Napoleon  war  ein  Despot.  Es  ist  abgeschmackt,  beweisen
zu  wollen,  daß  das  Feuer  brenne  und  das  Wasser  nässe.  Ich  erspare
  mir  daher  die  gleich  abgeschmackte  Mühe,  Napoleons
Despotismus  zu  beweisen.  Wer  jene  Zeit  noch  mit  Bewußtsein
durchlebt  oder  wer  auch  nur  einige  Zeilen  Geschichte  gelesen
hat,  weiß,  daß  in  ihr  alles  unsicher,  depraviert,  vereitelt,  und
das  meiste  auch  verkäuflich  war,  daß  die  Schmeichelei  sich  an
die  Stelle  der  Gesinnung  gedrängt  hatte,  daß  den  Schwachen
und  Schlechten  wohl,  den  Starken  und  Guten  übel  zumute  war,
und  daß  alles  dieses  von  dem  einzigen  herrührte,  der  nichts
an  seinem  Platze  gelassen  hatte  .  Der  Despot  will  nicht
die  hand  in  den  Taschen  aller  Menschen  haben;  er  will  nicht
Blut  trinken,  sondern  er  will  nur,  daß  die  Freiheit  der  Einzelnen
  lediglich  auf  ihre  Hrivatverhältnisse  beschränkt  sei,
in  den  öffentlichen  aber  die  eine  und  unteilbare  Majestät
herrsche  .  ber  damit  der  Despotismus  in  den  Seelen
Wurzel  schlage,  muß  er  rein  und  naiv  auftreten.  Er  muß
sich  ankündigen  als  das,  was  er  ist,  als  Wille,  der  nicht
zu  schmeicheln  braucht,  als  Gewalt,  die  da  sagt:  „Ich
bin  Gewalt,  weil  Gott  in  dieser  Gewalt  wohnt.“  Weil  seine
Weltstellung  etwas  Swiespältiges  und  Gebrechliches  hatte,
so  konnte  daraus  auch  nur  ein  zwiespältiger,  gebrechlicher
Despotismus  folgen.  Der  Riese  stand  in  zu  verschiedenartiger
Beleuchtung:  die  Legitimität  beleuchtete  ihn,  der  Republikanismus,
  die  militärische  Glorie  beleuchteten  ihn;  das  Diogeneslämpchen,
  welches  nach  Ruhe  und  Frieden  suchen  ging,  ließ
seinen  schrägen  Schein  auf  ihn  fallen.  Er  warf  daher  keinen
tiefen,  schwarzen  Schatten;  der  Schatten  irrte  das  Zuge
durch  blauen,  grauen,  rötlichen,  grünlichen  Farbenschiller.
Uapoleon  konnte  die  Reminiszenzen  des  arvenn,  das  Gefühl
  der  mißlichen  Stellung  nicht  verleugnen.  Deshalb  mußte
er  unter  allen  hat--i-scherifs  [Kundgebungens,  die  er  erließ,
und  an  der  Spitze  von  fünfhunderttausend  Bajonetten  demagogisch
  kajolieren,  rhetorisch  sich  blähen;  auch  strebte  er
beständig  zu  überzeugen.

Mit  allen  diesen  kleinen  Mitteln  befaßt  sich  der  reine
große  Despotismus  nicht.  hätte  er  den  Mut  gehabt  zu  sagen:

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