und  die  französischen  Regierungsbehörden  nicht  mehr  den,
den  Gehorsam  zu  gebieten.  Man  erwartet  uns  mit  Ungeduld.
um  das  verhaßte  Joch  abzuwerfen,  und  hier  treibt  man  sich  in
Sesten  und  Mahlzeiten  herum.  Ich  für  mein  Teil  lebe
hier  sehr  einsam  und  predige  schriftlich  Lehren,  die  unbequem
sind.  Bei  den  Konferenzen  schreit  alles  durcheinander,  und
da  werden  Dinge  beschlossen,  die  sich  gut  auf  dem  Dapier
ausnehmen,  praktisch  aber  undurchführbar  sind.  Durch  rger
und  Stubenluft  bin  ich  schon  halb  krank.

Goethe  über  die  deutsche  Gegenwart  und  Sukunft.

Kus  einem  Cespräch  mit  dem  Historiker  Luden,  Drofessor  in
Jena.

Uovember  1813.

Glauben  Sie  ja  nicht,  daß  ich  gleichgültig  wäre  gegen
die  großen  Ideen  Freiheit,  Volk,  Daterland.  Nein;  diese
Ideen  sind  in  uns;  sie  sind  ein  Teil  unseres  Wesens,  und  niemand
  vermag  sie  von  sich  zu  werfen.  Zuch  liegt  mir  Deutschland
  warm  am  herzen.  Ich  habe  oft  einen  bitteren  Schmerz
empfunden  bei  dem  Gedanken  an  das  deutsche  Dolk,  das  so
achtbar  im  einzelnen  und  so  miserabel  im  ganzen  ist.  Eine
Dergleichung  des  deutschen  Dolkes  mit  anderen  Dölkern  erregt
uns  peinliche  Gefühle,  über  welche  ich  auf  jegliche  Weise  hinwegzukommen
  suche;  und  in  der  Wissenschaft  und  in  der  Kunst
habe  ich  die  Schwingen  gefunden,  durch  welche  man  sich  darüber
  hinweg  zu  heben  vermag:  denn  Wissenschaft  und  Kunst
gehören  der  Welt  an,  und  vor  ihnen  verschwinden  die
Schranken  der  Nationalität;  aber  der  Trost,  den  sie  gewähren,
ist  doch  nur  ein  leidiger  Trost  und  ersetzt  das  stolze  Bewußtsein
  nicht,  einem  großen,  starken,  geachteten  und  gefürchteten
Dolke  anzugehören.  In  derselben  Weise  tröstet  auch  nur  der
Glaube  an  Deutschlands  Sukunft.  Ich  halte  ihn  so  fest  als  Sie,
diesen  Glauben.  Ja,  das  deutsche  Dolk  verspricht  eine  Sukunft
und  hat  eine  Sukunft.  Das  schicksal  der  Deutschen  ist,  mit
Uapoleon  zu  reden,  noch  nicht  erfüllt.  hätten  sie  keine  andere
Kufgabe  gehabt,  als  das  römische  Reich  zu  zerbrechen  und  eine
neue  Welt  zu  schaffen  und  zu  ordnen,  sie  würden  längst  zu-338

