W 79 20 das sind die Felsblöcke, die auf dem Acker liegen, das sind die Hauptfaktoren, die einer gesunden Weiterentwicklung der sich selbst überlassenen Ein- geborenen im Wege stehen, die ihre Volkskraft nicht zur Entfaltung kommen lassen und oft zum Aussterben ganzer Stämme geführt haben. Eine erfolgreiche Bekämpfung dieser am Marke der Naturvölker zehrenden unheimlichen Kräfte gehört zu den ersten und wichtigsten Aufgaben des Missionars und des Kolonisators. Um dieses Ziel zu erreichen, genügt es nicht, ein Schutzgebiet mit Waffengewalt zu erobern und den Ein- geborenen den Willen des Eroberers aufszu- zwingen. Wir müssen die neue Welt, die wir mit ihrer anders gearteten Menschheit in Besitz nehmen, uns auch geistig zu eigen machen; wir müssen uns bestreben, den Eingeborenen innerlich zu erfassen und ihm näher zu kommen, wir müssen ihn begreifen lehren, warum wir von ihm eine Abkehr von seinen bisherigen Lebensgewohn- heiten verlangen, er muß verstehen, daß es Güte ist und nicht Härte, wenn wir ihn zwingen, auf ihm Liebgewordenes zu verzichten. Um die Eingeborenen leiten zu können, müssen wir ihre Sitten, Gewohnheiten, ihre Rechtsver- hältnisse eingehend studieren, wir müssen ihre Welt kennen lernen, wir müssen die Welt so kennen lernen, wie sie sich in den Köpfen der Menschen abspiegelt, die Jahrhunderte abseits vom Schatten der Kultur gelebt haben. Erst wenn man unterscheiden gelernt hat, was dem Einge- borenen lieb und wert ist, was ihm als heilig oder profan gilt, was er für dumm und klug hält, was ihm als gut und was als böse er- scheint, erst wenn man weiß, warum er dieses als wichtig, jenes als Lappalie auffaßt, erst dann versteht man seine Gedanken, und erst dann kann man den Argumenten seiner Logik begegnen. Ungebildete Leute werden sich zunächst schlecht mit den Eingeborenen verstehen, weil sie sich in fremde Gedanken nicht hineinfinden können und weil sie den Eingeborenen lediglich als corpus vile für ihre Erwerbsabsichten ansehen. Aus diesen Kreisen stammen auch die unfreundlichen Anreden für unsere farbigen Schutzgenossen, wie Nigger, Kanaker, Kuli! Meine Damen und Herren! Ich habe als Gouverneur über zehn Jahre mit und unter den Eingeborenen der Samoa-Inseln gelebt und habe Jahre meines Lebens dem Studium der Ein- geborenen gewidmet. Bei dem selbstverständlichen Wunsch unserer Regierung, für unser deutsches Vaterland Vorteile aus den Kolonien zu ziehen, habe ich nie vergessen, daß unsere Kolonien die Heimat sind von Menschen, denen wir unseren Schutz versprochen haben, für die wir sorgen müssen. Diesen Standpunkt habe ich als Gou- verneur meinen Beamten eingeschärft und habe ihn später als verantwortlicher Leiter unserer Kolonialverwaltung für sämtliche deutschen Kolo- nien als Leit= und Grundsatz aufgestellt. Es ist aber praktisch nicht viel gewonnen, wenn man die Aufgaben des Kolonisators deduktiv aus dem Rechtsverhältnisse zwischen Kolonie und Mutter- land und aus den Postulaten der christlichen Weltanschauung herleitet. Wer nicht jahrelang unter den Eingeborenen gelebt und Anteil ge- nommen hat an ihren Leiden und Freuden, wessen Herz nicht für sie schlägt und wer nicht das Gefühl der Nächstenliebe auch für tiefer- stehende, anders denkende und fühlende Menschen empfindet, der wird die Freudigkeit und Be- geisterung nie verstehen, mit der der berufene Kolonisator und Missionar an seine Arbeit geht. In diesem Zusammenhang wird Ihnen der Sinn der Worte klar werden, die ich im Reichstag und in öffentlichen Reden wieder und wieder aus- gesprochen habe: Kolonisieren ist Missionieren! Das Thema der Eingeborenen-Behandlung ist für die Mission so wesentlich, daß ich Sie bitte, noch etwas dabei verweilen und Ihnen einige Beispiele von den krausen Gedankengängen der Eingeborenen geben zu dürfen, die ich selbst in Samoa erlebt und beobachtet habe. Dabei bitte ich Sie zu bedenken, daß die Polynesier, zu denen die Samoaner gerechnet werden, zu den fort- geschrittensten der farbigen Rassen gehören und daß die Samoaner seit Jahrzehnten Christen sind. Aber um so charakteristischer zeigt sich an ihnen, wie tief das Heidentum auch nach der Bekehrung in seinen einstigen Bekennern wurzelt. In der Stadt Leulumoega auf der Insel Upolu war einst ein Aufstand, weil ein Samoaner die Schale einer Schildkröte ohne Erlaubnis der Häuptlinge an einen Händler geschenkt hatte. — Bei einer zeremoniellen Essensdarbringung an