauer  würde  er  sich  in  Obstgärten  nicht  halten  können.  Etwas  anders  ist  es  mit
dem  Hühnerhabichte.  Er  jagt  sowohl  im  Walde  als  auf  dem  Felde.  Dennoch  ist  er
mit  Recht  den  Waldvögeln  zuzurechnen;  denn  seinen  Horst  legt  er  in  der  Regel  nur
auf  alten,  hohen  Waldbäumen  an.  Seine  Geburtsstätte  ist  also  der  Wald.  Dort
pflegt  er  auch  zu  übernachten.  (Weise  auch  bei  der  Eidechse,  der  Kreuzotter,  der
Waldameise  nach,  warum  sie  den  Wald  aufsuchenl)

2.  Zu  den  Mineralien,  die  Tiere  und  Pflanzen  für  ihre  Ernährung  nötig  haben,
gehört  besonders  auch  der  Kalk.  Er  findet  sich  auf  der  Erde  in  verschiedener  Menge
verteilt,  mehr  oder  weniger  kommt  er  in  jeder  Bodenart  vor.  Im  Wasser  aufgelöst,
wird  er  von  den  Pflanzen  als  Nahrung  aufgenommen.  Bei  geringem  Kalkgebalt
des  Bodens  tritt  leicht  Kalkmangel  ein,  wodurch  das  Wachstum  der  Pflanzen
verhindert  wird.  Die  Tiere  nehmen  den  Kalk  wiederum  durch  die  Pflanzen  und
das  Wasser  in  sich  auf.  Der  größte  Teil  ihrer  Knochenmasse  besteht  ja  aus  Kalk.
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        —  255  —

Ebenso  hat  sich  daraus  die  Schale  des  Vogeleies,  das  Gehäuse  der  Muscheln  und
Schnecken,  der  Panzer  der  Krebse  und  der  Korallenstock  im  Meere  gebildet.

XVI.  Der  Braun-  und  Steinkohlenwald.
119.  Braunkohle  und  Steinkohle.

1.  Vrannkohle.  Untersuche  Braunkohlenstücke  mit  dem  Messer!  An  einigen
sieht  man  deutlich,  daß  sie  aus  Holz  (Bäumen)  entstanden  sind.  Die  Farbe  ist  braun.
Sie  rührt  von  der  Verkohlung  her.  (S.  Torf  S.  2641)  Die  Braunkohlen  liegen  in
der  Erde  in  gleichlaufenden  Schichten  („Flözen“,  d.  h.  Ebenen),  die  mit  Thon=  und
Sandschichten  abwechseln.  Aus  dieser  Art  der  Ablagerung  hat  man  geschlossen,
daß  sie  aus  überfluteten  und  verschütteten  Wäldern  entstanden  sind.

2.  Entstehung  der  Steinkohle.  Die  Steinkohle  hat  sich  in  ähnlicher  Weise
gebildet  wie  die  Braunkohle,  ist  aber  bedeutend  älter.  Darum  ist  sie  auch  mehr  verkohlt.
  Sie  kommt  in  der  Erde  ebenfalls  stets  in  gleichlaufenden  Schichten  („Flözen")
vor.  Unter  der  Steinkohlenschicht  findet  sich  eine  Lehmschicht,  über  ihr  eine  Schieferthon=
  oder  Sandsteinschicht.  In  diese  oberste  Schicht  ragen  häufig  dunkle  Stümpfe
(Uberreste  von  Baumstämmen)  hinein.  In  der  Lehmschicht  bemerkt  man  dagegen  nicht
selten  dunkle,  verzweigte  Streifen  (Baumwurzeln).  Man  hat  daraus  folgenden  Schluß
gezogen:  Der  Lehm  war  einst  Sumpfland,  worin  die  Bäume  wurzelten,  die  Kohlenschicht
aber  bildete  einen  Wald.  Allmählich  sank  der  Sumpf.  Es  strömten  Gewässer  auf  ihn
ein,  und  so  wurden  die  Bäume  unter  Sand  und  Schlamm  vergraben  und  verkohlten
im  Laufe  der  Zeit.  Auf  der  Sand=  und  Schlammmasse  aber  wuchs  eine  neue  Pflanzenwelt
  empor,  die  abermals  verschüttet  wurde.  Da  sich  dies  öfter  wiederholte,  so  erklärt
es  sich,  daß  meist  zahlreiche  Kohlenschichten  (30—40,  ja  selbst  120)  übereinander
lagern.  (Andre  nehmen  an,  daß  die  Schichten  durch  angeschwemmte  Pflanzenreste
entstanden  seien.)  Aus  den  verkohlten  Baumstümpfen  kann  man  auch  noch  erkennen,
was  für  Wälder  einst  die  Erde  bedeckten.  Sie  bestanden  aus  Farnkräutern,
Bärlappgewächsen  (Schuppenbaum  und  Siegelbaum)  und  Schachtelhalmen,  die
zu  baumhohen  Stämmen  heranwuchsen.  In  der  Grafschaft  Glatz  hat  man
einen  verkohlten  Baum  von  5  m  Umfang  gefunden,  und  im  botanischen  Garten
zu  Breslau  zeigt  man  sogar  einen  solchen,  dessen  Umfang  mehr  als  das  Doppelte
davon  beträgt.

3.  Gewinnung.  Steinkohlenlager  finden  sich  in  der  Rheinprovinz,  in  Westfalen,
  Schlesien,  Böhmen,  Sachsen,  England  (Erdk.,  S.  130),  Nordamerika,  China
u.  s.  w.  Auf  dem  europäiüschen  Festlande  ist  das  Saarbrückener  Steinkohlenlager
das  größte.  Es  ist  70  km  lang,  stellenweise  15  km  breit  und  2—3  ½⅛  km  dick.
Uber  dem  Steinkohlenlager  steht  mitten  im  Felde  ein  Häuschen.  Darin  ist  der
Eingang  zum  Schachte.  Hier  „fahren  die  Bergleute  ein"“.  Auf  langen  Leitern
steigen  sie,  zuweilen  300—400,  ja,  900  m#  tief,  in  den  dunkeln  Schoß  der  Erde.  In
der  Hand  hält  jeder  eine  Sicherheitslampe.  Diese  ist  mit  einem  doppelten,  feinen
Drahtnetze  versehen,  damit  sie  das  in  den  Bergwerken  sich  ansammelnde  „Grubengas"
  (S.  264)  nicht  entzünde.  Dieses  Gas  fürchtet  der  Bergmann  sehr.  Er  nennt
es  „schlagende  Wetter"“.  Es  entzündet  sich  leicht  und  richtet  dann  furchtbare
Verheerungen  an.  Gerät  der  Bergmann  mit  dem  Grubenlichte  an  solches  Gas,
so  dringt  es  durch  das  Drahtgitter  und  entzündet  sich  innerhalb  desselben.
An  dem  Drahtgitter  aber  kühlt  sich  (da  Metall  gut  leitet)  die  Flamme  so  schnell
ab,  daß  sie  nicht  nach  außen  gelangen  kann.  Um  die  Gase  zu  entfernen,  hat
man  in  jedem  Bergwerke  Luftzüge  angebracht.  Dennoch  kommen  oft  furchtbare

Unglücksfälle  vor,  so  1869  im  plauenschen  Grunde  bei  Dresden,  wo  275  Arbeiter
an  einem  Tage  das  Leben  verloren.
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        —  256  —

4.  Verwertung.  Gas.  Die  Steinkohle  dient  in  erster  Reihe  zur  Heizung.
Sie  brennt  sehr  gut  und  giebt  dreimal  so  viel  Hitze  als  eine  gleich  große  Menge
des  besten  Buchenholzes.  Die  feste  Kännelkohle,  die  besonders  in  England  gefunden
  wird,  ist  so  hart,  daß  man  sie  schleifen  und  polieren  kann.  Sie  wird
daher  zu  Knöpfen,  Uhrketten  und  vielen  andern  Schmucksachen  verarbeitet.  —
Besonders  wertvoll  sind  die  Kohlen  auch  dadurch  geworden,  daß  wir  aus  ihnen
das  Leuchtgas  gewinnen,  mit  dem  wir  des  Abends  Zimmer  und  Straßen  erhellen.
Man  benutzt  dazu  Ofen,  in  denen  6—12  m  lange  Thonröhren  liegen.  Jede  Röhre
kann  etwa  100  kg  Kohlen  fassen.  Nachdem  man  die  Röhren  fest  verschlossen
hat,  wird  der  Ofen  tüchtig  geheizt.  Nun  entwickeln  sich  aus  den  Kohlen  Dämpfe
und  Gase,  die  durch  Röhren  in  einen  großen  Cylinder,  die  „Vorlage“,  geleitet
werden.  Hier  verdichten  sich  die  Dämpfe  zu  Teer  und  Teerwasser,  die  in  die  Teercisterne
  abfließen.  Die  heißen  Gase  aber  durchströmen  hierauf  einen  kühlen  Raum,
den  Kondensator,  damit  sie  dort  abgekühlt  und  verschiedene  beigemischte  Dämpfe
verdichtet  werden.  Darauf  werden  die  Gase  noch  mehrmals  gereinigt.  Das  gereinigte
Leuchtgas  wird  dann  durch  Röhren  weiter  in  eine  mächtige,  mit  der  Offnung  ins
Wasser  tauchende  Trommel,  das  Gasometer,  geleitet,  von  dort  aber  durch  unterirdische
Röhren  in  die  Straßen  und  Häuser  der  Stadt.  Die  Überreste  der  zur  Gasbereitung
benutzten  Steinkohlen  heißen  Koks.  Sie  geben  noch  ein  vorzügliches  Brennmaterial.

120.  Das  Steinöl  (Petroleum).

1.  Entstehung.  Über  die  Entstehung  des  Steinöls  weiß  man  nichts  Bestimmtes.
  Früher  nahm  man  an,  daß  sich  das  Steinöl  durch  Zersetzung  der
Steinkohle  gebildet  habe.  Demnach  müßte  man  aber  da,  wo  man  Steinkohlen
findet,  auch  Steinöl  antreffen.  Das  ist  jedoch  meistens  nicht  der  Fall.  Da  man
aus  Fett  Petroleum  herstellen  kann,  so  neigt  man  jetzt  vielfach  der  Ansicht  zu,
daß  sich  das  Petroleum  aus  angehäuften  Meertierleichen  (Muscheln,  Fischen  u.  s.  w.),
gebildet  habe.  Die  noch  mit  dem  Ole  in  den  Gesteinsschichten  eingeschlossenen  Gase
üben  nicht  selten  auf  das  Petroleum  einen  gewaltigen  Druck  aus.  Daher  kommt  es
auch,  daß  bei  Anbohrungen  zuweilen  das  Ol  von  selbst  einige  Tage  oder  Wochen
lang  herausströmt.  In  Amerika  kam  dieser  Fall  kurz  nach  der  Entdeckung  des
Steinöls  nicht  selten  vor.  Die  Besitzer  der  Quellen  konnten  gar  nicht  genug
Fässer  herbeischaffen  und  mußten  das  Ol  laufen  lassen,  wohin  es  wollte.  In  den
meisten  Fällen  wird  jedoch  das  Petroleum  durch  Pumpen  aus  der  Erde  hervorgeholt.

2.  Vorkommen.  In  größern  Mengen  wurde  das  Steinöl  zuerst  in  Amerika
aufgefunden.  Ein  Bohrloch  im  Staate  Pennsylvanien  lieferte  1859  mit  Anwendung
einer  kleinen  Pumpe  täglich  1600  1,  später  sogar  4000  1.  Uberall  wurde  nun  in
der  Umgegend  nach  Petroleum  gebohrt,  und  bald  entlockte  man  der  Erde  reiche
Schätze  dieses  bis  dahin  unbekannten  Minerals.  Wie  kurz  zuvor  die  Goldfelder
Kaliforniens,  so  zogen  jetzt  die  Olfelder  die  Menschen  in  großer  Zahl  herbei,
und  die  Städte  wuchsen  wie  Pilze  aus  der  Erde.  Auch  an  verschiedenen  Stellen
Deutschlands  (Braunschweig,  Holstein,  Bayern,  Lüneburger  Heide  u.  s.  w.)  sind
Petroleumquellen  entdeckt,  doch  sind  sie  nicht  besonders  ergiebig.  Sehr  große  Vorräte
von  Steinöl  hat  man  dagegen  bei  Baku  am  kaspischen  Meere  aufgefunden.  (Erdk.,
S.  141.)  Der  Hauptbedarf  wird  jedoch  immer  noch  durch  amerikanisches  Ol  gedeckt.

3.  Reinigung.  Das  Steinöl  sieht  im  rohen  Zustande  bald  hell-,  bald  dunkelbraun
  aus  und  bildet  eine  ziemlich  dickflüssige  Masse,  die  sehr  stark  riecht  und  sich
leicht  entzündet.  Damit  das  Ol  für  unfre  Lampen  brauchbar  werde,  destilliert  man
es  mehreremal.  Dabei  verflüchtigen  sich  zunächst  die  leicht  entzündbaren  Stoffe,
Petroleumäther  und  Benzin;  dann  erst  scheidet  sich  das  Petroleum  von  der  dichtern
Masse  aus.  Es  ist  jetzt  wasserhell  oder  schwach  gelb  gefärbt  und  zeigt  einen  bläu-
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        —  257  —

lichen  Schimmer.  Mährend  sich  das  rohe  Petroleum  schon  bei  +  7°  C.  entzündet,
geschieht  dies  bei  dem  gereinigten  Ole  erst  bei  einer  Wärm  von  38—400  C.

XVII.  Anfre  Gewässer  im  Winter.

Der  grimme  Winter  bedeckt  Teiche  und  Seen,  Bäch-  und  Flüsse  mit  einer
dicken  Eisdecke.  Unter  dieser  aber  sinkt  die  Temperatur  des  Wassers  niemals  bis
auf  den  Gefrierpunkt,  sondern  behält  selbst  bei  der  grimmigsten  Kälte  immer  noch
1—20  Wärme.  Das  ist  ein  großer  Segen  für  die  Fische  und  alle  übrigen  Wasserbewohner;
  denn  sie  müßten  ja  elendiglich  zu  Grunde  gehen,  wenn  es  dem  bösen  Winter
gelänge,  alles  Wasser  bis  auf  den  Grund  der  Teiche  und  Flüsse  in  Eis  zu  verwandeln.

Von  dem  Leben  der  Wasserbewohner  aber  merkt  man  im  Winter  wenig.
Frösche  und  Schildkröten  liegen  erstarrt  im  Schlamme.  Einige  Fische,  wie  z.  B.
der  Aal,  haben  sich  ebenfalls  in  den  Schlamm  verkrochen  und  halten  dort  einen
Winterschlaf,  die  übrigen  verbringen  den  Winter  in  träger  Ruhe  unten  am  Grunde
des  Wassers.  Der  Fischzüchter  haut  Löcher  in  die  Eisdecke  des  Karpfenteichs,
damit  die  Karpfen  nicht  ersticken.  Denn  für  die  karpfenartigen  Fische  genügt  die
Atmung  im  Wasser  nicht.  Sie  müssen  von  Zeit  zu  Zeit  an  die  Oberfläche
kommen,  um  Luft  zu  schnappen.  Hier  an  diesen  Löchern  erscheint  dann  auch
zuweilen  der  Eisvogel,  in  der  Hoffnung,  einen  Fisch  erhaschen  zu  können.

121.  Die  Hausente.

1.  Körperbau,  dem  Leben  auf  dem  Wasser  angepaßt.  Die  Ente  hält  sich
am  liebsten  auf  dem  Wasser  auf.  Ihr  Körper  ist  aber  auch  ganz  und  gar  dem
Leben  auf  dem  Wasser  angepaßt.  Das  merkt  man  am  besten  an  ihren  Füßen.
Zwischen  den  3  Vorderzehen  sitzt  nämlich  eine  dicke  Haut,  die  Schwimmhaut.
Will  die  Ente  schwimmen,  so  breitet  sie  diese  Haut  straff  aus  und  stößt  bald  mit
dem  rechten,  bald  mit  dem  linken  Beine  das  Wasser  zurück.  So  bewegt  sich  der
Körper  vorwärts,  ähnlich  wie  ein  Boot  durch  das  Ruder.  Zieht  dagegen  die  Ente
ihre  Füße  wieder  nach  vorn,  so  legt  sich  die  Schwimmhaut  in  Falten  zusammen.
Dadurch  hat  sie  weniger  Widerstand  im  Wasser  zu  überwinden.  Die  Beine  sind
kurz.  Sie  braucht  daher  nur  wenig  Kraft  beim  Rudern  anzuwenden.  (Fahre  mit
einem  langen  und  einem  kurzen  Stocke  durchs  Wasser!)  Auch  stehen  die  Beine  weit
nach  hinten.  Dadurch  sind  sie  zum  Steuern  und  Gründeln  gut  geeignet.  Der
Gang  aber  wird  den  Enten  dadurch  erschwert:  sie  gehen  watschlig.  Der  Körper
ist  kahnförmig  (sehr  breit  und  nicht  hoch).  Daher  schwimmt  er  leicht.  Auffallend  ist,
daß  die  Ente  auch  ruhend  (ohne  Bewegung  der  Beine)  schwimmen  kann.  Dies  ist
ihr  nur  dadurch  möglich,  daß  sich  in  der  Brusthöhle,  in  den  Oberarmknochen,  den
Federkielen  u.  s.  w.  Luftbehälter  finden,  wodurch  die  Ente  vom  Wasser  getragen  wird
wie  etwa  eine  mit  Luft  gefüllte  Schweinsblase.  Die  Hauptsache  aber  ist,  daß  das
Gefieder  der  Ente  kein  Wasser  durchläßt;  denn  das  Wasser  rinnt  perlartig  von  den
Deckfedern  ab.  Die  Ente  reibt  nämlich  ihr  Gefieder  täglich  mehrmals  mit  einer
Fettmasse  ein,  die  aus  einer  warzenartigen  Drüse  auf  der  Schwanzwurzel  hervordringt.
  Darum  sehen  wir  die  Ente  so  oft  den  Schnabel  nach  dem  Schwanze  hinwenden
  und  dann  die  Federn  mit  Fett  bestreichen.  So  erklärt  es  sich  auch,  daß  ihr
Körper  beim  Schwimmen  oben  auf  dem  Wasser  bleibt,  während  der  Körper  des
Hundes  u.  a.  Tiere  im  Wasser  tief  untersinkt.  —  Auch  mitten  im  Winter  schwimmt
die  Ente  gern  auf  dem  Wasser  umher,  oft  zwischen  Eisstücken.  Ihr  dichtes  Federkleid,
  besonders  die  unter  den  Deckfedern  sitzenden  Daunen  —  und  nicht  minder
eine  unter  der  Haut  liegende  dicke  Fettschicht  —  schützen  sie  gegen  die  Kälte.

2.  Nahrung.  Wie  alle  Wassertiere,  so  findet  auch  die  Ente  ihre  Nahrung
vorzugsweise  im  Wasser.  Besonders  gern  frißt  sie  Teichlinsen,  die  ja  auch  davon

Realienbuch.  B.  17
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        —  268  —

den  Namen  „Entengrütze“  erhalten  haben.  Ebenso  macht  sie  Jagd  auf  die  zwischen
den  Teichlinsen  lebenden  Schnecken  und  Würmer  sowie  auf  die  Larven  der  Mücken
und  Libellen.  Auch  Frösche  und  Fische  verschmäht  sie  nicht.  Aber  was  ist  denn
das?  Dort  steht  sie  ja  auf  einmal  senkrecht  auf  dem  Kopfe?  Wirklich  ein  feines
Kunststückchen!  Erst  nach  einigen  Sekunden  hebt  sie  den  Kopf  wieder  empor,
und  nun  sehen  wir  aus  dem  Schnabel  eine  Menge  Wasser  herausfließen.  Hinterher
  aber  bemerken  wir,  daß  die  Ente  etwas  verschlingt.  Es  ist  eine  Schnecke  oder
ein  Käfer,  den  sie  beim  „Gründeln“  erwischt  hat.  Beim  Tauchen  kommt  ihr  die
Einrichtung  ihres  Schnabels  vorzüglich  zu  statten.  Er  ist  nämlich  mit  einer  sehr
weichen,  nervenreichen  Haut  überzogen,  so  daß  er  der  Ente,  die  ja  in  dem  schlammigen
  Wasser  nicht  gut  sehen  kann,  zugleich  als  Tastwerkzeug  dient.  Auch  läuft
er  vorn  in  eine  harte  Spitze  (den  „Nagel“)  aus.  Daher  kann  sie  ihn  recht  tief
in  den  Schlamm  bohren.  Ferner  ist  der  Schnabel  inwendig  mit  querliegenden
Rillen  versehen,  und  die  Schnabelränder  sind  wie  eine  Säge  ausgeschnitten,  so  daß
sich  seitlich  am  geschlossenen  Schnabel  kleine  Löcher  finden  und  er  hier  wie  ein  Sieb
wirkt.  Dies  kommt  ihr  beim  „Schnabbeln“  sehr  zu  statten.  Auf  den  ersten  Blick  sieht
es  aus,  als  ob  sie  lauter  Schlamm  fräße.  Aber  das  scheint  nur  so.  Der  Schlamm
fließt  an  beiden  Seiten  des  Schnabels  wieder  ab,  während  die  Ente  nur  die  im
Schlamme  enthaltenen  Nahrungsstoffe  festhält.  Auf  dem  Lande  sucht  die  Ente
gern  die  Gossen  nach  Küchenabfällen  (Fleisch,  Kartoffeln,  Körnern  u.  s.  w.)  ab.

3.  Brut.  Ihr  kunstloses  Nest  macht  sich  die  Ente  aus  Stroh  oder  Schilf
im  Stalle  oder  am  Ufer  des  Teiches  oder  Flusses.  Sie  legt  5—12  Eier.  Nach
28—32  Tagen  kriechen  die  jungen  Entlein  aus.  Sie  folgen  der  Mutter  schon
am  ersten  Tage  überall  hin  und  sind  nach  wenigen  Tagen  vorzügliche  Schwimmer.

122.  Die  europäische  Sumpfschildkröte.

1.  Körperbau.  Die  Sunpsschildkröte  ist  die  einzige  Schildkröte  Deutschlands.

Sie  kann  sowohl  auf  dem  Lande  als  auch  im  Wasser  leben.  Auf  dem  Lande
bewegt  sie  sich,  da  ihre  Zehen  durch  eine  Schwimmhaut  verbunden  sind,  sehr  unbeholfen.
  Durch  schnelle  Flucht  kann  sie  sich  daher  in  „Gefahr  zu  Lande“  nicht
retten.  Auch  fehlt  ihr  fast  jede  Waffe  zur  Wehr  gegen  ihre  Feinde  im  Wasser.
Darum  aber  bekleidete  sie  auch  der  Schöpfer  wie  einen  Ritter  mit  einem  harten
Panzer,  unter  dem  sie  sich  fast  vollständig  verbergen  kann.  Dieser  Panzer  setzt
sich  aus  dem  Rückenunddem
  Bauchpanzer
zzusammen.  Beide
Teile  sind  an  der
Seite  durch  eine
Knmorpelhaut  ziemlich
fsfest  miteinander  verwachsen.
  An  dem
FPeanzer  sind  2  Offnnngen,
  die  vordere
für  den  Kopf  und
die  Vorderbeine,  die
hintere  für  den
Schwanz  und  die
Hinterbeine.  Sobald
dem  Tiere  Gefahr

#..  droht,  zieht  es  Kopf,

Die  europäische  Sumpfschildkröte.  Schwanz  und  Füße
        <pb n="264" />
        —  259  —

unter  den  Panzer  zurück.  Hier  ist  es  ziemlich  sicher  geborgen;  denn  der  Panzer  ist
so  hart,  daß  selbst  ein  Wagen  darüber  hinwegfahren  kann,  ohne  ihn  zu  beschädigen.
  Der  Rückenpanzer  wird  durch  die  Wirbel  und  die  verwachsenen  Rippen
gebildet  und  ist  mit  dem  Rücken  des  Tieres  fest  verwachsen.  Der  Bauchpanzer  hat
sich  aus  dem  Brustbeine  gebildet  und  ist  mit  dem  Bauche  verwachsen.  In  der  Mitte
des  Rückenpanzers  liegen  (in  3  Reihen)  13  und  am  Rande  25  kleinere  Schilde
(Hornplatten).  Sie  sind  unter  dem  Namen  Schildkrot  oder  Schildpatt  bekannt.
(Das  beste  Schildpatt  liefert  die  Karettschildröte.  Ihre  Schilde  werden  zu  Dosen,
Kämmen,  Knöpfen  und  andern  Sachen  verarbeitet.)

2.  Im  Wasser.  So  unbeholfen  auch  die  Schildkröte  auf  dem  Lande  ist,  so
geschickt  bewegt  sie  sich  im  Wasser.  Sie  kann  sehr  gut  schwimmen.  Auch  vermag
sie  mehrere  Minuten  hintereinander  unter  dem  Wasser  zu  verweilen,  da  sie  mit
ihren  großen  Lungen  viel  Luftvorrat  aufnehmen  kann.

3.  Nahrung.  Die  Nahrung  der  Sumpfschildkröte  besteht  in  Regenwürmern,
Wasserkäfern,  Schnecken,  kleinen  Fischen  u.  s.  w.  Zähne  hat  die  Schildkröte  nicht;
aber  der  scharfe  Unterkiefer  greift  in  den  Oberkiefer  wie  die  Klinge  eines  Taschenmessers
  in  die  Schale.  Mit  dieser  Waffe  wagt  sich  die  Schildkröte  selbst  an
größere  Fische  und  beißt  sie  in  den  Unterleib,  bis  sie  endlich  matt  werden.  Dann
verzehrt  sie  sie  bis  auf  die  Gräten.  Auch  Wasserpflanzen  dienen  ihr  zur  Nahrung.
Den  Winter  verschläft  sie  im  Schlamme.

4.  Vermehrung.  Ende  Mai  geht  die  Schildkröte  abends  anus  Land,  um
Eier  zu  legen.  Zu  dem  Zwecke  bohrt  sie  mit  dem  Schwanze  eine  Höhlung.  In
diese  legt  sie  etwa  6—10  Eier,  die  ungefähr  so  groß  wie  Taubeneier  sind,  und
bedeckt  sie  mittels  der  Hinterfüße  mit  Erde.  Die  Jungen  sind  anfangs  kaum  so
groß  wie  eine  Walnußschale.

123.  Der  Flußaal.

1.  Der  Körper  des  Aales  weicht  in  seiner  äußern  Gestalt  von  dem  der
meisten  Fische  nicht  unwesentlich  ab.  Da  er  vorn  rundlich  und  nur  nach  dem
Schwanze  hin  zusammengedrückt  ist,  so  erscheint  er  uns  mehr  schlangenartig.  Auch
seine  schlängelnde  Bewegung  beim  Schwimmen  erinnert  uns  lebhaft  an  eine  Schlange.
Die  Schuppen  sind  sehr  klein.  Sie  decken  sich  nicht  und  sind  in  der  dicken,  schleimigen
  Haut  versteckt.  Die  Bauchflossen  fehlen.  Die  Brustflossen  sind  kurz,  Rücken-,
Schwanz=  und  Afterflosse  aber  zu  einem  schmalen  Saume  verwachsen.  Auch  die
Kiemendeckel  fehlen  dem  Aale.  Statt  ihrer  hat  er  am  Grunde  jeder  Brustflosse  nur
eine  kleine  Kiemenspalte,  von  der  eine  enge  Röhre  in  die  Kiemenhöhle  führt.  Durch
diese  Einrichtung  sind  die  Kiemen  vor  dem  zu  schnellen  Austrocknen  geschützt.  Daher
vermag  der  Aal  auch  längere  Zeit  außerhalb  des  Wassers  zuzubringen.  Daß  er  sich
aber  tagelang  auf  Wiesen  und  in  Erbsenfeldern  aufhalten  könne,  um  Regenwürmer
und  Schnecken  zu  fangen,  wird  vielfach  bezweifelt.  Er  wird  in  der  Regel  1  m
lang,  bei  reichlicher  Aasnahrung  jedoch  bis  2  m.  Seine  Farbe  ist  eine  Schutzfarbe:
dunkelblau  oder  grünschwarz,  am  Bauche  weiß.

2.  Nahrung.  Der  Aal  ist  ein  nächtlicher  Raubfisch.  Am  Tage  liegt  er
meistens  im  Schlamme  oder  in  Uferhöhlen  verborgen,  oft  mit  vielen  andern  seinesgleichen
  zu  großen  Klumpen  vereinigt.  Sobald  aber  der  Abend  dämmert,  geht  er
auf  Raub  aus.  Dann  schnappt  er  nach  kleinen  Fischen,  Würmern,  Fischlaich  u.  dgl.
Mit  Vorliebe  frißt  er  Aas.  Hundeleichen,  die  man  ins  Wasser  geworfen  hat,
wimmeln  zuweilen  geradezu  von  Aalen.  Da  er  einen  sehr  geschmeidigen,  schlüpfrigen
Körper  hat,  so  zwängt  er  sich  bei  seiner  Jagd  auf  Nahrung  oft  durch  sehr  enge
Löcher  und  gerät  nicht  selten  in  Wasserleitungen  und  Pumpen.

3.  Wanderung.  Vom  Mai  bis  in  den  Herbst,  namentlich  in  den  stürmischen

177
        <pb n="265" />
        —  260  —

Nächten  vom  Oktober  bis  Dezember,  wandern  die  meisten  Weibchen  aus  den  Flüssen
ins  Meer,  um  dort  zu  laichen;  denn  der  Aal  setzt  seinen  Laich  niemals  in  Flüssen
ab.  Nur  die  jungen  und  einzelne  ausgewachsene  Weibchen  bleiben  zurück,  um  im
Schlamme  ihren  Winterschlaf  zu  halten.  Die  Aale,  die  im  Meere  ihren  Laich  abgesetzt
  haben,  kehren  nicht  wieder  in  die  Flüsse  zurück.  Man  vermutet,  daß  sie
bald  nach  dem  Laichen  sterben.  Ihre  Jungen  dagegen,  jedoch  nur  die  Weibchen,
wandern  im  nächsten  April  die  Flüsse  hinauf.  Sie  sind  anfangs  so  groß  wie  ein
Regenwurm.  In  dichten  Zügen  ziehen  sie  nahe  am  Ufer  entlang,  so  daß  man  sie
mit  Eimern  fangen  kann.  Alle  Hindernisse,  z.  B.  Schleusen  und  Wasserfälle,  werden
überwunden,  und  wenn  auch  Tausende  dabei  den  Tod  finden,  es  bleiben  immer  noch
genug  übrig.  Selbst  der  Rheinfall  bei  Schaffhausen  kann  sie  nicht  hindern,  ihren
Weg  nach  dem  Bodensee  fortzusetzen.  Mit  Hilfe  ihrer  klebrigen  Haut  klettern  sie
an  steilen  Felsen  empor,  winden  sich  durch  das  feuchte  Moos  und  gelangen  so  nach
oben.  Jedoch  besitzen  nur  die  jungen  Aale  diese  Kletterfähigkeit,  die  alten  nicht.
Im  Flußgebiete  des  schwarzen  und  kaspischen  Meeres  fehlt  der  Aal.

124.  Der  Flußkrebs.

1.  Aufenthalt,  Körperbau,  Nahrung,  Eier.  Der  Flußkrebs  lebt  bei  uns
überall  in  langsam  fließenden,  schlammigen  Gewässern.  Obgleich  von  Kopf  bis  zu
Fuß  stark  bepanzert,  hält  er  sich  aus  Furcht  vor  seinen  Feinden  (Aal,  Fischotter  u.  a.)
am  Tage  doch  in  Uferlöchern,  unter  Steinen  oder  Baumwurzeln  verborgen.  „Da
sitzt  er  vor  der  Thür  seiner  Wohnung  und  lauert  hungrig,  wie  er  immer  ist,  auf
Beute.  Droht  eine  Gefahr  —  ein  paar  Schläge  mit  dem  Schwimmschwanze,  und
rasch  wie  ein  Pfeil  verschwindet  er  rückwärts  in  seine  Höhle.“  Erst  am  Abend
wagt  er  sich  hervor.  Aber  sieh,  wie  langsam  er  trotz  seiner  5  Beinpaare  dahin
marschiert!  Besonders  hinderlich  sind  ihm  beim  Kriechen  die  großen  Scheren,  die
am  ersten  Beinpaare  sitzen.  Ihretwegen  kriecht  der  Krebs  auch  oft  rückwärts.  (Die
Scheren  des  zweiten  und  dritten  Beinpaares  sind  nur  klein,  die  beiden  letzten  Bein—
paare  haben  nur  ein—
fache  Klauen.)  Mit  den
großen  Scheren  kneipt
er  seine  Feinde,  mit
ihnen  ergreift  er  auch
seine  Beute.  Beim  Aufsuchen
  der  Nahrung

kommt  ihm  die  Einrich-Jtung
  der  Augen  (Netz-WM

  1’1174  aaugen)  zu  statten.  Sie
sitzen  auf  beweglichen

W—  Etielen  und  können  nach
allen  Seiten  hin  bewegt
werden.  Zum  Tasten
hat  er  4  Fühler:  2
kleine  gegabelte  und  2
sehr  lange.  Dazu  kommt
seine  Schwimmfertigkeit.
  Das  Schwimm-=werkzeug
  ist  der  lange,
gegliederte  Hinterleib
(lälschlich  „Schwanz“  genannt).  Er  ist  mit  flossenartigen  Anhängen  versehen.
Mit  diesen  schlägt  der  Krebs  beim  Schwimmen  gegen  die  Brust,  und  so

 

Flußkrebs,  von  unten  gesehen.
        <pb n="266" />
        —  261  —

kommt  es,  daß  er  stets  rückwärts  schwimmt.  Obgleich  ungeschickt  in  seinen  Be—
wegungen,  überfällt  der  Krebs  doch  den  Frosch  und  das  Fischlein.  Auch  greift
er  mit  den  Scheren  in  die  Muschelschalen  hinein,  um  den  Bewohner  herauszuholen.
  Frische  Tierleichen  zieht  er  jeder  andern  Speise  vor.  Daher  ist  er  namentlich
  in  mondscheinhellen  Nächten  leicht  mit  einem  Köder  von  frischem  Fleische  im
Korbe  oder  mit  toten  Fröschen  an  Ruten  zu  fangen.  Die  eingefangene  Nahrung
wird  von  den  unter  der  Mundöffnung  liegenden  3  Paar  „Kaufüßen“  festgehalten,
mit  den  sägeförmigen  Oberkiefern  aber  in  Stücke  zerrissen.  Die  Atmung  geschieht
durch  blattbüschelförmige  Kiemen.  Sie  sitzen  in  einer  Kiemenhöhle  am  Grunde  der
Beinpaare.  Im  Frühjahre  legt  das  Weibchen  200  gestielte  Eier.  Diese  trägt  es
an  den  Afterfüßen  mit  sich  umher  und  schützt  sie  so,  bis  die  Jungen  auskriechen.
2.  Häutung.  Alljährlich,  gewöhnlich  im  August,  wirft  der  Krebs  seinen  alten
Panzer  ab  (warum?  s.  Eidechse  S.  251),  und  aus  der  darunter  liegenden  schleimigen
Lederhaut  bildet  sich  dann  ein  neuer.  Der  Krebs  ist  jetzt  zuerst  ganz  weich  und  wird
„Butterkrebs“  genannt.  Nach  einigen  Tagen  jedoch  hat  sich  schon  wieder  eine
harte  Kruste  gebildet,  und  einige  Wochen  später  ist  das  neue  Kleid  fertig.  Zur
Bildung  des  Panzers  dienen  die  sogenannten  „Krebsaugen“;  das  sind  kalkhaltige
Steine  von  der  Größe  einer  Linse,  die  sich  im  Magen  des  Krebses  finden.  Sie  bilden
sich  erst  einige  Wochen  vor  der  Häutung,  werden  dann  im  Magen  aufgelöst  und  so
ins  Blut  übergeführt.  Früher  benutzte  man  die  Krebsaugen  in  den  Apotheken,  da
sie  beruhigend  wirken.  Jetzt  weiß  man,  daß  kohlensaure  Magnesia  dieselben  Dienste
leistet.  (Die  Farbe  des  Panzers  ist  eine  Mischung  von  Rot  und  Schwarz.  Die
schwarze  Farbe  entweicht  beim  Kochen;  daher  wird  der  Krebs  dann  rot.)

125.  Die  gemeine  Schlammschnecke.

1.  Gehäuse.  Der  Schöpfer  gab  der  Schnecke  zum  Schutze  ein  steinernes  Gehäuse.
  Sie  hat  dieses  auch  sehr  nötig;  denn  ihr  Körper  besteht  aus  einer  weichen
Masse,  die  leicht  verletzt  werden  kann,  und  an  Verteidigungswaffen  fehlt  es  ihr
gänzlich.  Das  Schneckenhaus  hat  die  Form  eines  Kegels.  Es  setzt  sich  aus
6—8  schraubenförmigen  Windungen  zusammen.  Die  untere  Offnung  heißt  Mündung,
  das  oberste  Gewinde  Spitze.  Von  der  Spitze  bis  zur  Mündung  sitzt  inwendig
  eine  Spindel,  um  die  sich  die  Windungen  herumwinden.  Die  Schnecke  ist
mit  dieser  Spindel  durch  einen  kräftigen  und  schnellwirkenden  Muskel  verbunden.
Sobald  dieser  angezogen  wird,  verkürzt  er  sich  und  zieht  die  Schnecke  leicht  und
schnell  in  das  Gehäuse  zurück.  Beim  Eintritt  des  Winters  verkriecht  sich  die
Schnecke  in  den  Schlamm.  Dann  sondert  sie  einen  kalkartigen  Schleim  ab,  der
bald  wie  ein  Deckel  die  Mündung  des  Gehäuses  verschließt.  Das  ist  der  sogenannte
  Winterdeckel;  er  fällt  im  Frühlinge  wieder  ab.  In  dem  Maße,  wie  das
Tier  selbst  wächst,  vergrößert  sich  auch  das  Gehäuse.  Der  schleimige  Körper
scheidet  nämlich  Kalkteile  aus,  die  aus  der  Nahrung  in  das  Blut  übergeführt  sind;
diese  legen  sich  an  den  Rand  des  Gehäuses  an  und  erweitern  es  so  allmählich.
2.  Körperbau.  Vorn  am  Kopfe  bemerken  wir  die  beiden  wulstigen,  nicht
einziehbaren  Fühler.  Dicht  am  Grunde  jedes  Fühlers  sitzt  ein  schwarzes  Pünktchen,
das  Auge.  (Andre  Schnecken,  wie  z.  B.  die  Hain=  und  die  Weinbergschnecke,  haben  je
4  Fühler,  die  sie  einziehen  d.  h.  nach  innen  stülpen  können.  Die  beiden  größern
haben  je  ein  Auge,  aber  an  der  Spitze.)  Den  Rüäcken  deckt  eine  mit  den
Rändern  frei  überhängende  Hautfalte,  der  „Mantel“.  Er  sondert  den  Kalk  zum
Gehäuse  ab.  An  der  Unterseite  des  Körpers  findet  sich  eine  fleischige  Muskelscheibe,
  die  „Sohle“  oder  der  „Fuß".  Mittels  dieser  Scheibe  „kriecht“  die
Schnecke,  indem  sie  dabei  die  Scheibe  von  hinten  nach  vorn  wellenförmig  hebt  und
senkt.  Zuweilen  gleitet  sie  mit  derselben  Fußbewegung  —  das  Gehäuse  nach
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        —  262  —

unten,  den  Fuß  nach  oben  —  sogar  an  der  Oberfläche  des  Wassers  dahin!  Wie
ist  das  möglich?  Nur  dadurch,  daß  sie  fortwährend  kräuselnd  ihre  Sohle  bewegt,
so  daß  sich  die  Muskeln  wie  Wellen  heben  und  senken.  An  dieser  Bewegung
nimmt  auch  der  Rand  der  Sohle  teil.  So  wüd  das  Wasser  an  der  Oberfläche
wie  von  unzähligen  winzigen  Rudern  geschlagen,  und  dadurch  gleitet  die  Schnecke
dahin  wie  ein  kleines  Boot,  dessen  Kiel  äußerst  tief  geht.  Eine  solche  „schwimmende"“
Lage  an  der  Oberfläche  nimmt  die  Schnecke  jedesmal  ein,  wenn  sie  atmen  will.  An
der  Mündung  des  Gehäuses,  nahe  am  Rande,  kann  man  beim  Atmen  der  Schnecke
eine  Offnung  bemerken,  eine  trichterförmige  Röhre,  die  in  eine  größere  Höhle  zwischen
Körper  und  Mantel,  die  „Atemhöhle“,  führt.  Die  Wand  dieser  Atemhöhle  ist  mit
einem  feinen  Adergeflecht  durchzogen,  das  die  „Lungen“  der  Schnecke  bildet.  „Wer
an  einem  stillen  Sommertage  an  einem  Süßwassertümpel  weilt,  der  kann  von  Zeit
zu  Zeit  die  „Schneckenstimme“,  ein  halb  glucksendes,  halb  blasendes  Geräusch,
vom  Wasserspiegel  her  hören.  Eine  Schlammschnecke  ist  vom  Grunde  des  Wassers
emporgestiegen,  hat  ihr  Atemloch  genau  in  die  Höhe  des  Wasserspiegels  gebracht
und  die  mit  Kohlensäure  erfüllte  Luft  ihrer  Atemhöhle  hervorgeblasen.  Eine  Weile
häugt  sie  nun,  mit  der  Schale  nach  unten,  an  der  Oberfläche,  wobei  die  Ränder
des  Atemlochs  genau  derselben  anhaften,  und  nimmt  neue  Luft  ein.“

3.  Nahrung  und  Vermehrung.  Die  Nahrung  der  Schrecke  besteht  aus
Pflanzenteilen.  Besonders  gern  verschluckt  sie  Wasserlinsen.  Auch  frißt  sie  Stücke
aus  den  schwimmenden  Blättern  größerer  Wasserpflanzen  heraus.  —  Die  Vermehrung
  der  Schnecke  geschieht  durch  „Laich".  Aus  den  Eiern  kriechen  die  jungen
Schnecken  hervor.  Sie  sind  gleich  mit  einem  Häuschen  umgeben.

126.  Der  Cuarz.

1.  Vorkommen.  Im  Bache  findet  man  oft  den  Kieselstein  oder  Quarz.
Zerschlage  ihn  und  ritze  mit  den  Ecken  oder  Splittern  Glas!  Er  ist  so  hart,  daß
man  Glas  damit  ritzen  kann.  —  Der  Stoff,  aus  dem  er  der  Hauptsache  nach
besteht,  hat  ihm  den  Namen  Kiesel  gegeben.  Dieser  Stoff  findet  sich  in  der  Natur
nie  frei,  sondern  nur  in  Verbindung  mit  Sauerstoff.  In  diesem  Zustande  heißt  er
Kieselsäure  oder  Kieselerde.  Sie  bildet  die  Hauptmasse  des  Quarzes.  Was  der  Kieselstein
  im  großen,  das  sind  Sand  und  Kies  im  kleinen.  Kieselstein,  Sand  und  Kies
sind  durch  Verwitterung  quarzhaltiger  Felsmassen  entstanden.  In  Steinbrüchen  finden
wir  den  Quarz  auch  als  „Sandstein“  vor.  (Sächsische  Schweiz.)  In  veredelter
Form  tritt  uns  der  Quarz  besonders  im  Achat  und  Bergkrystall  entgegen.  Der
Achat  wird  wegen  seiner  schönen  Färbung  zu  allerlei  Schmucksachen  (Knöpfen,  Dosen
u.  sw)  verwendet.  Die  bedeutendsten  Achatschleifereien  sind  bei  Oberstein  in
Birkenfeld.  Der  Bergkrystall  hat  die  Form  von  sechsseitigen  Säulen,  die  oben
(Zuweilen  auch  unten)  zugespitzt  sind.  Er  wird  besonders  auf  dem  St.  Gotthard,
in  Frankreich  und  auf  Madagaskar  gefunden.  Aus  ihm  verfertigt  man  ebenfalls
allerlei  Schmucksachen,  z.  B.  Kronleuchter,  Vasen,  Ringsteine  u.  s.  w.

2.  Glasfabrikation.  Zur  Herstellung  des  gewöhnlichen  Glases  braucht  man
Quarz,  Soda  und  Kalkstein.  Man  zerstampft  die  Materialien  zu  Pulver  und
bringt  sie  abgewogen  in  feuerfesten  Thongefäßen  (Glashäfen)  in  den  Glasofen.
Hier  steigt  die  Flamme  vom  Feuerraume  durch  ein  Rohr  und  schlägt  gegen  die
4—8  Schmelztiegel.  Vor  jedem  Hafen  ist  ein  Loch  in  der  Mauer.  Nach  etwa
12  Stunden  ist  der  Schmelzungsvorgang  vollendet.  Nun  beginnt  die  Verarbeitung.
  Der  Glasbläser  nimmt  dazu  ein  1  ½  m  langes  eisernes  Rohr  (Pfeife)  mit
hölzernem  Mundstücke  und  taucht  es  in  die  geschmolzene  Masse.  Dabei  setzt  sich
diese  teilweise  unten  an  dem  Rohre  fest.  Hierauf  zieht  er  das  Rohr  heraus,  bläst
hinein  und  treibt,  ähnlich  wie  die  Knaben  die  Seifenblasen,  das  Glas  unter  Hin-
        <pb n="268" />
        —  263  —

und  Herschwenken  der  Pfeife  zu  einer  birnenförmigen  Masse  auf.  Durch  ver—
schiedene  Werkzeuge  giebt  er  dann  dieser  Birnenform  die  gewünschte  Gestalt,  z.  B.
die  einer  Flasche  (durch  Einblasen  der  Glasbirne  in  hohle  Formen).  Will  man
Fensterglas  herstellen,  so  wird  diese  Birnenform  sehr  erweitert  und  dann  hin  und
her  geschwenkt,  bis  sie  die  Form  eines  Cylinders  annimmt.  Hierauf  wird  der
Cylinder  mit  einem  glühenden  Eisenstabe  der  Länge  nach  aufgeschnitten.  Dann
kommt  er  in  den  Streckofen.  Dort  erweicht  er,  breitet  sich  zu  einer  Platte  aus
und  wird  mit  einem  nassen  Plättholze  vollends  glatt  gestrichen.  Die  Scheiben  der
Schaufenster  und  Spiegel  werden  nicht  geblasen,  sondern  gegossen.

127.  Das  Kochsalz.

1.  Solsalz.  Schütte  etwas  Kochsalz  in  ein  Schälchen  mit  Wasser!  Es  löst
sich  darin  auf.  Stelle  das  Salzwasser  längere  Zeit  in  die  Sonne  oder  in  die
heiße  Ofenröhre!  Es  verdunstet,  und  das  Salz  wird  wieder  sichtbar.  In  ähnlicher
  Weise  findet  sich  auch  in  der  Natur  das  Salz  im  Wasser  aufgelöst  und  quillt
so  als  „Sole"  an  zahlreichen  Stellen  aus  der  Erde  hervor.  Da,  wo  die  Salzqduelle
  sprudelt,  findet  sich  immer  eine  Salzschicht  in  der  Erde.  Durch  diese  sickert
das  unterirdische  Wasser  hindurch,  löst  einen  Teil  des  Salzes  auf  und  nimmt  es
mit  sich.  So  entsteht  das  Solwasser.  Solche  Salzquellen  giebt  es  z.  B.  bei
Reichenhall,  Kissingen,  Lüneburg,  Halle,  Schönebeck,  Kreuznach,  Dürrenberg  u.  s.  w.
Die  Gewinnung  des  Solsalzes  ist  mit  vieler  Mühe  verbunden.  Auf  100  Teile
Solwasser  kommen  etwa  6—24  Teile  Salz.  Zunächst  sucht  man  das  Wasser
durch  Luft  und  Sonnenwärme  zu  vermindern:  man  „gradiert“  die  Sole.  Zu
dem  Zwecke  wird  sie  durch  Pumpwerke  auf  hohe,  lange  Dornschichten  („Gradierwerke“)
  geleitet  und  mittels  durchlöcherter  Rinnen  über  deren  ganze  Länge  verteilt.
Aus  diesen  Rinnen  rieselt  das  Wasser  auf  die  Dornen  herab  und  fällt  von  Zweig
zu  Zweig.  Dabei  verdunstet  viel  Wasser,  und  die  erdigen  Teile  (Kalk,  Gips  u.  a.)
bleiben  an  den  Dornen  als  „Dornstein“  sitzen.  Unten  wird  die  Sole  durch  Behälter
aufgefangen.  Schwache  Sole  muß  mehrmals  gradiert  werden.  Ist  die  Sole  hinlänglich
  gesättigt,  so  wird  sie  in  große  Pfannen  geleitet  und  gekocht.  Dabei  scheidet
sich  das  Salz  in  kleinen  Krystallen  aus  und  wird  mit  hölzernen  Schaufeln  aus
der  Mutterlauge  (der  zurückbleibenden  Flüssigkeit)  geschöpft  und  dann  getrocknet.

2.  Steinsalz.  Aber  nicht  bloß  in  flüssigem,  sondern  auch  in  festem  Zustande
  bietet  uns  die  Natur  das  Kochsalz.  Es  bildet  oft  förmliche  Felsen  und
heißt  dann  Steinsalz.  Zerschlage  mit  Hammer  und  Meißel  ein  Stück  Steinsalz!
Es  läßt  sich  leicht  und  oft  in  Würfel  spalten.  Das  bedeutendste  Steinsalzlager
Europas  befindet  sich  bei  Staßfurt.  Das  reine  Steinsalz  wird  gemahlen  und  als
„Tafelsalz“  sofort  in  den  Handel  gebracht;  die  sogenannten  Abraumsalze  aber
werden  verarbeitet  und  als  Kalisalze  zum  Düngen  benutzt.  (Erdk.  S.  101.)  —  Auch
bei  Wieliczka  (wjelitschka)  in  Galizien  ist  ein  berühmtes  Steinsalzbergwerk.

3.  Seesalz.  Besonders  reichhaltig  an  Salz  ist  auch  das  Meer.  Jedoch  hat
dieses  Salz  einen  etwas  bittern  Beigeschmack,  weshalb  es  nicht  als  Tischsalz,  wohl
aber  zum  Einsalzen  der  Fische  verwertet  wird.

4.  Verwertung.  Das  Salz  ist  das  unentbehrlichste  Gewürz.  Nährstoffe
selbst  enthält  es  nicht,  aber  es  dient  dazu,  andre  Speisen  verdaulicher  und  daher
nahrhafter  zu  machen.  Die  meisten  Speisen  sind  ohne  Salz  fast  ungenießbar.  Auch
würde  es  uns  ohne  Salz  gar  nicht  möglich  sein,  Fleisch  auf  längere  Zeit  vor
Fäulnis  zu  schützen.  (Einsalzen  von  Fleisch,  Heringen,  Schinken  u.  s.  w.)  Ohne
Salz  würde  selbst  unser  Blut  leicht  in  Fäulnis  übergehen.  Dumpfes,  mooriges
Brunnenwasser  läßt  sich  durch  Salz  etwas  wohlschmeckender  machen,  und  Solbäder
üben  auf  manche  Kranke  sehr  heilsame  Wirkungen  aus.
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        —  264  —

128.  Schlußbetrachtung.

1.  Aal,  Krebs,  Muschel,  Schlammschnecken  leben  nur  im  Wasser.  Es  sind
echte  Wassertiere.  Ente,  Sumpfschildkröte  und  Frosch  leben  nur  zeitweise  im  Wasser.
Es  sind  unechte  Wassertiere  (Wasserfreunde,  Wasserbesucher.).  —  Einige  der  unechten
Wassertiere  verleben  ihre  Jugend  gänzlich  im  Wasser,  werden  hier  geboren  und  machen
hier  eine  Verwandlung  durch.  (Frosch,  Mücke,  Wasserjungfer.)  Andre  werden  auf
dem  Lande  geboren  und  suchen  erst  nach  der  Geburt  das  Wasser  auf.  (Ente.)

2.  Da  die  echten  Wassertiere  nur  im  Wasser  leben  können,  so  müssen  sie
auch  hier  ihre  Nahrung  finden  können.  Das  thun  sie  auch.  (Was  frißt  der  Aal?
der  Krebs?  die  Schlammschnecke?)  Die  unechten  Wassertiere  dagegen  finden  ihre
Nahrung  sowohl  im  Wasser  als  auch  auf  dem  Lande.  (Was  frißt  die  Ente?  der
Frosch?)  Wo  sich  die  Tiere  aufhalten,  da  finden  sie  ihre  Nahrung,  und  umge—
kehrt,  wo  die  Tiere  ihre  Nahrung  finden,  da  halten  sie  sich  auf.

3.  In  fließenden  Gewässern  ist  der  Grund  gewöhnlich  mit  Kies  oder  Quarz
bedeckt.  Diesen  bringt  das  Wasser  meist  von  den  Bergen  mit.  In  stehenden  Ge—
wässern  dagegen  ist  der  Grund  schlammig.  Der  Kiesboden  bietet  wenig  Nährstoffe
für  die  Pflanzen.  Darum  ist  er  auch  gewöhnlich  sehr  pflanzenarm.  Anders  der
Schlammboden.  Dieser  gewährt  den  Pflanzen  reichliche  Nahrung,  weshalb  er  ge—
wöhnlich  dicht  mit  Pflanzen  bewachsen  ist.  Die  Pflanzen  bieten  wieder  vielen
Tieren  (Enten,  Fröschen,  Schnecken  u.  a.)  einen  beliebten  Aufenthaltsort.  Daher
erklärt  es  sich,  daß  das  Tier=  und  Pflanzenleben  in  stehenden  Gewässern  viel  mannigfaltiger
  ist  als  in  fließenden.  —  Das  Quellwasser  sickert  durch  verschiedene  Erdschichten.
  Daher  lösen  sich  in  ihm  verschiedene  Mineralstoffe  (Salz,  Eisen,  Kalk,
Schwefel  u.  a.)  auf,  die  es  nun  den  Tieren  und  Pflanzen  als  Nährstoffe  zuführt.

XVIII.  Im  Torfmoore.
129.  Der  Torf.

Zerpflücke  ein  Stück  Torf!  Du  wirst  allerlei  Pflanzenreste  darin  finden.  Torf
ist  also  aus  Pflanzen  entstanden.  —  Man  gewinnt  den  Torf  im  „Torsstiche“.
Recht  fester  Torf  wird  mit  einem  Spaten  gestochen  und  an  der  Luft  zum  Trocknen
ausgelegt.  Der  weiche  Torf  wird  in  Formen  gefüllt  und  glatt  gestrichen.  —  Der
Torf  bildet  sich  in  Sumpfgegenden.  Hier  wachsen  Torfmoos,  Schachtelhalm  u.  a.
Sumpfpflanzen.  Während  sie  aber  an  der  Oberfläche  noch  lustig  grünen,  ist  ihr
unterster  Teil  oft  schon  abgestorben  und  braun  gefärbt.  Nach  und  nach  wird  die
ganze  Pflanze  braun:  sie  verkohlt.  Der  im  Wasser  stehende  Teil  der  Pflanze
giebt  nämlich  nach  und  nach  einen  Teil  seines  Wasser=  und  Sauerstoffes  ab,  der
Kohlenstoff  aber  bleibt  zurück.  Bohrt  man  mit  einem  Stocke  ein  Loch  in  den
Sumpfboden,  so  steigen  aus  der  Offnung  kleine  Bläschen  auf,  die  aus  einer
chemischen  Verbindung  von  Kohlenstoff  und  Wasserstoff  bestehen.  (Sumpf=  und
Grubengas.  S.  255.)  So  häuft  sich  alljährlich  eine  verkohlte  Pflanzenschicht  auf
die  andre,  und  in  etwa  30  Jahren  hat  sich  eine  Torfschicht  gebildet,  die  1—2  m
dick  ist.  —  Die  bedeutendsten  Torfmoore  finden  sich  zu  beiden  Seiten  der  Ems,  in
der  Lüneburger  Heide,  auf  dem  Riesengebirge  u.  s.  w.

XIX.  Im  Gebirge  und  Felsen.
130.  Das  Eisen.

1.  Vorkommen.  Eisen  findet  sich  fast  überall,  wo  Gebirge  sind,  so  z.  B.
im  Harze,  im  sächsischen  Erzgebirge  u.  s.  w.  Jedoch  kommt  es  im  natürlichen
        <pb n="270" />
        —  265  —

Zustande  auf  der  Erde  nur  äußerst  selten  gediegen  vor.  Dagegen  gelangt  gediegenes
  Eisen  in  den  Meteorsteinen  aus  dem  Weltenraume  auf  die  Erde.  (Sternschnuppen
  Erdk.,  S.  163.)  Es  ist  in  diesen  Steinen  meist  nur  mit  etwas  Nickel
vermischt.  Das  Eisen,  das  sich  in  der  Erde  findet,  ist  fast  immer  mit  andern
Stoffen  zu  Erzen  verbunden,  namentlich  mit  Sauerstoff,  Schwefel  u.  s.  w.  Solche
Erze  sind  z.  B.  der  Braun-,  Rot=  und  Magneteisenstein.

2.  Eisenrost.  Lege  einen  eisernen  Nagel  in  eine  Schale  mit  Wasser,  so
daß  er  etwas  vom  Wasser  bedeckt  ist!  Er  rostet.  (S.  335.)  Eisen  gehört  deshalb
  zu  den  unedeln  Metallen.

3.  Im  Hochofen.  Die  Eisenerze  werden  durch  Bergleute  zu  Tage  gefördert,
auf  Pochwerken  zerkleinert  und  mit  Schmelzmitteln  („Zuschlag“)  vermischt:  Quarz
für  kalkhaltige  Erze,  Kalk  für  quarzhaltige.  Dann  bringt  man  sie  in  den  Hochofen.
Diesen  füllt  man  von  oben  her  erst  zur  Hälfte  mit  Holzkohlen  oder  Koks,  und
wenn  diese  lebhaft  brennen,  schüttet  man  darauf  abwechselnde  Lagen  von  Erz  (mit
Zuschlag)  und  Brennstoffen.  Durch  ein  Gebläse  führt  man  heiße  Luft  in  den
Ofen,  so  daß  die  Kohlen  zur  höchsten  Glut  entfacht  werden.  Die  Flußmittel
schmelzen  mit  den  Gemengteilen  der  Eisenverbindung  zu  einer  glasartigen  Masse,
der  sogenannten  Schlacke,  zusammen.  Das  Eisen  fließt  nach  dem  untersten  Teile
des  Hochofens,  dem  Herde.  Hier  wird  es  alle  8—12  Stunden  „abgestochen“,
d.  h.  an  einer  Seite  wird  ein  mit  Lehm  verklebtes  Loch  geöffnet,  und  das  weißglühende
  Eisen  ergießt  sich  dann  in  Rinnen  und  Formen,  wo  es  erkaltet  und  die
Form  von  schmälern  oder  breitern  Eisenstücken  erhält.  Es  ist  das  Guß=  oder  Roheisen,
  aus  dem  in  der  Eisengießerei  Töpfe,  Ofen,  Gitter  u.  s.  w.  gegossen  werden.

4.  Schmiedeeisen.  Das  Roheisen  kann  nicht  geschmiedet  werden;  das  Eisen
hat  zu  viel  Kohle  aufgenommen  (4—5  %  )  und  ist  daher  zu  spröde.  Um  Schmiedeeisen
  herzustellen,  muß  man  den  Kohlenstoff  bis  auf  ½2  %  verbrennen.  Das  geschieht
  im  Puddelofen.  Dort  bringt  man  das  Roheisen  unter  starkem  Luftzutritt
zum  Schmelzen.  Vor  dem  Ofen  steht  ein  Arbeiter  und  wendet  mit  einer  Krücke
stundenlang  die  Masse,  bis  zuletzt  der  größte  Teil  des  Kohlenstoffes  verbrannt  ist.
Hierauf  wird  die  Masse  in  Klumpen  unter  den  Dampfhammer  gebracht,  der  ein
Gewicht  bis  zu  50000  kg  hat.  Dröhnend  fällt  er  auf  das  weiche  Metall  nieder
und  guetscht  alle  schlackigen  Teile  heraus.  Durch  Walzen  wird  dann  das  lang
und  breit  gehämmerte  Eisen  zu  langen  Stäben  ausgedehnt,  wie  sie  Schlosser  und
Schmiede  täglich  verarbeiten.  In  der  Blechhütte  wird  das  Stabeisen  zu  Blech
gewalzt,  in  Drahthütten  durch  Löcher  einer  Stahlplatte  zu  Draht  ausgezogen.

5.  Stahl  enthält  1—2  %  Kohlenstoff.  Man  gewinnt  ihn  auf  verschiedene
Weise.  Den  billigsten  und  besten  Flußstahl  stellt  man  dadurch  her,  daß  man  geschmolzenes
  Gußeisen  in  ein  großes,  birnenförmiges  Gefäß  gießt,  hier  durch  eingepreßte
  Luft  entkohlt,  dann  aber  soviel  Gußeisen  zusetzt,  daß  der  Kohlenstoffgehalt
  1—2  %  beträgt.  Taucht  man  glühenden  Stahl  plötzlich  in  kaltes  Wasser,
so  wird  er  im  höchsten  Grade  hart  und  spröde.  Er  ist  daher  nicht  schmiedbar.
—  Erhitzt  man  den  Stahl  jedoch  abermals  und  läßt  ihn  dann  langsam  abkühlen,
so  wird  er  viel  biegsamer  und  geschmeidiger  als  das  Schmiedeeisen.  Fast  alle
Schneidewerkzeuge  (Sensen,  Messer  u.  dgl.)  werden  aus  weichem  Rohstahle  hergestellt,
  der  dann  wieder  gehärtet  wird.  Weltberühmt  ist  der  Gußstahl,  den  Krupp

in  Essen  liefert.  Aus  diesem  Stahle  werden  Maschinenteile,  Eisenbahnschienen,
besonders  aber  Kanonen  gegossen.

131.  Der  Schwefel.

1.  Vorkommen.  Der  Schwefel  ist  ein  sehr  häufig  vorkommendes  Mineral.
Die  größten  Lager  finden  sich  auf  Sicilien.  Sie  liefern  wohl  ¾  des  in  Europa
        <pb n="271" />
        —  266  —

verbrauchten  Schwefels.  Meistens  tritt  der  Schwefel  in  Verbindung  mit  Metallen
auf,  namentlich  im  Harze,  im  sächsischen  Erzgebirge,  in  Böhmen,  Schlesien  u.  s.  w.
Solche  Verbindungen  haben  meist  starken  Metallglanz.  Sie  werden  „Kiese“  genannt,
wenn  sie  weiß  oder  gelb  sind,  „Glanze“,  wenn  sie  grau  oder  schwarz  sind,  „Blen—
den“,  wenn  sie  durchscheinend  sind  und  Fettglanz  bis  Diamantglanz  haben.  Die
wichtigsten  Schwefelerze  sind  Schwefel-  oder  Eisenkies,  Bleiglanz,  Kupferkies  und
Kupferglanz.

2.  Eigenschaften.  Der  Schwefel  verbrennt  mit  blauer  Flamme  und  giebt
dabei  einen  stechenden  Geruch  von  sich,  der  zum  Husten  reizt.  Erhitzt  man  den
Schwefel  auf  +  1100  C.,  so  schmilzt  er  zu  einer  hellbraunen,  dünnen  Flüssigkeit.
Bei  —+  4200  C.  siedet  er  und  verflüchtigt  sich  zu  dunkelbraun-gelben  Dämpfen.

3.  Reinigung.  Um  den  Schwefel  von  dem  mit  ihm  gemengten  Mineralstoffen
  zu  trennen,  schmilzt  man  den  in  den  Steinbrüchen  gewonnenen  Schwefel
in  kleinen  Schachtöfen  und  gewinnt  so  den  Rohschwefel.  Um  diesen  von  allen
erdigen  Teilen  zu  befreien,  reinigt  man  ihn  gewöhnlich  noch  einmal,  indem  man
ihn  zum  Sieden  erhitzt.  Dabei  verwandelt  er  sich  in  Dämpfe.  Die  Dämpfe  leitet
man  in  eine  Kammer.  Dort  setzen  sie  sich,  solange  die  Kammer  noch  nicht  zu
warm  ist,  an  den  Wänden  in  Gestalt  eines  feinen  Pulvers  als  „Schwefelblumen“
ab.  Sobald  man  aber  die  Wärme  hier  bis  11070  C.  steigert,  schmilzt  der  Schwefel
wieder,  sammelt  sich  am  Boden  und  wird  nun  durch  eine  Offnung  abgelassen.
Dann  wird  er  in  cylinderförmige  Gefäße  gefüllt,  wo  er  zu  Stangenschwefel  erstarrt.

4.  Verwendung.  Am  bekanntesten  ist  der  Schwefel  durch  seine  Verwendung
zu  Streichhölzern  geworden.  Ferner  dient  er  zur  Herstellung  des  Schießpulvers.
Soll  er  hierzu  benutzt  werden,  so  zerstößt  man  ihn  zu  Staub  und  vermengt  ihn
mit  ungefähr  ebensoviel  gepulverter  Holzkohle  (Faulbaum  oder  Linde)  und  sechsmal
soviel  Salpeter.  Hierauf  rührt  man  die  Masse  mit  Wasser  zu  einem  steifen  Brei
ein  und  preßt  ihn.  Den  erhaltenen  Kuchen  zerstückelt  man  und  bringt  ihn  auf
ein  Pergamentsieb,  durch  dessen  feine  Löcher  die  Körner  hindurchgerüttelt  werden.
Mittels  andrer  Siebe  trennt  man  dann  die  Körner,  die  die  gehörige  Größe  haben,
von  den  übrigen,  und  hierauf  trocknet  man  sie  in  warmen  Räumen.  Das  gekörnte
  Pulver  wird  nun  poliert,  d.  h.  es  wird  in  Tonnen  gebracht,  die  sich  sehr
schnell  drehen  und  mit  etwas  Graphit  versehen  sind,  wodurch  sich  die  Körner  gegenseitig
  abschleifen.  —  Schwefelfäden  benutzt  man,  um  Pulverminen  anzuzünden.

132.  Das  Gold.

1.  Eigenschaften.  Lege  einen  goldenen  Ring  auf  längere  Zeit  in  feuchte  Luft!
Er  rostet  nicht  wie  Eisen,  läuft  auch  nicht  an  wie  Blei,  sondern  behält  seinen  Glanz.
Gold  ist  luftbeständig.  Von  allen  Metallen  verbindet  es  sich  am  schwersten  mit
Sauerstoff.  Auch  im  Feuer  verändert  es  seinen  Glanz  nicht.  Man  nennt  solche
Metalle  „edle“  Metalle.  (Zu  ihnen  gehören  auch  Platin,  Silber  und  Quecksilber.)  —
Reines  Gold  ritzt  Blei,  nicht  aber  Kupfer  und  Silber.  Es  ist  also  weicher  als
Silber.  Seine  Dehnbarkeit  übertrifft  jede  Vorstellung.  Behaupteten  doch  die  Nürnberger
  Goldschmiede,  daß  man  mit  einem  Dukaten  Pferd  und  Reiter  vergolden  könne.

2.  Vorkommen.  Die  ursprüngliche  Lagerstätte  des  Goldes  sind  die  Gebirge,
und  auch  heute  noch  findet  sich  das  „Berggold“  in  den  Höhenzügen  Ungarns,
Salzburgs,  Schottlands,  Mexikos,  Brasiliens  u.  s.  w.  Dort  liegt  es  in  quarzhaltigem
  Gesteine  eingeschlossen.  Es  hat  meist  die  Gestalt  von  kleinen  Körnern
oder  Klümpchen,  doch  kommt  es  auch  blatt-,  haar-,  draht=  und  moosförmig  vor.
An  vielen  Orten  aber  ist  durch  Zertrümmerung  der  Felsen  das  Gold  mit  dem
Gesteine  in  die  Flußthäler  hinabgespült,  so  z.  B.  in  Sibirien,  Kalifornien,
Australien,  in  Deutschland  nur  am  Rhein  zwischen  Basel  und  Mannheim.  Daher
        <pb n="272" />
        —  267  —

findet  man  hier  das  „Waschgold“  im  Flußsande  oder  im  angeschwemmten  Lande.
Zuweilen  hat  sich  im  Laufe  der  Zeit  eine  neue  Erdschicht  darüber  ausgebreitet,
so  daß  man  erst  durch  Schachte  zu  dem  eigentlichen  Goldlager  gelangen  kann.
Im  Jahre  1848  entdeckte  ein  Schweizer,  als  er  sich  in  Kalifornien  eine  Wassermühle
  bauen  wollte,  in  dem  Flußsande  des  Sakramento  Gold.  Er  wollte  die
Entdeckung  geheim  halten,  doch  vergebens.  Bald  strömten  von  allen  Himmelsgegenden
  Scharen  herbei,  um  Gold  zu  suchen.  Das  ganze  Flußthal  barg  Gold
in  sich,  und  mancher  las  an  einem  Tage  für  300—400  4  Gold  zusammen;  ja,
einer  hatte  das  Glück,  einen  Klumpen  zu  finden,  der  42  000  45  Wert  hatte.  Einige
Jahre  später  trieb  das  Goldfieber  die  Goldsammler  nach  Australien,  wo  einer  sogar
einen  Goldklumpen  von  99  kg  fand,  der  für  190  000  6  versteigert  wurde.
Um  das  reine  Gold  aus  dem  Goldsande  zu  gewinnen,  wäscht  man  diesen.

3.  Verwendung.  Vorzugsweise  wird  das  Gold  zu  Münzen  und  Schmucksachen
  verwendet.  Da  aber  reines  Gold  hierzu  zu  weich  ist  und  sich  daher  zu
leicht  abnutzt,  so  wird  es  mit  Kupfer  oder  Silber  vermischt.  Eine  solche  Mischung
verschiedener  Metalle  heißt  „Legierung“.  Unsre  Goldmünzen  bestehen  aus  900  Gewichtsteilen
  Gold  und  100  Teilen  Kupfer.  Wenn  Tombak  (Kupfer  und  Zinkh  stark
vergoldet  wird,  so  erhält  man  das  Talmigold.  Aus  dünnem  Goldblech,  das  man
zwischen  Pergament  und  Darmhäute  legt,  wird  durch  Hämmern  das  Blattgold  hergestellt.
  Dieses  wird  zum  Vergolden  von  Kupfer,  Holz,  Leder  u.  s.  w.  verwendet.

133.  Das  uechsilber.

1.  Eigenschaften.  Quecksilber  glänzt  wie  Silber.  Den  Namen  „Queck“  silber
hat  es  von  seiner  ungemein  leichten  Beweglichkeit;  denn  „queck“  heißt  lebendig,
schnell.  (Vgl.  Quecke,  erquicken!)  —  Im  täglichen  Leben  lernt  man  es  besonders
durch  das  Thermometer  und  Barometer  kennen.  Nimm  ein  Thermometer  zur  Hand
und  lege  den  Finger  an  die  Kugel,  die  mit  Quecksilber  gefüllt  ist!  Sogleich  steigt
das  Quecksilber  in  der  Röhre  empor.  Es  ist  nämlich  von  der  Blutwärme  ausgedehnt
  worden,  ein  Beweis,  daß  es  dem  ausdehnenden  Einflusse  der  Wärme  leicht
zugänglich  ist.  Gieße  etwas  Quecksilber  auf  einen  Teller!  Es  rollt  in  Tropfen  dahin,
ist  also  flüssig.  Quecksilber  ist  das  einzige  Metall,  das  sich  bei  gewöhnlicher  Luftwärme
  in  flüssigem  Zustande  befindet.  Erst  bei  —  400  C.  erstarrt  es.  —  Fülle
eine  Schale  mit  Quecksilber  und  lege  eine  eiserne  Kugel  auf  die  Flüssigkeit!  Sie
schwimmt;  denn  Eisen  ist  bedeutend  leichter  als  Quecksilber.  —  Läßt  man  Quecksilber
  in  einer  Schale  draußen  offen  in  der  Sonne  stehen,  so  wird  es  mit  der
Zeit  weniger.  Es  verdampft  nämlich  schon  bei  gewöhnlicher  Luftwärme.  Quecksilberdampf
  aber  ist  sehr  giftig.

2.  Vorkommen.  Das  Quecksilber  findet  sich  besonders  in  Klüften  und  Höhlungen
  des  Gesteins,  z.  B.  bei  Idria  in  Krain,  in  Spanien,  Österreich,  Rheinbayern
und  Peru.  Es  tritt  nur  selten  gediegen  auf.  Meist  kommt  es  in  Verbindung
mit  Schwefel  vor.  Mit  ihm  bildet  es  das  wichtigste  Quecksilbererz:  den  Zinnober.

3.  Verwendung.  Das  Ouecksilber  wird  bei  der  Vergoldung  angewandt.  Es
dringt  nämlich  in  andre,  besonders  in  edle  Metalle  wie  Wasser  in  Zucker  ein  und
bildet  mit  ihnen  eine  butterweiche  Masse.  Eine  solche  Verbindung  des  Quecksilbers
mit  andern  Metallen  nennt  man  Amalgam.  Will  der  Goldschmied  z.  B.  ein  Stück
Silber  vergolden,  so  wirft  er  ein  Stückchen  Gold  in  Quecksilber.  Das  Gold  wird
flüssig  und  verbindet  sich  so  mit  dem  Quecksilber  zu  Goldamalgam.  Damit  bestreicht
  der  Goldschmied  das  Silber  und  hält  dieses  dann  übers  Feuer.  Bei  der
Hitze  entweicht  das  Quecksilber,  das  Gold  aber  bleibt  zurück  und  setzt  sich  auf  der
Oberfläche  des  Silbers  fest.  Mit  einer  Mischung  von  Quecksilber  und  Zinn  (Zinnamalgam)
  sind  die  Rückseiten  der  gewöhnlichen  Spiegelscheiben  belegt.
        <pb n="273" />
        —  268  —

134.  Schlußbetrachtung.

*  Betrachtet  man  die  Felsen  näher,  so  bemerkt  man,  daß  viele  von  ihnen  aus
Schichten  bestehen,  die  gleichlaufend  übereinander  gelagert  sind.  Da  man  in  diesen

 

»  w»  —  man  sich  eine  Vorstellung  machen,
———wenn  man  in  ein  Glas  Wasser
*  ———  —  eine  Hand  voll  Erde  thut  und
dann  das  Sinken  der  Erde
beobachtet.)  Zu  diesen  geschichteten  Gesteinen  gehören  Schiefer,  Thon,  Kalkstein,
Steinkohlen,  Kreide,  Steinsalz  u.  a.  Häufig  aber  findet  man  unter  dem  geschichteten
Gesteine  auch  solches,  das  die  Schichten  quer  durchbrochen  hat.  Diese  Gesteinsmassen
sind  aus  der  Tiefe  des  Erdinnern  hervorgedrungen,  ähnlich  wie  ja  auch  heute  noch
die  Lava  in  den  Vulkanen  zuweilen  bis  über  3000  m  in  die  Höhe  steigt.  Sie
schließen  niemals  Pflanzen  oder  Tiere  ein.  Auch  lassen  sie  niemals  Schichten  erkennen.
  Zu  ihnen  gehören  Granit,  Porphyr,  Basalt  u.  a.

In  dem  geschichteten  Gesteine  finden  sich  infolge  der  durch  Unterwaschungen
entstandenen  Senkungen  auch  vielfach  Spalten  und  Risse,  und  in  diesen  lagern
meist  die  Erze.  (Erzgänge.)  Ursprünglich  rieselte  oftmals  das  Wasser  in  den
Spalten  hinab,  oder  es  stiegen  heiße  Dämpfe  aus  der  Tiefe  in  ihnen  aufwärts.
Wasser  und  Dampf  aber  setzten  in  diesen  Spalten  die  Stoffe  ab,  die  sie  aufgelöst
mit  sich  führten.  So  entstanden  die  verschiedenen  Krystalle,  wie  wir  sie  beim
Kupfer,  Gold  u.  s.  w.  finden,  und  so  entstanden  auch  die  Silberadern  und  Erzgänge.

XX.  Im  Körper  von  Menschen  und  Tieren.

135.  Der  gemeine  Gandwurm.

1.  Körperbau.  Der  gemeine  Bandwurm  lebt  in  den  Eingeweiden  der  Menschen.
Der  sogenannte  Kopf  ist  etwa  so  groß  wie  ein  Stecknadelknopf  und  vorn  mit  einem
Kranze  von  Haken  versehen,  mit  denen  sich  das  Tier  im  Darme  seines  Wirtes
festhält.  An  der  Seite  des  Kopfes  sitzen  4  Saugnäpfe  zum  Festsaugen.  Einen
Mund  hat  der  Bandwurm  nicht.  Er  kann  ihn  auch  entbehren,  da  die  Nahrung
durch  die  Haut  seines  Körpers  eindringt.  An  den  Kopf  schließen  sich  die  Glieder
an,  zuweilen  6—800,  so  daß  das  Tier  nicht  selten  eine  Länge  von  2—4  m  erreicht.
  Die  Glieder  bilden  sich  nach  und  nach  in  der  Weise  hintereinander,  daß
das  am  Kopfe  sitzende  Glied  stets  das  jüngste,  das  letzte  aber  das  älteste  Glied  ist.

2.  Verwandlung.  Die  ältesten  Glieder  lösen  sich,  wenn  sie  reif  sind,  vom
Bandwurme  los  und  gelangen,  oft  mit  Millionen  von  Eiern  beladen,  mit  dem
Kote  nach  außen.  Hier  kriechen  sie  zuweilen  eine  Zeitlang  umher  und  setzen
schließlich  die  Eier  ab  oder  verlieren  sie  beim  Absterben.  Da  die  Schweine  mit
großer  Gier  im  Kote  wühlen,  so  gelangen  solche  Eier  nicht  selten  in  den  Magen
eines  Schweines.  Hier  bildet  sich  das  Ei  zu  einer  erbsengroßen  „Finne“  (Blasenwurm)
  aus.  Wird  aber  solches  finnige  Fleisch  von  einem  Menschen  genossen,  so
entwickeln  sich  die  Finnen  in  seinem  Körper  wieder  zu  Bandwürmern.  Auch  in  dem
Körper  der  Hunde,  Katzen,  Fische  u.  s.  w.  leben  Bandwürmer.  Bei  allen  Arten

l———  Schichten  häufig  Abdrücke  und
—.  Überreste  von  Seetieren  (Mu—
—  ————  (celn,  Shnecken,  Fischen,  Ko—
—————aallen)  gefunden  hat,  so  nimmt
-8nvrung  im  Meere  entstanden  sind.
.  —  (  VVon  solcher  Ablagerung  kann
        <pb n="274" />
        —  269  —

aber  ist  zu  ihrer  Verwandlung  fast  immer  ein  „Zwischenwirt“  nötig,  in  dem  sich
die  Finnen  entwickeln  können.  Die  Finnen  aber  bilden  sich  nur  dann  zu  Band—
würmern  aus,  wenn  sie  wieder  in  den  Körper  derjenigen  Tierart  gelangen,  von
der  die  eierlegenden  Glieder  ausgeschieden  sind.  Beim  gestreiften  Menschenband—
wurme  ist  dieser  „Zwischenwirt“  das  Rind,  beim  Katzenbandwurme  die  Maus.
Die  Eier  des  Hundebandwurms  entwickeln  sich  im  Gehirne  des  Schafes  zu  Quesen
oder  Drehwürmern,  die  nicht  selten  die  Größe  eines  Hühnereies  erreichen  und  die
sogenannte  Drehkrankheit  der  Schafe  verursachen.  Die  Schafe  senken  anfangs  den
Kopf  und  drehen  sich  später  wie  taumelnd  immer  im  Kreise  herum.  Die  Finnen
des  Hülsenwurms,  der  im  Dünndarme  der  Hunde  lebt,  erreichen  im  menschlichen
Körper  (namentlich  in  der  Leber)  die  Größe  eines  Kinderkopfes  und  ein  Gewicht
von  15  kg.  Sie  führen  gewöhnlich  den  Tod  herbei.  Es  ist  daher  gefährlich,
mit  Hunden  zu  spielen  und  namentlich,  sich  von  ihnen  belecken  zu  lassen.

136.  Die  Trichine.

Die  Trichine  ist  so  klein,  daß  man  sie  mit  bloßem  Auge  gar  nicht  sehen
kann.  Sie  findet  sich  sehr  häufig  im  Fleische  der  Schweine.  Die  Schweine  er—
halten  sie  wahrscheinlich  dadurch,  daß  sie  Ratten  fressen.  Die  Ratten  erscheinen
als  die  eigentlichen  Träger  der  Trichinen  und  vererben  sie  dadurch  unter  sich,
daß  sie  ihresgleichen  auffressen.  —  Die  in  den  Muskeln  des  Schweines  lebenden
Trichinen  rollen  sich  im  Alter  von  3—5  Wochen  wie  eine  Uhrfeder  zusammen
und  umgeben  sich  mit  einer  kalkartigen  Kapsel  (k).  Genießen  wir  solches  trichinenhaltige
  Fleisch,  so  löst  sich  die  Kapsel  in  unserm  Magen  auf,  die  Trichinen  werden
lebendig  und  kriechen  zwischen  die  Zotten  des  Dünndarms,  wo  sie  als  „Darmtrichinen"
  (B)  bedeutend
größer  werden.  (Das  Männchen
  1,5  mm;  das  Weibchen
sogar  3  mm.)  Nach  kurzer
Zeit  bringen  sie  Junge  zur
Welt  (eine  einzelne  Trichine
zuweilen  gegen  2000),  und
nach  5—6  Wochen  sterben
sie.  Diese  jungen  Trichinen
nun  gerade  sind  es,  die  dem
Menschen  so  gefährlich  werden.
  Sofort  nach  ihrer  Geburt
  durchbohren  sie  die
Darmwände  und  kriechen  in

unser  Muskel  fleisch  (mm)  um  A.  Musk  el  trichine.  x.  Kapsel.  mm.  Muskelfasern.  f.  Fett.
sich  als  Muskeltrichinen"  B.  Darmtri  ch  ine.  a.  Vorderende.  b.  Hinterende.  (100  fach  vergrößert.)
*7  %

(A)  von  dem  Fleische  zu  ernähren.  Dann  stellt  sich  heftiges  Fieber  ein,  das
Gesicht  schwillt  auf,  und  heftige  Schmerzen  durchziehen  den  ganzen  Körper.  Die
Gefahr  ist  erst  nach  etwa  5  Wochen  vorüber,  wenn  die  Trichinen  anfangen,  sich
einzukapseln.  Die  Kapseln  behält  der  Mensch  für  immer  in  seinem  Körper.  —
Um  sich  vor  Trichinen  zu  schützen,  sollte  man  nie  rohes,  sondern  nur  gekochtes
Fleisch  genießen,  da  sie  bei  —  1000  C.  sterben.

XXI.  Im  Meere.
137.  Der  grönländische  Walfisch.

1.  Größe  und  Gestalt.  Der  Walfisch  ist  das  größte  aller  Tiere.  Er  erreicht
eine  Länge  von  20  m  und  ein  Gewicht,  das  etwa  dem  von  30  Elefanten  oder
        <pb n="275" />
        —  270  —

150  Ochsen  gleichkommt.  Seiner  Riesennatur  entspricht  auch  der  gewaltige  Rachen.
Er  ist  so  groß,  daß  ein  Mann  bequem  darin  umhergehen  kann.  Die  Zunge  ist  2  m
breit  und  4  m  lang.  Dagegen  sind  die  Augen  auffallend  klein  und  nur  etwa  so
groß  wie  Ochsenaugen.  Auch  die  verschließbare  Ohröffnung  ist  nur  wenig  sichtbar
—  ein  Beweis,  daß  diese  beiden  Sinne  für  den  Walfisch  keine  große  Bedeutung  haben.
Um  so  schärfer  aber  ist  sein  Gefühl,  das  er  in  der  empfindsamen  Haut  besitzt.  Die
Haut  ist  2  Finger  dick.  Unter  ihr  liegt  eine  20—  40  cm  dicke  Fettschicht.  Diese
wärmt  ihn,  vermindert  sein  Eigengewicht  und  erleichtert  ihm  das  Schwimmen.  Der
Riesenkörper  ist  dem  Leben  im  Meere  angepaßt.  In  einer  Stunde  schwimmt  das  Tier
30  km  weit.  Die  Vordergliedmaßen  sind  zu  3  m  langen  Brustflossen  umgewandelt.
Eine  Ahnlichkeit  mit  einem  Fuße  kann  man  an  ihnen  nicht  mehr  erkennen,  da  die
Zehen  mit  einer  derben  Haut  umschlossen  sind  und  auch  keine  Nägel  haben.  Die
Hintergliedmaßen  fehlen  vollständig.  Dafür  läuft  der  Hinterleib  in  eine  große,
wagerecht  gestellte  Schwanzflosse  aus.  (Bei  den  Fischen  steht  die  Schwanzflosse
senkrecht.)  In  dieser  besitzt  der  Walfisch  solche  Kraft,  daß  er  mit  einem  Schlage
ein  Boot  zertrümmern  kann.  Mitten  auf  dem  Kopfe  hat  der  Walfisch  2  Nasenlöcher,
  mit  denen  er  Atem  holt.  Sobald  er  auftaucht,  bläst  er  das  Wasser,  das  in
die  Nasenlöcher  eingedrungen  ist,  mit  solcher  Gewalt  empor,  daß  es  sich  in  feine  Tropfen
auflöst  und  wie  eine  Dampfsäule  6  m  hoch  steigt.  Dann  erst  holt  er  rasch  Atem.
2.  Nahrung.  Barten.  Der  Walfisch  lebt  vorzugsweise  von  Weichtieren  und
winzigen  Krebsen.  Die  Unterlippe  gleicht  einem  riesigen  Schöpflöffel,  der  sich  zum
Einfangen  der  Nahrung  vorzüglich  eignet.  Größere  Tiere  kann  der  Walfisch  nicht
verschlucken,  da  sein  Schlund  so  eng  ist,  daß  man  kaum  mit  einer  Faust  hindurchfahren
  kann.  Jagd  auf  Heringe  macht  er  nicht.  Kleinere  Fische,  die  zufällig  ins
Maul  geraten,  mag  er  wohl  verschlucken.  Statt  der  Zähne  besitzt  er  über  300
Barten.  Das  sind  Platten,  von  denen  die  größten  4  m  lang  und  40  em  breit
sind,  also  ungefähr  die  Größe  eines  Brettes  haben.  Sie  stehen  im  Oberkiefer  in
2  Reihen  und  sind  am  untern  Ende  ausgefasert  wie  kleine  Bürsten.  Durch  diese
Fasern  werden  die  ins  Maul  eingedrungenen  Schleimtiere  wie  in  einem  Siebe  fest
gehalten.  Kleine  Streifen  dieser  Barten  sind  uns  unter  dem  Namen  Fischbein  bekannt.
3.  Fang.  Der  grönländische  Walfisch  lebt  im  nördlichen  Eismeere  sowie  in

den  nördlichen  Teilen  des  großen  und  des  atlantischen  Oceans.  Alljährlich  gehen
viele  Schiffe  dorthin,  um  Walfische  zu  fangen.  Besonders  eifrig  wird  der  Fang
von  Norwegen  aus  betrieben.  In  frühern  Jahren  suchte  man  den  Walfisch  mit
einer  Harpune  (Lanze  mit  Widerhaken)  zu  töten.  In  neuster  Zeit  benutzt  man
———  —  beim  Walfischfange  kleine
Dampfschiffe,  auf  deren  Deck
sich  eine  Kanone  befindet.
Diese  wird  mit  einem  har—
punenartigen  Geschosse  ge—
»H  laden,  woran  eine  lange
T  Leine  befestigt  ist.  Sobald
nmun  einen  Walfisch  oder  den
von  ihm  aufsteigenden  Wasserstrahl
  bemerkt,  sucht  man.
sich  dem  Tiere  auf  etwa
20  m  zu  nähern.  Ist  dies
gpPFgelungen,  so  schießt  man  ihm
—  —  die  Harpune  in  den  Leib.
««  *  Die  Harpune  enthält  eine
Waljischfang.  Granate,  die  im  Leibe  des

****xst
        <pb n="276" />
        —  271  —

Wales  zerplatzt  und  ihn  sofort  tötet.  Mittels  des  Dampfers  wird  dann  das  Un—
geheuer  an  die  Küste  geschleppt,  wo  die  Verarbeitung  des  Tieres  fabrikmäßig
betrieben  wird.  Alles,  mit  Ausnahme  der  Gedärme,  findet  hier  Verwendung.  Die
Fleischmassen  werden  getrocknet  und  zu  Guano  zermahlen.  Die  riesigen  Knochen
werden  ebenfalls  zu  Mehl  zermahlen  und  dann  als  Dünger  verwendet.  Aus  dem
Speck  wird  Thran  gekocht,  und  die  Barten  geben  das  wertvolle  Fischbein.

133.  Der  Menschenhai.

1.  Heimat.  Körperbau,  der  Raubnatur  angepaßt.  Der  Menschenhai  ist
der  gefährlichste  Räuber  des  Meeres,  und  da  er  auch  Menschen  nicht  verschont,
so  ist  er  besonders  der  Schrecken  der  Schiffer.  Es  giebt  verschiedene  Arten  von
Menschenhaien.  Der  gewöhnlichste  ist  der  Blauhai.  Seine  Heimat  ist  das  Mittelmeer
  und  der  atlantische  Ocean.  Seine  Ausrüstung  zu  seinen  Räubereien  ist
furchtbar.  Er  wird  3—4  m  lang.  Die  Zähne  des  Oberkiefers  stehen  in  vier
schiefen  Reihen,  die  der  Unterkinnlade  sind  schlank,  bei  jungen  Haifischen  dreieckig,
bei  alten  lanzenartig.  Die  Schneiden  sind  sägeartig  mit  Zähnen  besetzt.  Einen
ganzen  Menschen  kann  der  Hai  zwar  nicht  auf  einmal  verschlingen,  dazu  ist  er
zu  klein,  aber  er  vermag  dem  Menschen  Arme  und  Beine  abzubeißen.

2.  Nahrung.  Der  Menschenhai  verschlingt  alle  Tiere,  die  er  überwältigen
kann,  ja,  sogar  vieles,  was  gar  nicht  genießbar  ist.  In  dem  Magen  eines  gefangenen
  Hais  fand  man  einen  halben  Schinken,  einige  Schafbeine,  das  Hinterteil
  eines  Schweines,  das  Haupt  und  die  Vorderbeine  einer  Bulldogge,  eine  Menge
Pferdefleisch,  ein  Stück  Sackleinen  und  einen  Schiffskratzer.  Daß  sich  der  Hai  beim
Ergreifen  der  Beute  immer  auf  die  Seite  lege,  wird  von  einigen  Naturforschern
bestritten.  Besonders  gern  verfolgt  er  die  Schiffe,  um  dann  nach  allem,  was  über  Bord
fällt,  zu  schnappen.  Nicht  mit  Unrecht  nennt  man  ihn  „die  Hyäne  des  Meeres“;
denn  auch  Leichen,  die  man  ins  Meer  senkt,  werden  begierig  von  ihm  verschlungen.

3.  Fang.  Man  fängt  die  Haifische  mit  Angelhaken,  die  an  einer  starken
Kette  befestigt  sind.  Als  Köder  dient  ein  Stück  Speck  oder  faules  Fleisch.  Der
Haifisch  beißt  sehr  leicht  an.  Sobald  er  aber  die  Angel  spürt,  gebärdet  er  sich
wie  rasend.  Zuweilen  dreht  er  sich  mit  solcher  Schnelligkeit  um  sich  selbst,  daß
die  Kette  zerreißt.  Von  einem  kleinen  Boote  aus  darf  man  daher  den  Fang  des
Haifisches  nicht  wagen.  Mittels  einer  Winde  wird  der  gefangene  Hai  etwa  zur
Hälfte  aus  dem  Wasser  gezogen  und  so  lange  schwebend  erhalten,  bis  er  sich  abgemattet
  hat.  Dann  haut  man  ihm  den  Schwanz  ab  und  tötet  ihn  vollends.

139.  Der  Hering.

1.  Körperbau.  Der  Hering  lebt  im  Meere.  Darum  ist  sein  Körper  auch  besonders
  zum  Schwimmen  eingerichtet.  Er  ist  seitlich  stark  zusammengedrückt  und  am
Kopfe  zugespitzt,  wodurch  beim  Schwimmen  das  Zerteilen  des  Wassers  sehr  erleichtert
wird.  Vor  allem  aber  verdankt  er  seine  Schwimmfähigkeit  den  Flossen.  Je  nach  ihrem
Standorte  nennt  man  sie  Brust-,  Bauch-,  Rücken-,  After=  oder  Schwanzflossen.  Mit
ihnen  rudernd,  bewegt  sich  der  Hering  im  Wasser  vorwärts.  Die  Schwanzflosse  ist  die
größte.  Ihr  fällt  auch  die  Hauptarbeit  bei  der  Bewegung  zu.  Sie  steht  senkrecht.
Daher  eignet  sie  sich  zugleich  vorzüglich  als  Steuerruder.  Wendet  der  Fisch  den
Schwanz  nach  rechts,  so  stößt  das  Wasser  auf  dieser  Seite  den  Schwanz  zurück  nach
links,  wodurch  das  Kopfende  nach  rechts  gelenkt  wird.  (Wie,  wenn  der  Fisch  nach
links  schwimmen  will?)  Auch  das  Auf=  und  Absteigen  bewirkt  der  Fisch  allein
durch  die  Flossen  (nicht,  wie  man  früher  glaubte,  durch  Zusammenpressen  und
Ausdehnen  der  Schwimmblase).  Er  kann  aber  auch  in  jeder  Tiefe  ruhen.
Dies  wird  durch  den  Druck  des  Wassers  geregelt,  der  nämlich  desto  größer  ist,  je
        <pb n="277" />
        —  272  —

tiefer  man  kommt.  Dieser  Druckunterschied  in  den  verschiedenen  Wasserschichten  bewirkt
eine  größere  oder  geringere  Ausdehnung  des  Körpers  und  dadurch  auch  der
mit  Luft  gefüllten  Schwimmblase.  Infolgedessen  verändert  sich  in  den  verschiedenen
Wasserschichten  auch  das  Eigengewicht  des  Fisches,  so  daß  er  dasselbe  Eigengewicht
erhält,  wie  es  das  umgebende  Wasser  hat.  Daher  erklärt  es  sich,  daß  er  in  jeder  Tiefe
zu  ruhen  vermag.  Zum  Schutze  ist  der  Körper  mit  Schuppen  bedeckt.  Das  Maul  ist
groß.  Zunge  und  Gaumen  sind  mit  Zähnen  besetzt,  und  da  der  Unterkiefer  etwas
verlängert  ist,  so  eignet  sich  das  Maul  vorzüglich  zum  Einfangen  der  Nahrung,
die  aus  kleinen  (kaum  1  mm  langen)  Krebsen  besteht.

2.  Kiemen.  Der  Hering  atmet  nicht  wie  die  Sängetiere  durch  Lungen,  sondern
  durch  Kiemen.  Sie  liegen  zu  beiden  Seiten  des  Halses  und  sind  äußerlich
je  von  einem  Kiemendeckel  bedeckt.  Dieser  ist  vorn  festgewachsen,  hinten  aber  frei  und
kann  auf  und  ab  bewegt  werden.  An  seiner  innern  Seite  sitzen  viele  kleine,  häutige
Blättchen,  die  an  knöchernen  Kiemenbogen  ausgespannt  und  von  vielen  feinen  Blutgefäßen
  durchzogen  sind.  Um  zu  atmen,  nimmt  der  Hering  das  Maul  voll  Wasser
und  drückt  es  gegen  die  Kiemen.  Die  im  Wasser  enthaltenen  Luftteilchen  setzen  dabei
den  Sauerstoff  an  die  Blutgefäße  ab,  das  Wasser  aber  wird  durch  die  Kiemendeckel
wieder  ausgestoßen.  Da  der  Hering  keine  Lungen  hat,  so  hat  er  auch  keine  Stimme.

3.  Laichen.  Die  männlichen  Heringe  heißen  Milchner,  die  weiblichen  Rogner.
Ein  einziges  Heringsweibchen  legt  jährlich  20—60000  Eier.  Es  setzt  sie  zur  Laichzeit
  an  Wasserpflanzen,  Steinen  u.  s.  w.  in  der  Nähe  der  Küsten  ab,  wo  sich  je  nach
der  Wärme  des  Wassers  in  6—50  Tagen  aus  ihnen  die  jungen  Fische  entwickeln.

4.  Sinneswerkzeuge.  Das  Auge  kann  nicht  geschlossen  werden,  da  die  Augenlider
  fehlen.  Das  Ohr  hat  keine  Offnung  nach  außen;  die  Gehörwerkzeuge  liegen  in
der  Schädelhöhle.  Dennoch  scheint  der  Fisch  gut  zu  hören;  denn  beim  geringsten  Geräusch
  entfernt  er  sich  vom  Ufer.  Das  Geräusch  wird  ihm  aber  wahrscheinlich  besonders
durch  den  „Hautsinn“  mitgeteilt.  Dieser  hat  seinen  Sitz  in  der  „Seitenlinie“,  d.  i.  ein
Kanal  zu  beiden  Leibesseiten,  mit  dem  er  jede  Erschütterung  des  Wassers  spürt.  Er
steht  mit  den  einzelnen  Schuppen  durch  Querkanäle  in  Verbindung.  Diese  Kanäle
sondern  auch  den  Schleim  ab,  durch  den  der  Körper  schlüpfrig  gemacht  und  das  Wasser
vom  Körper  abgehalten  wird.  Die  geschlossenen  Nasenhöhlen  enthalten  eine  strahlig
ausgespannte  Riechhaut.  Mit  ihr  wittert  der  Fisch  den  Köder  aus  weiter  Ferne.

5.  Fang.  Der  Hering  hält  sich  an  den  tiefsten  Stellen  der  Nord=  und  Ostsee
auf.  Nur  zur  Leichzeit  kommt  er  an  die  Küsten,  um  hier  seine  Eier  abzusetzen.  Das
ist  hauptsächlich  zweimal  im  Jahre  der  Fall.  Die  Hauptlaichzeit  fällt  in  die  Monate
Januar  bis  März.  Eine  zweite  Laichzeit  fängt  im  Juli  an  und  dauert  bis  zum  Dezember.
  In  regelmäßigen,  keilförmigen  Zügen  rücken  die  Heringe  an.  Ihre  Ankunft
verraten  sie  durch  die  oben  schwimmenden,  abgeriebenen  Schuppen.  Zahlreiche  Feinde,
wie  Delphine,  Heringshaie,  Dorsche,  Möven  u.  s.  w.,  begleiten  die  oft  20  km  langen
und  15  km  breiten  Heringszüge.  Die  Fischer  fahren  dann  in  der  Regel  ihre  100  bis
200  Schritt  langen  Zugnetze  des  Abends  bei  Laternenschein  in  das  Meer  hinaus
und  winden  sie  am  nächsten  Morgen,  mit  vielen  Tausenden  von  Heringen  gefüllt,
wieder  empor.  Auch  werden  die  Heringe  in  Reusen  und  in  senkrecht  hängenden
Netzwänden  (s.  Abb.,  unten!)  gefangen.  In  den  Netzwänden  bleiben  sie  in  den
Maschen  mit  den  Kiemendeckeln  hängen.  Damit  nicht  zu  kleine  Fische  gefangen
werden,  ist  die  Größe  der  Maschen  polizeilich  vorgeschrieben.  In  manchen  Jahren
erscheinen  die  Heringe  in  so  dichten  Zügen,  daß  sie  sich  wie  eine  Wand  (Heringsbank)
  zusammenschieben  und  die  Boote  aus  dem  Wasser  emporheben.

6.  Einpökeln.  Die  gefangenen  Heringe  werden  sogleich  nach  einer  Küstenstadt,
z.  B.  Bergen,  gebracht  und  dort  eingepökelt.  Hier  sitzen  in  großen  Buden  Frauen
und  Kinder,  schneiden  den  Fischen  die  Kehle  auf  und  nehmen  Kiemen  und  Ein-
        <pb n="278" />
        geweide  heraus.  Dann  werden  die  Heringe  ausgewaschen  und  mit  Seesalz  in
Tonnen  verpackt.  Dabei  werden  gleich  die  Vollheringe  von  den  Hohlheringen
geschieden.  Die  Vollheringe  haben  noch  nicht  gelaicht  und  sind  daher  größer  und
schwerer  als  die  Hohlheringe,  die  bereits  gelaicht  haben.  Junge  Heringe  heißen
Matjesheringe.  Hängt  man  die  Heringe,  nachdem  sie  24  Stunden  in  Salzsole
gelegen  haben,  in  Rauch,  so  erhält  man  Bücklinge.

XXII.  In  fremden  Tändern.
140.  Der  Löwe.

1.  Gestalt  und  Kraft.  Der  Löwe  ist  der  König  der  Tiere.  Diesen  Titel
verdankt  er  sowohl  seiner  Gestalt  als  auch  seiner  Kraft.  Besonders  schön  ist  die
Gestalt  des  Löwen  von  Nordafrika  (Berberei).  Das  Männchen  erhält  vom  vierten
Jahre  an  eine  aus  fahlgelben  und  schwarzbraunen  Haaren  bestehende  Mähne.
Diese  bedeckt  Kopf,  Hals  und  Schultern  wie  ein  Herrschermantel  und  giebt  dem
Tiere  daher  ein  majestätisches  Ansehen.  Bei  der  Löwin  findet  sich  statt  der  Mähne
nur  ein  Büschel  verlängerter  Haare  auf  der  Brust.  Das  ernste  Gesicht  ist  fast  viereckig.
  Die  Augen  sind  feurig  und  verleihen  dem  Herrscher,  wenn  er  in  Zorn
gerät,  einen  furchtbaren  Ausdruck.  Wirklich  riesenhaft  ist  die  Stärke  des  Löwen.
Mit  seiner  gewaltigen  Tatze  schlägt  er  den  stärksten  Mann  zu  Boden,  und  getötete
Rinder  und  Pferde  schleppt  er  weite  Strecken  fort.

2.  Ranbtier.  Was  aber  dem  Löwen  vor  allem  seine  Herrschaft  über  die
Tierwelt  sichert,  das  ist  seine  gewaltige  Ausrüstung  zum  Raubtiere.  In  Wirklichkeit
  ist  er  nämlich  nicht  der  schützende  König,  sondern  der  schrecklichste  Tyrann  der
Tierwelt.  Sein  Körperbau  stimmt  ziemlich  genau  mit  dem  einer  Hauskatze  überein.
(S.  217.)  Die  furchtbaren  Zähne  schneiden  wie  eine  Schere.  Mit  ihnen  reißt  er
Kamelen,  Pferden  und  selbst  Elefanten  mit  einem  Ruck  die  Halsader  ab.  Die
rauhe  Zunge  ist  so  stachelicht,  daß  sie  durch  bloßes  Lecken  Haut  und  Fleisch  von
den  Knochen  schält.  Das  scharfe,  funkelnde  Auge  macht  durch  sein  schreckliches

Leuchten  kleinere  Tiere  förmlich  erstarren.  Die  halbkreisförmigen  Krallen  können,
Nealienbuch.  B.  18
        <pb n="279" />
        —  274  —

damit  sie  sich  nicht  abnutzen,  in  eine  Scheide  zurückgezogen  werden.  Dadurch  wird
der  schleichende  Gang  fast  unhörbar  gemacht.  Auch  sind  die  Krallen  so  spitz,  daß
sie  mit  Leichtigkeit  das  Fell  des  Hirsches  durchbohren.  Die  erstaunliche  Geschmeidigkeit
  und  Dehnbarkeit  des  gestreckten  Körpers  befähigt  den  Löwen  zu  weiten
Sprüngen.  Dazu  kommt  noch  die  schrecklich  dröhnende  Stimme,  die  alle  Tiere
ringsum  in  Bestürzung  versetzt.

3.  Auf  der  Lauer.  Der  Löwe  bewohnt  die  Wald=  und  Grasdickichte  Afrikas
und  des  südlichen  Asiens.  Am  Tage  liegt  er  gewöhnlich  still  in  seinem  Lager.  Seine

 

 

——

  
 

        

   

 

 

Löwe  im  Sprunge.

Farbe  ist  die  Farbe  der  Wüste  —  sandgelb,  weshalb  er  aus  der  Ferne  oft  schwer  zu
erkennen  ist.  Meist  geht  er  erst  am  Abend  auf  Raub  aus.  In  Rohr  und  Gebüsch  legt
er  sich  auf  die  Lauer.  Endlich  knackt  es  im  Gezweige  —  eine  Antilopenherde  kommt
zur  Tränke.  Leise  schleicht  sich  der  Räuber  heran.  Ist  er  nahe  genug,  dann  stürzt  er
auf  seine  Beute  zu,  packt  und  zerreißt  sie.  (Daß  er  sich  immer  erst  in  einer  bestimmt
  abgemessenen  Entfernung,  etwa  von  10—12  Schritten,  niederducke  und  sich
dann  in  einem  ungeheuern  Sprunge  auf  sein  Opfer  werfe,  ist  eine  irrige  Meinung.)
Menschen  greift  er  nur  dann  an,  wenn  er  hungrig  ist  oder  von  ihnen  gereizt  wird.

141.  Der  gemeine  Bär.

1.  Aussehen.  Der  Bär  ist  ein  gar  plumper  Gesell.  Sein  zottiger,  brauner
Pelz  macht  ihn  noch  dicker,  als  er  wirklich  ist.  Plump  erscheint  auch  sein  dicker,
breiter  Kopf  mit  der  gewölbten  Stirn  und  der  verengten,  fast  zugespitzten  Schnauze.
Die  Ohren  sind  kurz  und  die  kleinen  Augen  schiefgestellt.  Der  Gang  ist  watschelig
und  unbeholfen.  Die  Mittelfußknochen  der  kurzen  Beine  stehen  nämlich  nicht,  wie
z.  B.  beim  Hunde,  senkrecht,  sondern  wagerecht,  weshalb  der  Bär  mit  der  ganzen
Sohle  auftritt.  (Sohlengänger.)  Auch  ist  er  zugleich  Paßgänger,  d.  h.  er  tritt
mit  beiden  Beinen  einer  Seite  so  ziemlich  zu  gleicher  Zeit  auf.  Bei  aller  Plumpheit
  aber  lernt  der  Bär  dennoch  sehr  gut  auf  den  beiden  Hinterbeinen  tanzen.

2.  Aufenthalt  und  Lebensweise.  Der  Bär  findet  sich  vorzugsweise  in  Polen,
Rußland,  Norwegen  und  in  den  Gebirgen  Ungarns.  In  den  Alpen  und  Pyrenäen
wird  er  nur  noch  selten  angetroffen.  Gewöhnlich  hält  er  sich  in  einsamen  Felsengegenden
oder  in  undurchdringlichen  Dickichten  auf.  In  der  Jugend  frißt  er  Gras,  Knospen,
        <pb n="280" />
        —  275  —

Obst,  Pilze  u.  dgl.  Seine  liebste  Speise  aber  ist  der  Honig.  Findet  er  ein  Bienennest
im  Baume,  so  klettert  er  hinauf;  denn  aufs  Klettern  versteht  er  sich  vorzüglich.  Er  wird
dabei  von  seinen  spitzen  Krallen  unterstützt.  Auch  Bienenkörbe  plündert  er.  Daß
ihn  der  Stich  der  Bienen  nicht  schmerze,  ist  eine  irrige  Meinung.  „Er  brummt  sogar
vor  Schmerz,  wälzt  sich,  sucht  die  Peiniger  abzustreifen,  läuft  auch  wohl  ins  Wasser,
kehrt  aber  bald  wieder  zurück.“  Wenn  er  älter  geworden  ist,  frißt  er  gern  Fleisch
und  stellt  besonders  Schafen  und  Rindern  nach.  In  Gebirgsgegenden  sucht  er
diese  nicht  selten  durch  Brummen  und  Umherjagen  so  zu  ängstigen,  daß  sie  sich  in
den  Abgrund  stürzen,  worauf  er  ihnen  nachklettert  und  sie  verspeist.  Ein  Bär
schlug  einst  eine  Kuh  nieder,  packte  sie  mit  den  Vorderbeinen  und  trug  sie,  aufrecht
gehend,  durch  einen  Bach  dem  Walde  zu.  Auch  Pferde  schlägt  er  zu  Boden.  Bei
großem  Hunger  und  bei  Verfolgung  greift  er  selbst  den  Menschen  an.  Meist  stürzt
er  auf  allen  vieren  (zuweilen  auch  hoch  aufgerichtet)  auf  ihn  los,  schlägt  ihn  mit
den  Vordertatzen  nieder  oder  umarmt  ihn  und  zerbricht  ihm  die  Rippen.  —  Im
hohen  Norden  macht  sich  der  Bär  gegen  den  Winter  ein  Lager  zurecht,  um  darin
einen  Teil  des  Winters  zu  verschlafen.

142.  Das  Renntier.

1.  Heimat,  Gestalt  und  Nahrung.  Das  Renntier  ist  etwa  so  groß  wie
ein  Hirsch  und  sieht  im  Sommer  braun,  im  Winter  weißgrau  aus.  Es  bewohnt
den  Norden  Europas,  Asiens  und  Amerikas,  jene  Gegenden,  wo  Pferd,  Schaf
und  Rind  der  Kälte  wegen  nicht  mehr  gedeihen.  Zum  Aufenthalte  in  jenen
Gegenden  sind  seine  Füße  ganz  vorzüglich  geeignet.  Die  Hufe  sind  nämlich  sehr
breit,  so  daß  es  mit  Leichtigkeit  sowohl  über  die  zahlreichen  Moräste  des  Sommers
als  auch  über  die  weiten  Schneedecken  des  Winters  hinwegeilen  und  geschickt  an
den  Gletschern  hinaufklettern  kann.  Was  das  Renntier  aber  vor  allem  zum  Auf—
enthalte  im  hohen  Norden  geeignet  macht,  das  ist  seine  Genügsamkeit.  Seine
Nahrung  besteht  hauptsächlich  aus  der  Renntierflechte,  die  dort  überall  wächst
und  oft  wie  ein  weißgrauer  Teppich  den  Boden  meilenweit  bedeckt.  Im  Winter
scharren  sich  die  Renntiere,  solange  der  Schnee  weich  ist,  mit  den  Vorderfüßen
(nicht  mit  dem  Geweih)  ihre  Nahrung  unter  dem  Schnee  hervor.

2.  Nutzen.  Dem  nördlichen  Bewohner  —  namentlich  dem  Lappen  —  ist
das  Renntier  unentbehrlich,  da  es  fast  alle  seine  Bedürfnisse  befriedigt.  Auf  den
vielen  Wanderungen  des  Lappen,  die  sein  Nomadenleben  mit  sich  bringt,  trägt
ihm  das  Renntier  sein  Zelt  und  Hausgerät.  Vor  den  bootähnlichen  Schlitten
gespannt,  durcheilt  es  an  einem  Tage  100—150  km.  Die  fette  Milch  des  Tieres
wird  getrunken  oder  zu  Käse  bereitet.  Im  Herbste  schlachtet  der  Lappländer  je
nach  Vermögen  eine  Anzahl  Renntiere.  Das  Fleisch  ist  sehr  schmackhaft.  Aus
den  Knochen  werden  Löffel,  Messer,  Nadeln  u.  dgl.  geschnitzt.  In  den  Blasen
wird  Milch  und  Tabak  aufbewahrt  und  aus  den  Sehnen  und  Gedärmen  Zwirn
bereitet.  Die  Haut  dient  als  Kleidung  und  das  Geweih  zu  allerlei  Gerätschaften.

143.  Das  einhöckrige  Kamel  (Dromedar).

*s2  Heimat  und  Aussehen.  Das  Kamel  lebt  in  den  Wüsten  Asiens  und
Afrikas.  Dem  Wüstenbewohner  ist  das  Kamel  unentbehrlich.  Mit  seiner  Milch
ersetzt  es  ihm  die  Kuh,  mit  seinem  Haar  das  wollige  Schaf  und  mit  seiner  Kraft
das  Pferd.  Die  Gestalt  des  Kamels  ist  ziemlich  häßlich.  Der  lange  Hals  trägt
einen  kleinen  Schafskopf.  Der  Leib  wird  durch  den  hohen  Höcker  und  die  einge—
zogenen  Weichen  entstellt.  Die  Farbe  ist  licht  sandfarben,  grau,  braun  oder  schwarz.

2.  Wüstenschiff.  Je  weniger  die  Natur  für  die  Schönheit  des  Kamels
sorgte,  desto  mehr  that  sie  für  die  Zweckmäßigkeit  seines  Körpers.  Ohne  das
187
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        —  276  —

Kamel  würden  die  weiten  Wüsten  unsers  Erdballes  gar  nicht  zu  durchreisen  sein.
Nicht  mit  Unrecht  nennt  man  es  das  „Schiff  der  Wüste“.  Körperbau  und
Nahrung  machen  es  zu  solchen  Reisen  durch  die  Wüste  besonders  geeignet.

a.  Körperbau.  Wunderbar,  daß  gerade  diejenigen  Körperteile,  die  das
Kamel  am  meisten  verunstalten,  ihm  beim  „Durchschiffen  des  sandigen  Wüstenmeers“
  von  großem  Nutzen  sind.  So  ist  z.  B.  der  häßliche  Höcker  eine  Vorratskammer,
  worin  sich  Fett  ansammelt,  das  in  Hungerzeiten  durch  feine  Adern
dem  Blute  als  Nährstoff  zugeführt  wird.  Daher  schwindet  auch  der  Höcker  bei
dürftiger  Nahrung  allmählich  dahin,  schwillt  aber  auf  grüner  Weide  erstaunlich
schnell  wieder  an.  Auch  die  breiten  Füße  sind  wie  geschaffen  für  die  Wüste.
Die  beiden  Zehen  an  jedem  Fuße  sind  nämlich  auf  der  untern  Seite  mit  einer
dicken,  lederartigen  Sohle  bekleidet,  die  diese  Zehen  fast  bis  ans  Ende  verbindet
und  so  das  zu  tiefe  Einschneiden  in  den  glühend  heißen  Wüstensand  verhindert.
Ebenso  kommen  dem  Kamele  die  Schwielen  an  der  Brust  und  an  den  Gelenken
der  Beine  vorzüglich  zu  statten.  Soll  es  nämlich  beladen  werden,  so  kniet  es
nieder;  es  vermag  dann  mit  Leichtigkeit  wieder  aufzustehen,  da  es  sich  mit  den
Schwielen  bequem  aufstemmen  kann.  Am  meisten  aber  wird  das  Kamel  zu  seinen
Wüstenwanderungen  durch  die  gewaltige  Kraft  befähigt,  die  es  beim  Tragen  der
Lasten  zeigt.  Ein  Lastkamel  legt  mit  140—150  kg  täglich  50—70  km  zurück,
ein  Reitkamel  sogar  150  km.  Der  Gang  des  Kamels  ist  der  schaukelnde  Paßgang,
  indem  es  mit  beiden  Füßen  einer  Seite  ziemlich  zu  gleicher  Zeit  auftritt.

b.  Nahrung.  Es  giebt  kein  Tier,  das  dem  Kamel  an  Genügsamkeit  gleichkommt.
  Zwar  frißt  es  mit  Vorliebe  grünes  Laub  und  frisches  Gras.  Auf  der
Reise  durch  die  Wüste  aber  begnügt  es  sich  mit  Disteln  und  stachelichten  Dorngewächsen,
  wie  sie  ihm  der  dürre  Sand  bietet.  Sein  Gaumen  ist  auch  so  hart,
daß  es  selbst  die  schärfsten  Dornen  ohne  Beschwerden  hinunterwürgen  kann.  Hat
es  sich  einmal  ordentlich  satt  gefressen,  dann  kann  es  24  Stunden  lang  fasten.
Dazu  kommt  ferner,  daß  das  Kamel  2—3  (das  Reitkamel  Ostsudans  4—5)  Tage
ohne  Wasser  aushalten  kann.  Länger  jedoch  nicht.  Zwar  kann  es  bei  Ruhe
und  saftiger  Nahrung  auch  wohl  einmal  wochenlang  das  Wasser  entbehren,  beim
Lasttragen  aber  niemals.  Früher  sah  man  die  großen  Zellen  des  Pansens  als
Behälter  an,  die  das  Wasser  lange  frisch  erhielten.  Das  ist  jedoch  eine  irrige
Meinung.  Ebenso  ist  es  eine  Fabel,  daß  man  zuweilen  ein  Kamel  in  der  Wüste
schlachte,  um  mit  seinem  Wasservorrate  den  Durst  zu  löschen.

144.  Der  afstatische  Elefant.

1.  Gestalt  und  Kraft.  Wie  ein  Riese  überragt  der  Elefant  alle  andern
Landtiere.  Seine  Höhe  beträgt  mehr  als  die  doppelte  eines  Menschen,  sein  Gewicht
aber  sogar  mehr  als  das  von  50  erwachsenen  Personen.  Die  Kraft  des  Elefanten
ist  so  gewaltig,  daß  er  24  Menschen  auf  seinem  Rücken  zu  tragen  vermag.  Die
fast  nackte  Haut  des  Elefanten  wird  so  dick  wie  ein  Daumen,  so  daß  aus  ihr
sogar  Schilde  und  Spazierstöcke  gemacht  werden  können.  (Dickhäuter.)  Der  riesige
Leib  wird  von  4  Beinen  getragen,  die  das  Aussehen  von  Säulen  haben.  Dennoch
vermag  der  Elefant  mit  ihnen  so  schnell  zu  laufen,  daß  ihn  das  schnellste  Pferd
nicht  einholt.  Der  Kopf  ist  ungemein  groß,  der  Hals  kurz,  aber  kräftig.  (Tiere
mit  langem  Halse  haben  meistens  einen  kleinen  Kopf:  Giraffe,  Strauß.)

2.  Rüssel.  Die  Oberlippe  hat  sich  in  einen  Rüssel  verlängert,  der  über  2  m
lang  wird.  Von  der  Wurzel  nach  der  Spitze  zu  verdünnt  er  sich,  und  am  Ende
trägt  er  die  beiden  Nasenlöcher.  Zwischen  diesen  befindet  sich  ein  fingerförmiger
Fortsatz.  Der  Rüssel  ist  Geruchswerkzeug  und  Hand  zugleich  und  ist  dem  Elefanten
bei  dem  kurzen  Halse  unentbehrlich.  Er  ist  ungemein  beweglich.  Mit  ihm  pflückt
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        —  277  —

sich  der  Elefant  das  Gras  ab,  reißt  das  Laub  von  den  Bäumen  und  faugt  das  Wasser
aus  dem  Bache  auf.  In  ihm  besitzt  er  solche  Kraft,  daß  er  mit  einem  Schlage
Löwen  und  Tiger  töten,  Menschen  hoch  in  die  Luft  werfen,  Bäumchen  aus  der
Erde  reißen  und  Baumstämme  forttragen  kann.  Erstaunlich  ist  die  Geschicklichkeit,
die  der  Elefant  in  dem  fingerförmigen  Fortsatze  besitzt.  Mit  ihm  löst  er  den  Knoten
eines  Seiles  auf,  zieht  geschickt  den  Kork  von  der  Flasche,  dreht  den  Schlüssel  im
Schlosse,  hebt  den  Pfennig  von  der  Erde  auf  und  dreht  munter  den  Leierkasten.

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Elefant,  einen  Baumstamm  tragend.

3.  Stoßzähne.  Im  Oberkiefer  hat  der  Elefant  an  Stelle  der  Schneidezähne
  die  beiden  gewaltigen  Stoßzähne,  die  das  bekannte  Elfenbein  liefern.  Sie
sind  nach  oben  gekrümmt  und  können  nahezu  2  m  lang  werden.  Beim  Weibchen
sind  sie  bedeutend  kürzer  als  beim  Männchen,  bei  dem  jeder  Stoßzahn  das  Gewicht
  eines  Mannes  (75  kg)  erreicht.  Sie  sind  sehr  wertvoll  (400  bis  1200  40)
und  werden  zu  Billardkugeln,  Stockgriffen  und  Schmucksachen  verarbeitet.

4.  Nahrung.  Der  Elefant  nimmt  seine  Nahrung  nur  aus  dem  Pflanzenreiche.
  Er  findet  daher  in  den  Urwäldern  Indiens  und  Afrikas  reichliche  Kost.
Jedoch  besucht  er  auch  gern  die  angebauten  Reisfelder.  Gerät  eine  Elefantenherde
  in  ein  solches  Reisfeld,  so  ist  die  Ernte  dahin.  Was  nicht  verzehrt  werden
kann,  wird  zerstampft.  In  der  Gefangenschaft  frißt  der  Elefant  täglich  30  kg  Heu,
10  kg  Brot  und  einige  Körbe  voll  Rüben  und  Kartoffeln.  Dazu  trinkt  er  an
heißen  Tagen  noch  täglich  20  Eimer  Wasser.

5.  Im  Dienste  des  Menschen.  Der  gezähmte  Elefant  läßt  sich  mit  größter
Leichtigkeit  von  seinem  Führer  lenken;  meistens  genügt  hierzu  schon  ein  Wort.
Bei  seinen  Verrichtungen  zeigt  er  ungemein  viel  Vorsicht.  Wenn  er  am  Tau
große  Balken  von  einem  Orte  zum  andern  zieht,  so  entfernt  er  alle  Hindernisse,
die  sich  den  Balken  auf  dem  Wege  entgegenstellen.  Soll  er  mit  Ballen  und
Säcken  beladen  werden,  so  kniet  er  nieder  und  legt  die  Lasten  mit  dem  Rüssel
selbst  auf  seinen  Rücken.  Will  ihm  ein  Faß  fortrollen,  das  er  auf  den  Erdboden
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        —  278  —

gelegt  hat,  so  schiebt  er  einen  Stein  darunter.  Viel  Vergnügen  macht  ihm  das
Baden.  Fehlt  ihm  aber  dazu  die  Gelegenheit,  so  bespritzt  er  seinen  Körper  mit
Wasser.  Er  pflückt  sich  Zweige  und  benutzt  sie  als  Fächer  und  Wedel  gegen  die
Fliegen.  Auch  sucht  er  sich  gegen  deren  Stich  noch  dadurch  zu  schützen,  daß  er
seine  Haut  mit  Sand  und  Erde  bestreut.

145.  Der  Orang-UItan.

1.  Körperbau.  Der  Orang-Utan  erreicht  etwa  die  Größe  eines  14  jährigen
Knaben.  Er  unterscheidet  sich  —  wie  fast  alle  Affen  —  von  den  übrigen  Säugetieren
  besonders  durch  seine  „Hände“,  mit  denen  die  Vordergliedmaßen  versehen
sind.  Die  Hintergliedmaßen  haben  „Greiffüße".  Durch  die  Hände  erinnert  der

Alffe  an  den  Menschen,  mit  dem  er  in  seinem
6  INTNKußern  auch  sonst  wohl  noch  einige  Ahnlich="



     

       
  
   
  

zkeit  hat.  Betrachtet  man  ihn  aber  genauer,
Mso  wird  man  bald  den  Unterschied  zwischen
Alfen  und  Menschen  erkennen.  Fast  der  ganze
Korper  ist  mit  rotbraunen  Haaren  bedeckt.

Nur  das  Gesicht,  die  Ohren  und  die  Innenflächen
  der  Hände  sind  nackt,  aber  von  bläuelicher
  Färbung.  Das  bartumrahmte  Gesicht
heat  zwar  in  der  Ingend  einen  menschenähhnlichen,

  jedoch  greisenhaften  Ausdruck.  Mit
„  zunehmendem  Alter  aber  werden  Nase  und
Maul  immer  mehr  schnauzenartig,  und  die
·  «  llangen  Eckzähne  geben  dann  dem  Orang-Utan
»«  beim  Offnen  des  Maules  ein  raubtierartiges

—  —  Aaussehen.  Nach  Zahl  und  Art  der  Zähne

—————-  stimmt  sonst  das  Gebiß  mit  dem  des  Menschen

 

Orang-Utan.  überein,  jedoch  findet  sich  im  Oberkiefer  jederseits

  zwischen  den  Schneide=  und  Eckzähnen  eine  Zahnlücke  zur  Aufnahme  der
untern  starken  Eckjähne.  Der  Orang-Utan  kann  zwar  auch  aufrecht  gehen  wie
der  Mensch,  niemals  aber  vermag  er  die  Knie  seiner  wadenlosen  Beine  zurückzudrücken.
  Am  liebsten  läuft  er  auf  allen  vieren.  Er  unterscheidet  sich  also
schon  körperlich  wesentlich  vom  Menschen,  mehr  aber  noch  dadurch,  daß  ihm,  wie
allen  andern  Tieren,  die  vernünftige  Seele  fehlt;  deshalb  kennt  er  auch  nichts
von  Religion,  Sprache,  Wissenschaft  und  Kunst.

2.  Lebensweise.  Der  Orang-Utan  lebt  in  den  Urwäldern  der  Inseln  Börneo
und  Sumätra.  Hier  klettert  er  fast  den  ganzen  Tag  auf  Bäumen  umher,  um  sich
Baumfrüchte  und  Blätter  zu  pflücken  oder  gelegentlich  auch  einmal  ein  Vogelnest
zu  plündern.  Und  zum  Klettern  ist  er  durch  seinen  Körperbau  außerordentlich
befähigt.  Mit  seinen  Händen  und  Greiffüßen  kann  er  sich  geschickt  festhalten.  Die
Arme  sind  sehr  lang  und  reichen  bis  auf  die  Knöchel.  Dadurch  wird  es  ihm  leicht,
auch  weitabstehende  Zweige  zu  ergreifen.  Er  klettert  zwar  langsam  und  bedächtig,
aber  mit  großer  Sicherheit.  Nur  selten  hüpft  und  springt  er,  jedoch  vermag  er
auf  dickern  Zweigen  geschickt  zu  laufen.  Auf  die  Erde  kommt  er  nicht  oft.  Will
er  von  einem  Baume  zum  andern,  so  schwingt  er  sich  vorsichtig  hinüber.  In  der
Mitte  des  Wipfels  baut  er  sich  ein  Lager.  Es  gleicht  einem  Vogelhorste,  trägt  aber
niemals  ein  Dach,  wie  man  früher  glaubte.  Daß  er  Elefanten,  die  in  sein
Gehege  kommen,  mit  Knüppeln  vertreibe,  ist  nur  eine  Sage  der  Eingeborenen.
Diese  glaubten  ja  früher  auch,  er  könne  sprechen  und  rede  nur  deshalb  nicht,
damit  er  nicht  zu  arbeiten  brauche.  Seine  Kraft  ist  gewaltig.  Er  zerbricht  mit
        <pb n="284" />
        —  279  —

Leichtigkeit  einen  Speer,  ja,  den  Arm  eines  starken  Mannes  und  beißt  fürchterlich
in  seiner  Wut.

3.  In  der  Gefangenschaft.  Von  einem  gefangenen  Orang-Utan  wird  uns
folgendes  berichtet:  Er  zeigte  keine  Spur  von  Wildheit  und  Bosheit.  Gewöhnlich
lief  er  auf  allen  vieren,  konnte  jedoch  auch  aufrecht  gehen.  Er  fraß  Apfel,  Birnen,
Rüben,  genoß  aber  auch  rohe  Eier,  ja,  selbst  Braten  und  Fisch.  Hatte  er  getrunken,
  so  wischte  er  sich  das  Maul  mit  der  Hand  ab.  Meisterhaft  verstand
er  sich  auf  den  Taschendiebstahl,  und  ohne  daß  es  die  Leute  merkten,  zog  er
ihnen  Zuckerstückchen  aus  der  Tasche.  Einst  öffnete  man  das  Schloß  seiner  Kette
mit  einem  Schlüssel.  Als  er  dies  bemerkte,  nahm  er  ein  Stück  Holz,  steckte  es
ins  Schlüsselloch,  drehte  es  um  und  sah  zu,  ob  sich  das  Schloß  geöffnet  hatte.

146.  Der  Strauß.

1.  Körperbau.  Der  Strauß  ist  der  größte  Vogel.  Er  wird  2½  m  hoch.
Fliegen  kann  er  nicht.  Er  ist  mit  seinem  schweren  Körper  nicht  für  die  Luft,  sondern
zum  Leben  auf  der  Erde  geschaffen.  Seine  Knochen  sind  auch  nicht  wie  bei  den
meisten  Vögeln  mit  Luft  (S.  227),  sondern  mit  Mark  angefüllt.  Die  Flügel  aber  sind
ihrer  Kürze  wegen  zum  Fliegen  ganz  untauglich.  An  Stelle  der  Schwungfedern
treten  lange,  daunenartige  Schmuckfedern,  die  sog.  Straußenfedern,  deren  Schäfte
weich  und  biegsam  sind.  Auch  am  Schwanze  finden  sich  solche.  Sie  sehen  beim
Hahne  blendend  weiß,  bei  der  Henne  aber  unrein  weißlich  aus.  Im  übrigen
sind  beim  Hahne  alle  Rumpffedern  kohlschwarz,  bei  der  Henne  graubraun.  Je
weniger  aber  der  Strauß  sich  aufs  Fliegen  versteht,  desto  größer  ist  seine
Kunst  im  Laufen,  worin  er  die  meisten  Vierfüßler  übertrifft.  Zu  dieser  Kunst
befähigen  ihn  besonders  seine  langen,  kräftigen  Beine.  An  jedem  Fuße  sitzen  nur
zwei,  aber  sehr  kräftige  Zehen,  die  fast  an  den  gespaltenen  Huf  des  Kamels  erinnern,
  und  von  denen  die  längere  mit  einem  stumpfen  Nagel  versehen  ist.  Auch
die  Flügel  weiß  sich  der  Strauß  beim  Laufen  dienstbar  zu  machen,  indem  er  sie
dabei  ausbreitet  und  sich  dadurch  im  Gleichgewichte  zu  erhalten  sucht.

2.  Aufenthalt  und  Nahrung.  Der  Strauß  lebt  in  den  Wüsten  Afrikas,
Arabiens  und  Indiens.  Zum  Aufenthalte  in  diesen  unfruchtbaren  Gegenden  eignet
er  sich  besonders  durch  seine  Genügsamkeit;  denn  wie  er  schon  durch  seine  Gestalt
an  das  Kamel  erinnert,  so  ist  er  auch  genügsam  wie  dieses.  Jedoch  wählt  er  in
der  Wüste  nur  solche  Stellen  zum  Aufenthalte,  wo  es  Wasser  giebt.  Seine  hauptsächlichste
  Nahrung  nimmt  er  aus  dem  Pflanzenreiche;  er  verschmäht  jedoch  auch
Käfer,  Gewürm,  junges  Geflügel  u.  dgl.  nicht.  Sein  Magen  ist  ungemein  stark
und  kräftig.  Wirft  man  dem  Strauße  ein  kleines  Stückchen  vom  Ziegelsteine,  eine
bunte  Scherbe,  einen  blanken  Knopf  hin,  so  hackt  er  augenblicklich  danach  und  schluckt
diese  Dinge  nicht  selten  hinunter,  ohne  Magenbeschwerden  davon  zu  bekommen.
Namentlich  erregen  glänzende  Dinge,  wie  Perlen  und  Metallstückchen,  seinen  Appetit.
So  fand  man  in  dem  Magen  eines  geschlachteten  Straußes  4½  kg  unverdauliche
  Gegenstände  vor:  Sand,  Werg,  Lumpen,  3  Eisenstücke,  9  Kupfermünzen,
1  kupfernes  Scharnier,  2  Schlüssel,  37  Nägel,  mehrere  Bleikugeln  und  Knöpfe.

3.  Das  Nest  des  Straußes  besteht  nur  in  einer  muldenartigen  Vertiefung
im  Wüstensande.  Eine  Auspolsterung  mit  weichen  Gegenständen  findet  nicht  statt.
Mehrere  Hennen  benutzen  nicht  selten  dasselbe  Nest  und  legen  zu  gleicher  Zeit
abwechselnd  ihre  Eier  hinein.  Ein  solches  Ei  hat  die  Größe  eines  Kinderkopfes,
wiegt  soviel  als  24  Hühnereier  und  sättigt  vier  hungrige  Personen.  Die  jungen
Strauße  sind  anfangs  mit  Stacheln  besetzt.  Erst  nach  2  Monaten  bekommen  sie  Federn.

4.  Straußenjagd.  Die  Strauße  werden  besonders  der  teuern  weißen  Flügelund
  Schwanzfedern  wegen  verfolgt,  denn  ein  Straußenfell  wird  in  Afrika  mit
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150—160  bezahlt.  Um  die  kostbaren  Federn  nicht  mit  Blut  zu  beschmutzen,
erlegt  man  den  Strauß  nicht  mit  Feuergewehren,  sondern  jagt  ihn  mit  Hunden
und  Pferden.  Wenn  er  dann  in  rasendem  Laufe  davoneilt,  wirft  er  zuweilen  mit

 

 

 

 

 

 

 

 

     

üßen  Steine  mit  solcher  Gewalt  hinter  sich,  daß  die  Verfolger  dadurch
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verwundet  werden.  Daß  er  aber,  um  nicht  gesehen  zu  werden,  seinen  Kopf  in
den  Sand  stecke,  ist  eine  Fabel.  Vielmehr  läuft  er  meist  so  lange,  bis  er  ermüdet
niedersinkt.  Dann  wird  er  mit  Knüppeln  vollends  totgeschlagen.  Die  Eingebornen
verkleiden  sich,  um  ihn  zu  töten,  auch  wohl  als  Strauße,  wobei  ein  mit  Stroh  umwickelter
  Stock  die  Stelle  des  Halses  vertritt.  So  suchen  sie  die  Vögel  zu  täuschen  und
sich  ihnen  zu  nähern.  In  Ost=  und  Südafrika  wird  der  Strauß  vielfach  gezüchtet.

147.  Das  MNilkrokodil.

1.  Aufenthalt  und  Körperbau.  Das  Nilkrokodil  ist  besonders  in  den  Flüssen
und  Seen  Afrikas  zu  Hause.  Am  Tage  liegt  das  Ungeheuer  nicht  selten  auf  einer
Sandbank  mitten  im  Flusse,  um  sich  zu  sonnen.  Der  plumpe  Leib  wird  6  bis
9  m  lang  und  ist  auf  dem  Rücken  mit  6  Reihen  großer,  viereckiger  Schilde  bedeckt.
  Sie  liegen  wie  Pflastersteine  nebeneinander  und  erheben  sich  am  Schwanze
zu  einem  sägeförmigen  Kamme.  Früher  glaubte  man,  die  Hornschilde  des  Krokodils
  seien  so  hart,  daß  keine  Kugel  sie  durchdringen  könne.  Das  ist  jedoch  ein
Irrtum.  Der  Rachen  des  Krokodils  ist  sehr  tief  gespalten.  Wenn  es  ihn  öffnet,
erblickt  man  in  den  Kiefern  die  vielen  sehr  langen  und  spitzen  Zähne.  Am  Abend
geht  das  Krokodil  ins  Wasser,  um  auf  Fische  und  allerlei  Tiere  Jagd  zu  machen.
Das  Wasser  ist  das  eigentliche  Element  des  Tieres.  Sein  ganzer  Körper  ist  auch
dem  Leben  im  Wasser  durchaus  angepaßt.  Die  Zehen  der  Hinterfüße  sind  durch
halbe  Schwimmhäute  verbunden.  Der  lange  Schwanz  bildet  einen  Ruderschwanz.
So  vermag  das  Krokodil  äußerst  schnell  zu  schwimmen.  Auch  zum  Untertauchen
ist  es  sehr  befähigt,  da  Nasen=  und  Ohrlöcher  im  Wasser  durch  eine  Klappe  und
die  Augen  durch  eine  durchsichtige  Nickhaut  geschlossen  werden  können.

2.  Auf  der  Lauer.  Gesicht  und  Gehör  sind  scharf.  Daher  merkt  das  Krokodil
sehr  bald,  wenn  ein  Tier  zur  Tränke  kommt.  Lautlos  nähert  es  sich  der  Stelle  und
wartet  —  nur  mit  den  Nasenlöchern  über  dem  Wasser  —  auf  einen  günstigen
Augenblick,  Plötzlich  schießt  es  wie  ein  Pfeil  auf  seine  Beute  los,  packt  sie  und
        <pb n="286" />
        —  281  —

zieht  sie  ins  Wasser,  um  sie  zu  ersänfen.  Hfters  auch  beißt  es  größern  Tieren
mit  einem  Ruck  den  Kopf  ab.  So  werden  alljährlich  eine  Anzahl  von  Pferden,
Eseln,  Rindern,  —.,
Kamelen  u.  s.  w.  6.““—m—  0  44  —
eine  Beute  dieses  —  .-"«-  «s--UngeheueräAberT

auch  Menschen,  die
zum  Baden  ans
Ufer  kommen,  sucht  —  *45“
es  zu  erschnappen.  *  -rm***  —  —  E  öS  1  3
3.  Auf  demn  -
Lande.  So  ver.  -
wegen  das  Krokodi.  caber
  im  Wasser  ist,
so  feig  ist  es  auf
dem  Lande.  Kaum
100  Schritte  wagnt
es  sich  vom  Ufer  1
zu  entfernen.  Er./NW
blict  es  einen  MNO
Menschen,  s  er
greift  es  eilig  die
Flucht  und  plumpst  nach  Art  der  Frösche  ins  Wasser.  Daß  das  Krokodil  nicht
im  Zickzack  laufen  könne,  wird  von  Augenzeugen  bestritten.

4.  Vermehrung.  Das  Krokodil  legt  20—60  Eier,  die  ungefähr  so  groß
wie  Gänseeier  sind,  in  60  em  tiefe  Löcher.  Die  Löcher  scharrt  es  in  den  Sand
und  deckt  sie,  nachdem  die  Eier  gelegt  sind,  wieder  zu.  Die  Jungen  sind  anfänglich
  kaum  handlang  und  wachsen  sehr  langsam.

143.  Die  BGaumwolle.

1.  Anbau.  Die  Baumwolle  kommt  von  Pflanzen,  die  unsern  Malven  ähnlich
sind.  Es  giebt  deren  mehrere  Arten:  teils  krautartige  von  höchstens  1  m  Höhe,
teils  strauch=  und  baumartige  bis  zu  5  m  Höhe.  Wir  finden  sie  wildwachsend  in
Ost=  und  Westindien  sowie  auch  im  Innern  Afrikas.  Ihres  reichen  Ertrages  wegen
wird  sie  aber  vielfach  angebaut,  besonders  an  den  Ufern  des  Mississippi.  In  Europa
gedeiht  die  Baumwolle  nur  in  Spanien,  Süditalien  und  auf  der  Balkanhalbinsel.
Im  März  oder  April  legt  man  die  Samenkörner  in  regelmäßigen  Zwischenräumen
in  das  gepflügte  Erdreich.  Der  bald  üppig  hervorschießende  Stengel  wird  bis  auf
Fingerlänge  über  dem  Erdboden  abgeschnitten,  damit  er  recht  viele  Aste  treibt.
Im  Juni  blüht  der  Strauch.  Aus  den  ziemlich  großen,  gelben  Blüten,  die  in
den  Blattwinkeln  sitzen,  entwickeln  sich  im  Juli  runde,  walnußgroße  Kapfseln.

2.  Ernte.  Bei  völliger  Reife  springen  die  Kapseln  mit  lautem  Knalle
auf,  und  aus  den  Spalten  quillt  die  weiße  Wolle  hervor.  Sie  umschließt  3—20
erbsengroße  Samenkörner.  In  den  Baumwollenfeldern  werden  jedoch  die  Kapseln
gepflückt,  ehe  sie  aufspringen.  Hierauf  zerdrückt  man  sie  durch  Maschinen  und
reinigt  die  Baumwolle  von  den  Samenkörnern.

3.  Verarbeitung.  Die  meiste  Baumwolle  wandert  zu  Schiffe  nach  England
in  die  großen  Fabrikstädte.  Unter  diesen  steht  Manchester  obenan.  Dort  sind
an  200  Fabriken,  und  in  jeder  werden  600—800  Menschen  beschäftigt.  Noch
einmal  wird  hier  die  Baumwolle  gereinigt,  dann  gesponnen  und  gewebt.  Ein
Mädchen  kann  2  Webstühle  versorgen,  und  jeder  Stuhl  verfertigt  täglich  ein
        <pb n="287" />
        —  282  —

Stück  Kattun,  wozu  ein  Weber  mit  der  Hand  mehrere  Wochen  gebrauchen  würde.
Nach  der  Art  des  Gewebes  unterscheidet  man  Kattun,  Nanking,  Musselin,  Jaconet,
Gingan,  Tüll,  Barchent,  Piqué  u.  s.  w.

149.  Der  Reis.

1.  Heimat  und  Aussehen.  Die  ursprüngliche  Heimat  des  Reises  ist  Indien;
doch  wird  er  jetzt  fast  in  ganz  Asien  angebaut,  ebenso  in  Afrika,  den  wärmern
Teilen  von  Amerika,  in  Oberitalien,  Südspanien,  Südfrankreich,  auf  der  Balkan—
halbinsel  u.  s.  w.  Der  Reis  gehört  zu  den  Gräsern.  Er  erinnert  mit  seinen
federspuldicken  Halmen,  seinen  linealförmigen  Blättern  und  den  Rispen  an  unsre
Getreidearten  und  wird  etwa  so  hoch  wie  der  Weizen.

2.  Aubau.  Es  giebt  zweierlei  Reisarten:  den  Sumpfreis  und  den  Bergreis.
  Der  Sumpfreis  wird  in  nassen  Niederungen  gewonnen,  die  alljährlich  mehrmals
  künstlich  (durch  Schöpfräder)  überschwemmt  werden.  Beim  Säen  muß  der
Landmann  häufig  bis  an  die  Knie  im  Sumpfe  waten.  Diese  Feuchtigkeit  erzeugt
oft  todbringende  Fieberluft,  weshalb  in  Italien  und  Spanien  der  Anbau  des
Reises  in  der  Nähe  von  Ortschaften  verboten  ist.  Zur  Erntezeit  schneidet  man
die  Halme  mit  der  Sichel  und  bindet  sie  in  Garben.  Alsdann  werden  die  Rispen
gedroschen  und  die  Körner  auf  Mühlen  enthülst.  —  Der  Bergreis  wächst  auf
trocknen,  höher  gelegenen  Feldern,  ist  aber  nicht  so  ergiebig  als  der  Sumpfreis.

3.  Wichtigkeit.  Arrak.  Der  Reis  gehört  zu  den  wichtigsten  Getreidearten.
Er  bildet  die  Hauptnahrung  der  Bewohner  der  Reisländer.  —  Durch  Gärung
wird  aus  den  Reiskörnern  der  Arrak  gewonnen.

150.  Der  Raffee.

1.  Anbau.  Der  Kaffeebaum  wird  nur  in  den  Ländern  zwischen  den  Wendekreisen
  angebaut,  ganz  besonders  auf  Java,  in  Westindien  und  Brasilien.  Er
·-  erreichtemeHöhebtszusmdoch
wird  er  gewöhnlich  beschnitten  und  als
Strauch  nur  etwa  1½/2—2  m  hoch  gezogen.
  Am  besten  gedeiht  der  Kaffee
an  solchen  Stellen,  wo  ihm  reichlich
Wasser  zugeführt  werden  kann.  Die
Sträuche  stehen  gewöhnlich  in  Reihen
,bei  einander,  in  heißen  Ländern  über-5
  schattet  von  hohen  Bäumen  aller  Art.
ZIn  dritten  Jahre  beginnt  der  Strauch
zzu  blühen  und  Früchte  zu  tragen.
Die  Blüten  sind  schneeweiß.  Die  Früchte
sehen  wie  Kirschen  aus.  Sie  bestehen
aus  Beeren,  die  sich  nacheinander  grün,
gelb,  rot  und  violett  färben.  Im
Innern  enthalten  sie  2  Kaffeebohnen,
die  mit  der  flachen  Seite  gegeneinander
  liegen.  Die  Haupternte  ist  im
Mai.  Die  reifen  Beeren  werden  gesammelt
  und  auf  eine  Mühle  gebracht,
*½  wo  sie  von  der  Fleischhülle  befreit  werden.
Kaffeepflanze.  Sodann  trocknet  man  sie  und  bringt  sie
in  eine  Walzenmühle,  um  sie  von  einem  Häutchen  zu  befreien,  das  sie  bis  dahin
noch  umgiebt.
        <pb n="288" />
        —  283  —

2.  Wirkung.  Der  Kaffee  wirkt  erfrischend  und  regt  die  Nerven  an.  Mäßiger
Genuß  schadet  nicht,  Übermaß  und  besonders  zu  stark  gekochter  Kaffee  dagegen  bewirkt
Schlaflosigkeit  und  Blutandrang  nach  dem  Kopfe.  Vollblütige  und  Fieberkranke
sollten  ihn  ganz  meiden.

151.  Gewürzpflanzen.

1.  Der  Gewürznelkenbaum  ist  auf  den  Gewürzinseln  heimisch.  Er  wird
so  groß  wie  unser  Kirschbaum.  Seine  Blütenknospen  werden  gesammelt  und  getrocknet
  und,  da  die  nicht  entfalteten  Blütenknospen  die  Form  eines  Nagels  haben,
„Nägelchen“  genannt.  Man  bedient  sich  ihrer  beim  Einmachen  der  Früchte.

2.  Der  Zimtbaum  ist  auf  der  Insel  Ceylon  zu  Hause,  wird  aber  auch  auf
den  Molukken  angebaut.  Der  Stamm  kann  die  Höhe  von  9  m  erreichen,  doch
wird  er  in  den  Pflanzungen  jung  am  Boden  abgeschnitten,  so  daß  er  3—4  m
hohe  Zweige  treibt.  Diese  schneidet  man  im  Mai  und  Juni  ab.  Benutzt  wird
der  Bast.  Man  schält  ihn  ab  und  trocknet  ihn,  wobei  er  sich  zu  Röhren  zusammenrollt
  und  seine  zuerst  weiße  Farbe  in  hellbraun  verwandelt.

3.  Der  Pfefferstrauch  wird  auf  Java,  Malabar  und  Sumatra  vielfach  angebaut.
  Er  ist  ein  Schlinggewächs.  An  seinen  Ranken  sitzen  handlange  Ahren,
aus  deren  Blüten  sich  20—30  kleine,  rote  Beeren  entwickeln.  Nimmt  man  die
Beeren  unreif  ab,  so  werden  sie  schwarz  und  runzlig  und  geben  den  „schwarzen
Pfeffer".  Legt  man  aber  die  reifen  Beeren  so  lange  in  Wasser  und  Essig,  bis  man
die  Schale  abreiben  kann,  so  erhält  man  den  milde  schmeckenden  „weißen  Pfeffer"“.

4.  Der  Lorbeerbaum  wächst  an  den  Küsten  des  Mittelmeers  wild;  bei
uns  wird  er  häufig  als  kleiner  Zierstrauch  in  Töpfen  gezogen.  Seine  lederartigen
Blätter  werden  manchen  Speisen  als  Gewürz  zugesetzt.  In  Griechenland  wurden
ehemals  die  Sieger  mit  einem  Lorbeerkranze  geschmückt.

5.  Die  Vanille  wächst  in  heißen  Ländern,  besonders  in  Mexiko,  und  ist  ein
Schlinggewächs,  das  sich  an  Bäumen  emporrankt.  Die  etwa  handlangen,  dreiklappigen
  Kapseln  haben  einen  lieblich  gewürzhaften  Geschmack  und  werden  der
Schokolade  und  andern  Speisen  als  Gewürz  zugesetzt.

 

Einiges  über  den  Bau  des  menschlichen  Körpers.

1.  Bau  der  Knochen.  Die  festen  Bestandteile  des  Körpers  sind  die  Knochen.
Sie  bestehen  aus  Knochenerde  (Kalk)  und  Knochenknorpel  (Leim).  Die  beweglichen
  Knochen  sind  durch  Gelenke  verbunden.  Man  unterscheidet  das  Kugelgelenk
(Oberarm),  Drehgelenk  (Hals)  und  Winkelgelenk  (Ellenbogen).  Durch  Verstauchung
werden  die  beiden  durch  Gelenke  verbundenen  Knochen  aus  ihrer  Lage  gedrängt,
treten  aber  gleich  von  selbst  wieder  in  die  ursprüngliche  Lage  zurück,  was  bei
Verrenkungen  nicht  der  Fall  ist.  Damit  sich  die  Gelenkknochen  nicht  aneinander
reiben,  werden  sie  durch  eine  ölige  Flüssigkeit,  das  Gelenkwasser,  geschmeidig  erhalten.
  Jeder  Knochen  ist  mit  einer  dünnen,  sehr  empfindlichen  Haut,  der  sogenannten
  „Beinhaut",  überzogen.  Sie  umgiebt  den  Knochen  wie  die  Rinde  den
Baum.  Ist  sie  losgelöst,  so  stirbt  der  Knochen.  Er  ist  nämlich,  wie  wir  dies  an
alten,  verwitterten  Knochen  zuweilen  deutlich  sehen  können,  von  zahlreichen  Kanälchen
durchzogen.  In  einige  dieser  Kanäle  entsendet  die  Knochenhaut  Nerven  und  Adern.
Die  Adern  versorgen  den  Knochen  mit  Nährstoff.

2.  Das  ekelett  des  Menschen  besteht  (ohne  die  32  Zähne)  aus  213  Knochen.
Der  Kopf  wird  von  den  Schädel=  und  Gesichtsknochen  gebildet.  Die  Schädelknochen
  sind  durch  Nähte  verbunden  und  bilden  die  Schädelhöhle,  die  das  Gehirn
umschließt.  Zu  den  Gesichtsknochen  gehören  der  Oberkiefer,  der  bewegliche  Unter-
        <pb n="289" />
        —  284  —

kiefer,  die  beiden  Wangenbeine,  das  Nasenbein  u.  a.  Die  Knochen  des  Rumpfes
sind  die  Wirbelsäule  mit  den  Rippen.  Die  Wirbelsäule  besteht  aus  zahlreichen
(33)  Wirbeln  und  ist  daher  sehr  biegsam.  Von  oben  bis  unten  ist  sie  von  einem

»  Kanale  durchzogen,  worin  das  Rückenmark  liegt.
Durch  eine  Offnung  im  Hinterhaupte  ist  das
Rückenmark  mit  dem  Gehirn  verbunden.  An
den  12  Brustwirbeln  sitzen  12  Paar  Rippen  (#),
die  sich  Sförmig  nach  vorn  biegen  und  größtenteils
  mit  dem  Brustbeine  (b)  verwachsen  sind.
Sie  bilden  die  Brusthöhle,  worin  das  Herz  und
4  die  Lungen  liegen.  Die  obern  Gliedmaßen

““3  (Arme)  setzen  sich  aus  den  Schulterknochen
(Schulterblatt  (st]  und  Schlüsselbein  (s1l),  dem
Oluerarmknochen  (o),  den  Unterarmknochen  (Elle
ssel  und  Speiche  lspl)  und  den  Handknochen
%  (Handwurzel=  lhw|f,  Mittelhand=  Imhl  und  Fin-5,
  gerknochen  (f#l)  zusammen.  Ganz  ährlich  sind
6r  auch  die  Untergliedmaßen  gebildet.  Sie  bestehen
naaus  dem  Ocberschenkelknochen  (sc),  der  mit  seinem
halbkugeligen  Gelenkknopfe  in  der  Gelenkpfanne
des  Hüftknochens  (be)  eingelenkt  ist,  den  Unterschenkelknochen
  (Schien=  sb]  und  Wadenbein
lV),  und  den  Fußknochen  (Fußwurzel=  (t#l,
Mittelfuß-  mi]  und  Zehenknochen  Izl).  Vor
dem  Kniegelenke  liegt  die  Kniescheibe  (k).

3.  Pflege  der  Knochen.  In  der  Jugend,
wo  der  Knorpel  bei  den  Knochen  vorherrscht,
sind  diese  noch  weich  und  biegsam  und  daher
leicht  zu  Verkrümmungen  geneigt.  Deshalb  halte
den  Körper  stets  gerade  und  sitze  nie  gebückt
oder  schief!  Besonders  achte  auch  beim  Schreiben
darauf,  daß  du  den  Oberkörper  stets  aufrecht
hältst,  da  sonst  leicht  eine  Verkrümmung  der
Rückenwirbelsäule  eintritt.  —  Vermeide  es
auch,  mit  einem  Arme  anhaltend  schwere  Lasten
’  zu  tragen,  wie  dies  beim  Wassertragen,  Kinder-»«—
  warten  u.  dgl.  leicht  geschieht,  da  dadurch  die

-  III-?eineSchulterleichtniedrigerwirdalsdie

Das  Skelett  des  Menschen.  andre.

4.  Zähne.  Ein  erwachsener  Mensch  hat  8  Schneide-,  4  Eck=  und  20  Backenzähne.
  Die  in  den  ersten  Lebensjahren  hervorgetretenen  20  Zähne  (8  Schneide-,
4  Eck=  und  8  Backenzähne)  heißen  Milchzähne  und  fallen  im  7.  oder  8.  Jahre
wieder  aus.  Bis  zum  14.  Jahre  haben  sich  dann  die  bleibenden  Zähne  bis  auf  die
letzten  Backenzähne,  die  „Weisheitszähne“,  entwickelt.  Diese  bilden  sich  zuweilen  erst
im  30.  Lebensjahre.  An  jedem  Zahne  unterscheidet  man  Krone  und  Wurzel.  Eie
glänzende,  weiße  Masse,  der  Schmelz,  umgiebt  den  Zahn.  Im  Innern  ist  eine
kleine  Höhlung,  in  die  durch  die  Wurzelspitze  ein  Nerv  und  eine  Ader  eindringen.

5.  Pflege  der  Zähne.  Sobald  der  Zahn  hohl  und  der  Nerv  in  der  Krone
bloßgelegt  wird,  entsteht  der  Zahnschmerz.  Um  das  Hohlwerden  der  Zähne  zu
verhüten,  bürste  man  sie  täglich  mit  Spiritus  oder  Schlemmkreide,  da  durch  die
in  Fäulnis  übergehenden  Speisereste  der  Zahnschmelz  zerfressen  wird.  Dies  ge-7

  rl
T.
51  .o

   
 
        
  
    

3  *#s5  %  1
—  —  Fv.  w  *½#  **“
*  -  K.  (#
«  l«5«««!l«k«·sc«s««!ks«-««««-s«sOs.

h  82  1  1
        <pb n="290" />
        —  285  —

schieht  auch  beim  übermäßigen  Genusse  von  Süßigkeiten,  aus  denen  sich  scharfe
Säuren  bilden,  die  den  Zahnschmelz  nach  und  nach  auflösen  und  so  die  Zähne
leicht  krank  machen.  Auch  durch  das  Aufbeißen  der  Nüsse  oder  andrer  harter
Gegenstände  sowie  durch  den  plötzlichen  Wechsel  von  heißen  und  kalten  Speisen
und  Getränken  können  die  Zähne  leicht  beschädigt  werden.  Um  hohle  Zähne  noch
längere  Zeit  brauchbar  zu  erhalten,  läßt  man  sie  plombieren;  das  muß  aber  ge—
schehen,  ehe  die  Höhlung  zu  groß  geworden  ist.  Dadurch  erspart  man  sich  viele
Schmerzen.  Ganz  schadhafte  Zähne  müssen  ausgezogen  werden,  da  sonst  die  sich
in  ihnen  bildenden  Pilze  und  Infusionstierchen  auch  die  gesunden  Zähne  leicht
anstecken  können.  „Gut  gekaut  ist  halb  verdaut.“

6.  Die  Muskeln  (gewöhnlich  Fleisch  genannt)  bilden  länglich  runde,  platte
oder  ringförmige  Bündel,  die  an  den  Enden  durch  feste  Stränge  (Sehnen  oder
Flechsen)  an  den  Knochen  festgeheftet  sind.  Sie  dienen  hauptsächlich  der  Bewegung.
Viele  von  ihnen  können  wir  ganz  willkürlich  bewegen.  So  werden  z.  B.  die  Gelenke
durch  den  Beuger  auf  der  Innenseite  und  durch  den  Strecker  auf  der  Außenseite  vom
Gehirn  aus  mittels  der  Nerven  in  Bewegung  versetzt.  Sobald  das  Gehirn  seine
Thätigkeit  einstellt,  erschlaffen  die  Muskeln.  (Ohnmacht,  Schlaf.)  Die  Herz=  und  Lungenmuskeln
  sind  ohne  Einwirkung  des  Gehirns  thätig;  sie  bewegen  sich  unwillkürlich.

7.  Pflege  der  Muskeln.  Sollen  die  Muskeln  erstarken,  so  müssen  sie
fleißig  geübt  (d.  h.  bewegt)  werden.  Das  geschieht  besonders  durch  Laufen,
Springen,  Schwimmen,  Eislaufen,  Turnen  u.  s.  w.  Ubermäßiger  Gebrauch  jedoch
  schwächt  die  Muskeln  ebenso  sehr  wie  fortwährende  Ruhe.

8.  Die  Nerven  sind  die  Werkzeuge  der  Empfindung.  Sie  bilden  im  Gehirn
  und  Rückenmark  eine  zusammenhängende  Masse,  von  der  sie  sich  in  Gestalt
dickerer  oder  dünnerer  Fäden  durch  den  ganzen  Körper  verzweigen.  Nur  Nägel,
Haare  und  Oberhaut  sind  ohne  Nerven  und  daher  gefühllos.  Das  Gehirn  ist  in
der  Schädelhöhle  eingeschlossen  und  besteht  aus  3  Hauptteilen:  1)  dem  Großhirn,
das  die  ganze  obere  Schädelhöhle  einnimmt,  2)  dem  Kleinhirn,  das  hinter  und
unter  dem  Großhirn  in  der  Hinterkopfgegend  ruht,  3)  dem  verlängerten  Mark,
das  unter  dem  Kleinhirn  liegt  und  das  Gehirn  mit  dem  Rückenmark  verbindet.
Das  Gehirn  ist  der  Hauptsitz  aller  geistigen  Thätigkeit.  Durch  das  Gehirn  läßt
die  Seele  den  Willen  auf  unsre  Bewegung  einwirken,  und  durch  das  Gehirn
empfängt  wiederum  die  Seele  alle  Eindrücke  von  außen  („sie  nimmt  wahr“).
Die  Nervenfäden  kann  man  mit  Telegraphendrähten  vergleichen,  nur  daß  sie  nicht
wie  diese  die  Depeschen  hin=  und  zurück-,  sondern  nur  nach  einer  Richtung  hinleiten.
  Diejenigen  Nerven,  welche  unsern  Willen  vom  Gehirn  aus  zu  den
Muskeln  leiten  und  deren  Bewegung  bewirken,  nennt  man  Bewegungsnerven;
die  Nerven  dagegen,  welche  alle  äußern  Eindrücke  (Schmerz,  Druck,  Hitze)  dem
Gehirn  zuführen,  heißen  Empfindungsnerven.

9.  Pflege  der  Nerven.  Viele  Menschen  klagen  heute  über  „Nervössein“.
Diese  Krankheit  besteht  in  einer  Schwäche  der  Nerven.  Sie  hat  ihren  Ursprung
in  der  Uberreizung  des  Gehirns,  wie  sie  z.  B.  durch  Leidenschaften,  Sorgen,  übermäßige
  Anstrengung  hervorgerufen  wird.  Die  beste  Vorsichtsmaßregel  gegen  diese
Krankheit  sind  fleißige  Bewegung  in  frischer  Luft  und  guter  Schlaf.  Lege  dich
nicht  mit  vollem  Magen  ins  Bett!  Iß  zu  Abend  leicht  verdauliche  Speisen!  Schlaf
aber  des  Morgens  nicht  zu  lange!  Zu  langes  Schlafen  verweichlicht  den  Körper.
Das  Schlafzimmer  muß  geräumig  sein  und  tüchtig  gelüftet  werden  (auch  des
Nachts).  —  Sehr  schädlich  wirkt  auf  die  Nerven  der  übermäßige  Genuß  von
Branntwein,  Bier,  Wein,  starkem  Kaffee  und  Thee.  Durch  Zerplatzen  eines  Blutgefäßes
  im  Gehirn  entsteht  der  „Hirnschlag“.  Er  bewirkt  bei  mäßiger  Ausdehnung
Lähmung  der  entgegengesetzten  Körperhälfte,  bei  größerm  Umfange  den  Tod.
        <pb n="291" />
        —  286  —

10.  Das  Gesicht.  Die  Augen  liegen  in  der  Augenhöhle  und  sind  durch
zwei  bewegliche  Augenlider,  die  Augenwimpern  und  die  Augenbrauen  gegen  das
Eindringen  des  Staubes,  Schweißes  u.  s.  w.  geschützt.  Der  Hauptkörper  des  Auges
ist  der  Augapfel.  Er  hat  die  Gestalt  einer  Kugel  und  wird  von  3  Häuten  umschlossen,
  die  wie  Zwiebelschalen  übereinander  liegen.  Das  Innere  des  Augapfels
wird  von  dem  Augenwasser  (8  und  9),  der  Linse  (10)  und  dem  Glaskörper  (11)

.  angefüllt.  (Das  Augenwasser  erfüllt  die  vordere
(8)  und  die  hintere  Augenkammer  (9).  Beide
stehen  durch  die  Pupille  (7)  miteinander  in  Verbindung.
  Der  Glaskörper,  eine  eiweißartige
6  Masse,  liegt  hinter  der  Linse.)  Die  äußere
Haut  des  Augapfels  ist  die  weiße  Hornhaut  (2).
5%%  Vor  der  Linse  ist  sie  durchsichtig,  weshalb  sie
hhhlier  durchsichtige  Hornhaut  (3)  heißt.  Sie  liegt
wie  ein  Uhrglas  über  dem  Augenwasser.  Hinter
der  Hornhaut  bemerkt  man  die  schwarz,  blau,
grünlich,  grau  oder  braun  gefärbte  Regenbogenhaut
  (6).  In  dieser  befindet  sich  eine  runde
Offnung,  das  Sehloch  oder  die  Pupille  (7).  Die
1  Regenbogenhaut  setzt  sich  nach  hinten  in  der
schwarzen  Aderhaut  (5)  fort.  Diese  enthält  viele  Adern,  durch  die  dem  Auge  Nahrung
zugeführt  wird.  Sie  ist  auch  die  Ursache,  daß  das  Auge  im  Innern  (durch  die  Pupille
gesehen)  schwarz  aussieht.  Die  dritte  und  innerste  Hautschicht  ist  die  Netzhaut  (12).
Sie  wird  durch  die  netzförmige  Verzweigung  des  Sehnerven  (1)  gebildet.
i
11.  Vorgang  des  Sehens.  Krankheiten  des  Anges.  Von  dem  gesehenen  Gegenstande
  dringen  Lichtstrahlen  in  unser  Auge,  die  in  der  durchsichtigen  Hornhaut,  dem  Augenwasser,
  der  Linse  und  dem  Glaskörper  gebrochen  werden.  So  entsteht  hinter  dem  Glaskörper
ein  verkleinertes  umgekehrtes  Bild.  (S.  319.)  Dieses  muß  genau  auf  die  Netzhaut  fallen,
wenn  wir  den  Gegenstand  deutlich  sehen  wollen.  Wäre  die  Linse  ein  starrer  Körper,  wie
ein  Brennglas,  so  würden  die  Strahlen  von  einem  zu  nahen  Körper  sich  erst  hinter  der
Netzhaut  vereinigen.  Auf  der  Netzhaut  würde  ein  verschwommenes  Bild  entstehen.  Deshalb
besitzt  die  Linse  die  wunderbare  Fähigkeit,  sich  stärker  krümmen  und  so  ihre  Brechkraft  vergrößern
  zu  können.  (Anpassungsvermögen.)  Dadurch  erreicht  sie  es,  auch  die  Bilder  von  ganz
nahen  Gegenständen  auf  die  Netzhaut  zu  werfen.  —  Das  gesunde  Auge  sieht  eine  Schrift  am
deutlichsten  in  einer  Entfernung  von  25  cm.  Muß  die  Entfernung  zum  deutlichen  Erkennen
geringer  sein,  so  ist  das  Auge  kurzsichtig,  muß  sie  größer  sein,  so  ist  das  Auge  entweder  übersichtig
  oder  weitsichtig.  Bei  der  Kurz=  und  Ubersichtigkeit  liegt  der  Fehler  in  der  Regel
darin,  daß  die  Augenachse  (eine  durch  die  Mitte  der  Pupille  und  der  Linse  von  einem  Ende
des  Auges  bis  zum  andern  gehende  gerade  Linie)  nicht  die  richtige  Länge  hat,  d.  h.  daß  das
Auge  von  vorn  nach  hinten  zu  lang  oder  zu  kurz  gebaut  ist.  Beim  Kurzsichtigen  ist  die
Achse  zu  lang,  das  Auge  eiförmig,  die  Netzhaut  daher  zu  weit  entfernt  von  der  Linse.  Das
Bild  fällt  deshalb  vor  die  Netzhaut.  Beim  Ubersichtigen  ist  die  Achse  zu  kurz.  Das  Bild
fällt  daher  hinter  die  Netzhaut.  Beim  Weitsichtigen  hat  die  Linse  die  Fähigkeit  verloren,
sich  bei  nahen  Gegenständen  entsprechend  zu  wölben.  Das  Bild  naher  Gegenstände  fällt  daher
ebenfalls  hinter  die  Netzhaut.  (Naturlehre  S.  320,  Brillen.)  —  Durch  Erkrankung  der  Linse
entsteht  der  graue  Star.  Er  kann  durch  Entfernung  der  kranken  Linse  geheilt  werden.  Der
schwarze  Star  hat  seine  Ursache  in  dem  Abgestorbensein  der  Netzhaut;  er  ist  unheilbar.
12.  Pflege  des  Auges.  Um  das  Auge  gesund  zu  erhalten,  beachte  man
folgendes:  1)  Man  sehe  nicht  in  zu  grelles  Licht  und  lese  nicht  bei  zu  hellem
Sonnenschein.  Besonders  sind  kleine  Kinder  gegen  grelles  Licht  zu  schützen,  da
sich  sonst  ihre  Augen  sehr  leicht  entzünden  oder  wohl  gar  erblinden.  2)  Man
strenge  die  Augen  im  Dämmerlichte  nicht  durch  Lesen,  Schreiben,  Nähen,  Stricken
u.  s.  w.  an.  3)  Man  beachte,  daß  das  Licht  beim  Schreiben,  Zeichnen,  Nähen  u.  s.  w.
stets  von  der  linken,  niemals  von  der  rechten  Seite  einfalle,  da  sonst  der  Schatten
das  Auge  unnötig  anstrengt.  4)  Beim  Lesen  halte  man  das  Buch  etwa  25  cm  von

(
*  E.  X%
*  1  X

 

Das  Auge.
        <pb n="292" />
        —  287  —

den  Augen  entfernt,  vorausgesetzt,  daß  das  Auge  richtig  gebaut  ist.  5)  So  viel  als
möglich  vermeide  man  unreine,  mit  Dämpfen,  Rauch  oder  andern  Dünsten  angefüllte
Luft;  auch  große  Hitze  und  Kälte  wirken  nachteilig  auf  die  Augen.  6)  Eingedrungene
Fliegen  suche  man  nicht  durch  Reiben  zu  entfernen,  sondern  man  hebe  z.  B.  das
obere  Augenlid  in  die  Höhe  und  wische  sie  mit  einem  leinenen  Tuche  heraus.
13.  Das  Gehör.  Das  Ohr  fängt  mit  der  üußern  Ohrmuschel  (1)  die  Schallwellen
  auf  und  leitet  sie  durch  den  Gehörgang  —
(2)  gegen  das  Trommelfell  (3).  Durch  die  Erschütterung
  geraten  die  in  der  Trommel=  oder
Paukenhöhle  liegenden  GehörknöchelchenHammer
  /4—6  und  bl,  Amboß  (7—9  und  al,
Steigbügel  (11,  12  und  cI)  in  Bewegung.
Der  Hammer,  der  an  seinem  Stiele  (6)  mit
dem  Trommelfelle  verwachsen  ist,  schlägt  zuerst
auf  den  Amboß.  Dieser  ist  durch  den  Steigbügel
  mit  dem  Labyrinthe  verbunden.  Das
Labyrinth  besteht  aus  den  3  Bogengängen  (13
bis  15),  der  Schnecke  und  dem  Vorhofe  und
enthält  das  Gehörwasser.  In  diesem  Wasser
schwimmen  die  Gehörsteinchen,  an  denen  die
Verzweigungen  der  Gehörnerven  enden.  Hier
angelangt,  setzen  sich  die  Schallwellen  in

V#r.  v.1
:

 

Wasserwellen  um  und  teilen  sich  so  den  Nerven  6∆
mit,  die  den  Schall  dem  Gehirn  zuführen.  Das  Ohr.

14.  Pflege  des  Gehörs.  1)  Suche  das  Ohr  vor  zu  starken  Erschütterungen
zu  bewahren!  Schreie  nicht  ins  Ohr  hinein!  Schlage  nicht  gegen  das  Ohr!  Durch
zu  starke  Schalleindrücke  kann  sogar  das  Trommelfell  zertrümmert  werden.  Kanoniere
  öffnen  daher  beim  Abfeuern  den  Mund,  da  vom  Munde  aus  eine  Röhre  (die
Ohrtrompete)  den  Schall  auf  die  entgegengesetzte  Seite  des  Trommelfelles  leitet
und  so  einen  Gegendruck  ausübt,  der  das  Zerspringen  dieser  Haut  verhütet.  2)  Stecke
keine  Erbsen,  Bohnen  oder  ähnliche  Körper  ins  Ohr!  3)  Bohre  nicht  mit  einem
spitzen  Gegenstande  in  den  Ohren!  4)  Suche  das  im  Gehörgange  sich  ansammelnde
Ohrenschmalz  durch  regelmäßiges  Waschen  zu  entfernen,  da  es  sonst  leicht  verhärtet
  und  den  Gehörgang  verstopft!

15.  Der  Geruch.  Das  Werkzeug  des  Geruchs  ist  die  Nase.  Sie  wird  aus  einer
knorpeligen  Masse  gebildet,  die  sich  an  das  Nasenbein  anlegt  und  durch  die  Nasenscheidewand
  in  2  Höhlen  geteilt  ist.  Die  Höhlen  öffuen  sich  nach  hinten  in  die  Rachenhöhle,
  und  von  hier  aus  gelangt  die  durch  die  Nase  eingeatmete  Luft  in  die  Luftröhre.
Das  Atmen  mit  der  Nase  ist  dem  mit  dem  Munde  entschieden  vorzuziehen,  da  die  Luft
beim  Durchgange  durch  die  Nase  nicht  nur  etwas  erwärmt,  sondern  auch  von  schädlichen
  Beimischungen  teilweise  befreit  wird.  Im  Innern  ist  die  Nase  mit  einer
schleimigen  Haut  überzogen,  deren  oberster  Teil  den  Namen  „Riechhaut“  führt.  In
dieser  liegen  die  Geruchsnerven,  die  den  Geruch  dem  Gehirn  übermitteln.  Die  Riechhaut
  sondert  stets  Schleim  ab,  der  die  riechenden  Teilchen  (Atome)  aufs  innigste  mit
der  Haut  verbindet.  Bei  den  meisten  Menschen  ist  der  Geruchssinn  nur  wenig  ausgebildet.
  Einige  wilde  Völkerstämme  machen  jedoch  hiervon  eine  Ausnahme.  So
riechen  z.  B.  die  Indianer  Nordamerikas  den  Rauch  einer  Brandstätte  viele  Meilen  weit.

16.  Pflege  des  Geruchssinnes.  Kleine  Kinder  haben  nicht  selten  die  Unart
an  sich,  mit  dem  Finger  in  der  Nase  zu  bohren  oder  fremde  Körper  in  die  Nase  zu
stecken.  Beides  schadet  der  Nase.  Durch  Erkältung  oder  durch  Einatmen  staubiger  Luft
zieht  man  sich  leicht  den  Schnupfen  (Entzündung  der  Schleimhaut)  zu.  Die  besten
        <pb n="293" />
        —  288  —

Mittel  gegen  den  Schnupfen  sind:  Schutz  vor  Kälte  und  Einatmen  reiner  Luft.  Bei
heftigem  Schnupfen  („Stockschnupfen“)  ziehe  man  Wasserdämpfe  in  die  Nase  ein.

17.  Der  Geschmack.  Das  Werkzeug  des  Geschmacks  ist  die  Zunge.  Sie
ist  an  der  Oberseite  mit  einer  dicken  Schleimhaut  überzogen,  die  mit  vielen  kleinen
Warzen  besetzt  ist.  Diese  stehen  mit  den  Geschmacksnerven,  die  sich  in  der  Zunge
verzweigen,  in  Verbindung.  Nur  flüssige  Stoffe  oder  im  Speichel  aufgelöste  feste
Stoffe  vermag  die  Zunge  zu  schmecken.

18.  Pflege  des  Geschmackssinnes.  Abgestumpft  wird  die  Feinheit  des  Ge—
schmackssinnes  durch  den  häufigen  Genuß  zu  scharf  gewürzter  Speisen,  besonders
aber  durch  zu  vieles  Tabakrauchen  und  durch  Tabakkauen.

19.  Das  Gefühl.  Der  Gefühlssinn  hat  seinen  Sitz  in  der  Haut.  Diese  besteht
aus  3  Schichten,  der  Oberhaut,  der  Lederhaut  und  der  Fetthaut.  Die  Oberhaut
ist  ohne  Gefühl  und  läßt  sich  ohne  Schmerzen  in  kleinen  Schuppen  von  der  Lederhaut
  ablösen.  Sie  besteht  wiederum  aus  2  Schichten,  der  obern  Hornhaut  (1)
und  der  darunter  liegenden  Schleimhaut  (2).  Diese  Schleimhaut  ist  bei  uns
farblos,  bei  den  Negern  dagegen  schwarz,  bei  den  Indianern  braun  gefärbt.  Die
fleischrote  Farbe  der  kaukasischen  Rasse  hat  ihren  Grund  in  dem  Durchschimmern
des  Blutes.  Die  Lederhaut  ist  sehr  fest  und  zähe,  von  vielen  Nerven  durchzogen
und  daher  sehr  empfindlich.  In  ihr  liegen  die  Talgdrüsen  (15),  die  den  Talg
absondern,  um  die  Haut  geschmeidig
  zu  erhalten.  Verstopfen  sich
diese  Drüsen,  so  entstehen  sogenannte
  Mitesser.  Auch  die  Haare
(10—14)  sowie  die  Schweißdrüsen
  (9)  haben  in  dieser  Haut
ihre  Wurzel.  Die  Fetthaut  (7)
enthält  viel  Fett  und  ist  besonders
bei  wohlbeleibten  Personen  sehr
stark.  —  Von  dem  Gefühlssinn  ist
der  Tastsinn  zu  unterscheiden.  Er
hat  besonders  in  den  Fingerspitzen,
den  Lippen  und  der  Zunge  seinen
Sitz  und  dient  dazu,  die  Größe,
Form  und  Dichtigkeit  der  Körper
kennen  zu  lernen.

Die  Haut  des  Merschen.  20.  Hantpflege.  Durch  die

4.  ornhare,  2.  Schleimschicht,  à  Farbenkaicht  in  der  Schlein-  Schweißdrüsen  (9)  der  Haut  wernN——eeM
  ————————
11.  Haar,  12.  Haarkeim,  13.  Haarzwiebel,  14.  Haarwurzel,  überflüssige  Stoffe  des  Blutes

K.  Easir,  ausgestoßen;  durch  sie  erhält
aber  auch  das  Blut  eine  Zufuhr  von  Sauerstoff.  Für  die  Gesundheit  des  Körpers
ist  es  daher  von  großer  Wichtigkeit,  daß  diese  Kanäle  der  Haut  stets  offen  gehalten
  werden,  damit  sie  ihre  Thätigkeit  fortsetzen  können.  Dazu  ist  in  erster  Reihe
größte  Reinlichkeit  nötig.  Jeden  Tag  wasche  man  den  Oberkörper  mit  nicht  zu
kaltem  Wasser  und  reinige  ihn  so  von  Staub  und  Schmutz,  altem  Hauttalge,  eingetrocknetem
  Schweiße  und  den  sich  fortwährend  bildenden  Schüppchen  der  Oberhaut.
Auch  das  Baden  ist  dem  Körper  sehr  zuträglich.  Den  ätzenden  Schweiß  der  Füße,
der  leicht  das  Wundwerden  derselben  (namentlich  zwischen  den  Zehen)  verursacht,
suche  man  durch  öfteres  Waschen  der  Füße  zu  vermindern.  Wenn  man  erhitzt  und  in
Schweiß  geraten  ist,  vermeide  man  jede  plötzliche  Abkühlung,  stelle  sich  weder  ans  offene

Fenster  noch  in  die  Zugluft,  da  sich  die  Schweißporen  dadurch  sehr  leicht  verstopfen.
        <pb n="294" />
        —  289  —

21.  Nahrungsmittel.  Unser  Körper  nutzt  sich  durch  jeden  Atemzug,  jedes
gesprochene  Wort,  jede  Arbeit  und  Bewegung  ab.  Es  ist  daher  nötig,  daß  die
verlorenen  Kräfte  wieder  ersetzt  werden.  Das  geschieht  durch  Aufnahme  der  Nah—
rung.  Diese  muß,  um  ihren  Zweck  zu  erfüllen,  Eiweißstoffe,  Fettstoffe,  Salze
und  Wasser  enthalten.  Die  Eiweißstoffe  (Ei,  Käse,  Fleisch,  Milch)  dienen  beson—
ders  zur  Bildung  des  Fleisches  und  der  Nerven;  die  Fettstoffe  (Fett,  Stärke,
Zucker)  erzeugen  vorzugsweise  die  Wärme,  deren  der  Körper  nötig  hat.  (S.  339.)
Aus  den  Salzen  bilden  sich  Knochen,  Knorpel,  Zähne,  Haare  und  Nägel.  Das  Wasser
dient  mit  zur  Bildung  aller  unsrer  Körperteile;  denn  diese  bestehen  zu  /5  aus
Wasser.  Ein  erwachsener  Mann  bedarf  täglich  etwa  118  g  Eiweiß,  500  g  Stärke—
mehl  und  56  g  Fett.  Kein  Nahrungsmittel  enthält  alle  diese  Stoffe  im  richtigen
Verhältnis;  daher  ist  es  zweckmäßig,  verschiedene  Nahrungsstoffe  zu  vermischen.
Als  die  kräftigsten  gelten  Milch,  Fleisch,  Eier,  Brot,  Käse  und  Hülsenfrüchte.

22.  Verdauung.  Die  eingenommene  Nahrung  wird  im  Munde  gekaut  und
mit  Speichel  vermischt.  Durch  den  Speichel  wird  das  in  den  Speisen  enthaltene
Stärkemehl  z.  T.  in  Zucker  verwandelt  und  aufgelöst.  Vom  Munde  geht  die
Speise  durch  die  Speiseröhre  in  den  Magen.  Hier  wird  sie  durch  die  Bewegungen
  der  Magenwände  beständig  durcheinander  geknetet  und  mit  dem  sauern
Magensafte  vermischt,  der  besonders  die  eiweißhaltigen  Speisen  auflöst.  Aus
dem  Magen  geht  der  Speisebrei  in  den  Dünndarm,  der  das  Hauptwerkzeug  für
die  Verdauung  ist.  Hier  wird  der  Speisebrei  von  der  Leber  aus  mit  Galle,  von
der  Bauchspeicheldrüse  mit  Speichel  vermischt.  Durch  die  bittere  Galle  wird  das
im  Speisebrei  enthaltene  Fett  in  außerordentlich  kleine  Tropfen  verteilt,  der  Bauchspeichel
  aber  verwandelt  das  etwa  durch  den  Mundspeichel  noch  nicht  völlig  umgewandelte
  Stärkemehl  in  Zucker,  zerteilt  ebenfalls  die  Fette  und  löst  auch  das
Eiweiß  auf.  Der  so  verdünnte  Speisebrei  heißt  jetzt  Speisesaft.  Ganz  feine  Saugadern
  saugen  aus  diesem  den  Nahrungssaft  auf  und  führen  ihn  dem  Blute  zu.

23.  Verdauungsregeln.  Von  der  Kräftigkeit  des  Magens  hängt  unser  Wohlbefinden
  ab.  Ist  er  imstande,  die  Speisen  schnell  und  leicht  zu  verdauen,  so  erhalten
wir  frisches,  ernährungsfähiges  Blut  und  erfreuen  uns  eines  gesunden  Körpers.
Daher  sei  man  darauf  bedacht,  den  Magen  gesund  zu  erhalten,  und  überlade  ihn
niemals  mit  Speise  oder  Trank,  da  ihn  die  Uberarbeitung  schwächt.  Die  Speisen
dürfen  weder  zu  warm  noch  zu  kalt  sein;  auch  zerkaue  man  sie  sorgfältig.

„Thu  deinem  Bauche  nichts  zu  gut!  Er  ist  ein  undankbarer  Gast.
Wer  ihm  am  meisten  gütlich  thut,  dem  fällt  am  meisten  er  zur  Last.“

24.  Herz  und  Blutumlauf.  Der  Mittelpunkt  des  Blutumlaufs  ist  das
Herz.  Es  hat  die  Gestalt  eines  Eies  und  liegt  ziemlich  in  der  Mitte  der  Brusthöhle,
  doch  neigt  es  sich  mit  dem  untern  Ende  der  linken  Seite  zu.  Durch  eine
Längs=  und  eine  Querwand  ist  es  in  4  Teile  geschieden:  2  Vor=  und  2  Herzkammern.
  Die  rechte  Vorkammer  (S.  290  rV)  nimmt  alles  Blut  des  Körpers
durch  zwei  dicke  Adern  (oll  und  ull)  auf  und  sendet  es  durch  eine  Klappe  (K.)
in  die  rechte  Herzkammer  (rK),  von  der  es  durch  die  Lungenpulsader  (Lp)  in  beide
Lungen  (L  u.  L)  geleitet  wird.  Hier  tritt  es  mit  der  eingeatmeten  Luft  in  Verbindung,
  nimmt  den  Sauerstoff  auf  und  entsendet  durch  den  Atem  die  Kohlensäure.
  Durch  diesen  Vorgang  in  der  Lunge  wird  das  Blut  erst  ernährungsfähig
gemacht.  Von  den  Lungen  strömt  das  Blut  durch  die  Adern  (VV)  in  die  linke
Vorkammer  (IV)  und  von  dort  durch  die  Klappe  (K)  in  die  linke  Herzkammer  (1K).
Von  hier  aus  wird  durch  die  regelmäßigen  Zusammenziehungen  des  Herzens
(Schläge)  das  Blut  durch  die  große  Körperpulsader  (Kp)  in  alle  Teile  des  Körpers
geleitet  und  zur  Bildung  neuer  Stoffe  verbraucht.  Die  dunkeln  Überreste  des

Blutes  werden  in  den  Venen  (oll  u.  ull)  wieder  der  rechten  Vorkammer  zugeführt
Realienbuch.  B.  19
        <pb n="295" />
        —  290  —

und  mit  Ernährungsflüssigkeit  (Lomphe,  Speisesaft)  vermischt.  Das  Herz  eines
Erwachsenen  macht  in  der  Minute  etwa  70  Schläge.  In  24  Sekunden  hat  das
Blut  seinen  Kreislauf  durch  den  Körper  vollendet.

25.  Pflege  des  Blutes.  1)  Atme  sauerstoffreiche  Luft!  Denn  nur  dann,
wenn  das  abgenutzte  Blut  in  der  Lunge  sich  wieder  mit  frischem  Sauerstoff  füllen
kann,  wird  es  wieder  tauglich.
2)  Bewege  dich  fleißig  in
frischer  Luft!  Denn  durch
Bewegung  und  Arbeit  wird
der  Umlauf  des  Blutes  be—
fördert,  durch  zu  viel  Sitzen
erschwert.  3)  Vermeide  alles,
was  zu  starkes  Herzklopfen
hervorbringt!  Dahin  gehören
übermäßige  Anstrengung  beim
Tanzen  und  Laufen,  über—
mäßiger  Genuß  von  geistigen
Getränken  (Wein,  Branntwein,
Bier),  heftige  Gemütsbewegung
  (Schreck,  Zorn,  Arger,
Furcht).  4)  Hüte  dich  vor
Blutvergiftung!  Diese  entsteht
einmal,  wenn  von  außen  her

—  (durch  Blutwunden)  giftige
Das  Herz  des  Menschen.  Stoffe  ins  Blut  gelangen,  z.  B.
Jauche,  faule  Flüssigkeiten,
Phosphor;  sodann  entsteht  sie  aber  auch  durch  den  Genuß  giftiger  Speisen.  Besonders
  vermeide  man  auch  Geschirre  von  Kupfer,  Messing  oder  Blei,  da  sich  in
ihnen  leicht  Grünspan  und  andre  giftige  Stoffe  bilden,  die  die  Speisen  vergiften.

26.  Die  Atmungswerkzeuge.  Das  Atmen
dient  dazu,  die  Lebensluft  (den  Sauerstoff)  ins  Blut
zu  bringen.  Die  hauptsächlichsten  Werkzeuge  zum
Atmen  sind  die  Lungen  und  die  Luftröhre.  —
Die  Lungen  bestehen  aus  zwei  halbkegelförmigen,
schwammigen  Körpern,  die  mit  dem  sogenannten  Brustfelle
  überzogen  sind.  Die  Luftröhre  teilt  sich  zunächst
in  die  beiden  Luftröhrenäste  (d  u.  c)  und  verzweigt
sich  dann  strahlenförmig  bis  in  die  äußersten  Teile
der  Lungen.  Hier  bildet  sie  kleine  Bläschen,  die  sich
beim  Einatmen  mit  Luft  füllen.  Diese  Luftbläschen
sind  mit  einem  Netze  zarter  Blutgefäße  umstrickt,  die
das  Blut  mit  der  Luft  in  nahe  Berührung  bringen.
Beim  Atmen  dringt  nämlich  durch  die  äußerst  dünnen
Wände  der  Luftbläschen  Sauerstoff  in  das  Blut  ein,
während  aus  dem  Blute  in  die  Luftbläschen  Kohlensäure
  tritt,  die  beim  Ausatmen  ausgeschieden  wird.
Auf  diese  Weise  wird  das  Blut  zur  Verbrennung
unbrauchbar  gewordener  Stoffe  und  somit  zur  Erzengung
  von  Wärme  wieder  tauglich  gemacht.

27.  Das  Stimmwerkzeug  des  Menschen  ist  der  Kehlkopf.  Er  bildet  den
obersten  Teil  der  Luftröhre  und  besteht  aus  vier  miteinander  verbundenen  Knorpeln,

 

 

Die  Lungen.
        <pb n="296" />
        —  291  —

die  sich  oben  zu  einer  Spalte,  der  Stimmritze,  verengen.  Die  häutigen  Ränder
der  Stimmritze  heißen  Stimmbänder.  Sie  können  durch  Muskeln  gespannt  und
so  mehr  oder  weniger  genähert  werden.  Geht  durch  die  gespannten  Stimm—
bänder  von  der  Lunge  aus  ein  stärkerer  Luftstrom,  so  werden  sie  in  Schwin—
gungen  versetzt,  und  es  entsteht  ein  Ton.

28.  Pflege  der  Atmungswerkzeuge.  Reine,  gesunde  Luft  ist  für  die  Lunge
das  Haupterfordernis;  daher  ist  ja  auch  der  Aufenthalt  in  Wald  und  Gebirge  so
wohlthuend.  Rauhe,  kalte  Luft  suche  man  von  den  Lungen  fernzuhalten;  darum
atme  man  im  Winter  durch  die  Nase,  da  sich  dadurch  die  Luft  etwas  erwärmt,
oder  halte  den  Mund  durch  ein  Tuch  geschlossen.  „Geschlossener  Mund  erhält
gesund.“  Ferner  atme  man  recht  tief,  um  die  Lungen  kräftig  zu  machen  und  gehörig
  auszuweiten.  Verhindert  wird  das  tiefe  Atemholen  besonders  durch  zu  enge
Kleider  und  Schnürleibchen,  sowie  durch  Anpressen  der  Brust  an  die  Tischkante  beim
Schreiben.  Auch  lautes  Lesen  und  Sprechen  sowie  ganz  besonders  das  Singen
ist  eine  sehr  zweckmäßige  Ubung  zur  Kräftigung  der  Lungen.  Jede  übermäßige
Anstrengung  der  Lunge  durch  zu  heftiges  Laufen,  Schreien  u.  s.  w.  suche  man  zu
vermeiden.  Auch  halte  man  sich  nicht  unnötigerweise  an  staubigen  Orten  und  in
raucherfüllten  Stuben  auf;  denn  Staub  und  Tabaksqualm  sind  arge  Feinde  der
Lungen.  Durch  Entzündung  der  Schleimhaut  des  Kehlkopfes  und  der  Luftröhre
entsteht  der  Husten.  Durch  Erkältung  der  Lunge,  wie  sie  z.  B.  leicht  durch
einen  zu  kalten  Trunk  hervorgerufen  werden  kann,  entsteht  Lungenentzündung.

29.  Kleidung.  Am  heilsamsten  für  den  Körper  ist  eine  sich  ziemlich  gleichbleibende
  Wärme.  Diese  soll  u.  a.  auch  durch  die  Kleidung  hergestellt  werden.
Im  Winter  tragen  wir  daher  solche  Stoffe,  die  als  schlechte  Wärmeleiter  (S.  308)
die  Körperwärme  zusammenhalten,  wie  Wolle,  Pelz  oder  Seide.  Im  Sommer
wählen  wir  bessere  Wärmeleiter,  z.  B.  Leinen,  da  sie  die  Körperwärme  schneller
nach  außen  abgeben  als  jene.  Namentlich  wollen  Füße,  Bauch,  Rücken  und  Achselhöhlen
  warm  gehalten  sein;  daher  empfiehlt  sich,  besonders  für  Kranke,  das  Tragen
wollener  Strümpfe  und  Unterjacken.  Diese  saugen  den  Schweiß  des  Körpers  ein
und  geben  ihn  nur  langsam  durch  Verdunstung  wieder  ab.  Sie  schützen  besser
gegen  Erkältung  als  Leinen,  das  die  Feuchtigkeit  schnell  verdunsten  läßt  und  dadurch
  das  Gefühl  der  Kälte  erzeugt.  Dichte  Kleiderstoffe  wärmen  nicht  so  gut  als
lockere;  weitmaschige  Strümpfe  und  Unterjacken  sind  demnach  besser  als  dicht  gewebte.
  Auch  das  Wechseln  der  Leibwäsche  ist  dem  Körper  sehr  zuträglich.  Der
Hals  wird  am  besten  bloßgetragen,  niemals  aber  darf  er  durch  enge  Halsbinden
und  Hemdenkragen  eingeschnürt  werden.

30.  Die  Wohnung  ist  für  das  Wohlbefinden  des  Menschen  von  großem
Einfluß.  Besonders  ist  darauf  zu  achten,  daß  sie  reine  Luft  und  genügend  Licht
hat  und  durchaus  nicht  feucht  ist.  Um  reine  Luft  im  Zimmer  zu  haben,  muß
man  es  täglich  mehrmals  lüften,  besonders  wenn  es  von  vielen  Personen  bewohnt
ist.  In  dunstigen,  mit  Staub,  Rauch  oder  Gestank  erfüllten  Stuben  kann  kein
Mensch  wohl  gedeihen.  Deshalb  halte  man  alle  übelriechenden  Stoffe,  wie  schmutzige
Wäsche,  Käse  u.  s.  w.,  möglichst  von  der  Wohnstube  fern  und  dulde  weder  Misthaufen
  noch  Aborte  in  der  Nähe  des  Hauses.  Eine  freundliche,  helle  Wohnung
stimmt  das  Gemüt  heiter  und  ist  einer  dunkeln  entschieden  vorzuziehen.  Die  Temperatur
  sei  mäßig,  etwa  —  17  bis  20°  C.,  im  Schlafzimmer  genügen  schon  15  o.
Das  Einatmen  eiskalter  Luft  während  der  Nacht  ist  nicht  gesund.  Der  Fußboden
in  den  Stuben  werde  gestrichen  oder  geölt,  da  hierdurch  das  schädliche  Ausdünsten
beim  Scheuern  und  die  Bildung  von  Staub  verhütet  wird.

 

197
        <pb n="297" />
        D.  Naturslehre.

A.  Gleichgewicht  und  Bewegung  der  Körper.

1.  Schwerkraft  und  Gewicht.  Läßt  man  einen  Stein  aus  der  Hand  los,
so  nähert  er  sich  der  Erde.  Er  fällt.  Reife  Äpfel  fallen  von  den  Bäumen,  lose
Ziegelsteine  von  den  Dächern,  Schneeflocken  und  Hagelkörner  aus  der  Luft  herab.
Alle  Körper  werden  von  der  Erde  angezogen.  Die  Kraft,  wodurch  diese
Anziehung  geschieht,  heißt  Schwerkraft.  —  Wie  kommt  es,  daß  ein  Stein,  den
man  auf  die  Hand  legt,  einen  Druck  auf  sie  ausübt?  daß  Kuh  und  Pferd  im
weichen  Boden  Spuren  hinterlassen?  die  Wäsche  die  Leine  nach  unten  zieht?
Den  Druck,  den  ein  Körper  infolge  seiner  Schwerkraft  auf  seine
Unterlage,  oder  den  Zug,  den  er  auf  seinen  Aufhängepunkt  ausübt,
nennt  man  sein  Gewicht.  Wodurch  bestimmt  der  Kaufmann  das  Gewicht?

2.  Lot  und  Setzwage.  a.  Lassen  wir  eine  Bleikugel  an  einem  Faden  frei
in  der  Luft  schweben,  während  wir  den  Faden  festhalten,  so  wird  der  Faden
straff  gespannt.  Weshalb?  Die  Richtung,  die  der  straff  gespannte  Faden  in
der  Ruhe  einnimmt,  heißt  die  senkrechte  (lotrechte).  Faden  und  Kugel  bilden
zusammen  das  Lot.  Wer  gebraucht  es?  Wozu?

b.  Wenn  wir  das  Lot  an  einen  im  Gleichgewichte  ruhenden  Wagebalken  halten,
so  bildet  es  mit  ihm  einen  rechten  Winkel.  Halten  wir  die  Kugel  ins  Wasser,  so
bildet  der  Faden  mit  der  ruhigen  Oberfläche  des  Wassers  ebenfalls  einen  rechten
Winkel.  Die  Linie,  die  mit  dem  Lote  einen  rechten  Winkel  bildet,  heißt  wagerecht
oder  wasserrecht.  Zur  Prüfung  der  wagerechten  Richtung  wird  die  Setzwage  angewendet.
  Sie  besteht  aus  einem  Brette,  das  die  Form  eines  gleichschenkligen
Dreiecks  hat.  Von  der  Spitze  bis  auf  den  Grund  ist  eine  Rinne  gezogen,  die
mit  der  Grundkante  rechte  Winkel  bildet.  Oben  an  der  Spitze  ist  ein  Lot  befestigt.
Stellt  man  das  Brett  z.  B.  auf  ein  Gemäuer,  so  wird  das  Lot  nur  dann  in  die
Rinne  fallen,  wenn  das  Gemäuer  genau  wagerecht  hergestellt  ist.  (In  neurer
Zeit  benutzt  man  statt  der  Setzwage  fast  nur  die  Libelle  oder  Wasserwage.  S.  299.)

3.  Der  Schwerpunkt.  Man  kann  eine  Pappscheibe  durch  eine  Stecknadelspitze  so
unterstützen,  daß  sie  nicht  zur  Erde  fällt.  Die  Nadel  muß  aber  an  passender  Stelle  eingesetzt
  werden.  So  läßt  sich  auch  eine  Tafel  in  dem  Kreuzungspunkte  ihrer  Diagonalen
durch  einen  Schieferstift  im  Gleichgewichte  erhalten.  Es  giebt  also  einen  gewissen  Punkt
in  diesen  Körpern,  dessen  Unterstützung  ausreicht,  um  sie  vor  dem  Fallen  zu  bewahren.
Einen  solchen  Punkt  hat  jeder  Körper.  Er  heißt  Schwerpunkt.  Ein  Körper  fällt
nicht,  sobald  sein  Schwerpunkt  unterstützt  wird.  Bei  regelmäßig  geformten,  aus
gleichem  Stoffe  bestehenden  Körpern  liegt  der  Schwerpunkt  in  der  Mitte.  Bei  welchen  nicht?

4.  Standfestigkeit.  a.  Wir  nehmen  ein  viereckiges  Brett  und  bezeichnen  die  Gegend
des  Schwerpunktes  durch  einen  schwarzen  Punkt.  Jetzt  stellen  wir  das  Brett  auf  den  Tisch
und  schieben  es  soweit  über  die  Tischkante,  daß  es  eben  noch  steht.  Der  Schwerpunkt  liegt
noch  über  der  Unterstützungsfläche.  Schieben  wir  das  Brett  jetzt  soweit  vor,  daß  der
Schwerpunkt  nicht  mehr  über  der  Unterstützungsfläche  liegt,  so  fällt  es.  Ein  durch  eine
Fläche  unterstützter  Gegenstand  fällt  nicht  um,  solange  sich  sein  Schwerpunkt
senkrecht  über  seiner  Unterstützungsfläche  befindet.  Daher  erklärt  es  sich,  daß
schiefe  Türme  (z.  B.  zu  Pisa,  Bologna),  Mauern,  Säulen  u.  s.  w.  oft  noch  lange  vor  dem
Umfallen  bewahrt  bleiben.  Wie  neigen  wir  unsern  Körper,  wenn  wir  eine  Last  auf  dem
Rücken,  vorn  in  den  Händen,  in  der  linken  Hand  u.  s.  w.  tragen,  oder  wenn  wir  bergan

steigen?  Warum?  »

b.  Lassen  wir  eine  Kugel,  deren  eine  Hälfte  aus  Holz,  deren  andre  aus  Blei  besteht,
auf  den  Tisch  rollen,  so  wird  sie  zuletzt  auf  der  bleiernen  Hälfte  stehen  bleiben,  weil  hier
der  Schwerpunkt  liegt.  Der  Schwerpunkt  zeigt  das  Bestreben,  stets  die  tiefste
Stelle  einzunehmen.  Rettungsboote  haben  daher  stets  leichte  Seitenwände,  aber  einen
        <pb n="298" />
        —  293  —

sehr  schweren  Boden.  Sie  schlagen  deshalb  auch  nicht  so  leicht  um.  Wie  kommt  es,  daß
sich  die  kleinen  „Stehaufchen“  wieder  von  selbst  aufrichten,  wenn  sie  niedergelegt  werden?
Eine  Flasche,  auf  den  Hals  gestellt,  fällt  leichter  um,  als  wenn  sie  auf  den  Boden  gestellt
wird.  Auch  steht  eine  gefüllte  Flasche  fester  als  eine  leere.  Ein  Körper  steht  desto
fester,  je  tiefer  sein  Schwerpunkt  liegt  und  je  größer  seine  Unterstützungsfläche
  und  sein  Gewicht  ist.  Warum  giebt  man  der  Lampe  einen  breiten  Fuß  und
gießt  ihn  mit  Blei  aus?  Zu  welchem  Zwecke  füllt  man  leere  Schiffe  mit  Ballast?

5.  Hebel  im  allgemeinen.  Wenn  die  Arbeiter  einen  schweren  Stein  zu  heben
haben,  so  bedienen  sie  sich  dabei  gewöhnlich  eines  armdicken  Baumstammes,  des
sogenannten  Hebebaumes  (oder  einer  eisernen  Stange,  der  „Brechstange“).  Das  eine
Ende  stoßen  sie  unter  den  Stein;  dann  legen  sie  eine  Walze  möglichst  nahe  am
Steine  als  Stütz=  oder  Drehpunkt  unter  den  Hebebaum,  drücken  den  Baum  am
andern  Ende  mit  den  Händen  abwärts  —  und  siehe  da,  der  Stein  bewegt  sich.
Ein  ähnlicher  Versuch  läßt  sich  auch  mit  einem  Lineale  und  einem  Mauersteine  oder
Buche  u.  s.  w.  anstellen.  Hebebaum  und  Lineal  bilden  in  diesem  Falle  „Hebel“.
Denn:  Ein  Hebel  ist  ein  unbiegsamer,  meist  länglich  geformter  Körper,
der  in  einem  Punkte  unterstützt  und  um  diesen  drehbar  ist.  Der  Unterstützungspunkt
  heißt  Drehpunkt.  Da,  wo  die  Last  am  Hebel  angreift,  ist  der  Angriffspunkt
  der  Last,  wo  die  Kraft  angreift,  der  Angriffspunkt  der  Kraft.  Die
Strecken  zwischen  dem  Drehpunkte  und  den  Angriffspunkten  heißen  Arme.  Man
unterscheidet  so  Lastarm  und  Kraftarm.  Sind  die  Arme  gleich  lang,  so  haben
wir  einen  „gleicharmigen“  Hebel,  im  andern  Falle  einen  „ungleicharmigen“.

6.  Der  gleicharmige  Hebel.  a.  Um  einen  gleicharmigen  Hebel  herzustellen,
nehmen  wir  eine  unbiegsame,  überall  gleich  dicke  Stange  von  60  cm  Länge,  die  in
der  Mitte  durchbohrt  ist  und  auf  der  durch  Striche  die  cm  bezeichnet  sind.  Diese
Stange  hängen  wir  mittels  eines  Drahtes  zwischen  2  Stangen  auf,  die  auf  einem
Brette  befestigt  und  oben  durchbohrt  sind.  Wo  ist  der  Drehpunkt?  Wo  sind  die  Arme?

b.  Wenn  ein  gleicharmiger  Hebel  bei  wagerechter  Lage  im  Zustande  der  Ruhe
ist,  befindet  er  sich  im  Gleichgewichte.  Hängen  wir  aber  an  das  eine  Ende  z.  B.
50  g,  so  sinkt  dies  Ende  hinab.  Das  Gleichgewicht  ist  gestört.  Hängen  wir
jedoch  an  das  andre  Ende  ebenfalls  50  g,  so  ist  das  Gleichgewicht  wieder  hergestellt.
  (Wo  muß  das  zweite  Gewicht  hangen,  wenn  das  erste  nicht  am  Ende,
sondern  10,  20  oder  30  cm  vom  Unterstützungspunkte  entfernt  ist))  Der
gleicharmige  Hebel  ist  im  Gleichgewichte,  wenn  die  Kraft  der  Last
gleich  ist.  —  Auf  dieses  Gesetz  gründet  sich  die  Einrichtung  der  Krämerwage.
  Sie  besteht  aus  dem  Wagebalken,  dem  Unterstützungspunkte  (Achse),  der
Schere,  der  Zunge  und  den  beiden  Wageschalen.  Welcher  Teil  stellt  den  Hebel
dar?  Wogzu  dient  die  Zunge?  die  Schere?

7.  Der  ungleicharmige  Hebel.  a.  Bei  dem  Hebebaume,  mit  dem  die  Arbeiter
den  Stein  heben  (siehe  oben  §  5),  liegt  der  Drehpunkt  nicht  in  der  Mitte.  Er
bildet  daher  einen  „ungleicharmigen“  Hebel.  Um  die  Wirkung  des  ungleicharmigen
Hebels  genauer  kennen  zu  lernen,  legen  wir  auf  den  Lastarm  des  Hebels  (8  6b)
in  einer  Entfernung  von  10  cm  vom  Drehpunkte  10  g  und  auf  den  Kraftarm
in  gleicher  Entfernung  5  g.  Es  zeigt  sich  kein  Gleichgewicht.  Jetzt  rücken  wir
diese  5  g  weiter  auf  20  cm  Entfernung  vom  Drehpunkte  —  und  das  Gleichgewicht
  ist  hergestellt.  Wie  lang  ist  der  Lastarm?  Wie  lang  der  Kraftarm?
Um  also  einen  ungleicharmigen  Hebel,  dessen  Kraftarm  die  doppelte  Länge  des
Lastarms  hat,  im  Gleichgewichte  zu  halten,  ist  eine  Kraft  erforderlich,  die  nur
halb  so  groß  ist  als  die  Last.  Aus  weitern  Versuchen  ergiebt  sich  ferner:  Je
nachdem  der  Kraftarm  3,  4,  5  oder  Gmal  so  lang  ist  als  der  Lastarm,  läßt  sich
das  Gleichgewicht  schon  herstellen  durch  eine  Kraft,  die  den  3.,  4.,  5.  oder  6.  Teil
der  Last  ausmacht,  mit  andern  Worten:  Der  ungleicharmige  Hebel  ist  im
        <pb n="299" />
        —  294  —

Gleichgewichte,  wenn  die  Kraft  den  so  vielten  Teil  der  Last  ausmacht
wie  der  Lastarm  vom  Kraftarme.

b.  Ungleicharmige  Hebel  sind  der
Wagebalken  der  Schnellwage  (s.  Abb.),
der  Schaukelbalken  der  Knaben,  der
vPumpenschwengel,  der  Schlagbaum,
manche  Thürklinke,  häufig  der  Spaten
u.  s.  w.  Aus  wieviel  Hebeln  besteht  die
Kneipzange,  die  Schere,  der  Nußknacker?

*5  8.  Der  einarmige  Hebel.  a.  Oft
E  2  wenden  die  Arbeiter  die  Brechstange  zum
Heben  der  Steine  an,  ohne  eine  Walze  oder  dgl.  als  Stützpunkt  unter  sie  zu
schieben.  Sie  stoßen  dann  das  eine  Ende  der  Stange  unter  den  Stein  und  ziehen
das  andre  Ende  aufwärts.  Mache  einen  Versuch  mit  Lineal  und  Buch!  Der
Unterstützungspunkt  liegt  jetzt  an  dem  einen  Ende  des  Hebels,  nämlich  da,  wo  das
Lineal  den  Tisch  berührt.  Die  Last  greift  da  an,  wo  das  Buch  mit  seiner  Kante
auf  dem  Lineale  ruht,  die  Kraft  da,  wo  die  Hand  an  dem  Lineale  zieht.  Von
wo  an  bis  wohin  reicht  der  Lastarm?  der  Kraftarm?  —  Beide  Arme  liegen
also  auf  derselben  Seite  des  Unterstützungspunktes,  und  zwar  ist  der  Lastarm  ein
Teil  des  Kraftarmes.  Scheinbar  hat  also  dieser  Hebel  nur  einen  Arm,  weshalb
man  ihn  „einarmigen“  Hebel  nennt.

b.  Um  seine  Wirkung  genauer  zu  erfahren,  bohren  wir  durch  die  zweiarmige
Hebelstange  (8  6)  dicht  am  Ende  ein  Loch,  dann  befestigen  wir  sie  wieder  mittels
eines  durch  dieses  Loch  gezogenen  Drahtes  in  dem  Gestelle.  Hierauf  versehen  wir
das  andre  Ende  des  Hebels  mit  einer  Schnur  und  leiten  diese  über  eine  feste
Rolle.  Damit  der  Hebel  wagerecht  steht,  versehen  wir  das  freie  Schnurende  mit
einem  Stückchen  Eisen  (dem  Tariergewichte).  Der  Hebel  ist  60  cm  lang.  Legen
wir  nun  auf  den  Hebel  6  cm  vom  Drehpunkte  entfernt  ein  Gewicht  von  10  g,
so  sinkt  der  Hebel  nieder.  Hängen  wir  aber  jetzt  an  das  Tariergewicht  1  g,  so
ist  das  Gleichgewicht  wieder  hergestellt.  Wie  lang  ist  der  Lastarm?  der  Kraftarm?
  Den  wievielten  Teil  beträgt  der  Lastarm  vom  Kraftarme?  die  Kraft  von
der  Last?  Der  einarmige  Hebel  ist  im  Gleichgewichte,  wenn  die  Kraft
den  so  vielten  Teil  der  Last  ausmacht  wie  der  Lastarm  vom  Kraftarme.
  Einarmige  Hebel  sind  Schiebkarren,  Unter=  und  Oberarm,  Unterkiefer

u.  s.  w.

9.  Die  Dezimalwage  (siehe  Abb.)  ist  eine  Verbindung  von  2  einarmigen  Hebeln

(go  u.  Ca)  und  1  ungleicharmigen  (pd).  An  dem  ungleicharmigen  greift  bei  p  die  Kraft
(Gewicht  P),  bei  h  und  d  die  Last  (L)

kr  3  an.  Der  Grichtsarm  Goetungleic
MM—————  armigen  Hebels  (pd)  ist  10  mal  so  lang
Eif  n  *  3  als  ber  Lastarm  (oh).  Die  Zugstangen
(h  u.  cd)  wirken  so,  als  ob  die  ganze

 
  

——  J
/5  55

   
  

   

   

—  L  Last  in  h  angriffe.  Nehmen  wir  an,  daß
5  1  F.  die  Last  100  kg  betrage  und  davon  20  kg
6  .-«-  auf  h  wirken.  Dann  drücken  die  übrigen

 
   

9  .  80  kg  in  b  auf  den  einarmigen  Hebel  Ca.
-  0  ¾wG  &amp;amp;B  in  ,  9
Da  aber  der  Lastarm  ab  —=  des  Kraft-9
  "  armes  a  ist,  so  wirkt  in  C  nur  ½/  von
80  kg  =  16  kg.  Diese  ziehen  also  mit
ihrem  Gewichte  in  d  am  Hebel  pd.  Das  ist  aber  ebenso,  als  wenn  in  h  eine  Last  von
5  X  16  kg  =  80  kg  zieht.  Warum?  (Stelle  dir  od  als  einarmigen  Hebel  vor!  Lastarm
  oh  —  u¼  des  Kraftarmes  od.  Folglich  die  Kraft  (16  kg!  =  der  in  h  wirkenden
Last.  Folglich  diese  Last  -  5  X  16  =  80  kg.)  Es  ziehen  also  in  h  20  kg  +  80  kg
—  100  kg.  Aufgabe:  Last  3,75  kg.  Wie  groß  die  Kraft  zur  Herstellung  des  Gleichgewichts?

—  —  —  —S  nm##s

 

HS———ä**5..  —S3
        <pb n="300" />
        —  295  —

10.  Die  feste  Rolle.  (S.  Abb.!)  a.  Will  man  Mehlsäcke,  Balken  u.  s.  w.  in  die
Höhe  ziehen,  so  bedient  man  sich  häufig  der  Rolle.  Das  ist  eine  kreisrunde  Scheibe,

 

 

die  an  ihrem  Rande  mit  einer  Rille  versehen  ist  und  sich  □
um  eine  durch  ihren  Mittelpunkt  gehende  Achse  drehen

läßt.  Die  Achse  hängt  in  der  sogenannten  Schere.  Ist  die
Schere  an  einem  Orte  festgehalten,  so  haben  wir  eine
„feste“  Rolle.

b.  Wir  befestigen  uns  eine  solche  Rolle  mit  ihrer
Schere  an  einem  Gestelle.  Dann  drehen  wir  die  Rolle  um
ihre  Achse.  Sie  macht  keine  fortschreitende  Bewegung.
Hierauf  hängen  wir  über  die  Rolle  eine  Schnur,  deren
Enden  mit  gleichen  Gewichtstücken  versehen  sind.  Keins  der
Gewichtstücke  sinkt  hinab.  Die  Rolle  dreht  sich  nicht.  Die  feste  Rolle  ist  im
Gleichgewichte,  wenn  die  Last  gleich  der  Kraft  ist.  Sie  gleicht  nämlich
einem  gleicharmigen  Hebel.  Der  Unterstützungspunkt  liegt  im  Mittelpunkte,  die  Angriffspunkte
  der  Last  und  Kraft  da,  wo  das  Seil  auf  beiden  Seiten  (bei  A  u.  B)
die  Rolle  verläßt.  (Eine  Linie  von  A  nach  B  durch  den  Mittelpunkt  gezogen,  würde
den  Hebel  deutlich  darstellen.)

c.  Bei  der  Anwendung  der  festen  Rolle  wird  an  Kraft  nichts  gespart.  Ihr
einziger  Vorteil  liegt  darin,  daß  man  mit  ihrer  Hilfe  die  Richtung  des  Ziehens
verändern  kann  und  infolgedessen  seinen  eignen  Körper  nicht  mit  nach  oben  zu
heben  braucht.  So  zieht  z.  B.  der  Handlanger,  wenn  er  einen  Eimer
mit  Mörtel  nach  oben  schaffen  will,  an  einem  Seile  der  Rolle  abwärts.
  —  Inwiefern  finden  die  festen  Rollen  bei  Kronleuchtern,
Thüren,  Rouleaux  u.  s.  w.  Verwendung?

11.  Die  bewegliche  Rolle.  (S.  Abb.  links!)  a.  Die  Schere  der
beweglichen  Rolle  ist  nicht,  wie  die  der  festen  Rolle,  an  einem  Orte
festgehalten.  Um  die  bewegliche  Rolle  näher  kennen  zu  lernen,  befestigen
  wir  das  Ende  einer  Schnur  (81)  an  einer  Thürangel,  leiten

11#  die  Schnur  um  eine  Rolle,  deren  Schere  abwärts
1  hängt,  und  halten  das  andre  Ende  (82)  der  Schnur
mit  der  Hand  fest.  Indem  wir  die  Hand  auf  und
ab  bewegen,  dreht  sich  die  Rolle  um  ihre  Achse  und
macht  dabei  eine  fortschreitende  Bewegung.  Hängen
wir  an  die  Schere  der  Rolle  ein  schweres  Gewicht
und  ziehen  es  mittels  des  unbefestigten  Schnurendes
in  die  Höhe,  so  läßt  sich  das  Gewicht  viel  leichter
heben  als  ohne  Rolle.

b.  Man  benutzt  die  bewegliche  Rolle  fast  stets
in  Verbindung  mit  einer  festen.  Wir  leiten  daher
das  freie  Ende  der  um  die  bewegliche  Rolle  gehenden
Schnur  über  eine  feste  Rolle  und  bringen  durch  ein
Tariergewicht  (8  8  b)  die  bewegliche  Rolle  ins  Gleichgewicht.
  Hierauf  hängen  wir  an  die  Schere  der  beweglichen
  Rolle  10  g  und  an  das  Schnurende  mit  dem  Tariergewichte
5  g.  Die  Gewichtstücke  bleiben  in  Ruhe.  Die  5  g  an  dem  Schnurende
  halten  den  10  g  an  der  Schere  das  Gleichgewicht.  Die  bewegliche
  Rolle  ist  im  Gleichgewichte,  wenn  die  Kraft  halb
so  groß  ist  als  die  Last.  Die  Last  wirkt  auf  die  Schere  und  durch
diese  auf  die  gleichweit  von  ihr  befindlichen  Seilstücke.  Jedes  Seilstück
hat  also  die  Hälfte  der  Last  zu  tragen.  An  dem  einen  Seilstücke

   

 

 

 

—

M

 

l

 

 

h
        <pb n="301" />
        —  296  —

greift  die  Last  an.  Wieviel  hat  sie  also  von  der  Last  zu  übernehmen?  Die  bewegliche
  Rolle  gleicht  einem  einarmigen  Hebel,  bei  dem  die  Last  in  der  Mitte  angreist.

12.  Der  Flaschenzug  (s.  Abb.  S.  295)  besteht  aus  einer  Vereinigung  von  (gewöhnlich)
  gleichvielen  festen  (A)  und  beweglichen  (B)  Rollen.  Die  gleichnamigen
Rollen  haben  eine  gemeinschaftliche  Schere:  die  „Flasche“;  daher  der  Name.  Sind
(wie  in  der  Abbildung)  drei  feste  und  drei  bewegliche  Rollen  verbunden,  so  ist  das
Gleichgewicht  schon  durch  ½  der  Kraft  hergestellt.  Bei  vier  festen  und  vier  beweglichen
  Rollen  genügt  ⅛,  bei  fünf  festen  und  fünf  beweglichen  Rollen  ½10  der
Kraft  u.  s.  w.

13.  Das  Wellrad.  (S.  Abb.,!)  Aus  tiefen  Brunnen  wird  das  Wasser  oft  durch  eine
„Welle“  (ein  walzenförmiges  Stück  Holz)  mit  Kette  und  Eimer  heraufgeholt.  Die  „Welle“
oder  „Walze“  wird  durch  eine  Kurbel  oder  durch  ein  Rad  gedreht.  (Die  Kurbel  ist  eine
mit  einem  Handgriff  versehene  Speiche.)  Sie  läßt  sich  um  so  leichter  drehen,  je  größer
die  Kurbel  (oder  das  Rad)  ist.  Versuch:  Wir  durchbohren
  eine  Walze  von  4  cm  Durchmesser  der  Quere
nach.  In  das  Loch  stecken  wir  einen  (mit  Centimetermaß
  versehenen)  40  cm  langen  Stab  so  hinein,  daß
die  zu  beiden  Seiten  der  Walze  hervorragenden  Teile
gleich  lang  sind.  Sodann  schlagen  wir  in  jedes  Ende
der  Walze  einen  Drahtstift  und  lassen  nun  die  Walzen
muopon  2  Kindern  an  Drahtösen  (oder  in  Scherlöchern)

sooooo  halten,  daß  die  Drahtstifte  sich  in  den  Osen  frei  be--mwegen
  können.  Jetzt  umwickeln  wir  die  Walze  mit  einer

Schnur,  deren  eines  Ende  ein  Gewicht  von  500  g  trägt.
Hängen  wir  nun  an  den  Stab  10  cm  weit  vom  Mittel-1
  punkte  der  Walze  ein  Gewicht  von  100  g  auf,  so  halten
diese  100  g  den  500Fg  das  Gleichgewicht.  Am  Ende  des  Stabes  (also  20  cm  vom  Mittelpunkte)
bewirken  sogar  schon  50  g  das  Gleichgewicht.  Der  Halbmesser  der  Walze  beträgt  2  cm.
Hat  also  der  Stab  (der  die  Speichen  eines  Rades  oder  die  Kurbel  darstellt)  die  fünffache
Länge  des  Halbmessers,  so  ist  ½  der  Last,  hat  der  Stab  die  zehnfache  Länge  des  Halbmessers,
  so  ist  ½10  der  Last  zur  Herstellung  des  Gleichgewichts  nötig.  Um  einer  Last  an
der  Welle  das  Gleichgewicht  zu  halten,  braucht  die  Kraft  nur  der  so  vielte
Teil  der  Last  zu  sein,  wie  der  Halbmesser  der  Welle  vom  Halbmesser  des
Rades.  —  Steht  die  Axe  des  Wellrades  senkrecht,  so  wird  es  gewöhnlich  „Göpel“  genannt.
Dieser  kommt  häufig  bei  Dreschmaschinen,  in  Fabriken  u.  s.  w.  zur  Anwendung,  um  ein
Räderwerk  u.  dgl.  in  Bewegung  zu  setzen.

14.  Die  schiefe  Ebene.  a.  Lege  ich  eine  Schiefertafel  wagerecht  auf  den  Tisch,  so
bildet  sie  eine  wagerechte  Ebene.  Hebe  ich  sie  an  einem  Ende  etwas  in  die  Höhe,  so  bildet
sie  eine  schiefe  (geneigte)  Ebene.  (Was  für  einen  Winkel  bildet  sie  mit  der  wagerechten
Ebene?  Was  ist  demnach  eine  schiefe  Ebene?)  Laß  eine  Kugel  zuerst  von  einer  weniger

eneigten,  dann  von  einer  mehr  geneigten  Schiefertafel  hinabrollen!  Wo  rollt  sie  am
chnellsten?  Befestigen  wir  an  der  Kugel  eine  Schnur  und  leiten  sie  am  obern  Ende  der
schiefen  Ebene  über  eine  feste  Rolle,  so  wird  irgend  ein  Gewicht  im  stande  sein,  die  Kugel
am  Herabrollen  zu  verhindern  oder  sie  auf  der  Tafel  emporzuziehen.  Dies  Gewicht  wird
um  so  schwerer  sein  müssen,  je  größer  die  Neigung  der  Tafel  ist.  Nennen  wir  nun  das
Gewichtstück  Kraft  und  die  Kugel  Last,  so  ergiebt  sich:  Je  geringer  die  Neigung  einer
##rn  schiefen  Ebene  ist,  desto  weniger  Kraft
ist  erforderlich,  um  eine  Last  auf  der
schiefen  Ebene  emporzuziehen.

b.  Nebenstehende  Abbildung  stellt  ebenfalls
  eine  schiefe  Ebene  dar,  auf  der  die
Schnur  über  eine  Rolle  (R)  geht.  (Welchen
gNZceck  hat  die  Rolle?)  AB  ist  die  Länge,

5  B-B0  die  Höhe  der  schiefen  Ebene.  Die  Länge
4  4  beträgt  hier  das  Doppelte  der  Höhe,  darum

·  :  96  9  hält  auch  1  kg  (K)  einer  Last  (L)  von  2  kg
4—GGE  das  Gleichgewicht.  Betrüge  die  Höhe  ½  der
Länge,  so  würde  1  kg  genügen,  um  einer  Last  von  3  kg  das  Gleichgewicht  zu  halten.
Bei  der  schiefen  Ebene  sind  Kraft  und  Last  im  Gleichgewichte,  wenn  die
Kraft  der  so  vielte  Teil  der  Last  ist,  wie  die  Höhe  der  schiefen  Ebene  von
deren  Länge.  (Aufgaben!)

 

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        —  297  —

c.  Wie  viel  Gewicht  (Kraft)  ist  erforderlich,  um  ein  100  kg  schweres  Bierfaß  auf
einen  2  m  hohen  Wagen  zu  laden,  an  den  eine  4  m  lange  Schrotleiter  gelegt  ist?  Um
zu  große  Steigungen  zu  vermeiden,  legt  man  Bergstraßen  in  Schraubenlinien  an.  Was
man  durch  diese  an  Kraft  erspart,  büßt  man  jedoch  an  Zeit  wieder  ein.

15.  Keil  und  Schraube.  a.  Der  Keil  ist  eine  bewegliche  schiefe  Ebene.  Er  läßt  sich
um  so  leichter  ins  Holz  treiben,  je  schmaler  sein  Rücken  im  Verhältnis  zu  seiner  Länge
ist.  Wo  wirkt  die  Kraft,  wo  die  Last  beim  Eintreiben  des  Keiles?  Als  Keile  sind  auch
Nähnadeln,  Brettnägel,  Axte  u.  dgl.  anzusehen.

b.  Eine  Schraube  ist  eine  um  einen  Cylinder  (oder  eine  Walze)  gewundene  schiefe
Ebene.  Man  unterscheidet  die  Schraubenspindel  und  die  Schraubenmutter.  Bei  der  Schraubenspindel
  befinden  sich  die  Windungen  auf  der  äußern  Seite  des  Cylinders,  bei  der  Schraubenmutter
  auf  der  innern  Seite  eines  Hohlcylinders.  Jede  Schraubenmutter  muß  zu  einer
ganz  bestimmten  Schraubenspindel  passen.  Je  nachdem  man  nun  rechts  oder  links  dreht,
steigt  oder  sinkt  die  Schraubenmutter  —  vorausgesetzt,  daß  die  Spindel  befestigt  ist.  Ist
die  Schraubenmutter  befestigt,  so  steigt  oder  sinkt  die  Spindel.  Je  flacher  die  Windungen,
desto  leichter  die  Drehung.  Was  man  aber  bei  flachen  Windungen  an  Kraft  erspart,  verliert
  man  wieder  an  Zeit,  wenn  die  gleiche  Wirkung  erzielt  werden  soll.

16.  Beharrungsvermögen.  a.  Lege  ein  Lineal  mit  dem  einen  Ende,  auf
dem  ein  Thaler  liegt,  auf  den  Tisch!  Dann  ziehe  plötzlich  das  Lineal  weg!  Der
Thaler  bleibt  auf  dem  Tische  liegen.  Er  macht  die  Bewegung  des  Lineals  nicht
mit.  Lineal  und  Thaler  befinden  sich  zuerst  im  Zustande  der  Ruhe.  Das  Lineal
wird  alsdann  plötzlich  in  Bewegung  gesetzt,  nicht  aber  auch  der  Thaler,  der  daher
diese  Bewegung  nicht  mitmacht.  Ein  Körper  bleibt  solange  im  Zustande
der  Ruhe,  bis  er  durch  eine  Kraft  in  Bewegung  gesetzt  wird.  Warum
fällt  man  rückwärts,  wenn  man  auf  einem  ruhenden  Wagen  steht  und  die  Pferde
plötzlich  anziehen?

b.  Wenn  das  Pferd  eines  galoppierenden  Reiters  stürzt,  so  fliegt  der  Reiter
in  der  Regel  über  den  Kopf  seines  Rosses  hinweg.  Reiter  und  Pferd  befanden
sich  beide  in  voller  Bewegung.  Die  Bewegung  des  Pferdes  wird  durch  den  Sturz
gehemmt,  die  des  Reiters  nicht.  Dieser  fliegt  weiter  und  schießt  deshalb  über  den
Kopf  des  Pferdes  hinweg.  Ein  Ball  bewegt  sich  noch  lange  in  der  Richtung
fort,  die  ihm  durch  die  Hand  mitgeteilt  ist,  und  er  würde  noch  weiter  fliegen,
wenn  er  durch  die  Schwerkraft  nicht  nach  unten  gezogen  und  durch  die  Luft  nicht
aufgehalten  würde.  Jeder  in  Bewegung  gesetzte  Körper  hat  das  Bestreben,
  in  der  Bewegung  zu  verharren.  Dieses  Gesetz  bringt  der  Bäcker
in  Anwendung,  wenn  er  Brot  in  den  Ofen  schiebt,  der  Maurer,  wenn  er  seinen
Hammer,  die  Magd,  wenn  sie  den  Besen  am  Stiele  befestigt.

17.  Der  freie  Fall.  Laß  eine  Bleikugel  auf  einen  untergehaltenen  Bogen  Papier
fallen,  anfangs  aus  geringerer,  dann  aus  immer  größerer  Höhe,  bis  zuletzt  die  Kugel  das
Papier  durchbohrt!  Je  länger  der  Körper  fällt,  desto  größer  wird  seine  Geschwindigkeit
und  damit  auch  die  Kraft,  die  er  durch  seine  Bewegung  erhält.  Das  zeigen  uns  auch
die  Hagelkörner.  —  Man  hat  gefunden,  daß  ein  Körper  im  luftleeren  Raume  in  einer
Sekunde  etwa  b#mm  tief  fällt,  in  der  zweiten  Sekunde  aber  nicht  etwa  wieder  5  m,  sondern
3  K.5  =  15  m,  in  der  dritten  Sekunde  5  X  5  =  25  m  u.  f.  f.  (Reihenfolge  der  ungeraden
Zahlen.)  Wie  lang  ist  demnach  die  Strecke,  die  ein  Körper  in  3  (4,  5)  Sekunden  fällt?

18.  Das  Pendel.  a.  Wir  lassen  eine  Kugel  an  einem  Faden  frei  in  der
Luft  schweben.  Im  Zustande  der  Ruhe  hängt  sie  mit  dem  Faden  in  lotrechter
Richtung.  Geben  wir  der  Kugel  nun  einen  Stoß  nach  rechts,  so  kehrt  sie  infolge
der  Schwerkraft  bald  wieder  zurück,  um  mit  dem  Faden  ihre  frühere  lotrechte
Stellung  wieder  einzunehmen.  Sie  bleibt  aber  in  dieser  lotrechten  Stellung  nicht
sogleich  stehen,  sondern  schießt  vielmehr  (infolge  der  Beharrungskraft)  über  das
Ziel  hinaus  nach  links,  bis  wiederum  die  Schwerkraft  die  Oberhand  gewinnt  und
die  Kugel  in  die  lotrechte  Richtung  zurückzieht.  So  schwingt  die  Kugel  noch  eine
Weile  hin  und  her.  Ihre  Schwingungen  werden  aber  immer  kleiner.  Endlich
siegen  Luftwiderstand  und  Reibung,  und  die  Kugel  steht  still.  Die  schwingende
Kugel  bildet  mit  dem  Faden  ein  Pendel.
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        —  298  —

b.  Vergleiche  die  Zeitdauer  der  einzelnen  Schwingungen  desselben  Pendels
durch  Taktzählen  miteinander!  Es  ergiebt  sich,  daß  die  größern  Schwingungen
„  jrjriiiiectht  länger  dauern  als  die  kleinern;  denn  die  SchwintAungen
  eines  und  desselben  Pendels  haben  gleiche
SZeitdauer.  Lassen  wir  aber  ein  kürzeres  und  ein  längeres
FPendel  nebeneinander  schwingen,  so  sehen  wir,  daß  das
kkürzere  schneller  schwingt  als  das  längere.
4  c.  Das  Perpendikel  (P)  an  unsern  Stubenuhren  bildet
beebenfalls  ein  Pendel,  das  aber  durch  ein  Gewicht  in  steter
Bewegung  erhalten  wird.  Dieses  Gewicht  (6)  hängt  an
eeeiner  Schnur  (8),  die  um  eine  Welle  (W)  gewickelt  ist.

 

 

51  Die  Welle  ist  mit  einem  gezahnten  Rade,  dem  Steigrade,
a  n  verbunden.  Infolge  seiner  Schwere  sinkt  das  Gewicht  nach
N  unten  und  setzt  Welle  und  Steigrad  in  eine  drehende  Bewegung.

  Diese  Drehung  ist  eine  beschleunigke  (§  17).
Damit  sie  gleichmäßig  vor  sich  gehe,  ist  das  Perpendikel,  das  an  einem  Haken  hängt,
mit  einem  Anker  (A)  verbunden.  Der  Anker  greift  bei  den  Schwingungen  des
Pendels  abwechselnd  in  die  Zähne  des  Rades  und  regelt  so  den  Gang  des  Rades.
Geht  die  Uhr  zu  langsam,  so  schiebt  man  die  Pendelscheibe  (Sch)  ein  wenig  in
die  Höhe  —  verkürzt  das  Pendel  —  und  dem  Dbel  ist  abgeholfen.  (Wie  zu
erklären?  Was  hat  man  zu  thun,  wenn  die  Uhr  zu  schnell  geht?)

19.  Zusammenhangsformen  der  Körper.  a.  Zerbrich  einen  Holzstab,  ein
Stück  Glas,  eine  Stricknadel,  ein  Stück  Fischbein!  Alle  diese  Körper  setzen  der
Zerteilung  einen  Widerstand  entgegen.  (Welcher  den  größten?  den  geringsten?)
Jeder  Körper  setzt  sich  nämlich  aus  unendlich  vielen  kleinen  Teilen  (Massenteilchen)
zusammen.  Die  Massenteilchen  hängen  mit  einer  gewissen  Kraft  zusammen,
  ziehen  sich  an.  Man  nennt  diese  Kraft  Zusammenhang  kkraft.

b.  Zerteile  Holz  und  Wasser!  Durchschneide  die  Luft  mit  der  Hand!  Wo
ist  die  Zusammenhangskraft  am  größten?  Wo  am  geringsten?  Je  nach  der
Größe  der  Zusammenhangskraft  unterscheiden  wir  feste,  tropfbarflüssige  und  luftförmige
  Körper!  Nenne  solche!

c.  Gieße  Wasser  in  ein  Glas,  dann  in  eine  Tassenschale  oder  Röhre!  Es
nimmt  die  Gestalt  des  Gefäßes  an.  Ein  Stück  Holz  oder  Eisen  würde  dagegen
seine  frühere  Gestalt  behalten.  Feste  Körper  haben  eine  selbständige  Gestalt,
  flüssige  Körper  nicht.  Gieße  Wasser  auf  ein  Brett!  Es  fließt  auseinander.
  Kleine  Mengen  nehmen  die  Gestalt  von  Tropfen  an,  ein  Beweis,  daß
eine  gewisse  Zusammenhangskraft  da  ist.  Wir  sehen  dies  auch  an  den  Regenund
  Tautropfen.  Warum  bildet  sich  auf  einem  Glase,  das  bis  etwas  über  den
Rand  mit  Wasser  gefüllt  ist,  ein  kleiner  Wasserberg?  Was  bemerkst  du,  wenn
du  eine  fettige  Nähnadel  auf  den  Wasserberg  legst?  Auf  einem  schrägen  Brette
fließt  das  Wasser  zusammenhängend  abwärts.  Warum  haben  Dächer,  Dachtraufen
  u.  s.  w.  eine  schräge  Lage?  (Über  Wasserspiegel  s.  S.  299.1)

d.  Laß  Wasser  in  einem  Topfe  kochen,  auf  dem  ein  Deckel  liegt!  Der  Deckel
wird  stoßweise  vom  Wasserdampfe  gehoben.  Die  Massenteilchen  des  Wasserdampfes
  haben  nämlich  wie  alle  luftförmigen  Körper  das  Bestreben,
sich  voneinander  zu  entfernen,  sich  abzustoßen.  Daher  haben  sie
ebenso  wie  die  flüssigen  Körper  keine  selbständige  Gestalt.

20.  Flächen=  und  Haarröhrchenanziehung.  a.  Schreibe  mit  einem  Stück
Kreide  an  die  Wandtafel!  Die  Kreide  bleibt  an  der  Tafel  haften.  Manche
Körper  haften  aneinander,  wenn  sich  ihre  Flächen  berühren.
(Flächenanziehung.)  Nenne  solche  Körper!  Nenne  Klebemittel!
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        —  299  —

b.  An  den  Wänden  eines  Glases  steht  das  Wasser  etwas  höher  als  in  der
Mitte.  Taucht  man  eine  sehr  enge,  oben  und  unten  offene  Glasröhre  in  Wasser,
Tinte  u.  dgl.,  so  steht  die  Flüssigkeit  in  der  Röhre  höher  als  in  dem  Gefäße.
Die  Ursache  dieser  Erscheinungen  ist  auch  in  der  Flächenanziehung  zu  suchen.
Die  anziehenden  Flächen  stehen  sich  hier  nämlich  sehr  nahe  gegenüber  und  wirken
so  stark,  daß  bis  zu  einer  gewissen  Grenze  das  Gewicht  des  Wassers  in  der  Röhre
überwunden  wird  und  das  Wasser  in  der  Röhre  steigt.  Man  nennt  diese  Kraft
Haarröhrchenanziehung.  Infolge  dieser  Kraft  breitet  sich  Tinte  im  Löschpapier
aus,  steigt  Ol  im  Dochte,  die  Feuchtigkeit  des  Bodens  in  der  Wand  empor  u.  s.  w.

21.  Porosität.  Feuchte  einen  trocnen  Schwamm  an!  Er  schwillt  an.  Das
geschieht  auch  mit  einem  Stück  Holz,  das  man  ins  Wasser  legt.  Jeder  Körper
hat  nämlich  zwischen  seinen  Teilchen  kleine  Zwischenräume.  Sie  sind  z.  B.  an
einem  Schwamme  und  Korke  deutlich  sichtbar.  In  diese  Räume  oder  Poren  dringt
das  Wasser  (infolge  der  Haarröhrchenanziehung  §  20)  ein,  rückt  die  einzelnen
Teile  des  Körpers  voneinander  und  vergrößert  ihn  so.  Hierdurch  erklärt  es  sich
auch,  warum  sich  manche  Fenster  und  Thüren  bei  feuchtem  Wetter  sehr  schwer,
bei  trocknem  dagegen  ganz  bequem  schließen  lassen.  Die  feuchte,  frischangeklebte
Tapete  sitzt  häufig  kraus  an  der  Wand,  glättet  sich  aber  ganz  von  selbst,  sobald
sie  trocken  wird.  (Warumy)

22.  Der  Druck  des  Wassers.  a.  Hängt  man  eine  mit  Wasser  gefüllte,  unten  verschlossene
  Holzröhre  (oder  ein  Holzeimerchen)  an  einem  Faden  frei  auf,  so  bleibt  sie  bald
in  Ruhe.  Versieht  man  sie  aber  unten  mit  einer  seitlichen  Offnung  und  fettet  die  Stelle
unter  dem  Loche  etwas  ein,  so  strömt  das  Wasser  in  einem  Bogen  aus,  und  die  Röhre
bewegt  sich  ein  wenig  nach  der  dem  Loche  gegenüber  liegenden  Seite.  Auf  diese  Seite
nämlich,  wo  das  Wasser  ausfließen  kann,  drückt  es  nicht  so  stark  wie  auf  die  gegenüberliegende
  Seite.  Daher  die  seitliche  Bewegung.

b.  Durch  solchen  einseitigen  Wasserdruck  wird  das  Segnersche  Wasserrad  in  Bewegung
gesetzt.  Es  ist  das  ein  hohler,  drehbarer  Cylinder,  der  unten  gewöhnlich  4  Arme  hat.
Diese  bilden  ein  Kreuz  und  sind  alle  nur  auf  einer  und  zwar  der  gleichen  Seite  durchbohrt.
  Gießt  man  von  oben  in  den  Cylinder  etwas  Wasser  hinein,  so  läuft  es  aus  den
Offnungen  der  Arme  wieder  heraus  und  setzt  so  den  Cylinder  in  drehende  Bewegung.

C.  Meist  benutzt  man  Gewicht  und  Stoß  des  Wassers,  um  Wasserräder  in  Bewegung
zu  setzen.  Man  unterscheidet  ober-,  mittel-  und  unterschlächtige  Wasserräder.  Die  oberschlächtigen
  wendet  man  da  an,  wo  starkes  Gefälle,  aber  wenig  Wasser  vorhanden  ist,  also
besonders  in  Gebirgsgegenden.  Man  läßt  dann  das  Wasser  von  oben  in  die  Kasten  des
Rades  fallen.  Ist  der  Boden  nicht  abschüssig  genug,  so  wendet  man  die  mittelschlächtigen
Wasserräder  an,  bei  denen  das  Wasser  seitlich  in  die  Schaufeln  stürzt.  Steht  eine  größere

Wassermenge  zur  Verfügung,  ein  Fluß  oder  Strom,  so  wendet  man  unterschlächtige  Wasserräder
  an.  Sie  werden  unten  durch  den  Stoß  des  Wassers  in  Bewegung  gesetzt.

23.  Wagerechter  Wasserstand.  Libelle.  a.  Wir  gießen  ein  Trinkglas  bis
zur  Hälfte  voll  Wasser.  Die  Oberfläche  dieses  Wassers  im  Glase  bildet  eine
wagerechte  Ebene.  Jetzt  neigen
wir  das  Glas,  anfangs  schwächer,  MW.n  —.—
dann  stärker,  ohne  jedoch  das  Wasser  1  .—  —
ausfließen  zu  lassen:  die  wagerechte  —
Ebene  bleibt.  Die  einzelnen  Wasserteilchen  lassen  sich  nämlich  leicht  verschieben
(warum?)  und  bilden  so  zur  Zeit  der  Ruhe  (da  sie  von  der  Erde  gleichmäßig
angezogen  werden)  auf  der  Oberfläche  stets  eine  wagerechte  Ebene,  den  sogenannten
Wasserspiegel.

b.  Zugleich  sehen  wir  auch,  daß  das  Wasser  stets  den  höchsten  (obersten)  Teil  des
Glases  leer  läßt.  Warum?  Auf  dieser  Eigenschaft  des  Wassers  beruht  die  Einrichtung
der  Libelle  oder  Wasserwage,  die  man  jetzt  meist  an  Stelle  der  Setzwage  (S.  292)  zur
Prüfung  der  wagerechten  Richtung  gebraucht.  Der  Hauptteil  der  Libelle  ist  eine  schwach
nach  oben  gekrümmte,  beiderseits  verschlossene  Glasröhre  (a  b).  Diese  ist  bis  auf  einen
kleinen  Raum  (c)  mit  Wasser,  Weingeist  oder  dgl.  gefüllt.  Der  wasserleere  Raum  enthält
Luft,  die  eine  Blase  bildet.  Halte  die  Röhre  wagerecht!  Wo  befindet  sich  die  Blase?
        <pb n="305" />
        —  300  —

Außen  ist  die  Glasröhre  von  einer  Blechhülse  (de)  umgeben.  Diese  hat  in  der  Mitte  oben
einen  Ausschnitt  (k  g),  damit  hier  die  Blase  sichtbar  wird.  Die  Blechhülse  ist  auf  einem
kleinen  linealförmigen  Brettchen  (h  i)  befestigt.  Halte  das  Brettchen  auf  einen  Tisch,  der
rechts  höher  ist  als  links!  Wo  liegt  der  höchste  Punkt  der  Röhre?  Wo  befindet  sich  daher
die  Blase?  Wie  ist  es  umgekehrt?  Wann  nur  ist  die  Blase  in  der  Mitte  sichtbar?

24.  Verbundene  Röhren.  Nimm  eine  Glasröhre  von  der  Gestalt  eines
lateinischen  U  und  gieße  in  das  eine  Röhrenende  Wasser  (oder  irgend  eine  andre
Flüssigkeit).  Es  steigt  in  beiden  Armen  gleich  hoch.  Neige  jetzt  die  Röhre,  ohne  das
Wasser  ausfließen  zu  lassen.  Es  stellt  sich  heraus,  daß  in  dem  einen  Arme  zwar
mehr  Wasser  steht  als  in  dem  andern  —  aber  die  Oberflächen  des  Wassers  beider
Röhrenarme  liegen  in  derselben  wagerechten  Ebene.  (Ahnliche  Versuche  lassen  sich
mit  einer  Gießkanne,  Kaffeekanne  u.  s.  w.  anstellen.)  In  verbundenen  Röhren
  steht  das  Wasser  (sowie  jede  andre  Flüssigkeit)  stets  gleich  hoch.

25.  Wasserleitung.  Um  eine  Wasserleitung  anzulegen,  leitet  man  das  Wasser
aus  hochgelegenen  Quellen  durch  unterirdische  Röhren  in  die  Häuser.  Hier  sucht
es  nun  ebenso  hoch  zu  steigen,  wie  es  in  der  Quelle  steht.  (Warum?  §  24.)
In  ebenen  Gegenden  wird  das  Wasser  durch  Maschinen  hoch  oben  auf  den  Wasserturm
  getrieben  und  von  hier  aus  durch  Leitungsröhren  das  Steigen  des  Wassers
in  den  Häusern  u.  s.  w.  herbeigeführt.

26.  Der  Springbrunnen  erklärt  sich  aus  demselben  Gesetze  wie  die  Wasserleitung.
  Wir  stellen  uns  einen  solchen  in  folgender  Weise  her.  Die  Röhre  eines
Trichters  wird  etwa  60  cm  lotrecht  abwärts  verlängert.  An  das  lotrechte  Ende
ist  eine  kurze  wagerechte  Röhre  gelötet,  die  am  andern  Ende  etwa  2  cm  senkrecht
emporsteigt  und  eine  möglichst  enge  Offnung  hat.  Gießt  man  in  den  Trichter
Wasser,  so  springt  es  aus  der  kurzen,  senkrecht  emporsteigenden  Röhre  wieder
empor.  Warum?  Die  großen  Springbrunnen  in  Parks  u.  s.  w.  sind  meist  so
angelegt,  daß
durcheine  Röhre
das  Wasser  aus
einem  hochgelegenen
  Teiche  in
die  Ebene  geleitet
  und  hier
durch  eine  senkrechte
  Fortsetzung

  nach
oben  gerichtet  wird.  Auch  die  —  nach  der  Grafschaft  Artois  (artoah)  so  benannten
  —  artesischen  Brunnen  (s.  Abb.)  sprudeln  von  selbst,  so  lange  das  Wasser
in  der  Sandschicht  (bei  b  b)  höher  steht,  als  das  Bohrloch  ist.

27.  Die  Kanalwage  gründet  sich  ebenfalls  auf  das  Gesetz  der  verbundenen
Röhren.  Sie  wurde  früher  von  Feldmessern  angewendet;  jetzt  wird  sie  meist  nur  von
Bauhandwerkern  benutzt,  um  die  wagerechte  Richtung  zu  ermitteln.  Der  wesentlichste
Teil  der  Wasserwage  ist  eine  40—60  cm  lange,  wagerechte  Metallröhre,  die  an  beiden
Enden  mit  lotrechten  Glasröhren  versehen  und  mit  gefärbtem  Wasser  angefüllt
ist.  Befestigt  man  die  Röhre  wagerecht  auf  einem  Gestelle,  so  hat  man  eine  Kanalwage.
  Will  man  mit  Hilfe  dieser  Wage  berechnen,  wie  viel  z.  B.  eine  Straße  an
einem  Ende  höher  ist  als  am  andern,  so  steckt  man  an  den  Endpunkten  der  Straße
gleichmäßig  eingeteilte  Maßstäbe  (S.  301  A  u.  B)  bis  zu  dem  ersten  Striche  in
die  Erde.  Dann  stellt  man  die  Wasserwage  zwischen  beiden  so  auf,  daß  von  ihr
aus  beide  Stäbe  sichtbar  sind.  Da  nun  das  Wasser  in  beiden  Endröhren  gleich
hoch  steht,  so  erhält  man  eine  wagerechte  Richtung.  Nun  visiert  man  eine  wagerechte
  Linie  bis  zum  ersten  und  dann  bis  zum  zweiten  Stabe.  Um  diesen  Punkt,

  

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        auf  den  die  Linie  fällt,
für  das  Auge  aus  der
Ferne  zu  kennzeichnen,
hat  man  beide  Stäbe  mit
auf=  und  abbeweglichen  *
Scheiben  versehen.  Diese
sind  in  weiße  und  rote

Felder  geteilt,  deren  «

Grenzen  wegen  der  grellen  Farben  sich  weithin  erkennen  lassen.  Fällt  z.  B.  die
Linie  beim  ersten  Stabe  (A)  auf  Nr.  4,  beim  zweiten  (B)  auf  Nr.  12,  so  beträgt
der  Höhenunterschied  beider  Punkte  8  Nummern,  die  dann  in  Meter  und  Centimeter
  umgerechnet  werden.

28.  Das  specifische  oder  Eigengewicht.  Eine  Bleikugel  ist  schwerer  als  eine  gleichgroße
  Holzkugel.  Man  drückt  dies  allgemeiner  auch  so  aus:  Blei  ist  specifisch  schwerer  als
Holz.  Die  Größe  des  specifischen  Gewichts  bestimmt  man  nach  dem  Gewichte  einer  gleichgroßen
  Wassermenge.  1  cem  Wasser  wiegt  1  g;  1  cem  Blei  11/  g.  Man  sagt  daher:
das  specifische  Gewicht  des  Bleies  ist  11½  g.  (Kürzer:  das  specifische  Gewicht  des  Bleies
ist  11½,  d.  h.  es  ist  11½  mal  so  groß  als  eine  gleichgroße  Wassermenge.)

29.  Das  Schwimmen.  a.  Ein  Stück  Holz  schwimmt  auf  dem  Wasser,  ein
Stück  Eisen  sinkt  darin  unter.  Um  die  Ursache  hiervon  kennen  zu  lernen,  wägen
wir  das  Eisen  zuerst  in  der  Weise,  daß  es  in  ein  bis  zum  Rande  mit  Wasser
gefülltes  Gefäß  taucht,  und  dann  so,  daß  es  sich  außerhalb  des  Wassers  befindet.
Im  Wasser  ist  es  leichter  als  außerhalb.  Wägen  wir  nun  auch  das  Wasser,  das
aus  dem  Gefäße  verdrängt  ist,  so  ergiebt  sich,  daß  das  Eisen  im  Wasser  gerade
um  so  viel  leichter  geworden  ist,  als  das  Gewicht  der  verdrängten  Wassermenge
beträgt.  Ein  Körper  wird  im  Wasser  um  so  viel  leichter,  als  die
Menge  des  Wassers  wiegt,  die  er  verdrängt  hat.  Ist  ein  Körper  specifisch
schwerer  als  Wasser,  so  verliert  er,  wenn  er  in  Wasser  getaucht  ist,  nicht  sein  ganzes
Gewicht  und  muß  deshalb  sinken.  Ist  er  specifisch  ebenso  schwer  als  Wasser,  so
verliert  er  im  Wasser  sein  ganzes  Gewicht  und  schwebt,  sobald  das  Wasser  über
ihm  zusammenschlägt.  Ist  er  specifisch  leichter  als  Wasser,  so  verliert  er  beim  Eintauchen
  sein  ganzes  Gewicht,  noch  ehe  er  vollständig  eingetaucht  ist,  so  daß  er
also  über  die  Oberfläche  des  Wassers  hervorragt:  er  schwimmt.  Körper,  die  specifisch
schwerer  sind  als  Wasser,  kann  man  dadurch  zum  Schwimmen  bringen,  daß  man
sie  mit  solchen  Körpern  in  Verbindung  bringt,  die  specifisch  viel  leichter  sind  als
Wasser  (z.  B.  Binsenbündel,  mit  Luft  gefüllte  Schweinsblasen,  Korkgürtel  u.  dgl.).

b.  Ein  hohler  Blechtopf  schwimmt;  zusammengehämmert  sinkt  er  unter.  Er
kann  nämlich,  wenn  er  zusammengehämmert  ist,  wegen  seines  geringen  Umfangs
nicht  so  viel  Wasser  verdrängen,  als  er  selbst  schwer  ist.  Weshalb  vermag  das
Wasser  eiserne  Schiffe  zu  tragen?

30.  Die  atmosphärische  Luft  und  ihre  Zusammensetzung.  Die  Luft  umgiebt
  die  ganze  Erde  wie  eine  kugelförmige  Hülle.  Man  nennt  diese  Lufthülle
den  Luftkreis  (Dunstkreis,  Atmosphäre).  Sie  hat  eine  Höhe  von  etwa  100  km.  Der
Hauptsache  nach  besteht  sie  aus  1  Teil  Sauerstoff  und  4  Teilen  Stickstoff.  Außerdem
  sind  ihr  geringe  Mengen  von  Kohlensäure,  Wasserdampf  u.  s.  w.  beigemengt.

31.  Die  Luft  ein  Körper.  Tauche  ein  leeres  Trinkglas  in  senkrechter  Richtung
  umgekehrt  ins  Wasser.  Es  dringt  nur  sehr  wenig  Wasser  ins  Glas  ein.  Ein
unter  dem  Glase  liegender  Kork  zeigt  uns  deutlich  den  tiefen  Stand  des  Wassers
im  Glase.  In  dem  Glase  ist  nämlich  Luft  enthalten.  Diese  kann  nicht  entweichen.
Sie  gestattet  aber  auch  nicht,  daß  das  Wasser  denselben  Raum  einnimmt,  in  dem
sie  sich  befindet.  Die  Luft  ist  ein  Körper,  denn  sie  nimmt  Raum  ein.
        <pb n="307" />
        —  302  —

32.  Taucherglocke.  Was  ein  solches  Trinkglas  (8  31)  im  kleinen,  das  ist  eine  Taucherglocke
  im  großen.  Sie  wurde  früher  von  Tauchern  benutzt  (jetzt  bei  Wasserbauten).  Meistens
ist  sie  aus  Eisenblech  hergestellt,  oben  geschlossen,  unten  aber  offen.  In  ihrem  obern  Teile
befindet  sich  für  den  Taucher  ein  Sitzbrett.  Ward  die  Glocke  in  die  Tiefe  des  Meeres
hinabgelassen,  so  saß  der  Taucher  auf  dem  Sitzbrette  vollständig  im  Trocknen.  Damit  er
aber  auch  atmen  konnte,  wurde  ihm  durch  Schläuche  frische  Luft  in  die  Glocke  gepreßt.
Auf  diese  Weise  war  es  dem  Taucher  möglich,  30  bis  45  Minuten  am  Meeresboden  zu
verweilen  und  Perlen  aufzulesen  u.  s.  w.

33.  Dehnbarkeit  der  Luft.  Eine  mit  Luft  gefüllte  Schweinsblase  läßt
sich  leicht  etwas  zusammendrücken,  dehnt  sich  aber  sofort  wieder  aus,  wenn  der
Druck  aufhört.  Die  Luft  ist  elastisch.  Wie  erklärt  sich  das  Abspringen  des
Pfropfens  von  der  Knallbüchse?

34.  Druck  der  Luft.  a.  Ist  eine  Literflasche  mit  Luft  gefüllt,  so  wiegt
sie  1,.3  g  mehr,  als  wenn  sie  luftleer  gemacht  ist.  Die  Luft  hat  Gewicht.

b.  Da  die  Luft  schwer  ist,  so  muß  sie  auf  ihre  Unterlage  ebenso  gut  einen
Druck  ausüben  wie  jeder  andre  Körper.  Denken  wir  uns  eine  Anzahl  Mauersteine
  (Bücher,  Tafeln)  übereinander  auf  dem  Tische  liegen.  Welcher  Mauerstein
wird  den  größten  Druck  zu  erleiden  haben?  Welcher  den  geringsten?  Statt  der
Mauersteine  stellen  wir  uns  jetzt  Luftschichten  vor.  Welche  Luftschicht  hat  den
größten  Druck  auszuhalten?

c.  An  unserm  Körper  merken  wir  den  Luftdruck  nicht.  Dies  liegt  daran,
daß  die  Luft  in  unserm  Körper  ebenso  stark  drückt,  als  die  Luft  außerhalb
desselben.  Dadurch  wird  der  Druck  vom  Gegendruck  aufgehoben.  Die  Wirkung  des
Luftdrucks  wird  uns  aber  sofort  klar,  sobald  der  Druck  nur  von  einer  Seite  seine
Kraft  ausübt.  Hat  z.  B.  ein  Gastwirt  einen  geöffneten  Bierhahn  an  das  Faß  geschraubt,
  so  fließt  nicht  eher  Bier  heraus,  als  bis  er  auch  das  Spundloch  des
Fasses  geöffnet  hat.  Die  Luft  drückt  nämlich  vorher  einseitig  auf  die  Offnung  des
Hahnes  und  verhindert  dadurch  das  Herausfließen  des  Bieres  so  lange,  bis  durch
den  Gegendruck  der  Luft  am  Spundloche  der  Druck  der  Luft  auf  die  Offnung  des
Hahnes  aufgehoben  wird.  Ein  gefülltes  Glas  Wasser,  mit  einem  Stück  Papier
zugedeckt,  läßt  sich  sogar  umkehren,  ohne  daß  das  Wasser  herausfließt.  Warum?
—  Wie  kommt  es,  daß  ein  hohler  Schlüssel,  aus  dem  man  die  Luft  heraussaugt,
an  der  Zunge  oder  an  den  Lippen  hängen  bleibt?

35.  Der  Blasebalg.  Wenn  der  Schmied  das  Feuer  anfachen  will,  dann
zieht  er  den  Blasebalg.  Dieser  besteht  aus  2  Holzplatten,  die  durch  Leder  zu
einem  Behälter  verbunden  sind.  Die  obere  Platte  ist  beweglich  und  läßt  sich
auf=  und  abziehen,  die  untere  ist  fest.  In  der  festen  Platte  (dem  Boden)  befindet
sich  eine  Klappe,  die  sich  nach  innen  öffnete.  Zieht  man  die  Deckplatte  aufwärts,
so  verdünnt  sich  die  Luft  im  innern  Raume,  die  Klappe  öffnet  sich  (warum?),
und  die  Luft  strömt  von  außen  hinein.  Beim  Niederdrücken  des  Deckels  schließt
sich  die  Klappe  wieder  (warum?),  und  die  Luft  im  Innern  strömt  aus  einer
Offnung  (Duse)  und  führt  dem  Feuer  neuen  Sauerstoff  zu.  (S.  332.)  Welchen
Zweck  hat  der  Blasebalg  bei  der  Orgel?

36.  Der  Stechheber.  Wenn  der  Weinhändler  eine  Probe  Wein  aus  einem
Fasse  entnehmen  will,  so  bedient  er  sich  dazu  des  Stechhebers.  Das  ist  eine
Glas-  und  Blechröhre,  die  in  der  Mitte  bauchig,  an  beiden  Enden  aber  offen  ist.
Diese  Röhre  taucht  er  von  oben  durch  das  Spundloch  in  den  Wein  ein,  saugt  an
der  obern  Offnung,  verschließt  sie  darauf  schnell  mit  dem  Daumen  und  zieht  den
Stechheber,  fast  ganz  mit  Wein  gefüllt,  empor.  Um  uns  diesen  Vorgang  zu  erklären,
tauchen  wir  einen  gläsernen  Stechheber  in  ein  Gefäß  mit  Wasser,  legen  den  Mund
auf  die  obere  Offnung  und  saugen  die  Luft  aus  dem  Heber,  bis  er  sich  ganz  mit
Wasser  gefüllt  hat.  Heben  wir  nun  den  Heber,  nachdem  wir  zuvor  seine  obere
        <pb n="308" />
        —  303  —

Offnung  schnell  mit  dem  Daumen  verschlossen  haben,  aus  dem  Wasser  empor,  so
fließt  kein  Wasser  unten  ab.  Die  Luft  kann  nämlich  nur  von  unten,  von  oben  gar
nicht  oder  nur  schwach  auf  das  Wasser  drücken.  Sobald  man  aber  den  Daumen
oben  von  der  Offnung  entfernt,  drückt  die  Luft  von  oben  ebenso  stark  wie  von
unten,  und  das  Wasser  fließt  infolge  seiner  Schwere  nach  unten.  Die  Röhre  unten
am  Stechheber  muß  jedoch  ziemlich  eng  sein,  da  sich  sonst  die  Luft  an  der  Seite
hineindrängt  und  die  Flüssigkeit  aus  dem  Heber  herausdrängt.

37.  Das  Saugen  und  der  Saugheber.  a.  Tauche  eine  Federpose  mit  dem
einen  Ende  in  Wasser  und  sauge  an  dem  andern  Ende  ein  wenig!  Du  hast  bald
den  Mund  voll  Wasser.  Wie  erklärt  sich  das?  Durch  das  Saugen  ist  die  Luft  aus
der  Pose  entfernt  oder  wenigstens  sehr  verdünnt  worden.  Die  äußere  Luft,  die
fortwährend  auf  alle  Körper  drückt,  preßt  daher  das  Wasser  in  den  luftleeren  Raum
der  Federpose  hinein.  In  gleicher  Weise  erklärt  sich  auch,  wie  der  Rauch  durch
das  Pfeifenrohr,  das  Wasser  beim  Trinken  in  den  Mund  gelangt.

b.  Der  Saugheber  ist  eine  knieförmig  gebogene  Röhre  mit  ungleich  langen  Schenkeln.
  Er  wird  namentlich  benutzt,  wenn  man  eine  größere  Menge  Flüssigkeit  aus  einem
Gefäße  in  ein  andres  fließen  lassen  will.  Zu  diesem  Zwecke  steckt  man  den  kurzen
Schenkel  in  die  Flüssigkeit  und  hält  den  Heber  so,  daß  seine  Ausflußöffnung  tiefer
liegt  als  die  Oberfläche  der  Flüssigkeit.  Saugt  man  jetzt  mit  einem  kräftigen  Ruck
am  freien  Ende  des  langen  Schenkels,  so  steigt  die  Flüssigkeit  alsbald  im  kurzen
Schenkel  in  die  Höhe  und  füllt  auch  den  andern  Schenkel  an.  Warum?  Nach  Entfernung
  des  Mundes  sucht  das  Wasser  aus  beiden  Schenkeln  auszufließen.  An  beiden
Offnungen  steht  aber  der  hemmende  Luftdruck  entgegen.  Beide  Gegenwirkungen  sind
gleich  groß.  Ist  nun  von  den  beiden  Wassersäulen  die  eine  länger  als  die  andre,
so  wird  das  Gleichgewicht  der  hemmenden  Kräfte  gestört,  die  längere  Wassersäule
fällt,  und  die  kürzere  wird  vom  Luftdrucke  nachgepreßt:  der  Heber  fließt.  Warum
darf  die  Höhe  des  kürzern  Schenkels  von  dem  Wasserspiegel  bis  zum  Knie  des
Hebers  nicht  mehr  als  10  m  betragen?  (S.  „Saugpumpe“  §  381)  Wie  verhält
sich  das  infolge  des  Saugens  in  dem  Heber  emporgestiegene
Wasser,  wenn  a)  die  Offnung  des  längern  Schenkels  höher
liegt  als  der  Wasserspiegel?  b)  wenn  sie  mit  dem  Wasserspiegel
  in  gleicher  Ebene  liegt?

38.  Die  Sangpumpe.  Sie  besteht  der  Hauptsache
nach  aus  dem  Brunnenrohre  (D),  worin  sich  mittels  des
Pumpenschwengels  (F)  ein  Kolben  auf  und  ab  bewegen
läßt,  aus  dem  Saugrohre  (B)  und  dem  Abflußrohre
(E).  Da,  wo  Brunnen=  und  Saugrohr  sich  verbinden,
liegt  das  Boden=  oder  Saugventil  (C);  im  Kolben  befindet
  sich  das  Kolbenventil  (H).  Beide  Ventile  öffnen
sich  nur  nach  oben.  Drücken  wir  zunächst  den  Kolben
abwärts,  so  wird  die  Luft  zwischen  den  beiden  Ventilen
zusammengepreßt.  Sie  öffnet  daher  das  Kolbenventi!
und  entweicht  größtenteils  nach  oben  ins  Freie.  Zieht
man  jetzt  den  Kolben  in  die  Höhe,  so  schließt  sich  durch
den  äußern  Luftdruck  das  Kolbenventil,  und  zwischen  den
beiden  Ventilen  entsteht  ein  luftverdinnter  Raum.  JIJ.
diesen  wird  nun  von  unten  her  durch  das  Saugventil
das  Wasser  infolge  des  Luftdrucks  hineingetrieben.  Durch
wiederholtes  Niederdrücken  des  Kolbens  steigt  das  Wasser
immer  höher,  öffnet  das  Kolbenventil  und  gelangt  endlich
über  dieses.  Beim  nächsten  Heben  des  Kolbens  wird  das
        <pb n="309" />
        —  304  —

über  dem  Kolben  stehende  Wasser,  das  durch  sein  eignes  Gewicht  das  Kolbenventil
  schließt,  mit  nach  oben  genommen  und  gelangt  so  in  das  Ausflußrohr  (L).
Da  der  Luftdruck  das  Wasser  nur  etwa  10  m  hoch  heben  kann,  so  darf  das  Kolbenventil
  nicht  ganz  10  m  über  dem  Wasserspiegel  liegen,  damit  das  Wasser  hindurchsteigen
  kann.

39.  Die  Druckpumpe  unterscheidet  sich  von  der  Saugpumpe  hauptsächlich
dadurch,  daß  das  Kolbenventil  fehlt.  Zieht  man  den  Kolben  in  die  Höhe,  so
steigt  das  Wasser  durch  das  Bodenventil  (Saugventil)  empor.  Warum?  Beim
Hinabdrücken  des  Kolbens  schließt  sich  das  Bodenventil,  und  das  Wasser  entweicht
—  durch  den  Kolbendruck  gezwungen  —  aus  dem  Steigrohre,  das  seitlich  zwischen
dem  Kolben  und  dem  Bodenventil  angebracht  ist.  Durch  genügenden  Druck  auf
den  Kolben  läßt  sich  das  Wasser  des  Steigrohrs  beliebig  hochtreiben.  Man  bedient
sich  der  Druckpumpe  häufig  in  Bergwerken,  wo  das  Wasser  oft  aus  bedeutender
Tiefe  in  die  Höhe  zu  schaffen  ist.

40.  Barometer.  a.  Wir  füllen  eine  etwa  80  cm  lange  Glasröhre,  die
an  einem  Ende  zugeschmolzen  ist,  mit  Quecksilber.  Hierauf  verschließen  wir  die
Offnung  mit  dem  Finger,  tauchen  die  so  verschlossene  Offnung  in  ein  Gefäß  mit
Quecksilber  und  lassen  nun  den  Finger  wieder  los.  Nach  dem  Gesetze  der  verbundenen
  Röhren  (S.  300)  müßte  man  erwarten,  daß  das  QOnecksilber  fast  vollständig
  herabsänke.  Das  thut  es  aber  nicht,  sondern  es  bleibt  etwa  76  cm  über
dem  Quecksilber  im  Gefäße  stehen.  Dadurch,  daß  das  Quecksilber  herabsinkt,  entsteht
  über  ihm  ein  luftleerer  Raum.  Die  Luft  kann  also  von  dieser  Seite  auf
das  Quecksilber  keinen  Druck  ausüben.  Dagegen  drückt  auf  das  Quecksilber  im
Gefäße  eine  Luftsäule,  die  von  dem  Spiegel  des  Quecksilbers  bis  oben  an  das
Ende  der  Atmosphäre  reicht.  Diese  Luftsäule  hat  also  nur  den  Gegendruck  der
QOuecksilbersäule  zu  ertragen,  und  da  das  QOuecksilber  76  cm  hoch  stehen  bleibt,  so
folgt  daraus:  Der  Luftdruck  ist  im  stande,  einer  76  em  hohen  Quecksilbersäule
  das  Gleichgewicht  zu  halten.

b.  Läßt  man  diese  Quecksilbersäule  längere  Zeit  stehen,  so  behält  sie  nicht
andauernd  die  gleiche  Höhe,  sondern  steigt  oder  fällt.  Daraus  hat  man  geschlossen,
  daß  der  Druck  der  Luft  veränderlich  ist.  Bei  der  kalten  und  dichtern
Nord=  und  Ostluft  steigt  das  Quecksilber,  bei  der  warmen  und  dünnern  Südund
  Westluft  dagegen  fällt  es.  Die  Nord=  und  Ostluft  läßt  nun  bei  uns  meistens
heiteres,  die  Süd=  und  Westluft  trübes  und  regnerisches  Wetter  erwarten.  Daher
benutzt  man  die  Quecksilbersäule  auch  als  Wetterpropheten  und  Barometer  d.  h.
Luftschweremesser.  Zu  diesem  Zwecke  hat  man  eine  etwa  80  cm  lange,  oben
verschlossene  Glasröhre  mit  Quecksilber  gefüllt.  Unten  ist  sie  kugelförmig  erweitert,
damit  sich  hier  ein  Teil  des  Quecksilbers  ansammelt.  Diese  Erweiterung  ist  mit
einer  Offnung  versehen,  damit  die  Luft  von  hieraus  auf  das  Quecksilber  drücken
kann.  Die  Glasröhre  ist  an  einem  Brettchen  befestigt,  woran  in  einer  Höhe  von
74—78  cm  eine  Skala  angebracht  ist.  Diese  enthält,  von  unten  nach  oben
gelesen,  folgende  Wetterbezeichnungen:  Sturm,  Regen,  Wind,  veränderlich  (76),
schön  Wetter,  beständig.  Je  nachdem  nun  die  Quecksilbersäule  steigt  oder  füällt,
kündigt  sie  eben  günstiges  oder  ungünstiges  Wetter  an.  Zuverlässig  ist  diese
Prophezeiung  aber  nicht,  da  das  Wetter  noch  von  verschiedenen  nicht  genau  bekannten
  Nebenumständen  abhängt.

c.  Steigt  man  mit  einem  Barometer  auf  einen  hohen  Berg,  so  sinkt  das
OQuecksilber  fortwährend,  vom  Meeresspiegel  aus  bei  O%  Wärme  in  einer  Höhe
von  10,5  m  um  1  mm,  höher  hinauf  aber  immer  weniger.  Der  Luftdruck  nimmt
nämlich  mit  zunehmender  Höhe  ab.  Warum?  Man  benutzt  daher  das  Barometer

auch  zu  Höhenmessungen.
        <pb n="310" />
        —  305  —

41.  Der  cartesianische  Taucher  (nach  seinem  Erfinder  Cartesius  so  benannt)  wird  nicht
selten  auf  Messen  und  Jahrmärkten  gezeigt.  Es  ist  das  ein  kleines,  schwarzes,  gläsernes
Männchen,  das  sich  in  einem  mit  Wasser  gefüllten  Glase  befindet  und,  wie  es  scheint,  auf
Geheiß  seines  Besitzers  darin  auf=  und  niedersteigt.  Dieser  Taucher  soll  sogar  ein  Prophet
sein  und  die  Zukunft  eines  Menschen  vorhersagen  können.  Wer  das  glauben  möchte!  Das
Männchen  ist  inwendig  hohl  und  gerade  so  weit  mit  Wasser  gefüllt,  daß  es  eben  noch
schwimmt.  Kommt  noch  ein  Tröpfchen  mehr  dazu,  so  sinkt  der  Taucher  nach  unten.  Bei
genauerer  Beobachtung  wird  man  bemerken,  daß  er  sinkt,  sobald  man  oben  auf  den  Gummiverschluß
  der  Flasche  drückt,  und  daß  er  wieder  steigt,  sobald  der  Druck  aufhört.  Ein
Bein  des  Tauchers  ist  nämlich  hohl  und  unten  offen.  Der  Druck  auf  den  Gummiverschluß
pflanzt  sich  daher  durch  das  Wasser  auf  die  Luft  im  Taucher  fort  und  preßt  diese  zusammen.
Es  dringt  etwas  mehr  Wasser  durch  das  Bein  in  den  Bauch,  der  Taucher  wird  schwerer
und  sinkt.  Was  geschieht,  wenn  der  Druck  nachläßt?

42.  Der  Heronsball,  von  dem  Griechen  Heron  erfunden,  zeigt  uns  deutlich
den  Druck  der  zusammengepreßten  Luft.  Man  nimmt  eine  Flasche  und  füllt  sie
etwa  bis  zur  Hälfte  mit  Wasser.  Dann  verschließt  man  die  Flasche  mit  einem
durchbohrten  Korke,  durch  dessen  Offnung  eine  Glasröhre  gesteckt  ist.  Diese  muß
oben  zugespitzt  sein  und  unten  bis  ziemlich  auf  den  Grund  hinabreichen.  Bläst
man  nun  in  die  Röhre  hinein,  so  steigt  die  zugeführte  Luft  in  Blasen  aus  dem
Wasser  wieder  empor  und  preßt  die  schon  in  der  Flasche  befindliche  Luft  zusammen.
Diese  drückt  auf  das  Wasser,  so  daß  es  in  einem  Strahle,  sobald  man  das  Blasen
einstellt,  durch  die  Röhre  nach  oben  entweicht.

43.  Die  Feuerspritze.  (S.  Abb.!)  Was  der  Heronsball  im  kleinen,  das  ist
der  Windkessel  bei  der  Feuerspritze  im  großen,  nur  daß  die  Lust  im  Windbessel
durch  Wasser

 

zusammen  —  sshurrsNIII  9  W  e-—  ee
gepreßt  wird  6  ——  —  —  ——
Die  Feuer-  S
spritze  setzt  sich  «  ««"  «
aus  dem  Wa-  «  f
gengestelle
und  dem
Spritzen
kasten  zusammen.
  er
Spritzen-  ½
kasten  ist  beim  S
Spritzen  mit  .
Wasser  ge-  6568

 

.  —

befinden  liicg  —————
der  Windkessel  (a)  und  zwei  Druckpumpen  (e).  Durch  die  sogenannte  Druckstange
(m)  werden  die  Kolben  (1)  der  beiden  Druckpumpen  abwechselnd  auf=  und  niederbewegt.
  Bewegt  sich  z.  B.  der  Kolben  links  aufwärts,  so  dringt  das  Wasser  aus
dem  Spritzenkasten  durch  das  Saugventil  (d)  links  in  die  linke  Druckpumpe,  der
Kolben  rechts  bewegt  sich  abwärts  und  das  Saugventil  (c)  rechts  schließt  sich.
Bewegt  sich  dagegen  der  Kolben  links  abwärts,  so  schließt  sich  das  Saugventil  (d)
links,  und  das  zwischen  dem  Kolben  und  dem  Saugventil  links  befindliche  Wasser
wird  mit  Gewalt  durch  das  Druckventil  (e)  links  und  den  Kanal  (b)  links  in  den
Windkessel  hineingetrieben.  (Wie  gestaltet  sich  dieser  Vorgang  auf  der  rechten
Seite?)  Je  mehr  sich  der  Windkessel  nun  mit  Wasser  füllt,  desto  mehr  wird  die
im  Kessel  befindliche  Luft  zusammengepreßt.  Sie  würde  deshalb  das  Wasser  in
die  Druckpumpen  zurückdrängen,  wenn  diese  nicht  durch  Ventile  (c)  verschlossen
Reolienbuch.  B.  20
        <pb n="311" />
        —  306  —

wären,  die  sich  nach  dem  Kessel  hin  öffnen.  An  die  Mündung  (g)  des  Steigrohrs
(h)  hat  man  einen  Schlauch  geschraubt.  Sobald  der  Windkessel  hinreichend  mit
Wasser  angefüllt  ist  und  die  Luft  darin  eine  möglichst  hohe  Spannkraft  erreicht
hat,  preßt  die  Luft  das  Wasser  durch  das  Steigrohr  (h)  in  den  Schlauch  mit
solcher  Gewalt  hinein,  daß  es  in  ununterbrochenem  Strahle  in  die  Höhe  steigt.

44.  Die  Luftpumpe  ist  vor  etwa  2½  Jahrhunderten  von  dem  Bürgermeister  Otto
von  Guerike  in  Magdeburg  erfunden  worden.  Mit  ihrer  Hilfe  kann  man  die  Luft  in
einem  Raume  sehr  verdünnen  und  so  den  Druck  der  äußern  Luft  deutlich  erkennen.  Otto
von  Guerike  stellte  zu  diesem  Zwecke  zwei  genau  aneinander  schließende  metallene  Halbkugeln
  her,  die  etwa  1  m  im  Durchmesser  hatten.  („Magdeburger  Halbkugeln“.)  Nachdem
diese  genau  aneinander  gelegt  und  die  Ränder  außerdem  noch  mit  Talg  bestrichen  waren,
pumpte  Guerike  möglichst  viel  Luft  aus  der  Kugel  heraus,  und  nun  waren  20  Pferde
nötig,  die  beiden  Halbkugeln  voneinander  zu  reißen.  Der  gewaltige  Druck  der  Luft  war
damit  klar  erwiesen.  Als  dann  später  ein  Hahn  an  den  Halbkugeln  geöffnet  wurde,  so
daß  die  Luft  in  die  Kugel  eindringen  konnte,  ließen  sich  die  Halbkugeln  mit  Leichtigkeit
auseinander  nehmen.  ,

Die  Luftpumpe  besteht  aus  einer  Pumpe,  die  Ahnlichkeit  mit  einer  Saugpumpe  hat,
statt  des  Wassers  aber  Luft  herausschafft.  Zu  der  Luftpumpe  gehört  aber  noch  eine  Glasglocke,
  die  auf  einem  Holz=  oder  Glasteller  steht.  Durch  eine  Röhre  ist  die  Luft  unter
der  Glocke  mit  der  Luftpumpe  verbunden.  Sobald  die  Pumpe  in  Thätigkeit  versetzt  wird,
verringert  und  verdünnt  sie  die  Luft  unter  der  Glocke  ganz  bedeutend.  Je  mehr  der  innere
Luftdruck  abnimmt,  um  so  mehr  macht  sich  der  äußere  bemerkbar,  und  bald  steht  die  Glocke
so  fest,  daß  sie  sich  selbst  mit  Gewalt  nicht  von  dem  Teller  abheben  läßt.  Ein  brennendes
Talglicht,  unter  die  Glocke  gestellt,  erlischt.  (Siehe  „Sauerstoff“,  S.  3321)  Tiere  sterben
unter  der  Glocke  aus  Mangel  an  Luft.  Ein  welker  Apfel  unter  der  Glasglocke  wird  rund
und  glatt.  Die  in  ihm  enthaltene  Luft  dehnt  sich  nämlich  in  dem  luftverdünnten  Raume
aus.  Ein  Heronsball,  halb  mit  Wasser  gefüllt,  fängt  von  selbst  an  zu  springen.

B.  Der  Schall.

45.  Entstehung.  a.  Wir  hören  den  Klang  der  Glocke,  den  Schall  der
Stimme  u.  a.  Alles,  was  wir  mit  dem  Ohre  wahrnehmen,  wird  Schall  genannt.
Wie  ein  solcher  entsteht,  zeigt  uns  folgender  Versuch:  Wir  spannen  einen  Stahldraht
  in  einen  Schraubstock  und  versetzen  ihn  in  Schwingungen.  Sind  die
Schwingungen  sehr  langsam,  so  sehen  wir  sie  zwar,  hören  sie  aber  nicht.  Werden
sie  aber  schneller,  so  hören  wir  einen  Schall.  Sobald  die  Schwingungen  aufhören,
  hört  auch  der  Schall  auf.  Ahnliche  Beobachtungen  lassen  sich  an  einer
Stricknadel,  an  einem  Tischmesser  u.  s.  w.  machen.  Auch  die  gestrichene  oder
gerissene  Geigensaite  schwingt  deutlich  sichtbar,  hört  aber  auf  zu  tönen,  sobald
man  die  Hand  darauf  legt.  Aus  diesen  Versuchen  ergiebt  sich:  Der  Schall
entsteht  durch  Schwingungen  eines  Körpers.

b.  Nicht  immer  sind  die  Schwingungen  deutlich  sichtbar,  z.  B.  wenn  man
auf  den  Tisch  oder  Ambos  schlägt.  Bei  einer  Trommel  lassen  sich  die  Schwingungen
  dadurch  sichtbar  machen,  daß  man  das  Fell  mit  Sand  bestreut.  Der
Sand  springt  beim  Trommeln  in  die  Höhe.  Bringt  man  ein  reichlich  bis  zur
Hälfte  gefülltes  Weinglas  durch  Streichen  mit  dem  Geigenbogen  zum  Tönen,  so
entstehen  durch  die  schwingenden  Glasteile  im  Wasser  Wellenringe.  .

Zc.  Aber  nicht  bloß  bei  festen,  sondern  auch  bei  flüssigen  und  luftförmigen
Körpern  wird  durch  Schwingungen  ein  Schall  erregt,  wie  uns  dies  ein  Schlag
aufs  Wasser  und  das  Zittern  der  Fenster  beim  Donnern  zeigt.  Der  Knall  der
Knallbüchse  entsteht  dadurch,  daß  die  zusammengepreßte  Luft  auf  eine  ruhende
Luftschicht  stößt.  (Wie  entsteht  der  Peitschenknall,  das  Heulen  des  Windes,  das
Zerspringen  der  Fenster  bei  heftigen  Explosionen?  Uber  den  Donner  S.  327.)

46.  Fortpflanzung.  a.  Der  Gesang  der  Lerche,  der  Donner  u.  s.  w.  dringen
zu  uns  durch  die  Luft.  Die  Schwingungen,  in  die  ein  Körper  durch  einen  Stoß,
        <pb n="312" />
        —  307  —

Schlag  u.  dgl.  versetzt  wird,  erzeugen  Verdichtungen  und  Verdünnungen  der  Luft,
die  man  Schallwellen  nennt.  Diese  pflanzen  sich  nach  allen  Richtungen  hin  fort
und  gelangen  so  an  unser  Ohr.  (S.  2870).  «
MitdenSchallwelIenverhältessichgaan---szIN
ähnlichwiemitdenWasserwellen,diesich—:-  —
um  einen  ins  Wasser  geworfenen  Stein  bildo  —  —  ..
(Nebenstehende  Abbildung  stellt  die  Schallwellen

dar,  die  durch  den  Klang  einer  Glocke  ver-  —

   

..  —

ursacht  werden.)  —  Legen  wir  eine  tickende

Taschenuhr  auf  das  Ende  einer  langen  Bank  und  horchen  dann  mit  dem  Ohre  am
andern  Ende,  so  vernehmen  wir  das  Ticken  deutlicher,  als  wenn  wir  das  Ohr
wieder  von  der  Bank  entfernen.  Die  Wilden  legen  das  Ohr  auf  die  Erde,  um
das  entfernte  Pferdegetrappel  ihrer  Verfolger  zu  vernehmen.  Karpfen  eilen  auf
den  Klang  der  Glocke,  den  sie  durch  das  Wasser  hindurch  hören,  herbei.  —  Aus
diesen  Beispielen  ergiebt  sic:  Der  Schall  wird  gewöhnlich  durch  die
Luft,  aber  auch  durch  feste  und  flüssige  Körper  fortgepflanzt.

b.  In  heitern,  kalten  Winternächten  vernimmt  man  das  Hundegebell  aus
weit  entlegenen  Dörfern,  bei  nebligem  oder  regnerischem  Wetter  nicht.  Die  Luft
leitet  den  Schall  um  so  besser  fort,  je  trockner  und  dichter  sie  ist.

47.  Geschwindigkeit  des  Schalles.  Sehen  wir  in  der  Ferne  einen  Jäger  sein  Gewehr
abschießen,  so  bemerken  wir  Feuer  und  Dampf  früher  als  den  Knall.  Eine  ähnliche  Beobachtung
  machen  wir  beim  Blitze  und  Donner.  Der  Schall  pflanzt  sich  langsamer  fort  als
das  Licht.  Man  hat  berechnet,  daß  sich  der  Schall  bei  Oo  Wärme  in  der  Sekunde  333  m

fortpflanzt  (das  Licht  dagegen  etwa  320000  km).  Nach  wieviel  Sekunden  etwa  wird
man  demnach  den  Donner  eines  Gewitters  hören,  das  10  km  von  uns  entfernt  ist?

48.  Schallrohr,  Sprachrohr,  Hörrohr.  a.  In  Gasthäusern,  auf  Bahnhöfen,
in  Schiffen  u.  s.  w.  findet  man  zuweilen  ein  Schallrohr  angebracht.  Das  ist
eine  lange  Blechröhre,  die  an  beiden  Enden  mit  trichterförmigen  Mundstücken
versehen  und  z.  B.  von  dem  Speisezimmer  nach  der  Küche  geleitet  ist.  Spricht
man  an  einem  Ende  in  das  Rohr  hinein,  so  vernimmt  man  die  Worte  am  andern
Ende  ganz  deutlich,  da  die  Schallwellen  durch  das  Rohr  zusammengehalten  werden
und  so  ohne  wesentliche  Abschwächung  am  andern  Ende  anlangen.

b.  Das  Sprachrohr  ist  ein  etwa  2  m  langes  Rohr,  das  an  einem  Ende
eng  und  mit  einem  Mundstücke  versehen,  am  entgegengesetzten  Ende  aber  20  bis
30  cm  weit  ist.  Spricht  man  in  das  Rohr  hinein,  so  dringen  die  Schallwellen
ziemlich  weit  vor,  so  daß  sich  z.  B.  vorbeisegelnde  Schiffe  auf  dem  Meere  auf
diese  Weise  noch  etwas  mitteilen  können.

c.  Als  Hörrohr  benutzen  Schwerhörige  einen  Kautschukschlauch.  Der  Schlauch
ist  an  einem  Ende  mit  einer  spitzen  Elfenbeinröhre  versehen,  die  ins  Ohr  gehalten
wird.  In  das  andre,  trichterförmig  erweiterte  Ende  spricht  man  hinein.

49.  Echo.  „Wie  man  in  den  Wald  hineinruft,  so  schallt  es  wieder  heraus!“
  Recht  deutlich  geschieht  das  zuweilen  im  Gebirge,  wo  uns  ein  lauter  Ruf
(z.  B.  Hallo!  Werdal)  sehr  oft  noch  einmal  zu  Gehör  kommt,  als  ob  ein  Schelm  in
weiter  Ferne  ihn  wiederholte.  Diese  Erscheinung  hat  ihre  Ursache  darin,  daß  die
Schallwellen  von  einer  Wand,  einem  Walde  u.  s.  w.  in  ähnlicher  Weise  zurückgeworfen
  werden  wie  ein  Gummiball.  Wirft  man  diesen  im  rechten  Winkel  gegen
die  Wand,  so  wird  er  unter  einem  rechten  Winkel  zurückgeworfen  —  er  springt
nach  dem  Werfenden  zurück.  So  werden  auch  die  Schallwellen  von  einem  Walde.
einem  Berge,  einer  Felswand  zu  dem  Sprechenden  in  demselben  Winkel  zurückgeworfen,
  in  dem  sie  auffielen.  Ein  solcher  zurückgeworfener  Schall  heißt  „Echo“.
Ein  deutliches  Echo  entsteht  nur,  wenn  die  zurückwerfende  Wand  mindestens  17  m

v  20“
        <pb n="313" />
        —  308  —

von  dem  Sprechenden  entfernt  ist.  Ist  die  Entfernung  geringer,  so  entsteht  ein  Nachhall.
Bei  der  Roßtrappe  hat  man  ein  siebenfaches,  an  der  Lorelei  sogar  ein  siebzehnfaches  Echo.
590.  Der  Ton.  a.  Nimm  eine  Geige  und  streiche  über  eine  Saite  mit  dem  Bogen
hinweg!  Es  entsteht  ein  Schall  von  bestimmter  Höhe  oder  Tiefe,  Ton  genannt.  Wie  verändert
  sich  der  Ton,  wenn  wir  die  Saite  straffer  spannen  oder  durch  Niederdrücken  auf
dem  Griffbrette  verkürzen  oder  eine  dünnere  Saite  ertönen  lassen?  Der  Ton  einer
Saite  ist  um  so  höher,  je  straffer  sie  gespannt  und  je  kür  zer  und  dünner  sie
ist.  —  b.  Betrachte  eine  Weidenflöte!  (Wie  ist  sie  eingerichtet?  —)  Der  obere  Pflock,  der
die  Pfeife  bis  auf  einen  engen  Spalt  ausfüllt,  läßt  beim  Hineinblasen  einen  schmalen  Luftstrom
  hindurch.  Dieser  trifft  auf  die  sogenannte  Lippe  und  teilt  sich  dadurch  in  2  Teile.
Der  eine  Teil  entweicht  in  die  Luft  und  der  andre,  der  durch  die  Reibung  an  der  Lippe
in  Schwingungen  versetzt  worden  ist,  bleibt  in  der  Pfeife  und  erzeugt  hier  den  Ton.
Ahnlich  wird  der  Ton  auf  einer  Querflöte,  einer  hölzernen  Kinderpfeife  u.  s.  w.  erzeugt.  Man
nennt  diese  Pfeifen  „Lippenpfeifen“  und  unterscheidet  sie  von  den  „Zungenpfeifen“  (Klarinette,
  Kindertrompete,  Hoboe,  Fagott).  Bei  den  Zungenpfeifen  wird  durch  Hineinblasen  erst
ein  elastisches  Blättchen  (Zunge)  in  Bewegung  gesetzt,  wodurch  alsdann  die  Luftsäule  in  der
Röhre  in  Schwingungen  gerät.  Je  länger  die  schwingende  Luftsäule,  desto  tiefer  der  Ton.
Wie  läßt  sich  dies  an  der  Weidenpfeife  nachweisen?  Wozu  dienen  die  Grifflöcher  an  der
Klarinette?  —  (Die  menschliche  Stimme  wird  durch  den  Kehlkopf  (S.  290)]  hervorgebracht.)  —
c.  Von  den  Blasinstrumenten  unterscheiden  wir  die  Flächeninstrumente  (Trommel,  Schelle,
Glocke).  Bei  ihnen  wird  der  Ton  durch  Schwingungen  einer  Fläche  hervorgebracht.

C.  Die  Wärme.

51.  Erregung.  a.  Im  Sonnenschein  ist  es  wärmer  als  im  Schatten.
Sammelt  man  die  Sonnenstrahlen  in  einem  Brennglase,  so  entzünden  sie  leicht
brennbare  Stoffe,  z.  B.  Schwamm  und  Schwefel.  Durch  Sonnenstrahlen
wird  Wärme  erzeugt.  Je  häöher  die  Sonne  am  Himmel  steht,  desto  mehr
Strahlen  treffen  die  Erde,  desto  steiler  fallen  sie  auf  und  desto  größer  ist  daher
ihre  Wärme.  Daher  ist  es  mittags  wärmer  als  morgens,  im  Sommer  wärmer
als  im  Winter  und  am  Agquator  heißer  als  an  den  Polen.

b.  Wenn  man  Gabel  und  Messer  längere  Zeit  auf  dem  Putzbrette  reibt,  so
werden  sie  zuletzt  warm.  Sägen  und  Bohrer  fühlen  sich  nach  dem  Gebrauche  heiß
an.  Wagenachsen  geraten  zuweilen  in  Brand,  wenn  nicht  durch  Einschmieren  mit
Ol  u.  dgl.  die  Reibung  zwischen  Rad  und  Achse  vermindert  wird.  Streichhölzer
entzünden  sich  durch  Reiben.  Wilde  Völker  wissen  sich  sogar  durch  Reibung  zweier
Holzstücke  Feuer  zu  verschaffen.  Der  Stahl  giebt  beim  Anschlagen  an  einem
Feuersteine  Funken.  Durch  Reiben  und  Schlagen  wird  Wärme  erzeugt.

c.  Um  uns  im  Winter  vor  Kälte  zu  schützen,  zünden  wir  im  Ofen  Holz
oder  Kohlen  an.  Beim  Verbrennen  dieser  Stoffe  verbindet  sich  der  Sauerstoff
der  Luft  chemisch  (s.  S.  331)  mit  dem  Holze  oder  der  Kohle,  wodurch  eine  behagliche
  Wärme  im  Zimmer  erzeugt  wird.  Taucht  man  ungelöschten  Kalk  in
Wasser  und  hält  ihn  in  der  Hand,  so  spürt  man  bald  ein  Brennen  in  der  Hand.
Wird  Heu  in  zu  feuchtem  Zustande  auf  dem  Heuboden  aucsgeschichtet,  so  verliert
es  seine  Farbe  und  entzündet  sich  zuweilen.  Es  geht  beim  Holze,  Kalke  und
Heu  eine  chemische  Veränderung  vor.  Durch  chemische  Vorgänge,  besonders
  durch  Verbrennung,  wird  Wärme  erzeugt.

d.  Der  Blitz  entzündet  brennbare  Stoffe  und  bringt  schmelzbare  Stoffe  zum
Schmelzen.  Auch  durch  Elektricität  wird  Wärme  erzeugt.

52.  Leitung.  a.  Hält  man  eine  Stricknadel  mit  dem  einen  Ende  in  eine
Flamme,  so  wird  auch  das  andre  Ende  bald  heiß.  Hält  man  dagegen  einen
Holzspan  mit  dem  einen  Ende  in  die  Flamme,  so  verspürt  man  am  andern  Ende
keine  Wärme.  Die  Stricknadel  besitzt  also  die  Fähigkeit,  die  Wärme  sehr  schnell
von  einem  Teilchen  zum  andern  fortzuleiten,  das  Holz  nicht.  Man  unterscheidet
demnach  gute  und  schlechte  Wärmeleiter.  Zu  den  guten  gehören  alle  Metalle,  zu
        <pb n="314" />
        —  309  —

den  schlechten:  Holz,  Papier,  Stroh,  Wolle,  Pelz,  Federn,  Wasser  und  Luft.  In
der  Mitte  zwischen  beiden  stehen  die  Halbleiter:  Steine,  Glas,  Leinwand  u.  a.

b.  Das  Eisen  eines  Beiles,  das  im  Winter  draußen  liegt,  fühlt  sich  kälter
an  als  der  hölzerne  Stiel.  Beide  Teile  entziehen  nämlich  der  Hand  beim  Be—
rühren  Wärme.  Das  Eisen  aber  nimmt  als  guter  Leiter  die  Wärme  schneller
auf  als  das  Holz  und  erzeugt  daher  in  der  Hand  auch  ein  stärkeres  Kältegefühl.
Legen  wir  Eisen  und  Holz  auf  den  heißen  Ofen,  so  fühlt  sich  das  Eisen  nachher
heißer  an  als  das  Holz.  Beide  haben  dieselbe  Hitze  in  sich  aufgenommen,  aber
das  Eisen  giebt  die  Hitze  schneller  an  unsre  Hand  ab  als  das  Holz.  Daher  das
größere  Wärmegefühl.  Gute  Wärmeleiter  nehmen  die  Wärme  schneller
auf  und  geben  sie  schneller  ab  als  schlechte  Wärmeleiter.

c.  Gute  Wärmeleiter  wendet  man  da  an,  wo  man  die  Wärme  schnell  verbreiten
  will,  also  z.  B.  beim  Kochen  und  Heizen.  Wo  man  die  Wärme  abhalten
oder  lange  festhalten  will,  da  wendet  man  schlechte  Wärmeleiter  an.  Daher  versieht
  man  Feuerhaken  und  eiserne  Ofenthüren  mit  hölzernen  Griffen,  und  in
heißen  Ländern  verhängt  man  die  Fenster  mit  Strohdecken.  Im  Winter  kleiden
wir  uns  in  Wolle  und  Pelze.  Diese  führen  nicht  etwa  —  wie  man  oft  meint  —
dem  Körper  Wärme  zu,  sondern  sie  verhindern  nur  als  schlechte  Wärmeleiter
die  Ausströmung  der  Körperwärme.  Das  gilt  auch  von  den  Federbetten.  Pumpen
umgiebt  man  im  Winter  mit  Stroh,  Kellerlöcher  werden  mit  Mist  verstopft,  die
Saaten  durch  eine  Schneedecke  vor  dem  Erfrieren  geschützt.  Warum?  Warum
werden  eiserne  Ofen  schneller  warm  als  Kachelöfen?

53.  Wärmestrahlung.  a.  Hält  man  die  Hand  in  die  Nähe  eines  heißen  Ofens,  so
empfindet  man  sofort  eine  stechende  Hitze.  Hält  man  zwischen  die  Hand  und  den  Ofen  ein
Blatt  Papier,  so  empfindet  die  Hand  alsbald  eine  viel  geringere  Wärme.  Die  Luft  kann
also  nicht  der  Leiter  der  Wärme  sein.  Sie  läßt  sie  vielmehr  durch  sich  hindurch,  ohne  sich
ihre  Temperatur  sehr  bemerkbar  anzueignen.  Diese  Art  Fortpflanzung  der  Wärme  heißt
Wärmestrahlung.  Durch  Strahlung  gelangt  auch  die  Sonnenwärme  zu  uns.  Darum  wird
uns  im  Sommer  die  Sonne  dort  viel  lästiger,  wo  uns  ihre  Strahlen  unmittelbar  treffen
können,  als  da,  wo  wir  z.  B.  durch  einen  Baum  gegen  ihre  Strahlen  geschützt  sind.  Die
Wärme  der  Luft  selbst  ist  im  Sonnenscheine  nicht  viel  größer  als  im  Schatten.

b.  Stellen  sich  mehrere  Menschen  rings  um  ein  Feuer  oder  um  einen  Ofen,  so  empfangen
  sie  alle  zusammen  Wärme.  Stehen  sie  dabei  so,  daß  sie  nach  dem  Feuer  hinsehen,
so  gelangen  die  Wärmestrahlen  nur  an  ihre  vordere  Seite,  nicht  auch  an  den  Rücken.  Die
Wärmestrahlen  verbreiten  sich  nach  allen  Richtungen,  aber  nur  in  geraden
Linien.  So  erklärt  es  sich,  daß  man  sich  gegen  die  lästige  Hitze  eines  eisernen  Ofens  durch
einen  Ofenschirm  und  gegen  die  Sonnenstrahlen  durch  einen  Sonnenschirm  schützen  kann.

c.  Die  Erde  strahlt  einen  Teil  der  am  Tage  empfangenen  Wärme  nachts  gegen  den
kalten  Weltenraum  wieder  aus,  falls  sie  nicht  durch  Bäume,  Wolken  u.  s.  w.  daran  verhindert
  wird.  (S.  Tau  S.  3121)  Daher  überdeckt  der  Gärtner  seine  jungen  Pflanzen,  um
ihnen  die  Erdwärme  zu  erhalten,  mit  Glasfenstern  oder  Töpfen.  —  Auch  Wände  und  Mauern,
die  von  der  Sonne  beschienen  sind,  strahlen  die  Wärme  wieder  aus.  —  Daher  ist  es  auch  an
heißen  Tagen  z.  B.  an  der  Sonnenseite  der  Gartenmauern  heißer  als  im  freien  Felde.

54.  Ausdehnung  der  Körper  durch  Wärme.  a.  Enganschließende  Handschuhe
  lassen  sich  bequemer  aus=  und  anziehen,  wenn  die  Hände  kalt  sind,  als
wenn  sie  warm  sind.  Ahnlich  verhält  es  sich  mit  engsitzenden  Stiefeln  bei  kalten
und  warmen  Füßen.  Um  die  Ursache  derartiger  Erscheinungen  leichter  zu  finden,
nehmen  wir  einen  eisernen  Ring  und  eine  Metallkugel.  Die  Kugel  sei  so  groß,
daß  sie  eben  nur  noch  durch  den  Ring  geht.  Erwärmen  wir  sie  nun  über  einer
Spiritusflamme,  so  geht  sie  nicht  mehr  durch  den  Ring.  Die  Kugel  ist  durch
die  Wärme  größer  geworden,  sie  hat  sich  ausgedehnt.  Sobald  sich  die  Kugel  abgekühlt
  hat,  läßt  der  Ring  sie  wieder  hindurch.  Sie  ist  durch  die  Abkühlung
kleiner  geworden,  hat  sich  wieder  zusammengezogen.  Wärme  dehnt  feste  Körper
aus,  bei  abnehmender  Wärme  ziehen  sie  sich  zusammen.  Will  daher
der  Schmied  einen  eisernen  Reif  um  das  Rad  legen,  so  macht  er  ihn  vorher
        <pb n="315" />
        —  310  —

glühend.  Dadurch  erweitert  sich  der  Reif  und  geht  nun  bequemer  über  das
Rad.  Ist  er  aber  nachher  erkaltet,  so  zieht  er  sich  wieder  enger  zusammen  und
umschließt  die  Radfelgen  sehr  fest.  Ein  kalter  Plättbolzen  hat  vollauf  Platz  in
der  Plätte;  glühend  gemacht,  füllt  er  dagegen  die  Plätte  vollständig  aus.  Gießt
man  plötzlich  heißes  Wasser  in  ein  Glas,  so  zerspringt  es  leicht,  weil  die  ein—
zelnen  Teile  ungleich  erwärmt  und  daher  auch  ungleich  ausgedehnt  werden.

b.  Fülle  einen  Heronsball  (S.  305)  mit  Wasser  und  erwärme  ihn  mit  der
Hand!  Das  Wasser  steigt  in  der  Röhre  empor.  Warum?  Eine  mit  kalter
Luft  gefüllte,  gut  zugebundene  Tierblase  schwillt  auf  dem  erwärmten  Ofen  an.
Warum?  Daraus  folgt:  Wärme  dehnt  auch  flüssige  und  luftförmige
Körper  aus.  Warum  steigt  erwärmte  Milch  im  Topfe  empor?

55.  Ansdehnung  des  Wassers.  Das  Wasser  macht  von  dem  Gesetze,  daß
Wärme  Körper  ausdehnt,  diese  sich  aber  bei  Wärmeabnahme  zusammenziehen,  eine
merkwürdige  Ausnahme,  wie  uns  folgender  Versuch  lehrt.  Wir  füllen  ein  Kochfläschchen
  ganz  mit  (gefärbtem)  Wasser  und  verschließen  es  mit  einem  luftdicht
schließenden  Gummistöpsel.  Dieser  Stöpsel  sei  doppelt  durchbohrt.  Durch  die  eine
Offnung  stecken  wir  eine  enge  Glasröhre  von  etwa  50  cm  Länge  und  durch  die
andre  ein  Thermometer.  Setzen  wir  nun  den  Stöpsel  auf  das  Fläschchen,
so  wird  etwas  Wasser  in  der  Röhre  emporsteigen.  Nun  stellen  wir  das  Kochfläschchen
  in  ein  möglichst  weites  Becherglas,  das  mit  Wasser  von  Zimmertemperatur
angefüllt  ist.  Bringen  wir  nunmehr  in  das  Becherglas  allmählich  eine  Kältemischung,
  bestehend  aus  3  Teilen  Schnee  und  1  Teil  Kochsalz,  so  sehen  wir,  wie
das  Wasser  in  der  Glasröhre  sinkt.  Zu  gleicher  Zeit  zeigt  das  Thermometer
eine  Temperaturabnahme  an.  Bei  —  4“  C.  bleibt  das  Wasser  in  der  Röhre
stehen,  um  bei  weiterer  Abkühlung  wieder  zu  steigen.  Das  Wasser  ist  nämlich
bei  J—  4°%  C.  am  dichtesten.  Wird  es  kälter  oder  wärmer,  so  dehnt  es  sich  aus.
Bei  ——  8°  C.  nimmt  es  etwa  denselben  Raum  ein  wie  bei  0°%.  Eis  nimmt
1  /10  des  Raumes  ein,  den  das  Wasser  hatte,  woraus  es  entstanden  ist.  Daher
schwimmt  es.  (Bedeutung  für  die  Wassertiere  s.  Naturgesch.  S.  257!)  Warum
zerspringen  Flaschen,  Wasserleitungsröhren,  selbst  Felsen,  wenn  Wasser  in  ihnen
gefriert?  —  Dadurch,  daß  das  am  Tage  in  die  Erde  gedrungene  Wasser  in
der  Nacht  gefriert,  reißt  der  Boden  auseinander  und  wird  locker  und  mürbe.
Daher  sieht  es  auch  der  Landmann  gern,  wenn  der  Acker  im  Winter  tüchtig
„durchfriert".

56.  Das  Thermometer.  a.  Ganz  besonders  empfindlich  gegen  Wärme  und
Kälte  ist  das  Quecksilber.  Berühre  das  Gefäß  einer  Thermometerröhre  mit  der
Hand!  Die  Blutwärme  genügt,  das  Quecksilber  auszudehnen  und  in  der  Röhre
zum  Steigen  zu  bringen.  Ebenso  empfindlich  aber  zeigt  sich  das  Quecksilber  auch
gegen  den  Wechsel  der  Luftwärme,  weshalb  man  sich  dieses  Metalles  zur  Herstellung
  des  Thermometers  (Wärmemessers)  bedient.  «

b.  Das  Thermometer  besteht  1)  aus  einer  sehr  engen,  unten  kugelig  er—
weiterten  Glasröhre.  Diese  ist  unten  und  oben  geschlossen  und  zum  Teil  mit
Quecksilber  angefüllt,  worüber  sich  ein  luftleerer  Raum  befindet;  2)  aus  einer
Gradeinteilung,  die  gewöhnlich  auf  einem  Brette  angebracht  ist,  woran  die  Röhre
befestigt  ist.

c.  Taucht  man  die  mit  Quecksilber  gefüllte  Glasröhre  in  ein  Fläschchen  mit
Schnee  oder  gestoßenem  Eise,  so  sinkt  das  Quecksilber  tief  herab.  Bringt  man
das  Eis  zum  Schmelzen,  so  bleibt  das  Quecksilber  auf  einem  bestimmten  Punkte
stehen  und  verläßt  ihn  nicht  eher,  als  bis  alles  Eis  geschmolzen  ist.  Dieser
Punkt  wird  der  Schmelz=  oder  Gefrierpunkt  genannt.  Er  ist  in  der  Skala  mit
0  bezeichnet.  Ist  alles  Eis  im  Fläschchen  geschmolzen,  so  steigt  das  Quecksilber
        <pb n="316" />
        —  311  —

wieder  höher  und  hört  bei  fortgesetzter  Erwärmung  des  Wassers  nicht  eher  auf
zu  steigen,  als  bis  das  Wasser  kocht.  Dann  aber  bleibt  das  Quecksilber  wiederum
  auf  einem  bestimmten  Punkte  stehen,  über  den  hinaus  es  trotz  aller  weitern
Erhitzung  nicht  steigt  (S.  313  §  60c).  Man  nennt  diesen  Punkt  den  „Siedepunkt“.
Den  Raum  zwischen  dem  Gefrier=  und  dem  Siedepunkte  teilte  Réaumur  (Reomür)
in  80,  Celsius  in  100  Teile  oder  Grade.  Man  bezeichnet  sie  als  Wärmegrade.
Unter  dem  Gefrierpunkte,  wo  die  Gradeinteilung  fortgesetzt  ist,  liegen  die  sogenannten
  Kältegrade.  Was  bedeutet  +  4%  Rr„  —  4%  C?

57.  Sieden.  Dampfbildung.  Beobachte  kochendes  Wasser.  Es  wallt;  auch
steigen  fortwährend  Dämpfe  aus  dem  Wasser  empor.  Bei  fortgesetztem  Kochen
wird  nach  und  nach  der  ganze  Topf  leer.  Um  diesen  Vorgang  des  Siedens
genauer  beobachten  zu  können,  setzen  wir  einen  Dreifuß  über  die  Spiritusflamme
und  stellen  auf  den  Dreifuß  ein  mit  Wasser  gefülltes  Kochfläschchen,  worin  sich
zugleich  ein  Thermometer  befindet.  Beobachte  dabei  folgendes:

a.  Es  steigen  im  Wasser  bald  kleine  Bläschen  auf.  Das  ist  die  im  Wasser
enthaltene  atmosphärische  Luft.

b.  Etwas  später  entstehen  am  Boden  des  Fläschchens  größere  Blasen.  Sie
bestehen  aus  Wasserdampf  (luftförmig  gewordenem  Wasser).  Sobald  diese  Dampfblasen
  beim  Emporsteigen  in  die  obere  kältere  Wasserschicht  gelangen,  zergehen  sie
wieder  und  verursachen  dadurch  das  sogenannte  „Singen“  des  Wassers.

Zc.  Endlich  aber,  sobald  das  Wasser  bis  auf  +—  1000  C.  erhitzt  ist,  steigen
fortwährend  zahllose  Dampfblasen  auf,  die  bis  an  die  Oberfläche  gelangen  und
das  Wasser  in  eine  wallende  Bewegung  versetzen.  Jetzt  „kocht“  oder  „siedet"“
das  Wasser.  Uber  100°  C.  hinaus  läßt  es  sich  in  einem  offenen  Gefäße  nicht
erhitzen,  da  sich  dann  das  Wasser  in  Dampf  verwandelt.  Das  Thermometer
steigt  deshalb  in  dem  siedenden  Wasser  trotz  der  hinzukommenden  Wärme  nicht
über  100%  C.  hinaus,  sondern  bleibt  hier  vielmehr  stehen,  bis  alles  Wasser
verdampft  ist.  Die  neu  hinzukommende  Wärme  wird  nämlich  zur  Dampfbildung
verbraucht.  Beim  Sieden  wird  Wärme  verbraucht.

d.  Unmittelbar  über  dem  siedenden  Wasser  im  Kochfläschchen  können  wir  den
Wasserdampf  nicht  sehen.  Etwas  höher  dagegen  wird  er  sichtbar.  Hier  hat  er
sich  nämlich  unter  den  Siedepunkt  abgekühlt.  Er  verdichtet  sich  dann  zu  äußerst
seinen  Tröpfchen  und  erscheint  dadurch  als  weißgrauer  Dunst.  Durch  geringe
Abkühlung  wird  der  Wasserdampf  zu  Dunst  verdichtet.  (S.  313.)

e.  Halten  wir  ein  kaltes  Stück  Glas  über  das  siedende  Wasser,  so  wird  das
Glas  feucht,  und  zuletzt  fließt  Wasser  von  dem  Glase  herab.  Durch  stärkere
Abkühlung  wird  Wasserdampf  wieder  zu  Wasser  verdichtet.  Daher  die
Tropfenbildung  unter  dem  Topfdeckel.  Wodurch  entsteht  das  „Schwitzen“  der
Fenster,  das  „Beschlagen“  eines  kalten  Wasserglases  im  warmen  Zimmer?

58.  Dampfdruck.  Wir  füllen  ein  Kochfläschchen  mit  langem  und  gleichmäßig
weitem  Halse  mit  Wasser  und  bringen  dieses  über  einer  Spiritusflamme  zum
Sieden.  Sobald  die  aufsteigenden  Dämpfe  die  atmosphärische  Luft  aus  dem  Fläschchen
herausgetrieben  haben,  schieben  wir  einen  geölten,  gut  passenden  Kolben  in  das
Fläschchen,  z.  B.  einen  mit  Werg  umwickelten  und  an  einem  Stocke  befestigten
Kork.  Der  neuentwickelte  Dampf  wird  den  Kolben  in  die  Höhe  treiben.  Kühlen
wir  jetzt  das  Fläschchen  mit  kaltem  Wasser  ab,  so  verdichtet  sich  der  Dampf  wieder
zu  Wasser,  und  der  Luftdruck  bewegt  den  Kolben  wieder  abwärts.  Der  Wasserdampf
  hat  das  Bestreben,  sich  auszudehnen,  und  übt  daher  auf  den  Kolben  einen
Druck  aus.  Infolge  dieses  Bestrebens  besitzt  der  Wasserdampf  eine  gewisse  Kraft,
die  wir  Spannkraft  nennen.  Der  Wasserdampf  besitzt,  wie  alle  luftförmigen
  Körper,  Spannkraft.  Aus  11  Wasser  lassen  sich  17007  Wasserdampf
        <pb n="317" />
        —  312  —

herstellen.  Fehlt  dem  Wasserdampfe  der  nötige  Raum,  sich  auszudehnen,  so  er—
langt  er,  wenn  ihm  immer  mehr  Wärme  zugeführt  wird,  allmählich  eine  solche
Spannkraft,  daß  er  die  stärksten  Fesseln  gewaltsam  zerreißt!  Warum  darf  man  eine
mit  Wasser  gefüllte  Wärmflasche  nicht  verschlossen  im  heißen  Ofen  stehen  lassen?

59.  Der  Dampfwagen.  (S.  Abb.!)  a.  Nachdem  man  erst  die  ungeheure
Kraft  des  Wasserdampfes  kennen  gelernt  hatte,  suchte  man  ihn  sich  dienstbar  zu
machen  und  setzte  durch  ihn  große  Maschinen  in  Bewegung.  (1699  erfand  ein
Engländer  die  erste  Dampfmaschine.  Sie  wurde  später  (1763)  besonders  durch
James  Watt  verbessert.)  Um  das  Jahr  1829  erfand  man  auch  noch  den  Dampfwagen
  oder  die  Lokomotive.

b.  Der  Hauptteil  des  Dampfwagens  ist  der  Dampfkessel,  der  von  dem  Feuerraume
  (s.  Abb.  F)  bis  zur  Rauchkammer  ()  reicht.  Er  ist  mit  Wasser  gefüllt
und  von  mehr  als  100  kupfernen  Heizröhren  durchzogen.  In  diese  schlägt  die
Flamme  aus  dem  Feuerraume  (F)  hinein,  und  so  wird  das  Wasser  sehr  schnell
in  Dämpfe  verwandelt.  Diese  sammeln  sich  vorzugsweise  in  dem  großen  Dampfdome
  (D).  Von  hier  aus  gelangen  sie  durch  das  Dampfrohr  (d)  in  die  beiden

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Dampfcylinder  (C),  die  vorn  zu  beiden  Seiten  der  Maschine  liegen.  In  jedem
Dampfcylinder  befindet  sich  ein  Kolben,  der  durch  die  Kraft  des  Dampfes  in  Bewegung
  gesetzt  werden  soll.  Es  kommt  eben  nur  darauf  an,  den  Dampf  abwechselnd
  vor  und  hinter  den  Kolben  zu  leiten.  Das  geschieht  durch  das  sog.
Schieberventil,  das  in  der  Dampfkammer  (m)  liegt.  Ist  z.  B.  der  Dampf  zuerst
von  hinten  in  den  Dampfchlinder  eingetreten,  so  schiebt  er  den  Kolben  nach  vorn,
während  der  Schieber  durch  eine  besondere  Vorrichtung  nach  hinten  rückt.  Nun
öffnet  sich  eine  vorher  vom  Schieber  verdeckte  Röhre,  durch  die  der  Dampf  vor
den  Kolben  tritt.  Der  Kolben  wird  jetzt  rückwärts  getrieben,  und  das  geht  um
so  leichter,  als  gleichzeitig  der  kurz  zuvor  von  hinten  eingeführte  Dampf  durch
ein  Rohr  (P)  in  den  Schornstein  (8)  steigt  und  aus  diesem  mit  lautem  „Puch“
entweicht.  Mit  dem  so  hin  und  her  getriebenen  Kolben  steht  jederseits  ein  großes
Mittelrad  durch  eine  Stange  und  Kurbel  in  Verbindung,  das  so  in  eine  drehende
Bewegung  versetzt  wird,  die  zugleich  eine  fortschreitende  ist,  da  sie  auf  einer
reibenden  Unterlage,  den  Schienen,  erfolgt.  Oben  auf  dem  Dampfkessel  findet  sich
in  V  und  V  je  ein  Sicherheitsventil.  Das  Ventil  in  V“  kann  vom  Lokomotivführer
  beliebig  geöffnet  werden.  Das  Ventil  in  V  wird  durch  eine  Feder  (W)
mit  einem  Hebelarme  herabgezogen,  öffnet  sich  aber  von  selbst,  sobald  die  Spannkraft
  des  Dampfes  in  dem  Dampfkessel  zu  stark  wird.  Ohne  dieses  Ventil  könnte
der  Dampfkessel  leicht  zerspringen.  (Bei  X  ist  eine  Dampfpfeife.)
        <pb n="318" />
        —  313  —

60.  Verdunstung.  a.  Tauche  die  Hand  ein  wenig  in  Wasser  und  halte
sie  dann  in  den  Sonnenschein!  Die  Feuchtigkeit  ist  bald  verschwunden.  Ebenso
trocknet  die  Wäsche  sehr  schnell  im  Sonnenschein.  Wie  sich  nämlich  das  Wasser
beim  Kochen  durch  Erwärmung  von  unten  her  in  Dampf  verwandelt,  so  geschieht
dies  auch  durch  Einwirkung  der  Sonne  und  der  Luft  von  oben  her.  Diese
Dampfbildung  durch  die  Luftwärme  heißt  „Verdunstung“.  Sie  unterscheidet  sich
von  der  Dampfbildung  beim  Sieden  dadurch,  daß  1)  die  zur  Verdunstung  erforderliche
  Wärme  viel  geringer  ist,  2)  daß  daher  die  Dampfbildung  viel  langsamer
vor  sich  geht,  3)  daß  bei  ihr  keine  wallende  Bewegung  stattfindet.  (Die  Verdunstung
  beginnt  nämlich  nicht  in  den  untern,  sondern  in  den  obern  Schichten.)

b.  Beim  Trocknen  der  Wäsche  sieht  es  die  Wäscherin  gern,  wenn  es  beim
warmen  Sonnenschein  etwas  windig  ist,  da  dann  die  Wäsche  schneller  trocknet;
auch  hängt  sie  die  Wäsche  so  auf  oder  breitet  sie  so  aus,  daß  eine  möglichst  große
Oberfläche  der  Wäsche  dem  Winde  und  der  Sonnenwärme  ausgesetzt  ist.  Warum?
—  Luftzug,  erhöhte  Wärme  und  Vergrößerung  der  verdunstenden
Oberfläche  beschleunigen  die  Verdunstung.  Daher  öffnet  man  in  frisch
gescheuerten  Stuben  Thüren  und  Fenster,  um  Luftzug  herzustellen.

c.  Befeuchten  wir  unfre  Hände  mit  Wasser,  so  empfinden  wir  Kälte.  Durch
jede  Verdunstung  wird  der  Umgebung  des  verdunstenden  Körpers
Wärme  entzogen.  Daher  erzeugt  selbst  der  wärmste  Regen  Abkühlung,  und
nach  dem  Besprengen  der  Straßen  und  Gärten  entwickelt  sich  hier  trotz  der
größten  Hitze  eine  angenehme  Kühle.  Darum  löscht  Wasser  auch  Feuer  aus.
Läßt  man  nasse  Kleider  auf  dem  Körper  trocknen,  so  kann  man  sich  leicht  erkälten,
  da  durch  die  Verdunstung  dem  Körper  Wärme  entzogen  wird.  Stellt  man
in  ein  Weinglas,  das  zur  Hälfte  mit  Schwefeläther  gefüllt  ist,  ein  Probiergläschen
  mit  etwas  Wasser  und  läßt  den  Ather  durch  den  Luftstrom  eines  Blasebalgs
  schnell  verdunsten,  so  gefriert  das  Wasser  im  Probiergläschen  zu  Eis.

61.  Tau  und  Reif.  a.  Hauche  gegen  das  Fenster!  Es  „schwitzt“.  Bringe
ein  Glas  mit  kaltem  Wasser  in  ein  warmes  Zimmer!  Das  Glas  „beschlägt".
Wie  kommt  das?  (S.  311.)  Im  kalten  Zimmer  trocknet  die  Wäsche  langsamer
als  im  warmen.  Die  Luft  nimmt  nänlich  nur  eine  bestimmte  Menge  Wasserdampf
  auf.  Ist  das  Maß  erreicht,  so  hört  die  Verdunstung  auf.  Man  sagt
dann:  Die  Luft  ist  „gesättigt“.,  Je  größer  aber  die  Wärme  der  Luft,  desto
mehr  Wasserdampf  kann  sie  aufnehmen.  Kühlt  sich  die  Luft  ab,  so  vermag  sie
oft  den  Wasserdampf  nicht  mehr  ganz  zu  behalten;  sie  scheidet  dann  einen  Teil
aus,  und  dieser  verdichtet  sich  zu  Tropfen.  So  erklärt  sich  das  Schwitzen  der
Fenster,  das  Beschlagen  des  Trinkglases  u.  s.  w.

b.  Ahnlich  erklärt  sich  auch  die  Bildung  des  Taues.  In  klaren  Sommer-=nächten
  strahlt  die  Erde  viel  Wärme  aus.  Sie  kühlt  sich  daher  bedeutend  mehr
ab  als  die  sie  umgebenden  Luftschichten.  Dadurch  wird  der  der  Erde  zunächst
liegende  Wasserdampf  verdichtet  und  setzt  sich  als  Tautropfen  an  Gras  und
Blätter  an,  weil  sie  als  hervorragende  und  rauhe  Gegenstände  am  meisten
Wärme  ausstrahlen  und  sich  daher  am  schnellsten  abkühlen.  Ist  der  Himmel
bedeckt,  so  bildet  sich  kein  Tau,  da  die  Wolken  die  ausgestrahlte  Wärme  wieder
zurückstrahlen  und  sich  so  die  Erde  nicht  genug  abkühlt.

c.  In  kalten  Frühjahrs=  und  Herbstnächten  gefriert  der  Wasserdunst  und
wird  als  Reif  auf  Pflanzen,  Dächern  u.  s.  w.  sichtbar.

62.  Nebel  und  Wolken.  a.  Aus  Flüssen,  Seen,  Wäldern  und  sumpfigen
Wiesen  steigt  an  heißen  Tagen  fortwährend  Wasserdampf  empor.  Wir  sehen  ihn
nicht,  weil  Wasserdampf  unsichtbar  ist.  Am  Abend  verdichtet  die  kühlere  Luft
den  Wasserdampf  zu  äußerst  feinen  Tröpfchen  und  scheidet  ihn  aus.  (8  61.)  Er
        <pb n="319" />
        —  314  —

wird  daher  sichtbar  und  schwebt  wie  eine  graue  Decke  dicht  über  dem  Wasser
oder  der  Wiese.  Diese  sichtbaren  Dünste  nennen  wir  Nebel.  Besonders  sind
die  Herbsttage  reich  an  Nebel.  Wird  die  Luft  unten  wärmer,  so  steigen  Ströme
nach  oben  (S.  313)  und  nehmen  den  Nebel  mit  in  die  Höhe,  oder  der  Nebel
verwandelt  sich  von  unten  her  wieder  in  Dampf,  und  es  sieht  dann  aus,  als
rücke  der  Nebel  immer  höher.  Wir  sagen  dann:  „Der  Nebel  steigt".

b.  Geschieht  die  Verdichtung  des  Wasserdampfes  erst  in  höhern  Luftschichten,
so  bilden  sich  Wolken.  Nebel  und  Wolken  unterscheiden  sich  also  nur  durch  ihre
verschiedene  Entfernung  von  der  Erdoberfläche.  Man  unterscheidet  Federwolken
(am  höchsten,  bei  heiterm  Himmel),  Haufenwolken  (wie  entfernte  Berge),  Schichtwolken
  (wagerechte  Streifen),  Gewitterwolken  (schwarzgrau),  Hagelwolken  (graugelb).
  Die  meisten  Wolken  bringt  uns  der  Südwestwind;  dieser  führt  uns.
nämlich  den  Wasserdampf  vom  atlantischen  Ocean  zu.

63.  Regen,  Schnee  und  Hagel.  a.  Wenn  die  Wolken  durch  kalte  Luftströmungen
  abgekühlt  werden,  so  fließen  die  in  den  Wolken  enthaltenen  Wasserdünste
  zu  größern  Tropfen  zusammen.  Fallen  diese  aus  der  Luft  herab,  so
regnet  es.  (Unterscheide  Staub-,  Strich=  und  Landregen,  Wolkenbruchl)

b.  Sobald  die  Wolken  in  Luftschichten  von  unter  O  Grad  Wärme  kommen,
gefrieren  die  Dünste.  Im  Winter  bilden  sich  daher  in  den  Wolken  häufig

———  mfeine  Eisnadeln,  die  sich  zu  Eissternen
s—smsm—m—mnmm  gusammensetzen;  die  Eissterne  aber
bereinigen  sich  zu  Schneeflocken.

.m“m—5  Fc.  Zuweilen  (besonders  im  April)

fangen  die  Flocken  oben  in  der  Luft

unkzuschmelzen,  so  daß  Schneekugeln

-  smG  N*3  (Graupeln)  entstehen.  Die  im  Sommer

zzuweilen  während  eines  Gewitters

ßnpiederfallenden  Hagelkörner  bestehen

arnuuus  berschiedenen  Schichten  Eis,  die
einen  graupelartigen  Kern  umschließen.  Ihre  Entstehung  ist  noch  unbekannt.

64.  Entstehung  des  Windes.  a.  Halte  über  den  Cylinder  einer  brennenden
  Lampe  ein  Stückchen  Seidenpapier!  Es  wird  nach  oben  geweht.  Durch
die  Flamme  ist  die  Luft  erwärmt,  ausgedehnt  und  daher  dünner  und  leichter
geworden.  Da  sie  nun  von  der  kältern  und  schwerern  Luft  verdrängt  wird,  so
steigt  sie  empor,  ähnlich  wie  ein  Kork,  den  man  unter  das  Wasser  getaucht  hat.
Erwärmte  Luft  steigt  nach  oben.

b.  Stelle  eine  brennende  Kerze  zwischen  2  Holzleisten  und  auf  diese  Holzleisten
  einen  Lampencylinder,  so  daß  dieser  die  Flamme  umgiebt!  Dann  halte
ein  Stückchen  Seidenpapier  (Goldschaum)  unter  den  Cylinder!  Es  wird  in  diesen
hineingeweht.  An  Stelle  der  emporgestiegenen  wärmern  Luft  strömt  nämlich  in
den  Cylinder  von  unten  her  kältere  Luft.  Während  die  wärmere  Luft
emporsteigt,  strömt  an  ihre  Stelle  die  kältere  Luft.  Warum  ist  das
Hinzuströmen  frischer  Luft  bei  der  Lampe  nötig?  Wodurch  entsteht  der  sogenannte
  „Zug“"  im  Ofen?  S.  333.)  Weise  die  verschiedenen  Luftströmungen  in
der  Thüröffnung  zwischen  einem  warmen  und  einem  kalten  Zimmer  nach,  indem
du  ein  Kerzenlicht  unten,  oben  und  in  der  Mitte  der  Offnung  hältstl)

c.  Dieser  Vorgang  im  kleinen  wiederholt  sich  im  großen  auf  unfrer  Erde.
Wo  die  Erde  besonders  stark  erwärmt  wird,  steigt  die  warme  Luft  in  die  Höhe,
und  an  ihre  Stelle  dringen  kalte  Luftströme  aus  kältern  Gegenden.  Diese  Strömungen
  in  der  Luft  heißen  Winde.  Besonders  regelmäßig  wechseln  sie  an  den
Küsten.  Hier  weht  bei  Tage  der  Wind  vom  Meere  nach  dem  schneller  von  der

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(  -,.Q«-  



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        <pb n="320" />
        —  315  —

Sonne  erwärmten  Lande  (Seewind),  während  der  Wind  des  Nachts  umgekehrt
vom  Lande  nach  der  See  gerichtet  ist  (Landwind),  da  das  Wasser  nach  Sonnenuntergang
  noch  länger  warm  bleibt  als  das  Land.

d.  In  der  Nähe  des  Aquators  giebt  es  Winde,  die  unaufhörlich  aus  ein
und  derselben  Richtung  wehen.  Man  nennt  sie  Passatwinde,  weil  sie  die  Passage,
die  Schiffahrt,  befördern.  Sie  entstehen  dadurch,  daß  sich  die  Luft  dauernd  in
der  heißen  Zone  erwärmt  und  daher  oben  nach  den  Polen  zu  abweicht.

65.  Der  Luftballon.  Auf  das  Emporsteigen  der  erwärmten  Luft  gründet
sich  auch  die  ältere  Einrichtung  des  Luftballons.  Man  machte  unter  dem  Ballon
ein  Feuer  an,  wodurch  die  in  ihm  befindliche  Luft  erwärmt  und  er  so  zum  Steigen
gebracht  wurde.  Jetzt  wird  der  Ballon  in  der  Regel  mit  Leuchtgas  gefüllt.  Dieses
Gas  ist  zweimal  so  leicht  als  die  gewöhnliche  Luft  und  steigt  darin  empor  wie
ein  Kork  im  Wasser.  Der  Ballon  ist  aus  Häuten  oder  luftdichten,  gefirnißten  Geweben
  hergestellt.  Während  der  Füllung  wird  er  durch  10—20  Stricke  festgehalten.
Er  schwillt  nun  immer  mehr  an.  Ist  endlich  die  Füllung  beendet,  so  besteigt  der
Luftschiffer  die  unten  am  Ballon  befestigte  Gondel,  die  Stricke  werden  gelöst,  und
der  Ballon  steigt  empor.  Manche  Luftschiffer  sind  schon  über  9000  m  hoch  gestiegen.
  Will  man  wieder  zur  Erde  nieder,  so  öffnet  man  mittels  einer  Leine
eine  Klappe  am  Ballon  und  läßt  etwas  Gas  ausströmen.  Da  man  den  Luftballon
nicht  lenken  kann,  so  folgt  er  stets  der  Richtung  des  Windes  und  läßt  sich  zuweilen
auf  das  Meer  nieder.  Während  der  Belagerung  von  1870—71  bedienten  sich  die
Pariser  des  Luftballons,  um  Briefe  und  Personen  nach  außen  hin  zu  befördern.

D.  Das  TLicht.

66.  Selbstleuchtende  und  dunkle  Körper.  Treten  wir  in  ein  völlig  dunkles
Zimmer,  so  können  wir  die  Gegenstände  darin  nicht  sehen.  Zünden  wir  aber
ein  Licht  an,  so  wird  es  hell,  und  wir  sehen  die  Gegenstände.  Wir  bedürfen
also  zum  Sehen  des  Lichts.  —  Die  Lichtflamme  leuchtet  durch  sich  selbst.  Sie
ist  deshalb  durch  sich  selbst  sichtbar.  Ebenso  ist  es  mit  einer  glühenden  Kohle.
Tische,  Stühle  u.  s.  w.  leuchten  dagegen  nicht  durch  sich  selbst.  Sie  sind  an  und
für  sich  dunkel  und  werden  erst  sichtbar,  wenn  das  Licht  leuchtender  Körper  auf
sie  fällt.  Wir  unterscheiden  demnach  „selbstleuchtende“  Körper  oder  Lichtquellen
und  „dunkle“  Körper.  Zu  den  selbstleuchtenden  Körpern  gehören  die  Sonne  (die
größte  Lichtquelle  für  uns)  sowie  alle  übrigen  Fixsterne,  alle  glühenden  und
brennenden  Körper,  Phosphor  (Leuchten  des  Phosphors  im  Dunkeln),  leuchtende
Tiere  (Johanniswürmchen,  Leuchten  des  Meeres,  durch  unzählige  Infusorien  hervorgebracht),
  faulendes  Holz  (leuchtet  von  Pilzfäden,  die  es  durchziehen),  der  elektrische
  Funke  (Blitz).  —  Diamant,  Marmor,  Eierschalen  u.  dgl.  sind  an  und  für
sich  nicht  selbstleuchtend,  leuchten  aber  im  Dunkeln  noch  eine  Zeitlang  nach,  wenn
sie  vorher  dem  Sonnenlichte  ausgesetzt  gewesen  sind.  Wie  ist  es  mit  dem  Monde?

67.  Lichtverbreitung.  Zünden  wir  in  einem  dunkeln  Zimmer  ein  Licht  an,
so  werden  sowohl  die  Decke  als  auch  die  Wände  und  der  Fußboden  u.  s.  w.  erleuchtet.
  Die  Lichtstrahlen  breiten  sich  nämlich  nach  allen  Seiten  aus.  —  Füällt
dagegen  das  Sonnenlicht  durch  eine  kleine  Offnung  des  Fensterladens  in  ein  dunkles
Zimmer,  so  wird  nicht  das  ganze  Zimmer  gleichmäßig  erleuchtet,  sondern  man  erblickt
nur  einen  hellen  Lichtstreifen,  der  in  schnurgerader  Richtung  aus  der  Öffnung
durchs  Zimmer  geht.  (Sonnenstäubchen.)  Das  Licht  verbreitet  sich  zwar
nach  allen  Richtungen,  aber  nur  in  geraden  Linien.  —  Lassen  wir  ein
Buch,  einen  Bogen  Seidenpapier  und  ein  Stück  Fensterglas  von  der  Sonne  bescheinen,
  so  sehen  wir,  daß  das  Buch  gar  kein  Licht,  das  Seidenpapier  etwas,
        <pb n="321" />
        —  316  —

das  Glas  alles  Licht  hindurch  läßt.  Wir  unterscheiden  demnach  undurchsichtige,

durchscheinende  und  durchsichtige  Körper.

68.  Die  Geschwindigkeit  des  Lichts  beträgt  in  einer  Sekunde  etwa  320000  km.  Von
der  Sonne  gelangt  das  Licht  in  8  Minuten  zu  uns,  vom  Sirius  und  den  Sternen  erster
Größe  in  4  Jahren,  von  den  Sternen  zwölster  Größe  in  1500  Jahren  und  von  andern
erst  in  Millionen  von  Jahren.  Wir  sehen  also  den  Sirius  stets  nur  so,  wie  er  vor  4
Jahren  beschaffen  war.  Umgekehrt:  Ständen  wir  heute  auf  einem  Stern  zwölfter  Größe
und  könnten  die  Erde  von  dort  aus  sehen,  so  erschiene  sie  uns  jetzt,  wie  sie  etwa  zur  Zeit
des  Einbruchs  der  Hunnen  beschaffen  war.  Könnten  wir  dann  in  einer  Stunde  die  Erde
erreichen,  so  sähen  wir  ihre  Entwickelung  von  diesem  Zeitraume  an  bis  heute  und  durchlebten
  in  einer  Stunde  1500  Jahre.  »

69.  Wesen  des  Lichts.  Das  Licht  entsteht  durch  die  Schwingungen  des  Athers,  der
gewöhnlich  der  Weltäther  genannt  wird.  Das  ist  ein  feiner,  unsichtbarer,  unwägbarer  Stoff,
der  das  ganze  Weltall  und  alle  Körper  durchdringt.  Wenn  er  Licht  erzeugen  soll,  muß  die
Zahl  seiner  Schwingungen  in  einer  Sekunde  400—800  Billionen  betragen.

70.  Der  Schatten.  a.  Stellen  wir  uns  in  die  Sonne,  so  entsteht  ein
Schatten  von  uns.  Halten  wir  ein  Buch  vor  eine  Kerzenflamme,  so  entsteht
ebenfalls  ein  Schatten.  Die  Lichtstrahlen  können  nämlich  nicht  hinter  das  Buch
gelangen,  da  dieses  undurchsichtig  ist  und  das  Licht  sich  nur  in  geraden  Linien
verbreitet.  Es  entsteht  also  hinter  dem  Buche  ein  unbeleuchteter  Raum.  Dieser
unbeleuchtete  Raum  heißt  Schatten  (also  nicht  bloß  das  Schattenbild).

b.  Halte  einen  Bleistift  ruhig  auf  den  Tisch  und  bewege  dahinter  ein  Licht
hin  und  her!  Der  Schatten  des  Beleistiftes  bewegt  sich  ebenfalls  hin  und  her.
Wohin  fällt  der  Schatten,  wenn  wir  den  Bleistift  mitten  auf  den  Tisch  und  die
Kerzenflamme  auf  die  östliche  Seite  des  Tisches  stellen?  Bewegen  wir  das  Licht
rings  um  den  Tisch,  so  macht  der  Schatten  des  Bleistiftes  die  Bewegung  mit.
Am  Morgen  steht  die  Sonne  im  Osten.  Wohin  muß  dann  also  der  Schatten
fallen?  Wohin  fällt  der  Schatten  mittags?  abends?

C.  Lassen  wir  die  Lichtstrahlen  rechtwinklig  auf  ein  viereckiges  Stück  Pappe
fallen  und  fangen  dann  das  Schattenbild  der  Pappe  auf  einem  weißen  Bogen
Papier  auf,  so  zeigt  sich  der  Schatten  ebenfalls  viereckig.  Lassen  wir  die  Lichtstrahlen
  so  auffallen,  daß  sie  parallel  mit  der  Oberfläche  der  Pappe  laufen,  so
nimmt  der  Schatten  die  Gestalt  einer  geraden  Linie  an.  Die  Gestalt  eines
Schattens  richtet  sich  nicht  bloß  nach  der  Gestalt,  sondern  auch  nach
der  Stellung  des  schattenwerfenden  Körpers.  Wann  nur  ist  der  Schatten
einer  kreisrunden  Pappscheibe  rund?  Wann  der  Schatten  einer  Kugel?  Unfre
Erde  wirft  bei  Mondfinsternissen  (S.  163)  stets  einen  kreisförmigen  Schatten.
Was  folgt  daraus?  Der  Schatten  der  Bäume  ist  des  Morgens  und  Abends
bedeutend  länger  als  zur  Mittagszeit.  Die  Erklärung  für  diese  Thatsache  finden
wir,  wenn  wir  des  Abends  beim  Lampenschein  z.  B.  einen  Bleistift  auf  den
Tisch  stellen  und  dann  die  Lampe  zuerst  senkrecht  über  dem  Bleistifte,  dann  aber
immer  mehr  seitwärts  von  dem  Bleistifte  halten.  Je  mehr  das  Licht  von  der
Seite  gegen  den  Bleistift  fällt,  desto  länger  wird  sein  Schatten.

71.  Sehwinkel.  Ein  Habicht  erscheint  uns  hoch  oben  in  der  Luft  so  klein  wie  ein
Sperling.  Ahnliche  Wahrnehmungen  machen  wir  an  einem  Turmknopfe,  einem  hochgestiegenen
  Drachen  u.  s.  w.  Wir  können  uns  diese  Erscheinungen  nur  erklären,  wenn  wir  das
Wesen  des  Sehwinkels  kennen.  Denken  wir  uns  von  den  Endpunkten  des  umgekehrten
Bildes,  das  sich  auf  der  Netzhaut  des  Auges  von  dem  betrachteten  Gegenstande  bildet
(s.  „Das  Auge“,  S.  286)  2  Linien  nach  den  entsprechenden  Endpunkten  des  Gegenstandes
gezogen,  so  schneiden  sich  diese  im  Auge  unter  einem  Winkel,  den  man  den  Sehwinkel  nennt.
Da  der  Kreuzungspunkt  in  der  Augenlinse  immer  derselbe  bleibt,  so  entsteht  bei  größerer
Entfernung  des  Gegenstandes  ein  kleinerer  Sehwinkel  —  wie  wir  uns  das  an  einer  Schere
verdeutlichen  können  —  und  infolgedessen  auf  der  Netzhaut  ein  desto  kleineres  Bild.  Wie
erscheinen  Alleen  und  Eisenbahnschienen  bei  zunehmender  Entfernung  dem  Auge?

72.  Dauer  des  Lichteindrucks.  Eine  schnell  herumgeschwungene  glühende  Kohle  oder
Cigarre  erscheint  dem  Auge  als  ein  feuriger  Kreis.  Der  Lichteindruck,  der  auf  der  Netzhaut
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        —  317  —

des  Auges  hervorgerufen  wird,  erlischt  nämlich  nicht  sofort  wieder,  sondern  dauert  bei
mäßiger  Lichtstärke  gewöhnlich  noch  ½10  Sekunde  fort.  Folgen  daher  mehrere  Lichteindrücke
  so  schnell  hintereinander,  daß  der  vorhergehende  noch  nicht  erloschen
  ist,  wenn  wir  die  nachfolgenden  empfinden,  so  verfließen  sie  ineinander.
  Aus  diesem  Gesetze  erklärt  sich  auch  die  Wirkung  des  „Lebensrades“.  Dieses  besteht
  aus  einem  hohlen  Pappcylinder,  der  in  der  obern  Hälfte  zahlreiche  Ausschnitte  hat
und  sich  um  seine  Achse  drehen  läßt.  An  der  Innenseite  des  Cylinders  liegt  ein  handbreiter
  Papierstreifen,  der  eine  Figur  in  verschiedenen  Stellungen  darstellt,  wie  sie  in  einer
bestimmten  Bewegung,  z.  B.  beim  Herabfallen  eines  Reiters  vom  Pferde,  der  Reihe  nach
vorkommen.  Sieht  man  nun  bei  der  Umdrehung  des  Cylinders  durch  die  Ausschnitte,  so
laufen  die  Figuren  infolge  des  dauernden  Lichteindrucks  ineinander,  und  es  sieht  aus,  als
ob  der  Reiter  wirklich  vom  Pferde  fiele.

73.  Zurückwerfung  der  Lichtstrahlen.  a.  Halte  in  einem  Zimmer  ein  Stück
Spiegelglas  (ein  blankes  Messer  u.  s.  w.)  so  in  der  Hand,  daß  es  von  der  Sonne
in  schräger  Richtung  getroffen  wird!  Es  zeigt  sich  an  der  Wand  ein  heller  Fleck.
Die  Lichtstrahlen  können  nämlich  nicht  durch  diese  Gegenstände  hindurch,  sondern
prallen  von  ihnen  zurück  wie  ein  Gummiball  von  einer  Mauer.  Lichtstrahlen,
die  einen  glatten,  undurchsichtigen  Körper  treffen,  werden  von  diesem
zum  großen  Teile  zurückgeworfen.

b.  Sieh  in  einen  Stubenspiegel,  in  eine  ruhige  Wasserfläche!  Du  erblickst
darin  dein  Bild.  Die  Lichtstrahlen,  die  von  deinem  Körper  ausgehen,  werden
nämlich  von  der  blanken  Fläche  zurückgeworfen  und  gelangen  in  unverändertem
Verhältnis  zu  einander  so  in  unser  Auge.  Von  sehr  glatten  Flächen  werden
die  Lichtstrahlen  so  zurückgeworfen,  daß  Bilder  der  Gegenstände  entstehen,
  von  denen  sie  ausgehen.

74.  Der  ebene  Spiegel.  a.  Sieh  in  gewöhnliches  Glas!  Du  erblickst  darin
dein  Bild  nicht.  Stelle  hinter  das  Glas  ein  Stück  blaue  Pappe  oder  einen  andern
dunkeln  Gegenstand!  Dein  Bild  spiegelt  sich  in  dem  Glase.  Unser  Stubenspiegel
(Planspiegel,  „ebener“  Spiegel)  besteht  aus  einer  Glasscheibe,  die  auf  der  Hinterseite
  mit  einem  Gemisch  von  Quecksilber  und  Zinn  belegt  ist.  Wo  dieser  Belag
gestört  ist,  da  spiegelt  das  Glas  nicht  mehr.  Die  Hinterseite  des  Glases  wirft
also  die  durch  das  Glas  gehenden  Strahlen  zurück.

b.  Eine  vor  den  Spiegel  gehaltene  Bleifeder  erscheint  im  Spiegel  ebenso  groß
als  der  Gegenstand  selbst.  Entfernen  wir  die  Bleifeder  etwas  von  dem  Spiegel
so  rückt  das  Bild  im  Spiegel  weiter  zurück;  nähern  wir  die  Bleifeder  dem  Spiegel,
so  rückt  auch  das  Bild  weiter  nach  vorn.  Die  Bilder  in  einem  ebenen
Spiegel  sind  dem  Gegenstande  an  Größe  gleich  und  erscheinen  dem
Auge  ebenso  weit  hinter  dem  Spiegel,  als  sich  die  Gegenstände  vor
dem  Spiegel  befinden.

c.  Heben  wir  die  rechte  Hand  vor  dem  Spiegel  hoch,  so  erscheint  im  Spiegel
die  linke  Hand  erhoben;  heben  wir  die  linke  Hand  hoch,  so  erscheint  im  Spiegel
die  rechte  Hand  erhoben.  Die  rechte  und  linke  Seite  eines  Gegenstandes
erscheinen  im  Spiegel  miteinander  vertauscht.  Wie  erscheinen  die  Bilder
in  einem  Wasserspiegel?

75.  Der  Hohlspiegel.  a.  An  Wandlampen,  Wagenlaternen,  Lokomotiven  u.  s.  w.  sind
häufig  sogenannte  Blenden  angebracht.  Sie  sind  meist  aus  blank  poliertem  Metalle  gefertigt
und  haben  den  Zweck,  die  Leuchtkraft  der  Lichtflamme  zu  verstärken.  Eine  solche  Blende
heißt  auch  Hohlspiegel.  Sie  gleicht  einem  an  seiner  innern  Fläche  spiegelnden  Stück  einer
Hohlkugel.  Eine  gerade  Linie,  die  den  Mittelpunkt  des  Hohlspiegels  mit  dem  Mittelpunkte
der  Hohlkugel  (dem  Krümmungsmittelpunkte  des  Spiegels)  verbindet,  heißt  die  Achse  des
Hohlspiegels.  Läßt  man  parallel  mit  dieser  Achse  die  Sonnenstrahlen  auf  den  Hohlspiegel
fallen,  so  werden  sie  von  ihm  zurückgeworfen  und  zwar  so,  daß  sie  sich  alle  in  einem
Punkte  vereinigen.  Diese  zurückgeworfenen  Strahlen  lassen  sich  auf  einem  Blatte  Papier
auffangen,  das  rechtwinklig  zur  Achse  des  Hohlspiegels  gehalten  und  auf  ihr  in  entsprechenden
  Grenzen  in  der  Längsrichtung  der  Achse  bewegt  wird.  Hier  werden  sie  als  ein  kleiner,
        <pb n="323" />
        —  318  —

heller  Fleck  sichtbar.  Da,  wo  dieser  Fleck  am  kleinsten  ist,  befindet  sich  ihr  Vereinigungspunkt.
  b.  Halte  ein  Schwefelholz  oder  ein  Stück  Zunder  in  diesen  Vereinigungspunkt!
Sie  entzünden  sich.  In  diesem  Punkte  vereinigen  sich  nämlich  nicht  bloß  die  Licht-,  sondern
mit  ihnen  zugleich  auch  die  Wärmestrahlen  der  Sonne.  Diese  erzeugen  dadurch  eine  solche
Hitze,  daß  sie  leicht  brennbare  Stoffe  anzünden.  Man  nennt  deshalb  diesen  Vereinigungspunkt
  „Brennpunkt“.  c.  Die  Entfernung  des  Brennpunkts  vom  Spiegel  nennt  man  Brennweite,
  die  Entfernung  des  Krümmungsmittelpunktes  vom  Spiegel  die  doppelte  Brennweite.
Stellt  man  eine  Lichtflamme  genau  in  den  Brennpunkt  des  Hohlspiegels,  so  wird  die  Beleuchtung
  stärker,  als  wenn  die  Lichtflamme  außerhalb  des  Brennpunktes  sich  befindet.
(Versuche  mit  einem  bedruckten  Blatte  Papier.)  Die  Lichtstrahlen,  die  vom  Brennpunkte
  aus  gegen  einen  Hohlspiegel  fallen,  werden  nämlich  alle  parallel
mit  der  Achse  zurückgeworfen  Sie  können  daher  nicht  nach  allen  Seiten  hin  auseinander
  laufen,  sondern  müssen  sich  alle  nach  einer  bestimmten  Richtung  hinwenden,  daher
die  stärkere  Wirkung  der  Lichtflamme.

76.  Die  Bilder  der  Hohlspiegel.  Halte  eine  Kerzenflamme  zwischen  Brennpunkt  und
Hohlspiegel!  Das  Bild  der  Flamme  erscheint  aufrecht  hinter  dem  Hohlspiegel,  ganz  wie
beim  ebenen  Spiegel,  aber  vergrößert.  Steht  die  Kerze  weiter  vom  Spiegel  entfernt  als
die  doppelte  Brennweite,  so  läßt  sich  auf  einem  Stück  Ol=  oder  Seidenpapier  (auch  auf
Rauch  oder  Nebelwolken)  zwischen  Brenn=  oder  Mittelpunkt  ein  umgekehrtes,  verkleinertes
  Bild  der  Kerze  auffangen.  Befindet  sich  dagegen  die  Kerze  zwischen  der  einfachen
und  doppelten  Brennweite,  so  entsteht  jenseits  des  Krümmungsmittelpunktes  ein  umgekehrtes,
  vergrößertes  Bild,  das  sich  ebenfalls  (an  der  Wand  oder  auf  einem  Papierschirme)
  auffangen  läßt.  Diese  beiden  umgekehrten  Bilder  unterscheiden  sich  von  dem  aufrechten
  Bilde  dadurch,  daß  sie  sich  auffangen  lassen.  Man  nennt  sie  deshalb  auch  „wirkliche
  oder  Sammelbilder“,  während  das  aufrechte  Bild  (gerade  so  wie  das  Bild  eines
ebenen  Spiegels)  nur  ein  Scheinbild  ist.  Man  kann  aber  auch  die  wirklichen  Bilder  wahrnehmen,
  ohne  sie  auf  einem  Papierstreifen  aufzufangen.  So  sieht  man  bei  einem  Hohlspiegel
  mit  einer  Brennweite  von  25  cm  z.  B.  das  verkehrte  Bild  seines  Kopfes  vor  dem
Spiegel,  wenn  man  sich  in  einer  Entfernung  von  100—120  cm  gerade  vor  den  Spiegel
stellt.  Bei  sehr  großen  Hohlspiegeln  zeigen  sich  die  Bilder  vollständig  frei  in  der  Luft;
deshalb  werden  sie  auch  zu  „Geistererscheinungen“  benutzt.

77.  Erhabene  Spiegel.  In  Gärten  bemerken  wir  häufig  blank  polierte  Zierkugeln.
Sehen  wir  in  diese,  so  erblicken  wir  darin  unser  Bild  und  zwar  aufrecht  und  verkleinert.
Halten  wir  unser  Gesicht  ganz  nahe  an  die  Kugel,  so  erscheint  das  Bild  vollständig  verzerrt.
  Man  nennt  jedes  Stück  einer  außen  polierten  Kugel  einen  erhabenen  Spiegel.

78.  Brechung  der  Lichtstrahlen.  a.  Halte  einen  Stab  zuerst  senkrecht,  dann
schräg  in  ein  Glas  Wasser!  In  der  schrägen  Lage  erscheint  der  Stab  an  der
Stelle,  wo  er  das  Wasser  berührt,  eingeknickt.  Die  von  dem  im  Wasser  befindlichen
Teile  des  Stabes  ausgehenden  Lichtstrahlen  haben  nämlich  da,  wo  sie  schräg  aus
dem  Wasser  in  die  Luft  eintreten,  plötzlich  ihre  Richtung  geändert;  sie  werden
schräger  und  scheinen  daher  von  höher  gelegenen  Punkten  zu  kommen.  Deshalb
erscheint  der  Stab  gebrochen.  Ganz  ähnlich  erklären  sich  auch  folgende  Versuche:
Wir  befestigen  ein  Geldstück  auf  dem  Boden  des  Gefäßes  mit  Wachs  und  entfernen
uns  dann  soweit  von  dem  Gefäße,  daß  wir  die  Münze,  wenn  wir  über  den  Rand
schauen,  eben  nicht  mehr  sehen  können.  Sobald  nun  ein  andrer  Wasser  in  das
Gefäß  gießt,  sehen  wir  das  Geldstück  scheinbar  allmählich  hinter  dem  Rande  hervorkommen
  und  sich  heben.  Legen  wir  mehrere  Glasplatten  übereinander  auf  eine
wagerechte  Kreidelinie  an  der  Wandtafel  und  sehen  dann  schräg  durch  das  Glas,
so  erscheint  der  bedeckte  Teil  der  Linie  emporgehoben.  Aus  allen  diesen  Versuchen
ergiebt  sich:  Wenn  die  Lichtstrahlen  in  schräger  Richtung  aus  dem
Wasser  oder  dem  Glase  in  die  Luft  treten,  so  werden  sie  von  ihrer
ursprünglichen  Richtung  abgelenkt  oder  „gebrochen“.  *ê:½.

b.  Auch  beim  Ubergange  der  Lichtstrahlen  aus  einer  dünnern  Luftschicht  in
eine  dichtere  (oder  umgekehrt)  findet  eine  Strahlenbrechung  statt.  Daher  das  Zittern
der  Luft  über  erwärmten  Dächern  und  das  Flimmern  der  Fixsterne.  An  der  Küste
Kalabriens  erblickt  man  zuweilen,  wenn  man  den  Blick  nach  Messina  wendet,  hoch
in  der  Luft  weidende  Herden,  Schlösser,  Haine  u.  dergl.  (Fata  Morgana.)  Worauf

ist  diese  Erscheinung  zurückzuführen?
        <pb n="324" />
        —  319  —

79.  Die  erhabene  Linse.  a.  Die  erhabene  Linse  ist  ein  geschliffenes  Glas,
das  in  der  Mitte  dicker  ist  als  am  Rande.  Eine  rechtwinklig  zur  Linse  durch
den  Mittelpunkt  der  Liuse  gehende  Linie  heißt  ihre  Achse.  Halten  wir  die  Linse
so  gegen  die  Sonne,  daß  ihre  Strahlen  parallel  mit  der  Achse  auf  die  Linse  fallen,
so  entsteht  auf  einem  nahe  unter  der  Linse  befindlichen  Bogen  Papier  ein  blendend
heller  Kreis.  Bei  allmählicher  Entfernung  des  Papiers  wird  er  immer  heller,
aber  auch  immer  kleiner,  bis  er  endlich  als  ein  bloßer  Punkt  erscheint.  Das  ist
der  Brennpunkt.  Er  entsteht  dadurch,  daß  die  durch  die  Linse  hindurchgehenden
Lichtstrahlen  so  in  der  Linse  gebrochen  werden,  daß  sie  sich  in  einem  Punkte  vereinigen.
  Lichtstrahlen,  die  parallel  mit  der  Achse  auf  eine  erhabene
Linse  fallen,  werden  hinter  der  Linse  im  Brennpunkte  vereinigt.
Brennpunkt  heißt  er,  weil  sich  in  ihm  leicht  brennbare  Stoffe,  wie  Zunder,  Schwefel
u.  a.  entzünden.  —  Da  die  erhabene  Linse  die  Lichtstrahlen  in  einem  Punkte
sammelt,  so  heißt  sie  auch  Sammellinse.

b.  Betrachte  durch  die  erhabene  Linse  einen  Käfer  (s.  Abb.),  der  sich  zwischen
der  Linse  und  dem  Brennpunkte  (F)  befindet!  Die  Lichtstrahlen,  die  von  dem
Käfer  (ab)  ausgehen,  werden
so  gebrochen,  daß  dieser  vergrößert
  und  in  weiterer  Entfernung

  erscheint  (Aß).  Die.
erhäbene  Linse  dient  so  alsl
Vergrößerungsglas.

c.  Halte  einen  Gegenstand,
  z.  B.  eine  brennendeb
Kerze,  hinter  die  erhabenee
Linse  und  zwar  so,  daß  sie

weiter  von  der  Linse  ent-:

  Von  dem  Kopfe  (a)  des  Käfers  (a  b)  fallen  Lichtstrahlen  auf  die  Linse.
fernt  ist  als  der  Brennpunkt!  In  der  Linse  koosd  sie  6  gebrochen,  daß  sie  dem  Auge  als  aus  A

zu  kommen  scheinen,  wo  sie  sich  in  ihrer  Verlängerung  vereinigen.
Es.  entsteht  auf  der  andern  Daher  erscheint  der  Kopf  dem  Auge  entfernter  und  vergrößert.
Seite  der  Linse  ein  umgekehrtes

  Bild,  das  sich  auf  einem  Bogen  Papier  auffangen  läßt.  Es  ist  vergrößert,
  wenn  der  Gegenstand  sich  innerhalb  der  doppelten  Brennweite  (die  unmittelbar
  jenseits  der  ersten  Brennweite  liegt  und  dieselbe  Länge  hat  wie  diese

S.  318)  befindet;  verkleinert,  wenn  der  Gegenstand  noch  weiter  entfernt  liegt  als  die
doppelte  Brennweite.

80.  Mikroskop  und  Fernrohr.  a.  Besteht  das  Vergrößerungsglas  nur  aus  einer  einzigen
  Linse,  so  nennt  man  es  gewöhnlich  „Lupe“;  setzt  es  sich  aber  aus  zwei  oder  mehreren
Linsen  zusammen,  so  heißt  es  „Mikroskop“.  Das  Mikroskop  besteht  aus  einer  Röhre,  die
an  jedem  Ende  eine  erhabene  Linse  enthält.  Vor  der  einen  liegt  innerhalb  der  doppelten
Brennweite  der  Gegenstand,  von  dem  in  der  Röhre  ein  umgekehrtes  vergrößertes  auffangbares
  Bild  entsteht.  Dieses  wird  durch  die  zweite  Linse,  das  Augenglas,  betrachtet,  wodurch
  es  dem  Auge  nochmals  vergrößert  erscheint.  ·

b.  Das  Fernrohr  (Erdfernrohr)  besteht  der  Hauptsache  nach  aus  drei  erhabenen
Linsen,  die  in  einer  gegliederten,  inwendig  geschwärzten  Röhre  angebracht  sind,  eine  an
jedem  Ende  und  eine  in  der  Mitte.  Durch  die  dem  fernen  Gegenstande  zugewandte  Linse
entsteht  zwischen  dieser  und  der  mittleren  Linse  in  der  Röhre  ein  kleineres  umgekehrtes  Bild.
Dieses  wird  durch  die  mittlere  Linse  noch  einmal  umgekehrt,  also  aufrecht  gestellt,  und
durch  das  Augenglas  vergrößert  gesehen.

81.  Die  hohle  Linse  ist  ein  geschliffenes  Glas,  das  in  der  Mitte  dünner  ist
als  am  Rande.  Auch  bei  ihr  heißt  die  rechtwinklig  zur  Linse  durch  ihren  Mittelpunkt
  (0  S.  320)  gehende  Linie  die  Achse  der  Linse.  Hält  man  die  hohle  Linse  so
gegen  die  Sonnenstrahlen,  daß  diese  parallel  mit  der  Achse  auf  die  Linse  fallen,
so  erscheint  auf  einem  hinter  der  Linse  befindlichen  Bogen  Papier  eine  dunkle
        <pb n="325" />
        —  320  —

Fläche  mit  einem  hellen,  ringförmigen  Rande.  Dieser  rührt  von  den  durch  die
Linse  gehenden  und  hier  gebrochenen  Sonnenstrahlen  her.  Je  weiter  man  den
Bogen  Papier  von  der  Linse  entfernt,  je  mehr  erweitert  sich  der  helle  Ring;  denn
desto  weiter  laufen  die  durch  das  Glas  gehenden  Sonnenstrahlen  auseinander.  Die

—veeS—
i  —–

5

 

Von  der  Spitze  des  Pfeils  A  B  fällt  der  Strahl  K  c  parallel  mit  der  Achse  auf  die  Linse.  Er  wird  in  dieser
“-Sess  n  en  n  h  ehn  d
im  Durchschrittspunkte  C#)  kradsengetrofen,  so  sieht  es  die  Spitze  des  Pfeils

hohle  Linse  sammelt  also  die  Sonnenstrahlen  nicht  in  einem  Punkte,  sondern  zerstreut
sie.  (Berstrenungslinse.)  Lichtstrahlen,  die  parallel  mit  der  Achse  durch  eine
hohle  Linse  gehen,  werden  so  gebrochen,  daß  sie  auseinander  laufen  (sich
zerstreuen),  und  zwar  so,  als  ob  sie  von  einem  Punkte  kämen.  Daher
erscheint  ein  durch  eine  Hohllinse  betrachteter  Pfeil  (AB)  kleiner  und  näher  (ab).
82.  Brillen.  Die  Krystalllinse  in  unserm  Auge  (S.  286)  ist  eine  erhabene
Linse.  Sie  ist  für  die  Brechung  der  Lichtstrahlen,  die  von  dem  gesehenen  Körper
in  unser  Auge  gelangen,  der  wichtigste  Teil.  In  einem  gesunden  Auge  werden
die  Lichtstrahlen  so  gebrochen,  daß  sie  sich  stets  auf  der  Netzhaut  vereinigen.
Bei  einem  Kurzsichtigen  ist  in  der  Regel  die  Augenachse  zu  lang.  (S.  286.)  Die
Lichtstrahlen  werden  daher  so  gebrochen,  daß  sie  sich  schon  vor  der  Netzhaut  vereinigen.
  Deshalb  trägt  der  Kurzsichtige  eine  Brille  mit  Hohlgläsern.  Durch  diese
wird  ein  Auseinanderlaufen  der  Lichtstrahlen  zwischen  Brille  und  Auge  bewirkt,
so  daß  die  Strahlen  trotz  der  zu  weiten  Entfernung  der  Netzhaut  von  der  Linse
erst  auf  der  Netzhaut  vereinigt  werden.  Bei  dem  weitsichtigen  Auge  ist  die  Krystalllinse
  zu  flach  (wie  dies  namentlich  bei  ältern  Leuten  häufig  vorkommt).  Daher
vereinigen  sich  die  zu  schwach  gebrochenen  Lichtstrahlen  naher  Gegenstände  erst
hinter  der  Netzhaut  und  treffen  bereits  vor  ihrer  Vereinigung  auf  die  Netzhaut.
Deshalb  entsteht  hier  ein  undeutliches  Bild.  Durch  erhabene  Brillengläser  wird
eine  stärkere  Brechung  der  Lichtstrahlen  und  damit  ihre  Vereinigung  auf  der  Netzhaut
  bewirkt.  Weshalb  trägt  auch  der  Ubersichtige  erhabene  Brillengläser?  (S.  286.)
83.  Die  Photographie.  a.  Beim  Photographieren  bedient  sich  der  Photograph  „der
dunkeln  Kammer“.  Das  ist  ein  inwendig  geschwärzter  Kasten,  der  vorn  ein  (meist  verschiebbares)
  Rohr  mit  einer  Linse  trägt.  Die  Linse  läßt  sich  durch  einen  Deckel  verschließen.
Ein  Rahmen  mit  mattgeschliffenem  Glase  bildet  die  Hinterwand.  Befindet  sich  nun  ein
Gegenstand  in  angemessener  Entfernung  vor  der  Linse,  so  entsteht  von  ihm  auf  dem  mattgeschliffenen
  Glase  ein  verkleinertes  umgekehrtes  Bild.  (S.  319  §  79,  c.)  Um  dieses  Bild
scharf  genug  hervortreten  zu  lassen,  kann  man  den  Kasten  verlängern  und  verkürzen.  (Oft
sind  die  Wände  deshalb  nach  Art  einer  Ziehharmonika  gearbeitet.)  Zur  Prüfung  des

Bildes  stellt  sich  der  Photograph  hinter  den  Kasten,  deckt  über  seinen  Kopf  und  den  hintern
Teil  des  Kastens  ein  dunkles  Tuch  und  verlängert  oder  verkürzt  den  Kasten,  bis  das  Bild
        <pb n="326" />
        —  321  —

deutlich  genug  hervortritt.  Die  volle  Schärfe  giebt  er  ihm  gewöhnlich  erst  durch  Verlängerung
  oder  Verkürzung  des  Rohres.  Ist  so  die  Kammer  richtig  vueingestellt",  dann  setzt
der  Photograph  an  Stelle  des  mattgeschliffenen  Glases  eine  mit  einer  bromsilberhaltigen
Masse  überzogene  Glastafel  ein.  Er  nennt  sie  „Trockenplatte",  weil  sie  nach  dem  Eintauchen
  in  die  bromsilberhaltige  Lösung,  der  noch  Gelatine  beigesetzt  ist,  in  besondern
Trockenschränken  rasch  zum  Trocknen  gebracht  wird.

b.  In  dem  Augenblicke,  wo  die  Lichtstrahlen  von  dem  Gegenstande  durch  die  Linse
auf  die  Trockenplatte  fallen,  entsteht  dort  ein  Bild  von  ihm.  Das  Bromsilber  ist  sehr
empfindlich  gegen  das  Licht  und  wird  an  den  getroffenen  Stellen  leicht  in  Brom  und
Silber  zersetzt.  Vorerst  kann  man  jedoch  von  der  Zersetzung  noch  nichts  merken,  aber  sie
ist  bereits  eingeleitet.  Nach  einigen  Sekunden  verschließt  der  Photograph  die  Linse  durch
den  Deckel  und  trägt  die  Glastafel  in  ein  dunkles  Zimmer.  Dort  gießt  er  den  „Entwickler"
(eine  Lösung  von  Eisenvitriol,  Eisessig,  Alkohol  u.  s.  w.)  über  die  Glasplatte.  Dadurch
wird  das  Bromsilber  so  zersetzt,  daß  das  Bild  sichtbar  („hervorgerufen")  wird.  Da  die
hellern  Stellen  des  Körpers,  z.  B.  Gesicht  und  Wäsche,  mehr  Lichtstrahlen  aussenden  als
die  dunklern,  so  wird  das  Bromsilber  da,  wo  es  von  den  Lichtstrahlen  der  hellern  Körperteile
  getroffen  wird,  auch  mehr  zersetzt  als  da,  wo  es  von  den  Lichtstrahlen  der  dunklern
Körperteile  getroffen  wird.  Bei  der  Zersetzung  verdampft  das  Brom,  und  das  Silber  bleibt
als  schwärzliche  Masse  zurück.  So  erscheinen  die  hellern  Stellen  des  Körpers  auf  der
Platte  dunkel,  während  die  dunklern  Stellen,  die  das  Brom  nur  teilweise  vom  Silber
trennen,  weiß  bleiben.  Es  entsteht  ein  „negatives“  Bild.  Damit  aber  die  hellen  Stellen
(d.  i.  das  nicht  zersetzte  Bromsilber)  nicht  durch  fortdauernde  Einwirkung  des  Lichts  geschwärzt
  werden,  taucht  man  die  Platte  in  unterschwefligsaures  Natron.  Dadurch  wird  das
nicht  zersetzte  Bromsilber  entfernt  und  das  Bild  unverändert  festgehalten  („fixiert“).

c.  Hierauf  wässert  man  die  Platte  mit  dem  negativen  Bilde,  läßt  sie  trocknen  und
legt  sie  auf  lichtempfindliches  Papier.  Dieses  ist  mit  verschiedenen  Lösungen  durchtränkt.
Der  Hauptteil  der  Lösungen  ist  Chlorsilber.  Sobald  das  Sonnenlicht  durch  die  Platte  auf
das  Papier  einwirkt,  entsteht  auf  dem  Papier  ein  „positives“  Bild,  auf  dem  die  hellen
Stellen  der  Person  wirklich  hell,  die  dunkeln  aber  wirklich  dunkel  aussehen.  Durch  die
hellern  Stellen  der  Platte  dringen  nämlich  die  meisten  Lichtstrahlen,  zersetzen  das  Chlorsilber
  und  schwärzen  so  das  Papier,  während  durch  die  dunklern  Stellen  der  Platte  nur
wenige  Strahlen  hindurchdringen  und  so  das  Papier  hier  weiß  bleibt.  Auch  das  positive
Bild  bedarf  des  Fixierens.  Von  der  negativen  Platte  lassen  sich  beliebig  viele  positive
Bilder  anfertigen.

84.  Die  Zauberlaterne  malt  uns  in  einem  dunkeln  Zimmer  allerlei  Bilder  an  die
Wand.  Sie  besteht  aus  einem  Blechkasten  mit  einem  Hohlspiegel  an  der  innern  Hinterwand,
  in  dessen  Brennpunkte  sich  eine  Lichtflamme  befindet.  An  der  Vorderwand  des  Blechkastens
  ist  eine  Röhre  mit  einem  senkrechten  Einschnitt  und  einer  erhabenen  Linse  angebracht.
In  den  Einschnitt  schiebt  man  die  auf  Glasstreifen  gemalten  Bilder  (verkehrt)  hinein,  wodurch
  sie  zwischen  das  Licht  und  die  Linse  zu  stehen  kommen.  Der  Hohlspiegel  dient  nur
zur  Beleuchtung  des  Bildes,  das  innerhalb  der  doppelten  Brennweite  der  Linse  steht  und
daher  auf  der  andern  Seite  der  Linse  als  ein  auffangbares,  vergrößertes  Bild  erscheint
(§  76).  Dieses  wird  alsdann  von  der  Wand  des  verdunkelten  Zimmers  oder  zur  größern
Überraschung  der  Zuschauer  von  einem  durchsichtigen  Vorhange  aufgefangen.

85.  Zerlegung  der  Lichtstrahlen.  Wenn  man  eine  dreikantige  Glassäule
(Prisma)  in  einem  Zimmer  in  passender  Weise  gegen  das  Sonnenlicht  hält,  so
entsteht  an  der  gegenüberliegenden  Wand  ein  buntes  Farbenband.  In  diesem
unterscheidet  man  von  unten  nach  oben  folgende  7  Farben:  Rot,  Orange,  Gelb,
Grün,  Hellblau,  Dunkelblau  (Indigo)  und  Violett.  Dieses  Bild  ist  dadurch  hervorgerufen,
  daß  die  Sonnenstrahlen  im  Prisma  zweimal  (beim  Ein=  und  beim
Austritt)  gebrochen  werden.  Wird  das  Sonnenlicht  durch  ein  Prisma  gebrochen,
  so  wird  es  in  seine  7  Farbenstrahlen  zerlegt.  Die  weiße
Farbe  des  Sonnenlichts  ist  also  keine  einfache,  sondern  eine  zusammengesetzte.  Die
einzelnen  Farbenstrahlen  haben  aber  eine  verschiedene  Brechbarkeit,  am  schwächsten
wird  der  rote,  am  stärksten  der  violette  Strahl  gebrochen.  So  erklärt  es  sich,  daß
die  im  Prisma  gebrochenen  Strahlen  auseinander  laufen.

86.  Der  Regenbogen.  a.  Dieselben  Farben,  in  die  das  weiße  Sonnenlicht
durch  das  Prisma  zerlegt  wird,  erkennen  wir  auch  im  Regenbogen  wieder;  denn
auch  er  ist  durch  die  Zerlegung  des  Sonnenlichts  in  die  einzelnen  Farbenstrahlen

Realienbuch.,  B.  21
        <pb n="327" />
        —  322  —

entstanden.  Erinnere  dich  an  das  Funkeln  der  Tautropfen!  Dieses  Funkeln
entsteht  nämlich  dadurch,  daß  die  Sonnenstrahlen  in  den  Tautropfen  gebrochen
und  so  in  ihre  einzelnen  Farbenstrahlen  zerlegt  werden.  Statt  der  Tautropfen
haben  wir  beim  Regenbogen  die  Regentropfen  einer  Wolke  vor  uns.  Die  Sonnenstrahlen
  werden  in  jedem  Tropfen  zweimal  gebrochen.  Die  erste  Brechung  geschieht
  bei  ihrem  Eintritt  in  den  Tropfen.  Die  gebrochenen  Strahlen  werden  hierauf
  von  der  Hinterwand  des  Tropfens  zurückgeworfen  und  beim  Austritt  aus
dem  Tropfen  abermals  gebrochen,  wodurch  sie  endlich  in  unser  Auge  gelangen.
Der  Regenbogen  kann  nur  dann  von  uns  gesehen  werden,  wenn  wir  die  Sonne
im  Rücken  und  die  Regenwolke  vor  uns  haben.

b.  Wie  aber  entsteht  die  Bogenform  mit  den  7  Farbenringen?  —  Die  sieben
verschiedenfarbigen  Tropfenschichten  senden  uns  je  nur  eine  einzige  Art  der  Farbenstrahlen
  zu,  die  andern  Farbenstrahlen  werden  ihrer  abweichenden  Richtung  wegen
vom  Auge  nicht  gesehen.  Nun  können  uns  aber  nur  diejenigen  Tropfen  gleiche
Farbenstrahlen  zusenden,  die  zu  uns  und  der  Sonne  gleiche  Stellung  haben.  Das
ist  nur  bei  den  Tropfen  der  Fall,  die  in  einem  Kreise  liegen.  So  erklärt  sich
die  Bogenform.

87.  Farben.  Wie  kommt  es,  daß  der  Ziegelstein  unserm  Auge  rötlich,  das  Gras
grün  u.  s.  w.  erscheint?  —  Schon  früher  (S.  315)  haben  wir  gesehen,  daß  uns  die  Körper
dadurch  sichtbar  werden,  daß  sie  die  auf  sie  fallenden  Lichtstrahlen  zurückwerfen.  Nun  besitzen
  aber  die  meisten  Körper  die  Fähigkeit,  an  ihrer  Oberfläche  das  auf  sie  fallende  Licht
in  seine  Farben  zu  zersetzen  und  nur  einige  bestimmte  Farbenstrahlen  zurückzuwerfen,  die
andern  aber  zu  vernichten  oder  zu  „verschlucken“.  Weiße  Körper  werfen  alle,  schwarze  gar
keine  Farbenstrahlen  zurück.  Vollkommen  schwarze  Körper  kann  man  nicht  sehen.  Freilich
giebt  es  solche  nicht,  und  die  vorhandenen  schwarzen  Körper  erscheinen  daher  schattenhaft.
Da  schwarzes  Zeug  ziemlich  alle  Lichtstrahlen  und  mit  ihnen  zugleich  die  Wärmestrahlen
verschluckt,  so  ist  es  wärmer  als  helleres  Zeug.  Schnee  und  weiße  Wände  blenden  bei
Sonnenschein,  weil  sie  fast  alle  Lichtstrahlen  zurückwerfen.

88.  Morgen=  und  Abendröte.  Sieh  durch  Wasserdunst  gegen  eine  Flamme!
Der  Wasserdunst  erscheint  gelblichrot.  Ebenso  verhält  es  sich,  wenn  man  durch
Wasserdunst  gegen  die  Sonne  blickt.  Zugleich  erscheint  auch  die  Sonne  dann
selbst  rotgelb  (wie  an  nebligen  Tagen).  Der  Wasserdunst  läßt  nämlich  nur  die
roten  und  gelben  Sonnenstrahlen  durch,  alle  übrigen  werden  von  ihm  zurückgehalten.
  Bei  geringer  Verdichtung  des  Dunstes  gelangen  besonders  die  roten,
bei  stärkerer  Verdichtung  die  gelben  Strahlen  in  unser  Auge.  —  Aus  diesen
Thatsachen  erklärt  sich  die  Entstehung  der  Abend=  und  Morgenröte.  Gegen  Abend
kühlt  sich  nämlich  die  Luft  ab.  Dadurch  verdichten  sich  die  Wasserdämpfe  (S.  313).
Die  Strahlen  der  Sonne  haben  dann  ihren  Weg  durch  viele  Dünste  zu  nehmen.
Daher  lassen  die  Dünste  fast  nur  die  roten  und  gelben  Strahlen  durch.  So
entsteht  die  Abendröte.  Am  schönsten  zeigt  sie  sich,  wenn  der  Wasserdampf  aus
der  eigentlichen  Dampfform  in  Nebel  übergeht.  Hat  sich  der  Wasserdampf
bereits  in  dichten  Nebel  verwandelt,  dann  läßt  er,  besonders  wenn  er  in  überreichen
  Mengen  vorhanden  ist,  nur  die  gelben  Strahlen  durch.  Das  Abendrot
wird  blasser.  Es  gilt  als  Vorbote  baldigen  Regens.  Dagegen:  „Abendrot  —
Gutwetterbot.“  —  Das  Morgenrot  entsteht  in  gleicher  Weise.  Jedoch  ist  es  meist
nicht  so  lebhaft  als  das  Abendrot.  Das  Wasser  verdunstet  nämlich  am  Morgen
langsamer  als  am  Abend.  Der  Ubergang  aus  der  Dampfform  in  die  Nebelform
tritt  gewöhnlich  erst  dann  ein,  wenn  die  Sonne  bereits  ziemlich  hoch  am  Himmel
steht.  Ihre  Strahlen  haben  daher  morgens  einen  kürzern  Weg  durch  die  Dampfschichten
  zu  durchlaufen.  Nur  wenn  die  Luft  feucht  ist,  verdichten  sich  die  Wasserdämpfe
  morgens  zeitig  genug,  und  es  entsteht  dann  eine  lebhaftere  Morgenröte.
Diese  kündet  ebenfalls  gewöhnlich  Regen  an.
        <pb n="328" />
        —  323  —

E.  Der  Magnetismus.

89.  Anziehungskraft  und  Pole  eines  Magnets.  a.  Der  Magnet  hat
angeblich  seinen  Namen  von  der  Stadt  Magnesia  in  Kleinasien  erhalten.  Dort
soll  man  bereits  im  Altertum  Eisensteine  gefunden  haben,  die  die  Eigenschaft
zeigten,  kleine  Eisenstücke  anzuziehen.  Man  nennt  solche  Eisenteile  „natürliche"
Magnete.  Später  entdeckte  man,  daß  sich  auch  „künstliche“  Magnete  herstellen
lassen,  indem  man  Stahlstäbe  mit  einem  natürlichen  Magnet  bestreicht.

b.  Bringe  den  Magnetstab  in  die  Nähe  von  Nähnadeln!  Sie  werden  von
ihm  angezogen  und  festgehalten.  Nähere  den  Magnet  dagegen  Kupfer=  und  Zinnteilchen
  oder  Holzstückchen!  Es  findet  keine  Anziehung  statt.  Hänge  einen  kleinen
Magnet  in  der  Mitte  an  einem  Faden  auf  und  bringe  dann  ein  größeres  Stück
Eisen  seitwärts  in  seine  Nähe!  Der  Magnet  wird  von  dem  Eisen  angezogen.
Ein  Magnet  zieht  Eisen  an  und  wird  von  Eisen  angezogen.

c.  Lege  einen  Magnetstab  in  Eisenfeilspäne!  Sie  haften  vorzugsweise  an
seinen  beiden  Enden,  während  nach  der  Mitte  zu  seine  Anziehungskraft  geringer
wird.  Die  beiden  Punkte  eines  Magnets,  wo  seine  Anziehungskraft  am  größten
ist,  werden  Pole  genannt.  Hängt  man  einen  Magnetstab  an  einem  Faden  wagerecht
  auf,  so  stellt  sich  der  Stab  in  der  Ruhe  stets  so,  daß  der  eine  Pol  ziemlich
nach  Norden,  der  andre  ziemlich  nach  Süden  gerichtet  ist.  Jener  heißt  Nordpol,
dieser  Südpol.  Nähert  man  dem  Nordpole  dieses  Magnets  den  Nordpol  eines
andern  Magnets,  so  flieht  der  Nordpol  des  freischwebenden  Magnets  schnell  hinweg.
(Was  geschieht,  wenn  man  die  beiden  Südpole  einander  nähert?)  Dagegen  wird
der  Nordpol  von  dem  Südpole  und  der  Südpol  von  dem  Nordpole  eines  andern
Magnets  angezogen.  Gleichnamige  Pole  zweier  Magneten  stoßen  sich
ab,  ungleichnamige  ziehen  sich  an.

90.  Magnetnadel  und  Kompaß.  a.  Betrachte  eine  Magnetnadel!  Sie
besteht  aus  einem  an  beiden  Enden  nadelförmig  zugespitzten  magnetischen  Stahlstabe,
  der  wagerecht  auf  einer  senkrechten  Spitze  so  angebracht  ist,  daß  er  sich  leicht
nach  allen  Himmelsgegenden  drehen  kann.  Wird  die  Nadel  in  ein  rundes  Gehäuse
eingeschlossen,  das  am  Boden  mit  einer  Windrose,  oben  aber  mit  einer  Glasscheibe
bedeckt  ist,  so  hat  man  einen  Kompaß.  (S.  Abb.  I)  Ein
solcher  ist  dem  Schiffer  auf  dem  Meere  unentbehrlich.
Mag  der  Schiffer  eine  Richtung  einschlagen,  welche  er
will,  die  Magnetnadel  läßt  sich  nicht  irre  führen,  sondern
zeigt  stets  mit  dem  einen  Ende  in  die  Nähe  des  Nordpols,
  mit  dem  andern  in  die  Nähe  des  Südpols.  10

b.  Die  Erde  ist  nämlich  selbst  ein  großer  Magnet,
der  mit  seinen  Polen  die  Pole  der  Magnetnadel  anzieht.
Doch  decken  sich  die  magnetischen  Pole  der  Erde  nicht
mit  den  geographischen  Polen.  Vielmehr  liegt  der  magnetische
  Südpol  der  Erde  auf  der  Westküste  von  Boothia  ——
(bußia)  Felix,  nördlich  von  der  Hudsonsbai,  der  mag-  «
netische  Nordpol  der  Erde  auf  dem  Südpolarlande  zwischen  Neuholland  und  dem
geographischen  Südpole.  An  der  Westküste  von  Boothia  stellt  sich  eine  Magnet—
nadel,  die  wie  ein  kleiner  Wagebalken  frei  in  einer  Schere  schwebte,  mit  ihrem
Nordpole  senkrecht  nach  unten.  Den  eigentlichen  magnetischen  Nordpol  der  Erde
hat  man  noch  nicht  genau  erreicht.

c.  Eine  wagerecht  aufgestellte  Magnetnadel,  die  stets  diesen  beiden  magnetischen
  Erdpolen  zugewendet  ist,  weicht  daher  an  verschiedenen  Orten  auch  verschieden
  von  den  geographischen  Polen  ab,  in  Berlin  z.  B.  etwa  16  0  nach  Westen.
Die  Abweichung  einer  Magnetnadel  von  ihrer  Nordsüdlinie  nach  Westen  oder

217
        <pb n="329" />
        —  324  —

Osten  nennt  man  „Deklination“.  Auf  den  Kompassen  findet  sich  meist  ein  Pfeil,
der  diese  Abweichung  von  der  nördlichen  Richtung  kennzeichnet.  Über  diesem  Pfeile
muß  der  Nordpol  der  Magnetnadel  stehen,  wenn  der  Norden  der  Windrose  genau
nach  dem  Nordpol  der  Erde  gerichtet  sein  soll.

91.  Künstliche  Magnete.  a.  Lege  ein  Stück  weiches  Eisen  (Nagel,  Schlüssel)
mit  dem  einen  Ende  an  einen  Magnetpol  und  halte  nahe  an  das  Eisen  eine  Näh—
nadel!  Sie  wird  von  dem  Eisen  angezogen.  Das  Eisen  ist  also  selbst  magnetisch
geworden.  Entferne  den  Magnet  vom  Eisen!  Die  Nähnadel  fällt  wieder  ab.
Das  Eisen  ist  also  wieder  unmagnetisch  geworden.  Nimmt  man  statt  des  weichen
Eisens  ein  Stück  Stahl  (Stopf=  oder  Stricknadel),  so  zeigt  sich,  daß  der  Stahl
durch  Berührung  mit  dem  Magnetpole  zwar  schwächer  magnetisch  geworden  ist
als  das  weiche  Eisen,  daß  er  aber  seine  magnetische  Kraft  auch  nach  Entfernung
des  Magnets  behält,  was  bei  weichem  Eisen  nicht  der  Fall  ist.

b.  Man  benutzt  deshalb  auch  den  Stahl  zur  Herstellung  künstlicher  Magnete.
Zu  diesem  Zwecke  bestreicht  man,  immer  von  der  Mitte  des  Stahls  anfangend,
seine  eine  Hälfte  zwanzig  bis  dreißigmal  mit  dem  Nordpole  des  Magnets,  die
andre  Hälfte  ebenso  oft  mit  dem  Südpole,  und  der  künstliche  Magnet  ist  fertig.
Meistens  giebt  man  dem  künstlichen  Magnet  die  Form  des  Hufeisens,  da  so  die
nebeneinander  liegenden  Pole  mit  vereinter  Kraft  wirken  können.

92.  Innere  Beschaffenheit  des  Magnets.  Bricht  man  von  einer  magnetisierten  Stricknadel
  ein  Stück  des  Nordendes  ab,  so  hat  man  in  diesem  Stücke  nicht  etwa  nur  Nordmagnetismus,
  sondern  einen  Magnet  mit  Nord=  und  Südpol.  Der  Nordpol  liegt  an  dem
frühern  Nordende,  der  Südpol  an  der  Bruchstelle.  Durch  wiederholtes  Zerbrechen  dieses
Stückes  lassen  sich  unendlich  viele  kleine  Magnete  herstellen.  Daraus  folgt:  1)  Die  Massenteilchen
  (Moleküle)  müssen  vollständige  Magnete  sein,  jedes  also  Nord=  und  Südpol  haben.
2)  Die  gleichnamigen  Pole  der  Moleküle  eines  Magnets  müssen  gleich  gerichtet  sein.

93.  Magnctische  Verteilung.  a.  Nähert  man  den  Magnet  einem  Gegenstande  aus
weichem  Eisen,  z.  B.  einem  Nagel,  so  wird  dieser  selbst  magnetisch  und  zieht  wieder  andre
Eisenstücke  an.  Man  kann  auf  diese  Weise  eine  förmliche  Kette  aus  Ringen  bilden.  Entfernt
  man  den  Magnet,  so  fällt  die  Kette  auseinander.  Das  Eisen  ist  nicht  etwa  dadurch
magnetisch  geworden,  daß  Magnetismus  von  dem  Magnet  übergesprungen  ist,  sonst  müßte
ja  der  Magnet  bei  wiederholten  Versuchen  an  Kraft  verlieren,  was  nicht  der  Fall  ist.
Man  nimmt  deshalb  an,  daß  in  jedem  Stück  Eisen  von  Natur  bereits  beide  Magnetismen
  vorhanden  sind,  die  Massenteilchen  (Molekularmagnete)  aber  nach  allen  nur
denkbaren  Richtungen  durcheinander  liegen.  Durch  Annäherung  eines  Magnets  aber  werden
sämtliche  Nordpole  der  Massenteilchen  nach  dem  einen,  sämtliche  Südpole  nach  dem  andern
Ende  des  Eisens  gerichtet.  Diese  Wirkung  heißt  „magnetische  Verteilung“.

b.  Denkt  man  sich  nun  den  Magnetstab  aus  unendlich  vielen  Molekularmagnetchen
zusammengesetzt,  so  kann  man  sich  leicht  vorstellen,  daß  Nord=  und  Südmagnetismus  in  steter
Folge  wechseln  müssen.  Das  Ende,  wohin  alle  Nordpole  gerichtet  sind,  ist  der  Nordpol
ns  ns  nsns  des  Magnetstabes,  das  andre  Ende  der  Südpol.  Nähert  man

nun  ein  Stück  Eisen  (E  6)  der  Mitte  des  Magnetstabes,  so

   

—  2  9  5*  nimmt  es  die  gleiche  Lage  gegen  den  Südpol  2  s  und  3  s
E  H□r  der  Moleküle  ein.  Die  Wirkung  dieser  Moleküle  wird  daher
n  n  aufgehoben,  weshalb  der  Magnetstab  in  der  Mitte  keine

*  6  Anziehung  übt.  (§  89  c.)  Nähert  man  dagegen  das  Eisen

(E  5)  dem  Nordpole  des  Magnets,  so  ist  es  sämtlichen  Nordpolen  der  Moleküle  näher  als
ihren  Südpolen.  Deshalb  wird  (da  sich  nur  ungleichnamige  Pole  anziehen)  der  Südmagnetismus
  in  das  dem  Nordpole  des  Magnetstabes  zugelehrte  Ende  des  Eisens  (5  8)  gezogen,
der  Nordmagnetismus  aber  in  das  andre  Ende  (5n)  gestoßen.  So  entstehen  die  Pole.

F.  Elektrirität.

94.  Reibungselektricität.  Reibe  eine  unelektrische  erwärmte  Glasstange
kräftig  mit  einem  Seiden=  oder  Wolllappen!  Dann  halte  sie  über  kleine  Papierstückchen
  (Wollflocken,  Sandkörner,  Holzsplitter,  Goldschaum)!  Sofort  werden
diese  von  der  geriebenen  Stange  angezogen,  bleiben  eine  Zeitlang  daran  haften
        <pb n="330" />
        —  325  —

und  werden  dann  wieder  abgestoßen.  Halte  die  geriebene  Stange  über  kleine
Kügelchen  von  Binsen=  oder  Holundermark  auf  einem  Bogen  Papier!  Sie  tanzen
einen  Augenblick  lebhaft  auf  und  ab.  Ahrliche  Versuche  lassen  sich  mit  einer  Siegellackstange
  oder  mit  Hartgummi  (Gummifederhalter)  anstellen,  wenn  diese  Sachen
mit  einem  Wolllappen  gerieben  werden.  Schon  die  Alten  beobachteten  diese  Erscheinung
  am  Bernstein.  Sie  nannten  dieses  Harz  „Elektron“,  daher  die  Bezeichnung
„Elektricität.“  Elektrische  Körper  ziehen  leichte  unelektrische  Körper
an.  Nähert  man  der  geriebenen  Glasstange  die  Fingerknöchel,  so  hört  man  ein
schwaches  Knistern.  Im  Dunkeln  springt  ein  schwacher  Funke  leise  knisternd  aus  der
Glasstange  gegen  die  nahen  Finger  und  verursacht  in  ihnen  ein  schwaches  Stechen.
Zugleich  macht  sich  ein  eigentümlicher  (Ozon-)Geruch  bemerkbar.

95.  Glas=  und  Harzelektricität.  An  einem  seidenen  Faden  hängt  eine
Kugel  aus  Holundermark.  Berühren  wir  diese  mit  einer  geriebenen  Harz=  oder
Siegellackstange,  so  wird  die  Kugel  selbst  elektrisch  und  vermag  Papierstückchen
u.  dgl.  anzuziehen.  Nähert  man  ihr  jetzt  abermals  eine  Harzstange,  so  stößt  diese
die  Kugel  ab,  während  eine  geriebene  Glasstange  sie  lebhaft  anzieht.  Harz  und
Glas  können  also  unmöglich  dieselbe  Elektricität  besitzen;  denn  sonst  würde  nicht
das  Glas  anziehen,  was  das  Harz  abstößt.  Man  unterscheidet  deshalb  Glas=  und
Harzelektricität  (oder  positive  und  negative  Elektricität).  Aus  obigem  Versuche
ergiebt  sich  das  Gesetz:  Gleichnamige  Elektricitäten  stoßen  einander  ab,
ungleichnamige  ziehen  einander  an.

96.  Elektrische  Verteilung.  Wir  nehmen  eine  Metallkugel  (a)  und  einen  Metalleylinder
(c)  zur  Hand.  Beide  ruhen  je  auf  einem  Glasfuße  (b  und  d),  also  einem  Nichtleiter.  Die
Metallkugel  berühren  wir  wiederholt  mit  einer  Glasstange.  Sie  enthält  nun  positive  Elektricität.
  Nähern  wir  sie  jetzt  dem  Metallcylinder,
so  wird  auch  dieser  elektrisch.  Beweis:  Halten  wir
ein  an  einem  Seidenfaden  hängendes  Markkügelchen,
  das  mit  einer  geriebenen  Siegellackstange
berührt  ist,  an  das  Ende  des  Cylinders,  das  der
Metallkugel  zugekehrt  ist,  so  wird  das  Markkügelchen
  abgestoßen  (e).  Dieses  Ende  enthält  also  negative
  Elektricität.  Von  dem  andern  Ende  dagegen
wird  es  angezogen  (1).  Dieses  Ende  enthält  also  ..
positiveElektricität.—EntserntmandenMetall·—
cyliudervvnderMetallkugchsvzeigtersichwiedet;,z:;.;;s-—-vollkommenunelektrisch.DerCylinderiftalfo·’-:s-—T-s"-——-—

elektrisch  geworden,  ohne  daß  ihm  etwa  Elektricität  mitgeteilt  worden  ist;  denn  es  hat
ja  keine  Berührung  stattgefunden.  Folglich  müssen  beide  Elektricitäten  schon  vor  dem
Versuche  in  ihm  gewesen  sein.  Und  dies  ist  auch  der  Fall.  In  jedem  Körper  sind
beide  Elektricitäten  von  Natur  schon  vorhanden,  aber  gebunden,  so  daß  sie
sich  gegenseitig  in  ihrer  Wirkung  aufheben.  Dadurch  aber,  daß  dem  unelektrischen
Körper  ein  elektrischer  genähert  wird,  werden  beide  Elektricitäten  getrennt  oder  verteilt,  wie
man  gewöhnlich  sagt:  die  ungleichnamige  wird  angezogen,  die  andre  abgestoßen.  Der
Körper  ist  durch  Verteilung  elektrisch  geworden.

97.  Gute  und  schlechte  Leiter.  Wir  befestigen  an  einem  seidenen  Faden
in  einiger  Entfernung  (15—20  cm)  voneinander  2  Holundermarkkugeln,  ebenso
zwei  andre  an  einem  Drahte  (oder  einem  leinenen  Faden).  Jedes  dieser  Kugelpaare
  hängen  wir  an  einem  seidenen  Faden  auf.  Berühren  wir  nun  die  eine  der
beiden  Kugeln  am  Drahte  mit  einer  geriebenen  Siegellackstange,  während  wir  der
zweiten  Kugel  z.  B.  ein  Wollflöckchen  nähern,  so  wird  das  Flöckchen  von  der
zweiten  Kugel  angezogen.  Es  zeigt  sich  also  auch  die  zweite  Kugel  am  Drahte
elektrisch.  Machen  wir  dagegen  diesen  Versuch  bei  einer  der  Kugeln,  die  durch
den  Seidenfaden  verbunden  sind,  so  bleibt  die  zweite  unelektrisch.  Der  Draht  hat
also  die  Elektricität  weiter  geleitet,  der  Seidenfaden  nicht.  Bei  einigen  Körpern
verbreitet  sich  die  Elektricität  auf  der  Oberfläche  schnell  von  einem
        <pb n="331" />
        —  326  —

Teilchen  zum  andern,  bei  andern  nicht.  Wir  unterscheiden  demnach
gute  und  schlechte  Leiter.  Gute  Leiter  sind:  Metalle,  Leinen,  Baumwolle,
Kohle,  Kork,  Holundermark,  Wasser,  überhaupt  alle  feuchten  Körper;  schlechte  Leiter
sind:  Glas,  Harz,  Schwefel,  Seide,  Haare  u.  a.  Will  man  daher  Elektricität  in
einem  Körper  ansammeln  oder  festhalten,  so  muß  man  ihn  mit  Nichtleitern  (Isolatoren)
  versehen.  Gewöhnlich  nimmt  man  dazu  Glassäulen  oder,  wie  auf  Telegraphenstangen,
  Porzellanglocken.

98.  Der  Elektrophor  (d.  h.  Elektricitätsträger)  ist  geeignet,  eine  geringere
Menge  Elektricität  zu  erzeugen,  zugleich  aber  diese  längere  Zeit  aufzubewahren.
Er  besteht  aus  dem  sogenannten  „Kuchen",  der  auf  einem  „Teller“  liegt,  und
dem  „Deckel“.  Der  Kuchen  wird  von  Hartgummi  oder  einer  Harzmasse  gebildet,
der  Teller  von  einer  Blechplatte  oder  einem  mit  Stanniol  (dünn  gewalztem  Zinn)
überzogenen  Brette,  der  Deckel  von  einer  runden  Blechscheibe  oder  einer  ebenfalls
mit  Stanniol  überzogenen  Pappscheibe.  Zum  Handgriffe  des  Deckels  dient  ein
Nichtleiter,  z.  B.  ein  Stab  aus  Hartgummi.  Erwärmt  man  den  Kuchen  mäßig
und  schlägt  ihn  alsdann  mit  einem  Fuchsschwanze,  so  wird  er  auf  seiner  Oberfläche
stark  negativ  elektrisch.  Bedeckt  man  hierauf  den  Kuchen  mit  dem  Deckel,  so  werden
die  beiden  im  Deckel  befindlichen  Elektricitäten  voneinander  geschieden.  Die  positive
Elektricität  des  Deckels  wird  von  der  negativen  Elektricität  des  Kuchens  „gebunden",
  d.  h.  an  der  den  Kuchen  berührenden  Seite  des  Deckels  festgehalten;  die
negative  Elektricität  des  Deckels  dagegen  wird  „frei“  und  sammelt  sich  an  der
andern  Seite  des  Deckels.  Berührt  man  den  Deckel  mit  dem  Finger,  so  entweicht
die  negative  Elektricität  durch  den  Körper  in  den  Erdboden.  Jetzt  ist  also  der
Deckel  nur  mit  positiver  Elektricität  geladen.  Hebt  man  ihn  auf,  so  wird  diese
frei  und  springt  als  Funke  in  einen  Leiter,  z.  B.  in  die  Fingerknöchel,  die  man
in  seine  unmittelbare  Nähe  bringt.

99.  Die  Elektrisiermaschine.  a.  Die  Elektrisiermaschine  dient  dazu,  größere
Massen  von  Elektricität  zu  erzeugen.  Sie  besteht  1)  aus  dem  zu  reibenden  Körper,
einer  kreisrunden  Glasscheibe,  die  vermittels  einer  Kurbel  um  ihre  Achse  gedreht
werden  kann;  2)  aus  dem  Reibzeuge,  2  Lederkissen,  die  mit  einem  Amalgam
(Zinn,  Zink  und  Quecksilber)  überzogen  sind;  3)  aus  einer  hohlen  Messingkugel,
dem  Konduktor  (Ansammler  der  Elektricität).  An  dieser  Kugel  sind  die  sogenannten
„Saugarme“  angebracht,  2  Holzringe,  zwischen  denen  sich  die  Scheibe  hindurch
bewegt.  Jeder  Arm  ist  auf  der  der  Scheibe  zugekehrten  Seite  mit  Metallspitzen
versehen,  die  mit  dem  Konduktor  leitend  verbunden  sind.  Werden  2  Körper  aneinander
  gerieben,  so  wird  der  eine  positiv,  der  andre  negativ  elektrisch  (§  98).
Dreht  man  nun  die  Glasscheibe  so,  daß  sie  sich  durch  die  beiden  Lederkissen  bewegt,
  so  werden  die  Lederkissen  negativ,  sie  selbst  aber  wird  positiv  elektrisch.
(Damit  sich  auf  der  Strecke  von  dem  Reibzeuge  bis  zu  der  Saugvorrichtung  die
positive  Elektricität  des  Glases  nicht  in  der  Luft  verliere,  ist  hier  die  Scheibe  mit
schlechtleitendem  Wachstaffet  bedeckt.)  An  der  Saugvorrichtung  angekommen,  wirkt
die  positive  Elektricität  des  Glases  verteilend  auf  die  Elektricität  des  Konduktors,
d.  h.  sie  zieht  die  negative  an,  die  nun  durch  die  angebrachten  Metallspitzen  auf
die  Glasscheibe  überströmt,  und  vereinigt  sich  mit  ihr.  Auf  dem  Konduktor  aber
bleibt  positive  Elektricität  zurück.

b.  Nähert  man  die  Handknöchel  dem  mit  positiver  Elektricität  geladenen  Konduktor,
  so  springen  Funken  über.  (Will  man  sehr  große  Funken  haben,  so  muß
man  das  Reibzeug  zur  Ableitung  der  negativen  Elektricität  durch  eine  metallene
Kette  mit  dem  Fußboden  verbinden.)  Mit  dem  Funkenzieher  (einer  hin  und
her  schiebbaren,  isolierten  Metallkugel)  kann  man  aus  dem  Konduktor  einer  starken
Elektrisiermaschine  Funken  von  1  m  Länge  ziehen.  Bei  Annäherung  des  Gesichts
        <pb n="332" />
        —  327  —

an  den  Konduktor  haben  wir  das  Gefühl,  als  ob  wir  in  Spinngewebe  geraten
wären.  Die  einzelnen  Härchen  sind  nämlich  elektrisch  geworden,  stoßen  sich  ab
und  spannen  dadurch  die  Haut.  Stellen  wir  uns  auf  einen  Isolierschemel  (hölzerne
  Fußbank  mit  gläsernen  Beinen)  und  erfassen  mit  der  Hand  den  Konduktor,
so  sträuben  sich  unfre  Haare,  bei  Annäherung  von  Leitern  sprühen  wir  Funken
aus,  ja,  wir  können  so  mit  bloßen  Fingern  erwärmten  Spiritus  anzünden.  Befestigen
  wir  eine  Stecknadel  mit  Wachs  an  der  Seite  des  Konduktors  und  halten
einen  leichten  Papierstreifen  vor  seine  Spitze,  so  wird  er  durch  die  aus  der  Spitze
ausströmende  Elektricität  weggeweht.  (Elektrischer  Wind.)

100.  Der  elektrische  Funke  entsteht,  wenn  die  Elektricität  einen  Luftraum
durchdringt.  Man  vernimmt  dabei  ein  eigentümliches  Knistern.

101.  Das  Gewitter.  Was  der  elektrische  Funke  und  das  damit  verbundene
Knistern  im  kleinen  ist,  das  sind  Blitz  und  Donner  im  großen.  Die  Luft  ist
immer  etwas  elektrisch.  Vor  jedem  Gewitter  findet  schnelle  Wolkenbildung  statt,
besonders  wenn  „die  Sonne  sticht“.  Bei  der  Verdichtung  des  Wasserdampfes  zu
Tropfen  entwickelt  sich  Elektricität,  die  sich  in  den  Tropfen  anhäuft.  Besonders
sammelt  sich  in  den  Gewitterwolken  positive  Elektricität  an.  Nähert  sich  nun  eine
Wolke,  worin  sich  positive  Elektricität  angehäuft  hat,  einer  andern  Wolke,  so  zieht
sie  die  negative  Elektricität  der  andern  Wolke  in  die  ihr  zugekehrte  Seite,  und  beide
Elektricitäten  suchen  sich  zu  vereinigen.  Ist  ihre  Spannung  stark  genug,  um  die
zwischen  ihnen  befindliche  Luftschicht  durchbrechen  zu  können,  so  entsteht  ein  elektrischer
  Funke,  den  wir  Blitz  nennen.  Das  Einschlagen  geschieht  dann,  wenn  sich  eine
beispielsweise  mit  positiver  Elektricität  geladene  Wolke  dem  Erdboden  nähert.  Sie
zieht  dann  die  negative  Elektricität  der  Erde  in  die  der  Wolke  am  nächsten  stehenden
  Gegenstände,  Bäume,  Türme  u.  a.,  und  indem  sich  ihre  positive  Elektricität  mit
der  negativen  Elektricität  der  Erde  zu  vereinigen  sucht,  durchbricht  die  positive
Elektricität  im  Blitzstrahl  die  Luft,  und  —  es  schlägt  ein.  Brennbare  Stoffe  werden
dabei  häufig  entzündet,  jedoch  nur,  wenn  sie  schlecht  leiten.  Ist  der  Blitz  nur
schwach,  so  werden  gute  Leiter  von  ihm  nicht  beschädigt.  Häufig  bringt  er  jedoch
eine  Erschütterung  in  ihnen  hervor.  („Kalter  Schlag").  Das  Wetterleuchten  rührt
von  entfernten  Gewittern  her,  deren  Donner  man  nicht  hört.  Der  Donner  selbst
entsteht  durch  Schwingungen  der  Luftschichten,  die  der  Blitz  durchbricht.  (S.  306  §  45.)

102.  Vorsichtsmaßregeln  beim  Gewitter.  Die  der  Wolke  entgegenströmende
Elektricität  folgt  natürlich  immer  guten  Leitern,  namentlich  dem  Metalle,  dem  Wasser,
saftreichen  Bäumen  u.  s.  w.  (§  97.)  Daher  beobachte  man  beim  Gewitter  folgende
Vorsichtsmaßregeln:  1)  Im  Freien  stelle  man  sich  nicht  unter  hervorragende  Gegenstände
  (z.  B.  Bäume,  Strohdiemen),  auch  vermeide  man  die  Nähe  von  Gewässern
und  größern  Tieren.  2)  Ebenso  hüte  man  sich,  während  des  Gewitters  der  einzige
hervorragende  Gegenstand  auf  freiem  Felde  u.  s.  w.  zu  sein.  Man  lege  sich  lieber
nieder.  3)  Auf  der  Straße  gehe  man  nicht  zu  nahe  an  die  Dachrinnen  oder  an
solche  Stellen,  wo  eine  größere  Menge  Wasser  von  den  Dächern  herniederstürzt.
Uberhaupt  ist  es  an  den  Seiten  der  Häuser  gefährlicher  zu  gehen  als  in  der  Mitte
der  Straße.  4)  Im  Gebäude  halte  man  sich  fern  von  eisernen  Hfen,  eisernen
Fensterstangen  u.  s.  w.  5)  Besonders  aber  vermeide  man  solche  Orte,  wo  der  Körper
eine  Lücke  in  einer  unterbrochenen  Leitung  ausfüllt,  wie  dies  der  Fall  ist,  wenn
man  z.  B.  unter  einer  Stubenuhr  mit  metallenen  Gewichtsketten  sitzt.  6)  Auf  dem
Herde  lösche  man  das  Feuer  aus;  denn  auch  Rauch  und  Ruß,  besonders  aber  die
verdünnte  Luft  im  Schornsteine  sind  gute  Leiter.

.  103.  Blitzableiter.  a.  Der  Amerikaner  Franklin  ließ  einst  bei  einem  Gewitter
  einen  Drachen  steigen,  dessen  Spitze  und  Schwanz  aus  Eisendraht  bestanden.
Von  diesem  Drahte  führte  eine  leinene  Schnur  herab,  woran  ein  Schlüssel  ge-
        <pb n="333" />
        —  328  —

bunden  war.  Als  Franklin  während  des  Gewitters  die  Hand  dem  Schlüssel
näherte,  flogen  lange  Funken  aus  dem  Schlüssel  hervor.  Aus  der  Gewitterwolke
  war  nämlich  Elektricität  in  den  Draht  übergegangen  und  durch  den  Leinen—
faden  in  den  Schlüssel  geleitet  worden.  Dieser  Versuch  führte  Franklin  zur  Er—
findung  des  Blitzableiters.  Der  Blitzableiter  besteht  aus  2  Stücken,  der  Auffangestange
und  der  Ableitung.  Die  Auffangestange  ist  ein  Eisenstab  mit  vergoldeter  Spitze.  Er
ist  lotrecht  auf  der  höchsten  Spitze  eines  Gebäudes  angebracht.  Die  Ableitung  besteht
aus  einem  Seile  von  Kupferdrähten  oder  aus  Stabeisen.  Sie  ist  am  untern  Ende
der  Auffangestange  befestigt  und  wird  an  dem  Gebäude  abwärts  in  die  Erde  bis  zum
Grundwasser  (womöglich  bis  zu  einem  Brunnen  oder  Bache)  geleitet.  Wird
sie  in  einen  trocknen  Boden  geleitet,  so  ist  der  Blitzableiter  schädlich.

b.  Die  Wirkung  des  Bilitzableiters  ist  eine  doppelte.  Meistens  entladet  er
die  über  ihm  stehende  Wolke  allmählich,  indem  sich  die  aus  seiner  Spitze  ausströmende
  Elektricität  mit  der  Elektricität  der  Wolke  vereinigt.  So  verhindert
er  die  Anhäufung  der  Elektricität  in  der  Wolke  in  größerer  Menge.  Springt  aber
dennoch  ein  Funke  über  in  den  Blitzableiter,  so  wird  er  ohne  nachteilige  Wirkung
in  den  feuchten  Erdboden  geleitet.

104.  Berührungselektricität.  Lege  einen  Streifen  von  Silberblech  (Löffelstiel)  quer
über  die  Zunge  und  einen  Streifen  von  Zinkblech  ebenso  unter  die  Zunge  (oder  umgekehrt)
und  bringe  beide  an  einem  Ende  miteinander  in  Berührung!  Du  verspürst  einen  sauern
Geschmack.  Das  ist  die  Folge  davon,  daß  durch  die  Berührung  zweier  Metalle  in  einer
Flüssigkeit  Elektricität  entstanden  ist.  Ein  andrer  Versuch:  Wir  füllen  ein  Trinkglas  etwa
¾¾  voll  Wasser  und  gießen  in  das  Wasser  etwas  englische  Schwefelsäure,  so  daß  sie  ungefähr
den  zwölften  Teil  des  Gemisches  ausmacht.  In  diese  so  verdünnte  Schwefelsäure  tauchen
wir  eine  Zink=  und  eine  Kupferplatte,  so  daß  die  Platten  einander  nicht  berühren.  Das
hervorragende  Ende  der  beiden  Platten  ist  mit  einem  mit  Seide  übersponnenen  Kupferdrahte
  in  Verbindung  gebracht.  Nähert  man  die  beiden  blank  geschabten  Drahtenden  einander,
  so  zeigt  sich  zwischen  ihnen  ein  schwacher  (oft  allerdings  kaum  wahrnehmbarer)
Funke.  Sichtbarer  wird  der  Funke,  wenn  man  das  eine  Drahtende  gegen  eine  Eisenfeile
drückt,  die  man  an  dem  hölzernen  Hefte  in  der  Hand  hält,  während  man  mit  dem  andern
Drahte  über  die  rauhe  Seite  der  Feile  hinwegfährt.  Es  entsteht  dadurch  ein  förmliches
Funkensprühen.  Diese  Erscheinung  hat  ihre  Ursache  ebenfalls  darin,  daß  in  den  beiden
Platten  Elektricität  erregt  ist.  Die  Elektricität  ist  hervorgerufen  durch  die  Berührung  der
beiden  Platten  mit  der  Flüssigkeit.  Man  nennt  sie  deshalb  „Berührungselektricität".
105.  Galvanischer  Strom.  a.  Durch  die  Berührung  der  Zink=  und  der  Kupferplatte
mit  der  Flüssigkeit  haben  sich  die  Elektricitäten  in  jeder  der  beiden  Platten  getrennt.  Im
N  Zink  (s.  Abb.  2)  ist  die  negative  in  das  hervorragende  Ende  entwichen
und  die  positive  in  das  in  die  Flüssigkeit  getauchte  Ende.  Beim  Kupfer  (C),
das  nur  schwach  elektrisch  wird,  ist  es  umgekehrt.  Die  getrennten  Elektricitäten
  streben  danach,  sich  wieder  zu  vereinigen.  Dies  kann  jedoch  da,  wo
die  Platten  sich  mit  der  Flüssigkeit  berühren,  nicht  geschehen,  da  hier  die
Elektricitäten  getrennt  werden.  Daher  strömt  die  positive  Elektricität
des  Zinks  durch  die  Flüssigkeit  in  das  Kupfer  und  die  Drähte,  und  die
negative  Elektricität  des  Zinks  durch  die  Drähte,  das  Kupfer  und  die
Flüssigkeit  zum  Zink  zurück.  Diese  Doppelströmung  bezeichnet  man  als
„galvanischen  Strom“  (von  Galvani,  einem  italienischen  Arzte,  der  die
Berührungselektrieität  entdeckt  hat).  Gewöhnlich  meint  man  jedoch  mit
dem  „galvanischen  Strome“  nur  den  positiven  Strom.  Die  verbundene
Kette  nennt  man,  galvanische  Kette“  oder  „galvanisches  Element".  (S.  Abb.])
b.  Will  man  einen  stärkern  Strom  erzeugen,  so  muß  man  eine  größere  Anzahl  von
„Elementen“  zusammensetzen,  indem  man  die  Kupferplatte  des  ersten  Elements  mit  der
Zinkplatte  des  zweiten,  die  Kupferplatte  des  zweiten  mit  der  Zinkplatte  des  dritten  u.  s.  w.
durch  einen  Kupferdraht  leitend  verbindet.  Auf  diese  Weise  erhält  man  eine  galvanische
Batterie.  Das  Zink  des  ersten  und  das  Kupfer  des  letzten  Elements  sind  die  Pole  der  Batterie.
Verbindet  man  beide  Pole  durch  Leitungsdrähte,  so  geht  der  positive  Strom  durch  den  Draht
vom  Kupfer  zum  Zink  und  der  negative  in  umgekehrter  Richtung.  Die  Kette  ist  „geöffnet",
wenn  die  Leitungsdrähte  getrennt  sind,  „geschlossen"  dagegen,  wenn  sie  verbunden  sind.
106.  Elektrisches  Licht.  a.  Trennt  man  die  beiden  Schließungsdrähte  einer  galvanischen
  Batterie  ein  wenig  voneinander,  so  springt  ein  „galvanischer  Funke“  über.  Dieser
        <pb n="334" />
        —  329  —

entsteht  dadurch,  daß  der  Strom  glühende  Teilchen  von  einem  Drahtende  zum  andern  hin—
überreißt.  Befestigt  man  an  den  beiden  Enden  der  Schließungsdrähte  2  Kohlenspitzen  und
entfernt  man  sie  nach  kurzer  Berührung  wenige  Millimeter  voneinander,  so  zeigt  sich  ein
hellleuchtender  Lichtbogen.  Die  Kohlen  werden  nämlich  bis  zur  Verflüchtigung  erhitzt,  und
der  Strom  reißt  jetzt  glühende  Teilchen  der  Kohlenspitzen  mit  sich  fort,  die  in  der  Luft
verbrennen  und  so  das  „elektrische  Bogenlicht“  erzeugen.  Dieses  ist  oft  bei  sehr  starken
Strömen  sogar  heller  als  das  Sonnenlicht.  Damit  es  andauernd  brenne,  müssen  die  sich
abnutzenden  Kohlenspitzen  durch  eine  besondere  Vorrichtung  fortwährend  einander  genähert
werden.  In  vielen  Orten  fängt  man  bereits  an,  Plätze,  Straßen,  Säle  u.  s.  w.  mit
elektrischem  Lichte  zu  beleuchten.

b.  Durch  den  galvanischen  Strom  kann  man  dünne,  fadenförmige  Kohlenstreifen  glühend
  machen.  Dieser  Umstand  brachte  den  Amerikaner  Edison  auf  die  Erfindung  der  elektrischen
  Glühlampe.  Er  befestigte  den  Kohlenfaden  zwischen  2  Platinadrähten  und  schloß
diese  mit  dem  Kohlenfaden  in  ein  luftleeres  Glasgefäß  ein,  in  dessen  Wand  er  die  Platinadrähte
  luftdicht  einschmolz.  (Das  Glasgefäß  muß  deshalb  luftleer  sein,  damit  der  Kohlensaden
  beim  Erglühen  nicht  verbrennen  kann.)  Die  Platinadrähte  setzte  er  dann  mit  einer
Leitung  in  Verbindung,  und  so  erglühte  der  Kohlenfaden  und  verbreitete  ein  sehr  helles  Licht.

107.  Elektromagnet.  Wenn  man  ein  hufeisenförmiges  weiches  Eisen  mit  einem  von
Seide  übersponnenen  Kupferdrahte  umwickelt  und  die  beiden  Drahtenden  mit  den  Polen
des  Elements  verbindet,  so  wird  der  Anker  (ein  Stück  weiches  Eisen)  von  dem  hufeisenförmigen
Eisen  angezogen  und  festgehalten.  Der  galvanische  Strom  umsließt  nämlich  das  Hufeisen
und  macht  es  magnetisch.  Sobald  aber  der  Strom  unterbrochen  wird,  fällt  der  Anker  wieder
ab;  denn  das  Eisen  behält  seine  magnetische  Kraft  nur  so  lange,  als  es  von  dem  Strome
umkreist  wird.  Ein  durch  einen  galvanischen  Strom  magnetisch  gemachtes  Eisen  heißt  ein
Elektromagnet.  Er  ist  besonders  für  die  Telegraphie  von  großer  Bedeutung.

108.  Der  Telegraph  setzt  sich  der  Hauptsache  nach  aus  4  Teilen  zusammen,
1)  der  Batterie  b  (b“),  2)  dem  Leitungsdrahte  LL,  3)  dem  Schlüssel  (mit  dem
Knopfe  k  oder  k')  und  4)  der  Schreibvorrichtung.  1)  Die  Batterie  dient  zur  Erzeugung

 

 

 

 

 

 

 

   

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des  galvanischen  Stromes.  2)  Der  Leitungsdraht  beginnt  und  mündet  in  den
einzelnen  Stationen  (A  und  B).  Früher  benutzte  man  2  Leitungsdrähte  (zur
erstellung  des  Stromkreises).  Bald  aber  entdeckte  man,  daß  ein  Draht  genügte,
weil  die  Erde  den  andern  Draht  ersetzen  kann.  Um  dieses  zu  ermöglichen,  ist  es
nötig,  daß  in  der  Anfangsstation  beispielsweise  der  negative  und  in  der  Endstation
der  positive  Strom  in  die  Erde  abgeleitet  wird.  Dies  geschieht  dadurch,  daß  man
an  das  eine  Drahtende  jedes  Elektromagnets  eine  Kupferplatte  (PP  lötet  und  in
die  Erde  bis  zum  Wasserstande  einsenkt.  Die  Erde  dient  dem  Strome  nicht  etwaals
  Rückweg,  sondern  gestattet  nur  den  Abfluß  der  einen  Elektricität,  wodurch  die
Bildung  neuer  Ströme  ermöglicht  wird.  (Die  Drähte  e  und  e'  leiten  den  Strom
zu  dem  Elektromagnet.)  3)  Der  Schlüssel  hat  den  Zweck,  die  Verbindung  des
Stromes  herzustellen  oder  zu  unterbrechen.  Er  besteht  aus  einem  zweiarmigen
Messinghebel,  der  mittels  einer  Feder  wie  ein  Thürdrücker  leicht  auf=  und  abwärts
bewegt  werden  kann  und  in  seinem  Drehpunkte  mit  dem  Leitungsdrahte  verbunden
ist.  Jeder  seiner  Arme  trägt  an  der  Unterseite  einen  Metallstift.  Gerade  unter

      

∆5
88

8
        <pb n="335" />
        —  330  —

jedem  der  Stifte  befindet  sich  auf  einer  Holzplatte  e#  (e'c“)  ein  Messingsäulchen
über  e  und  c  (e“  und  c),  das  mit  dem  Leitungsdrahte  verbunden  ist.  Für  gewöhnlich
  ruht  der  Hebel,  durch  eine  Feder  gehoben,  in  der  Lage  wie  bei  Schlüssel
k“.  Dann  ist  der  Strom  unterbrochen,  da  die  Batterie  b“  nur  mit  einem  Pole
der  Leitung  verbunden  ist.  Drückt  man  dagegen  den  Kuopf  nieder  (wie  bei  k),
dann  ist  durch  den  Stift  unter  Knopf  k  die  Verbindung  des  Stromes  zwischen
Batterie  b  und  Leitung  hergestellt;  die  negative  Elektricität  fließt  durch  d  und  2
nach  P  in  die  Erde  ab,  und  die  positive  Elektricität  geht  durch  c  k  L,  e  dund
  2/;  dadurch  aber  wird  der  Elektromagnet  2  in  Thätigkeit  gesetzt.  4)  Die
Schreibvorrichtung  setzt  sich  zusammen  aus  dem  Elektromagnet  2  (2°)  und  einem
durch  Gewichte  in  Bewegung  gesetzten  Räderwerke.  Durch  das  Räderwerk  werden
2  Walzen  gedreht,  zwischen  denen  ein  Papierstreifen  liegt,  der  durch  Umdrehung
der  Walzen  fortbewegt  wird.  Uber  dem  Elektromagnet  befindet  sich  ein  Anker,
woran  ein  zweiarmiger  Hebel  mit  dem  einen  Arme  befestigt  ist.  Der  andre  Arm
trägt  oben  einen  spitzen  Stift.  Sobald  nun  um  den  Elektromagnet  ein  Strom
geht,  zieht  er  den  Anker  und  mit  ihm  den  an  ihm  befestigten  Arm  abwärts  und
hält  ihn  so  lange  fest,  als  eben  der  Strom  andauert.  Der  andre  Arm  des  Hebels
hebt  sich  gleichzeitig  in  die  Höhe  und  drückt  mit  dem  Stifte  gegen  den  abrollenden
Papierstreifen.  Hier  zeichnet  er  einen  Punkt  oder  Strich,  je  nachdem  der  Strom
nur  einen  Augenblick  oder  längere  Zeit  anhält.  Diese  Striche  und  Punkte  werden
zu  Zeichen  zusammengesetzt.  —.  —  K.  —a..i  .  .  .s.e  —  .r.

109.  Multiplikator.  Wenn  man  die  Schließungsdrähte  einer  galvanischen  Kette  wagerecht
  über  oder  unter  eine  Magnetnadel  führt,  so  wird  die  Nadel  von  ihrer  Richtung  abgelenkt.
  Diese  eigentümliche  Wirkung  des  galvanischen  Stroms  wird  noch  bedeutend  verstärkt,
  wenn  man  einen  mit  Seide  übersponnenen  Leitungsdraht  in  zahreichen  Windungen
über  und  unter  der  Magnetnadel  herumführt.  Man  nenunt  eine  solche  Vorrichtung  „Multiplikator“.
  Durch  ihn  lassen  sich  galvanische  Ströme  von  geringster  Stärke  nachweisen.

110.  Magnctelektrische  Ströme.  Schiebt  man  den  Pol  eines  Magnets  in  eine  Rolle
von  übersponnenem  Kupferdrahte,  dessen  beide  Enden  mit  einem  Multiplikator  verbunden
sind,  so  zuckt  die  Magnetnadel.  Entfernt  man  den  Magnet,  so  zuckt  sie  abermals.  Diese
Zuckungen  sind  die  Folge  von  ganz  kurzen  elektrischen  Strömen,  die  im  Drahte  entstanden
sind.  Ein  Magnet  ruft  in  benachbarten  und  geschlossenen  Leitern  jedesmal
in  dem  Augenblicke,  wo  er  sich  ihnen  nähert  oder  von  ihnen  entfernt  wird,
elektrische  Ströme  hervor.  Man  nenunt  sie  magnetelektrische  Ströme.  Wenn  wir  ein
Stück  weiches  Eisen  vor  einem  Magnetpole,  der  sich  in  einer  mit  einem  Multiplikator  verbundenen
  Kupferdrahtrolle  befindet,  hin  und  her  schwingen,  so  zuckt  die  Nadel  ebenfalls.
Bei  Annäherung  des  Eisens  wird  nämlich  der  Magnetismus  des  Pols  verstärkt,  bei  der
Entfernung  geschwächt.  Dieser  Wechsel  in  der  Zu=  und  Abnahme  des  Magnetismus  aber
ist  es  gerade,  der  die  elektrischen  Ströme  in  dem  Kupferdrahte  hervorruft.  Sowohl  bei
Annäherung  als  auch  bei  Entfernung  des  Eisens  entsteht  ein  magnetelektrischer  Strom  in
dem  Drahte.  Auf  diesen  Strömen  beruht  das  Geheimnis  des  Telephons.

111.  Das  Telephon  oder  der  Fernsprecher.  (S.  Abb.,  obere  Fig.  —  Längs-—
  durchschnitt,  untere  Fig.  —  äußere  Ansicht.)  Er
n  besteht  aus  einem  Absende=  und  einem  Empfangs-«
  Xwerkzeuge.JndasAbfendewerkzeugwird  hineingesprochen,
  an  das  Empfangswerkzeug  legt  man
das  Ohr.  Beide  Werkzeuge  sind  aber  vollkommen
»  L  gleich  gebaut  und  können  sowohl  zum  Hinein—
1—64„A  sprechen  als  auch  zum  Hören  gebraucht  werden.
#1—  In  jedem  Werkzeuge  findet  sich  ein  stabförmiger
!r⅞  —  Stahlmagnet  (C),  der  an  dem  einen  Ende  durch
S#cdie  Schraube  d  befestigt  wird,  an  dem  andern
—.GGWaber  mit  einer  Kupferdrahtrolle  gg  umgeben  ist.
—  —  Die  beiden  Enden  dieses  Kupferdrahtes  gehen
spszz  nach  den  Klemmschrauben  hh  und  sind  mit  eben-
        <pb n="336" />
        —  331  —

solcher  Rolle  auf  der  Empfangsstation  durch  2  Leitungsdrähte  verbunden  (von
denen  jedoch  der  eine,  ganz  wie  bei  der  Telegraphenleitung,  durch  die  Erde  ersetzt
werden  kann).  Gegenüber  dem  Ende,  das  von  der  Rolle  umgeben  ist,  befindet
sich  eine  dünne  elastische  Eisenplatte  (e).  Spricht  man  in  den  trichterförmigen
Schallbecher  (ki  f)  gegen  die  Eisenplatte  (e),  so  gerät  diese  in  Schwingungen,
verändert  unausgesetzt  ihre  Entfernung  vom  Magnet  und  verstärkt  und  schwächt
dessen  Magnetismus.  (Warum?  s.  8  110sn)")  Dadurch  aber  werden  in  der
Drahtrolle  magnetelektrische  Ströme  von  wechselnder  Stärke  hervorgerufen,  die
sich  nun  durch  den  Leitungsdraht  bis  zur  andern  Station  fortpflanzen.  Hier  laufen
sie  durch  die  dort  befindliche  Drahtrolle,  umkreisen  den  darin  liegenden  Magnet
und  erzeugen  in  ihm  abwechselnd  stärkern  oder  schwächern  Magnetismus.  Daher
kommt  es,  daß  das  vor  dem  Magnetpole  befindliche  Eisenplättchen  bald  stärker,
bald  schwächer  angezogen  wird  und  so  genau  in  derselben  Weise  hin  und  her
schwingt  wie  das  Plättchen  in  der  Anfangsstation.  Dadurch  müssen  in  der  Endstation
  auch  dieselben  Schallwellen,  mithin  auch  dieselben  Töne  und  Laute  wie  auf
der  Anfangsstation  erzeugt  werden.

112.  Das  Nordlicht,  bei  uns  eine  seltene  Erscheinung,  ist  besonders  in  nördlichen
aber  auch  in  südlichen  Gegenden  (daher  richtiger:  Polarlicht)  zu  gewissen  Zeiten  fast  in
jeder  Nacht  sichtbar.  Daher  trägt  es  sehr  viel  zur  Erleuchtung  der  oft  monatelangen  Winternächte
  in  jenen  Gegenden  bei.  Es  erscheint  am  Horizonte  als  heller  Lichtbogen,  der  einen
dunkeln  Kreisausschnitt  umschließt.  Von  Zeit  zu  Zeit  strömen  von  dem  hellen  Lichtbogen
rote,  gelbe  und  violette  Strahlenbüschel  aus,  die  sich  zuweilen  bis  über  unsern  Zenith
(Scheitelpunkt)  erstrecken.  Uber  die  Art  der  Entstehung  des  Nordlichts  hat  man  zwar  noch
keine  vollkommene  Gewißheit  erlangt;  doch  ist  es  unzweifelhaft,  daß  diese  wunderbare  Erscheinung
  mit  dem  Erdmagnetismus  zusammenhängt,  da  das  Nordlicht  Schwankungen  der
Magnetnadel  oft  in  großer  Entfernung  und  schon  am  Tage  vor  seinem  Erscheinen  hervorruft.
  Ebenso  übt  es  auf  den  elektrischen  Strom  im  Telegraphen  einen  so  großen  Einfluß
aus,  daß  die  Geräte  von  selbst  anfangen  zu  arbeiten  und  so  die  Beförderung  von  deutlichen
  Depeschen  verhindert  wird.  Man  nimmt  an,  daß  sich  infolge  der  Achsendrehung  der
Erde  durch  den  Erdmagnetismus  elektrische  Sträme  entwickeln  (wie  man  solches  auch  bei
einem  sich  drehenden  künstlichen  Magnet  nachgewiesen  hat)  und  daß  das  Ausströmen  dieser
Elektricität  das  Nordlicht  bildet.

E.  Chemie.

1.  Chemische  Prozesse.  Erhitze  in  einem  Probiergläschen  unter  Luftabschluß
Sägespäne!  Es  entweichen  Rauch  und  brennbare  Gase,  und  ein  schwarzer  Rückstand,
  Kohle,  bleibt  übrig.  Wir  sagen,  es  habe  eine  chemische  Zersetzung
stattgefunden.  Stellt  man  süße  Milch  längere  Zeit  an  die  Luft,  so  wird  sie  sauer.
Es  hat  sich  mit  ihr  ein  neuer  Körper,  der  Sauerstoff,  verbunden.  In  diesem
Falle  hat  eine  chemische  Verbindung  stattgefunden.  Kohle  und  Rauch  sind
ganz  andre  Körper  als  Holz,  saure  Milch  ist  ein  andrer  Körper  als  süße  Milch.
Vorgänge,  durch  die  aus  verschiedenen  Stoffen  andre  Stoffe  mit  ganz  andern  Eigenschaften
  entstehen,  nennt  man  chemische  Prozesse.  Solche  haben  sich  auch  vollzogen,
  wenn  die  saure  Weintraube  süß,  der  Apfel  faul,  das  Bier  sauer  geworden  ist.

2.  Elemente.  Ein  Körper,  der  sich  nicht  chemisch,  d.  h.  nicht  mehr  in  andre
Stoffe  zerlegen  läßt,  wie  z.  B.  das  Gold,  wird  Element  oder  Grundstoff  genannt.
Weitaus  die  meisten  Körper  unfrer  Erde  aber  sind  aus  verschiedenen  Elementen

 

 

"  *)  Gewöhrlich  setzt  man  an  das  der  Rolle  zugekehrte  Ende  des  Magneten  ein  Stück
weiches  Eisen  (Anker)  an,  das  als  solches  besser  geeignet  ist,  die  Stärke  seines  Magnetis-=mus

  söhnell  zu  verändern.  Dieses  Eisen  taucht  in  die  Rolle  und  bildet  den  einen  Pol  des
agnets.
        <pb n="337" />
        —  332  —

oder  Grundstoffen  zusammengesetzt.  So  besteht  z.  B.  das  Wasser  aus  2  Luftarten,
  dem  Sauerstoffe  und  dem  Wasserstoffe.  Werden  beide  miteinander  im  richtigen
  Verhältnis  vereinigt,  so  entsteht  Wasser.  Man  kennt  gegenwärtig  etwa
70  Elemente,  aus  denen  die  Erde  mit  allem,  was  auf  ihr  lebt  und  webt,  zusammengesetzt
  ist.  Die  bekanntesten  Elemente  sind  alle  Metalle,  ferner  Sauerstoff,
Wasserstoff,  Stickstoff,  Kohlenstoff,  Schwefel,  Phosphor,  Jod,  Kiesel  u.  s.  w.

3.  Der  Sauerstoff  ist  ein  Hauptbestandteil  der  atmosphärischen  Luft.  (S.  301.)
Er  ist  auf  der  Erde  sehr  reichlich  vorhanden;  man  findet  ihn  außer  in  der  Luft
im  Wasser,  in  der  Erde,  in  Tieren  und  Pflanzen,  doch  trifft  man  ihn  niemals
allein  an.  Um  uns  Sauerstoff  zu  verschaffen,  vermischen  wir  etwa  20  g#  feingestoßenes
  chlorsaures  Kali  mit  ebenso  viel  Braunstein  und  füllen  davon  ein
Probierglas  (von  schwer  schmelzbarem  Glase)  etwa  halb  voll.  Dann  verschließen
wir  das  Gläschen  luftdicht  mit  einem  durchbohrten  weichen  Korke,  durch  dessen
Offnung  das  eine  Ende  einer  §  förmigen  Glasröhre  geführt  ist.  Hierauf  hängen
wir  das  Probierglas  mittels  eines  Drahtes  so  an  einem  Gestelle  auf,  daß  das
freie,  aufwärtsgebogene  Ende  der  Glasröhre  in  ein  Gefäß  mit  Wasser  taucht  und
die  Offnung  noch  etwas  vom  Wasser  bedeckt  wird.  Erhitzen  wir  nun  das  Probierglas
  über  einer  Spiritusflamme,  so  steigen  nach  kurzer  Zeit  aus  dem  Wasser
Luftblasen  auf.  Diese  rühren  von  der  erwärmten  Luft  in  der  Glasröhre  her,
die  durch  das  Wasser  nach  oben  steigt.  (S.  314.)  Ist  diese  Luft  entwichen,  so
entsteht  eine  kleine  Pause  in  dem  Aufsteigen  der  Luftbläschen.  Plötzlich  aber
beginnt  ein  neues  Luftströmen  im  Wasser,  und  die  Bläschen  steigen  noch  zahlreicher
  auf  als  vorher.  Diesmal  rühren  sie  von  dem  Sauerstoffe  her,  der  aus
dem  schmelzenden  chlorsauern  Kali  (Kalium,  Chlor  und  Sauerstoff)  entweicht.  Um
den  Sauerstoff  aufzufangen,  nimmt  man  eine  mit  Wasser  gefüllte  Arzneiflasche  und
stülpt  sie  über  die  im  Wasser  befindliche  Offnung  der  Glasröhre.  (Beim  Umdrehen
der  Flasche  verschließe  man  die  Offnung  mit  dem  Finger,  bis  man  sie  unter  das
Wasser  des  Gefäßes  gebracht  hat.  Dann  lasse  man  los,  da  alsdann  kein  Wasser
mehr  herausfließt.  Warum?)  Der  aus  der  Glasröhre  kommende  Sauerstoff  steigt
nun  in  die  Arzneiflasche  empor  und  drückt  nach  und  nach  das  Wasser  aus  ihr
heraus.  Ist  dies  geschehen,  so  verkorkt  man  die  Flasche,  damit  keine  andre  Luft
hineinkomme,  unterhalb  des  Wassers.  Wonmit  ist  sie  gefüllt?

4.  Eigentümlichkeiten  des  Sauerstoffs.  a.  Taucht  man  einen  glimmenden
Span  in  den  Sauerstoff  der  Flasche,  so  brennt  er  mit  heller  Flamme.  Bald
darauf  aber  erlischt  die  Flamme,  da  sie  den  Sauerstoff  aufgezehrt  hat.  Wir  sehen
also,  daß  der  Sauerstoff  die  Verbrennung  befördert.  Nach  unten  hin  in  die
Flasche  schlägt  die  Flamme  nicht,  ein  Beweis,  daß  der  Sauerstoff  allein  nicht
brennt.  Das  Verbrennen  besteht  eben  darin,  daß  ein  andrer  Körper,  hier  das
Holz,  mit  dem  Sauerstoffe  eine  Verbindung  eingeht.  Entsteht  hierbei  Licht  und
Wärme,  so  spricht  man  von  einer  schnellen  Verbrennung;  entsteht  nur  Wärme,  so
wird  dieser  Vorgang  eine  langsame  Verbrennung  genannt.  Ohne  Sauerstoff  ist
keine  Verbrennung  möglich.  Stellt  man  ein  brennendes  Licht  auf  einen  mit  Sand
bestreuten  Tisch  und  einen  Lampenchlinder  darüber,  so  erlischt  das  Licht  sehr
bald.  Es  fehlt  der  Flamme  an  Sauerstoff.  Von  unten  wird  ihm  der  Zutritt
durch  den  Sand,  von  oben  durch  die  über  der  Flamme  sich  bildenden  Gase  verschlossen,
  die  zum  Verbrennen  untauglich  sind.  Sobald  man  aber  den  Cylinder
auf  kleine  Holzstückchen  stellt,  so  daß  die  Luft  von  unten  aus  in  den  Cylinder
gelangen  und  die  beim  Brennen  entstandenen  Gase  lebhaft  abströmen  können,
beginnt  die  Flamme  lustig  zu  brennen.

b.  Wenn  daher  eine  Lampe  gut  brennen  soll,  so  muß  die  Luft  unterhalb
des  Cylinders  zur  Flamme  gelangen  können;  deshalb  die  vielen  kleinen  Offnungen
        <pb n="338" />
        —  333  —

an  dem  Brenner.  Warum  brennt  eine  Lampe  nicht,  wenn  man  den  Cylinder
oben  bedeckt  hat?  Ebenso  brennt  das  Feuer  im  Ofen  schlecht,  wenn  keine  Luft
durch  die  Ofenthür  oder  durch  sonstige  Offnungen  zu  ihm  gelangen  kann.  Warum

bläst  man  ins  Feuer?  Warum  zieht  der  Schmied  den  Blasebalg?

c.  Der  Sauerstoff  hat  große  Neigung,  sich  mit  andern  Körpern  zu  verbinden.  Laß
blankes  Eisen  längere  Zeit  in  feuchter  Luft  liegen!  Es  überzieht  sich  bald  mit  Rost.  Der
in  unsrer  gewöhnlichen  Luft  enthaltene  Sauerstoff  hat  sich  nämlich  unter  Zusatz  von  etwas
Wasser  mit  dem  Eisen  verbunden  und  so  den  Rost  gebildet.  Auch  mit  Kupfer  geht  der
Sauerstoff  in  feuchter  Luft  leicht  eine  Verbindung  ein,  wobei  sich  das  Kupfer  mit  einem
grünlichen  Uberzuge  —  gewöhnlich  Grünspan  genannt  —  überzieht.  Dieser  Grünspan
entsteht  in  ähnlicher  Weise  wie  der  Eisenrost,  nur  daß  hier  der  Sauerstoff  der  Luft  (unter
Hinzutritt  von  etwas  Wasserstoff  und  Kohlensäure)  sich  nicht  mit  Eisen,  sondern  mit  Kupfer
verbindet.  (S.  335.)

d.  Manche  Speisen  und  Getränke  werden  sauer,  wenn  sie  längere  Zeit  mit  der  Luft
in  Berührung  stehen.  Daher  überzieht  man  eingemachte  Früchte  wohl  mit  einer  Zuckerschicht
  oder  verwahrt  sie  in  fest  verschlossenen  Büchsen,  oder  man  „kocht  sie  auf“,  um  die
Luft  aus  den  Poren  herauszutreiben.  (Warum  müssen  Bier=  und  Weinflaschen  recht  fest
zugekorkt  werden?)  Bei  Wärme  verbindet  sich  der  Sauerstoff  noch  leichter  mit  andern
Körpern  als  bei  niederer  Temperatur.

5.  Der  Stickstoff  macht  mit  dem  Sauerstoffe  den  Hauptbestandteil  der  atmosphärischen
  Luft  aus.  Um  Stickstoff  vom  Sauerstoffe  zu  scheiden,  legen
wir  einen  Kork  in  einen  mit  Wasser  gefüllten  Napf.  Auf  den  Kork  stellen
wir  ein  brennendes  Licht.  Dann  stülpen  wir  ein  leeres  Glas  über  Licht  und
Kork.  Bald  wird  das  Licht  verlöschen  und  das  Wasser  in  die  Höhe  steigen,  bis
es  etwa  den  fünften  Teil  des  leeren  Raumes  im  Glase  ausfüllt.  Durch  die
Flamme  ist  nämlich  der  Sauerstoff  im  Glase  verzehrt  worden,  der  Stickstoff  aber
zurückgeblieben.  Da  bei  diesem  Versuche  etwa  ½⅛  der  Luft  unter  dem  Glase
verschwindet,  so  schließt  man  daraus,  daß  die  Luft  zu  ½  aus  Sauerstoff  und
zu  ¼½K5  aus  Steickstoff  besteht.  Den  Namen  Stickstoff  trägt  diese  Luft,  weil  sie,
ohne  Sauerstoff  eingeatmet,  den  Erstickungstod  herbeiführen  würde.  Andrerseits
ist  aber  auch  der  Stickstoff  zu  unserm  Leben  unentbehrlich;  denn  wie  das  Licht
in  reinem  Sauerstoffe  schneller  verlischt  als  in  atmosphärischer  Luft,  so  würde
unser  Leben,  falls  wir  den  Sauerstoff  ohne  Stickstoff  atmen  müßten,  in  kurzer
Zeit  vernichtet  sein.  Der  Stickstoff  kommt  im  Tier=  und  Pflanzenreiche,  namentlich  in
Eiweißstoffen,  sehr  häufig  vor  und  macht  einen  wesentlichen  Teil  unfrer  Nahrung  aus.

6.  Ammoniak.  Wenn  stickstoffhaltige  Körper  in  Fäulnis  übergehen,  so  tritt  der
Stickstoff  mit  dem  Wasserstoffe  in  Verbindung  und  bildet  das  Ammoniak.  Das  ist  ein  Gas
von  scharfem  Geruche.  Löst  man  Ammoniak  in  Wasser  auf,  so  erhält  man  Salmiakgeist.

7.  Das  Wasser  erscheint  uns  1)  in  flüssiger  Form  als  Quell-,  Fluß-,  Seeund
  Regenwasser,  2)  in  fester  Form  als  Schnee,  Hagel  und  Eis  und  3)  in  luftförmiger
  Gestalt  als  Wasserdampf.  Außerdem  findet  sich  Wasser  in  allen  Tier=  und
Pflanzenkörpern,  von  denen  manche  bis  zu  3¾  ihres  Gewichts  aus  Wasser  bestehen,
  sowie  in  vielen  Mineralien.  Ganz  reines  Wasser  findet  man  in  der  Natur
nicht,  am  reinsten  ist  frisch  aufgetauter  Schnee  und  frisch  gefallenes  Regenwasser.
  Jedoch  enthält  das  Regenwasser  stets  etwas  Kohlensäure,  die  es
teils  aus  der  Luft,  teils  an  der  Erde  (von  den  hier  verwesenden  Tier=  und
Pflanzenstoffen)  aufnimmt.  Diese  Kohlensäure  ist  es  besonders,  die  dem  Wasser,
wenn  es  später  als  Quellwasser  wieder  zu  Tage  tritt,  den  erfrischenden  Geschmack
verleiht.  —  Das  kohlensäurehaltige  Wasser  löst  auf  seinem  unterirdischen  Laufe
auch  verschiedene  Mineralien  des  Erdreichs  auf.  Dadurch  erhält  das  Wasser  je
nach  der  Bodenbeschaffenheit  verschiedene  mineralische  Beimischungen.  Kann  man
diese  beim  Trinken  schon  am  Geschmacke  erkennen,  so  heißt  das  Wasser  Mineralwasser.
  Man  unterscheidet  Bitter-,  Sol-,  Stahl-,  Schwefelwasser  u.  s.  w.  Ist
das  Wasser  sehr  kalkhaltig,  so  nennt  man  es  „hart“.  Hartes  Wasser  ist  zum
        <pb n="339" />
        —  334  —

Waschen  (S.  340)  und  zum  Kochen  der  Hülsenfrüchte  (S.  339)  nicht  tauglich.  Das
Regenwasser  hat  keinen  Kalk  aufgelöst.  Es  heißt  deshalb  „weich“.  Auch  das
Wasser  in  Flüssen  und  Teichen  enthält  weniger  Kalk  als  Quellwasser,  da  es  ihn
unterwegs  wieder  ausscheidet.  In  jedem  Wasser  (mit  Ausnahme  des  gekochten
Wassers)  ist  auch  etwas  Luft  enthalten.  Wäre  dies  nicht  der  Fall,  so  würde  kein
Fisch,  kein  Krebs  im  Wasser  leben  können.  Gutes  Trinkwasser  muß  klar,  geruch—
und  geschmacklos  sein.

8.  Wasserstoff.  Das  Wasser  ist  eine  chemische  Verbindung  von  Sauerstoff  und  Wasserstoff.
  Um  uns  Wasserstoff  herzustellen,  nehmen  wir  ein  starkes  Fläschchen  mit  doppelt
durchbohrtem  Korke.  Durch  das  eine  Loch  stecken  wir  eine  Trichterröhre,  die  bis  nahe
an  den  Boden  der  Flasche  reicht,  durch  das  andre  eine  winkelförmig  gebogene  Glasröhre.
In  die  Flasche  schütten  wir  einige  Zinkschnitzel  (beim  Klempner  zu  haben)  und  übergießen
sie  durch  die  Trichterröhre  mit  verdünnter  Schwefelsäure.  Sofort  entsteht  ein  lebhaftes
Aufbrausen.  Es  entwickelt  sich  ein  Gas,  Wasserstoff  genannt.  Da  es  sich  in  reichem  Maße
bildet,  so  hat  es  in  der  Flasche  keinen  Platz  und  entweicht  durch  die  Gasleitungsröhre.
Dabei  nimmt  es  die  anfangs  in  der  Flasche  befindliche  Luft  mit  sich  fort.  Wir  lassen  das
Gas  5—6  Minuten  ausströmen.  (Diese  Vorsicht  ist  nötig,  weil  sich  der  Sauerstoff  der
atmosphärischen  Luft  im  Glase  mit  dem  Wasserstoffe  zu  Knallgas  vermischt  und  so  beim
Anzünden  eine  Explosion  entsteht.)  Hierauf  halten  wir  ein  brennendes  Zündholz  an  die
Offnung  der  Röhre.  Der  Wasserstoff  entzündet  sich  und  brennt  mit  blaßblauer  Flamme.
Halten  wir  ein  trocknes  Glas  mit  weiter  Offnung  über  die  Flamme,  so  beschlagen  die  Wände
des  Glases  inwendig  mit  feinen  Wassertropfen.  Indem  nämlich  der  Wasserstoff  verbrennt,
d.  h.  sich  chemisch  mit  dem  Sauerstoffe  der  Luft  verbindet,  entsteht  wieder  Wasser.  Das
Wasser  besteht  dem  Raume  nach  aus  zweimal  soviel  Wasserstoff  wie  Sauerstoff.  Der  Wasserstoff
  ist  das  leichteste  Gas.  Er  ist  14  mal  so  leicht  als  die  Luft.  Man  verwendet  ihn  daher
zum  Füllen  kleiner  Luftballons.

9.  Der  Kohlenstoff.  Fülle  ein  Probiergläschen  etwa  zur  Hälfte  mit  Sägespänen,
  verschließe  das  Gläschen  mit  einem  Korke,  durch  den  eine  Glasröhre  geht,
und  erhitze  es  über  einer  Spiritusflamme!  Es  steigen  graue  Dämpfe  aus  der
Glasröhre  auf.  Betrachte  die  im  Probiergläschen  zurückgebliebenen  Holzspäne!  Sie
sind  schwarz  geworden:  das  Holz  ist  verkohlt.  Zerreibe  eine  Kohle!  Sie  wird
zu  Pulver.  Der  schwarze  Stoff,  aus  dem  sie  besteht,  ist  Kohlenstoff.  Außerdem
enthält  sie  noch  unverbrennbare  mineralische  Bestandteile,  die  beim  vollständigen
Verbrennen  als  Asche  zurückbleiben.  Holz  besteht  nämlich  hauptsächlich  aus  Kohlenstoff,
  Wasserstoff  und  Sauerstoff.  Durch  die  Hitze  lösen  sich  diese  Grundstoffe  aus
ihren  Verbindungen.  Wasserstoff  und  Sauerstoff  entweichen,  daneben  auch  etwas
Kohlenstoff  in  verschiedenen  Verbindungen,  der  größte  Teil  des  Kohlenstoffes  aber
bleibt  zurück.  In  derselben  Weise,  wie  die  Kohle  im  Probiergläschen,  bildet  sich
auch  die  Kohle  im  Meiler.  Man  schichtet  Holzscheite  auf,  bedeckt  sie  mit  Erde
und  Rasen,  so  daß  nur  wenige  Offnungen  bleiben,  und  zündet  sie  an.  Da  die
Luft  nur  wenig  Zutritt  hat,  fehlt  es  an  Sauerstoff.  Das  Holz  verbrennt  daher
nicht  völlig,  sondern  nur  seine  leicht  brennbaren  Bestandteile:  es  verkohlt.  (Uber
Braun=  und  Steinkohle  s.  S.  255,  über  Torf  S.  2641)

10.  Verwendung  der  Kohle.  Die  Holzkohle  hat  eine  3—4  mal  größere
Heizkraft  als  eine  gleich  große  Holzmenge.  Besonders  wird  sie  in  Eisenhütten,
beim  Plätten  u.  s.  w.  gebraucht.  Auch  wird  sie  uns  außerdem  noch  dadurch
nützlich,  daß  sie  die  Eigenschaft  hat,  andre  Stoffe  in  sich  aufzusaugen,  wozu
sie  besonders  durch  ihre  Porosität  sehr  geeignet  ist.  Schütte  z.  B.  frische,  zerstoßene
  Holzkohle  in  fauliges  Wasser!  Es  wird  wieder  rein  und  trinkbar,  da
die  Holzkohle  alle  verdorbenen  Teile  des  Wassers  in  sich  aufnimmt.  In  Städten,
wo  man  gezwungen  ist,  das  oft  sehr  unreine  Wasser  der  Flüsse  zu  genießen,
filtriert  man  dieses  Wasser  stets  durch  eine  Schicht  Holzkohlen.  Holzkohlen  widerstehen
  auch  der  Vernichtung  lange  Zeit.  Daher  verkohlt  man  das  untere  Ende
der  Baumpfähle,  und  Bier=  und  Weinfässer  werden,  bevor  man  sie  füllt,  im  Innern
  häufig  etwas  ausgebrannt  und  verkohlt.
        <pb n="340" />
        —  335  —

11.  Leuchtgas.  Um  uns  ein  solches  Gas  zu  erzeugen,  stecken  wir  ein
Stückchen  Steinkohle  in  den  Kopf  einer  thönernen  Pfeife  und  verschließen  den
Kopf  oben  mit  Lehm.  Alsdann  legen  wir  den  Kopf  in  die  Ofenglut  und  zwar
so,  daß  die  Röhre  aus  der  Ofenthür  hervorragt.  Halten  wir  nun  nach  wenigen
Minuten  ein  brennendes  Schwefelholz  an  die  Offnung  der  Röhre,  so  entzündet
sich  das  aus  der  Röhre  herausströmende  Gas  und  brennt  mit  schöner,  heller
Flamme.  (Über  Herstellung  des  Leuchtgases  im  großen  vgl.  S.  2561)  Das  Leuchtgas
  ist  eine  Verbindung  von  Kohlenstoff  und  Wasserstoff  und  wird  daher  auch
Kohlenwasserstoffgas  genannt.  Den  Kohlenstoff  erkennen  wir,  wenn  wir  Kreide
in  die  Flamme  halten,  den  Wasserstoff,  wenn  wir  eine  trockene  Glasscheibe  darüber
halten.  (Inwiefern?  S.  334.)  Auch  das  Sumpfgas  besteht  aus  Kohlenstoff  und
Wasserstoff.  Es  findet  sich  besonders  im  Schlamm=  und  Sumpfboden  und  bildet
sich  hier  aus  verwesenden  Pflanzenstoffen.  Bohrt  man  in  den  Schlamm  mit
einem  Stabe  ein  Loch,  so  steigt  es  in  Blasen  in  die  Höhe.  Dieses  Sumpfgas
ist  dasselbe  Gas,  das  vom  Bergmanne  in  den  Kohlengruben  als  „cschlagende
Wetter“  so  sehr  gefürchtet  wird.  (S.  255.)

12.  Kohlenoxydgas.  Wenn  das  Ofenrohr  geschlossen  wird,  bevor  Holz
und  Kohlen  vollständig  verbrannt  sind,  so  können  die  Bewohner  des  Zimmers
dadurch  leicht  den  Tod  finden.  Fehlt  es  nämlich  bei  der  Verbrennung  an  der
nötigen  Zufuhr  von  Sauerstoff,  so  verglimmen  die  Brennstoffe  sehr  langsam,  und
es  bildet  sich  das  sehr  giftige  Kohlenoxydgas,  im  gewöhnlichen  Leben  „Kohlendunst“
  genannt.  Namentlich  wird  dieses  Gas  häufig  dadurch  erzeugt,  daß  man
die  „Ofenklappe“  (an  der  Röhre,  die  den  Ofen  mit  dem  Schornsteine  verbindet)
zu  früh  verschließt,  um  den  Zug  abzusperren  und  so  die  Wärme  aus  dieser  Röhre
nicht  entweichen  zu  lassen.  Das  sich  dann  bildende  Kohlenoxydgas  dringt  durch
die  Ofenthür  ins  Zimmer,  und  da  es  geruch-,  geschmack=  und  farblos  ist,  so  macht
es  sich  durch  nichts  kenntlich,  bringt  aber  bald  Bewußtlosigkeit  und  Tod  hervor.
Daher  verschließe  man  die  Ofenklappe  nie,  bevor  man  sich  überzeugt  hat,  daß
aller  Brennstoff  auch  wirklich  verbrannt  ist.  —  Durch  luftdicht  schließende  Ofenthüren
  erreicht  man  in  neurer  Zeit  viel  besser  und  ohne  Gefahr  denselben  Zweck,
den  man  durch  das  frühzeitige  Schließen  der  „Ofenklappe“  erstrebt,  nämlich  das
längere  Warmbleiben  des  Ofens.

13.  Säuren.  a.  Thu  in  ein  Glas  Wasser  etwa  10  Tropfen  Salzsäure!
Alsdann  tauche  einen  Streifen  blaues  Lackmuspapier  (sog.  „Probierpapier",  in
der  Apotheke  zu  haben!)  in  die  Mischung!  Es  färbt  sich  rot.  Das  geschieht
auch,  wenn  wir  das  Papier  in  Essig,  Wein,  saure  Milch,  Citronensaft,  Apfelsaft
u.  —  w.  tauchen.  (Essig  besteht  aus  Essigsäure  und  Wasser,  Wein  enthält  viel
Weinsäure,  saure  Milch  Milchsäure,  Citronensaft  Citronensäure.)  Säuren  haben
die  Eigenschaft,  blaues  Lackmuspapier  rot  zu  färben.

bo.  Wenn  man  Kupfer  mit  Essig  besprengt,  so  verbindet  sich  die  Essigsäure
mit  dem  Kupfer,  und  es  bilden  sich  grüne  Flecke,  gewöhnlich  „Grünspan"“  genannt,
  auf  dem  Kupfer.  (Vergl.  auch  S.  3331!)  Auch  mit  andern  Säuren
(Wein-,  Apfel-,  Butter=  und  Fettsäure)  verbindet  sich  das  Kupfer,  so  daß  auf
diese  Weise  sehr  verschiedenartige  Kupfersalze  entstehen  können.  Unkundige  pflegen
alle  diese  Kupfersalze  kurzweg  als  „Grünspan“  zu  bezeichnen.  Sie  sind  sämtlich
äußerst  giftig.  Besonders  bilden  sich  Kupfersalze  beim  Kochen  der  Speisen  in
kupfernen  Gefäßen.  Es  ist  daher  bei  Anwendung  des  kupfernen  Geschirrs  große
Vorsicht  nötig.  Namentlich  muß  man  sich  hüten,  die  gekochten  Speisen  in  den
kupfernen  Gefäßen  erkalten  zu  lassen.  (Warum?)  —  Da  in  unsern  silbernen  (und
besonders  neusilbernen)  Löffeln  auch  Kupfer  enthalten  ist,  so  ist  es  immer  gefährlich,
  sie  in  sauern  Speisen  liegen  zu  lassen.
        <pb n="341" />
        —  336  —

e.  Einige  Säuren  benutzt  man  zum  Scheuern  metallener  Geräte  (kupferner
Kessel,  Mörser  u.  s.  w.),  die  in  der  Luft  leicht  oxydieren  (d.  h.  eine  Verbindung
mit  Sauerstoff  eingehen).  Eine  Lösung  von  verdünnter  Schwefel-,  Salz=  oder
Essigsäure  (auch  saures  Bier)  löst  die  oxydierte  Schicht  auf  und  macht  die  Geräte
leicht  blank.  Der  Glanz  erhält  sich  jedoch  nicht  lange,  wenn  nicht  mit  Schlemmkreide,
  Wiener  Kalk  u.  s.  w.  nachgeputzt  wird.  Die  Säuren  zerstören  auch  Farben
und  Fettflecke.  Mit  Kleesalz  oder  auch  mit  Citronensäure  kann  man  Tintenflecke

aus  der  Wäsche,  mit  Schwefelsäure  Fettflecke  aus  dem  Zeuge  entfernen.

14.  Kohlensäure.  a.  Wir  tauchen  einen  brennenden  Holzspan  in  eine  Flasche  mit
Sauerstoff  und  verkorken  sie  sofort.  Sobald  der  Span  ausgebrannt  ist,  hängen  wir  in  die
Flasche  ein  mit  Wasser  angefeuchtetes  Stück  blaues  Lackmuspapier.  Das  Papier  rötet  sich.
Es  ist  also  jedenfalls  Säure  in  der  Flasche  enthalten.  Diese  Säure  ist  aber  gasförmig.
Das  Gas  ist  dadurch  in  der  Flasche  entstanden,  daß  sich  beim  Verbrennen  des  Holzspans
die  Kohle  mit  Sauerstoff  verbunden  hat.  Man  nennt  diese  Verbindung  Kohlensäure.  Sie
wirkt  eingeatmet  sehr  schädlich.  Eine  Flamme  erlischt  darin.

b.  Blase  deinen  Atem  längere  Zeit  durch  einen  Strohhalm  in  ein  Glas  Wasser  und
tauche  dann  blaues  Lackmuspapier  hinein!  Es  färbt  sich  ebenfalls  rot.  Die  Luft,  die  wir
ausatmen,  ist  nämlich  zum  Teil  Kohlensäure.  Daraus  erklärt  sich  auch,  wie  durch  das
Beisammensein  vieler  Menschen  in  einem  kleinen  Zimmer  die  Luft  darin  bald  verdirbt.

.  Kohlensäure  bildet  sich  außerdem  bei  Verwesung  von  tierischen  und  pflanzlichen
Stoffen  sowie  bei  Gärung.  Dicht  verschlossene  Keller,  in  denen  Wein  oder  Bier  gärt,  darf
man  deshalb  nicht  betreten,  ohne  sie  vorher  zu  lüften.

d.  So  gefährlich  es  also  ist,  die  Kohlensäure  einzuatmen,  so  kann  man  sie  doch  ohne
Gefahr  in  den  Magen  bringen.  Sie  verleiht  sogar  dem  Wasser  und  Bier  den  frischen,  erquickenden
  Geschmack  und  macht  sich  in  diesen  Flüssigkeiten  in  Gestalt  kleiner  Bläschen  bemerkbar.
  Beim  „Sauerbrunnen“  sehen  wir  die  Kohlensäure  in  Form  von  Perlen  aufsteigen.

15.  Schweflige  Säure  und  Schwefelsäure.  a.  Streiche  ein  Streichholz  an!  Es  entsteht
  (durch  Verbrennen  des  Schwefels)  eine  bläuliche  Flamme  und  ein  stechender  Geruch.
Der  Schwefel  verbindet  sich  nämlich  mit  dem  Sauerstoffe  der  Luft,  und  es  bildet  sich  ein
neuer  luftförmiger  Körper,  die  sogenannte  „schweflige  Säure“.  Man  benutzt  sie  zum  Reinigen
  der  Zeuge  von  Fruchtflecken  (Weinflecken,  Kirschflecken  u.  a.),  zum  Bleichen  von  Seide,
Wollstoffen,  Strohhüten  u.  s.  w.

b.  Von  der  schwefligen  Säure  unterscheidet  man  die  „Schwefelsäure“.  Sie  enthält
mehr  Sauerstoff  als  die  schweflige  Säure.  Man  stellt  sie  in  Bleikammern  her.  Zunächst
verbrennt  man  in  einem  großen  Ofen  Schwefel.  Die  dadurch  entstandene  „schweflige  Säure“
leitet  man  durch  einen  Kanal  in  Bleikammern.  Das  sind  Räume,  die  aus  Bleiplatten
zusammengefügt  sind.  (Blei  wählt  man,  weil  dies  von  der  Schwefelsäure  am  wenigsten
angegriffen  wird.)  Auf  dem  Boden  der  Bleikammer  stehen  Gefäße  mit  Salpetersäure.  Auch
wird  beständig  Wasserdampf  in  die  Kammer  geleitet.  Die  schweflige  Säure  entzieht  nun
der  Salpetersäure  Sauerstoff,  verbindet  sich  mit  dem  Wasserdampfe  und  bildet  so  einen  neuen
Körper,  die  „Schwefelsäure".  Der  Rest  der  Salpetersäure  ersetzt  seinen  Verlust  an  Sauerstoff
  sofort  wieder,  indem  er  beständig  den  Sauerstoff  der  atmosphärischen  Luft  an  sich  reißt.

c.  Die  Schwefelsäure  hat  ein  großes  Bestreben,  sich  mit  Wasser  zu  verbinden.  Gieße
etwas  Schwefelsäure  auf  ein  Stück  Holz!  Es  erhält  ein  schwarzes  Aussehen,  wie  wenn
es  verkohlt  wäre.  Die  Schwefelsäure  entzieht  nämlich  dem  Holze  den  Wasser=  und  Sauerstoff
  und  läßt  nur  den  Kohlenstoff  zurück.  Reibt  man  eine  blinde  Kupfermünze  mit  einem
Läppchen,  das  mit  verdünnter  Schwefelsäure  angefeuchtet  ist,  so  wird  sie  blank.  Man  gebraucht
  deshalb  Schwefelsäure  auch  zum  Putzen  metallener  Geräte.  (Uber  Schwefel  s.  S.  2651)

16.  Stärke.  a.  Zerreibe  einige  rohe  Kartoffeln  auf  einer  Reibe!  Die  geriebene
  Masse  übergieße  unter  stetem  Umrühren  mit  etwas  kaltem  Wasser!  Alsdann
  seihe  die  breiartige  Masse  durch  ein  Seihtuch  oder  durch  ein  engmaschiges
Sieb  und  laß  nun  die  hindurchgeflossene  milchige  Flüssigkeit  eine  Stunde  ruhig
stehen!  Bald  klärt  sich  die  Masse.  Oben  sammelt  sich  klares  Wasser.  Gießt  man
dieses  ab,  so  erhält  man  einen  weißen,  dichten  Bodensatz.  Das  ist  Stärke.  Solche
Stärke  läßt  sich  auch  von  Weizen,  Mais,  Roggen  u.  s.  w.  gewinnen.

b.  Besonders  wichtig  ist  die  Stärke  als  Nahrungsmittel.  Ehe  sie  in  den
Magen  gelangt,  beginnt  ihre  Verwandlung  in  Zucker.  Das  geschieht  namentlich
mit  Hilfe  des  Speichels.  Ohne  diese  Verwandlung  ist  die  Stärke  nicht  gut  verdaulich.
  Die  stärkehaltige  Pflanzennahrung  darf  deshalb  nicht  zu  schnell  verschluckt
        <pb n="342" />
        —  337  —

werden.  Vom  Magen  und  Dünndarm  gelangt  der  flüssige  Zucker  durch  Blutund
  Lymphgefäße  in  das  Blut.  Hier  verwandelt  sich  der  Zucker  z.  B.  in  Fett.
Stärke  ist  daher  ein  Fettbildner.

17.  Eiweißstoffe.  a.  Gieße  das  Weiße  oder  Gelbe  vom  Ei  in  siedendes
Wasser!  Es  gerinnt.  Koche  die  Flüssigkeit,  die  sich  bei  Herstellung  der  Kartoffelstärke
  (S.  336  §  16)  über  dem  Bodensatz  sammelt!  Es  bilden  sich  Flocken  darin.
Die  Flocken  sind  durch  Gerinnen  von  Eiweiß  entstanden.  Das  Eiweiß  hat  nämlich
die  Eigentümlichkeit,  daß  es  beim  Kochen  gerinnt.

b.  Gieße  einige  Tropfen  Essig  in  Milch!  Die  Milch  gerinnt.  Es  scheidet
sich  eine  dicke  und  eine  wässerige  Masse  ab.  Die  dicke  Masse  enthält  meist  Käsestoff,
  die  wässerige  nennt  man  Molke.  Käsestoff  kommt  auch  in  den  Pflanzen
vor,  namentlich  bei  den  Hülsenfrüchten.  Er  heißt  hier  Legumin.

c.  Knete  Weizenmehl,  mit  Wasser  vermengt,  durch  ein  grobes  Tuch!  Es  bleibt
in  dem  Tuche  eine  zähe,  etwas  klebrige  Masse  zurück.  Das  ist  Kleber.  Er  hat  sich
von  dem  Stärkemehl  getrennt.  Das  Stärkemehl  ist  mit  dem  Wasser  durchs  Tuch
gegangen.  Der  Kleber  giebt  dem  Mehl  die  klebrige  Eigenschaft.  (Kleister!)  Er  ist  im
Wasser  unlöslich.  Durch  Behandlung  mit  Weingeist  läßt  er  sich  jedoch  in  2  Stoffe
zerlegen:  in  einen  löslichen,  den  Pflanzenleim,  und  in  einen  unlöslichen,  den  Faserstoff
  (Fibrin).  Der  Faserstoff  kommt  auch  im  Blute  der  Tiere  vor.  Schlägt  man
frisches  Blut  z.  B.  mit  einer  Rute,  so  setzen  sich  an  der  Rute  zähe,  weiche  Fäden  fest;
sie  bestehen  aus  Tierfaserstoff.  Beim  Erkalten  des  frischen  Blutes  gerinnt  dieser
Stoff,  und  bei  ruhigem  Stehen  scheidet  er  sich  als  sogenannter  Blutkuchen  aus.

d.  Eiweiß,  Käsestoff,  Kleber  und  Tierfaserstoff  nennt  man  mit  einem  Namen
Eiweißstoffe.  Sie  sind  die  eigentlichen  „Blutbildner".

18.  Einige  Nahrungsmittel.  a.  Milch.  Eins  der  wichtigsten  Nahrungsmittel
  —  besonders  für  Kinder  —  ist  die  Milch.  Frische  Milch  schmeckt  süßlich;  sie
enthält  nämlich  etwa  4  %  Zucker,  den  Milchzucker.  Gießt  man  in  die  Milch  einen
Tropfen  Essig,  so  gerinnt  sie  sofort  und  wird  sauer.  Das  geschieht  aber  auch,
wenn  man  die  Milch  einige  Tage  ruhig  stehen  läßt.  Die  Ursache  davon  ist  ein
kleiner  Pilz.  Dieser  ist  in  Mengen  in  der  Luft  verbreitet,  pflanzt  sich  in  der
Milch  fort  und  verursacht  die  Umwandlung  des  Milchzuckers  in  Milchsäure.  An
der  Oberfläche  der  sauern  Milch  zeigt  sich  Sahne  oder  Rahm.  Die  Sahne  bildet
sich  aus  lauter  kleinen  Fettkügelchen,  die  in  der  Milch  schwimmen.  Infolge  ihrer
Leichtigkeit  steigen  sie  allmählich  nach  oben.  Unter  der  Sahne  liegt  die  geronnene,
„magere“  oder  „saure“  Milch.  (§  17  b.)  Will  man  das  Sauerwerden  der  Milch
verhüten,  so  muß  man  sie  aufkochen,  da  dadurch  die  in  die  Milch  gefallenen
Pilze  getötet  werden.  Aus  der  Sahne  bereitet  man  Butter  und  Käse.  (S.  221.)
Butter  ist  ein  Fettbildner,  Käse  ein  Fleischbildner.  Der  Milchzucker  verwandelt  sich
im  Blute  ebenfalls  in  Fett.  Die  Milch  ist  also  als  Nährstoff  sehr  zweckmäßig
zusammengesetzt.  Dazu  kommt  noch,  daß  sie  leicht  verdaulich  ist.
br.  Die  Eier  gehören  zu  den  nahrhaftesten  Speisen.  Ihr  Nährstoff  liegt
in  dem  Eiweiß  und  noch  mehr  in  dem  Eigelb  (Dotter).  Das  Eiweiß  ist  der
vorzüglichste  Fleischbildner.  Das  Dotter  besteht  ebenfalls  aus  Eiweiß,  enthält
jedoch  außerdem  noch  gelbliche  Fettkügelchen;  deshalb  ist  es  Fleisch=  und  Fettbildner
  zugleich,  also  nahrhafter  als  das  Eiweiß.  Weich  gekochte  Eier  sind  leichter
verdaulich  als  hartgekochte,  da  sie  leichter  vom  Magensafte  durchdrungen  werden.
Das  Dotter  ist  wiederum  leichter  zu  verdauen  als  das  Weiße  im  Ei,  da  seine
Teilchen  infolge  der  Fettkügelchen  beim  Kochen  sich  nicht  so  verdichten  als  das  Weiße
des  Eies.  Durch  die  Poren  der  Schale  dringt  leicht  Luft  (Sauerstoff)  in  das  Ei
ein.  Dadurch  wird  es  „faul“.  Will  man  dieses  verhüten,  so  muß  man  die
Schale  mit  Wachs  überziehen  und  die  Eier  dann  in  Asche  legen.  Coorg-Scke,

Realienbuch.  B.  22  für  intoernat
        <pb n="343" />
        —  338  —

c.  Fleisch  ist  ebenfalls  ein  vorzügliches  Nahrungsmittel.  Es  enthält
Eiweiß,  Fett,  Salze  u.  s.  w.,  überhaupt  alle  Stoffe,  die  zu  einer  vollkommenen
Ernährung  erforderlich  sind.  Im  allgemeinen  ist  mageres  Fleisch  leichter  verdaulich
  als  fettes,  ebenso  auch  das  von  jungen  Tieren  besser  als  das  von  alten.
Von  eben  erst  geschlachteten  Tieren  bleibt  das  Fleisch  immer  zähe.  Man  thut
daher  gut,  das  Fleisch  einen  oder  mehrere  Tage  liegen  zu  lassen.  Es  bildet  sich
dann  im  Fleische  Milchsäure,  durch  die  das  Fleisch  mürber,  wohlschmeckender  und
leichter  verdaulich  gemacht  wird.  Roh  sollte  man  das  Fleisch  nicht  genießen,
da  uns  dadurch  leicht  Trichinen,  Bandwürmer  u.  s.  w.  zugeführt  werden  können.
Am  nahrhaftesten  ist  das  Fleisch,  wenn  es  gebraten  wird.  Man  legt  dann  das
Fleisch  nicht  in  Wasser,  sondern  in  Fett,  mit  dem  es  auch  häufig  begossen  werden
muß.  So  bildet  sich  äußerlich  eine  braune  Kruste,  die  das  Ausschwitzen  der
im  Fleisch  enthaltenen  löslichen  Stoffe  verhindert.  Beim  Braten  zersetzt  sich  etwas
Fett  und  bildet  wohlschmeckende  Verbindungen,  die  die  Absonderung  des  Speichels
und  Magensaftes  beschleunigen  und  dadurch  die  Auflösung  der  eiweißartigen  Stoffe
des  Fleisches  befördern.  Aus  diesem  Grunde  ist  auch  gebratenes  Fleisch  leichter
verdaulich  als  gekochtes.

d.  Fleischbrühe  und  Fleischsuppen.  Will  man  eine  wohlschmeckende  Fleischbrühe  gewinnen,
  so  zerschneidet  man  das  Fleisch  in  kleine  Stücke,  setzt  es  in  kaltem  Wasser  aufs
Feuer  und  läßt  es  1—2  Stunden  kochen.  Thut  man  dann  in  die  Fleischbrühe  Gemüse,
Reis,  Graupen,  Nudeln,  Gries,  Grütze  u.  dgl.,  so  erhält  man  mit  Hinzunahme  des  gekochten
  Fleisches  eine  sehr  nahrhafte  Speise.  Man  legt  in  diesem  Falle  das  Fleisch  in  fast
kochendes  Wasser.  Dieses  bewirkt  nämlich,  daß  das  im  Fleisch  enthaltene  Eiweiß  bald  gerinnt
  und  daher  den  Fetten,  Salzen  u.  s.  w.  im  Fleische  die  Wege  verstopft,  so  daß  sie
sich  nicht  mit  dem  Wasser  vereinigen  können.  So  bleibt  das  Fleisch  saftig  und  kräftig.

e.  Getreide  und  Brot.  Die  Getreidearten  enthalten  unter  den  Pflanzen
nächst  den  Hülsenfrüchten  die  meisten  Nährstoffe.  Ihr  Hauptbestandteil  ist  Stärke.
Außerdem  aber  sind  sie  reich  an  Eiweiß  und  Kleber  sowie  an  Salzen  (besonders
an  phosphorsauerm  Kalk).  Weizen  enthält  73  %  Stärke  und  etwa  16  %  Eiweißstoffe,
  Roggen  enthält  71  %  Stärke  und  12  %%  Eiweißstoffe.  Das  Stärkemehl
bildet  vorzugsweise  Fett  (S.  337),  Kleber  und  Eiweiß  aber  Blut  und  Fleisch.
Beim  Mahlen  wird  allerdings  der  Kleber  —  er  sitzt  dicht  unter  der  Hülle  —
mit  der  Kleie  zusammen  aus  dem  Mehl  entfernt.  Dadurch  verliert  das  Mehl
zwar  etwas  an  Nährwert,  gewinnt  aber  an  Verdaulichkeit.  Das  Kommißbrot
sowie  der  Pumpernickel  in  Westfalen  sind  aus  grob  gemahlenem  Mehl  gebacken
und  daher  reich  an  Kleber.  Für  Leute  mit  schwachem  Magen  aber  ist  solches
Brot  nicht  zu  empfehlen,  da  es  schwer  verdaulich  ist.

Will  man  Brot  backen,  so  rührt  man  einige  Stunden  vorher  das  Mehl  mit
Wasser  zu  einem  Teige  zusammen  und  setzt  diesem  etwas  Sauerteig  oder  Hefe  zu.
Sauerteig  ist  ganz  gewöhnlicher  Teig,  der  nach  etwa  8  Tagen  durch  Gärung  sauer
geworden  ist.  Die  Gärung  entsteht  durch  Hefepilze,  die  aus  der  Luft  herab  in
den  Teig  gefallen  sind  und  sich  hier  schnell  vermehren.  Durch  den  Sauerteig
gelangt  nun  auch  der  frische  Teig  in  Girung.  Dabei  verwandelt  sich  das  Stärkemehl
  in  Zucker  und  dieser  wiederum  in  Weingeist  und  Kohlensäure.  Die  Kohlensäure
  entweicht  und  verursacht  dadurch  das  „Aufgehen“  des  Teiges.  Durch  die
Ofenhitze  wird  das  Entweichen  der  Kohlensäure  noch  mehr  befördert  und  dadurch
das  Brot  porös  gemacht.  Auch  der  Weingeist  verdampft  bei  der  Hitze,  wodurch
das  Brot  ebenfalls  gelockert  wird.  Auf  diese  Weise  erhalten  wir  lockeres  Brot.

f.  Die  Hülsenfrüchte  (Erbsen,  Bohnen,  Linsen)  sind  sehr  nahrhaft  und  enthalten
22—28  /%  Eiweiß  und  51—60  %  Stärkemehl.  Sie  übertreffen  an  Nährstoff
manche  Fleischarten.  Beim  Kochen  hat  man  darauf  zu  achten,  daß  sie  nicht  mit
heißem  Wasser  angesetzt  werden,  da  sonst  der  käseartige  Eiweißstoff  gerinnt  und  dann
        <pb n="344" />
        —  339  —

schwer  verdaulich  wird.  Die  Hülsenfrüchte  müssen  daher  stets  mit  kaltem  Wasser  an—
gesetzt  werden.  Besonders  viel  trägt  es  zur  Verdaulichkeit  und  Schmackhaftigkeit  der
Hülsenfrüchte  bei,  wenn  sie  am  Abend  vorher  in  kaltem  Wasser  eingeweicht  werden,
wodurch  sie  aufquellen.  In  kalkhaltigem  Wasser  werden  die  Hülsenfrüchte  nicht
„gar“,  sondern  bleiben  hart.  Der  Kalk  geht  nämlich  teils  mit  einigen  Pflanzenstoffen
eine  unlösliche  Verbindung  ein,  teils  umgiebt  er  die  Hülsenfrüchte  wie  eine  Kruste.
Durch  einen  Zusatz  von  etwas  Soda  wird  jedoch  das  harte  Wasser  in  weiches  verwandelt.
  Die  Hülsenfrüchte  dürfen  dann  aber  erst  nach  dem  Abkochen  mit  Fett  versehen
  werden,  sonst  verbindet  sich  die  Soda  mit  dem  Fette  zu  Seife,  und  die  Speise
nimmt  dann  einen  Seifengeschmack  an.  Die  Verdaulichkeit  der  Hülsenfrüchte  wird  auch
sehr  erhöht,  wenn  sie  durchgeschlagen,  d.  h.  von  ihrer  harten  Schale  befreit  werden.

g.  Kartoffeln  enthalten  20—21  %  Stärkemehl  und  nur  etwa  1½  %
Eiweiß.  Sie  bilden  somit  wohl  Fett,  aber  keine  Muskeln.  (S.  336).  Dagegen
befördern  sie  das  Atmen.  Das  in  Zucker  verwandelte  Stärkemehl  wird  z.  T.
durch  den  eingeatmeten  Sauerstoff  verbrannt  und  als  Kohlensäure  und  Wasser
ausgeatmet.  Daher  rührt  die  Wärme  des  Blutes.

h.  Gemüse.  Mit  Gemüse  bezeichnet  man  Kohl,  Mohrrüben,  Kohlrüben,
Teltower  Rüben,  grüne  Bohnen,  Gurken,  Spinat  u.  a.  Das  Gemüse  hat  nur
einen  geringen  Nährwert,  sogar  einen  weit  geringern  als  die  Kartoffel;  denn
es  hat  auch  nicht  einmal  viel  fettbildende  Stoffe  (Stärkemehl)  wie  die  Kartoffel,
noch  viel  weniger  aber  fleischbildende  Stoffe.  Und  dennoch  ist  das  Gemüse  für  die
Ernährung  des  Menschen  wichtig.  Es  führt  nämlich  dem  Magen  allerlei  Säuren
(Milchsäure,  Spargelsäure  u.  s.  w.)  sowie  feste  mineralische  Stoffe  (Kalk,  Kali,
Natron  u.  s.  w.)  zu.  Während  die  Säuren  hauptsächlich  dazu  beitragen,  die  Fleischund
  Fettspeisen  im  Magen  zu  verdauen,  sind  die  mineralischen  Stoffe  selbst  zum
Aufbau  des  Körpers  ganz  unentbehrlich.  (Warum  sollen  die  Gemüse  vor  dem  Genusse
nicht  so  stark  ausgepreßt  werden,  wie  das  z.  B.  beim  Gurkensalat  oft  geschieht?)

i.  Obst  enthält  wie  Gemüse  ebenfalls  nur  geringe  Nahrungsstoffe.  An  Eiweiß
  ist  es  noch  ärmer  als  Gemüse.  Es  ist  aber  reich  an  erfrischenden  Säuren
(Apfelsäure  u.  dgl.).  Durch  diese  wird  die  Verdauung  (besonders  der  Eiweißstoffe)
befördert.  Namentlich  bilden  die  Apfel  deshalb  eine  gesunde  Kost.

19.  Verwesung,  Vermoderung,  Fäulnis.  Apfel  und  Birnen  faulen;  das
Holz  alter  Bäume,  besonders  der  Weidenbäume,  wird  morsch  und  verwandelt  sich
in  Mulm;  Tierleichen  verwesen.  In  der  Regel  entsteht  durch  die  Verwesung
und  Fäulnis  ein  widerlicher  Geruch.  Oft  wird  die  Verwesung  durch  kleine  Pilze
eingeleitet.  Diese  siedeln  sich  z.  B.  gern  in  feuchtem  Holze  an,  wuchern  hier,  entziehen
  dem  Holze  gewisse  Nährstoffe  und  zersetzen  so  das  Holz.  Jedoch  sind  diese
Pilze  nicht  immer  zur  Verwesung  nötig.  Oft  siedeln  sie  sich  erst  auf  den  bereits
in  Verwesung  übergegangenen  Gegenständen  an  und  beschleunigen  nur  die  Zersetzung.
  Worin  besteht  nun  diese  Zersetzung  oder  Verwesung  eigentlich?  Wie  die
Rflanze  beim  Verbrennen  wieder  in  die  Stoffe  aufgelöst  wird,  aus  denen  sie  besteht
(S.  331),  so  ähnlich  löst  sich  auch  der  verwesende  Körper  in  die  Grundstoffe  auf,
aus  denen  er  zusammengesetzt  ist.

Wird  die  Verwesung  bei  beschränktem  Luftzutritt  durch  Wasser  herbeigeführt,
so  heißt  sie  Fäulnis.  Geschieht  sie  bei  verhindertem  Luftzutritt  ohne  Einwirkung
von  Feuchtigkeit,  so  heißt  sie  Vermoderung.  (Mulm  der  Bäume.)

20.  Seife.  Man  unterscheidet  harte  Seife  (Kernseife)  und  weiche  Seife
(Schmierseife).  Die  Kernseife  wird  aus  Fett  (Talg  oder  Ol)  und  Atznatron,  die
weiche  Seife  aus  Fett  und  Atzkali  hergestellt.  Koche  etwas  Atznatron,  Rizinusöl
und  Wasser!  Setze,  wenn  das  Ol  verschwunden  ist,  etwas  Kochsalz  hinzu!  Bald
bildet  sich  ein  fester  Körper  auf  der  Flüssigkeit:  es  ist  Seife.  Ahnlich  bereitet

227
        <pb n="345" />
        —  340  —

auch  der  Seifensieder  seine  Seife.  Will  er  z.  B.  Kernseife  kochen,  so  löst  er
Atznatron  in  einem  Kessel  in  Wasser  und  stellt  so  Natronlauge  her.  Dann  thut
er  Fett  dazu,  läßt  die  Masse  eine  Zeitlang  kochen  und  gießt  noch  etwas  kaltes
Wasser  hinzu.  Dadurch  entsteht  eine  dicke,  schaumige,  fast  gallertartige  Masse,
der  Seifenleim.  Diesem  setzt  er  etwas  Kochsalz  zu,  und  nun  scheidet  sich  aus  dem
Seifenleime  die  harte  Seife  ab,  die  oben  auf  der  Flüssigkeit  schwimmt.  Nimmt
der  Seifensieder  statt  des  Atznatrons  Atzkali,  so  erstarrt  der  Seifenleim  bei  der
Abkühlung  zu  Schmierseife.  Durch  einen  Zusatz  von  Kochsalz  verwandelt  sich
auch  die  Schmierseife  in  Kernseife.  —  Beim  Waschen  wird  ein  Teil  des  Atznatrons
oder  Atzkalis  frei  und  löst  in  dem  Zeuge  das  Fett  auf,  das  den  Schmutz  zurückhält
und  so  die  Fettflecke  bildet.  Sobald  aber  das  Fett  erst  aufgelöst  ist,  läßt  sich  der
Schmutz  leicht  durch  Reiben  entfernen.  —  In  hartem  (kalkhaltigem)  Wasser,  wie
z.  B.  im  Brunnenwasser,  schäumt  die  Seife  nicht.  Sie  löst  sich  nämlich  darin  nicht
auf,  da  sich  das  Fett  mit  dem  Kalk  zu  einer  unlöslichen  Masse  (Kalkseife)  verbindet.
  Deshalb  benutzt  man  zum  Waschen  Regen=  oder  Flußwasser.

 

Seittafel  der  Geschichte.

 

Nach  Christi  Geburt.  1640—1688  Friedrich  Wilhelm,  der  große
9  Hermannsschlacht.  Kurfürst.

375  Beginn  der  Völkerwanderung.  1675  Schlacht  bei  Fehrbellin.

451  Hunnenschlacht  (Attila).  1681  Ludwig  XIV.  raubt  Straßburg.

496  Chlodwig  besiegt  die  Alemannen.  1688—1713  Friedrich  I.

622  Muhameds  Flucht.  «  1701  Friedrich  J.  wird  König  in  Preußen.

732  Karl  Martell  schlägt  die  Araber.  1713—1740  Friedrich  Wilhelm  I.

754  Bonifatius  wird  ermordet.  1740—1786  Friedrich  der  Große.

768—814  Karl  der  Große.  1756—1763  Der  7  jährige  Krieg.

843  Jertrag  zu  Verdun.  1786—1797  Friedrich  Wilhelm  II.

927  Gründung  der  Nordmark.  1789  Anfang  der  französischen  Revolution.

933  Heinrich  I.  schlägt  die  Ungarn.  1797—1840  Friedrich  Wilhelm  III.

955  Otto  I.  schlägt  die  Ungarn  auf  dem  1797  (22.  März)  Kaiser  Wilhelm  geboren
Lechfelde.  1804  Napoleon  I.  wird  Kaiser  der  Fran-1077

  Heinrich  IV.  in  Canossa.  zosen.  ·

1099  Jerusalem  wird  erobert.  1806  Auflösung  des  deutschen  Reichs,

1152—1190  Friedrich  I.  Barbarossa.  Schlacht  bei  Jena  und  Auerstädt.

1273—1291  Rudolf  von  Habsburg.  1807  Tilsiter  Friede.

1415  Huß  wird  in  Konstanz  verbrannt.  1812  Napoleons  Zug  gegen  Rußland.

1415  Friedrich  VI.,  Burggraf  von  Nürnberg,  1813  und  15.  Befreiungskriege.  1813  Völkerwird
  Kurfürst  von  Brandenburg.  schlacht  bei  Leipzig

1440  Erfindung  der  Buchdruckerkunst.  1815  Schlacht  bei  Belle-Alliance.

1483  (10.  Nov.)  Luther  geb.  1840—1861  Friedrich  Wilhelm  1V.

1492  Kolumbus  entdeckt  Amerika.  1848  Die  Revolutionen.

1493—1519  Maximilian  I.  1859  (27.  Jan.)  Kaiser  Wilhelm  II.  geboren.

1517  (31.  Okt.)  Anfang  der  Reformation.  1861—1888  Wilhelm  1.  6

1521  Luther  auf  dem  Reichstage  zu  Worms.  1864  Der  deutsch-dänische  Krieg.

1530  Reichstag  zu  Augsburg.  1866  Der  deutsche  Krieg.  .

1546  (18.  Febr.)  Luther  stirbt.  1870—1871  Der  deutsch-französische  Krieg.

1555  Augsburger  Religionsfriede.  1871  (18.  Jan.)  Wilhelm  J.  Deutscher  Kaiser.

1618—1648  Der  dreißigjährige  Krieg.  1888  (9.  März)  Wilhelm  I.  stirbt.

1631  Tilly  zerstört  Magdeburg.  —  (9.  März—15,  Juni)  Kaiser  Friedrich  III.

1632  Gustav  Adolf  fällt  bei  Lützen.  —  Kaiser  Wilhelm  II.

 

Druck  von  Velhagen  4&amp;amp;  Klasing  in  Bielefeld.
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