355 20S I nichtamtlicherceil IDEHZJH Nachrichten aus den deutschen Schutzgebieten. (Abdruck der Nachrichten vollständig oder teilweise nu#r mit Quellenangabe gestattet.) Kamerun. Berichte dreier Dallotiner Datres über dlie Erelg- mnisse auf den Missionsstationen Ihasa, Kridi und Groß-Batanga.“) J. Die Vertreibung und Gefangensetzung der Missionare von Ikasa. Es war anfangs August, als die Kriegsnachricht nach Ikasa gelangte. Wir glaubten den kommen- den Dingen mit aller Ruhe entgegensehen zu können, weil nach Ansicht aller die Entscheidung zu Hause ausgefochten würde und deshalb Kämpfe in den Kolonien zwecklos wären. Am 16. August — ich war gerade auf einer Buschreise — bekam ich die Nachricht, daß in der Ndian= und Mokofaktorei (und, wie ich später hörte, in ganz Kamerun) sämtliche Eingeborenen- Getränke (Rum usw.) auf Befehl der Regierung vernichtet worden wären. Diese Nachricht löste allerdings gemischte Gefühle bei mir aus: einer- seits die Hoffnung, daß es mit dem Fusel hier in Kamerun ein für allemal wohl fertig sei; anderseits jedoch sprach sie eine zu deutliche Sprache für den Ernst der Sachlage. Am 20. August kam auch schon eine Abteilung von 17 Polizeisoldaten unter Führung eines Re- serveleutnants nach Bekoko (½ Stunde flußab- wärts von Ikasa), um die Westgrenze von Rio bis Ekundukundu zu sichern. Bald darauf, Ende August, kam das Gerücht, daß Unteroffizier Hirsch und tags darauf Reserveleutnant Lyhme zwischen Rio und Calabar durch Verrat gefallen, sodann auch, daß die Engländer im Anmarsch seien. Die Folge davon war, daß zunächst sämtliche Farm- arbeiter der D. W. H.-Farm (1½ Stunde flußab- wärts, rechts, Bekoko gegenüber) davonliefen. Jedoch der Umstand, daß die Schüler hier alle beisammenblieben und auch den Leuten gegenüber nicht die geringste Unruhe zeigten, wirkte vorder- hand noch beruhigend auf die Bevölkerung, be- sonders die hinteren Stämme: Bima, Batanga und Ngolo, wo auch die meisten Schüler her waren. Anfang September kam ein Schwarzer, der Steward in Rio war, zerrissen und zerfetzt hier an mit der Meldung, die Engländer hätten Rio *) Wal. den Bericht des Pallotiner Paters Fürber aus Duala („D. Kol. Bl.- 1915, Nr. 12,13. S. 270 ff.). genommen. Der allzu geringen Besatzung war es nicht möglich, standzuhalten, eine Viertelstunde vor Ankunft eines englischen Kriegsschiffes räumte sie den Platz. Es war ein wüstes Bild, das sich mir darbot, als ich Ende Januar das erstemal wieder nach Rio kam: Türen und Fenster waren zertrümmert, der Boden in der Schreibstube der D. W. H.-Faktorei fußhoch mit vernichteten Ge- schäftsbüchern usw. bedeckt. Noch, grauenhafter sah es im Store aus. Zwei große Kassenschränke waren vollständig demoliert. Zuerst sollen die Engländer selbst, dann dem schönen Beispiele folgend, die Schwarzen darin gehaust haben. Nichts war mehr ganz. Alles war unbrauchbar. Nicht Habgier allein hat da gearbeitet, weit mehr die Rachgier und aufgestachelte Wut gegen das Deutschtum. Denn dasselbe Bild bot auch die Regierungsstation dar, während die englische Faktorei (Woodin & Co.) vollständig verschont blieb. Zu meiner Genugtuung konnte später fest- gestellt werden, daß kein einziger der Christen dabei beteiligt war. Einmal, es war kurz nach der Einnahme von Rio, kam auch die Nachricht, wilde Horden von Calabar her seien im Anzug. So etwas war schon eher geeignet, einen nervös zu machen. Doch wir blieben auf dem Posten. Die Schule ging ruhig weiter, Gott sei Dank ließ sich niemand blicken. Der ganze September verlief ohne be- sondere Aufregung. Da, mit einem Male — es war am 1. Oktober — hörten wir, daß sämtliche Bewohner, sowohl der Dörfer, die flußabwärts liegen, als auch der nach der englischen Grenze gelegenen, geflohen seien. Sämtliche Häuptlinge der Umgegend waren zu einer Besprechung nach Bekoko gerufen. Dabei sollten (und das war Geheimbefehl) die Häuptlinge von Musunguseli und Elibanyanga festgenommen werden, weil Leute von dort den Engländern Verräterdienste geleistet haben sollen. Die Eingeborenen bekamen jedoch von jenem Geheimbefehl, freilich in ganz entstellter Weise, Wind, und da auch gleichzeitig Nachrichten einliefen, daß Duala von den Eng- ländern genommen wurde, auch daß viele Schwarze dort gehängt und die dortigen Missionare alle fortgeschickt wurden, da floh alles bei Nacht und Nebel in den Busch. Ich habe alles aufgeboten, die Leute, wenigstens die Ikasaleute, die noch am