W 394 20 vor und brachten die sämtlichen sechs Räuber zur Strecke. Der Heide ist ein vorzüglicher Reiter. Sättel und Bügel kennt er nicht, falls er sie nicht von angrenzenden Fullahs oder Haussas erbeutet oder gestohlen hat. Als Zügel dienen zwei Grasstricke, die an einem weiteren um das Pferdemaul her- umgelegten Strick befestigt werden. Zum Reiten legt er noch den Rückenschurz ab und sitzt somit ganz nackt auf nacktem Pferde. Die Heidenpferde find sehr klein, nicht größer als ein Pony, jedoch äußerst zäh und ausdauernd. Die Hauptnahrung der Heiden besteht aus rotem und weißem Korn (Fufu) und der Milch, ferner aus Reis, Mais, Erdnüssen, Erdbohnen, Fischen, endlich aus dem Fleisch der Schafe, Ziegen, Hühner und nur in Ausnahmefällen auch aus dem des Rindviehs. Der Heide beschäftigt sich mit Ackerbau, Vieh- zucht, Fischang und Jagd. Die Bearbeitung des Ackers wird sowohl von den Weibern wie von den Männern besorgt. Als einziges Handwerks- zeug dient hierzu eine kleine Hacke aus härtestem Holz, die vielfach mit einer Eisenspitze versehen ist. Die Bearbeitung des Bodens und die Farm- bestellung findet vor Beginn der großen Regenzeit statt. Die Regenzeit fällt in die Monate Juni, Juli, August und September; Mai und Oktober sind Ubergangsmonate, November bis April bilden die Trockenzeit. Angebaut werden: Rotes und weißes Korn, Erdnüsse, Erdbohnen, stellenweise auch Reis, Mais, Okro, Baumwolle (sehr wenig) und Tabak. Korn, Erdnüsse, Erdbohnen bleiben nach beendeter Regen- zeit noch etwa einen Monat lang auf dem Halm bzw. im Boden. Der Mais wird etwa einen Monat vor dem Ende der Regenzeit abgeerntet. Baumwolle findet man bei den einzelnen Ge- höften in wenigen kümmerlichen Pflänzchen ver- treten. Diese Pflänzchen haben nur den Zweck, den Weibern die Wolle für ihre einzige Beklei- dung, den schon beschriebenen Strick, zu liefern. Bei der Station in Bongor sind von mir Baum- woll-Versuchsgärten angelegt worden. Nach fünf Monaten waren die Pflänzchen erst 75 em hoch. Ich habe den Boden absichtlich nicht gedüngt, um zu sehen, was er zu leisten imstande ist. Er scheint sich, nach diesem Versuch und nach den Pflänzchen zu urteilen, die ich bei den Gehöften der Eingeborenen sah, nicht besonders für Baum- wolle zu eignen. Andere Gebiete in den deutschen Tsadseeländern, namentlich in Bornu, die Gebiete nahe dem Tsadsee, auch die Mandara-Gegend, sollen hervorragende Baumwollstauden aufweisen. Leutnant v. Hanstein erzählte mir, daß er in Wulgo am Ngala-Fluß Baumwollfelder angetroffen hätte, über die er hoch zu Pferde nicht hinweg- sehen konnte. Die einzelnen Standen seien von Daumendicke gewesen. Der Fischfang wird äußerst rege betrieben. Es erklärt sich daraus, daß der Logone-Fluß von Bongor bis Musgum-Dorf auf beiden Ufern dicht bevölkert ist. Besonders das rechte Ufer bildet eine fast ununterbrochene Reihe von Wohnstätten. Der Fischbestand ist auf der Strecke Bongor bis Musgum-Dorf nicht mehr allzu groß. Schonungs- zeiten kennt der nur von heute auf morgen denkende Heide nicht und er setzt auch in der Laichzeit den regen Fischfang fort. Der Fang geschicht mit Netzen und Reusen. Mit Beginn der Trockenzeit, also beim Fallen des Massers, werden alle mit dem Logone-Fluß in Verbindung stehenden Gräben gegen diesen abgesperrt. Diese Gräben sind dann sehr schnell bis auf den letzten Fisch ausgefangen. An Vieh sind im Bezirk vertreten: Buckel- rindvieh, Schafe und Ziegen, Haushühner und Perlhühner. Es gibt hier wohl kaum einen er- wachsenen Heiden, der nicht wenigstens ein Stück Rindvieh sein eigen nennt. Die Ernährung des Rindviehs bietet nur in der Trockenzeit einige Schwierigkeiten. Während der Regenzeit bleibt es in der Nähe der Ortschaften, wo in dieser Zeit reichliches Futter vorhanden ist; in der Trockenzeit dagegen wird das Vieh in oft meilen- weit von den Dörfern entfernte Grasebenen ge- trieben. In einer solchen Grasebene wird das Rind- vieh jeden Abend an einem bestimmten Lagerplatzt zusammengetrieben. Die Lagerplätze sind zum Schutz gegen Raubzeug und menschliches Raub- gesindel ringsum mit Dornverhauen umgeben. Jedes Tier hat hier seinen bestimmten Platz, und zwar ist das Vieh jeder Heidenfamilie wieder besonders durch Stangen von dem einer anderen Familie abgegrenzt. Viele Familien wohnen hier während der ganzen Trockenzeit bei ihrem Vieh, von anderen Familien ist wenigstens ein männliches Mitglied oder ein Freund des Hausos als Wachtposten am Platze. Ferner sieht man an diesen Plätzen eine Unmenge Kinder und halb- wüchsige Jünglinge. Diese sind von ihren Eltern hierher zum Milchtrinken geschickt worden und kehren erst mit dem Vieh in ihre Dörfer zurück. Der Heide hängt mit großer Liebe an seinem Rindvieh. Er schlachtet höchst selten einmal ein Tier, und dann ist es meist ein ganz altes, von dem er annimmt, daß es doch nächstens eingebt. Nur unter ganz besonderen Umständen trennt er sich von seinem Vieh oder von einem Teile. Den Hauptgrund bildet dann der Kauf von Weibern oder die Totenklage. Stirbt ein teures Familienmitglied, dann läßt der Heide sich herbei, einen Bullen für die Trauerfeier zu schlachten.