nach  Breslau  gekommen  war,  wohnte  eine  Treppe  höher
Das  Juströmen  der  ungeheuern  Menge  UMenschen  war  ihnen
unbegreiflich;  sie  mochten  wohl  eine  unbestimmte  Khnung
von  meinem  Entschluß  haben.  Meine  Frau  wagte  sich  nicht
heraus;  durch  die  zu  Erkundigungen  abgesandte  Magd  ließ  ich
sie  auf  eine  spätere  Stunde  vertrösten;  dann,  versprach  ich,
solle  sie  alles  erfahren.  Ich  hatte  diese  zwei  Stunden  in
einem  seltsamen  Sustande  zugebracht;  was  ich  sagen  wollte,
regte  mein  ganzes  innerstes  Dasein  auf;  ich  sollte  jetzt  und
unter  solchen  Derhältnissen  aussprechen,  was  fünf  Jahre
hindurch  zentnerschwer  auf  meinem  Gemüte  gelastet  hatte;
ich  sollte  der  erste  sein,  der  nun  öffentlich  laut  aussprach,
wie  jetzt  der  Rettungstag  von  Deutschland,  ja  von  ganz
Europa,  da  war;  die  innere  Bewegung  war  grenzenlos.
Dergebens  suchte  ich  Ordnung  in  meine  Gedanken  zu  bringen,
aber  Geister  schienen  mir  zuzuflüstern,  mir  Beistand  zu  versprechen,
  ich  sehnte  mich  nach  dem  Ende  dieser  quälenden  Einsamkeit;
  nur  ein  Gedanke  trat  vorherrschend  hervor:  „Wie
oft  hast  du  dich  beklagt,“  sagte  ich  mir,  „daß  du  hier  in  diese
Ecke  von  Deutschland  hingeschleudert  wurdest:  und  sie  ist  jetzt
der  alles  ergreifende,  begeisternde  Mittelpunkt  geworden;
hier  fängt  eine  neue  Epoche  in  der  Geschichte  an,  und  was
diese  wogende  Menschenmenge  bewegt,  darfst  du  aussprechen."“
Tränen  stürzten  mir  aus  den  Zugen,  ich  fiel  auf  die  Knie,
ein  Gebet  beruhigte  mich.  So  trat  ich  unter  die  Menge  und
bestieg  mein  Katheder.  Was  ich  sprach,  ich  weiß  es  nicht,
selbst  wenn  man  mich  nach  dem  Schlusse  der  Rede  gefragt
hätte,  ich  würde  keine  Rechenschaft  davon  ablegen  können.
Es  war  das  drückende  lefühl  unglücklich  verlebter  Jahre.
welches  jetzt  Worte  fand;  es  war  das  warme  GEefühl  der  zusammengepreßten
  Menge,  welches  auf  meiner  Sunge  ruhte.
UUichts  Sremdes  verkündete  ich.  Was  ich  sagte,  war  die
stille  Kede  aller,  und  sie  machte  eben  deswegen,  wie  ein
Echo  aus  der  eignen  Seele  eines  jeden,  einen  tiefen  Eindruck.
  Daß  ich,  indem  ich  die  Jugend  so  aufforderte,  zugleich
meinen  Entschluß  erklärte,  mit  ihnen  den  Kampf  zu  teilen,
versteht  sich  von  selbst.

8  Die  Befreiung.  113