Mannes,  der  noch  im  Zugenblicke  der  höchsten  Gefahr  nicht
aufhören  kann,  den  Krieg  als  einen  Gegenstand  wissenschaftlicher
  Kritik  zu  behandeln,  und  der  vier  Meilen  vor  Haris
gerade  in  eben  dem  Tone  wie  vier  Meilen  vor  Moskau,  und
wie  er  es  bei  einem  Manöver  auf  dem  Exerzierplatz  tun  könnte,
seinen  Offizieren  ihre  Fehler  vorhält  oder  ihre  Geschicklichkeit
rühmt,  als  wenn  dieses  allein  der  Sweck  des  Kampfes  gewesen
  sei!

Uur  wenige  unserer  Seit  bemerken  solche  Süge;  und
die,  welche  sie  noch  bemerken,  meinen  dann  höchstens:  „das
seien  alles  nur  Kunstgriffe  und  #ffektation,  um  die  Welt
zu  betrügen.“  —  Selbst  als  Zffektation  wäre  es  nicht  ganz
zu  verachten;  ich  glaube  aber  mit  Suverlässigkeit  zu  wissen.,
daß  es  Wahrheit  und  Realität  ist  —  dieser  Mensch  hat  sein
ganzes  Leben  hindurch  nichts  als  ein  großes  militärisches  Spiel
mit  den  Franzosen,  mit  ganz  Europa,  mit  sich  selbst  und
seinem  eigenen  Schicksale  getrieben.  Er  bleibt  sich  auf  dem
Eipfel  des  Glückes  und  am  Rande  des  Kbgrundes  gleich.
Die  Sprache,  die  er  führt,  ist  nicht  die  eines  Uero,  aber
auch  nicht  die  eines  äsar.  Jene  seltsame  Welterscheinung,
die  wir  Bonaparte  nennen,  kann  nur  mit  ihrem  eigenen
Maßstabe  gemessen  werden.

Don  diesen  psychologischen  Betrachtungen  gehe  ich  aber
zu  einem  wichtigen  historischen  Standpunkte  über.  Die  Quelle
aller  großen  Irrtümer  und  folglich  aller  großen  Leiden  unserer
  Seit  war,  daß  man  Uapoleon  durchgängig  entweder
für  einen  halbgott  oder  für  ein  Ungeheuer,  oder  allenfalls
für  beides  zugleich  hielt.  Daher  ist  man  bis  auf  den  heutigen
  Tag  in  Ansehung  seiner  stets  in  den  beiden  Extremen
gewesen.  Entweder  sich  ohne  Widerstand  von  ihm  erdrücken
zu  lassen  oder  mit  nichts  geringerem  als  seinem  gänzlichen
Untergange  zufrieden  zu  sein.  Früher  meinten  viele  (wie
Romanzow,  der  Naiser  Klexander  usw.  usw.),  wenn  ein  so
außerordentliches  Genie  in  der  Welt  auftrete,  müsse  alles
ruhig  den  Uacken  beugen;  heute  ist  „der  Tod  des  Ungeheuers“
die  allgemeine  Losung.  Dies  alles  finde  ich  ganz  natürlich.
Die  Frage:  ob  man  mit  Uapoleon  politisch  leben,  auf  dem

25  Die  Befreiung.  385